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Charles Dickens: Nikolas Nickleby - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleNikolas Nickleby
publisherVerlagsgruppe Weltbild GmbH
year2004
isbn3-933497-99-X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060621
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Charles Dickens

Nikolas Nickleby


1. Kapitel

Das alle übrigen einleitet

In einem entlegenen Teil der Grafschaft Devonshire lebte einst ein braver Mann namens Gottfried Nickleby, der sich ziemlich spät noch in den Kopf gesetzt hatte zu heiraten. Da er aber weder jung noch begütert war und daher nicht auf die Hand einer vermögenden Dame rechnen durfte, so verehelichte er sich lediglich aus Zuneigung mit einer alten Flamme, die ihn ihrerseits aus demselben Grunde nahm – so wie etwa zwei Leutchen, die es sich nicht leisten können, um Geld Karten zu spielen, einander hin und wieder den Gefallen erweisen, mitsammen eine Partie »umsonst« zu machen.

Die Flitterwochen waren bald vorüber, und da Mr. Nicklebys jährliches Einkommen achtzig Pfund nicht überstieg, blickte das Ehepaar sehnsüchtig in die Zukunft und verließ sich in nicht geringem Maß auf den Zufall, der ihnen aufhelfen sollte. Es gibt, der Himmel weiß, Menschen genug auf der Welt; und sogar in London, wo Mr. Nickleby in jenen Tagen wohnte, hört man nur wenig klagen, daß die Bevölkerung zu spärlich gesäet sei. Dabei aber – du lieber Gott – kann man lange suchen, bis man einen Freund entdeckt.

Mr. Nickleby spähte und spähte, bis ihn die Lider nicht weniger schmerzten als das Herz, aber nirgends wollte sich ein solcher blicken lassen. Wenn er dann die vom Ausschauen ermüdeten Augen seinem eigenen Herde zuwandte, so zeigte sich auch dort gar wenig, wo sie hätten ausruhen können.

Als schließlich Mrs. Nickleby nach fünf Jahren ihren Gatten mit ein paar Jungen beglückte, fühlte der tief gedrückte Mann die Notwendigkeit, für seine Familie zu sorgen, immer mehr und mehr, und er war bereits nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluß gekommen, sich am nächsten Quartal in eine Lebensversicherung einzukaufen und dann ganz zufällig von irgendeinem Monument oder Turm herunterzufallen, als eines Morgens ein schwarzgesiegelter Brief mit der Nachricht anlangte, Mr. Ralph Nickleby, sein Oheim, sei gestorben und habe ihm sein ganzes kleines Vermögen von ungefähr fünftausend Pfund Sterling hinterlassen.

Da der Selige bei Lebzeiten keine weitere Notiz von seinem Neffen genommen, als daß er dessen ältestem Knaben, der infolge einer verzweifelten Spekulation den Namen seines Großonkels in der Taufe erhalten hatte, einen silbernen Löffel in einem Maroquinfutteral schickte – was, da dieser nicht allzuviel damit zu essen hatte, fast wie eine Satire darauf aussah, daß das Kind nicht mit einem solchen nützlichen Artikel im Munde auf die Welt gekommen war –, so wollte Mr. Gottfried Nickleby im Anfang die freudige Botschaft kaum glauben. Bei weiterer Prüfung stellte sich jedoch heraus, daß sich die Sache wirklich so verhielt. Der wackere alte Herr hatte, wie es schien, zuerst beabsichtigt, seine ganze Habe dem allgemeinen Rettungsverein zu hinterlassen, und zu diesem Zwecke auch bereits ein Testament aufgesetzt. Aber dieser Verein hatte einige Monate vorher das Pech gehabt, das Leben eines armen Verwandten Mr. Nicklebys zu retten, dem dieser wöchentlich ein Almosen von sechs Schillingen und drei Pence auszahlte. Deshalb widerrief Mr. Ralph Nickleby in höchst gerechter Entrüstung das Vermächtnis durch ein Kodizil und setzte seinen Neffen Gottfried zum Universalerben ein, um dadurch seinen Unwillen sowohl gegen die Gesellschaft, die das Leben des armen Verwandten gerettet, als auch gegen den armen Verwandten selbst, der es sich hatte retten lassen, auszudrücken.

Mit einem Teile dieser Erbschaft kaufte Gottfried Nickleby ein kleines Landgut unweit Dawlish in Devonshire und zog sich dorthin mit seiner Gattin und seinen zwei Kindern zurück, um von dem spärlichen Ertrage des Gütchens und den Interessen des ihm noch übrig bleibenden Kapitals zu leben. Als er nach fünfzehn Jahren, etwa fünf Jahre nach dem Tode seiner Gattin, starb, hinterließ er seinem ältesten Sohne Ralph dreitausend Pfund in barem Gelde und dem Jüngeren, Nikolas, tausend Pfund und das Landgut – wenn man anders ein Stück Feld ein Landgut nennen kann, das mit Ausnahme des Hauses und des eingeheckten Grasgartens keinen größeren Umfang hatte als der Russelplatz von Covent Garden.

Die zwei Brüder waren mitsammen in einer Schule in Exeter erzogen worden und hatten, da sie gewöhnlich wöchentlich einmal einen Besuch zu Hause machten, von ihrer Mutter oft lange Erzählungen über die Leiden ihres Vaters in den Tagen seiner Armut und die Wichtigkeit ihres verblichenen Onkels in den Tagen seines Wohlstandes mit angehört – Erzählungen, die auf die beiden Knaben einen sehr verschiedenen Eindruck hervorbrachten, denn während der jüngere, dessen Charakter schüchtern und begnügsam war, nur Winke darin sah, das Getriebe der Welt zu meiden und sein Glück in der Ruhe des Landlebens zu suchen, schöpfte Ralph, der ältere, die zwei großen Lehren daraus, daß Reichtum die einzige Quelle von Glück und Ansehen sei und daß er zur Erwerbung desselben alle Mittel anwenden dürfe, sofern sie nicht durch das Gesetz mit Todesstrafe bedroht wären. »Wenn meines Onkels Geld auch keinen Nutzen brachte, solange er lebte«, folgerte Ralph weiter, »so kam es doch nach seinem Tode meinem Vater zugute, der jetzt den höchst lobenswerten Vorsatz hat, es für mich aufzusparen. Und was den alten Herrn anbelangt, so fand dieser doch auch seinen Genuß darin, sich sein Lebtag lang bewußt zu sein, daß ihn seine Familie deshalb beneide und in Ehren halte.« So kam Ralph immer bei derartigen Selbstgesprächen zu dem Schluß, daß auf der ganzen Welt nichts dem Gelde gleichkomme.

Doch schon in frühen Jahren beschränkte sich der hoffnungsvolle Knabe nicht auf Theorien und rein abstrakte Spekulationen, sondern eröffnete bereits in der Schule ein kleines Wuchergeschäft, indem er zuerst Schieferstifte und Marmeln auf gute Zinsen auslieh und dann allmählich auf Kupfermünzen überging. Er quälte aber dabei seine Schuldner nicht etwa mit umständlichen und verwickelten Zinseszinsberechnungen. Sein Satz: »Zwei Pence für jeden Halfpenny« vereinfachte das Verfahren außerordentlich.

In gleicher Weise vermied der junge Ralph Nickleby alle umständlichen und verwickelten Berechnungen der einzelnen Tage – mit denen man, wie jeder weiß, der schon damit zu tun gehabt, selbst bei dem einfachsten Zinsfuße seine liebe Not hat –, indem er als allgemeine Regel feststellte, daß Kapital nebst Interessen immer am Taschengeldtage, das heißt am Samstag, zurückzuzahlen seien, wobei es sich gleich blieb, ob die Schuld am Montag oder am Freitag kontrahiert worden war. Er folgerte nämlich, und nicht mit Unrecht, daß die Zinsen eigentlich für einen Tag höher sein sollten als für fünf, da man annehmen könne, daß in ersterem Falle dem Borger aus einer besonders großen Verlegenheit geholfen werde, weil dieser sonst gewiß nicht unter solch drückenden Bedingungen Geld würde aufgenommen haben.

Nach dem Tode seines Vaters widmete sich Ralph Nickleby, der kurz zuvor in einem Londoner Handlungshaus untergebracht worden, seinem alten Hange, Geld zu erwerben, mit einer solchen Leidenschaft, daß er darüber seinen Bruder viele Jahre lang ganz und gar vergaß. Wenn auch hin und wieder ein Rückerinnern an seinen lieben alten Spielgefährten durch den Nebel, in dem er lebte, brach – denn das Geld umhüllt den Menschen mit einem Nebel, der auf die Gefühle der Jugendzeit weit zerstörender wirkt und einschläfernder als Kohlengas –, so tauchte damit doch immer zugleich der Gedanke auf, jener werde vielleicht, falls das gegenseitige Verhältnis inniger wäre, Geld von ihm borgen wollen. Daher schüttelte Mr. Ralph Nickleby dann jedesmal die Achsel und sagte: Es ist besser so, wie es ist.

Nikolas seinerseits lebte als Junggeselle auf seinem Erbgute, bis er, der Einsamkeit müde, die Tochter eines Nachbars mit einer Mitgift von tausend Pfund zum Weibe nahm. Die gute Dame gebar ihm zwei Kinder: einen Sohn und eine Tochter, und als der Sohn ungefähr neunzehn Jahre und die Tochter etwa vierzehn zählte, sah sich Mr. Nickleby nach Mitteln um, sein Kapital wieder zu vergrößern, das durch den Zuwachs seiner Familie und die Kosten der Erziehung der Kinder sehr zusammengeschmolzen war.

»Spekuliere damit!« meinte Mrs. Nickleby.

»Spekulieren, mein Schatz?« entgegnete Mr. Nickleby bedenklich.

»Warum denn nicht?«

»Weil wir nichts mehr zu leben hätten, wenn wir es verlören«, antwortete Mr. Nickleby in seiner gewohnten bedächtigen Weise.

»Pah«, erwiderte Mrs. Nickleby.

»Man könnte es ja immerhin überlegen, meine Liebe«, meinte Mr. Nickleby.

»Nikolas ist schon ziemlich herangewachsen«, drängte die Gattin, »und es ist Zeit, daß er sich für einen Beruf entscheidet. Und was soll aus unserem Käthchen, dem armen Kind, werden, wenn wir ihr keinen Heller mitgeben können? Denk an deinen Bruder. Würde er das sein, was er ist, wenn er nicht spekuliert hätte?«

»Das ist freilich wahr«, gab Mr. Nickleby zu. »Also gut, meine Liebe. Ich werde spekulieren.«

Spekulieren ist ein Hazardspiel. Die Spieler sehen am Anfang wenig oder gar nichts von ihren Karten, und der Gewinn kann groß sein, aber ebenso auch der Verlust.

Das Glück war gegen Mr. Nickleby. Die allgemeine Spekulationswut warf sich damals gerade wie toll auf eine bestimmte Aktienunternehmung; die Seifenblase barst, vier Faiseure kauften sich Landgüter in Florenz und vierhundert arme Schlucker, darunter auch Mr. Nickleby, waren – ruiniert.

»Das Haus, in dem ich wohne«, seufzte der unglückliche Spekulant, »kann mir morgen genommen werden. Kein Stück unserer alten Möbel bleibt uns. Alles wird an Fremde versteigert werden!«

Und dieser letzte Gedanke war ihm so schmerzlich, daß er sich in sein Bett legte, augenscheinlich fest entschlossen, wenigstens dieses in keinem Falle aufzugeben.

»Kopf hoch, Sir!« riet der Arzt.

»Sie müssen sich nicht so niederdrücken lassen, Sir«, sagte die Krankenwärterin.

»Solche Dinge kommen alle Tag vor«, meinte der Advokat.

»Und es ist eine große Sünde, sich dagegen aufzulehnen«, ermahnte der Pfarrer.

»Ein Mann, der seine Familie hat, sollte so etwas nie tun«, fügten die Nachbarn hinzu.

Mr. Nickleby aber schüttelte nur den Kopf dazu, bedeutete allen, das Zimmer zu verlassen, umarmte sein Weib und seine Kinder, drückte sie an das immer matter pochende Herz und sank dann erschöpft auf sein Kissen zurück. Bald sah die Familie zu ihrer großen Bestürzung, daß er irre zu reden begann, denn er sprach lange von der Großmut und der Güte seines Bruders und den schönen Tagen, die sie miteinander auf der Schule zugebracht hatten. Als der Anfall vorüber war, empfahl er sie feierlich dem Einen, der nie der Witwen und Waisen vergißt, lächelte matt, richtete das Gesicht zur Zimmerdecke empor und sagte, er glaube jetzt einschlummern zu können.

2. Kapitel

Handelt von Mr. Ralph Nickleby, seinen Geschäften und Unternehmungen. Ferner von einer großen Aktiengesellschaft, die für das ganze Land von größter Bedeutung ist

Mr. Ralph Nickleby war im eigentlichen Sinne des Wortes weder Kaufmann noch Bankier noch Sensal noch Notar. Man hätte überhaupt seinen Beruf nicht leicht bestimmen können. Nichtsdestoweniger ließ sich aus dem Umstande, daß er in einem geräumigen Hause in Golden Square wohnte mit einer Messingplatte an der Eingangstüre, die die Aufschrift »Bureau« trug, entnehmen, daß er irgendein Geschäft betrieb oder zu betreiben vorgab. Die weitere Tatsache, daß zwischen halb zehn und fünf Uhr täglich ein Mann mit einem aschfahlen Gesicht und rostbraunem Anzug anwesend war, in einem speisekammerähnlichen Gemach am Ende des Hausflurs auf einem ungewöhnlich harten Stuhl saß – und stets eine Feder hinter dem Ohr hatte, wenn er auf den Ruf der Klingel die Haustüre öffnete, schien das zu bestätigen.

Golden Square liegt ziemlich abgelegen. Es hat seine Glanzzeit hinter sich und gehört nur mehr unter die herabgekommenen Plätze, so daß nur wenige Geschäftsleute hier ihren Aufenthaltsort wählen. Die Wohnungen werden meistens vermietet und die ersten und zweiten Stockwerke gewöhnlich möbliert an ledige Herren abgegeben, die zugleich auch im Hause einen Kosttisch finden. Es ist vorzugsweise der Zufluchtsort der Fremden. Sonnverbrannte Männergestalten mit großen Ringen, schweren Uhrketten und buschigem Backenbart, wie sie sich zwischen vier und fünf nachmittags unter der Säulenhalle des Opernhauses versammeln, sobald geöffnet wird, um die Logenbilletts auszugeben, leben in Golden Square oder dessen Nähe. Einige Violinisten und ein Trompeter der Opernkapelle haben hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen. In den Kosthäusern wird unaufhörlich musiziert, und die Töne der Klaviere und Harfen beleben die Abendstunden. In Sommernächten kann man aus den offenen Fenstern Gruppen von dunklen, schnurrbärtigen Gesichtern sehen, die fürchterliche Rauchwolken von sich blasen; und der Geruch aller möglichen Sorten von Tabak durchduftet die Luft.

Dem Anscheine nach eignet sich ein derartiger Platz nicht besonders für einen Geschäftsmann, aber Mr. Ralph Nickleby wohnte bereits seit vielen Jahren hier, ohne daß man je eine Klage von ihm gehört hätte. Er kannte niemand in der ganzen Umgebung, und niemand kannte ihn, obgleich er in dem Rufe eines unermeßlich reichen Mannes stand. Die Handwerker und Kaufleute hielten ihn für eine Art von Rechtsgelehrten, und die übrigen Nachbarn meinten, er wäre Generalagent oder etwas dergleichen. Aber alle diese Vermutungen stimmten so wenig wie Mutmaßungen über anderer Leute Angelegenheiten meistens.

Mr. Ralph Nickleby saß eines Morgens, zum Ausgehen angekleidet, in seinem Bureau. Er trug einen flaschengrünen Spencer über einem blauen Leibrock, eine weiße Weste, graumelierte Beinkleider und Stulpenstiefel. Der Zipfel eines schmalgefältelten Busenstreifs drängte sich, als ob er sich mit Gewalt sehen lassen wollte, zwischen dem Kinn und dem obersten Knopf der Weste hervor, während der Spencer nicht weit genug schloß, um eine lange, aus einer Reihe von einfachen goldenen Ringen bestehende Uhrkette zu verbergen, die an einer goldenen Repetieruhr in Mr. Nicklebys Tasche entsprang und in zwei Schlüssel endigte, von denen der eine zur Uhr selbst, der andere offenbar zu irgendeinem Patentvorlegeschloß gehörte. Mr. Nickleby trug das Haar gepudert, als wünsche er, sich dadurch ein menschenfreundlich wohlwollendes Aussehen zu geben. Wenn er dies aber wirklich beabsichtigte, so hätte er vor allem auch sein Gesicht pudern müssen, in dessen Falten, wie nicht minder in den kalten unsteten Augen, beständige Arglist lauerte.

Mr. Nickleby schlug ein vor ihm liegendes Kontobuch zu, warf sich in seinem Stuhl zurück und blickte mit zerstreuter Miene durch die glanzlosen Fensterscheiben. Häuser wie das seine pflegen in London einen trübseligen kleinen Hofraum zu haben, der gewöhnlich durch vier hohe weißgetünchte Mauern eingeschlossen ist und auf den die Schornsteine zürnend herabblicken. Auf solchen Erdflecken welkt alle Jahre ein verkümmerter Baum, der im Spätherbst, wenn andere Bäume ihre Blätter verlieren, so tut, als wenn er etwas Laub hervorbringen wollte, gar bald aber wieder von seiner Anstrengung abläßt, um bis zum nächsten Sommer dürr dazustehen, wo er dann den gleichen Prozeß wiederholt und vielleicht, wenn das Wetter besonders günstig ist, irgendeinen rheumatischen Sperling in Versuchung führt, auf seinen Zweigen zu zirpen. Man nennt diese dunklen Höfe bisweilen Gärten. Der Mieter wirft gewöhnlich gleich bei seinem Einzug einige Packkörbe und ein halbes Dutzend zerbrochene Gläser hinein, und da bleibt dann alles, bis wieder ausgezogen wird, liegen, um unter dem spärlichen Buchsbaum, dem verkümmerten Immerbraun und den zerbrochenen Blumentöpfen in Schmutz und Kot nach Belieben zu modern. In einen derartigen Raum schaute Mr. Ralph Nickleby hinaus, als er, die Hände in den Taschen, durch das Fenster sah. Die Aussicht hatte gerade nichts Einladendes, aber Mr. Nickleby war in düstere Gedanken verloren, und seine Augen wanderten schließlich zu einem kleinen schmutzigen Fenster linker Hand, durch das das Gesicht des Schreibers nur undeutlich sichtbar war, und da der Mann gerade aufblickte, so winkte er ihm einzutreten. Sofort erhob sich der Schreiber von seinem hohen Sessel, der von dem ewigen Aufundabrutschen wie poliert aussah, und erschien in Mr. Nicklebys Zimmer. Er war ein großer Mann in mittleren Jahren mit ein Paar Glotzaugen, von denen das eine unbeweglich war, einer Karfunkelnase, einem leichenfahlen Gesicht und einem Anzug, der aufs äußerste abgetragen, viel zu kurz und zu knapp und mit so wenig Knöpfen versehen war, daß man sich wundern mußte, wie es ihm gelang, seinem Eigentümer nicht vom Leibe zu fallen.

»War das halb ein Uhr, Noggs?« fragte Mr. Nickleby mit scharfer, unangenehmer Stimme.

»Nicht mehr als fünfundzwanzig Minuten nach der ...« Noggs wollte sagen, »nach der Wirtshausuhr«, besann sich jedoch rechtzeitig und ergänzte: »... nach der Sonne.«

»Meine Uhr ist stehengeblieben«, sagte Mr. Nickleby, »kann mir nicht erklären, warum.«

»Nicht aufgezogen«, meinte Noggs.

»Doch, doch«, versetzte Mr. Nickleby.

»Vielleicht die Feder überdreht.«

»Kann nicht gut sein.«

»Muß wohl«, beharrte Noggs.

»Na, meinetwegen«, sagte Mr. Nickleby und steckte seine Repetieruhr wieder in die Tasche. »Vielleicht ist's so.«

Noggs gab einen eigentümlich grunzenden Ton von sich, wie er es gewöhnlich am Schlusse eines jeden Wortwechsels mit seinem Herrn zu tun pflegte, um dadurch anzudeuten, daß er recht behalten habe, und versank, da er selten zu sprechen wagte, ohne gefragt zu sein, in ein grämliches Schweigen, wobei er sich langsam die Hände rieb, an den Fingern knackte und sie auf jede mögliche Art verrenkte. Dabei gab er seinem gesunden Auge denselben starren und ungewöhnlichen Ausdruck, den das andere besaß, so daß es unmöglich war, zu erkennen, wohin er eigentlich blicke. Es war dies eine von den zahlreichen Eigentümlichkeiten Mr. Noggs', die jedem, selbst dem gleichgültigsten Beobachter, auf den ersten Blick auffallen mußte.

»Ich will jetzt nach der London Tavern gehen«, sagte Mr. Nickleby.

»Öffentliche Versammlung?« fragte Noggs.

Mr. Nickleby nickte.

»Ich erwarte einen Brief von meinem Sachwalter betreffs Ruddles Pfandverschreibung. Wenn das Schreiben überhaupt eintrifft, so muß es um zwei Uhr hier sein. Ich werde um diese Zeit aus der City nach Charing Cross gehen. Wenn also Briefe kommen, so werden Sie mir sie entgegenbringen.«

Noggs nickte. In diesem Augenblick wurde die Bureauklingel gezogen. Mr. Nickleby blickte von seinen Papieren auf, und sein Schreiber blieb unbeweglich stehen.

»Man hat geläutet«, sagte Noggs, als halte er es für nötig, seinen Gebieter darauf aufmerksam zu machen. »Zu Hause?«

»Ja.«

»Für jedermann?«

»Ja.«

»Auch für den Steuereinnehmer?«

»Nein. Er soll ein andermal wiederkommen.«

Noggs ließ sein gewohntes Grunzen hören, was soviel bedeuten sollte wie »ich dachte es ja«, und ging, da sich das Läuten wiederholte, zur Türe. Bald darauf kehrte er mit einem blassen Herrn namens Bonney zurück, der, eine schmale weiße Halsbinde nachlässig umgebunden, mit wirrem Haar hastig und unruhig ins Zimmer trat und überhaupt ganz so aussah, als habe man ihn in der Nacht aus den Federn geholt, ohne daß er sich zum Ankleiden hätte Zeit nehmen können.

»Mein lieber Nickleby«, rief der Herr, seinen weißen Hut abnehmend, der mit Papieren so voll gepfropft war, daß es ein Wunder schien, wie er ihn hatte auf dem Kopf tragen können, »es ist kein Augenblick zu verlieren, ich habe einen Wagen vor der Türe. Sir Matthew Pupker übernimmt den Vorsitz, und auf drei Parlamentsmitglieder können wir mit Bestimmtheit rechnen. Ich habe selbst zwei von ihnen aus den Betten geholt, und der dritte, der die ganze Nacht durch im Crockfordklub am Spieltisch gesessen hat, ist eben nach Hause gegangen, um seine Wäsche zu wechseln und ein paar Flaschen Sodawasser zu trinken. Er wird aber zur rechten Zeit dort sein, um vor der Versammlung seine Rede zu halten. Die durchwachte Nacht hat ihn zwar ein wenig hergenommen, aber das hat nichts zu sagen, er pflegt in solchen Fällen mit besonderem Nachdruck zu reden.«

»Es scheint also alles gutgehen zu wollen?« versetzte Mr. Ralph Nickleby, dessen Kaltblütigkeit in scharfem Gegensatz zu der Lebhaftigkeit seines Geschäftsfreundes stand.

»Gutgehen?« rief Mr. Bonney. »Es ist die feinste Idee, die je ausgeheckt worden ist. Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktliche Ablieferungsgesellschaft. Kapital fünf Millionen mit fünfmalhunderttausend Aktien à zehn Pfund. Ha, schon der Name wird machen, daß die Aktien in zehn Tagen über Pari stehen.«

»Und wenn's soweit ist?« entgegnete Mr. Ralph Nickleby lächelnd.

»Wenn's soweit ist, so wissen Sie so gut wie irgendeiner, was dann zu geschehen hat und wie man sich beizeiten ruhig aus der Affäre ziehen kann«, versetzte Mr. Bonney und klopfte dem Geldmann vertraulich auf die Schulter. »Apropos, Sie haben da einen seltsamen Menschen zum Schreiber.«

»Hm, ein armer Teufel«, brummte Ralph und zog seine Handschuhe an. »Und doch hat Newman Noggs seinerzeit Pferde und Hunde gehalten.«

»Was Sie nicht sagen«, warf der andere gleichgültig hin.

»Ja, ja. Und zwar vor nicht allzu langer Zeit. Aber er hat sein Geld durchgebracht. Legte es leichtsinnig an, borgte auf Zinsen und wurde, mit einem Wort, in kurzer Zeit zum Bettler. Er ergab sich dem Trunk, wurde vom Schlag gerührt und kam dann zu mir, um mich um ein Pfund anzupumpen. Und da ich, als er noch in besseren Verhältnissen war ...«

»In Geschäftsverbindung mit ihm stand«, ergänzte Mr. Bonney mit einem bedeutsamen Blick.

»Ganz recht. So konnte ich ihm natürlich nichts leihen.«

»Natürlich nicht.«

»Aber ich brauchte gerade einen Schreiber und Bedienten zum Türeöffnen usw. und nahm ihn deshalb aus Barmherzigkeit auf. Und seitdem ist er hier. Ich glaube zwar, daß es in seinem Kopf nicht ganz richtig ist«, fügte Mr. Nickleby mit einem Blick, der mitleidig sein sollte, hinzu, »aber ich kann den armen Kerl zur Not schon gebrauchen.«

Der weichherzige Mr. Nickleby vergaß hinzuzusetzen, daß der gänzlich mittellose Newman Noggs einen geringeren Lohn bezog, als ihn etwa ein dreizehnjähriger Knabe bekommen haben würde, und daß die außergewöhnliche Schweigsamkeit des Mannes ihn zu einem sehr wertvollen Diener an einem Orte machte, wo soviel Geschäfte abgewickelt wurden, an deren Geheimhaltung Ralph außerordentlich viel liegen mußte. Die beiden Herren hatten indes große Eile, brachen daher ihr Gespräch ab und verfügten sich zu der bereitstehenden Droschke. Als sie in der Bishopsgate Street anlangten, herrschte dort ein sehr bewegtes Treiben. Es war ein sehr windiger Tag, und ein halbes Dutzend Männer durchzogen die Straßen mit ungeheuern Ankündigungen, auf denen in riesigen Buchstaben zu lesen war, daß Punkt ein Uhr eine öffentliche Versammlung stattfinden werde, um die Zweckmäßigkeit einer Petition an das Parlament hinsichtlich der »Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft« zu erörtern, deren Kapital auf fünf Millionen zu fünfmalhunderttausend Aktien à zehn Pfund veranschlagt sei. Die genannten Zahlen waren, wie es sich gehört, in gewaltigen schwarzen Ziffern auf den Plakaten verzeichnet.

Mr. Bonney brach sich unter den tiefen Bücklingen der Diener, die ihm die Treppe freimachten, mit den Ellenbogen Bahn und betrat mit Mr. Nickleby eine Reihe von Komiteezimmern, in deren zweitem sich ein für eine Sitzung hergerichteter Tisch befand, um den mehrere geschäftsmäßig aussehende Personen versammelt waren.

»Hört, hört!« rief ein Herr mit einem Doppelkinn, als sich Mr. Bonney vorstellte. »Einen Stuhl, meine Herren, einen Stuhl!«

Die neuen Ankömmlinge wurden mit allgemeinem Beifall begrüßt, Mr. Bonney trat rasch an das Ende des Tisches, nahm seinen Hut ab, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und schlug mit einem kleinen Hammer kräftig auf den Tisch, worauf mehrere Herren »Hört!« riefen und sich gegenseitig zunickten, als wollten sie ihre Bewunderung über dieses geistvolle Benehmen ausdrücken. In diesem Augenblick riß ein Diener in fieberhafter Erregung die Tür auf, stürzte herein und schrie: »Sir Matthew Pupker.«

Das Komitee stand auf und klatschte vor Freude in die Hände. Gleich darauf trat Sir Matthew Pupker ein, begleitet von zwei Parlamentsmitgliedern in Lebensgröße, einem irischen und einem schottischen. Alle drei lächelten, verbeugten sich und benahmen sich so obligeant, daß es ein wahres Wunder gewesen wäre, wenn jemand den Mut gehabt hätte, gegen sie seine Stimme zu erheben. Besonders Sir Matthew Pupker, der auf dem Scheitel seines kleinen runden Kopfes ein Flachstoupet trug, war von einem solchen Verbeugungsparoxismus befallen, daß ihm die Perücke jeden Augenblick herunterzufliegen drohte. Als sich diese bedrohlichen Symptome einigermaßen gelegt hatten, drängten sich die Herren, die mit Sir Matthew Pupker und den Parlamentsmitgliedern näher bekannt waren, in kleinen Gruppen um sie, während diejenigen, die sich einer solchen Ehre nicht zu erfreuen hatten, sich sehnsüchtig heranschlichen und sich lächelnd die Hände rieben in der Hoffnung, etwas anbringen zu können, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken könnte. Inzwischen gaben Sir Matthew Pupker und die beiden anderen Parlamentsmitglieder die Ansichten zum besten, die die Regierung hinsichtlich der Annahme der Bill hege, berichteten ausführlich, was ihnen die Minister, als sie das letztemal bei ihnen gespeist, zugeflüstert und welche bedeutungsvolle Winke sie dabei hätten fallenlassen. Aus all dem könnten sie nur die Folgerung ziehen, daß, wenn der Regierung irgendein Thema besonders am Herzen läge, dieses kein anderes sein könne als das Gedeihen der »Allgemeinen, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft«.

Das Publikum hatte inzwischen auf den Galerien lebhafte Ungeduld an den Tag gelegt, und es war bereits zu einigen Scharmützeln gekommen, als plötzlich ein lauter Ruf die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Durch eine Nebentür trat jetzt eine lange Reihe von Herren mit entblößtem Häuptern auf die Tribüne.

Der Lärm verstummte, und Sir Matthew Pupker übernahm den Vorsitz. In schwungvoller Rede gab er kund, welche Gefühle ihn im gegenwärtigen Augenblick bewegten, was der gegebene Zeitpunkt in den Augen der Welt bedeute und welch wichtigen Einfluß auf den Wohlstand, das Glück, die Bequemlichkeit, die Freiheit und sogar auf die ganze Existenz eines freien und großen Volkes ein Institut üben müsse wie das der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Lieferungs-Gesellschaft.

Sodann stand Mr. Bonney auf, um die erste Resolution zu beantragen, fuhr sich mit der Rechten durch die Haare, pflanzte die Linke zierlich in die Hüfte, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herrn mit dem Doppelkinn an, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereithielt, und erklärte, daß die anwesende Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft blicken könne, daß die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig beschaffen seien, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten und daß überhaupt das ganze Semmelsystem ebenso nachteilig für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes wie verderblich für die höchsten Interessen einer Großstadt wäre. Die Rede des ehrenwerten Herrn entlockte den zuhörenden Damen reichlich Tränen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen. Er hatte, wie er sagte, die Wohnungen der Armen in den verschiedenen Distrikten Londons besucht und auch nicht die mindesten Spuren von Semmeln daselbst aufgefunden, weshalb er sich zur Annahme berechtigt glaube, daß so mancher Bedürftige jahraus, jahrein keine solchen zu kosten bekäme. Er hätte ferner bemerkt, daß unter den Semmelverkäufern Hang zu Trunksucht und Ausschweifungen aller Art herrschte, was er der entsittlichenden Natur ihres Geschäftes bei dem gegenwärtigen Betrieb zuschreibe. Dieselben Laster habe er unter der ärmeren Klasse des Volkes, die doch auch am Semmelkonsum teilnehmen sollte, entdeckt und er glaube den Grund dazu in der Verzweiflung zu finden, die diese Leute antreibe, ein schädliches Reizmittel in berauschenden Getränken zu suchen, da sie nicht in der Lage seien, sich ein so ungemein kräftigendes Nahrungsmittel zu kaufen wie die Semmel. Er wolle es auf sich nehmen, vor einem Komitee des Unterhauses zu beweisen, daß eine geheime Verbindung bestehe, die den Preis der Semmel in die Höhe schraube und den Austrägern ein Monopol sichere, und er erkläre sich bereit, dies durch die eigenen Aussagen der Verkäufer vor den Schranken dieses Hauses zu beweisen. Er wolle auch dartun, daß diese Sorte Menschen sich durch geheime Worte und Zeichen miteinander verständige. Die Gesellschaft beabsichtige nun, diesem betrübenden Stand der Dinge abzuhelfen, indem sie erstlich beantrage, daß aller und jeder Privatsemmelverkauf bei schwerer Strafe verboten werde, und zweitens, daß sie selbst das Publikum ausschließlich mit dieser Ware versehen wolle, und zwar so, daß auch die Armen in ihren eigenen Häusern mit Semmeln von vorzüglicher Güte zu herabgesetzten Preisen versorgt werden könnten. Der patriotische Präsident dieser Gesellschaft, Sir Matthew Pupker, habe bereits eine Bill im Parlament eingebracht, zu deren Unterstützung das gegenwärtige Meeting einberufen worden sei. Und wer diese Bill unterstütze, helfe mit, unsterblichen Ruhm und Glanz über England zu bringen durch Förderung der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Lieferungs-Gesellschaft mit einem Kapital von fünf Millionen zu fünfmalhunderttausend Aktien à zehn Pfund.

Mr. Ralph Nickleby unterstützte den Antrag, und nachdem ein anderer Herr den Zusatzantrag gestellt hatte, an jeder Stelle in dem Entwurfe an das Parlament, wo das Wort »Semmeln« vorkäme, auch das Wort »Kuchen« hinzuzufügen, ging die Resolution einstimmig durch. Nur ein einziger Mann im dichtesten Gedränge rief »Nein«, wurde aber sofort festgenommen und hinausgeführt.

Die zweite Resolution galt der Ausrottung aller Kuchen- und Semmelverkäufer, mochten sie nun Männer oder Weiber, Knaben oder Erwachsene sein, und wurde durch einen weinerlichen Herrn in einer Art Geistlichenhabit vorgebracht, der mit einem so ergreifenden Pathos sprach, daß er sogar den ersten Redner in Schatten stellte. Man hätte eine Stecknadel, ja sogar eine Feder fallen hören können, als er die Grausamkeit schilderte, mit der die Semmeljungen von ihren Herren behandelt würden – was, wie er hervorhob, an sich schon ein hinreichender Grund wäre, um die beantragte, nicht genug zu schätzende Gesellschaft ins Leben zu rufen. Die unglücklichen Jungen würden alle Nacht, selbst in der rauhesten Jahreszeit, auf die nassen Straßen hinausgestoßen, um stundenlang ohne Obdach, Nahrung und warme Bekleidung durch Finsternis und Regen, Hagel und Schnee umherzuwandern, während man die Semmeln fürsorglich in heiße Tücher einschlage. (Ausrufe: Schändlich.)

Die Wirkung der Rede auf die Zuhörer war durchschlagend. Die Männer riefen Beifall, und die Damen weinten ihre Taschentücher naß und schwenkten sie dann wieder trocken. Die allgemeine Aufregung war außerordentlich, und Mr. Nickleby flüsterte seinem Freunde zu, die Sache stehe so günstig, daß sie jetzt schon fünfundzwanzig Prozent Agio so gut wie sicher in der Tasche hätten.

Der Antrag ging natürlich unter lautem Beifall durch, und man würde in der Begeisterung wahrscheinlich nicht nur die Arme, sondern sogar die Beine in die Höhe gestreckt haben, wenn das angegangen wäre.

Sodann stand der Herr auf, der die ganze Nacht über im Spielklub zugebracht hatte und daher etwas hergenommen aussah, und erklärte seinen Mitbürgern, welche Glanzrede er zugunsten der Petition zu halten gedächte, wenn sie im Unterhaus zur Sprache käme, und mit welch grausamem Hohn er das Parlament überschütten wolle, wenn es diesem beifallen sollte, den Antrag zu verwerfen. Er bedaure nur, daß der hochgeschätzte Vorredner in den Entwurf nicht eine Klausel aufgenommen habe, nach der es allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft zur zwingenden Aufgabe gemacht sei, Semmeln und Kuchen zu kaufen, denn er sei kein Freund von halben Maßregeln und huldige dem Prinzip: Aut Caesar aut nihil.

Als die Petition endgültig verlesen war, ließ das irische Parlamentsmitglied, ein temperamentvoller junger Mann, eine Rede vom Stapel, wie sie eben nur ein irisches Parlamentsmitglied zu halten imstande ist. Sie war ganz Poesie und rauschte in einem solchen Glutstrom dahin, daß man sich schon erwärmt fühlte, wenn man den Sprecher nur ansah. Sie gipfelte darin, daß der Redner die Ausdehnung der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft auch für sein grünes Vaterland fordern werde, auf daß das Geläute der Semmelglocke dessen reiche Täler durchtöne.

Den Schluß machte das schottische Parlamentsmitglied mit verschiedenen erfreulichen Hinweisen auf die voraussichtliche Rentabilität des Unternehmens, was die frohe Stimmung, die der dichterische Schwung des Irländers geweckt hatte, noch erhöhte. Kurz, sämtliche Reden bewirkten gerade das, was sie erzielen sollten, und brachten den Zuhörern die felsenfeste Überzeugung bei, daß keine Spekulation so vielverheißend und risikolos wie die gegenwärtige sei.

So ging denn die Petition zugunsten der Bill einstimmig durch, und die Versammlung trennte sich unter Beifallsrufen. Mr. Nickleby und die anderen Direktoren verfügten sich nach einem Speisehaus, wo sie ein Lunch einnahmen und es, da die Gesellschaft ja erst im Entstehen war, mit nur je drei Guineen pro Kopf für ihre Bemühungen in Anrechnung brachten.

3. Kapitel

Mr. Ralph Nickleby erhält traurige Nachrichten von seinem Bruder, weiß sich aber mit edler Standhaftigkeit zu fassen. Der junge Nikolas gefällt seinem Onkel ausnehmend, und dieser faßt den edelmütigen Entschluß, für dessen Zukunft zu sorgen

Mr. Ralph Nickleby trat nach dem Mahle in ungewöhnlich guter Laune den Heimweg an. Als er bei der St.-Pauls-Kirche anlangte, trat er in einen Torweg, um seine Uhr zu richten, und wie er so den Schlüssel in der Hand und die Augen auf den Zeiger der Kirchturmuhr gerichtet dastand, trat plötzlich Newman Noggs an seine Seite.

»Ah, Newman«, sagte Mr. Nickleby aufblickend. »Das Schreiben wegen der Hypothek angelangt, was?«

»Falsch«, brummte Noggs.

»Was? Und es war auch niemand deshalb im Bureau?«

Noggs schüttelte den Kopf.

»Aber was ist denn also gekommen?«

»Ich«, entgegnete Newman.

»Und was sonst noch?«

»Dies da«, erwiderte Noggs und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche. »Poststempel Strand, schwarzes Siegel, schwarzer Rand, Frauenzimmerhand, C. N. in der Ecke.«

»Schwarzes Siegel?« fragte Mr. Nickleby mit einem Blick auf den Brief. »Die Schrift kommt mir bekannt vor. Es sollte mich nicht wundernehmen, Newman, wenn mein Bruder tot wäre.«

»Glaub's wohl«, versetzte Noggs ruhig.

»Wieso?«

»Na, weil Sie sich überhaupt über nichts wundern«, antwortete Newman.

Mr. Nickleby öffnete den Brief, las ihn mit steinerner Miene, steckte ihn dann in die Tasche und begann, wieder seine Uhr aufzuziehen.

»Es ist, wie ich erwartet habe, Newman«, sagte er dabei. »Er ist tot. Hm, kommt mir recht ungelegen. Ich hätt's nicht gedacht.«

»Kinder hinterlassen?« forschte Noggs.

»Zwei. Das ist's doch eben«, brummte Mr. Nickleby und ging schnell weiter.

»Zwei«, wiederholte Noggs mit leiser Stimme.

»Und auch eine Witwe. Alle drei sind jetzt in London. Hol sie der Henker. Alle drei hier, Newman!«

Noggs blieb ein wenig hinter seinem Gebieter zurück und schnitt merkwürdige Grimassen. Ob infolge von Krämpfen, eines Schmerzgefühls oder eines innerlichen Lachens, konnte niemand als er selbst sagen. Der Ausdruck des menschlichen Gesichtes ist sonst ein Spiegel der Seele, aber Newman Noggs' Züge blieben in allen Gemütsstimmungen ein unlösliches Rätsel.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte Mr. Nickleby nach einer Weile und warf dabei seinem Schreiber einen Blick zu wie einem Hund. Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Newman bereits über die Straße glitt und sich im Augenblick in dem Gedränge verlor.

»Hübsch ausgedacht«, brummte Mr. Nickleby im Weitergehen vor sich hin, »hübsch ausgedacht. Mein Bruder hat nie etwas für mich getan, und ich habe es auch nicht erwartet; aber kaum ist ihm der Atem ausgegangen, hält man sich an mich. Ich soll jetzt für ein stämmiges Weib, einen erwachsenen Jungen und ein dito Mädchen sorgen. Was gehen sie mich an? Ich kenne sie doch gar nicht.«

Unter solchen und ähnlichen Betrachtungen schlug Mr. Nickleby den Weg nach dem Strand ein, zog den Brief zu Rat, um hinsichtlich der Adresse nicht fehlzugehen, und machte schließlich vor der Türe eines Hauses ungefähr in der Mitte der sehr belebten Straße halt.

Es mußte hier ein Miniaturmaler wohnen, denn neben dem Tor war ein großer vergoldeter Rahmen festgeschraubt, auf dem sich auf schwarzem Samtgrunde zwei Porträts in Marineuniform nebst den dazugehörigen Teleskopen – das eines jungen Herrn in Scharlach, der einen Säbel schwang, und das eines Gelehrten mit hoher Stirne, einer Feder, einem Tintenfaß, sechs Büchern und einem Vorhang – befanden. Daneben sah man noch das ungemein ansprechende Bild einer jungen Dame, die in einem riesigen Wuste von Manuskripten las, und die liebenswürdige ganze Figur eines großköpfigen, kleinen Knaben mit Beinen, die perspektivisch zu der Größe von Salzlöffelchen verkürzt waren. Außer diesen Kunstwerken prangten noch viele Köpfe von alten Damen und Herren auf blauem und braunem Hintergrunde, die sich gegenseitig zulächelten – und eine zierlich geschriebene Preisliste mit gepreßtem Rand.

Mr. Nickleby warf einen verächtlichen Blick auf diese Armseligkeiten und klopfte mit Doppelschlägen an die Türe, bis ihm ein Dienstmädchen mit ungemein schmutzigem Gesicht öffnete.

»Ist Madam Nickleby zu Hause?« fragte Mr. Ralph ungeduldig.

»Sie heißt net Nickleby; Sie meinen vielleicht La Creevy?« antwortete das Mädchen und wollte sich eben näher auslassen, als eine weibliche Stimme von einer fast senkrechten Treppe herunter die Frage vernehmen ließ, zu wem der Herr wolle.

»Zu Mrs. Nickleby«, erwiderte Ralph.

»Das ist doch im zweiten Stock, Hanna«, fuhr dieselbe Stimme fort. »Was du doch für ein dummes Ding bist. Ist die Herrschaft im zweiten Stock zu Hause?«

»Es is eben jemand hinausgegangen, aber ich glaube, es war von der Dachstube, aus der man den Kehricht heruntergetragen hat«, versetzte das Mädchen.

»So sieh nach«, erwiderte das unsichtbare Frauenzimmer. »Zeig dem Herrn, wo die Klingel ist, und sage ihm, er dürfe nicht mit einem Doppelschlag klopfen, wenn sein Besuch im zweiten Stock gilt. Ich kann überhaupt das Klopfen nicht gestatten, wenn nicht die Klingel gebrochen ist, und dann muß es durch zwei einfache Schläge geschehen.«

»Schon gut«, sagte Mr. Ralph und trat ohne weiteres in das Haus. »Pardon, sind Sie Madame La – wie ist Ihr Name?«

»Creevy – La Creevy«, versetzte die Stimme, und zugleich tauchte ein gelber Kopfputz über dem Geländer auf.

»Ich möchte, wenn Sie erlauben, einen Augenblick mit Ihnen sprechen, Madam.«

Die Stimme ersuchte Mr. Nickleby heraufzukommen, doch dies war bereits geschehen, ehe sie noch ausgesprochen hatte, und als Mr. Ralph im ersten Stock anlangte, wurde er von der Besitzerin des gelben Kopfputzes empfangen, deren Kleid und Gesicht so ziemlich von derselben Farbe waren. Miss La Creevy war eine geziert aussehende jugendliche Dame von fünfzig Jahren, und ihr Zimmer bildete ein passendes Seitenstück zu dem vergoldeten Rahmen an der Türe. Nur daß hier die Kunstproduktion üppiger wucherte und der Raum selbst um ein beträchtliches schmutziger war.

»Ehüm«, begann Miss La Creevy, zimperlich hinter ihren seidenen Halbhandschuhen hüstelnd, »Sie wünschen wohl ein Miniaturporträt? Ihr Gesicht ist sehr markant, Sir. Sind Sie früher schon gesessen?«

»Sie sind, wie ich sehe, hinsichtlich meines Hierseins im Irrtum, Madam«, versetzte Mr. Nickleby in seiner gewohnten plumpen Weise. »Ich habe kein Geld übrig, um es für Miniaturbilder wegzuwerfen, Madame, und Gott sei Dank auch niemand, dem ich eines schenken könnte, im Fall ich welches besäße. Da ich Sie gerade auf der Treppe sah, so wollte ich Ihnen nur einige Fragen über die hier wohnenden Mieter vorlegen.«

Miss La Creevy hüstelte abermals, diesmal um ihre Enttäuschung zu verbergen, und sagte: »Ach so.«

»Ich vermute aus den an Ihre Magd gerichteten Worten«, fuhr Mr. Nickleby fort, »daß der zweite Stock Ihnen gehört, Madam?«

Miss La Creevy erwiderte, daß dem allerdings so sei, aber da sie die Zimmer des zweiten Stockes zur Zeit nicht brauche, so pflege sie sie zu vermieten. Und gegenwärtig seien sie an eine Dame vom Lande mit ihren beiden Kindern vergeben.

»An eine Witwe, Madam?«

»Ja, an eine Witwe.«

»Eine arme Witwe, Madam?« forschte Ralph mit starker Betonung des kleinen Beiworts, das so viel in sich begreift.

»Hm, allerdings, ich fürchte, sie ist arm«, versetzte Miss La Creevy.

»Ich kenne zufällig die näheren Umstände, Madam«, fuhr Ralph fort. »Mit einem Wort, ich bin ein Verwandter und möchte Ihnen raten, die Familie nicht länger zu behalten.«

»Wäre nicht zu hoffen«, entgegnete Miss La Creevy mit einem weiteren Husten, »daß, im Falle die Dame nicht imstande sein sollte, ihre Zahlungsverbindlichkeiten einzuhalten, ihre Familie ...«

»Nein, nein, Madam«, unterbrach Ralph hastig, »daran ist nicht im entferntesten zu denken.«

»Dann allerdings«, erwiderte Miss La Creevy, »erhält die Sache freilich ein ganz anderes Gesicht.«

»Richten Sie sich jedenfalls darnach, Madam«, sagte Ralph, »und treffen Sie demgemäß Ihre Vorkehrungen. Ich bin der einzige Verwandte, den die Familie hat, und halte es für meine Pflicht, Sie in Kenntnis zu setzen, daß ich ihre verschwenderische Lebensweise nicht unterstützen kann. Auf wie lange hat sie sich bei Ihnen eingemietet?«

»Es ist nur wochenweise gemietet worden, und Mrs. Nickleby hat für die ersten acht Tage vorausbezahlt.«

»Dann werden Sie gut tun, ihr sofort zu kündigen. Das beste ist, wenn sie wieder aufs Land zurückgeht. Hier ist sie nur jedermann im Wege.«

»Allerdings«, erwiderte Miss La Creevy, sich die Hände reibend, »wäre es sehr unpassend für eine Dame wie Mrs. Nickleby, wenn sie Zimmer mieten würde, ohne die Mittel zu besitzen, sie auch zu bezahlen.«

»Natürlich, natürlich, Madam«, bekräftigte Ralph.

»Und da ich vorderhand, hm, nur eine einzeln lebende schutzlose Dame bin«, fuhr Miss La Creevy fort, »so könnte ich einen Verlust an Mietzins nicht verschmerzen.«

»Selbstverständlich nicht, Madam«, stimmte Ralph bei.

»Immerhin«, fuhr Miss La Creevy, augenscheinlich zwischen Gutmütigkeit und ihrem Vorteile schwankend, fort, »kann ich durchaus nichts gegen die Dame sagen. Wenn sie auch ungemein niedergedrückt zu sein scheint, so ist sie doch sehr gefällig und freundlich, und auch die jungen Leute sind so artig und wohlerzogen, daß man nicht leicht ihresgleichen heutzutage findet.«

»Ganz gut, Madam«, knurrte Ralph und wandte sich zum Gehen, da ihm dies der Armut gespendete Lob nicht behagte, »ich habe meine Schuldigkeit getan und vielleicht noch mehr, als ich hätte tun sollen. Ich bin es natürlich gewohnt, daß mir die Menschen dafür keinen Dank wissen.«

»Ich für meine Person bin Ihnen jedenfalls sehr verbunden, Sir«, versicherte Miss La Creevy mit einem zierlichen Knicks. »Übrigens, würden Sie mir nicht vielleicht die Gunst erweisen, einige Proben meiner Porträtmalerei anzusehen?«

»Sehr gütig, Madam«, lehnte Mr. Nickleby ab und machte sich in großer Eile davon, »aber da ich noch einen Besuch eine Treppe höher abzustatten habe und meine Zeit knapp bemessen ist, so bin ich in der Tat außerstande ...«

»Ich werde mich jederzeit glücklich schätzen, wenn Sie etwa im Vorübergehen wieder einmal bei mir vorsprechen wollen«, fing Miss La Creevy wieder an. »Vielleicht haben Sie die Gewogenheit, hier meine Karte anzunehmen, Sir. Ich danke Ihnen. Guten Morgen ...«

»Guten Morgen, Madam«, brach Ralph kurz ab und schloß rasch die Türe hinter sich, um jede Fortsetzung des Gespräches zu verhindern. »Also jetzt zu meiner Schwägerin. Na.«

Dann klomm er eine zweite steile Treppenflucht empor, die mit großem architektonischen Scharfsinn nur aus Eckstufen zusammengesetzt war, und hielt eben an dem Geländer inne, um ein wenig zu verschnaufen, als er von Miss La Creevys Dienstmagd überholt wurde, die seit ihrer letzten Begegnung mit ihm augenscheinlich nicht sehr gelungene Versuche gemacht hatte, ihr schmutziges Gesicht mit einer noch viel schmutzigeren Schürze zu reinigen, und von ihrer höflichen Gebieterin abgeschickt worden war, den Herrn anzumelden.

»Wie ist Ihr Name?« fragte das Mädchen.

»Ralph Nickleby.«

»Mrs. Nickleby, Mrs. Nickleby«, rief das Mädchen und riß die Türe auf. »Mr. Nickleby ist hier.«

Eine tief in Trauer gekleidete Dame erhob sich, als Ralph ins Zimmer trat, war jedoch augenscheinlich nicht imstande, ihm entgegenzugehen, denn sie stützte sich auf den Arm eines zarten, aber ungemein schönen Mädchens von ungefähr siebzehn Jahren, das neben ihr gesessen hatte. Ein junger Mann, anscheinend ein oder zwei Jahre älter, sprang sofort auf und begrüßte Mr. Nickleby als seinen Onkel.

»Hm«, brummte Ralph mit einem ungnädigen Stirnrunzeln, »du bist vermutlich Nikolas?«

»Das ist mein Name, Sir«, erwiderte der junge Mann.

»Nimm mir den Hut ab«, versetzte Ralph herrisch. »Nun, wie geht's Ihnen, Madam? Sie müssen Ihren Kummer niederkämpfen, Madam; ich mache es auch nie anders.«

»Der Verlust traf mich so plötzlich und unerwartet«, seufzte Mrs. Nickleby und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen.

»Gar nichts Unerwartetes«, murrte Ralph und knöpfte kaltblütig seinen Rock auf. »Familienväter sterben alle Tage und, Madam, Mütter nicht minder.«

»Und auch Brüder, Sir«, fügte Nikolas unwillig hinzu.

»Jawohl, Musjö, und auch naseweise Zierbengel und Muttersöhnchen«, bemerkte der Onkel und nahm einen Stuhl. »Sie sprechen sich in Ihrem Brief nicht darüber aus, woran mein Bruder litt, Madam.«

»Die Ärzte konnten keine besondere Todesursache finden«, sagte Mrs. Nickleby, in Tränen ausbrechend. »Ach, wir haben nur allzuviel Grund zu glauben, daß er an gebrochenem Herzen starb.«

»Pah«, sagte Ralph, »so etwas gibt es doch gar nicht. Ich kann mir vorstellen, daß sich ein Mensch den Hals bricht oder die Nase, oder den Arm, den Fuß oder den Schädel, aber ein gebrochenes Herz? Dummheiten! Wenn einer seine Schulden nicht bezahlen kann, so stirbt er an gebrochenem Herzen, und seine Witwe gilt als Märtyrerin.«

»Ich will gern glauben, daß es Leute gibt, denen das Herz nicht brechen kann, weil sie keins haben«, bemerkte Nikolas ruhig.

»Wie alt, um Gottes willen, ist denn dieser Bursche?« fragte Ralph wütend, drehte sich auf seinem Stuhl um und musterte mit unaussprechlicher Geringschätzung seinen Neffen von Kopf bis zu Fuß.

»Nikolas geht ins neunzehnte.«

»Was, neunzehn?«, fuhr Ralph auf. »Und was gedenkst du anzufangen, um dir deinen Lebensunterhalt zu erwerben, Musjö?«

»Meiner Mutter will ich unter keinen Umständen zur Last fallen«, rief Nikolas lebhaft.

»Würdest auch wenig genug zu beißen haben, wenn du das vorhättest«, brummte Mr. Nickleby verächtlich.

»Wie wenig es auch sein mag«, erwiderte Nikolas zornig, »in keinem Falle werden Sie es wohl vermehren.«

»Nikolas, Liebling, vergiß dich nicht«, verwies Mrs. Nickleby.

»Bitte, bitte, lieber Nikolas«, flehte die Schwester.

»Halt deinen Mund, Musjö«, schimpfte Ralph. »Das ist ja ein recht netter Anfang, Madam. Ein netter Anfang.«

Mrs. Nickleby entgegnete weiter nichts und bat nur Nikolas durch Gebärden, ruhig zu bleiben. – Onkel und Neffe maßen sich gegenseitig einige Sekunden, ohne ein Wort zu sprechen. Die Züge des Alten waren streng, hart und abstoßend, die des jungen Mannes offen, schön und freimütig. In Ralphs stechenden Augen lag Geiz und Hinterlist, während aus Nikolas' leuchtendem Blick Verstand und Mut sprach. Die Gestalt des jungen Mannes war eher schmächtig, aber männlich und wohlgebaut, und abgesehen von der Frische der Jugend lag in seiner ganzen Haltung etwas, was den Alten in Schranken hielt.

Wie schreiend auch ein derartiger Gegensatz für den Zuschauer sein mag, so wird er doch nur in seiner ganzen Schärfe und Bitterkeit von dem empfunden, der dabei die Rolle des Tieferstehenden übernehmen muß, und Ralph Nickleby haßte Nikolas von dieser Stunde an.

Der gegenseitigen Besichtigung wurde endlich durch Ralph ein Ende gemacht, der mit der Miene höchster Geringschätzung seine Augen abwandte und Nikolas einen Knaben nannte. Dieser Ausdruck wird von älteren Personen mit Vorliebe gegenüber jüngeren im Tone des Tadels gebraucht, wahrscheinlich in der Absicht, den Leuten glauben zu machen, daß sie um keinen Preis wieder jung werden möchten, selbst wenn sie es könnten.

»Nun, Madam«, begann Ralph ungeduldig, »die Gläubiger haben sich das Ihrige geholt, wie Sie mir schrieben, und es ist nichts für Sie übriggeblieben?«

»Nichts«, antwortete Mrs. Nickleby.

»Und Sie haben das bißchen Geld, das sie noch besaßen, auf die weite Reise nach London verwendet, um zu sehen, was ich für Sie tun werde?«

»Ich hoffte«, stotterte Mrs. Nickleby, »daß Sie imstande sein würden, den Kindern Ihres Bruders in ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Es war der Wunsch des Sterbenden, daß ich mich an Sie wenden sollte.«

»Ich weiß nicht, wie es kommt«, brummte Ralph und ging im Zimmer auf und ab, »aber immer, wenn jemand stirbt, ohne selbst etwas zu hinterlassen, so scheint er zu glauben, er hätte ein Recht, über das Vermögen anderer Leute zu verfügen. – Was hat Ihre Tochter gelernt, Madam?«

»Kate ist gut erzogen«, schluchzte Mrs. Nickleby. »Sag deinem Onkel, mein Kind, wie weit du im Französischen und den anderen Lehrgegenständen gekommen bist.«

Das arme Mädchen schickte sich an, einige Worte hervorzustottern, aber ihr Onkel fiel ihr unhöflich in die Rede.

»Wir müssen versuchen, dich als Hilfslehrerin in einer Klosterschule unterzubringen. Du bist doch hoffentlich nicht zu vornehm dafür?«

»Nein, nein, gewiß nicht, Onkel«, schluchzte das Mädchen, »ich will ja alles tun, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Nun, nun«, lenkte Ralph ein, vielleicht durch die Schönheit, vielleicht auch durch den Jammer seiner Nichte ein wenig besänftigt, »du mußt es eben versuchen, und wenn es dir zu hart ankommt, so geht's vielleicht mit der Kleidernäherei oder mit dem Stickrahmen. Und hast du je etwas gearbeitet, Musjö?« fuhr er seinen Neffen an.

»Nein«, erwiderte Nikolas unbefangen.

»Das hätte ich mir denken können. Das ist also die Art, wie mein Bruder seine Kinder erzogen hat, Madam?«

»Mein armer Mann hat Nikolas so weit herangebildet, als er es selbst vermochte«, versetzte die Witwe, »und er dachte eben ...«

»In Zukunft etwas aus ihm zu machen«, fiel Ralph ein. »Die alte Geschichte. Immer denken und nie handeln. Wäre mein Bruder ein tätiger und kluger Mann gewesen, so würde er Ihnen ein schönes Vermögen hinterlassen haben, Madam, und hätte seinen Sohn in die Welt hinausgeschickt, wie es mein Vater mit mir machte, als ich noch anderthalb Jahre jünger als dieser Bursche war. Dann würde er jetzt in der Lage sein, Sie zu unterstützen, statt Ihnen zur Last zu fallen und Ihre traurige Lage noch zu verschlimmern. Mein Bruder war eben ein unüberlegter, gedankenloser Mensch, Madam, und gewiß kann das niemand mehr fühlen als Sie selbst.«

Diese Bemerkung erweckte in der sonst guten, aber äußerst schwachen Frau den Gedanken, daß sie vielleicht mit ihren tausend Pfund doch am Ende eine bessere Partie hätte machen können. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und begann im Übermaß ihres Schmerzes, ihr hartes Los zu beklagen. Unter vielem Schluchzen erzählte sie, daß sie von ihrem armen Gatten in wahrhaft sklavischer Abhängigkeit erhalten worden sei und ihm oft gesagt habe, wie viele bessere Partien sie hätte machen können. Auch habe sie die ganze Zeit über nie gewußt, wo das Geld hinkäme, und es wäre wohl alles weit besser gegangen, wenn er mehr Vertrauen in sie gesetzt hätte, und was dergleichen bittere Erinnerungen mehr sind, die man gewöhnlich bei verheirateten Frauen während ihres Ehestandes oder nachher zu hören bekommt. Sie schloß mit der Klage, daß der teuere Verblichene sich von ihr nie habe raten lassen, ein einziges Mal ausgenommen – was auch in der Tat vollkommen der Wahrheit entsprach, denn das war damals gewesen, als der Grundstein zu seinem finanziellen Zusammenbruch gelegt wurde.

Mr. Nickleby hörte all das mit einem halben Lächeln an, und als die Witwe mit ihren Wehklagen endlich fertig war, nahm er das unterbrochene Thema genau da wieder auf, wo er durch den Herzenserguß seiner Schwägerin unterbrochen worden war.

»Hast du Lust zu arbeiten, Musjö?« wendete er sich an seinen Neffen.

»Das versteht sich von selbst«, sagte Nikolas stolz.

»Dann sieh her. Diese Notiz fiel mir heute morgen ins Auge, und du kannst Gott dafür danken.«

Nach dieser Einleitung zog Mr. Ralph ein Zeitungsblatt aus der Tasche, suchte eine Weile unter den Anzeigen herum und las dann laut vor:

»Erziehungsanstalt. – In Mr. Wackford Squeers' Erziehungsheim, Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys gelegen, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, werden Knaben beköstigt, gekleidet, mit Büchern, Taschengeld und allem Erforderlichen versehen und erhalten Unterricht in allen Sprachen lebenden wie toten –, in Mathematik, Orthographie, Geometrie, Astronomie, Trigonometrie, Geographie, Algebra, ferner im Fechten (wenn es verlangt wird), Schreiben, Rechnen, in der Fortifikationslehre sowie jedem Zweige der klassischen Literatur. Pensionsgeld zwanzig Guineen jährlich, keine Extraanforderungen, keine Vakanzen und unvergleichlich gute Kost. Mr. Squeers hält sich gegenwärtig in London auf und ist täglich von ein bis vier Uhr im ›Mohrenkopf‹ in Snow Hill zu sprechen. – N.B. Es wird ein fähiger Hilfslehrer gesucht. Jährliches Gehalt fünf Pfund. Ein Magister der freien Künste erhält den Vorzug.«

»So«, schloß Mr. Ralph Nickleby und steckte die Zeitung wieder ein. »Erhältst du diese Stelle, so ist dein Glück gemacht.«

»Aber er ist nicht Magister der freien Künste«, wendete Mrs. Nickleby ein.

»Das wird sich, glaube ich, machen lassen«, entgegnete Ralph.

»Aber das Gehalt ist so gering und die Entfernung gar so groß, Onkel«, jammerte Kate.

»Still, mein Kind«, verwies die Mutter, »dein Onkel muß das am besten verstehen.«

»Ich sage es noch einmal«, bemerkte Ralph mit Schärfe, »bekommt er die Stelle, so ist sein Glück gemacht. Behagt sie ihm nicht, so mag er selbst für eine andere sorgen. Wenn er aber ohne Freunde, ohne Geld, ohne Empfehlung und ohne jede Geschäftskenntnis eine ehrliche Beschäftigung in London finden kann, mit der er sich auch nur die Schuhsohlen verdient, so will ich ihm tausend Pfund geben. Das heißt«, unterbrach er sich, »ich würde sie ihm geben, wenn ich sie hätte.«

»Armer, armer Bruder«, seufzte Kate. »Ach Onkel, müssen wir uns denn schon so bald trennen?«

»Belästige deinen Onkel nicht mit Fragen, wo er doch nur für unser Wohl bedacht ist, mein liebes Kind«, tadelte Mrs. Nickleby. »Lieber Nikolas, weißt du denn gar nichts darauf zu sagen?«

»Doch, doch, Mutter«, raffte sich Nikolas auf, der bisher schweigend und in Gedanken versunken dagesessen hatte. »Wenn ich so glücklich bin, die Stelle zu erhalten, für die ich mich so wenig geeignet fühle, was wird aber aus denen werden, die ich hier zurücklasse?«

»In diesem Fall, aber auch nur in diesem Fall, will ich für deine Mutter und deine Schwester sorgen«, versetzte Ralph, »und ihnen eine Position schaffen, in der sie unabhängig leben können. Es wird dann meine Sorge sein, daß sie keine Woche nach deiner Abreise in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben.«

»Dann«, rief Nikolas, sprang freudig auf und ergriff die Hand seines Onkels, »dann bin ich bereit, alles zu tun, was Sie von mir wünschen. Wir wollen unverzüglich unser Glück bei Mr. Squeers versuchen. Höchstens kann er mir eine abschlägige Antwort geben.«

»Das wird er nicht«, brummte Ralph Nickleby. »Er wird dich mit Freuden annehmen, wenn ich dich ihm empfehle. Suche ihm nach Kräften nützlich zu sein, und du wirst dich binnen kurzem zum Teilhaber an seinem Institut emporschwingen. Du mein Himmel, wenn er dann gar mit Tod abginge, dein Glück wäre auf immer gemacht.«

»Ja, ja, ich sehe schon alles vor mir«, rief der arme Nikolas, ganz hingerissen von jugendlicher Begeisterung. »Oder vielleicht gewinnt mich irgendein junger Aristokrat lieb, der in der Anstalt erzogen wird, bittet mich von seinem Vater, wenn er die Schule verläßt und auf Reisen geht, als Hofmeister aus und verschafft mir nach unserer Zurückkunft vom Festland irgendeine hübsche Anstellung. Was halten Sie davon, Onkel?«

»Hm, höchst wahrscheinlich«, höhnte Ralph.

»Und wer weiß, wenn er kommt, um mich zu Hause zu besuchen, was er natürlich tun würde, so verliebt er sich in Kate, die mir die Wirtschaft führt, und, und – heiratet sie. Wer weiß, nicht wahr, Onkel?«

»Ja, wer weiß«, brummte Ralph.

»Und wie glücklich würden wir sein!« rief Nikolas begeistert. »Was ist der Schmerz der Trennung gegen die Freude des Wiedersehens. Ich werde stolz darauf sein, Kate eine schöne Frau nennen zu hören, und wie glücklich wird dann erst die Mutter sein, wenn wir wieder alle beisammen sind und diese traurigen Zeiten vergessen sein werden, und dann ...«

Die Farben dieses Zukunftsbildes waren zu strahlend, um nicht zu blenden, und Nikolas, der ganz überwältigt war, lächelte leise und brach dann in Tränen aus.

Die einfache Familie, die in ihrer Zurückgezogenheit nichts von dem kennengelernt hatte, was man konventionell »Welt« nennt und was eigentlich soviel bedeutet wie Schurkerei, ließ ihren Tränen bei dem Gedanken an die Trennung freien Lauf. Als der erste Gefühlsausbruch vorüber war, fuhren sie mit der Schwungkraft noch nie enttäuschter Hoffnung fort, sich die Zukunft aufs glänzendste auszumalen, bis Mr. Ralph Nickleby einwendete, daß leicht ein glücklicher Bewerber Nikolas des Glückes berauben könne, das die Zeitung in Aussicht stellte, was soviel hieße, wie alle Luftschlösser mit einem Schlage zerstören, wenn man länger warte. Dies steckte der Unterhaltung ein Ziel, und nachdem Nikolas die Adresse Mr. Squeers' sorgfältig notiert hatte, schickte er sich mit seinem Onkel an, den Herrn aufzusuchen. Er hatte jetzt die feste Überzeugung, Ralph sehr unrecht getan zu haben, als er bei der ersten Begegnung einen solchen Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, und Mrs. Nickleby gab sich nicht wenig Mühe, ihre Tochter zu belehren, welch wohlwollender menschenfreundlicher Herr der Onkel wäre.

Den Appell ihres Schwagers an ihre Einsicht und das darin fein eingewickelte Kompliment für ihre hohen Verdienste hatte nicht wenig zur Bildung dieser Ansicht beigetragen, und wenn auch die gute Frau ihren Mann zärtlich geliebt hatte und in ihre Kinder sozusagen vernarrt war, so hatte doch Ralph Nickleby, mit den Schwächen des menschlichen Herzens aufs innigste vertraut, wenn ihm auch die schöneren Seiten desselben fremd geblieben, eine jener kleinen mißtönenden Saiten mit so günstigem Erfolge berührt, daß sie sich allen Ernstes für das beklagenswerte, duldende Opfer der Unklugheit ihres verblichenen Gatten zu betrachten begann.

4. Kapitel

Nikolas und sein Onkel machen, um das Glück beim Schopf zu fassen, bei Mr. Wackford Squeers ihre Aufwartung

Snow Hill! Was für eine Art von Ort mag sich wohl der ruhige Städter unter Snow Hill denken, wenn er dieses Wort mit der vollen Deutlichkeit goldener Buchstaben auf den Landkutschen, die aus dem Norden kommen, liest? Man pflegt sich im allgemeinen stets einen unbestimmten Begriff von einem Orte zu machen, dessen Namen man oft sieht oder hört; und welche Unzahl von falschen Vorstellungen mögen sich wohl schon an dieses Snow Hill gekettet haben? Es ist ein so vielsagender Name. Snow Hill! Und Snow Hill noch dazu in Verbindung mit einem »Mohrenkopf«!

Und wie verhält sich in Wirklichkeit die Sache? Der Weg führt uns in den Mittelpunkt von London, so recht in das Herz seines geschäftigsten Treibens, in den Wirbel des Lärms und des Verkehrs. Dort, gleichsam um die gewaltigen Ströme des Lebens zu hemmen, die von allen Seiten ohne Unterlaß herbeifließen und sich unter seinen Mauern begegnen, steht Newgate. In der gedrängt vollen Straße, auf die dieses Gebäude düster zürnend herunterblickt, wenige Fuß von den schmutzigen einsinkenden Häusern auf derselben Stelle, wo die Garköche, Fischhändler und Obstverkäufer ihr Gewerbe treiben, sind einst Hunderte von menschlichen Wesen, oft sechs bis acht kräftige Männer auf einmal, unter einem Gebrüll von Stimmen, gegen das sogar der Tumult einer großen Stadt als nichts erscheint, schnell und gewaltsam unter dem fürchterlichen Zudrang von Menschenmassen aus der Welt geschafft worden. Neugierige Augen blickten dann aus allen Fenstern, von allen Dachgiebeln, Mauern und Pfeilern, und wenn dann der zum Beil verurteilte Elende sich mit dem alles umfassenden Blick der Todesangst unter der Masse von weißen, aufwärts gerichteten Gesichtern umsah, so erblickte er auch nicht eines, das den Ausdruck von Mitleid oder Teilnahme getragen hätte.

In der Nähe des Gefängnisses und daher auch in der Nähe von Smithfield, dem Schuldturme, und dem Lärm der City, gerade an einer Stelle von Snow Hill, wo die nach Osten gehenden Omnibuspferde allen Ernstes daran denken, absichtlich zu fallen, und die westwärts ziehenden Fiakergäule zufällig stürzen, befindet sich der Wagenschuppen des Wirtshauses zum Mohrenkopf, dessen Portal durch die Büsten von zwei Mohren behütet wird. Es war ehedem der Stolz und Ruhm der geistvollen Londoner Jugend, diese beiden Wächter herunterzustoßen, aber schon seit einiger Zeit befinden sie sich in ungestörter Ruhe. Vielleicht weil diese Art von Scherz sich nunmehr auf den St.-James-Sprengel beschränkt, wo man sich mit leichter tragbaren Türklopfern zu schaffen macht und Klingeldrähte für geeignetes Spielzeug hält.

Mag nun dies der Grund sein oder nicht, genug, sie sind da, zürnend von beiden Seiten des Torwegs herabstierend, und das Wirtshaus selbst, das mit einem weiteren Mohrenkopf geziert ist, blickt finster aus dem Hintergrunde des Hofes hervor, während sich über der Türe des hinteren Schuppens, in dem die roten Postkutschen stehen, ein kleiner Mohrenkopf befindet, der dem vor dem Hauptportal stehenden sprechend ähnlich sieht, wie denn auch das ganze Äußere des Gebäudes mit seiner Säulenordnung dem sarazenischen Geschmack angepaßt zu sein scheint.

Geradeaus nach vorn zu ging ein hohes Fenster, über dem das Wort »Kaffeezimmer« gemalt war. Wer da zu rechter Zeit kam, konnte durch dieses Fenster Mr. Wackford Squeers mit den Händen in den Rocktaschen auf und ab gehen sehen.

Mr. Squeers' Äußeres war nicht besonders ansprechend. Er besaß nur ein Auge, während man doch im allgemeinen das Vorurteil hegt, der Mensch müsse zwei haben. Aber dieses eine kam ihm ohne Zweifel sehr zustatten, wenn es ihm auch nicht sonderlich zur Zierde gereichte, denn es war von grünlich grauer Farbe und glich so ziemlich dem Ventilator einer Haustüre.

Die blinde Seite seines Gesichtes war in unzählige Falten und Runzeln gelegt, und das gab dem Mann, besonders wenn er lächelte, einen um so häßlicheren Ausdruck, als seine Physiognomie sowieso eine nur allzu große Ähnlichkeit mit der eines Gauners hatte. Sein Haar war glänzend und glatt gestrichen, ausgenommen an der niedern sich vordrängenden Stirne, wo es steif in die Höhe gebürstet war. Es war ein Bild, das mit der rauhen Stimme und dem unbeholfenen Benehmen Mr. Squeers' trefflich zusammenstimmte. Etwa zwei- oder dreiundfünfzig alt, war der Mann nur wenig unter Mittelgröße. Er trug ein weißes Halstuch mit langen Zipfeln sowie einen schwarzen Schulmeisteranzug, doch waren die Ärmel seines Leibrockes viel zu lang und seine Hosen viel zu kurz, so daß es fast aussah, als gehörten die Kleider gar nicht ihm.

Mr. Squeers stand also in einem Verschlage bei einem der Kaffeezimmer-Kamine. Auf einer Eckbank stand ein mit einem vermürbten Strick zusammengebundener Koffer, und auf diesem saß ein winziger Junge. Seine Schnürstiefel und Corduroy-Hosenbeine baumelten in der Luft, und die Schultern bis zu den Ohren emporgezogen und die Hände auf den Knieen blickte er von Zeit zu Zeit in augenscheinlicher Furcht und Besorgnis nach dem Schulmeister hin.

»Halb drei«, brummte Mr. Squeers, wandte sich vom Fenster weg und schaute verdrießlich nach der Uhr des Kaffeezimmers. »Es wird heute niemand mehr kommen.«

Durch diese Aussicht sehr mißlaunig gestimmt, blickte er sodann nach dem kleinen Jungen, um zu sehen, ob dieser nicht etwas täte, wofür man ihn züchtigen könne. Da aber der Junge zufällig gar nichts tat, so gab er ihm nur eine Ohrfeige und sagte ihm, er solle es nicht wieder tun.

»Als ich das letzte Mal hier war«, brummte Mr. Squeers, »konnte ich zehn Jungen mitnehmen. Zehnmal zwanzig macht zweihundert Pfund. Morgen früh um acht kehre ich wieder heim und habe nur drei. Dreimal null ist null, dreimal zwei ist sechs, sechzig Pfund. Was ist denn aus diesen Jungen geworden? Was ist denn den Eltern in die Köpfe gestiegen? Was soll das alles heißen?« – Hier nieste der kleine Junge auf dem Koffer heftig.

»Was war das – was hast du gemacht, Schlingel?« fuhr der Schulmeister auf.

»Nichts, Sir«, antwortete das Kind.

»Wieso nichts?«

»Ich habe nur geniest, Sir«, versetzte der Junge und zitterte dabei so heftig, daß der Koffer unter ihm klapperte.

»So, du hast geniest. Warum sagtest du dann, du hättest nichts getan, Bengel?«

In Ermangelung einer besseren Antwort bohrte der Kleine seine Fingerknöchel in die Augen und begann zu weinen, wofür ihn Mr. Squeers mit einer Ohrfeige von seinem Koffer herunter und mit einer zweiten wieder hinaufschlug.

»Warte nur, bis ich dich in Yorkshire habe, dann sollst du den Rest schon bekommen, Bursche«, knirschte er dabei. »Willst du augenblicklich still sein, Bengel!«

»J-j-a-a«, schluchzte das Kind und rieb sich das Gesicht mit einem baumwollenen Taschentuch, das mit der üblichen Bettlerpetition bedruckt war.

»Augenblicklich!« donnerte Squeers. »Hörst du?«

Da diese Ermahnung mit einer wilden, drohenden Gebärde begleitet war, tat der kleine Junge sein möglichstes, um die Tränen zurückzuhalten, und machte seinen Gefühlen nur noch durch gelegentliches Schluchzen Luft.

»Mr. Squeers«, rief jetzt der Kellner zur Tür herein, »in der Bar ist ein Herr, der nach Ihnen fragt.«

»Führen Sie ihn herein, Richard«, sagte Mr. Squeers mit sanfter Stimme. »Stecke dein Schnupftuch ein, Lausbub, oder ich bring dich um, sobald der Herr fort ist.«

Der Schulmeister hatte dem Kinde kaum diese Worte in grimmigem Tone zugeflüstert, als der Fremde eintrat. Mr. Squeers tat, als sähe er ihn nicht, und gab sich den Anschein, als sei er eben eifrig damit beschäftigt, seinem jungen Zögling eine Feder zu schneiden und ihm väterliche Ermahnungen zu erteilen.

»Mein liebes Kind«, sagte er laut, »jeder Mensch hat sein Bündel zu tragen. Aber diese frühe Prüfung, die dir so nahe geht und derentwegen du dir die Augen aus dem Kopfe weinst, was ist sie? Nichts. Weniger als nichts. Du verläßt zwar deine Familie, mein Kind, aber du wirst in mir einen Vater und in Mrs. Squeers eine Mutter finden. In dem anmutigen Dorfe Dotheboys, bei Greta Bridge in Yorkshire, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche, Taschengeld und allem Nötigen versehen werden...«

»Mr. Squeers, nicht wahr?« unterbrach der Fremde die Reklamepredigt. »Mr. Squeers, wie ich glaube?«

»Derselbe, Sir«, sagte Mr. Squeers mit geheuchelter Überraschung.

»Der Herr, der eine Anzeige in die Zeitung einrücken ließ?«

»Ja, in der Times, der Morning Post, dem Chronicle, Herald und Advertiser, hinsichtlich der Erziehungsanstalt Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire«, bestätigte Mr. Squeers. »Sie kommen in Geschäftsangelegenheiten, Sir, wie ich an ihren beiden jungen Begleitern bemerke. Wie geht es dir, mein junger Freund? Und wie geht's dir, mein Junge?«

Mit diesen freundlichen Worten tätschelte Mr. Squeers die zwei hohläugigen, verhungert aussehenden kleinen Knaben, die der Fremde mitgebracht hatte, auf den Kopf und wartete, was ihm dieser mitzuteilen habe.

»Ich bin Farbwarenhändler und heiße Snawley, Sir«, stellte sich der Fremde vor.

Squeers nickte mit dem Kopf, als wolle er damit sagen: ein sehr schöner Name.

»Ich gedenke, Mr. Squeers, meine zwei Knaben ihrer Anstalt anzuvertrauen.«

»Es schickt sich vielleicht nicht für mich, Sir, mich selbst zu loben«, versetzte Mr. Squeers bescheiden, »aber Sie hätten keine bessere Wahl treffen können.«

»Hm«, brummte der Fremde. »Zwanzig Pfund jährlich, glaube ich, Mr. ...«

»Guineen«, verbesserte der Schulmeister.

»Pfund! Was meinen Sie, Mr. Squeers, da ich gleich zwei mitbringe?«

»Wird sich kaum machen lassen, Sir«, erwiderte Mr. Squeers gekränkt, als ob ihm noch nie früher ein derartiger Antrag gestellt worden wäre. »Doch wir wollen sehen. Viermal fünf ist zwanzig und dies doppelt genommen... Also gut, auf ein Pfund mehr oder weniger soll es uns nicht ankommen. Aber Sie müssen mich bei Ihren Bekannten empfehlen, Sir, damit ich auf diese Weise wieder auf meine Kosten komme.«

»Sie sind keine starken Esser«, warf Mr. Snawley hin.

»Oh, das kommt weiter nicht in Betracht«, meinte Squeers, »wir nehmen in unserer Anstalt keine Rücksicht auf falsche Appetite. – Die gesündeste Kost, Sir, die man in Yorkshire nur haben kann, und die besten Lehren in jeder Hinsicht. Alles, was sich ein Knabe nur zu Hause wünschen kann, Mr. Snawley!«

»Ich lege vor allem auf Sittlichkeit großes Gewicht«, bemerkte Mr. Snawley.

»Ich freue mich außerordentlich, dies zu hören«, versetzte der Schulmeister stolz und warf sich in die Brust. »Gerade was Moral anbelangt, hätten Sie kein besseres Institut finden können.«

»Davon bin ich überzeugt, Sir«, erwiderte Mr. Snawley. »Ich habe mich bei einem Herrn, auf den Sie sich beriefen, erkundigt, und erfuhr, Sie seien sehr religiös.«

»Ich hoffe allerdings, auf den richtigen Pfaden zu wandeln, Sir«, sagte Mr. Squeers bescheiden.

»Ich hoffe dies von mir gleichfalls. – Aber könnte ich nicht ein paar Worte mit Ihnen unter vier Augen sprechen?«

»Oh, bitte sehr«, versetzte Squeers grinsend. »Kinderchen, unterhaltet euch inzwischen einige Minuten mit euerm neuen Spielkameraden. Dies ist einer meiner Zöglinge, Sir. Er heißt Belling und ist aus Taunton.«

»So, so«, sagte Mr. Snawley und musterte den armen Kleinen wie eine Rarität von Kopf bis zu Fuß.

»Er geht morgen mit mir nach Dotheboys. Der Koffer, auf dem er sitzt, enthält sein Gepäck. Jeder Knabe muß zwei ganze Anzüge, sechs Hemden, sechs Paar Strümpfe, zwei Schlafmützen, zwei Taschentücher, zwei Paar Schuhe, zwei Hüte und ein – Rasiermesser mitbringen.«

»Ein Rasiermesser?« rief Mr. Snawley »Wozu denn das?«

»Zum – Rasieren«, sagte Mr. Squeers in gezogenem Tone.

Es waren zwei einfache Worte, aber in der Art, in der sie ausgesprochen wurden, mußte etwas Bedeutsames liegen, denn der Schulmeister und der Fremde blickten einander einige Augenblicke scharf an und unterdrückten dann ein Lächeln. Snawley war ein wohlgenährter plattnasiger Mann, dunkelfarbig gekleidet, mit langen schwarzen Gamaschen, und seine Mienen trugen den Ausdruck großer Sittenstrenge, so daß dieses Lächeln ohne irgendeinen augenfälligen Grund sich nur um so auffallender ausnahm.

»Bis zu welchem Alter behalten Sie die Knaben in Ihrer Schule?« fragte er nach einer Pause.

»Gerade so lange, als ihre Verwandten meinem Geschäftsträger in der Stadt die vierteljährliche Pension vorausbezahlen oder bis die Jungen davonlaufen«, antwortete Squeers. »Wir müssen zur Sache kommen. Kurz und gut, was sind das für Jungen? Natürliche Kinder?«

»N-nein«, erwiderte Snawley zögernd.

»Ich glaubte, es wäre so. Wir haben nämlich deren eine große Anzahl. Der Junge dort ist auch eines.«

»Der Belling?«

Squeers nickte; der Farbenhändler blickte wieder nach dem Knaben auf dem Koffer hinüber, wandte sich dann um und machte ein Gesicht, als wundere er sich höchlichst, daß das Kind ganz so wie andere aussehe.

»Ja, ja, so ist's«, bestätigte Squeers. »Aber Sie wollten wegen Ihrer Knaben etwas sagen.«

»Ja. Hm«, erwiderte Snawley, »die Sache verhält sich so, daß ich nicht ihr eigentlicher Vater, sondern ihr Stiefvater bin, Mr. Squeers.«

»Ach, so stehen die Sachen!« rief der Schulmeister. »Das erklärt natürlich alles. Ich konnte mir nicht vorstellen, was zum Henker Sie veranlassen konnte, die Jungen nach Yorkshire zu schicken. Ha, ha, ha, jetzt verstehe ich.«

»Sehen Sie mal, ich habe die Mutter geheiratet«, fuhr Snawley fort, »und es kostet viel, die Kinder zu Hause zu erziehen, und da meine Frau einiges Vermögen besitzt, so fürchte ich, sie könnte es vielleicht für die Jungen verschleudern, was ihnen, wie Sie wissen, doch nur schaden würde. Weiber haben doch keine Einsicht.«

»Verstehe schon«, wehrte Squeers ab, warf sich in seinem Stuhl zurück und winkte mit der Hand.

»Und dies«, nahm Mr. Snawley seine Rede wieder auf, »hat mich zu dem Wunsch veranlaßt, sie in einer möglichst entfernt liegenden Kostschule unterzubringen, wo es keine Vakanzen gibt, damit das unzweckmäßige Nachhausekommen der Kinder, das sonst alle Jahre zweimal zum großen Nachteil der Erziehung stattfindet, wegfällt und sie ein wenig abgeschliffen werden. Sie verstehen?«

»Die Zahlungen regelmäßig, ohne irgendwelche weiteren Erkundigungen?« forschte Squeers.

»Natürlich. Nur wünsche ich, daß dabei streng auf Sittlichkeit gesehen wird.«

»Versteht sich.«

»Ich hoffe, es ist nicht gestattet, daß sie zuviel nach Hause schreiben?« fragte der Stiefvater zögernd weiter.

»Nie. Nur zu Weihnachten, wo alle in gleicher Weise ihren Angehörigen melden müssen, daß sie sich noch nie so glücklich befunden hätten und wünschten, nie wieder abgeholt zu werden.«

»Sehr gut, sehr gut«, erwiderte der Stiefvater, sich die Hände reibend.

»Und wenn wir uns gegenseitig schon so gut verstehen«, fuhr Mr. Squeers fort, »werden Sie mir wohl die Frage gestatten, ob Sie mich auch für einen wirklich moralischen, exemplarischen und untadelhaften Mann im Privatleben betrachten und ob Sie in meine Person als Erzieher und was makellose Rechtlichkeit, Uneigennützigkeit, Religiosität und Tüchtigkeit anbelangt, vollkommenes Vertrauen setzen?«

»Gewiß«, versicherte der Stiefvater, das Grinsen des Schulmeisters erwidernd.

»Sie würden also vielleicht auch nichts dagegen haben, wenn ich mich gelegentlich auf Sie berufe?«

»Nicht das mindeste.«

»Sie sind ein Mann nach meinem Sinn!« rief Squeers und nahm eine Feder zur Hand. »Das nenne ich mir ein Geschäft, wie ich es liebe.« Nachdem er Mr. Snawleys Adresse notiert hatte, schrieb er noch freudestrahlend eine Quittung über den Empfang der ersten Vierteljahresrate und war kaum mit diesem Geschäft zu Ende, als im Nebenzimmer eine Stimme »nach Mr. Squeers« fragte.

»Hier bin ich«, antwortete der Schulmeister. »Was steht zu Diensten?«

»Nur eine Geschäftssache«, sagte Mr. Ralph Nickleby eintretend, wobei ihm Nikolas auf den Fersen folgte. »Diesen Morgen stand eine Annonce unter Ihrem Namen in den Zeitungen.«

»Gewiß, Sir. Wenn's gefällig ist, näher zu treten«, versetzte Squeers und deutete in das Zimmer mit dem Kamin. »Wollen Sie Platz nehmen?«

»Ich dächte schon«, brummte Ralph, ließ seinen Worten die Tat folgen und legte seinen Hut vor sich auf den Tisch. »Dies ist mein Neffe, Sir, Mr. Nikolas Nickleby.«

»Wie befinden Sie sich, Sir?« fragte Squeers höflich.

Nikolas verbeugte sich, murmelte, daß er ganz wohl sei, und schien ein wenig erstaunt über das Äußere des Eigentümers von Dotheboys Hall zu sein, wozu er übrigens auch alle Ursache hatte.

»Vielleicht erinnern Sie sich meiner noch«, begann Ralph nach einer Weile und sah den Schulmeister scharf an.

»Ich glaube, Sie bezahlten mir einige Jahre lang bei meinen halbjährigen Besuchen in der Stadt eine kleine Rechnung, Sir«, versetzte Squeers.

»Stimmt schon.«

»Für Rechnung der Eltern eines Knaben, namens Dorker, der unglücklicherweise ...«

»... unglücklicherweise in Dotheboys Hall starb«, beendete Ralph den Satz.

»Ich kann mich noch recht gut erinnern, Sir. Ach, meine Frau hatte den Knaben so gern, als ob er ihr eigenes Kind gewesen wäre. Und die Pflege, die sie ihm während seiner Krankheit angedeihen ließ! Toastschnitten und warmen Tee jeden Abend und jeden Morgen, als er nichts mehr anderes genießen konnte! Ein Licht in seinem Schlafzimmer in der Nacht, in der er starb! Das beste Kissen hinaufgeschickt! Doch ich bereue es nicht. Es liegt etwas Erhebendes in dem Gedanken, seine Schuldigkeit getan zu haben.«

Ralph lächelte gezwungen und musterte die anwesenden fremden Gesichter.

»Es sind nur einige meiner Zöglinge«, erklärte Wackford Squeers und deutete auf die Knaben. »Dieser Herr, Sir, ist ein Vater, der soeben die Güte hatte, mir ein Kompliment zu machen über den Erziehungsplan in Dotheboys Hall, bei dem hübschen Dörfchen Dotheboys, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche und Taschengeld ...«

»Ja, ja, wir wissen das alles«, unterbrach ihn Ralph mürrisch, »es steht doch in der Anzeige.«

»Sie haben recht, Sir, es steht in der Anzeige«, entschuldigte sich Squeers.

»Und verhält sich auch so«, bekräftigte Mr. Snawley. »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen das zu versichern, Sir, und ich bin stolz auf diese Gelegenheit, es tun zu können, zumal Mr. Squeers ein höchst moralischer, exemplarischer, in jeder Beziehung tadelloser Mann ...«

»Ich bezweifle es doch gar nicht, Sir«, unterbrach Ralph grob. »Aber ich dächte, wir könnten zur Sache kommen?«

»Mit größtem Vergnügen, Sir«, sagte Squeers. »Du sollst ein Geschäft nie verschieben, sei deine erste Regel. Das legen wir unsern für den Handelsstand bestimmten Zöglingen stets ans Herz. Belling, mein Junge, behalte das stets im Gedächtnis. Hörst du?«

»Ja, Sir«, hauchte Belling.

»Ob er wohl das Sprüchlein jetzt noch weiß?« höhnte Ralph.

»Sag es dem Herrn her«, befahl Squeers.

»Du sollst ...« stotterte Belling.

»Sehr gut. Weiter.«

»Dein Geschäft nie ...« fuhr das Kind fort.

»Sehr, sehr gut«, lobte Mr. Squeers. »Nun?«

»Ver...« flüsterte Nikolas gutmütig dem Knaben zu.

»Verrichten«, ergänzte Belling hastig. »Du sollst ein Geschäft nie verrichten.«

»Schon gut, Bürschchen«, knirschte Squeers und warf dem Jungen einen vernichtenden Blick zu. »Wenn wir's auch jetzt verschieben müssen, so werden wir doch, wenn wir allein sind, ein kleines Geschäft miteinander zu verrichten haben.«

»Vorderhand wäre es aber vielleicht angezeigter, wenn wir an das unserige gingen«, fiel Ralph ein.

»Ganz, wie es Ihnen beliebt, Sir.«

»Wir werden gleich fertig sein. – Ihrer Anzeige zufolge suchen Sie einen tüchtigen Hilfslehrer?«

»Ganz richtig.«

»Hier steht er«, sagte Ralph. »Mein Neffe Nikolas, der vor kurzem die Schule verlassen und daher noch alles im Kopf und nichts in der Tasche hat, wäre gerade der Mann, den Sie brauchen.«

»Ich fürchte nur«, wendete Squeers ein, durch die Bewerbung eines jungen Mannes von Nikolas' Äußerem verwirrt, »ich fürchte nur, er wird nicht recht für mich passen.«

»Er wird es«, sagte Ralph fest, »ich weiß das besser. Nikolas, du brauchst den Mut nicht gleich sinken zu lassen, denn du wirst in weniger als einer Woche die jungen Aristokraten in Dotheboys Hall unterrichten, wenn Mr. Squeers nicht eigensinniger ist, als ich voraussetze.«

»Ich fürchte nur, Sir«, wendete sich Nikolas an Squeers, »daß Sie gegen meine Jugend und den Umstand, daß ich nicht Magister bin, etwas einzuwenden haben.«

»Letzteres fällt allerdings sehr ins Gewicht«, versetzte Squeers mit möglichst ernster Miene, innerlich nicht wenig verblüfft durch den Gegensatz in der Offenherzigkeit des Neffen und dem weltklugen Benehmen des Onkels sowohl, wie durch die unverständliche Anspielung auf die jungen Aristokraten, die sich in seinem Institut befinden sollten.

»Merken Sie mal auf, Mr. Squeers«, mischte sich Ralph ein, »ich will die Sache in das rechte Licht stellen.«

»Wenn Sie die Güte haben wollten.«

»Wir haben hier einen jungen Mann, einen Jüngling, einen Guckindiewelt oder wie Sie es nennen wollen, von achtzehn oder neunzehn Jahren.«

»Das sehe ich«, bemerkte der Schulmeister.

»Und ich auch«, mengte sich Snawley ein, der es für passend hielt, seinem neuen Freund den Rücken zu decken.

»Sein Vater ist tot. Er selbst weiß nichts von der Welt, ist durchaus mittellos und braucht Beschäftigung«, erklärte Ralph.

»Ich empfehle ihn daher Ihrem vortrefflichen Institut, das er zum Grundstein seines Glückes machen kann, wenn er es recht anzugehen weiß. – Verstanden?«

»Alle Welt muß das einsehen«, nickte Squeers, den spöttischen Seitenblick nachahmend, mit dem Ralph seinen arglosen Neffen betrachtete.

»Natürlich«, bestätigte Nikolas hastig.

»Sie sehen, er hat mich verstanden«, fuhr Ralph in seiner harten und trockenen Weise fort. »Wenn irgendeine alberne Laune ihn veranlassen sollte, sich diese günstige Gelegenheit zu verscherzen, so hört meine Verbindlichkeit gegen seine Mutter und Schwester im selben Augenblick auf. Sehen Sie ihn einmal an und bedenken Sie, in wievielerlei Weise er Ihnen nützlich werden kann. Es fragt sich, ob er Ihren Zwecken für die nächste Zeit nicht besser entsprechen wird als zwanzig andere, die Sie unter normalen Umständen aufnehmen können. Nun, ist dies nicht der Überlegung wert?«

»Allerdings«, entgegnete Squeers, ein Blinzeln Ralphs erwidernd.

»Gut. Dann möchte ich nur noch ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.« Die beiden Ehrenmänner zogen sich sodann zurück, und ein paar Minuten später erklärte Mr. Wackford Squeers, daß Mr. Nikolas Nickleby von Stund an das Amt eines Hilfslehrers in Dotheboys Hall übertragen sei.

»Sie verdanken es der Empfehlung ihres Onkels, Mr. Nickleby«, betonte er.

Nikolas drückte in der Überfülle seines Herzens seinem Onkel immer und immer wieder die Hand und wäre am liebsten auf der Stelle vor Squeers auf die Knie gefallen. – »Er sieht zwar etwas wunderlich aus«, dachte er sich, »aber was tut das? Bei Porson und dem Doktor Johnson war es auch der Fall, wie überhaupt bei allen solchen Bücherwürmern.«

»Morgen früh um acht Uhr geht die Postkutsche ab, Mr. Nickleby«, bemerkte Squeers. »Sie müssen eine Viertelstunde früher hier sein, da wir diese Knaben mitnehmen.«

»Ich werde nicht ermangeln, Sir«, sagte Nikolas.

»Ich habe die Fahrt für dich bezahlt«, knurrte Ralph. »Du hast also nichts weiter zu tun, als dich warm anzuziehen.«

Dies war ein neuer Beweis von Großmut, und Nikolas empfand diese unerwartete Güte so tief, daß er kaum genug Dankesworte finden konnte, und er hatte deren aus der Tiefe seines Herzens noch nicht halb genug hervorgestammelt, als sie sich von dem Schulmeister verabschiedeten und das Gasthaus zum Mohrenkopf verließen.

»Ich werde morgen hier sein, um dich wohlbehalten abfahren zu sehen«, sagte Ralph. »Daß du dich also beizeiten einstellst!«

»Ich danke Ihnen so sehr, Sir«, beteuerte Nikolas. »Ich werde Ihre Güte nie vergessen.«

»Daran wirst du gut tun. Aber mach jetzt, daß du nach Hause kommst, und packe ein, was du zu packen hast. Glaubst du den Weg nach Golden Square finden zu können?«

»Gewiß. Ich kann mich ja durchfragen.«

»Dann bring diese Papiere meinem Schreiber«, sagte Ralph, ein kleines Päckchen aus der Tasche ziehend, »und richte ihm aus, er solle auf mich warten, bis ich nach Hause komme.«

Nikolas übernahm die Botschaft, verabschiedete sich herzlich von seinem würdigen Onkel, was von dem warmherzigen alten Herrn nur durch ein Brummen erwidert wurde, und eilte fort, um seinen Auftrag auszurichten. Bald fand er sich nach Golden Square zurecht, und Mr. Noggs, der auf seinem Heimwege einen Augenblick im Wirtshause vorgesprochen hatte, drückte eben auf die Türklinke, als Nikolas bei der Wohnung seines Oheims anlangte.

»Was ist das?« fragte Noggs, auf das Päckchen deutend.

»Papiere von meinem Onkel«, erwiderte Nikolas. »Er läßt Ihnen sagen, Sie möchten warten, bis er nach Hause käme.«

»Onkel?« rief Noggs.

»Mr. Nickleby«, erklärte Nikolas.

»Kommen Sie herein«, versetzte Newman und führte Nikolas, ohne weiter ein Wort zu sprechen, in den Hausflur und von da in das Bureau, wo er ihm einen Stuhl hinschob und dann selber seinen Schreiberbock bestieg. Dort blieb er mit schlaff herabhängenden Armen sitzen und betrachtete seinen Gast wie von einer Warte herunter.

»Antwort ist nicht nötig«, richtete Nikolas aus und legte das Päckchen vor sich auf den Tisch.

Newman erwiderte nichts, verschränkte nur die Arme, streckte den Kopf vor, um Nikolas' Gesicht besser betrachten zu können, und forschte aufmerksam in dessen Zügen.

»Keine Antwort«, wiederholte Nikolas sehr laut, da er glaubte, Newman Noggs sei schwerhörig.

Newman faltete nur die Hände über dem Knie und fuhr unbeirrt, ohne eine Silbe laut werden zu lassen, fort, das Gesicht seines Gegenübers zu studieren.

Dieses Benehmen von Seiten dieses wildfremden Menschen war höchst auffallend und sein Äußeres so sonderbar, daß sich Nikolas nicht enthalten konnte, leise zu lächeln, als er Noggs fragte, ob er vielleicht einen Auftrag für ihn hätte.

Noggs schüttelte den Kopf und seufzte, worauf sich Nikolas mit der Bemerkung, daß er nicht müde sei, erhob und sich empfehlen wollte.

Newman Noggs seinerseits atmete jetzt tief auf und unterzog sich einer Anstrengung, der ihn niemand, am wenigsten einem Fremden gegenüber, für fähig gehalten haben würde. Er sagte, ohne auch nur ein einziges Mal zu stottern, daß es ihm sehr angenehm wäre, zu erfahren, was Mr. Ralph zu tun gedenke, wenn es der junge Herr für gut finden sollte, eine Mitteilung darüber zu machen.

Nikolas sah nicht ein, warum er es nicht sollte, und war im Gegenteil sehr erfreut, eine Gelegenheit zu finden, sich über das, was sein Inneres so ganz ausfüllte, auszulassen. Er setzte sich daher wieder nieder und erging sich mit Wärme in einer glühenden Schilderung all der Ehren und Vorteile, die er sich von seiner Anstellung an dem Sitze der Gelehrsamkeit in Dotheboys Hall versprach.

»Aber was ist Ihnen denn? Sind Sie unwohl?« unterbrach er sich plötzlich, als der Schreiber sich in den verschiedenartigsten seltsamsten Stellungen verdrehte, die Hände unter seinem Sitz verkrampfte und mit den Gelenken knackte, als wolle er sich alle Finger zerbrechen.

Newman Noggs erwiderte kein Wort und fuhr nur fort, die Achseln zu zucken und mit den Knöcheln zu knacken. Dabei verzog er das Gesicht zu einem grauenhaften Lächeln und starrte mit gespenstigem Ausdruck unverwandten Blickes ins Leere.

Anfangs glaubte Nikolas, der rätselhafte Mensch habe einen Anfall von Veitstanz, aber bei weiterer Überlegung entschied er sich für die Meinung, er wäre wohl betrunken, und hielt es daher für das vernünftigste, sich ohne weitere Erklärung zu entfernen. Als er die Türe öffnete, blickte er noch einmal zurück, aber Newman Noggs erging sich noch immer in denselben seltsamen Gebärden, und das Knacken seiner Finger tönte noch lauter als vorher.

5. Kapitel

Nikolas begibt sich nach Yorkshire auf die Reise und nimmt Abschied von den Seinigen. – Seine Reisegefährten, und was unterwegs vorfiel

Wenn Tränen, die in einen Koffer träufeln, ein Schutzmittel wären, das den Eigentümer vor Leid und Mißgeschick bewahren könnte, so hätte Nikolas Nickleby seine Reise unter den glücklichsten Vorbedeutungen begonnen. Man hatte soviel zu tun und doch so wenig Zeit dazu; so viele herzliche Worte zu sprechen und doch so bitteren Schmerz im Herzen, daß die Vorbereitungen für die Reise in größter Trauerstimmung getroffen wurden.

Nikolas bestand darauf, hunderterlei Dinge, die Mutter und Schwester in ihrer Besorgnis für unentbehrlich für ihn hielten, nicht mitzunehmen, da sie den Seinigen in der Not vielleicht nützlich sein und erforderlichenfalls zu Geld gemacht werden könnten. Manch zärtlicher Wortwechsel über derartige strittige Punkte fand in der traurigen Nacht statt, die seiner Abreise voranging, und je näher sie das Ende eines jeden dieser harmlosen Zwiste dem Schlusse ihrer Vorbereitungen brachte, desto geschäftiger wurde Kate und desto mehr weinte sie im stillen.

Der Koffer war endlich gepackt, und dann wurde das Abendessen mit einigen für diesen Anlaß bereiteten Leckerbissen herbeigebracht, deren Bestreitung willen Kate und ihre Mutter insgeheim nicht zu Mittag gegessen hatten. Die Bissen quollen jedoch Nikolas im Munde, und es wollte ihm fast das Herz brechen, trotzdem er sich bemühte, fröhlich zu sein, und sich zwang zu lächeln.

Um sechs Uhr morgens nach einem unruhigen Schlummer erhob er sich leise, schrieb mit Bleistift einige Worte des Abschieds auf einen Zettel, da er sich den Schmerz eines mündlichen Lebewohls ersparen wollte, legte ihn nebst der Hälfte seiner spärlichen Barschaft vor die Türe seiner Schwester, nahm seinen Koffer über die Schultern und schlich sachte die Stiegen hinunter.

»Hanna, bist du's?« rief Miss La Creevy aus ihrem Arbeitszimmer, aus dem hervor der matte Schein eines Kerzenlichtes die Wand des Stiegenhauses beleuchtete.

»Nein, ich bin's, Miss La Creevy«, sagte Nikolas, setzte seinen Koffer nieder und blickte in die Stube.

»O du mein Himmel«, rief Miss La Creevy aufspringend und fuhr sich mit der Hand nach ihren Haarwickeln. »Sie sind aber sehr früh auf, Mr. Nickleby.«

»Sie gleichfalls, Madame«, erwiderte Nikolas.

»Die Kunst lockt mich so zeitig aus den Federn, Mr. Nickleby. Ich warte, bis es hell wird, um eine Idee auszuführen.« Miss La Creevy war nämlich so früh aufgestanden, um eine Phantasienase in das Miniaturporträt eines häßlichen kleinen Jungen zu malen, das die Bestimmung hatte, seiner Großmutter auf dem Lande geschickt zu werden, in der Erwartung, sie würde ihn in ihrem Testament besonders bedenken, wenn sie bei dem Bilde eine Familienähnlichkeit herausfinde.

»Eine Idee auszuführen«, wiederholte Miss La Creevy, »und da kommt mir der Umstand, daß ich in einer so belebten Straße, wie der Strand ist, wohne, sehr zustatten. Wenn ich einer passenden Nase oder eines Auges für einen meiner Kunden bedarf, so brauche ich mich bloß ans Fenster zu setzen und zu warten, bis das vorbeikommt, was ich brauche.«

»Dauert es lange, bis eine geeignete Nase vorbeikommt?« fragte Nikolas lächelnd.

»Das hängt doch ganz davon ab, was es für eine sein soll. Stumpfnasen und Habichtsnasen gibt es genug, und Plattnasen von jeder Sorte und Größe trifft man, wenn es eine Versammlung in Exeter Hall gibt; aber wirkliche Adlernasen sind, wie ich mit Bedauern gestehen muß, sehr selten, und doch brauchen wir sie so oft für Offiziere und öffentliche Würdenträger.«

»Wirklich? Nun, wenn mir auf meinen Reisen eine solche vorkommen sollte, so will ich versuchen, Ihnen ein Konterfei davon anzufertigen.«

»Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie wirklich die Absicht haben, bei diesem kalten Winterwetter den weiten Weg nach Yorkshire hinunter zu machen, Mr. Nickleby?« fragte Miss La Creevy. »Ich hörte Sie am verflossenen Abend davon sprechen.«

»Allerdings habe ich die Absicht«, erwiderte Nikolas. »Sie wissen, die Not kennt kein Gebot.«

»Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß es mir wirklich leid tut, sowohl um Ihrer Mutter und Schwester als auch um Ihretwillen. – Ihre Schwester ist ein so hübsches Mädchen, Mr. Nickleby, und schon deswegen könnte sie sehr notwendig einen Beschützer brauchen. Ich habe sie überredet, mir ein paarmal zu sitzen, um ihr Bild für meinen Haustürrahmen benutzen zu können. Oh, das wird eine herrliche Miniatüre geben.«

Mit diesen Worten hielt Miss La Creevy ein auf Elfenbein gemaltes Porträt mit sehr deutlich ausgeführten blauen Adern empor und betrachtete es mit so viel Wohlgefallen, daß Nikolas sie ordentlich beneidete.

»Wenn Sie je Gelegenheit haben sollten, Kate irgendeinen kleinen Liebesdienst zu erweisen, nicht wahr, Sie werden es tun?« fragte er, ihr die Hand reichend.

»Sie können sich darauf verlassen«, versprach die gutmütige Porträtmalerin. »Gott sei mit Ihnen, auf daß es Ihnen wohl ergehe, Mr. Nickleby.«

Nikolas kannte die Welt nur wenig, glaubte aber, es könne jedenfalls nicht schaden und es werde Miss La Creevy für die Seinigen günstig stimmen, wenn er ihr einen Kuß gäbe. Er versetzte ihr daher drei oder vier in einer Art scherzhafter Galanterie, und Miss La Creevy legte dagegen kein stärkeres Mißfallen an den Tag, als daß sie ihren gelben Turban zurechtrückte und erklärte, das sei doch wirklich unerhört, und sie hätte nicht geglaubt, daß so etwas überhaupt möglich wäre.

Als dieses Tête-à-tête sich in so befriedigender Weise abgewickelt hatte, verließ Nikolas eilig das Haus. Es war erst sieben Uhr, als er einen Mann auftrieb, der ihm seinen Koffer trug. Neugierig betrachtete er die geschäftigen Vorbereitungen für den kommenden Tag, die in jeder Straße und vor jedem Hause getroffen wurden, und dachte sich, wie hart es für ihn sei, so weit reisen zu müssen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wo doch so viele Menschen in London durchkamen. Als er endlich vor dem Mohrenkopf in Snow Hill anlangte, den Träger entlohnte und seinen Koffer wohlbehalten im Postbureau eingestellt hatte, sah er sich in den Kaffeezimmern nach Mr. Squeers um.

Er fand den Schulmeister gerade beim Frühstück, und die drei bereits erwähnten Knaben sowie zwei andere, die Squeers durch einen glücklichen Zufall inzwischen noch aufgetrieben hatte, saßen in einer Reihe auf einer Bank gegenüber. Mr. Squeers hatte eine kleine Kaffeekanne, eine Platte mit gerösteten Brotschnitten und ein Stück kaltes Rindfleisch vor sich und war im Augenblick beschäftigt, das Frühstück für seine Zöglinge zu bereiten.

»Das soll für zwei Pence Milch sein, Kellner?« fragte er und sah in einen großen blauen Krug, den er ein wenig schräg vor die Augen hielt, um einen genauen Einblick über die enthaltene Flüssigkeit zu gewinnen.

»Jawoll, das is für zwei Pence«, antwortete der Kellner.

»Was doch die Milch in London für ein teurer Artikel ist«, seufzte Mr. Squeers. »Also dann füllen Sie mir den Krug mit warmem Wasser, William.«

»Bis an den Rand, Sir? Na, da wird die Milch ja ersaufen.«

»Soll sie«, versetzte Mr. Squeers. »Es geschieht ihr ganz recht, warum ist sie so teuer. Haben Sie ein dickes Brot und Butter für drei bestellt?«

»Wird gleich da sein, Sir!«

»Ach, hat weiter keine Eile. Wir haben noch Zeit genug. – Haltet eure Lüste im Zaum, Jungens, und giert mir nicht nach Speise und Trank«, ermahnte Mr. Squeers und sprach dabei seinem Roastbeef kräftig zu, als er auf einmal seinen neuangestellten Hilfslehrer erblickte.

»Setzen Sie sich, Mr. Nickleby«, lud er Nikolas ein. »Sie sehen, wir sind hier beim Frühstück.«

Nikolas konnte zwar nicht sehen, daß jemand anders als Mr. Squeers frühstückte, verbeugte sich aber mit geziemendem Respekt und machte ein möglichst heiteres Gesicht.

»Ist das die Milch mit Wasser, William?« fragte Squeers. »Schön, vergessen Sie das Brot und die Butter nicht.«

Bei dieser abermaligen Erwähnung der Butterbrote machten die fünf Knaben wieder heißhungrige Augen und folgten mit ihren Blicken sehnsüchtig dem Kellner, während Mr. Squeers die Wassermilch kostete.

»Ah«, rief er dann, mit den Lippen schnalzend, »das ist ja eine treffliche Milch. Denkt an die vielen Bettler und Waisen in den Straßen, die froh wären, ihr Jungens, wenn sie so etwas bekämen. Der Hunger ist eine leidige Sache, nicht wahr, Mr. Nickleby?«

»Allerdings sehr leidig«, gab Nikolas zu.

»Wenn ich ›eins‹ zähle«, wendete sich Mr. Squeers an seine Zöglinge und stellte den Krug vor die Kinder hin, »so kann der Knabe, der zunächst dem Fenster sitzt, einen Schluck tun; zähle ich zwei, so trinkt der nächste, und so fort, bis ich zu fünf, das heißt zu dem letzten Knaben komme. Seid ihr bereit?«

»Ja, Sir«, riefen die Kleinen einstimmig.

»Dann ist's recht«, sagte Mr. Squeers, ruhig mit seinem Frühstück fortfahrend. »Haltet euch fertig, bis ich zu zählen anfange. Bezähmt euern Appetit, Jungens, und ihr werdet Herr über eure tierischen Begierden. – Sehen Sie, dies ist die Art, wie wir die Kinder an Selbstbeherrschung gewöhnen, Mr. Nickleby«, fügte er mit von Fleisch und Butterbrotschnitten vollgepfropftem Munde, zu Nikolas gewendet, hinzu.

Nikolas murmelte etwas, er wußte nicht was, als Erwiderung, und die Knaben teilten ihre Blicke zwischen dem Krug, dem Butterbrot, das inzwischen angelangt war, und jedem Bissen, den Mr. Squeers in den Mund steckte, wobei in ihren heißhungrigen Augen alle Qualen der Erwartung zu lesen waren.

»Gottlob, das hat geschmeckt«, sagte Squeers, als er mit seinem Frühstück zu Ende war. »Nummer eins kann zu trinken anfangen.«

Nummer eins riß den Krug an den Mund und hatte eben genug getrunken, um noch begieriger zu sein, als Mr. Squeers das Signal für Nummer zwei gab, der ihn in demselben bedeutungsvollen Augenblick an Nummer drei abgeben mußte. Und so wurde der Prozeß wiederholt, bis die Wassermilch mit Nummer fünf zu Ende war.

Sodann begann der Schulmeister das »Butterbrot für drei« in ebenso viele Portionen, als Kinder waren, zu teilen und sagte: »Ihr werdet gut tun, mit euerm Frühstück rasch zu machen, denn das Posthorn wird in ein paar Minuten blasen, und dann muß jeder Knabe fertig sein.«

Da die Kinder jetzt Erlaubnis hatten, fielen sie sofort über das Butterbrot her und schlangen es gierig und in verzweifelter Hast hinunter, während sich der Pädagog, nach seiner Mahlzeit ungemein gut gelaunt, mit der Gabel die Zähne stocherte und lächelnd zusah. Kurz darauf ertönte das Horn.

»Ich habe mir's gleich gedacht, daß es nicht lange dauern könnte«, sagte Squeers aufspringend und zog einen kleinen Korb unter seinem Sitz hervor. »Legt das, was ihr nicht habt essen können, hier herein, Jungens; es wird euch unterwegs guttun.«

Nikolas war über diese höchst ökonomischen Maßnahmen nicht wenig verblüfft, hatte aber keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn die Zöglinge mußten auf die Kutsche hinaufgehoben, ihr Gepäck sowie auch das Mr. Squeers' herausgeholt, versorgt und im Wagen untergebracht werden, was alles Sache des Hilfslehrers war. Nikolas hatte alle Hände voll zu tun und war eben mit diesen Vorkehrungen zustande gekommen, als ihn sein Onkel anredete.

»Ah, du bist hier, Musjö? Deine Mutter und Schwester sind auch da.«

»Wo?« fragte Nikolas und sah sich hastig um.

»Hier. Da sie zuviel Geld haben und nicht wissen, was damit anfangen, wollten sie eben eine Droschke nehmen, als ich zu ihnen kam.«

»Wir fürchteten zu spät zu kommen und ihn nicht mehr zu sehen, ehe er abreiste«, entschuldigte sich Mrs. Nickleby, ihren Sohn umarmend, ohne weiter auf die im Hof umherschlendernden Gaffer zu achten.

»Schon gut, Madam«, brummte Ralph, »Sie müssen das natürlich am besten wissen. Ich sagte nur, Sie seien eben im Begriff gewesen, eine Droschke zu nehmen. Ich leiste mir nie eine Droschke, Madam. Ich bin seit dreißig Jahren nicht auf eigene Kosten in einer gesessen und hoffe, es soll noch dreißig Jahre dauern, bis ich es tue – wenn ich es erlebe.«

»Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich ihn nicht noch einmal gesehen hätte«, sagte Mrs. Nickleby; »der liebe arme Junge, er ist sogar ohne Frühstück fortgegangen, weil er uns den Abschiedsschmerz ersparen wollte.«

»Wirklich außerordentlich zartsinnig«, höhnte Ralph. »Als ich ins Geschäftsleben trat, kaufte ich mir jeden Morgen, ehe ich in die City ging, ein Pennybrot und für einen halben Penny Milch. Was sagen Sie dazu, Madam? Frühstück? Lächerlich.«

»Nun, Nickleby«, meinte Squeers, der in diesem Augenblick, seinen Überrock zuknöpfend, herantrat. »Es wird gut sein, wenn Sie hinten aufsitzen; es könnte ein Knabe herunterfallen, und dann wären zwanzig Pfund jährlich beim Teufel.«

»Nikolas«, flüsterte Kate und berührte ihres Bruders Arm, »wer ist dieser gemeine Mensch?«

»He?« brummte Ralph, dessen rasches Ohr die Frage aufgefangen hatte. »Wünschest du Mr. Squeers vorgestellt zu werden, meine Liebe?«

»Ach, das ist der Schuldirektor? Nein, nein, Onkel, bitte nicht«, versetzte das junge Mädchen und wich scheu zurück.

»Ich hörte doch eben, daß du ihn kennenzulernen wünschest«, entgegnete Ralph in seiner kalten beißenden Weise. »Mr. Squeers – hier meine Nichte, Nikolas' Schwester.«

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss«, erwiderte Mr. Squeers, seinen Hut um einige Zoll lüftend. »Ich wollte nur, daß Mrs. Squeers auch Mädchen aufnähme. Sie könnten mir so als Lehrerin passen. Ich möchte übrigens nicht dafür stehen, daß meine Alte nicht eifersüchtig würde, ha, ha, ha.«

Hätte der Schulmeister von Dotheboys Hall gewußt, was in diesem Augenblick in der Brust seines Hilfslehrers vorging, so würde er mit einiger Überraschung bemerkt haben, daß er einer gesunden Tracht Prügel so nahe war wie nur je in seinem Leben, aber Kate, die die Gefühle ihres Bruders schnell erfaßte, zog Nikolas sachte beiseite und verhinderte dadurch rechtzeitig, daß Mr. Squeers auf eine für ihn etwas unangenehme Weise Kunde davon bekam.

»Lieber Nikolas«, fragte sie leise, »was ist das nur für ein Mann, und wie wird deine Stellung bei ihm sein?«

»Ich weiß es selbst nicht, Kate«, flüsterte Nikolas und drückte seiner Schwester zärtlich die Hand. »Ich denke, die Leute von Yorkshire sind etwas roh und ungehobelt; das wird wohl alles sein. Jedenfalls ist er mein Brotherr und mein Vorgesetzter oder wie ich es nennen soll, und es wäre einfältig von mir, seine Ungeschliffenheit übelzunehmen. Aber sie sehen nach uns herüber, und es ist Zeit, daß ich meinen Sitz einnehme. Gott sei mit dir, meine Liebe, und lasse es dir wohlergehn! Und du, Mutter, denk nicht an die Trennung, sondern an das Wiedersehen. Leben Sie wohl, Onkel, und Dank für alles, was Sie an uns getan haben und noch zu tun gedenken. – Ich bin bereit, Sir.«

Mit diesen raschen Abschiedsworten schwang sich Nikolas auf seinen Sitz und winkte den Seinigen fröhlich zu, als ob er unverzagten Herzens in die Zukunft blicke.

In diesem Augenblick, gerade als der Postillion zum letztenmal vor der Abfahrt mit dem Kondukteur die Unkosten der Reise überschlug und die Gepäckträger die letzten sechs Pence aus den Passagieren herauszupressen versuchten, fühlte er sich leise am Bein berührt. Er sah hinunter und entdeckte Newman Noggs, der ihm einen schmutzigen Brief heraufreichte.

»Was ist das?« fragte Nikolas.

»Pst«, flüsterte Noggs mit einem Blick auf Ralph, der mit Mr. Squeers in geringer Entfernung in eifrigem Gespräch begriffen war. »Nehmen Sie, lesen Sie! Niemand weiß davon; Punktum.«

»Halt. Einen Augenblick!« rief Nikolas.

»Nein.«

Nikolas rief nochmals: »Halt, halt«, jedoch Noggs war verschwunden. Ein Ruf, daß alles in Ordnung sei, ein paar Stöße in das Posthorn, noch ein hastiger Abschiedsblick von zwei bekümmerten Gesichtern unten, die harten Züge Ralph Nicklebys, und die Kutsche rasselte über das Pflaster von Smithfield dahin.

Die kleinen Jungen hatten zu kurze Beine, als daß sie sie, wenn sie saßen, hätten auf etwas ruhen lassen können, und da sie deshalb in unablässiger Gefahr schwebten, vom Wagen zu fallen, so hatte Nikolas alle Hände voll zu tun, achtzugeben. Er fühlte sich daher nach dieser damit verbundenen Angst und körperlichen Anstrengung nicht wenig erleichtert, als die Postkutsche vor dem »Pfauen« in Islington Halt machte. Noch mehr Trost gewährte es ihm aber, daß ein Herr von biederem Äußern, heiterer Miene und gesunder Gesichtsfarbe hinten aufstieg und sich erbot, die andere Seite des Sitzes einzunehmen.

»Wenn wir ein paar von den Jungen in die Mitte nehmen«, sagte der neue Passagier, »so sitzen sie, im Falle sie einschlafen sollten, sicherer. Meinen Sie nicht?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, Sir«, versetzte Squeers, »so wäre ich Ihnen sehr verbunden. Mr. Nickleby, nehmen Sie drei von den Knaben zwischen sich und den Herrn. Belling und der junge Snawley können zwischen mir und dem Kondukteur sitzen. Drei Kinder«, erklärte er dem Fremden, »zahlen nur für zwei.«

»Das kann man sich gefallen lassen«, lachte der Herr. »Ich habe einen Bruder, der nichts dagegen hätte, wenn seine sechs Kinder in den Büchern des Bäckers und Metzgers des ganzen Königreichs nur als vier zählen würden. Im Gegenteil –«

»Sechs Kinder, Sir!?« rief Squeers.

»Ja, und lauter Knaben.«

»Mr. Nickleby«, sagte Squeers aufgeregt, »halten Sie mir mal diesen Korb. – Gestatten Sie, Sir, daß ich Ihnen die Geschäftskarte meines mustergültigen Erziehungsinstituts übergebe, wo diese sechs Knaben auf eine untadelige, freisinnige und moralische Weise erzogen werden könnten, ohne daß mehr als zwanzig Guineen – zwanzig Guineen jährlich, Sir – pro Kopf bezahlt zu werden brauchten. Ich würde sie auch alle zusammen für die runde Summe von hundert Pfund jährlich aufnehmen.«

»So, dann sind Sie vielleicht selbst der hierbenannte Mr. Squeers?« fragte der Herr mit einem Blick auf die Karte.

»So ist es, Sir«, erwiderte der würdige Pädagog. »Wackford Squeers ist mein Name, und ich brauche mich dessen wahrhaftig nicht zu schämen. Dies sind einige meiner Schüler, Sir, und dies einer meiner Hilfslehrer, Mr. Nickleby, ein Mann aus gutem Hause, mit hervorragenden mathematischen, klassischen und merkantilen Kenntnissen. Ja, ja, wir machen in unserer Anstalt nichts halb, und meine Schüler müssen alles lernen, Sir, was es gibt. Ich scheue dabei keine Kosten. Und welch väterliche Behandlung die Jungen genießen! Und obendrein noch Wäsche!«

»Meiner Treu«, sagte der Herr und musterte Nikolas halb lächelnd, halb nachdenklich, »das nenne ich mir in der Tat Vorteile.«

»Das will ich meinen, Sir. Auf Verlangen können auch hervorragende Anerkennungsschreiben vorgelegt werden«, renommierte Squeers und rieb sich die Hände. »Ich würde nie einen Zögling aufnehmen, für den nicht die Zahlung von fünf Pfund und fünf Schillingen verbürgt ist. Nein, nein, und wenn Sie auf die Knie vor mir niederfielen und mich mit Tränen in den Augen darum bäten.«

»Sehr vorsichtig«, meinte der Reisende.

»Vorsicht ist mein oberstes Gebot«, versetzte Squeers. –

»Snawley, wenn du nicht aufhörst, zu frieren und mit den Zähnen zu klappern, so werde ich dir, ehe eine halbe Minute vergeht, mit einer Prügelsuppe warm machen.«

»Setzen Sie sich fest, meine Herren«, ermahnte der Kondukteur und bestieg den Wagen.

»Ist alles hinten in Ordnung, Dick?« rief der Postillion.

»Allright. Vorwärts.«

Und fort ging's unter dem lauten Schmettern des Posthorns und dem stummen Beifall aller Rosse- und Wagenkenner, die vor dem Pfauen versammelt waren, insbesondere aber des Stallknechts, der, die Pferdedecken über dem Arm, der Kutsche nachsah, bis sie verschwunden war.

Als der Kondukteur, ein stämmiger alter Yorkshirer, sich außer Atem geblasen hatte, steckte er das Horn in ein an der Seite der Kutsche zu diesem Zwecke angebrachtes Futteral, klopfte sich mit der Bemerkung, es sei verdammt kalt, tüchtig Brust und Arme und fragte dann jeden Passagier einzeln, ob er geradeaus zu reisen gedenke; und wenn nicht, wohin die Reise ginge. Die einzigen Dinge, für die er sonst noch ein Interesse übrig zu haben schien, waren Pferde und Viehherden, die er, sooft man an solchen vorbeikam, mit Kennerblick musterte.

Es war bitterkalt, hin und wieder stöberte es tüchtig, und der Wind war unerträglich schneidend.

Mr. Squeers stieg bei jeder Station aus, um, wie er sagte, seine Beine auszustrecken, und da er von solchen Ausflügen immer mit einer sehr roten Nase zurückkam und unmittelbar darauf sein Schläfchen machte, so war Grund zur Annahme vorhanden, daß ihm dieses Verfahren sehr gut bekam. Die kleinen Zöglinge wurden mit den Überresten ihres Frühstücks und einigen Schlückchen einer seltsamen Herzstärkung gelabt, die Mr. Squeers bei sich führte und die fast wie Brotwasser, das aus Versehen in eine Branntweinflasche geraten war, schmeckte. Sie schliefen ein, erwachten wieder, fröstelten und weinten, wie es eben kam; und Nikolas und der andere Flügelmann wußten über so mancherlei zu sprechen, daß während ihrer Unterhaltung und der Versuche, die Knaben aufzumuntern, die Zeit so schnell entschwand, wie es unter solch leidigen Umständen möglich war.

So verging der Tag. In Eton Slocomb war ein Mittagessen vorbereitet, an dem die Mehrzahl der Reisegesellschaft, darunter auch Nikolas, der freundliche Passagier und Mr. Squeers, teilnahm, während die fünf Knaben, um aufzutauen, an den Kamin gesetzt und mit Butterbrot und etwas kaltem Fleisch abgefüttert wurden. Ein paar Stationen später wurde die Wagenlaterne angezündet und eine große Störung durch die Aufnahme einer zimperlichen Dame verursacht, die mit ihren Dutzend Mänteln und Schachteln bei einem Wirtshaus in einer Nebenstraße einstieg. Zur großen Erbauung der Passagiere jammerte sie dabei laut über das Ausbleiben ihres eigenen Wagens, der sie hätte aufnehmen sollen, und nahm dem Kondukteur das feierliche Versprechen ab, jede grüne Kutsche, die er kommen sähe, anzuhalten was dieser auch feierlich versprach, da es stockfinstere Nacht war und er mit dem Gesicht nach der anderen Seite saß. Als endlich die zimperliche Dame fand, daß im Innern des Wagens nur ein einzelner Herr saß, ließ sie sich eine kleine Laterne, die sie aus ihrem Strickbeutel hervorholte, anzünden, und wieder flog der Wagen in vollem Galopp dahin.

Die Nacht durch schneite es stark, zum großen Leidwesen der Reisenden, und man hörte kein anderes Geräusch als das Heulen des Windes, denn das Rasseln der Räder und den Hufschlag der Pferde dämpfte die dicke Schneehülle, die die Erde bedeckte und mit jedem Augenblick zunahm.

Ungefähr eine Station vor Grantham erwachte Nikolas, der eben erst eingeschlafen war, plötzlich durch einen heftigen Stoß, der ihn beinahe von seinem Sitze warf. Er griff nach der Lehne und gewahrte, daß sich die Kutsche ganz auf die Seite neigte, obgleich sie noch immer von den Pferden fortgeschleppt wurde. Durch den Stoß und das laute Kreischen der Dame im Innern des Wagens verwirrt, überlegte er eben, ob er hinausspringen solle oder nicht, als die Kutsche plötzlich vollends umwarf, ihn auf die Straße schleuderte und dadurch allen weiteren Ungewißheiten ein Ende machte.

6. Kapitel

Der erwähnte Unfall gibt ein paar Herren Gelegenheit, einander Geschichten zu erzählen

»Oha«, rief der Kondukteur, der im Augenblick wieder auf den Beinen war und zu den Vorderpferden eilte. »Ist denn neamd do, wo mit Hand anlegen kunnt! Ob'st her gehst, Mistviech. Oha.«

»Was ist geschehen?« fragte Nikolas verwirrt.

»Wos g'schegn is? Gnua für heut nacht«, versetzte der Kondukteur. »Der Teufi hol den einäugigen Schinder. Toll is er gworden und bild't sich was drauf ein a no, daß er d' Kutschn umgworfen hat. Da, können S' nöt Hand mit anlegen? Hols der Teufel, i täts, und wenn mir alle Knochen zerbrecheten.«

»Ich bin schon da«, rief Nikolas, sich auf die Beine helfend. »Meine Sinne waren nur noch nicht ganz beieinander. Das ist alles.«

»Ziagn S' fest an«, rief der Kondukteur, »ich will daweil die Sträng oschneiden. Gut so, Herr. Jetzt können S' es wieder fahrenlassen, Blitz und Hagel, die werden schnell gnua heimlaufen.«

Und richtig, kaum waren die Tiere befreit, als sie umsichtig wieder nach dem Stalle zurücktrabten, den sie erst vor ein paar Minuten verlassen hatten.

»Können Sö Horn blasen?« fragte der Kondukteur, eine der Kutschenlaternen losmachend.

Nikolas bejahte.

»No, dann blasen S' amal in dös, wo dorten aufm Boden liegt. I will daweil dem Gekreisch drinnen a End mochen. Werden S' nöt bald stad sein, Sö da drinnen?«

Mit diesen Worten war es dem Manne gelungen, den nach oben gekehrten Kutschenschlag aufzureißen, und Nikolas weckte mit einer der außerordentlichsten Leistungen, die je von menschlichen Ohren auf einem Posthorn gehört wurden, das Echo auf weite Ferne hin. Die Töne taten auch ihre Wirkung, denn sie brachten nicht bloß die Passagiere, die sich nur allmählich von der betäubenden Wirkung ihres Falles erholten, auf die Beine, sondern riefen auch Beistand herbei; wenigstens sah man bereits Lichter immer näher kommen.

In der Tat galoppierte auch, noch ehe sich die Passagiere gehörig gesammelt hatten, ein Reiter heran, und bei einer sorgfältigen Untersuchung stellte sich heraus, daß die Dame im Innern ihre Laterne und der Herr seinen Kopf angestoßen hatte. Zwei Reisende auf dem vorderen Außensitz waren mit blauen Augen, einer mit blutiger Nase, der Postillion mit einer Beule an der Schläfe, Mr. Squeers mit einer Kontusion seines Gesäßes und die übrigen Reisenden, dank der Schneeschicht, auf die sie geschleudert worden, ohne alle Beschädigung davongekommen. Sobald man sich darüber Gewißheit verschafft, wollte die Dame in Ohnmacht fallen, aber man bedeutete ihr, daß man sie dann einem Herrn auf die Schulter laden und so nach dem nächsten Wirtshaus bringen würde, weshalb sie sich wohlweislich eines Besseren besann und mit der übrigen Gesellschaft auf ihren eigenen Beinen dahin zurückzugehen beschloß.

Als die Reisenden daselbst anlangten, fanden sie, daß es ein ziemlich einsames Haus war, das hinsichtlich der Räumlichkeiten keine sonderlichen Bequemlichkeiten gewährte. Als man jedoch ein großes Reisigbündel und eine hübsche Portion Kohlen zu einem Kaminfeuer aufgehäuft hatte, gewann das Ganze bald ein besseres Ansehen, und ehe man noch alle vertilgbaren Spuren des kürzlichen Unfalls wegwaschen konnte, war das Zimmer warm und hell. Eigentlich kein übler Tausch für die Nacht und Kälte im Freien.

»Nun, Mr. Nickleby«, sagte Squeers, der sich die wärmste Ecke ausgesucht hatte, »es war recht, daß Sie die Pferde gehalten haben. Ich hätte es auch so gemacht, wenn ich rechtzeitig dazu gekommen wäre. Es freut mich, daß Sie es getan haben. Es war gut so. Sehr gut.«

»So gut«, mischte sich der Herr mit dem freundlichen Gesicht, dem der Gönnerton, den Squeers Nickleby gegenüber anschlug, nicht sonderlich zu gefallen schien, »daß Ihnen wahrscheinlich kein Gehirn im Kopf geblieben wäre, mit dem Sie weiter hätten Unterricht erteilen können, wenn die Pferde nicht gerade im letzten Augenblick noch festgehalten worden wären.«

Diese Bemerkung entfesselte eine reichlich mit Komplimenten und Danksagungen gewürzte allgemeine Erörterung über die Gewandtheit, die Nikolas im kritischen Moment an den Tag gelegt hatte.

»Ich bin natürlich sehr froh, so davongekommen zu sein«, bemerkte Squeers, »denn jedermann freut sich, eine Gefahr glücklich überstanden zu haben. Wenn z. B. einer meiner Pflegebefohlenen Schaden genommen hätte und ich verhindert worden wäre, einen dieser kleinen Knaben seinen Eltern wieder gesund zurückzugeben, was hätten da meine Gefühle sein müssen? Es würde mir weit lieber gewesen sein, wenn mir selbst ein Rad über den Kopf gegangen wäre.«

»Sind es lauter Brüder, Sir?« fragte die Dame mit der Reise- und Grubenlampe.

»In gewissem Sinne sind sie es, Madam«, antwortete Squeers und suchte in seinen Überrocktaschen nach Karten herum. »Sie stehen alle unter der gleichen, liebevollen und väterlichen Hand. Mrs. Squeers und ich, wir beide sind jedem von ihnen Vater und Mutter. – Mr. Nickleby, geben Sie der Dame und den übrigen Herrschaften diese Karten. Vielleicht kennen sie einige Eltern, die sich gern meines Institutes bedienen würden.«

Mit diesen Worten legte Mr. Squeers, der keine Gelegenheit versäumte, seine Geschäftsanzeige unentgeltlich unter die Leute zu bringen, die Hände auf die Knie und blickte mit soviel Wohlwollen, als er aufzubringen vermochte, auf seine Zöglinge, während Nikolas schamrot dem Auftrag nachkam und die Karten verteilte.

»Ich hoffe, daß Sie bei dem Unfall keinen Schaden genommen haben, Madam?« wendete sich der freundliche Herr hastig an die zimperliche Dame, als sei sein sehnlichster Wunsch, von dem Thema loszukommen.

»Körperlich nicht«, versetzte die Dame.

»Wie! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie geistig –«

»Der Gegenstand ist mir äußerst peinlich, Sir«, entgegnete die Dame in großer Aufregung, »und ich bitte Sie als einen Mann von Erziehung, das Thema fallenzulassen.«

»Du mein Himmel«, meinte der Herr mit dem freundlichen Gesicht lächelnd, »ich wollte doch bloß fragen.«

»Und ich hoffe, daß Sie weiter keine Fragen mehr an mich stellen werden«, sagte die Dame, »oder ich würde mich genötigt sehen, den Beistand der übrigen Herren anzurufen. Herr Wirt, ich bitte, lassen Sie einen Knaben vor der Türe achtgeben. Wenn eine grüne Equipage von Grantham her vorbeikommt, soll sie hier anhalten.«

Da der Kondukteur inzwischen nach Grantham geritten war, um eine andere Postkutsche zu holen, machte der Herr mit dem heitern Gesicht, als die Gesellschaft eine Weile schweigend um das Feuer gesessen hatte, den Vorschlag, eine Bowle Punsch zu trinken.

»Was meinen Sie dazu, Sir?« fragte er den Passagier, der sich im Innern der Kutsche den Kopf verletzt hatte und einen sehr vornehmen Eindruck machte.

Der Punsch wurde gebracht, und heitere Gespräche waren bald im Gang.

Auf den allgemeinen Vorschlag, es möge doch jemand, um die Unterhaltung zu erhöhen, irgendeine nette Geschichte erzählen, erklärte sich der Herr mit dem freundlichen Gesicht endlich lächelnd dazu bereit und begann ohne weitere Ziererei folgende Erzählung zum besten zu geben:

Der Freiherr von Saufaus

Der Freiherr von Saufaus auf Humpenburg in Deutschland war ein so liebenswürdiger junger Edelmann, wie man sich nur einen wünschen kann. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß er in einer Burg wohnte, denn das versteht sich von selber; auch brauche ich nicht zu bemerken, daß er in einer alten Burg lebte, denn welcher deutsche Baron hätte je in einer neuen gewohnt? Es hatte mit diesem ehrwürdigen Gebäude in vieler Beziehung so seine Bewandtnis, und es galt für auch weiter nicht besonders befremdlich oder geheimnisvoll, daß es, wenn der Wind blies, in den Schornsteinen rumorte und daß die Strahlen des Mondes durch gewisse kleine Öffnungen in den Mauern schienen und die weiten Hallen und Galerien teilweise hell erleuchteten, während die größere Hälfte der Gemächer in tiefem Schatten lag.

Es hieß, daß ein Vorfahre des Freiherrn, als es ihm an Geld gebrach, einen Wanderer, der ihn eines Nachts nach dem Weg gefragt, erdolcht habe, und man munkelte, die erwähnten sonderbaren Umstände seien eine Folge dieser Untat. Ich meinesteils kann mir das kaum denken, zumal der Ahnherr des Freiherrn ein sehr frommer Mann war und seine übereilte Tat dadurch sühnte, daß er aus dem Bauholz und den Steinen, die einem weniger wehrhaften Nachbarn gehörten, eine Kapelle errichtete und sich auf diese Weise eine Generalquittung für alle Forderungen, die der Himmel jemals an ihn stellen könnte, erwarb.

Auf wie viele Ahnen der Freiherr zurückblicken mochte, vermag ich leider nicht anzugeben; eines aber ist sicher, nämlich daß er deren mehr hatte als irgendein Adliger seiner Zeit, und ich wünschte nur, er hätte in unseren Tagen gelebt, dann würde er noch mehr gehabt haben. Es ist überhaupt ein Jammer für die großen Männer vergangener Zeiten, daß sie so früh geboren wurden, denn von einem Mann, der vor drei- oder vierhundert Jahren gelebt hat, kann man nicht erwarten, daß er so viele Vorfahren aufzuweisen hat wie einer in unseren Tagen. Der letzte Mensch, und wäre er auch nur ein Schuhflicker oder sonst ein armer Tropf, wird naturgemäß einen größeren Stammbaum haben als ein Mann von ältestem Adel in unsern Tagen; und das ist doch gewiß etwas, was von rechtswegen nicht sein sollte.

Also gut, der Freiherr von Saufaus auf Humpenburg war ein hübscher, dunkelhäutiger Mann mit schwarzem Haar und buschigem Schnurrbart, der in hellgrünem Wams und hohen Juchtenstiefeln, ein Horn über der Schulter, ähnlich dem der englischen Postkutschen-Kondukteure, auf die Jagd zu reiten pflegte. Wenn er in dieses Horn stieß, erschienen auf der Stelle vierundzwanzig Mannen von untergeordneterem Range in etwas gröberer grüner Tracht und etwas dicker besohlten Juchtenstiefeln und sprengten mit ihm, lange Spieße in den Händen, dahin, um Eber oder Bär zu hetzen; und wenn der Freiherr dem betreffenden Untier den Knickfang gegeben hatte, wichste er sich mit dem Fett seinen Schnurrbart.

Es war das ein lustiges Leben für den Freiherrn von Saufaus und ein noch lustigeres für seine Vasallen, die Nacht für Nacht Rheinwein tranken, bis sie unter den Tisch fielen, wo sie dann weiterzechten; und nie gab es wohl fröhlicher lärmende, scherzliebende Gesellen als Saufaus' lustige Schar.

Doch auch die Freuden an oder unter der Tafel fordern bisweilen eine kleine Abwechslung. Daher sah sich der Freiherr eines Tages nach etwas Anregenderem um, fing mit seinen Kumpanen Händel an und trat zum Zeitvertreib zwei oder drei von ihnen jedesmal nach dem Mittagessen mit Füßen. Aber auch das befriedigte ihn nicht viel länger als eine Woche; dann wich seine gute Laune, und er sah sich nach einer neuen Zerstreuung um.

Eines Abends nach der Jagd, auf der er wieder einen riesigen Bären zur Strecke gebracht hatte, saß er übelgelaunt an der Tafel und musterte mit mißvergnügten Blicken die rauchige Decke der Halle. Er stürzte einen Humpen Wein nach dem andern hinunter, aber je mehr er trank, desto finsterer sah er drein. Die Herren, die die bedenkliche Auszeichnung genossen, in seiner Nähe zu sitzen, suchten natürlich nach Möglichkeit, es ihm im Trinken und in mürrischen Mienen gleichzutun.

»Ich will's!« schrie der Freiherr plötzlich und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Füllt eure Humpen auf das Wohl der Freifrau von Saufaus.«

Die vierundzwanzig Grünröcke erblaßten bis auf ihre Nasen, die unverändert rot glühten.

»Ich habe die Gesundheit der künftigen Freifrau ausgebracht«, wiederholte der Freiherr und blickte wild umher.

»Die Freifrau von Saufaus soll leben!« brüllten die grünen Mannen, und vierundzwanzig gewaltige Humpen, mit trefflichem altem Rheinwein gefüllt, ergossen ihren Inhalt durch vierundzwanzig Kehlen. Dann lautes Schnalzen von achtundvierzig Lippen und sehnsüchtiges neuerliches Blinzeln nach dem Faß.

»Die schöne Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen!« rief Saufaus. »Wir wollen sie von ihrem Vater zur Ehe begehren, ehe noch die Sonne morgen in ihr Bett scheint. Und wenn er unsere Bewerbung zurückweist, so werden wir ihm die Nase abschneiden.« Die Tafelrunde ließ ein drohendes Murmeln hören, und jeder faßte mit schrecklicher Bedeutsamkeit zuerst nach seinem Schwertgriff und dann nach seiner Nasenspitze.

Es ist doch etwas Schönes um kindlichen Gehorsam. Hätte die Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen erklärt, sie habe bereits ihr Herz verschenkt, oder sich ihrem Vater zu Füßen geworfen, um sie mit Tränen zu benetzen, oder wäre sie nur in Ohnmacht gefallen und dem alten Herrn mit Gefühlsausbrüchen zu Leibe gegangen, so hätte man eins gegen hundert wetten können, daß Burg Schwillenhausen flötengegangen und sein Herr aus dem Fenster geworfen worden wäre. Das Freifräulein verhielt sich jedoch, als am nächsten Morgen ein Bote das Gesuch des Freiherrn überbrachte, ganz gefaßt und zog sich sittsam in ihr Kämmerlein zurück und schaute von dort nach dem angekündigten Freier und seinem Gefolge aus. Sie hatte sich kaum überzeugt, daß der Reiter mit dem großen Schnurrbart der Freier sei, als sie sogleich zu ihrem Vater eilte und ihm ihre Bereitwilligkeit ausdrückte, sich für ihn und den Frieden des Hauses zum Opfer zu bringen; und der ehrwürdige alte Herr umarmte sein Kind und ließ Freudentränen aus seinen Augen rieseln.

Auf der Burg ging es an diesem Tage gar hoch her. Saufaus' vierundzwanzig grüne Mannen tauschten das Gelübde ewiger Freundschaft mit den zwölf Grünen derer von Schwillenhausen und schwuren dem alten Baron, nicht eher aufzuhören, von seinem Weine zu trinken, bis alles blau wäre; womit sie wahrscheinlich in erster Linie meinten: bis ihre Gesichter dieselbe Farbe erhalten hätten wie ihre Nasen. Als die Zeit des Aufbruchs herankam, schlugen alle einander auf die Schulter, und der glückliche Bräutigam ritt mit seinem Gefolge frohen Mutes nach Hause.

Sechs lange Wochen hatten die Bären und Eber Feiertag. Die Häuser derer von Saufaus und Schwillenhausen waren vereinigt, die Spieße rosteten und das Horn des Freiherrn wurde heiser, weil es gar nicht mehr geblasen wurde.

Das waren glückliche Tage für die vierundzwanzig. Aber ach, diese herrliche Zeit hatte bereits ihre Siebenmeilenstiefel angezogen und war im Schwinden begriffen.

»Mein Bester –« sagte die Freifrau.

»Meine Liebe?« sagte der Freiherr.

»Diese rohen, lärmenden Menschen –«

»Welche?« fuhr der Freiherr auf.

Die Freifrau deutete aus dem Fenster, an dem sie mit ihrem Gemahl stand, in den Hof hinunter, wo die nichtsahnenden Grünröcke, den Fuß bereits im Steigbügel, um den Eber zu hetzen, noch einen guten Schluck zu sich nahmen.

»Mein Jagdgefolge?« fragte der Ritter.

»Entlasse sie, mein Gemahl!« flüsterte die Freifrau.

»Sie entlassen?« fragte der Freiherr erstaunt.

»Mir zuliebe, mein Gemahl!« schmeichelte die Dame.

»Dem Teufel zuliebe«, antwortete der Baron.

Die Freifrau aber stieß einen lauten Schrei aus und sank ohnmächtig zu den Füßen des Freiherrn nieder.

Was konnte der Freiherr tun? Er rief nach der Kammerfrau, eilte in den Hof hinunter, gab zweien der Grünröcke, die es am meisten gewöhnt waren, einen Tritt, verwünschte die übrigen der Reihe nach und hieß sie, sich zum Henker scheren.

Dies war der erste Sieg der Freifrau über ihren Gemahl, und ich brauche hier wohl weiter nichts mehr zu sagen, als daß er allmählich immer mehr und mehr bei strittigen Fragen den Kürzeren zog oder mit List aus dem Sattel irgendeines alten Steckenpferdes geworfen wurde.

Mit der Zeit wurde er ein wohlgenährter Achtundvierziger mit Herzverfettung und hielt weder Gelage noch Jagden ab oder sonst etwas, was ihm früher Freude gemacht. Er war zwar immer noch unbändig wie ein Löwe und starr wie Erz, aber fürchterlich unter dem Pantoffel.

Und das machte noch nicht einmal sein ganzes Mißgeschick aus. Ungefähr ein Jahr nach seiner Vermählung kam ein junges, lustiges Freiherrlein auf die Welt, dem zu Ehren ein großes Feuerwerk abgebrannt und eine Unmasse von Wein getrunken wurde. Im nächsten Jahr erschien ein kleines Freifräulein, das Jahr darauf wieder ein junger Freiherr, und so ging es abwechselnd weiter, bis der Herr Baron Vater einer kleinen Familie von zwölf Kindern war. Bei einem jedem solchen Jahresfeste war die alte Freifrau von Schwillenhausen immer wieder in tausend Ängsten um das Wohl ihres lieben Kindes, der Freifrau von Saufaus; und obwohl man nicht behaupten konnte, daß sie zur Förderung der Genesung ihrer Tochter wesentlich beitrug, so machte sie sich's doch jedenfalls zur Pflicht, auf dem Schlosse Humpenburg so bekümmert wie möglich zu tun und ihre Zeit zwischen spitzigen Bemerkungen über ihres Schwiegersohnes Haushalt und Klagen über das harte Schicksal ihres unglücklichen Kindes zu teilen. Wenn sich dann der Freiherr von Saufaus, dadurch ein wenig gekränkt, zu der Bemerkung aufraffte, seine Gattin sei zum mindesten nicht übler daran als die Frauen anderer Edelleute, so rief die Baronin von Schwillenhausen die ganze Welt zum Zeugen auf, daß niemand als sie Mitgefühl für die Leiden ihrer Tochter empfinde, worauf natürlich sämtliche Verwandten und Freunde bestätigten, daß sie jedenfalls weit mehr Tränen vergieße als ihr Schwiegersohn und daß es keinen hartherzigeren Menschen gäbe als den Freiherrn von Saufaus.

Der arme Ritter ertrug dies alles, so gut es ging. Und als es nicht mehr ging, verlor er Appetit und Heiterkeit und setzte sich düster und niedergeschlagen in eine Ecke. Aber noch Schlimmeres stand ihm bevor, und als es kam, steigerte sich seine Schwermut. Nach und nach geriet er in Schulden; in seinen Truhen, die die Familie Schwillenhausen für unerschöpflich gehalten hatte, ging es zur Neige, und als seine Gemahlin im Begriffe war, den Stammbaum des Hauses mit einem dreizehnten Reis zu schmücken, machte er die betrübende Entdeckung, daß es mit seinen Mitteln zu Ende sei.

»Ich sehe nicht«, sagte sich der Freiherr, »wie ich mir weiterhelfen könnte. Es wird wohl das beste sein, ich bringe mich um.«

Das war ein glorreicher Gedanke. Der Freiherr nahm ein altes Jagdmesser aus einem Wandschrank, wetzte es an seiner Stiefelsohle und fuhr sich damit nach der Kehle.

»Hm«, sagte er dann und hielt inne, »vielleicht ist es nicht scharf genug.«

Abermals wetzte er es und wiederholte seinen Versuch, aber diesmal störte ihn das Kindergeschrei, das aus dem Turmzimmer über dem seinen herabtönte.

»Wäre ich Junggeselle«, seufzte der Freiherr, »so hätte ich es wohl fünfzigmal ausführen können, ohne dabei unterbrochen worden zu sein. »Heda, man bringe mir einen Humpen Wein und die längste Pfeife in das kleine Zimmer hinter der Halle!«

Einer der Diener kam dem Befehl unterwürfig im Verlauf einer halben Stunde oder darüber nach, und als der Freiherr sich nach dem gewölbten Zimmer verfügte, dessen schwarzgetäfelte und polierte Wände von dem Feuer des im Kamin lodernden Holzstoßes widerstrahlten, standen Humpen und Pfeife bereit, und der Ort sah im ganzen recht behaglich aus.

»Laß die Lampe da!« befahl der Freiherr.

»Befehlen sonst noch etwas, gnädiger Herr?« fragte der Diener.

»Abfahren«, brummte der Freiherr, jagte den Diener hinaus und verschloß die Türe.

»Ich will noch meine letzte Pfeife rauchen«, seufzte er dann, »ehe ich der Welt Lebewohl sage.«

Mit diesen Worten legte der Freiherr von Saufaus sein Messer auf den Tisch, goß ein ziemliches Quantum Wein hinunter, warf sich in seinem Stuhl zurück, streckte seine Füße vor dem Feuer aus und blies mächtige Rauchwolken in die Luft.

Er machte sich dabei allerlei Gedanken über seine gegenwärtige Trübsal, über die entschwundenen Tage seines Junggesellenlebens und über die vierundzwanzig Grünröcke, die sich seitdem nach allen Himmelsrichtungen zerstreut hatten, ohne daß man weiter etwas von ihnen gehört hätte. Sein Geist war mit Bären und Wildschweinen beschäftigt, und er hatte eben das Glas angesetzt, um es bis auf den Grund zu leeren, als er plötzlich zu seinem grenzenlosen Erstaunen bemerkte, daß er nicht allein sei.

Er war auch wirklich nicht allein, denn ihm gegenüber am Kamin saß mit verschränkten Armen eine runzlige, greuliche Gestalt mit eingesunkenen blutunterlaufenen Augen und einem langgezogenen Leichengesicht, in das das verfilzte schwarze Haar wild herabhing. Der Mann trug eine Art Tunika von dunkler, ins Bläuliche spielender Farbe, die, wie der Freiherr zu seinem Erstaunen bemerkte, von oben bis unten mit Sarggriffen verziert und zusammengehalten war. Die Beine staken in Sargschildern, ähnlich den Schienen einer Rüstung, und über der linken Schulter trug die Erscheinung einen kurzen, dunklen Mantel, der aus den Überresten eines Sargtuches angefertigt zu sein schien. Das Phantom schenkte seinem Gegenüber nicht die geringste Aufmerksamkeit und blickte nur unablässig ins Feuer.

»Hallo!« rief der Freiherr und stampfte mit dem Fuße auf, um sich bemerkbar zu machen.

»Nun, was gibt's?« fragte die Erscheinung und drehte ihre Augen dem Ritter zu.

»Was es gibt?« fuhr der Freiherr auf, dem die hohle Stimme und die glanzlosen Augen keine Furcht einzujagen vermochten. »Diese Frage steht, dächte ich, eigentlich mir zu. Wie bist du hierhergekommen?«

»Durch die Türe.«

»Wer bist du?« forschte der Freiherr.

»Ein Mensch wie du.«

»Das glaube ich nicht.«

»Dann laß es bleiben«, höhnte die Gestalt.

»Auch recht«, brummte der Freiherr.

Das Phantom blickte den unerschrockenen Ritter eine Weile lang an und lenkte dann ein:

»Ich sehe wohl, daß man dir nichts weismachen kann. Ich bin kein Mensch.«

»Also, was bist du denn?«

»Ein Engel.«

»Du siehst mir gerade nicht wie ein solcher aus«, meinte der Freiherr verächtlich.

»Ich bin der Engel der Verzweiflung und des Selbstmordes«, sagte die Erscheinung. »Jetzt kennst du mich.«

Mit diesen Worten wandte sich das Gespenst zu dem Freiherrn, als habe es dringend mit ihm zu sprechen. Höchst auffallend war, daß es dabei den Mantel zurückschlug und einen Pfahl sehen ließ, der ihm mitten durch den Leib getrieben war. Mit einem Ruck zog es ihn heraus und legte ihn so kaltblütig auf den Tisch, als ob er ein Spazierstock gewesen wäre.

»Nun«, sagte das Gespenst und schielte dabei nach dem Jagdmesser, »bist du bereit?«

»Noch nicht ganz«, antwortete der Freiherr. »Ich muß zuvor noch diese Pfeife ausrauchen.«

»Also mach schnell«, drängte das Gespenst.

»Du scheinst es ja sehr eilig zu haben«, meinte der Freiherr.

»Allerdings. In Frankreich und England geht augenblicklich das Geschäft so stark, daß meine Zeit sehr in Anspruch genommen ist.«

»Trinkst du?« fragte der Freiherr und berührte den Humpen mit der Pfeife.

»In neun Fällen unter zehn, aber dann tüchtig.«

»Niemals mit Maß?«

»Niemals«, erwiderte die Gestalt mit einem Schauder, »das würde doch Fröhlichkeit erzeugen.«

Der Freiherr betrachtete seinen seltsamen Gast abermals von Kopf bis zu Fuß und kam zu dem Schluß, daß es wirklich ein kurioser Kauz wäre. »Nimmst du denn an allen Fällen, wie dem meinigen, so tätigen Anteil?« fragte er endlich.

»N-nein«, sagte das Gespenst ausweichend, »aber ich bin immer zugegen.«

»Um zu sehen, ob alles in Ordnung ist? Was?«

»Ja«, gab das Phantom zu, mit dem Pfahle spielend, dessen Eisenbeschlag es sorgfältig untersuchte. »Aber mach schnell jetzt. Ich wittere, daß ein junger Herr, der zuviel Geld und freie Zeit hat, gegenwärtig meiner dringend bedarf.«

»Was? Einer will sich umbringen, weil er zuviel Geld hat?« rief der Ritter, nicht wenig erheitert. »Ha, ha, ha, das ist eine kuriose Idee.« Es war seit langer Zeit, daß der Freiherr wieder einmal lachte.

»Ich rate dir«, verwies der Geist ernstlich gekränkt, »laß das in Zukunft.«

»Warum denn?«

»Weil es mir durch Mark und Bein geht. Seufze lieber. Das tut mir wohl.«

Der Freiherr seufzte unwillkürlich, und das Gespenst war sofort wieder heiter und reichte ihm mit ausgesuchter Höflichkeit das Jagdmesser hin.

»Hm. Kein übler Gedanke, sich den Hals durchzuschneiden, weil man zuviel Geld hat«, brummte der Freiherr und prüfte die Schneide des Messers.

»Nicht schlimmer, als wenn sich jemand umbringt, weil er wenig oder gar keins hat«, meinte das Phantom.

Sprach der Geist aus Unvorsichtigkeit so, oder hielt er den Entschluß des Freiherrn für so fest gefaßt, daß er nicht mehr umzustoßen sei? Ich weiß es nicht, aber jedenfalls hielt der Freiherr in seinem Vorhaben plötzlich inne, riß die Augen weit auf und sah ganz so aus wie jemand, dem mit einem Male ein Licht aufgeht.

»Eigentlich«, überlegte er, »ist nichts so schlimm, daß es sich nicht wiedergutmachen ließe.«

»Leere Truhen ausgenommen«, sagte das Gespenst.

»Na, die ließen sich schließlich vielleicht doch wieder füllen«, meinte der Freiherr.

»Keifende Weiber«, murrte der Geist unwirsch.

»Die könnte man zähmen«, entgegnete der Ritter.

»Dreizehn Kinder«, brüllte der Geist.

»Können unmöglich alle mißraten.«

Der Geist war augenscheinlich gräßlich wütend auf den Freiherrn, der auf einmal seine Ansichten so ganz und gar geändert hatte, aber er versuchte es, seinen Grimm unter einem Lächeln zu verbergen, und sagte, er würde sich dem Herrn Baron ungemein verpflichtet fühlen, wenn dieser mit seinen Scherzreden endlich aufhören wolle.

»Es ist mir nicht im geringsten eingefallen, zu scherzen«, versetzte der Freiherr.

»Nun, das freut mich«, sagte der Geist mit äußerst grämlicher Miene, »denn Scherz und gute Laune gehen mir furchtbar auf die Nerven. Also rasch, gib sie auf, diese traurige Welt!«

»Ich weiß wirklich nicht«, überlegte der Freiherr, mit dem Messer spielend; »sie ist allerdings sehr traurig, aber ich glaube nicht, daß die deine viel besser ist. Dein Aussehen wenigstens ist nicht besonders tröstlich. – Und welche Sicherheit habe ich schließlich, daß ich besser daran sein werde, wenn ich diese Welt verlasse?!« rief er und sprang auf. »Das habe ich wahrhaftig noch gar nicht bedacht.«

»Beeile dich!« drängte das Gespenst zähneknirschend.

»Hebe dich weg von mir!« rief der Freiherr. »Ich will nicht länger über meinem Unglück brüten. Vielmehr eine gute Miene dazu machen und es wieder mit der frischen Luft und der Bärenjagd versuchen. Hilft das nicht, so will ich ein Wörtchen mit meiner Gnädigen sprechen und die Schwillenhausens totschlagen.«

Mit diesen Worten warf sich der Ritter in seinem Stuhl zurück und lachte so laut, daß das Zimmer dröhnte.

Das Gespenst wich ein paar Schritte zurück und sah ihn mit einem Blick des größten Entsetzens an. Dann griff es wieder nach seinem Pfahl, stieß ihn sich mit aller Macht durch den Leib, heulte fürchterlich auf und verschwand.

Baron Saufaus sah das Phantom nie wieder. Da er wirklich entschlossen war zu handeln, brachte er die Freifrau und die von Schwillenhausen bald zur Vernunft und starb viele Jahre nachher als glücklicher, wenn auch nicht allzu reicher Mann, obschon ich in dieser Hinsicht keine bestimmte Auskunft zu geben vermag. Jedenfalls hinterließ er eine zahlreiche Familie, die unter seiner persönlichen Leitung zur Bären- und Eberjagd herangebildet worden war.

Mein Rat ist nun der, daß alle Männer, die aus ähnlichen Ursachen kopfhängerisch geworden sind, beide Seiten der Medaille betrachten mögen und die bessere an ein Vergrößerungsglas halten sollten. Fühlen sie sich dann noch versucht, ohne Sang und Klang aus der Welt zu scheiden, so sollten sie jedenfalls vorher noch eine lange Pfeife rauchen, eine Flasche Wein leeren und aus dem lobenswerten Beispiel des Freiherrn von Saufaus – – –«

»Der Wagen steht bereit, meine Herrschaften!« rief der Postillion in das Zimmer. »Einsteigen! Einsteigen!«

Die Punschgläser wurden in aller Eile geleert und die Reise wieder fortgesetzt. Nikolas schlief gegen Morgen ein, und als er wieder erwachte, fand er zu seinem großen Leidwesen, daß während seines Schlummers beide, der Baron von Saufaus und der grauhaarige Herr, ausgestiegen und auf und davon waren.

Der Tag schleppte sich langsam genug hin, und abends, ungefähr gegen sechs Uhr, wurden Mr. Squeers, sein Hilfslehrer, die Knaben und das gesamte Gepäck vor dem neuen Gasthaus zum »Heiligen Georg« in Greta Bridge abgesetzt.

7. Kapitel

Mr. und Mrs. Squeers im häuslichen Kreise

Mr. Squeers ließ Nikolas und die Knaben mit dem Gepäck auf der Straße warten, um ihnen das Vergnügen, dem Wechsel der Pferde zuzusehen, nicht zu schmälern, und eilte ins Wirtshaus, um am Schenktische »die Beine ein wenig auszustrecken«. Nach einigen Minuten kam er »ausgeruht«, wie man aus der Röte seiner Nase und seinem Schlucksen deutlich entnehmen konnte, wieder heraus, und zugleich wurde ein schmutziger Einspänner und ein Karren, mit zwei Arbeitern davor, aus dem Hofe gezogen.

»Setzt die Knaben und die Koffer in den Karren«, befahl er, sich die Hände reibend. »Ich und dieser junge Mann werden den Einspänner benützen. Steigen Sie ein, Nickleby.«

Nikolas gehorchte, und nachdem Mr. Squeers die Mähre nicht ohne einige Mühe veranlaßt hatte, gleichfalls zu gehorchen, fuhren sie ab und ließen den mit soviel Kinderelend beladenen Karren langsam nachfolgen.

»Ist es noch weit nach Dotheboys Hall, Sir?« fragte Nikolas.

»Noch etwa drei Meilen«, versetzte Squeers. »Sie können übrigens hier unten das ›Hall‹ weglassen.«

Nikolas hustete, um anzudeuten, daß es ihm angenehm wäre, den Grund davon zu erfahren.

»Es gibt nämlich keine ›Hall‹ hier«, erklärte Squeers trocken.

»So?« sagte Nikolas nicht wenig befremdet.

»In London nennen wir es Hall, weil es besser klingt, aber hier herum kennt niemand etwas dergleichen. Es kann einer sein Haus eine Insel nennen, wenn es ihm beliebt. Soviel ich weiß, ist das durch keine Parlamentsakte verboten.«

»Allerdings nicht, Sir«, gab Nikolas zögernd zu und schwieg.

Squeers warf ihm einen schlauen Blick zu, aber da er ihn in Gedanken vertieft und keineswegs geneigt sah, weiter auf das Gespräch einzugehen, begnügte er sich, auf den Gaul einzuhauen, bis sie endlich am Ziele ihrer Reise anlangten.

»So, Mr. Nickleby, steigen Sie hier aus«, sagte er dann. »Heda! Holla! Das Pferd ausgespannt! Na, wird's bald?«

Nikolas hatte inzwischen Zeit, Beobachtungen anzustellen, und sah, daß Mr. Squeers' Erziehungsanstalt ein langes, kalt aussehendes, einstöckiges Haus war, hinter dem sich einige Nebengebäude, eine Scheune und ein Stall befanden. Nach ein paar Minuten hörte man jemand den Riegel des Hoftors zurückschieben, und gleich darauf trat ein aufgeschossener, ausgemergelter Junge mit einer Laterne in der Hand heraus.

»Bist du's, Smike?« rief Squeers.

»Ja, Sir.«

»Warum zum Teufel hast du so lange gemacht?«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir, ich war beim Feuer eingeschlafen«, antwortete Smike demütig.

»Feuer? Was für ein Feuer? Wo ist Feuer?« fragte der Schulmeister scharf.

»Nur in der Küche, Sir«, entgegnete der Junge. »Mrs. Squeers sagte, ich könnte hineingehen und mich wärmen, bis Sie kämen.«

»Ich glaube, Mrs. Squeers ist toll geworden«, brauste der Pädagog auf. »Du wärest in der Kälte wahrhaftig eher wach geblieben.«

Mr. Squeers war mittlerweile ausgestiegen und befahl dem Jungen, nach dem Pferd zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß es heute keinen Hafer mehr bekäme. Dann hieß er Nikolas an der Eingangstüre warten, die er von innen öffnen gehen wollte.

Ein Heer schlimmer Gedanken bestürmten Nikolas; die große Entfernung von der Heimat und die Unmöglichkeit, sie anders als zu Fuße zu erreichen, wenn er genötigt sein sollte zurückzukehren, stellten sich ihm in den beunruhigendsten Farben dar, und als er das trübselige Haus mit den dunklen Fenstern und die wilde, ringsumher mit Schnee bedeckte Gegend betrachtete, fühlte er ein Herzeleid, wie er es bisher nie gekannt hatte.

»Nun?« rief Squeers und steckte den Kopf aus der Türe. »Wo sind Sie denn, Nickleby?«

»Hier, Sir.«

»So kommen Sie doch herein. Der Wind saust durch die Türe, daß es einen umwerfen könnte.«

Nikolas gehorchte seufzend. Mr. Squeers legte, um das Tor gegen den Wind zu sichern, einen Balken vor und führte dann den Hilfslehrer in ein kleines, sparsam mit Stühlen versehenes Zimmer. An der Wand hing eine vergilbte Landkarte, und auf einem der beiden vorhandenen Tische standen die Vorbereitungen zu einem Abendessen, während auf dem andern Murrays Grammatik – der unentbehrliche Ratgeber des Pädagogen –, ein halbes Dutzend Geschäftskarten und ein alter, an Wackford Squeers, Wohlgeboren, adressierter Brief in malerischer Unordnung umherlagen.

Sie waren kaum ein paar Minuten in diesem Gemach, als ein Frauenzimmer hereinstürzte, Mr. Squeers an der Kehle packte und ihm zwei schallende Küsse applizierte, die einander so rasch wie das Klopfen eines Briefträgers folgten. Die Dame, eine hagere, derbknochige Gestalt, war fast um einen halben Kopf größer als Mr. Squeers und trug eine barchentne Nachtjacke und eine schmutzige Schlafmütze, gegen die ein gelbes, baumwollenes Schnupftuch, das sie unter dem Kinn zusammengeknüpft hatte, lebhaft abstach.

»Was macht mein Squeerchen?« fragte sie in scherzendem Tone und mit rauher heiserer Stimme.

»Ganz gut geht's mir, meine Liebe«, versetzte Squeers. »Was machen die Kühe?«

»Alles wohl. Stück für Stück.«

»Und die Schweine?«

»Sind so gesund wie bei deiner Abreise.«

»Gott sei Dank«, sagte Squeers und zog seinen Reisemantel aus. »Mit den Jungen ist wahrscheinlich auch alles in Ordnung?«

»O ja, so ziemlich«, versetzte die Dame ärgerlich. »Der kleine Pitcher hat wieder Fieber.«

»Verdammter Bengel«, fluchte Squeers, »der hat auch immer was.«

»Ich glaube, auf der ganzen Welt gibt's keinen so nichtsnutzigen Jungen mehr«, schimpfte Mrs. Squeers, »und wenn er etwas hat, dann ist's auch jedesmal noch ansteckend. Aber es ist nichts als seine Verstocktheit, das wird mir niemand ausreden. Ich werde es ihm aber schon ausprügeln, wie ich dir bereits vor sechs Monaten gesagt habe.«

»Ja, ich erinnere mich, meine Liebe«, brummte Squeers. »Na, wir werden ja sehen, was sich tun läßt.«

Nikolas stand mittlerweile verlegen mitten im Zimmer, unschlüssig, ob er sich in den Hausflur zurückziehen oder bleiben solle. Mr. Squeers erlöste ihn jetzt aus dieser peinlichen Ungewißheit.

»Dies ist der neue junge Mann, mein Schatz«, stellte er ihn der Frau vom Hause vor.

»So«, sagte Mrs. Squeers, nickte Nikolas zu und musterte ihn unfreundlich von Kopf bis zu Fuß.

»Er wird mit uns zu Abend essen und morgen sein Geschäft bei den Jungen beginnen. – Du kannst ihm doch eine Streu zurechtmachen, was?«

»Will sehen, was sich tun läßt«, brummte die Dame. »Sie machen sich doch nichts daraus, wie Sie schlafen, was?«

»O nein«, beeilte sich Nikolas zu erwidern, »in dieser Hinsicht bin ich nicht heikel.«

»Na, das ist ja ein großes Glück«, höhnte Mrs. Squeers.

Der Witz der Dame pflegte sich zumeist in beißenden Antworten zu äußern, und Mr. Squeers lachte deshalb herzlich und schien von Nikolas dasselbe zu erwarten.

Sodann entspann sich zwischen dem Ehepaar wieder eine lebhafte Unterhaltung über den Erfolg von Mr. Squeers' Abstecher und inzwischen eingegangene Zahlungen und böswillige Schuldner, die erst aufhörte, als ein Dienstmädchen eine Yorkshirer Pastete und ein kaltes Stück Rindfleisch hereintrug und beides auf den Tisch setzte, worauf der junge Smike mit einem Krug Bier erschien.

Mr. Squeers entleerte die Taschen seines Mantels von den Briefen an die verschiedenen Zöglinge und von kleinen Dokumenten, die er mitgebracht hatte, wobei der halbwüchsige Junge mit einem scheuen und ängstlichen Ausdruck auf die Papiere blickte, als hege er die schwache Hoffnung, es könne vielleicht auch etwas für ihn darunter sein. Der Blick war so schmerzlich und sprach von so langen qualvollen Leiden, daß er Nikolas tief ins Herz schnitt.

Obgleich Smike nicht weniger als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen konnte und für dieses Alter ziemlich groß schien, so war doch seine Kleidung ungefähr die eines kleinen Knaben und an Armen und Beinen geradezu lächerlich kurz – nichtsdestoweniger aber weit genug, so mager und abgezehrt war die Gestalt des Jungen. Um die untere Partie seiner Beine mit dieser seltsamen Garderobe in Einklang zu bringen, trug er ein Paar ungeheure Stiefel, die ursprünglich mit Stulpen versehen gewesen, für einen stämmigen Bauern gemacht sein mochten, aber jetzt sogar für einen Bettler zu zerschlissen waren. Gott weiß, wie lange er schon bei Squeers sein konnte, aber offenbar trug er noch immer dasselbe Weißzeug, das er einst mitgebracht, denn um den Hals hing ihm eine zerrissene Kinderkrause, die zur Hälfte von einem groben Männerhalstuch bedeckt war. Er hinkte, und während er sich emsig mit der Herrichtung des Tisches beschäftigte, warf er einen so scharfen und doch so entmutigten und hoffnungslosen Blick auf die Briefe, daß Nikolas es kaum mehr mit ansehen zu können glaubte.

»Was schnüffelst du da herum, Smike?« rief Mrs. Squeers plötzlich. »Willst du wohl die Sachen daliegen lassen, was?«

»Ah, du bist da?« sagte der Pädagog und blickte auf.

»Ja, Sir«, hauchte der Junge und preßte die Hände zusammen, als ob er mit Gewalt die zuckenden Finger zurückhalten müsse, nicht nach den Papieren zu greifen, »ist nicht –?«

»Was?« fuhr Squeers auf.

»Haben Sie – ist jemand – hat man nichts gehört – über mich?«

»Zum Henker, nein«, brummte Squeers verdrießlich.

Der Junge blickte weg und schlich, sich mit der Hand die Augen bedeckend, zur Türe.

»Nicht ein Wort«, nahm Squeers seine Rede wieder auf, »und ich werde wohl auch nie etwas zu hören bekommen. Wirklich unglaublich, daß du jetzt schon so viele Jahre hier bist und man nach den ersten sechsen keinen Penny mehr für dich bezahlt hat. Nicht einmal gefragt hat man nach dir, so daß man hätte ausfindig machen können, wohin du gehörst. Eine feine Geschichte das, einen so großen Bengel wie dich auffüttern zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, je einen Penny dafür zu bekommen. Was?«

Der Junge legte die Hand an die Stirne, als versuche er, sich irgendeine Erinnerung zurückzurufen, blickte dann ausdruckslos nach dem Frager, verzog allmählich sein Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln und hinkte hinaus.

»Ich muß dir sagen, Squeers«, bemerkte die Frau vom Hause, als sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte, »ich fürchte, der Bursche wird noch blödsinnig.«

»Will ich nicht hoffen«, brummte Squeers, »er ist sonst brauchbar und ganz anstellig und für das bißchen Essen und Trinken eigentlich billig. Wäre es aber schließlich auch der Fall, für unsere Zwecke wird er immer noch genug Verstand haben. Aber komm jetzt, wir wollen essen. Ich bin hungrig und müde und will machen, daß ich zu Bett komme.«

Auf diese Mahnung wurde noch ein Beefsteak für Mr. Squeers hereingebracht, der nicht säumte, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nikolas zog sich einen Stuhl an den Tisch heran, aber der Appetit war ihm gänzlich vergangen.

»Wie findest du das Beefsteak?« fragte Mrs. Squeers.

»Zart wie Lammfleisch«, schnaufte Squeers kauend. »Willst du versuchen?«

»Nein, nein, ich bin ganz satt«, lehnte die Hausfrau ab. »Was soll der junge Mann bekommen, mein Lieber?«

»Was er mag«, erwiderte Squeers in einer höchst ungewöhnlichen Anwandlung von Großmut.

»Also was, Mr. Knickerby?« fragte Mrs. Squeers.

»Ich möchte mir ein kleines Stückchen von der Pastete ausbitten; nur ein ganz kleines, ich bin nicht hungrig«, antwortete Nikolas.

»Ist es aber nicht schade, die Pastete aufzuschneiden, wenn Sie nicht hungrig sind?« meinte Mrs. Squeers. »Wollen Sie nicht lieber ein Stückchen von dem Rindfleisch versuchen?«

»Ganz wie es Ihnen beliebt«, murmelte Nikolas zerstreut, »es ist mir ganz gleichgültig.«

Mrs. Squeers schien diese Antwort sehr zu gefallen. Sie nickte ihrem Gatten zu, wie um ihm ihre Zufriedenheit darüber auszudrücken, daß der junge Mann sich so gut in seine Stellung zu finden wisse, und legte Nikolas mit ihren eigenen schönen Händen eine Fleischschnitte vor.

»Bier, Squeerchen?« fragte sie dabei und gab ihrem Manne durch Blinzeln und Stirnrunzeln zu verstehen, daß sie meinte, ob der Hilfslehrer auch welches bekommen solle.

»Na ja«, antwortete Squeers unter ähnlichen Gebärden. »Ein Glas.« Nikolas erhielt also ein Glas voll und trank es, da er mit seinen Gedanken zu sehr beschäftigt war, in glücklicher Nichtbeachtung dessen, was da verhandelt wurde, aus.

»Das Beefsteak war ungemein saftig«, lobte Squeers und legte endlich Messer und Gabel aus der Hand.

»Es ist Mastochsenfleisch«, erklärte die Hausfrau, »ich habe ein schönes großes Stück in der Absicht gekauft –«

»In was für einer Absicht?« fuhr Squeers auf. »Doch nicht für die –«

»Natürlich nicht für sie«, beruhigte ihn Mrs. Squeers. »Natürlich für dich, wenn du wieder nach Hause kämest. Wie kannst du nur denken – – Glaubst du vielleicht, ich bin verrückt?«

Dieser Teil der Unterhaltung war etwas unverständlich, wenn man keine Kunde von dem in der Gegend im Umlaufe befindlichen Gerüchte hatte, Mr. Squeers hasse Grausamkeit gegenüber Tieren so sehr, daß er für seine Zöglinge nur Fleisch von Vieh aufkaufe, das eines natürlichen Todes gestorben sei.

Als das Abendessen vorüber war, wurde es von einem kleinen Dienstmädchen mit hungrigen Augen wieder abgetragen, und Mrs. Squeers entfernte sich, um die Überbleibsel einzuschließen. Ebenso trug sie Sorge, die Kleider der soeben halberfroren angekommenen fünf Knaben aufzubewahren. Die Kinder wurden mit einem dünnen Süppchen abgespeist und dann Seite an Seite in eine kleine Bettstelle gepackt, wo sie sich aneinander wärmen und von einem besseren Mahle in einem geheizten Stübchen träumen durften, wenn ihre Einbildungskraft diese Richtung einschlagen sollte.

Mr. Squeers selbst labte sich noch mit einem tüchtigen Glas Grog, der nach dem beliebten Grundsatz, Branntwein und heißes Zuckerwasser genau zu gleichen Teilen, zusammengesetzt war, und seine liebenswürdige Gattin mischte für Nikolas ein kleines Glas voll desselben Getränkes, aber natürlich in wesentlich verdünnterer Lösung. Sodann rückte das Ehepaar dicht an das Feuer, stemmte die Füße auf das Kamingitter und flüsterte vertraulich zusammen, während Nikolas Murrays Grammatik hernahm und geistesabwesend darin blätterte.

Endlich gähnte Mr. Squeers entsetzlich und meinte, es wäre höchste Zeit, zu Bett zu gehen, worauf seine Gattin und das Dienstmädchen einen kleinen Strohsack und ein paar Decken in das Zimmer schleppten und zu einem Lager für Nikolas herrichteten.

»Wir werden Ihnen morgen Ihre regelmäßige Schlafstelle anweisen, Nickleby«, sagte Squeers. »Wer schläft in Brooks' Bett, meine Liebe?«

»In Brooks' Bett?« sann Mrs. Squeers nach. »Jennings, der kleine Bolder, Graymarsh und – wie heißt doch noch der vierte!?«

»Hm, ja«, brummte Squeers, »Brooks' Bett ist also voll.«

»Voll?« dachte Nikolas. »Man sollte denken, mehr als voll.«

»Es muß aber doch irgendwo noch Platz sein«, fuhr Squeers fort, »ich kann mich nur im Augenblick nicht recht besinnen. Aber lassen wir das bis morgen. Gute Nacht, Nickleby. Vergessen Sie nicht, morgen früh um sieben!«

»Ich werde bereit sein, Sir. Gute Nacht«, erwiderte Nikolas.

»Ich werde übrigens selbst kommen und Ihnen den Brunnen zeigen. Sie werden immer ein Stückchen Seife auf dem Küchenfenster finden. Das ist für Sie. Und – hm, ich weiß momentan nicht, wessen Handtuch ich Ihnen anweisen soll. Aber Sie können sich ja morgen früh mit etwas anderem behelfen; meine Frau wird dann im Lauf des Tages schon dafür Sorge tragen. Vergiß nicht, meine Liebe.«

»Ich werde schon dran denken«, entgegnete Mrs. Squeers, »und Sie, junger Mann, sehen Sie darauf, daß Sie zuerst zum Waschbecken kommen, ehe es Ihnen die Jungen schmutzig machen.«

Dann verschloß sie noch sorgsam die Brandyflasche, damit ihr Nikolas nicht am Ende in der Nacht zuspräche, und entfernte sich mit ihrem Gatten.

Als Nikolas allein war, ging er in großer Erregung ein paarmal im Zimmer auf und ab. Allmählich wurde er jedoch ruhiger, setzte sich auf einen Stuhl und nahm sich fest vor, alles Ungemach, und möge kommen, was da wolle, eine Zeitlang geduldig über sich ergehen zu lassen, um seinem Onkel keinen Vorwand zu geben, die Hand von seiner hilflosen Mutter und Schwester abzuziehen. Das tat ihm gut; seine Verzagtheit ließ nach, und so sanguinisch sind die Träume der Jugend, daß er sogar zu hoffen begann, es würde sich die Sache in Dotheboys Hall vielleicht doch noch besser machen, als sie sich jetzt anließ.

Er wollte sich eben, wieder ein bißchen ermutigt, auf sein Lager werfen, als ihm der versiegelte Brief aus der Rocktasche fiel, den ihm Newman Noggs so geheimnisvoll in London zugesteckt hatte.

»Himmel, was für eine wunderliche Handschrift«, sagte Nikolas und betrachtete das merkwürdig bekritzelte Papier. Nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, folgendes zu entziffern:

Mein lieber junger Herr! Ich kenne die Welt. Ihr Vater kannte sie nicht, sonst würde er mir keine Wohltaten erwiesen haben, wo er doch so offenkundig nicht auf Rückerstattung rechnen durfte. Auch Sie kennen sie nicht, sonst hätten Sie sich nicht zu einer solchen Reise verpflichtet.

Wenn Sie je eines Obdachs in London bedürfen sollten (nehmen Sie mir diese Worte nicht übel, ich glaubte auch einst, nie eines solchen zu bedürfen), so können Sie meine Wohnung bei dem Wirte zur Krone, Golden Square, Silver Street, erfragen. Es ist das Eckhaus in Silver und James Street und hat auf beide Straßen hinaus einen Eingang. Sie können abends kommen. Einst schämte sich dessen niemand, doch das ist jetzt gleichgültig – die Zeit ist vorüber.

Entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Ich weiß heute kaum mehr, wie ein sauberer Anzug aussieht, geschweige denn, wie man Briefe schreibt.

Newman Noggs

PS. Wenn Sie nach Barnard Castle kommen, im »Königskopf« ist gutes Bier. Sagen Sie, daß Sie mich kennen, und man wird Ihnen dafür nichts anrechnen. Sie können dort von Mr. Noggs, Wohlgeboren, sprechen, denn ich war damals ein Gentleman. Auf mein Wort, ein Gentleman.

Als Nikolas Nickleby den Brief wieder zusammenfaltete und in seine Brusttasche steckte, standen Tränen in seinen Augen.

8. Kapitel

Der Haushalt in Dotheboys Hall

Eine Fahrt von zweihundert und etlichen Meilen bei schlechtem Wetter kann auch das härteste Bett weich machen. Vielleicht ist sie auch imstande, die Träume zu versüßen; wenigstens waren die, die Nikolas' hartes Lager umgaukelten und ihr luftiges Nichts in sein Ohr flüsterten, heiterster und glücklichster Art. Er war eben im Begriff, das rollende Rad des Glücks auf Windesflügeln einzuholen, als der schwache Schimmer einer ersterbenden Kerze auf seine Augen fiel und eine Stimme, die er ohne Schwierigkeiten für die Mr. Squeers' erkennen konnte, ihn erinnerte, daß es Zeit sei zum Aufstehen.

»Sieben vorbei«, mahnte der Schulmeister.

»Es ist schon Morgen?« fragte Nikolas und setzte sich im Bett auf.

»Na freilich. Und noch dazu ein recht eisiger Morgen. Machen Sie rasch, Nickleby, beeilen Sie sich.«

Nikolas bedurfte keiner weitern Ermahnung und kleidete sich beim Schein der Kerze, die Mr. Squeers in der Hand hielt, so rasch er konnte, an.

»Eine schöne Bescherung«, bemerkte Squeers, »der Brunnen ist zugefroren.«

»So«, entgegnete Nikolas zerstreut, da ihn diese Nachricht nicht besonders interessierte.

»Jawohl, Sie können sich daher heute nicht waschen.«

»Mich nicht waschen?« rief Nikolas.

»Nein; geht eben nicht«, erwiderte Squeers spitzig, »Sie müssen sich begnügen, sich eine trockene Politur zu geben, bis wir das Eis im Brunnen aufhacken und einen Eimer Wasser für die Jungen heraufholen können. Na, was starren Sie mich so an? Eilen Sie sich gefälligst!«

Nikolas erwiderte kein Wort und schlüpfte hastig in seine Kleider, während Squeers die Läden öffnete und das Licht ausblies. Bald darauf ließ sich die Stimme der liebenswürdigen Frau vom Hause vernehmen, die Einlaß begehrte.

»Komm nur herein, mein Schatz«, sagte der Schulmeister. Mrs. Squeers trat ein, noch immer in derselben Nachtjacke, in der sie sich schon abends so zweifelhaft ausgenommen, nur daß sie als weitere Zierde einen alten Castorhut mit vieler Anmut über der bereits erwähnten Nachthaube trug.

»Verfluchtes Zeug«, schimpfte sie, den Wandschrank öffnend, »ich kann den Schullöffel nirgends finden.«

»Mach dir nichts draus«, begütigte Squeers, »es ist doch ganz egal.«

»Ganz egal? Wie kannst du nur so reden«, entgegnete die Dame bissig. »Heute ist doch Schwefeltag.«

»Ja, ja, richtig. Das habe ich ganz vergessen«, sagte Mr. Squeers. »Wir geben den Jungen hie und da zum Blutreinigen ein, müssen Sie wissen, Nickleby.«

»Ach was, Papperlapapp«, unterbrach die Hausfrau. »Glauben Sie ja nicht, junger Mann, daß wir uns für Schwefelblüte und Sirup Unkosten machen würden, bloß um ihnen das Blut zu reinigen. – Wenn sie vielleicht glauben, wir betreiben das Geschäft auf diese Weise, sind Sie stark im Irrtum.«

»Meine Liebe«, wendete Squeers mit Stirnrunzeln ein. »Hm –«

»Ach, Dummheiten«, keifte Mrs. Squeers. »Wenn der junge Mann hier Lehrer sein will, so muß er auch wissen, daß wir kein Federlesens mit den Jungen machen. – Also, sie kriegen den Schwefel mit Sirup erstens einmal, weil sie, wenn man anders mit ihnen dokterte, immer etwas zu klagen hätten, so daß man gar nicht fertig würde; und dann, weil es ihnen die Freßlust nimmt und billiger zu stehen kommt als ein Frühstück und ein Mittagessen. So tut es zu gleicher Zeit ihnen und uns gut. Was will man weiter?«

Nach dieser umfassenden Erklärung steckte Mrs. Squeers den Kopf in den Schrank und stellte genaue Nachforschungen nach dem Löffel an, wobei ihr ihr Gatte half. Während des Suchens flüsterten sie miteinander, aber der Schrank dämpfte den Ton der Stimme so, daß Nikolas nichts weiter verstehen konnte, als daß Mr. Squeers behauptete, sie hätte etwas Unverständiges gesagt – eine Ansicht, die indes die Gnädige für dummes Geschwätz erklärte.

Als sich alles Suchen und Umherstöbern als fruchtlos erwies, rief sie Smike herein, den sie so lange mit Püffen und Mr. Squeers mit Ohrfeigen bearbeitete, bis sich im Lauf dieser Doppelbehandlung sein Geist so weit aufhellte, daß er die Vermutung auszusprechen vermochte, Mrs. Squeers habe den Löffel vielleicht in der Tasche, was sich denn auch als richtig herausstellte. Da jedoch Mrs. Squeers vorher beteuert hatte, sie wisse ganz bestimmt, daß er nicht dort wäre, so erhielt Smike eine weitere Ohrfeige, weil er sich unterfangen, seiner Gebieterin zu widersprechen – und zugleich die Verheißung einer Tracht Prügel, wenn er sich in Zukunft nicht respektvoller benehme, so daß ihm also sein Scharfsinn keinen besonders Gewinn brachte.

»Eine unbezahlbare Frau, Nickleby«, bemerkte Squeers, als seine Ehehälfte hinauseilte und dabei den armen Haussklaven vor sich hinstieß. »Ich kenne keine zweite. Sie ist immer dieselbe, Nickleby, geschäftig, rührig, tätig, sparsam.«

Nikolas seufzte unwillkürlich bei dem Gedanken an die liebenswürdigen Aussichten, die sich ihm in diesem Hause auftaten, aber Squeers war zufällig zu sehr in Gedanken, um es zu bemerken.

»Wenn ich in London oben bin, so gebrauche ich gewöhnlich die Redensart, daß sie den Knaben eine Mutter sei. Aber sie tut Dinge für die Jungen, Nickleby, daß ich wohl behaupten kann, die Hälfte aller Mütter vermöchte nicht, etwas der Art für ihre eigenen Söhne zu tun.«

»Das glaube ich gerne, Sir«, entgegnete Nikolas doppelsinnig.

Das Wahre an der Sache war übrigens, daß beide, Mr. und Mrs. Squeers, die Zöglinge sozusagen als ihre natürlichen Feinde betrachteten, aus denen soviel wie möglich herauszupressen ihre Pflicht und ihr Beruf sei. Über diesen Punkt waren beide einig und richteten demgemäß ihr Benehmen ein. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war nur, daß sie den Krieg gegen die Feinde offen und furchtlos führte, während er, auch zu Hause seine Niederträchtigkeit mit dem Mäntelchen seiner gewohnten Verstellung verhüllend, sich einreden zu wollen schien, daß er im Grunde genommen eigentlich eine seelensgute Haut wäre.

»Aber kommen Sie«, unterbrach er einen ähnlichen Gedankengang in dem Geiste seines Hilfslehrers. »Wir wollen jetzt in die Klasse gehen. Helfen Sie mir in meinen Schulrock, Nickleby.«

Nikolas half seinem Brotherrn, ein altes barchentnes Jagdwams anzuziehen, das auf einem Kleiderständer im Hausflur hing, und Squeers bewaffnete sich mit seinem spanischen Rohr und führte ihn über einen Hof zu einer Türe des Hinterhauses.

»So«, sagte er, als sie mitsammen eintraten, »dies ist unsere Werkstatt.«

In der »Werkstatt« bot sich ein so buntes Schauspiel, und soviel Sonderbares entrollte sich dem Auge, daß Nikolas im Anfang nur herumschauen konnte, ohne irgend etwas genauer zu unterscheiden. Nach und nach löste sich jedoch das Bild in ein kahles schmutziges Zimmer mit ein paar Fenstern auf, an denen übrigens das Glas kaum den zehnten Teil ausmachen mochte, da die Löcher darin mit Papier von alten Schreibbüchern geflickt waren. Ein paar lange, gebrechliche Tische, mit Messern zerschnitten, mit Tinte besudelt und auf jede nur mögliche Weise beschädigt, standen nebst einigen Bänken, einem besondern Pult für Mr. Squeers und einem zweiten für den Hilfslehrer umher. Die Decke war, wie bei einer Scheune, durch Querbalken und Sparren gestützt, und die Wände sahen so besudelt und geschwärzt aus, daß es unmöglich war, zu ermitteln, welche Farbe ihr ursprünglicher Anstrich, wenn ein solcher überhaupt vorhanden gewesen, gehabt haben mochte.

Und erst die Zöglinge! Die jungen Aristokraten! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, daß ernste Bemühungen in dieser Höhle des Elends je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Nikolas' Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, abgezehrte Gesichter, hagere Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Mißgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben, im Wachstum unterdrückt, und andere, deren lange, dünne Beinchen die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten, drängten sich vor seinen Blicken. Da gab es Triefaugen, Hasenscharten, Klumpfüße, kurz jede erdenkliche Häßlichkeit und Entstellung, die auf eine unnatürliche Abneigung der Eltern oder auf ein Leben hindeutete, das von frühester Kindheit an nur Grausamkeit und Vernachlässigung gekannt hatte. Unter ihnen hin und wieder ein schmales Gesicht, das schön gewesen sein würde, wäre es nicht durch den finstern Blick eines durch Leiden versteckten Innern verdüstert gewesen. Ein Bild der Kindheit, der der Glanz der Augen erloschen, deren Schönheit entschwunden, und wo nur die Hilflosigkeit allein zurückgeblieben war. Boshafte Gesichter mit bleiernen Augen, wie man sie bei Verbrechern im Gefängnis sieht, vor sich hinbrütend, und arme Geschöpfe, die die Sünden ihrer Eltern büßten und sich nach den gedungenen Wärterinnen sehnten, dem einzigen Lichtblick, den sie gekannt, als sie noch nicht ganz verlassen und einsam waren. Eine Höllensaat wurde hier großgezogen, in der Mitgefühl und Liebe schon bei der Geburt erstickt und jedes frische und jugendliche Denken durch Prügel und Hunger ausgerottet wurde und jede der Rachsucht entquellende Leidenschaft sich leise ihre Eitergänge bis in das Innerste eines zertretenen Herzens fraß.

Und doch hatte das Schauspiel, das sich da entrollte, so schmerzlich es war, etwas so Groteskes, daß ein minder beteiligter Zuschauer als Nikolas vielleicht ein Lächeln kaum hätte unterdrücken können. Mrs. Squeers stand hinter einem Lehrpult, eine ungeheuere Schüssel mit Schwefel und Sirup vor sich, und gab von dieser köstlichen Mischung jedem Kind eine starke Dosis, wobei sie sich eines ursprünglich wohl für einen Riesen angefertigten hölzernen Löffels bediente, der den Mund eines jeden der jungen Herren um ein beträchtliches erweiterte, da sie unter Strafandrohungen den ganzen Löffel voll auf einmal hinunterschlucken mußten. In einer Ecke der Stube hatten sich die neuen in der Nacht angekommenen kleinen Jungen zusammengedrängt, drei von ihnen in ungemein weiten Lederhosen und zwei in alten Pantalons, die womöglich noch enger anlagen, als man es bei gewöhnlichen Trikotunterhosen zu sehen pflegt. In einer kleinen Entfernung von ihnen saß Mr. Squeers' jugendlicher Sohn und Erbe, ein sprechendes Ebenbild seines Vaters, und wehrte sich aus Leibeskräften und mit Händen und Füßen gegen Smike, der ihm ein Paar neue Stiefel von verdächtigter Ähnlichkeit mit denen, die der kleinste der neuen Ankömmlinge auf der Herreise getragen hatte, anzuziehen bemüht war. Außerdem stand eine lange Reihe von Knaben harrend da, freilich mit Gesichtern, die nicht das angenehmste Vorgefühl hinsichtlich des Geschwefeltwerdens ausdrückten, während ein anderes Häuflein, das eben diese Tortur überstanden hatte, durch allerhand Mundverzerrungen andeutete, daß dieses Löffeltraktament gerade nicht zu den angenehmsten gehörte.

Die Knaben waren insgesamt so buntscheckig, schlecht zusammenpassend und ungewöhnlich gekleidet, daß man sich des Lachens nicht hätte erwehren können, wäre nicht der ekelhafte Anblick von Schmutz, Mißwirtschaft und Siechtum damit verbunden gewesen.

»Nein«, sagte Squeers und schlug mit dem spanischen Rohr so heftig auf den Tisch, daß die Hälfte der Jungen beinahe aus ihren Stiefeln gesprungen wäre. »Ist das Doktern endlich vorbei?«

»Sofort«, erwiderte Mrs. Squeers und klopfte das letzte Kind, das sie in der Eile fast erstickt hätte, mit dem hölzernen Löffel auf den Kopf, um es wieder zu sich zu bringen. »Smike, nimm die Schüssel fort. Rasch.«

Smike hinkte mit der Schüssel hinaus, und die Dame folgte ihm, nachdem sie sich zuvor die schmutzigen Finger an dem Lockenkopf eines Jungen abgewischt hatte, hastig nach einer Art Waschhaus, in dem ein kleines Feuer unter einem großen Kessel brannte und eine Anzahl kleiner hölzerner Näpfe auf einem Tische umherstanden.

In diese Näpfe goß sie, assistiert von dem ausgehungerten Dienstmädchen, ein braunes Gemisch, das wie Lohbrühe aussah und Suppe genannt wurde. In jeden Napf kam ein winziges Scheibchen Schwarzbrot, und als die Zöglinge ihre Suppe mit dem Brot ausgelöffelt und hinterdrein auch den Löffel verzehrt hatten, womit das Frühstück beendigt war, sprach Mr. Squeers weihevoll: »Herr, lasset uns danken für alles Gute, was wir von dir empfangen haben«, und begab sich hinaus, um seinerseits sich daran zu erquicken, was ihm der Herr bescherte.

Nikolas spülte sich den Magen mit einem Napf Suppe aus; wohl aus demselben Grunde, der gewisse Wilde veranlaßt, Erde zu verschlucken, um die mahnenden Eingeweide zu besänftigen, wenn nichts zu essen da ist. Und nachdem er noch eine Brotschnitte mit Butter verzehrt hatte, die ihm in seiner Eigenschaft als Lehrer zuteil wurde, setzte er sich nieder und wartete, bis der Unterricht begänne.

Es konnte ihm natürlich nicht entgehen, daß statt frischen Lebensmutes nur stumme Trauer unter den Kindern herrschte. Keine Spur von dem Tumult und Lärmen eines Schulzimmers, nichts von geräuschvollen Spielen oder herzlicher Fröhlichkeit. Die Kleinen kauerten sich zitternd zusammen und schienen sich nicht zu getrauen, sich auch nur zu bewegen. Der einzige Zögling, der einigermaßen Neigung zu Scherz an den Tag legte, war der junge Master Squeers. Da aber seine Hauptbelustigung darin bestand, mit seinen Stiefeln den anderen auf die Zehen zu treten, so bot seine Munterkeit gerade keinen besonders erfreulichen Anblick.

Nach einer halben Stunde trat Mr. Squeers wieder ein. Die Knaben gingen an ihre Plätze und griffen nach ihren Büchern, von denen durchschnittlich eines auf etwa acht Schüler kam. Der Schulmeister nahm einige Minuten eine sehr gelehrte Miene an, als wisse er alles auswendig und könne jedes Wort aus dem Kopfe hersagen, wenn er sich nur die Mühe dazu nehmen wollte, und rief dann die erste Klasse auf.

Dem Befehle gehorsam stellten sich etwa ein halbes Dutzend Vogelscheuchen mit an den Knieen und Ellenbogen durchlöcherten Kleidern vor seinem Pulte auf, und eine davon unterbreitete ein zerrissenes und beschmutztes Buch seinem gelehrten Auge.

»Dies ist die erste Klasse. Sie erhält Unterricht im Lesen und in der Philosophie, Nickleby«, erklärte Squeers und winkte Nikolas näher heran. »Wir wollen später auch eine Lateinklasse gründen und sie Ihnen übertragen. – Also gut. Wo ist unser Primus?«

»Er putzt in der hintern Stube die Fenster«, hauchte der Zugführer der philosophischen Klasse.

»Ja, richtig«, brummte Squeers. »Wir halten uns an die praktische Lehrmethode, Nickleby; das einzige richtige Erziehungssystem. P-u-tz, Putz, e-n, en, Putzen, Zeitwort, reinmachen, reinigen, F-e-n, Fen, s-t-e-r, ster, Fenster. Eine mit einer durchsichtigen Substanz verwahrte Öffnung, durch die Licht in die Häuser fällt. – Wenn ein Knabe etwas der Art aus dem Buche gelernt hat, so geht er hin und tut es. Wir folgen hier ganz demselben Grundsatz, den man bei dem Gebrauch der Erdgloben in Anwendung bringt. Wo ist der Zweite?«

»Er jätet im Garten Unkraut aus«, rief eine zarte Stimme.

»So ist es«, fuhr Squeers fort, ohne aus der Fassung zu kommen, »so ist's. B-o, Bo, d-a, da, Boda, n-i-k, nik, Bodanik, Hauptwort, Kenntnis der Pflanzen. – Wenn er gelernt hat, daß »Bodanik« Kenntnis der Pflanzen bedeutet, so geht er hin und lernt sie kennen. Dies ist mein System, Nickleby. Was halten Sie davon?«

»Jedenfalls sehr nutzbringend«, sagte Nikolas doppelsinnig.

»Das will ich meinen«, entgegnete Squeers, dem die ironische Betonung seines Hilfslehrers nicht weiter auffiel. »Nun, du Dritter, was ist ein Pferd?«

»Ein Tier, Sir«, antwortete der Knabe.

»Richtig«, lobte Squeers. »Stimmt's, Nickleby?«

»Ich glaube, daß hier kein Zweifel obwalten kann, Sir«, meinte Nikolas.

»Natürlich nicht. Ein Pferd ist ein Quadruped, und Quadruped ist das lateinische Wort für Tier, wie jeder, der die Grammatik durchgemacht hat, weiß, denn wo läge sonst der Nutzen der Grammatik?«

»In der Tat, wo läge er«, bestätigte Nikolas zerstreut.

»Da du deine Sache so gut gemacht hast«, lobte Squeers den Schüler, »so geh in den Stall, sieh nach meinem Pferd und striegle es ordentlich, sonst will ich dich striegeln. Die übrigen der Klasse scheren sich hinaus und schöpfen Wasser, bis man sie aufhören heißt, denn die Kessel müssen für den morgigen Waschtag gefüllt werden.« Mit diesen Worten entließ er die erste Klasse zu ihren praktischen Übungen in der Philosophie und sah Nikolas mit einem halb verschmitzten, halb unsichern Blick an, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck dieses Verfahren auf seinen Hilfslehrer gemacht habe.

»So wird die Sache bei uns betrieben, Nickleby«, sagte er nach einer langen Pause.

Nikolas zuckte kaum merklich die Achseln und sagte, daß ihn dies der Augenschein lehre.

»Es ist wirklich eine sehr gute Methode«, fuhr Squeers fort. »Doch lassen Sie jetzt die vierzehn kleinen Knaben lesen, denn Sie müssen anfangen, sich nützlich zu machen. Faulenzerei gibt's bei uns nicht.«

Mr. Squeers sagte dies in einem Tone, als sei ihm plötzlich eingefallen, daß er seinem Hilfslehrer nicht zuviel anvertrauen dürfe oder daß dieser ihm nicht genug zum Lobe der Anstalt gesagt habe. Die Kinder mußten sich sodann im Halbkreis um den neuen Lehrer aufstellen, und bald horchte dieser auf ihr träges, eintöniges und stockendes Herunterbuchstabieren jener wichtigen Geschichten, die in den ältern Fibelbüchern zu finden sind.

Unter dieser angenehmen Beschäftigung schleppte sich der Morgen schwerfällig hin. Um ein Uhr kamen die Zöglinge, nachdem man ihnen zuerst den Appetit durch Haferbrei und Kartoffeln genommen hatte, zu einem Stückchen stark eingepökelten Ochsenfleisch in die Küche, und Nikolas erhielt gnädigst die Erlaubnis, seinen Anteil nach seinem einsamen Pulte tragen zu dürfen, um es dort ungestört verzehren zu können. Dann kauerten sich die Knaben abermals eine Stunde lang fröstelnd in dem kalten Schulzimmer zusammen, worauf der Unterricht wieder seinen Anfang nahm.

Mr. Squeers pflegte nach jedem seiner halbjährlichen Besuche in der Hauptstadt die Knaben zusammenzurufen und ihnen eine Art Mitteilung zu machen über ihre Verwandten, wenn er sie gesehen, über Nachrichten, die er gehört, Briefe, die er mitgebracht, Rechnungen, die man bezahlt, oder Noten, die man schuldig geblieben war usw. Diese festliche Revue fand jedesmal stets erst am Nachmittag nach seiner Zurückkunft statt; vielleicht, damit die Knaben durch längeres Hangen und Bangen Seelenstärke gewönnen, vielleicht auch, weil Mr. Squeers durch gewisse warme Getränke, die er gewöhnlich nach dem Mittagessen zu sich zu nehmen pflegte, größere Unbeugsamkeit gewann. Doch sei dem, wie es wolle, die Knaben wurden von den Fenstern, dem Stalle, dem Garten und dem Hofe zurückgerufen, und das Schulzimmer war gesteckt voll, als Mr. Squeers mit einem Paketchen Briefschaften in der Hand und von seiner Gattin begleitet, die ein paar Haselstöcke trug, in das Zimmer trat und Stillschweigen gebot.

»Wenn einer, ohne daß er gefragt wird, das Maul auftut«, begann Mr. Squeers in mildem Tone, »so kriegt er Haue, bis ihm das Fell von den Knochen fällt.«

Diese Ankündigung hatte den beabsichtigten Erfolg; im Augenblick trat eine totengleiche Stille ein, und Squeers fuhr fort:

»Jungen, ich bin in London gewesen und gesund und wohl wieder zu meiner Familie und zu euch zurückgekehrt.«

Die Zöglinge begrüßten diese Nachricht dem halbjährigen Brauche zufolge mit drei schwachen Freudenrufen, die mehr wie ein Seufzer klangen aus der Brust eines Menschen, dem der Todesschweiß auf der Stirne steht.

»Ich habe die Eltern von einigen unter euch gesehen«, fuhr Squeers, seine Papiere durchblätternd, fort, »und sie sind so erfreut über die Fortschritte ihrer Söhne, daß an ein Zurücknehmen derselben nicht zu denken ist, was natürlich eine sehr erfreuliche Nachricht bedeutet.«

Bei diesen Worten fuhren zwei oder drei kleine Hände über zwei oder drei Augenpaare, aber der größere Teil der Kinder wußte nicht viel von seinen Eltern und war daher bei der Sache in keiner Weise beteiligt.

»Ich hatte mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen«, sagte Squeers und nahm eine zürnende Miene an. »Bolders Vater ist zwei Pfund, zehn Schillinge schuldig geblieben. Wo ist Bolder?«

»Hier, Sir«, antworteten zwanzig diensteifrige Stimmen. – Knaben sind in solchen Fällen genau wie Erwachsene. –

»Komm her, Bolder!« befahl Squeers.

Ein kränklich aussehender Junge mit von Warzen bedeckten Händen trat leichenblaß und klopfenden Herzens an das Pult und erhob flehend seine Augen.

»Bolder«, begann Squeers ganz langsam, denn er überlegte noch im Sprechen, wie er dem Kinde am besten beikommen könne, »Bolder! Wenn dein Vater glaubt – Aber, was ist das, Bengel?!«

Mit diesen Worten faßte Squeers die Hand des Knaben am Ärmelaufschlag und betrachtete die Warzen mit einem erbaulichen Ausdruck von Entrüstung und Ekel.

»Wie nennst du das, Musjö?« fragte er und gab dem Knaben zuvörderst einmal einen Schlag mit der Haselrute, um die Antwort zu beschleunigen.

»Ach, ich kann ja nichts dafür, Sir«, jammerte der Junge. »Sie kommen von selbst; ich glaube, es macht die schmutzige Arbeit, Sir. Ich weiß wirklich nicht, woher es kommt, Sir, aber ich kann nichts dafür.«

»Bolder«, knirschte Squeers, schlug die Hemdärmel zurück und feuchtete die Fläche der rechten Hand mit der Zunge an, um den Stock besser halten zu können, »du bist ein unverbesserlicher Lügner, und da die letzte Tracht Prügel bei dir nicht gefruchtet hat, so wollen wir mal sehen, ob eine neue nicht bessere Wirkung tut.«

Und ohne auf den kläglichen Schrei um Schonung zu achten, fiel er über den Knaben her und bearbeitete ihn so lange mit dem Stock, bis er kaum mehr den Arm rühren konnte.

»So«, keuchte Squeers, als er fertig war, »reib dir den Buckel, soviel du willst. Das da wirst du dir nicht so schnell herunterreiben. Was, du willst nicht zu heulen aufhören?! Führ ihn hinaus, Smike.«

Der Haussklave wußte aus Erfahrung zu gut, daß durch Zögern nichts gewonnen wurde, und schaffte daher das arme Opfer durch eine Seitentüre, während sich Mr. Squeers wieder auf seinen Stuhl hinpflanzte und seine Gattin an seiner Seite Platz nahm.

»So. Und jetzt weiter. Hier ist ein Brief für Cobbey. – Steh auf, Cobbey!«

Ein anderer Zögling erhob sich und betrachtete mit ängstlicher Miene den Brief, den der Schulmeister in einem kurzen Auszug vortrug.

»Also. Cobbeys Großmutter ist gestorben und sein Onkel John hat sich dem Trunk ergeben. Das sind die Neuigkeiten, die seine Schwester sendet – achtzehn Pence ausgenommen, die gerade hinreichen, die von Cobbey zerbrochene Fensterscheibe zu bezahlen. Liebe Frau, hier nimm das Geld.«

Die würdige Dame steckte die achtzehn Pence mit der gleichgültigsten Geschäftsmiene von der Welt ein, und Squeers ging ebenso kaltblütig zu dem nächsten Knaben über.

»Die Reihe kommt jetzt an Graymarsh. Steh auf, Graymarsh!« Der Junge gehorchte, und der Schulmeister überlas wie früher einen Brief.

Graymarshs Tante sei sehr erfreut über die Nachricht, daß ihr Neffe so gesund und zufrieden sei, und lasse Mrs. Squeers die achtungsvollsten Komplimente vermelden. Sie glaube, daß sie ein Engel sein müsse und ebenso wie Mr. Squeers, der hoffentlich der Menschheit noch lange erhalten bleiben werde, zu gut für diese Welt sei. Sie würde die verlangten zwei Paar Strümpfe gestrickt haben, wenn in ihrer Kasse nicht Ebbe geherrscht hätte. Statt dessen sende sie ein Traktätchen und hoffe, Graymarsh werde sein Vertrauen immer auf Gott setzen. Vor allem aber wünsche sie, daß er sich eifrig Mühe gebe, sich Mr. und Mrs. Squeers' Liebe in jeder Hinsicht zu erwerben und in ihnen seine einzigen Freunde zu sehen. Er solle den jungen Master Squeers lieben und sich nicht unchristlicherweise darüber beschweren, daß er zu fünft im Bett schlafen müsse.

»Hm«, brummte Squeers und faltete das Schreiben zusammen, »ein herrlicher Brief. – So liebreich!«

In gewissem Sinn war er allerdings sehr liebreich, denn des Knaben Tante war, wie sich ihre vertrauten Freundinnen ins Ohr flüsterten, niemand anders als seine wirkliche Mutter. Squeers ging natürlich, ohne auf diesen Teil der Geschichte anzuspielen, die vor den Knaben unmoralisch geklungen haben würde, weiter und rief den Namen Mobbs, worauf sich wieder ein Zögling erhob und Graymarsh auf seinen Platz ging.

»Mobbs' Stiefmutter«, berichtete Squeers, »hat sich zu Bett legen müssen, als sie hörte, daß er keinen Speck essen wolle, und ist seitdem immerwährend krank gewesen. Sie wünscht mit der nächsten Post zu erfahren, wo er eigentlich hingetan zu werden erwarte, wenn er sich über die Kost beklage, und will wissen, wieso er über die Kuhleberbrühe noch die Nase rümpfen kann, nachdem sein guter Lehrer den Segen darüber gesprochen hat. Daß das geschehen, habe sie aus den Londoner Zeitungen und nicht von Mr. Squeers erfahren, der zu menschenfreundlich und wohlwollend sei, Verwandte gegeneinander aufzuhetzen. Sie fühle sich übrigens in einer Weise gekränkt, daß sich Mobbs gar keinen Begriff davon machen könne. Es schmerze sie unendlich, eine so sündhafte und abscheuliche Unzufriedenheit an ihm zu bemerken, weshalb sie hoffe, Mr. Squeers werde ihn in mehr Duldsamkeit hineinprügeln. Wegen seines schlechten Betragens behalte sie auch den wöchentlichen halben Penny Taschengeld zurück und habe ein Messer mit doppelter Klinge und einem Korkenzieher, das für ihn bestimmt gewesen, der christlichen Mission geschenkt.

»Ja, ja, Widerspenstigkeit tut nicht gut«, sagte Mr. Squeers nach einer schrecklichen Pause und befeuchtete sich wieder die Fläche seiner rechten Hand. »Frohsinn und Zufriedenheit müssen stets aufrechterhalten werden. Mobbs, komm her.«

Mobbs bewegte sich langsam nach dem Pulte hin und rieb sich in der Vorahnung, bald genug Anlaß dazu zu haben, die Augen und erhielt ihn auch in so hohem Maße, wie es sich ein Knabe nur wünschen kann, und wurde dann gleichfalls durch die Seitentür entfernt.

Mr. Squeers fuhr sodann fort, die noch übrigen Briefe zu öffnen. Einige erhielten Geld, das Mrs. Squeers zum Aufheben übergeben wurde, und andere bezogen sich auf verschiedene kleine Kleidungsstücke, wie Mützen usw., die aber alle nach Ansicht der Dame des Hauses bald zu groß, bald zu klein waren und für niemand als Master Squeers passen wollten, der die allergefügigsten Gliedmaßen zu haben schien, da ihm alles, was in die Anstalt kam, wie angegossen saß. Besonders sein Kopf mußte eine wunderbare Elastizität besitzen, da ihm Hüte und Mützen von jeder Weite gleich gut paßten. Nach Erledigung dieses Geschäftes wurden noch einige Lektionen heruntergehudelt, worauf sich Mr. Squeers in seinen Familienkreis zurückzog und dem Unterlehrer die Obhut über die Knaben in der äußerst kalten Schulstube überließ, in der, als es dunkel wurde, auch das Abendessen, bestehend aus Brot und Käse, ausgeteilt wurde.

In einer Ecke des Unterrichtszimmers, zunächst dem Pulte des Schulmeisters, befand sich ein kleiner Ofen, und an diesen setzte sich Nikolas, als er endlich allein war, und wünschte sich in dem Vollbewußtsein seiner Erniedrigung den Tod als willkommenen Erlöser herbei. Die Grausamkeiten, deren unfreiwilliger Zeuge er gewesen, Squeers' rohes und niederträchtiges Benehmen, selbst wenn dieser in guter Laune war, und überhaupt alles, was er an diesem schmutzigen Orte sah und hörte, vereinigte sich, diese trübe Stimmung hervorzurufen. Wenn er aber gar daran dachte, daß er dabei mitwirken und, gleichgültig, ob durch Verkettung von Umständen dazu gezwungen oder nicht, als Helfer und Mitschuldiger eines Systems erscheinen mußte, das nur Ekel und Widerwillen in seiner Seele hervorrief, so verabscheute er sich selbst, und es kam ihm vor, als ob die bloße Rückerinnerung an seine gegenwärtige Erniedrigung es ihm für alle Zeiten unmöglich machen müßte, sein Haupt dereinst wieder vor anständigen Leuten zu erheben.

Vorderhand war jedoch sein Entschluß gefaßt, und die Vorsätze der verflossenen Nacht blieben ungetrübt. Er hatte seiner Mutter und Schwester geschrieben, ihnen die glückliche Beendigung seiner Reise mitgeteilt, und von Dotheboys Hall so wenig wie möglich, und auch das wenige in möglichst heiterer Weise, berichtet. Er hoffte, wenn er bliebe, selbst hier einiges Gute wirken zu können, und andernfalls hingen die Seinigen zu sehr von der Gunst seines Onkels ab, als daß er sich schon jetzt dessen Groll hätte zuziehen dürfen.

Eine Erwägung beunruhigte ihn jedoch noch weit mehr als alles Widerwärtige seiner eigenen Lage, nämlich das voraussichtliche Los seiner Schwester. Sein Onkel hatte ihn hintergangen; stand da nicht auch zu befürchten, daß er sie in eine Umgebung bringen könne, in der ihre Schönheit und Jugend ihr einen größeren Fluch bedeuten könnten als Häßlichkeit und Alter? Ein schrecklicher Gedanke für einen an Händen und Füßen gebundenen Menschen! Doch war ja andererseits die Mutter bei ihr, und auch die Malerin – freilich ein sehr einfaches Wesen, das aber schließlich doch in und von der Welt lebte.

In solch quälende Gedanken vertieft, fiel sein Blick zufällig auf Smike, der vor dem Ofen kniete, ein paar abgesprungene Aschenfunken vom Vorsetzer auflas und sie wieder zurück ins Feuer warf. Der arme Junge hatte eben innegehalten, um einen verstohlenen Blick auf Nikolas zu werfen, und als er jetzt sah, daß er bemerkt worden, fuhr er zusammen, als fürchte er, dafür gezüchtigt zu werden.

»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten«, beruhigte ihn Nikolas freundlich. »Friert es dich so?«

»N-e-i-n.«

»Du klapperst so mit den Zähnen?«

»Es friert mich nicht«, versetzte Smike rasch. »Ich bin Kälte gewöhnt.«

In seinem ganzen Benehmen verriet sich so augenscheinlich die Furcht, Anstoß zu erregen, und er war überhaupt so scheu und niedergedrückt, daß Nikolas sich des Ausrufs »Armer Junge!« nicht erwehren konnte.

Wenn er den bedauernswerten Leidensträger geschlagen hätte, so würde sich dieser wahrscheinlich ohne einen Laut davongeschlichen haben, so aber brach er in Tränen aus.

»Ach, du mein Gott«, jammerte er und schlug sich seine aufgesprungenen und schwieligen Hände vor das Gesicht, »mir bricht das Herz.«

»Still, still«, beruhigte ihn Nikolas und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sei ein Mann, du bist's ja fast an Jahren; Gott wird dir helfen.«

»An Jahren? O mein Gott, wie viele sind es jetzt schon? Wie viele Jahre sind dahingegangen, seit ich als kleines Kind hierhergekommen bin, jünger als irgendeines von denen, die jetzt da sind. – Wo sind sie alle?«

»Wovon sprichst du?« fragte Nikolas, bemüht, das arme, bald blödsinnige Geschöpf zur Vernunft zu bringen. »So rede doch!«

»Meine Verwandten«, schluchzte Smike, »ich – meine – ach Gott, was habe ich gelitten!«

»Die Hoffnung stirbt nicht«, tröstete Nikolas, ohne zu wissen, was er sagte.

»Nein, nein«, jammerte der Bursche, »nein, für mich gibt's keine mehr. Erinnern Sie sich noch des Knaben, der hier gestorben ist?«

»Du weißt, ich war damals noch nicht hier«, sagte Nikolas sanft, »aber was ist's mit ihm?«

»Ich habe bei ihm gewacht, und als alles still um uns her war, hat er nicht mehr nach seinen Eltern und Verwandten gerufen, daß sie sich an sein Bett setzen möchten, sondern fing an, Gesichter um sich her zu sehen. Er sagte, sie lächelten ihm zu und sprächen mit ihm, und endlich richtete er den Kopf auf, um sie zu küssen, und starb. – Hören Sie?«

»Ja, ja, ich höre«, entgegnete Nikolas.

»Welche Gesichter werden mir zulächeln, wenn ich sterbe?« fuhr Smike schaudernd fort. »Wer wird zu mir sprechen, wenn die langen Nächte kommen? Sie können nicht von Hause kommen; sie würden mich erschrecken, wenn sie es täten, denn ich weiß nichts von einem Zuhause und würde sie nicht kennen. Für mich gibt's nur Furcht und Leiden, Furcht und Leiden im Leben und im Tod, aber keine Hoffnung, keine Hoffnung.«

Die Glocke läutete zum Schlafengehen, und Smike, der bei ihrem Klang sofort wieder in seinen gewohnten, gleichgültigen Stumpfsinn verfiel, schlich fort, als scheue er sich, bemerkt zu werden.

Bald darauf folgte ihm Nikolas, da er kein eigenes Gemach hatte, nach dem schmutzigen und überfüllten gemeinsamen Schlafsaal.

9. Kapitel

Von Miss Squeers, Mrs. Squeers, Master und Mr. Squeers und andern mit ihnen in Verbindung stehenden Personen

Als Mr. Squeers abends die Schulstube verließ, begab er sich nach seinem Wohnzimmer. Aber nicht in das, wo Nikolas bei seiner Ankunft zu Abend gespeist, sondern in ein kleineres im Hintergebäude, wo seine huldreiche Gattin, sein hoffnungsvoller Sohn und seine liebenswürdige Tochter sich des Glücks ungetrübten Familienlebens erfreuten. Mrs. Squeers war in die hausmütterliche Beschäftigung des Strümpfestopfens vertieft, während das junge Fräulein und Master Squeers irgendeine jugendliche Meinungsverschiedenheit vermittels eines Faustkampfes über den Tisch hinüber erörterten, was sich bei Annäherung des ehrenwerten Herrn Papas in einen geräuschlosen Austausch von Fußtritten unter dem Tisch verwandelte.

Miss Fanny Squeers stand im dreiundzwanzigsten Jahre, und wenn Anmut und Liebenswürdigkeit von dieser Lebensperiode unzertrennlich sind, warum nicht auch in diesem Falle? Sie war nicht so groß wie ihre Mutter, sondern ähnelte in dieser Beziehung eher ihrem Vater, hatte aber von der ersteren die rauhe Stimme, während von letzterem der merkwürdige Ausdruck des Auges auf sie übergegangen war, das ganz das Aussehen hatte, als ob es blind wäre.

Miss Squeers war eben erst von einem mehrtägigen Besuch bei einer benachbarten Freundin in das väterliche Haus zurückgekehrt, welchem Umstande es zuzuschreiben sein mochte, daß sie noch nichts von dem neuen Hilfslehrer gehört hatte und dessen Anwesenheit erst erfuhr, als ihr Vater selbst darauf zu sprechen kam.

»Nun, mein Schatz«, begann Squeers und rückte sich seinen Stuhl an den Tisch, »was hältst du von ihm?«

»Von wen denn?« fragte Mrs. Squeers, die in der Grammatik nicht ganz sattelfest war, unwirsch.

»Nun, von dem jungen Menschen, dem neuen Lehrer; wen könnte ich denn sonst meinen?«

»Ach, der Knickerboy?!« rief Mrs. Squeers ungeduldig. »Nicht sehen kann ich ihn.«

»Aber warum denn nicht, meine Liebe?« fragte Squeers erstaunt.

»Was kümmert's dich? Ist's nicht genug, wenn ich dir sage, daß ich ihn nicht ausstehen kann?«

»Gerade genug für ihn, meine Liebe, und vielleicht um ein gutes Teil zuviel, wenn er es wüßte«, begütigte Mr. Squeers. »Ich habe doch nur aus Neugierde gefragt, mein Schatz.«

»Nun, wenn du's also durchaus wissen willst, so kann ich dir's ja sagen. Weil er ein stolzer, hochmütiger, eingebildeter, hochnäsiger Pfau ist.«

Wenn Mrs. Squeers aufgeregt war, pflegte sie sich einer sehr kräftigen Sprache zu bedienen und überdies eine Menge Beiwörter einzuflechten, von denen einige immer der Bildersprache angehörten, wie z. B. das Wort Pfau und die Anspielung auf Nikolas' Nase, die nicht im buchstäblichen Sinne genommen werden konnte. Auch nahm sie es nicht sonderlich genau, ob die Prädikate zusammenstimmten, wie man aus dem gegenwärtigen Fall ersehen kann, da ein hochnäsiger Pfau gewiß in der Naturgeschichte eine Rarität bedeutet, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt.

»Hm, aber er ist billig, mein Schatz«, wendete Squeers auf den Wutausbruch hin milde ein, »der junge Mann ist sehr billig.«

»Warum nicht gar«, brummte Mrs. Squeers.

»Fünf Pfund jährlich!« bedeutete der Schulmeister.

»Teuer genug, wo man ihn doch gar nicht braucht.«

»Aber wir brauchen ihn«, erwiderte Squeers.

»Ich sehe nicht ein, wieso du ihn mehr brauchen solltest als den verstorbenen. Ich bitt dich, schweig. Kannst du nicht auf die Geschäftskarten setzen lassen: Erziehungsanstalt unter Leitung des Mr. Wackford Squeers nebst tüchtigen Hilfslehrern, ohne daß man einen solchen Mitfresser zu halten brauchte? Kommt das vielleicht nicht alle Tage bei anderen Instituten vor? Es ist rein nicht mehr zum Aushalten mit dir.«

»So, meinst du«, versetzte Squeers in strengem Ton. »Ich will dir was sagen. Was das Lehrerhalten anbelangt, so werde ich mit deiner gütigen Bewilligung tun, was mir paßt. Ein Sklavenhalter in Westindien hat auch seinen Gehilfen, der darauf zu sehen hat, daß ihm die Schwarzen nicht davonlaufen oder rebellieren, und ich will auch einen Menschen unter mir haben, der das gleiche bei unsern Schwarzen tut, bis einmal unser Bub so weit ist, daß er selbst die Schule leiten kann.«

»Ich darf, wenn ich groß bin, die Aufsicht in der Schule führen, Vater?« rief Master Squeers junior freudig und vergaß im Übermaß seines Entzückens ganz, seiner Schwester einen heimtückischen Fußtritt zu versetzen, wie er soeben vorgehabt.

»Ja, das sollst du, mein Sohn«, wiederholte Mr. Squeers gerührt.

»Teufel, dann will ich's aber den Jungen geben«, rief der vielversprechende Sprößling und griff nach seines Vaters Stock. »Die sollen mir aber quieken, Vater.«

Es war ein stolzer Augenblick in Mr. Squeers' Leben, Zeuge sein zu können von diesem Ausbruch edler Begeisterung in der Seele seines Kindes, aus dem jetzt schon künftige Größe hervorleuchtete. Er drückte ihm einen Penny in die Hand und machte im Verein mit seiner Mustergattin seinen Gefühlen durch ein lautes beifälliges Gelächter Luft.

»Er ist ein dummer, aufgeblasener Aff, nichts sonst«, kam Mrs. Squeers wieder auf Nikolas zurück.

»Angenommen, er ist aufgeblasen«, versetzte der Schulmeister, »so kann er das in der Klasse, die ihm übrigens nicht besonders zu behagen scheint, ja sein, soviel er will.«

»So?« meinte Mrs. Squeers. »Na, da wird ihm ja der Stolz allmählich vergehen. Meine Schuld soll's nicht sein, wenn es nicht geschieht.«

– Nun war ein stolzer Hilfslehrer und zumal in einer Yorkshirer Unterrichtsanstalt solches Wunderding, daß Miss Squeers, die sich sonst selten mit Schulangelegenheiten befaßte, sofort neugierig aufhorchte, wer denn dieser Knickerboy sei, der sich so hochmütig benehme.

»Nickleby«, verbesserte Mr. Squeers und buchstabierte ihr den Namen vor. »Deine Mutter nennt immer die Dinge und Leute mit unrechten Namen.«

»Ist doch ganz wurst«, knurrte Mrs. Squeers. »Ich habe ihn beobachtet, als du heute den kleinen Bolder durchwichstest. Er hat dabei ein Gesicht geschnitten, so schwarz wie eine Wetterwolke, und einmal fuhr er sogar auf, als wäre er am liebsten über dich hergefallen. – Ja, ja, ich hab's ganz gut gesehen, wenn er's auch nicht bemerkt hat.«

»Laß das jetzt, Vater«, unterbrach Miss Squeers, als sich das Oberhaupt der Familie anschickte, eine heftige Antwort zu geben. »Wer ist er eigentlich?«

»Dein Vater bildet sich ein, er sei der Sohn eines verarmten Gentlemans«, höhnte Mrs. Squeers. »Er wird wahrscheinlich ein Findelkind sein.«

»Dummes Zeug«, fuhr Squeers auf, »seine Mutter lebt doch noch. Übrigens so oder so, wir machen uns jemand zum Freund, wenn wir ihn hier haben, und wenn's ihn so drängt, den Jungen außer der Aufsicht, die ihm obliegt, noch etwas zu lehren, was stört mich das weiter?«

»Und ich sage dir, ich kann ihn nun einmal nicht ausstehen«, beharrte Mrs. Squeers auf ihrem Standpunkt.

»Wenn er dir nicht gefällt, mein Schatz«, lachte der Schulmeister, »so kannst du es ihn ja fühlen lassen. Es ist doch gar kein Grund vorhanden, ihm gegenüber deinen Haß zu verbergen.«

»Habe ich auch nicht vor, verlaß dich drauf«, brummte Mrs. Squeers.

Miss Squeers hatte während dieses Zwiegesprächs aufmerksam die Ohren gespitzt, und ihr erstes war, daß sie beim Schlafengehen bei der ausgehungerten Magd umfassende Nachforschungen über das Äußere und das Benehmen des Hilfslehrers anstellte. Die Antworten des Mädchens lauteten so enthusiastisch, besonders hinsichtlich seiner schönen schwarzen Augen, seines gewinnenden Lächelns und seiner geraden Beine – worauf sie einen besondern Wert legte, da das allerdings in Dotheboys Hall eine Seltenheit war –, daß Miss Squeers sehr bald zu der Ansicht kam, er müsse ein höchst merkwürdiger Mensch sein und, wie sie sich bezeichnend ausdrückte, kein Lump. Sie faßte daher den Entschluß, gleich am nächsten Morgen Nikolas persönlich näher in Augenschein zu nehmen. Um ihre Absicht besser ausführen zu können, wählte sie dazu einen Zeitpunkt, wo ihre Mutter beschäftigt und der Vater abwesend war, und ging scheinbar zufällig in die Schulstube, um sich eine Feder schneiden zu lassen. Da sie dort »zu ihrer Überraschung« bloß Nikolas und die Jungen vorfand, errötete sie tief und tat äußerst verwirrt.

»Ich bitte um Entschuldigung«, stotterte sie, »ich glaubte mein – mein Vater wäre hier – oder könnte hier sein – ich – ach –«

»Mr. Squeers ist ausgegangen«, sagte Nikolas ruhig.

»Wird er bald wiederkommen, Sir?« fragte Miss Squeers verschämt.

»Er sprach von einer Stunde«, antwortete Nikolas, zwar höflich, aber sonst von den Reizen der jungen Dame weiter nicht aus der Fassung gebracht.

»Höchst ärgerlich«, meinte Miss Squeers und errötete abermals. »Ich danke Ihnen. Es tut mir ungemein leid, eine Störung veranlaßt zu haben. Wenn ich nicht gedacht hätte, mein Vater wäre hier, so würde ich um keinen Preis –, es ist mir wirklich äußerst peinlich –«

»Wenn das alles ist, was Sie wünschen«, half ihr Nikolas aus der »Verlegenheit«, deutete auf die Feder, die sie in der Hand hielt, und lächelte unwillkürlich über ihre Affektiertheit, »so kann ich vielleicht seine Stelle vertreten?«

Miss Squeers blickte, wie im Zweifel, ob es auch schicklich sei, sich mit einem wildfremden Menschen so weit einzulassen, nach der Türe und dann in der Klasse umher, trat aber dann, durch die Gegenwart der vierzig Zöglinge einigermaßen ermutigt, zu Nikolas und händigte ihm mit einem entzückenden Gemisch von Schüchternheit und Herablassung die Feder ein.

»Wünschen Sie sie hart oder weich?« fragte Nikolas und verbiß ein Lachen.

»Er lächelt wirklich entzückend«, dachte sie.

»Wie sagten Sie?« fragte Nikolas.

»Ach – ich dachte gerade an etwas ganz anderes. – So weich wie möglich, wenn ich bitten darf«, säuselte Miss Squeers und seufzte dabei, wahrscheinlich um anzudeuten, daß auch ihr Herz unendlich weich sei. Nikolas korrigierte die Feder, und dann ließ Miss Squeers sie fallen, und als er sich bückte, um sie aufzuheben, bückte sie sich gleichfalls, beide stießen mit den Köpfen zusammen, und fünfundzwanzig Kinderkehlen lachten fröhlich auf – gewiß zum ersten und einzigen Male in diesem Semester.

»Wie ungeschickt von mir«, entschuldigte sich Nikolas und öffnete der jungen Dame die Türe.

»Ganz und gar nicht, Sir«, versetzte Miss Squeers, »es war lediglich meine Schuld. – Ich – ach – guten Morgen.«

»Ihr Diener«, sagte Nikolas. »Wenn ich Ihnen wieder eine Feder schneide, so wird's, hoffe ich, besser gehen. Nehmen Sie sich in acht, Sie beißen die Spitze ab.«

»Wirklich?« stotterte Miss Squeers. »Ich bin so verlegen, daß ich kaum weiß, was ich –, es tut mir wirklich sehr leid, Ihnen so viele Mühe gemacht zu haben.«

»Durchaus keine Mühe«, versicherte Nikolas und schloß die Türe der Schulstube.

»Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine solchen Beine gesehen«, murmelte Miss Squeers im Fortgehen.

In Wirklichkeit hatte sie sich auf den ersten Blick heftig in Nikolas Nickleby verliebt.

Und mit ein Hauptgrund dafür war, daß die Freundin, bei der sie kürzlich zu Besuch gewesen – eine Müllerstochter von ungefähr achtzehn Jahren –, sich vor einiger Zeit mit dem Sohne eines kleinen Kornhändlers in dem nächsten Marktflecken verlobt hatte.

Miss Squeers und die Müllerstochter waren nun Busenfreundinnen gewesen und hatten, wie das unter jungen Damen so üblich, die Übereinkunft getroffen, daß jede, wenn sie im Sinn habe, sich zu verloben, das wichtige Geheimnis sofort der Freundin als der ersten lebenden Seele anvertrauen und sie als Brautjungfer erkiesen müsse. Diesem Versprechen getreu war denn auch die Müllerstochter sofort nach Abschluß ihrer Verlobung, das heißt vierzig Minuten später, nachts um elf Uhr herausgefahren und in Miss Squeers' Schlafzimmer geeilt, um ihr diese erfreuliche Botschaft nicht länger vorzuenthalten. Da aber nun Miss Squeers um volle fünf Jahre älter war, so hatte sie begreiflicherweise seitdem nichts sehnlicher gewünscht, als dieses Vertrauen so schnell wie möglich erwidern und ihre Freundin in ein ähnliches Geheimnis einweihen zu können. Aber, ob es nun so schwer hielt, ihr zu gefallen, oder vielleicht noch schwerer, daß sie jemand gefiel, es wollte und wollte sich ihr keine Gelegenheit bieten, Geheimnisse mitzuteilen. Kaum hatte jedoch der eben beschriebene kleine Vorfall mit Nikolas stattgefunden, so setzte Miss Squeers ihren Hut auf, lief in größter Eile zu ihrer Freundin und enthüllte ihr nach einer feierlichen Wiederholung des früheren Verschwiegenheitsgelübdes, daß sie zwar noch nicht wirklich verlobt, aber doch im Begriffe sei, sich mit dem Sohne eines Gentlemans zu versprechen; nicht etwa mit einem Kornhändler oder dergleichen, sondern mit dem Sohne eines wirklichen Gentlemans, der unter höchst geheimnisvollen und merkwürdigen Umständen als Lehrer nach Dotheboys Hall gekommen sei – in der Tat nur, wie Miss Squeers aus vielen Gründen glauben zu dürfen versicherte, um, angelockt durch den Ruf ihrer Reize, ihre Bekanntschaft zu machen und um sie anzuhalten.

»Ist das nicht wirklich fabelhaft?« schloß Miss Squeers ihren Bericht und wiederholte immer wieder das letzte Wort.

»Allerdings sehr außerordentlich«, gab die Freundin zu. »Aber was hat er denn zu dir gesagt?«

»Frag mich nicht, was er zu mir gesagt hat, meine Liebe«, entgegnete Miss Squeers. »Wenn du seine Blicke und sein Lächeln gesehen hättest! Ich war in meinem Leben noch nie so überwältigt.«

»Hat er dich vielleicht so angesehen?« fragte die Müllerstochter und machte so gut wie möglich einen Liebesblick des Kornhändlers nach.

»Ja, ungefähr. Nur viel vornehmer«, sagte Miss Squeers.

»Ah«, erklärte die Freundin, »dann hat er etwas im Sinn. Verlaß dich drauf.«

Miss Squeers, die zwar noch einiges Bedenken bei der Sache hatte, ließ sich nicht ungern durch eine so kompetente Autorität in ihren Herzenswünschen bestärken, und als sich im Verlauf der Unterhaltung hinsichtlich charakteristischer Liebesmerkmale in vielen Punkten eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Benehmen des Hilfslehrers und dem des Kornhändlers herausstellte, wurde sie so außerordentlich zutraulich, daß sie ihrer Freundin eine Menge Dinge erzählte, die Nikolas zwar nicht gesagt hatte, die aber so ungemein schmeichelhaft waren, daß sie auch nicht mehr den mindesten Zweifel zuließen. Sie sprach dann von dem harten Geschick, Eltern zu haben, die ihrem zukünftigen Gatten durchaus abgeneigt wären, und ließ sich über diesen traurigen Umstand um so ausführlicher aus, als die Eltern ihrer Freundin vollständig einverstanden mit der Verlobung ihrer Tochter gewesen waren und die Sache in diesem Falle einen ganz alltäglichen Verlauf genommen hatte.

»Ich möchte ihn aber doch auch sehen«, meinte die Freundin neugierig.

»Das sollst du auch, Tilda«, versprach Miss Squeers. »Ich müßte das undankbarste Geschöpf auf Erden sein, wenn ich es dir abschlüge. Ich glaube, meine Mutter verreist nächstens auf ein paar Tage, um einige Zöglinge zu holen, und dann werde ich dich und deinen John zum Tee bitten. Bei dieser Gelegenheit könnt ihr ihn dann kennenlernen.«

Das war ein herrlicher Gedanke, und nachdem die Sache noch gehörig durchgesprochen worden, trennten sich die Freundinnen.

Es traf sich, daß die Reise, die Mrs. Squeers antreten sollte, um drei neue Schüler zu holen und die Verwandten zweier alter um Begleichung einer kleinen Rechnung zu pressen, bereits auf übermorgen festgesetzt wurde. Mrs. Squeers bestieg zur festgesetzten Zeit einen Außensitz der Postkutsche, als diese in Greta Bridge Halt machte. Sie nahm ein kleines Bündel mit, das eine Flasche Likör nebst einigen Brot- und Fleischschnitten enthielt, versah sich mit einem großen Mantel, um sich des Nachts darin einzuhüllen, und trat mit diesem Gepäck ihre Reise an.

Bei derartigen Gelegenheiten pflegte Mr. Squeers unter dem Vorwande dringender Geschäfte jeden Abend nach dem Marktflecken zu fahren, wo er dann jedesmal bis zehn oder elf Uhr in einem von ihm sehr geschätzten Wirtshause verweilte. Da ihm daher das Teekränzchen durchaus nicht im Wege war und sogar noch dazu diente, Miss Squeers' Verdacht abzulenken, so gab er ohne weiteres seine Einwilligung dazu und hatte auch nichts dagegen, in eigener Person Nikolas die Mitteilung zu machen, daß er abends um fünf Uhr im Wohnzimmer zum Tee erwartet würde.

Begreiflicherweise befand sich Miss Squeers, als der große Zeitpunkt immer näher rückte, in nicht geringer Verwirrung; jedenfalls unterließ sie nichts, um sich aufs vorteilhafteste herauszuputzen. Ihr Haar, das einen leidigen Stich ins Rötliche hatte und sich auch keiner besondern Länge erfreute, fiel ihr vom Scheitel in fünf korkzieherartigen Lockenreihen herab und verhüllte kunstreich die Mängel des zweifelhaften Auges, gar nicht zu reden von der blauen Schärpe, deren Enden rückwärts herunterbaumelten, der gestrickten Schürze, den langen Handschuhen, der grünen, über die Schulter geworfenen und unter den Armen zugeknüpften Gazeschärpe und den übrigen zahlreichen Toilettenkniffen, die ebenso viele für Nikolas' Herz bestimmte Pfeile bedeuteten. Diese Vorkehrungen waren kaum zu Miss Squeers' voller Zufriedenheit beendigt, als ihre Freundin mit einem weiß und braun gewürfelten Päckchen ankam, das einige kleine Putzartikel enthielt, die sie erst hier anziehen wollte, was sie denn auch unter unablässigem Geplauder tat. Als die jungen Damen einander noch das Haar geordnet hatten und aber auch gar nichts mehr an sich auszusetzen fanden, zogen sie ihre langen Handschuhe an und rauschten in vollem Staat die Treppe hinunter in das Zimmer, wo bereits alles für den Empfang der Gesellschaft bereit stand.

»Wo ist John, Tilda?« fragte Miss Squeers.

»Nur nach Hause gegangen, um sich umzukleiden«, versetzte die Müllerstochter. »Er wird aber hier sein, noch ehe der Tee fertig ist.«

»Wie mir das Herz klopft«, seufzte Miss Squeers.

»Oh, das kenne ich«, sagte Tilda.

»Weißt du, Tilda, ich bin es nicht gewöhnt«, lispelte Miss Squeers und legte die Hand an die linke Seite ihrer Schärpe.

»Ach, das gibt sich bald, meine Liebe«, tröstete die Müllerstochter.

Inzwischen hatte das ausgehungerte Dienstmädchen das Teegeschirr hereingebracht, und gleich darauf klopfte jemand an die Türe. »Er ist's«, rief Miss Squeers. »O Tilda.«

»Pst«, flüsterte Tilda. »Hm. Ruf doch: ›Herein!‹«

»Herein«, echote Miss Squeers mit schwacher Stimme.

»Guten Abend«, sagte Nikolas unbefangen, ohne von seiner Eroberung auch nur eine Ahnung zu haben. »Ich hörte von Mr. Squeers, daß –«

»Ja, ja. Schon richtig«, fiel Miss Squeers ein. »Papa trinkt den Tee nicht mit uns. – Aber ich denke, Sie werden ihn nicht sehr vermissen«, ergänzte sie mit schalkhaftem Lächeln.

Nikolas machte große Augen, dachte aber, da er viel zuviel Kummer im Herzen trug, über die Bemerkung nicht weiter nach. Trotz seines Gemütszustandes benahm er sich aber – rein mechanisch –, als er der Müllerstochter vorgestellt wurde, so liebenswürdig, daß die junge Dame vor Bewunderung ganz hingerissen war.

»Wir warten noch auf einen zweiten Herrn«, sagte Miss Squeers, nahm den Deckel des Teekessels ab und sah hinein, ob der Tee auch nicht zu stark würde.

Es war Nikolas ziemlich gleichgültig, ob man auf einen oder auf zwanzig Herren wartete, und nahm daher diese Kunde vollkommen uninteressiert hin. Er fühlte sich unendlich bedrückt, und da er keinen besondern Grund einsah, warum er sich hätte angenehm machen sollen, trat er ans Fenster, blickte hinaus und seufzte unwillkürlich.

Das Unheil wollte, daß Miss Squeers' Freundin, die einen ausgesprochenen Sinn für scherzhafte Einfälle hatte, diesen Seufzer hörte und es sich sofort in den Kopf setzte, das Liebespärchen mit seiner Niedergeschlagenheit zu necken.

»Wenn nur meine Anwesenheit daran schuld ist«, sagte sie, »so macht das weiter nichts. Ich habe doch dieselbe Krankheit; tut ganz, als ob ihr allein wärt.«

»Tilda!« säuselte Miss Squeers, bis zu den Haarlocken errötend. »Schäm dich doch.«

Dann brachen beide in ein nicht endenwollendes Kichern aus und schossen über ihre Taschentücher hinweg schelmische Blicke auf Nikolas. Der geriet zuerst in maßloses Staunen, kam dann aber bei dem unerhört komischen Gedanken, man könne glauben, er sei in Miss Squeers verliebt, und da zudem das Aussehen und Benehmen der beiden jungen Damen unendlich albern war, derartig ins Lachen, daß er bei seinem angeborenen Temperament seine armselige Lage einen Augenblick ganz vergaß.

»Je nun«, sagte er sich, »wenn ich nun einmal schon hier bin und man von mir aus irgendeinem Grund zu erwarten scheint, daß ich zur allgemeinen Unterhaltung beitrage, so wäre es sehr ungeschickt, wie ein Pinsel dazustehen. Ich will mich daher nach Möglichkeit der Gesellschaft anzupassen suchen.«

Er trat daher sofort galant auf Miss Squeers und deren Freundin zu, rückte sich einen Stuhl an den Teetisch und begann sich mit einer Ungezwungenheit zu bewegen wie wohl kaum je ein Hilfslehrer im Hause seines Prinzipals, seit dieser lohnende Beruf aufgekommen ist.

Die jungen Damen waren förmlich berauscht durch Mr. Nicklebys verändertes Wesen, als endlich der erwartete junge Mann anlangte. Seine Haare waren noch naß, da er sich eben erst gewaschen hatte, und ein reines Hemd, dessen Kragen irgendeinem riesigen Altvordern angehört haben mochte, bildete, nebst einer weißen Weste von ähnlichem Umfang, die Hauptzierde seiner Person.

»Nun, John?« begrüßte ihn Miss Mathilde Price, denn dies war der volle Name der Müllerstochter.

»No, also wos is?« erwiderte John mit einem Grinsen, das selbst der ungeheure Kragen nicht ganz bedecken konnte.

»Ich bitte um Entschuldigung«, fiel Miss Squeers ein und beeilte sich, die beiden Herren einander vorzustellen, »Mr. Nickleby – Mr. John Browdie.«

»Servus«, sagte John, der über sechs Fuß hoch war und ein dementsprechendes Gesicht nebst Rumpf besaß.

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir«, sagte Nikolas und richtete unter den Butterschnitten eine schreckliche Verheerung an.

Mr. Browdie war kein Mann von besonders gesellschaftlichen Talenten. Er grinste daher noch zweimal, um jedem der Anwesenden seinen gewohnten Aufmerksamkeitsbeweis abzustatten, und dann ein drittes Mal ohne besondern Grund und langte dann gleichfalls zu.

»Ist die Alte furt?« fragte er mit vollen Backen nach einer Pause.

Miss Squeers nickte bejahend.

Mr. Browdie verzog den Mund zu einem noch liebenswürdigem Grinsen, als sei er der Ansicht, daß jetzt ein wirklicher Grund zum Lachen vorliege, und fing dann wieder an, die Butterbrote mit erneuter Kraft zu bearbeiten. Es war wirklich ein prächtiger Anblick, wie er und Nikolas aufräumten.

»I glaub, Sö kriegen a nöt alle Tag Butterbrot, was?« fragte er, nachdem er Nikolas eine Weile über den leeren Teller hinweg angestiert hatte.

Nikolas biß sich erbleichend auf die Lippen und tat, als ob er die Bemerkung nicht gehört hätte.

»Teifel noch amol«, johlte Mr. Browdie mit einem brüllenden Gelächter, »all'zvüll dean's oam hier nöt auftischen; Sö werden bald nix mehr als Haut und Knochen an eahna habn, wann S' lang gnua hier bleibn, ho, ho, ho.«

»Sie sind ja sehr witzig«, versetzte Nikolas verächtlich.

»Na, das wüßt i grad nöt«, grinst Mr. Browdie, »aber der andere Lehrer, zum Teifel, war so dünn wia a Zwürnsfaden.«

Die Erinnerung an die Schmächtigkeit des letzten Lehrers schien Mr. Browdie einen Riesenspaß zu machen, denn er lachte und lachte, bis er es für nötig fand, sich mit dem Rockärmel die Tränen abzuwischen.

»Ich weiß nicht, ob Ihr Begriffsvermögen so weit reicht, um Sie einsehen zu lassen, daß Ihre Bemerkungen sehr beleidigend sind, Mr. Browdie«, sagte Nikolas, in dem sich die Galle regte. »Wenn es aber der Fall ist, so haben Sie wohl die Güte, mir zu –«

»Wenn du noch ein Wort sagst, John«, schrie Miss Price dazwischen und hielt ihrem Bräutigam den Mund zu, »nur noch ein halbes Wort, so werde ich dir es nie verzeihen und nie wieder mit dir sprechen.«

»No ja, Schatz, i laß eahm doch schon«, sagte der Kornhändler und drückte Miss Mathilde einen herzhaften Schmatz auf, »meinswegn soll er daherreden, was er mog.« Miss Squeers' Aufgabe war es jetzt, Nikolas zu besänftigen, was sie denn auch unter vielen Anzeichen der Furcht und des Schreckens tat. Die Wirkung dieser doppelten Vermittlung war, daß sich Mr. Browdie und der Hilfslehrer mit vieler Würde über den Tisch die Hände reichten; eine so ergreifende Szene, daß Miss Squeers vor Rührung Tränen vergoß. »Was hast du denn, Fanny?« fragte Miss Price erstaunt.

»Nichts, Tilde, nichts«, schluchzte Miss Squeers.

»Sie hatten doch nie im Sinn, einander etwas zuleide zu tun«, meinte Miss Price. »Nicht wahr, Mr. Nickleby?«

»Nicht im geringsten«, versetzte Nikolas, »das wäre recht abgeschmackt gewesen.«

»So ist's recht«, flüsterte Miss Price ihm zu. »Sagen Sie ihr ein paar freundliche Worte, dann wird sie gleich wieder gut sein. Sollen John und ich derweilen ein wenig hinausgehen?«

»Um alles in der Welt nicht«, versetzte Nikolas bestürzt, durch diesen Vorschlag nicht wenig in Schrecken versetzt. »Um Gottes willen, warum denn?«

»Nun, das muß ich sagen«, meinte Miss Price leise und in einigermaßen verächtlichem Tone. »Sie sind mir ein recht sonderbarer Anbeter.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Nikolas atemlos. »Es fällt mir doch nicht im entferntesten ein, hier den Anbeter zu spielen. Ich verstehe gar nicht, was ich aus all dem machen soll.«

»Nicht? Nun, dann weiß ich's auch nicht«, versetzte Miss Price spitz, »aber die Männer sind ja bekanntlich alle flatterhaft, sind es von jeher gewesen und werden es immer sein; das wenigstens läßt sich sehr leicht aus dem Ganzen entnehmen!«

»Flatterhaft?« rief Nikolas. »Wie kommen Sie zu dieser Anschuldigung? Sie wollen doch nicht etwa andeuten, daß Sie der Meinung sind –«

»O nein, ich habe gar keine Meinung«, entgegnete Miss Price schnippisch. »Sehen Sie sie lieber an, wie nett sie gekleidet ist und wie gut sie aussieht; in der Tat, fast hübsch. Sie sollten sich was schämen!«

»Aber mein liebes Kind, was geht denn mich ihr Aussehen und ihr hübsches Kleid an?!«

»Sie brauchen mich gar nicht ›mein liebes Kind‹ zu nennen«, sagte Miss Price, konnte aber dabei ein geschmeicheltes Lächeln nicht unterdrücken, denn sie war hübsch und in ihrer ländlichen Weise ein wenig kokett, Nikolas ein feiner junger Mann und nach ihrer Ansicht das Eigentum einer anderen – lauter Gründe, die ihr das alles höchst pikant erscheinen ließen. »Fanny würde mir Vorwürfe machen. – Aber kommen Sie, wir wollen ein bißchen Karten spielen.«

Mit den letzten Worten, die sie laut sprach, trippelte sie weg und hängte sich an ihren stämmigen Yorkshirer.

Nikolas wußte nicht, was er aus alldem machen sollte. Das einzige, was er begriff, war, daß Miss Squeers ein recht gewöhnlich aussehendes und ihre Freundin ein ganz hübsches Mädchen waren. Aber es blieb ihm keine Zeit, über die Sache weiter nachzudenken, denn der Tisch war inzwischen abgewischt und das Licht geschneuzt worden, und er konnte nicht gut anders, als sich mit zu einer Partie »Spekulation« niederzusetzen.

»Wir sind nur vier, Tilda«, sagte Miss Squeers mit einem bedeutsamen Blick auf Nikolas, »wir werden daher wohl am besten zwei gegen zwei spielen.«

»Und was meinen Sie dazu, Mr. Nickleby?« fragte Miss Price.

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Nikolas und warf, ohne zu ahnen, welch entsetzlichen Verstoß er beging, seine Spielmarken, die aus Dotheboys-Hall-Geschäftskarten bestanden, mit denen, die Miss Price zugeteilt waren, zusammen.

»Nun, Mr. Browdie«, sagte Miss Squeers hysterisch lachend, »wollen wir Bank gegen sie halten?«

Der Yorkshirer, augenscheinlich verblüfft über die Unverschämtheit des neuen Hilfslehrers, willigte ein, und Miss Squeers schoß mit krampfhaftem Lächeln einen Giftblick auf ihre Freundin.

Nikolas war am »Geben« und bekam gleich anfangs günstige Karten.

»Wir werden gewinnen«, sagte er.

»Tilda hat ja schon etwas gewonnen, was sie vermutlich nicht erwartete; nicht wahr, Tildchen?« versetzte Miss Squeers boshaft.

»Lumpige ›zwanzig‹, liebste Fanny«, gab Miss Price zurück, sich anstellend, als hätte sie den Doppelsinn der Frage nicht verstanden.

»Du bist ja heute abend merkwürdig kurz von Begriffen«, höhnte Miss Squeers.

»O im Gegenteil«, entgegnete die Müllerstochter. »Aber dir scheint etwas über die Leber gelaufen zu sein. – Nicht?«

»Mir?« rief Miss Squeers, sich in die Lippen beißend und zitternd vor Eifersucht. »Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, das ist ja höchst erfreulich«, höhnte Miss Price. »Aber gib acht, dein Haar geht aus den Locken, liebste Fanny.«

»Kümmere dich nicht um mich«, zischte Miss Squeers, »du tätest besser, auf deinen Partner zu achten.«

»Ich bin Ihnen für diese freundliche Erinnerung sehr verbunden, Miss Squeers«, mischte sich Nikolas ein, »ich bin ganz Ihrer Meinung.«

Der Yorkshirer schlug sich ein paarmal mit der geballten Faust über die Nase, wie um in Übung zu bleiben, bis er genügend Veranlassung haben werde, sie auf das Gesicht seines Widersachers fallen zu lassen, und Miss Squeers warf ihren Kopf mit solcher Entrüstung zurück, daß der durch die Bewegung ihrer üppigen Locken erzeugte Windstoß beinahe das Licht ausgelöscht hätte.

»Ich habe wahrhaftig noch nie solches Glück gehabt«, hetzte die kokette Müllerstochter weiter, als einige Spiele absolviert waren. »Das kommt von Ihnen, Mr. Nickleby. Ich wollte, Sie wären immer mein Partner.«

»Ich könnte mir nichts Besseres wünschen«, erwiderte Nikolas galant.

»Aber Sie werden ein böses Weib bekommen, wenn Sie so viel Glück im Spiel haben«, prophezeite Miss Price.

»Nicht, wenn Ihr Wunsch in Erfüllung ginge«, entgegnete Nikolas.

– Es wäre schon eine kleine Jahresrente wert gewesen, mit anzusehen, wie Miss Squeers während dieses Geplänkels den Kopf in die Höhe warf und der Kornhändler seine Nase bearbeitete, während es Miss Price einen Riesenspaß bereitete, die beiden eifersüchtig zu machen, und Nikolas in glücklicher Ungewißheit nicht entfernt daran dachte, welches Unheil er anrichtete. –

»Die Unterhaltung bleibt ja, wie es scheint, ganz uns überlassen«, scherzte Nikolas, sah sich in heiterster Laune am Tische um und raffte zugleich die Karten zusammen, um aufs neue zu geben.

»Sie leiten die Konversation doch so trefflich«, fauchte Miss Squeers, »daß es jammerschade wäre, Sie zu unterbrechen. Nicht wahr, Mr. Browdie? Hi, hi, hi.«

»Ja, nun«, entgegnete Nikolas, »wenn sonst niemand anders etwas spricht!«

»Ihr könnt euch doch miteinander unterhalten, wenn ihr schon nicht mitreden wollt«, hetzte Tilda ihren Bräutigam. »John, warum bist du denn so stumm?«

»Stumm? –!?« wiederholte der Yorkshirer.

»Ja, ja, stumm und dämlich. Sprich doch auch etwas.«

»Also guat!« schrie der Kornhändler und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nacher sag i, der Teifel soll mi lotweis holen, wann i dös länger mit anschaug. Glei gehst mit mir nach Haus, und der Maulheld da soll sich auf an Leibschaden g'faßt machen, wann er mir unter die Hand kommt.«

»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« rief Miss Price mit geheucheltem Erstaunen.

»Heim kommst mit mir, sag i dir«, wiederholte der Yorkshirer mit Nachdruck.

Miss Squeers ihrerseits brach in einen Strom von Tränen aus, der zum Teil seinen Grund in der tödlichen Kränkung, zum Teil in dem ohnmächtigen Wunsch hatte, irgend jemand das Gesicht mit ihren süßen Fingernägelchen zu zerkratzen.

Und was war schuld an alldem? Miss Squeers hatte ihr Teil dazu beigetragen, da sie sich der hohen Ehre einer Anwartschaft auf den Brautstand gerühmt, ohne hinreichende Gründe dafür zu haben – Miss Price hatte mehrere Hebel spielen lassen, einmal den, die Freundin für die Anmaßung, mit ihr hinsichtlich eines Titels, auf den sie kein Recht hatte, zu rivalisieren, zu bestrafen, und zweitens den, dem Kornhändler einen augenfälligen Beweis zu liefern, welche große Gefahr ihm aus einem längern Hinausschieben der Trauungszeremonien erwachsen könnte, während das Scherflein des armen Nikolas in der gedankenlosen Heiterkeit einer halben Stunde und in dem aufrichtigen Wunsche bestand, jeden Verdacht, es könne zwischen ihm und Miss Squeers ein Liebesverhältnis bestehen, ad absurdum zu führen.

»Und Fanny schwimmt gar in Tränen«, rief Miss Price, als setze sie dies in neuerliches Erstaunen. »Ja, was soll denn das heißen?«

»Oh, Sie wissen es nicht, Mamsell, natürlich, Sie können es ja nicht wissen. – Bitte, inkommodieren Sie sich doch nicht mit Fragen«, fauchte Miss Squeers mit einem Gesicht, das man bei Kindern eine Fratze genannt haben würde.

»Na, so etwas ist mir doch, weiß Gott, noch nicht vorgekommen«, rief Miss Price.

»Mir ganz egal, ob Ihnen so etwas vorgekommen ist oder nicht, Mamsell«, entgegnete Miss Squeers grob.

»Sie sind ja ungeheuer höflich, Mamsell«, höhnte die Müllerstochter.

»Ich brauche nicht zu Ihnen zu kommen, um mir Unterricht in Höflichkeit geben zu lassen, Mamsell«, belferte Miss Squeers.

»Es hätte auch keinen Zweck, wo sowieso Hopfen und Malz verloren ist«, entgegnete Miss Price prompt.

Miss Squeers wurde blutrot bis über die Ohren und dankte Gott, daß sie keine so freche Stirn wie gewisse Leute habe, und Miss Price ihrerseits wünschte sich Glück, nicht wie gewisse Personen vom Neidteufel besessen zu sein. Miss Squeers erging sich daraufhin in Bemerkungen hinsichtlich der Gefahren, die man laufe, wenn man sich mit ordinären Leuten einlasse, eine Ansicht, der Miss Price rückhaltlos beipflichtete.

»Tilda!« rief Miss Squeers schließlich mit Würde, »ich hasse dich.«

»Und ich gedenke wahrhaftig auch nicht meine Liebe an dich zu verschwenden«, revanchierte sich Miss Price und zerrte ihre Hutbänder mit einem zornigen Ruck zu. »Du wirst dir noch die Augen ausweinen, wenn ich fort bin.«

»Und ich verachte deine Worte, du Müllerskuh.«

»Sie sind nicht imstande, mich zu beschimpfen«, antwortete die Müllerstochter mit einer spöttischen Verbeugung. »Gute Nacht, mein Fräulein, und recht süße Träume!«

Mit diesem Segenswunsch rauschte Miss Mathilda Price aus dem Zimmer, gefolgt von dem stämmigen Yorkshirer, der noch vorher, ehe er die Schwelle überschritt, mit Nikolas jenen eigentümlichen, ausdrucksvollen Zornesblick wechselte, mit dem die Eisenfresser im Trauerspiel sich gegenseitig anzudeuten pflegen, daß sie einander wiederzutreffen gedenken.

Sie waren kaum fort, als Miss Squeers die Prophezeiung ihrer ehemaligen Freundin bewahrheitete, sich durch einen förmlichen Strom von Tränen Luft machte und in unzusammenhängenden Worten ihrem Jammer Ausdruck verlieh. Nikolas sah ihr einige Augenblicke zu, unschlüssig, was er tun sollte. Da er aber halb und halb voraussah, der Anfall würde damit endigen, daß er sich einer Umarmung oder einer Gesichtszerkratzung unterziehen müsse – Bußen, die er beide für gleich schrecklich erachtete –, so ging er in größter Ruhe von hinnen, dieweil Miss Squeers ohne Unterlaß in ihr Taschentuch schneuzte.

»Das ist jetzt die Folge meiner verwünschten Bereitwilligkeit, mich dieser Gesellschaft, mit der mich der Zufall zusammengeführt, haben anpassen zu wollen«, dachte Nikolas, als er sich nach dem finstern Schlafsaal hinaufgetappt hatte. »Wäre ich stumm und dumm sitzen geblieben, wie ich es doch ganz gut hätte können, würde alles das nicht vorgefallen sein.«

Er horchte einige Augenblicke, aber alles blieb ruhig.

»Ich freute mich so«, murmelte er vor sich hin, »dem Anblick dieser Jammerhöhle und ihres Schurken von Besitzer eine Stunde entrückt zu sein, und jetzt habe ich diese Leute aufeinandergehetzt und mir zwei neue Feinde gemacht, wo ich doch, weiß der Himmel, bereits ihrer genug habe. Das ist die gerechte Strafe dafür, daß ich, wenn auch nur auf eine Stunde, vergessen habe, wo ich mich befinde.«

Mit diesen Worten suchte er sich tastend seinen Weg durch die gedrängten Haufen der kleinen Schüler und schlüpfte in sein elendes Bett.

10. Kapitel

Wie Ralph Nickleby für seine Nichte und Schwägerin sorgt

Am zweiten Morgen nach Nikolas' Abreise saß Kate Nickleby Miss La Creevy zur Vollendung des angefangenen Miniaturporträts, dessen Lachsfarbe noch glänzender gemacht werden mußte.

»Ich denke, ich habe es jetzt«, sagte Miss La Creevy. »Es wird das hübscheste Bildchen werden, das ich je gemalt habe. Sie stellen sich nicht vor, was so etwas für Mühe kostet. Und gar erst die Nase in das richtige Verhältnis mit dem Kopfe zu bringen! Von den Zähnen gar nicht zu sprechen.«

»So etwas läßt sich kaum mit Geld bezahlen«, meinte Kate lächelnd. – »Da haben Sie vollkommen recht, meine Liebe«, entgegnete Miss La Creevy, »und trotzdem sind die Leute so unvernünftig und schwer zu befriedigen, daß man unter zehn Porträts kaum eines mit Vergnügen malen kann. Das eine Mal heißt es: ›Ach, was haben Sie mir für ein ernstes Gesicht gemacht, Miss La Creevy‹, das nächste Mal: ›Aber, Miss, was ist das doch für ein schmunzelnder Mund?‹, während ein gutes Porträt doch entweder ernst oder heiter sein muß, sonst ist es doch gar kein Porträt.«

»Wirklich nicht?« fragte Kate freundlich.

»Gewiß nicht. Die Sitzenden sind doch entweder das eine oder das andere. Betrachten Sie die Porträts in der königlichen Akademie. Alle die schönen Bilder der Herren in den schwarzen Samtwesten, mit auf runden Tischen oder Marmorplatten ruhenden Händen, sind bekanntermaßen ernsthaft, und die Damen, die mit Sonnenschirmchen, Schoßhündchen oder kleinen Kindern spielen, müssen nach denselben Prinzipien lächelnd gehalten werden. In Wirklichkeit gibt es«, fuhr Miss La Creevy vertraulich flüsternd fort, »nur einen zweifachen Porträtstil, den ernsten und den heitern. Des ersteren bedienen wir uns immer bei Geschäftsleuten, des letzteren bei Damen oder bei Herren, denen nicht viel daran zu liegen braucht, gescheit auszusehen.«

Kate schien diese Belehrung sehr zu erheitern. Miss La Creevy malte unentwegt drauflos und plauderte dabei in einem fort mit größter Selbstgefälligkeit. »Es scheint, daß sie viele Offiziere malen müssen?« fragte Kate, eine kleine Pause in der Unterhaltung benutzend, sich im Zimmer umzusehen.

»Viele, mein Kind?« sagte Miss La Creevy und sah von ihrer Arbeit auf. »Ah, Sie meinen die Charakterköpfe. Aber das sind doch keine wirklichen Militärpersonen.«

»Nicht?«

»Du mein Himmel, nein. Es sind nur Kommis, Ladendiener und dergleichen, die sich eine Uniform borgen und sie in einen Teppich eingeschlagen herschicken, um sie zum Sitzen anziehen zu können. Gewisse Künstler halten sich sogar einen Purpurmantel und berechnen für seine Benützung nebst dem Karmin acht Schillinge extra. Ich gebe mich aber nicht mit derartigen Spekulationen ab. Ich halte sie nicht für rechtschaffen.«

Miss La Creevy warf sich bei diesen Worten in die Brust, als ob sie sich viel darauf zugute täte, daß sie derartige Kunden anködernde Kunstgriffe verschmähte, malte dann emsig wieder weiter und sah nur hin und wieder auf, um irgendeine Schattierung, die sie eben angebracht, mit unbeschreiblichem Wohlbehagen zu betrachten oder Miss Nickleby zu verraten, mit welch besonderem Teile ihres Gesichtes sie eben beschäftigt wäre.

»Nicht etwa, damit Sie sich in eine malerische Attitüde bringen sollen, meine Liebe«, bemerkte sie dabei ausdrücklich. »Es ist nur unsere Gewohnheit, den Sitzenden zu sagen, bei welcher Partie wir halten, damit wir, wenn sie einen besonderen Ausdruck in derselben angebracht wissen wollen, diesen noch beizeiten hineinlegen können.«

– »Und wann«, fragte Miss La Creevy nach einem langen Schweigen von ungefähr anderthalb Minuten, »wann hoffen Sie Ihren Onkel wiederzusehen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Kate. »Wir warten schon seit einigen Tagen vergeblich auf seinen Besuch. Ich hoffe jedoch, daß er bald kommen wird, denn die Ungewißheit ist schlimmer als alles andere.«

»Ich glaube, er hat Geld. Nicht wahr?«

»Dem Vernehmen nach ist er sogar sehr reich. Ich weiß es zwar freilich nicht mit Bestimmtheit, aber ich glaube, er ist es.«

»Oh, Sie können sich darauf verlassen, daß er ist, sonst würde er nicht so grob sein«, bemerkte Miss La Creevy, die eine seltsame Mischung von Schlauheit und Einfalt war. »Wenn einer ein Bär ist, so kann man immer annehmen, daß er unabhängig lebt.«

»Er hat allerdings eine etwas rauhe Außenseite«, gab Kate zu.

»Etwas rauh?!« rief Miss La Creevy. »Ein Igel ist ein Federbett gegen ihn. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen solchen widerhaarigen alten Brummbär gesehen.«

»Ich vermute, daß das nur so eine Angewohnheit von ihm ist«, wendete Kate schüchtern ein. »Er soll, habe ich gehört, in frühern Jahren manch bittere Erfahrung gemacht haben und dadurch sauertöpfig geworden sein. Ich möchte nicht gern Schlimmes von ihm denken, solange ich nicht weiß, daß er es verdient.«

»Nun, das ist brav«, lobte die Porträtmalerin, »und Gott sei vor, daß ich Sie zu einem Unrecht verleiten möchte. Aber könnte er denn jetzt nicht, ohne sich selbst wehe zu tun, Ihnen beiden ein kleines Jahresgehalt auswerfen, bis sich eine passende Partie für Sie fände?«

»Das weiß ich nicht«, fiel Kate mit großer Lebhaftigkeit ein, »aber das weiß ich, daß ich lieber sterben als es annehmen möchte.«

»Aber, aber, liebes Kind!« rief Miss La Creevy.

»Es würde mir mein ganzes Leben verbittern, wenn ich von ihm abhängig sein müßte«, fuhr Kate fort. »Ich glaube, ich ginge lieber betteln.«

»Nun«, meinte Miss La Creevy »ich muß gestehen, das klingt in bezug auf einen Verwandten, den Sie eben noch verteidigten, ein bißchen merkwürdig.«

»Sie haben recht, es klingt allerdings sonderbar«, sagte Kate ein wenig ruhiger. »Ich – ich meinte übrigens nur damit, ich könnte es überhaupt und im allgemeinen nicht ertragen, von der Gnade eines andern Menschen zu leben; nicht speziell von der seinigen.«

Miss La Creevy warf einen forschenden Blick auf das junge Mädchen, schwieg jedoch, als sie dessen schmerzliche Mienen bemerkte. »Ich möchte nur«, fuhr Kate fort, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, »er verwendete sich soweit für mich, daß seine Empfehlung es ermöglichte, mir mein Brot verdienen und bei meiner Mutter bleiben zu können. Ob wir je wieder glücklich sein werden, hängt von dem Schicksal meines lieben Bruders ab. Hilft mir mein Onkel aber soweit, und schreibt Nikolas nur, daß er gesund und fröhlich ist, so bin ich vollkommen zufrieden.«

Sie hatte kaum den Satz beendet, als ein Geräusch hinter der spanischen Wand entstand, die zwischen ihr und der Türe aufgestellt war. – Ein Klopfen an das Getäfel ertönte, und gleich darauf trat Mr. Ralph Nickleby ins Zimmer.

»Ihr Diener, meine Damen«, sagte er, Miss La Creevy und Kate abwechselnd scharf ins Auge fassend. »Sie haben so laut gesprochen, daß ich nicht imstande war, mich bemerklich zu machen.«

Wenn Ralph einen außergewöhnlich boshaften Gedanken im Herzen trug, so war es seine Gewohnheit, seine Augen einen Moment fast ganz unter den dicken, buschigen Brauen zu verbergen, um dann plötzlich ihre volle stechende Schärfe zu entfalten. Da er überdies jetzt auch noch ein bissiges Lächeln zu unterdrücken suchte, das seine dünnen, zusammengekniffenen Lippen in boshaften Falten umzog, so fühlten die beiden Damen, daß er zumindest einen Teil des Gesprächs, wenn nicht das ganze, mit angehört hatte.

»Ich war eben im Begriff, die Stiege hinaufzugehen, wollte aber zuerst hier unten vorsprechen, da ich halb und halb vermutete, dich hier anzutreffen«, sagte er zu Kate und warf dabei einen verächtlichen Blick auf das Porträt. »Soll dies ein Bild meiner Nichte sein, Madam?«

»Gewiß, Mr. Nickleby«, entgegnete Miss La Creevy lebhaft. »Und unter uns: es wird ein sehr feines Porträt werden, obgleich es die Künstlerin selbst sagt.«

»Nehmen Sie sich nicht die Mühe, es mir zu zeigen, Madam«, lehnte Ralph ab und trat einen Schritt zurück; »ich habe keinen Sinn für Ähnlichkeiten. Ist es halb fertig?«

»Allerdings. Noch zwei Sitzungen –«

»Machen Sie's lieber gleich in einer ab, Madam«, unterbrach Ralph, »Kate wird übermorgen keine Zeit mehr haben für dergleichen Abgeschmacktheiten. – Arbeiten, arbeiten, Madam! Wir müssen alle arbeiten. – Haben Sie übrigens Ihre Zimmer schon wieder vermietet?«

»Ich habe es noch nicht in die Zeitung einrücken lassen, Sir.«

»So tun Sie es schnell, Madam; meine Schwägerin braucht sie nächste Woche nicht mehr. Keinesfalls werden sie bezahlt werden. – Nun, meine Liebe, wenn du bereit bist, so brauchen wir keine Zeit zu verlieren.«

Mit einer erkünstelten Freundlichkeit, die ihm noch schlechter stand als sein gewohntes barsches Benehmen, winkte er dem jungen Mädchen vorauszugehen, machte Miss La Creevy eine Verbeugung, schloß die Türe und folgte Kate die Treppe hinauf, wo ihn Mrs. Nickleby mit vielen Hochachtungsbezeugungen empfing. Kurz und mit einer ungeduldigen Handbewegung hemmte er ihren Redefluß.

»Ich habe eine Stelle für Ihre Tochter gefunden«, ging er ohne Umschweife in medias res ein.

»Herrlich, herrlich«, jubelte Mrs. Nickleby. »Aber ich habe auch nichts anderes von Ihnen erwartet. Erst gestern morgen sagte ich beim Frühstück zu Kate: Verlaß dich drauf, dein Onkel hat so gut für Nikolas gesorgt, er wird nicht ruhen, bis ihm nicht hinsichtlich deiner ein gleiches gelungen ist. Ja, genau das waren meine Worte. Liebe Kate, ja warum bedankst du dich denn nicht bei deinem –«

»Bitte, lassen Sie mich fortfahren, Madam«, unterbrach Ralph schroff den Redestrom seiner Schwägerin.

»Liebes Kind, laß deinen Onkel fortfahren!« ermahnte Mrs. Nickleby.

»Aber ich bin doch ganz Ohr, Mama«, erwiderte Kate.

»Gut, Kind, gut. Aber wenn du so ganz Ohr bist, so laß deinen Onkel doch ausreden«, eiferte Mrs. Nickleby. »Du weißt, die Zeit deines Onkels ist kostbar, mein Kind, und wie sehr es auch dein Wunsch sein mag, das Vergnügen, ihn bei uns zu sehen, zu verlängern, so dürfen wir doch nicht so selbstsüchtig sein und müssen in Erwägung ziehen, was für hochwichtige Geschäfte er in der City hat.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Madam«, sagte Ralph mit einem mühsam unterdrückten Hohnlächeln. »Der Umstand, daß man in Ihrer Familie nicht an Geschäfte gewöhnt ist, führt, wie ich sehe, zu einer großen Verschwendung von Worten, so daß man, wenn einmal wirklich von einem Geschäft die Rede ist, gar nicht dazu kommen kann.«

»Ich fürchte, das ist nur zu wahr«, seufzte Mrs. Nickleby. »Ihr seliger Bruder –«

»Mein seliger Bruder«, fiel Ralph bissig ein, »hatte keine Ahnung von einem Geschäft. Ich glaube, er kannte nicht einmal die Bedeutung des Wortes.«

»Ich fürchte, Sie haben auch darin recht«, seufzte Mrs. Nickleby abermals und drückte ihr Schnupftuch an die Augen. »Hätte er mich nicht gehabt, ich wüßte nicht, was aus ihm geworden wäre.«

– Der plumpe Köder, den Ralph bei der ersten Begegnung hingeworfen hatte, wirkte noch immer. Bei jeder kleinen Entbehrung und Unbequemlichkeit, die Mrs. Nickleby an ihre jetzt beschränkteren Lebensverhältnisse erinnerte, knüpfte sich für sie ein ihr die Laune vergällender Gedanke an ihre verlorenen tausend Pfund Mitgift. Und doch war sie nicht selbstsüchtiger als manche andere und hatte ihren Mann viele Jahre lang innig geliebt. So reizbar wird der Mensch durch plötzliche Verarmung. –

»Das Jammern hilft hier gar nichts, Madam«, sagte Ralph; »von allen nutzlosen Dingen ist das allernutzloseste, einem entschwundenen Tag eine Träne nachzuweinen.«

»Ja, ja, so ist es«, schluchzte Mrs. Nickleby, »so ist es.«

»Da Sie schon die Folgen des In-den-Tag-Hineinlebens an Ihrer eigenen Börse und Person so schwer empfinden, Madam«, fuhr Ralph fort, »so hoffe ich, Sie werden Ihren Kindern die Notwendigkeit einer rastlosen Tätigkeit um so mehr ans Herz legen?«

»Natürlich. Natürlich«, beteuerte Mrs. Nickleby. »Habe ich doch so traurige Erfahrungen gemacht. – Liebes Kind, führe das in deinem nächsten Brief an Nikolas so genau wie möglich aus, oder erinnere mich daran, wenn ich ihm schreibe.«

Ralph schwieg eine Weile und fuhr dann, als er sah, daß er die Mutter soweit auf seiner Seite hatte, falls die Tochter gegen seinen Vorschlag etwas einzuwenden haben sollte, fort:

»Die Stelle – kurz und gut –, die ich für Kate ausgesucht habe, ist bei einer Putzmacherin.«

»Bei einer Putzmacherin!?!« rief Mrs. Nickleby.

»Bei einer Putzmacherin, Madam«, wiederholte Ralph. »Ich brauche einer Frau, die soviel Lebenserfahrung hat wie Sie, nicht erst zu sagen, daß Putzmacherinnen in London ein schönes Geld verdienen, sich Equipagen halten und es zu großem Reichtum bringen.«

Das Wort Putzmacherin hatte in Mrs. Nickleby zunächst Erinnerungen an gewisse geflochtene, mit Wachstaffet ausgelegte Weidenkörbe erweckt, die sie zuweilen in den Straßen hatte hin- und hertragen sehen, aber als Ralph fortfuhr, verschwand dieser Eindruck rasch und machte desto glänzenderen Bildern von großen Häusern im Westend, feinen Equipagen und Leibrenten Platz. Sie nickte daher freudig und gab, augenscheinlich sehr zufrieden, ihre Zustimmung zu erkennen.

»Was dein Onkel gesagt hat, ist vollkommen richtig, Kate«, erklärte sie ihrer Tochter. »Als ich kaum verheiratet war und mit deinem armen Vater nach London kam, erinnere ich mich noch recht gut, daß mir eine junge Dame einen Basthut mit weiß und grünem Besatz und grünem Seidenfutter in ihrem eigenen Wagen, der in vollem Galopp vorfuhr, ins Haus brachte. Ich weiß zwar nicht ganz bestimmt, ob es ihr eigener Wagen oder eine Droschke war, aber ich erinnere mich noch recht gut, daß das Pferd beim Umwenden tot niederfiel und daß dein armer Vater noch meinte, es hätte vierzehn Tage keinen Hafer zu fressen bekommen.«

So grell diese Reminiszenz die glänzende Lage der Londoner Putzmacherinnen beleuchtete, so schien sie doch keinen besonderen Anklang zu finden, denn Kate ließ den Kopf sinken, und Ralph legte unverkennbare Zeichen äußerster Ungeduld an den Tag.

»Die in Rede stehende Dame«, fiel er hastig ein, »heißt Mantalini. Madame Mantalini. Ich kenne sie. Sie wohnt unweit Cavendish Square. Wenn Ihre Tochter also geneigt ist, sich um die Stelle zu bewerben, so kann ich sie gleich hinführen.«

»Und du, hast du deinem Onkel nichts zu sagen, mein Kind?« fragte Mrs. Nickleby.

»Sogar sehr vieles«, versetzte Kate, »aber bitte, nicht jetzt; ich möchte lieber unter vier Augen mit ihm sprechen. Es wird ihm Zeit sparen, wenn ich ihm meinen Dank und das, was ich ihm zu eröffnen habe, auf dem Wege sage.«

Damit eilte sie, um die hervorbrechenden Tränen zu verbergen, mit der Entschuldigung hinaus, sie wolle sich zum Ausgehen ankleiden, während ihre Mutter Mr. Nickleby unter großer Gemütsbewegung mit der umständlichen Beschreibung eines Klaviers aus Rosenholz und einer Garnitur Sesseln mit gedrechselten Beinen und grünen Sitzpolstern unterhielt, die sie in den Tagen ihrer Wohlhabenheit besessen, wobei sie hervorhob, daß von letzteren jedes Stück zwei Pfund fünfzehn Schillinge gekostet habe und nichtsdestoweniger bei der Versteigerung fast um nichts weggegangen sei.

Diese Reminiszenzen wurden endlich durch Kates Rückkehr abgeschnitten, und Ralph, der während der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit ärgerlich dagesessen hatte, verlor nun keinen Augenblick mehr und verließ mit ihr ohne viel Zeremonie das Haus.

»So, jetzt lauf, so schnell du kannst«, sagte er und reichte ihr den Arm, »du wirst dir damit den Schritt angewöhnen, den du von jetzt an jeden Morgen nötig haben wirst.«

Mit diesen Worten eilte er mit Kate nach Cavendish Square.

»Ich bin Ihnen für Ihre Güte wirklich sehr verbunden«, begann das junge Mädchen, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinanderher gegangen waren.

»Freut mich«, brummte Ralph, »ich hoffe, du wirst deine Pflicht gewissenhaft erfüllen.«

»Ich will mir alle Mühe geben, Onkel«, versicherte Kate, »wirklich, ich –«

»Fang nur nicht gleich wieder zu weinen an. Ich kann das ewige Geplärre nicht ausstehen.«

»Ich weiß, es ist töricht, lieber Onkel«, stotterte die arme Kate.

»Ja, das ist es«, fiel ihr Ralph ins Wort, »und sehr affektiert obendrein. Verschone mich mit derartigen Komödien.«

Das war bestimmt nicht die rechte Art und Weise, die Tränen eines jungen und empfindsamen Mädchens zu trocknen, das im Begriff stand, eine ihm ganz neue Laufbahn unter kaltherzigen und teilnahmslosen Fremden zu betreten, aber der Zweck wurde dessenungeachtet erreicht. Kates Gesicht wurde blutrot, und ihre Brust arbeitete einige Minuten heftig. Dann aber schritt sie mit festerem und entschlossenerem Schritt weiter.

Es lag ein seltsamer Kontrast in dem Benehmen der beiden. Das furchtsame Landmädchen schlüpfte schüchtern durch das Gedränge und hielt sich fest an ihren Führer, fürchtend, ihn in den Volksmassen zu verlieren, während der ernste, eherne Geschäftsmann mürrisch seines Weges schritt, sich mit den Ellenbogen Bahn brach und hie und da den Gruß eines Vorübergehenden verdrossen erwiderte, der sich sichtlich überrascht nach seiner schönen Begleiterin umsah und sich über das so schlecht zusammenpassende Paar wunderte. Der Gegensatz wäre noch weit auffallender gewesen, hätte man in den Herzen, die so nahe beieinander schlugen, lesen und die reine Unschuld des einen mit der bodenlosen Niedertracht des andern vergleichen können.

»Onkel«, fing Kate, als sie sich dem Ort ihrer Bestimmung nahe glaubte, furchtsam wieder an. »Ich möchte eine Frage an Sie richten. Werde ich zu Hause wohnen?«

»Zu Hause?« versetzte Ralph. »Wo ist das?«

«Ich meine – bei meiner Mutter.«

»Dein eigentlicher Aufenthalt wird in Madame Mantalinis Hause sein, denn du wirst bei ihr essen und von Morgen bis Abend, hie und da vielleicht auch bis früh, dort bleiben.«

»Aber ich meine des Nachts?« sagte Kate. »Ich kann die Mutter doch nicht verlassen, Onkel! Ich muß ein Plätzchen haben, das ich Heimat nennen kann, und das ist da, wo sie ist – wie armselig es auch immer sein mag.«

»Sein mag?« wiederholte Ralph ungeduldig und beschleunigte seine Schritte noch mehr. »Sein muß, willst du wohl sagen. Von einem mögen zu sprechen! Ist das Mädchen toll?«

»Das Wort entschlüpfte mir nur so, ohne daß ich den Sinn hineinlegen wollte, den Sie darin finden«, entschuldigte sich Kate.

»Na, das will ich hoffen«, brummte Ralph.

»Aber meine Frage, Onkel! – Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Nun, ich habe etwas der Art kommen sehen«, versetzte Ralph, »und habe deshalb, obgleich es ganz und gar nicht nach meinem Sinne ist, entsprechend Vorkehrungen getroffen und Madame Mantalini gesagt, du wünschest als Arbeiterin ›außer Haus‹ unterzukommen. Du kannst daher abends zu deiner Mutter gehen.«

Das war wenigstens ein kleiner Trost. Kate erging sich in tausend Dankesbeteuerungen, die Ralph gnädig entgegennahm.

Bald darauf langten sie vor dem Hause der Putzmacherin an. Ein livrierter Diener öffnete die Türe und führte sie eine breite Treppe hinauf in einen reich möblierten Saal voll Modekleidern und Stoffen in größter Auswahl.

Sie mußten länger warten, als es Mr. Nickleby zu passen schien. Ärgerlich blickte er umher und wollte eben ungeduldig klingeln, als plötzlich ein Herr den Kopf zur Türe hereinsteckte, ihn aber ebenso schnell wieder zurückzog, als er bemerkte, daß jemand anwesend war.

»Hallo, wer ist da?« rief Ralph.

Sofort erschien der Herr wieder, ließ eine lange Reihe schneeweißer Zähne sehen und lispelte geziert: »Der Teufel. Wie? Nickleby? Ei, der Teufel!« Er war in einen prächtigen Schlafrock, eine Weste und türkische Beinkleider aus demselben Stoff gekleidet, trug ein rosenrotes seidenes Halstuch und hellgrüne Pantoffeln, und eine schwere goldene Uhrkette baumelte ihm auf der Brust. Sein Backen- und Schnurrbart, beide schwarz gefärbt, waren zierlich gekräuselt.

»Zum Teufel! Sie werden doch nichts von mir wollen?« sagte er und klopfte Ralph auf die Schulter.

»Beruhigen Sie sich«, versetzte Ralph sarkastisch.

»Ha, ha, zum Teufel«, lachte der Herr, drehte sich affektiert auf der Ferse um und wurde dadurch Kates ansichtig, die in der Nähe stand. »Meine Nichte«, stellte Ralph vor.

»Ach, jetzt erinnere ich mich«, rief der Herr und tippte sich geziert, wie zur Strafe für seine Vergeßlichkeit, mit dem Zeigefinger auf die Nase, »zum Teufel, jetzt erinnere ich mich, warum Sie hier sind. Kommen Sie nur mit, Nickleby. – Wollen Sie mir folgen, mein Kind? Ha, ha, sie folgen mir alle, Nickleby. Zum Teufel! – Haben es immer getan.«

In dieser geckenhaften Weise plapperte der Herr fort und führte seine Gäste in ein Empfangszimmer im zweiten Stock, das nicht minder elegant möbliert war als der Saal im ersten. Eine silberne Kaffeekanne, ein Eierbecher und eine gebrauchte Porzellantasse auf dem Tisch verrieten, daß man soeben gefrühstückt hatte.

»Setzen Sie sich, mein Kind«, sagte der Herr, stierte Kate so lange an, bis sie ganz aus der Fassung kam, und verzog dann, entzückt über die gelungene Heldentat, grinsend sein Gesicht. »Diese verwünscht eleganten Zimmer benehmen einem förmlich den Atem. Der Teufel hole diese Paradiese. Ich fürchte, ich muß ausziehen.«

»Ich würde es unter allen Umständen tun«, brummte Ralph, ärgerlich umherblickend.

»Ha, ha – Sie sind ein verdammt altmodischer Kauz, Nickleby«, lachte der Herr. »Der verwünschteste, übellaunigste alte Fuchskopf, der je in Gold und Silber gewühlt hat! Hol mich der Teufel.«

Dann zog der Herr die Klingel, stierte wieder Miss Nickleby an und befahl dem Bedienten, seiner Gebieterin zu sagen, sie möge sogleich herunterkommen. Sodann starrte er abermals Kate an und hörte damit nicht eher auf, bis Madame Mantalini eintrat.

Die Putzmacherin war eine rüstige, vornehm gekleidete und gut aussehende Frau, aber viel älter als der Herr in den türkischen Beinkleidern, mit dem sie erst seit sechs Wochen verheiratet war. Er hatte ursprünglich Muntle geheißen, seinen Namen aber in Mantalini umgewandelt, da seine Frau mit Recht annahm, ein englischer könne dem Geschäft wesentlich schaden.

Er hatte eigentlich auf seinen Backenbart hin geheiratet, von dem er bereits mehrere Jahre sorgenlos gelebt, und ihn durch den Zuwachs eines Schnurrbartes, mit dem er nach langer und geduldiger Pflege sein Gesicht verschönert, vervollkommnet. Sein Anteil an der Geschäftstätigkeit beschränkte sich zur Zeit auf das Durchbringen des Geldes, und wenn dies zur Neige ging, hin und wieder auf eine Fahrt zu Mr. Ralph Nickleby, um sich von ihm, nach Abzug der entsprechenden Prozente, Vorschüsse auf die Kundenrechnungen vorstrecken zu lassen.

»Mein süßes Leben«, rief Mr. Mantalini seiner Gattin entgegen«, »verteufelt lange haben wir auf dich warten müssen.«

»Ich konnte doch nicht wissen, daß Mr. Nickleby hier ist, mein Schatz«, entschuldigte sich Madame Mantalini.

»Dann muß der Bediente ein doppelt verteufelter höllischer Spitzbube sein, mein Herz«, scherzte Mr. Mantalini.

»Gewiß, mein Schatz, was kannst du auch anders erwarten, wenn du ihm alles durchgehen läßt«, schmollte die Dame.

»Nun, sei nur nicht ungehalten«, flötete Mr. Mantalini, »zum Teufel, er soll durchgepeitscht werden, bis er nach Gott schreit.«

Und Mr. Mantalini fügte seinem Versprechen einen Kuß hinzu, und Madame Mantalini kniff ihn scherzhaft ins Ohr. Sodann ließ sich das Ehepaar herbei, zu den Geschäften überzugehen.

»Also, Madame«, brummte Ralph, der diesen Vorgängen mit einer Verachtung zugesehen hatte, wie sie wohl nur wenige Menschen in ihren Blicken auszudrücken vermögen, »dies ist meine Nichte.«

»Ah richtig, Mr. Nickleby«, versetzte Madame Mantalini und musterte Kate von Kopf bis Fuß und wieder zurück. »Können Sie Französisch, mein Kind?«

»Ja, Madam«, antwortete Kate, ohne zu wagen, die Augen aufzuschlagen, denn sie fühlte den Blick des widerlichen Menschen im Schlafrock wieder auf sich ruhen.

»Auch so verteufelt geläufig wie eine Rassefranzösin?« fragte Mr. Mantalini.

Miss Nickleby gab keine Antwort und wendete dem Frager den Rücken zu, als sei sie willens, nur auf das zu antworten, was Madame sie fragen würde.

»Wir haben beständig zwanzig junge Mädchen im Geschäft«, bemerkte die Putzmacherin.

»Ja, und auch einige verteufelt hübsche darunter«, ergänzte Mr. Mantalini.

»Mantalini!« rief die ältliche Gattin in verweisendem Tone.

»Abgott meines Lebens?«

»Willst du mich unter die Erde bringen?«

»Nicht um zwanzigtausend Hemisphären, bevölkert mit – mit – mit kleinen Balletteusen«, beteuerte Mr. Mantalini poetisch.

»Es wird aber geschehen, wenn du fortfährst in dieser Weise zu sprechen. Was wird sich Mr. Nickleby denken?!«

»Ach, nichts, Madame!« fiel Ralph ein. »Ich kenne seinen und Ihren liebenswürdigen Charakter. Weiter nichts als kleine Bemerkungen, die Ihrer täglichen Unterhaltung einen pikanten Beigeschmack geben. Liebesgetändel, das die häuslichen Freuden versüßen soll, wenn sie langweilig werden wollen. Das ist alles.«

Wenn eine eiserne Türe mit ihren Angeln in Streit geraten wäre, hätten ihre Töne kaum unangenehmer das Ohr berühren können als diese Worte, so rauh stieß sie Ralph hervor. Selbst Mantalini empfand das und drehte sich erschrocken mit dem Ausruf um:

»Ist das aber ein verteufelt abscheuliches Gekrächz!«

»Achten Sie nicht auf das, was Mr. Mantalini sagt«, wendete sich Madame entschuldigend an Kate Nickleby.

»Ich tue es auch nicht, Madam«, sagte Kate mit ruhiger Verachtung.

»Mr. Mantalini kommt mit den jungen Mädchen im Hause nicht weiter in Berührung«, fuhr die Putzmacherin mit einem Blick auf ihren Gatten, aber zu Kate gewendet, fort; »hat er eine von ihnen dennoch gesehen, so muß es auf der Straße gewesen sein, wenn die Mädchen von oder zur Arbeit gingen. In keinem Falle aber im Hause, denn ich gestatte nicht, daß er in das Arbeitszimmer kommt. – An was für Arbeitsstunden sind Sie gewöhnt?«

»Ich bin vorderhand überhaupt noch nicht an Arbeit gewöhnt«, antwortete Kate schüchtern.

»Und eben deshalb wird sie jetzt um so fleißiger arbeiten«, fiel Ralph schnell ein, damit dieses Geständnis die Verhandlung nicht beeinträchtigte.

»Das hoffe ich«, entgegnete Madame Mantalini. »Unsere Stunden sind von neun bis neun; auch noch länger, wenn wir mit Arbeit überhäuft sind, was aber dann besonders bezahlt wird.« Kate nickte eifrig, um anzudeuten, daß sie vollkommen einverstanden sei.

»Und die Kost, das heißt Mittagessen und Tee, erhalten Sie hier. Ihr Lohn wird sich durchschnittlich auf etwa fünf bis sieben Schillinge pro Woche belaufen. Ich kann mich darüber noch nicht mit Bestimmtheit auslassen, ehe ich gesehen habe, was Sie zu leisten imstande sind.«

Kate verbeugte sich abermals.

»Wenn Sie also eintreten wollen«, fuhr Madame Mantalini fort, »so ist es am besten, wenn Sie Montag früh punkt neun Uhr anfangen. Ich werde Miss Knag, der Vorarbeiterin, den Auftrag geben, daß sie Ihnen für den Anfang leichtere Sachen zuweist. – Steht sonst noch etwas zu Diensten, Mr. Nickleby?«

»Nichts sonst, Madam«, versetzte Ralph aufstehend.

»Dann glaube ich, haben wir wohl alles verhandelt?«

Mit diesen Worten sah sich Madame Mantalini nach der Tür um, als wünsche sie sich zu entfernen, aber sie zögerte noch und schien ihrem Gemahl die Ehre, den Gästen das Geleit zu geben, überlassen zu wollen. Ralph half ihr aus der Verlegenheit und verabschiedete sich unverzüglich. Madame Mantalini erkundigte sich vorher noch gnädigst, warum man so selten die Ehre seines Besuches habe, und Mr. Mantalini verteufelte im Hinuntergehen mit großer Zungengeläufigkeit die Stiegen, in der vergeblichen Hoffnung, Kate zu veranlassen, sich noch einmal umzusehen.

»So«, sagte Ralph, als sie auf die Straße traten, »jetzt wäre für dich gesorgt.«

Kate wollte ihm abermals danken, aber er fiel ihr ins Wort:

»Ich hatte anfänglich vor, deine Mutter in einer hübschen Gegend auf dem Lande unterzubringen (er hatte nämlich das Recht, über einige Freiplätze in den Armenhäusern an der Grenze von Kornwallis zu verfügen), da ihr aber beisammenbleiben wollt, so muß ich sehen, wie sich's anders machen läßt. – Sie hat wohl noch ein wenig Geld?«

»Sehr wenig«, versetzte Kate schüchtern.

»Auch wenig wird weit reichen, wenn man sparsam damit umgeht. Sie muß sich eben so gut wie möglich nach der Decke strecken. Die Miete soll sie nichts kosten. – Ihr zieht am nächsten Samstag aus?«

»Sie sagten doch, daß wir es tun sollten, Onkel.«

»Ganz recht. – Also, ich habe gegenwärtig ein leeres Haus zur Verfügung, wo ich euch unterbringen kann, bis es vermietet ist; und dann steht mir eventuell noch ein anderes zu Gebote, wenn sich die Umstände ändern sollten. – Ihr müßt vorderhand dort hinziehen.«

»Ist es weit von hier, Onkel?« fragte Kate.

»Ja, ziemlich weit. In einem andern Stadtteile – im Ostend. Aber ich werde euch Samstag abends meinen Schreiber schicken. Der soll euch hinführen. Adieu jetzt. – Du weißt doch den Weg? – Nur immer geradeaus!«

Damit verließ Ralph seine Nichte am Eingang in die Regent Street mit einem kalten Händedruck und bog, fortwährend auf Gelderwerb sinnend, in eine Nebengasse ein, während Kate traurig in ihre Wohnung zurückkehrte.

11. Kapitel

Mr. Newman Noggs führt Mrs. und Miss Nickleby in ihre neue Behausung in der City

Mit düsteren Ahnungen blickte Kate Nickleby in die Zukunft, während sie so dahinschritt. Das Benehmen ihres Onkels war ebensowenig geeignet, die Zweifel und Bedenken, die sich ihr bereits von Anfang an aufgedrängt, zu zerstreuen, wie der Blick, den sie in Madame Mantalinis Etablissement geworfen hatte.

Wären Worte des Trostes imstande gewesen, ihr Gemüt ein wenig aufzuhellen, so hätte dies notwendigerweise geschehen müssen, da es ihre Mutter an solchen durchaus nicht fehlen ließ. Die gute Dame hatte sich während der Abwesenheit ihrer Tochter auf zwei authentische Fälle von Putzmacherinnen besonnen, die es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht, wenn Mrs. Nickleby auch nicht mit Bestimmtheit anzugeben wußte, ob sie es lediglich durch ihr Geschäft erworben hatten. Miss La Creevy, die zum Familienrate zugezogen wurde, wagte zwar einige Bedenken zu äußern, ob es wahrscheinlich sei, daß Miss Nickleby in den Grenzen einer gewöhnlichen Lebensdauer ein so glückliches Ziel zu erreichen imstande sei, aber die gute Witwe widerlegte diese Frage dadurch, daß sie erklärte, sie habe ein ausgezeichnetes Ahnungsvermögen, eine Art zweiten Gesichtes. Damit hatte sie schon den seligen Mr. Nickleby immer zu Paaren zu treiben gewußt und ihn in zehn Fällen neun und dreiviertelmal zu einem verkehrten Schritt zu verleiten verstanden.

»Ich fürchte nur, daß diese Art Beschäftigung nachteilig auf die Gesundheit einwirkt«, meinte die Malerin. »Ich erinnere mich, daß mir zu Anfang meiner Künstlerlaufbahn drei junge Putzmacherinnen saßen, die alle sehr blaß und kränklich aussahen.«

»Oh, das kann doch nicht als allgemeine Regel gelten«, wendete Mrs. Nickleby ein, »ich erinnere mich noch so gut, als wäre es erst gestern geschehen, daß mir zur Zeit, als die Scharlachmäntel Mode waren und ich mir einen solchen machen ließ, eine Putzmacherin empfohlen wurde, die ein sehr rotes Gesicht jawohl – ein sehr rotes Gesicht hatte.«

»Vielleicht trank sie?« meinte Miss La Creevy.

»Ich weiß nicht, wie sie es damit hielt«, versetzte Mrs. Nickleby, »aber ich weiß, daß sie ein sehr rotes Gesicht hatte. Und damit sind Sie widerlegt, Miss La Creevy.«

Mit ähnlich schlagenden Beweisen entkräftete die würdige Matrone alle Einwürfe. Ein Projekt brauchte eben nur neu zu sein, um sich ihr in den glänzendsten Farben darzustellen.

Als diese Frage also glücklich erledigt war, teilte Kate ihrer Mutter das Verlangen Onkel Ralphs, die gegenwärtige Wohnung zu verlassen, mit, und Mrs. Nickleby ging sofort darauf ein und malte sich umständlich aus, wie entzückend es sein werde, wenn sie Kate an den schönen Abenden aus dem Westend abholen würde. Sie vergaß charakteristischerweise, daß es in London auch regnerische Abende und schlechtes Wetter gibt.

»Es tut mir wirklich sehr, sehr leid, Sie verlieren zu müssen, meine liebe, gute Freundin«, sagte Kate, auf die die wohlwollende freundliche Miniaturmalerin einen tiefen Eindruck gemacht hatte.

»Sie sollen mich dessenungeachtet nicht so leicht loswerden«, versicherte Miss La Creevy mit aller Lebhaftigkeit, die ihr zu Gebote stand. »Ich werde Sie sehr oft besuchen, um zu sehen, wie es Ihnen geht. Und wenn es in ganz London und noch obendrein in der ganzen Welt wirklich kein Herz geben sollte, das an Ihrem Wohle aufrichtigen Anteil nimmt, so sollen Sie doch eines in dem Busen eines kleinen alleinstehenden, weiblichen Wesens finden, das jeden Tag und jede Nacht seine Gebete für Sie zum Himmel schickt.«

Dabei schnitt die gute Seele, die ein Herz, groß genug für Gog, den Schutzgeist von London, und für Magog obendrein, besaß, eine Menge wundersamer Gesichter, die ihr, wenn sie sie auf der Leinwand würde haben festhalten können, ein großes Vermögen gesichert hätten. Und dann setzte sie sich in eine Ecke, um ihren Gefühlen in Tränen freien Lauf zu lassen.

Aber weder Tränen, noch Worte, noch Hoffen, noch Furcht konnten den gefürchteten Samstagabend hinausschieben. Gerade in dem Augenblick, als die Kirchturmuhren der Nachbarschaft fünf schlugen, hinkte Newman Noggs heran und hauchte seinen von Branntwein geschwängerten Atem durch das Schlüsselloch der Haustüre. Mit dem letzten Glockenschlag klopfte er.

»Von Mr. Ralph Nickleby«, kündigte er sich, als er die Stiege heraufgekommen, mit lakonischer Kürze an.

»Wir werden im Augenblick bereit sein«, sagte Kate. »Wir haben zwar nicht viel mitzunehmen, aber ich fürchte doch, daß wir eine Droschke dazu brauchen werden.«

»Ich will eine holen«, erbot sich Newman.

»O nein, nein, Sie dürfen sich nicht bemühen«, lehnte Mrs. Nickleby dankend ab.

»Aber ich will«, beharrte Newman auf seinem Vorhaben. »Ich hätte bereits eine mitgebracht, nur wußte ich nicht, ob Sie schon bereit sind.«

»Oh, vielen Dank, Mr. Noggs«, sagte Mrs. Nickleby. »Was macht Ihr Prinzipal?«

Newman warf einen vielsagenden Blick auf Kate und erwiderte langsam, Mr. Ralph Nickleby befände sich immer wohl und lasse im übrigen herzlich grüßen.

»Wir sind ihm wirklich sehr zu Dank verpflichtet«, bemerkte Mrs. Nickleby

»Hm«, meinte Newman. »Werde es ausrichten.«

Es war nicht leicht, Newman Noggs zu vergessen, wenn man ihn einmal gesehen hatte, und als ihn jetzt Kate, veranlaßt durch sein seltsames Benehmen, das übrigens ungeachtet seiner abgebrochenen Redeweise etwas Ehrerbietiges, ja sogar Zartes hatte, genauer betrachtete, erinnerte sie sich, seine sonderbare Gestalt schon früher flüchtig gesehen zu haben.

»Entschuldigen Sie meine Neugierde, aber habe ich Sie nicht schon an dem Morgen, als mein Bruder nach Yorkshire abreiste, im Posthof gesehen?« fragte sie.

Newman warf einen unsicheren Blick auf Mrs. Nickleby und erwiderte rundheraus: »Nein.«

»Nicht? Und doch hätte ich mir getraut, es auf das bestimmteste zu behaupten.«

»Dann würden Sie etwas Unrichtiges behauptet haben«, erwiderte Newman. »Ich gehe heute seit drei Wochen das erstemal wieder aus. Ich hatte einen Gichtanfall.«

Newman hatte nun nichts weniger als das Aussehen eines mit der Gicht Behafteten, und auch Kate konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren. Alle weiteren Erörterungen wurden aber von Mrs. Nickleby abgeschnitten, die darauf bestand, daß die Türe geschlossen werden müsse, um Mr. Noggs keiner Erkältung auszusetzen, worauf sie das Dienstmädchen nach einer Droschke fortzuschicken beschloß, um ihm einen allenfallsigen Rückfall seiner Krankheit zu ersparen. Newman mußte nachgeben. Der Wagen ließ nicht lange auf sich warten, und nach tränenreichem Lebewohl und vielem geschäftigem Hinundherrennen Miss La Creevys, wobei ihr gelber Turban wiederholt in gewaltsame Berührung mit den Köpfen der Anwesenden kam, fuhr er, nämlich nicht der Turban, sondern der Wagen, mit den beiden Damen und ihrem Gepäck ab. Newman hatte seinen Sitz auf dem Bock bei dem Kutscher eingenommen, ohne sich durch die Versicherung Mrs. Nicklebys, daß es sein Tod sein könne, beirren zu lassen.

Nach einer langen Fahrt gelangten sie in die City und machten vor einem großen, alten, von Rauch geschwärzten Hause in der Themse Street Halt. Die Türen und Fenster des Gebäudes waren so mit Kot bespritzt, daß es den Anschein hatte, als sei es seit Jahren nicht mehr bewohnt gewesen.

Newman öffnete die Türe dieser verlassenen Wohnung mit einem Schlüssel, den er aus seinem Hute nahm, wie er denn überhaupt wegen des schadhaften Zustandes seiner Taschen alles darin aufbewahrte und wahrscheinlich auch sein Geld untergebracht haben würde, wenn er welches besessen hätte, und ging in das Innere der Behausung voran. Es war ein wahres Bild des Verfalls, öde, kalt und unfreundlich. An die Hinterseite des Hauses stieß ein Landungsplatz der Themse. Eine leere Hundehütte, ein paar Knochen, Reste von eisernen Reifen und alte Faßdauben lagen zerstreut umher, aber nirgends zeigten sich Spuren von Leben.

»Wie unheimlich und beklemmend es hier ist!« sagte Kate.

»Rein, als ob das Haus unter einem schlimmen Einfluß stünde. Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich fast glauben, in diesen alten Mauern müsse irgendein schreckliches Verbrechen verübt worden sein. Wie finster und düster hier alles aussieht!«

»Um Gottes willen, Kind, sprich nicht so, wenn ich mich nicht zu Tode ängstigen soll«, jammerte Mrs. Nickleby.

»Ach, Mama, es ist ja nur eine törichte Einbildung von mir«, beruhigte sie Kate mit erzwungenem Lächeln.

»Nun, dann behalte solche törichte Einbildungen für dich, wenn du nicht auch meine törichten Einbildungen wecken willst«, entgegnete Mrs. Nickleby. »Warum dachtest du denn nicht an all das früher? Du sorgst auch für gar nichts! Wir hätten Miss La Creevy um ihre Gesellschaft bitten oder uns einen Hund borgen oder tausend andere Dinge tun können. Aber so bist du! Gerade wie dein armer, seliger Vater! Was, wenn ich nicht an alles dächte –?«

So pflegte Mrs. Nickleby meistens ein allgemeines Klagelied zu beginnen, das sich dann durch ein Dutzend oder mehr verwickelte Sätze durchwand, die eigentlich an niemand gerichtet waren und in denen sie auch jetzt schwelgte, bis ihr der Atem versagte.

Newman schien diese Bemerkungen nicht zu hören, sondern führte nur Mutter und Tochter in ein paar Gemächer im ersten Stock, die man ein wenig wohnlich zu machen versucht hatte. In dem einen standen ein paar Stühle und ein Tisch, ein alter Teppich lag vor dem Kamin, und ein Feuer brannte auf dem Rost. In dem andern befand sich ein altes Feldbett und einige Schlafzimmergerätschaften.

»Nun, mein Kind«, seufzte Mrs. Nickleby und gab sich alle Mühe, heiter auszusehen, »erkennst du hierin nicht die Fürsorge und Liebe deines Onkels? Ohne sie würden wir nichts haben als das Bett, das wir gestern kauften.«

»Wirklich sehr fürsorglich«, gab Kate umherblickend zu.

Newman verriet mit keinem Wort, daß er die alten Möbel aus allen Ecken und Enden zusammengesucht, die auf dem Gesims stehende Milch zum Tee aus seinen eigenen jämmerlichen Mitteln bezahlt, den rostigen Kessel über dem Feuer gefüllt, die Holzspäne heimlich hinter dem Hause gesammelt und die Kohlen zusammengebettelt hatte. Aber der Gedanke, daß alles dies in Ralph Nicklebys Auftrage geschehen sein sollte, wollte ihm so wenig zusagen, daß er sich nicht enthalten konnte, nacheinander mit allen zehn Fingern zu knacken, was Mrs. Nickleby anfangs ziemlich verblüffte. Da sie aber vermutete, es könne irgendwie in Beziehung zu Mr. Noggs' Gichtleiden stehen, so erlaubte sie sich weiter keine Bemerkung.

»Wir dürfen Sie aber jetzt, glaube ich, nicht länger aufhalten«, sagte Kate.

»Haben Sie sonst nichts mehr zu befehlen?« fragte Newman.

»Nichts; ich danke Ihnen vielmals. Aber vielleicht, mein Kind, würde Mr. Noggs ein Glas auf unsere Gesundheit trinken?« fiel Mrs. Nickleby ein und suchte in ihrer Pompadour nach einem kleinen Geldstück.

»Ich fürchte, Mama«, flüsterte Kate schnell, als sie Newman sein Gesicht abwenden sah, »du verletzt ihn, wenn du ihm etwas anbietest.«

Newman Noggs verbeugte sich dankbar gegen die junge Dame, mehr in der Weise eines Gentlemans als in der, die für den armen Elenden, den sein Äußeres bekundete, zu passen schien, legte die Hände auf die Brust, blieb eine Weile mit der Miene eines Menschen, der gerne sprechen möchte und nicht kann, stehen, wandte sich dann um und verließ still das Zimmer.

Das schrille Echo der in das Schloß einfallenden schweren Haustür tönte so schaurig durch das Gebäude, daß sich Kate halb und halb versucht fühlte, den Schreiber ihres Onkels wieder zurückzurufen und ihn zu bitten, noch ein wenig zu bleiben, aber sie schämte sich ihrer Furcht, und so wanderte denn Newman Noggs heim.

12. Kapitel

Der weitere Verlauf der Liebesgeschichte Miss Fanny Squeers'

Es war ein Glück für Miss Fanny Squeers, daß ihr würdiger Papa, als er abends spät nach Hause kam, zu stark angesäuselt war, um die zahlreichen Merkmale höchsten Verdrusses zu gewahren, die sich unverhüllt in ihren Zügen aussprachen. Da er gewöhnlich, wenn er zuviel »geladen« hatte, ziemlich heftig und streitsüchtig zu sein pflegte, so war die junge Dame klugerweise darauf bedacht gewesen, zur Ableitung des ersten Unwetters einen Zögling parat zu halten. Als der Ehrenmann seine Fußtritte und Fauststöße denn auch glücklich angebracht hatte, beruhigte er sich allmählich so weit, daß er sich gestiefelt und mit seinem Regenschirm unter dem Arm ins Bett legen konnte.

Das ausgehungerte Dienstmädchen begleitete Miss Squeers wie gewöhnlich nach dem Schlafgemach, um ihr daselbst das Haar aufzustecken, sonstige kleine Toilettendienste zu erweisen und ihr soviel Schmeicheleien zu sagen, als sie in der Geschwindigkeit auszudenken vermochte, denn Miss Squeers war träge und überhaupt eitel und leichtfertig genug, um eine vornehme Dame zu spielen, zu der ihr allerdings die übrigen Eigenschaften stark abgingen.

»Wie schön sich Ihr Haar heut abend kräuselt, Miss«, begann die Zofe. »Es is wirklich jammerschad, es zu kampeln.«

»Halt's Maul«, fuhr Miss Squeers sie zornig an.

Dem Mädchen waren dergleichen Ausbrüche nichts Neues, als daß sie darüber hätte überrascht sein können, und da sie halb und halb eine Vermutung hinsichtlich der stattgefundenen Vorfälle des Abends hatte, so änderte sie ihren Operationsplan, mit dem sie sich angenehm zu machen gedachte, und schlug einen indirekten Weg ein.

»Ach, Miss«, sagte sie daher, »i kann mir nöt helfen, aber es muß raus, und wann i dersticken sollt. In mein ganzen Lebn is mir noch nie a so a gemeines Aufsehen vorkommen als heut abend beim Fräulein Price.«

Miss Squeers seufzte und spitzte die Ohren.

»I weiß, es is unrecht von mir, daß i a so sprich«, fuhr das Mädchen fort, hocherfreut, daß ihre Worte Eindruck machten, »denn's Fräulein Price geht mir über alls, aber sich a so rausputzen! – O mei, wann sich halt die Leut selber segn kunnten!«

»Wie meinst du das, Phib?« fragte Miss Squeers mit einem Blick in den Handspiegel, wo sie natürlich nicht sich selbst, sondern ein anmutiges Bild ihrer Einbildungskraft erblickte. »Wie kannst du nur so sprechen?«

»Wie i a so sprechen kann, Fräul'n, Grund gnua is do, daß drüber sogar a alter Kater französisch sprechen kunnt«, versetzte die »Zofe« bilderreich. »Bloß oschaug'n braucht mer's, wias den Kopf hin und her schlenkert.«

»Sie trägt allerdings den Kopf hoch«, murmelte Miss Squeers scheinbar zerstreut.

»So eitel und doch is so gar nix an ihr.«

»Arme Tilda!« seufzte Miss Squeers.

»Und wia tief s' ausg'schnitten is! Daß sie sich nöt schamt!«

»Ich darf solche Äußerungen nicht gestatten, Phib«, verwies Miss Squeers, »Tildas Verwandte sind ordinäre Leute, und wenn sie es nicht besser weiß, so ist es die Schuld ihrer Familie und nicht die ihrige.«

»Jawoll«, sagte Phöbe, auch Phib genannt. »Aber könnt sie sich nöt a Freundin zum Muster nemman? Was für a artiges Frauenzimmer kunnt nöt mit der Zeit aus ihr werden, wann so sich zum Beispiel nach Ihna richten möcht!«

»Phib!« versetzte Miss Squeers mit würdevoller Miene. »Es ziemt sich nicht, daß ich solche Vergleiche mit anhöre. Du setzest Tilda herab, und es könnte als unfreundlich von mir ausgelegt werden, wenn ich es weiter dulden würde. Sprich daher von etwas anderm, Phib, denn, wenn ich auch zugeben muß, daß Tilda Price, wenn sie sich irgend jemand zum Muster nehmen wollte – ich meine nicht gerade mich –«

»O ja, grad Ihna, Fräul'n.«

»Also meinetwegen mich, wenn du es schon haben willst«, fuhr Miss Squeers fort. »Ich gebe zu, daß sie, wenn sie es tun wollte, weit besser dabei fahren würde.«

»Ja, und i müßt mich sehr irren, wann nöt jemand anderer a no der gleichen Meinung war«, versetzte das Mädchen geheimnisvoll.

»Was willst du damit sagen?« fragte Miss Squeers neugierig.

»Nix B'sonders, Fräul'n. Aber was i weiß, weiß i.«

»Phib!« entgegnete Miss Squeers theatralisch. »Ich bestehe darauf, daß du dich näher erklärst. Was sollen diese geheimnisvollen Worte? Sprich!«

»No, wann S's grad haben wollen, Fräul'n, so muß i halt mit der Farb außer. Der Herr Bräutigam von ihr is der gleichen Meinung mit Ihna. Und wann er nöt schon so weit gangen wäre, um nöt guat zrucktreten z'könna, so möcht er s' mit Freuden laufen lassen und bei Ihna, Fräul'n, anz'kommen suchn.«

»Gott im Himmel!« rief Miss Squeers, überwältigt die Hände zusammenschlagend. »Was sagst du da?«

»Die Wahrheit, Fräul'n, nix als die Wahrheit«, beteuerte die schlaue Phöbe.

»Welche Lage!« rief Miss Squeers. »So bin ich also, ohne es zu ahnen, in Gefahr, das Glück und den Frieden meiner lieben Tilda zu zerstören! Was ist doch nur der Grund, daß die Männer, ich mag wollen oder nicht, sich so rasend in mich verlieben und um meinetwillen ihren Bräuten abtrünnig werden?!«

»So könnan halt nöt anders; zum Verwundern is dös net«, erklärte das Mädchen.

»Rede mir nie wieder so!« verwies Miss Squeers streng. »Nie wieder, hörst du? Tilda hat Fehler – viele Fehler, aber ich will ihr Bestes und wünsche vor allem, daß sie unter die Haube kommt. Gerade wegen der Beschaffenheit ihrer Mängel ist es ihr zu wünschen, daß sie, je eher, desto besser, einen Mann kriegt. – Nein, Phib, sie soll nur ihren Browdie nehmen. Der arme Bursche dauert mich zwar, aber ich betrachte Tilda noch immer als meine Freundin und hoffe nur, daß sie sich als Ehefrau besser macht, als es wahrscheinlich der Fall sein wird.«

Nach diesem Gefühlserguß schlüpfte Miss Squeers in die Federn.

Sie wußte innerlich natürlich ganz genau, daß alles, was dieses armselige Geschöpf von einem Dienstmädchen gesagt hatte, nichts als faustdicke Lügen und Schmeicheleien war. Aber schon die Gelegenheit, ein bißchen Bosheit gegen ihre Freundin loslassen und ihren Mängeln und Schwächen gegenüber Mitleid heucheln zu können, und wäre es auch nur in Gegenwart eines armseligen Dienstmädchens, gewährte ihr eine fast ebenso große Erleichterung, als wenn alles, was zur Sprache gekommen, Evangelium gewesen wäre. Die Macht der Selbstbelügung geht überdies in den Stunden der Aufregung so weit, daß Miss Squeers in edelmütigem Verzicht auf John Browdies Hand sich außerordentlich großmütig und erhaben dünkte und im Geiste auf ihre Nebenbuhlerin mit einer Art göttlich-erhabenen Ruhe herabsehen konnte, die nicht wenig zur Besänftigung ihres Unmutes beitrug.

Als daher, ebenfalls in versöhnlichen Absichten, am andern Morgen die Müllerstochter gemeldet wurde, begab sich Miss Squeers im höchsten Grade christlich gestimmt in das Besuchszimmer.

»Du siehst, Fanny«, begann Tilda, »ich komme wieder zu dir, trotzdem wir uns gestern ein wenig gezankt haben.«

»Ich bedaure dich wegen deiner Leidenschaftlichkeit, Tilda«, erwiderte Miss Squeers, »aber ich bin darüber erhaben, dir etwas nachzutragen –«

»Also, dann maule jetzt nicht weiter, Fanny!« sagte Miss Price. »Ich bin hergekommen, um dir eine Mitteilung zu machen, über die du dich, wie ich hoffe, sehr freuen wirst.«

»Was könnte das sein, Tilda?« fragte Miss Squeers, warf die Lippen auf und machte ein Gesicht, als ob nichts in Feuer, Wasser, Luft und Erde imstande wäre, in ihr auch nur eine Spur des angedeuteten Gefühls zu erzeugen.

»Als wir gestern fortgingen, hatte ich mit John einen schrecklichen Streit.«

»Das kann mir doch keine Freude machen!« entgegnete Miss Squeers, konnte jedoch dabei ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken.

»Lieber Gott, wie könnte ich auch so schlecht von dir denken? Das ist doch noch nicht alles.«

»So?« sagte Miss Squeers und legte ihr Gesicht wieder in düstere Falten. – »Also, was weiter?«

»Nachdem wir uns lange herumgezankt und erklärt hatten, uns nie wieder sehen zu wollen«, fuhr Miss Price fort, »vertrugen wir uns wieder, und John ging heute aufs Pfarramt, um für den nächsten Sonntag das erste Aufgebot zu bestellen. Wir feiern daher in drei Wochen unsere Hochzeit, und ich teile es dir mit, damit du rechtzeitig dein Brautjungfernkleid bestellen kannst.«

Das war Galle und Honig in einem Becher für Fanny Squeers. Galle insofern, als ihre Freundin schon so bald verheiratet sein würde, und Honig, weil daraus hervorging, daß sie keine ernsthaften Absichten auf Nikolas hatte. Im Ganzen wurde jedoch das Bittere durch das Süße so weit überwogen, daß Miss Squeers sich bereit erklärte, sich das Brautjungfernkleid unverzüglich machen zu lassen, und zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, Tilda möge glücklich werden. Freilich könne man so etwas nie mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, und sie möchte ihr auch raten, nicht allzusehr darauf zu bauen, denn die Männer wären sämtlich höchst unbeständige Geschöpfe, und viele verheiratete Frauen wünschten sich in der Ehe von ganzem Herzen die schöne Zeit ihrer Mädchenjahre zurück. Diesen bittersüßen Trostsprüchen fügte Miss Squeers noch einige andere hinzu, die nicht minder edel erdacht waren, ihrer Freundin Lebensmut zu erhöhen.

»Um auf etwas anderes zu kommen«, brach denn auch Miss Price sogleich das Thema ab, »möchte ich gern ein paar Worte betreffs des jungen Nickleby mit dir sprechen.«

»Er ist mir vollkommen Luft«, erklärte Miss Squeers und kämpfte mühsam gegen einen Weinkrampf an, »ich verachte ihn zu sehr.«

»Das kann unmöglich dein Ernst sein. Sei aufrichtig, Fanny, du liebst ihn noch immer?«

Als Erwiderung brach Miss Squeers in einen Strom von Wuttränen aus und rief, daß sie ein elendes, vernachlässigtes, unglückliches, mit Füßen getretenes Wesen sei.

»Ich hasse die ganze Welt«, schloß sie ihren Gefühlserguß. »Ich wollte, alle Menschen wären tot.«

»Gott im Himmel, Fanny!« rief Miss Price, nicht wenig entsetzt über dieses freimütige Geständnis menschenfreundlicher Gesinnung. »Sag, daß das nicht dein Ernst ist.«

»Es ist mein voller Ernst«, beteuerte Miss Squeers, knirschte mit den Zähnen und knüpfte Knoten um Knoten in ihr Taschentuch, »und ich wollte, daß ich auch tot wäre.«

»Du wirst in fünf Minuten ganz anders denken«, tröstete die Müllerstochter. »Wäre es nicht viel besser, du würdest ihn wieder in Gnaden aufnehmen, als dich in dieser Weise selbst zu quälen? Und wäre es nicht viel hübscher, du verlobtest dich in aller Form und scharmiertest nach Herzenslust mit ihm?«

»Ich weiß nicht, wie das alles sein würde«, schluchzte Miss Squeers. »Ach Tilda, wie hast du nur so ehrlos und niederträchtig sein können? Ich würde es nie geglaubt haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.«

»O je, o je«, gluckste Miss Price, »man sollte ja rein glauben, ich hätte zum mindesten einen Mord begangen.«

»Es war fast ebenso schlecht«, versetzte Miss Squeers leidenschaftlich.

»Und alles das, bloß weil ich zufällig hübsch genug aussehe, um die Leute höflich gegen mich zu stimmen?« spöttelte Miss Price. »Ich will dir was sagen, Fanny. Niemand gibt sich sein Gesicht selber, und es ist ebensowenig meine Schuld, wenn das meinige hübsch ist, als es die Schuld anderer Leute ist, wenn man das ihnen nicht nachsagen kann.«

»Halt's Maul!« schrie Miss Squeers in ihren schrillsten Tönen.

»Oder du hast dir's selbst zuzuschreiben, wenn ich dir eine herunterhau', Tilda – was mir hinterdrein doch wieder leid tun würde.«

Durch diese Wortwendung bekam der Ton der Unterhaltung fast einen beinahe persönlichen Anstrich; die Heftigkeit der jungen Damen steigerte sich zusehends und artete schließlich derart aus, daß beide Teile in Tränen ausbrachen und gleichzeitig ausriefen, sie hätten es nie und nimmer gedacht, je eine solche Behandlung erfahren zu müssen. Das führte naturgemäß zu Erörterungen und Gegenvorstellungen, und der Schluß war, daß sie sich in die Arme fielen und einander aufs neue ewige Freundschaft schwuren. Nebenbei bemerkt, war diese ergreifende Zeremonie nicht die erste, sondern bereits die zweiundfünfzigste in diesem Jahr.

Als das gute Einvernehmen wieder völlig hergestellt war, kamen die jungen Damen auf die Anzahl und Beschaffenheit der Kleider zu sprechen, die Miss Price für ihren Eintritt in den heiligen Stand der Ehe notwendigerweise haben müsse, und Miss Squeers wies unwiderleglich nach, daß in dieser Hinsicht bedeutend mehr getan werden müsse, als der Müller aufwenden konnte oder wollte, wenn man nicht jede Standesrücksicht außer acht zu lassen beabsichtigte. Die junge Dame leitete dann das Gespräch durch eine geschickte Wendung auf ihre eigene Garderobe und führte, nachdem sie deren Hauptfinessen eingehend beleuchtet, ihre Freundin in ihr Zimmer hinauf, damit sie sich persönlich überzeugen könne. Hier wurden die Schätze von zwei Kommoden und einem Wandschrank ausgekramt und so lange hin und her probiert, bis es für Miss Price allmählich Zeit wurde, nach Hause zu gehen. Da sie über die gesehene Pracht ganz entzückt und von einer rosa Schärpe förmlich hingerissen war, erklärte sich Miss Squeers, versöhnlich gestimmt, bereit, sie noch eine Strecke begleiten zu wollen, um noch länger das Vergnügen ihrer Gesellschaft zu genießen. Sie verließen daher beide Arm in Arm das Haus, und während des Spazierganges erging sich Miss Squeers des längeren über die hohen Eigenschaften ihres Vaters, wobei sie zugleich, um ihrer Freundin einen schwachen Begriff von dem hohen Rang ihrer Familie zu geben, sein Einkommen mit zehn multiplizierte.

Es war gerade um die Zeit zwischen Mittagessen und dem Beginne des Unterrichtes, und Nikolas benützte die freie Stunde wie gewöhnlich zu einem Spaziergang. Niedergedrückt schlenderte er durch das Dorf. Miss Squeers wußte dies sonst recht gut, mußte es aber diesmal vergessen haben, denn als sie den jungen Mann auf sich zukommen sah, war sie aufs äußerste überrascht und bestürzt und flüsterte ihrer Freundin zu, ihr sei, als müsse sie in die Erde sinken.

»Sollen wir umkehren oder geschwind in ein Bauernhaus flüchten?« fragte Miss Price besorgt. »Er hat uns noch nicht gesehen.«

»Nein, Tilda«, hauchte Fanny. »Es ist die Pflicht jedes Menschen, sich zu überwinden. Daher auch die meinige.«

Miss Squeers sagte dies mit allen Anzeichen heftigsten Seelenkampfes, und da sie überdies krampfhaft nach Luft schnappte, erlaubte sich ihre Freundin keine weitere Widerrede. Sie gingen daher geradewegs auf Nikolas zu, der, die Augen niedergeschlagen, einherschlenderte und der beiden jungen Damen erst ansichtig wurde, als sie bereits ganz in seiner Nähe waren.

»Guten Morgen«, grüßte er mit einer kühlen Verbeugung und schritt vorüber.

»Er geht!« ächzte Miss Squeers. »Ich ersticke, Tilda.«

»Ach, Mr. Nickleby«, rief Miss Price und tat, als beunruhige sie der Zustand ihrer Freundin, während ihr in Wirklichkeit der boshafte Wunsch, zu hören, was Nikolas sagen würde, keine Ruhe ließ, »ach, Mr. Nickleby – Mr. Nickleby!«

Nikolas kam sofort zurück und fragte einigermaßen verwirrt, womit er den Damen dienen könne.

»Reden Sie nicht lange«, drängte Miss Price, »sondern unterstützen Sie sie auf der anderen Seite. – Wie ist dir jetzt, liebe Fanny? Schon besser?«

»Besser«, seufzte Miss Squeers und lehnte ihren rötlichbraunen, mit einem grünen Schleier geschmückten Hut an Nikolas' Schulter. »Ach, diese törichte Schwäche.«

»Nenne sie nicht töricht, liebe Fanny«, sagte Mathilde Price, deren Augen vor Vergnügen über die Verwirrung des Hilfslehrers strahlten, »du hast keinen Grund, dich ihrer zu schämen. – Es sollten sich vielmehr die schämen, die zu stolz sind, etwas wiedergutzumachen, was sie angestellt haben.«

»Sie sind, wie ich sehe, willens, mich noch weiter zu necken«, sagte Nikolas lächelnd, »trotzdem ich Ihnen bereits gestern gesagt habe, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin.«

»Hörst du es? Er sagt, er sei sich keiner Schuld bewußt, meine Liebe!« wiederholte die gottlose Miss Price boshaft. »Vielleicht warst du zu eifersüchtig oder zu vorschnell gegen ihn. Er sagt, er sei unschuldig. Ist das nicht Entschuldigung genug?«

»Es scheint, Sie wollen mich absichtlich falsch verstehen«, fiel ihr Nikolas hastig ins Wort. »Ich bitte Sie wirklich recht sehr, mich bei Ihren Scherzen aus dem Spiel zu lassen. Ich habe wahrhaftig keine Zeit dazu und bin auch nicht in der Laune, in dem gegenwärtigen Augenblicke die Zielscheibe Ihres Witzes abzugeben.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Miss Price mit geheucheltem Erstaunen.

»Frage ihn nicht, Tilda!« flehte Miss Squeers. »Ich verzeihe ihm.«

»Um Himmels willen«, rief Nikolas, als der braune Hut abermals auf seine Schulter sank, »die Sache scheint ernsthafter zu werden, als ich vermutete. Erlauben Sie, möchten Sie nicht die Güte haben, mich anzuhören?«

Mit diesen Worten hob er den braunen Hut in die Höhe. Als er jedoch zu seinem unverhohlenen Erstaunen einem Blicke zärtlichen Vorwurfs von Seiten Miss Squeers' darunter begegnete, wich er bestürzt einige Schritte zurück, um aus dem Bereich seiner schönen Bürde zu kommen.

»Es tut mir leid, gewiß aufrichtig leid«, stieß er dabei hervor, »daß ich gestern abends zu einer Mißhelligkeit zwischen Ihnen Anlaß gab. Ich habe mir selbst schon die bittersten Vorwürfe darüber gemacht, daß ich so ungeschickt war, dieses Zerwürfnis zu veranlassen, kann aber versichern, daß es unwissentlich und gegen meinen Willen geschah.«

»Gut, gut, aber das ist gewiß nicht alles, was Sie zu sagen haben«, rief Miss Price, als Nikolas innehielt.

»Ich fürchte es selber auch«, gab Nikolas mit einem gezwungenen Lächeln und einem Blick auf Miss Squeers zu. »Es ist allerdings höchst peinlich, aber –, gewiß, schon die bloße Andeutung einer solchen Vermutung setzt mich in Verlegenheit – aber, darf ich vielleicht fragen, ob die Dame annimmt, daß ich irgendwie – kurz, glaubt sie, daß ich vielleicht in sie verliebt bin?«

»Er sitzt köstlich in der Klemme«, frohlockte Miss Squeers, »endlich habe ich ihn soweit. – Antworte für mich, liebe Tilda«, flüsterte sie ihrer Freundin zu.

»Ob sie das glaubt?« rief Miss Price. »Natürlich glaubt sie es!«

»Sie glaubt es?« platzte Nikolas heraus mit einem Ungestüm, das der Laie vielleicht einen Augenblick sogar für Entzücken halten konnte.

»Gewiß«, versicherte Miss Price.

»Wenn es Mr. Nickleby bezweifelt hat, Tilda«, stammelte Fanny errötend, »so mag er sich beruhigen. – Seine Gefühle werden erwidert –«

»Um Gottes willen, halten Sie ein!« unterbrach sie Nikolas hastig. »Ich bitte, hören Sie mich an. Es waltet hier offenbar das seltsamste Mißverständnis ob, das man sich nur denken kann. Ich habe das Fräulein kaum ein halbes dutzendmal gesehen. Aber wäre es auch sechzigmal der Fall gewesen oder wenn ich sie noch sechzigtausendmal sehen würde, so würde das für mich gewiß nichts ändern. Es ist mir nicht im entferntesten jemals ein Gedanke, ein Wunsch oder eine Hoffnung in Verbindung mit ihr aufgestiegen, außer höchstens die – ich sage dies gewiß nicht etwa, um ihre Gefühle zu verletzen, sondern um ihr die wahre Beschaffenheit der meinigen zu erklären –, außer höchstens die, diesem Orte eines Tages den Rücken kehren zu können und nie wieder einen Fuß hierherzusetzen oder daran zurückzudenken, – ja nicht einmal anders daran zurückdenken zu dürfen als mit Abscheu und Entrüstung.«

Nach dieser wohl nicht mehr mißzuverstehenden offenherzigen Erklärung, die sich mit dem ganzen Ungestüm eines empörten und aufgeregten Herzens Bahn brach, verbeugte sich Nikolas leicht und entfernte sich, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Miss Squeers war geradezu vernichtet. Ihr Ärger, ihr Zorn, ihre Wut und die rasche Aufeinanderfolge bitterster leidenschaftlicher Gefühle, die ihr Innerstes durchwühlten, spotteten einfach jeder Beschreibung. Zurückgewiesen von einem Hilfslehrer, den man durch eine Zeitungsannonce und gegen ein Jahresgehalt von fünf Pfund, zahlbar in unbestimmten Raten, aufgelesen hatte und hinsichtlich Kost und Wohnung ganz wie die Zöglinge selbst hielt! – Und dies noch obendrein in Gegenwart eines unreifen Gelbschnabels von Müllerstochter, die ihre achtzehn Jahre zählte und sich in drei Wochen mit einem Manne verheiraten sollte, der sie auf den Knien um ihr Jawort angefleht! Ersticken hätte Fanny Squeers mögen bei dem Gedanken an eine solche Demütigung.

Aber ungeachtet des Sturmes in ihrem Innern blieb ihr doch das eine klar, daß sie Nikolas mit der ganzen Engherzigkeit und Erbärmlichkeit eines Abkömmlings des Hauses Squeers haßte und verabscheute. Auch blieb ihr noch ein Trost übrig, nämlich, daß sie ja jede Stunde des Tages seinen Stolz verwunden und ihn durch kleine Gehässigkeiten, Kränkungen und Verkürzungen verletzen konnte – um so leichter, als diese von einem so feinfühligen Manne wie Nikolas doppelt bitter empfunden werden mußten. Durch diese Aussicht innerlich gestärkt, suchte Miss Squeers die Sache zu ihrem Vorteile zu drehen, indem sie zu ihrer Freundin bemerkte, Mr. Nickleby sei ein so wunderlicher Mensch und von so unüberlegtem Wesen, daß sie glaube, es sei wirklich das beste, ihn ganz aufzugeben. Und damit trennten sich die beiden jungen Damen.

»Er soll sich hüten«, knirschte sie aufgebracht, als sie wieder in ihrem Zimmer war und ihren Gefühlen durch einen Ausfall auf Phib ein wenig Erleichterung verschafft hatte. »Wenn die Mama zurückkommt, werde ich sie schon gegen ihn aufhetzen.«

Das war wohl kaum mehr nötig. Der arme Nikolas wurde auch sowieso, abgesehen von der schlechten Kost, der schmutzigen Wohnung und dem grausigen Elend, dessen Zeuge er unablässig sein mußte, mit jeder Art Herabwürdigung, die Bosheit und der niedrigste Haß zu ersinnen vermochte, behandelt.

Aber das war noch nicht alles. Es wurde noch ein anderes, tiefer einschneidendes Peinigungssystem erdacht, das ihn fast zur Verzweiflung brachte.

Der arme Smike nämlich folgte ihm, seit er im Schulzimmer so freundlich mit ihm gesprochen, in unermüdlicher Dienstbeflissenheit fast wie ein Hund nach, suchte ihm jeden kleinen Wunsch an den Augen abzulesen und fühlte sich glücklich, wenn er nur in seiner Nähe war. Stundenlang konnte er neben ihm sitzen und ihm stumm ins Gesicht sehen, während gar ein Wort aus Nikolas' Mund seine kummervollen Züge erhellte und ihn selig machte. Er war ein ganz anderes Wesen jetzt, denn sein Leben hatte einen Zweck bekommen – nämlich den, der einzigen Person, die ihn, wenn nicht gerade mit Liebe, so doch wie einen Menschen behandelt hatte, seine Anhänglichkeit zu beweisen.

An diesem armen Wesen wurde nun von früh bis spät abends jede erdenkliche Bosheit verübt, die man an Nikolas selbst nicht ausüben konnte. Die härtesten Arbeiten und Ohrfeigen hätte Smike nicht als etwas Absonderliches empfunden, denn viele schwere und gramvolle Jahre hatte er nichts anderes gekannt. Kaum hatte man aber bemerkt, wie er an Nikolas hing, als es Peitschenhiebe und Faustschläge nur so regnete. Squeers war eifersüchtig auf den Einfluß, den sein Hilfslehrer so bald erworben, die Familie haßte ihn, und Smike mußte beides entgelten. Nikolas mußte das alles untätig mit ansehen, wenn er auch mit den Zähnen knirschte, sooft sich ein solcher feiger und unmenschlicher Angriff auf den armen Smike wiederholte.

Er hatte gewisse regelmäßige Lehrstunden für die Zöglinge eingeführt, und eines Abends, als er in der wieder wie gewöhnlich ungastlichen Schulstube auf und ab ging und ihm das Herz bei dem Gedanken, daß sein Schutz und sein Wohlwollen das Elend eines so tief beklagenswerten Wesens nur noch vermehrte, fast brechen wollte, blieb er auf einmal unwillkürlich vor der dunklen Ecke stehen, in der Smike kauerte.

Der arme Junge saß mit rotgeweinten Augen emsig über einem zerrissenen Heft und mühte sich vergeblich ab, mit einer Aufgabe zustande zu kommen, die ein mit Durchschnittsfähigkeiten begabtes Kind von neun Jahren mit Leichtigkeit hätte lösen können, die aber für das verwirrte Gehirn des zertretenen neunzehnjährigen Burschen ein Buch mit sieben Siegeln bedeutete. Dessenungeachtet saß er da, die Seite geduldig wieder und wieder durchbuchstabierend, von dem krankhaft eifrigen Wunsche beseelt, seinem einzigen Freunde auf der Welt zu gefallen.

Nikolas legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ich komme nicht damit zustande«, jammerte Smike niedergeschlagen und sah mit einem Schmerzensblick auf. »Es geht wirklich nicht.«

»Du sollst dich nicht so anstrengen«, tröstete Nikolas.

Smike schüttelte den Kopf, klappte das Heft mit einem Seufzer zu, stierte ausdruckslos um sich her, legte dann das Gesicht auf den Arm und weinte.

»Um Gottes willen hör auf«, sagte Nikolas erregt, »es zerreißt mir das Herz.«

»Man ist schlimmer gegen mich als je«, schluchzte der Junge.

»Leider, leider«, seufzte Nikolas.

»Aber für Sie könnte ich in den Tod gehen. – Ich weiß gewiß, sie haben es darauf abgesehen, mich unter die Erde zu bringen.«

»Du wirst es besser haben, armer Junge«, tröstete Nikolas und schüttelte traurig den Kopf, »wenn ich fort bin.«

»Fort?!« rief Smike und starrte Nikolas erregt ins Gesicht.

»Pst! Sprich leise«, warnte Nikolas.

»Sie wollen fort?« flüsterte Smike, außer sich.

»Ich kann es noch nicht bestimmt sagen. Ich habe mehr zu mir selbst gesprochen als zu dir.«

»Sagen Sie mir«, flüsterte der Junge, »Um Gottes willen, sagen Sie mir, wollen Sie wirklich gehen? – Wirklich?«

»Sie werden mich schließlich dazu zwingen«, murmelte Nikolas. »Und die Welt liegt offen vor mir.«

»Sagen Sie mir«, drängte Smike, »ist die Welt auch so furchtbar und grauenhaft wie dieser Ort?«

»Gott sei vor! Ihre schwerste und sauerste Arbeit wäre ein Glück gegen hier.«

»Würde ich Sie dort je wiedersehen?« fragte der Junge ungewöhnlich schnell und leidenschaftlich.

»Ja. – Sicherlich«, versetzte Nikolas, in der Absicht, ihn zu beschwichtigen.

»Nein, nein – nicht so«, keuchte Smike und ergriff Nikolas' Hand. »Würde ich – würde ich – es wirklich –? Sagen Sie mir es noch einmal. Geben Sie mir die Versicherung, daß ich Sie gewiß dort treffen würde.«

»Ja, du würdest es«, erwiderte Nikolas mit derselben wohlwollenden Absicht, »und ich könnte dir beistehen und müßte nicht neue Leiden über dich bringen, wie ich es hier getan habe.«

Smike drückte leidenschaftlich die Hände des jungen Mannes an seine Brust und murmelte einige abgerissene unverständliche Worte.

In diesem Augenblick trat Squeers ein.

13. Kapitel

Nikolas bringt durch ein äußerst tatkräftiges und ungewöhnliches Verfahren einige Abwechslung in die Eintönigkeit von Dotheboys Hall

Das kalte matte Dämmerlicht eines Januarmorgens stahl sich durch die Fenster des gemeinsamen Schlafsaales. Das Herz voll Gram blickte Nikolas, auf den Ellbogen gestützt, auf die schlummernden Gestalten, die ihn ringsum umgaben.

Es bedurfte eines scharfen Auges, um unter der wirren Masse von Schläfern die Umrisse einer bestimmten Gestalt zu entdecken, denn wie sie so dicht aneinandergedrängt, mit Lumpen aller Art zugedeckt, dalagen, konnte man wenig mehr als die scharfen Konturen blasser Gesichter unterscheiden, über die dasselbe Licht dieselben trüben Tinten goß, mit denen es hin und wieder einen hageren Arm färbte, der sich, entblößt, dem Auge in seiner ganzen Abgezehrtheit und Häßlichkeit zeigte. Einige der Zöglinge lagen, die abgehärmten Gesichter aufwärts gekehrt, mit verkrampften Händen auf dem Rücken, und sahen in der dämmrigen Beleuchtung mehr Leichen als lebenden Geschöpfen gleich, während andere, in seltsamen und phantastischen Stellungen zusammengekrümmt, mehr unter Schmerzen und Krämpfen dazuliegen schienen als unter der Einwirkung des Schlafes. Nur die Jüngsten schlummerten friedlich mit lächelnden Zügen und träumten wahrscheinlich von daheim.

Von Zeit zu Zeit unterbrach ein tiefer, schwerer Seufzer die Stille des Gemachs und verkündete, daß ein Schläfer zu des Tages Jammer und Elend erwacht war.

Nikolas war kaum aufgestanden, als er des Schulmeisters Stimme die Treppe heraufbrüllen hörte:

»Also, was ist denn? – Wollt ihr vielleicht den ganzen Tag durchschlafen?«

»Ihr faulen Hunde«, beendete Mrs. Squeers den Satz. »Na, wird's bald?!«

»Wir werden im Augenblick unten sein, Sir«, antwortete Nikolas.

»Im Augenblick unten sein?« höhnte Squeers. »Smike! – Zum Teufel, wo steckt denn der Bursche? Wird er nicht gefälligst herunterkommen?«

Nikolas blickte rasch umher, konnte den Gerufenen aber nicht entdecken.

»Smike!« brüllte Squeers wieder.

»Soll ich dir vielleicht den Schädel an einer neuen Stelle einschlagen, Smike?« gellte die liebenswürdige Schulmeistersgattin.

Immer noch keine Antwort.

»Bodenlose Unverschämtheit!« raste Squeers und schlug ungeduldig mit einem spanischen Rohr auf das Stiegengeländer. – »Heda, Nickleby!«

»Sie wünschen, Sir?«

»So schicken Sie doch den störrischen Schlingel herunter! Hören Sie mich denn nicht rufen?«

»Er ist nicht hier«, antwortete Nikolas.

»Lügen Sie mich nicht an«, schrie Squeers, »er muß hier sein.«

»Nein, er ist nicht hier«, erwiderte Nikolas gekränkt. »Es ist nicht meine Gewohnheit, zu lügen.«

»Na, das werden wir ja sehen«, brummte Squeers und stürmte die Treppe herauf.

»Wetten, daß ich ihn finde?«

Mit erhobenem Stock stürzte er in den Schlafsaal und zu dem Winkel, wo der ausgemergelte Körper des Haussklaven nachts zu liegen pflegte, aber das Bett war – leer.

»Was soll das heißen!?« rief Squeers und verfärbte sich. »Wo haben Sie ihn versteckt?«

»Ich habe ihn seit gestern abend nicht mehr gesehen«, sagte Nikolas ruhig.

»Lassen Sie diese Narrenpossen!« schrie Squeers, sichtlich beunruhigt, sosehr er es auch zu verbergen suchte. »Sie werden ihm auf diese Weise nicht durchhelfen. – Wo ist er?«

»Wahrscheinlich auf dem Grunde des nächsten Teiches«, entgegnete Nikolas leise und sah den Schulmeister scharf an.

»Zum Henker, was wollen Sie damit sagen?« fuhr Squeers auf und wendete sich, ohne eine Antwort abzuwarten, an die Jungen, ob denn keiner von ihnen wisse, wo Smike stecke.

Alle murmelten eine ängstliche Verneinung, nur eine helle Kinderstimme ließ laut werden, was sich heimlich alle dachten:

»Ich glaube, Sir, Smike ist weggelaufen.«

»Ha«, rief Squeers und wendete sich schnell um, »wer hat das gesagt?«

»Tomkins, Sir«, rief ein Chor von Stimmen.

Augenblicklich stürzte sich Squeers in den Haufen und erwischte einen winzigen Jungen, der noch im Hemdchen dastand, am Schopf.

»Du meinst also, er sei weggelaufen. Was, Bürschchen?«

»Ja, Sir«, hauchte das Kind.

»Und welchen Grund, Bürschchen«, knirschte Squeers und packte den Jungen fest am Arm, »welchen Grund hast du zu der frechen Annahme, daß ein Knabe aus meiner Anstalt fortlaufen sollte? Nun? Sprich!«

Der arme Junge erhob statt der Antwort ein Jammergeschrei, und Mr. Squeers schlug so lange auf ihn ein, bis er ihm, sich vor Schmerz windend, förmlich aus den Händen kugelte.

»So«, keuchte Mr. Squeers, »ist vielleicht noch einer unter euch der Meinung, daß Smike weggelaufen ist?«

Natürlich meldete sich niemand. Bloß Nikolas legte seinen Abscheu so offen, wie er es durch Blicke nur vermochte, an den Tag.

»Nun, Nickleby? Vielleicht sind Sie der Meinung, daß er weggelaufen ist?«

»Es scheint mir sogar äußerst wahrscheinlich«, versetzte Nikolas ruhig.

»Ah, Sie halten es also für höchst wahrscheinlich?« höhnte Squeers. »Vielleicht wissen Sie es sogar gewiß?«

»Ich weiß nichts der Art.«

»Er hat Ihnen also nicht gesagt, daß er fortlaufen wollte; oder?«

»Er sagte mir nichts. Und ich bin sehr froh darüber, da es sonst meine Pflicht gewesen wäre, Sie beizeiten davon zu verständigen.«

»Was Ihnen ohne Zweifel verteufelt schwer angekommen wäre«, spöttelte Squeers.

»Allerdings«, erwiderte Nikolas, »Sie wissen sich meine Gefühle sehr richtig zu deuten.«

Mrs. Squeers hatte alles unten an der Treppe mit angehört, aber jetzt ging ihr die Geduld aus. Hastig warf sie sich ihre Nachtjacke um und erschien auf dem Schauplatz.

»Also, was gibt's denn hier eigentlich?« schrie sie, während die Zöglinge rechts und links zurückwichen, um ihr die Mühe zu ersparen, sich mit den Ellbogen einen Weg zu bahnen.

»Wir sprechen gerade darüber«, erklärte Squeers, »daß Smike nirgends zu finden ist.«

»Das weiß ich. – Siehst du, das kommt davon, wenn man sich ein Schock von hochnäsigen Gehilfen ins Haus zieht, die einem dann die jungen Hunde rebellisch machen! Nun, junger Herr, werden Sie vielleicht die Güte haben, sich mit den Bengeln in die Schulstube hinunterzuscheren? Und rühren Sie sich dort gefälligst nicht von der Stelle, bis Sie die Erlaubnis dazu haben, oder wir könnten in einer Weise aneinandergeraten, bei der Ihre Schönheit ein wenig Not leiden dürfte, soviel Sie sich auch darauf einbilden mögen, das versichere ich Ihnen.«

»Wirklich?« sagte Nikolas lächelnd.

»Ja, wirklich. Und noch einmal wirklich, Mosjö Gelbschnabel«, schrie die aufgeregte Dame, »und wenn es auf mich ankäme, so würden Sie keine Stunde länger im Hause sein.«

»Wenn's auf mich ankäme, wahrhaftig auch nicht«, sagte Nikolas. »Kommt, Kinder.«

»Ja, kommt Kinder«, äffte Mrs. Squeers nach. »Und nehmt euch Smike zum Vorbild, wenn ihr die Courage dazu habt. Ihr werdet schon sehen, wie's ihm ergeht, wenn er wieder hier ist.«

»Wenn ich ihn erwischen sollte, so will ich ihm das Fell gerben, bis es ihm in Fetzen herunterhängt«, knirschte der Schulmeister.

»Wenn du ihn erwischen solltest?« erwiderte Mrs. Squeers verächtlich. »Als ob daran auch nur der geringste Zweifel wäre! – Aber jetzt marsch fort mit euch!«

Im Nu war der Schlafsaal leer und das würdige Ehepaar allein.

»Fort ist er, darüber ist kein Zweifel«, brummte Mrs. Squeers.

»Das Mädchen hat alles durchsucht. – Er muß nach York zu gegangen sein, und zwar auf einer der Landstraßen.«

»Woher weißt du denn das?«

»Dummkopf«, entgegnete Mrs. Squeers verdrießlich, »er hat doch kein Geld bei sich.«

»Er hat meines Wissens in seinem ganzen Leben noch nie einen Penny gesehen«, bestätigte der Pädagog.

»Nun, und etwas zum Essen hat er auch nicht mitgenommen, dafür kann ich stehen. Ha, ha, ha.«

»Ha, ha, ha«, stimmte Squeers mit ein.

»Er muß sich also durch Betteln forthelfen, und das kann er nirgends als auf den Landstraßen.«

»Das ist wahr«, rief Mr. Squeers und klatschte freudig erregt in die Hände.

»Selbstverständlich ist's so. Aber dir wäre das natürlich im Leben nicht eingefallen, wenn ich's nicht gesagt hätte. – Also hörst du, du nimmst jetzt den Einspänner und fährst den einen Weg ab, während ich Swalows Wagen ausborge und den anderen absuche. Wir brauchen dann nur die Augen offenzuhalten und bei den Leuten nachzufragen, so muß er notgedrungen dir oder mir in die Hände fallen.«

Der Plan war augenscheinlich vorzüglich.

In aller Eile nahm das würdige Paar noch ein kräftiges Frühstück ein, und dann brach Mr. Squeers racheschnaubend mit seinem Einspänner auf. Bald darauf schlug auch Mrs. Squeers, in einen weißen Kapuzenmantel und ein halbes Dutzend warme Tücher gehüllt, in einem anderen Gefährt die zweite Richtung ein. Fürsorglich, wie immer, nahm sie einen tüchtigen Knüttel, einige feste Stricke und einen stämmigen Arbeiter mit, um ja mit Smike fertig zu werden, wenn sie ihn finden sollte.

Nikolas blieb in einem Sturm von Gefühlen zurück. Er wußte recht gut, daß die Flucht des armen Burschen nur die schmerzlichsten und bedauerlichsten Folgen haben könne, mochte sie nun gelingen oder nicht. Tod aus Mangel an Nahrung und Obdach war doch das Beste, was dem hilflosen Geschöpf, das da allein und ohne Beistand durch eine ihm vollkommen fremde Gegend wanderte, bevorstand. Und zwischen diesem Schicksal und einer glücklichen Rückkehr zu den Fleischtrögen der Yorkshirer Schule war wirklich eine schwere Wahl. Nikolas blutete das Herz, wenn er an die Leiden dachte, die dem armen Smike bevorstehen mußten.

»Nichts Neues von dem Ausreißer« fragte der Schulmeister, als er am Abend des nächsten Tages unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte. Seinem ganzen Ansehen nach hatte er, alter Gewohnheit gemäß, auf der Fahrt des öfteren »seine Beine ausgestreckt«. »Na, ich werde mich dafür schon an irgend jemand anders schadlos zu halten wissen, Nickleby, wenn meine Frau ihn aufstöbert, verlassen Sie sich darauf.«

»Es ist nicht meine Sache, Sie zu trösten, Sir«, versetzte Nikolas unwirsch. »Die Sache geht mich ganz und gar nichts an.«

»So?« fuhr Mr. Squeers in drohendem Tone auf, »das wollen wir erst einmal sehen.«

»Ja, das werden wir sehen«, erwiderte Nikolas.

»Das Pferd hat sich aufgerieben, und ich habe mir für die Heimfahrt einen Mietgaul nehmen müssen – kostet fünfzehn Schillinge, abgesehen von den übrigen Ausgaben. Wer wird mir die vergüten? Was?«

Nikolas zuckte die Achseln.

»Ich sage Ihnen: Einer soll mir's tun«, brüllte Squeers herausfordernd. »Da gibt's nichts zu grinsen, Sie Esel. Packen Sie sich in Ihren Stall. Sie sollten schon längst dort sein. – Marsch hinaus!«

Nikolas biß sich auf die Lippen und ballte unwillkürlich die Fäuste. Es prickelte ihm bis in die Fingerspitzen, diese Beleidigung zu rächen, aber er hielt sich vor, daß der Mann betrunken war und die Sache nur noch zu einem größeren Verdruß führen mußte, wenn er sich nicht bezwang. Er begnügte sich daher, ihm einen Blick der Verachtung zuzuwerfen, und ging stolz die Stiegen hinauf. Nicht wenig wurmte ihn dabei, daß Miss Squeers und ihr vielversprechender Bruder aus einer Ecke heraus sich laut über den Auftritt lustig machten und hämische Bemerkungen über einen gewissen hungrigen armen Schlucker, in die die armseligste aller Kreaturen, das Dienstmädchen, mit schallendem Gelächter einstimmte, hinwarfen. Bis aufs Innerste verletzt zog er sich zurück, legte sich nieder und nahm sich fest vor, mit Mr. Squeers wesentlich bälder abzurechnen, als er vorgehabt.

Er war am nächsten Morgen kaum erwacht, als man einen Wagen vorfahren hörte. Schon der frohlockende Ton, mit dem Mrs. Squeers ein Glas Branntwein verlangte, verriet, daß ihr Plan gelungen sein mußte. Nikolas getraute sich anfangs kaum, zum Fenster hinauszublicken, aber endlich tat er es doch, und das erste, was er erblickte, war der unglückliche Smike – so durchnäßt, mit Kot bespritzt, elend und verwildert, daß man seine Identität hätte bezweifeln können, wenn nicht seine Kleider, die eine Vogelscheuche verschmäht haben würde, jeden Zweifel beseitigt hätten.

»Heraus mit ihm!« schrie Squeers, nachdem er sich eine Weile an dem Anblick Smikes geweidet. »Bringt ihn herein, bringt ihn herein!«

»Vorgesehen«, warnte Mrs. Squeers. »Wir haben ihm die Beine zusammengebunden, damit er uns nicht wieder entkommt.«

Mit vor Entzücken zitternden Händen löste Squeers die Knoten, und Smike, mehr tot als lebendig, wurde, nachdem man ihn ins Haus getragen, vorläufig in ein Kellerloch gesperrt. Die Nachricht, daß der Ausreißer wieder aufgegriffen und im Triumphzuge zurückgebracht worden sei, verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer, und die Schule harrte beklommen den ganzen Morgen der Dinge, die da kommen sollten. Jedoch erst am Nachmittag erschien Squeers, gekräftigt durch ein besonders opulentes Mittagessen, in Begleitung seiner liebenswürdigen Ehehälfte und mit höchst bedeutsamer Miene und mit schrecklichen Marterinstrumenten, die wahrscheinlich diesen Morgen erst und speziell für den vorliegenden Fall gekauft worden, ausgerüstet.

»Sind alle Knaben hier?« brüllte er.

Es waren alle versammelt, aber keiner hatte den Mut zu antworten. Langsam ließ Squeers seinen Blick die Reihen entlanggleiten, und wo er hinfiel, senkten sich die Augen oder duckten sich die Köpfe.

»Jeder bleibt an seinem Platze! Nickleby, an Ihr Pult!«

Mehr als einem der kleinen Zuschauer war aufgefallen, daß auf dem Gesichte des Hilfslehrers ein seltsamer und ungewöhnlicher Ausdruck lag, obgleich er jetzt ohne Widerrede gehorsam seinen Sitz einnahm. Squeers warf einen Blick des Triumphes auf seinen Untergebenen, sah mit der Miene unbeschränktesten Despotismus wieder auf die Knaben und verließ dann das Zimmer, um gleich darauf mit Smike zurückzukehren, den er am Rockkragen oder vielmehr an seinem Jackenüberrest hereinzerrte.

An jedem andern Orte würde die Erscheinung des abgehetzten, elenden und gänzlich verzweifelten Delinquenten ein Gemurmel des Mitleids und der Einsprache veranlaßt haben. Hier übte sie nur die Wirkung aus, daß die Zuschauer unruhig auf ihren Sitzen hin und her rutschten. Einige der Kühnsten unter den Zöglingen wagten es sogar, einander verstohlene Blicke des Mitleids zuzuwerfen.

»Hast du etwas zu deiner Entschuldigung vorzubringen? – Natürlich nichts; – oder?« begann Squeers mit teuflischem Grinsen.

Smike blickte verstört umher, und sein Auge ruhte eine Sekunde lang auf Nikolas, als erwarte er von ihm eine Fürsprache, aber dieser sah unverwandt vor sich hin.

»Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Squeers wiederum und schwang dabei seinen rechten Arm zwei- oder dreimal durch die Luft, als wolle er ihn möglichst gelenkig machen. »Tritt ein wenig zur Seite, meine Liebe. Ich werde ziemlich viel Platz brauchen.«

»Ach, haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Sir«, flehte Smike.

»So, ist das alles?« höhnte Squeers. »Sei unbesorgt, ich werde schon Barmherzigkeit mit dir haben und dich peitschen, bis dir das Herz stillsteht und ich den Arm nicht mehr rühren kann.«

»Ha, ha, ha«, frohlockte Mrs. Squeers, »sehr gut, sehr gut!«

»Ich hab's nicht mehr ausgehalten«, jammerte Smike mit schwacher Stimme und warf abermals einen flehenden Blick um sich.

»So. Du hast es nicht mehr ausgehalten?« knirschte Squeers.

»Es ist also nicht deine Schuld, sondern vermutlich die meinige?«

»Du niederträchtiger, undankbarer, schweinsköpfiger, viehischer, störrischer, kriecherischer Hund«, keifte Mrs. Squeers, nahm Smikes Kopf unter den Arm und versetzte ihm bei jedem Beiwort einen Rippenstoß. »Was willst du damit sagen?«

»Tritt ein wenig zur Seite, meine Liebe«, mahnte Squeers, »wir wollen sehen, ob wir's herauskriegen.«

Die Dame, durch ihre Anstrengung bereits atemlos geworden, gehorchte stillschweigend, und Mr. Squeers packte den Delinquenten. Ein furchtbarer Hieb fiel auf den Ärmsten nieder, der sich sofort unter dem Streich zusammenkrümmte und vor Schmerz winselte. Wieder holte Squeers aus, aber ehe er zuschlagen konnte, sprang Nikolas Nickleby plötzlich auf und rief mit einer Stimme, daß der Saal dröhnte, Halt.

»Wer hat da ›Halt‹ gerufen«, keuchte Squeers und stierte mit blutunterlaufenen Augen wild um sich.

»Ich«, sagte Nikolas und trat vor. »Das geht so nicht weiter.«

»Geht so nicht weiter?« kreischte Squeers außer sich.

»Nein!« donnerte Nikolas.

Sprachlos ob dieser Verwegenheit ließ der Schulmeister Smike los, wich ein paar Schritte zurück und starrte Nikolas mit wutverzerrter Miene an.

»Ich sage, das geht so nicht weiter«, wiederholte Nikolas, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ich dulde es einfach nicht.«

Die Augen quollen Squeers fast aus den Höhlen, und ein paar Sekunden schnappte er buchstäblich nach Luft.

»Sie haben meine ruhige Fürsprache für den Jungen nicht beachtet«, sagte Nikolas, »und auch meinen Brief keiner Antwort gewürdigt, in dem ich Sie für ihn um Nachsicht bat und Ihnen meine Bürgschaft anbot, daß er von jetzt an ruhig hier bleiben würde. Sie können mir daher dieses öffentliche Einschreiten nicht zum Vorwurf machen und haben es nur sich selbst zuzuschreiben.«

»Scher dich an deinen Platz, du Bettler!« raste Squeers, außer sich vor Wut, und packte Smike von neuem.

»Sie Schurke!« rief Nikolas drohend. »Wenn Sie ihn anrühren, geschieht es auf Ihre eigene Gefahr. Nehmen Sie sich in acht! Mir kocht das Blut, und ich werde, wenn es darauf ankommt, noch mit zehn solchen Kerlen wie Sie fertig. Hüten Sie sich! Bei Gott, ich stehe für nichts, wenn Sie mich aufs Äußerste treiben.«

»Zurück!« schrie Squeers und holte mit seinem Stock aus.

»Ich habe eine lange Reihe von Beleidigungen zu rächen«, erwiderte Nikolas zornrot, »und meine Erbitterung ist aufs höchste gesteigert durch den beständigen Anblick feiger Grausamkeiten, die man in dieser scheußlichen Höhle an hilflosen Kindern verübt. Sehen Sie sich vor! Wecken Sie den Teufel nicht in mir, oder ich weiß nicht, was geschieht!«

Mit einem schrecklichen Wutausbruch und einem Schrei, ähnlich dem Aufheulen eines wilden Tieres, sprang Squeers vor, spie Nikolas an und versetzte ihm mit dem Stock einen Hieb quer über das Gesicht, daß sofort eine rote Wulst hervorquoll. Eine Sekunde lang war Mr. Nickleby wie betäubt, dann drängten sich alle Gefühle von Wut, Haß und Verachtung in seinem Herzen zusammen; mit einem Satz war er bei dem Schurken, packte ihn an der Kehle, entriß ihm den Stock und zerbleute ihn, bis er blutüberströmt um Gnade winselte.

Die Zöglinge, mit Ausnahme des jungen Squeers, der seinem Vater zu Hilfe eilte und den Feind von hinten angriff, rührten weder Hand noch Fuß. Mrs. Squeers ihrerseits hängte sich unter gellendem Hilfegeschrei an den Rockschoß ihres Gatten und bemühte sich vergeblich, ihn den Händen seines wütenden Gegners zu entreißen, während Miss Fanny, die in Erwartung einer ganz andern Szene durch das Schlüsselloch gespäht hatte und gerade im Augenblick der beginnenden Schlacht hereingestürzt kam, um mit Tintenfässern nach dem Kopf des Hilfslehrers zu werfen, nach Kräften auf Nikolas loshämmerte.

Dieser achtete in der Hitze des Gefechtes natürlich kaum darauf – nahm, als ihm der Arm endlich erlahmte, seine letzten Kräfte zu einem halben Dutzend Schlußhieben zusammen und schleuderte den Schulmeister, der seine Gattin im Fallen mitriß, mit solcher Wucht von sich, daß er an eine Bank flog und regungslos liegen blieb.

Einen Augenblick fürchtete Nikolas, Squeers sei tot, überzeugte sich aber bald, daß er nur bewußtlos war, und entfernte sich kaltblütig, es der jammernden Familie überlassend, den Ohnmächtigen wieder ins Leben zurückzurufen, und überlegte, was er jetzt am besten tun sollte. Er sah sich, als er das Zimmer verließ, besorgt nach Smike um, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Kurz entschlossen packte er seine wenigen Habseligkeiten in sein kleines ledernes Felleisen, ging, da ihm niemand in den Weg zu treten wagte, kühn durch die vordere Tür hinaus und schlug die Straße ein, die nach Greta Bridge führte.

Als er sich hinreichend beruhigt hatte, um über seine Lage nachzudenken, erschien sie ihm freilich in einem nicht sehr ermutigenden Lichte, denn er hatte nur vier Schillinge und einige Pence in der Tasche und war mehr als zweihundertundfünfzig Meilen von London entfernt, wohin er zuvörderst seine Schritte zu lenken gedachte, um sich unter anderem auch danach zu erkundigen, wie Mr. Squeers wohl die Vorgänge des Tages seinem liebevollen Onkel vortragen würde.

Diese Betrachtungen führten leider zu dem sehr traurigen Schlusse, daß es bei der dermaligen unglücklichen Sachlage keine Hilfsquelle für ihn gebe, und als er zufällig aufblickte, sah er einen Mann auf sich zureiten, in dem er beim Näherkommen zu seinem großen Verdruß niemand anders als Mr. John Browdie erkannte, der in lederbesetzten Reithosen herantrabte und sein Pferd mit einem Stecken antrieb.

»Nochmals Streit und Zank? – Dazu habe ich wirklich keine Lust«, murmelte Nikolas. »Und doch hat es den Anschein, als ob mir noch, gelinde gesagt, ein Wortwechsel mit dem Tölpel, vielleicht sogar eine Prügelei, blühen sollte.«

Wirklich schien auch einigermaßen Grund zu einer solchen Annahme vorhanden zu sein, denn kaum hatte ihn John Browdie erkannt, als er sein Pferd auf den Fußweg trieb und dort herausfordernd wartete, wobei er unablässig zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch Nikolas fixierte.

»'schamster Diener, junger Herr«, grüßte er höhnisch, als Nikolas herangekommen war.

»Gleichfalls«, entgegnete Mr. Nickleby.

»No, da hätten mir uns ja endlich 'troffen«, bemerkte John Browdie und schlug sich mit seinem Eschenstock an den Steigbügel.

»Ja. – Hm«, brummte Nikolas. »Ich glaube«, fuhr er nach einer kurzen Pause freimütig fort, »wir sind, als wir uns das letztemal sahen, nicht sehr freundlich voneinander geschieden. Es war, denke ich, meine Schuld, aber ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, und ließ mir's auch nicht träumen, daß Sie sich beleidigt fühlen könnten. Es hat mir nachher sehr leid getan. Wollen wir die Sache vergessen und uns die Hand zur Versöhnung reichen?«

»D'Hand geb'n?« rief der gutmütige Yorkshirer. »Ah, bei so was bin i immer dabei.« Mit einem breiten Lachen beugte er sich sogleich aus dem Sattel und drückte Nikolas kräftig die Hand.

»Aber was hast denn da im G'sicht, Mensch? Schaust ja aus, als obs d' Wichs kriegt hättst.«

»Es war ein Schlag«, erklärte Nikolas vor Zorn errötend. »Aber ein Schlag, den ich mit reichlichen Zinsen zurückgegeben habe.«

»So? Ah!« rief John Browdie. »Recht so, dös g'fallt mir.«

»Ich wurde nämlich mißhandelt«, flüsterte Nikolas, der nicht recht wußte, wie er eine nähere Erklärung einleiten sollte.

»Aber geh!« unterbrach ihn Browdie, der, ein Riese an Kraft und Gestalt, in ihm wohl nur einen Zwerg sehen mochte, mitleidig. »Sagen S' dös nöt.«

»Es ist leider so«, gestand Nikolas, »und zwar von diesem schuftigen Squeers; aber ich habe ihn gründlich durchgebleut und dann sein Haus verlassen.«

»Wos?« schrie John Browdie in solcher Ekstase, daß sein Pferd darüber scheute. »Den Schulmeister verdroschen? – A, do legst di nieder. Gib mir noch a mal d'Hand, Kamerad. Den Schulmeister verdroschen! Teufel noch amol, küssen möcht i di deswegen.«

Und wieder lachte John Browdie so laut, daß ringsum das Echo weit und breit erwachte und seine Heiterkeit teilte. Als sich seine Begeisterung ein wenig gelegt hatte, fragte er Nikolas, was er denn jetzt zu tun gedenke, schüttelte aber auf die Mitteilung, daß er schnurstracks nach London zurück wolle, nur bedenklich den Kopf und meinte, Nikolas wisse wohl nicht, was ein Wagen für eine so weite Fahrt koste.

»Ich weiß es allerdings nicht«, gab Nikolas zu; »es kommt aber auch weiter nicht in Betracht, da ich vorhabe, meine Reise zu Fuß zu machen.«

»Nach London zu Fuß?« fragte der Kornhändler verwundert.

»Jeden Schritt Weges. Ich hätte übrigens, statt hierzustehen, schon eine schöne Strecke hinter mich bringen können. Also Gott befohlen.«

»Na, dös gibts nöt«, protestierte der biedere Yorkshirer, sein ungeduldiges Pferd zügelnd. »Wart a bißl, sag i. Wieviel Geld hast d' in der Taschen?«

»Nicht viel«, gestand Nikolas errötend; »aber ich muß eben trachten, damit durchzukommen. Fester Wille vermag viel.«

John Browdie machte nicht viel Worte, zog einen alten, schmutzigen, ledernen Geldbeutel hervor und bestand darauf, daß Nikolas soviel von ihm annehmen müsse, als er augenblicklich brauche.

»Brauchst di nöt schämen, Mensch«, sagte er. »Nimm soviel, als d' zum Heimkommen nötig hast. Ich habe ka Sorg; du wirst mir's schon wieder z'ruckzahlen.«

Nikolas ließ sich trotzdem durchaus nicht bewegen, mehr als eine Guinee anzunehmen, womit sich Mr. Browdie nach vielem Drängen, doch tiefer in den Beutel zu greifen, zufriedengeben mußte, wenn auch nur widerstrebend, trotzdem er mit echt Yorkshirer Vorsicht hinzufügte, Nikolas könne ja, was er nicht ausgebe, gelegentlich portofrei zurückschicken.

»Da, nimm noch den Stecken zum Andenken mit, Kamerad«, sagte er zum Abschied und drückte Nikolas abermals die Hand.

»Bewahr dir an frischen Mut, und Gott mit dir. – Den Schulmeister verdroschen! Teifel, dös is das Beste, wo i in zwanz'g Jahren g'hört hab'«

Und mit mehr Zartgefühl, als man von ihm erwartet hätte, brach er aufs neue in ein lautes Gelächter aus, um nicht auf Nikolas' Dankesbezeugungen achten zu müssen, gab dann seinem Pferd die Sporen und ritt in scharfem Trab davon. Nikolas sah ihm noch lange nach. Erst, als Roß und Reiter hinter dem Kamme eines fernen Hügels verschwunden waren, setzte er seinen Weg fort.

Er kam an diesem Abende nicht mehr weit, da es rasch finster wurde. Es hatte stark geschneit, und der Weg war nicht nur sehr mühsam, sondern auch in der Dunkelheit für jemand, der in der Gegend fremd war, unsicher und schwer aufzufinden. Er übernachtete daher in einer leeren Scheune, die ein paar hundert Ellen neben der Straße stand.

Als er frühmorgens erwachte und sich schlaftrunken die Augen rieb, sah er zu seinem grenzenlosen Erstaunen – Smike vor sich stehen.

»Ja, Smike, wie kommst du denn hierher?« – rief er überrascht.

»Lassen Sie mich mit Ihnen gehen!« flehte der arme Bursche, warf sich nieder und umschlang Nikolas' Knie. »Sie sind doch mein Freund. Nehmen Sie mich mit. Bitte, bitte.«

»Aber dieser Freund kann wenig für dich tun«, sagte Nikolas und hob Smike sanft auf. »Wie kommst du eigentlich hierher?«

Der arme Junge war ihm, wie sich herausstellte, nachgegangen und hatte ihn auf dem ganzen Weg nicht aus dem Gesicht verloren, sich aber stets gescheut, vor ihm zu erscheinen, um nicht wieder zurückgeschickt zu werden. Er wäre auch jetzt nicht hervorgetreten, aber Nikolas war früher erwacht, als er vermutete, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich zu verbergen.

»Armer Junge«, seufzte Nikolas, »dein hartes Geschick hat dir nur einen einzigen Freund beschieden, und dieser ist beinahe so arm und hilflos wie du selbst.«

»Darf ich – darf ich mit Ihnen gehen?« fragte Smike schüchtern. »Ich will ja gerne alles tun, was Sie verlangen, und Ihnen dienen. – Ich brauche keine Kleider«, beteuerte das arme Geschöpf freudig und raffte seine Lumpen zusammen, »ich komme ganz gut mit diesen durch. Nur in Ihrer Nähe möchte ich sein.«

»Und das sollst du«, rief Nikolas. »Wir wollen unser Geschick gemeinsam tragen, bis einer von uns diese Welt mit einer besseren vertauscht. Also komm.«

Mit diesen Worten warf er sein Felleisen auf den Rücken, nahm seinen Stock in die Hand, reichte die andere dem vor Entzücken sprachlosen Smike und verließ mit ihm die Scheune.

14. Kapitel

Handelt nur von ganz gewöhnlichen Leuten

In dem Teil von London, in dem Golden Square liegt, zieht sich auch eine alte schmutzige Straße hin mit zwei unregelmäßigen Reihen hoher, schmaler Häuser, die sich gegenseitig so lange angestarrt zu haben scheinen, bis sie die Balance verloren haben. Selbst die Schornsteine sind düster und melancholisch geworden, da sie nichts Besseres anzusehen haben als ihre Herren Kollegen jenseits der Straße. Sie sind bröckelig vom Wetter, zerrissen und von Rauch geschwärzt, und hie und da scheint ein über die andern hervorragender Kamin, der sich schwerfällig auf die eine Seite neigt und schon halb über das Dach herabgestürzt ist, aus Rache für die Vernachlässigung eines halben Jahrhunderts auf Zerschmetterung der in tiefer liegenden Dachstübchen wohnenden Leute zu sinnen.

Das Geflügel, das in den Gossen herumpickte und in der üblichen trübseligen Londoner Manier, die ein Hahn oder eine Henne vom Dorfe nur verblüfft mit ansehen könnte, umherhüpft, steht in vollkommenem Einklang mit den baufälligen Wohnungen seiner Eigentümer. Schmutzig, halb entfiedert und schläfrig wird es, wie auch so manches Kind in der Nachbarschaft, auf die Straße hinausgejagt. So hüpfen denn die armen Tiere von Stein zu Stein, um irgend etwas Freßbares im Kot aufzustöbern. Darüber haben die Hähne das Krähen verlernt, und der einzige, der noch etwas hat, was einer Stimme ähnelt, ist ein alter Gockel in dem Hause eines Bäckers, und selbst dieser ist infolge der schlechten Kost bereits bei seinem früheren Herrn endgültig heiser geworden.

Dem baulichen Umfange der Häuser nach zu schließen, müssen diese früher reicheren Besitzern als ihren gegenwärtigen gehört haben, jetzt aber werden die Stockwerke oder vielmehr einzelnen Zimmer nur wochenweise vermietet, und jede Haustüre hat fast so viele Namentäfelchen oder Klingelgriffe aufzuweisen, als sich Stuben im Innern befinden. Die Fenster bieten aus demselben Grunde einen bunten Anblick dar, da sie mit jeder denkbaren Art von Fensterschirmen und Vorhängen geziert sind, während jeder Hausflur verbarrikadiert und gleichsam unwegsam gemacht wird durch dichte Haufen von Kindern und Porterkrügen von jeder Größe und Umfang.

An der Tür eines dieser Häuser, das womöglich noch schmutziger als die übrigen war, auch mehr Kinder, Klingelgriffe und Porterkrüge aufwies und den Qualm eines dicken Rauches, der Tag und Nacht aus einer großen, anstoßenden Brauerei aufstieg, aus erster Hand bezog, klebte ein Zettel mit der Anzeige, daß noch ein Zimmer zu vermieten sei, obgleich es die Fähigkeit des besten Rechenkünstlers überstiegen haben würde, den Stock, in dem es liegen konnte, zu bestimmen, wenn er die äußeren Merkmale ins Auge faßte, die die ganze Front des Hauses entlang – von der Wäschemangel im untersten Küchenfenster an bis zu den Blumentöpfen in der Dachstube hinauf – auf Bewohntsein schließen ließen.

Schon vor der gemeinschaftlichen Treppe des Hauses fehlte die Strohmatte. Wenn aber ein Neugieriger gar bis zum Giebel emporklomm, so konnte er bemerken, daß es, je höher es hinaufging, nicht an Merkmalen zunehmender Armut mangelte, trotzdem die Zimmer der Bewohner verschlossen waren.

In dem allerobersten Dachgelasse nun bückte sich ein ältlicher, schäbig gekleideter Mann mit harten Zügen und einem breiten Gesichte nieder, um die Türe des nach vorne hinausgehenden Stübchens zu öffnen, in das er sodann mit der Miene des gesetzlichen Eigentümers eintrat, nachdem er mit dem Geschäfte, einen verrosteten Schlüssel in dem noch mehr verrosteten Schlosse umzudrehen, glücklich zustande gekommen war.

Der Mann trug eine Perücke mit kurzen, groben, roten Haaren, die er mit seinem Hut zugleich abnahm und an einen Nagel hängte. Nachdem er diese Kopfbedeckung durch eine schmutzige wollene Nachtmütze ersetzt und im Dunkeln nach einem Lichtstümpchen umhergetappt hatte, klopfte er an die Verbindungstüre, die zur anstoßenden Dachkammer führte, und fragte mit lauter Stimme, ob Mr. Noggs zu Hause wäre und vielleicht Licht hätte.

Die Antwort war zwar durch die mit Mörtel beworfene Wand gedämpft, es schien aber noch außerdem, als ob sie aus dem Innern eines Kruges oder eines Trinkgefäßes käme – jedenfalls war es aber Newmans Stimme und die Auskunft eine bejahende.

»Eine garstige Nacht, Mr. Noggs«, brummte der Mann in der Nachtmütze und trat in die Stube seines Nachbarn, um sein Licht anzuzünden.

»Regnet es?« fragte Noggs.

»Ob es regnet? Ich bin bis auf die Haut durchnäßt.«

»Dazu braucht es nicht viel, um Sie und mich bis auf die Haut zu durchnässen, Mr. Crowl«, sagte Newman mit einem Blick auf die Ärmel seines eigenen fadenscheinigen Rocks.

»Um so unangenehmer ist es«, knurrte Mr. Crowl, dessen Züge die eingefleischteste Selbstsucht verrieten, verdrossen. Dann bedeckte er das spärliche Feuer so mit Brennmaterial, daß es fast erstickte, trank das Glas, das auf dem Tische stand, aus und fragte, wo Newman seine Kohlen aufbewahre.

Newman zeigte nach dem untersten Fach eines Schrankes. Mr. Crowl ergriff sofort die Schaufel und warf die Hälfte des Vorrats in den Ofen. Noggs jedoch holte sie, ohne ein Wort zu sprechen, wieder heraus.

»Ich hoffe doch nicht, daß Sie ausgerechnet heute anfangen zu sparen?« rief Mr. Crowl.

Newman deutete auf das leere Glas, als ob das hinreiche, eine solche Beschuldigung zurückzuweisen, und sagte kurz, daß er zum Nachtessen hinuntergehe.

»Zu den Kenwigs?«

Newman nickte.

»Da sehe einer«, brummte Crowl. »Wenn ich nicht angenommen hätte, Sie gingen bestimmt nicht hin, wie Sie doch vorhatten, hätte ich auch nicht abgesagt.«

»Sie haben unten ausdrücklich darauf bestanden, daß ich kommen müsse«, entschuldigte sich Newman.

»Gut. Und was soll aus mir werden?« wendete der Ehrenmann ein, der nie an etwas anderes dachte als an sich selbst. »Sie sind doch schuld an allem. Aber ich will Ihnen was sagen, ich bleibe hier bei Ihrem Feuer sitzen, bis Sie wiederkommen.«

Newman warf einen verzweifelten Blick auf seinen kleinen Vorrat an Brennmaterial, da er aber nicht den Mut hatte, »nein« zu sagen – ein Wort, das er sein ganzes Leben lang weder gegen sich noch gegen andere zu rechter Zeit hatte gebrauchen lernen –, ließ er sich den Vorschlag gefallen, und Mr. Crowl schickte sich augenblicklich an, es sich auf Newman Noggs' Kosten so behaglich zu machen, als es die Umstände gestatteten.

Die Partei, die Crowl mit dem Ausdruck die »Kenwigs« bezeichnet hatte, bestand aus der Gattin und den hoffnungsvollen Sprößlingen eines Elfenbeindrechslers namens Kenwigs, der im Hause als Mann von hohem Ansehen galt, da er die ganze Beletage, die aus zwei Zimmern bestand, bewohnte. Überdies spielte sich Mrs. Kenwigs auf die Mondäne, da sie aus achtbarer Familie stammte und einen Wassersteuereinnehmer zum Onkel hatte. Die zwei ältesten ihrer Mädchen genossen zweimal wöchentlich in der Nachbarschaft Tanzunterricht, trugen das Flachshaar in üppigen Zöpfen mit blauen Bändern geflochten und zierliche weiße Höschen mit Krausen um die Knöchel – lauter Dinge, die nebst zahllosen anderen gleich wichtigen es höchst wünschenswert erscheinen ließen, mit Mrs. Kenwigs auf gutem Fuß zu stehen und sie zum Mittelpunkt aller Klatschereien in der Straße, und vielleicht auch noch ein wenig um die Ecke herum, zu machen.

Es war heute die Jahresfeier des glücklichen Tages, an dem die englische Kirche zwischen Mr. und Mrs. Kenwigs das Band der heiligen Ehe geknüpft, und Mrs. Kenwigs hatte in dankbarer Erinnerung an diesen denkwürdigen Wendepunkt ihres Lebens einige auserlesene Freunde zu einer Partie Karten und einem Souper zu sich in den ersten Stock eingeladen. Sie trug zum Empfange ein neues geflammtes Kleid von äußerst jugendlichem Schnitt, das ihr so gut stand, daß Mr. Kenwigs erklärte, die acht Jahre seiner Ehe mit ihrem Kindersegen kämen ihm wie ein Traum vor und Mrs. Kenwigs sähe jünger und blühender aus als an dem Sonntag, wo er sie zum ersten Male erblickte.

Mrs. Kenwigs machte in ihrem Putz auch wirklich solchen Staat, daß man hätte vermuten können, es stünden ihr wenigstens eine Köchin und ein Dienstmädchen zu Gebote und sie hätte den ganzen Tag nichts weiter zu tun als zu befehlen. Tatsächlich aber hatte sie mit ihren Vorbereitungen unsägliche Mühe gehabt; mehr sogar, als sie bei ihrer zarten Konstitution durchzumachen imstande gewesen wäre, wenn sie nicht der Stolz, sich im vollen Glanze ihrer Wirklichkeit zeigen zu können, aufrecht erhalten hätte.

Endlich war jetzt alles, was herbeigeschafft werden mußte, beisammen, das, was stören konnte, aus dem Wege geräumt und alles in schönster Ordnung. Überdies hatte der Wassersteuereinnehmer zugesagt, und so blieb denn für das ungetrübte Glück des Abends nichts mehr zu wünschen übrig.

Die Gesellschaft war bewundernswert zusammengestellt. Erstens einmal Mr. Kenwigs und Frau Gemahlin nebst vier Kenwigs-Sprößlingen, die zum Abendessen aufbleiben durften – einmal, weil es nicht mehr als billig war an einem solchen Tage, zweitens, weil ihr Zubettgehen in Gegenwart der Gesellschaft unpassend, um nicht zu sagen, unschicklich gewesen wäre –, ferner die junge Dame, die die Toilette der Festgeberin besorgt und in der zuvorkommendsten Weise ihr Bett für das jüngste Kenwigs-Reis, ein Knäblein in der Wiege, hergegeben und ein Mädchen für seine Bewachung besorgt hatte, und dann als passende Gesellschaft für die junge Dame ein junger unverheirateter Herr, dessen Bekanntschaft Mr. Kenwigs in früheren Jahren gelegentlich gemacht hatte und der von den Damen sehr geschätzt wurde, da er in dem Rufe eines Bruders Lüderlich stand. Hierzu kam noch ein unvermähltes Paar, das bei Kenwigs kürzlich Brautvisite gemacht hatte, und eine Schwester Mrs. Kenwigs' die als ausgemachte Schönheit galt. Nicht zu vergessen noch ein anderer junger Herr, von dem man sagte, daß er honette Absichten auf die obenerwähnte junge Dame habe, und Mr. Noggs, weil er früher ein Gentleman gewesen. Eine ältliche Dame aus dem Erdgeschoß, dann noch eine jüngere, die nächst dem »Löwen« Steuereinnehmer vielleicht die größte »Löwin« der Gesellschaft war, da sie einen Theaterspritzenmann zum Vater hatte, bisweilen als Statistin auftrat und das ausgezeichnetste dramatische Talent besaß, von dem man je gehört, machten den Schluß.

Die Freude, einen solchen Freundeskreis um sich zu sehen, wurde Mrs. Kenwigs nur durch den einen unangenehmen Umstand verbittert, daß die Dame aus dem Erdgeschoß – die sehr beleibt und über die sechzig hinaus war – in einem ordinären Musselinkleid und kurzen Lederhandschuhen erschien, was Mrs. Kenwigs so verdroß, daß sie ihrer Schwester zuflüsterte, sie würde diese unverschämte Person auf der Stelle wieder ausgeladen haben, wenn nicht bereits das Nachtessen auf dem Kochherde des Parterrestübchens stünde.

»Meine Liebe«, meinte Mr. Kenwigs, »wäre es nicht am besten, wenn wir gleich ein Gesellschaftsspiel begännen?«

»Lieber Kenwigs«, versetzte die Hausfrau, »wie kommst du mir vor?! Du willst ohne den Onkel anfangen?«

»Oh, auf den Steuereinnehmer habe ich ganz vergessen«, entschuldigte sich Mr. Kenwigs; »nein, das geht allerdings nicht gut.«

»Mein Onkel ist so eigen«, erklärte Mrs. Kenwigs der andern verheirateten Dame; »er hat gesagt, er werde uns für immer aus seinem Testament streichen, wenn wir je ohne ihn begännen.«

»Ist es möglich?« rief die verheiratete Dame.

»Sie haben keine Idee, wie eigen er ist! Obgleich er sonst der gutmütigste Mensch von der Welt ist.«

»Die liebevollste Seele, die je existierte«, bekräftigte Mr. Kenwigs.

»Es schneidet ihm, sagt man sich allgemein, ins Herz, den Leuten das Wasser absperren zu müssen, wenn sie nicht bezahlen können«, meldete sich der Bruder Lüderlich, um einen Witz zu machen.

»George! Nichts der Art, wenn ich bitten darf!« verwies Mr. Kenwigs würdevoll.

»Es war nur ein Scherz«, entschuldigte sich der junge Mann kleinlaut.

»George!« tadelte Mr. Kenwigs. »Ein Scherz ist zuweilen recht hübsch, wenn aber dieser Scherz die Gefühle meiner Frau verletzt, so muß ich mich dagegen verwahren. Ein Mann, der eine öffentliche Stellung bekleidet, muß sich natürlich Spottreden gefallen lassen, aber die Schuld liegt in seiner hohen Stellung und nicht an ihm selbst. Der Verwandte meiner Frau ist Beamter, George! Er weiß das und kann auch das damit verbundene Unangenehme ertragen; aber abgesehen von meiner Frau, wenn man sie schon trotz einem Anlasse, wie dem gegenwärtigen, nicht aus dem Spiele lassen will, so habe ich selbst die Ehre, mit dem Steuereinnehmer durch meine Ehe verwandt geworden zu sein, und ich kann und darf daher keine solchen Bemerkungen in meinem –« Mr. Kenwigs war im Begriff »Haus« zu sagen, ergänzte aber den Satz mit »– Zimmer dulden.«

Gegen Schluß dieser wortreichen Zurechtweisung, die Mrs. Kenwigs bis zu Tränen rührte und ihren Zweck – die Bedeutsamkeit des Wassersteuereinnehmers der Gesellschaft möglichst vor Augen zu führen – nicht verfehlte, ließ sich der Ton der Klingel vernehmen.

»Da ist er!« flüsterte Mr. Kenwigs aufgeregt. »Morlina, liebes Kind, eile hinunter und lasse den Onkel ein; vergiß aber nicht, ihm sogleich einen Kuß zu geben. – Hm, fangen wir irgendein Gespräch an.«

Mr. Kenwigs' Aufforderung eifrig nachkommend, begann die Gesellschaft sogleich eine sehr laute Unterhaltung, um unbefangen zu erscheinen. Man hatte indessen kaum angefangen, als ein kleiner, alter Herr in gelben Beinkleidern und Gamaschen und mit einem Gesicht, das wie aus lignum sanctum geschnitzt aussah, von Miss Morlina Kenwigs unter fröhlichem Hüpfen hereingeführt wurde.

»Ach, lieber Onkel, wie freut es mich, dich zu sehen!« rief Mrs. Kenwigs und küßte den Steuereinnehmer zärtlich auf beide Wangen. »Ich bin unsagbar froh.«

»Möge der Tag oft und glücklich wiederkehren, meine Liebe«, gratulierte der Wassersteuereinnehmer.

Wirklich und wahrhaftig, es war ein erhebender Anblick.

Ein Wassersteuereinnehmer ohne sein Buch, ohne Feder und Tinte, ohne seinen schreckenerregenden Doppelschlag – ein Steuereinnehmer, der eine hübsche Frau küßte, tatsächlich küßte, und Steuern, Vorladungen, Mahnzettel usw. ganz beiseite ließ! Es war eine wahre Lust, mitanzusehen, wie die Gesellschaft, ganz hingerissen von diesem Anblick, den Herrn von allen Seiten beaugenscheinigte und sich gegenseitig durch Nicken und Blinzeln das innere Vergnügen zu erkennen gab, das man über dem Umstande empfinden mußte, daß bei einem Steuereinnehmer soviel Leutseligkeit zu finden war.

»Wo wollen Sie Platz nehmen, Onkel?« fragte Mrs. Kenwigs mit voller Entfaltung ihres Familienstolzes.

»Wo du mich hinsetzest, meine Liebe«, antwortete der Steuereinnehmer. »Ich bin darin nicht eigen.«

Nicht eigen! Welch ein bescheidener Steuereinnehmer! Wenn er ein Schriftsteller gewesen wäre, der sich seiner untergeordneten Stellung bewußt ist, hätte er nicht bescheidener sprechen können.

»Mr. Lillyvick«, wendete sich Mr. Kenwigs ehrfurchtsvoll an den Steuereinnehmer, »es sind hier einige Freunde von uns, die sich schon lange nach der Ehre Ihrer Bekanntschaft gesehnt haben. – Mr. und Mrs. Cutler, Sir.«

»Ich bin stolz darauf, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, Sir«, versicherte Mr. Cutler, »zumal ich schon so oft von Ihnen gehört habe.«

Das waren durchaus nicht etwa bloße Worte der Höflichkeit, denn, da Mr. Cutler in Mr. Lillyvicks Sprengel gewohnt hatte, hatte er in der Tat sehr oft von ihm gehört. – Der Einnehmer war nämlich peinlich genau mit dem Einkassieren.

»George, ich glaube, du kennst Mr. Lillyvick bereits«, fuhr Mr. Kenwigs fort. – »Die Dame aus dem Erdgeschoß – Mr. Lillyvick. Mr. Snewkes – Mr. Lillyvick. Miss Green – Mr. Lillyvick. Mr. Lillyvick – Miss Petowker vom Königlichen Drury Lane Theater. Ich bin stolz darauf, hiermit zwei öffentliche Charaktere miteinander bekannt machen zu können. – Liebe Frau, möchtest du nicht die Spielkarten herausgeben?«

Mrs. Kenwigs beeilte sich, dieser Aufforderung – assistiert von Newman Noggs, von dem man sich nur so im allgemeinen zuflüsterte, er sei ein verarmter Gentleman, sonst aber, seinem ausdrücklichen Wunsche entsprechend, weiter keine Notiz nahm – nachzukommen, und der größere Teil der Gäste setzte sich sogleich zum Kartenspiel nieder, während Newman, Mrs. Kenwigs selbst und Miss Petowker vom Königlichen Drury Lane Theater sich mit der Zurüstung der Abendtafel zu schaffen machten.

Solange die Hausfrau in dieser Weise beschäftigt war, richtete Mr. Lillyvick seine ganze Aufmerksamkeit auf das Spiel, und da alles Fisch sein muß, was in eines Wassersteuereinnehmers Netz kommt, zierte sich der gute, alte Herr auch weiter nicht, sich an dem Eigentum seines Spielgegners nach Kräften zu bereichern, sooft sich Chance dazu bot. Dabei lächelte er unentwegt höchst leutselig und sprach den Verlierenden so herablassend Trost zu, daß diese ganz entzückt waren und im Innersten ihres Herzens dachten, er verdiene zumindest Schatzkanzler zu werden.

Nach vieler Mühe und manchem Klaps auf die Köpfe der kleinen Kenwigs', von denen sogar zwei der aufrührerischsten kurzerhand hinausbefördert werden mußten, breitete man das Tischtuch mit Eleganz aus und trug ein paar gekochte Hühner, einen Schinken, eine Apfelpastete, Kartoffeln und Gemüse auf, bei deren Anblick Mr. Lillyvick sofort eine Unzahl höchst witziger Einfälle zum hellen Entzücken seiner Verehrer zum besten gab und mit bewunderungswürdiger Fertigkeit einzuhauen begann.

Das Abendessen ging sehr gut und sehr schnell vonstatten, ohne daß sich ernstere Schwierigkeiten ergeben hätten als das ewige Fragen nach reinen Messern und Gabeln, was die arme Mrs. Kenwigs mehr als einmal heimlich wünschen ließ, daß bei Privatgesellschaften auch das Prinzip der Kostschulen eingeführt werden möge, dem zufolge jeder Gast sein Besteck selbst mitzubringen hat.

Da jeder Gast von jeder Speise nahm, leerte sich der Tisch mit einer beunruhigenden Geschwindigkeit und ziemlichem Lärm, und bald kam die Reihe an die geistigen Genüsse, die nebst heißem und kaltem Wasser in Reih und Glied bereit standen, und denen Newman Noggs' Augen schon längst freudig und erwartungsvoll entgegengeglänzt hatten. Mr. Lillyvick erhielt einen Ehrenplatz in einem großen Lehnsessel am Kamin angewiesen, und die vier kleinen Kenwigs' wurden, mit den Gesichtern zum Feuer und ihren Flachszöpfen der Gesellschaft zugekehrt, ganz vorn auf eine niedrige Bank der Reihe nach hingesetzt. Dieses Arrangement war kaum vollendet, als Mrs. Kenwigs sich im Übermaße ihrer Muttergefühle an die linke Schulter ihres Gemahls gruppierte und in Tränen zerfloß.

»Wie schön sie sind!« schluchzte sie.

»Ja, wirklich entzückend«, stimmten alle Damen mit ein, »Sie haben vollkommen recht, Mrs. Kenwigs, und es ist sehr begreiflich, daß Sie stolz darauf sind. – Aber geben Sie Ihren Gefühlen nicht zu sehr nach.«

»Ich kann – ich kann mir nicht helfen. Und Freudentränen schaden der Gesundheit nicht«, schluchzte Mrs. Kenwigs. »Aber sie sind zu schön. Viel zu schön, als daß ich hoffen dürfte, daß sie mir lange erhalten blieben.«

Als die vier kleinen Mädchen die beunruhigende Nachricht vernahmen, sie seien bestimmt, in der Blüte ihrer Jugend einen frühen Tod zu erleiden, erhoben sie ein jämmerliches Geschrei, begruben zu gleicher Zeit ihre Köpfe im Schoß der Mutter und schluchzten so herzzerbrechend, daß ihre acht Flachszöpfe wie die Perpendikel hin und her baumelten. Mrs. Kenwigs drückte eines nach dem andern an ihr beklommenes Mutterherz und nahm dabei so ausdrucksvolle Stellungen inneren Schmerzes an, daß sich selbst Miss Petowker trotz ihres großen dramatischen Talentes daran hätte ein Vorbild nehmen können.

Allmählich ließ sich die bekümmerte Mutter wieder beruhigen, und die kleinen Mädchen wurden unter der Gesellschaft verteilt, um es zu vereiteln, daß Mrs. Kenwigs nochmals durch den Glanz ihrer vereinten Schönheit überwältigt würde. Dabei überboten sich Herren und Frauen in Prophezeiungen, daß sie noch viele, viele Jahre leben würden und daß für die wertgeschätzte Gastgeberin durchaus kein Grund vorhanden sei, sich trüben Gedanken hinzugeben.

»Heute vor acht Jahren!« rief Mr. Kenwigs nach einer Pause. »Lieber Gott, ach!«

Ergriffen echoten alle den Nachsatz, nur mit dem Unterschied, daß sie zuerst das »Ach« und hinterdrein das »Lieber Gott« seufzten.

»Ich war damals jünger«, lispelte Mrs. Kenwigs.

»Gewiß nicht«, bestritt der Steuereinnehmer.

»Bestimmt nicht«, bekräftigten alle.

»Ich sehe meine Nichte noch vor mir«, ergriff Mr. Lillyvick wieder das Wort und ließ den Blick ernst und würdevoll über seine Zuhörer hingleiten, »ich sehe sie noch vor mir, als sie eines Nachmittags zum erstenmal ihrer Mutter ihre Neigung zu Kenwigs gestand. ›Mutter‹, sagte sie, ›ich liebe ihn.‹«

»Bete ihn an, Onkel!« verbesserte Mrs. Kenwigs.

»Liebe ihn«, sagtest du, »soviel ich mich erinnere, meine Teuerste«, bestand der Steuereinnehmer mit Festigkeit auf seiner Behauptung.

»Du kannst recht haben, Onkel«, gab Mrs. Kenwigs unterwürfig zu, »ich meine aber doch, mich des Ausdrucks ›Anbeten‹ bedient zu haben.«

»Lieben! meine Beste!« sagte Mr. Lillyvick. »›Mutter,‹ sagte sie, ›ich liebe ihn.‹ – ›Was muß ich hören!?‹ rief ihre Mutter und bekam augenblicklich heftige Krämpfe.«

– Allgemeiner Ausruf des Staunens von Seiten der Gesellschaft.

»Heftige Krämpfe!« wiederholte Mr. Lillyvick und sah sich stolz im Kreise um. »Kenwigs, Sie werden entschuldigen, wenn ich in der Gegenwart der Gesellschaft den Umstand erwähne, daß man mancherlei gegen Ihre Bewerbung einzuwenden hatte, da Sie dem gesellschaftlichen Range nach unter der Familie standen und man die Mesalliance nicht gerne sah. Sie entsinnen sich dessen doch noch, Kenwigs?«

»Gewiß«, gab der Elfenbeindrechsler, den diese Erinnerung keineswegs unangenehm berührte, da sie es außer allen Zweifel setzte, welch feiner Familie Mrs. Kenwigs entstammte, bereitwillig zu.

»Ich teilte damals diese Ansicht«, fuhr der Wassersteuereinnehmer fort, »die vielleicht begründet war, vielleicht auch nicht.«

Ein leises Murmeln der Gäste schien anzudeuten, daß bei einem Manne von Mr. Lillyvicks hoher Stellung ein solcher Einwurf nicht nur natürlich, sondern höchst begründet sein müsse.

»Er nahm mich jedoch bald für sich ein. Und als sie verheiratet waren und sich in der Sache nichts mehr ändern ließ, war ich einer der ersten, die sagten, man müsse Kenwigs achten. Die Familie tat das infolge meiner Vorstellungen auch, und ich fühle mich verpflichtet hervorzuheben – ja ich bin stolz darauf –, daß ich von da an immer einen höchst ehrenwerten, anständigen, rechtschaffenen und achtbaren Mann in ihm gesehen habe. – Kenwigs, geben Sie mir Ihre Hand!«

»Es ist mir eine Ehre«, rief Mr. Kenwigs.

»Gleichfalls, Kenwigs, gleichfalls«, sagte Mr. Lillyvick.

»Ich habe sehr glücklich mit Ihrer Nichte gelebt«, gestand der Elfenbeindrechsler.

»Es wäre Ihre eigene Schuld gewesen, wenn es anders gekommen wäre«, entgegnete Mr. Lillyvick.

»Morlina!« rief die durch diese Lobeshymne tief gerührte Mutter. »Gib deinem lieben Großonkel einen Kuß.«

Das Mädchen tat, wie verlangt, und dann wurden auch die drei anderen Flachsköpfchen herumgereicht.

»Liebe Mrs. Kenwigs«, schlug Miss Petowker vor, als diese Szene glücklich absolviert war, »lassen Sie doch Morlina Mr. Lillyvick den neuen Tanz vortanzen, während Mr. Noggs den Punsch bereitet, mit dem wir dann die glückliche und häufige Wiederkehr dieses Festes unter Trinksprüchen feiern wollen.«

»Nein, nein, meine Liebe«, wehrte Mrs. Kenwigs ab, »es würde meinen Onkel nur langweilen.«

»Oh, unmöglich«, rief Miss Petowker lebhaft, »es wird ihn im Gegenteil brillant unterhalten, nicht wahr, mein Herr?«

»Gewiß«, erwiderte der Steuereinnehmer mit einem Blick nach dem Punschkünstler.

»Also, dann mache ich den Vorschlag«, sagte Mrs. Kenwigs, »Morlina soll ihre Pas tanzen und Miss Petowker nachher ›Das Begräbnis des Vampirs‹ deklamieren!«

Der Vorschlag wurde von allen Seiten mit großem Applaus aufgenommen, und Miss Petowker neigte zum Zeichen des Dankes mehrere Male huldreich das Haupt.

»Sie wissen«, zierte sie sich vorwurfsvoll, »wie ungern ich in Privatgesellschaften mit Leistungen, die zu meinem Berufe gehören, hervortrete.«

»Oh, hier ist das etwas anderes«, redete ihr Mrs. Kenwigs zu. »Wir sind hier unter lauter Freunden, so daß sie ebensowenig Anstoß daran zu nehmen brauchen wie in Ihrem eigenen Zimmer. Zudem, der gegenwärtige Anlaß –«

»Wer könnte da widerstehen!« rief die Künstlerin. »Unter solchen Umständen wird es mir natürlich ein Vergnügen sein, alles, was in meinen bescheidenen Kräften steht, zur Verherrlichung des Festes beizutragen.«

Dann summte sie eine Arie, während Morlina ihren Tanz aufführte, nachdem man ihr die Schuhsohlen zuvor so sorgfältig mit Kreide eingerieben, daß sie ruhig hätte auf einem straffen Seile gehen können.

Der Tanz war überwältigend, besonders, da die Arme dabei mehr in Aktion traten als die Beine, weshalb auch mit frenetischem Beifall nicht gekargt wurde.

»Wenn ich so glücklich wäre, ein – ein Kind zu haben«, meinte Miss Petowker errötend, »das soviel Talent wie das Ihrige zeigte, würde ich es augenblicklich bei der Oper unterbringen.«

Mrs. Kenwigs seufzte und warf einen Blick auf ihren Gatten, der verstohlen den Kopf schüttelte und meinte, man müsse da doch seine Bedenken haben.

»Kenwigs fürchtet –«, erklärte Mrs. Kenwigs.

»Was?« fragte Miss Petowker. »Doch nicht, daß sie durchfallen könnte?«

»Das nicht«, versetzte Mrs. Kenwigs stockend, »aber wenn sie weiter so heranwächst – Denken Sie nur an die vielen jungen Herzöge und Grafen in den Garderoben!«

»Ganz richtig«, bemerkte der Steuereinnehmer.

»Oh«, versicherte Miss Petowker, »wenn sie sich ihres inneren Wertes bewußt ist –«

»Es liegt allerdings viel Wahres in dieser Bemerkung«, gab Mrs. Kenwigs, wieder mit einem Blick nach ihrem Gatten zu.

»Jedenfalls kann ich sagen – freilich ist es nicht die allgemeine Regel –«, stotterte Miss Petowker, »mir sind nie Belästigungen dieser Art passiert.«

Sofort erklärte Mr. Kenwigs galant, daß das natürlich den Ausschlag gebe, weshalb er auch die Sache in ernstere Erwägung zu ziehen gedenke.

Nachdem dieser Punkt abgemacht war, wurde Miss Petowker nochmals in geziemender Form ersucht, »Das Begräbnis des Vampirs« zum besten zu geben. Die junge Dame löste sich zu diesem Zweck die Haare auf und postierte sich in der Zimmerecke, indem sie zugleich ihren unverheirateten Verehrer in die Nähe stellte, damit er bei dem Stichwort: »der letzte Hauch entweicht« herbeieilen und sie in seinen Armen auffangen könne, wenn sie im Wahnsinn stürbe. Die Deklamation wickelte sich sodann ausdrucksvoll und in derartigem dramatischen Feuer ab, daß die kleinen Kenwigs darüber fast die Freisen bekamen.

Immer noch raste der dieser Kunstleistung folgende Beifall, und Newman, der sich seit langer Zeit schon zu so vorgerückter Stunde nicht annähernd so nüchtern befunden, hatte noch immer nicht dazu kommen können, sein Wörtchen, daß der Punsch fertig sei, anzubringen, als sich plötzlich ein hastiges Pochen an der Zimmertüre vernehmen ließ. Mrs. Kenwigs, die sofort ahnte, ihr Kleinstes sei aus dem Bett gefallen, stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

»Wer ist da?« fragte Mr. Kenwigs unmutig.

»Lassen Sie sich nicht stören, nur ich bin's«, sagte Crowl und sah in seiner Nachtmütze zur Türe herein, »das Kleine ist vollkommen wohl. Ich habe beim Heruntergehen einen Blick in das Zimmer geworfen. Es ist fest eingeschlafen und das Mädchen desgleichen, auch glaube ich nicht, daß das Licht die Bettvorhänge so leicht in Brand stecken kann, wenn nicht gerade ein Luftzug in das Zimmer kommt. – Man wünscht Mr. Noggs zu sprechen.«

»Mich?« rief Newman höchlichst verwundert.

»Es ist allerdings eine recht ungeschickt gewählte Stunde, nicht wahr?« versetzte Crowl, der bei der Aussicht, jetzt den warmen Ofen zu verlieren, nicht in der besten Stimmung war. »Und auch die Leute sehen wunderlich genug aus. Sie sind über und über durchnäßt und mit Kot bespritzt. Soll ich sie vielleicht wegschicken?«

»Nein«, rief Newman aufstehend, »Leute? Wie viele sind es denn?«

»Zwei.«

»Wünschen mich zu sprechen? Haben sie wirklich meinen Namen genannt?«

»Ja, Mr. Newman Noggs; so deutlich, wie man sich's nur wünschen kann.«

Newman überlegte ein paar Augenblicke und eilte dann mit der Versicherung hinaus, daß er sogleich zurückkommen werde. Er hielt auch Wort, denn nach ein paar Minuten stürzte er wieder ins Zimmer, nahm ohne ein Wort der Entschuldigung oder Erklärung eine angezündete Kerze und ein Glas heißen Punsch vom Tisch und schoß wie ein Verrückter wieder zur Türe hinaus.

»Was, zum Henker, geht da vor?« rief Crowl und riß die Türe auf.

»Horchen Sie, was ist das für Lärm oben?«

Die Gäste standen in großer Verwirrung auf, sahen einander bestürzt und verlegen an, streckten die Hälse und lauschten aufmerksam.

15. Kapitel

Was die Veranlassung der im vorigen Kapitel beschriebenen Unterbrechung war

In größter Hast klomm Newman Noggs die Stiegen empor, das dampfende Punschglas in der Hand, das er so unzeremoniell von Mr. Kenwigs' Tisch genommen und dem Herrn Wassersteuereinnehmer sozusagen vor der Nase weggeschnappt hatte. Er trug seine Beute geradenwegs in sein Dachstübchen und fand dort mit wunden Füßen und beinahe schuhlos, naß, kotbespritzt und abgemattet Nikolas Nickleby und Smike nebeneinander sitzen.

Newmans erstes war, Nikolas mit sanfter Gewalt zu nötigen, die Hälfte des fast kochenden Punsches auf einmal hinunterzuschlucken, und sein zweites, den Rest in Smikes Kehle zu gießen, der, mit andern Stimulantien als Schwefelsirup unbekannt, durch die seltsamsten Gebärden seine Überraschung und Freude darüber an den Tag legte, daß der Trank so wärmend und behaglich hinunterglitt.

»Sie sind ja durch und durch naß!« sagte Newman und befühlte den Rock, den Nikolas abgelegt, »und ich – ich – kann Ihnen keinen anderen anbieten«, fügte er mit einem trübseligen Blick auf die abgeschabten Kleider, die er selbst trug, hinzu.

»Ich habe trockene Sachen in meinem Felleisen«, beruhigte ihn Nikolas. »Wenn Sie aber eine so betrübte Miene zu meinem Besuch machen, so werden Sie den Schmerz, den ich bereits fühle, für eine Nacht bei Ihren spärlichen Mitteln bei Ihnen Beistand und Obdach suchen zu müssen, nur noch erhöhen.«

Newmans betrübte Mienen heiterten sich jedoch nicht eher auf, als bis ihn Nikolas bei der Hand faßte und ihm versicherte, welch großer Trost ihm sein Brief in den trüben Tagen in Yorkshire gewesen.

Nikolas hatte mit seinem ursprünglichen Geldvorrat so gut hausgehalten, daß ihm sogar noch etwas davon übriggeblieben war, und so stand bald ein Nachtessen aus Brot, Käse und einem Stück kalten Rindfleischs aus einer benachbarten Garküche bestehend, auf dem Tisch. Dann zog Mr. Noggs seinen einzigen Rock aus und ruhte nicht eher, als bis sich Smike darein gehüllt hatte.

»Nun, vor allem, was machen meine Mutter und Schwester?« fragte Nikolas, nachdem er sich, ebenso wie Smike, gelabt und an das Feuer gesetzt hatte.

»Wohl«, antwortete Newman mit seiner gewohnten Kürze. »Beide wohl.«

»Wohnen sie noch in der City?«

»Ja.«

»Und meine Schwester? Ist sie noch immer in dem Geschäft, von dem sie mir schrieb, sie glaube, daß es ihr dort gut gefallen würde?«

Newman riß die Augen noch etwas weiter auf als gewöhnlich und antwortete nur durch eine Art Japsen, das ebensogut als »Ja« wie als »Nein« gedeutet werden konnte. Im gegenwärtigen Fall bestand die begleitende Geste in einem Nicken, und Nikolas nahm die Antwort daher für eine günstige.

»Bitte, antworten Sie mir jetzt ohne Umschweife«, begann Nikolas wieder nach einer Pause und legte Newman die Hand auf die Schulter. »Was hat mein Onkel aus Yorkshire gehört?«

Newman öffnete und schloß den Mund mehrere Male, brachte jedoch keine Silbe hervor.

»Was hat er gehört?« drängte Nikolas erregt. »Sie sehen, daß ich vorbereitet bin, auch das Schlimmste zu hören, was Bosheit aushecken kann.«

»Morgen früh«, stotterte Newman, »morgen früh sollen Sie alles erfahren.«

»Aber warum erst morgen, warum nicht gleich jetzt?« drängte Nikolas.

»Sie werden besser schlafen.«

»Nein, ich werde nur um so schlechter schlafen«, sagte Nikolas ungeduldig. »Ich werde die ganze Nacht kein Auge schließen können, wenn Sie mir nicht alles sagen, und zwar gleich jetzt.«

»Alles sagen?« wiederholte Newman stockend.

»Ja alles. Ich komme dann vielleicht in Wallung, oder mein Stolz wird verletzt. Aber so oder so, stünde mir eine Szene wie die erlebte abermals bevor, ich würde doch um kein Haar anders handeln, was auch für Folgen daraus entstehen möchten. Auch werde ich nie bereuen, was ich getan habe, nie, und wenn ich deshalb betteln oder Hungers sterben müßte.«

»Mein lieber junger Herr, man darf sich nicht so gehenlassen!« rief Noggs. »So etwas tut nicht gut. Man kommt auch nicht fort in der Welt, wenn man sich eines jeden Mißhandelten annimmt, aber – zum Henker, ich freue mich, daß Sie es doch getan haben. Ich würde auch nicht anders gehandelt haben«, brach Newman los und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann holte er widerstrebend ein offenbar in großer Eile bekritzeltes Stück Papier aus einer alten Truhe hervor. »Vorgestern bekam Ihr Onkel diesen Brief. Ich habe in der Geschwindigkeit eine Abschrift davon genommen. Soll ich ihn Ihnen vorlesen?«

»Wenn ich bitten darf.«

»Also:

Dotheboys Hall, Donnerstag Morgens.

Sir!

Mein Baba trägt mir auf, Ihnen zu schreiben. Die Ertzte halten es für zweiwelhaft, ob er je wieder zum Gebrauch seiner Beine kommen wird, was ihm verhintert, die Feder zu haalden.

Mir sin in einem Seelenzustande, wo außer aller Beschreibung ist, und mein Baba ist am ganzen Leibe nur eine Beile, bald blau, bald grün. Auch sind zwei Benke mit seinem Blude bepflegt. Wir sahen uns genetigt, ihn in die Kiche hinunterzubringen, wo er jetzt ligt, Sie werden hieraus selber urteilen, daß er sehr heruntergekommen ist.

Nachdem Ihr Nöffe, den Sie als Leerer regomandierten, meinem Baba dieß angetan und mit blosen Füsen auf seinem Leibe herumgetrampelt hat und auch geschimpft hat, mit was ich meine Feder nicht beschmutzen mag, grif er mama auf eine firchterliche Weise an, schleuterte sie zu Boden und schlug ihr den Kamm mehehere Zoll tief in den Kopff. Ein klein wenig weider und es wäre in den Schedel gegangen, mir haben ein medizinisches Zerdifikat, das, wenn dieß geschehen wäre, der Schildkrot das Gehirn verletzt haben würde. Dann wurden ich und mein Bruder die Opfer seiner Wut, und mir ham seitdem sehr viele schmerzen ausgestanden, was uns zu der peinlichen Vermutung leitet, daß wir irgendwo innerlich schaden genommen haben, besonders da euserlich keine Spuren der Gewaldsamkeit sichtbar sind. Ich muß die ganze Zeit iewer, das ich schreibe, immer laud aufschreien, und auch mein Bruder, was meine Aufmergsamkeit zerstreut, und ich hoffe, meine schlechte Schrift entschuldigen wirt. Als das Ungeheuer seinen Blutdurst gesettigt hatte, ging er durch und nahm einen Menschen von ganz geferlichen Krakter, denn er zu einem Röböllen verkleidet hatte, wie auch einen der Mama gehörnten Granatring mit und da ihn die Konstabler nicht einfangen konnten, so glauben wir, daß er auf einem Wagen fortgefahren ist. Baba bittet, man möchte den Ring zurückschicken, wenn er zu Ihnen kommt, aber daß sie den Dieb und Maichelmörder laufen lassen, da er, wenn man ihn vor Gericht stellt, nur deportiert würde und er, wenn man ihn laufen läßt, über kurz oder lang sowieso gehengt wird, was uns die Mihe erspart und zu viel greserer Freude gereichen muß. In der Hoffnun, etwas zu heren, wenn es ihnen ansteht, verbleibe ich

Ihre etzetera

Fanny Squeers

P.S. Ich bemitleite seine Unwissenheit un verachte ihm.«

Stumm und niedergeschlagen und mit dem Ausdruck tiefsten Kummers hatte Nikolas diese Epistel zu Ende angehört. Eine Weile saß er sinnend da, dann sprang er plötzlich auf und griff nach seinem Hut.

»Wohin wollen Sie denn jetzt noch so spät?« rief Newman.

»Nach Golden Square. Niemand, der mich kennt, wird diese Geschichte von dem Ring glauben, aber sie kann vielleicht den Zwecken meines Onkels entsprechen. Ich bin es mir selbst schuldig, daß die Wahrheit ans Licht kommt, und außerdem habe ich noch ein paar Worte mit ihm zu sprechen, die keinen Aufschub dulden.«

»Aber Sie müssen es aufschieben!« riet Newman.

»In keinem Falle«, erwiderte Nikolas mit Festigkeit und schickte sich an zu gehen.

»So hören Sie mich doch nur an«, bat Newman und vertrat ihm den Weg. »Er ist doch gar nicht zu Hause. Er ist über Land und wird vor drei Tagen nicht zurückkommen. Auch weiß ich gewiß, daß das Schreiben erst beantwortet wird, wenn er wieder hier ist.«

»Sind Sie dessen auch ganz gewiß?« fragte Nikolas, glühend vor Entrüstung in dem engen Raum mit raschen Schritten auf und ab gehend.

»Ganz gewiß. Er hatte den Wisch kaum gelesen, als er abberufen wurde. Sein Inhalt ist niemand als ihm und uns bekannt.«

»Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Nikolas hastig. »Nicht einmal meiner Mutter oder meiner Schwester? Wenn ich denken müßte, daß – nein, ich will hingehen, ich muß sie sehen. Welchen Weg habe ich einzuschlagen? Wo wohnen sie?«

»Aber so nehmen Sie doch Vernunft an«, rief Newman, der in diesem ernsten Augenblick wie ein ganz anderer Mensch sprach. »Verschieben Sie Ihren Besuch, bis er nach Hause kommt. Ich kenne den Mann. Es darf nicht den Anschein haben, als ob Sie ihn für sich zu gewinnen versucht hätten. Wenn er wieder zurück ist, so treten Sie vor ihn hin und reden mit ihm so unverblümt, wie es Ihnen beliebt. Verlassen Sie sich übrigens darauf, er durchschaut die Wahrheit so gut wie Sie oder ich.«

»Sie meinen es gut mit mir und müssen es natürlich besser wissen als ich«, gab Nikolas nach einer Pause des Nachsinnens zu. »Nun, meinetwegen.«

Newman, der sich mit dem Rücken gegen die Türe gestellt hatte, um nötigenfalls seinen Gast mit Gewalt zurückzuhalten, nahm sehr zufrieden seinen Platz wieder ein und mischte, da das Wasser im Kessel inzwischen heiß geworden, ein Glas Grog für Nikolas und dann noch einen Krug voll, von dem er sowohl wie der arme durchfrorene Smike in großer Eintracht Gebrauch machten, während Nikolas, den Kopf auf die Hand gestützt, in trübem Sinnen vor sich hinstarrte.

Die Gesellschaft in der Beletage hatte sich inzwischen wieder in das Zimmer der Kenwigs' zurückgezogen und gab sich einer Menge von Vermutungen hinsichtlich der Ursache von Mr. Noggs' plötzlichem Verschwinden hin.

»Lieber Himmel, wenn etwa gar ein Expreßbote mit der Kunde angekommen wäre, daß er sein früheres Vermögen wieder zurückgewonnen habe?« meinte Mrs. Kenwigs.

»Bei Gott, unmöglich wäre es schließlich nicht«, sagte Mr. Kenwigs. »Wir täten für diesen Fall vielleicht gut, wenn wir hinaufschickten und fragen ließen, ob ihm nicht noch etwas Punsch gefällig ist.«

»Kenwigs!« fiel Mr. Lillyvick mit lauter Stimme ein. »Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Wieso, Sir?« fragte Mr. Kenwigs mit der gebührenden Ergebenheit gegen den Einnehmer der Wassersteuer.

»Weil Sie eine solche Bemerkung machen. Ich dächte, der Herr hätte bereits Punsch genug gehabt; oder vielleicht nicht, Sir? Ich sehe überhaupt in der Art, mit der er mir den Punsch, um mich eines geeigneten Ausdruckes zu bedienen, geraubt hat, etwas höchst Unehrerbietiges gegenüber der Gesellschaft, ja sogar Skandalöses – etwas ausgesprochen Skandalöses. Es mag vielleicht Sitte in diesem Hause sein, sich derartige Dinge gefallen zu lassen, aber ich bin nicht gewöhnt –«

»Ich muß abermals um Entschuldigung bitten, daß ich störe«, unterbrach Mr. Crowl die Rede des Herrn Wassersteuereinnehmers und guckte wieder zur Türe herein, »aber das ist wirklich eine seltsame Geschichte. Was? Noggs wohnt jetzt schon fünf Jahre in diesem Hause, und die ältesten Mietsleute können sich nicht erinnern, je einen Besuch bei ihm gesehen zu haben.«

»Gewiß etwas höchst Seltsames, wenn man so in der Nacht abberufen wird«, tobte der Wassersteuereinnehmer, »und das Benehmen Mr. Noggs' ist, im mildesten Lichte betrachtet, zumindest sehr geheimnisvoll.«

»Da haben Sie sehr recht«, versetzte Crowl; »und ich will Ihnen noch mehr sagen; ich glaube, diese zwei Kraftgenies, wer sie auch sein mögen, sind irgendwo entlaufen.«

»Was bringt Sie auf diese Vermutung?« fragte der Wassersteuereinnehmer. »Ich hoffe, Sie haben keinen Grund zu der Annahme, daß sie irgendwo entlaufen sind, ohne ihre Steuern und Taxen bezahlt zu haben?«

Mr. Crowl rümpfte die Nase und war eben im Begriffe, gegen die Bezahlung von Steuern und Taxen im allgemeinen zu protestieren, als die Aufmerksamkeit der Anwesenden aufs neue und diesmal durch einen höchst aufregenden Vorfall in Anspruch genommen wurden.

Es ertönte nämlich plötzlich, allem Anschein nach aus dem Dachhinterstübchen herab, in der der junge Master Kenwigs in seiner Wiege schlummerte, ein furchtbares Jammergeschrei. Mrs. Kenwigs verfiel sogleich auf die Vermutung, eine fremde Katze habe sich eingeschlichen und dem Kleinen im Schlafe das Blut ausgesaugt, und stürzte händeringend nach der Türe.

»Kenwigs, sehen Sie lieber nach! Eilen Sie, eilen Sie!« rief die Schwester der Festgeberin dem Elfenbeindrechsler zu und hielt Mrs. Kenwigs mit Gewalt zurück.

»Mein Kind, mein Ki-ind«, kreischte die verzweifelte Mutter.

»Mein Einziges und Alles, mein liebes, unschuldiges Ki-ind! Laßt mich zu ihm, laßt mich ge-he-he-hen!«

Mit Windeseile war inzwischen der Drechsler die Stiegen hinaufgeeilt. An der Türe des Zimmers, aus dem die Töne, die zu dieser Verwirrung Anlaß gegeben, kamen, rannte er an Nikolas, der, das Kind auf den Armen, herausstürzte, mit solcher Wucht an, daß er sechs Stufen hinuntersauste und gegen das nächste Geländer anflog, ehe er noch Zeit gehabt hatte, den Mund zu der Frage zu öffnen, was es denn eigentlich gebe.

»Seien Sie außer Sorge«, rief Nikolas hinuntereilend. »Es ist schon alles vorbei. Es ist alles gut abgelaufen. Ich bitte, fassen Sie sich. Es ist weiter kein Unglück geschehen.«

Mit diesen und ähnlichen Versicherungen übergab er das Kind, das er in der Eile den Kopf nach abwärts heruntergeschleppt hatte, Mrs. Kenwigs und stürmte wieder hinaus, um dem Elfenbeindrechsler beizustehen, der, von seinem Falle noch nicht völlig zu sich gekommen, sich mit verwirrten Blicken den Kopf rieb.

Durch diese frohe Kunde beruhigt, erholten sich die Gäste nach und nach wieder von ihrem Schrecken, der auf einige von ihnen geradezu lähmend gewirkt hatte; der würdige Mr. Lillyvick war der einzige gewesen, der seinen Gleichmut beibehalten, wenigstens hatte er hinter der Zimmertüre Miss Petowker so ruhig geküßt, als ob ganz und gar nichts Ungewöhnliches geschehen wäre.

»Die Sache ist ganz und gar nicht von Bedeutung«, berichtete Nikolas, als er zu Mrs. Kenwigs zurückkehrte. »Das kleine Mädchen, das auf das Kind achtgeben sollte, ist, vermutlich aus Ermüdung, eingeschlafen und hat mit dem Haar Feuer gefangen. Ich habe sie schreien hören und kam noch rechtzeitig, um zu verhindern, daß die Flamme weiter um sich griff. Sie können sich darauf verlassen, das Kind ist unversehrt. Ich nahm es selbst aus dem Bett.«

Sofort fiel alles über den Kleinen, der, nach dem Steuereinnehmer getauft, sich des Namens Lillyvick Kenwigs erfreute, her, erstickte ihn fast mit Liebkosungen, bis er glücklich wieder zu schreien anfing, und wendete sich dann mit den bittersten Vorwürfen an das kleine dreizehnjährige Mädchen, das die Kühnheit gehabt hatte, Feuer zu fangen. Mr. Kenwigs entließ es zwar nach verschiedenen kleinen Püffen in Gnaden, die neun Pence, die ihr als Lohn verheißen worden, wurden ihr aber begreiflicherweise gestrichen.

»Wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken sollen, Sir!« wollte sich Mrs. Kenwigs an den Retter ihres Kindes wenden, aber Mr. Nickleby war bereits verschwunden.

»Schade«, meinte Miss Petowker, »er hat ein so hübsches Gesicht und so feine Manieren und überhaupt etwas in seinem Äußern – etwas ganz, ach du mein Himmel, wie heißt nur das Wort?«

»Was für ein Wort?« fragte Mr. Lillyvick.

»Ach Gott, mein Gedächtnis«, entgegnete Miss Petowker zögernd. »Wie nennt man es doch, wenn junge Herren Türklopfer abbrechen, anderer Leute Geld verspielen und was dergleichen mehr ist?«

»Aristokratisch?« riet der Steuereinnehmer.

»Ja, richtig, aristokratisch! – Er hat etwas ungemein Aristokratisches an sich. Nicht?«

16. Kapitel

Nikolas sucht eine Anstellung und nimmt, als ihm dies fehlschlägt, eine Stelle als Hauslehrer an

Am nächsten Tage war es Nikolas' erste Sorge, sich nach einem Zimmer umzusehen, wo er bis auf bessere Zeiten wohnen konnte, ohne Newman Noggs zur Last zu fallen, der natürlich mit Freuden auf der Stiege geschlafen haben würde, wenn es nur sein junger Freund dadurch etwas bequemer gehabt hätte.

Das leerstehende Zimmer, auf das sich die Anzeige an der Haustür bezog, erwies sich bei näherer Nachforschung als ein kleines Hinterstübchen im dritten Stock, von wo aus man eine entzückende Aussicht auf rußgeschwärzte Dachziegel und Schornsteine hatte.

Der Erlös aus einigen entbehrlichen Kleidungsstücken setzte Nikolas in Stand, diese Kammer zu erstehen und auch die Miete für einige notwendige Möbel, die er sich bei einem benachbarten Trödler verschaffte, auf eine Woche vorauszubezahlen. So hatten er und Smike vorläufig wenigstens das Allernotwendigste.

Als er einige Stunden später, in Grübeln versunken, durch die Hauptstraßen Londons schlenderte, fielen seine Blicke plötzlich auf eine blaue Tafel, auf der mit goldenen Buchstaben zu lesen stand:

»General-Agentur. Plätze und Stellen aller Art sind im Hause zu erfragen.«

Im Ladenfenster hing außerdem eine lange verlockende Reihe von Ankündigungen, die offene Stellen vom Sekretär bis zum Laufburschen hinunter verhieß.

Nikolas ging eine Weile unschlüssig vor der Türe des Bureaus auf und ab, faßte sich aber dann endlich ein Herz und trat ein.

Das erste, was sich seinen Blicken darbot, war ein hagerer junger Mann mit listigen Augen und einem hervorstehenden Kinn, der hinter einem hohen Pult saß und in Frakturschrift Eintragungen in ein großes Hauptbuch machte. Er warf dabei von Zeit zu Zeit fragende Blicke auf eine sehr beleibte Dame in einer Morgenhaube, augenscheinlich die Eigentümerin des Geschäftes, die sich am Feuer wärmte, und wartete offenbar auf ein Diktat.

Nikolas hatte draußen eine Tafel gelesen, die dem Publikum anzeigte, daß hier von zehn bis vier Uhr Dienstboten aller Art aufgenommen würden, und konnte sich daher die Anwesenheit von einem halben Dutzend junger kräftiger Frauenspersonen, die mit Überschuhen und Sonnenschirmen auf einer Eckbank saßen, leicht erklären. Nicht ganz so sicher war er hinsichtlich des Berufes und der Stellung zweier aufgeputzter junger Frauenzimmer, die sich mit der dicken Dame am Kamin unterhielten.

»Köchin – Tom«, diktierte die dicke Dame, nachdem sie sich mit dem einen der Mädchen genügend ausgesprochen, dem Schreiber.

»Köchin«, wiederholte Tom und schlug einige Blätter seines Hauptbuches um.

»Lesen Sie eine oder zwei leichte Stellen vor«, befahl die dicke Frau.

»Sin S' so gut, a paar recht leichte, junger Herr«, fügte die sehr modern gekleidete Dame bei, die bunt karierte Tuchstiefel trug und offenbar die Köchin zu sein schien.

»Mrs. Marker«, las Tom, »Russell Place, Russell Square. Bietet achtzehn Guineen, Tee und Zucker. Familie von zwei Personen, die äußerst wenig Gesellschaften gibt. Hält fünf Dienstboten, aber keinen männlichen. Duldet auch keine Liebhaber.«

»O je, dös is nix«, meinte die Klientin. »Lesen S' a andere vor, junger Herr.«

»Mrs. Wrymug. Angenehmer Posten in Finsbury. Lohn zwölf Guineeen, kein Tee, kein Zucker, fromme Familie –«

»Ach, lassen S' dös nur«, fiel die Klientin ein.

»Drei fromme Bediente –«

»Drei haben S' g'sagt?« rief die Dame, plötzlich sehr gespannt.

»Drei fromme Bediente«, wiederholte Tom, »Köchin, Haus- und Stubenmädchen. Jeder weibliche Dienstbote muß sonntags dreimal in die Kirche gehen, und zwar mit einem der frommen Bedienten. Wenn die Köchin frömmer ist als der Bediente, wird von ihr erwartet, daß sie einen günstigen Einfluß auf ihn ausübt, umgekehrt wird dasselbe von dem Bedienten erwartet.«

»Ich bitt um die Adress'«, unterbrach die Klientin. »I weiß net, aber i glaub, der Posten passet mir soweit.«

»Hier ist noch eine«, bemerkte Tom, einige Seiten umblätternd. »Familie des Mr. Gallanbile. Parlamentsmitglied. Fünfzehn Guineen. Tee und Zucker. Die weiblichen Dienstboten dürfen männliche Verwandte empfangen, wenn diese gottesfürchtige Personen sind. – NB. Am Sabbat kaltes Mittagessen in der Küche, da Mr. Gallanbile auf strenge Observanz des Sabbats hält. Am ›Tage des Herrn‹ wird überhaupt nichts gekocht als das Mittagessen für Mr. und Mrs. Gallanbile, was natürlich als ein Werk der Notwendigkeit eine Ausnahme bildet. Mr. Gallanbile speist am ›Tage der Ruhe‹ spät zu Mittag, um der Köchin die Sünde des Ankleidens zu ersparen.«

»I glaub nöt, daß der Posten der richtige wär«, meinte die Köchin nach einer kurzen geflüsterten Beratung mit ihrer Freundin. »Bitt schön, geben S' mir die Adress' von der Wrymug. I kann ja wieder kommen, wann's nöt zammgeht.«

Tom schrieb die Adresse heraus, und die modisch gekleidete Klientin entfernte sich mit ihrer Freundin.

Nikolas wollte eben den jungen Mann ersuchen, die verfügbaren Sekretärstellen nachzusehen, als eine junge Dame eintrat, deren Äußeres ihn ebensosehr überraschte wie ansprach, weshalb er auch zu ihren Gunsten sogleich zurücktrat.

Die Dame, die kaum achtzehn Jahre zählen mochte und von außerordentlicher Schönheit war, trat schüchtern an den Schreibtisch und fragte mit leiser Stimme nach einer Stelle als Erzieherin oder Gesellschafterin.

Auf ihrem ungemein sympathischen, fein geschnittenen Gesicht lag eine Trauer, die bei einem so jungen Wesen doppelt auffallen mußte.

Sie war nett, aber ungemein bescheiden gekleidet. Fast ärmlich. Ihre Begleiterin, denn sie hatte eine solche, war ein schmutziges Frauenzimmer mit rotem Gesicht und runden Augen und schien nach den abgearbeiteten bloßen Armen, die unter dem schlampig umgeworfenen Umhängetuch hervorguckten, nach den Spuren von Schmutz und Ruß im Gesicht und gewissen Blicken und Freimaurerzeichen, die sie mit den Dienstmädchen auf der Bank wechselte, dieser Klasse anzugehören.

Nachdem die junge Dame einige Adressen erhalten, glitt sie rasch hinaus und ihre Begleiterin folgte ihr. – Noch ehe sich Nikolas von dem ersten tiefen Eindruck, den ihre Schönheit auf ihn gemacht, erholen konnte, war sie bereits verschwunden.

»Wann kommt sie wieder, Tom?« fragte die dicke Dame.

»Morgen früh«, antwortete der Schreiber, seine Feder spitzend.

»Und wo haben Sie sie hingeschickt?«

»Zu Mrs. Clarke.«

»Sie wird's dort gut haben, wenn sie die Stelle kriegt«, brummte die dicke Dame und nahm eine Prise aus einer zinnernen Schnupftabakdose.

»Nun, Sir, und was wünschen Sie?« wendete sie sich dann an Mr. Nickleby.

Nikolas erklärte mit kurzen Worten, daß er wissen möchte, ob nicht irgendeine Stelle als Sekretär oder Amanuensis bei einem Herrn frei sei.

»Oh, ein ganzes Dutzend«, versetzte die Agentin.

Als man das Buch zu Rate zog, stellte sich zwar heraus, daß nur eine einzige frei sei, aber diese, hieß es, sei vorzüglich. – Ein gewisser Mr. Gregsbury, Parlamentsmitglied, suchte einen jungen Mann, der seine Papiere und die Korrespondenz in Ordnung halten solle.

»Die Bedingungen sind uns nicht weiter bekannt, da der Auftraggeber sich mit der Partei selbst zu einigen gedenkt«, bemerkte die dicke Dame, »aber sie können nur sehr vorteilhaft sein, da der Herr Parlamentsmitglied ist.«

So unerfahren auch Nikolas war, so schien ihm doch dieser Schluß nicht besonders logisch. Ohne sich aber auf weitere Erklärungen einzulassen, ließ er sich die Adresse aufschreiben und machte sich unverzüglich auf den Weg nach Manchester Buildings zu Mr. Gregsbury, dem großen Parlamentsmitglied. Eine längere Wanderung brachte ihn ans Ziel.

»Wohnt hier Mr. Gregsbury?« fragte er den Diener, einen blassen, schäbigen, jungen Menschen, der ihm öffnete und aussah, als ob er von Kindheit an in einem Keller geschlafen hätte.

Der Diener nickte nur stumm, schloß die Haustüre hinter ihm und machte sich dann ohne weitere Erklärung davon.

Das war seltsam genug, aber noch mehr verwirrte Nikolas der Umstand, daß sich auf dem engen Hausflur und den schmalen Stiegen eine Masse von Menschen drängte, die augenscheinlich auf ein bevorstehendes Ereignis warteten. – Hie und da stand eine kleine Gruppe beisammen und unterhielt sich im Flüsterton, augenscheinlich fest entschlossen, sich unter keinen Umständen abweisen zu lassen.

Einige Minuten vergingen, ohne daß etwas vorfiel, und Nikolas, der sich nicht sonderlich behaglich fühlte, wollte eben bei irgendeinem der Anwesenden Erkundigungen einziehen, als sich plötzlich eine lebhafte Bewegung auf den Treppen bemerkbar machte und eine Stimme rief:

»Meine Herren, haben Sie die Güte heraufzukommen.«

Sofort drängte sich die Menge hinauf oder, besser gesagt, die Treppen hinunter in das große Audienzzimmer Mr. Gregsburys, den kleinen Raum bis auf die Korridore ausfüllend.

Nikolas, der wider Willen mit hineingedrängt worden, begriff jetzt, daß es sich um eine Deputation handelte, die ihrem Abgeordneten irgend etwas unterbreiten wollte.

Ein gewisser Mr. Pugstyles, ein vierschrötiger Herr, war der Hauptsprecher und machte Mr. Gregsbury, der sich dabei wand und drehte, offenbar wegen nicht genügender Pflichterfüllung die unzweideutigsten Vorwürfe.

Es war ein endloses Hinundhergerede über die nichtigsten Dinge, aber endlich gab sich die Deputation mit dem Versprechen ihres Abgeordneten, irgendeinen albernen Artikel in die Zeitungen zu lancieren, zufrieden und zog ab.

Als der letzte Mann draußen war, rieb sich Mr. Gregsbury die Hände und kicherte, wie Schlaufüchse das zu tun pflegen, wenn sie glauben, einen ungewöhnlich feinen Trick ausgeführt zu haben. Er war überhaupt so sehr von sich und seinen diplomatischen Plänen eingenommen, daß er Nikolas, der beim Fenster zurückgeblieben war, nicht eher gewahrte, als dieser, besorgt, irgendein Selbstgespräch, das nicht für fremde Ohren bestimmt war, mit anhören zu müssen, zwei- oder dreimal laut hustete.

»Was ist das?« fuhr Mr. Gregsbury auf.

Nikolas trat hervor und verbeugte sich.

»Was haben Sie hier zu schaffen, Sir?« fragte Mr. Gregsbury. »Ein Spion in meinem Privatzimmer! Ein versteckter Wähler! Sie haben doch meine Antwort vernommen, Sir? Ich muß wirklich bitten, Sir, daß Sie der Deputation folgen.«

»Wenn ich zu ihr gehörte, würde es bereits geschehen sein«, entgegnete Nikolas; »das ist jedoch nicht der Fall.«

»Aber was wollen Sie dann hier, Sir? Und wo zum Teufel kommen Sie her, Sir?«

»Ich erhielt diese Karte von der General-Agentur, Sir«, erklärte Nikolas, »und ich möchte mich Ihnen als Sekretär anbieten, da sie dem Vernehmen nach eines solchen bedürfen.«

»Das wäre alles, weshalb Sie hergekommen sind?« fragte Mr. Gregsbury mißtrauisch.

Nikolas bejahte.

»Sie stehen in keiner Verbindung mit einem dieser schuftigen Zeitungsblätter? Sie haben sich nicht in das Zimmer geschlichen, um zu horchen, was vorgeht, und es nachher drucken zu lassen, he?«

»Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß ich vorderhand mit gar nichts in Verbindung stehe«, entgegnete Nikolas höflich, aber unbefangen.

»So. Aber wie fanden Sie den Weg hier herauf!«

Nikolas erzählte, wie er durch die Deputation heraufgedrängt worden.

»So ging es also zu?« meinte Mr. Gregsbury. »Nun, dann nehmen Sie Platz.«

Nikolas nahm einen Stuhl, und Mr. Gregsbury betrachtete ihn eine Weile mit durchbohrenden Blicken, als ob er sich erst genau überzeugen wolle, daß in dem Äußern seines Besuches nichts Verdächtiges liege, ehe er weitere Fragen stellte.

»Sie möchten also mein Sekretär werden?« begann er endlich.

»Ja.«

»Schön. Und was glauben Sie, haben Sie zu leisten?«

»Ich denke«, entgegnete Nikolas lächelnd, »daß ich das, was gewöhnlich Sekretären zukommt, zu erledigen haben werde.«

»Und das ist?«

»Wie?« fragte Nikolas.

»Worin besteht das?« forschte das Parlamentsmitglied und sah den Bittsteller, das Haupt auf die Seite geneigt, mit schlauen Blicken an.

»Die Obliegenheiten eines Sekretärs sind vielleicht etwas schwer abzugrenzen«, sagte Nikolas nach einigem Besinnen. »Sie umfassen, wie ich mir denke, die Korrespondenz.«

»Gut. Und weiter?«

»Das Ordnen von Papieren und Dokumenten.«

»Sehr gut. – Und?«

»Hin und wieder vielleicht etwas niederschreiben, was Sie diktieren. Eine Rede für irgendein öffentliches Blatt –«

»Gewiß. Was sonst noch?«

»Ich bin wirklich«, sagte Nikolas nach längerem Nachdenken, »ich bin wirklich im Augenblick nicht imstande, noch eine weitere Aufgabe eines Sekretärs namhaft zu machen. Es müßte denn die allgemeine sein, sich seinem Prinzipale soviel wie möglich nützlich zu erweisen, ohne dabei der eigenen Ehre etwas zu vergeben oder die Grenzen der Verpflichtungen zu überschreiten, die nach allgemeinen Begriffen schon durch den Titel seines Amtes angedeutet sind.«

Mr. Gregsbury faßte Nikolas eine Weile fest ins Auge, ließ dann den Blick schlau durch das Zimmer gleiten und sagte mit halblauter Stimme:

»Das ist alles recht schön, Sir. Wie ist Ihr Name?«

»Nickleby.«

»Alles recht schön, Mr. Nickleby, und vollkommen in der Ordnung. – Soweit – hm – aber es geht nicht weit genug. Es gibt auch noch andere Verpflichtungen, Mr. Nickleby die der Sekretär eines Parlamentsmitgliedes nicht außer Augen lassen darf! Ich müßte die Forderung an ihn stellen, von ihm in allem und jedem informiert zu werden.«

Nikolas machte ein erstauntes Gesicht.

»Mein Sekretär müßte sich vollständig mit der auswärtigen Politik, soweit sie in den Zeitungen behandelt wird, vertraut machen, müßte alle Berichte über öffentliche Versammlungen, sowie auch die Hauptsachen, die dabei zur Sprache kommen, durchlesen und sich alles notieren, was ihm geeignet scheint, als Effekt in irgendeiner kleinen Rede oder bei Behandlung einer oder der anderen Frage des Tages angebracht zu werden. Verstehen Sie mich?«

»Ich denke, Sir.«

»Ferner«, fuhr Mr. Gregsbury fort, »würde es für ihn notwendig sein, hinsichtlich der Tagesfragen, die in den Zeitungen besprochen werden, stets auf dem laufenden zu bleiben, und auch das ›Mosaik‹, wie zum Beispiel geheimnisvolles Verschwinden und mutmaßlicher Selbstmord eines Bierausträgers und dergleichen, woran sich eine Frage an den Staatssekretär des Ministeriums des Innern knüpfen ließe, nicht zu übersehen. Er hätte dann die Anfrage und das, was mir eventuell von der Antwort noch im Gedächtnis wäre, nebst Beifügung eines kleinen Kompliments über meine selbständige Betätigung und Emsigkeit aufzuschreiben und an irgendein Lokalblatt zu senden, könnte es allenfalls auch mit einem halben Dutzend Zeilen befürworten und darin andeuten, daß ich im Parlament stets auf meinem Platze wäre, mich nie der schweren und wichtigen Pflichten entzöge und so fort. Begreifen Sie?«

Nikolas verbeugte sich.

»Außerdem würde ich von ihm erwarten, daß er hin und wieder einen Blick in die gedruckten statistischen Tabellen würfe und einige Resultate herauszöge, die mir zum Beispiel bei der Holzzollfrage und ähnlichen finanziellen Verhandlungen einen Namen machen können. Auch wäre es mir angenehm, wenn er kleine Belege für die unheilvollen Wirkungen einer eventuellen Wiedereinführung der Zahlungen in gemünztem Gelde und des Metallumlaufes, nebst gelegentlichen Andeutungen über die Ausfuhr von Gold- und Silberbarren, den Kaiser von Rußland, Banknoten und derartige Dinge sammelte. Man brauchte es jedoch nicht besonders gründlich damit zu nehmen, da es doch niemand versteht. Ist Ihnen das klar?«

»Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte Nikolas.

»Bei Fragen von nichtpolitischem Charakter«, fuhr Mr. Gregsbury, immer wärmer werdend, fort, »und in Fällen, wo es die Wohlfahrt des Pöbels und dergleichen betrifft, hätten Sie einige allgemeine menschenfreundliche Reden auszuarbeiten. Andererseits, wenn zum Beispiel irgendeine widersinnige Bill eingebracht würde, wie etwa das Recht der Schriftsteller an ihrem geistigen Eigentum und ähnliches dummes Zeug, zu dem ich nie meine Zustimmung geben würde, so weisen Sie auf das Recht des Publikums auf das geistige Nationaleigentum hin. Dann und wann bei wichtigen Debatten hätten Sie sich in die vorderen Reihen der Galerie zu setzen und zu Ihren Nachbarn zu sagen: ›Sehen Sie jenen Herrn dort? Den mit der Hand an der Stirne, der den Arm um den Pfeiler geschlungen hat? Das ist Mr. Gregsbury! Der berühmte Mr. Gregsbury.‹ Nebst anderen kleinen Lobsprüchen, wie Sie Ihnen eben der Augenblick eingibt. – Was schließlich das Gehalt anbelangt«, warf Mr. Gregsbury hin, »was schließlich das Gehalt anbelangt, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine runde Summe zu bewilligen. Sagen wir fünfzehn Schillinge wöchentlich, wobei Sie sich natürlich selbst zu verköstigen hätten.«

Dabei lehnte sich Mr. Gregsbury in seinem Stuhle zurück und gab sich das Air eines Mannes, der zwar verschwenderisch freigebig gewesen, aber dessenungeachtet fest entschlossen ist, kein Wort von seinem Angebot zurückzunehmen.

»Fünfzehn Schillinge wöchentlich sind nicht viel«, wendete Nikolas schüchtern ein.

»Nicht viel? Fünfzehn Schillinge wöchentlich nicht viel, junger Mann?« rief Mr. Gregsbury. »Fünfzehn Schillinge wöch –«

»Ich bitte, glauben Sie nicht, daß ich die Summe bemängle«, entschuldigte sich Nikolas. »Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß sie, so gering sie auch sein mag, für mich immer noch bedeutend ist. Aber die Pflichten und Verantwortlichkeiten lassen das Gehalt klein erscheinen, und diese sind in der Tat so schwer, daß ich mich scheue, sie zu übernehmen.«

»Sie wollen also die Stelle nicht annehmen, Sir?« fragte Mr. Gregsbury mit der Hand an der Klingelschnur.

»Ich fürchte, ich bin ihr nicht gewachsen.«

»Das will also soviel sagen, daß Sie den Posten nicht übernehmen und fünfzehn Schillinge wöchentlich für zu wenig halten?« fragte Mr. Gregsbury und klingelte. »Sie lehnen also wirklich ab, Sir?«

»Ich habe keine andere Wahl.«

»Die Türe, Mathäus!« rief Mr. Gregsbury, als der Bediente erschien.

»Es tut mir leid, Sie unnötig inkommodiert zu haben, Sir«, entschuldigte sich Nikolas.

»Mir gleichfalls«, entgegnete Mr. Gregsbury, Nikolas den Rücken kehrend. »Die Türe, Mathäus!«

»Guten Morgen«, sagte Nikolas.

»Die Türe, Mathäus!« wiederholte Mr. Gregsbury.

Der Bediente winkte Mr. Nickleby, taumelte träge die Stiegen hinunter voraus, öffnete die Türe und führte ihn auf die Straße.

Mit trauriger und nachdenklicher Miene trat Nikolas seinen Heimweg an.

Smike hatte inzwischen aus den Überresten des gestrigen Abendessens eine Mahlzeit zusammengestellt und harrte ängstlich seiner Rückkehr. Die Ereignisse des Morgens waren nicht geeignet, Nikolas' Appetit zu vermehren, und so blieb denn das Mittagsmahl von seiner Seite unangetastet. Er saß in nachdenklicher Stellung da und hatte die Schüssel, die der arme Junge sorgsam mit den auserlesensten Bissen gefüllt hatte, unberührt vor sich stehen, als Newman Noggs ins Zimmer trat.

»Wieder zurück, Mr. Nickleby?«

»Ja, aber todmüde. Und, was das schlimmste ist, ohne Erfolg; ich hätte ebensogut zu Hause bleiben können.«

»Sie dürfen nicht erwarten, an einem einzigen Morgen viel auszurichten«, tröstete Newman.

»Kann sein; aber ich bin etwas sanguinisch und hoffte eben«, sagte Nikolas. »Ich bin wirklich aufs ärgste enttäuscht.« Er erzählte sodann Newman, wie es ihm ergangen.

»Wenn ich nur irgend etwas tun könnte«, klagte er. »Irgend etwas, bis mein Onkel zurückkehrt. Ich würde ihm leichteren Herzens und in glücklicherer Stimmung gegenübertreten können. Der Himmel weiß, daß ich mich nicht scheue zu arbeiten, und es bringt mich rein zum Wahnsinn, daß ich untätig hier angebunden sein soll wie ein wildes Tier im Käfig.«

»Hm. Etwas ganz Geringfügiges wäre schließlich zur Hand«, meinte Newman Noggs verlegen; »es würde wenigstens die Miete tragen und noch etwas darüber, aber es ist nichts für Sie. – Nein, nein, Sie dürfen nicht drauf eingehen.«

»Auf was soll ich nicht eingehen?« fragte Nikolas und blickte auf. »Zeigen Sie mir in dieser weiten Wüstenei von London nur ein Mittel, durch das ich mir die wöchentliche Miete dieses armseligen Zimmers verdienen könnte. Nur ehrlich muß es sein.«

»Ich getraue mich kaum, Ihnen mitzuteilen, was es ist«, stotterte Newman.

»Rücken Sie um Gottes willen schon damit heraus, lieber Freund!« drängte Nikolas. »Bedenken Sie doch meine jämmerliche Lage und lassen Sie mich wenigstens Ihre Meinung wissen. Ich will Ihnen ja gerne versprechen, keinen Schritt zu tun, ohne mich mit Ihnen beraten zu haben.«

Newman stotterte noch eine Menge der unverständlichsten und verwirrtesten Sätze hervor, dann aber kam heraus, daß Mrs. Kenwigs ihn lang und breit über den Ursprung seiner Bekanntschaft mit Nikolas und über dessen Leben, Schicksale und Familie ausgefragt hätte. Er sei zwar diesen Fragen so lange wie möglich ausgewichen, habe aber endlich doch damit herausrücken müssen, Nikolas sei ein ganz vorzüglicher Lehrer, heiße Johnson und sei gegenwärtig leider in mißlichen Verhältnissen, deren Natur er wohl nicht weiter auseinanderzusetzen brauche. Mrs. Kenwigs hätte hierauf aus Dankbarkeit, Ehrgeiz oder mütterlichem Stolz, oder aus allen dreien mit ihrem Gatten geheime Rücksprache gepflogen und wäre endlich mit der Frage zurückgekehrt, ob nicht Mr. Johnson die vier kleinen Kenwigs in der französischen Sprache, genau wie sie von den eingeborenen Franzosen gesprochen würde, gegen ein wöchentliches Honorar von fünf Schillingen unterrichten möchte.

»So, jetzt hätte ich Ihnen die Sache vorgetragen«, schloß Newman. »Der Antrag ist zwar, wie ich wohl weiß, unter Ihrer Würde, aber ich dachte, er könnte vielleicht –«

»Vielleicht?« rief Nikolas mit großer Lebhaftigkeit. »Nein, nein, er kommt mir außerordentlich gelegen. Sie können, mein lieber Freund, der würdigen Dame ohne Verzug erklären, daß ich bereit bin anzufangen, sobald es ihr paßt.«

Newman eilte vergnügt hinunter und kehrte bald darauf mit der Nachricht zurück, sie werde sich glücklich schätzen, Mr. Johnson, sobald es ihm angenehm sei, in der Beletage zu empfangen. Sie habe bereits um eine alte französische Grammatik und französische Konversationshefte geschickt, wie sie auf den Bücherkarren das Stück zu sechs Pence ausgerufen würden, und die erste Unterrichtsstunde könne sodann unverzüglich begonnen werden.

»Wie befinden Sie sich, Mr. Johnson?« fragte Mrs. Kenwigs, als gleich darauf Nikolas seine Aufwartung machte. – »Gestatten Sie: – Mein Onkel – Mr. Johnson.«

»Wie geht es Ihnen, Sir?« fragte Mr. Lillyvick in etwas barschem Tone, denn er hatte in der vorigen Nacht Nikolas' Stand nicht gekannt, und allzu große Höflichkeit gegenüber einem Hauslehrer hätte sich für einen Steuereinnehmer nicht geschickt.

»Wir haben Mr. Johnson als Instruktor für die Kinder gewonnen, Onkel«, erklärte Mrs. Kenwigs.

»Ich habe das eben von dir vernommen, meine Liebe«, brummte Mr. Lillyvick.

»Aber ich hoffe«, fuhr Mrs. Kenwigs, sich in die Brust werfend, fort, »daß sie dadurch nicht stolz werden, sondern ihrem Schicksal danken, das ihnen schon durch ihre Geburt eine bessere Stellung anweist als den Kindern gemeiner Leute. Hörst du, Morlina!«

»Ja, Mama«, entgegnete Miss Kenwigs.

»Und wenn ihr auf die Straße oder sonst wohin kommt, so verlange ich, daß ihr nicht gegenüber andern Kindern damit großtut«, ermahnte Mrs. Kenwigs. »Wenn ihr schon darüber sprechen wollt, so dürft ihr nur sagen, wir haben einen Privatlehrer genommen, der uns zu Hause Unterricht erteilt, aber wir überheben uns deshalb nicht, denn Mama sagt, das wäre eine Sünde. Hörst du, Morlina?«

»Ja, Mama.«

»Also dann vergiß es nicht und tu, wie ich dir sage. – Soll Mr. Johnson jetzt anfangen, Onkel?«

»Ich bin bereit zuzuhören, wenn Mr. Johnson anzufangen bereit ist, meine Liebe«, erklärte der Steuereinnehmer mit Kennermiene. »Für was für eine Art von Sprache halten Sie das Französische, Sir?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Nikolas.

»Halten Sie es für eine gute Sprache, für eine schöne Sprache, für eine vernünftige Sprache?«

»Für eine schöne Sprache gewiß«, versetzte Nikolas, »und da es für alles eine Bezeichnung hat und auch eine gewandte und ausdrucksvolle Konversation zuläßt, so möchte ich sie auch eine verständige nennen.«

»Hm«, meinte Mr. Lillyvick kopfschüttelnd. »Halten Sie es auch für eine heitere Sprache?«

»Ganz gewiß.«

»Dann muß es sich seit meiner Zeit sehr geändert haben. Hm. Ja. Recht sehr«, sagte der Steuereinnehmer.

»War es denn zu Ihrer Zeit eine traurige?« fragte Nikolas, mühsam ein Lächeln unterdrückend.

»Allerdings«, entgegnete Mr. Lillyvick mit einiger Heftigkeit. »Ich spreche von der Zeit des letzten Krieges. Es mag meinetwegen eine heitere Sprache sein, denn ich möchte niemand gern widersprechen, das aber kann ich behaupten: ich hörte die französischen Gefangenen, die doch als Eingeborene sich darauf verstehen müssen, in einer so traurigen Weise miteinander sprechen, daß mir schon vom Zuhören ganz elend wurde. Ja, ja, das ist mir wenigstens fünfzigmal passiert.«

Mr. Lillyvick hatte sich in seiner Ereiferung in einen solchen Unwillen hineingeredet, daß es Mrs. Kenwigs für zweckmäßig erachtete, Nikolas heimlich einen Wink zu geben, um Gottes willen nichts darauf zu erwidern. Auch bedurfte es so manchen Schmeichelwortes von seiten Miss Petowkers, bis der vortreffliche alte Herr wieder ruhiger wurde und sich herabließ, das Schweigen durch die Frage zu unterbrechen:

»Wie heißt ›das Wasser‹ auf französisch?«

»L'eau«, antwortete Nikolas. »Da haben wir's«, meinte Mr. Lillyvick den Kopf schüttelnd. »Lo was? Nein, ich halte nichts – nicht das mindeste von dieser Sprache.«

»Wollen wir die Kinder nicht anfangen lassen, Onkel?« drängte Mrs. Kenwigs.

»Meinetwegen können sie ruhig anfangen, meine Liebe«, gestattete der Steuereinnehmer unzufrieden. »Ich habe nicht die Absicht, ihnen etwas in den Weg zu legen.«

Auf diese gütige Erlaubnis setzten sich die vier kleinen Kenwigs in eine Reihe, alle mit den Zöpfen auf einer Seite, und Morlina obenan, während Nikolas das Buch zur Hand nahm und mit den einleitenden Erklärungen begann. Miss Petowker und Mrs. Kenwigs sahen in bewunderndem Schweigen zu. Nur hie und da flüsterte die glückliche Mutter, Morlina werde in kürzester Zeit alles begriffen haben, und Mr. Lillyvick betrachtete die Gruppe mit finsteren Blicken, einer Gelegenheit harrend, die ihm zu neuen Erörterungen über diese traurige Sprache Anlaß geben könnte.

17. Kapitel

Kate Nicklebys weitere Schicksale

Mit schwerem Herzen und bösen Ahnungen stand Kate einige Minuten vor der festgesetzten Zeit im Hause Madame Mantalinis in einem Zimmer, das durch eine Flügeltüre von dem Salon getrennt war, und wartete, bis man sie holen kommen werde. Das Gemach enthielt nicht viel Sehenswertes, außer höchstens ein in Öl gemaltes Brustbild, das Mr. Mantalini darstellte, wie er sich ungezwungen am Kopfe kratzte – wahrscheinlich, damit der Brillantring am Zeigefinger voll zur Geltung komme. Im anstoßenden Zimmer hörte man jetzt Stimmen, und da die Unterhaltung ziemlich laut und die Wand sehr dünn war, erkannte Kate ohne Mühe, daß sie Mr. und Mrs. Mantalini angehörten.

»Wenn du so odiös und abscheulich eifersüchtig sein willst, Schätzchen, so wirst du dich selber sehr elend, schrecklich elend, verteufelt elend machen.«

Sodann ließ sich ein Ton vernehmen, als ob Mr. Mantalini Kaffee schlürfe.

»Ach, ich bin schon elend«, ächzte Madame Mantalini, augenscheinlich sehr übel gelaunt.

»Dann bist du eine undankbare, abscheuliche, verteufelte kleine Zauberin«, entgegnete Mantalini.

»Das bin ich nicht!« schluchzte Madame.

»Schätzchen darf nicht so übel gelaunt sein«, flötete Mr. Mantalini, ein Ei aufschlagend. »Du hast ein so verteufelt bezauberndes Gesichtchen, daß du keinem Unmut darauf Raum geben solltest, denn das beraubt es seiner Liebenswürdigkeit und macht es finster aussehen wie das eines schrecklichen, abscheulichen, verteufelten kleinen Kobolds.«

»Auf diese Weise wirst du mich nicht besänftigen«, schmollte Madame. »Den ganzen Abend hast du ihr den Hof gemacht.«

»Aber geh, Schätzchen. Was sprichst du da!«

»Ja, sage ich dir. Ich will nicht, daß du mit andern tanzst. Lieber nehme ich Gift.«

»Ach, Schätzchen wird kein Gift nehmen und sich dadurch schreckliche Schmerzen bereiten«, säuselte Mantalini, offenbar sehr gelangweilt. »Schon deshalb nicht, weil sie einen verteufelt schönen Mann hat, der zwei Gräfinnen hätte heiraten können, und eine Witwe –«

»Zwei Gräfinnen? Du sprachst doch früher nur von einer.«

»Zwei«, beteuerte Mantalini, »zwei verteufelt schöne Damen. Wirkliche Gräfinnen und immens reich.«

»Warum hast du sie denn nicht geheiratet?« fragte Madame schnippisch.

»Warum nicht? Weil ich bei einer gewissen Matinee die verteufelt süßeste kleine Zauberin gesehen habe, gegen die alle Gräfinnen und Witwen in England –« Mr. Mantalini beendete seinen Satz nicht, sondern gab Madame einen schallenden Schmatz. Dann schienen noch mehrere Küsse von Zeit zu Zeit das Geschäft des Frühstücks zu unterbrechen.

»Und wie sieht es in der Kasse aus, du Juwel meines Daseins?« fragte Mantalini nach einer Weile. »Über wieviel haben wir zu verfügen?«

»Leider nur über sehr wenig«, seufzte Madame.

»So müssen wir uns irgendwie Geld beschaffen«, rief Mr. Mantalini, »der alte Nickleby muß uns wieder einen Vorschuß geben, damit wir uns durchschlagen können.«

»Du kannst aber doch nicht schon wieder Geld brauchen?«

»Mein Leben und meine Seele, bei Serrubbs steht ein Pferd zu Verkauf – rein umsonst. Es wäre direkt eine Sünde, eine solche Gelegenheit auszulassen. Rein umsonst. Lumpige hundert Guineen! Stell dir vor, wenn ich damit grade vor dem Wagen der verschmähten Gräfinnen durch den Hydepark reite, sie werden vor Schmerz und Wut in Ohnmacht fallen. ›Er ist unsern Liebesnetzen entwischt. Verteufelte Sache das.‹ Sie werden sich gegenseitig teufelsmäßig hassen und dich tot und begraben wünschen. Ha, ha, verteufelt.«

Madame Mantalinis Klugheit, wenn sie überhaupt welche besaß, hielt nicht stand gegenüber solchen in Aussicht gestellten Triumphen. Sie klimperte ein wenig mit den Schlüsseln und erklärte, in der Kasse nachsehen zu wollen. Zu diesem Zweck öffnete sie die Flügeltüre und trat in das Zimmer, in dem Kate saß.

»Himmel!« rief sie und prallte überrascht zurück. »Wieso sind Sie hier, liebes Kind?«

»Kind!« rief auch Mr. Mantalini und eilte rasch herbei.

»Wieso sind Sie–eh–oh–zum Teufel. – Wie geht es Ihnen?«

»Ich warte hier schon einige Zeit, Madame«, erklärte Kate der Putzmacherin. »Vermutlich hat der Bediente vergessen, Ihnen zu melden, daß ich hier bin.«

»Du mußt wirklich diesen Burschen einmal beim Schopf nehmen!« sagte Madame zu ihrem Gatten.

»Ich will ihm seine verteufelte Nase aus dem Gesicht reißen, weil er ein so entzückendes Wesen so ganz allein hier läßt.«

»Mantalini!« verwies Madame. »Du vergissest dich!«

»Ich vergesse dich nicht, mein Schatz, und kann und werde dich auch nie vergessen«, beteuerte Mantalini, küßte seiner Gattin die Hand und blinzelte zugleich Kate zu, die sich jedoch verächtlich abwandte.

Durch diese Schmeichelei beschwichtigt, nahm Madame Mantalini ein paar Banknoten aus ihrem Schreibpult und händigte sie ihrem Gatten ein, der sie mit großem Entzücken entgegennahm. Dann forderte sie Kate auf, ihr zu folgen, und führte sie eine Treppenflucht hinunter und über einen Gang in ein großes Hinterzimmer, in dem eine Anzahl junger Mädchen mit Nähen, Zuschneiden, Umändern und verschiedenen andern ähnlichen Verrichtungen beschäftigt war. Es war ein langes schmales Zimmer, in das durch eine Öffnung in der Decke Licht hereinfiel, und so düster und unbehaglich wie nur irgend möglich.

Dienstbeflissen eilte sofort Miss Knag, eine kleine, geschäftige, wichtigtuende, aufgedonnerte Person herbei, während die Nähterinnen einen Augenblick in ihrer Beschäftigung innehielten und einander kritische Bemerkungen über den Schnitt und Stoff von Kates Kleid zuflüsterten.

»Miss Knag, hier ist das junge Mädchen, von dem ich bereits mit Ihnen gesprochen hatte«, begann Madame Mantalini.

Miss Knag antwortete mit einem verbindlichen Lächeln, das sie Kate gegenüber geschickt in ein herablassendes umzuwandeln wußte, und erklärte dann, daß man zwar mit jungen Mädchen, die an das Geschäft noch nicht gewöhnt seien, anfangs viel Mühe habe, aber sie sei überzeugt, daß Kate sich nach Kräften anstellig erweisen werde.

»Ich denke, es wird vorderhand am besten sein, wenn Miss Nickleby mit Ihnen in das Ankleidezimmer geht und den Kundschaften beim Anprobieren hilft«, meinte Madame Mantalini. »Sie wird sich jetzt noch in keiner anderen Weise nützlich machen können, und ihr Äußeres –«

»Harmoniert ausgezeichnet mit dem meinigen, Madame«, fiel Miss Knag ein. »Nur ist mein Teint etwas dunkler als der ihrige, und, hem, ich glaube, mein Fuß wird auch ein wenig kleiner sein. Gewiß. Miss Nickleby wird mir nicht übelnehmen, daß ich so spreche, wenn sie hört, daß unsere Familie von jeher wegen ihrer kleinen Füße berühmt war, seit – hem – seit, glaube ich, unsere Familie überhaupt Füße besaß. Ich hatte einmal einen Onkel, Madame Mantalini, der in Cheltenham wohnte und eine sehr ausgedehnte Tabakfabrik besaß, hem. Er hatte so winzig kleine Füße, wie man sie gewöhnlich an hölzernen Beinen anbringt, hem. Füße von so wunderschönem Ebenmaß, Madame, wie Sie sich sie nur denken können.«

»Dann mögen sie wohl einige Ähnlichkeiten mit Klumpfüßen gehabt haben, Miss Knag«, witzelte Madame.

»Kostbar! Nein kostbar! Das sieht Ihnen wieder ganz gleich«, schmeichelte Miss Knag. »Ha, ha, ha, Klumpfüße, köstlich, wie oft habe ich zu den jungen Mädchen schon gesagt, die treffendsten Witze, hem, die ich je gehört habe – und ich habe viel gehört, denn als mein Bruder noch lebte, hatten wir jede Woche zwei oder drei junge Herren beim Abendessen, die wegen ihres Witzes allgemein bekannt waren, Madame –, die treffendsten Witze, sage ich den jungen Mädchen immer, die ich je gehört habe, macht Madame Mantalini. Sie sind so sarkastisch und dabei doch nie beleidigend, daß es mir, wie ich erst diesen Morgen noch zu Miss Simmonds sagte, ein wahres Rätsel ist, woher Sie sie nur so aus dem Ärmel schütteln können.«

Atemlos hielt Miss Knag inne.

»Ich bitte also Sorge zu tragen, daß Miss Nickleby ihr Ressort genau kennenlernt«, kam Madame Mantalini einem neuerlich drohenden Redeschwall zuvor. »Ich übergebe sie jetzt Ihrer Obhut, Miss Knag. – Guten Morgen.«

»Eine bezaubernde Dame, nicht wahr, Miss Nickleby!« wendete sich Miss Knag, sich die Hände reibend, jetzt an Kate.

»Ich habe sie erst ein paarmal flüchtig gesehen«, wich Kate einer ausführlichen Antwort aus.

»Mr. Mantalini kennen Sie doch auch?«

»Ja, ich bin ihm schon zweimal begegnet.«

»Ist er nicht ein entzückender Mann?«

»Nun, er ist mir nicht gerade so vorgekommen«, versetzte Kate.

»Nicht?« rief Miss Knag und schlug erstaunt die Hände zusammen. »Barmherziger Himmel, ja, was haben Sie denn für einen Geschmack? So ein schöner, schlanker, vornehm aussehender Herr! Und diese Haare! Diese Zähne, der Bart! Hem. Nein, Sie setzen mich wirklich in Erstaunen.«

»Ich gebe gerne zu, daß ich recht töricht bin, aber da meine Ansicht weder für ihn noch jemand anders einen besonderen Wert hat, so bedaure ich nicht, sie mir gebildet zu haben, wie ich auch nicht glaube, daß ich sie so schnell ändern werde.«

Nach einem kurzen Schweigen, während dessen Kate ihren Hut und Schal abgelegt hatte, fragte eine der Näherinnen, ob sie sich denn in ihrer schwarzen Tracht nicht recht unbehaglich fühle.

»So staubig und heiß, nicht?«

Kate hätte sagen können, daß Schwarz die eisigste Tracht sei, die der Mensch anlegen kann. Aber sie brachte kein Wort hervor. Tränen traten ihr in die Augen.

»Es tut mir außerordentlich leid, Sie durch meine Unbedachtsamkeit verletzt zu haben«, entschuldigte sich die Nähterin. »Sie trauern vermutlich um einen nahen Verwandten?«

»Um meinen Vater«, antwortete Kate weinend.

»Um wen, Miss Simmonds?« fragte Miss Knag laut.

»Um ihren Vater«, flüsterte die Nähterin.

»So, um ihren Vater«, wiederholte Miss Knag rücksichtslos. »Wahrscheinlich lange krank gelegen, Miss Nickleby?«

»Unser Unglück kam sehr unverhofft«, schluchzte Kate, sich abwendend, »sonst wäre ich vielleicht jetzt imstande, es leichter zu tragen.«

Das Arbeiterinnenpersonal war, wie immer in solchen Fällen, nicht wenig neugierig gewesen, das Wer, Was, Warum und Wieso von Kate zu erfahren; aber obgleich das Äußere und die Empfindlichkeit des jungen Mädchens diesen Wunsch nur vermehren konnte, so schwiegen doch alle, um ihr nicht wehe zu tun, weshalb denn auch Miss Knag weitere Versuche, Details zu erfahren, vorderhand unterließ und, wenn auch ungern, ihre Gehilfinnen an die Arbeit gehen hieß.

Die Mädchen nähten in stummer Emsigkeit bis halb zwei Uhr fort, um welche Zeit eine gebratene Schöpsenkeule mit Kartoffeln aufgetragen wurde. Als die Mahlzeit vorüber war, ging es wieder an die Arbeit, die schweigend fortgesetzt wurde, bis der Lärm von Wagen, die durch die Straßen rasselten, und laute Doppelschläge an der Türe das Zeichen gaben, daß das Tagewerk der beglückteren Glieder der menschlichen Gesellschaft seinen Anfang nahm. Bald darauf hielt die Equipage einer vornehmen Dame, oder besser gesagt: einer reichen, vor der Haustüre. Kate wurde beauftragt, zusammen mit Miss Knag, natürlich unter dem Vortritt Madame Mantalinis, die Dame mit ihrer Tochter zu empfangen und die bestellten Kleider behufs Anprobe zu bringen.

Kates Rolle bei dieser Feierlichkeit war bescheiden genug, da sich ihre Obliegenheiten darauf beschränkten, die Kleider zu halten, bis Miss Knag sie anprobierte, hin und wieder eine Schleife zu knüpfen oder eine Stecknadel zu befestigen. Zufälligerweise waren gerade die reiche Dame und ihre Tochter an diesem Tage schlechter Laune, und das ging an der armen Kate Nickleby aus. Einmal war sie tölpisch, dann hatte sie kalte, schmutzige oder rauhe Hände, kurz, sie konnte nichts recht machen. Die Damen wunderten sich, wie Madame Mantalini solche Leute nur um sich dulden könne; wenn sie das nächste Mal herkämen, wünschten sie ein anderes junges Mädchen zu sehen, usw.

Kate vergoß bittere Tränen, als sie fort waren, und fühlte zum erstenmal so recht das Demütigende ihrer Stellung. Der Mut war ihr allerdings bei der Aussicht auf Dienenmüssen und saure Arbeit sehr gesunken, aber sie hatte nichts Herabwürdigendes in dem Gedanken, um ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen, gefühlt, bis sie sich jetzt auf einmal hilflos rohestem Hochmut ausgesetzt sah. Ein bißchen Philosophie würde sie zwar gelehrt haben, daß das Erniedrigende in einem solchen Falle lediglich auf Seite derer liegt, die so ohne jede Ursache ihrer Laune die Zügel schießen lassen, aber sie war zu jung, um darin einen Trost zu finden, und sie fühlte sich tief gekränkt.

Unter solchen und ähnlichen Auftritten und Beschäftigungen rückte die Feierabendstunde heran, und Kate enteilte, ermattet und entmutigt von den Vorgängen des Tages, dem engen Raume des Arbeitszimmers, um mit ihrer Mutter, die an der Straßenecke auf sie wartete, nach Hause zu gehen. Ein schmerzlicher Abendgang, denn sie mußte ihre wahren Empfindungen verbergen und sich stellen, als teile sie alle die sanguinischen Träume ihrer Mutter.

»Mein liebes Kätchen«, plauderte Mrs. Nickleby redselig drauflos, »ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie herrlich es wäre, wenn Madame Mantalini dich mit in Kompanie nähme. U