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: Meisterwerke neuerer Novellistik - Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typeanthology
authorVerschiedene Autoren
titleMeisterwerke neuerer Novellistik - Erster Band
publisherMax Hesses Verlag
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Arthur Achleitner

Der Finanzer

Erzählung vom Bodensee

I.

Eine drückende Schwüle lag über dem perlmutterfarbenen See und der alten Stadt Bregenz trotz der frühen Stunde des Junitages. Es mochte etwa neun Uhr vormittags sein, als von der Harder Seite her drei Finanzwachaufseher zur Stadt schritten, geführt von einem Oberaufseher. Man konnte es den Leuten ansehen, daß sie müde, übernächtig sind, ermüdet vom Nachtdienst der Überwachung zur Verhütung jeglichen Schmuggels an der vorarlbergisch-schweizerischen Grenze. Der schlankgewachsene, schwarzhaarige Oberaufseher Anton Lergetbohrer führt seine müde Mannschaft, die mit ihm wieder einmal vergeblich »gepaßt« hat. Alles war ruhig geblieben die Nacht über; außerdem bestätigte sich die Wahrheit des alten Grenzersatzes, daß am lichten Tage am Bodensee und anderswo nicht geschmuggelt wird. So kehren die vier Wachleute, die Gewehre lässig im Riemen an der rechten Achsel tragend, müde, schier schleppenden Schrittes nach Bregenz in die Finanzerkaserne zurück. Mancher Fußgänger kommt an ihnen vorbei und manch geringschätziger Blick trifft die Mannschaft. Die Zöllner sind nirgends beliebt, und in den in Österreich schlechtweg »Finanzer« genannten Grenz- und Finanzwachaufsehern glaubt jeder minderwertige Menschen erblicken zu sollen, weil ihr strenger Dienst und dessen straffe Handhabung im Interesse des Staates den Leuten mit schlimmen Absichten eben sehr unbequem ist.

Knapp vor Eintritt in die Stadt Bregenz mahnt der Befehlshaber Lergetbohrer zu strammerem Auftreten; es soll die Mannschaft sich die Strapaze einer dienstlich durchwachten Nacht nicht anmerken lassen. Der Oberaufseher gibt für seine Person das beste Beispiel; stramm marschiert er an der Spitze seiner kleinen Abteilung und zwirbelt sich noch geschwind die pechschwarzen Schnurrbartspitzen schneidig auf. Die Finanzer schreiten tüchtig aus, nur der letzte zappelt etwas und gähnt zuweilen. Das ist ein junger Bursch, dem die Nachtwache noch wehtut und die Schlafsucht die Augendeckel niederdrückt.

Lergetbohrer mahnt zur Strammheit, denn eben biegt die Abteilung in eine Gasse ein, die stark frequentiert ist und am nächsten zur Finanzwachkaserne führt.

In dieser Gasse befindet sich eine Weinwirtschaft mit anstoßendem Garten, und in letzterem pflegen unter kühlem Baumschatten die Bregenzer gerne ihr Schöppli einzunehmen, Lergetbohrer konnte sich nun freilich selbst sagen, daß um neun Uhr vormittags kaum ein Gast schon beim Schoppen weilen wird; immerhin soll der Einzug doch so sein, als ob ihn kritische Augen mustern würden.

Die Bewohner in dieser Gasse ignorierten die Finanzer und gingen ihren Geschäften nach; höchstens daß ein Ladeninhaber der grün uniformierten Mannschaft einen spöttischen Blick nachsandte.

Im Schankgarten der Weinwirtschaft des Karl Wüsteler stand ein schmuckes Mädchen, die ob ihres Hochmutes in ganz Bregenz bekannte Zenzele, mit einer roten Nelke in der schmalen Rechten. Einfach gekleidet ist das Mädchen, absichtlich einfach, um die herrliche Gestalt um so besser zu heben. Braune, weiche Flechten umrahmen das Madonnagesichtchen, zu dem nur die stolzblickenden Augen nicht recht passen. So lieblich die Erscheinung des schlankgewachsenen Mädchens ist, der scharfe Blick stört die Harmonie. Nur wenn Zenzele lachend die Perlenzähne zeigt, wird auch der Blick weicher; doch können sich wenige Burschen rühmen, von Zenzele angelächelt worden zu sein.

Wie die Finanzer herankommen im strammen Schritt, mustert das Mädchen die kleine Schar scharf und kalt, offensichtlich geringschätzig.

Lergetbohrer warf einen leuchtenden Blick auf die Prachtgestalt am Gartenzaun und erwies dem Mädchen insofern eine militärische Ehrung, als er stramm die Rechte an den Gewehrschaft legte.

Unmutig drehte Zenzele dem grüßenden Oberaufseher den Rücken. Vielleicht sollte diese Unhöflichkeit die Röte der Verlegenheit verdecken. Das Mädchen fühlte es, wie die Glut in die Wangen schoß, und schritt eilig tiefer in den Baumschatten hinein.

Lergetbohrer biß sich auf die Lippen und schritt weiter. Die hinterdreinfolgenden Finanzer flüsterten sich Bemerkungen über die hochmütige Zenzele zu und wohl auch ein Wort über ihren anrüchigen Vater, der im Verdacht des Schmuggelns steht, den man aber leider bisher nicht zu fassen vermochte. Gelingt aber der Fang einmal, dann wird wohl auch die Tochter weniger hochnäsig auf die Finanzer herabblicken und vielleicht die Grünrocke um »gut Wetter« bitten.

In der Kaserne angekommen, geben sich die drei Mann der verdienten Ruhe hin, nachdem sie vorher den von Lergetbohrer ausgetragenen Rapport unterschrieben hatten. Lergetbohrer erstattete nun über die ereignislose Einrückung dem vorgesetzten Respizienten, namens Eiselt, einem behäbigen Manne mit gutmütigem Gesicht, Meldung.

»Also wieder einmal nichts!« meinte der Beamte. »Sie müssen schon schärfer dreingehen, Lergetbohrer! Die Schwärzerei muß ein Ende nehmen, sonst wachsen die ›Nasen‹ (Rügen) höher wie der Gebhardtsberg in die Höhe!«

»Zu Befehl, Herr Respizient! Aber im streng vorgeschriebenen Dienst nach der alten Schablone kann auch ich bei allem Pflichteifer nicht hexen! Wenn ich mehr freie Hand bekäme ...!«

»Wie meinen Sie das, Lergetbohrer?«

»Mit Verlaub, Herr Respizient! Ich meine, wenn ich so zuweilen auf eigene Faust ...«

»Das geht wohl nicht! Indessen, bei besonderen Anlässen! Halten S' halt die Augen offen! Sie haben ja so viel gute Augen! Ich will aber nichts gesagt haben! Sie wissen, die Verantwortung ist groß, und ich habe an den bisherigen Nasen gerade genug! Nur keine Blamage! Ja nichts übereilen und um Himmels willen den Leuten kein Recht zu Beschwerden geben! 'pfehl mich!«

Damit war der Oberaufseher entlassen und konnte seine Stube aufsuchen. Munter sprang ihm beim Eintreten in das kleine ihm zugewiesene Gemach, das dürftig mit einem Feldbett, Waschtisch und Kleiderhaken möbliert ist, sein Rattler »Flock« entgegen und bellte freudig den Willkommengruß, indem das Hündchen immer wieder am Gebieter in die Höhe hüpfte.

Lergetbohrer schmeichelte das kluge Tier und ließ es dann ins Freie. Bald ist Toilette gemacht und mit frischem Wasser die Müdigkeit der Nachtwache vertrieben. Anton Lergetbohrer könnte jetzt sofort wieder Dienst machen, gönnte sich aber doch etwas Ruhe, der Hitze wegen und mit Rücksicht auf den Umstand, daß nach dem Dienstturnus ihn heute nacht die Streifung zu Wasser trifft.

Anton liegt nicht lange auf dem Feldbett, da fordert Flock durch Kratzen an der Zimmertüre wieder Einlaß. Sofort erhebt sich der Finanzer und öffnet. »Bist schon wieder da, Flock? Ist recht! Da soll denn gleich der Unterricht beginnen! Du mußt ein richtiger Zollhund werden, Flock, verstanden!«

Der Rattler blickte seinen Herrn mit so klugen Augen an, als verstände er jedes Wort.

Anton schärfte nun des Hundes Nase speziell auf das Riechen von Tabak und Kaffee. »Wo ist Tabak, Flock?«

Augenblicklich begann der Hund die Suche im Zimmer, kroch unter das Bett, schnupperte am Kasten, rannte kreuz und quer, um schließlich zum Gebieter zurückzukehren.

»Nichts gefunden, Flock? Bist ein schlechter Zöllner! Deine Pflicht ist es, Konterbande zu riechen!« Anton hielt inne und lachte dann auf, »Wie ungeschickt von mir! Wo keine Konterbande ist, kann der Hund auch keine riechen!« Nun ließ er den Hund wieder hinaus, schloß die Türe und versteckte ein Paket Kommißtabak, wie solchen das österreichische Militär und die Finanzwache faßt, im Kleiderschrank, Als Flock wieder ins Zimmer gelassen wurde, befahl Lergetbohrer: »Such Tabak! Wo ist Konterbande?«

Munter begann Flock erneut die Suche, und bald stand er wie angewurzelt vor dem Kasten und winselte, zugleich durch Kratzen andeutend, daß er in den Kasten eindringen wolle.

»Brav, Flock! Such Tabak!« Mit diesen Worten öffnete Anton den Kleiderkasten, und schwapp hatte Flock das Tabakpaket im Fang und brachte es dem Gebieter.

Stolz nahm der Hund die Lobsprüche entgegen. »Das ABC, wie es ein Zollhund kennen muß, hätten wir! Nächstens folgt Fortsetzung mit Kaffeebohnen!« sprach Anton und rüstete sich zu einem Spaziergang mit Flock. Im letzten Augenblick entschloß sich Lergetbohrer, die Uniform mit dem schlichten, unauffälligen Zivilkleid zu vertauschen, wozu er vom Kommissär die Erlaubnis erhalten hatte.

So schritt der Oberaufseher in Zivil durch den Flur der Finanzkaserne, in welcher an Haken mit kleinen Namenstafeln die Gewehre der dienstfreien Mannschaft hängen, alles nach militärischer Art geordnet. Zum erstenmal fand es Anton befremdend, daß die Armatur doch ohne jegliche Aufsicht sich befinde und jedermann von der Gasse her eintreten und zum mindesten kontrollieren kann, wieviel Gewehre und damit auch wieviel Aufseher zu Hause sind. Merkwürdig, daß ihm das früher niemals aufgefallen ist. Anton hielt sich indes nicht länger auf und eilte ins Freie, munter voraus Flock der Rattler.

Wohin nun an diesem dienstfreien Tag? Pfänder oder Gebhardtsberg? Dazu ist die Zeit zu weit vorgeschritten und die Hitze zu groß. Anton schlug den Weg zur Schanz ein und kehrte dort zu einem Labetrunk in der Wirtschaft ein. Angenehm kühl ist's in der großen Stube, in welcher nur ein Gast hockt. Anton mustert den etwas angesäuselten Mann nach dienstlicher Gewohnheit und wird nicht recht klug, wohin er den einsamen Zecher hinsichtlich der Staatsangehörigkeit tun soll. »Ein Seehase« (Bewohner einer Bodenseeansiedelung) ist es sicher, das kündet das Selbstgespräch im Dialekt.

Der Weinselige blickt auf und fragt: »Wend er auch e Schöppli?«

Nun weiß Anton, daß er einen Schweizer vor sich hat. Der Mann interessierte ihn, noch mehr aber, daß der Zecher so einsam in der Schanz zwischen Lindau und Bregenz sitzt, untätig und vollgetrunken. Lergetbohrer sagt sich in Gedanken selbst, daß ja der Verkehr am See ein lebhafter ist, also auch Schweizer ebensogut zum Trunk turra (herüber), wie Bregenzer und Lindauer turri (hinüber) fahren können. Wer wird auch in jedem Menschen sogleich einen Schwärzer (Schmuggler) wittern wollen. Anton lächelt, trinkt dem Zecher zu und fragt im Schweizerdialekt: »Wie gaht's?«

Mißtrauisch mustert der Gast den Frager, doch angesichts der Gelassenheit Antons und seines leutseligen Verhaltens beruhigt sich der Mann sogleich wieder. Er beantwortet die Frage mit »gut« und leistet sich einen kräftigen Schluck.

Absichtslos erwidert Anton: »Ja, ja, nach der Arbeit ist gut ruhen!«

Der Zecher lacht in sich hinein und trinkt den Schoppen völlig leer, um dann sogleich mit heiserem Baß nach frischer Füllung zu rufen. Die eintretende Kellnerin, eine dralle Tirolerin, meint schnippisch: »Nun könnt Ihr aber decht genug haben! Vierzehn Vierschtele, sell zerreißt einen andern!«

Der Zecher gröhlt vergnügt: »Heut krieg' ich nünd genug. Lang noch alleweil e Schöppli, Maidi!« Damit reichte er die Flasche dem Mädchen zur frischen Füllung. Anton bewunderte die Leistungsfähigkeit des Mannes im Weinvertilgen ganz unverhohlen:

»Alle Achtung, Herr! Vierzehn Schöppli, das ist eine ganz respektable Leistung! Ihr begießt wohl ein besonderes Ereignis oder einen Glücksfall, was?«

Trotz der Trunkenheit warf der Zecher einen scharfen, forschenden Blick auf den Sprecher, und diesen Blick fing Anton auf. Der Verdacht, wenn auch nur ganz unbestimmt, ward wieder rege. Das Eintreten der Kellnerin überhob den Zecher einer Antwort, um so mehr, als die Hebe nun auf Zahlung der fünfzehn Viertele Wein bestand. Das brachte den Mann in Zorn, fluchend zog er einen Lederbeutel aus der Tasche und frug höhnisch, in welchem Gelde er zahlen solle, er habe Fränkli so viel wie Mark und Gulden.

»Dann zahl auf österreichisch, wie's Brauch ischt bei uns!« sagte schnippisch die Kellnerin.

Der Mann schob zwei Guldenstücke hin und frug, wieviel er für den Rest noch Schöppli bekommen werde.

Da lachte die Kellnerin: »Raiten können sie schlecht, die Schwizer! 's Vierschtele kostet zehn Kreuzer, einen Gulden funzig Kreuzer seid Ihr schuldig, aftn langt es noch auf fünf Vierschtele! Ich mein' aber decht, Ihr habt genug! Aber freilich, die Rorschacher Fischer sind durstig wie die Felchen, die sie oft nicht erwischen!«

Anton horchte hoch auf.

Der Zecher lachte und spottete dann über das eigene Gewerbe. Man müßte sich eben zu helfen wissen, und da wären die Schweizer immer voran.

»Warum denn gerade die Schweizer?« frug Anton.

»Weil sie besser dütsch könnet!« spottete der Rorschacher.

»Das möcht ich nicht so kecklich behaupten. Aber schlauer mögen sie schon sein, die Schweizer!«

»Das sind sie auch!« renommierte der Trunkene. »Bei uns ist der dümmste Spekulierer alleweil noch gescheiter als alle anderen Seehasen.«

Anton mußte an sich halten, um sich nicht zu verraten. Das eine Wort rechfertigte den bisher so unbestimmt gewesenen Verdacht. Der Mann spricht von »Ausspekulieren«, er gehört also einer Schmugglerbande an, daran gibt es keinen Zweifel. Es heißt nun aber schlau sein. Als sich die Kellnerin entfernt hatte, kam Anton auf das hochinteressante Thema wieder zurück, indem er möglichst harmlos bemerkte: »Na, ich meine, vom Ausspekulieren verstehen die Vorarlberger auch etwas!«

Der Wein tat beim Rorschacher nun doch schon so starke Wirkung, daß die Augen gläsern wurden und den Dienst versagten. Der Mann meinte wegwerfend, daß die Bregenzer immer noch zu wenig organisiert seien und die »Grünen« zu viel fürchten.

»Sind denn die ›Grünen‹ in Österreich nicht zu fürchten?«

Der Rorschacher hustete und trank dann. »Pah, eine Jammerbande ist das! Hungerleider und dumm wie die Nacht!«

»Warum denn dumm?«

»Weil sie bei allem Aufpassen noch nicht einmal die Signalordnung kennen! Lungern Tag und Nacht herum, haben Ohren und hören nicht!«

Anton log tüchtig: »Ich bin zwar keiner von den ›Grünen‹, aber ich meine doch, die Finanzer kennen die meisten Kniffe in jenem Handwerk!«

Erbost schlug der Mann mit der Faust auf den Tisch, so stark, daß sein Glas umfiel und der Wein sich über die Platte ergoß. »Nünd wissent se!«

Anton zitterte vor Begierde, die ihm tatsächlich bisher fremd gebliebene Signalordnung der Schmuggler kennen zu lernen; er wußte aber nicht, wie dem Trunkenen das Geheimnis herausgelockt werden könne. Ein Zufall sollte ihm wenigstens zum Teil zu Hilfe kommen.

Über das Wirtshaus zur »Schanz« strich eine Rabenkrähe und ließ mehrmals ihr widerliches Gekrächze vernehmen.

Schon beim ersten gedehnten Ruf »Raab« horchte der Schweizer erschrocken auf, soweit ihm dies im Dusel noch möglich war, und als die Krähe noch einige Male ihr Gekrächze hören ließ, da sprang der Mann fluchend auf und floh zur Türe hinaus, wie wenn ihn der Teufel selbst verfolgte.

Lergetbohrer staunte. Dann begann er zu überlegen, was diese Flucht zu bedeuten haben könnte. Die Veranlassung zu diesem blindtollen Davonlaufen kann nichts anderes als das Rabengekrächze gewesen sein. Also bedeutet der Rabenschrei, mehrmals wiederholt, Gefahr, es wird eine Warnung sein, und da der Davongelaufene mutmaßlich ein Schwärzer ist, so ergibt sich von selbst, daß Rabengekrächze ein Warnungssignal für Schmuggler ist.

Lergetbohrer bezahlte seine Zeche und beschloß nach Bregenz zurückzuwandern. Munter sprang Flock voraus. Nach einer Weile sah der Oberaufseher den Fischer auf der Straße dahintorkeln. Dies Schwanken des weinvollen Mannes reizte zum Spaß; Lergetbohrer steckte zwei Finger der Rechten in den Mund und ließ einen gellenden, gedehnten Pfiff ertönen.

Den Mann vorne reißt es schier um, und wie angewurzelt bleibt er stehen, mit blöden Augen um sich blickend.

Unwillkürlich pfiff Anton zweimal kurz und rasch nacheinander.

Der Mann machte augenblicklich kehrt und wankte auf der Straße zurück.

Der Oberaufseher erkannte nun, daß solchen Pfiffen eine besondere Bedeutung zugrunde liegen müsse, und sofort probierte er eine weitere Ausnutzung dieser unvermuteten Beobachtung. Rasch Deckung hinter einem Baum nehmend, ließ er nun drei gellende Pfiffe ertönen, welche den Mann trotz seiner Trunkenheit veranlaßten, sofort nach rechts zu gehen, querfeldein.

»Eine kostbare Wahrnehmung!« flüsterte Anton und prägte sich die Bedeutung dieser Signalpfiffe scharf ins Gedächtnis; ob ein viermaliges Pfeifen jetzt noch Erfolg haben würde, schien Lergetbohrer selbst zweifelhaft zu sein. Mehr des Scherzes halber denn in Erwartung einer Beobachtung, pfiff der Finanzer wieder zweimal kurz und rasch, und siehe da, der Dusler gehorchte augenblicklich und wankte denselben Weg zurück an die Landstraße.

Drei Signale wären also nebst dem warnenden Rabengekrächze nun erraten, fehlt nur noch das Signal: vier Pfiffe hintereinander, schnell und kurz.

Der Mann duselte vorne gen Bregenz. Die vier Pfiffe veranlaßten ihn jedoch, sogleich nach links abzugehen. Im Straßengraben kam er zu Fall und blieb liegen. Die Beine wie der Kopf versagten nun den Dienst; der gewaltige Rausch muß ausgeschlafen werden.

Frohlockend über die so unerwartet gemachte Entdeckung spazierte Lergetbohrer in die Seestadt Bregenz, wo er in der Wirtschaft des Wüsteler einkehrte. Schon beim Eintritt in den Schankgarten konnte er sich überzeugen, daß sein Kommen alles eher, nur nicht willkommen ist, denn das Geräusch seiner knirschenden Tritte im Kies des Gartens scheuchte ein Pärchen ans, das Zwiesprache in einer Laube gehalten haben mochte.

Zenzele ist es, die ärgerlich von jenem Laubentisch wegtrat und geringschätzig auf den Gast blickte. Der junge Mann aber, dessen Unterhaltung so jäh gestört wurde, sandte dem in Zivilkleidung unkenntlichen Finanzer einen Wutblick zu. Ein hübscher Bursch mit blondem Bart, der Typus des Alemannen, eine gedrungene Gestalt, welcher ein eigenartiges, scheues Wesen eigen zu sein schien, wie wenn der Mann Ursache hätte, etwas vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen.

Lergetbohrer gewahrte dieses scheue Wesen sofort, fand es indes begreiflich, daß der junge Mann in seinem Ärger über die Störung nun sich entfernte, wobei er den Wein auf dem Tische stehen ließ.

Zenzele war an den Tisch Lergetbohrers herangetreten und frug spitz: »Was isch g'fällig?«

»Ich habe wohl gestört, Fräulein?« frug Anton entgegen.

»Was Sie sich nicht einbilden! Durchaus nicht! Was isch g'fällig?«

»Ich bitt' um ein Viertele Wein!«

»Weiß oder rot?«

»Bitte rot!« Zenzele entfernte sich. Ein erquickender Anblick, wie das prächtige Mädchen so zierlich dahinschritt.

Bald kam Zenzi mit dem Fläschchen Rotwein zurück, stellte es auf den Tisch und begab sich ins Haus.

»Sie ist vergrämt!« murmelte Anton und schenkte sich das Glas voll. Merkwürdig, was dieser Wein für ein Bukett hat! Schon nach dem Geruch kann festgestellt werden, daß dieser Rotwein in Tirol nicht beheimatet ist. Ein Kostschluck bestätigt dies sofort. »Veltliner Rötel!« flüsterte Anton, »und ganz gewiß nicht ordnungsgemäß verzollt!«

Drinnen im Hause hatte Zenzele dem Vater, einem echten, gutgenährten Vorarlberger mit klugen Augen und einer gewissen Verschmitztheit im Wesen, zugeraunt, daß im Garten ein Gast sitze, der ihr verdächtig vorkomme. Es wäre ihr, als wenn der Mann sonst eine Uniform trüge, das Zivilgewand schlottere etwas. Nur wisse sie nicht zu sagen, ob der Mann Militär oder sonst was sei.

Vorsichtig trat Wüsteler, der Weinwirt, an ein nach dem Garten gerichtetes Fenster und guckte hinaus.

»Ganz richtig! Das isch ein Uniformmensch in Zivil! Tod und Teufel, das isch ein Finanzer in Zivil, darauf wett' ich!« Zu Zenzele gewendet, frug der Vater: »Was hat der Kerl für'n Wein draußen?«

»Rötel hat er bestellt!«

»Und gegebe hast du?«

»Vom Faß Nummer drei!«

»Bim Blueß, sell isch' bi Gott bedurli! Der Ma' wird im volla Bisa heimkehre und Azeig' mache!« (Beim Blute Christi, das ist bei Gott bedauerlich! Der Mann wird im vollen Laufe heimkehren und Anzeige erstatten.)

Gelassen blieb Zenzele, wenigstens äußerlich, und kühl sagte sie: »Eßeda goht er!« (Jetzt geht er.)

Nun jammerte der Wirt, der nichts anderes glaubt, als daß der Mann heimkehren, die Uniform anziehen, wiederkehren und den gepaschten Wein konfiszieren werde. So rasch kann aber das Faß mit dem unverzollten Veltliner Wein nicht versteckt werden. Plötzlich hält Wüsteler inne und fragt, ob der Mann vielleicht auf das Zahlen vergessen habe.

Rasch springt Zenzele hinaus und überzeugt sich, daß der Gast achtzehn Kreuzer für den genossenen Viertelliter Wein zurückgelassen hat.

Der Wirt verwünscht sich, seine Habsucht und Dummheit. Einem Verdächtigen geschmuggelten Wein vorzusetzen, das ist schon polizeiwidrig dumm. Und Wüsteler goß die Zornschale über Zenzi aus, die er wahrhaftig für gescheiter gehalten habe.

Lergetbohrer wandelte gegen Abend dem Hafen zu und betrachtete die Ankunft und Landung der Dampfer, Eben dreht der »Bodmann«, ein badisches Schiff bei, und langsam vollzieht sich die Landung. An Bord ist das übliche Hasten und Drängen der Passagiere wahrzunehmen. Am Deck erster Klasse ruht ein Herr in einem Tragsessel, anscheinend ein Gelähmter, der an Land transportiert werden muß. Richtig begeben sich zwei Mann, die der Schiffsbedienung nicht anzugehören scheinen, zu ihm und ergreifen die Stangen des Tragsessels. Lergetbohrer behält den Mann unwillkürlich scharf im Auge; ihm erscheint seltsam, daß ein Kranker gar so angestrengt nach den Finanzern blickt, die nahe der Landungsbrücke im Revisionssaale stehen.

Wie der Krankentransport in den Dienstraum gelangt, drängt sich Lergetbohrer in nächste Nähe, just recht, um zu hören, wie die Frage des Wachmannes nach Gepäck, Zollbarem, Zigarren und Tabak vom kranken Herrn mit dem Hinweis, daß der Diener das Gepäck bringen werde, beantwortet wird.

Höflich langt der Finanzmann ans Käppi. Der Kranke wird von den zwei Dienern aus dem Revisionssaale getragen. Lergetbohrer folgt dem Transport, weil er dazu noch Zeit hat und wissen möchte, wohin sich der ängstliche Herr und ohne auf das Gepäck zu warten, tragen läßt.

Sonderbarerweise wird nicht der Weg in ein Hotel oder in das Spital genommen, sondern in die Oberstadt. In der Dämmerung verschwindet der Transport plötzlich in einem Hause. Knapp erreicht Anton dieses Haus, als die beiden Träger wieder heraustreten wollen. Seine Zivilkleidung verwertend, frug er, wer denn der Schwerkranke gewesen sei, der eben in das Haus gebracht wurde; der Mann habe ja sehr leidend ausgesehen. Ein Kichern der zwei Männer, deren Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht wahrgenommen werden konnte, bestärkte den Oberaufseher in seinem Verdacht, und einer Augenblicksregung folgend, trat Lergetbohrer in den dunklen Flur des Hauses. Verdutzt standen die Träger vor der Tür auf der Straße, unentschlossen, was sie nun beginnen sollen. Das bürgerliche Kleid des Verschwundenen beruhigt sie indessen, und sie entfernen sich.

Aus einem Gemach dringt Gelächter; ganz deutlich kann Anton Spottreden und das Lachen über die »dumme Finanz« hören, die heute wieder einmal gründlich hinters Licht geführt worden sei.

»Also doch!« flüstert Lergetbohrer, für den die Situation arg unangenehm ist. Zu einer Hausdurchsuchung hat er kein Recht, als Zivilist schon gar nicht. Der Krankentransport war Schwindel, Mittel zum Zweck eines verschlagen ausgeführten Schmuggels. Anton horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, und was er nun vernahm, gab Hoffnung, die Konterbande doch noch zu erwischen. Deutlich sprach eine Männerstimme: »Von den zwanzig Kilo Tabak, die ich hereingebracht, will ich die Hälfte jetzt nach Feldkirch bringen. Verbergt den Rest, morgen nachts hol' ich ihn!«

Lautlos schlich Anton durch den Flur hinaus auf die Straße und blieb fest an die Hauswand gedrückt stehen. Bald darauf kam die Männergestalt mit einem Pack aus dem Hause.

Nun gilt es. Scharf klang Antons Befehl: »Halt! Finanzwache!«

Die Gestalt warf im selben Augenblick den Pack weg und sprang in rasenden Sätzen davon. Anton merkte sich nun die Hausnummer, griff den Pack auf und schritt eilig der Kaserne zu, denn nun wird es Zeit, den Nachtdienst zu Schiff anzutreten.

Wie Lergetbohrer in den Flur der Kaserne trat, wo die Gewehre an den Haken hängen, drang ein Geräusch an sein Ohr, wie wenn sich jemand zu Boden geworfen hätte. In der Finsternis ist nichts zu sehen. Rasch entzündet Anton ein Streichholz, bei dessen Aufflackern er wirklich einen Burschen längs dem Gewehrrechen am Boden liegen sieht. Sofort gebietet der Oberaufseher, nun gleich mehrere Streichhölzer anzündend, dem Burschen, aufzustehen; doch dieser stößt lallende Tone aus, ein Grunzen, und bleibt wie ein Sack liegen. Flock, der Rattler, schnuppert herum, und wie dessen kalte Schnauze dem Burschen ins Gesicht kommt, fährt dieser erschrocken auf, und flink steht er auf den Beinen. Die beabsichtigte Flucht verhindert Anton, indem er sich vor die Ausgangstür stellt. Flock bellt aus Leibeskräften, Lergetbohrers Rufe alarmieren die Mannschaft, es kommen Leute mit Licht, der Bursch ist gefangen. In einer Stube stellt Anton sofort ein Verhör mit demselben an, und bald war sich der Oberaufseher klar, daß er einen Ausspekulierer erwischt hat, die wichtigste Person für einen beabsichtigten Schmugglerzug. Zwar leugnet der Bursch hartnäckig, doch bekommt Anton so viel heraus, daß es Usus ist, im Flur der Kaserne Nachschau zu halten, wieviel Gewehre am Rechen hängen. Es ist also leicht abzuzählen, wieviel Gewehre fehlen, das ist, wieviele der Grenzaufseher im Dienste abwesend sind. Daß der abgefaßte Bursche in beschmutzter Kleidung ist und sich schwer betrunken stellte, sollte seine Anwesenheit in der Kaserne harmlos machen, gleichsam als hätte der Trunkene sich verirrt. Die Androhung einer körperlichen Züchtigung vor der Verhaftung veranlaßte den Burschen, die Maske der Trunkenheit sogleich abzuwerfen; er wimmerte um Gnade und gab zu, wegen der Auspekulierung hierher geschickt wurden zu sein. Doch verriet er weiter nichts. Mit nicht geringer Genugtuung ob dieser Entdeckung meldete Lergetbohrer den Fall dem Respizienten, der sogleich den Burschen der Gendarmerie übergeben lassen wollte. Anton bat, dies nicht zu tun.

»Weshalb denn nicht?« frug überrascht der Vorgesetzte.

»Weil mutmaßlich ein zweiter Spekulierer in der Nähe der Kaserne lauert, welcher die Verhaftung sofort dem Schmuggleranführer melden würde. Wir müssen im Gegenteil versuchen, des zweiten Spions ebenfalls habhaft zu werden!«

»Wie wollen Sie das machen?«

»Der Aufseher Lorz gleicht in Statur dem gefangenen Spion! Ich möchte bitten, daß Lorz sich der Kleider des Verhafteten bedient, bloßfüßig und sich betrunken stellend hinausgeht und sich dem anderen Spion nähert. Die Meldung über die Anzahl der vorhandenen Gewehre soll er dem Spion geben, ihn aber sofort fassen. Wir eilen hinaus und haben dann den zweiten Ausspekulierer!«

Respizient Eiselt guckte gehörig, solcher Scharfsinn überrascht ihn. Wer hätte so viel Klugheit bei diesem sonst so stillen Lergetbohrer vermutet! Dennoch zeigte der Vorgesetzte sich unentschlossen und gab wider alles Erwarten den Befehl, nun sogleich den Dienst im Kahn anzutreten.

Lergetbohrer biß sich auf die Lippen und schickte den erbeuteten Pack nebst kurzem Dienstbericht in das Zollamt.

Bis Anton und die zwei Mann in Uniform den Dienst antraten, war der Häftling entwischt. Der Respizient hatte ihn unbeaufsichtigt gelassen, und ungehindert konnte der Spion entfliehen.

Der Nachtdienst der Finanzwache auf dem See ist so ziemlich das Unangenehmste im Dienstleben der Wachleute, und zwar wegen der damit verbundenen Fopperei. Das Wachschiff hat nämlich nur bis zu einer gewissen Entfernung vom Ufer die Berechtigung, Schiffer mit Kurs auf Bregenz anzuhalten. Darüber hinaus ist das Wasser international und frei für jeglichen Verkehr.

Anton befand sich an jenem Abend auf Seepatrouille in einem Zollboote, das wenige Tonnen Tragfähigkeit und nebst ihm noch zwei Mann der Wache zu Ruderern hatte. Der Windstille halber war das Segel gerafft, außer Dienst gestellt. So still als möglich fuhr das Zollboot hinaus in den nachtschwarzen See, und dem Oberaufseher als Patrouillekommandanten oblag es, möglichst sich an die vorgeschriebene Entfernung vom Ufer zu halten. Das hat nun in finsterer Nacht seine Schwierigkeiten, denn irgendwelche Anzeichen sind nicht vorhanden.

Als Lergetbohrer glaubte, den Kordon erreicht zu haben, gab er leise den Befehl: »Ruder ein!« Still trieb das Boot auf dem leichtbewegten weiten See. Die Finanzer haben die Gewehre schußfertig neben sich liegen und halten die Ruder bereit, um mit jedem Augenblick eine Verfolgung aufnehmen zu können. Mit wahren Luchsaugen sucht der Kommandant in der Finsternis nach verdächtigen Booten, die Kurs zum österreichischen Ufer haben.

Ein prächtiges Schauspiel bietet das Lichtmeer der Stadt Bregenz, das sich teilweise im schwarzen Wasser spiegelt. Die elektrischen Bogenlampen leuchten in blendender Weiße auf und werfen den Schein bis zu den quaderngefügten Hafendämmen heraus. An Land bis zur Oberstadt hinauf schimmern die Lichter aus den Wohnhäusern gar traulich, und selbst am Bergesabhang leuchten, winzigen Lichtchen gleich, Johanniskäfer, gelblich, oft auch rot. Drüben in der Richtung nach Lindau flammt vom Leuchtturm das große Licht für die Lindauer Hafeneinfahrt, durch die Entfernung auf die Größe einer Lampe verkleinert.

Winzige Lichtpunkte zeigen sich am Schweizerufer, Und am dunklen Firmament schimmern die Sterne in mattem Licht, wenn der Wind oben eine Wolkenwand weggefegt hat.

Für kurze Zeit gab sich Anton diesem prächtigen Anblick hin, dann aber verlangte der unerbittliche Dienst seine Rechte, es müssen die Augen wie die Ohren angestrengt arbeiten. Der dunkle See ist leicht bewegt; in regelmäßigen Intervallen schlagen die Wellen ans Ufer und fallen plätschernd zurück. Der Blick des Kommandanten durchbohrt die Finsternis, doch will kein Schiff in Sicht kommen. Weit drüben taucht aus dem schwarzen Chaos ein Dampfer auf mit den Lichtern rot und grün, und ans den Kajütenfenstern gleißt das elektrische Licht. Ein herrlicher Anblick, fast an ein verwunschenes Schloß mit Zauberlicht gemahnend. Das Schiff steuert ans bayerische Ufer nach Lindau und verschwindet bald spurlos in der Finsternis.

Ein Geräusch von Ruderschlägen dringt heran. Gespannt horcht Anton und mit ihm die Mannschaft. Ein schwarzer Schatten taucht auf, groß und gespensterhaft.

Ein Kahn ohne jedes Signallicht, also verdächtig in hohem Maße. Der Kurs muß nach Österreich gerichtet sein, denn sonst würde er jenen des Zollbootes nicht kreuzen.

Leise wird der Befehl gegeben: »Ruder aus! Kurs auf das verdächtige Schiff!«

Das Zollboot nimmt die Jagd auf und fährt dem Schatten entgegen.

Scharf klingt die Aufforderung aus Lergetbohrers Mund:»Halt! Finanzwache!«

Ein Gelächter ist die Antwort.

Zornig wiederholt der Patrouillenführer den Befehl zum Halten und Beidrehen.

Eine Stimme ruft höhnisch herüber: »Entfernung messen, Finanzer!«

Der Kahn fällt vom Kurs ab und kehrt im Bogen zurück nach dem Schweizer Ufer.

Anton beißt sich auf die Lippen und sucht sich durch einen Blick auf die Lichter von Bregenz zu orientieren, ob sein Boot wirklich die Zone überschritten habe.

Durch Zurufe bestätigen seine Leute, daß man zu weit herausgekommen, also nichts zu machen sei. Den Spott mußte Lergetbohrer daher einstecken, wie er auch den verdächtigen Kahn unbehelligt lassen muß. Wird aber das Schmugglerschiff nicht in später Stunde doch versuchen, ans österreichische Ufer zu landen? Es gilt daher, in dieser Nacht wachsam zu bleiben und ständig zu kreuzen.

»Kurs auf Bregenz!« Das Zollboot fährt zurück. Wie es sich wieder der hellerleuchteten Stadt nähert, fällt dem Führer auf, daß von der Oberstadt her ein seltsames Licht leuchtet: Ein Notlicht zwischen zwei Weißflammen aus dem Fenster eines freistehenden Gebäudes. Wenn das kein Signal ist, dann ist Anton blind. Und zweifellos ist das ein Signal für Schmuggler auf See, ein Zeichen für die Landung.

»Habt ihr bei unserer Abfahrt irgend etwas Verdächtiges wahrgenommen?« fragt Anton seine Mannschaft.

Niemand hat dergleichen beobachtet. Lergetbohrer nimmt sich vor, künftig selbst bei Abfahrten auf das Schärfste nach Ausspekulierern zu sehen. Die heutige Ausfahrt des Zollbootes muß von Spionen beobachtet und von Ausspekulierern jenes Signal ausgestellt worden sein. Also ist das Dreilicht eine Warnung für Schmuggler und besagt wahrscheinlich, daß die Finanzer Dienst auf See machen.

Solange daher jenes Signal steckt, werden sich die Schwärzer hüten, die Landung zu versuchen.

Anton überlegt. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß eine Landung im Hafen überhaupt versucht werden wird. Die Streifung muß sich daher auf die Flügelseiten des Sees ausdehnen.

Stunde um Stunde verfloß. Der Laternenschein der Römerstadt ist erloschen bis auf wenige Laternen der Straßenbeleuchtung und in den Häusern, Die Schatten der Nacht verhüllen Bregenz. Nur das Signal aus der Oberstadt leuchtet stumm und doch beredt durch die Finsternis.

Das Zollboot nähert sich der Harderbucht. Feierliche Glockenschläge aus einem Kirchturm drüben an Land verkünden Mitternacht.

Öde ist es auf dem nachtschwarzen See, unheimlich die Schatten an Land. Gleich Ungeheuern ragen die Bäume auf, gespenstisch rauscht es im Schilf. Dicht verhüllt ist das Firmament, durch die Windstille dringt allmählich das eintönige Geräusch sachte fallenden Regens. Ein Wetter, wie gemacht für Schwärzer, gehaßt von den armen Wachleuten im Dienst. Der Regen fehlte noch zur finsteren Nachtpatrouille. Die Finanzer nehmen die Mäntel um und bergen unter denselben die Gewehre; es regnet in schweren Strichen, die kleine Säulchen aus dem Wasser ziehen und, mit ihnen vereint, klatschend auf den Spiegel niederfallen. Wo der Regen das Zollboot trifft, prasselt es auf dem Holze, und bald bildet sich eine Lache im Schiff.

Immer schwerer fällt der Regen und aufsteigender Westwind jagt ihn schräg über den unruhig gewordenen See. Das Zollboot treibt dem Röhricht zu. Die Leute haben tüchtig zu rudern, um den Wellen entgegen aus der Bucht zu kommen.

In weiter Ferne zuckt es auf wie Wetterleuchten, ein riesiger fahler Schein, blendend für einen winzigen Augenblick, und um so dunkler gähnt die Regennacht weiter. Bei diesem kurzen Licht hat sowohl Anton wie ein Wachmann in Seehöhe einen Kahn mit geschwelltem Segel erblickt, vom Winde in schneller Fahrt ostwärts getrieben.

Im Zollboot wird nun gleichfalls das Segel gehißt, die Jagd durch Wind und Regen in finsterer Nacht gilt dem Konterbandisten. Rasch geht die Fahrt durch die vom Regen gepeitschte Flut.

Nichts zu sehen. Gähnende Finsternis ringsum. War es Täuschung?

Das Gewitter tobt; wieder ein Aufleuchten für einen Augenblick – vorne, mit Kurs nach Ost, treibt ein lichterloser Kahn, und jäh fällt er ab. Die Mannschaft muß das verfolgende Zollboot ebenfalls gesichtet haben. Die Finanzer haben im Blitzscheine das Schmugglerschiff gleichfalls gesehen und schnell Kurs auf dasselbe genommen.

Nur öfter noch solche Himmelsfackel, dann wird die Jagd gelingen. Doch kein Leuchten mehr tritt ein, der Nachtsturm tobt, und unerbittlich prasselt der Regen in den Rücken der Grenzer. Das Boot thront bald auf einem Wogenkamme, um gleich darauf in eine Tiefe zu sinken, der See ist wild geworden. Es gilt, so rasch als möglich das rettende Ufer zu gewinnen, gleichgültig, wo die Landung erfolgen wird.

Sind das rechts nicht die wenigen Lichter von Bregenz? Es ist so. Das Zollschiff ist zu weit nach links geraten und befindet sich nun nahe am Ufer bei der sogenannten Schanz. Der Schmuggler aber ist entwischt.

Die Patrouille findet nach mühsamem Suchen endlich den Kahn, aber leer, mit gerefftem Segel, angekettet. Alles Fluchen nützt nichts, die Jagd war ergebnislos. Und im Rapport heißt es: »Patrouillen bis sechs Uhr früh.« Also wieder hinaus und kreuzen die Nacht hindurch. Unerbittlich ist der Finanzerdienst.

II.

Nur nichts übereilen. Das war ein Grundsatz, nach welchem Respizient Eiselt lebte, amtete und sich wohl dabei befand, so daß die Uniform anfing knapp zu werden. Witzelten doch die Aufseher unter sich, Eiselt sei jetzt schon mit Rücksicht auf seine Körperfülle reif für eine Versetzung in ein »Riesenamt«. Bei aller körperlicher Behäbigkeit verstand der Respizient aber doch, seinem Personal den Dienst sauer zu machen, insofern er auf die strengste Einhaltung der im Dienstbefehl vorgeschriebenen Streifungen und dergleichen bestand. Gelegentlich brachte er wohl auch das Opfer, seine Leute zu kontrollieren, wenn es die Witterung erlaubte. Eiselt scheute aber große Hitze ebenso wie den Regen und war der Anschauung, das man sich für ein Tagegeld von hundertfünfundsechzig Kreuzern keineswegs eine Lungenentzündung zu holen brauche.

Als Lergetbohrer von der Nachtpatrouille auf See mit der ermüdeten und erschöpften Mannschaft in der Kaserne eingerückt war, gedachte er bei allem Ruhebedürfnisse doch sogleich der Notwendigkeit einer Hausdurchsuchung auf Grund der gestrigen Entdeckung, und bat diensteifrig, es möge der Respizient doch sofort die nötige oberbehördliche Erlaubnis zur Vornahme einer Durchsuchung jenes verdächtigen Hauses erwirken.

Die Antwort lautete gemütvoll: »Jetzt legen S' Ihnen schlafen!«

Anton starrt den Vorgesetzten ungläubig an; wenn die Durchsuchung nicht binnen wenigen Stunden erfolgt, wird die Finanzwache wieder einmal das Nachsehen haben und die von Lergetbohrer infolge seiner Achtsamkeit gemachte Entdeckung zwecklos sein und bleiben. Schon wollte der Oberaufseher sagen, wie er über das ganze dienstliche Gebaren denkt, welches eine ewige Rüge wegen erfolgloser Streifen bildet und ein Zugreifen in hochverdächtigen Fällen hinausschiebt, doch kämpft Lergetbohrer die bitteren Bemerkungen nieder und begibt sich zur wohlverdienten Ruhe.

Der Respizient begann seine Amtstätigkeit in der Kanzlei mit der aufmerksamen Lektüre des Morgenblattes, die ein Stündchen verschlingt. Dann wurden Bleistifte gespitzt und wieder abgebrochen, hernach seufzend ob der Ueberlast schwerer Dienstgeschäfte der Turnus für neue Streifungen der Finanzwache entworfen. Diese Arbeit währt bis zur Marendzeit (marenda = Frühstück), an die ihn ein gewisses Leergefühl des Magens gemahnt. Wieder tönt ein Seufzen durch die Kanzlei, das von Gedanken an den kleinen Gehalt und an die Unmöglichkeit eines Frühschoppens begleitet ist. Eiselt greift zum weitverbreiteten Beamtenmittel der Magentäuschung: er raucht aus der kurzen Pfeife eine Handvoll Kommißtabak. Bald umhüllen dichte Rauchwolken den Beamten, es qualmt in der Kanzlei. Der Respizient glättet einen Aktenumschlag und überlegt, ob er heute schon sich in den Inhalt dieses Aktes versenken oder ob er dies erst morgen tun soll. In dieser Beschäftigung stört ihn ein Wachmann mit der Meldung: Der Herr Kommissär lasse sagen, daß er dienstlich verreise auf zwei Tage und daß in besonders wichtigen Fällen eine etwaige Verfügungserlaubnis telegraphisch von der Bezirksdirektion in Feldkirch zu erwirken sei. Eiselt knurrt etwas und der Wachmann verläßt die Kanzlei. Zwei Tage also wäre die Katze aus dem Hause. Der Akt wandert zu dem Berg angehäufter Restanten; drei Tage beschaulicher Ruhe sind ihm jetzt sicher, und auch noch einige andere Genossen teilen dieses Schicksal, wasmaßen nichts übereilt werden solle. Im Bewußtsein, daß der allzeit bewegliche Kommissär heute nicht mehr zu befürchten ist, will Eiselt schon um elf Uhr Mittagspause machen, doch hindert ihn Lergetbohrer am Weggehen durch das dringende Ersuchen, den Vorfall vom gestrigen Abend dienstlich zu verfolgen.

»Was wollen S' denn wieder? Wer weiß, ob Sie nicht die ganze Geschichte geträumt haben? Ein Kranker schwärzt ja nicht!«

Anton verwies auf den Diensteid und wurde immer dringlicher, »Sie haben die ganze Verantwortung zu tragen!« fügte er bei.

»Das eben will ich nicht! Der Kommissär ist verreist, es darf daher nichts übereilt werden!«

»Wird die Haussuchung nicht sofort durchgeführt, morgen wird sie zwecklos sein! Sie werden sicherlich wegen Unterlassung zur Verantwortung gezogen werden!«

»Aber ich bitt' Ihnen! Unser Chef ist verreist, eine Oberbehörde haben wir nicht in Bregenz! Die Vornahme einer Hausdurchsuchung ist eine umständliche Sache! Alle verfügbare Mannschaft müßte zur Hausumstellung aufgeboten werden, und derweil wir dort herumstöbern, wird draußen geschmuggelt! Der Außendienst ist die Hauptsache!«

Dabei blieb es. Lergetbohrer beschloß, bei Wüsteler sein bescheidenes Mittagsmahl einzunehmen. So stapfte er denn mit Flock dorthin. Ein Tischchen am Zaun des Wirtsgartens und hübsch schattig ist frei, und hier nimmt Lergetbohrer Platz. Flock, der Rattler, jedoch unternimmt nach der Hundegewohnheit eine Rekognoszierung nach Knochenabfällen im Wirtsgarten. Anton hat den Blick auf die rückwärtige Front des Wirtsgartens und das daranstoßende Nebengebäude, welches dem Kaffeeschänker Merkle gehört, Wein und Kaffee sind also hier enge Nachbarn.

Mit der Bedienung eilt es bei Wüsteler nicht; Anton muß warten, bis er nach seinen Wünschen gefragt wird.

Die bildsaubere Tochter des Weinwirtes bedient die Gäste mit sichtlicher Aufmerksamkeit, plaudert auch hier und da ein vertraulich Wort, nur für den in Uniform geduldig harrenden Finanzer hat sie keinen Blick.

Anton läßt sich das Warten nicht verdrießen und studiert die Fassaden der Rückfronten beider Häuser, obwohl nichts Besonderes wahrzunehmen ist.

Endlich wird Anton von der nun doch herangetretenen Wirtstochter nach seinen Wünschen gefragt, schnippisch und geringschätzig.

Der Oberaufseher fühlt diese Mißachtung sogleich, ignoriert sie aber und gibt Bescheid.

Zenzele entfernt sich mit spöttisch verzogenen Lippen. Das gibt dem an einem Stammtisch sitzenden Cafetier Merkle, den Anton gestern schon mit der Wirtstochter in der Laube gesehen, Veranlassung, mit den Zechgenossen sogleich ein Gespräch über die »angenehme« Finanzwache und deren Schnüffeleien zu beginnen.

Der junge M. krähte, daß es ein Elend sei in jeder Beziehung, für die »Grünen« wie für die schikanierte Bevölkerung, der noch in den Magen gesehen wird, um herauszubringen, was einer gegessen habe. Die Zecher schielten nach dem Finanzer, und als sie merkten, daß Anton in keiner Weise auf den Hohn reagierte, lachten sie verständnisinnig. Der Beifall machte den Kaffeebräuer kühn, der junge Mann meckerte in Fisteltönen den ebenso alten als unwahren Volksreim: »Wer nichts taugt und wer nichts kann, geht zur Finanz oder Eisenbahn!«

Lergetbohrer hörte jedes Wort, doch verhielt er sich, als wäre er taub. Absichtlich widmete er seine Aufmerksamkeit jenen Hausfassaden. Als endlich Zenzele das bestellte »Gröstel« (geröstetes Rindfleisch mit Schmorkartoffeln) und das Viertele Rotwein auf den Tisch gestellt und sich sofort wieder an den Stammtisch begeben hatte, aß Anton das frugale Mahl, zu dem sich auch Flock wieder einfand und aufmerksam seinen Herrn anguckte.

Merkle krähte weiter: »Na, Zenzele, was isch Ihre Meinung?«

»Wovon haben die Herren denn gesprochen?«

»Nichts von Bedeutung, bloß von den Gückslern!« lachte der junge Mann und zwinkerte mit den Augen nach dem essenden Finanzer hinüber.

Hochmütig äußerte Zenzi: »Ach die! Na, da muß ich schon sagen, der mindest Handwerker, und wär' er auch nur ein Vogelträger,Der Handlanger, welcher dem Maurer den Mörtel auf einem Brett mit zwei auf den Schultern getragenen Armen zuträgt, wird, weil dieses Brett in Vorarlberg »Vogel« heißt, »Vogelträger genannt. In Innsbruck nennt man dieses Werkzeug »Mörtelschwalbe« (Sander). gilt mir mehr!«

Die Stammgäste gröhlten vor Vergnügen über diese, die tiefste Geringschätzung kündende Äußerung, und Merkle meckerte insbesondere: »Vogelträger isch guet! Zenzele, noch ein Vierschtele auf diesen Spaß!«

Die schmucke Wirtstochter griff nach den leeren Fläschchen, und geschäftskundig munterte sie auch die anderen Zecher zu weiterer Bestellung an: »Nun, trinken die Herren auch noch ein Vierschtele?«

Die Stammgäste lachten: »Wir haben's ja, und Vogelträger sind wir nicht!« Wer noch nicht leer hatte, trank rasch aus, und Zenzi nahm die Fläschchen an sich.

Als sie vom Tische wegtreten wollte, trat sie den vor ihr stehenden Rattler Flock auf ein Läufchen, und schmerzgepeinigt heulte das Hündchen ganz fürchterlich. Zornig stieß das Mädchen mit einem Fuß nach dem Tier und rief: »Ach was! Die Hunde gehören nicht ins Wirtshaus!«

Bislang war der dem Cafetier gehörende Leonberger Hund ruhig unter dem Stuhl seines Herrn gelegen; das Heulen des Rattlers riß den großen Hund aus der beschaulichen Ruhe, und als gar die Wirtstochter nach dem Rattler stieß, da mischte sich der Leonberger in die Sache, faßte den kleinen Flock bei einem Läufchen und biß es knirschend durch. Man konnte das Krachen des gebrochenen Knochens hören.

Einige der Zecher lachten: »Eine richtige Hundskomödie!«

Zornig fuhr Lergetbohrer auf, ergriff von einem der Nachbartische einen eisernen Zeitungshalter, an dem eine zerlesene alte Zeitung flatterte, und schlug damit auf den Leonberger ein, der nun von dem Rattler abließ und zu seinem Herrn flüchten wollte. Doch Anton hatte die bissige Bestie fest am Halsband ergriffen und bläute sie durch, daß nun auch der Leonberger zu heulen begann.

Das ging dem Merkle über die Hutschnur, und grimmig schrie er den Oberaufseher an: »Herr, das isch mein Hund!«

»Das ist mir Wurscht! Die Bestie hat dem armen Kleinen ein Läufl durchgebissen! Solche Bestien sollen Beißkörbe tragen und gehören in kein Wirtshaus!«

»Ich kann meinen Hund mitnehmen, wohin ich will!« krähte fistelnd vor Erregung der Cafetier. »Lassen Sie meinen Hund los! Niemand hat ein Recht zu schlagen, niemand, hören Sie, niemand, am allerwenigsten ein Finanzer!«

Noch ein wuchtiger Hieb auf den Hund, dann war der Zorn Lergetbohrers verraucht, Anton gab die Bestie frei, welche sich sofort winselnd unter den Stuhl ihres Herrn verkroch, Merkle zeterte über Unverschämtheit und schwur, selbe bei den höchsten Behörden anzuzeigen und Strafantrag stellen zu wollen. »Die Landesdirektion wird Ihnen schon den Standpunkt klar machen, Sie Finanzer, Sie!«

Anton erwiderte nun gelassen ruhig: »Wie's beliebt! Vielleicht genügt es Ihnen aber schon, wenn der Herr Finanzwachkommissär zu Ihnen kommt!«

Die Wandlung in Merkles Verhalten war augenfällig; wie erschreckt stotterte er: »Wie, was? Was wollen Sie damit sagen?« »Nicht mehr als ich gesagt habe. Im übrigen werde ich den Vorfall wie vorhin die Berufsbeleidigung zur amtlichen Anzeige bringen, damit Ihnen die verlangte Genugtuung wird!«

Diese Worte hatten eine überraschende Wirkung. Von sämtlichen Stammgästen wartete keiner auf die Füllung der Weinflaschen, jeder hatte es eilig, zum Mittagsmahle zu kommen; der Garten war plötzlich leer. Auch Merkle pfiff seinem Hunde und entfernte sich in sein Haus.

Anton warf ihm einen spöttischen Blick nach und griff nun den armen Flock auf, der vor Schmerzen winselte.

»Armer Kleiner! Dir ist übel mitgespielt worden!« tröstete Anton und nahm das Hündchen in seine Arme.

Zenzele schien den Vorfall durch ein Fenster beobachtet zu haben; sie kam plötzlich herausgelaufen und jammerte über das Unglück. »Ganz gewiß hab' ich's nicht absichtlich getan, Herr Oberaufseher, gewiß und heilig nicht! Es war ein Versehen! Und nur im ersten Ärger hab' ich mit dem Fuß nach dem Hundele gestoßen! O, wie mich das reut! Ein Schandvieh, der Leo! Gleich so wild zu beißen! Geben Sie mir das Hundele! Armer Kleiner! Wie heißt das liebe Hundele?«

Erstaunt gab Anton zur Antwort: »Flock heißt er!« und ehe er sich dessen versah, hatte das Mädchen den Rattler in den Armen und liebkoste das Hündchen, welches sich zutraulich an Zenzi anschmiegte. »Armes Hundele! Ich tu' es gewiß nimmer! Nein, kleiner, lieber Flock! Das Füßle werden wir jetzt verbinden, und der kleine Flock bleibt beim Fraule, bis das Füßle wieder heil isch!« Lergetbohrer traute seinen Augen und Ohren nicht.

»Jawohl, Herr Oberaufseher! Gel, Sie erlauben schon! Sie können in Uniform ja doch nicht das kranke Hundele heimtragen; nein, das geht nicht! Laufen kann der kleine Flock aber nicht, also bleibt er bei mir in der Pfleg', und ich werd' ihn auskurieren! Isch der Flock wieder gesund, kann er wieder zum Herrle heim! Derweil bleibt der Flock aber beim Fraule, und das Hundle darf im Fraulebettle liegen! Magst, Flock?«

Das Hündchen tat, als hätte es jedes Wort verstanden, blickte das Mädchen klug an und drückte das Köpfchen an Zenzeles Busen.

»Ja, wenn Fräulein Zenzi wirklich so gut sein wollen?«

»Aber freilich! Das isch ja meine Pflicht! Ich bin an all dem Unheil schuld, also muß ich auch aufkommen, daß das Hundele wieder heil und gesund wird!«

»Schönen Dank im voraus! Ich kann in Uniform wirklich den Hund nicht heimtragen! Doch komme ich in Zivil des Abends und hole den Flock! Seien Sie also so gut und pflegen Sie das Hundele bis zum Abend! Was bin ich für die Zeche schuldig?«

»Ach, Sie kommen ja doch wieder! Ich will jetzt den kleinen Flock ins Bett legen und sein Läufle verbinden!«

Und eilig trug Zenzi das Hündchen ins Haus hinein.

Irre an sich und dem Mädchen geworden, entfernte sich Anton.

In der Kaserne angelangt, wurde Anton mitgeteilt, daß der Respizient ihn zu sprechen wünsche. Und der Inhalt der dienstlichen Unterhaltung war nicht eben erbaulich. Vorwürfe und immer wieder Vorwürfe über die Ergebnislosigkeit der Streifungen. Der Vorgesetzte war bemüht dem Oberaufseher recht klar vor Augen zu führen, daß die »Schlamperei im Dienst« ein Ende haben müsse, nur fügte er nicht bei, wie die Änderung erzielt werden konnte. Dabei verfehlte der Respizient nicht, seine Würde wie seine unermüdliche Tätigkeit zu betonen und den Rangunterschied fühlen zu lassen, der allerdings durchaus nicht bedeutend ist, denn nach Ablauf der vorgeschriebenen Dienstjahre und bei guter Führung muß der Oberaufseher auch Respizient werden und im Tagegeld vorrücken.Ein Respizient hat 1.65 fl. tägliche Gage, ein Oberaufseher 1.35 fl., ein Aufseher 1.10 fl.ö.W.

Die unerquickliche Szene endete mit der Mitteilung, daß Lergetbohrer am selben Abend Revisionsdienst im Hafen bei Ankunft der fahrplanmäßigen Dampfer zu leisten habe.

Gern hätte Anton seinen Flock heimgeholt, doch die Zeit erlaubte das nicht. So stand der Oberaufseher denn am Eingang der Revisionshalle, welche die Verbindung des Landungssteges mit dem Perron des Hafenbahnhofes bildet, und harrte der Ankunft des Dampfers von Rorschach. Bleiern und dunstig lag der See, die Hitze war arg, von Abendkühle nichts zu merken.

Müde und schläfrig standen die anderen zum Revisionsdienst kommandierten Finanzer in der Halle, die geliebte Pfeife vermissend, denn im Revisionsdienst darf nicht geraucht werden.

Aus der Dunstschicht, die über dem See lag, löste sich endlich der fällige Dampfer ab und näherte sich, scheinbar im Schneckentempo, der Hafenstadt Bregenz.

Anton blieb am Halleneingang, bis der Dampfer festgemacht war und die Reisenden das Schiff zu verlassen sich anschickten. Unwillkürlich blieb sein Blick auf einer hohen Frauengestalt haften, die in vornehmer Ruhe auf dem Verdeck erster Klasse wartete, bis das Gedränge zum Landungssteg nachlassen werde. Die Dame trug einen festgeschlossenen Staubmantel, scheint also gegen die tropische Hitze unempfindlich zu sein.

Schon treten die ersten Reisenden in die Halle und legen ihre Effekten auf die Revisionsrampe. Anton winkt den beiden Aufsehern, die Amtshandlung ohne ihn vorzunehmen; ihn interessiert dienstlich jene Dame, die ohne Begleitung, auch ohne Handgepäck endlich das Schiff verläßt und langsam, mit steifen Schritten, den Steg betritt.

In nächster Nähe Antons stehen einige jüngere Bregenzer Bürger, die zum Zeitvertreib und Feierabend sich die Landung des Schweizer Schiffes ansehen. Einer davon murmelte mit unverkennbarem Spott: »Nomma! (ich weiß nicht wie!) Isch das nit wieder'm Götzele sei Weible? A wech Weible! (wech = schmuck, zierlich, schön gekleidet.) Aber en Gang hat sie schützli (gar sehr, überaus) steif!«

In der Tat rauschte die Dame ungemein steif heran und nahm sich gar nicht die Mühe, das Kleid aufzunehmen, sie zog die Schleppe unbekümmert durch den Staub und hielt lässig den Sonnenschirm in der Rechten.

Lergetbohrer hatte jedes Wort vernommen und kombinierte blitzschnell: Gößele ist der erste Juwelier und Goldschmied in der Stadt; die Frau fährt also des öfteren zwischen Österreich und der Schweiz hin und her. Tatsächlich kommt die Dame auffallend steif heran. Anton läßt die Frau vorbeigehen, folgt ihr aber sofort. Ohne Handgepäck braucht sie sich den Revisionsorganen nicht zu stellen; sie geht an ihnen vorüber und wendet sich nun etwas hastig im Vergleich zur früheren Steifheit, dem nach der Stadt führenden Ausgang zu.

Lergetbohrer hat den plötzlichen Wechsel im Verhalten wahrgenommen; der Verdacht ist wachgerufen. Kaum noch hatte die Dame den Ausgang erreicht, als der Oberaufseher auch schon an ihrer Seite stand und sie bat, gefälligst in die Kanzlei sich bemühen zu wollen.

Das heftige Erschrecken, dann der Protest gegen die Anhaltung und Verdächtigung bestärkt Anton, auf der Sistierung zu beharren.

Die Frau ruft um Hilfe, schwört, daß sie nichts Steuerbares an sich habe und zetert über Vergewaltigung, die sich um so mehr rächen werde, als sie die Frau eines angesehenen Bürgers von Bregenz sei.

Anton bleibt kühlhöflich und frägt: »Ihr Name ist Frau Götzele?«

»Woher wissen Sie das?«

»Ihr Gemahl hat ein Juwelier- und Goldschmiedgeschäft?«

»Das brauchen Sie nicht zu wissen!«

»Das genügt! Bitte, bemühen Sie sich in das Amtslokal! Die nötige Untersuchung wird eine vereidete Frauensperson vornehmen, falls Sie nicht vorziehen, die mitgeführten Waren freiwillig herauszugeben!«

»Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts Zollpflichtiges bei mir!«

»Ihre Schweizer Uhren und Schmucksachen sind zollpflichtig!«

Die Dame wechselte die Farbe, starrte den Finanzer an und ergab sich dann dem Schicksal.

Der Vorfall hatte natürlich Aufsehen erregt, wiewohl Sistierungen nichts Seltenes sind in Revisionshallen. Lergetbohrer geleitete die jetzt gefügig gewordene Dame in das Amtslokal und bot ihr einen Stuhl an, den die Frau aber ablehnte.

»Wie Sie wünschen, gnä' Frau! Ich glaube selbst, daß durch ein Niedersetzen einige Uhren zerbrochen werden könnten!« meinte der Oberaufseher und ließ die Revisionsfrau holen.

Frau Götzele war schier außer sich, sie jammerte verzweifelnd und flehte um Rücksicht und Freilassung.

»Bedaure! Der Dienst ist unerbittlich! Wenn genehm, können wir Ihren Herrn Gemahl verständigen! Das wird sich um so mehr empfehlen, als gnä' Frau ja doch den Zoll- und Strafbetrag kaum bei sich haben werden!«

»Großer Gott! Wieviel kann denn die Geschichte kosten?« rief die Frau aus.

»Das kommt darauf an, wieviel an Uhren und Schmuckgegenständen Sie bei sich haben!«

Die Dame versuchte es nun, durch Versprechungen loszukommen; sie bot die Hälfte der Konterbande an, gelobte dem Finanzer einhundert Gulden extra zu zahlen und gestand, daß sie sechzig Uhren, vier goldene Armbänder und sechs Ringe bei sich eingenäht habe.

Anton schmunzelte bei diesem Eingeständnis; diesmal ist seiner scharfen Beobachtungsgabe und raschen Kombination ein guter Fang gelungen. Den Bestechungsversuch ignorierend, gab er bekannt, daß die verkürzte Zollgebühr annähernd die Summe von dreihundert Gulden betragen werde. Hierzu kommt als Strafe der Schätzungswert der Ware mit fünf multipliziert.

»Entsetzlich!« schrie die Frau, welche noch nie im Leben so rasch eine Summe im Kopf ausgerechnet hat.

Inzwischen war die Revisionsfrau gekommen, mit welcher sich Frau Götzele in ein anderes Gemach begab. Anton verblieb im Amtslokal und fertigte die Tatschrift aus, welcher er das Geständnis der Konterbandistin beifügte.

Die Leibesdurchsuchung dauerte lange, was Lergetbohrer um so mehr auffiel, als die Dame doch schon ein Geständnis über die Anzahl der geschmuggelten Waren abgelegt hat.

Endlich kamen die Frauen wieder herein. Frau Götzele war bleich bis in die Lippen, die Revisionsfrau, welche Vertrauensperson der Zollbehörde ist, legte den abgenähten Unterrock und die demselben entnommenen Wertgegenstände auf den Kanzleitisch.

»Wieviel haben Sie vorgefunden?« frug Lergetbuhrer.

»Achtundfünfzig Uhren, zwei Armbänder und vier Ringe!« lautete die Antwort.

Anton blieb trotz seiner Überraschung ruhig und gebot: »Wiederholen Sie Ihre Angaben auf Diensteid!«

Die Revisionsfrau warf einen scheuen Blick auf den Finanzer, wiederholte aber ihre erste Angabe unter Berufung auf den geleisteten Diensteid.

Sofort schrieb Lergetbohrer diesen Vorfall in die Tatschrift ein und ließ die Revisionsfrau, welche nun dringliche anderweitige Beschäftigung vorschützte, warten.

Den Fall übernahm nun der Zollbeamte, der als Bekannter der Frau Götzele nicht wenig betroffen war, die Dame sistiert und erfolgreich untersucht vorzufinden.

Nach einigen Worten des Bedauerns mußte amtlich vorgegangen werden. Der Akt wurde fertiggestellt zur Vorlage an die Finanzbezirksdirektion, welche den Strafbetrag auszustellen haben wird. Die Konterbande bleibt selbstverständlich neben dem ad hoc adjustierten Unterrock konfisziert. Frau Götzele kann sich nach Unterschreibung der Tatschrift und ihres protokollierten Geständnisses, weil persönlich bekannt und Fluchtversuch ausgeschlossen ist, entfernen.

Ihr Gatte kam gerade recht, sie abzuholen. Der Mann war verstört, außer sich und jammerte über die himmelschreiende Dummheit, sich von einem Finanzer ertappen zu lassen.

Rücksichtsvoller als der Goldschmied rief Lergetbohrer ein verständliches »Habe die Ehre!« Herr Götzele verstand den Wink und entfernte sich mit seiner betrübten Frau.

Der Zollassistent grinste, als das Paar draußen war, und wollte den Rest der Tatschrift überfliegen.

»Bitte genau zu lesen!« sagte Lergetbohrer.

»Ach was! Sie nehmen den Dienst doch gar zu genau! Was wollen S' denn noch werden bei den jammervollen Verhältnissen? Die dreißig Kreuzer Taglohnplus werden Sie auch nicht selig und glücklich machen! Und mehr als Respizient werden Sie auch nicht!«

»Ich erfülle meine Pflicht, weiter nichts! Hätte jeder in unserem Berufe die gleiche Auffassung vom Dienst, wäre es um die Finanzwache anders bestellt, insbesondere nach oben hin! Ich bitte, den Nachtrag in der Tatschrift genau zu prüfen!«

Der Assistent stutzte, las und hatte sofort das Manko der Angaben der Revisionsfrau im Vergleich zum Geständnis der Konterbandistin herausgefunden.

»Das ischt nicht übel!«

Die Revisionsfrau wurde mit dürren Worten aufgefordert, die gestohlenen zwei Uhren, zwei Ringe und zwei Armbänder herauszugeben, widrigenfalls um die Polizei geschickt würde.

Das Weib leugnete beharrlich.

Anton lachte vergnügt und beauftragte einen Wachmann, die Frau Respizientin zur Durchsuchung der Revisionsfrau zu holen.

»Mit dieser falschen Person will ich nichts zu tun haben!« schrie das Weib und behauptete, die genannten Gegenstände von der Konterbandistin für die Bemühung geschenkt erhalten zu haben.

»Geben Sie dieses ,Geschenk' nur heraus!« befahl der Assistent.

Es nützte nichts. Die gestohlenen Gegenstände mußten der Konterbande beigefügt werden. Dann kündigte der Assistent die zweifellos erfolgende Entlassung und ein gerichtliches Nachspiel wegen Diebstahl während einer Amtshandlung und Meineid an.

Schimpfend entfernte sich das Weib mit einem grimmen Hasse gegen die Finanzer in der welken Brust.

Die Amtsgeschäfte aus diesem Anlasse waren erledigt. Lergetbohrer folgte dem Assistenten bald nach auf dem Wege zur Stadt. Anton wollte seinen Flock holen, erinnerte sich aber, daß er in Uniform sich befindet, und eilte heim zur Umkleidung. Im Flur der Kaserne stieß er auf den Respizienten, der ihn barsch anließ mit der Bemerkung, daß die Finanz auch etwas Besseres zu tun wissen sollte, als eine hochanständige Bürgersfrau zu sistieren.

»Was Sie sagen!« spottete Anton.

»Jawohl! Eben ist es mir brühwarm mitgeteilt worden! Frau Götzele sistiert! Natürlich nichts gefunden! O, Ihre Blamagen schreien zum Himmel!«

»Schon möglich! Einstweilen wird aber Herr Götzele schreien, weil er annähernd zwölf- bis vierzehnhundert Gulden Strafe zahlen muß!«

»Waas? Mein Freund Götzele und vierzehnhundert Gulden Strafe?! Sie sind wohl verrückt geworden?«

»Im Gegenteil! Ein guter Fang ist mir gelungen! Der Anfang ist gemacht! Doch jetzt bitte ich mich freizulassen! Ich will mich umkleiden ...«

»Das Zivilgehen ist der Finanzwache verboten!«

»Ich habe vom Herrn Kommissär die Erlaubnis!«

»Das gilt nur für ein- zum andernmal!«

»Ich habe Erlaubnis für die laufende Woche!« »Und ich hebe diese Verfügung auf! Dieses Herumlungern in Zivil taugt nichts! Entweder gehen Sie in Uniform aus oder Sie bleiben daheim!«

»Guten Abend!« sprach Anton, salutierte und ging in die Wüstelersche Weinwirtschaft.

Dort hatten sich viele Gäste eingefunden, Vater und Tochter bedienten dieselben, auch der Kellerbursch Seppl mußte mithelfen, indem er den Wein in großen Steinkrügen vom Faß abzog und zur Schenke trug, wo die vielen Fläschchen gefüllt wurden. Das Stimmengewirr aus dem Garten konnte man schon von der Gasse aus hören; auch das Gastlokal im Hause war dicht gefüllt und qualmig vom vielen Rauch; die Lichtbirnen verbreiteten nur wenig Helle im Garten wie in der Stube, man konnte die Gesichter kaum genau unterscheiden. An einem der Stammtische ging es besonders laut her; dort führte der Kaffeeversilberer Merkle mit seiner krähenden Stimme das große Wort.

Anton erkannte den Mann an der Stimme sogleich, obwohl der Oberaufseher noch am Garten stand. In der Empfindung, daß es nicht opportun sei, sich jetzt in Uniform unter diese Leute zu mischen, begab sich Anton ins Haus und kam an die Schenke. Eben war der Kellerbursch mit der Flaschenfüllung beschäftigt und stand im Licht einer Lampe. Anton hatte das Gefühl, diesen Menschen schon bei einer Gelegenheit gesehen zu haben. Aber wo? Und bei welchem Anlasse? Der Finanzer forderte ein Viertel Spezialwein, und der Bursch wandte sich ihm nun mit dem Gesicht zu. Beim Anblick des Mannes in Finanzeruniform erschrak der Bursche und bekundete große Betroffenheit. Jetzt erkannte ihn Anton; der Bursch war vor wenigen Tagen in der Kaserne zur Ausspekulierung und entfloh dank der Ungeschicklichkeit des Respizienten. Seltsam, daß dieser Bursch im Dienste des Weinwirtes Wüsteler steht. Sollte der Bursch auf eigene Faust Ausspekuliererdienste leisten? Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß er im Auftrage seines Brotherrn spioniert? Dann aber ist Wüsteler unzweifelhaft das Haupt einer Schmugglervereinigung.

Ein Ruf des Wirtes veranlaßte Anton in eine dunkle Ecke zu treten, und gleich darauf kam Wüsteler herein mit leeren Flaschen. »Seppl, isch noch genug Spezial im Fäßle?« frug der Wirt, verstummte aber sofort auf ein Zeichen des Kellerburschen und richtete einen forschenden Blick auf den Finanzer. »Sind Sie dienstlich hier?« frug der mißtrauische Gastgeber. Anton verneinte. Beruhigt ging Wüsteler mit den gefüllten Flaschen wieder hinaus in den Garten.

Bald darauf lief flinkfüßig Zenzele herein und begrüßte freundlich den Finanzer. »Sie kommen wegen Flock? Einen Augenblick Geduld! He, Seppl, fülle die Flaschen, sie gehören an Merkles Stammtisch, trag' sie hinaus. Ich bin gleich wieder da!«

Zenzele flüsterte Anton, der nicht wußte, wie ihm geschah, zu, ihr zu folgen. Das Mädchen schritt elastisch die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, und Anton folgte nach in den finsteren Gang. Eine Türe ward aufgeschlossen, und gleich darauf schimmerte ein Lichtstrahl durch die halboffene Tür. Ein leiser Ruf lud zum Eintreten ein.

Anton stand nach wenigen Schritten in Zenzeles Stube und sah zu seinem Erstaunen, daß das Mädchen seinen Flock behaglich gebettet und mit einem Flaumpolster zugedeckt hatte.

»Hier isch mein lieber kleiner Patient!« sagte Zenzele.

Flock hatte den Herrn und Gebieter schon gewittert und arbeitete sich empor, freudig winselnd. Das durchbissene Läufchen trug das Hündchen im sorglich angelegten Verband.

Gerührt blickte Lergetbohrer auf das Mädchen, das erglühend am Bette stand und Flock zärtlich streichelte.

Innig dankte Anton für die dem Hündchen erwiesene Sorgfalt und Pflege, doch Zenzele wehrte jeglichen Dank ab.

»Lassen Sie mir Flock, bis das Beinchen wieder heil isch! Ich will das Hundele pflegen, so gut ich nur kann! Holen Sie Flock später, ja?!« Das klang so lieb, daß Anton die Bitte nicht abzuschlagen vermochte. Zudem machte Flock keine Anstalten, das weiche Bettlager zu verlassen.

»Willst du wirklich bei dem Frauele dableiben, Flock?« frug Anton und strich dem klug aufblickenden Hündchen über den Kopf. Flock wedelte mit dem Rutenstummel und blieb im Bett liegen.

»Sehen Sie, Flock will bei mir bleiben!« lachte Zenzele vergnügt. »Also lassen Sie mir den Hund einstweilen!«

»Gern! In bessere Hände könnte mein Liebling ja nicht kommen!«

Nun drängte Zenzi aber mit dem Hinweis, daß sie die Gäste bedienen müsse.

Anton verließ die Stube unter herzlichen Dankesworten und wartete im Gang. Zenzi deckte Flock wieder zu, verlöschte das Licht und schloß die Stube ab. Im finsteren Gang flüsterte das Mädchen Anton zu, er möge sich des öfteren nach Flock umsehen, und huschte dann die Treppe hinab. Verwirrt begab sich nun Anton ins Erdgeschoß, zahlte das Viertele Wein und ging in die Kaserne zurück.

Hier erwartete ihn eine neue Überraschung. Eiselt hatte den Befehl erhalten, seinen Oberaufseher nach Buchs abzugeben, wo plötzlich zwei Mann des Revisionsdienstes erkrankt waren. Lergetbohrer muß also zur Aushilfe auf einige Zeit in das schweizerische Grenzstädtchen Buchs, und zwar morgen mit dem ersten Zuge.

III.

Die Meldung zum Dienst im Bahnhofe Buchs hatte Lergetbohrer ordnungsgemäß erstattet und darauf vom dortigen Kommissär die Weisung erhalten, in besonderem Maße die vollste Aufmerksamkeit auf den schwungvoll betriebenen Zigarrenschmuggel aus der Schweiz zu verwenden. Daß geschwärzt werde, unterliege keinem Zweifel, nur sei es bisher nicht gelungen, jemanden trotz schärfster Kontrollierung abzufassen. Von Wien sei ein Erlaß gekommen, besonders in Buchs scharf aufzupassen, denn es würden in der Reichshauptstadt auffällig viele Schweizer Zigarren vertrieben, die mutmaßlich über Buchs nach Oesterreich eingegangen sein dürften. Begreiflicherweise wirkte solcher Wink von oben in Buchs aufregend, und die Vorgesetzten schärften das strengste Vorgehen ein.

Anton hatte schweigend zugehört; die Unterweisung ist wertvoll, doch glaubt der Oberaufseher nicht, daß Reisende den ob der enormen Strafhöhe gefährlichen Zigarrenschmuggel betätigen, wenngleich Anton zur Stunde nicht sagen kann, wer solchen Schmuggel, und zwar im großen betreibt.

Nach der Entlassung vom Kommissär wurde Lergetbohrer in den Dienstturnus eingereiht, der infolge der Erkrankung zweier Revisionsaufseher begreiflicherweise anstrengend sein muß. Jede zweite Nacht trifft Anton der Nachtdienst im Bahnhofe, und auch tagsüber ist viel Dienst zu machen.

Lergetbohrer benützte den nächsten dienstfreien Tag zu einem Orientierungsgang in das Städtchen. Viel ist ja nicht zu sehen, ein kleiner Ort wie andere auch, doch belebt durch den Grenzverkehr. Beim Anblick der Zigarren- und Tabakhandlungen, die im Gegensatze zu österreichischen Verhältnissen meist mit Spezerei- und sonstigen Handlungsgeschäften verbunden sind, gedachte Anton unwillkürlich der Weisung, im Zolldienst auf den Zigarrenschmuggel besonders zu achten; doch mußte der Oberaufseher lächeln bei dem sich aufdrängenden Gedanken. So dumm wird ja doch wohl kein Mensch sein, am hellen Tage hier Zigarren kistchenweise einzukaufen und zur Bahn zu bringen. Vollzieht sich der Schmuggel jedoch im Landwege, so hat das die Zöllner im Bahnhofe nichts zu kümmern.

Behaglich des freien Tages sich freuend, schlendert Anton durch die Gasse und gönnt sich in einem Brauhause einen Trunk Schweizer Bieres. Der Zufall gibt anregende Unterhaltung mit Buchser Bürgern, aus dem einen Glase wurden mehrere, die Stunden schwinden. Ein niedergehender Platzregen vereitelte die Heimkehr; man muß warten, und so wird es Abend, als Lergetbohrer durch die Dämmerung und den feinrieselnden Regen den Weg zum Bahnhofe antrat.

Wie Anton abermals an einem Tabakgeschäft vorüberkommt, verläßt ein Mann den Laden, umhüllt von einem Mantel. Vorsichtig blickt der Mann um sich und schlägt die Richtung zum Bahnhof ein. Das scheue Gebaren und die Stellung der Arme unter dem Mantel erregen die Aufmerksamkeit Lergetbohrers. So hält man die Arme nur, wenn selbe irgendwelche Last zu umfangen und zu tragen haben.

Unauffällig folgt Anton jener Gestalt, die indes nicht in den Bahnhof eintritt, sondern seitlich des Gebäudes die Schienen überquert und vor einem österreichischen Bahnpostwagen anhält. Um eine Hand frei zu bekommen, legt der Mann eine Anzahl Pakete auf das Laufbrett, öffnet rasch die Türe, gibt den Ballast hinein und verschwindet dann selbst im Dienstwagen.

Überrascht steht der Oberaufseher hinter einem in der Nähe befindlichen Güterwagen und luegt vorsichtig aus. Wenn da nicht ein postalischer Schmuggel inszeniert wird, dann versteht Anton vom Finanzdienst nicht das mindeste.

Doch zum Einschreiten ist es zu früh. Einstweilen kann der Mann, welcher ein Ambulanzbeamter zu sein scheint, Waren im Bahnpostwagen aufstapeln, so viel er will. Wird aber der zusammengestellte Zug morgen vor Abfahrt revidiert, dann haben die Waren großes Interesse für die Zöllner.

Lergetbohrer braucht nicht lange zu warten; der Mann kommt wieder aus dem Wagen und begibt sich, jetzt erheblich schlanker an Gestalt, abermals zur Stadt zurück.

Eine weitere Beobachtung hält der Oberaufseher für unnötig; auch ruft ihn der in einer halben Stunde beginnende Nachtdienst zu Amt. Birgt der Bahnpostwagen Konterbande, wird sich das ja morgen vor Abgang des Zuges nach Innsbruck zeigen.

An nächsten Tage hatte Anton turnusgemäß den Mittagsschnellzug nach Innsbruck-Wien zu revidieren, und dieser Dienstarbeit sah er mit großer Spannung entgegen.

Der Zug von Paris-Zürich lief mit kleiner Verspätung ein, und alsbald entwickelte sich der übliche Rummel, der diesmal dadurch gesteigert wurde, daß zahlreiche Russen ankamen, die von Zollrevision ihres Gepäck nichts wissen wollten und sich nur schwer begreiflich machen ließen, daß ohne Revision das Gepäck nicht durchgelassen werde.

Anton stand am Zug und wartete auf den diensttuenden Assistenten zur Kontrolle des Bahnpostwagens. Der schweizerische Bahnpostwagen war schon abgekuppelt und weggefahren worden; eben schob die Maschine den österreichischen sogenannten Ambulanzwaggon heran, aus dessen einem Fenster der Beamte heraussah. Die Eisenpuffer erklangen hell, ein kurzes Rütteln, der Bahnpostwagen wird angekoppelt, die Zugleine gezogen, worauf die Dampfpfeife gellend ertönt. Es folgt die Probe der Vakuumbremse; der Eisenbahnbeamte vom Dienst überprüft die Ausfahrtswechsel, das Zugschlußsignal und überreicht dem Zugführer den Fahrbericht. Drinnen in der Halle ist zum größten Teile die Revision beendet, die Reisenden stürmen heran und nehmen die Plätze wieder ein. Ein Hasten und Jagen, Lärmen, wie es bei Schnellzügen nun mal üblich und nicht zu vermeiden ist.

Das erste Zeichen zur Abfahrt ist gegeben, der Portier mahnt die Nachzügler zum Einsteigen. Lergetbohrer hat sich vor dem österreichischen Bahnpostwagen aufgestellt, und kaum ist der Postbeamte seiner ansichtig geworden, beginnt er, der bisher gemächlich vom Fenster aus das Getriebe betrachtet hatte, mit großer Hast Briefe zu sortieren, und gebärdete sich, als sei er enorm mit dringender Arbeit überlastet.

Dies ist Anton nicht entgangen; mit einer gewissen Sehnsucht erwartet er den Assistenten und den Befehl zur Durchsuchung. Schon taucht der schweizerische Bahninspektor auf, der als gewissermaßen Hausherr der Abfahrt des österreichischen Zuges beizuwohnen pflegt, und sein Erscheinen ist immer das Signal, daß zur Abfahrt nur noch wenige Minuten fehlen.

Anton ist's, als stehe er auf glühendem Eisen, er brennt vor Ungeduld. Endlich springt der Zollassistent Ribler herbei und fragt Lergetbohrer, ob alles revidiert sei im Zuge.

»Der Bahnpostwagen ist noch nicht revidiert!«

»Also flink hinein!«

Mit einem Satz schwingt sich Anton in den Wagen und richtet an den wie toll mit den Briefen herumwerfenden Postbeamten die scharfklingende Frage: »Haben Sie Zigarren mit?«

Nervös antwortet der Postbeamte: »Nein! Was glauben Sie denn? Sie sehen, daß ich vollauf beschäftigt bin! Ich habe keine Zeit zum Schwärzen!«

An der offenen Türe erscheint der ungeduldige Assistent und ruft herein: »Sind Sie fertig, Lergetbohrer?«

»Nein, Herr Assistent! Ich will eben die Untersuchung des Wagens vornehmen!«

»Dann rasch vorwärts! Wir haben nur noch eine Minute!«

Flink und gewandt durchsucht Anton den Wagen, fordert die Öffnung aller Behältnisse und guckt hinein. Die Postbeutel werden in die Höhe gehoben, nichts liegt unter denselben. Alles, selbst die Toilette wird besichtigt. Nichts zu finden.

Assistent Ribler drängt auf Abfertigung. Anton wird nun auch erregt, weiß er doch bestimmt, daß der Wagen Konterbande birgt. Wo aber ist diese verborgen?

Draußen rufen die Kondukteure das »Fertig!« Der Abfertigungsbeamte läuft zum Zollassistenten und fragt: »Ist Zollamt fertig? Ich muß abfahren lassen!«

Der Assistent schreit in den Wagen: »Zum Teufel, Lergetbohrer, machen Sie, daß Sie 'rauskommen! Der Zug fährt ab!«

Jetzt schien der Posterer sich sicher zu fühlen; frech äußerte er: »Was wollen S' denn noch?«

Wütend rief nun Anton: »Geben Sie die Zigarren heraus! Gutwillig!«

»Ich habe keine Zigarren!«

»Heraus damit! Sie haben die Zigarren gestern abend halb neun Uhr selbst in den Wagen getragen!«

»Ich?« stotterte bestürzt werdend der Postbeamte.

Unterdessen war auch der schweizerische Inspektor zum Postwagen gekommen und rief ungehalten: »Was hent Ihr? Ab das Zügle!«

Und auch der Zollassistent forderte Schluß der Revision.

Lergetbohrer schwitzte vor Aufregung, trat an die Tür und meldete: »Herr Assistent! Bitte, lassen Sie diesen Postwagen abkuppeln und den Mann da verhaften!«

»Haben Sie Konterbande gefunden?«

»Noch nicht! Aber der Wagen hat Konterbande, ich weiß es bestimmt!«

»Sind Sie toll? Ich kann die Verspätung des Zuges und die Zurückhaltung der Post nicht verantworten!«

»Dann übernehme ich alle und jede Verantwortung bei Gefahr der Dienstentlassung!«

»Zum Kuckuck! Was wissen Sie, Lergetbohrer?«

Mit fliegendem Atem meldete Anton seine gestrige Beobachtung, und nun wendete sich das Blatt. Kategorisch und so laut, daß es auch der Fahrpostbeamte hören mußte, forderte der Zollassistent vom Jourbeamten sofortige Abkuppelung des Postwagens.

Alles schrie vor Überraschung.

Scharf befahl Ribler kraft seines Amtes: »Der Bahnpostwagen bleibt hier, wird plombiert. Polizei her, der Fahrpostbeamte wird verhaftet!«

»Abkuppeln!« schrien der schweizerische Inspektor sowie der österreichische Jourbeamte, und behende sprangen Arbeiter heran, diese Arbeit flink zu verrichten. Bleich bis in die Lippen stand der Ambulanzer, den Lergetbohrer zum letztenmal aufforderte, die geschmuggelten Zigarren herauszugeben.

»Ausg'hängt!« schrien die Arbeiter; der Wagen ist abgekuppelt.

Zitternd riß der Ambulanzer jetzt den Sortiertisch von der Wand und die gegen dieselbe gerichteten Schubladen auf, in welchen die Zigarrenkistchen lagen.

»Ha!« rief triumphierend Anton und packte die nun doch erwischte Konterbande.

Verzweiflungsvoll gebärdete sich der Ambulanzer und flehte händeringend um Barmherzigkeit. »Machen Sie mich im Dienst nicht unmöglich!«

Lergetbohrer reichte die gesamte Konterbande heraus, vier Kistchen Prisagozigarren, die der Zollassistent sofort ins Amtszimmer tragen und wiegen ließ.

Inzwischen wurde der Postwagen wieder angekuppelt. Voll der höchsten Neugierde betrachteten die Reisenden aus den Waggonfenstern den ungewöhnlichen Vorgang, der solche abnorme Verspätung verursacht.

Der Ambulanzer mußte mit in die Kanzlei, wo ein Protokoll aufgenommen wurde.

Das ermittelte Gewicht ergab 3,8 Kilo Zigarren. Rasch ward gerechnet: Bei einem Zoll von ö.W. fl. 52,50 pro 100 Kilo geben 3,8 Kilo aufgerundet fl. 2,–, hierzu Lizenzgebühr für Einfuhrerlaubnis mit fl.11,– pro 1 Kilo fl. 41,80, in Summa fl. 43,80. Laut Gesetz kommt dazu die fünffache Strafe für die Zollgebührhinterziehung, macht zusammen ö.W. fl. 219,–.

Der Ambulanzer fiel schier in Ohnmacht bei dieser für seine Verhältnisse entsetzlichen Ankündigung. Vier Monatsgagen sind verloren.

»Das Geld haben Sie wahrscheinlich nicht bei sich!« meinte der Assistent. »Wir lassen Sie nach Unterzeichnung des Protokolls abfahren. Das Weitere wird die Untersuchung ergeben.«

Zitternd unterschrieb der schier gebrochene Fahrpostbeamte das Protokoll und wankte hinaus in seinen Dienstwagen.

»Gute Reise!« wünschte der Assistent, der nun mit schallender Stimme am Zuge verkündete: »Zollamt fertig!«

»Abfahrt!«

Ein Pfiff und der Schnellzug rollte mit zweiunddreißig Minuten Verspätung aus dem Buchser Bahnhof.

So ward ein Hauptzigarrenschmuggler abgefaßt. Und dieser geglückte Fang hatte zur Folge, daß tagtäglich die Tische der Postwagen untersucht wurden. Es fiel aber nur noch ein einziger Ambulanzer herein. Die anderen waren gewarnt und ließen die Finger von dem gefährlichen Schmuggel.

Doch verging kaum eine Woche, kam von Wien wieder ein Wink, daß trotz alledem immer noch Zigarren und Seidenwaren eingeschmuggelt würden, daher besonders in Buchs die größte Wachsamkeit betätigt werden solle.

Es war nun naheliegend, daß Lergetbohrer ersucht wurde, der verzwickten Angelegenheit in specie nachzuforschen, zu welchem Zweck er vom Bahnrevisionsdienst entbunden wurde und die Erlaubnis erhielt, in Zivil seinen Dienst ohne behördliche Kontrolle zu versehen.

Das ist nun auch zweifellos ein ehrenvoller Auftrag, aber ein ebenso heikler, denn es fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, wo die Nachforschungen einzusetzen hätten.

Lergetbohrer beschloß, sein Äußeres etwas zu verändern und opferte den Schnurrbart, den er sich im Städtchen abnehmen ließ. Vor dem Spiegel im Friseurladen stehend, mußte Anton lächeln über den eigenen Anblick und die Verwandlung. Nützt selbe nichts, dann ist es wirklich schade um das gebrachte Opfer.

Wo nun beginnen?

Die österreichischen Kondukteure wurden scharf überwacht und Stichproben insofern vorgenommen, daß ihre Ledertaschen bei Dienstantritt untersucht wurden. Das Resultat blieb null wie bei den Wagenbremsern.

Einige Zeit überwachte Lergetbohrer unauffällig in Zivil auch die Wagenputzer bei ihrer Tätigkeit und untersuchte nach deren Arbeitsvollendung mit Zustimmung der Bahnverwaltung jedes Coupé auf das sorgfältigste. Von Tabak und Zigarren wurde nicht das geringste gefunden, dafür aber Kaffeebohnen, die sich in den Polstersitzen, vorwiegend in den Coupés erster Klasse, befanden.

Das ist eine hübsche, überraschende Entdeckung, welcher nachzugehen Anton in der nächsten Zeit beschloß.

Nachdem nun Postbeamte, Kondukteure, Bremser und Wagenputzer nicht schwärzen, wer vom Eisenbahndienst könnte des Schmuggelns verdächtig sein? Bleibt nur noch das Maschinenpersonal übrig, sofern überhaupt auf der Eisenbahn und von Eisenbahnern geschmuggelt wird.

Schon am gleichen Tage, da Anton auf diesen Gedanken gekommen, umschlich er die zur Abfahrt nach Österreich bereitstehenden Lokomotiven und gewahrte, daß merkwürdigerweise die Finanzwachaufseher an den Lokomotiven völlig achtlos vorübergehen und die Zugrevision stets erst vom Dienstwagen an beginnen. Bei solch obwaltenden Verhältnissen lag es nahe, das Verhalten des Maschinenpersonals zu überwachen. Doch so oft und scharf Lergetbohrer in harmlosester Weise die Leute auf den Lokomotiven beobachtete, es fand sich nicht der leiseste Anlaß zu einem Verdacht, oder die Maschinisten und Heizer fühlen sich sicher. Daß etwaige Konterbande nur im Tender, und zwar unter den Kohlen versteckt sein könne, davon war Anton überzeugt. Er meldete sich beim Kommissär und bat um Order, speziell und mit Legitimation in Zivil Stichproben vornehmen zu dürfen.

Der Kommissär schien aber eher geneigt, jeden Tender eine Zeitlang durchsuchen zu lassen.

Anton gab zu bedenken, daß schon die Untersuchung der Kohlen au einem Tage genügen werde, die etwaigen Schmuggler für immer zu warnen, und dann werde eben nichts abgefaßt, soferne die ersten Untersuchungen kein Ergebnis haben sollen.

»Was ist dann Ihr Plan?« frug der Kommissär. »Ich möchte mit Ihrer Erlaubnis und mit Genehmigung der Bahnverwaltung des öfteren in Zivil in Postzügen mitfahren und beobachten. Vielleicht ergibt sich in Feldkirch ein Resultat!«

»Der Plan gefallt mir!« sagte der Kommissär und erwirkte für den findigen Oberaufseher einen Freifahrtschein zu Dienstreisen. Wenige Tage später vollführte Anton seinen Plan mit kecker Zuversicht. Er verlegte sich zunächst auf das Spähen während der Zugsaufenthalte und überwachte das Personal in Feldkirch, wo die Maschinisten und Maschinen wechseln, da die direkten Wagen Zürich-Buchs-Wien in Feldkirch auf den von Bregenz gekommenen Schnellzug geschoben werden.

So war Lergetbohrer eines Tages mit dem Vormittagspersonenzug nach Feldkirch gefahren, und sofort nach Verlassen des Wagens schlenderte der Finanzer in Zivil dem Heizhause zu, wohin die Maschine nach erfolgter Abkuppelung fuhr. Unbemerkt schlich er näher und hielt sich versteckt. Es ist auffallend, daß trotz Außerdienststellung der Lokomotive der Führer wie der Heizer sich so viel zu schaffen machen. Die Maschine faßt ersichtlich keine Kohlen, und dennoch dringt ein Geräusch zu Anton herüber, wie wenn Kohlen geschaufelt würden.

Ohne Assistenz kann der Finanzer nicht dienstlich vorgehen; zudem erschwert seine Zivilkleidung ein Anhalten der verdächtigen Personen. Wo aber schnell einen Kollegen finden?

Auf die Gefahr hin, daß den Schmugglern das Werk gelingt, verläßt Lergetbohrer sein Versteck und läuft quer über die Schienen dem Bahnhofe zu. Bedienstete wollen den Zivilisten wegen verbotenen Überschreitens der Geleise anhalten; sie springen dem vermeintlich frechen Frevler nach. Der Lärm lockt Stationsbeamte aus den Kanzleien; Anton wird aufgehalten und ruft erregt: »Ich bin im Dienst! Bitte mich nicht aufzuhalten! Es ist Gefahr im Verzug!«

Man holt den Stationsvorstand, der auf Legitimation besteht. Ein Finanzer in Zivil und doch im Dienst, solches Novum ist dem Eisenbahner fremd; doch die Legitimation scheint unanfechtbar zu sein.

Lergetbohrer drängt, er muß Assistenz holen, es gilt höchste Eile. Unbemerkt hatte sich der Gruppe ein Herr in Zivilkleidung genähert, der sich für den Fall zu interessieren schien. Kaum hörte er, daß Lergetbohrer Finanzwachoberaufseher und im Dienst sei, Assistenz brauche und auf sofortiger Freilassung bestehe, da stellte sich der Herr dem Stationsvorstand als Finanzwache-Bezirksleiter aus Feldkirch vor und bat zugleich, den Sistierten sofort freizugeben. Dies geschah nun augenblicklich. Lergetbohrer mußte mit dem Herrn zur Seite treten und rapportieren.

Wenige Minuten später näherten sich beide dem Heizhause, aus welchem der Heizer eben trat mit einem Ballen auf dem Rücken. Ahnungslos wollte er an den Zivilisten vorbeigehen. Doch der Bezirksleiter stellte den Mann und erklärte ihn für verhaftet.

Nach kurzem Wortwechsel wollte der Heizer den Sack abwerfen und flüchten, doch Lergetbohrer griff rechtzeitig ein. Der Fang ist doch noch, allerdings durch den Glücksfall der Anwesenheit eines Vorgesetzten, gelungen. Der Heizer gestand auf Vorhalt, daß der Ballen Konterbande enthalte, und bat flehentlich um Schonung seiner Existenz. Um die Folgen eines Schmuggels haben sich die Finanzer aber nicht zu kümmern; der Mann mußte den Ballen wieder auf die Schulter nehmen und zur Finanzwachkaserne tragen, wo sich ergab, daß die Konterbande aus kostbaren Seidenstoffen besteht. Nun nahm der Dienst seinen vorgeschriebenen Lauf. Sowohl der Heizer wie auch der Lokomotivführer, letzterer wegen Beihilfe zum Schleichhandel, wurden der Gendarmerie übergeben und Untersuchung eingeleitet.

Der Fall gab Veranlassung zur Durchsuchung der Maschinen und Kohlenvorräte sowohl bei Abfahrt in Buchs, wie bei Ankunft in Feldkirch, und es glückte noch einige Male, Schmugglerwaren aufzugreifen. Natürlich zeterte die Betriebsverwaltung über Zugverspätungen und Entziehung von Maschinenpersonal, welch letztere die Verwaltung zwang, rasche Aushilfe von größeren Stationen kommen zu lassen; doch die Finanzwache vollzog unbeirrt ihren Dienst; dem Schleichhandel ward aber nun auch beim Maschinenpersonal ein Ende gesetzt; die Leute hüteten sich, Konterbande zu übernehmen.

Lergetbohrer fand die volle Anerkennung seines vorgesetzten Buchser Kommissärs und ward dann wieder dem gewöhnlichen Revisionsdienst, der in Uniform zu betätigen ist, zugeteilt.

Dieser Revisionsdienst im Bahnhofe ist nun allerdings nicht so strapaziös wie der Patrouillendienst, bei welchem die Finanzer allen Witterungsunbilden ausgesetzt sind; doch heißt es, im Bahnhofe zu allen von der Schweiz kommenden Zügen anwesend sein, und just dieses »Herhängen«, dieses »Angehängtsein« durch viele Stunden ist anstrengend. Der Rummel bei Zugsankunft bleibt immer gleich, die Revisionsaufseher sind da die fest und ruhig stehenden Felsen, um welche das erregte Bahnhofsleben brandet. Höflich, doch bestimmt wird die oft beiden Teilen, sicher aber dem nervösen Publikum lästige Revision vorgenommen. Da weigert sich einer, den Koffer zu öffnen; ein zweiter will die Effekten nicht persönlich herausnehmen; ein dritter versichert auf Ehrenwort, nichts Zollbares mitzuführen, und gebärdet sich aber so auffallend, daß auf der Effektendurchsuchung erst recht bestanden werden muß. Wird Zollpflichtiges gefunden, so verweist das Revisionsorgan den Reisenden samt den pflichtigen Effekten ins Zollbureau, und die weitere Amtshandlung ist Sache des diensthabenden Zollassistenten. Gefügig macht den Widerspenstigen die kühle Mitteilung, daß bei Verweigerung der Revision die Koffer in Buchs zurückbleiben. Drängt die Zeit und bleibt ein Reisender renitent, so wird ihm die Adresse abverlangt und eröffnet, daß sein Gepäck unter Zollverschluß an den Bestimmungsort abgehen und dort zollamtlich behandelt werden wird.

Lergetbohrer sollte in den nächsten Tagen Gelegenheit finden, neue Studien im Verkehr mit dem Publikum zu machen, zumal von Seite der Zollbehörde erneut eingeschärft wurde, dem Seidenschmuggel energisch zu steuern, welcher gewerbsmäßig von Wiener Firmen betrieben zu werden schien. Wie besessen wehrten sich namentlich Damen gegen die Zumutung, die Reisekoffer auf Seide durchsuchen zu lassen; allein es nützte alle Weigerung nichts, und die Reisenden hatten alle Ursache, der Kulanz der österreichischen Zöllner zu danken, welche sich mit der einfachen Versteuerung ohne Strafzusatz begnügte.

An einem Tage gab die Revision zum Schnellzug so viel Arbeit, daß das Personal erleichtert aufatmete, als der Eilzug abdampfte. Einige Stunden blieben dann dienstfrei, bis die Abendzüge wieder Arbeit brachten. Den Schluß bildet der gegen elf Uhr nachts in Buchs eintreffende Personenzug mit Anschluß nach Innsbruck-Wien, ein »Kriecher« im Vergleich zu den Expreßzügen, der denn auch höchst selten, nahezu niemals von vornehmen oder pressanten Reisenden benutzt wird. Das wissen die Zöllner wie die Eisenbahner; auch Lergetbohrer erfuhr das, bevor noch der »Bummelzug« in den Bahnhof polterte. Indes, Dienst bleibt Dienst, und so trat denn Anton an, und bald darauf fand sich der Zollassistent Ribler an der Barriere ein, an welche eine verblüffend große Anzahl Reisekoffer schwersten Kalibers von den Trägern geschleppt wurde. Anton zählte nicht weniger denn dreizehn Kolli und frug den Assistenten, ob irgendwelches Aviso eingelaufen sei.

»Ich weiß gar nichts!« erwiderte Ribler, ein schmächtiger, junger Mann mit klugen Augen, und begab sich zu dem älteren Herrn und einer distinguierten, gleichfalls bejahrten Dame, die beide diese Koffer überzählten. Die Rechte an das Dienstkäppi legend, grüßte der Assistent höflich und frug: »Haben die Herrschaften etwas Zollpflichtiges in diesen Koffern?«

Barsch erwiderte der Herr: »Unsinn! Wir führen nur getragene Kleider mit!«

»Ich bitte um Öffnung!« sagte Ribler und bezeichnete zwei Koffer, welche zur Stichprobe geöffnet werden sollten. »Lächerlich!« knurrte der Herr, schloß aber die bezeichneten Koffer auf.

Sowohl Ribler wie der Oberaufseher waren überrascht, denn trotz der trüben Ölbeleuchtung in der Halle waren sorgfältig verpackte, kostbare Seidenroben zu erkennen. Dem Assistenten entfuhr der Ausruf: »Das sollen getragene Kleider sein?« Und blitzschnell erinnerte sich Ribler des von Wiener Konfektionsfirmen gewerbsmäßig betriebenen Schleichhandels in Seidenroben.

»Jawohl!« lautete die Antwort.

Wieder beschaute der Assistent den kostbaren Inhalt dieser Koffer, und die weitere Frage lautet: »Enthalten die übrigen Kolli gleichfalls solche Stoffe und Kleider?«

»Ja!«

Der Assistent war einen Moment unschlüssig. Der Fall ist nicht geheuer, zum mindesten zweifelhaft, sofern dieses enorme Reisegepäck nicht einer hohen Herrschaft gehört. Um nun sicher und doch schonend gegen die nervöse Partei vorzugehen, zugleich nach den bestehenden Vorschriften handelnd, frug Ribler höflich: »Darf ich mir erlauben, Sie um Ihren werten Namen zu bitten?«

Die Erwiderung lautete erregt und abweisend. »Ich bin Reisender, und als solcher kann ich mitführen, was ich will!«

»Verzeihen der Herr! Es handelt sich lediglich um die Frage, ob diese ersichtlich kostbaren Effekten auch dem Stande, der Person und den Verhältnissen des Reisenden angemessen sind! Auf Grund meiner Dienstvorschriften muß ich fragen und bitte um gefällige Angabe des Namens und Berufes!«

Zornig und verletzend lautete die Erwiderung: »Ich wohne in Wien, Schottenring Nr. 12, dort können Sie sich erkundigen, wer wir sind!«

Lergetbohrer war nun überzeugt, daß ein Schleichhandelsversuch vorliege; der Assistent befand sich in einer engen Klemme. Nichts deutet auf vornehme Abkunft der Reisenden, die Koffer sind keineswegs auffallend, etwa mit einer Fürstenkrone oder dergleichen signiert, es fehlt die sonst bei hohen Herrschaften übliche Dienerschaft; die Kleidung des Paares ist allerdings elegant, aber Berufsschmuggler sind ebenso gekleidet und pflegen erster Klasse zu fahren. Ein böser Fall! Ribler erklärte die Antwort ungenügend und bestand auf Legitimation, sofern das Gepäck mit dem Nachtpersonenzuge mitgehen solle.

Jetzt war die Geduld des Reisenden erschöpft; erregt donnerte er über diese Schikanen an der österreichischen Grenze, die nirgends auf der Welt, selbst in Amerika, Australien und Afrika nicht vorkommen.

»Tut mir sehr leid! Ich erfülle nur meine Pflicht!«

»Und ich sage Ihnen, daß ich Beschwerde erheben werde. Erledigen Sie mein Gepäck nicht sofort, so werden Sie die Folgen zu tragen haben. Sehr unangenehme Folgen!«

»Der Folgen bin ich mir bewußt, mein Herr! Ich ersuche zum letztenmal um Angabe Ihrer Adresse!«

»Fällt mir nicht ein! Aber ich werde mich bei Seiner Majestät dem Kaiser von Österreich beschweren!«

Taktfest und unerschütterlich im Dienst erwiderte der Assistent: »Halt, mein Herr! Ich verbiete Ihnen, die Person unseres gnädigsten Monarchen in den Dunstkreis einer Zollabfertigung herabzuziehen!«

»Was? Sie niedriger Mensch! Sie wollen mir etwas verbieten? Jetzt befehle ich Ihnen, mein Gepäck augenblicklich zollfrei nach Wien abzufertigen!«

Lergetbohrer ward irre; der Assistent fühlte, wie sein Blut anfing rebellisch zu werden. Um das Paar bildete sich eine Gruppe von Reisenden und Bahnbediensteten, die mit gespanntester Neugierde der Entwickelung dieses Konfliktes entgegensah.

Ribler erklärte: »Sie haben mir gar nichts zu befehlen! Ich bin hier im Dienst und warne Sie vor jeder Berufsbeleidigung!«

»Augenblicklich erledigen Sie die Sache, oder ich telegraphiere nach Wien!« »Erstes Zeichen zum Einsteigen. Personenzug in der Richtung nach Feldkirch-Landeck-Innsbruck-Salzburg-Wien!« rief der Stationsportier in die Revisionshalle.

Krachend warf der rabiat gewordene Reisende die Kofferdeckel zu und schloß die zwei Kolli ab.

»Das sollen Sie mir büßen, Sie Flegel!«

Ribler ignorierte diese Beleidigung und proponierte dem erregten Paare als einzigen Ausweg, der noch übrig bleibt, da die Reisenden die Namensangabe verweigern: »Wenn Sie wollen, überweise ich das Gepäck im Ansageverfahren an das Hauptzollamt Wien und lasse die Kolli bahnamtlich instradieren. Dort können Sie unter entsprechender Legitimation Ihr Gepäck in Empfang nehmen, falls Sie in Wien Ihren Namen lieber nennen wollen.«

»Unerhört! Empörend! Ein Skandal sondergleichen!« zeterte die Dame.

»Eine Flegelei!« schrie außer sich der Herr, nahm die Dame an den Arm und schritt mit ihr auf den Perron hinaus.

Der Assistent zuckte die Achseln, auch Lergetbohrer weiß nicht, wie er diesen Fall deuten soll.

Auf das zweite Zeichen zum Einsteigen begab sich das Paar in ein Coupé erster Klasse; die übrigen Reisenden nahmen gleichfalls ihre Plätze im zur Abfahrt fertigen Zuge ein. Kaum war das Paar eingestiegen, verließ es wieder das Coupé und eilte in den Revisionssaal. Mit bebender Stimme, zorngerötet, rief der Herr dem Assistenten zu: »Dirigieren Sie augenblicklich mein Gepäck in den Zug! Ich bin Don Carlos, Infant von Spanien! Und die Dame hier ist meine Gemahlin, Donna Anna de Braganza!«

Stramm erwiesen die Zöllner Honneur, doch im Bewußtsein streng erfüllter Pflicht erklärte der Assistent: »Ich muß Ew. Königliche Hoheit jetzt um Legitimation bitten!«

»Was? Sie glauben meinem Wort nicht?«

»Es ist möglich! Aber nach dem ganzen Verlauf glaube ich es jetzt nicht mehr!« »Unerhört! Das kostet Sie die Charge!«

»Das wollen wir abwarten. Als Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses geben sich so viele Leute aus, um zollfreie Abfertigung zu erlangen, daß der Zollbeamte im Dienst auf Legitimation bestehen muß. Hätten Sie Namen und Stand gleich zu Beginn der Revision angegeben, wäre Ihre Angabe glaubhaft gewesen, wiewohl Allerhöchste Herrschaften uns Beamten den Dienst stets zu erleichtern und Dienerschaft mitzuführen pflegen, welch letztere bei der Gepäckrevision anwesend ist. Ich bedaure den Vorfall, er ist aber nicht meine Schuld!

»Eine unerhörte Flegelei! Augenblicklich lassen Sie mein Gepäck frei!«

»Nein! Die Koffer bleiben hier, werden amtlich plombiert und morgen mit dem Expreßzug nach Wien gehen!«

»Infam! Wir fahren gar nicht nach Wien!«

»So! Also ist Ihre vorige Angabe des Reisezieles unrichtig! Das Gepäck bleibt hier! Gehorsamster Diener!« Ribler salutierte.

»Höchste Zeit! Der Zug fährt in einer Minute ab!« rief der Portier.

»Das sollen Sie büßen!«

Mit dieser heiser gerufenen Drohung eilte das Paar an den Zug, stieg ein, und der Train verließ den nachtverhüllten Bahnhof Buchs.

Die Zöllner atmeten auf. Eine solche Revision hat noch keiner mitgemacht. Aufgeregt entfernten sich Ribler und Lergetbohrer aus der Halle, deren Lampen nun verlöscht wurden. Der Dienst ruht nun bis morgen früh.

Am nächsten Morgen galt alles Gespräch im Buchser Bahnhof dem nächtlichen Ereignis. Die wenigsten Leute glaubten an den hohen Stand des Paares zufolge der verdächtigen Umstände. Allerhöchste Personen fahren nicht eine qualvolle Nacht mit dem »Bummelzug« über den Arlberg ohne jegliche Dienerschaft. Außerdem wurde das Inkognito viel zu spät und ohne den Schatten eines Beweises gelüftet. Kein Wunder denn, daß die Zöllner glaubten, es sei ein Schleichhandelversuch gewesen. Ribler verständigte in einem Bericht über den Vorfall das Wiener Hauptzollamt. Mit dem Expreßzug wurden die dreizehn Koffer unter Zollverschluß an das Hauptzollamt Wien abgesandt. Nun sollen die Wiener Zöllner den kuriosen Fall erledigen. Das Buchser Amt hat seine Pflicht mit bestem Wissen und Gewissen erledigt.

Als sich die Aufregung über den Don Carlos-Vorfall gelegt hatte, erinnerte sich Lergetbohrer beim Anblick eines Schweizer Waggons erster Klasse seiner Entdeckung der vorgefundenen Kaffeebohnen, und sofort beschloß er, auf diesen Schmuggel sein besonderes Augenmerk zu legen. Es fiel dem Oberaufseher schon nach Umfluß einer Woche auf, daß an jedem dritten Tage eine sehr distinguierte Gesellschaft mit dem Feldkircher Morgenzug durch Buchs weiter in die Schweiz, am Abend aber wieder zurückfuhr, und zwar stets erster Klasse, und ohne jedes Handgepäck. Es waren zwei Damen, sehr elegant gekleidet, und ein Herr, noble Leute, denn der Herr spendierte den Stationsdienern, welche ehrerbietig den Wagenschlag öffneten, stets ein Trinkgeld, weshalb diese Reisenden mit größtem Respekt behandelt wurden. Das müssen nun Ausflügler sein. Anton fand es aber auffällig, daß derlei Ausflüge so regelmäßig und ohne jegliches Handgepäck gemacht wurden. Letzterer Umstand hatte die natürliche Folge, daß die drei Reisenden stets unbehelligt durch die Revisionshalle schreiten und den bereitstehenden österreichischen Zug nach Feldkirch besteigen konnten. Ob darin nicht eine Absicht steckt? Das Mitführen auch nur einer winzigen Handtasche würde eine Revision bedingen.

Anton blieb auch an dienstfreien Tagen im Bahnhofe und hatte in der zweiten Beobachtungswoche herausgefunden, daß die drei erster Klasse-Reisenden auf der Hinfahrt in die Schweiz bedeutend agiler den österreichischen Zug in Buchs verlassen und den Schweizer Train besteigen, als umgekehrt auf der Rückfahrt von der Schweiz. Völlig steif entstiegen die Herrschaften dem Schweizer Train, gingen schwerfällig durch die Revisionshalle und kletterten auffallend steif, gespreizt in das Coupé erster Klasse des Zuges nach Feldkirch. Kaum war der österreichische Zug abgefahren, eilte Lergetbohrer hinaus zum schweizerischen Waggon und begann die Polster und namentlich die Ritzen sorgfältig zu untersuchen. Richtig befanden sich wieder vereinzelte, offenbar verlorene Kaffeebohnen in den Fugen. Nun verdichtete sich die Mutmaßung zur Überzeugung, der Verdacht ward zur Gewißheit.

Anton behielt seine interessante Entdeckung für sich und wartete auf das nächste Erscheinen der distinguierten Ausflügler. Unbeanstandet konnte die Gesellschaft in die Schweiz fahren. Die Zwischenzeit benutzte Lergetbohrer zu einem Rapport an den Kommissär, und nun wurde die Buchser Revisionsfrau zum Abendzug bestellt. Der Kommissär fand sich persönlich, doch in Zivil, ein, um das Aussteigen der verdächtigen Reisenden zu beobachten. Und Lergetbohrer hatte Auftrag, die Gesellschaft anzuhalten und in das österreichische Zollbureau zu verbringen. Der Abendzug von St. Margarethen lief in Buchs ein. Schwerfällig entstieg der Herr dem Coupé erster Klasse und half den merkwürdig korpulenten Damen beim Aussteigen. Steif begaben sich die drei Reisenden, auch diesmal ohne Handgepäck, nur mit Schirmen versehen, zum Halleneingang.

Der Kommissär hatte genug gesehen, drehte sich in der Richtung zum Eingang in die Revisionshalle und nickte Lergetbohrer zu, der sich dort in Uniform aufgestellt hatte und nun die Herrschaften höflich, doch bestimmt ersuchte, sich gefälligst ins Zollbureau zu begeben.

Die Damen vermochten Schreckensrufe nicht zu unterdrücken, der Herr aber protestierte entrüstet gegen jegliche Beanstandung, zu welcher nicht der geringste Anlaß vorliege, und forderte Rücksicht auf Passagiere erster Klasse.

Ob solchen Verlangens mußte Lergetbohrer schmunzeln, bestand aber auf der Sistierung, die natürlich großes Aufsehen erregte. Die Reisenden leugneten, auch nur die geringste Konterbande mit sich zu führen. Doch es nützte alle Weigerung und halfen alle Proteste nichts. Die Damen wurden in ein Seperatgelaß geführt und von der beeideten Revisionsfrau durchsucht. Das Ergebnis war überraschend, selbst für den Kommissär und Lergetbohrer. Die Unterröcke der Damen, von der Frau herausgebracht, hatten zahlreiche Rundfalten auf etwa zwei Zentimeter Entfernung voneinander, ringsherum sorgfältig abgenäht, und jede Falte war mit Kaffeebohnen angefüllt und durch Knöpfchen verschlossen. Der Herr trug, wie dessen Durchsuchung ergab, einen langflügeligen Rock, innen voll gesteppter Falten, gefüllt mit Kaffeebohnen im Gesamtgewicht von – achtzehn Kilogramm. Die Damen hatten jede fünfzehn Kilogramm Kaffee bei sich. Daher der steife Gang. Auf jeder Fahrt von der Schweiz nach Österreich hatten die Herrschaften bisher rund vierundzwanzig Gulden Zoll »erspart«. Diesmal freilich kam infolge der verhängten sechsfachen Steuer der Kaffee etwas teuer. Mit dieser ingeniösen Kaffeeschwärzung war es aber für immer aus und vorbei. Die ertappte Gesellschaft wurde verhaftet, doch gestattete der Kommissär, daß sie um Geld telegraphieren durfte. Sie wurde erst nach Erlag aller Gebühren und des Strafbetrages in Freiheit gesetzt. Die Untersuchung wegen frevelhaften Schleichhandels wurde nach Feststellung der Namen usw. sofort eingeleitet. Die Behörde gab die »Kaffeereisenden« sodann frei, und schlank, mit einer »angenehmen« Erinnerung reisten die Herrschaften in die nahe Heimat zurück.

Der Kommissär sagte zu Lergetbohrer: »Sie sind eine Perle für unsern Dienst!«

Noch einmal sollten die Zöllner in Buchs in Aufregung versetzt werden; es kam von Wien die amtliche Nachricht, daß die inhibierten dreizehn Kolli nicht reklamiert, daher als Schleichgut konfisziert worden seien. Dem Assistenten Ribler wurde amtlich eröffnet, daß er völlig korrekt im Dienst vorgegangen sei, auch für den Fall, daß bei Verweigerung der Namensnennung der Reisende wirklich eine Persönlichkeit von höchstem Rang gewesen wäre. Solche Anerkennung tat wohl und munterte zur treuesten Pflichterfüllung auf.

IV.

Was seit Monaten in Bregenz gerüchtweise im Umlauf gewesen, hatte Bestätigung gefunden zu Schrecken der Weinwirte und Mosthändler. Bislang war die allgemeine Verzehrungssteuer von Wein und Most aus Wein und Obst in der Weise verpachtet gewesen, daß ein Generalpächter die vom Ärar für den Stadtbezirk Bregenz angesetzte Summe zahlte und sich bezüglich der von den Steuerpflichtigen zu erlegenden Teilsummen mit den Parteien abfand.

Nun kam aber der Bregenzer Finanzwachkommissär auf Grund genauer Erhebungen und Berechnungen für Einfuhr und Verbrauch von Wein und Obst seitens der Wirte und sonstigen Verkäufer zu der Überzeugung, daß die Pachtsumme in einem Mißverhältnis zum Konsum stehe, und daher wurde bei der Oberbehörde der Antrag auf Erhöhung jener Generalsumme aus der Verzehrungssteuer gestellt und angenommen. Die Folge davon war, daß der Pächter verhalten wurde, eine höhere Summe an das Finanzärar zu bezahlen. Das konnte und wollte jedoch der Pächter nicht; er trat von der Pachtung zurück, um sich mit den Steuerpflichtigen nicht zu sehr zu verfeinden, was bei schärferem Anziehen der Steuerschraube unvermeidlich erscheinen mußte.

Der Rücktritt des Pächters hatte die Folge, daß die Finanzverwaltung die erhöhte Verzehrungssteuer selbst erheben mußte, und zwar durch die Finanzwache für den Innendienst.

Dieser Modus der Einhebung hatte die Weinwirte in Aufregung gebracht, denn nun ist jeder Weinschenker gehalten, jedes Weinquantum, das im Umkreise einer halben Stunde von seinem Keller- und Schanklokale eingebracht wird, vor der Einkellerung anzumelden und beim Anzapfen jedes Weinfasses zu versteuern. Und über die Einkellerung, Versteuerung und Auskellerung bzw. Ausschank müssen Revisionsbogen geführt werden, deren Kontrollierung zu jeder Tages- und, wenn es nötig befunden, auch zur Nachtzeit der Finanzwache obliegt.

Diese Kontrolle ist für die Betroffenen ebenso lästig wie für die Organe der Finanzwache, doch für die genaue Erhebung der Verzehrungssteuer unerläßlich; sie rückt außerdem die Gefahr einer Aufdeckung von Steuerhinterziehungen nahe, da das Ausschanksquantum immer mit der Quantumsziffer des Faßinhaltes im Revisionsbogen stimmen muß, und eine Differenz schon eine Steuerhinterziehung bedeutet. Es ist sonach die Steuereinhebung in eigener Regie der Finanzverwaltung von einschneidender Wirkung, eingreifend in die Verhältnisse der Wirte und in den Weinverkauf im kleinen. Der neue Modus trat zum bestimmten Termin in Kraft und brachte eine völlige Umwälzung im Verzehrungssteuerwesen mit sich. Die Finanzwache für diesen Innendienst bekam Arbeit in Fülle, denn kontrolliert ein Finanzwachmann am Vormittag, muß ein zweiter am Nachmittag dessen Eintrag im Revisionsbogen und den Faßinhalt abermals revidieren. Der geringste Verdacht einer Absicht zur Steuerhinterziehung genügt, um auch noch eine dritte Kontrolle an einem Tage vorzunehmen.

Es läßt sich denken, wie die Steuerpflichtigen diese Umwälzung aufnahmen, aber Kontrolle muß der Ärar haben, es geht nicht anders.

Bei Wüsteler wirkte die amtliche Mitteilung der Regiesteuereinhebung geradezu niederschmetternd. Just ihm hatte das nur gefehlt, daß die Finanzer in seinem Keller aus- und eingehen, und daß die Gücksler Stammgäste werden.

Stundenlang saß er mit dem Nachbar Merkle in der Wohnstube oben zu Rate, und der Fall wurde nach allen Richtungen hin durchbesprochen, bis sie ein befriedigendes Resultat fanden, über welches strengstes Stillschweigen beiderseits gelobt wurde. Um die Zeit der Erhebung der Verzehrungssteuer im Regiewege kam Lergetbohrer von Buchs nach Bregenz zurück und wurde zu seiner Überraschung dem Innendienst zugeteilt. Diese Versetzung erfolgte gewissermaßen aus Gründen der Anerkennung, und der Kommissär erhofft sich von diesem tüchtigen Finanzer nun im Innendienst ähnliche Resultate, wie sie die Dienstleistung Antons in Buchs im Revisionsdienst ergeben hat.

Angenehm ist dieser neue Dienst so wenig wie Streifung zu Wasser und Land, und nur das Pflichtbewußtsein vermag über die Mißhelligkeiten hinwegzuhelfen.

Lergetbohrer beeilte sich, den ihm verbliebenen dienstfreien Tag zu einem Besuche im Hause Wüstelers auszunützen; es drängte Anton, die schöne Zenzi zu begrüßen und seinen Flock zu holen, der bisher in Pflege bei der stolzen Wirtstochter sich befand.

Wie das Hündchen, dem das Läufel inzwischen verheilt war, jubelnd den Gebieter begrüßte! Das gab einen Freudenspektakel, daß man den Lärm häuserweit hören mußte. Dementsprechend polterte Wüsteler, der Weinwirt, und verschwor sich, den Besucher samt seinem Hunde schleunigst an die Luft zu befördern, wasmaßen ein Finanzer das überflüssigste Menschenwesen im Hause sei.

Zenzele benahm sich kühl, abweisend. Fast schroff ersuchte das Mädchen, den Hund mitzunehmen, und kalt lehnte Zenzi jeden Dank ab.

Anton ist sich nicht bewußt, zu solchem Verhalten des Mädchens den geringsten Anlaß gegeben zu haben; erstaunt betrachtete er das schöne, dem Sinne nach gänzlich veränderte Mädchen, und bat dann, gleichfalls im kühlen Tone, um gefällige Bekanntgabe der Futterkosten für Flock.

Schrill lachte Zenzele auf, und höhnisch klangen die Worte: »Das lassen S' nur gut sein! Ein Finanzer braucht seine paar Kreuzer notwendig genug, um nicht selber zu verhungern!«

Eine Falte des Unmutes erschien auf Antons Stirn, und bitter erwiderte er: »Ich glaube, Ihnen zu solchen Worten keine Veranlassung gegeben zu haben. Immerhin danke ich herzlich für Kost und Pflege meines Hündchens! Ich habe die Ehre!« Damit entfernte er sich aus dem Hause Wüstelers, und munter sprang Flock voraus.

Erst nach einer Weile kam Anton der Gedanke, daß wohl die neue Steuerkontrolle durch die Finanzwache diesen Umschwung herbeigeführt haben dürfte. Aber deshalb brauchte doch Zenzi ihm nicht solche Verachtung zu zeigen. Der einzelne Mann ist doch völlig unschuldig und muß seine Pflicht erfüllen, wie es der strenge, unerbittliche Dienst fordert. Unwillkürlich mußte Anton denken, wie mißlich es für ihn sein würde, just bei Wüsteler die Kontrolle vornehmen zu müssen.

Schon der nächste Tag brachte den gefürchteten Dienstbefehl: Revision bei verschiedenen Wirten der Stadt, darunter auch bei Wüsteler. Anton erschrak und sann nach, wie er von der Kontrolle dieser Weinwirtschaft loskommen könnte. Es gibt keinen Ausweg; der Befehl muß befolgt werden, um Privatgefühle eines Wachmannes kümmert sich die Behörde nicht.

So mußte denn der Dienst begonnen werden. Anton revidierte zunächst bei den nähergelegenen Wirtschaften; dann traf Wüsteler die Reihenfolge, und das Unangenehme mußte getan werden.

Zögernd trat Lergetbohrer in das Haus und verlangte den Wirt zu sprechen. Durch die halb offenstehende Türe drangen die Stimmen der gewaltig über Finanz und Steuer schimpfenden Gäste, und Anton konnte deutlich die krähende Stimme des Kafetiers Merkle erkennen.

Lergetbohrer hat in diesem Augenblick nur den einen Wunsch, mit Zenzi jetzt nicht zusammenzutreffen, da er dienstlich bei der ihm selbst peinlichen Revision anwesend sein muß.

Endlich kam der Wirt, der höhnisch und verletzend frug: »Was wollen denn Sie hier?«

Streng dienstlich und gemessen forderte der Oberaufseher den Revisionsbogen sowie die Begleitung des Wirtes zur Kontrolle der Weinmengen in den angezapften Fässern. Wüsteler erkannte, daß Ausflüchte unnütz sind und seine Lage nur verschlechtern können. Er führte den unbequemen Kontrolleur in den Keller, zündete unten eine Kerze an und schritt nun von Faß zu Faß. Was bisher unversteuert und ungeöffnet ist, wurde versiegelt; die am Zapfen liegenden Fässer kontrollierte Anton auf die vorhandene Inhaltsmenge, indem er den Matievicschen Faßmesser (eine Art Meterstab) durch das obere Spundloch einführte und an demselben die Flüssigkeitsmenge ablas. Das Ergebnis wurde sogleich notiert und im Revisionsbogen eingetragen.

Wüsteler verhielt sich ruhig dabei, nur seine Augen verkündeten Haß. Als sämtliche am Zapfen liegende Fässer kontrolliert waren, gestattete der Wirt sich die Frage, wie denn die »Schererei« weitergehen solle.

Die dienstliche Antwort lautete kühl: »Wenn Sie Wein in Ihren Keller bringen, muß die neue Einfuhr vorher bei uns angemeldet werden. Jedes Anzapfen eines frischen Fasses muß ebenfalls angemeldet und der Faßinhalt versteuert werden.«

Zornig rief Wüsteler: »Da bring' ich ja die Finanz gar nimmer aus dem Keller!«

Anton zuckte die Achseln und erwiderte: »Die Kontrolle über den Weinausschank ist meine Pflicht! Ihre Wirtschaft in Bezug auf Weinabgabe zu überwachen, bin ich beauftragt! Ich warne Sie vor Steuerhinterziehung und deren schwere Folgen, wie vor jeder Berufsbeleidigung! Erschweren Sie mir mein Amt nicht, das ohnehin schwer genug ist!«

Wüsteler knurrte etwas Unverständliches und schritt in der Meinung, daß die Revision nun beendet sei, durch den Keller. In der Schenke mußte der Wirt den Revisionsbogen zur Bestätigung der von Lergetbohrer eingetragenen Befundziffern unterschreiben. Der Bogen verblieb sodann im Besitze des Wirtes.

Lergetbohrer entfernte sich hierauf. Der Wirt aber rief Seppl, den Schenkburschen, und hielt geheime Zwiesprache mit demselben.

Anton war nun für einige Stunden dienstfrei und nahm, in seiner kleinen Behausung angekommen, Flock, den gelehrigen Rattler, vor, um ihm wieder einmal Unterricht zu erteilen. Ist Flocks Nase auf Tabakgeruch geschärft, soll sie jetzt das Kaffeearoma kennen und unterscheiden lernen. Flock beschnupperte die Bohnen wohl und blickte mit den klugen Lichtern seinen Herrn an. Die Nachsuche wollte jedoch nicht recht von statten gehen. Anton versuchte es mit gebranntem Kaffee, und solchen fand Flock rasch in den Verstecken. Doch der Gebieter ließ nicht nach, der Hund mußte immer wieder ungebrannte Bohnen suchen, und um Flock um so sicherer an den allerdings schwachen Geruch ungebrannten Kaffees zu gewöhnen, verstreute Anton solche Bohnen in des Hundes Lagerdecke. Dann trat Lergetbohrer wieder seinen nichts weniger denn angenehmen Dienst an, indem er andere, in seinem Rayon gelegene Wirtschaften auf die steuerpflichtigen Weinvorräte kontrollierte.

Überall böse Gesichter, Ärger und Verdruß, spitze Redensarten.

Schon ging es dem Abend zu; Anton kam in die Nähe der Wirtschaft Wüstelers, die überfüllt war von Gästen. Die Dampfschiffe und Eisenbahnzüge mochten wohl viele Reisende gebracht haben, Touristen labten sich im Garten, und auch die Bürger hatten sich zum Dämmerschoppen eingefunden.

Zenzele amtierte mit zwei Aushilfskellnerinnen eifrig, das Geschäft ging flott. Die Weinwirtschaft ist eine Goldgrube, und wer Wüstelers Tochter einmal freien wird, der ist ein gemachter Mann.

Lergetbohrer stand in der Nähe des Schankgartens und überblickte das rege Getriebe. Was da Wein herbeigeschleppt wird, ist erstaunlich.

Der Befehl lautet, eine zweite Revision der am Zapfen liegenden Fässer bei Wüsteler vorzunehmen. Mit Zenzele zusammenzutreffen, mag unangenehm sein, der Dienst darf keine Rücksicht kennen. Kurz entschlossen begibt sich Anton, der den Faßmesser jetzt ständig bei sich führt, abermals in die Schenke, wo Wüsteler selbst die Flaschen aus den Weinkrügen füllt. Ein Kernfluch entfuhr seinen Lippen beim Erscheinen des Finanzers, und giftig schrie er, was denn der Oberaufseher schon wieder wolle.

»Faßkontrolle vornehmen! Bitte, gehen Sie mit!«

»Der Teufel soll mit Ihnen gehen! Ich habe keine Zeit!«

»Sie oder eine von Ihnen bezeichnete Vertrauensperson muß der Kontrolle beiwohnen!«

Wüsteler zeigte sich jetzt gedrückt, fast kleinlaut übergab er den Revisionsbogen, Schlüssel und Licht und rief Zenzi herbei zur Begleitung des Finanzers.

Das Mädchen guckte wohl groß, ging aber bereitwillig mit und leuchtete mit der Kerze zur Kontrollarbeit, ohne vorerst zu sprechen.

Anton begann die Revision gleich beim ersten, dem Kellerfenster am nächsten liegenden Faß und führte den Messer ein, welcher zu Lergertbohrers größter Überraschung jetzt einen größeren Inhalt anzeigte, als sich bei der vormittägigen Revision ergeben hatte. Waren früher achtundsechzig Liter in diesem Faß, so zeigte der Messer jetzt am Abend dreiundneunzig Liter an. Und dabei ist doch den ganzen Tag über dem Faß viel Wein entnommen worden!

Erregt über diese Entdeckung kontrolliert Anton die übrigen Fässer. Was am Zapfen liegt, hat durchgängig mehr Inhalt als heute früh. Intakt sind nur die versiegelten Fässer geblieben.

Zitternd steht Anton im Keller; die Erkenntnis, daß Wüsteler unlauter manipuliert, auf geheime Weise seine Fässer auffüllt, um der Versteuerung zu entgehen, wirkt erschreckend auf den Finanzer, Zeigt er diesen Vorgang pflichtgemäß an, so wird Wüsteler in die größten Unanehmlichkeiten verwickelt werden. Und was wird Zenzele sagen? Wird Anton nicht als gemeiner Denunziant erscheinen? Ist aber eine solche Anzeige des Betruges nicht beschworene Dienstpflicht?

»Heiliger Gott! Was tue ich nur?« murmelte Anton und begann, die Kontrollziffern in den Bogen einzuschreiben. Seine Erregung ist der Wirtstochter nicht entgangen; Zenzi trat näher und frug teilnahmsvoll, was denn dem Herrn Oberaufseher fehle.

»Nichts, nichts!« stammelte Anton und reichte ihr zitternd den Revisionsbogen zur Unterschrift.

»Muß das sein?« lachte schelmisch das herrliche Geschöpf. »Wenn ich da nur nicht mein Todesurteil unterschreibe?!«

Anton empfand Herzklopfen beim Anblick des schönen Mädels, und der Revisionsbogen zitterte in seiner Hand. Mit den Ziffern und der Unterschrift Zenzis wird dieses Papier eine flammende Anklage gegen Wüsteler sein; der Betrug, die Steuerhinterziehung liegen offenkundig zutage.

Zenzele kritzelte ihren Namen ein.

Anton steht bleich neben ihr. Hat das Mädchen eine Ahnung von dem verübten Betrug oder nicht?

Zenzi erklärte, nun wieder in den Garten und die Gäste bedienen zu müssen. Zum Abschied sagte sie: »Adjes, Herr Lergetbohrer! Wie geht's dem lieben Flock? Bringen Sie ihn mir doch recht bald wieder!« Dann eilte das Mädchen die Kellertreppe hinauf und wirbelte mit den Weinflaschen hinaus in den Garten.

Heiß überlief es Anton. Wie süß und lieb haben diese wenigen Worte geklungen! Oder war es Täuschung? Vor kurzem so schroff und abweisend, heute die Liebenswürdigkeit selbst und eine überaus freundliche Einladung! Wer kann aus diesem Geschöpf klug werden!

Nachdem Lergetbohrer Schlüssel und Leuchter und den Revisionsbogen abgegeben, schritt er schier taumelnd durch den Flur ins Freie.

Ein Glück nur, daß ihm jetzt nicht der Kommissär begegnet und Rapport verlangt. Anton möchte am liebsten stöhnen. Wie im Traum trollt er in die Kaserne, um in der Einsamkeit seines Stübchens nach Ruhe zu ringen, den rechten Entschluß für seine Amtshandlung zu erkämpfen. Und als er endlich müde die Äugen schloß und in Schlaf fiel, da führten die Ziffern achtundsechzig und dreiundneunzig einen wirbelnden Tanz im Traume auf.

V.

In ihrem Kämmerlein um dieselbe Zeit blickte Zenzele andächtig zum Sternenzelt des nächtlichen Himmels empor und seufzte dazu aus übervoller Brust. Weich war die Stimmung wie die Luft, die mild vom See hereinwehte in die stille Stadt. Und die Gedanken waren lind, beseligend; sie flogen von den Sternen flink zur Erde herunter, hinein in ein von der Phantasie traulich gedachtes Stübchen, wo der fesche Mann in grüner Uniform mutmaßlich weilt. Zenzele denkt an Anton, und heiß quillt es auf in der Mädchenbrust. Ja, der Mann gefällt ihr, das ist der Mann, den sie in heimlichen Stunden sich ersehnt, dem sie, die stolze, trutzige Dirn, angehören möchte. Wenn er so vor sie hintreten und mit männlicher Festigkeit ihr Jawort verlangen würde, o, wie gern würde sie ihm an die starke Brust fliegen, seinen Hals umklammern und das liebe Gesicht küssen. Wie das nur so gekommen ist? Sie war ihm doch nicht so eigentlich gut, eher frostig, abstoßend. Dann wieder recht lieb zu ihm. Warum nur? Warum so wechselnd in der Gesinnung, so launenhaft? »Bin ich so wetterwendisch?« frug sich Zenzele selbst. Sie hassen ihn alle, die Gäste, die Wirte; er ist ja nur ein Finanzer, ein Oberaufseher, der mit einem Fuße ob seines gefahrvollen Dienstes auf Patrouille in jeglicher Stunde im Grabe steht und mit dem anderen Fuße im Kriminal, so er seinen Dienst vernachlässigt oder mit den Parteien unter einer Decke steckt. Ein widerwärtiger Beruf! Eines Finanzers Frau? Früher hätte Zenzele schon bei dem leisesten Gedanken an dergleichen aufgelacht. Und heute klingt es gar nicht so übel: »Frau Oberaufseher!« Und der Anton soll gar tüchtig sein, ein gescheiter Mann mit Aussichten, bald Respizient oder gar Bezirksleiter zu werden. Davon war des öfteren unter den Gästen die Rede; der Neid, sagten manche, müsse zugeben, daß in Bregenz ein so schlauer, diensteifriger Finanzer noch niemals gewesen ist. Der Mann werde den Schlauesten noch auf die Schliche kommen und große Anerkennung finden, freilich auf Kosten der Ertappten. Zenzele seufzt abermals; ein schrecklicher Gedanke zieht durch ihr Köpfchen. Wie, wenn der fesche Mann im Dienst gegen den Vater auftreten müßte? Die Finanz ist immer Feind gewesen gegen jeden Wirt. Es wäre schrecklich, wenn es auch in ihrem Hause zu einer Katastrophe kommen würde. Doch nein, hier kann nichts geschehen. Aber der Finanz ist nun und nimmer zu trauen, sie findet immer etwas zum Einschreiten. Ach, wenn Anton, dieser schmucke, charakterfeste Mann, doch beim Militär wäre! Es steht ihm aber auch die grüne Finanzeruniform gut ... Was die Freundinnen wohl sagen würden, wenn .... Hm! Der fesche Mann, ihr Gatte, könnte ja ins Geschäft heiraten, er brauchte dann nimmer diesen Dienst zu versehen, der ihn mit schier jedermann in Konflikt bringt ... Ob Anton aber solchen Beruf aufgeben würde? Ihr zuliebe? Das müßte er tun, jawohl! Die stolze Zenzi und nur ein Finanzer! Das ginge doch nicht gut! Wenn er aber nicht will? Wenn der Mann von Charakter und fester Willenskraft auf seinem Willen besteht, ja, dann müßte die stolze Zenzi nachgeben, weil sie den feschen Mann liebt ....

Ist es wirklich Liebe? Wieder flog der sehnsüchtige Blick zu den Sternen hinauf, und weich flüsterte das Mädchen das Gedicht des so früh heimgegangenen, unvergeßlichen Vorarlbergischen Dichters Vonbun, das, ein kostbares Vermächtnis des Ländchens, in aller Munde verblieben ist:

»Im Himmel gewiß der Ätti wacht,
So ischt decht Hüt e schöne Nacht;
's ischt müslestill uf Feld und Au,
's ischt's Firmament so hell und blau,
Und niena, weder wit noch nah,
Sicht ma ne Wölkli tüslet ka.

Und wo ma luegt, nu Stern an Stern!
No jo, sie b'schauen d' Nacht o gern,
Drum stand' s' der gar so freundli da
Millionenwis der Reihe nah
Und funkelen, es ischt e Pracht,
Ma weiß net, wer's am schönsta macht!

O liebe Zit, wie g'fallst mer guet,
Wie würd's mer decht so g'späßig z' Mut!
Je länger i halt schau und schau
De Sterna na am Himmelsblau,
So möcht' mer 's Herz fast übergah,
Es zücht mi nämm wie Heimweh na.

Es ischt halt o so tusig schö
Dort domma i der wite Höh',
Es schimmeret so mild und klar,
So rüebig still und wunderbar,
Und 's müßt' drum o so liebli si
Im sella Blau bim Sternaschi!

Vielleicht ischt's o e Sternanacht,
Wo mal mi letztes Stündli schlacht,
Und lisli schwebt an Engeli
Im goldne G'wand i d's Kämmerli
Und rüeft: Wach' uf, mi liebe Bue,
Mer wandlen jetzt de Sterna zue!«

Eine Zähre rollte die Wange hinab. Zenzele legte die schmalen Hände vors Antlitz und ließ den Tränen freien Lauf.

Vom Kirchturm kündete die Glocke feierlich-ernst die mitternächtige Stunde.

Ein dumpfes Geräusch wiederholt sich in kurzen Intervallen; es ist, als stöhne ein Ungetüm zutiefst im Hause Wüstelers, ein gewaltig Atmen, unheimlich in steter Regelmäßigkeit. Dann wieder tiefste Ruhe. Zenzi verließ das Kämmerlein, von dem seltsamen Geräusch beunruhigt. Ein herzhaft mutig Mädchen, will sie nachsehen, was im Hause zu später Stunde so rumort. Dem Gestöhne nachgehend, gelangt Zenzele an die angelehnte Kellertür. Sollten Diebe unten sein? Flink huschte das Mädchen die Treppe hinauf, den Vater zu wecken und zu holen. Seine Stube ist offen und leer. Seltsam! Das Haus ist längst geschlossen; sollte der Vater ausgegangen sein?

Wieder eilte Zenzi tapfer und furchtlos hinunter und schlich in den von einer Blendlaterne schwach erleuchteten Keller. Hier ist der Vater emsig beschäftigt, mit Hilfe eines Schlauches Wein in die Fässer zu füllen. Und der Schlauch geht seltsamerweise durch ein großes Loch am Kellerboden hinüber in den Keller des Nachbars, Cafetiers Merkle.

Zenzele unterdrückt einen Schrei der Überraschung bei dieser Wahrnehmung, schleicht näher und verbirgt sich hinter einem Weinfaß.

Ein Zweifel kann nicht bestehen; drüben muß eine Weinpumpe in Tätigkeit sein, der Nachbar pumpt den Wein aus seinem Keller herüber, und der Vater füllt hier die Fässer auf.

Zenzi hat genug gesehen; bebend vor Schreck schleicht sie, während der Vater eifrig fortfährt, die Fässer aufzufüllen, aus dem Keller.

Wie weggeweht ist die frühere weihevolle Stimmung. Als Wirtstochter versteht sie von der geschauten Manipulation genügend, um die Gefahr zu ahnen, welche eine Aufdeckung seitens der Versteuerungsorgane heraufbeschwören muß.

Weh wird dem Mädchen im Kämmerlein bei dem Gedanken, daß der Vater sich eine unlautere Handlung zuschulden kommen läßt; ein Zittern befällt Zenzele im Gedenken, daß Anton ganz gewiß diesem Betrug auf die Spur kommen wird. Was dann?!

Angst und Sorge quält das Mädchenherz durch bange Stunden hindurch, und erst gegen Morgen entrückt kurzer Schlaf Zenzele den peinigenden Gedanken.

Die Nachbarn setzten ihr heimlich Werk fort, bis alle der Steuer unterliegenden Fässer aufgefüllt waren. Auf ein Klopfen des Wirtes an die Kellerwand stellte Merkle drüben das Pumpwerk außer Betrieb, zog den des Mundrohres wieder beraubten Schlauch in seinen Keller zurück, worauf hüben Wüsteler das Loch in der Mauer durch Steine sorgfältig verdeckte, Spundfetzen usw. darauf warf und das Mundrohr in einer finsteren Ecke versteckte. Befriedigt nahm er die Blendlaterne zu sich, löschte deren Licht aus und schlich aus dem Keller. Das gewinnbringende Werk ist für diese Nacht getan, dem Gesetz ein tüchtig Schnippchen geschlagen.

Grinsend suchte der pfiffige Wirt sein Lager auf.

VI.

Lergetbohrer war am frühen Morgen nach der qualvollen Traumnacht so unschlüssig wie vorher und suchte durch einen Gang ins Freie seiner widerstrebenden Gedanken Herr zu werden. Flock sprang munter voraus. Der Weg führte an der Weinwirtschaft Wüstelers vorüber, und an der Haustür blieb der Hund wedelnd stehen zum Zeichen, daß er dieses Haus kennt und Verlangen trage, jemandem seinen Morgenbesuch abzustatten. Anton lächelte ob des Gebarens seines klugen Hündchens, und unwillkürlich sandte er einen Blick zu den Fenstern hinauf, wiewohl er nicht weiß, welches Fenster zu Zenzeles Gemach gehört. Dann pfiff er leise dem Hündchen, das nun gleichfalls emporguckte und zögernd gehorchte.

Hinter dem Vorhang stehend hatte das Mädchen das Kommen des Finanzers und das Gebaren Flocks wohl beobachtet und Herzklopfen verspürt. Wie das Hündchen doch dankbar ihrer gedachte! Und Anton hat so sehnsüchtig heraufgeblickt! Großer Gott! Wenn der Mann wüßte, was in der Nacht vorgegangen ist? Kommt er heute wie gestern zur Revision, der Betrug muß entdeckt werden, es kann nicht anders sein!

Und was wird und muß der Finanzer von der Tochter des Steuerdefraudanten denken?!

Schimpf und Schande zum mindesten wird ihr Los sein, wenn sie nicht gar der Mitwissenschaft und Mitwirkung angeklagt wird. Wirr ward es Zenzele im Kopf, Angst und Sorge drücken ihr schier das Herz ab. Hastig kleidet sich das Mädchen völlig an und verläßt das Haus, in welchem die Mägde mählich ihr Tagewerk beginnen.

Wohin? Aufs Geratewohl dem Finanzer nach.

Am Ende der Oberstadt erblickt Zenzi das etwas zurückgebliebene Hündchen Antons, und ein zärtlicher Ruf lockt es heran. Flock guckt und erkennt nun seine Pflegerin. Freudig bellend springt er herbei und hüpft an der herrlichen Gestalt des Mädchens wie toll hinauf, fällt purzelnd nieder und springt wieder auf, bellend, daß es weitum gellt.

Anton drehte sich um; heiße Röte färbte seine Wangen bei dem Anblick Zenzeles. Dem Mädchen just jetzt zu begegnen, das steigert die Qual seiner Gedanken ins Ungemessene. Soll er entweichen, feig sich drücken? Nein, er ist sich keiner Schuld bewußt.

Von Flock umsprungen, kommt Zenzi heran, von Lergetbohrer erwartet. Befangen grüßen sich beide. Ein harmloses Gespräch will nicht in Fluß kommen; stumm schreitet das Paar des Weges; Flock lärmt für drei seiner Rasse.

Anton hat sich so weit gefaßt, um sagen zu können, daß der Zufall solcher Begegnung ihn freudig überrasche. Ein forschender Blick Zenzeles bringt ihn sofort wieder zum Schweigen.

Im köstlichen Sommermorgen jubilieren die Vögel, Tauperlen funkeln im Grase, eine erquickend frische Luft weht vom See herein, und harzig duftet der nahe Wald seinen Wohlgeruch aus.

Zenzele bleibt plötzlich stehen, nach Atem ringend.

»Was ist Ihnen?« fragt erschrocken Anton.

»Nichts! Und doch! Eine furchtbare Angst erfüllt mein Denken, mein ganzes Sein!«

»Was ängstigt Sie, mein Fräulein?«

Zenzi schwieg, nur die Lippen zuckten in schmerzlicher Erregung.

Anton starrte auf das bald erglühende, bald bleich werdende Mädchen. Sollte Zenzi von dem gestern entdeckten Betrug im Keller etwas wissen? Fast scheint es so, und unwillkürlich sprach Lergetbohrer die Zahlen »achtundsechzig und dreiundneunzig« aus.

Verständnislos blickte jetzt das Mädchen den Finanzer an.

Anton wußte nicht, wie beginnen; ohne es zu wollen, geriet er mit wenigen Worten in die Sache, indem er sagte: »Die Kontrollfässer werden heimlich aufgefüllt, die zwei Keller stehen vermutlich mit einem Schlauche in Verbindung!«

»Großer Gott! Sie wissen?« schrie Zenzi erschreckt.

»Leider! Und ich finde keinen Ausweg!« Warm fügte Anton hinzu: »Gerne hätte ich Ihnen, Fräulein Zenzi, das hereinbrechende Unheil erspart, aber meine Pflicht schreibt mir nur zu genau den Weg vor, den ich dienstlich beschreiten muß! Ich kann und darf nicht anders handeln, die Anzeige gegen Ihren Vater muß erstattet werden!«

Zenzi schlug schluchzend die Hände vors Gesicht.

»Es ist hart für mich, härter als Sie glauben! Es würde auch nichts nützen, wenn ich – den Dienst verlassen, aus der Finanzwache austreten würde! Die Entdeckung müßte immer noch vor dem Dienstaustritt zur Anzeige gebracht werden. Schweigen wäre da gleichbedeutend mit Teilnahme am – –«

Zenzi weinte in bitterster Herzensqual.

Hilflos stand Anton da, eine Beute schmerzlicher, widerstreitender Gefühle. Wie gern möchte er helfen, retten, und er kann es nicht. Unwillkürlich legte er den rechten Arm wie schützend um Zenzis Schultern; ein wonniges Erschauern durchzuckte ihn. Und das Mädchen schmiegte sich an Anton, als wollte es wirklich bei ihm, an seiner Brust Schutz suchen.

»Zenzele!« rief er bewegt, »verzeih, ich kann nicht anders!«

Schluchzend stammelte das Mädchen: »Ich weiß es! Und doch ist es gräßlich! Gibt es keine Hilfe, keinen Ausweg? O, Anton!« Wie wenn dieser Ausruf ernüchtert hätte, entwand sich Zenzi dem umschlingenden Arm, trat zurück, und bleich, mit bebender Stimme sprach sie: »Wir müssen uns trennen, getrennt bleiben für immer!«

»Zenzi, geliebtes Mädchen!« schrie in höchster Qual Anton auf.

»Es muß sein, Anton! Leb wohl!« Und Zenzi enteilte mit raschen Schritten zur Stadt zurück.

Unschlüssig stand Flock eine Weile, dann sprang er dem Mädchen schmeichelnd nach und begleitete es in die Stadt.

Wie vernichtet blieb Anton stehen, fassungslos.

Unerbittlich rief die Pflicht zum Dienst.

Lergetbohrer begann die Kontrolle mechanisch, kaum sich der Diensthandlung bewußt, bei den ihm zugewiesenen Wirten. Herzklopfen empfand er, als der Weg ihn zu Wüsteler führte. Von Zenzele war nichts zu sehen. Das Mädchen hat sich in die Stube im ersten Stockwerk zurückgezogen. Wüsteler und der Schenkbursch bedienen die Gäste.

Unschlüssig stand Anton im Flur. Ob er die Revision vornimmt oder sie unterläßt, es bleibt sich gleich; die gestrige Konstatierung genügt bereits zur pflichtmäßigen Anzeige. Wie der Ertrinkende sich an den Strohhalm klammert, so hoffte der Finanzer noch, es könnte vielleicht heute der Faßinhalt mit dem Revisionsbogen stimmen. Aber das Geständnis der Tochter! Es nützt alles nichts, die Anzeige muß erstattet werden.

Anton verließ die Wirtschaft, ohne revidiert zu haben; es war ihm klar geworden, daß eine Kontrolle jetzt keine Übereinstimmung mehr ergeben könne, nachdem gestern schon der Betrug zu konstatieren war. Ihm erschien der Gang zum Finanzwachkommissär wie ein Wandern zum Schafott. Dieser unglückselige, unerbittliche Dienst!

Vor dem Vorgesetzten stand Anton schon eine Weile, ohne den Rapport zu erstatten. Der Kommissär guckte verwundert und ließ dem Oberaufseher, der verstört zu sein scheint, Zeit, sich zu sammeln. Endlich riß aber dem Chef doch die Geduld, und unwillig rief er: »Was wollen Sie denn bei mir?«

Unsicher und zögernd meldete Lergetbohrer die gemachte Entdeckung und sprach den Verdacht aus, daß in Wüstelers Keller die Weinauffüllung vermutlich in der Nacht mit Hilfe eines Schlauches aus dem Nachbarkeller erfolge.

Der Kommissär vermochte einen Ruf der Überraschung nicht zu unterdrücken. Sofort stellte er auf Grund der Katasterverzeichnisse fest, daß das an Wüstelers Eigentum anstoßende Haus dem Kaffeesieder Merkle gehöre und für dessen Keller niemals eine Weineinlagerung angemeldet worden sei. Das verdichtet den Verdacht auf Steuerhinterziehung zur Gewißheit, es ergibt sich die Notwendigkeit einer Hausdurchsuchung.

Anton muß eine Depesche zum Telegraphenamt tragen, in welcher von der Feldkircher Oberbehörde die Erlaubnis zur Hausdurchsuchung erbeten wird. Sodann wurde vom Bürgermeisteramt die Delegierung eines Gemeinderatsmitgliedes zur Teilnahme an der Hausdurchsuchung erbeten. Nach wenigen Stunden lief die telegraphische Erlaubnis ein, und die Hausdurchsuchung wurde auf Nachmittag zwei Uhr festgesetzt. Unauffällig begaben sich die delegierten Mannschaften, teils in Zivil, teils in Uniform, in Wüstelers Wirtschaft. Der vom Gemeinderat entsendete Zeuge fand sich ein, gleichzeitig erschien der Kommissär, gefolgt vom Oberaufseher, der in einem Zustand der Betäubung mechanisch eintrat.

Der Wirt wurde aus der Gaststube geholt, nachdem alle Ausgänge sowohl bei Wüsteler wie bei Merkle besetzt waren.

Beim Anblick der Kommission erbleichte der Wirt, und zitternd überreichte er die geforderten Kellerschlüssel. Ist es einmal so weit, daß Hausdurchsuchung vorgenommen wird, nützt alles Protestieren nichts mehr.

Wüstler wurde gezwungen, den Führer in den Keller zu machen; bei Kerzenlicht stieg die Kommission hinab.

Anton mußte mit dem Faßmesser eine Kontrolle vornehmen, die jedoch bedeutungslos bleiben mußte, da ja in der Nacht die Fässer aufgefüllt wurden und über Vormittag Wein zum Ausschank gebracht worden ist. Die Ziffern im Revisionsbogen konnten nicht stimmen.

Unterdessen durchsuchte der mit allen Kniffen wohlvertraute Kommissär die Kellerwände, und es dauerte nicht lange, hatte er auch schon das Verbindungsloch in der Kommunmauer entdeckt. Von der Mannschaft forschten einige Finanzer nach Mundrohr und Schlauch, und bald waren diese Gegenstände aus den Verstecken herbeigeschafft.

Wüsteler möchte sich verkriechen, wenn es nur ginge. So schlau war der Plan ausgeheckt, und durch diesen Finanzer kam alles auf! Der Kommissär hat genug gesehen. Die Kommission begab sich aus dem Keller hinauf in die Wirtschaftsräume. Wüsteler mußte, von zwei Finanzern begleitet, sämtliche Ausweise und Rechnungen über bezogene Weine beschaffen. Schon ein flüchtiges Überprüfen ließ den Kommissär erkennen, daß Wüsteler seit geraumer Zeit von einer großen Südtiroler Weinfirma eine mehr als zehnfach größere Menge Weines bezogen hat, als angemeldet und versteuert worden ist. Alle Rechnungen lauten auf den Namen Wüsteler, ein Zweifel ist ausgeschlossen. Selbst der Kommissär erschrak über die enorme Menge des bezogenen Weines und die Höhe der Steuerhinterziehungssumme, und unwillkürlich sprach er: »Das wird eine böse Rechnung werden!« Dann kündigte der Kommissär Wüsteler die Verhaftung an und ließ ihn durch zwei Wachleute der Gendarmerie übergeben. Jetzt kam Leben in den Mann, und wütend protestierte er gegen eine solche Behandlung eines steuerzahlenden Bürgers.

Auflachend erwiderte der Kommissär: »Die Steuer haben Sie eben nicht bezahlt, und der ehrenhafte Bürger scheute vor enormen Betrügereien nicht zurück.«

Auf einen Wink wurde Wüsteler, wie er stand, verhaftet und abgeführt.

Die Kommission begab sich nun ins Nachbarhaus, wo Merkle nach Aussage der aufgestellten Mannschaft einen Fluchtversuch gemacht, daran aber verhindert und festgehalten worden ist. Im Keller des Kaffeesieders konnte mit Leichtigkeit festgestellt werden, daß bedeutende Weinmengen sowie das korrespondierende Kellerloch vorhanden sind.

Merkle mußte auf Vorhalt zugeben, daß der vorhandene Wein unversteuert sei und dem Nachbar Wüsteler gehöre.

Der Kommissär forschte weiter: »Wie wurde der Wein eingeführt?«

Merkle schwieg trotzig.

»Gestehen Sie beizeiten! Wüsteler ist überführt und verhaftet! Ein Leugnen kann Ihre Lage nur verschlimmern!«

Der Cafetier stammelte erschrocken: »Wüsteler isch' verhaftet?«

»Ja! Über Ihre Mitschuld kann ein Zweifel nicht bestehen! Der Wein in Ihrem Keller ist nach Ihrem Geständnis Wüstelers Eigentum! Wie wurde der Wein hier eingeführt?«

Merkle ließ nun alle Rücksicht auf den Nachbar und wohl auch seine Hoffnungen auf Zenzis Hand fallen; er gestand, daß die vorhandene Weinmenge im Einverständnis und unter Beihilfe Wüstelers von der Station Schwarzach bei Bregenz nächtlicherweile unter Heu versteckt eingeführt worden sei.

Lergetbohrer, der sich an der Seite seines Vorgesetzten befand, unterdrückte die sich regende Schadenfreude, daß dieser Mann, der bei jeder Gelegenheit seiner Verachtung gegen die Finanzer Ausdruck gegeben, nun vom Schicksal ereilt worden ist.

Hundegebell ertönte plötzlich, die Kellertreppe herab sprang Flock, eilte auf seinen Herrn zu und sprang freudig an demselben empor.

»Was soll das heißen?« fuhr erbost der Kommissär Lergetbohrer an.

»Verzeihung! Mein Hund war zu Besuch drüben und hat wohl Witterung von mir bekommen und ist jetzt nachgelaufen. Ich bitte um Entschuldigung!« Anton bemühte sich, Flock aus dem Keller zu bringen. Doch das Hündchen hatte inzwischen einen Inspektionsgang durch den Keller unternommen und hörte alle Lockrufe nicht.

Eigensinnig schnupperte Flock in allen Ecken, und plötzlich begann er vor einem mit Rupfen und Kartoffelsäcken verdeckten Ballen auffällig zu winseln.

Der Kommissär wurde aufmerksam; einer plötzlichen Eingebung folgend frug er halblaut den Oberaufseher: »Hat der Hund irgendwelche Schulung zum Spüren?«

Lergetbohrer flüsterte: »Ja! Auf Tabak und Kaffee!«

»Forschen Sie sofort dort nach!« befahl der Kommissär. Nach einigen Griffen war ein Ballen Kaffee aus dem Versteck hervorgeholt, und noch weitere Ballen gleichen Inhalts wurden vorgefunden, entdeckt durch Flocks geschulte Nase.

Merkle verwünschte den klugen Hund und sich selber. Sein Schicksal ist besiegelt. Er mußte zugeben, daß die Ballen Kaffee enthalten und aus der Schweiz »zollfrei«, das heißt im Schleichwege, bezogen worden sind. Nun wurde auch dem Cafetier die Verhaftung angekündigt und seine sofortige Abführung betätigt. Die Weinfässer und Kaffeeballen ließ der Kommissär nach dem Hauptzollamt zur weiteren Amtshandlung schaffen. Damit waren beide Hausdurchsuchungen beendet.

Lergetbohrer erhielt zu seinem Entsetzen den Befehl, im Wüsteler Keller die Weinmenge in den am Zapfen liegenden Fässern in einen neuen Revisionsbogen einzutragen und diesen Bogen der Wirtstochter einzuhändigen. Bis zur Bestellung eines amtlichen Aufsichts- und Verwaltungsorganes solle Zenzi die Wirtschaft weiterführen und für die Führung des Revisionsbogens haftbar erklärt sein.

Somit mußte Lergetbohrer im Wüstelerhause zurückbleiben und Verkündiger des hereingebrochenen Unglücks sein, so qualvoll ihm dies auch war.

Zenzi hatte die Gästebedienung zwei Mädchen übertragen und sich zurückgezogen, als sie, von Ahnungen erfüllt, den Kommissär hatte ins Haus treten sehen. Die Kommission bedurfte ihrer nicht, und dessen war die Tochter aufrichtig dankbar. Bange Stunden waren es, die Zenzi in ihrem Stübchen verlebte. Endlich aber wurde die Angst übergroß, ein jähes Entsetzen überkam das Mädchen, und verzweifelt eilte Zenzi die Treppe hinab, um sich zu erkundigen, was vorgefallen sei.

Diesen Augenblick hat Lergetbohrer gefürchtet; sein Leben würde er freudig hingeben, wenn er diesen Moment dem unglücklichen Mädchen ersparen könnte.

Zenzi ward des Finanzers ansichtig, wie Anton den neuen Revisionsbogen an einem Tische der Gaststube ausfüllte. Schleppend begab sich das Mädchen zu ihm und richtete einen traurigen, fragenden Blick auf den geliebten Mann.

Lergetbohrer erhob sich, und mühsam nur vermochte er zu sprechen: »Fräulein Zenzi! Fassen Sie sich!«

»Um Gottes Jesu willen! Was isch' geschehen? Wo isch' der Vater?«

»Erschrecken Sie nicht!«

»Isch' er...?«

Anton nickte traurig.

»Großer Gott!« rief schluchzend das Mädchen und schlug die Hände vor das Gesicht.

»Nicht verzweifeln, Zenzi! Seien Sie stark! Es ist eine böse Geschichte! An Ihnen haftet kein Makel, kein Verdacht! Die Kommission ist fort. Bis ein Verwalter von Amts wegen hier aufgestellt wird, sollen Sie die Wirtschaft weiterführen!«

Unter Tränen rief Zenzi: »So werden wir von Haus und Hof vertrieben?«

Begütigend sprach der Oberaufseher: »Es wird hoffentlich nicht so schlimm werden! Wir müssen uns fügen ins Unvermeidliche! Mir ist es ja selber schrecklich, mein Dienst ist grausam, unerbittlich! Verzeihen Sie mir!«

Zenzi faßte sich etwas und erwiderte: »Sie können ja nichts dafür!« »Haben Sie Dank, Zenzi, für die gute Meinung. Und so hart es ist, ich muß dienstlich Ihnen auftragen, diesen Revisionsbogen mit den neuen Einzeichnungen zu unterschreiben und Ihnen die gewissenhafte Führung der Kellerwirtschaft zur Pflicht machen! Nur jetzt um Gottes willen kein Versehen! Die Behörde würde mit der größten Schärfe vorgehen!«

Sachgemäß instruierte Lergetbohrer das Mädchen, um jeden Verstoß gegen die Bestimmungen des Verzehrungssteuer-Gesetzes im voraus zu verhindern, und Zenzi dankte ihm hierfür.

Plötzlich richtete sie die Frage an ihn, ob die Kommission auch im Nachbarhause gewesen sei. Anton schien es, als wäre eine leichte Röte über des Mädchens Wangen gehuscht. Er gab bekannt, daß Merkle verhaftet sei.

Zenzi atmete wie befreit auf, sagte jedoch nichts.

Nach der weiteren Mitteilung, daß fürder täglich von Finanzwachleuten Revisionen vorgenommen werden würden, empfahl sich Anton, nochmals bittend, das Unglück nicht ihm zuzuschreiben.

»Ich danke Ihnen, Herr Lergetbohrer! Und wenn ich eine Bitte aussprechen darf: Bitte, kommen Sie selber und nehmen Sie die amtliche Revision vor!«

Jäh drang Anton das Blut zum Herzen. Er mußte einen Augenblick verhalten, bis ihm möglich war zu sagen, daß die Entsendung der Revisionsorgane Sache des Kommissärs sei und die Mannschaft häufig gewechselt werde.

Ein umflorter Blick traf Anton, dann nickte das Mädchen ihm zu und verließ die Stube.

Lergetbohrer begab sich, da seine dienstlichen Obliegenheiten erfüllt waren, in die Kaserne zurück.

Ziemlich rasch arbeiteten die Steuer- und Finanzbehörden.

Nachdem einmal der Tatbestand festgestellt war und die Geständnisse vorlagen, konnte zunächst dem Weinwirt Wüsteler die Rechnung für seine Steuerhinterziehung gemacht werden, die denn auch »gesalzen und gepfeffert« von Rechts wegen ausfiel. Erwiesen war ein unangemeldeter und unversteuerter Bezug von rund tausend Hektoliter Wein. Hiervon sind an ärarischer Verzehrungssteuer zu entrichten 2970 fl., hierzu 50 Prozent Gemeindezuschlag mit 1485 fl., in Summa 4455 fl. Die Oberbehörde dekretierte eine vierfache Strafe für die Steuerhinterziehung im Betrage von 10000 fl. und für das sich ergebende Mehr eine Arreststrafe für Wüsteler.

Der Cafetier Merkle wurde in gleicher Weise als Mitschuldiger bestraft und wegen Kaffeeschmuggels außerdem zu einer Geldstrafe von 600 fl. verurteilt. Beide Steuerdefraudanten sind ruiniert; ihre Besitzungen wurden von der Finanzprokuratur durch das Gericht zur Strafsicherstellung mit Beschlag belegt und die Wirtschaft Wüstelers wie die Kaffeeschenke Merkles durch aufgestellte Vertrauenspersonen bis zur zwangsweisen Versteigerung verwaltet.

Zenzi verließ mit dem ihr verbliebenen Eigentum, von Flock begleitet, an dem Tage das elterliche Haus, an welchem der Verwalter aufzog, und quartierte sich bei Verwandten ein.

Das einst stolze Mädchen ist tief gedemütigt und bettelarm geworden, und der Vater sitzt im Gefängnis, wo er hinreichend Gelegenheit hat, über den weitreichenden Arm der Finanzbehörde Betrachtungen anzustellen.

VII.

Wie es im Leben stets zu gehen pflegt, so ward es auch im Schicksalslaufe Lergetbohrers: Was dem einen Schaden bringt, gereicht dem anderen zum Nutzen. Die Aufdeckung der großartigen Steuerhinterziehung bei Wüsteler und Merkle wurde dem Oberaufseher zum Verdienst angerechnet, Anton avancierte zum Finanzwache-Bezirksleiter. Doch er vermochte sich dieser Beförderung nicht zu freuen; sie ist zu teuer erkauft durch den Ruin Wüstelers und die Verarmung Zenzis. Das arme Mädchen war gezwungen, sich das kärgliche Brot durch Näharbeit zu verdienen. Still und tief gedemütigt arbeitete Zenzi in einem bei Handwerksleuten gemieteten Stübchen, und erst zur Dämmerstunde verließ sie das Haus, um möglichst unbeachtet die fertige Ware den Kunden zuzutragen. Aus dem einst so stolzen, hochmütigen Mädchen ist eine arme, doch tapfer ringende Nähmamsell geworden.

Monate vergingen gleichförmig unter steter stiller Arbeit. Eines Tages sollte Zenzi jäh aufgeschreckt werden durch eine erschütternde Kunde, die sie in die Krankenabteilung des Gefängnisses rief. Der Vater ist, gebrochen durch das über ihn eingestürmte Schicksal, schwer erkrankt und aus der Gefangenenzelle ins Krankenhaus verbracht worden, Wüsteler konnte den Freiheitsverlust nicht verwinden, die Kerkerstrafe beschleunigte den Krankheitslauf, Als Gefahr drohte, wurde Zenzi geholt, und das Wiedersehen galt einem Sterbenden.

Wenige Tage darauf wurde der alte Wüsteler begraben.

Allein stand nun das arme Mädchen und verlassen, gemieden als die Tochter eines im Kerker verstorbenen Verbrechers.

In diesem Jammer konnte die Endabrechnung aus dem »Falle Wüsteler« mit der Überantwortung eines Restbetrages zugunsten Zenzis aus dem Zwangsverkauf des väterlichen Anwesens nur neuen Schmerz erzeugen, und die wenigen Geldscheine brannten in des Mädchens Hand wie Feuer.

Am liebsten hätte Zenzi die Annahme verweigert, doch der alte Überbringer, ein Bote des Steueramtes, riet in väterlich guter Absicht, diesen Notpfennig aufzubewahren und den Schmerz tapfer niederzukämpfen.

Von diesen Ereignissen hatte Lergetbohrer keine Ahnung, denn er war in den Außendienst und provisorisch nach einer Außenstation versetzt worden. Das war so rasch geschehen, daß Anton sich von Zenzi nicht verabschieden und auch sein Hündchen, das bei dem Mädchen verblieben, nicht abholen konnte. Erst durch eine zufällige Bemerkung eines durchreisenden Kollegen, daß Wüsteler verstorben sei, erfuhr Anton von dem neuen Schicksalsschlage, und sofort erbat er einen kurzen Urlaub zu einem Besuch Zenzis in Bregenz, der indes nach Lage der Dienstverhältnisse erst nach einigen Tagen gewährt werden konnte.

Anton kam mit der Bahn nach Bregenz und stand nach dem Verlassen des Bahnhofes völlig ratlos da. Wo soll er Zenzi suchen? Das Nachfragen an sich ist schon eine mißliche Sache und wird dem Ruf des Mädchens schaden. Kann sich Lergetbohrer doch denken, was die Leute sagen werden. Erst bringt der Finanzer die Familie um Haus und Hof, den Vater in den Kerker, die Tochter ins Elend, und hintendrein versucht der Verräter gar noch eine Annäherung an die unglückliche Waise. In Uniform bei den Leuten anzufragen, ist undenkbar. Zum Respizienten zu gehen, vermag Anton nicht, und eine Anfrage beim Kommissar ist zwecklos und wenig taktvoll. Ob die Kollegen von Zenzis Aufenthalt Kenntnis haben werden? Anton verwirft auch diesen Gedanken, um üblen Nachreden auszuweichen.

Unschlüssig und planlos schlenderte er durch die Gassen, und absichtslos, rein zufällig, geriet er in die Nähe der ehemaligen Wüsteler Wirtschaft. Anton merkte das erst durch die Wahrnehmung, daß die Ladeninhaber auf die Gasse traten und zu tuscheln begannen. Sie haben den Finanzer erkannt, der Wüsteler ins Unglück gebracht, und ereifern sich nun nicht wenig über die Tatsache, daß jener Mensch, gleichsam um sich zu brüsten mit seiner Heldentat, an der Stätte des Unheils vorüberstolziert.

Lergetbohrer beeilte sich, diese Gasse zu verlassen, und bog in ein Seitengäßchen ein, das in die Oberstadt hinaufführte.

Dort ist's kirchenstill und ruhig auch in den kleinen alten Häusern. Am Ende eines Gäßchens spielen zwei Hunde miteinander, deren einer eine seltsame Ähnlichkeit mit Flock hat. Sollte das Hündchen wirklich Flock sein? Anton pfeift, um sich zu vergewissern, und tritt näher hinzu. Der Hund stutzt, horcht auf, und nun erkennt er seinen Herrn, auf den er freudig bellend losstürmt.

»Flock, Flock, mein Liebling!« begrüßt Anton sein Hündchen, das an ihm emporspringt und einen tollen Freudenlärm vollführt. Kaum kann sich Anton der Liebkosungsversuche seines Hundes erwehren, der Spektakel ist schier betäubend.

Da öffnet sich an einem nahegelegenen Häuschen ein Fenster; ein gramerfüllter Frauenkopf wird sichtbar, und eine Stimme ruft Flock herbei. Anton blickt auf und erkennt zu seiner Herzensfreude die treue Pflegerin seines Lieblings. Jubelnd ruft er hinauf: »Zenzi! Liebe Zenzi!«

Jäh errötend zieht sich das Mädchen zurück.

Anton aber stürmt, vom bellenden Flock begleitet, in das Häuschen. Gefunden, gefunden durch Flock!

Schmerzlich freilich ist dieses Wiedersehen. Anton erzählt, daß er vor wenigen Tagen erst die traurige Kunde erfahren, auf welche hin er nach Bregenz geeilt sei.

Still weint Zenzi vor sich hin, umschmeichelt von Flock, der das arme Mädchen sichtlich zu trösten bestrebt ist. Und auch Anton versucht zu trösten und seiner innigsten Anteilnahme Ausdruck zu verleihen.

Dankend reicht Zenzi ihm die Hand; eine letzte Zähre rollt über die Wange, müde lächeln die seelenvollen Augen.

Auf Wiedersehen!

Flock bleibt auf die Bitte Zenzis zurück, und gern gewährt Anton diese Bitte.


Als das Trauerjahr abgelaufen war, wagte Lergetbohrer, der nach Bregenz als Bezirksleiter zurückversetzt worden, um Zenzis Hand anzuhalten. Schlicht und ehrlich gab er seinen Gefühlen warmen Ausdruck. Doch das Mädchen erklärte, den Antrag ablehnen zu müssen, weil er dem Mitleid entsprungen sei.

Lange mühte sich Anton, diesen Gedanken zu verscheuchen. Die Liebe wurzelte ja schon in seinem Herzen, ehe er ahnen konnte, welches Geschick hereinbrechen werde. Daß seine Hand und sein Dienst dieses Unglück über Zenzi brachte, niemand könne es schmerzlicher sein als ihm selbst.

Zenzi betonte ihre Armut und verwies auf Antons Dienststellung, mit welcher es unverträglich sei, die Tochter eines Steuerdefraudanten und Schmugglers als Frau heimzuführen. Doch alle Gründe bestritt der Werber, und schließlich siegte seine ehrliche Bitte. Zenzi willigte ein, Antons Weib zu werden.

Welche Seligkeit, welches Glück!

Doch der hinkende Bote humpelt immer hinterdrein. Mit Schrecken erinnert sich Anton, daß zum Heiraten in seiner Dienststellung der Konsens des Finanzministeriums notwendig ist und daß diese Erlaubnis nur auf Grund eines sehr günstigen Führungsattestes bzw. Nachweises etwaig vorhandenen Vermögens erteilt werden wird.

Solche Gedanken dämpfen jegliche Begeisterung. Und völlig ernüchtert wurde Anton, als er gelegentlich eines Besuches vom Kommissär belehrt wurde, daß, die ministerielle Genehmigung vorausgesetzt, eine Heirat leichtfertig sei, solange Lergetbohrer nicht eine zehnjährige Dienstzeit bei der Finanzwache zurückgelegt habe, denn im Falle seines früheren Ablebens würde die Witwe nicht den geringsten Anspruch auf eine staatliche Sustentation haben. Der Kommissär fügte tröstend hinzu, daß er allerdings auch nicht befürchte, es werde Anton vor Erreichung des zehnten Dienstjahres mit Tod abgehen. Doch der Finanz-Wachdienst sei gefährlich, er kann jeden Tag den Tod bringen.

Da erinnerte sich Lergetbohrer, eine gesetzliche Bestimmung gelesen zu haben, wonach Finanzwachleute und deren Relikten auf Pension im vollen Betrage der Löhnung ohne Rücksicht auf die Dienstzeit Anspruch haben, wenn die Leute infolge einer im Gefällsdienste entweder im Kampfe mit Schmugglern oder durch sonstige Gewalttätigkeit erlittenen schweren Verwundung für den Finanzwachedienst untauglich würden. »Stößt mir also etwas zu, so wird das Ärar gemäß dieser Bestimmung die Pension gewiß nicht verweigern!« fügte Anton bei.

»Allen Respekt vor ihrer Gesetzeskenntnis, lieber Lergetbohrer! Aber die Auslegung der Paragraphen ist oft eine unberechenbare! Doch wagen Sie den Versuch! Daß Ihre Eingabe vom hiesigen Amt auf Grund Ihrer ansehnlichen Verdienste warm befürwortet wird, kann ich Ihnen heute schon zusichern!«

Damit war Anton entlassen. Was soll er nun tun? Er entschließt sich, die geliebte Braut zu verständigen, daß auf Pension vorläufig nicht zu rechnen sei, solange er die verlangten zehn Dienstjahre nicht zurückgelegt habe.

Die Antwort Zenzis war ein langer Kuß und die Versicherung, daß sie ihm seine treue Fürsorge niemals vergessen werde. Doch möge das Schicksal bringen, was Gott der Herr beschließe, sie werde sich fügen und dem Gatten ein treues, liebendes Weib sein bis zum Ende.

Jetzt reichte Anton sein Heiratsgesuch ein, das mit der Befürwortung hübsch gemächlich die Reise nach Wien antrat und gereift an Alter, versehen mit der ministeriellen Genehmigung, nach einigen Monaten wieder in Bregenz eintraf.

Eine stille Hochzeit folgte, ohne Mahl oder sonstige Festlichkeit.

In einer kleinen Wohnung baute sich das junge Paar ein bescheidenes Nest, und Zenzi war nun froh, jene Restsumme aus dem Steuerprozeß zur Vergrößerung des Haushaltes verwenden zu können. Nach Jahr und Tag strampelte ein kleiner Finanzer im Nest, unbekümmert um jegliche Dienstesvorschrift. Lergetbohrer freute sich wie ein Fürst, dem ein Erbprinz geboren ist, und im stillen berechnete er, daß ihm jetzt nur noch drei Jährchen zu den vorgeschriebenen zehn Dienstjahren fehlen. Dann ist die Pension sicher, und wenn der Finanzhimmel gnädig ist, kann nach bestandener Prüfung für Verzehrungssteuer und Zollprüfung für den Grenzdienst nach Umfluß weiterer Jahre die Ernennung zum Finanzwachekommissär zur Tat werden. Herrgott, wäre das ein Glück!

Dem Erbprinzen folgten noch zwei Geschwister nach auf der Reise ins Leben, so daß Lergetbohrer und Gattin drei richtige Seehasen, echte Brigantier, besaßen. Zenzi kargte im Haushalt, und dennoch schwamm sie im Meer des Mutterglückes.

Anton hatte viel Kanzleidienst, dazwischen auch Kontrolldienst zu leisten, und war bestrebt, durch außerordentliche Genauigkeit und größten Eifer sich immer mehr die Zufriedenheit der Vorgesetzten zu erwerben. Je näher das Dienstdezennium rückte, desto schärfer ward Lergetbohrer im Dienst; die Pensionsfähigkeit will er unter allen Umständen erringen im Interesse seiner Familie.

Es war Herbst geworden. Eines späten Abends kam Anton von einem Ausflug zu Wasser zurück, und auf dieser Bootfahrt fiel ihm die Lichtsignalisierung auf und rief ihm seine damaligen Beobachtungen wieder ins Gedächtnis zurück, denen er im Drang der Dienstgeschäfte nicht näher nachgeforscht. Das soll aber gleich morgen nachgeholt und so gut als möglich erforscht werden. Die Finanz muß wissen, was sich die Schmuggler durch farbige Lichter signalisieren; ohne genaue Kenntnis dieser Signale, ohne den Schlüssel zu diesem Geheimnis hat das Streifen zur See doch keinen rechten Zweck.

Am Morgen erholte Anton die Genehmigung des Kommissärs zu einer Erforschung des Signaldienstes, die anstandslos, wenn auch etwas spöttisch, erteilt wurde. Der Kommissär meinte, daß die Lichter zur Nachtzeit eben eine Warnung seien, falls sich die Finanzer auf dem See befinden. Da dies aber fast jede Nacht der Fall ist, könne der Warnung kein besonderer Sinn zugrunde liegen.

Lergetbohrer blieb bei seiner Meinung, daß mutmaßlich die Ausfahrt des Finanzerbootes beobachtet und später durch die Lichter den heimkehrenden Schmugglern signalisiert werde. Es müßte sich daher eine Ausfahrt ohne Überwachung betätigen lassen und hernach die Signalisierung auf das schärfste beobachtet werden. Hierzu legte sich Anton für den Abend einen Plan zurecht, von welchem zwei der findigsten Finanzaufseher und tüchtige Bootsleute dazu verständigt wurden. Anton will allein und in Zivil im Boot den Hafen verlassen, eine Weile kreuzen und während der Nacht zwischen Bregenz und Hard die Finanzer an Bord nehmen. Unauffällig begab sich Lergetbohrer in den Hafen, schlenderte wie zum Zeitvertreib am Kai herum und betrachtete sich die Boote und Leute. Niemand kümmerte sich um ihn. Endlich stieg Anton in das Zollboot, das unter Kettenverschluß hängt und sich im leicht bewegten Wasser schaukelt. Schon will Lergetbohrer den Schlüssel zum Schloß aus der Tasche ziehen, da taucht neben ihm ein Bursche auf, der bisher anscheinend teilnahmslos in der Nähe gestanden und nun in dummpfiffiger Weise den Herrn aufmerksam machte, daß der Herr mit diesem Schiff nicht fahren dürfe.

Augenblicklich kombinierte Anton, daß er es mit einem Ausspekulierer zu tun habe, und richtete sein Verhalten danach ein. Zunächst frug er harmlos nach dem Warum.

»Selles Schiff gehört der Finanzwach'!« antwortete der Spion.

»Um so besser! Haben die Grünen kein Schiff, können sie auch nicht fahren!«

»Herr! Wenn Sie erwischt werden, hat's was!« versicherte der Bursch und zwinkerte mit den Augen.

»Mich erwischen sie nicht! Ich muß ein Schiff haben, und gerade das Finanzboot paßt mir!«

»Sind sie Ihnen auf der Spur?«

»Und wie! Ich habe abgeliefert und bin gesehen worden. Jetzt will ich frische Sendung holen! Paß auf, Bub, wenn ich zurückkomme! Zwei Weiß und ein Rot, verstehst!«

»Falsch, Freunderl! Heut' gilt zwei Rot und ein Grün!«

»Von wo?«

»Vom Gallus Schalloch, wenn alles frei! Bringt Ihr?«

»Ja!«

»Was?«

»Bohnelen!«

»Zwei Gulden, gilt's?«

»Ja, es gilt!«

»Wann?«

»Ich werde gegen elf Uhr anfahren rechts vom Hafen auf der Harder Seite!«

»Gilt! Gute Fahrt!«

Es war ein Glück, daß der Ausspekulierer sich hinwegtrollte, denn Antons List hätte entdeckt werden müssen, weil das Boot nur durch Schloßöffnung fahrtfrei gemacht werden kann. Wer nun den Schlüssel zum Zollboot besitzt, muß doch zur Finanzwache gehören. Den hellsten der Spione haben die Schmuggler sonach diesmal nicht in Dienst gestellt. Anton stieß ab und fuhr aus dem Hafen. Auf See hatte er Zeit, über das Gehörte reiflich nachzudenken. Was wollte der Bursche nur sagen mit den Worten: »Vom Gallus Schalloch?« Das kann sich nur auf einen Turm mit Schallöchern beziehen, und der Turm wird jener der Stadtpfarrkirche sein, die mutmaßlich wie die meisten Kirchen im Umkreis und zu St. Gallen in der Schweiz dem heiligen Gallus geweiht ist.

Ein Signal auf dem Kirchturm kann aber nur im Einverständnis mit dem Küster aufgestellt werden, folglich steckt der Türmer mit einer Schmugglerbande unter einer Decke, was zu merken ist. Also zwei rote Laternen und ein grünes Licht ist Signal für freie Landung, besagt daher, daß die Finanzwache nicht patrouilliert. Vermutlich wird in dieser Nacht ein Transport von Rorschach oder Romanshorn nach Bregenz unternommen werden. Meldet jener Spion, daß das Zollboot von einem Zivilisten ohne Erlaubnis entführt wurde, so kann das die Signalisten nur in Sicherheit wiegen oder es wird das Gegenteil erzielt. Man muß es also darauf ankommen lassen. Gibt der Küster ein Warnungszeichen, so nützt ein Kreuzen so viel wie nichts, und dürfte ein Zurückfahren und Landen besser sein. Anton beschloß zunächst, hinaus in See zu fahren. Seine Mannschaft soll im Röhricht verborgen nur warten.

So zog denn die Nacht ihre schwarzen Schleier über Wasser und Land; Bregenz steckte seinen Lichterschmuck auf, und drüben nicht minder die Inselstadt Lindau, das »bayerische Venedig«.

Daß die »Brähme«, ein weißgrauer Nebel, aufstieg, dem eine dickschwarze Wolke als Anzeichen eines richtigen Bodenseesturmes folgte, dessen achtete Anton nicht, da sein Augenmerk in größter Spannung auf den Turm der Pfarrkirche von Bregenz gerichtet war, der dunkel aufragte und lichtlos blieb. Am Kai gleißte das elektrische Licht, aus den Häusern glotzte der gelbrötliche Schein von Öllampen oder Gas.

Das schwäbische Meer begann zu murren, der Wellenschlag wurde stärker, der Föhn blies mit vollen Backen und wühlte das Wasser vom Grunde auf.

Angestrengt luegte Anton aus, und endlich kam das erwartete Signal vom Turm, zwei rote Lichter zur Seite, ein grünes inmitten. Seine Ausfahrt ist den Spekulierern also nicht verdächtig erschienen. Nun gilt es, rasch gegen die Harder Bucht zu fahren und die Mannschaft zu holen. Das war jedoch leichter gedacht als getan. Der Sturm ist bereits entfesselt, der See brüllt, das Grundgewell tobt. Der Vernünftige flüchtet, so rasch er nur kann, an Land. Lergetbohrer ist aber im Dienst und muß kreuzen, wenigstens solange er sich mit dem Boot einigermaßen halten kann. Und das bereitet nun schon Schwierigkeiten; das Zollboot tanzt einer Nußschale gleich auf den erzürnten Wogen. Der Wind treibt es mit grimmer Wut nordwärts; es ist unmöglich, auf der Bregenzer Seehöhe zu bleiben, geschweige denn Kurs auf Hard zu halten. Jetzt Segel zu entfalten, hieße mit vollem Wind nach Lindau oder Langenargen fahren.

Beharrlich kündigt das Gallussignal freie Einfahrt für die Schmuggler. Ein Hohn ist das, denn das Grundgewell wird jedes Landen vereiteln.

Schattengleich treibt im Sturm ein lichterloser Kahn vorüber, an dessen Mast zerfetzte Segel flattern. Das wird der Transport sein, dem das Signal vom Kirchturm gilt.

Herr des Himmels! Nur jetzt weniger Sturm und mehr Helle! Der Kahn ist vorüber, ehe Anton schlüssig ist, was er zur Verfolgung beginnen soll. Und plötzlich fällt ihm auch ein, daß er in Zivilkleidung und ohne Schußwaffe ist, zudem weit über die Grenzlinie hinaus, mit Kurs auf das nördliche Ufer. Verfolgung, selbst wenn sie noch möglich wäre, ist Wahnsinn. Es gilt, im rasenden Sturm das eigene Leben zu retten und anzulaufen, gleichviel, wo Land erreicht werden kann. Der Föhn tobt, haushoch steigen die brüllenden Wogen, weitum spritzt im zischenden Schaumregen der Gischt.

Anton kämpft um das Leben; mit der Kraft der Todesangst hält er das schwere Ruder, das stehend gehandhabt werden muß. Eine schwarze, schaumgekrönte Woge rauscht heran mit entsetzlicher Wucht, sie zerbricht mit elementarer Kraft die Ruderstange, mit furchtbarem Ruck wird Anton hinweggerissen, das Boot kentert und treibt, einem Spielball gleich, in der brüllenden Flut.


In den Städten herrscht rings um den Bodensee allgemeine Besorgnis; viele Schiffe fehlen, Dampfer sind ausgeblieben, der Sturm war zu arg und gefährlich. Auf dem Bahnkörper zwischen Bregenz und Lindau war ein Kahn gefunden worden, den das Grundgewell dorthin geworfen.

In Wasserburg jammerte der Pfarrer, daß ihm die Wogen durch die Fenster des ersten Stockwerks unwillkommenes Naß ins Pfarrhaus geschleudert hätten.

Zahlreiche Kähne werden vermißt. Tags darauf kursmäßig in Lindau und Bregenz angekommene Dampfer kündeten, daß verschiedene Boote gekentert treiben.

Das österreichische Zollboot wurde denn auch in der Nähe von Wasserburg in Kenterlage an Land geworfen aufgefunden. Ein Telegramm meldete dem Fund nach Bregenz und brachte die Finanzwache in Aufregung. Der Kommissär forschte nach, ob Lergetbohrer zu seiner Familie zurückgekehrt sei, und nun erfaßte jähes Entsetzen die arme Zenzi.

Die in Lindau exponierten österreichischen Revisionsaufseher wurden angewiesen, nach dem Verbleib des vermißten Lergetbohrer zu forschen. Der Telegraph arbeitete fieberhaft zwischen den Bodenseestationen am nördlichen Ufer und brachte am Abend die Meldung, daß bei Langenargen die Leiche eines Zivilisten gefunden wurde, dessen Papiere auf den Namen Lergetbohrer aus Bregenz lauten.

Der Kommissar mit vier Mann holte zu Schiff den im Dienst gleich einem Helden gefallenen Finanzer heim an österreichisches Land. Er übernahm es auch, die arme Witwe auf das Unglück vorzubereiten, so schwer die Mission auch sein mochte.

Wenn auch ohne Ehrensalven, so doch mit den Ehren, die einem im Dienst Verstorbenen gebühren, ward die Leiche Lergetbohrers der Erde übergeben, und Finanzer aus allen umliegenden Orten wohnten der Beerdigung tieferschüttert bei. Mahnt doch dieses Ende scharf und deutlich an die Gefahren des Finanzerdienstes.

Ein treuer Freund in der Not ward der Kommissär, welcher zu Lebzeiten auf Lergetbohrer so große Stücke gehalten. Er übernahm die Vormundschaft über die armen Waisen, er erstattete den Bericht an die Oberbehörde, er war es, der sich bemühte, der Witwe die Pension zu erwirken, trotzdem der Verunglückte das Dienstdezennium nicht erreichen gekonnt.

Das Gesuch mußte abschlägig beschieden werden aus prinzipiellen Gründen. Das Dienstdezennium ist nicht erreicht, klar lauten die diesbezüglichen Vorschriften. Vergeblich bemühte sich der Kommissär um Anerkennung des Paragraphen zehn, des sogenannten Unglücksparagraphen, wonach die Pension gewährt wird ohne Rücksicht auf die Dienstzeit, wenn ein Finanzer im Kampfe mit Schmugglern oder durch sonstige Gewalttätigkeit dienstuntauglich geworden sei. Das Ministerium vermochte aber nicht anzuerkennen, daß ein Sturm auf dem Bodensee eine Gewalttätigkeit sei, und deshalb wurde auch dieses Gesuch abgewiesen.

Witwe und Waisen erhielten nicht einen Kreuzer Unterstützung. Und die wenigen, von karg besoldeten Finanzern aufgebrachten Groschen konnten nicht lange vorhalten.

Stück um Stück aus dem kleinen Haushalt mußte verkauft werden; die Not zog grinsend ein bei Zenzi und den Waisen, wiewohl die Witwe fleißig sich mühte, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Einen letzten Versuch wagte der Kommissär: ein Majestätsgesuch. Lange blieb ein Bescheid aus. Und als er kam, wurde der armen Finanzerwitwe eine Gnadengabe von täglich fünfzehn Kreuzern und für jedes Kind bis zum vollendeten zwölften Jahre fünf Kreuzer täglich bewilligt.

Zenzi war auch für diese kleine Gabe dankbar und kämpfte weiter als Witwe eines – Finanzers.

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