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: Sagen der Chassidim - Kapitel 1
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene
titleSagen der Chassidim
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Buch
volume2781
editorAlexander Eliasberg
year1970
firstpub1970
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1. Der Wundertäter Adam

Es war einmal ein Meister des göttlichen Namens (Wundertäter) namens Reb Adam. Er hatte in einer Höhle Handschriften gefunden, die allerlei verborgene Geheimnisse der Thora enthielten. Er war aber sehr arm: er wohnte mit seinem Weibe in einem einzigen Kämmerchen, und beide hatten fast nichts anzuziehen. Einmal sagte das Weib: »Was soll ich anziehen, um ins Bethaus zu gehen?« Und er antwortete: »Geh in die Kammer und wähle dir dort ein Kleid nach deiner Herzenslust aus; wenn du aber vom Beten heimkommst, sollst du das Kleid sofort in die Kammer zurückhängen.« Sie tat so und ging jeden Tag ins Bethaus in einem neuen Kleide. Die Leute konnten nicht verstehen, wie das Weib eines armen Mannes zu solchen Kleidern kam, und sie fragten sie danach. Das Weib eröffnete ihnen das Geheimnis.

Die Sache kam dem Kaiser zu Ohren; er prüfte sie nach und sah, daß alles, was die Leute erzählten, stimmte. Der Kaiser berief Reb Adam an seinen Hof und gewann ihn lieb, doch dieser blieb arm. Unter den Hofleuten war aber einer, der alle Juden haßte und den es verdroß, daß der Kaiser dem Reb Adam gewogen war.

Reb Adam sagte einmal zum Kaiser: »Ich will dich zu einem Mahle laden.« Das verdroß jenen Höfling noch mehr. Der Kaiser nahm aber die Einladung an. Als der festgesetzte Tag kam, fuhr der Kaiser mit seinem ganzen Hofe zum Festmahle; auch der Feind Reb Adams war darunter. Dieser Höfling versuchte den Kaiser zu überreden, daß er umkehre: »Der Mann will uns allen Schande antun. Wie ist es möglich, daß ein so armer Mensch ein Mahl für den Kaiser und den ganzen Hof beschaffen kann?« Doch der Kaiser gab nichts auf alle seine Worte.

Als man vor der Stadt anlangte, in der Reb Adam wohnte, schickte der Kaiser Boten voraus, um zu sehen, ob für ihn und sein Gefolge genügend Zimmer vorbereitet seien. Die Boten kamen zurück und berichteten, daß nichts vorbereitet sei, weder Zimmer noch ein Mahl; sie hätten nur das kleine Stübchen gesehen, in dem Reb Adam mit seinem Weibe wohnte. Der Kaiser setzte aber trotzdem die Reise fort, denn er sagte sich: »Er wird uns wohl ein großes Wunder zeigen!«

Um die gleiche Zeit wollte der König eines andern Landes ein großes Mahl für einen andern König bereiten; für dieses Mahl wurde zwei Jahre lang ein eigener Palast gebaut. Im Palaste waren allerlei Speisen vorbereitet, goldene und silberne Schüsseln und Becher, Diener und alles, was zu einem königlichen Mahle gehört. Und an dem Tage, für den Reb Adam den Kaiser eingeladen hatte, hob sich dieser Palast mit allem, was darin war, von der Erde weg und flog zum Ort, wohin Reb Adam den Kaiser geladen hatte.

Wie der Kaiser in die Stadt kam, fand er einen großen Palast vor, der überaus kostbar ausgestattet war. Der Kaiser trat ein, und die Diener bereiteten ihm und seinem Gefolge einen prächtigen Empfang. Reb Adam ging aber durch die Säle und sprach zu seinen Gästen: »Eßt und trinkt, doch niemand von euch soll sich von seinem Platze rühren.« Und später sagte er: »Nun soll jeder von euch seine Hand in die Tasche stecken: er wird darin finden, was sein Herz will.« Der Kaiser und alle Hofleute taten so, und jeder fand in seiner Tasche das, wonach sein Herz gelüstete. Als aber der Höfling, der Reb Adam haßte, seine Hand in die Tasche steckte, fand er in ihr nur Kot. Und seine Hand roch so übel, daß es niemand ertragen konnte und daß man ihn hinausjagte. Da bat der Höfling die andern Hofleute, sie möchten sich bei Reb Adam verwenden, daß seine Hand nicht mehr stinke. Reb Adam sagte: »Wenn er sich verpflichtet, das Volk Israel nicht mehr zu hassen, wird der üble Geruch verschwinden.« Der Höfling gab das Versprechen, und Reb Adam befahl, daß irgendein Jude ihm auf die Hand spucke; als dies geschehen, verschwand sofort der üble Geruch.

Bevor die Gäste das Schloß verließen, nahm der Kaiser zwei goldene Becher zu sich. Später las man in den Zeitungen, daß ein König einen andern König zu einem Mahle laden wollte, daß man dazu zwei Jahre lang einen Palast gebaut hatte, daß der Palast plötzlich mit allem, was er enthielt, verschwunden war und nach einigen Tagen wieder auf seinen Platz zurückkehrte; nur zwei goldene Becher waren von der Tafel verschwunden. Und der Kaiser schrieb dem König: »Ich kenne einen Juden, der das getan hat. Und zum Beweis habe ich die beiden verschwundenen Becher bei mir.«

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