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Benjamin Franklin: Benjamin Franklins Leben - Kapitel 1
Quellenangabe
typeautobiography
authorBenjamin Franklin, von ihm selbst beschrieben
titleBenjamin Franklins Leben
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorKarl Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Twyford, bei dem Bischof von St. Asaph, 1771. Twyford war der Landsitz des Bischofs Shipley, welchem Franklin sehr befreundet war. D. H.

Mein lieber Sohn!

Ich habe mir stets ein Vergnügen daraus gemacht, irgend welche kleine Anekdoten über meine Vorfahren zu sammeln. Du wirst dich noch der Erkundigungen erinnern, welche ich unter meinen noch lebenden Verwandten anstellte, als du mit mir in England warst, und der Reise, welche ich zu diesem Zwecke unternahm. Da ich mir einbilde, es dürfte für dich in gleicher Weise angenehm sein, meine Lebensumstände kennen zu lernen, von denen dir manche noch unbekannt geblieben sind, und da ich den Genuß der ununterbrochenen Muße einer Woche in meiner gegenwärtigen ländlichen Zurückgezogenheit erwarte, so setze ich mich nieder, um sie für dich aufzuzeichnen.

Hierzu veranlassen mich noch einige andere Beweggründe. Da ich aus der Armut und Dunkelheit, worin ich geboren und aufgewachsen bin, zu einer gewissen Wohlhabenheit und einigem Ruf in der Welt mich aufgeschwungen und meinen bisherigen Lebensweg mit einem nicht unbedeutenden Erfolge zurückgelegt habe, so werden meine Nachkommen vielleicht begierig sein, die von mir angewandten Mittel kennen zu lernen, welche mir, unter Gottes Segen, so viel Gedeihen brachten, zumal sie einige derselben für ihre eigene Lage passend und darum der Nachahmung würdig erachten dürften.

Jenes Glück hat mich, wenn ich darüber nachdachte, schon manchmal zu der Äußerung veranlaßt, daß, wenn es in meine Wahl gegeben wäre, ich gar keinen Anstand nähme, dasselbe Leben wiederholt noch einmal von vorn anzufangen, wobei ich nur das Vorrecht beanspruchen würde, welches Schriftstellern bei einer zweiten Auflage zusteht: nämlich einige Druckfehler der ersten zu verbessern. Auch möchte ich, neben Berichtigung der Fehler, noch einige leidige Zufälle und Begebenheiten desselben mit anderen, günstigeren vertauschen. Allein selbst wenn mir dies verwehrt wäre, würde ich noch immer das Anerbieten annehmen. Weil nun aber eine solche Wiederholung nicht zu erwarten ist, so scheint wohl nichts dem abermaligen Durchleben unsres Daseins so nahe zu kommen, als die Erinnerung an dieses Leben selbst und die schriftliche Aufzeichnung desselben, um diese Erinnerung so dauerhaft wie möglich zu machen. Damit werde ich überdies dem, bei alten Männern so natürlichen Hange mich hingeben, von sich und ihren früheren Thaten zu reden, und meiner Neigung ganz unbeschränkt folgen können, ohne deshalb denen langweilig zu werden, welche aus Achtung vor meinem Alter sich verpflichtet halten möchten, mir zuzuhören, da es ja jedem freistehen wird, mich je nach Belieben zu lesen oder nicht. Endlich aber – ich will es nur lieber gleich gestehen, da mir doch niemand das Gegenteil glauben würde – werde ich bei dieser Arbeit vielleicht meine Eitelkeit zum guten Teil befriedigen. Ich habe nämlich kaum je die einleitende Redensart gehört oder gelesen: »Ich darf wohl ohne Eitelkeit behaupten,« ohne daß nicht sogleich irgend ein charakteristisches Zeichen von Eitelkeit gefolgt wäre. Die meisten Menschen hassen die Eitelkeit an anderen, so sehr sie auch selbst damit behaftet sein mögen; allein ich gönne ihr gern Spielraum, wo immer ich ihr begegne, in der Überzeugung, daß sie oft für ihren Besitzer und auch für andere im Bereich seines Wirkungskreises gutes erzielt. Es wäre daher in vielen Fällen gar nicht so unvernünftig, wenn ein Mensch dem lieben Gott für seine Eitelkeit ebenso sehr danken würde, wie für die übrigen Behaglichkeiten des Lebens.

Da ich nun gerade von Dank gegen Gott spreche, so will ich auch in aller Demut anerkennen, daß ich das erwähnte Glück meines vergangenen Lebens seiner gütigen Vorsehung verdanke, welche mir die Mittel in die Hand gab, deren ich mich dann bediente, und welche ihnen Erfolg verlieh. Mein Glaube in diesem Punkte veranlaßt mich zu hoffen – wenn ich mich auch nicht darauf verlassen darf –, daß sich dieselbe Güte auch noch ferner an mir bewähren werde, indem sie entweder die Dauer meines Glücks bis an das Ende meines Lebens verlängert, oder mich mit Kraft erfüllt, traurige Unfälle zu tragen, die auch mich, so gut wie andere, treffen können. Die Gestaltung meines künftigen Schicksals ist nur dem bekannt, in dessen Hand unser Geschick ruht, und der auch selbst unsere Leiden zu unserm Heile zu lenken vermag.

Die Aufzeichnungen eines meiner Oheime, der wie ich gern Nachrichten über unsere Familie sammelte, sind mir zu Händen gekommen und haben mir mehrere Einzelnheiten über unsere Vorfahren geliefert. Aus diesen Notizen erfuhr ich, daß, wählend einer Zeit von mindestens dreihundert Jahren, die Familie in demselben Dorfe (Ecton in Northamptonshire) auf einem Freigute von ungefähr dreißig Ackern lebte. Wie lange schon vor jener Zeit sie dort gewohnt hatten, konnte mein Oheim nicht in Erfahrung bringen; wahrscheinlich aber noch vor dem Aufkommen der Zunamens wo sie den Namen Franklin annahmen, mit welchem früher eine besondere Standesklasse belegt wurde. Dieser kleine Grundbesitz würde für ihren Lebensunterhalt nicht ausgereicht haben, wenn sie nicht nebenher das Gewerbe eines Grobschmieds getrieben hätten, welches bis zu meines Oheims Zeit in der Familie blieb, indem immer her älteste Sohn für dieses Gewerbe erzogen wurde, ein Brauch, welchen auch sowohl er wie mein Vater für ihre ältesten Söhne beibehielten. Bei meinen Nachforschungen in den Kirchenbüchern zu Ecton fand ich eine Nachricht über ihre Geburten, Heiraten und Todesfälle erst vom Jahre 1555 an, da in jenem Sprengel vor diesem Zeitpunkte keine Kirchenbücher gehalten worden waren. Aus diesen Kirchenbüchern erfuhr ich, daß ich der jüngste Sohn des jüngsten Sohnes seit fünf Generationen rückwärts war. Mein Großvater, Thomas, im Jahre 1598 geboren, lebte in Ecton, bis er zum ferneren Betriebe seines Handwerks zu alt war, und zog dann nach Banbury in Oxfordshire, woselbst sein Sohn John, bei dem mein Vater seine Lehrzeit durchmachte, als Färber wohnte. Bei seinem Tode ward er hier begraben; im Jahre 1758 haben wir sein Grabmal gesehen. Sein ältester Sohn Thomas wohnte in dem Stammhause zu Ecton und vererbte es mit dem dazu gehörigen Lande seiner einzigen Tochter, welche es, unter Zustimmung ihres Gatten Fisher aus Wellingborough, später an Isted, den gegenwärtigen Eigentümer, verkaufte. Mein Großvater hatte vier Söhne, welche das Mannesalter erreichten, nämlich: Thomas, John, Benjamin und Josias. Ich will dir über sie Auskunft geben, soviel ich bei dieser Entfernung von meinen Papieren kann, in welchen du genauere Nachweisung finden wirst, falls sie nicht während meiner Abwesenheit verloren gegangen sind.

Thomas erlernte bei seinem Vater das Handwerk eines Grobschmieds; da er aber einen recht gesunden, natürlichen Verstand hatte, so sorgte für seine geistige Ausbildung ein Herr, Namens Palmer, der zu jener Zeit der vornehmste Bewohner des Dorfes war, und auch alle meine Oheime zur Pflege ihrer Geisteskräfte ermunterte. Auf diese Weise erwarb Thomas sich Tüchtigkeit für die Geschäfte eines Notars, wurde bald eine wichtige Person in Dorfangelegenheiten und gehörte zu den Hauptleitern jedes öffentlichen Unternehmens, sowohl in Bezug auf die Grafschaft, wie auf das Städtchen Northampton. Es wurden uns in Ecton viele merkwürdige Züge von ihm erzählt. Im Gennsse der Achtung und Gunst des Lord Halifax starb er am 6. Januar 1702 – genau vier Jahre vor meiner Geburt. Die Schilderung seines Lebens und Charakters, welche mehrere bejahrte Einwohner des Dorfes uns entwarfen, überraschte dich, wie ich mich entsinne, wegen ihrer Übereinstimmung mit dem, was du über mich selbst wußtest, so daß du sagtest: »Wäre er gerade an demselben Tage gestorben, wo du geboren wurdest, so könnte man an eine Seelenwanderung glauben.«

John erlernte, soviel ich weiß, das Geschäft eines Wollfärbers. Benjamin erlernte in London die Seidenfärberei. Er war ein geistig begabter Mann, dessen ich mich noch wohl entsinne; denn während meiner Kindheit kam er zu meinem Vater nach Boston und lebte mehrere Jahre in unserm Hause. Er erreichte ein hohes Alter. Sein Enkel, Samuel Franklin, lebt noch jetzt in Boston. In seinem Nachlaß fanden sich zwei Quartbände Gedichte im Manuskript, kleine, an seine Freunde gerichtete Gelegenheitsstücke. Er hatte eine Geschwindschrift erfunden, die er mich lehrte; da ich aber nie Gebrauch davon machte, so habe ich sie wieder vergessen. Ich wurde nach diesem Oheim getauft, zwischen welchem und meinem Vater ein besonders inniges Verhältnis bestand. Er war sehr fromm, ein eifriger Zuhörer der besten Prediger, deren Vorträge er zu seinem Vergnügen nach der von ihm erfundenen, schnellern Methode niederschrieb und auf diese Weise in verschiedenen Bänden sammelte. Auch mit der Politik beschäftigte er sich sehr gern – vielleicht zu viel für seine Verhältnisse. Erst unlängst fand ich in London eine von ihm angelegte Sammlung der vorzüglichsten über die Staatsereignisse von 1641 bis 1717 erschienenen Flugschriften. Wie sich aus der Zahlenfolge ergiebt, fehlen mehrere Bände, aber es sind doch noch acht Folianten und vierundzwanzig Quart- und Oktavbände vorhanden. Die Sammlung war in die Hände eines Antiquars gekommen, der mich kannte, weil er mir mehrere Bücher verkauft hatte, und sie mir zeigte. Wahrscheinlich hatte sie mein Oheim vor seiner Abreise nach Amerika, vor ungefähr fünfzig Jahren, zurückgelassen. Am Rande finden sich viele Bemerkungen von seiner Hand.

Unsere schlichte Familie bekannte sich früh zur reformierten Lehre und beharrte während der Regierung der Königin Marie treu dabei, obschon sie wegen ihres Eifers gegen das Papsttum gefährdet war. Sie besaßen eine englische Bibel, und um diese desto sicherer zu verbergen, gerieten sie auf den Einfall, sie offen, mit über die Blätter gespannten Bindfäden, auf den Deckel eines Klappstuhls zu befestigen. Wollte nun mein Großvater seiner Familie vorlesen, so legte er den Deckel des Klappstuhles verkehrt auf seine Knie und wendete so die Blätter um, welche auf beiden Seiten von den Bindfäden niedergehalten wurden. Eins der Kinder war an die Thür gestellt, um sogleich Nachricht zu geben, wenn es den Apparitor (einen Beamten des geistlichen Gerichtes) kommen sähe; dann wurde der Deckel mit der wie zuvor darunter versteckten Bibel wieder an seinen Platz gelegt. Ich erfuhr diese Anekdote von Oheim Benjamin. Die ganze Familie bewahrte ihre Anhänglichkeit an die anglikanische Kirche bis etwa gegen Ende der Regierung Karls II., wo gewisse, als Nonkonformisten abgesetzte Geistliche Konventikel in Northamptonshire hielten, denen Benjamin und Josias sich anschlossen und denen sie fortwährend zugethan blieben. Die übrige Familie verharrte bei der bischöflichen Kirche.

Josias, mein Vater, hatte jung geheiratet und ungefähr ums Jahr 1682 seine Gattin und drei Kinder mit sich nach Neu-England gebracht. Da die Konventikel in der alten Heimat verboten waren und häufig gestört wurden, so waren mehrere angesehene Männer seiner Bekanntschaft veranlaßt worden, nach Neu-England zu übersiedeln, und hatten ihn bewogen, sie dorthin zu begleiten, wo sie sich ihrer Religionsübung unbeanstandet hingeben zu dürfen hofften.

Mein Vater hatte von derselben Frau noch vier Kinder, die in Amerika geboren wurden, und weitere zehn von einer zweiten Frau, zusammen also siebzehn Kinder. Ich weiß noch recht gut, daß wir unserer dreizehn zusammen bei Tische saßen, die alle ein reifes Alter erreichten und heirateten. Ich war der jüngste Sohn und das vorletzte Kind und wurde zu Boston in Neu-England geboren. Meine Mutter, die zweite Frau, war Abiah Folger, Tochter des Peter Folger, eines der ersten Ansiedler in Neu-England, dessen Cotton Mather, in seiner Kirchengeschichte jener Provinz, als eines frommen wohlunterrichteten Engländers«, wenn ich mich der Worte recht entsinne, ehrend gedenkt. Wie mir erzählt wurde, schrieb er eine Menge kleiner Aufsätze, doch scheint nur einer gedruckt worden zu sein, der mir vor vielen Jahren zu Gesicht kam. Er erschien im Jahre 1675, in den kunstlosen Reimen jener Zeiten und Menschen geschrieben, war an die damals am Staatsruder stehenden Männer gerichtet und verwandte sich zu Gunsten der Gewissensfreiheit, der Wiedertäufer, Quäker und anderer Sektierer, welche Verfolgungen erduldeten. Diesen Verfolgungen schreibt er die Kriege mit den Eingebornen und andere Drangsale zu, welche das Land drückten, indem er sie als so viele Gerichte Gottes zur Züchtigung für so böse Thaten ansteht und die Regierung zum Widerruf solcher hartherzigen Gesetze ermahnt. Das Gedicht erschien mir mit männlicher Freimütigkeit und einer ansprechenden Einfalt geschrieben. Ich entsinne mich noch der sechs Endstrophen, habe aber die Wortfolge der beiden ersten von ihnen vergessen. Der Sinn war, daß sein Tadel aus Wohlwollen entspringe und daß er deshalb als der Verfasser bekannt zu sein wünsche, denn, sagt er –

Zu Sherburne Eine Stadt auf der Insel Nantucket. wohn' ich jetzt und schreibe.
Daß ich stets euer wahrer Freund,
Der's ganz und gar nicht böse meint.
Mit Namen Peter Folger bleibe.

Meine älteren Brüder kamen alle zu verschiedenen Handwerkern in die Lehre. Ich selbst wurde mit acht Jahren in eine lateinische Schule geschickt, da mein Vater mich als einen zehnten von seinen Söhnen für den Dienst der Kirche bestimmte. Die Schnelligkeit, mit der ich lesen lernte (was sehr frühe gewesen sein muß, da ich mich gar nicht mehr der Zeit erinnere, wo ich nicht lesen konnte), und die Ansicht seiner Freunde, daß ich sicher eines Tages ein sehr gelehrter Mann werden würde, bestärkten ihn in seinem Plane. Auch Oheim Benjamin gab seinen Beifall zu dieser Absicht und versprach mir alle seine Bände mit nachgeschriebenen Predigten, wenn ich mich bemühen wollte, diese zu lernen. Ich blieb indessen kaum ein Jahr in der lateinischen Schule, obschon ich in dieser Zeit allmählich aus der Mitte meiner Jahresklasse an die Spitze derselben mich aufgeschwungen hatte und dann in die nächstobere vorrückte, um mit dieser am Ende des Jahres in die dritte zu treten. Allein mein Vater änderte inzwischen, wegen der großen Kosten einer gelehrten Erziehung, die er bei seiner zahlreichen Familie kaum erschwingen konnte, und bei dem ärmlichen Lebensunterhalt, welchen manche Männer von gelehrter Erziehung später fanden – Gründe, die er in meinem Beisein öfters gegen seine Freunde äußerte, – seinen ursprünglichen Plan, nahm mich aus der lateinischen Schule fort und schickte mich in eine Schreib- und Rechenschule, die Herr George Brownell hielt, ein geschickter Lehrer, der seinem Berufe mit Erfolg vorstand, weil er sich einer liebreichen und ermutigenden Methode bediente. Unter ihm lernte ich bald eine vortreffliche Hand schreiben, im Rechnen aber wollte es mir durchaus nicht gelingen und ich machte keine Fortschritte darin. In einem Alter von zehn Jahren wurde ich von meinem Vater wieder nach Hause genommen, um ihm in seinem Geschäft, nämlich beim Seifensieden und Lichterziehen, zur Hand zu gehen. Dieses Gewerbe hatte er zwar nicht eigentlich gelernt, aber bei seiner Ankunft in Neu-England ergriffen, weil er gewahrte, daß er mit seinem eigentlichen Berufe, der Färberei, seine Familie nicht ernähren könne. Demgemäß wurde ich zum Schneiden der Dochte, Füllen der Gußformen, zur Bedienung des Ladens, zu Geschäftsausgängen u. s. w. verwendet.

Diese Beschäftigung gefiel mir nicht, wogegen ich eine starke Vorliebe für das Seeleben hegte; mein Vater wollte aber hiervon nichts wissen. Die Nähe des Wassers gab mir indes häufige Gelegenheit, mich oft darauf und hinein zu wagen, und bald verstand ich zu schwimmen und ein Boot zu führen. Wenn ich mit anderen Knaben fuhr, so wurde gewöhnlich mir das Steuerruder anvertraut, namentlich in schwierigen Fällen, wie ich denn auch bei allen übrigen Unternehmungen fast immer der Anführer der Schar war, die ich nicht selten in Verlegenheit brachte. Ich will hiervon ein Beispiel mitteilen, welches einen frühentwickelten Hang zu öffentlichen Unternehmungen zeigt, obschon derselbe damals nicht richtig geleitet war.

Der Mühlteich wurde an der einen Seite durch einen Salzsumpf begrenzt, an dessen Rande wir bei hohem Wasser uns aufstellten, um Ellritzen zu fangen. Durch vieles Getrampel hatten wir ihn zu einer Kotlache gemacht. Mein Vorschlag ging deshalb dahin, hier eine Werfte zu erbauen, auf welcher wir stehen konnten, wobei ich meinen Gefährten einen großen Haufen Steine zeigte, die zum Bau eines Hauses in der Nähe des Sumpfes bestimmt waren und vortrefflich für unsern Zweck paßten. Demgemäß versammelte ich, nachdem sich die Werkleute am Abend entfernt hatten, eine Anzahl meiner Spielgenossen. Da wir fleißig wie die Ameisen waren, indem oft mehrere von uns mit vereinten Kräften einen Stein wegschleppten, so trugen wir sie denn alle fort und erbauten unsre kleine Werfte. Die Arbeiter erstaunten, als sie am Morgen ihre Steine nicht fanden, die wir eben für unsern Damm verbraucht hatten. Man forschte nach den Erbauern dieses Werkes; wir wurden entdeckt, man beklagte sich, und gar mancher von uns wurde von seinen Eltern streng gestraft. Obschon ich hartnäckig die Nützlichkeit des Baues verteidigte, so überzeugte mich mein Vater doch endlich, daß nichts nützlich sein könne, was nicht rechtlich sei.

Du wirst vielleicht begierig sein, auch Einiges über die Person und den Charakter meines Vaters zu erfahren. Er besaß eine vortreffliche Leibesbeschaffenheit, war von mittlerer Gestalt, aber wohl und kräftig gebaut; er war sehr begabt, konnte hübsch zeichnen, verstand ein wenig Musik und hatte eine helle, volltönende Stimme, so daß es viel Vergnügen gewährte, ihm zuzuhören, wenn er zu seiner Violine einen Psalm oder ein Lied sang, wie er wohl öfter Abends nach beendigtem Tagewerke zu thun pflegte. Auch war er ein mechanisches Talent und verstand bei Gelegenheit, die Werkzeuge einer Menge von Handwerken zu führen. Aber vor allem zeichnete er sich durch gesunde Auffassung und gediegenes Urteil in Verstandssachen sowohl im öffentlichen, wie im Privatleben, aus. Zwar gab er sich mit ersterm nicht eigentlich ab, weil seine zahlreiche Familie und sein geringes Vermögen ihn streng an sein Gewerbe fesselten; aber ich entsinne mich recht wohl, wie die Angesehenen des Ortes häufig zu ihm kamen und seine Meinung über Angelegenheiten der Stadt oder Kirche, zu der er sich bekannte, einholten, und auf seinen Rat und sein Urteil großen Wert legten. Ebenso pflegten Einzelne ihn über ihre Privatangelegenheiten zu Rate zu ziehen, und oft wurde er zum Schiedsrichter zwischen den streitenden Parteien erwählt. Bei Tische sah er gern so häufig als möglich einige Freunde oder gebildete Nachbarn bei sich, mit denen eine vernünftige Unterhaltung möglich war, und war immer bemüht, nützliche oder interessante Dinge zur Sprache zu bringen, woran der Geist seiner Kinder sich bereichern könnte. Auf diese Weise lenkte er schon früh unsere Aufmerksamkeit auf alles, was im Leben der Menschen gerecht, verständig und heilbringend ist. Nie sprach er von den Gerichten auf dem Tische, ob sie gut oder schlecht bereitet, von angenehmem oder unangenehmem Geschmacke, stark gewürzt oder nicht, dieser oder jener Speise ähnlicher Art vorzuziehen oder nachzusetzen seien. Auf diese Weise wurde ich seit meiner frühesten Kindheit an eine gänzliche Gleichgültigkeit gegen solche Dinge gewöhnt und kümmerte mich nie im geringsten darum, was für Essen vor mir stehe, und selbst jetzt noch wende ich diesem Punkte so wenig Beachtung zu, daß es mir schwer werden dürfte, wenige Stunden nach dem Essen anzugeben, woraus meine Mahlzeit bestanden habe. Dies kam mir auf Reisen sehr zu statten, wo meine Gefährten bisweilen über die mangelhafte Befriedigung ihres zartern, weit besser gepflegten Gaumens und Geschmacks sehr unglücklich waren.

Meine Mutter erfreute sich gleicherweise einer vortrefflichen Gesundheit. Sie stillte alle ihre zehn Kinder selbst, und ich hörte weder meinen Vater noch sie je über eine andere Krankheit als die klagen, an welcher sie, wem Vater mit 89, meine Mutter mit 85 Jahren, starben. Beide liegen in Boston begraben, wo ich vor einigen Jahren über ihrem Grabe einen marmornen Denkstein mit folgender Inschrift errichten ließ:

 

Hier ruhen
Josias Franklin
und
Abiah seine Gattin.

Sie lebten innig und einträchtiglich zusammen fünfundfünfzig Jahre und ernährten ohne Vermögen, ohne gewinnbringendes Gewerbe anständig eine zahlreiche Familie und erzogen mit gesegnetem Erfolge dreizehn Kinder und sieben Enkel. Laß, Leser, dieses Beispiel dich ermutigen, den Pflichten deines Berufes fleißig nachzukommen und der Vorsehung zu vertrauen. Er war ein frommer und weiser Mann, Sie ein kluges und tugendsames Weib. Im Gefühle kindlicher Pflichtschuldigkeit Weiht diesen Stein ihrem Gedächtnisse Ihr jüngster Sohn B. F.

 

An meinen Abschweifungen bald hier bald dorthin bemerke ich übrigens, daß ich selbst alt werde. Ich pflegte sonst methodischer zu schreiben; aber für den häuslichen Kreis kleidet man sich ja nicht so sorgfältig, wie für einen öffentlichen Ball; daher vielleicht meine Nachlässigkeit.

Jedoch zur Sache: Ich blieb auf diese Weise in meines Vaters Geschäft zwei Jahre, d. h. bis ich zwölf Jahr alt war. Da mein Bruder John, welcher die Seifensiederei erlernt, meinen Vater verlassen, sich verheiratet und in Rhode-Island ein eigenes Geschäft begründet hatte, so war ich allem Anschein nach dazu bestimmt, seine Stelle einzunehmen und ein Talglichtzieher zu werden. Weil aber mein Widerwille gegen dies Geschäft fortdauerte, so fürchtete mein Vater, daß, wenn er nicht einen mir angenehmeren Beruf fände, ich eines Tages auf und davon und zur See gehen könnte, wie, zu seinem größten Kummer, mein Bruder Josias gethan hatte. Deshalb nahm er mich öfter mit, um Maurern, Böttchern, Kupferschmieden, Tischlern und anderen Handwerkern bei der Arbeit zuzusehen, um meine Neigungen zu beobachten und sie an eine Beschäftigung zu fesseln, die mich im Lande zurückhielte. Es hat mir seither auch immer großes Vergnügen gemacht, geschickte Werkleute ihr Gerät handhaben zu sehen. Auch habe ich manchen Nutzen daraus gezogen und wenigstens dabei so viel gelernt, daß ich in meinem Hause allerlei kleine Arbeiten selbst zu verrichten vermochte, wenn ich gerade keinen Handwerker bekommen konnte, und daß ich die kleinen Apparate für meine Versuche machen kann, während die Absicht zur Anstellung des Experiments in meinem Geist noch frisch und warm ist.

Mein Vater entschied sich endlich, daß ich Messerschmied werden sollte. Ich wurde einige Zeit auf Probe zu meinem Vetter Samuel gegeben, dem Sohne meines Oheims Benjamin, der dies Gewerbe in London erlernt und sich in Boston niedergelassen hatte. Aber das Lehrgeld, welches er für mich von meinem Vater verlangte, stand diesem nicht an, weshalb ich wieder ins Haus genommen wurde.

Von frühester Zeit hatte ich leidenschaftlich gern gelesen, und das bißchen Geld, welches ich erhielt, in Büchern angelegt. Da mir »Des Pilgers Erdenwallen« The Pilgrims Progress, das bekannte asketische Erbauungsbuch von John Bunyan. D. H. besonders gefiel, so bestand meine erste Büchersammlung aus Bunyans Werken in einzelnen kleinen Bänden. Diese verkaufte ich später wieder, um R. Burtons geschichtliche Sammlungen kaufen zu können, welche aus kleinen billigen Bändchen, etwa vierzig bis fünfzig an der Zahl, bestanden. Meines Vaters kleine Bibliothek enthielt vorzüglich praktische und polemische Theologie. Den größten Teil hatte ich durchgelesen. Ich habe es seitdem oft bedauert, daß in der Zeit, wo ich einen so heftigen Durst nach Kenntnissen empfand, mir nicht ausgewähltere Bücher in die Hände fielen, da es schon beschlossen war, daß ich nicht Geistlicher werden sollte. Unter meines Vaters Büchern befanden sich auch Plutarchs Lebensbeschreibungen, in denen ich fortwährend las, und noch immer halte ich die Zeit für gut angewandt, welche ich damit zubrachte. Auch fand ich ein Werk von de Foe: »Versuch über Projekte« und ein anderes von Dr. Mather unter dem Titel: »Versuche über rechtliches Handeln«, welche mir vielleicht einen Hang zum Nachdenken gaben, der einen Einfluß auf einige der Hauptereignisse meines spätern Lebens hatte.

Meine Vorliebe für Bücher bestimmte meinen Vater endlich, einen Buchdrucker aus mir zu machen, obgleich er schon einen seiner Söhne (James) in diesem Geschäfte hatte. Mein Bruder war im Jahre 1717 mit einer Presse und Typen aus England zurückgekehrt, um in Boston eine Druckerei zu errichten. Dies Gewerbe gefiel mir bei weitem besser als das meines Vaters, obschon ich noch immer eine Vorliebe für die See hegte. Um den möglichen Folgen dieser Neigung vorzubeugen, konnte mein Vater es gar nicht abwarten, mich bei meinem Bruder untergebracht zu sehen. Einige Zeit weigerte ich mich, endlich aber ließ ich mich überreden und unterzeichnete den Lehrbrief, als ich erst zwölf Jahre alt war. Es wurde ausgemacht, daß ich bis zum einundzwanzigsten Jahre in die Lehre gehen und nur im letzten Jahre den Lohn eines Arbeiters erhalten sollte. In kurzer Zeit machte ich große Fortschritte in diesem Geschäfte und wurde sehr brauchbar für meinen Bruder. Jetzt hatte ich Zutritt zu besseren Büchern. Eine Bekanntschaft mit Buchhändler-Lehrlingen machte es mir möglich, dann und wann einen Band zu borgen, den ich gewissenhaft bald und rein zurückgab. Oft verbrachte ich den größten Teil der Nacht lesend in meinem Zimmer, wenn mir ein Buch am Abend geliehen ward, welches am andern Morgen zurückgeliefert werden mußte, damit es nicht vermißt oder gesucht werden möchte. Nach einiger Zeit erregte ich die Aufmerksamkeit des Mr. Mathews Adams, eines hochbegabten Handelsmanns, der eine schöne Büchersammlung besaß und oft in die Druckerei kam. Er lud mich ein, seine Bücher zu besehen und war so gütig, mir einige, welche ich gern lesen wollte, zu leihen. Damals ergriff mich eine seltsame Leidenschaft für die Dichtkunst, und ich verfaßte mehrere kleinere Sachen. Mein Bruder glaubte dabei seine Rechnung finden zu können und ermunterte und veranlaßte mich, zwei Balladen zu schreiben. Die eine schilderte unter dem Titel: »Die Leuchtturm-Tragödie« den Wellentod des Kapitän Worthilake und seiner beiden Töchter, die andere war ein Seemannslied auf die Gefangennehmung des bekannten Piraten Teach oder Blackbeard (Schwarzbart). Es waren, was den Stil anlangt, jämmerliche Verse, wahrhafte Gassenhauer; als sie aber gedruckt waren, sandte mich mein Bruder in der Stadt herum, um sie zu verkaufen. Die erste hatte ungeheuren Absatz, weil der Vorfall noch neu war und viel Aufsehen erregte. Dies schmeichelte meiner Eitelkeit; aber mein Vater wußte meinen Jubel durch Verspottung meiner Erzeugnisse und die Bemerkung zu dämpfen, daß Versemacher meist Bettler seien. Auf diese Weise entging ich dem Unglück, ein sehr schlechter Dichter zu werden. Da aber meine Gabe, in Prosa zu schreiben, im Laufe meines Lebens mir so sehr zu statten gekommen ist und hauptsächlich mein Emporkommen beförderte, so will ich berichten, durch welche Mittel ich in meiner Lage die schwache Fertigkeit erwarb, welche ich vielleicht hierin besitze.

Es gab in der Stadt noch einen jungen Bücherwurm, einen gewissen John Collins, mit dem ich vertrauten Umgang hatte. Wir disputierten häufig mit einander und waren auch so versessen, uns gegenseitig etwas zu beweisen, daß uns nichts lieber war wie ein Wortkampf. Diese Neigung zum Streit hat aber, wie ich nur im Vorbeigehen bemerken will, das Gefährliche, in eine schlimme Gewohnheit auszuarten, und macht oft die Gesellschaft eines Mannes unerträglich, weil sie den Widerspruchsgeist notwendig zur andern Natur macht. Abgerechnet die Bitterkeit und den Hader, welchen sie in das Gespräch bringt, erzeugt sie auch oft Abneigung, ja Haß unter Personen, zwischen denen Freundschaft durchaus nötig ist. Ich hatte sie in meines Vaters Hause durch das Lesen religiöser Streitschriften angenommen. Seitdem habe ich bemerkt, daß Männer von Verstand selten auf diesen Abweg geraten – Rechtsgelehrte, Studenten und Leute jeden Standes, die in Edingburgh erzogen wurden, ausgenommen.

Collins und ich gerieten eines Tages in einen Streit über die Zweckmäßigkeit der Erziehung des weiblichen Geschlechts in den Wissenschaften und über dessen Befähigung für das Studium. Collins war der Ansicht, die höhere Bildung passe nicht für das weibliche Geschlecht, und dieses sei ihm auch von Natur aus nicht gewachsen. Ich ergriff die Gegenpartei, vielleicht nur aus Lust am Streite. Die Natur hatte ihm größere Rednergabe verliehen; die Worte strömten in Massen von seinen Lippen, und oft hielt ich mich mehr durch seine Zungenfertigkeit als die Kraft seiner Beweise für geschlagen. Als wir von einander schieden, ohne uns in der Sache geeinigt zu haben, und da wir uns eine Zeit lang nicht sprechen konnten, brachte ich meine Gedanken zu Papier, fertigte eine saubere Abschrift und schickte sie ihm. Er antwortete, und ich replizierte. Wir hatten jeder drei oder vier Briefe geschrieben, als meinem Vater zufällig meine Papiere zu Gesicht kamen, und er sie las. Ohne sich auf den Streit selbst einzulassen, nahm er die Gelegenheit wahr, über meine Schreibweise mit mir zu reden. Er bemerkte, daß ich zwar in Rechtschreibung und richtiger Interpunktion, die ich meinem Berufe verdankte, meinem Gegner überlegen sei, aber ihm in der Zierlichkeit des Ausdruckes, in der Darstellung und Klarheit weit nachstehe. Er überzeugte mich davon durch mehrere Beispiele. Ich erkannte die Wahrheit seiner Bemerkungen, wandte mehr Sorgfalt auf die Sprache und entschloß mich zu möglichster Anstrengung, um meinen Stil zu verbessern.

Etwa um diese Zeit fiel mir ein einzelner Band des »Spektator« in die Hände. Es war der dritte. Ich hatte dies Werk noch nie gesehen, kaufte den Band, las ihn mehrmals und war ganz entzückt davon. Ich hielt den Stil für ausgezeichnet und wünschte mir nur die Fähigkeit, ihn nachahmen zu können. In dieser Absicht wählte ich einige Aufsätze aus, brachte den Sinn jeder Periode in einen kurzen Auszug, legte das Ganze einige Tage beiseite, versuchte dann, ohne einen Blick in das Buch zu werfen, die Aufsätze in ihrer ursprünglichen Abfassung wieder herzustellen, kurz, jeden Gedanken, wie er sich im Original befand, wiederzugeben, indem ich die geeignetsten Worte gebrauchte, welche mir einfielen. Nachher verglich ich meinen Spektator mit dem wirklichen, fand einige Fehler, die ich verbesserte, erkannte aber auch, daß es mir, um mich des Ausdrucks zu bedienen, an einem Vorrat von Wörtern, so wie an der Fertigkeit, mich ihrer zu entsinnen und sie zu gebrauchen, mangelte, in deren Besitz ich nach meiner Ansicht damals längst gewesen sein würde, wenn ich fortgefahren hätte, Verse zu machen. Das beständige Bedürfnis von Wörtern derselben Bedeutung indessen, wegen des Versmaßes von verschiedener Länge, oder wegen des Reimes von verschiedenem Klange, hätte mich gezwungen, eine Menge Synonyma zu suchen und ihrer Herr zu werden. In dieser Erwägung wählte ich einige Erzählungen aus dem Spektator, schrieb sie in Verse um, und nach Verlauf einiger Zeit übertrug ich sie, wenn sie meinem Gedächtnis genugsam entschwunden waren, wieder in Prosa.

Bisweilen warf ich auch wohl alle meine Auszüge durch einander und versuchte dann einige Wochen später, sie wieder in die gehörige Ordnung zu bringen, ehe ich an die Bildung der vollen Sätze und die Abfassung der Aufsätze ging. Dies sollte mich Methode in Anordnung meiner Gedanken lehren. Verglich ich später meine Arbeit mit dem Original, so entdeckte und verbesserte ich manche Fehler; aber bisweilen genoß ich auch die Befriedigung, mir einzubilden, ich sei in gewissen untergeordneten Einzelnheiten so glücklich gewesen, Methode oder Ausdruck zu verbessern, und dies ermutigte mich zu der Hoffnung, daß ich es mit der Zeit noch zu einem guten Stil im Englischen bringen würde, der das Hauptziel meines Ehrgeizes war. Die Zeit, welche ich diesen Übungen und dem Lesen zuwandte, war der Abend nach geendigtem Tagewerke, der Morgen, ehe dieses begann, und der Sonntag, wenn ich in der Druckerei allein sein konnte. Ich wich nämlich dem gewöhnlichen Besuch des öffentlichen Gottesdienstes soviel als möglich aus, welchen mein Vater von mir verlangte, so lange ich noch unter seiner Obhut war, und den ich in Wirklichkeit noch immer für eine Pflicht hielt, obschon ich, wie es mich bedünken wollte, nicht die Zeit zu seiner Ausübung erübrigen konnte.

Als ich ungefähr sechzehn Jahre alt war, fiel mir ein Werk von Tryon in die Hände, in welchem er die Pflanzennahrung empfiehlt. Ich beschloß, mich derselben ebenfalls zu bedienen. Mein Bruder war unverheiratet, hatte keinen eigenen Haushalt, sondern speiste mit seinen Lehrlingen bei einer nahebei wohnenden Familie. Meine Weigerung, Fleischspeisen zu essen, wurde unpassend gefunden, und ich oft wegen meiner Sonderbarkeit ausgescholten. Ich merkte mir die Art und Weise, wie Tryon einige seiner Gerichte bereitete, namentlich wie Kartoffeln und Reis gekocht und zu Schnellpudding gebacken wurden. Dann erklärte ich meinem Bruder, wenn er das halbe Wochengeld, welches er für meine Beköstigung zahle, mir geben wollte, so würde ich versuchen, mich selbst zu speisen. Er nahm mein Anerbieten sofort an, und ich wurde bald gewahr, daß ich von dem, was er mir gab, noch die Hälfte zurücklegen konnte. Dadurch erlangte ich einen Grundstock zum Ankauf von Büchern, abgesehen von einem andern Vorteil, der mir aus diesem Verfahren erwuchs. Wenn mein Bruder und die Arbeiter die Druckerei verließen, um zu Tisch zu gehen, so blieb ich zu Hause. Nachdem ich mein einfaches Mahl verzehrt hatte, welches häufig nur aus einem Zwieback oder einer Brotschnitte und einigen Trauben, oder einem Obstkuchen vom Pastetenbäcker nebst einem Glase Wasser bestand, konnte ich die übrige Zeit, bis zu ihrer Rückkehr, auf meine geistige Ausbildung verwenden, worin ich um so größere Fortschritte machte, als mein klarerer Kopf und meine raschere Auffassung eine gewöhnliche und natürliche Folge der Mäßigkeit im Essen und Trinken waren.

Damals mußte ich mich eines Tages wegen meiner Unwissenheit im Rechnen schämen, dessen Erlernung ich bei zwiefacher Gelegenheit während meiner Schuljahre versäumt hatte; ich nahm daher Cockers Rechenbuch vor und arbeitete es mit der größten Leichtigkeit durch. Auch las ich ein Buch über Schiffahrtskunde von Seller und Sturmy, und machte mich noch mit den Anfangslehren der Geometrie vertraut, welche es enthält, brachte es aber nie weit in dieser Wissenschaft. Ungefähr um dieselbe Zeit las ich Locke »Vom menschlichen Verstande« und »Die Kunst zu denken« von den Patres von Port-Royal.

Während ich auf die Verbesserung meines Stils hinarbeitete, fiel mir eine englische Grammatik in die Hände, wenn ich nicht irre von Greenwood, der zwei kurze Aufsätze über Rhetorik und Logik angehängt waren. In dem letztern fand ich das Muster einer Disputation in der Sokratischen Weise. Bald darauf verschaffte ich mir Xenophons Werk »Denkwürdigkeiten von Sokrates«, worin manche Beispiele dieser Methode sich finden. Diese Methode des Disputierens entzückte mich bis zur Begeisterung: ich eignete sie mir an, gab mein System des reinen Widerspruches und der direkten und positiven Beweisführung auf und versetzte mich statt dessen in die Stellung eines schlichten Fragers. Die Lektüre von Shaftesbury und Collins hatte mich zum Zweifler gemacht. Da ich betreffs einiger Lehren des Christentums dies schon früher war, so hielt ich die Methode des Sokrates nicht allein für die passendste für mich, sondern auch für die verwirrendste für diejenigen, gegen welche ich sie in Anwendung brachte. Ich empfand dabei bald außerordentliches Vergnügen; unausgesetzt übte ich mich darin und wußte sehr gewandt selbst mir weit an Verstand überlegene Personen zu Zugeständnissen zu bringen, deren Folgen sie nicht voraussahen. So führte ich sie in Verlegenheiten, aus denen sie sich nicht herauswinden konnten, und oft gewann ich einen Sieg, den weder mein Streitobjekt noch meine Gründe verdienten. Dieses Verfahren setzte ich mehrere Jahre fort, gab es aber später allmählich auf und behielt nur die Gewohnheit bei, mich mit bescheidenem Mißtrauen auszudrücken, und nie, wenn ich eine Behauptung aufstellte, die bestritten werden konnte, die Wörtchen » gewiß«, » unzweifelhaft«, oder diesen ähnliche zu gebrauchen, welche den Verdacht erregen konnten, ich hinge meiner Ansicht hartnäckig an. Lieber sagte ich: » ich stelle mir vor, ich vermute, oder es will mir scheinen, daß sich diese oder jene Sache aus dem und dem Grunde so und so verhalte,« oder » wenn ich recht berichtet bin, ist vielleicht der Thatbestand so.« Ich bin der Ansicht, daß mir diese Gewohnheit von außerordentlichem Nutzen war, wenn ich gelegentlich andere von meiner Ansicht überzeugen und zur Ergreifung von Maßregeln überreden wollte, welche ich an die Hand gab. Da es jedoch der Hauptzweck jeder Unterhaltung ist, zu belehren oder belehrt zu werden, zu überzeugen oder zu überreden, so möchte ich wohl, daß verständige und wohlmeinende Männer ihre Mittel, sich nützlich zu machen, dadurch nicht selber schwächten, daß sie sich in so bestimmter und absprechender Weise ausdrücken, wodurch sie fast allemal das Mißfallen der Zuhörer erregen, einzig und allein den Widerspruch wecken, und jede Absicht vereiteln, für welche die Gabe der Rede einem Menschen verliehen wurde. Mit einem Worte: Willst du belehren und trägst deine Ansicht entschieden und absprechend vor, so weckst du nur Widerspruch und vereitelst jedes aufmerksame Zuhören. Suchst du aber andernteils Belehrung und Vorteil aus den Kenntnissen anderer und drückst du dich so aus, wie wenn du deiner Ansicht starr zugethan seiest, so werden friedliche und kluge Leute, die keine Freunde vom Disputieren sind, dich ruhig bei deinen Irrtümern belassen. Wenn du einen solchen Weg einschlägst, hast du selten Hoffnung, deinen Zuhörern zu gefallen, ihr Vertrauen zu erwerben, oder diejenigen zu überzeugen, welche du gern zu deiner Ansicht hinüberziehen möchtest. Pope sagt ganz richtig: »Man muß die Menschen so belehren, wie wenn man sie nicht belehrte, und unbekannte Dinge ihnen vortragen, als seien sie nur vergessen.« Und in demselben Gedicht rät er, »wenn gleich bestimmt, doch mit anscheinender Zaghaftigkeit uns auszudrücken.« Und diesen Zeilen hätte er noch eine beifügen können, die er an einer andern Stelle, nach meiner Ansicht minder passend, mit einer andern verband: »Denn unbescheiden heißt auch unverständig sein.« Willst du wissen, warum ich sage minder passend, so muß ich die beiden Verse zusammen hersetzen: »Das unbescheidene Wort läßt sich durch nichts verzeihn: denn unbescheiden heißt auch unverständig sein.« Ist es denn nun aber Mangel an Verstand, sobald ein Mensch das Unglück hat, davon betroffen zu sein, und nicht vielmehr eine Art Entschuldigung seiner Anmaßung? Und lauteten nicht die Verse richtiger, wenn sie sagten: »Das unbescheidne Wort mag nur der Satz verzeihn: nicht recht bescheiden heißt auch nicht verständig sein.« Ich überlasse aber die Entscheidung dieses Punktes besseren Richtern, als ich bin.

Im Jahre 1720 oder 1721 begann mein Bruder den Druck einer neuen Zeitung. Sie war die zweite, welche in Amerika erschien, unter dem Namen » New England Courant«. Die einzige vor ihr schon vorhandene war der » Boston New Letter«. Einige seiner Freunde wollten, wie ich mich noch entsinne, ihm das Unternehmen ausreden, welches doch wohl keinen günstigen Erfolg haben würde, indem nach ihrer Ansicht eine Zeitung für ganz Amerika genug sei. In diesem Augenblick aber, 1771, erscheinen ihrer nicht weniger als fünfundzwanzig. Er brachte aber doch sein Vorhaben zur Ausführung, und ich mußte jede Nummer erst setzen und drucken helfen, dann aber die Exemplare an die Kunden austragen. Er hatte einige begabte Männer unter seinen Freunden, welche zu ihrem Vergnügen kleine Aufsätze für sein Blatt schrieben und dadurch demselben Ruf und einen vermehrten Absatz verschafften. Diese Herren kamen oft in unser Haus. Da ich der Unterhaltung und den Schilderungen von der günstigen Aufnahme ihrer Aufsätze oft zuhörte, so verspürte ich ebenfalls die Versuchung, ihrem Beispiel zu folgen. Ich war aber noch ein Knabe und fürchtete, mein Bruder werde in seinem Blatte keine Arbeit abdrucken wollen, als deren Verfasser er mich kenne; daher bemühte ich mich erfolgreich, mit verstellter Hand einen anonymen Aufsatz zu schreiben, und schob ihn Nachts unter der Thür der Druckerei hindurch, wo er am andern Morgen gefunden wurde. Mein Bruder teilte ihn seinen Freunden bei ihrem gewöhnlichen Besuche mit; sie lasen ihn, machten in meiner Gegenwart ihre Bemerkungen darüber, und ich hatte dann die große Freude zu sehen, daß er ihren Beifall erhielt und sie als Vermutungen, welche man über den Verfasser anstellte, Namen von Männern nannten, die ihres Talentes und Geistes wegen einen bedeutenden Ruf im Lande genossen. Ich glaube heutzutage, daß ich damals besonderes Glück mit meinen Richtern hatte, und daß sie vielleicht eigentlich keine so guten Kritiker waren, als sie mir damals erschienen. Hierdurch ermutigt schrieb ich jedoch noch mehrere kleine Aufsätze, die ich auf demselben Wege in die Druckerei schaffte und die gleichen Beifall fanden. Ich bewahrte so lange mein Geheimnis, bis mein geringer Vorrat von Wissen und Kenntnissen für solche Arbeiten ganz erschöpft war, worauf ich mich dann entdeckte, und die Bekannten meines Bruders mich mit etwas mehr Achtung zu behandeln begannen, und zwar in einer Weise, welche meinem Bruder nicht ganz gefiel, weil er, wahrscheinlich mit Recht, annahm, es könnte mich zu eitel machen. Und dies mochte vielleicht auch die Veranlassung zu verschiedenen Zwistigkeiten gewesen sein, welche wir um jene Zeit hatten. Obschon mein Bruder, betrachtete er sich doch als meinen Meister, und mich als seinen Lehrling, und erwartete daher von mir dieselben Dienstleistungen, wie er sie von einem andern verlangt haben würde, während ich meinte, er gehe in manchen seiner Anforderungen an mich zu weit, und ich könne von einem Bruder mehr Nachsicht erwarten. Unsere Zwistigkeiten wurden oft meinem Vater vorgelegt, und ich denke, ich hatte im allgemeinen Recht oder wußte meine Sache besser zu führen, weil die Entscheidung meist zu meinen Gunsten ausfiel. Aber mein Bruder war heftig und hatte mich oft geschlagen, was ich sehr übel nahm.

Da mir so meine Lehrlingszeit ganz lästig vorkam, sehnte ich mich fortwährend nach einer Gelegenheit sie abzukürzen, die sich endlich in ganz unerwarteter Weise darbot. Ein Artikel in unserm Blatte über irgend einen politischen Gegenstand, den ich vergessen habe, erregte das Mißfallen der gesetzgebenden Versammlung. Mein Bruder wurde eingezogen, verurteilt und erhielt einen Monat Gefängnis, weil er, wie ich vermute, den Verfasser nicht angeben wollte. Auch ich wurde verhaftet und vor dem Rat verhört, erhielt aber, obschon ich keine Auskunft gab, bloß einen Verweis und wurde damit entlassen, indem man wahrscheinlich der Ansicht war, als Lehrling müsse ich die Geheimnisse meines Herrn bewahren. Während der Haft meines Bruders, welche mich trotz unserer Privatzwistigkeiten sehr empörte, hatte ich die Leitung der Zeitung und erkühnte mich, unseren Herrschern tüchtig die Meinung zu sagen, was mein Bruder sehr freundlich aufnahm, während andere mich in einem ungünstigen Lichte als ein junges Genie mit einiger Neigung für Pasquill und Satire zu betrachten begannen. Meines Bruders Freilassung war von einem willkürlichen Befehle der Behörde begleitet, welcher James Franklin den ferneren Druck der Zeitung »The New England Courant« untersagte. Unter diesen Umständen hielt er mit seinen Freunden in der Druckerei eine Beratung darüber, was nun zu thun sei. Einige rieten, den Befehl durch einen veränderten Namen des Blattes zu umgehen; mein Bruder sah aber die Unannehmlichkeiten voraus, welche dieser Schritt nach sich ziehen werde, und erachtete für besser, es in Zukunft unter dem Namen Benjamin Franklins erscheinen zu lassen. Um sich nun gegen die Behörde sicher zu stellen, die ihn noch immer als den Drucker des Blattes, der nur den Namen seines Lehrlings geborgt hätte, betrachten könnte, wurde ausgemacht, daß mein alter Lehrbrief mit einer auf der Rückseite geschriebenen vollen und unbedingten Lossprechung mir ausgeliefert werden solle, um im Notfall vorgezeigt werden zu können. Um aber meinem Bruder den Genuß meiner Dienste zu sichern, mußte ich zugleich einen neuen Kontrakt unterzeichnen, der während der noch übrigen Lehrzeit geheim gehalten werden sollte. Dieses war ein sehr unsicheres Auskunftsmittel, wurde aber trotzdem sogleich ins Werk gesetzt, und so erschien denn die Zeitung einige Monate unter meinem Namen fort.

Endlich entstand abermals zwischen mir und meinem Bruder ein Zwist, und ich wagte nun von meiner Freiheit in der Voraussetzung Gebrauch zu machen, daß er es nicht wagen werde, den neuen Kontrakt vorzuzeigen. Es war allerdings unbillig von mir, mir diesen Umstand zu Nutze zu machen, und ich halte daher diese Handlung für einen der ersten Fehltritte meines Lebens; die Erbitterung meines Gemütes aber über die häufig erhaltenen Schläge machte mir es durchaus unmöglich, sie in ihrem wahren Lichte zu würdigen, obwohl mein Bruder sonst kein bösartiger Mensch, ich aber vielleicht zu vorlaut und anspruchsvoll war. Mich dünkt, das barsche und tyrannische Gebahren meines Bruders gegen mich mag vorwiegend dazu beigetragen haben, mich mit jener Abneigung vor willkürlicher Gewalt zu erfüllen, welche ich während meines ganzen Lebens nicht verloren.

Als er meinen Entschluß, ihn zu verlassen, vernahm, suchte er zu verhindern, daß ich anderswo Arbeit fände. Er ging in alle Druckereien der Stadt und nahm die Besitzer gegen mich ein, die mich demzufolge abwiesen. Nun drängte sich mir von selbst der Gedanke auf, nach New-York, der nächsten Stadt mit einer Druckerei zu gehen. Fernere Überlegung bestärkte mich in dem Entschlusse, Boston zu verlassen, wo ich bereits der Regierungspartei verdächtig geworden war. Nach dem willkürlichen Verfahren der Behörde in der Sache meines Bruders zu schließen, standen mir, wenn ich blieb, bald Unannehmlichkeiten bevor, die ich um so mehr fürchten mußte, als mein unbesonnenes Streiten über religiöse Gegenstände mich schon für fromme Seelen, als Ungläubigen oder Atheisten, zum Gegenstand des Abscheus machten. Mein Entschluß war gefaßt; da aber mein Vater auf seiten meines Bruders stand, so besorgte ich, daß man, wollte ich mich öffentlich entfernen, Maßregeln zur Verhinderung meiner Flucht treffen möchte. Mein Freund Collins übernahm es daher, mein Entkommen zu begünstigen. Er schloß mit dem Kapitän einer New-Yorker Schaluppe wegen meiner Überfahrt unter dem Vorgeben ab, ich sei ein junger Bekannter von ihm, der ein leichtfertiges Mädchen mit einem Kinde auf dem Halse habe und nun von den Verwandten des Mädchens gezwungen werden solle, dasselbe zu heiraten, weshalb ich mich nicht öffentlich zeigen, auch nicht offenkundig abreisen könne. Um mir etwas Geld zu verschaffen, verkaufte ich einen Teil meiner Bücher, ging dann heimlich an Bord der Schaluppe und mit günstigem Winde befand ich mich in drei Tagen in New-York, fast dreihundert Meilen fern von Hause, ein Bursche von nur siebzehn Jahren, ohne jegliche Empfehlung oder irgend einen Bekannten in der Stadt und mit sehr wenig Geld in der Tasche. Das war im Oktober 1723.

Meine Neigung zum Seeleben war mittlerweile gänzlich verschwunden, sonst hätte ich sie jetzt befriedigen können. Da ich aber nun einen Beruf hatte und mich für einen leidlichen Arbeiter hielt, so bot ich unverzüglich dem alten Herrn William Bradford meine Dienste an, welcher der erste Buchdrucker in Pennsylvanien gewesen war, aber wegen Zwistigkeiten mit dem Statthalter George Keith diese Provinz verlassen hatte. Er konnte mir jedoch keine Beschäftigung geben, da er selbst nur wenig zu thun und schon mehr als genug Gehilfen hatte; er sagte mir aber, sein Sohn, Buchdrucker in Philadelphia, habe kürzlich seinen ersten Arbeiter, Aquila Rose, durch den Tod verloren, und wenn ich dorthin reisen wollte, glaubte er wohl, daß ich Anstellung finden würde. Philadelphia lag hundert Meilen weiter. Ich trat jetzt in einem Boot die Reise nach Amboy an und ließ mir meinen Koffer und meine Sachen zur See nachsenden.

Bei der Fahrt über die Bai überfiel uns ein Sturm und zerriß unser mürbes Segel, hinderte uns in den Kill einzulaufen und verschlug uns nach Long-Island. Während des Sturmes fiel ein betrunkener Holländer, ein Mitpassagier im Boote, in die See. In dem Augenblick, wo er dem Sinken nahe war, ergriff ich ihn an seinem Krauskopf und zog ihn wieder an Bord. Dieses Bad machte ihn ziemlich nüchtern, so daß er in Schlaf fiel, nachdem er ein Buch aus seiner Tasche genommen, das ich ihm trocknen sollte. In diesem Buche erkannte ich mein altes Lieblingswerk, Bunyans »Pilger«, holländisch, hübsch auf schönem Papier gedruckt und mit Kupferstichen, in einer Ausstattung, wie ich sie bei dem Buche in der Ursprache nie gesehen hatte. Seitdem erfuhr ich, daß es fast in alle europäischen Sprachen übersetzt, und nächst der Bibel wohl eines der verbreiterten Bücher sei. Der ehrliche John war meines Wissens der erste, der Erzählung und Gespräche zusammenmischte, eine Schreibweise, die den Leser sehr anzieht, da er an den interessantesten Stellen gleichsam in eine Gesellschaft eingeführt wird und der Unterhaltung beiwohnt. De Foe hat dies mit Erfolg in seinem Robinson Crusoe, seiner Moll Flanders, religiösen Bewerbung, Familien, Lehrer und anderen Werken nachgeahmt, wie auch Richardson in der Pamela u. s. w.

Als wir uns der Insel näherten, fanden wir, daß es an einer Stelle war, wo man unmöglich landen konnte, da die Brandung sich an dem felsigen Ufer brach; so ließen wir denn den Anker fallen und trieben am Tau herum und der Küste zu. Einige Leute am Strande kamen bis zum Wasserrande herab und riefen uns an, wie wir sie; aber der Wind war so stark und die Brandung so laut, daß wir einander nicht verstehen konnten. Am Strand lagen einige Boote. Wir riefen ihnen zu und machten ihnen Zeichen, um sie zu bewegen, heranzukommen und uns abzuholen; allein entweder verstanden sie uns nicht oder hielten unser Ansinnen für unausführbar, und so gingen sie fort. Es wurde Nacht, und es blieb uns nichts anderes übrig, als ruhig abzuwarten, daß sich der Wind legen würde, und so lange wollten wir, nämlich der Schiffer und ich, wo möglich schlafen. Zu dem Ende stiegen wir unter Deck zu dem Holländer, der durch und durch naß war. Die See schlug über das Fahrzeug weg und erreichte uns in unserer Zufluchtsstätte, so daß wir nun nicht minder trieften wie er.

Wir genossen die Nacht über nur wenig Ruhe; am folgenden Tage aber legte sich der Wind, und nun gelang es uns, Amboy vor Dunkelwerden zu erreichen, nachdem wir dreißig Stunden ohne Nahrung auf See zugebracht hatten, und ohne anderes Getränk, als eine Flasche schlechten Rums, da das Wasser, in welchem wir fuhren, salzig war.

Abends ging ich mit einem heftigen Fieber zu Bett. Ich hatte irgendwo gelesen, daß der reichliche Genuß von kaltem Wasser in solchen Fällen ein gutes Mittel sei. Ich folgte dem Rate, lag den größten Teil der Nacht im stärksten Schweiße, und das Fieber verließ mich. Am andern Tage fuhr ich in einer Fähre über den Fluß und setzte meine Reise zu Fuß fort. Ich mußte fünfzig (engl.) Meilen bis Burlington gehen, wo ich angeblich gute Reiseboote zur Fahrt nach Philadelphia finden würde.

Es regnete den ganzen Tag heftig, so daß ich bis auf die Haut naß wurde. Um Mittag war ich ganz ermüdet und machte in einer armseligen Kneipe Halt, wo ich den übrigen Teil des Tages und die Nacht zubrachte, schon halb bedauernd, daß ich meine Vaterstadt verlassen hatte. Dabei spielte ich eine so jämmerliche Figur, daß, wie ich aus den an mich gerichteten Fragen ersah, man mich für einen entlaufenen Dienstboten hielt, und ich Gefahr lief, als solcher aufgegriffen zu werden. Am andern Tage setzte ich indessen meine Reise fort und erreichte am Abend ein Wirtshaus, acht bis zehn Meilen von Burlington, welches ein gewisser Dr. Brown hielt. Dieser Mann ließ sich, als ich einige Erfrischungen genoß, in ein Gespräch mit mir ein, bemerkte meine leidliche Belesenheit und ward sehr gesellig und freundlich. Unsre Freundschaft dauerte bis an seinen Tod. Ich glaube, er war eine Art fahrender Doktor, denn es gab in England, ja in ganz Europa keine Stadt, über welche er nicht genaue Auskunft geben konnte. Es mangelte ihm weder an Verstand noch Bildung, aber er war durchaus ungläubig und einige Jahre später begann er eine leichtfertige Travestie der Bibel, in Knittelversen, wie Cotton Virgils Aeneis travestierte. Hierdurch stellte er manche Dinge von einer sehr spaßhaften Seite dar und er hätte manchem schwachen Geiste Schaden zugefügt, falls das Buch gedruckt worden wäre, was indessen nie geschah.

Ich übernachtete in seinem Hause und erreichte am andern Morgen Burlington, vernahm aber zu meinem Bedauern, daß die regelmäßigen Boote schon vor meiner Ankunft abgefahren seien. Es war Sonnabend, und vor nächsten Dienstag fuhr kein Boot wieder. Ich ging nach dem Hause einer alten Frau in der Stadt zurück, bei der ich einige Pfefferkuchen zu meiner Nahrung während der Überfahrt gekauft hatte, und bat sie um ihren Rat. Sie lud mich ein, bei ihr meinen Aufenthalt zu nehmen, bis sich eine Schiffsgelegenheit zeigen würde, und ermüdet von der weiten Fußreise ging ich auf ihr Anerbieten ein. Als sie vernahm, daß ich ein Buchdrucker sei, wollte sie mich bereden, mich in Burlington niederzulassen; sie vermutete aber nicht, welch' ein Kapital dazu nötig sei. Während meiner Anwesenheit in ihrem Hause wurde ich wahrhaft gastfreundlich beherbergt. Mit der größten Güte setzte sie mir eine Ochsenwampe zum Mittagessen vor und nahm nur eine Pinte Ale dagegen an. Ich glaubte mich schon bis Dienstag festgehalten. Als ich aber Abends am Flußufer spazieren ging, kam ein Boot mit einer Anzahl Personen vorüber, das, wie ich erfuhr, nach Philadelphia fuhr und mich mitnahm. Da kein Wind wehte, ruderten wir den ganzen Weg, und als wir um Mitternacht die Stadt noch nicht sahen, meinten einige aus der Gesellschaft, wir müßten wohl vorbeigefahren sein und wollten nicht weiter rudern. Da die Übrigen nicht wußten, wo wir waren, so beschloß man, an der Stelle Halt zu machen. Wir fuhren also dem Ufer zu, liefen in einen Bach ein und landeten bei einigen alten Zäunen, die uns zum Feueranmachen dienten, da es eine kalte Oktobernacht war. Hier blieben wir bis Tagesanbruch, wo einer ans der Gesellschaft die Stelle als Coopers Creek, etwas oberhalb Philadelphia, erkannte, welches wir denn auch wirklich in dem Augenblick erblickten, wo wir ans dem Bach herausfuhren. Wir kamen am Sonntag zwischen acht und neun Uhr Morgens an und landeten am Quai von Market-Street.

Ich habe meine Reise umständlich beschrieben und werde meinen ersten Eintritt in diese Stadt ebenso ausführlich schildern, damit du imstande bist, so wenig verheißende Anfänge mit der Rolle zu vergleichen, die ich später spielte.

Bei meiner Ankunft in Philadelphia war ich in meinem Arbeitsanzuge, da meine besten Kleider erst zur See nachkommen sollten. Ich war mit Schmutz bedeckt; meine Taschen waren mit Hemden und Strümpfen vollgestopft; ich kannte keine Seele in der Stadt und wußte nicht, wo ich ein Unterkommen finden sollte. Ermüdet von der Reise, vom Rudern und von einer schlaflosen Nacht, empfand ich nebenbei einen heftigen Hunger, und meine ganze Baarschaft bestand in einem holländischen Thaler und etwa einem Schilling in Kupfergeld, welchen ich den Schiffern für meine Überfahrt gab. Da ich ihnen im Rudern beigestanden hatte, so schlugen sie ihn anfänglich aus, aber ich bestand auf der Annahme. Der Mensch ist meist freigebiger, wenn er wenig, als wenn er viel Geld hat, wahrscheinlich weil er im ersten Falle gern seine Dürftigkeit verbergen will.

Ich ging die Straße hinauf und schaute mich um, bis ich beim Markthause einem Jungen mit Brot begegnete. Mein Mittagsmahl hatte schon oft in trockenem Brote bestanden, und nachdem ich erfragt, wo er selbiges gekauft habe, ging ich geradewegs nach dem bezeichneten Bäckerladen in Second-Street und forderte einen Zwieback, wie wir deren in Boston haben, die aber in Philadelphia nicht gebacken zu werden scheinen. Ich verlangte also ein Dreipfennigbrot und erfuhr, daß es ein solches nicht gebe. In Anbetracht nun, daß ich weder die hiesigen Preise noch Gattungen von Brot kannte, bat ich mir für drei Pence Brot irgend einer Art aus, worauf ich drei große runde Brote erhielt. Ich erstaunte über so viel, nahm sie indes an, und da ich in meinen Taschen keinen Platz hatte, so entfernte ich mich mit einem Brote unter jedem Arm, während ich vom dritten aß. So schritt ich durch Market-Street nach Fourth-Street und ging an dem Hause des Mr. Read, des Vaters meiner künftigen Frau, vorüber. Diese stand vor der Thür, sah mich und mochte mich mit vollkommenem Rechte für eine gar seltsame und lächerliche Erscheinung halten. Dann bog ich um die Ecke und ging, unterwegs immer an meinem runden Brote zehrend, durch Chesnut-Street und einen Teil von Walnut-Street herab und fand mich, nach gemachter Runde, wieder am Quai von Market-Street, in der Nähe des Bootes, mit welchem ich gekommen war. Ich trat hinein, um einen Trunk Flußwasser zu nehmen, und da ich mich von dem ersten Brote gesättigt fühlte, so gab ich die beiden anderen einer Frau mit ihrem Kinde, die mit uns den Fluß hinabgefahren waren und auf die Weiterreise warteten.

So erquickt wanderte ich wieder die Straße hinauf, die nur mit wohlgekleideten Leuten gefüllt war, welche alle desselben Weges gingen. Ich schloß mich ihnen an und gelangte so nach einem großen Versammlungshause der Quäker, in der Nähe des Marktplatzes. Ich setzte mich zu den Übrigen, sah mich eine Weile um und fiel, da ich nichts sprechen hörte und von den Anstrengungen der vorigen Nacht und dem Mangel an Ruhe ermüdet war, in einen tiefen Schlaf. In diesem Zustande blieb ich, bis sich die Versammlung zerstreut hatte, wo ein Mitglied so freundlich war, mich zu wecken. Dies war also das erste Haus, welches ich in Philadelphia betrat, oder worin ich vielmehr schlief. Ich begann abermals meine Wanderung durch die Straßen an der Flußseite, und indem ich jedem mir Begegnenden aufmerksam ins Gesicht schaute, gewahrte ich endlich einen jungen Quäker, dessen Gesichtszüge mir gefielen. Ich redete ihn an und bat ihn um Nachweisung, wo ich wohl als Fremder ein Unterkommen finden könne. Wir befanden uns in der Nähe des Schildes »Zu den drei Matrosen«. »Hier ist eine Herberge für Fremde,« sagte er, »aber das Haus steht nicht in gutem Rufe, wenn du mit mir gehen willst, so will ich dir ein besseres zeigen,« worauf er mich nach Crooked-Billet in Water-Street führte. Hier bestellte ich mir eine Mahlzeit, während deren man eine Menge neugieriger Fragen an mich richtete, da meine Jugend und mein Äußeres den Verdacht rege machten, ich sei entlaufen.

Nach dem Essen kehrte meine Müdigkeit wieder, und unausgekleidet warf ich mich auf ein Bett und schlief bis sechs Uhr Abends, wo ich zum Abendessen gerufen wurde. Dann ging ich wieder sehr früh zu Bett und erwachte auch erst am nächsten Morgen. Nach dem Aufstehen kleidete ich mich möglichst anständig und begab mich nach dem Hause des Druckers Andreas Bradford; ich fand im Laden seinen Vater, den ich zu New-York gesprochen hatte. Da er zu Pferde reiste, war er vor mir nach Philadelphia gekommen. Er stellte mich seinem Sohne vor, der mich sehr höflich aufnahm, und mir ein Frühstück vorsetzte, mir aber auch sagte, daß er augenblicklich keinen Arbeiter gebrauchen könne, da er vor kurzem einen angenommen habe. Es sei aber noch ein anderer Buchdrucker in der Stadt, Namens Keimer, der sich erst kürzlich niedergelassen habe und mich vielleicht beschäftigen könne; wo nicht, so würde ich ihm in seinem Hause willkommen sein, und er wolle mir dann und wann kleine Arbeiten geben, bis sich etwas Besseres finde.

Der alte Bradford erbot sich, mich bei dem neuen Buchdrucker einzuführen. Als wir in dessen Hause waren, sagte er: »Nachbar, ich führe Ihnen hier einen jungen Gewerbsgenossen zu; vielleicht können Sie ihn gebrauchen.«

Keimer richtete einige Fragen an mich, gab mir einen Winkelhaken in die Hand, um zu sehen, wie ich setze, und sagte, im Augenblick habe er nichts für mich zu thun, werde mich aber bald gebrauchen können. Da er nun den alten Bradford, den er nie gesehen hatte, für einen ihm gewogenen Bewohner der Stadt hielt, so teilte er ihm seinen Plan und seine Aussichten auf Erfolg mit. Bradford hütete sich wohl, ihm zu entdecken, daß er der Vater des andern Druckers sei, und als Keimer sich äußerte, wie er bald die meiste Kundschaft in der Stadt zu haben gedenke, so brachte er ihn durch künstliche Fragen und das Entgegenhalten einiger Schwierigkeiten dahin, daß er ihm alle seine Pläne darlegte, auf die sich seine Hoffnungen gründeten, und wie er dabei zu Werke gehen wolle. Ich war zugegen, hörte alles, und erkannte alsbald in dem einen den alten verschlagenen Fuchs und in dem andern den gänzlichen Neuling. Bradford ließ mich bei Keimer, der gar sehr erstaunte, als ich ihm sagte, wer der alte Mann sei.

Keimers ganze Druckereieinrichtung bestand, wie ich fand, aus einer alten, schadhaften Presse und einem kleinen Vorrat abgenutzter englischer Typen, aus denen er soeben eine Elegie auf den obenerwähnten Aquila Rose setzte, der ein gebildeter junger Mann, von vortrefflichem Charakter, in der Stadt sehr geachtet, Sekretär bei der Assembly und ein ganz leidlicher Dichter war. Keimer machte nämlich auch Verse, allerdings höchst unbedeutende. Man konnte nicht sagen, daß er Verse schreibe, denn er pflegte die Strophen gleich zu setzen, wie sie seiner Muse entströmten, und da er ohne Manuskript arbeitete, auch nur einen Setzkasten hatte, die Elegie aber wahrscheinlich seinen ganzen Schriftvorrat in Anspruch nahm, so war es unmöglich, ihm zu helfen. Ich versuchte, seine Presse in Stand zu setzen, welche er bis jetzt noch nicht gebraucht hatte, und von deren Benutzung er auch in der That nichts verstand. Mit dem Versprechen, wieder zu kommen, um dann seine Elegie zu drucken, sobald sie fertig wäre, ging ich nach Bradfords Hause zurück, der mir für den Augenblick eine Kleinigkeit zu thun gab, wofür ich Kost und Wohnung genoß. Nach einigen Tagen ließ Keimer mich rufen, um seine Elegie zu drucken. Er hatte sich jetzt noch einen zweiten Setzkasten angeschafft, um den Wiederabdruck einer Flugschrift zu besorgen, deren Satz er mir auftrug.

Diese beiden Buchdrucker in Philadelphia schienen jeder der zu ihrem Gewerbe nötigen Befähigung zu ermangeln. Bradford hatte das Geschäft gar nicht gelernt und war sehr ungebildet. Keimer war zwar leidlich gebildet, aber nur Setzer und wußte mit der Presse gar nicht umzugehen. Er war einer der französischen Propheten Laboulaye hält Keimer für einen der Camisarden oder französischen Protestanten aus den Cevennen, welche von Ludwig XIV. verfolgt und vertrieben wurden. D. H. und konnte ihre begeisterten Agitationen recht gut nachmachen. Zur Zeit unsrer ersten Bekanntschaft hing er keinem bestimmten Glauben an, im Notfalle aber allen ein wenig, hatte übrigens gar keine Weltkenntnis, aber viel Gemeines in seinem Wesen, wie ich später zu erfahren Gelegenheit hatte.

Keimer konnte nicht leiden, daß, während ich bei ihm in Arbeit stände, ich bei Bradford wohne. Er hatte zwar auch ein Haus, aber es war unmöbliert, so daß er mich nicht zu sich nehmen konnte. Es verschaffte mir eine Wohnung bei Mr. Read, seinem Hauswirt, dessen ich schon erwähnte. Da jetzt mein Koffer mit meinen Sachen angekommen war, so hoffte ich in den Augen von Fräulein Read eine anständigere Rolle zu spielen, als damals, wo sie mich zufällig mein Brot auf offener Straße hatte verspeisen sehen.

Ich machte nachgerade Bekanntschaft mit einigen jungen Leuten in der Stadt, die gerne lasen, und brachte meine Abende angenehm mit ihnen hin, während ich gleichzeitig durch meinen Fleiß Geld verdiente und, Dank meiner Mäßigkeit, zufrieden lebte. So vergaß ich denn Boston fast ganz und wünschte nur, daß niemand meinen Aufenthalt erfahren möchte, mein Freund Collins ausgenommen, dem ich schrieb und der mein Geheimnis auch bewahrte. Endlich führte mich ein Ereignis weit früher nach Hause zurück, als in meinem Vorsatz lag. Ich hatte einen Schwager, Namens Robert Holmes, der eine Handelsschaluppe zwischen Boston und Delaware führte. Bei seiner Anwesenheit in Newcastle, vierzig Meilen unterhalb Philadelphia, hörte er von mir und meldete mir in einem Briefe den Kummer, den mein plötzliches Verschwinden aus Boston meinen Eltern verursacht habe, versicherte mich ihrer fortdauernden Liebe und Bereitwilligkeit, wenn ich zurückkehrte, alles zu meiner Zufriedenheit auszugleichen, und ermahnte mich ernstlich zur Heimkehr. Ich beantwortete seinen Brief, dankte ihm für seinen Rat und setzte ihm die Gründe, welche mich veranlaßt hatten, Boston zu verlassen, so triftig und deutlich auseinander, daß er sich überzeugte, wie ich weniger zu tadeln sei, als er sich gedacht hatte.

Um jene Zeit war Sir William Keith, der Statthalter der Provinz, in Newcastle. Kapitän Holmes befand sich bei Empfang meines Briefes zufällig in seiner Gesellschaft, ergriff die Gelegenheit, von mir zu reden, und zeigte ihm meine Antwort. Der Statthalter las sie und erstaunte, als er mein Alter erfuhr. Er erkenne in mir, bemerkte er, einen Jüngling mit vielversprechenden Gaben, und sonach müsse ich aufgemuntert werden; hier in Philadelphia seien nur sehr unwissende Buchdrucker und wenn ich mich dort niederlasse, so zweifle er nicht an meinem Fortkommen; er seines Teils wolle mir alle Staatsarbeiten verschaffen und auch außerdem jeden möglichen, in seinen Kräften stehenden Dienst leisten. Mein Schwager erzählte mir das alles in Boston, aber damals erfuhr ich keine Silbe davon. Eines Tages sahen Keimer und ich, als wir gerade zusammen in der Nähe des Fensters arbeiteten, den Gouverneur und einen andern Herrn, den Oberst French von Newcastle, in seiner Kleidung über die Straße kommen und gerade auf unser Haus zugehen. Wir hörten sie an der Thür, und da Keimer glaubte, der Besuch gelte ihm, so begab er sich sogleich hinunter. Aber der Gouverneur fragte nach mir, stieg die Treppe hinauf und richtete mit einer Leutseligkeit und Artigkeit, welche ich nicht im entferntesten gewohnt war, mehrfache Komplimente an mich, wünschte meine Bekanntschaft zu machen, warf mir freundlich vor, daß ich bei meiner Ankunft in Philadelphia nicht selbst zu ihm gekommen sei, und lud mich ein, ihn in eine Schenke zu begleiten, wo er und Oberst French eine Flasche guten Madeira trinken wollten.

Ich war nicht wenig überrascht, und Keimer staunte wie ein gestochener Bock. Indessen ging ich mit dem Gouverneur und dem Oberst in ein Wirtshaus an der Ecke von Third-Street, wo er mir bei der Flasche Madeira den Vorschlag machte, eine Druckerei einzurichten. Er erörterte die Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolges, und als ich Zweifel merken ließ, ob mein Vater mich bei diesem Unternehmen unterstützen werde, versprach Sir William mir einen Brief an ihn, in welchem er die Vorteile dieses Planes in einem solchen Lichte darstellen wolle, daß sie unfehlbar seinen Entschluß bestimmen würden. Dann ward ausgemacht, daß ich mit dem ersten Schiffe nach Boston, den Empfehlungsbrief des Statthalters an meinen Vater in der Tasche, zurückkehre. Inzwischen sollte der Plan geheim gehalten werden, so daß ich meine Arbeit bei Keimer nach wie vor fortsetzte. Dann und wann ließ mich der Statthalter zu Tische laden. Ich sah dies für eine sehr große Ehre an, die ich um so höher anschlug, da er sich mit mir auf die leutseligste und freundlichste Weise von der Welt unterhielt.

Gegen Ende April 1724 lag ein kleines Schiff segelfertig nach Boston. Ich verließ Keimer unter dem Vorwande, meine Eltern besuchen zu wollen. Der Gouverneur stellte mir einen langen Brief zu, in welchem er meinem Vater viele schmeichelhafte Dinge über mich sagte und eindringlich den Plan meiner Niederlassung in Philadelphia empfahl, als eine Sache, die unausbleiblich zu meinem Glück ausschlagen müsse. Bei der Fahrt die Bai hinunter stieß unser Schiff auf eine Sandbank und erhielt einen Leck. Das Wetter war sehr ungestüm, und wir mußten unausgesetzt pumpen, woran auch ich teilnahm. Wir gelangten indessen nach etwa vierzehntägiger Fahrt sicher und gesund nach Boston.

Ich war ungefähr sieben volle Monate abwesend gewesen, während welcher Zeit meine Verwandten gar keine Nachricht von mir erhalten hatten, denn mein Schwager Holmes war noch nicht zurück und hatte auch noch nicht über mich geschrieben. Meine Familie erstaunte über meine unerwartete Erscheinung, aber alle freuten sich über das Wiedersehen und hießen mich, mit Ausnahme meines Bruders, zu Hause willkommen. Ich besuchte ihn in seiner Druckerei. Ich war besser gekleidet, als in der ganzen Zeit, wo ich bei ihm in der Lehre war, hatte einen vollständigen neuen und netten Tuchanzug, eine Uhr und beinahe fünf Pfund Sterling in Silber in der Tasche. Er nahm mich gerade nicht sehr höflich auf und ging, nachdem er mich vom Kopf bis zu Fuß betrachtet hatte, wieder an seine Arbeit.

Die Arbeiter erkundigten sich neugierig, wo ich gewesen, welcher Art das Land sei und wie es mir gefallen habe. Ich rühmte Philadelphia ganz außerordentlich, wie nicht minder das herrliche Leben, welches man dort führe, und äußerte meine Absicht, dahin zurückzukehren. Als einer von ihnen mich nach dem dort gangbaren Geld fragte, zeigte ich ihnen eine Handvoll Silbermünzen, die ich aus der Tasche zog; dieses war etwas Neues für sie, da in Boston nur Papiergeld umlief. Dann versäumte ich auch nicht, ihnen meine Uhr zu zeigen, und da mein Bruder mürrisch und finster blieb, gab ich ihnen endlich einen Schilling zu einem Trunk und ging fort. Dieser Besuch wurmte meinen Bruder in der Seele; denn als bald darauf meine Mutter von einer Aussöhnung zwischen ihm und mir und dem Wunsche eines guten Vernehmens zwischen uns sprach, sagte er, ich hätte ihn vor seinen Leuten so sehr beleidigt, daß er es nie vergessen noch vergeben werde. Hierin irrte er sich indessen.

Des Gouverneurs Schreiben schien meinem Vater auffallend, indessen sagte er nur wenig. Als jedoch nach einigen Tagen Kapitän Holmes zurückkehrte, zeigte er es diesem mit der Frage, ob er Keith kenne, und was für ein Mann er sei, unter dem Hinzufügen, daß es seiner Ansicht nach wenig Einsicht verrate, einem jungen Menschen ein Geschäft begründen zu wollen, welcher vor Ablauf dreier Jahre seinem Alter nach nicht zu den Männern gerechnet werden könne. Holmes sagte alles Erdenkliche zu Gunsten des Planes, mein Vater aber blieb dabei, daß es unsinnig sei, und erklärte sich endlich rundweg dagegen. Indessen schrieb er einen höflichen Brief an Sir William, in welchem er ihm zwar für das mir so gütig erwiesene Wohlwollen dankte, aber in diesem Augenblick mich zu unterstützen verweigerte, weil er mich für zu jung halte, als daß man mir die Leitung eines so wichtigen Geschäftes anvertrauen könne, zu welchem eine so beträchtliche Summe Geldes nötig sei.

Mein alter Freund Collins, der Postbeamter war, wurde ganz entzückt von der Schilderung, welche ich ihm von meinem neuen Wohnorte entwarf, und beschloß ebenfalls dorthin zu gehen. Während ich meines Vaters Entscheidung abwartete, reiste er mir vorauf zu Lande nach Rhode-Island, indem er seine hübsche Büchersammlung von mathematischen und naturhistorischen Werken zurückließ, die mit der meinigen nach New-York geschickt werden sollte, wo er mich erwarten wollte.

Obgleich mein Vater Sir Williams Vorschlag nicht billigen konnte, so war er doch sehr stolz darauf, daß ich die so vorteilhafte Empfehlung eines Mannes von seinem Range gefunden, und daß mein Fleiß und meine Sparsamkeit mich in Stand gesetzt hatten, in so kurzer Zeit mich so hübsch auszustatten. Da er überdies keine Aussicht zu einer Versöhnung zwischen mir und meinem Bruder sah, so willigte er in meine Rückkehr nach Philadelphia, ermahnte mich, gegen jedermann höflich zu sein, nach allseitiger Achtung zu trachten, und Spott und Sarkasmus zu vermeiden, zu denen er mich nur zu sehr geneigt hielt, und teilte mir schließlich mit: bei Ausdauer und kluger Sparsamkeit, wenn ich erst älter geworden, werde es mir wohl gelingen, aus eigenen Mitteln ein Geschäft zu errichten, und wenn alsdann mir noch eine kleine Summe fehle, werde er mir damit aushelfen. Dies war alles, was ich von ihm erlangen konnte, ausgenommen einige Geschenke von ihm und meiner Mutter, zum Zeichen ihrer Liebe, als ich mich diesmal mit meiner Eltern Zustimmung und Segen wiederum nach New-York einschiffte.

Als die Schaluppe zu Newport auf Rhode-Island anlangte, besuchte ich meinen Bruder John, der sich vor Jahren hier niedergelassen und verheiratet hatte. Er war mir von jeher zugethan und nahm mich sehr liebevoll auf. Da einer seiner Freunde, Namens Vernon, in Pennsylvanien etwa fünfunddreißig Pfund ausstehen hatte, so bat er mich, diese für ihn einzukassieren und das Geld so lange zu bewahren, bis er mir Nachricht zukommen lasse, worauf er mir eine Anweisung dazu einhändigte. Dieser Auftrag verursachte mir in der Folge viel Unannehmlichkeit.

Zu Newport nahmen wir eine Anzahl Passagiere an Bord, unter denen sich zwei junge Frauenzimmer und auch eine ernste und gesetzte Quäkerin mit ihrer Bedienung befanden. Dienstfertig und zuvorkommend hatte ich der Quäkerin einige kleine Gefälligkeiten erzeigt und mir ihr Wohlwollen erworben; denn als sie zwischen mir und den beiden jungen Frauenzimmern Vertraulichkeit entstehen und sie mit jedem Tage zunehmen sah, rief sie mich beiseite und sagte: »Junger Mensch, ich bin deinetwegen sehr besorgt; du hast keine Eltern bei dir, welche über dich wachen könnten, und du scheinst die Welt nicht genug zu kennen, so wenig wie die Fallstricke, welche die Jugend bedrohen. Vertraue mir in dem, was ich dir sage: Jene sind Mädchen von leichtfertigem Charakter, ich merke das an ihrem ganzen Benehmen; wenn du dich nicht in Acht nimmst, so werden sie dich in Gefahr bringen. Sie sind dir unbekannt, und bei meinem Interesse für dein Wohl rate ich dir, dich nicht mit ihnen einzulassen.« Da ich anfangs ihre schlechte Meinung von ihnen nicht zu teilen schien, so erzählte sie mir einiges, was sie gesehen und gehört hatte und was meiner Beachtung entgangen war, mich aber überzeugte, daß sie Recht habe. Ich dankte ihr für ihren gütigen Rat und versprach, ihm zu folgen. Bei unsrer Ankunft in New-York nannten sie mir ihre Wohnung und luden mich ein, sie zu besuchen. Ich ging indessen nicht hin und that wohl daran; denn als der Kapitän am nächsten Tage einen silbernen Löffel und einige andere Dinge, die aus der Kajüte entwendet worden waren, vermißte, verschaffte er sich, da er diese Mädchen als leichtfertig kannte, eine Erlaubnis zur Haussuchung, fand die gestohlenen Sachen bei ihnen und ließ sie bestrafen. So entging ich denn, nachdem ich schon einer Klippe unter dem Wasser, auf welche das Schiff während der Fahrt stieß, entgangen war, einer zweiten noch weit gefährlichern.

In New-York fand ich meinen Freund Collins, der einige Zeit vor mir angekommen war. Wir waren von Jugend auf mit einander vertraut gewesen und hatten dieselben Bücher mit einander gelesen; er hatte aber den Vorteil, mehr Zeit auf Lektüre und Studien verwenden zu können, und den einer ausgezeichneten Begabung für Mathematik, in der er mich weit überholte. Während meines Aufenthalts in Boston pflegte ich fast alle meine Mußestunden mit ihm zuzubringen; er war ein sittsamer und fleißiger Junge, hatte sich durch seine Kenntnisse allgemeine Achtung erworben und schien zu einer nicht geringen Rolle in der Gesellschaft berufen. Während meiner Abwesenheit aber hatte er sich dem Branntweintrinken ergeben, und sowohl von ihm selbst als aus den Berichten anderer erfuhr ich, daß er seit seiner Ankunft in New-York jeden Tag berauscht gewesen sei und sich sehr auffallend benommen habe. Auch hatte er gespielt und all' sein Geld verloren, so daß ich genötigt war, seine Wirtshausrechnung zu bezahlen und ihn den übrigen Teil der Reise hindurch zu unterhalten, was mir sehr unbequem war. Als der Gouverneur von New-York, Namens Burnet (der Sohn des Bischofs Burnet), von dem Kapitän hörte, daß er einen jungen Mann auf seinem Schiffe als Passagier habe, der eine große Menge Bücher mit sich führe, bat er ihn, mich zu ihm zu bringen. Ich verfügte mich daher hin und hätte auch Collins mitgenommen, wenn er nur nüchtern gewesen wäre. Der Gouverneur nahm mich sehr freundlich auf, zeigte mir seine Bibliothek, die sehr bedeutend war, und wir plauderten eine Zeit lang über Schriftsteller und Bücher. Dies war schon der zweite Gouverneur, der mich seiner Aufmerksamkeit würdigte, und dem unbedeutenden Jünglinge, der ich damals war, mußten natürlich diese kleinen Ereignisse sehr schmeichelhaft sein.

Wir kamen nach Philadelphia. Unterwegs nahm ich Vernons Geld ein, ohne welches wir nicht ans Ende unsrer Reise hätten kommen können. Collins wünschte eine Stelle als Commis in irgend einem Geschäft zu erhalten; indessen ob entweder sein Odem oder sein Aussehen sein Branntweintrinken verriet, genug, es wollte ihm trotz seiner Empfehlungen nicht glücken, und so wohnte und lebte er denn ferner auch mit mir, auf meine Kosten. Da er wußte, daß ich das Geld von Vernon bei mir habe, so ging er mich stets um Anlehen davon an, unter dem Versprechen der Rückzahlung, sobald er eine Stelle erhalten werde. Endlich hatte er soviel von diesem Gelde erhalten, daß ich in große Unruhe darüber geriet, was aus mir werden solle, wenn er nicht imstande sein sollte, das Fehlende zu ersetzen. Auch nahm seine Trunksucht nicht im geringsten ab und wurde zur Ursache häufigen Zwistes unter uns. Denn wenn er etwas zu viel getrunken hatte, so war er außerordentlich starrköpfig. Als wir eines Tages zusammen mit einigen anderen jungen Leuten in einem Boote auf dem Delaware fuhren, weigerte er sich zu rudern, als ihn die Reihe traf. »Ich will nach Hause gerudert werden,« sagte er. – »Wir werden nicht für dich rudern,« sagte ich. – »Ihr sollt es doch,« war seine Antwort, »oder ihr müßt die ganze Nacht auf dem Wasser bleiben – ganz wie's euch gefällt.« – »Laßt uns rudern,« sagten die Übrigen; »was liegt daran, ob er uns hilft oder nicht?« Da ich aber schon über sein Benehmen bei anderen Gelegenheiten entrüstet war, beharrte ich auf meiner Weigerung. Da schwur er, er wolle mich schon zum Rudern bringen oder mich aus dem Boote werfen, und sprang gegen mich auf. So wie ich ihn aber fassen konnte, ergriff ich ihn beim Kragen, gab ihm einen heftigen Stoß und stürzte ihn über Kopf in den Fluß. Ich wußte, daß er ein guter Schwimmer sei, und war deshalb unbesorgt um sein Leben. Ehe er wieder emporkommen konnte, hatten uns einige Ruderschläge aus seinem Bereiche gebracht, und so oft er an das Boot kam, fragten wir ihn, ob er rudern wolle, indem wir ihm gleichzeitig mit den Rudern auf die Hände schlugen, damit er seinen Halt loslassen müsse. Er schäumte fast vor Wut, verweigerte aber hartnäckig jedes Versprechen zu rudern. Als wir endlich seine Kräfte sich erschöpfen sahen, nahmen wir ihn ins Boot und brachten ihn am Abend ganz durchnäßt nach Hause. Nach diesem Vorfalle trat eine gänzliche Verstimmung zwischen uns ein. Endlich lernte der Kapitän eines Westindienfahrers, der für die Söhne eines Herrn auf Barbados einen Erzieher besorgen sollte, Collins kennen und bot ihm die Stelle an. Er nahm sie auch an und versprach nur beim Abschiede, die mir schuldige Summe von dem ersten Gelde abzutragen, welches er erhalten werde; aber ich habe nie etwas von ihm gehört.

Daß ich jenes Vernonsche Geld angebrochen hatte, war einer der ersten Irrtümer meines Lebens und zeigte mir deutlich, daß mein Vater sich nicht täuschte, als er mich zur Führung eines bedeutenden Geschäftes für noch zu jung hielt. Als aber Sir William seinen Brief las, hielt er ihn für übertrieben vorsichtig. Es sei ein Unterschied zwischen den Menschen, meinte er; reife Jahre brächten nicht immer den Verstand mit sich, noch sei die Jugend allen Verstandes bar. »Da Ihr Vater,« fügte er hinzu, »Sie nicht selbständig machen will, so werde ich es selbst thun. Geben Sie mir ein Verzeichnis der Gegenstände, welche aus England bezogen werden müssen, und ich will diese Artikel kommen lassen. Sie sollen sie mir nach Vermögen wieder bezahlen. Ich will hier einen ordentlichen Buchdrucker haben, und ich bin überzeugt, daß Sie fortkommen werden.« Dies sagte er anscheinend mit so viel Herzlichkeit, daß ich nicht einen Augenblick Mißtrauen in die Aufrichtigkeit seines Anerbietens setzte. Ich hatte bisher den mir von Sir William angeratenen Plan der Errichtung eines Geschäfts in Philadelphia geheim gehalten und that es auch noch. Wäre bekannt gewesen, welches Vertrauen ich in den Gouverneur setzte, so würde mir ohne Zweifel irgend ein Freund, der besser als ich seinen Charakter kannte, geraten haben, mich nicht auf ihn zu verlassen; denn später erführ ich, daß er allgemein als sehr freigebig in Versprechen bekannt sei, die er gar nicht halten wollte. Wie konnte ich aber, da ich ihn um nichts gebeten hatte, voraussetzen, daß seine Anerbietungen trügerisch seien? Im Gegenteil hielt ich ihn für den besten Mann von der Welt.

Ich übergab ihm das Inventar zu einer kleinen Druckerei, dessen Kosten ich auf ungefähr einhundert Pfund Sterling berechnet hatte. Dies gefiel ihm, er warf aber die Frage auf, ob es nicht vorteilhaft sein würde, selbst nach England zu gehen, die Schriften auszusuchen und nach der Güte der einzelnen Artikel zu sehen. »Sie würden dann auch,« fuhr er fort, »diese oder jene Bekanntschaft dort anknüpfen und sich mit Antiquaren und Buchhändlern in Verbindung setzen können.« – Ich räumte ein, daß dies wünschenswert sei. – »Wenn dem so ist,« fügte er hinzu, »so halten Sie sich bereit, mit der Annis abzureisen.« Dieses Schiff machte die Fahrt jährlich und war das einzige zu jener Zeit, welches regelmäßig zwischen London und Philadelphia fuhr. Aber die Annis segelte erst in einigen Monaten. Deshalb arbeitete ich bei Keimer weiter, nur unglücklich bei dem Gedanken an das Geld, welches Collins mir abgeborgt hatte, und fast in ewiger Angst, daß Vernon, der zum Glück erst nach mehreren Jahren sein Geld verlangte, mich zur Heimzahlung auffordern werde.

Bei der Schilderung meiner ersten Reise von Boston nach Philadelphia vergaß ich vielleicht einen unbedeutenden Umstand, der indessen hier doch wohl an seinem Orte sein möchte. Während einer Windstille, die uns oberhalb Block-Island festhielt, unterhielt sich das Schiffsvolk mit dem Kabeljau-Fang, der recht reichlich ausfiel. Bis dahin war ich meinem Grundsatze treu geblieben, keinerlei tierische Nahrung zu genießen, und bei diesem Anlaß betrachtete ich, den Grundsätzen meines Meisters Tryon gemäß, den Fang jedes Fisches als eine Art Mord ohne alle Veranlassung, indem diese Tiere niemandem auch nur das geringste Unrecht, welches ein solches Verfahren hätte rechtfertigen können, gethan hätten oder überhaupt thun könnten. Ich hielt diesen Schluß für unwiderlegbar. Indessen hatte ich früher außerordentlich gern Fische gegessen, und so oft ein Stockfisch aus der Pfanne genommen wurde, roch er mir köstlich in die Nase. Eine Weile schwankte ich zwischen Grundsatz und Lust, bis mir endlich einfiel, daß man beim Öffnen eines Kabeljaus einen andern kleinen Fisch in dessen Bauche gefunden habe, worauf ich dachte: Wenn du einen andern verzehrst, so sehe ich keinen Grund, dich nicht auch zu verspeisen. Demzufolge aß ich mit nicht geringem Wohlbehagen von dem Fische und that es überhaupt seitdem wie andere Menschen, indem ich nur dann und wann zu meiner Pflanzenkost zurückkehrte. Wie angenehm ist es doch, ein vernünftiges Geschöpf zu sein, das einen annehmbaren Vorwand für alle seine Gelüste zu finden oder zu erfinden weiß!

Ich bemühte mich, in gutem Vernehmen mit Keimer zu leben, der nicht im entferntesten meine beabsichtigte Etablierung ahnte. Etwas von seiner frühern Begeisterung war ihm noch immer geblieben, und da er gern disputierte, so hatten wir häufige Wortgefechte mit einander. Die Sokratische Methode war mir so geläufig und ich hatte ihn so oft durch meine Fragen in Verlegenheit gebracht – die zuerst gar keinen Bezug auf den streitigen Gegenstand zu haben schienen, stufenweise aber dennoch darauf hinführten, und ihn in Verlegenheiten und Widersprüche verwickelten, aus denen er sich nicht herauswinden konnte – daß er zuletzt in einem lächerlichen Grade vorsichtig wurde und kaum auf die einfachste und unverfänglichste Frage antworten wollte, ohne vorher mich zu fragen: »Was wollen Sie daraus folgern?« Daraus bildete er sich eine so hohe Meinung von meinem Disputations- und Überzeugungs-Talente, daß er mir allen Ernstes vorschlug, zusammen mit ihm eine neue Sekte zu stiften. Er wollte die Lehre durch Predigen verbreiten, und ich sollte die Gegner widerlegen. Als er mir seinen Plan vortrug, fand ich manche Abgeschmacktheiten darunter, welche ich nicht zulassen wollte, wenn er sich nicht dafür zu einigen meiner Ansichten bequemen wollte. Keimer ließ seinen Bart lang wachsen, weil Moses an einer Stelle sagt: »Du sollst die Spitzen deines Bartes nicht beschädigen.« Auch beobachtete er die Sonntagsfeier, was beides für ihn wesentliche Punkte waren. Ich dagegen verwarf beide, erklärte mich aber bereit sie anzunehmen, vorausgesetzt, daß er der tierischen Nahrung entsagen wolle. »Ich zweifle,« antwortete er, »daß meine Leibesbeschaffenheit dies ertragen wird.« Ich versicherte ihn dagegen, er werde sich besser als zuvor dabei befinden. Er war eigentlich ein starker Esser, und ich versprach mir einigen Spaß davon, ihn halb verhungert zu sehen. Er willigte ein, diese Lebensweise zu versuchen, wenn ich ihm dabei Gesellschaft leisten wolle, und wirklich fuhren wir drei Monate hiermit fort. Eine Frau aus der Nachbarschaft, der ich ein Verzeichnis von vierzig Gerichten gab, bei deren Bereitung weder Fisch noch Fleisch vorkam, kochte für uns und brachte uns das Essen. Dieser Einfall kam mir um so gelegener, als ich dabei meine Rechnung fand, denn die ganze Ausgabe für unseren wöchentlichen Lebensunterhalt betrug nicht über achtzehn Pence auf den Mann.

Seit jener Zeit habe ich öfter mit der größten Strenge mich an Fasten gewöhnt, habe beinahe nur Nahrung aus dem Pflanzenreiche genossen und bin dann plötzlich zu meiner gewohnten Lebensweise zurückgekehrt, ohne die geringste Unbequemlichkeit davon zu verspüren, was mich zu der Ansicht brachte, den gewöhnlichen Rat, nur allmählich solche Veränderungen in der Lebensweise vorzunehmen, für nicht so gewichtig anzusehen. Mir bekam diese Diät ganz gut, der arme Keimer litt aber ganz gewaltig. Der Enthaltsamkeit müde, sehnte er sich nach den Fleischtöpfen Egyptenlands, bestellte sich ein gebratenes Ferkel und lud mich und zwei unserer weiblichen Bekannten zum Essen ein. Da aber das Ferkel etwas zu früh aufgetragen wurde, so konnte er der Versuchung nicht widerstehen und verzehrte es noch vor unserm Eintreffen vollständig.

Unterdessen hatte ich Miß Read einige Aufmerksamkeit geschenkt. Ich hegte die größte Achtung und Zuneigung für sie und hatte Grund zu glauben, daß diese Gefühle erwidert wurden. Wir waren aber beide jung, kaum über achtzehn Jahre alt. Da ich im Begriff stand, eine weite Reise anzutreten, so hielt ihre Mutter es für geraten, jetzt die Sache nicht allzu weit gedeihen zu lassen, indem eine Heirat, wenn es zu einer solchen kommen sollte, nach meiner Rückkehr und nach der (wie wir erwarteten) inzwischen erfolgten Selbständigmachung mehr am Platze sein würde. Vielleicht hielt sie auch meine Hoffnungen für nicht so wohlbegründet, wie ich mir einbildete.

Meine vertrautesten Bekannten waren in dieser Zeit Charles Osborne, Joseph Watson und James Ralph, die alle leidenschaftlich gern lasen. Die beiden ersteren waren Schreiber bei Mr. Charles Brockden, einem der ersten Anwälte und Notare der Stadt, und der andere war Commis bei einem Kaufmann. Watson war ein biederer, frommer, sinniger Jüngling; die beiden anderen hatten etwas freiere religiöse Grundsätze, namentlich Ralph, dessen Glauben ich erschüttern half, gerade wie bei Collins, wofür auch beide mich büßen ließen. Osborne: war gefühlvoll, aufrichtig, freimütig, gegen Freunde liebreich und offenherzig, aber in litterarischen Dingen zu sehr zum Kritisieren geneigt. Ralph war hochbegabt, scharfsinnig, von feinem Benehmen und außerordentlich beredt. Ich entsinne mich nicht, je einen liebenswürdigern Plauderer gefunden zu haben. Beide liebten die Musen und hatten ihren Hang bereits durch kleinere dichterische Produktionen an den Tag gelegt. Sonntags machten wir gewöhnlich einen reizenden Spaziergang in den Wäldern am Ufer des Schuylkill. Hier lasen wir zusammen und unterhielten uns darauf über das Gelesene.

Ralph fühlte Neigung, sich ganz der Dichtkunst zu widmen, da er hoffte, es in dieser Kunst zu einem hohen Grade der Vollkommenheit zu bringen, ja sogar sich damit ein Vermögen zu erwerben. Die größten Dichter, meinte er, hätten, als sie angefangen zu schreiben, eben so viele Fehler wie er gemacht. Osborne versuchte seine Ansicht durch die Versicherung umzustimmen, daß er kein Talent zum Dichten besitze, und durch den Rat, bei seinen kaufmännischen Geschäften zu bleiben, welche er gelernt hätte; er werde in kaufmännischen Geschäften durch Fleiß und Arbeitsamkeit auch ohne eigenes Vermögen sich zu einer Geschäftsführerstelle empfehlen und dann mit der Zeit auch wohl die Mittel zu einem eigenen Geschäfte erwerben können. Ich billigte es, daß man sich hier und da zum Zeitvertreib und zur Unterhaltung mit Poesie befasse, um sich im schriftlichen Ausdruck zu vervollkommnen, aber nicht weiter.

Hierauf wurde verabredet, bei unserer nächsten Zusammenkunft solle jeder von uns eine eigene freie Schöpfung des Geistes mitbringen, um uns durch unsere wechselseitigen Bemerkungen, Kritiken und Verbesserungen fortzubilden. Da wir nur Stil und Ausdruck im Auge hatten, schlossen wir alle Rücksichtnahme auf Erfindung durch die Verabredung aus, daß unsre Arbeit den achtzehnten Psalm umschreiben solle, in welchem die Herkunft Gottes geschildert wird. Als die Zeit unserer Zusammenkunft näher rückte, besuchte Ralph mich zuerst und sagte mir, daß seine Arbeit fertig sei. Ich erwiderte ihm, ich sei zu beschäftigt und ohne Anregung gewesen und habe noch nichts gethan. Er legte mir nun seine Arbeit zur Beurteilung vor, und ich lobte sie sehr, da sie mir höchst gelungen und verdienstlich erschien. »Je nun,« sagte er, »Osborne wird einer Arbeit von mir niemals das mindeste Verdienst einräumen, sondern aus reinem Neide tausenderlei Ausstellungen machen. Auf dich ist er nicht so eifersüchtig, und ich möchte dich daher bitten, daß du den Aufsatz zu dir nimmst und als den deinigen vorlegst; ich will vorgeben, daß ich nicht Zeit gehabt und daher nichts zustande gebracht habe. Wir werden dann sehen, was er darüber sagen wird.« Ich war damit einverstanden und schrieb den Aufsatz sogleich ab, um ihn in meiner eigenen Handschrift vorlegen zu können.

Wir kamen zusammen. Watsons Arbeit wurde zuerst gelesen. Sie enthielt einige Schönheiten, aber auch manchen Fehler. Dann lasen wir die von Osborne, welche viel besser war. Ralph ließ ihr Gerechtigkeit widerfahren, machte nur einige Ausstellungen, lobte aber ihre Schönheiten. Er selbst hatte nichts vorzuzeigen. Jetzt kam die Reihe an mich. Ich machte einige Schwierigkeiten, ich gab mir das Ansehen, als wünschte ich sehr, entschuldigt zu werden, schützte vor, ich hätte keine Zeit gehabt, um Verbesserungen vorzunehmen u.s.w. Man wollte indes keine Entschuldigung annehmen, und ich mußte meine Arbeit hervorholen. Sie wurde gelesen und wieder gelesen. Watson und Osborne verzichteten sogleich auf die Siegespalme, und vereinigten sich zum Beifall. Ralph allein machte einige Ausstellungen und schlug einzelne Abänderungen vor; ich verteidigte aber meine Abfassung. Osborne war gegen Ralph und sagte ihm, er sei als Kritiker nicht mehr wert denn als Dichter; darauf gab dieser seine Behauptung auf. Als die beiden zusammen nach Hause gegangen waren, sprach sich Osborne noch stärker zum Lobe meiner vermeintlichen Arbeit aus. Er sagte, er habe sich vorher etwas gemäßigt, aus Furcht, ich möchte sein Lob als Schmeichelei auslegen. »Wer hätte aber glauben mögen,« sagte er, »daß Franklin einer solchen Schöpfung fähig sei? Welche Kraft der Darstellung, welches Feuer! Er hat wirklich das Original noch übertroffen. In der gewöhnlichen Unterhaltung scheint er um die Wahl seiner Worte verlegen, er stottert, stammelt, kommt aus dem Zusammenhange; und doch, guter Gott, wie kann er schreiben!« Bei unsrer nächsten Zusammenkunft teilte Ralph dann Osborne mit, welchen Streich wir ihm gespielt hatten, und wurde von uns tüchtig aufgezogen.

Dieser Vorfall bestärkte Ralph in seinem Vorsatz, Dichter zu werden. Ich that mein Möglichstes, um ihm diese Absicht auszureden, aber er schrieb beharrlich Verse, bis ihn endlich die Lektüre von Pope heilte. Wahrscheinlich die Dunciade, wo ihn der Dichter also unsterblich macht:

Schweigt, Wölfe, während Ralph zur Cynthia will heulen
Und Nacht mit Graus erfüllt – antwortet ihm, ihr Eulen!
D. H.
Er wurde indessen doch ein ganz guter Prosaiker. Späterhin werde ich mehr von ihm reden; da ich aber wohl keine Gelegenheit habe, der beiden anderen ferner zu gedenken, so will ich hier gleich bemerken, daß Watson einige Jahre später in meinen Armen verschied; ihm folgte tiefes Bedauern, denn er war der beste in unserm Verein. Osborne ging nach Westindien, wo er sich einen bedeutenden Ruf als Sachwalter und viel Geld erwarb, aber noch jung starb. Wir beide hatten uns ernstlich verabredet, daß, wer zuerst sterbe, aus jener Welt, wenn's möglich, zurückkehren und dem Überlebenden einen freundlichen Besuch abstatten solle, um ihm mitzuteilen, wie es dort aussehe; er hat aber sein Versprechen nie erfüllt.

Der Gouverneur, dem meine Gesellschaft zu gefallen schien, lud mich des öftern in sein Haus und sprach von seiner Absicht, mir eine Stellung zu verschaffen, stets als von einer ausgemachten Sache. Ich sollte Empfehlungsbriefe an eine Menge seiner Freunde mitnehmen, nebst einem Kreditbrief, um die nötige Summe zum Ankauf von Presse, Schriften, Papier u.s.w. zu erheben. Er bestellte mich mehrere Male, um diese Briefe abzuholen, die dann gewiß fertig sein sollten; wenn ich aber kam, beschied er mich allemal auf einen andern Tag. Dieses wiederholte Hinhalten dauerte fort, bis das Schiff, dessen Abfahrt einige Male aufgeschoben war, auf dem Punkte war unter Segel zu gehen. Als ich mich da einstellte, um mich von ihm zu verabschieden und die Briefe in Empfang zu nehmen, kam sein Sekretär Doktor Bard zu mir heraus und sagte, der Gouverneur sei sehr mit Schreiben beschäftigt, werde aber noch vor dem Schiffe in Newcastle sein und nur die Briefe dort einhändigen lassen.

Obschon Ralph verheiratet war und ein Kind hatte, beschloß er doch, mich auf dieser Reise zu begleiten. Sein angeblicher Zweck war die Anknüpfung von Verbindungen mit einigen Handelshäusern, um Waren in Kommission zu verkaufen; später aber erfuhr ich, daß er wegen Mißhelligkeiten mit den Verwandten seiner Frau sich entschlossen hatte, sie deren Sorge zu überlassen, um nie wieder zurückzukehren.

Nachdem ich von meinen Freunden Abschied genommen und mit Miß Read das Versprechen der Treue gewechselt hatte, schied ich von Philadelphia. Bei Newcastle warf das Schiff Anker. Der Gouverneur war schon da, und ich begab mich in seine Wohnung. Als ich aber in seine Wohnung kam, empfing mich der Sekretär mit ausgesuchter Höflichkeit nebst der Botschaft, daß der Gouverneur mich augenblicklich nicht sprechen könne, da er höchst wichtige Geschäfte vorhabe, mir aber die Briefe an Bord senden wolle und von ganzem Herzen eine glückliche Reife und baldige Rückkehr wünsche u.s.w. Einigermaßen erstaunt kehrte ich aufs Schiff zurück, aber immer noch ohne irgend welchen Zweifel zu hegen.

Herr Andrew Hamilton, ein angesehener Rechtsgelehrter aus Philadelphia, hatte für sich und seinen Sohn Plätze zur Überfahrt nach England genommen und zusammen mit dem Kaufmann Denham, einem Quäker, sowie den Herren Onion und Russel, Eigentümer eines Eisenwerks in Maryland, die große Kajüte gemietet, so daß Ralph und ich uns mit einer Koje im Zwischendeck begnügen mußten. Da wir niemandem auf dem Schiffe bekannt waren, so sah man uns für geringe Leute an: aber Herr Hamilton und sein Sohn (James, der später Gouverneur wurde) verließen uns in Newcastle und gingen wieder nach Philadelphia, wohin er für ein sehr namhaftes Honorar zurückgerufen wurde, um die Sache eines mit Beschlag belegten Schiffes zu führen; und gerade in dem Augenblick, wo wir absegeln wollten, kam auch Oberst French an Bord und erwies mir viel Höflichkeiten. Infolge dessen wurden die Passagiere aufmerksamer gegen mich, und ich und mein Freund Ralph wurden von den anderen Herren eingeladen, mit in ihre Kajüte zu kommen, da jetzt Platz sei, und so zogen wir denn auch dahin um.

Als ich erfuhr, daß die Depeschen des Gouverneurs durch den Oberst French an Bord gebracht worden seien, ersuchte ich den Kapitän um die Briefe, welche mir anvertraut werden sollten; er erwiderte mir jedoch, sie seien alle im Felleisen, und er könne jetzt nicht an dieselben kommen; ehe wir aber England erreichten, wolle er mir Gelegenheit geben, sie herauszusuchen. Ich war mit dieser Antwort zufrieden, und wir setzten unsere Reise fort. Die Gesellschaft in der Kajüte war sehr umgänglich, und mit Vorräten waren wir ganz ausreichend versehen, da wir noch den gesamten Proviant des Herrn Hamilton, der sich gut vorgesehen hatte, dazu bekommen hatten. Während der Überfahrt faßte Herr Denham eine Freundschaft für mich, die er mir sein Leben lang bewahrte. Im Übrigen war die Reise keine angenehme, da wir viel schlechtes Wetter hatten.

Als wir in den Kanal einliefen, hielt der Kapitän Wort und erlaubte mir, die Briefe des Gouverneurs im Felleisen zu suchen. Ich fand keinen einzigen, auf dem mein Name direkt oder indirekt genannt gewesen wäre. Ich suchte daher sechs bis sieben heraus, welche ich der Handschrift nach für die versprochenen Briefe hielt, besonders da einer von ihnen an Herrn Basket, den Hofbuchdrucker, und ein anderer an irgend einen Buch- oder Papierhändler adressiert war. Wir langten am 24. Dezember 1724 in London an. Ich suchte den Papierhändler auf, welcher mir zunächst auf dem Wege lag, und übergab ihm das Schreiben als vom Gouverneur Keith. »Ich kenne keine Person dieses Namens,« sagte er, erbrach den Brief und rief: »Ach! der ist ja von Riddlesden; ich habe erst kürzlich entdeckt, daß er ein ausgemachter Schurke ist, und will nichts mit ihm oder seinen Briefen zu thun haben!« Damit gab er mir den Brief wieder in die Hand, drehte sich kurz um und ließ mich stehen, um einige Kunden zu bedienen. Ich war außerordentlich erstaunt, als ich fand, daß diese Briefe nicht vom Gouverneur seien. Nach einiger Überlegung, als ich die Umstände zusammengehalten hatte, stiegen endlich Zweifel an seiner Aufrichtigkeit in mir auf. Ich ging zu meinem Freunde Denham und trug ihm die ganze Sache vor. Er machte mich mit Keith's Charakter bekannt, eröffnete mir, es sei auch nicht im mindesten wahrscheinlich, daß derselbe irgend einen Brief für mich geschrieben habe, versicherte mich, daß niemand, der ihn nur im geringsten kenne, je Vertrauen in ihn setze, und lächelte über meine Leichtgläubigkeit, von dem Herrn Gouverneur, der selbst keinen Kredit besitze, Kreditbriefe erwartet zu haben. Als ich einige Besorgnis wegen dessen äußerte, was ich nun thun sollte, riet er mir, mich um Beschäftigung in meinem Berufe umzuthun. »Sie können sich hier bei den Druckern ausbilden und bei Ihrer Rückkehr nach Amerika sich tüchtig und zu Ihrem Vorteil verändert erweisen.«

Wir wußten beide eben so gut wie der Buchhändler, daß der Anwalt Riddlesden ein Schurke sei. Er hatte den Vater der Miß Read halb zu Grunde gerichtet, indem er ihn zur Bürgschaftsübernahme verleitete. Aus seinem Briefe ging hervor, daß irgend eine geheime Kabale gegen Hamilton (den man als mit uns herüber gekommen annahm) geschmiedet werde, und daß Keith darin mit Riddlesden unter einer Decke stecke. Denham, ein Freund Hamiltons, glaubte, dieser müsse davon unterrichtet werden. In der That machte ich ihm auch kurz nach seiner bald darauf erfolgten Ankunft in England meine Aufwartung und übergab ihm, teils aus Wohlwollen gegen ihn, teils aus Zorn und Erbitterung gegen Keith und Riddlesden, den Brief. Er dankte mir sehr herzlich, da die darin enthaltene Nachricht für ihn von Wichtigkeit war, und schenkte mir von diesem Augenblicke an seine Freundschaft, die mir später bei manchen Gelegenheiten von Nutzen wurde.

Was soll man aber von einem Gouverneur denken, der sich einen so niedrigen Streich erlaubte und einen armen, unerfahrenen Jungen so arg hintergehen konnte? Dies war ihm jedoch zur Gewohnheit geworden. Er wollte sich allgemein beliebt machen, hatte aber nur wenig zu verschenken und war daher desto freigebiger mit Versprechungen. Im Übrigen war er ein ganz begabter und verständiger Mann, ein nicht übler Schriftsteller und ein guter Beamter für das Volk, wenngleich nicht so sehr für die Grundeigentümer, deren Vorstellungen er oft mißachtete. Viele unserer besten Gesetze waren sein Werk und wurden unter seiner Verwaltung erlassen.

Ralph und ich waren unzertrennliche Kameraden. Wir mieteten zusammen eine Wohnung in Little Britain zu drei und einem halben Schilling die Woche. Dies war das höchste was wir anlegen konnten. Er fand einige Verwandte in London, die aber unbemittelt waren und ihm nicht helfen konnten. Jetzt erst erklärte er mir seine Absicht, in London zu bleiben und nicht wieder nach Philadelphia zurückzukehren. Er war ohne alles Geld, da das wenige durch die Bezahlung seiner Überfahrt darauf gegangen war. Ich hatte noch fünfzehn Pistolen, und so borgte er ab und zu von mir, um nur leben zu können, wählend er Beschäftigung suchte. Zuerst wollte er Schauspieler werden, da er Talent für die Bühne zu besitzen glaubte; aber Wilkes, Ein Schauspieler. D. H. an den er sich wandte, riet ihm offen, diesen Plan aufzugeben, da er unmöglich dabei sein Glück machen könne. Dann machte er Roberts, einem Verlagsbuchhändler in Paternoster-Row, den Vorschlag, er wolle ihm ein wöchentliches Blatt in der Art des Spektator schreiben, jedoch unter Bedingungen, die Roberts nicht anstanden. Darauf versuchte er, eine Anstellung als Kopist zu erhalten, und wandte sich an die Advokaten und Buchhändler in der Nähe des Temple, konnte aber ebenfalls keine offene Stelle finden. Ich selbst fand alsbald Beschäftigung bei Palmer, damals einer bedeutenden Buchdruckerei in Bartholomew-Close, wo ich fast ein Jahr lang blieb. Ich war sehr fleißig, verbrauchte aber mit Ralph zusammen beinahe meinen ganzen Verdienst im gemeinsamen Besuch von Schauspielhäusern und anderen Vergnügungsorten. Als wir alle meine Pistolen verzehrt hatten, lebten wir von der Hand in den Mund. Er schien Weib und Kind ganz, ich allmählich mein Versprechen gegen Miß Read vergessen zu haben, der ich nur einen Brief schrieb, und diesen nur, um ihr zu melden, daß ich wohl nicht so bald zurückkehren würde. Das war wieder einer der schlimmen Druckfehler meines Lebens, den ich gern verbessern würde, wenn ich meine Laufbahn nochmals von vorn beginnen könnte. Übrigens war es mir infolge unserer Ausgaben fortwährend unmöglich, meine Überfahrt nachträglich zu bezahlen.

Bei Palmer wurde ich mit dem Setzen der zweiten Auflage von Wollastons »Natürlicher Religion« beschäftigt. Da mir einige seiner Argumente nicht ganz begründet erschienen, schrieb ich eine kleine metaphysische Abhandlung, worin ich Bemerkungen darüber machte, unter dem Titel: »Eine Dissertation über Freiheit und Notwendigkeit, Vergnügen und Schmerz.« Ich widmete diese Schrift meinem Freunde Ralph und druckte eine kleine Anzahl Exemplare. Infolge dessen behandelte Palmer mich mit mehr Auszeichnung und sah in mir einen begabten jungen Mann, obschon er mich ernstlich wegen der in meiner Flugschrift ausgesprochenen Grundsätze ermahnte, welche er für abscheulich hielt. Der Druck derselben war ein weiterer Druckfehler meines Lebens. Erst vor einigen Jahren ist ein Exemplar davon in London entdeckt worden und eine faksimilierte Nachbildung befindet sich im Besitze der New-Yorker Historischen Gesellschaft. D. H. Während ich in Little Britain wohnte, machte ich die Bekanntschaft eines Buchhändlers Namens Wilcox, dessen Laden neben meiner Wohnung war. Er hatte eine reichhaltige Sammlung antiquarischer Bücher, und da es damals noch keine Leihbibliotheken gab, trafen wir eine Übereinkunft, daß ich gegen eine mäßige Entschädigung, deren Betrag ich jetzt vergessen habe, irgendwelche von seinen Büchern aus seinem Lager auswählen, lesen und dann zurückgeben dürfe. Ich sah diese Übereinkunft als einen großen Vorteil an und benutzte sie so viel ich konnte.

Meine Flugschrift war zufällig einem Wundarzt Namens Lyons, Verfasser eines Werkes unter dem Titel: »Die Unfehlbarkeit des menschlichen Urteils,« in die Hände gefallen, und wurde so die Veranlassung gegenseitiger Bekanntschaft. Er hielt große Stücke auf mich, besuchte mich oft, um mit mir sich über derartige Gegenstände zu unterhalten, brachte mich ins Horn ein, ein Bierhaus in Cheapside und führte mich bei Dr. Mandeville, Verfasser der Fabel von den Bienen, der dort einen Klub gestiftet hatte, dessen Seele er bildete, da er ein höchst witziger und unterhaltender Gesellschafter war. Lyons brachte mich auch auf Bathons Kaffeehaus zu Doktor Pemperton, der mir Gelegenheit zur Bekanntschaft mit Sir Isaac Newton versprach, die ich außerordentlich gern wünschte; er hielt aber sein Wort nicht.

Ich hatte einige Seltenheiten aus Amerika mitgebracht, darunter namentlich einen Geldbeutel aus Asbest, welcher sich im Feuer reinigt. Als Sir Hans Sloane davon hörte, suchte er mich auf und lud mich in sein Haus nach Bloomsbury-Square ein, wo er mir all seine Seltenheiten zeigte und mich bewog, dieses Stück gegen anständige Bezahlung seiner Sammlung einzuverleiben.

In unserm Hause wohnte ein junges Frauenzimmer, eine Putzmacherin, die, wenn ich mich recht erinnere, in den Cloisters einen Laden hatte. Lebhaft und empfänglich, mit einer Erziehung über ihrem Stande, war sie sehr angenehm in der Unterhaltung. Da Ralph ihr jeden Abend dramatische Werke vorlas, wurden sie sehr vertraut mit einander; sie mietete eine andere Wohnung, und er folgte ihr. Eine Zeit lang lebten sie mit einander. Ralph aber hatte noch immer keine Beschäftigung, und ihr Einkommen reichte nicht hin, sie beide mit ihrem Kinde zu erhalten. Er beschloß deshalb, London zu verlassen und es mit einer Dorfschule zu versuchen, zu deren Übernahme er sich für ganz befähigt hielt, da er eine schöne Hand schrieb und in der Arithmetik und im Rechnen sehr gewandt war. Da er aber dieses Geschäft unter seiner Würde erachtete und auf künftiges besseres Glück hoffte, wo es ihm dann unliebsam werden könnte, wenn es bekannt würde, daß er einst so armselig beschäftigt gewesen sei, so veränderte er seinen Namen und that mir die Ehre an, den meinigen zu führen; denn bald nach seiner Abreise schrieb er an mich und zeigte mir an, daß er sich in einem Dörfchen (in Berkshire, so viel ich mich erinnere, wo er etwa einem Dutzend Knaben Lesen und Schreiben lehrte, für einen halben Schilling die Woche) niedergelassen habe, indem er Mrs. T. meiner Fürsorge empfahl und den Wunsch aussprach, daß ich ihm schreiben möge unter der Adresse: »Mr. Franklin, Schullehrer in N. N.«

Er schrieb mir oft und schickte mir große Bruchstücke eines epischen Gedichtes, an welchem er arbeitete, und ersuchte mich um meine Bemerkungen und Verbesserungen. Diese ließ ich ihm von Zeit zu Zeit zukommen, bemühte mich aber mehr, ihm von der Fortsetzung abzuraten, Young hatte damals gerade eine seiner Satiren veröffentlicht. Ich schrieb sie ab und übersandte ihm den Teil davon, in welchem der Dichter die Thorheit in ein starkes Licht setzt, sich den Musen in der Hoffnung zu weihen, daß man durch sie in der Welt vorwärts kommen werde. Aber nichts half; jede Post brachte mir neue Blätter seiner Dichtung. Inzwischen hatte seinetwegen Mrs. T. ihre Freunde und ihr Geschäft eingebüßt und war oft in arger Verlegenheit. In solcher Not nahm sie ihre Zuflucht zu mir, und um ihr aus der Verlegenheit zu helfen, lieh ich ihr alles Geld, welches ich erübrigen konnte. Ich war gerne in ihrer Gesellschaft, und da ich damals unter keiner religiösen Zunft stand und auf meine Wichtigkeit für sie pochte, so versuchte ich Vertraulichkeiten (ein weiterer Druckfehler), welche sie mit verdienter Verachtung zurückwies und von denen sie Ralph benachrichtigte. Dies führte zu einem Bruch zwischen uns, und als er wieder nach London zurückkehrte, ließ er mich wissen, er erachte sich durch mein Benehmen aller mir schuldigen Verbindlichkeiten enthoben, woraus ich ersah, daß ich auf eine Rückzahlung des ihm selbst oder auf seine Veranlassung ausgeliehenen Geldes nie rechnen könne. Dies war übrigens jedoch damals von keiner großen Bedeutung, da er ohnehin vollständig zahlungsunfähig war und mir der Verlust seiner Freundschaft gleichzeitig eine Bürde abnahm. Ich war nachgerade nun bedacht, mir einiges Geld zurückzulegen. In Erwartung lohnenderen Verdienstes vertauschte ich die Stelle bei Palmer mit derjenigen in der weit größern Offizin von Watts, nahe bei Lincolns-Inn-Fields, wo ich während der ganzen übrigen Zeit meines Aufenthalts in London hindurch blieb.

Bei meinem ersten Eintritt in diese Druckerei arbeitete ich zuerst an der Presse, da ich mir einbildete, ich fühle das Bedürfnis nach körperlicher Übung, an die ich in Amerika gewöhnt war, wo die Buchdrucker abwechselnd an der Presse und am Setzkasten arbeiten. Ich trank nur Wasser; die übrigen Arbeiter, etwa fünfzig an der Zahl, waren unersättliche Biersäufer. Gelegentlich trug ich in jeder Hand eine große schwere Satzform die Treppe hinauf und herab, während die übrigen zu nur einer beide Hände brauchten. Sie erstaunten, als sie hieran und in anderen Fällen erkannten, daß der amerikanische Wassermann, wie sie mich zu nennen pflegten, stärker als sie war, die doch starkes Bier tranken. Der Aufwärter aus einem Ale-Hause ging immer im Geschäft aus und ein, um unsere Arbeiter zu bedienen. Mein Preßgespann (Mitarbeiter an der Handpresse) trank jeden Tag eine Pinte Bier vor dem Frühstück, eine beim Frühstück zu seinem Brot und Käse, eine zwischen Frühstück und Mittagessen, eine bei Tisch, eine etwa um sechs Uhr Nachmittags und endlich noch eine nach Feierabend. Diese Sitte erschien mir abscheulich, allein mein Kollege meinte, er müsse notwendig starkes Bier trinken, um zur Arbeit stark zu sein. Ich versuchte ihn zu belehren, daß die Körperkraft, welche das Bier gebe, nur im Verhältnis zu den nährenden Teilen der Gerste stehe, welche in dem zu dem Biere genommenen Wasser aufgelöst werde, daß eine weit größere Quantität Mehl in einem Pennybrote enthalten sei, und daß er folglich, wenn er ein solches äße und dazu eine Pinte Wasser tränke, dadurch kräftiger werden würde, als von einer Quart Bier. Er trank jedoch nach wie vor und hatte jeden Sonnabend Abend vier bis fünf Schilling von seinem Wochenverdienst für dieses benebelnde Getränk zu bezahlen – eine Ausgabe, deren ich überhoben war. So halten diese armen Teufel sich immer drunten.

Nach einigen Wochen wünschte Watts mich im Setzersaale zu verwenden, und so verließ ich die Drucker. Die Setzer verlangten von mir nun abermals ein Antrittsgeld von fünf Schillingen zum Vertrinken. Ich hielt dies für eine unbillige Auflage, da ich unten schon einmal bezahlt hatte. Der Prinzipal teilte meine Ansicht und verbot mir die Bezahlung der Summe. Ich verweigerte es zwei oder drei Wochen lang, ward daher wie ein Exkommunizierter angesehen und sah mich zur Zielscheibe einer Menge boshafter Streiche ausersehen, indem man mir bald verschiedene Lettern unter einander mischte, meine Kolumnen falsch ausschoß, meinen Satz einwarf und ähnliches, so oft ich nur einen Augenblick das Zimmer verließ, und all dies dem Gespenst der Offizin zuschrieb, welches angeblich alle nicht regelrecht Aufgenommenen verfolge. So sah ich mich, trotz des Schutzes des Prinzipals, zum Nachgeben und zur abermaligen Zahlung gezwungen und überzeugte mich von der Thorheit, mit denen auf schlechtem Fuß zu stehen, unter welchen man fortwährend leben muß.

Von nun an war ich bei meinen Mitarbeitern gut angeschrieben und erlangte bald einen bedeutenden Einfluß auf sie. Ich schlug einige passende Abänderungen in den Gesetzen der Offizin vor, die ich ohne Widerspruch durchbrachte. Mein Beispiel bewog auch einige, ihr benebelndes Frühstück von Bier, Brot und Käse aufzugeben und sich dafür, wie ich, aus einem benachbarten Hause eine tüchtige Schüssel warmen Hafergrützbrei mit etwas Butter, geröstetem Brote und ein wenig Pfeffer darauf, um den Preis einer Pinte Bier, d.h. für anderthalb Pence, zu verschaffen. Dies war ein bei weitem behaglicheres und wohlfeileres Frühstück, und erhielt ihnen die Köpfe klarer. Die, welche fortfuhren, sich den ganzen Tag mit Bier zu betrinken, verloren oft durch Nichtbezahlen ihren Kredit beim Wirte und mußten dann mich um Bürgschaft bitten, um Bier zu bekommen, wenn ihnen, wie sie zu sagen pflegten, » ihr Licht ausgegangen war«. Daher war ich jeden Sonnabend am Zahltische zugegen, um den Betrag zu empfangen, für welchen ich gutgesagt hatte, der sich gar oft auf dreißig Schilling in der Woche belief. Dieser Umstand, in Verbindung mit dem Rufe, daß ich ein ganz erträglicher » Riggite«, d. h. ein gewandter Spaßmacher sei, erhielt mein Ansehn in unserer Gesellschaft aufrecht. Außerdem hatte ich mich bei meinem Herrn durch meine anhaltende Thätigkeit bei der Arbeit in Achtung gesetzt, indem ich nie den blauen Montag feierte. Meine außerordentliche Schnelligkeit im Setzen verschaffte mir allemal die Werke, welche große Eile hatten und gewöhnlich auch am besten bezahlt werden. So verging mir meine Zeit höchst angenehm.

Da meine Wohnung in Little Britain zu weit von der Druckerei entfernt lag, so mietete ich mir eine andere in Duke-Street, der katholischen Kapelle gerade gegenüber, zwei Treppen hoch nach hinten, in einem Italiener-Magazin. Eine verwitwete Dame hielt das Haus; sie hatte eine Tochter, eine Magd und einen Tagelöhner, der das Lager beaufsichtigte, aber außer dem Hause wohnte. Nachdem sie in dem Hause, wo ich zuletzt wohnte, über meinen Wandel Erkundigungen eingezogen hatte, erklärte sie sich bereit, mich zu demselben Preise aufzunehmen, nämlich für drei und einen halben Schilling wöchentlich, also zu einem wohlfeileren Preise, weil sie, wie sie sagte, von einem Manne als Hausgenossen Schutz erwarte. Sie war eine ziemlich bejahrte Witwe, als Tochter eines Geistlichen im Protestantismus erzogen, von ihrem Gatten aber, dessen Andenken sie innig verehrte, zur katholischen Religion bekehrt. Sie hatte viel unter vornehmen Leuten gelebt, von denen sie eine Menge Anekdoten bis zur Zeit Karls II. hinab zu erzählen wußte. Da sie von der Gicht an den Knieen gelähmt und deshalb ans Zimmer gefesselt war, so bedurfte sie zuweilen Gesellschaft, und die ihrige war für mich so sehr unterhaltend und angenehm, daß ich, so oft sie es wünschte, die Abende gern bei ihr zubrachte. Unser Abendessen bestand nur aus einer halben Sardelle auf einer Schnitte Butterbrot für jeden, und aus einer halben Pinte Ale für uns zusammen, aber ihre Unterhaltung war die Würze. Mein zeitiges Nachhausekommen und die geringen Umstände, welche ich in der Familie verursachte, machten, daß sie mich nicht ziehen lassen wollten. Als ich nun von einer andern Wohnung sprach, welche ich noch näher bei meinem Geschäft zu zwei Schilling wöchentlich gefunden habe, was mir, der ich nun sehr aufs Sparen ausging, keine Kleinigkeit war, so redete sie mir dies aus, indem sie mir selbst zwei Schillinge abließ. Und so wohnte ich denn ferner bei ihr, so lange ich noch in London blieb, für achtzehn Pence die Woche.

In einem Dachstübchen des Hauses lebte in größter Zurückgezogenheit ein altes Fräulein von siebzig Jahren, über welche meine Hauswirtin mir folgende Auskunft gab: Sie war eine Katholikin, schon frühzeitig ins Ausland geschickt und in ein Kloster gesteckt worden, um Nonne zu werden; da aber das Klima ihrer Gesundheit nicht bekam, kehrte sie nach England zurück und gelobte, da es damals dort keine Klöster gab, wenigstens ein so streng klösterliches Leben zu führen, wie es nur unter diesen Umständen möglich wäre. Sie hatte demgemäß über ihr ganzes Vermögen zu milden Zwecken verfügt, behielt für sich nur zwölf Pfund zum Jahresunterhalt, gab sogar von dieser Summe noch einen großen Teil den Armen, lebte nur von Wassergrütze und machte nie Feuer, als um diese zu kochen. Viele Jahre hatte sie in diesem Dachstübchen gelebt, ohne den auf einander folgenden katholischen Bewohnern des Hauses Miete zu bezahlen, da diese ihren Aufenthalt bei ihnen als einen Segen des Himmels betrachteten. Täglich kam ein Priester, um ihre Beichte zu hören. »Ich habe sie wohl gefragt,« sagte meine Hauswirtin, »wie sie bei ihrer Lebensweise so oft einen Beichtiger gebrauchen könne?« worauf sie antwortete: »Ach, es ist unmöglich, sich eitler Gedanken zu erwehren.« Einmal durfte ich sie besuchen. Sie war liebreich und höflich und ihre Unterhaltung sehr angenehm. Ihr Gemach war sauber, hatte aber kein anderes Mobiliar als eine Matratze, einen Tisch mit einem Kruzifix und einem Buch darauf, einen Stuhl, auf den ich mich setzen durfte, und ein Gemälde über dem Kaminsims, welches die heilige Veronica darstellte, wie sie ihr Schweißtuch ausbreitet, auf welchem der wunderbare Abdruck von Christi blutendem Gesicht zu sehen ist, was sie mir sehr ernsthaft erläuterte. Ihre Gesichtsfarbe war bleich, nie aber war sie krank gewesen, was ich hier als einen neuen Beweis dafür anführe, mit was für einem kleinen Einkommen Leben und Gesundheit erhalten werden können.

In Watts Druckerei schloß ich große Freundschaft mit einem begabten jungen Manne Namens Wygate, der, weil seine Eltern in guten Umständen lebten, eine bessere Erziehung erhalten hatte, als die meisten Buchdrucker. Er verstand leidlich Lateinisch, sprach Französisch und liebte die Lektüre. Ich lehrte ihn und einen seiner Freunde schwimmen, indem ich ihn zweimal in den Fluß mitnahm, worauf sie bald tüchtige Schwimmer wurden. Sie machten mich mit einigen Herren vom Lande bekannt, welche zu Wasser nach Chelsea fuhren, um daselbst das Kollege und Don Salteros Seltenheiten zu sehen. Bei der Rückfahrt entkleidete ich mich auf Bitten der Gesellschaft, deren Neugierde Wygate erregt hatte, und sprang in den Fluß. Ich schwamm von dicht bei Chelsea den ganzen Weg bis Blackfriarsbridge und gab unterwegs mehrere Kunststücke von Gewandtheit, sowohl über wie unter dem Wasser zum besten. Dieser Anblick gewährte allen, denen er neu war, viel Erstaunen und Vergnügen.

Ich hatte von Jugend auf großes Vergnügen am Schwimmen gehabt, alle Bewegungen und Stellungen Thevenots studiert und eingeübt, einige von mir selbst erfundene hinzugefügt und ebenso das Anmutige und Behagliche wie das Nützliche angestrebt. Alle diese suchte ich bei dieser Gelegenheit meinen Begleitern zu zeigen und fühlte mich durch deren Bewunderung sehr geschmeichelt; Wygate suchte es mir hierin zuvor zu thun und wurde sowohl deshalb wie wegen der Gleichartigkeit unserer Studien immer anhänglicher an mich. Endlich schlug er mir vor, mit ihm ganz Europa zu bereisen und uns durch Arbeit in unserer Kunst fortzubringen. Ich war sogleich damit einverstanden. Als ich aber mit meinem Freund Mr. Denham davon sprach, mit dem ich oft eine freie Stunde zubrachte, redete er mir den Plan aus und riet mir, nur an meine Rückkehr nach Pennsylvanien zu denken, wie er selbst denn auch sich darum bemühen wolle.

An dieser Stelle muß ich einen Zug von des würdigen Mannes Charakter erzählen. Er hatte früher ein Geschäft in Bristol gehabt, mußte aber fallieren und akkordierte mit seinen Gläubigern, worauf er nach Amerika ging, wo er durch angestrengte Thätigkeit als Kaufmann binnen weniger Jahre ein sehr ansehnliches Vermögen sich erwarb. Er kehrte dann auf demselben Schiffe mit mir nach England zurück, lud alle seine früheren Gläubiger zu einem Gastmahle ein, dankte ihnen bei demselben für ihre bereitwillige Annahme seiner kleinen Vergleichssumme, und als sie eine gewöhnliche Mahlzeit erwarteten, fand jeder unter seinem Gedeck beim Aufheben eine Anweisung auf einen Bankier für den vollen Betrag der noch unbezahlten Schuld nebst Zinsen. Er erzählte mir nun, er sei im Begriff nach Philadelphia zurückzukehren und werde eine große Menge Waren mitnehmen, um dort einen Laden zu eröffnen. Er bot mir an, mich als seinen Gehilfen mitzunehmen, um seine Bücher zu führen, worin er mich unterweisen wolle, seine Briefe zu kopieren und die Aufsicht im Laden zu führen. Er fügte hinzu, er werde, sobald ich mich mit dem kaufmännischen Geschäft vertraut gemacht habe, mir aufhelfen und mich mit einer Ladung Getreide, Mehl u. dgl. nach Westindien schicken, so wie auch mir andere einträgliche Aufträge verschaffen; und wenn ich mich tüchtig bewiese, werde er mir eine angenehme Stellung geben. Der Vorschlag gefiel mir, denn ich war allmählich Londons überdrüssig geworden, gedachte mit Vergnügen der glücklichen Monate, welche ich in Pennsylvanien verlebt hatte, und wünschte dies Land wiederzusehen. Ich nahm daher sogleich die angebotene Stelle mit einem Jahresgehalt von fünfzig Pfund pennsylvanischer Währung an, was zwar weniger war als mein gegenwärtiger Verdienst als Setzer, mir aber bessere Aussichten gewährte.

So nahm ich denn, meiner Ansicht nach auf immer, von der Buchdruckerkunst Abschied. Ich war täglich in meinem neuen Geschäft thätig, indem ich entweder mit Herrn Denham von Haus zu Haus ging, um Waren einzukaufen, oder deren Verpackung überwachte, Aufträge besorgte, die Arbeitsleute zur Eile antrieb u. s. w. Als alles an Bord war, hatte ich noch einige Tage Muße. An einem derselben wurde ich zu meinem Erstaunen zu einem vornehmen Herrn entboten, den ich nur dem Namen nach kannte, einem Sir William Wyndham. Ich machte ihm denn auch meine Aufwartung. Er hatte auf irgend eine Weise von meiner Schwimmleistung zwischen Chelsea und Blackfriars und von dem Unterricht gehört, durch den ich Wygate und einen andern jungen Mann das Schwimmen in wenigen Stunden gelehrt hatte. Er hatte zwei Söhne, die im Begriff standen, auf Reisen zu gehen; er wünschte, daß sie vorher erst schwimmen lernen sollten, und bot mir eine hübsche Belohnung, wenn ich sie unterrichten wollte. Sie waren jedoch noch nicht zur Stadt gekommen, und mein Verweilen war so unsicher, daß ich seinen Vorschlag nicht annehmen konnte; ich hielt es aber infolge dieses Ereignisses für wahrscheinlich, daß, wenn ich in England bleiben und eine Schwimmschule errichten würde, ich mir viel Geld verdienen könnte. Ja dies leuchtete mir so sehr ein, daß ich wohl noch nicht sobald nach Amerika zurückgekehrt wäre, wenn man mir das Anerbieten früher gemacht hätte. Viele Jahre später hatten ich und du ein wichtigeres Geschäft mit einem der Söhne Sir William Wyndhams, damals Lord Egremont, abzumachen, wovon an der geeigneten Stelle Erwähnung gethan werden soll.

So verbrachte ich ungefähr achtzehn Monate in London, während der ich größtenteils emsig in meinem Geschäft gearbeitet und nur wenig für mich ausgegeben hatte, außer für Theaterbesuch und Bücher. Mein Freund Ralph hatte dafür gesorgt, daß ich arm blieb; er schuldete mir ungefähr siebenundzwanzig Pfund, von denen ich annehmen konnte, daß ich sie wohl niemals wieder bekommen würde, – eine große Summe bei meinem geringen Erwerb. Ich liebte ihn aber trotzdem, denn er besaß manche liebenswürdigen Eigenschaften. Ich hatte mein Vermögen keineswegs verbessert; allein ich hatte manche geistvolle Bekanntschaft gemacht und aus deren Umgang Vorteil gezogen; auch hatte ich sehr viel gelesen.

Am 23. Juli 1726 segelten wir von Gravesend ab. In Betreff der Reiseereignisse verweise ich dich auf mein Tagebuch, wo du alle Umstände bis ins einzelne genauer geschildert findest. Vielleicht der wichtigste Teil jenes Tagebuches ist der darin enthaltene »Plan«, den ich mir zur See ausdachte, um mein künftiges Verhalten im Leben darnach zu regeln. Der hier erwähnte »Plan« hat sich später nicht in dem handschriftlichen Tagebuch unter Franklins hinterlassenen Papieren gefunden; von dem Tagebuch existiert eine Abschrift (im Jahrs 1787 zu Reading in Pennsylvanien gemacht), das Original jedoch ist wahrscheinlich verloren gegangen. D. H. Er ist um so merkwürdiger, weil ich ihn in meinen Jünglingsjahren aufstellte und dennoch bis in mein hohes Alter ziemlich genau einhielt.

Am 11. Oktober landeten wir in Philadelphia, wo ich verschiedene Veränderungen vorfand. Keith war nicht mehr Gouverneur, sondern hatte dem Major Gordon Platz machen müssen. Ich begegnete ihm in bürgerlicher Kleidung auf der Straße. Er schien sich bei meinem Anblick etwas zu schämen, ging aber, ohne ein Wort zu sagen, an mir vorüber. Ebenso hätte ich bei einem Zusammentreffen mit Miß Read mich schämen müssen, wenn nicht ihre Freunde nach Lesung meines Briefes ganz mit Recht an meiner Rückkehr verzweifelt und sie überredet hätten, einen Töpfer Namens Rogers zu heiraten, was sie während meiner Abwesenheit auch that. Sie war mit ihm jedoch keineswegs glücklich, trennte sich bald wieder von ihm und wollte nie wieder mit ihm zusammen wohnen, noch seinen Namen führen, weil es hieß, er habe schon eine Frau. Er war ein unwürdiges Subjekt, jedoch ein geschickter Arbeiter, was ihre Verwandten für ihn eingenommen hatte. Er geriet in Schulden und flüchtete im Jahre 1727 oder 1728 nach Westindien, wo er starb. – Keimer hatte ein größeres Haus gemietet, einen reichlich mit Büchern und Schreibmaterialien versehenen Laden errichtet, hatte viele neue Typen und mehrere Arbeiter, worunter jedoch kein einziger guter war, und schien ein ausgedehntes Geschäft zu haben.

Mr. Denham mietete ein Lager in Water-Street, wo wir unsere Waren auslegten. Ich widmete mich sehr eifrig dem Geschäft, machte mich mit dem Rechnungswesen bekannt und wurde in kurzer Zeit ein gewandter Verkäufer. Wir wohnten und aßen zusammen. Er war mir aufrichtig zugethan und handelte an mir wie ein Vater; ich meinerseits liebte und achtete ihn, und so wären wir trefflich mit einander ausgekommen. Da aber, zu Anfang Februar 1727, beim Eintritt in mein zweiundzwanzigstes Jahr, wurden wir beide krank. Mich befiel eine Brustfell-Entzündung, die mich beinahe hingerafft hatte. Ich litt entsetzlich und dachte, alles sei vorbei. Ich war unglücklich, als ich mich etwas erholte, bei dem Gedanken, daß später oder früher ich dasselbe Leiden nochmals durchzumachen haben möchte. Welche Krankheit Mr. Denham hatte, weiß ich nicht mehr, sie war aber sehr langwierig, und zuletzt unterlag er ihr auch. In seinem Testament hinterließ er mir zum Zeichen seiner Freundschaft ein kleines Legat, und so war ich in der weiten Welt mir selber überlassen, da das Warenmagazin dem Testamentsvollstrecker, der mich entließ, unterstellt wurde.

Mein Schwager Holmes, der gerade in Philadelphia anwesend war, riet mir, zu meinem frühern Geschäft zurückzukehren, und Keimer bot mir einen sehr ansehnlichen Gehalt, wenn ich die Leitung seiner Druckerei übernehmen wolle, damit er sich bequemer seinem Ladengeschäft widmen könne. Seine Frau und seine Verwandten in London hatten mir jedoch seinen Charakter als sehr schlimm geschildert; für den Augenblick wollte ich daher nichts mit ihm zu schaffen haben. Ich versuchte als Handlungsdiener unterzukommen; da es mir aber schwer wurde, eine Stelle zu finden, so fühlte ich mich veranlaßt, Keimers Vorschlag doch anzunehmen.

Ich fand in der Druckerei nachbenannte Personen: Hugh Meredith, einen welschen Pennsylvanier, dreißig Jahr alt, für den Landbau erzogen, ehrlich, verständig, von scharfer Beobachtungsgabe und Freude am Lesen, aber dem Trunke ergeben; Stephen Potts, einen eben volljährigen jungen Landmann, zum Ackerbau erzogen, von ungewöhnlichen Naturgaben und vielem Witz und Humor, aber etwas träge. Keimer hatte diese beiden Leute für sehr geringen Lohn zu sich genommen, den er, seinem Versprechen gemäß, jedes Quartal um einen Schilling wöchentlich erhöhen wollte, vorausgesetzt, daß ihre Fortschritte in der Buchdruckerkunst es verdienten. Diese Erhöhung ihres Lohnes war der Köder, durch den er sie gelockt hatte. Meredith arbeitete an der Presse und Potts band Bücher, was sie beide zu lehren Keimer sich anheischig gemacht hatte, obgleich er von einem so wenig als vom andern verstand. – Ferner war da John..., ein wilder Irländer, der gar kein Geschäft gelernt hatte, und dessen vierjährige Dienstzeit Keimer einem Schiffskapitäne abgekauft hatte; auch dieser sollte Drucker werden. Weiter George Webb, ein Oxforder Student, welchen Keimer ebenfalls auf vierjährige Arbeitszeit gekauft hatte, um aus ihm einen Setzer zu machen, wovon später die Rede sein wird. Endlich David Harry, ein Bursche vom Lande, den Keimer als Lehrling angenommen hatte.

Ich bemerkte bald, daß Keimers Absicht, als er mich zu einem so viel höhern Preise, wie er gewöhnlich zu geben pflegte, in seine Dienste nahm, dahin abzielte, daß ich alle diese unwissenden, wohlfeilen Arbeiter und Lehrlinge zustutzen sollte, damit er, wenn sie erst durch mich eingeschult und ihm durch Vertrag gleichsam leibeigen waren, in der Lage sei, ohne mich fertig zu werden. Ich machte mich jedoch trotzdem unverdrossen an die Arbeit, brachte die Druckerei, die in der ärgsten Verwirrung war, in Ordnung und gelangte mit seinen Leuten nach und nach so weit, daß sie auf ihre Arbeit achteten und sie besser ausführten.

Es war eine seltsame Erscheinung, einen Oxforder Studenten in der Lage eines gekauften Dieners zu finden. Er war erst achtzehn Jahre alt und gab mir nachstehende Auskunft über seine Verhältnisse: Er war in Gloucester geboren, in einer lateinischen Schule dort erzogen, und hatte sich unter seinen Mitschülern durch eine auffallende Überlegenheit in der Wiedergabe seiner Rollen ausgezeichnet, wenn sie Theaterstücke aufführten. Er hatte dem dortigen »Witzklub« angehört, und mehrere Arbeiten von seiner Hand, in Poesie wie in Prosa, waren in Gloucesterschen Zeitungen gedruckt erschienen. Von da wurde er nach Oxford geschickt, wo er ungefähr ein Jahr blieb; aber er war nicht zufrieden und wollte vor allem London sehen und Schauspieler werden. Endlich, als er einmal sein vierteljährliches Kostgeld von fünfzehn Guineen erhielt, machte er sich, anstatt seine Schulden zu bezahlen, mit dieser Summe von Oxford auf, versteckte seinen Chorrock in einem Ginsterbusch und wanderte zu Fuß nach London. Hier, wo er keinen Freund und Ratgeber hatte, geriet er in schlechte Gesellschaft, vergeudete seine fünfzehn Guineen bald, konnte keinen Zutritt bei Schauspielern finden, sank immer tiefer, versetzte seine Kleider und hatte schließlich nicht einmal mehr Brot. Als er so, vor Hunger fast umkommend, durch die Straßen ging und nicht wußte, was er mit sich anfangen solle, wurde ihm eine Werbeaufforderung in die Hand gegeben, welche einem jeden sofortige Lösung und ein Handgeld versprach, wenn er sich verpflichte, in Amerika zu dienen. Er begab sich alsbald in das Werbehaus, unterzeichnete den Vertrag, wurde an Bord eines Schiffes gebracht und nach Amerika geschickt, ohne daß er seinen Eltern je eine einzige Zeile über sein Schicksal geschrieben hätte. Sein lebendiger Geist, sein Witz und seine natürliche Gutmütigkeit machten ihn zu einem angenehmen Gesellschafter; aber er war träge, gedankenlos und außerordentlich leichtsinnig.

John, der Irländer, lief bald davon. Mit den Übrigen lebte ich auf sehr angenehmem Fuße, denn sie achteten mich um so mehr, da sie merkten, daß Keimer durchaus außerstande sei, sie zu belehren, während sie von mir täglich etwas lernten. Am Sonnabend, Keimers Sabbath, arbeiteten wir nie, so daß ich zwei Tage in der Woche zum Lesen hatte. Ich erweiterte meine Bekanntschaft mit begabten und gebildeten Einwohnern der Stadt. Keimer selbst behandelte mich mit vieler Höflichkeit und anscheinender Achtung, und nichts quälte mich außer meiner Schuld an Vernon, den ich nicht bezahlen konnte, da ich seither zu wenig sparsam gewesen war. Er war indes so gütig, das Geld nicht von mir einzufordern.

In unserer Druckerei mangelte es öfters an der gehörigen Anzahl Lettern; in Amerika aber gab es keine Schriftgießerei. In James' Hause in London hatte ich zwar das Verfahren gesehen, damals aber wenig darauf geachtet. Indessen versuchte ich mir eine Gießform zu machen, bediente mich unserer Lettern als Patrizen, machte mir davon bleierne Matrizen und ergänzte so auf ziemlich genügende Weise alle unsere Defekte. Ebenso gravierte ich gelegentlich verschiedene Ornamente, bereitete Druckerschwärze, versah den Laden und war mit einem Worte das Faktotum.

Allein so nützlich ich mich auch machte, so wurden doch, wie ich wohl merkte, meine Dienste von Tag zu Tag minder wichtig, je mehr die übrigen Arbeiter an Geschicklichkeit zunahmen. Als Keimer mir das zweite Quartalsgehalt auszahlte, gab er mir zu verstehen, daß dasselbe viel zu hoch sei, und ich, wie er denke, etwas ablassen könne. Allmählich wurde er weniger höflich, kehrte mehr den Prinzipal heraus, fand manches zu tadeln, war schwer zufrieden zu stellen und schien es auf einen Bruch mit mir abzusehen. Trotzdem ertrug ich alles mit Geduld, indem ich merkte, daß seine üble Laune zum Teil von seinen Geschäftsverlegenheiten herrühre. Endlich zerriß ein geringfügiger Umstand unsere Verbindung. Einst hörte ich nämlich einen Lärm in der Nachbarschaft und sah zum Fenster hinaus, was vorgehe. Keimer war auf der Straße, bemerkte mich und rief mir laut und ärgerlich zu, ich solle an meine Arbeit gehen, und fügte noch einige rügende Worte bei, die mich wegen ihrer Öffentlichkeit um so mehr verdrossen, als die Nachbarn, welche derselbe Lärm ans Fenster gezogen hatte, Zeugen derart waren, wie er mich behandelte. Gleich darauf kam er in die Druckerei und setzte hier sein Schelten gegen mich fort. Der Streit wurde auf beiden Seiten heftig. Er teilte mir dann mit, daß ich ihn nach Ablauf dreier Monate, unserem verabredeten Kündigungstermine, verlassen möge, und bedauerte, daß er mich noch so lange behalten müsse. Ich erwiderte ihm, sein Bedauern sei ganz überflüssig, da ich bereit sei, ihn im Augenblick zu verlassen. Damit nahm ich meinen Hut und ging zum Hause hinaus, indem ich Meredith, den ich unten traf, bat, auf einige Sachen, welche ich daließ, Acht zu geben und sie nach meiner Wohnung zu bringen.

Meredith besuchte mich demgemäß am Abend, und wir besprachen uns über meine Angelegenheit. Er hatte eine hohe Meinung von mir und bedauerte ungemein, daß ich das Haus verlasse, so lange er noch dort bleibe. Er widerriet mir die Rückkehr in meine Heimat, an welche ich dachte, erinnerte mich daran, daß Keimer noch sein ganzes Geschäft schuldig sei und seine Gläubiger nachgerade unruhig würden, daß er seinen Laden in einem jämmerlichen Zustande lasse, oft Sachen zum Fabrikpreis verkaufe, um nur baares Geld zu erhalten, und fortwährend kreditiere, ohne Buch zu führen, daß er folglich über kurz oder lang umwerfen müsse, und daß somit eine Stelle frei werden würde, woraus ich Vorteil ziehen könnte. Ich wandte ihm meine Mittellosigkeit ein, worauf er mir einen Wink gab, daß sein Vater viel auf mich hielte und in einer zwischen ihnen beiden vorgefallenen Unterhaltung die Andeutung gemacht habe, er würde die ganze zu unserer Einrichtung nötige Summe vorschießen, wenn ich sein Teilhaber werden wolle. »Meine Zeit bei Keimer«, schloß er, »läuft im nächsten Frühjahr ab. Bis dahin können wir Presse und Lettern aus London kommen lassen. Ich weiß, daß ich kein Arbeiter bin; wenn Sie aber wollen, so soll Ihre Geschäftskunde durch das Kapital, welches ich liefere, aufgewogen werden, und den Gewinn teilen wir zu gleichen Hälften.«

Sein Vorschlag war annehmbar, und ich schlug ein. Sein Vater war gerade in der Stadt anwesend und gab seine Zustimmung um so mehr, als er sah, daß ich bedeutende Gewalt über seinen Sohn habe, da ich ihn sogar dahin gebracht hatte, sich eine lange Zeit des Branntweintrinkens zu enthalten, und so hoffte er, daß wenn ich in engerem Verhältnis zu ihm stünde, ich ihn ganz von dieser schlechten Gewohnheit heilen werde.

Ich gab dem Vater ein Verzeichnis dessen, was aus London bezogen werden mußte. Er nahm es mit zu einem Kaufmanne, und die Bestellung wurde gemacht. Wir kamen überein, die Sache bis zur Ankunft der Schriften geheim zu halten, und ich suchte inzwischen mir womöglich Arbeit in einer andern Druckerei zu verschaffen; aber es war keine Stelle frei, und so ging ich müßig. Nach einigen Tagen aber schickte Keimer, der Aussicht auf den Druck einer Partie Banknoten für New-Jersey hatte, zu denen Typen und Kupfertafeln nötig waren, die nur ich fertigen konnte, nach mir, und aus Furcht, Bradford möchte mich engagieren und ihm diese Arbeit wegnehmen, ließ er mir sehr höflich sagen: alte Freunde müßten sich nicht wegen weniger, in der augenblicklichen Hitze gesprochener Worte veruneinigen, und forderte mich auf, wieder zu ihm zu kommen. Meredith überredete mich, der Einladung Folge zu leisten, da er namentlich auf diese Weise mehr Gelegenheit haben würde, sich durch meine tägliche Unterweisung in der Kunst zu vervollkommnen. So trat ich wieder bei Keimer ein, und wir lebten in besserem Vernehmen wie vor unserer Trennung. Er erhielt die Arbeit für New-Jersey, und um sie zu liefern, baute ich nun eine Kupferdruckpresse, die erste im Lande. Ich stach mehrere Verzierungen und Vignetten zu den Noten, und wir begaben uns zusammen nach Burlington, wo ich das Ganze zu allgemeiner Zufriedenheit ausführte und er eine Summe Geldes für die Arbeit empfing, welche ihn in Stand setzte, seinen Kopf noch geraume Zeit über Wasser zu halten.

Zu Burlington wurde ich mit den vornehmsten Personen der Provinz bekannt, von denen einige im Auftrage der gesetzgebenden Versammlung bei dem Druck aufzupassen hatten, daß nur die gesetzliche Zahl Noten gedruckt würde. Demzufolge befanden sie sich immer abwechselnd um uns, und wen gerade die Reihe traf, der brachte meist einen, auch zwei Freunde zur Gesellschaft mit. Mein Geist war durch Lektüre mehr ausgebildet wie derjenige Keimers, und wahrscheinlich aus diesem Grunde legten sie größeren Wert auf meine Unterhaltung. Sie nahmen mich mit nach Hause, führten mich bei ihren Freunden ein und behandelten mich mit höchster Artigkeit, während Keimer, trotz seiner Prinzipalschaft, sich etwas vernachlässigt sah. Er war in der That ein seltsamer Kunde, unbekannt mit dem gewöhnlichen Brauch des Lebens, geneigt, allgemein angenommenen Ansichten heftig zu widersprechen, schäbig bis zur äußersten Schmutzigkeit, in einigen Punkten der Religion Enthusiast, schlampig, und dabei ein etwas schuftiger Patron.

Wir blieben hier fast drei Monate, und nach Ablauf dieser Zeit standen auf dem Verzeichnisse meiner Freunde: der Richter Samuel Bustill, der Sekretär der Provinz, Isaac Pearson, Joseph Cooper, mehrere Smiths, sämtlich Mitglieder der Assembly, und Isaac Decow, Generalvermesser. Letzterer war ein scharfsichtiger, schlauer alter Mann; er erzählte mir, daß er in seiner Jugend, auf sich allein angewiesen, damit begonnen habe, den Ziegelbrennern Lehm zuzutragen, daß er erst im schon vorgerückten Alter schreiben gelernt, dann später Meßketten getragen bei einem Feldmesser, der ihn seine Kunst lehrte, worauf er durch Fleiß sich ein ansehnliches Vermögen erworben habe. »Ich sehe es voraus,« sagte er eines Tages, »daß Sie in kurzem diesen Mann (er meinte Keimer) überflügeln und sich in Ihrem eigenen Geschäfte Geld in Philadelphia verdienen werden.« Er wußte damals noch nichts von meinem Plane, mich dort oder sonstwo niederzulassen. Diese Freunde erwiesen sich mir in der Folge sehr gefällig, wie auch ich es gelegentlich gegen einige von ihnen that, und ohne Unterbrechung schenkten sie mir von da an ihre Achtung, so lange sie lebten.

Bevor ich auf meinen Eintritt in das öffentliche Geschäftsleben näher eingehe, möchte es passend sein, dir meinen damaligen Seelenzustand in Bezug auf sittliche Grundsätze zu schildern, damit du den Grad von Einfluß erkennen magst, welchen sie auf die nachfolgenden Ereignisse meines Lebens äußerten. Meine Eltern hatten mir frühzeitig religiöse Eindrücke beigebracht und mir von Jugend auf eine fromme Erziehung in den Grundsätzen der Lehre Calvins gegeben. Kaum aber war ich fünfzehn Jahre alt, als ich, nach vorangehenden Zweifeln bald an diesem bald an jenem Grundsatze, den ich gerade in den verschiedenen von mir gelesenen Büchern bekämpft fand, an der Offenbarung selbst zu zweifeln begann. Es fielen mir einige Bände gegen den Deismus in die Hände, welche den wesentlichen Teil der bei den geistlichen Vorträgen Boyle's gehaltenen Predigten enthalten sollten. Zufällig brachten sie aber bei mir gerade die entgegengesetzte Wirkung von dem, was die Verfasser beabsichtigten, hervor; denn die Beweisgründe der Deisten, welche darin zum Zweck der Widerlegung citiert waren, erschienen mir bei weitem gewichtiger, als eben die Widerlegung selbst. Mit einem Worte: ich wurde bald ein vollkommener Deist. Meine Gründe bekehrten noch manchen andern, namentlich Collins und Ralph; da sie aber beide, ohne die geringste Reue, mir großes Unrecht gethan hatten, und da ich an Keiths, eines anderen Freidenkers, Benehmen, sowie an mein eigenes Verfahren gegen Vernon und Miß Read, welches mich oft sehr quälte, dachte, so geriet ich auf die Vermutung, daß wenn diese Lehre auch wahr sein möchte, sie doch nicht sehr von Nutzen sei. Meine Londoner Flugschrift vom Jahre 1725, welcher als Motto die nachstehenden Zeilen Drydens vorstanden:

Was ist, ist auch recht; obschon der kurzsichtige Mensch
Nur einen Teil der Kette schauet: das nächste Glied
Sein Auge nicht hinauf zum Wagebalken reichet,
Der über ihm wägt alles,

und welche aus den Eigenschaften Gottes, seiner unendlichen Weisheit, Güte und Macht schloß, daß es kein sogenanntes Übel in der Welt geben könne, und daß Tugend und Laster nur leere Unterscheidungen seien, und es gar keine solchen Dinge gebe, – erschien mir nun nicht mehr als eine so geschickte Leistung wie früher, und ich war im Zweifel, ob sich nicht unmerklich ein Irrtum in mein Argument eingeschlichen habe, welcher alles darauf Folgende angesteckt habe, wie das wohl bei metaphysischen Erörterungen der Fall ist.

Ich überzeugte mich endlich, daß Wahrheit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit im Verkehr zwischen Mensch und Mensch von höchster Wichtigkeit für unser Lebensglück seien, und entschloß mich von jenem Augenblick an und schrieb auch den Entschluß in mein Tagebuch, sie mein Leben lang zu üben. Die Offenbarung als solche hatte jedoch in der That kein Gewicht bei mir, sondern ich war der Meinung, daß, obschon gewisse Handlungen nicht schlecht, bloß weil die offenbarte Lehre sie verbietet, oder gut deshalb seien, weil sie selbige vorschreibt, doch – in Anbetracht aller Umstände – jene Handlungen uns wahrscheinlich nur, weil sie ihrer Natur nach schlecht sind, verboten, oder weil sie wohlthätig sind, uns anbefohlen worden seien. Diese Überzeugung nebst der göttlichen Vorsehung, oder einem schützenden Engel, oder vielleicht auch dem Zusammentreffen günstiger Lagen und Umstände, oder alle diese mit einander bewahrten mich während jener gefährlichen Jugendzeit, wo ich bisweilen in gewagten Lagen unter Fremden und dem Auge und Rate meines Vaters entrückt war, vor jeder Unsittlichkeit, jeder groben absichtlichen Ungerechtigkeit, welche bei meinem Mangel an Religion von mir zu erwarten gewesen wären. Ich betonte das Wort »absichtlich«, weil die von mir angeführten Beispiele oft etwas Zwingendes an sich hatten, infolge meiner Jugend und Unerfahrenheit sowie der Schurkerei anderer. Ich hatte daher beim Beginn meiner Laufbahn schon einen leidlichen Charakter, schätzte diesen wie er es verdiente und suchte ihn mir zu bewahren.

Ich war noch nicht lange wieder nach Philadelphia zurückgekehrt, als unsere Druckereieinrichtung von London ankam. Wir rechneten mit Keimer ab und verließen ihn mit seiner Zustimmung, ehe er noch etwas davon erfahren hatte. Wir fanden ein Haus in der Nähe des Marktes, welches zu vermieten war, und nahmen es. Um uns den Mietzins zu erleichtern, der damals vierundzwanzig Pfund fürs Jahr betrug (später stieg er, wie ich erfuhr, sogar auf siebzig), nahmen wir Thomas Godfrey, einen Glaser, mit seiner Familie mit hinein, der einen ansehnlichen Teil an unserem Mietzins bezahlte und bei dem wir unsere Kost nahmen. Wir hatten kaum unsere Schriften ausgepackt und die Presse aufgestellt, als ein Bekannter von mir, George House, uns einen Landsmann zuführte, den er auf der Straße getroffen hatte, wie er sich nach einem Buchdrucker erkundigte. Unser Geld war durch die Menge von Gegenständen, welche wir uns hatten anschaffen müssen, fast erschöpft, und die fünf Schillinge, welche wir von dem Landsmanns einnahmen – die erste Frucht unseres Verdienstes, die so rechtzeitig kam – machten mir mehr Freude, denn irgend eine andere größere Summe, welche ich seitdem einnahm. Die Erinnerung und der Dank gegen House machten mich oft geneigter, als ich es wohl sonst gewesen wäre, junge Anfänger in ihrem Geschäfte aufzumuntern.

In jedem Lande finden sich Unglückspropheten, welche beständig den Ruin desselben voraussehen. Ein solcher lebte auch in Philadelphia – ein angesehener älterer Mann von sehr weisem Aussehen und sehr ernster Sprechweise, Namens Samuel Mickle. Dieser Herr nun, den ich gar nicht kannte, hielt eines Tages vor meiner Thür und fragte mich, ob ich der junge Mann sei, der kürzlich eine Druckerei eröffnet habe. Auf mein Bejahen sagte er: er bedauere mich, da es ein kostspieliges Unternehmen sei und das hineingesteckte Geld verloren gehen werde, denn Philadelphia sei bereits dem Untergange nahe, alle Leute schon halb bankerott oder wenigstens nicht mehr weit davon; alle Anzeichen vom Gegenteil, z. B. die Neubauten und die steigenden Mietpreise, seien nach seinem besten Wissen und Gewissen trügerisch, denn sie würden, nebst anderen Dingen, zumeist zu unserem Ruin beitragen. Dabei erzählte er mir eine solche Reihe von wirklichen und gegenwärtigen oder doch demnächst zu befürchtenden Unfällen, daß er mich halb schwermütig machte. Hätte ich diesen Mann gekannt, ehe ich mein Geschäft anfing, so würde ich es wahrscheinlich nie errichtet haben. Indes blieb er doch in dieser Stadt des Verfalls, setzte seine alten Predigten fort und weigerte sich lange Jahre ein Haus zu kaufen, weil alles dem Verderben entgegen eile; endlich mußte er aber zu meiner Genugthuung ein Haus fünfmal teurer bezahlen, als er es in der früheren Zeit, wo er zuerst seine Jeremiaden anstimmte, hätte kaufen können.

Ich hätte zuvor erwähnen sollen, daß ich im Herbste des vorhergehenden Jahres die meisten meiner gebildeten Bekannten zu einem Klub unter dem Namen »Junto« vereinigt hatte, dessen Zweck Erweiterung unserer Kenntnisse war. Wir kamen jeden Freitag Abend zusammen. Nach den von mir verfaßten Statuten mußte jedes Mitglied der Reihe nach einen oder mehrere Sätze über irgend einen Punkt der Moral, Politik oder Naturwissenschaften, aufstellen, welche dann von der Gesellschaft erörtert wurden, und alle drei Monate einen selbstverfaßten Vortrag über einen beliebigen Gegenstand halten. Die Debatten fanden unter der Leitung eines Vorsitzenden statt und wurden allein durch den aufrichtigen Wunsch nach Wahrheit, ohne Freude am Streit oder Erpichtheit auf den Sieg geleitet. Um jede Erhitzung zu verhüten, waren alle Ausdrücke hartnäckigen Festhaltens an Meinungen und direkten Widersprechens nach einiger Zeit für unpassend erklärt und bei kleinen Geldstrafen untersagt.

Die ersten Mitglieder des Klubs waren Josef Breintnal, ein Urkundenabschreiber für Notare, ein wackerer, freundlicher Mann in mittleren Jahren, großer Verehrer der Dichtkunst und Lektüre, der alles las, was ihm unter die Hände kam, eine ziemlich gewandte Feder führte, in Scherz, Witz und kleinen Spielereien viel Anstelligkeit und Erfindungsgabe zeigte und eine sehr anregende Unterhaltung zu führen wußte.

Thomas Godfrey, der von selbst Mathematik gelernt und es darin sehr weit gebracht hatte, später Erfinder des jetzt sogenannten Hadleyschen Quadranten; außer in seinem Fache wußte er indes wenig und war kein angenehmer Gesellschafter, da er, wie die meisten großen Mathematiker, welche ich kennen lernte, eine kleinliche Genauigkeit in allen Ausdrücken verlangte, immer widersprach oder zum Ruin aller Geselligkeit auf unbedeutenden Unterscheidungen herumritt. Er schied auch bald von uns.

Nicolas Scull, ein Feldmesser, der später Generalfeldmesser wurde. Er las außerordentlich gern und machte zuweilen auch einige Verse.

William Parsons, ein gelernter Schuster, welcher aber, mit vielem Sinne für Lektüre begabt, bald eine gründliche Kenntnis in der Mathematik erlangte, die er anfangs zum Zwecke der Astrologie betrieben hatte, worüber er aber später selbst lachte. Auch er wurde Generalfeldmesser. William Maugridge, ein Tischler, Meister in seinem Fach, überhaupt ein ehrenhafter und verständiger Mann. Hugh Meredith, Stephen Potts und George Webb, von denen ich bereits sprach. Robert Grace, ein junger reicher Mann, hochsinnig, lebhaft und witzig, ein großer Freund von Epigrammen, aber ein noch größerer seiner Freunde.

Zu guterletzt William Coleman, damals Handlungsdiener, ungefähr in meinem Alter, mit dem besonnensten klarsten Kopfe, dem besten Herzen und der gewissenhaftesten Sittlichkeit unter beinahe allen Menschen, denen ich jemals begegnete. Er wurde später ein sehr angesehener Kaufmann und einer unserer Provinzialrichter. Unsere Freundschaft dauerte ohne Unterbrechung länger als vierzig Jahre bis an seinen Tod, und fast eben so lange währte der Klub. Dieser war sicherlich die beste Schule für Philosophie, Moral und Politik, welche damals in der Provinz existierte; denn unsere Sätze wurden immer eine Woche, bevor wir sie besprachen, vorgelesen, und so fanden wir Veranlassung, aufmerksam Bücher über den fraglichen Gegenstand durchzunehmen, um desto umfassender darüber verhandeln zu können. Dadurch gewöhnten wir uns an eine passende Redeweise, indem jeder Gegenstand unseren Statuten gemäß und in einer Art besprochen wurde, die jeden gegenseitigen Verdruß verhütete. Diesem Umstande kann man das lange Bestehen des Klubs zuschreiben, dessen ich im Verlaufe noch häufiger werde gedenken müssen.

Ich erwähnte jedoch seiner gerade hier, da er eine Ursache war, welche den Fortgang meines Geschäfts außerordentlich förderte, indem jedes Mitglied sich bemühte, uns Arbeit zuzuwenden. Breintnal verschaffte uns unter anderem von den Quäkern den Druck von vierzig Bogen ihrer Geschichte, während Keimer den Rest liefern sollte. Dies war eine ausnehmend harte Arbeit, denn der Druckpreis war gering. Es war ein Folio, im Propatria-Format, der Satz aus grober Ciceroschrift mit Anmerkungen aus Korpusschrift. Ich setzte täglich einen Bogen, und Meredith druckte ihn. Oft ward es elf Uhr Abends, ja noch später, ehe ich mit Ablegen für den Satz des folgenden Tages fertig ward: denn die kleinen Accidenzarbeiten, welche unsere Freunde uns gelegentlich zukommen ließen, hielten uns bei diesem Werke auf. Ich war aber so fest entschlossen, täglich einen Bogen zu setzen, daß, als eines Abends, nachdem ich meine Formen ausgeschlossen hatte und mein Tagewerk für beendet hielt, eine der Formen durch einen Unfall ganz zusammenfiel und zu sogenannten Zwiebelfischen wurde, ich sofort ablegte und die beiden Folioseiten vor Schlafengehen noch einmal setzte. Dieser Fleiß, den unsere Nachbarn bemerkten, verschaffte uns bald Ruf und Kredit; namentlich erfuhr ich, daß unsere neue Druckerei in einem Klub von Kaufleuten, der jeden Abend zusammenkam, Gegenstand der Unterhaltung gewesen, und allgemein die Ansicht geäußert worden sei, daß sie keinen Fortgang haben würde, da schon zwei Druckereien, die von Keimer und Bradford in der Stadt seien, worauf Doktor Baird, den ich und du viele Jahre später in seinem Geburtsorte, St. Andrews in Schottland, sahen, seine entgegengesetzte Meinung dahin geäußert: »Der Fleiß dieses Franklin übersteigt alles, was ich je in der Art gesehen habe. Ich sehe ihn oft noch bei der Arbeit, wenn ich Nachts aus dem Klub komme, und Morgens früh ist er schon längst wieder am Geschäft, ehe seine Nachbarn aus dem Bette steigen.« Dies überraschte die anderen, und wir erhielten bald darauf von einem Mitglied jenes Klubs das Anerbieten, uns Schreibmaterialien auf Kredit zu liefern. Wir hielten aber damals die Zeit für Eröffnung eines Ladens noch nicht für gekommen.

Ich erwähne dieses Fleißes um so nachdrücklicher und freimütiger, obschon ich dabei in den Verdacht des Eigenlobs kommen könnte, damit diejenigen meiner Nachkommen, welche meine Aufzeichnungen lesen, den Wert dieser Tugend erkennen, wenn sie deren günstige Folgen für mich durch meine ganze Erzählung verfolgen können.

George Webb, der eine Freundin gefunden hatte, welche ihm das nötige Geld vorstreckte, um sich von Keimer loszukaufen, kam eines Tages zu uns und bot sich uns als Arbeiter an. Augenblicklich konnten wir ihn nicht gebrauchen; aber thörichterweise teilte ich ihm im Vertrauen mit, daß ich eine Zeitung zu unternehmen beabsichtigte und wir dann ihn beschäftigen könnten. Meine Hoffnungen auf Erfolg gründeten sich, wie ich ihm darlegte, auf den Umstand, daß das einzige damals in Philadelphia erscheinende und von Bradford gedruckte Blatt ein elender, erbärmlich redigierter, in keiner Weise unterhaltender Wisch war, aber dennoch sehr einträglich für ihn, woraus ich schloß, daß es einer guten Zeitung nicht an ermutigendem Erfolg fehlen werde. Ich hatte Webb um Verschwiegenheit gebeten, aber er verriet mein Geheimnis an Keimer, der, um mir zuvorzukommen, sofort den Prospektus zu einem von ihm selbst herauszugebenden Blatte bekannt machte, an welchem auch Webb mitarbeiten sollte. Ich wurde erbost über dieses Verfahren, und in der Absicht, ihm entgegen zu arbeiten, da ich in dem Augenblick mein Blatt noch nicht beginnen konnte, schrieb ich einige humoristische Aufsätze für Bradford's Zeitschrift, unter dem Titel » Busy Body« (Neuigkeitskrämer), die Breintnal mehrere Monate hindurch fortsetzte. Eine handschriftliche Randbemerkung in dem Exemplar » American Mercury«, auf der Bibliothek zu Philadelphia, besagt, daß Franklin die fünf ersten Nummern und den Anfang der achten schrieb. D. H. Dadurch lenkte ich die Aufmerksamkeit des Publikums auf Bradfords Blatt, und Keimers Prospekt, den wir lächerlich machten, fand keine Berücksichtigung. Dennoch fing er sein Blatt an, bot es mir aber, nachdem er sich dreiviertel Jahr mit kaum neunzig Abnehmern hingeschleppt hatte, endlich für eine Kleinigkeit zum Kauf an. Ich war auf einen solchen Antrag schon längst vorbereitet, ging also gleich darauf ein, und in wenigen Jahren zog ich großen Vorteil davon. Diese Zeitung hieß »Der allgemeine Unterrichter in allen Künsten und Wissenschaften und Philadelphia-Zeitung«. Keimer druckte seine letzte Nummer (Nr. 39) am 25. Sept. 1729. D. H.

Ich bemerke, daß ich vorherrschend in der ersten Person rede, obschon unsere Societät fortbestand. Vielleicht liegt der Grund darin, daß eigentlich das ganze Geschäft auf mir ruhte. Meredith war kein Setzer, nur ein mittelmäßiger Drucker und selten nüchtern. Meine Freunde bedauerten meine Verbindung mit ihm; ich suchte aber der Sache die bestmöglichste Seite abzugewinnen.

Unsere ersten Nummern zeichneten sich vor jeder andern älteren Zeitung der Provinz durch bessere Schrift und bessern Druck aus; vor allem aber überraschten einige kecke und witzige Bemerkungen aus meiner Feder über den damaligen Streit zwischen dem Gouverneur Burnet und der Assembly von Massachusetts die angesehensten Leute, machten Blatt und Herausgeber zu ihrem Gesprächsstoff und führten sie uns alle nach einigen Wochen als Abonnenten zu. Andere folgten ihrem Bespiele, und unsere Subskribentenzahl wuchs beständig. Dies war eine der ersten nützlichen Folgen der Mühe, welche ich mir gegeben hatte, meine Gedanken zu Papier bringen zu lernen; weiter zog ich den Vorteil daraus, daß, als die leitenden Männer der Stadt eine Zeitung nun in den Händen eines ziemlich federgewandten Mannes sahen, sie es für passend erachteten, mich zu fördern und zu ermuntern. Bradford druckte noch immer die Wahlzettel, Beschlüsse, Gesetze, Verordnungen und andere öffentliche Arbeiten. Eine Adresse der Assembly an den Gouverneur war von ihm ganz erbärmlich und unkorrekt gedruckt worden; wir druckten sie sofort sauber und korrekt nach und übersandten jedem Mitgliede einen Abzug. Der Unterschied wurde bemerkt und dadurch der Einfluß unserer Freunde in der Assembly so verstärkt, daß wir für das nächste Jahr zu deren Buchdruckern ernannt wurden.

Unter diesen Freunden muß ich namentlich des von mir schon erwähnten Mr. Hamilton gedenken, der damals von England zurückgekehrt und in die Assembly gewählt worden war. Er legte bei dieser Gelegenheit ein warmes Interesse für mich an den Tag, wie er es auch später häufig that, und setzte sein Wohlwollen für mich bis an seinen Tod fort.

Um diese Zeit erinnerte mich Herr Vernon an die Summe, welche ich ihm schuldete, ohne mich indes gerade zu drängen. Ich schrieb ihm nun einen artigen Brief, worin ich ihn noch um einigen Aufschub bat, den er mir auch gewährte; und sobald ich nur imstande war, bezahlte ich ihm Kapital und Zinsen mit dem Ausdruck meines tiefsten Dankgefühls; so war dieser Druckfehler einigermaßen wieder gut gemacht.

Jetzt aber überkam mich eine andere Verlegenheit, die ich nicht im entferntesten ahnen konnte. Merediths Vater, der unserer Übereinkunft gemäß die ganzen Kosten unserer Druckereieinrichtung bezahlen sollte, war nur imstande gewesen, hundert Pfund baar anzuzahlen; weitere hundert Pfund schuldeten wir noch dem Kaufmann, welcher nicht länger warten wollte und uns alle verklagte; wir stellten Bürgschaft, sahen aber ein, daß, falls wir das Geld nicht zur bestimmten Zeit bezahlten, die Klage bis zur Exekution kommen, das Urteil vollzogen, all' unsere schöne Hoffnung vernichtet, und wir selbst ganz zu Grunde gerichtet werden würden, wenn Schriften und Presse vielleicht zum halben Preise verkauft werden mußten, um die Schuld zu tilgen.

In dieser traurigen Lage kamen zwei wahrhafte Freunde, deren Wohlwollen ich nie vergessen habe und nie vergessen werde, so lange mir nur die Erinnerung an irgend etwas bleibt, jeder einzeln, ohne daß einer des andern Vorhaben gekannt hätte, und ohne daß ich mich an einen von beiden gewandt hätte, zu mir. Jeder bot mir die Summe Geldes an, deren ich zur alleinigen Übernahme des Geschäftes bedürfen würde, wenn dies ausführbar, da ihnen die Fortdauer meiner Societät mit Meredith nicht gefiel, den, wie sie bemerkten, man häufig betrunken auf der Straße, und bei gemeinem Spiel in Bierhäusern sehe, was unserem Kredite sehr schade. Diese Freunde waren William Coleman und Robert Grace. Ich sagte ihnen, daß, so lange noch einige Wahrscheinlichkeit vorhanden sei, daß die Merediths ihres Teils die Übereinkunft erfüllen würden, ich keine Trennung vorschlagen könne, da ich mich denselben für das verpflichtet fühlte, was sie schon an mir gethan hätten und, so weit ihre Kräfte reichten, noch thun wollten; sollten sie aber am Ende ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen und unsere Societät sich auflösen, dann würde ich mich für vollkommen frei halten, von der Güte meiner Freunde Gebrauch zu machen.

So blieben die Sachen eine Zeitlang unverändert. Endlich sagte ich eines Tages zu meinem Teilhaber: »Ihr Vater ist vielleicht unzufrieden damit, daß Sie nur einen Teil am Geschäfte haben, und mag nicht für zwei thun, was er nur für Sie zu thun brauchte. Sagen Sie mir frei heraus, ob dies der Fall ist, so will ich Ihnen das Ganze abtreten und sehen, wie ich durchkomme.« – »Nein,« antwortete er, »mein Vater hat sich wirklich in seinen Erwartungen getäuscht: er ist außer Stande zu bezahlen, und ich möchte ihn nicht noch mehr in Verlegenheit setzen; ich sehe, daß ich durchaus nicht zum Buchdrucker passe; ich wurde als Landmann erzogen, und es war albern von mir, in einem Alter von dreißig Jahren noch auf ein neues Gewerbe hier in die Lehre zu gehen. Viele meiner Landsleute siedeln sich gerade jetzt in Nord-Carolina an, wo der Boden billig ist. Ich bin sehr geneigt, mich ihnen anzuschließen und zu meinem frühern Stande zurückzukehren. Sie werden ohne Zweifel Freunde finden, welche Ihnen unter die Arme greifen. Wenn Sie die Passiva der Gesellschaft übernehmen, meinem Vater die vorgeschossenen hundert Pfund zurückzahlen, meine kleinen Privatschulden berichtigen und außerdem mir dreißig Pfund und einen neuen Sattel geben wollten, so will ich meinen Geschäftsanteil an Sie abtreten und Ihnen das Ganze zuschreiben.« Ohne Zögern nahm ich den Vorschlag an. Alles wurde zu Papier gebracht und sofort unterzeichnet und untersiegelt. Ich gab ihm das Geforderte, und er ging bald darauf nach Carolina, von wo er mir im nächsten Jahre zwei lange Schreiben übersandte, mit den für damals genauesten Nachrichten über das Land, in Bezug auf Klima, Boden, Ackerbau u. s. w., in welchen Dingen er ein scharfsichtiges Urteil hatte. Ich druckte sie in meinem Wochenblatt ab, und sie fanden eine sehr gute Aufnahme beim Publikum.

Sobald Meredith fort war, wandte ich mich an meine beiden Freunde, und da ich keinen von ihnen durch einen Vorzug verletzen wollte, so nahm ich von jedem die halbe mir angebotene Summe, die ich nötig hatte. Ich bezahlte die Gesellschaftsschulden und setzte das Geschäft für eigene Rechnung fort, indem ich nicht unterließ, durch eine Anzeige das Publikum von der Auflösung unserer Gesellschaft zu benachrichtigen. Wenn ich nicht irre, so geschah dies etwa um das Jahr 1729. Aus dem noch vorhandenen Trennungsvertrag geht hervor, daß die Abtretung am 14. Juli 1730 stattfand.

Etwa um dieselbe Zeit verlangte das Volk heftig eine abermalige Ausgabe von Papiergeld, da das in Höhe von nur 15 000 Pfund vorhandene und einzig in der Provinz kursierende, schon fast ausging. Die wohlhabenden Einwohner waren gegen jede Art Papiergeld eingenommen, aus Furcht vor der Entwertung, wie man sie in Neu-England zum großen Schaden der Inhaber erlebt hatte, und wiedersetzten sich aus allen Kräften dieser Maßregel. Wir hatten diese Angelegenheit in unserem Junto besprochen, wo ich für die abermalige Ausgabe mich erklärte, in der Überzeugung, daß die erste kleine, im Jahr 1723 ausgegebene Summe der Provinz durch Beförderung von Handel und Industrie sowie Zunahme der Bevölkerung manchen Nutzen gebracht habe, indem jetzt alle Häuser bewohnt seien und noch viele neue gebaut wurden; während ich mich gar wohl entsinne, wie ich damals, als ich, meine Semmel verspeisend, zum ersten Male durch die Straßen von Philadelphia spazierte, an den meisten Häusern in Walnut-Street zwischen Second- und Front-Street und an vielen in Chesnut-Street und anderen Gassen, Zettel mit der Aufschrift: »Zu vermiethen!« wahrgenommen hatte, woraus ich damals geschlossen, daß die Bewohner einer nach dem andern aus der Stadt fortzögen.

Unsere Debatten weihten mich so tief in die Sache ein, daß ich anonym eine Flugschrift schrieb und herausgab, unter dem Titel: »Die Natur und Notwendigkeit des Papiergeldes«. Sie wurde von den unteren und mittleren Volksklassen außerordentlich gut aufgenommen, mißfiel aber den Wohlhabenden, indem dadurch das Verlangen nach mehr Geld nur noch stärker wurde. Da die letzteren indes keinen Federkundigen unter sich zählten, der meine Schrift hätte beantworten können, so verlief sich ihr Widerstand im Sande, und da in der Assembly die Majorität für die Maßregel war, so ging sie durch. Meine Freunde in der Versammlung waren überzeugt, daß ich dem Lande bei dieser Gelegenheit einen wesentlichen Dienst geleistet habe, und belohnten mir denselben durch Übertragung des Druckes der Noten. Dies war ein gewinnreiches Geschäft und für mich eine sehr merkliche Hilfe: wiederum ein Vorteil aus meiner mir erworbenen Fähigkeit in schriftlichen Abfassungen.

Zeit und Erfahrung thaten übrigens so deutlich den Nutzen des Papiergeldes dar, daß sich später nie ein eigentlicher, bedeutender Widerspruch dagegen erhob, und dessen Summe sich bald auf 550 00 Pfund und im Jahre 1739 auf 80 000 Pfund belief. Seitdem stieg die Summe während des letzten Krieges auf 350 000 Pfund, während Handel, Bauten und Bevölkerung fortdauernd im Steigen waren; ich habe aber jetzt die Überzeugung, daß es Grenzen giebt, über welche hinaus Papiergeld sehr verderblich werden kann.

Bald darauf verschaffte mir mein Gönner Hamilton den Druck des Papiergeldes von New-Castle, wiederum eine einträgliche Arbeit, wenigstens nach meiner damaligen Ansicht, indem kleine Dinge Leuten mit wenig Vermögen immer groß scheinen; mir aber brachte es, als eine große Aufmunterung für mich, wirklichen Vorteil. Er verschaffte mir auch den Druck der Gesetze und Beschlüsse jenes bedeutenden Regierungsbezirks, den ich so lange behielt, als ich mein Geschäft trieb.

Jetzt errichtete ich auch einen kleinen Buch- und Papierladen. Ich hielt mir Formulare aller Art, die korrektesten, welche bis dahin erschienen waren, da mich mein Freund Breintnal hierin unterstützte. Auch führte ich Papier, Pergament, Pappdeckel, Kontobücher u. dergl. mehr. Ein gewisser Whitemarth, ein ganz ausgezeichneter Setzer, den ich in London hatte kennen lernen, kam nun zu mir und arbeitete fortwährend und stets mit gleichem Fleiße bei mir, und ich nahm einen Lehrling an, den Sohn von Aquila Rose.

Ich begann nun die allmähliche Abzahlung der Schulden, welche auf meiner Druckerei lasteten. Um meinen Kredit und Ruf als Geschäftsmann zu sichern, führte ich nicht allein ein wirklich thätiges und mäßiges Leben, sondern hütete mich auch vor jedem Schein des Gegenteils. Ich kleidete mich einfach und wurde nie an einem öffentlichen Vergnügungsorte gesehen, fischte und jagte nicht. Höchstens hielt mich dann und wann ein Buch von der Arbeit ab, aber doch nur selten, und dann geschah es so heimlich, daß kein Anstoß dadurch erregt wurde. Und um zu zeigen, daß ich mich nicht über meinen Stand dünke, fuhr ich bisweilen das beim Kaufmann erhandelte Papier selbst in einem Schiebkarren nach Hause. So erhielt ich den Ruf eines fleißigen, strebsamen und in seinen Zahlungen sehr pünktlichen jungen Mannes. Die Kaufleute, welche Schreibmaterialien einführten, ersuchten mich um meine Kundschaft; andere erboten sich, mir Bücher zu liefern, und mein kleiner Handel gedieh recht glücklich. Inzwischen sanken Keimers Geschäft und Kredit mit jedem Tage, und zuletzt sah er sich genötigt, seine Druckerei zu verkaufen, um seine Gläubiger zu befriedigen, und ging nach Barbados, woselbst er einige Zeit in sehr ärmlichen Umständen lebte.

Sein Lehrling, David Harry, den ich, während ich bei Keimer arbeitete, zugelehrt hatte, kaufte dessen Geschäft und ließ sich in Philadelphia nieder. Ich fürchtete zuerst in Harry einen mächtigen Nebenbuhler zu finden, da er einer reichen und angesehenen Familie angehörte. Ich schlug ihm deshalb vor, sich mit mir zu associieren, was er indes, und zwar zu meinem Glück, mit Geringschätzung ablehnte. Er war sehr stolz, kleidete sich wie ein vornehmer Herr, lebte ausschweifend und hing den Vergnügungen so sehr nach, daß er kaum zu Hause anzutreffen war, versank in Schulden, vernachlässigte sein Geschäft und büßte bald alle Aufträge ein. Da er bald für sich nichts mehr zu thun fand, so folgt er Keimer nach Barbados und nahm seine Druckerei mit. Dort beschäftigte der Lehrling seinen früheren Prinzipal als Gehilfen. Sie zankten sich oft, und da es mit Harry auch dort immer rückwärts ging, so mußte er endlich Schrift und Presse verkaufen und wieder zu seiner alten Beschäftigung, dem Landbau in Pennsylvanien, greifen. Der Käufer der Druckerei übertrug Keimer deren Leitung; dieser starb aber einige Jahre später.

Jetzt hatte ich in Philadelphia außer Bradford keinen Nebenbuhler; dieser aber, da er reich und bequem war, hatte nur wenig zu thun und kümmerte sich auch nicht mehr viel ums Geschäft. Da er aber die Post besorgte, so stand er im Rufe einer bessern Gelegenheit zum Empfang von Neuigkeiten, und man hielt sein Blatt für geeigneter zur Verbreitung von Inseraten, und er bekam deren mehr, was ihm sehr zu statten kam und mir manchen Nachteil brachte. Wenn ich auch Zeitungen mit der Post erhielt und versandte, so war das Publikum doch anderer Meinung, denn was ich verschickte, konnte nur mittelst Bestechung der reitenden Boten geschehen, welche meine Zeitungen heimlich mitnahmen, da Bradford so unfreundlich gewesen war, es ihnen zu verbieten. Ich dachte deshalb so gering von ihm, daß ich mich wohl hütete, ihm nachzuahmen, als ich später in seine Stellung einrückte.

Bisher hatte ich mich von Godfrey beköstigen lassen, der mit Frau und Kindern einen Teil meines Hauses bewohnte und auch meinen halben Laden zu seinem Geschäfte benutzte, mit welchem er sich indes wenig abgab, da er meist Mathematik trieb. Frau Godfrey beabsichtigte, mich mit der Tochter eines ihrer Verwandten zu verheiraten, und suchte uns bei mehrfachen Gelegenheiten zusammenzubringen, bis sie mich ernstlich gefesselt sah, da das Mädchen selbst sehr begehrenswert war. Die Eltern ermutigten meine Bewerbung durch häufige Einladungen zum Abendessen und ließen uns allein, bis es endlich Zeit zu einer Erklärung war. Frau Godfrey übernahm die erforderliche Unterhandlung. Ich gab ihr zu verstehen, daß ich mit der jungen Dame eine Mitgift von so viel Geld erwarte, um mindestens den Rest meiner Schuld für meine Druckerei bezahlen zu können, welcher sich damals auf hundert Pfund belaufen mochte. Ich erhielt zur Antwort, daß sie eine solche Summe nicht beschaffen könnten, worauf ich bemerkte, daß selbige leicht als Hypothek auf ihr Haus zu erhalten sein würde. Hierauf empfing ich nach Verlauf einiger Tage die Antwort, daß sie die Heirat nicht billigten: sie hätten Bradford um Rat gefragt und gehört, daß das Geschäft eines Buchdruckers durchaus nicht einträglich sei, daß meine Schriften bald abgenutzt und neue nötig sein würden, daß Keimer und Harry nach einander falliert hätten, und es mir wahrscheinlich ebenso gehen würde. Sie verboten mir also ihr Haus und sperrten das junge Mädchen ein.

Ich weiß nicht, ob sie wirklich ihren Sinn geändert hatten, oder ob das Ganze nur eine List war, in der Voraussetzung, daß unsere Neigung zu weit gediehen sei, als daß wir von einander würden lassen können, wo dann, im Falle einer heimlichen Heirat, sie volle Freiheit gehabt hätten, uns nach Belieben etwas zu geben oder nicht. Ich argwöhnte das letztere, ärgerte mich darüber und ging nie wieder hin. Einige Zeit nachher brachte mir Frau Godfrey mehrmals Kunde, daß die Eltern mir nunmehr gewogen seien und die Verbindung mit mir wieder anzuknüpfen wünschten; ich aber erklärte mich entschieden dahin, nichts wieder mit der Familie zu schaffen haben zu wollen. Hierüber ließen die Godfreys einigen Ärger blicken, And da wir uns nicht länger vertragen konnten, so zogen sie aus und ließen mir das Haus allein; ich beschloß keine Mietbewohner mehr anzunehmen.

Da dieser Vorfall jedoch meine Gedanken aufs Heiraten gebracht hatte, so sah ich mich um und machte an mehreren Stellen Anträge, aber bald merkte ich, daß man das Gewerbe eines Buchdruckers nur für ein kümmerliches ansehe, und daß ich daher wohl kaum auf eine Frau mit Geld rechnen dürfe, wenigstens nicht, wenn sie auch noch andere Reize besitzen solle. Mittlerweile trieb jene schwer zu zügelnde Leidenschaft der Jugend mich häufig zu Beziehungen mit gemeinen Weibsbildern, die mir in den Weg kamen. Allein dies war immer mit einigen Unkosten und vielen Unbequemlichkeiten verknüpft, außer der fortwährenden Gefahr für meine Gesundheit von seiten eines Übels, das ich vor allen Dingen fürchtete, obschon ich ihm mit großem Glück entging. Als Nachbar und alter Bekannter war ich inzwischen immer im freundlichen Vernehmen mit der Familie der Miß Read geblieben. Ihre Eltern hatten noch von der Zeit her, wo ich bei ihnen gewohnt, Zuneigung für mich bewahrt. Oft luden sie mich ein, fragten mich in ihren Angelegenheiten um Rat, und mehrere Mal hatte ich ihnen Gefälligkeiten erwiesen. Mich dauerte die unglückliche Lage ihrer Tochter, die fast immer ihrem Trübsinne nachhing, selten heiter war und allem Umgang auswich. Ich betrachtete meinen Unbestand und meine Untreue während meines Aufenthalts in London für die Hauptursache ihres Unglücks, obschon ihre Mutter so aufrichtig war, die Schuld dafür mehr sich selbst als mir beizumessen, weil sie, nach Verhinderung unserer Heirat vor meiner Abreise, ihre Tochter zur Ehe mit einem andern während meiner Abwesenheit beredet habe. Unsere gegenseitige Neigung erwachte wieder; unserer Vereinigung standen aber große Hindernisse im Wege. Zwar wurde ihre Ehe wirklich als ungiltig betrachtet, da ihr Mann, wie es hieß, schon eine Frau in England habe; aber es war wegen der großen Entfernung schwer, den Beweis hiervon zu erhalten. Obschon das Gerücht von seinem Tode ging, so hatten wir doch keine Gewißheit hiervon; war es aber begründet, so hatte er wiederum tüchtige Schulden hinterlassen, wegen deren Bezahlung man seinen Nachfolger belangen konnte. Wir wagten es indes trotz aller dieser Schwierigkeiten, und am 1. September 1730 heiratete ich sie. Keiner der gefürchteten Unfälle traf uns. Sie war mir eine gute und treue Gefährtin, half mir auch durch Besorgung des Ladens bedeutend vorwärts; wir gediehen sichtlich und waren gegenseitig bemüht, einander zu beglücken. So machte ich nach Kräften jenen großen Irrtum meiner Jugend wieder gut.

Unser Klub befand sich damals nicht in einem Wirtshause. Wir hielten unsere Zusammenkünfte in der Wohnung des Herrn Grace, der uns zu diesem Zweck ein Zimmer einräumte. Eines Tages bemerkte ein Mitglied, daß wir oft im Laufe unserer Besprechungen unsere Bücher nötig hätten, und es daher bequem wäre, wenn wir sie in unserem Versammlungszimmer aufstellen und sie dann erforderlichenfalls zu Rate ziehen könnten, wie denn auch durch das Zusammenstellen unserer Bücher in eine gemeinsame Bibliothek jeder von uns den Vorteil haben würde, daß er die Bücher aller übrigen Mitglieder benutzen könne, was beinahe dasselbe sei, wie wenn er sie selbst besäße. Der Vorschlag fand Beifall und ward verwirklicht; wir stellten an dem einen Ende unseres Klubzimmers alle diejenigen Bücher auf, die wir am besten entbehren konnten. Ihre Zahl war indes nicht so groß, wie wir erwartet hatten, und obschon sie uns sehr von Nutzen waren, so kamen doch durch den Mangel an Aufsicht einige Übelstände vor, so daß nach einem Jahre die Sammlung wieder aufgelöst wurde und jeder seine Bücher wieder nach Hause nahm.

Und nun setzte ich mein erstes Projekt zu einer öffentlichen Schöpfung, nämlich zur Gründung einer Leihbibliothek durch Subskription ins Werk. Ich entwarf den Prospekt, ließ ihn durch unsern Notar Brockden in die geeignete Form bringen, trieb mit Hilfe des Junto fünfzig Subskribenten auf, mit je vierzig Schillingen zum Anfang und mit einem jährlichen Beitrag von zehn Schillingen auf fünfzig Jahre – den Termin, während dessen unsere Gesellschaft fortbestehen sollte. – Später erhielten wir einen Freibrief, da die Gesellschaft bis auf hundert Mitglieder angewachsen war. Dieselbe war die Mutter aller nordamerikanischen Leihbibliotheks-Gesellschaften, welche nun so zahlreich sind. Sie selbst ist in fortwährender Entwicklung und Vermehrung begriffen und wird täglich eine bedeutendere Anstalt. Diese Bibliotheken haben den allgemeinen Konversationston der Amerikaner gehoben, die gewöhnlichen Handwerker und Landleute so intelligent gemacht, als die meisten gebildeten Leute in anderen Ländern, und vielleicht wesentlich zu der Stellung beigetragen, welche die Kolonien in Verteidigung ihrer Rechte so allgemein einnahmen.

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So weit ward Vorstehendes in der Eingangs erwähnten Absicht geschrieben und enthält daher mehrere kleine Familienanekdoten, welche für andere ziemlich bedeutungslos sind. Das Weitere ward viele Jahre später dem in diesen Briefen enthaltenen Rate gemäß geschrieben und daher für die Öffentlichkeit bestimmt. Die Ereignisse der Revolution waren die Ursache der Verzögerung.

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