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Anton Tschechow: In der Osternacht - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorAnton Cechov
booktitleDer russische Christ
titleIn der Osternacht
publisherDrei Masken Verlag
editorAlexander Eliasberg
year
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080805
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Anton Cechov

In der Osternacht

Ich stand am Ufer der Goltwa und wartete auf die Fähre. Zur gewöhnlichen Zeit stellt diese Goltwa ein mittelgroßes, schweigsames und versonnenes Flüßchen dar, das mild durch das dichte Schilf leuchtet; jetzt breitete sich aber vor mir ein ganzer See aus. Die unbändigen Frühlingsgewässer hatten die beiden Ufer überschritten und die Gemüsegärten, Wiesen und Sümpfe überschwemmt, so daß aus der Wasseroberfläche hie und da einsame Pappeln und Sträucher ragten, die im Finstern düsteren Felsen glichen.

Das Wetter erschien mir herrlich. Es war dunkel, aber ich unterschied dennoch die Bäume, das Wasser und die Menschen ... Die Welt wurde von den Sternen erleuchtet, von denen der Himmel dicht übersät war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Sterne gesehen zu haben. Es war buchstäblich kein Fleck, wo man mit dem Finger hintippen könnte. Die einen waren so groß wie Gänseeier, die anderen winzig wie Hanfsamen... Der Feiertagsparade wegen waren sie alle von klein bis groß auf den Himmel getreten, gewaschen, erneut, freudig, und alle bewegten still ihre Strahlen. Der Himmel spiegelte sich im Wasser; die Sterne badeten in der dunklen Tiefe und zitterten mit dem leisen Gekräusel der Wasseroberfläche. Die Luft war warm und still ... Weit am anderen Ufer brannten in der schwarzen Finsternis vereinzelte grellrote Feuer...

Zwei Schritt vor mir ragte die dunkle Silhouette eines Bauern in hohem Hut, mit einem dicken Knotenstock in der Hand.

»So lange kommt die Fähre nicht!« sagte ich.

»Es wäre längst Zeit für sie,« antwortete die Silhouette.

»Wartest du auch auf die Fähre?«

»Nein, ich stehe nur so da,« antwortete der Bauer gähnend. »Ich warte auf die Illumination. Ich würde schon hinüberfahren, aber mir fehlen die fünf Kopeken für die Fähre.«

»Ich will dir die fünf Kopeken geben.«

»Nein, ich danke ergebenst... Für diese fünf Kopeken kannst du für mich dort im Kloster eine Kerze spenden... So wird es besser sein, ich will hier bleiben. Wo nur die Fähre bleibt! Es ist von ihr nichts zu sehen!«

Der Bauer trat dicht ans Wasser, ergriff mit der Hand das Seil und schrie:

»Jeronim! Jeron–i–im!«

Als Antwort auf seinen Ruf ertönte vom anderen Ufer der gedehnte Schlag einer großen Glocke. Der Ton war tief wie der der dicksten Saite einer Baßgeige: es klang, als ob er von der Dunkelheit selbst erzeugt wäre. Gleich darauf ertönte ein Kanonenschuß. Er rollte durch die Dunkelheit und erstarb irgendwo weit hinter meinem Rücken. Der Bauer zog den Hut und bekreuzigte sich.

»Christ ist erstanden!« sagte er.

Die Schwingungen des ersten Glockenschlages waren noch nicht erstorben, als schon ein zweiter, dann ein dritter ertönte und die Dunkelheit sich mit einem ununterbrochenen zitternden Dröhnen füllte. Neben den roten Feuern leuchteten andere Feuer auf, und alle gerieten in eine unruhige Bewegung.

»Jeron–i–im!« ertönte ein dumpfer, gedehnter Schrei.

»Da schreit wer vom anderen Ufer,« sagte der Bauer. »Also ist die Fähre auch nicht drüben. Unser Jeronim ist eingeschlafen.«

Die Feuer und das samtweiche Glockengeläute lockten hinüber. Ich fing schon an, die Geduld zu verlieren und unruhig zu werden, als in der dunklen Ferne etwas wie die Silhouette eines Galgens auftauchte. Es war die längst ersehnte Fähre. Sie bewegte sich so langsam, daß, wenn ihre Umrisse nicht immer deutlicher hervorträten, man annehmen könnte, sie stehe auf einem Feld oder fahre ans andre Ufer.

»Schneller! Jeronim!« schrie mein Bauer. »Der Herr wartet!«

Die Fähre kam langsam ans Ufer, schwankte und blieb knarrend stehen. Auf ihr stand, sich am Seil festhaltend, ein großgewachsener Mensch in einer Mönchskutte, mit einem konischen Käppchen auf dem Kopfe.

»Warum so lange?« fragte ich, auf die Fähre springend.

»Verzeihen Sie, um Christi willen,« antwortete Jeronim leise. »Ist sonst niemand da?«

»Nein, niemand...«

Jeronim ergriff mit beiden Händen das Seil, krümmte sich zu einem Fragezeichen und hüstelte. Die Fähre knarrte und schwankte. Die Silhouette des Bauern im hohen Hut fing an, sich von mir langsam zu entfernen – die Fähre war also in Bewegung, Jeronim richtete sich bald auf und fing an, mit nur einer Hand zu arbeiten. Wir schwiegen und sahen aufs Ufer, zu dem wir fuhren. Dort begann schon die Illumination, auf die der Bauer wartete. Dicht am Wasser loderten Pechfässer. Ihre Spiegelungen, trübrot, wie der aufgehende Mond, glitten als lange breite Streifen uns entgegen. Die brennenden Fässer beleuchteten ihren eigenen Rauch und die langen Menschenschatten, die sich um das Feuer bewegten; aber seitwärts und hinter ihnen, von wo das samtweiche Läuten tönte, war noch immer die gleiche schwarze Finsternis. Plötzlich flog, die Finsternis durchschneidend, als goldenes Band eine Rakete empor; sie beschrieb einen Bogen, zerschellte gleichsam am Himmel und zerstob knatternd zu Funken. Vom Ufer her tönte ein dumpfer Lärm, der wie ein fernes Hurrageschrei klang.

»Wie schön!« sagte ich.

»Es läßt sich gar nicht sagen, wie schön es ist!« sagte Jeronim und seufzte. »Diese Nacht, Herr! Zu einer anderen Zeit achtet man gar nicht auf so eine Rakete, heute freut man sich aber über jede Dummheit. Woher sind Sie, Herr?«

Ich sagte es ihm.

»So, so... ein freudiger Tag ist heute...« fuhr Jeronim mit schwacher, seufzender Tenorstimme fort, mit der genesende Kranke zu sprechen pflegen. »Himmel und Erde und die Unterwelt freuen sich. Die ganze Kreatur jubelt. Sagen Sie mir nur, lieber Herr: warum kann der Mensch auch bei großer Freude seinen Schmerz nicht vergessen?«

Ich glaubte, daß er mich mit dieser unerwarteten Frage zu einem der unendlichen, frommen Gespräche herausforderte, die die müßigen und sich langweilenden Mönche so lieben. Ich war nicht in der Stimmung, um viel zu sprechen, und fragte bloß:

»Was haben Sie denn für Schmerzen, Bruder?«

»Gewöhnliche Schmerzen, wie alle Menschen, Euer Wohlgeboren, lieber Herr, aber heute haben wir im Kloster einen besonderen Schmerz gehabt: während der Messe mitten in der Bibelvorlesung ist der Hierodiakon Nikolai gestorben...«

»Nun, es ist Gottes Wille!« sagte ich, indem ich mich bemühte, mich dem mönchischen Ton anzupassen. »Alle müssen sterben. Ich meine, Sie müßten sich sogar freuen ... Man sagt doch, daß einer, der vor Ostern oder am Ostertage gestorben ist, ganz sicher ins Himmelreich kommt.«

»Das stimmt.«

Wir verstummten. Die Silhouette des Bauern im hohen Hut hatte sich in den Umrissen des Ufers aufgelöst. Die Pechfässer loderten immer stärker.

»Auch die Schrift und die Überlegung weisen auf die Nichtigkeit der Trauer hin,« unterbrach Jeronim das Schweigen. »Warum trauert aber die Seele und will auf die Vernunft nicht hören? Warum möchte man bitter weinen?«

Jeronim zuckte die Achseln, wandte sich zu mir um und sagte schnell:

»Wenn ich, oder wer anderes stirbt, so wird man es vielleicht gar nicht merken; aber es ist Nikolai! Niemand anderes als Nikolai! Es ist sogar schwer zu glauben, daß er nicht mehr auf der Welt ist! Ich stehe hier auf der Fähre, und es ist mir immer, als würde ich gleich seine Stimme vom anderen Ufer hören. Damit ich mich allein auf der Fähre nicht fürchte, pflegte er immer ans Ufer zu kommen und mich zu rufen. Dazu stand er eigens vom Bette auf. Die gute Seele! Mein Gott, was für eine gute und barmherzige Seele! Manche Mutter ist nicht so, wie dieser Nikolai zu mir war! Herr, rette seine Seele!«

Jeronim ergriff das Seil, wandte sich aber gleich wieder zu mir um.

»Euer Wohlgeboren, und was für ein heller Geist!« sagte er mit singender Stimme. »Was für eine wohltönende und süße Sprache! So süß, wie man jetzt gleich bei der Ostermesse singen wird: ›Oh, deine freundliche und süße Stimme!‹ Außer allen anderen menschlichen Eigenschaften hatte er auch noch eine ungewöhnliche Gabe!« »Was für eine Gabe?« fragte ich.

Der Mönch sah mich an, als wollte er sich überzeugen, ob man mir ein Geheimnis anvertrauen dürfe, und lachte lustig auf.

»Er hatte die Gabe, Akathiste Siehe Anmerkung Seite 130. zu schreiben ... « sagte er. »Ein wahres Wunder, lieber Herr! Sie werden staunen, wenn ich es Ihnen erkläre! Unser Archimandrit stammt aus Moskau, der Vikar hat die Kasaner Geistliche Akademie absolviert, wir haben manchen klugen Hieromonachen und Starez, doch es ist keiner darunter, der zu schreiben verstünde. Aber Nikolai, der einfache Mönch und Hierodiakon, der nirgends studiert hat und dem man es gar nicht ansah, verstand zu schreiben! Ein Wunder! Ein wahres Wunder!«

Jeronim schlug die Hände zusammen und fuhr begeistert fort, ohne sich mehr um das Seil zu kümmern:

»Der Vikar hat große Schwierigkeiten, wenn er eine Predigt verfassen soll; als er die Geschichte des Klosters schrieb, hat er die ganze Bruderschaft müde gehetzt und ist selbst an die zehnmal in die Stadt gefahren. Nikolai schrieb aber Akathiste! Akathiste! Das ist doch etwas ganz anderes als eine Predigt oder eine Geschichte!«

»Ist es denn schwer, Akathiste zu schreiben?« fragte ich.

»Sehr schwer ...« antwortete Jeronim und schüttelte den Kopf. »Hier kann man mit Heiligkeit und Weisheit nichts ausrichten, wenn Gott einem die Gabe versagt hat. Mönche, die es nicht verstehen, meinen, man brauche dabei nur gut das Leben des Heiligen zu kennen, dem der Akathistos gewidmet ist, und sich nach den anderen Akathisten zu richten. Aber das ist falsch, Herr. Wer einen Akathistos schreibt, muß allerdings das Leben des Heiligen sehr genau mit allen Einzelheiten kennen. Er muß sich auch nach den anderen Akathisten richten: wie sie anfangen und wie sie geschrieben sind. Beispielsweise beginnt der erste Abschnitt immer mit dem Worte ›Erwählt‹ oder ›Auserwählt‹ ... Der erste Lobgesang beginnt immer mit einem ›Engel‹. Der Akathistos an den süßesten Jesus beginnt, wenn es Sie interessiert, so: ›Der Engel Schöpfer und der Heerscharen Herr‹; der Akathistos an die Allerheiligste Muttergottes: ›Der Engel ward vom Himmel gesandt‹; an Nikolai den Wundertäter: ›Engel an Gestalt und irdisch als Geschöpf‹ usw. Immer fängt es mit dem Engel an. Natürlich muß man sich danach richten, das Wichtigste ist aber nicht die Lebensgeschichte des Heiligen und nicht die Übereinstimmung mit den anderen, sondern die Schönheit und Süße. Alles muß glatt, kurz und ausführlich sein. In jeder Zeile muß eine Zartheit, Freundlichkeit und Milde liegen, es darf kein einziges hartes, rohes oder unpassendes Wort vorkommen. Man muß es so schreiben, daß der Betende in seinem Herzen frohlocke und meine, daß sein Geist erbebe und erschauere. Im Akathistos an die Muttergottes kommen die Worte vor: ›Freue dich, du von menschlichen Gedanken unerreichbare Höhe! Freue dich, du auch für Engelsaugen unsichtbare Tiefe!‹ An einer anderen Stelle des gleichen Akathistos heißt es: ›Freue dich, du hellfrüchtiger Baum, von dem sich die Gläubigen nähren, freue dich, du schönlaubschattender Baum, unter dem viele Schutz finden!‹«

Jeronim bedeckte wie beschämt oder erschrocken das Gesicht mit den Händen und schüttelte den Kopf.

»Hellfrüchtiger Baum ... schönlaubschattender Baum ...« murmelte er. »Wie findet man nur solche Worte! Gibt doch Gott einem diese Gabe! Der Kürze wegen verdichtet er viele Worte und Gedanken zu einem einzigen Wort, und wie schön und ausführlich es ihm gerät! ›Lichtspendende Leuchte‹ heißt es im Akathistos an den süßesten Jesus. Lichtspendend! Dieses Wort gibt es weder im Gespräch, noch in den Büchern, er hat es aber erdacht und in seinem Geiste gefunden! Außer daß es glatt und reich klingt, muß jede Zeile auch noch auf jede mögliche Weise ausgeschmückt sein, es müssen Blumen darin sein, der Blitz, der Wind, die Sonne und alle Gegenstände der sichtbaren Welt. Jede Anrufung muß so abgefaßt sein, daß sie glatt und für das Ohr wohltuend sei. ›Freue dich, du Lilie paradiesischen Wachstums!‹ heißt es im Akathistos an Nikolai den Wundertäter. Es heißt nicht einfach: ›Paradiesische Lilie‹, sondern ›Lilie paradiesischen Wachstums!‹ So ist es glatter und für das Ohr süßer, so schrieb eben Nikolai. Genau so! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie er schrieb!«

»Ja, in diesem Falle ist es wirklich schade, daß er gestorben ist,« sagte ich. »Wollen wir aber fahren, Bruder, sonst kommen wir zu spät ...«

Jeronim kam zu Besinnung und lief zum Seil. Am Ufer läuteten schon alle Glocken. Um das Kloster herum ging wohl schon die Prozession, denn der ganze dunkle Raum hinter den Fässern war voller Lichter, die sich bewegten.

»Hat Nikolai seine Akathiste gedruckt?« fragte ich Jeronim.

»Wer dachte ans Drucken?« sagte er seufzend. »Es wäre auch sonderbar, sie zu drucken. Wozu auch? Bei uns im Kloster interessiert sich niemand dafür. Man liebt es nicht. Man wußte wohl, daß Nikolai Akathiste schrieb, schenkte aber dem keine Beachtung. Heute schätzt niemand die neueren Dichtungen dieser Art!«

»Man hat Vorurteile gegen sie?«

»Gewiß. Wäre Nikolai ein Starez, so hätten sich die Brüder vielleicht doch interessiert, er war aber noch nicht vierzig Jahre alt. Manche lachten sogar darüber und hielten sein Schreiben für eine Sünde.«

»Wozu schrieb er dann?«

»So, eigentlich nur zu seinem eigenen Trost. Von allen Brüdern las nur ich allein seine Akathiste. Ich pflegte zu ihm heimlich zu kommen, damit es die anderen nicht sehen, er aber freute sich, daß ich mich dafür interessierte. Er umarmte mich, streichelte mir den Kopf und sprach zu mir freundliche Worte wie zu einem kleinen Kind. Er schloß die Türe zu, setzte mich neben sich und fing zu lesen an ...«

Jeronim ließ das Seil und ging wieder auf mich zu.

»Wir waren wie Freunde,« flüsterte er, mich mit strahlenden Augen ansehend. »Wir waren immer zusammen. Wenn ich nicht bei ihm war, grämte er sich. Er liebte mich auch mehr als alle, weil ich über seine Akathiste weinte. Wenn ich daran denke, bin ich ganz gerührt. Jetzt bin ich wie eine Waise oder Witwe. Wissen Sie, wir haben im Kloster lauter brave, gute, fromme Menschen, aber ... in keinem ist Weichheit oder Zartgefühl, sie sind wie aus einfachem Stande. Sie sprechen alle laut; wenn sie gehen, stampfen sie mit den Füßen, sie lärmen und husten; Nikolai sprach aber immer leise und sanft, und wenn er sah, daß jemand schlief oder betete, so ging er so leise vorbei wie eine Fliege oder eine Mücke. Auch sein Gesicht war so zart und mitleidsvoll...«

Jeronim seufzte tief auf und ergriff das Seil. Wir näherten uns schon dem Ufer. Aus der Dunkelheit und der Stille des Flusses kamen wir allmählich in ein Zauberreich voll erstickendem Rauch, zitterndem Licht und Lärm. Neben den Pechfässern konnte man schon deutlich die sich bewegenden Menschen unterscheiden. Das flackernde Licht verlieh den roten Gesichtern und Gestalten einen seltsamen, beinahe phantastischen Ausdruck. Zwischen den Köpfen und Gesichtern waren hie und da Pferdeköpfe zu sehen, unbeweglich, wie aus rotem Kupfer gegossen.

»Gleich wird man den Osterkanon singen...« sagte Jeronim. »Nikolai ist aber tot, und es ist niemand da, der mit Andacht zuhören könnte ... Für ihn gab es nichts Süßeres als diesen Kanon. Er pflegte in jedes Wort einzudringen! Sie werden ja dort sein, Herr, lauschen sie andächtig dem Gesange: es stockt einem dabei der Atem!«

»Werden Sie denn nicht in der Kirche sein?«

»Ich darf nicht... Ich muß auf der Fähre bleiben...«

»Werden Sie denn nicht abgelöst?«

»Ich weiß nicht ... Man hätte mich schon um neun Uhr ablösen sollen, hat mich aber, wie sie sehen, nicht abgelöst! Die Wahrheit zu sagen, möchte ich zu gern in die Kirche...«

»Sind Sie Mönch?«

»Ja... d. h. Laienbruder.«

Die Fähre stieß ans Land und hielt. Ich drückte Jeronim fünf Kopeken für die Überfahrt in die Hand und sprang aufs Ufer. Im gleichen Augenblick fuhr ein knarrender Bauernwagen mit einem Jungen und einer schlafenden Frau auf die Fähre. Jeronim ergriff, von den Feuern rötlich beleuchtet, das Seil, krümmte sich und brachte die Fähre in Bewegung....

Ich machte einige Schritte durch den Schmutz, kam aber dann auf einen weichen, neu eingetretenen Fußpfad. Dieser Pfad führte mich durch die Rauchwolken, durch die unordentliche Menge von Menschen, ausgespannten Pferden und Wagen zum Klostertore, das wie ein dunkles Loch aussah. Alles knarrte, schnaubte und lachte, auf allem lag ein blutroter Lichtschein und huschten Schatten der Rauchwolken... Ein wahres Chaos! In diesem Gedränge fand man noch Platz, um eine kleine Kanone zu laden und Pfefferkuchen feilzubieten!

Innerhalb der Klostermauer ging es nicht weniger lebhaft zu, aber hier herrschte doch mehr Ordnung. Hier roch es nach Wacholder und Weihrauch. Man sprach ebenso laut, lachte aber nicht. Zwischen den Grabsteinen und Kreuzen drängten sich Menschen mit Bündeln und Osterkuchen. Viele von ihnen waren offenbar von weit hergekommen, um sich die Osterkuchen weihen zu lassen, und waren ermüdet. Über die gußeisernen Platten, die einen Steg vom Tore bis zur Kirchentüre bildeten, liefen geschäftig, mit den Absätzen klopfend, die jungen Laienbrüder. Auch auf dem Glockenturme ging es geräuschvoll zu.

– Was für eine unruhige Nacht! – dachte ich mir. – Wie schön! –

Ich sah die Unruhe und Schlaflosigkeit in der ganzen Natur, von der nächtlichen Finsternis angefangen bis zu den Eisenplatten, Grabkreuzen und Bäumen, unter denen sich die Menschen bewegten. Die Aufregung und Unruhe äußerten sich aber nirgends so stark wie in der Kirche selbst. Im Portal ging ein ununterbrochener Kampf zwischen Flut und Ebbe vor sich. Die einen kommen, die anderen gehen und kehren bald wieder zurück, um eine Weile ruhig zu stehen und dann wieder hinauszugehen. Die Menschen schlendern von Ort zu Ort, als suchten sie etwas. Vom Eingang her kommen Wellen, die durch die ganze Kirche laufen und sogar die vordersten Reihen berühren, wo die soliden und schwerfälligen Menschen stehen. Von andächtigem Beten kann hier nicht die Rede sein. Es ist auch kein Beten, sondern eine einzige, kindliche unbewußte Freude, die nach einem Vorwand sucht, um sich auszuleben und in irgendeiner Bewegung zu äußern, und sei es auch in dem sinnlosen Herumschlendern und Herumstoßen.

Dieselbe ungewöhnliche Beweglichkeit fällt auch am Ostergottesdienst selbst auf. Die Altarpforten aller Kapellen stehen offen, um den Deckenleuchter herum schweben dichte Weihrauchwolken, wo man auch hinblickt, überall ist ein Leuchten, Glänzen, das Knistern von Kerzen... Bei diesem Gottesdienste wird nichts vorgelesen; das unruhige, freudige Singen dauert ununterbrochen bis zum Schluß; nach jedem einzelnen Gesang wechseln die Geistlichen die Gewänder und schwingen aufs neue die Weihrauchfässer, und das wiederholt sich alle zehn Minuten.

Kaum hatte ich mich hingestellt, als von vorn eine Welle kam und mich zurückwarf. Vor mir ging ein großer, stämmiger Diakon mit einer langen roten Kerze in der Hand vorbei; ihm folgte mit dem Weihrauchfaß in der Hand der grauhaarige Archimandrit mit einer goldenen Mithra auf dem Kopfe. Als sie den Blicken entschwunden waren, schob mich die Menge auf meinen früheren Platz zurück. Es vergingen aber keine zehn Minuten, als eine neue Welle kam und wieder der Diakon erschien. Diesmal folgte ihm der Vikar, derselbe, der nach Jeronims Worten die Geschichte des Klosters schrieb.

Ich war mit der ganzen Menge eins geworden und von der allgemeinen freudigen Erregung angesteckt, fühlte aber zugleich schmerzvolles Mitleid mit Jeronim. Warum wird er nicht abgelöst? Warum schickt man nicht auf die Fähre einen anderen, weniger gefühlvollen und empfänglichen Menschen?

»Hebe deine Augen, Zion, und schau...« sang der Chor: »denn deine Kinder sind zu dir wie göttliche Gestirne gekommen, vom Abend und von Mitternacht, vom Meere und vom Morgen.«

Ich sah mir die Gesichter an. Alle drückten einen Jubel aus; aber kein Mensch suchte in die Worte dessen, was gesungen wurde, einzudringen, keinem »stockte der Atem«. Warum löste man Jeronim nicht ab? Ich stellte ihn mir vor, wie er bescheiden und gebückt an einer Mauer steht und die Schönheit der heiligen Worte gierig auffängt. Alles, was an den Ohren der um mich stehenden Menschen vorbeiglitt, hätte er gierig mit seiner empfänglichen Seele getrunken; er hätte sich daran berauscht, so daß ihm der Atem stockte, und es gäbe in der ganzen Kirche keinen glücklicheren Menschen als ihn. Er aber fuhr auf dem dunklen Flusse hin uns her und beweinte seinen verstorbenen Bruder und Freund.

Von hinten kam eine Welle. Ein wohlbeleibter, lächelnder Mönch drängte sich, mit dem Rosenkranz spielend und immer zurückblickend, an mir vorbei und bahnte den Weg einer Dame in Hut und Samtmantel. Der Dame folgte, über unseren Köpfen einen Stuhl tragend, ein Klosterdiener.

Ich verließ die Kirche. Ich wollte den toten Nikolai, den unbekannten Dichter der Akathiste sehen. Ich ging längs der Mauer mit den Zellen, blickte in mehrere Fenster hinein, sah aber nichts und kehrte zurück. Jetzt bedaure ich nicht, daß ich Nikolai nicht gesehen habe; Gott weiß, vielleicht wäre, wenn ich ihn gesehen hätte, das Bild erloschen, das mir meine Phantasie malt. Diesen sympathischen, poetischen Menschen, der nachts aufzustehen pflegte, um zu Jeronim hinüberzurufen, und der in seine Akathiste Blumen, Sterne und Sonnenstrahlen streute, den unverstandenen und einsamen Menschen stelle ich mir blaß und schüchtern, mit weichen, sanften und traurigen Gesichtszügen vor. In seinen Augen muß neben Klugheit auch noch die Liebe leuchten, jene kaum zurückgehaltene, kindliche Verzückung, die ich in der Stimme Jeronims hörte, als er mir die Bruchstücke aus den Akathisten zitierte.

Als wir nach der Messe die Kirche verließen, war die Nacht schon zu Ende. Der Morgen brach an. Die Sterne waren erloschen, und der Himmel war graublau und trüb. Die Eisenplatten, Grabdenkmäler und die Knospen an den Bäumen waren von Tau bedeckt. Die Morgenluft war scharf und frisch. Hinter der Klostermauer herrschte nicht mehr das Leben, das ich nachts gesehen hatte. Die Pferde und die Menschen schienen müde und schläfrig und bewegten sich kaum; von den Pechfässern waren aber nur Häufchen schwarzer Asche übriggeblieben. Wenn der Mensch müde ist und schlafen will, so scheint es ihm, daß auch die Natur das gleiche empfinde. Mir kam es vor, als ob die Bäume und das junge Gras schliefen. Als läuteten die Glocken nicht mehr so laut und freudig wie in der Nacht. Die Unruhe hatte sich gelegt, und von der Erregung war nur eine angenehme Mattigkeit, die Sehnsucht nach dem Schlafe und der Wärme zurückgeblieben.

Jetzt konnte ich schon den Fluß mit den beiden Ufern unterscheiden. Über ihn zog hie und da leichter Nebel. Das Wasser atmete Kälte und Strenge. Als ich auf die Fähre kam, standen auf ihr schon ein Wagen und an die zwanzig Männer und Weiber. Das feuchte, und wie mir schien, schläfrige Seil spannte sich weit über den breiten Fluß und verschwand stellenweise im weißen Nebel.

»Christ ist erstanden! Ist sonst niemand da?« fragte eine leise Stimme.

Ich erkannte die Stimme Jeronims. Das nächtliche Dunkel hinderte mich nicht mehr, das Gesicht des Mönches zu sehen. Er war ein großgewachsener Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit schmalen Schultern, rundlichen Gesichtszügen, halbgeschlossenen, träge um sich blickenden Augen und einem ungekämmten keilförmigen Bärtchen. Er sah ungewöhnlich traurig und müde aus.

»Hat man Sie noch nicht abgelöst?« fragte ich erstaunt.

»Mich?« sagte er, sein erfrorenes, taubedecktes Gesicht zu mir umwendend und lächelnd. »Jetzt wird mich bis zum Morgen niemand mehr ablösen. Alle gehen zum P. Archimandriten zu Tisch.«

Er und ein Bäuerlein in einer roten Fellmütze, die an das Gefäß aus Lindenrinde erinnerte, in dem man Honig verkauft, stemmten sich gegen das Seil, räusperten sich, und die Fähre geriet in Bewegung.

Wir fuhren, unterwegs den träge aufsteigenden Nebel verscheuchend. Alle schwiegen. Jeronim arbeitete mechanisch mit nur einer Hand. Er betrachtete uns lange mit seinen sanften, trüben Augen und heftete dann den Blick auf das rosige, schwarzbrauige Gesicht einer jungen Kaufmannsfrau, die auf der Fähre schweigend neben mir stand und vor dem sie umfangenden Nebel zitterte. Während der ganzen Fahrt riß er von ihr den Blick nicht mehr los.

In diesem unverwandten Blick lag wenig Männliches. Mir scheint, daß Jeronim im Gesicht dieser Frau die weichen und zarten Züge eines verstorbenen Freundes suchte.