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Karl von Holtei: Jugend in Breslau - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeautobiography
authorKarl von Holtei
titleJugend in Breslau
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
isbn3-87584-227-8
editorHelmut Koopmann
year1988
firstpub1843-1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110527
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Die Franzosen in Breslau

Mittlerweile waren in der Welt große Dinge vorgegangen. Preußen war gegen Frankreich ins Feld gerückt; unsere militärischen Verwandten und Freunde jubelten und prophezeiten Siege, so lange, bis die Nachricht von einer verlorenen Schlacht ihren Prophezeiungen ein rasches Ende machte. Ich blieb sehr ruhig dabei und begriff nicht, warum viele meiner nur wenig älteren Mitschüler darüber klagten und trauerten. In meinem kleinen Herzen hatte die Idee eines Vaterlandes noch nicht Wurzel gefaßt; meine Umgebungen waren überhaupt nicht geeignet, Gedanken oder tiefere Gefühle in mir zu wecken. Desto überraschender wirkte es auf mich, als bald nachher diejenigen meiner Genossen, deren Eltern außerhalb Breslau wohnten, samt ihren Habseligkeiten abgeholt wurden. Es schien sich alles aufzulösen, was mir bisher wie eine notwendige Bedingung unserer Anstalt vorgekommen war; die Worte: »Feind, Franzosen, Belagerung« schlugen an mein Ohr, ohne daß ich ihnen einen rechten Sinn zu geben wußte; die Unterrichtsstunden waren unterbrochen; Besuche kamen und gingen, jeder brachte andere Neuigkeiten; alle waren besorgt; und mitten in diese Unruhen trat ein Bote von den Meinigen, der auch mich mit Sack und Pack aus der Pension heimzubringen den Auftrag hatte. Wer war froher als ich! O Gott, ich segnete die Feinde.

Doch zu Hause, bei uns, gewann die Sache schon ein anderes Ansehen und wurde mir bedenklich. Die Frauenzimmer rangen die Hände, und ich hörte nicht mehr dunkel von Franzosen und Belagerung, sondern sehr deutlich von Kanonenkugeln, Raketen, Sturm, Feuer und Plünderung und noch kitzlicheren Dingen reden. Das gefiel mir, weibisch-furchtsam, wie ich erzogen war, freilich nicht; aber doch reizten diese aufregenden Gespräche meine knabenhafte Neugier. Auch das allgemeine Durcheinander, das Hin- und Herlaufen, das Einpacken unterhielt mich. Alle hatten alle Hände voll zu thun, deshalb blieb keinem Zeit übrig, mich zu schelten, und so kampierte ich viel im Pferdestalle. Kinder und Kutscher sind gewöhnlich gute Leute zusammen.

In jenen unruhigen Tagen wurde meiner Pflegemutter, eben als ich bei ihr stand und Wäsche zureichte, der Tod ihres Bruders, des Chefpräsidenten gemeldet. Sie nahm die Meldung in völliger Gleichgültigkeit hin und fuhr fort in ihrer Beschäftigung. Damals dachten die Menschen nur an ihr eigenes Leben, ihren eigenen Tod.

Ich kann nicht angeben, wie lange die Tage der Erwartung dauerten; nur so viel weiß ich, daß ich eines Morgens, an einem Fenster unseres Hinterhauses stehend, glühende Kugeln, die feurige Schweife hinter sich zu schleppen schienen, in schönen Bogen fliegen sah. Der Anblick war wunderhübsch, doch regte sich in mir die Ahnung, als wenn die Sache nicht recht geheuer wäre. Ich stand allein auf dem Flur, mir ward bange, ich suchte Menschen, und als ich sie fand, fand ich Wahnsinnige, Narren; sie rannten durcheinander, sie weinten, sie schrien Zeter, meine alte Mama betete und heulte abwechselnd, einige alte Weiber mit ihr, – ich auch! Alles flehte um Hilfe; nur die hilfloseste von allen, Tante Lorette, blieb ruhig und gab vernünftige Worte in den Tumult der Unvernunft. Ich war doch schon klug genug, mich an sie zu halten und in der Unterhaltung mit ihr mehr Beruhigung zu finden, als in den abgeschmackten Bet- und Bußübungen der übrigen.

Weil es nun aber anfing, über der Erde sehr bedenklich zu werden, so suchten viele gute Breslauer Zuflucht unter der Erde. Man fing an, sich in die Keller zu verkriechen. Die etwa bewohnbaren waren bald voll, und in Ermangelung solcher suchte man Gewölbe, massive Decken, feste Grundmauern. Wir bezogen eine kleine Wohnung dieser Art im sogenannten Hatzfeldischen Palaste, dem Sitze der Regierung, wo während der Belagerung der Kommandant oder Gouverneur der Stadt wohnte, denn unser Minister-Vizekönig hatte es für zweckmäßig erachtet, sich zu entfernen.

Jene Not- und Angstwohnung bestand aus einem kleinen Stübchen nebst Kämmerlein; es war die Wohnung des Kutschers von Sr. Excellenz, der sie uns für schweres Geld geräumt hatte, dicht dabei die Pferdeställe.

Nun denke man, in solchem engen Raume wohnten, lebten, schliefen die Mutter, Tante Lorette, Tante Julie, Onkel Riedel, die verwitwete »Direktorin« (Witwe des Mannes mit der Tintenflasche), zwei Dienstmädchen, drei Hunde und meine Wenigkeit. Die Fenster waren durch große Holzstöße und Pferdemist von außen bedeckt, kein Schimmer des Tageslichtes drang durch. Und nun summten und brummten die Kugeln und Bomben über uns; das war ein ewiges Krachen, Knallen, Platzen und Knackern. Ich hatte mich sehr bald an den Spektakel gewöhnt; die anderen, mein' ich, auch. Es wurde viel gegessen und getrunken, wo die genießbaren Vorräte in solcher Fülle herkamen, mag Gott wissen. Ich spielte mit bleiernen Soldaten, mit den Hunden, kroch in die Pferdeställe, wo tausend Kaninchen umherliefen, und amüsierte mich im ganzen recht gut. Manchmal hieß es: nun kommt ein Parlamentär, es ist Waffenstillstand! Dann hörte das Gekrache auf, ich ging in den Vorhof des Palais; da kam er angefahren, der Abgesandte, eine weiße Binde um die Augen, stieg aus und ging zum Gouverneur; ich trieb mich mit anderen Kindern auf der Gasse umher, bis er wieder herabkam, wieder einstieg, abfuhr, dann hieß es: marsch, ins Loch, und der große Condé, – denn nicht anders nannte sich unser Diener –, schleppte mich aus dem Tage in die Nacht. Da wähnten wir uns sicher, wie in Abraham's Schoß. Es wurde viel gescherzt und gelacht, besonders wenn zu nächtlicher Zeit der Höllenlärm den Schlaf störte; und ich war der Bajazzo der verehrten Gesellschaft. Einen Hauptspaß gewährte die immer wiederkehrende Frage: ob wohl »herein- oder hinausgeschossen würde?« Und man übte das Gehör zur Entscheidung. Manchmal aber konnte auch das feinste Ohr nichts mehr unterscheiden, denn die Kanonade wurde zu Zeiten von beiden Seiten so heftig, daß die Mauern und der Fußboden dröhnten. An einem solchen geräuschvollen Tage stürzten plötzlich unsere Nachbarn, die Kutscher, mit Eimern und Feuer schreiend aus den Ställen. Es brannte dicht neben uns. Eine Bombe war trotz Holz und Mist von der Straßenseite durch ein Fenster gedrungen, hatte die Mobilien angezündet und im Bersten das Gewölbe von innen beschädigt. Wir waren nur durch eine Mauer von diesem kleinen Schauplatz der Zerstörung getrennt, und ich, mutlos und zitternd vor der Gefahr, aber bis zum Unsinn keck und vorwitzig in derselben, hatte mich im allgemeinen Tumult in das Gedränge gemischt, wo mich ein kleines Mädchen meines Alters mit Bewunderung erfüllte, welches aus den Flammen ein kleines Vogelhäuschen und in diesem, von Schutt bedeckt und fast unkenntlich, aber doch lebend und zwitschernd, ihren kleinen Zeisig rettete. Das Feuer war bald gelöscht. Unsere Ruhe, unsere geträumte Sicherheit war dahin. »Also auch in feuerfesten Gewölben ist man nicht sicher«, hieß es, und: »in die Keller!« riefen alle Stimmen. Unter den Hauptfronten des Palastes befinden sich tiefe, undurchdringliche Keller; zu diesen wurden die Schlüssel herbeigeschafft, Betten und Gerät aller Art zusammengepackt, und die Prozession begann. Um aber in die Keller zu gelangen, mußte man einen, wenn auch kleinen Hofraum passieren. Condé nahm Tante Lorette auf den Arm, Onkel Riedel führte die alte Mama, sie kamen glücklich hinüber. Ihnen folgten die Dienstmädchen, Tante Julie begleitend; auch sie erreichten den Eingang zum Keller ohne Schaden, nur eine Paßkugel war sausend über sie hinweg geflogen. Blieben ich und die Frau »Direktorin«. Sie hatte nicht rechte Lust zu wagen, was doch endlich gewagt werden mußte.

Ich trug einen Mops auf dem Arme, – das andere Hundevolk war mit den ersten Menschen selbständig gegangen; – ich sehnte mich nach dem Keller und nahm einen Anlauf. Noch hatte ich nicht die Mitte des Hofes erreicht, als eine alte dicke Mutterbombe mir zur Rechten in den Holzstoß fuhr, der unser Fenster schützte. Schwere Kloben flogen um mich her wie Mücken. Ich blieb bei Besinnung, doch ich war wie gebannt; der Schreck hatte mich fest gezaubert; ich konnte weder vor- noch rückwärts. Hinter mir hört' ich Gott und seine himmlischen Heerscharen anrufen. Jenny, unser Mops, mautzte; ich gab ihm einen Kuß auf seinen schwarzen Mund. Puff! Und eine zweite Bombe fiel vor meinem Angesicht nieder und machte sich im Steinpflaster des Hofes ein Bett, wie eine Henne, die sich im Sande badet. Den Zunder sah ich lustig glimmen, die andere hört' ich im Holze rumpeln; meine Sinne verließen mich noch nicht, aber der Atem verging mir. Jetzt faßt mich eine Hand kräftig beim Rockschoß und zieht mich zurück in die Stallthüre, und drinnen im Stalle umhalst mich die zitternde Frau: »Um Gottes-Jesus willen, Karl, lebst Du noch?« »Ich und die Jenny«, war meine Antwort. Und Krach, Krach, wie man eins, zwei sagt, platzen beide Bomben und ein Stück gegen die dicke Stallthüre, daß es ein Loch giebt wie einen Pferdekopf. Eisen, Splitter und Späne schwirren im Stalle umher. »Nun«, sagt die gute Frau, »nun Herr, in Deine Hände!« und mit diesem Ausruf, mich an der Hand haltend, dem Keller zu, wo uns, den Totgeglaubten, schon hundert Arme entgegen kamen. Denn der ganze große Keller war bewohnt; wer sich nur hatte einschleichen können, war mit seinem Gebündel Betten eingerückt. Nun ging ein lustig Leben an: es war ein Bivouac unter der Erde. Jeder richtete sich seine Haushaltung ein; Bretter bildeten die Grenzen; Fässer und Tonnen waren Stühle und Tische, eine Laterne der Kronleuchter. Freund besuchte den Freund in seinem Verhau; neue Bekanntschaften wurden geschlossen; zum Thee, zum Kaffee lud dieser jenen ein. Wo alle Lebensmittel herkamen, weiß ich, wie schon oben erwähnt, nicht zu erklären, aber so lange ich lebe, habe ich nicht so viel Speise und Trank vertilgen sehen, als damals. Im tiefsten Hintergrunde entdeckten kühne Wanderer den Flaschenkeller des Ministers, der nur durch Lattenverschläge gedeckt war. »Wer weiß, ob wir morgen noch leben? Ob morgen die Stadt noch steht?« Zwei Nägel wichen, und die Flaschen gingen von Hand zu Hand.

Aber mitten in diese leichtsinnige Resignation drangen die Klagen der Vaterlandsfreunde, mischten sich ihre Hoffnungen. Mal zitterte man vor nahe bevorstehender Kapitulation, bald jubelte man voll kühner Freude über Entsatz und Befreiung. Breslaus Bürger waren treu, fest, mutig, scheuten kein Opfer. Die obersten Militärbehörden der Stadt wollte man nicht loben. Es war von Widerstand der Bürger gegen eine feige Übergabe der Festung die Rede; jüngere Männer verschworen sich und stiegen von Zeit zu Zeit hinauf in die Welt, von wannen sie dann die widersprechendsten Gerüchte mit zurückbrachten. Einige Frauen waren gut französisch gesinnt; einige ältere Männer glühend für Napoleon begeistert. Die politischen Zänkereien wurden mir bald lästig; ich machte Besuche in der Umgegend, wo ich gar bald überall Bekannte hatte. An einigen Orten hatten sich hübsche Frauen und Mädchen kellerlich etabliert, die mehrmals junge Freunde bei sich empfingen. In diesem Zustande der allgemeinen Aufregung genierte man sich überhaupt wenig; auf mich kleinen Jungen nahm man gar keine Rücksicht. Da sah ich denn beim schwachen Schimmer der Laterne mancherlei, was ich wohl besser nicht gesehen haben sollte. Wenn ich, in unserem Lager angelangt, davon erzählte, beschlossen die Meinen, mich nicht mehr in so gefährliche Gesellschaft gehen zu lassen, und das reizte meine Neugierde nur immer mehr. Doch da es noch nichts weiter war als kindische Neugierde, so schliefen ihre Regungen bald wieder ein, und ich kam so unerfahren und naiv aus dem Keller, als ich hineingekommen war.

Alles auf Erden muß ein Ende haben, demnach auch eine Belagerung. Böse Zungen wollen behaupten, die Breslauer Belagerung hätte länger dauern können, wenn man es in der Stadt so ernsthaft gemeint hätte als draußen. Davon begreift ein achtjähriger Knabe nichts; und weil man mir mein Handwerk als Entdeckungsreisender im Keller nachdrücklich gelegt hatte, so war es mir bald ganz recht, daß wir ihn verlassen durften. Die Kapitulation war geschlossen, die Feindseligkeiten beendet, das Geschieße hörte auf, und wir zogen wieder ein in unsere schöne, heitere Wohnung, die wir unbeschädigt fanden. Auch nicht ein Kügelchen hatte sich dort unnütz gemacht. Und nun ward im hohen Rate meiner Damen erklärt, daß alle Mühe und Beschwerde eigentlich unnütz, und daß, wenn man es im voraus so gewußt hätte, das Gescheidteste gewesen wäre, ruhig an Ort und Stelle zu bleiben. So albern ich selbst war, erschien mir doch damals schon dieses Raisonnement ziemlich albern.

Eine Nacht ohne Kanonendonner war eine sanfte Nacht. Doch an die Unruhe gewöhnt, erwachte ich früh, stand auf, wie der kalte Wintertag graute, und eilte in ein vorderes Zimmer, begierig, wieder einmal auf die Gasse zu schauen. Trotz der Januarkälte öffnete ich das Fenster und erblickte vor einem Bäckerladen neben uns, von Gaffern umstanden, einen französischen Chasseur zu Pferde. Was ich damals empfand, kann ich nicht schildern. Im Nu kam die Sehnsucht nach den uns befreundeten Offizieren über mich; ein unklares Gefühl des Überwundenseins, des fremden Druckes, tyrannischer Gewalt regte sich in mir; ich knirschte in ohnmächtiger Wut und rannte zu meinem Freunde, unserem Kutscher, um ihn zu fragen, ob man die verfluchten Hunde nicht hinausjagen könne? Der aber erwiderte: »Um Gotteswillen, Karlchen, verbrennen Sie sichs Maul nicht; Sie können uns alle unglücklich machen, wenn Sie solche Reden führen.«

Ich sah Jérome Napoleon seinen glänzenden Einzug halten. Ach, an demselben Tage mußte auch ich meinen Einzug halten in die Pension; der war nicht glänzend. Wie sehnte ich mich da nach unserem dumpfen Keller zurück!

Jetzt war ich wieder wie vom Leben abgeschnitten. In unser Kloster drang selten ein Laut der beweglichen Welt, wenigstens nicht, daß wir Kinder ihn vernehmen konnten. Auch weiß ich, während ich mich sonst auf so viele Kleinigkeiten in und außer mir besinnen kann, von den Begegnissen innerhalb der Anstalt wenig oder nichts.

Die Franzosen wurden bald meine Freunde. Wenn ich des Sonntags zur Mutter kam, war meine erste Frage: was haben wir jetzt für Einquartierung? denn diese wechselte unaufhörlich. War es ein Franzose, so beeilte ich mich gewiß, ihm meine Aufwartung zu machen, und wurde, indem ich den kleinen, in vergangener Schulwoche gemachten Vokabelschatz nicht sparte, jedesmal gut aufgenommen. Von den deutschen Bundesgenossen der Franzosen, nur die Sachsen machten eine sehr ehrenvolle Ausnahme, wollte niemand etwas wissen. Sogar diejenigen Dienstmädchen, welche verschmähten, in nähere Verbindung mit ihnen zu treten, haben sich über Brutalität von Seiten eines Franzosen niemals beschwert. Wohl aber wenn Bayern, Württemberger oder gar Hessen ins Quartier rückten; da zitterte das ganze Haus vor Angst und Schrecken. Die schmählichsten Greuel in jenem Kriege sind von Deutschen gegen Deutsche verübt worden. Deutsche waren es, welche Grüfte aufbrachen und den Leichnamen, deren Stiefel mit silbernen Sporen sie nicht anders erlangen konnten, die modernden Beine ausrissen; Deutsche, die mit Gewalt und durch Martern den armen Landleuten abzuzwingen suchten, was diese längst selbst nicht mehr hatten. Der Franzose war, wenn er nur freundlich empfangen wurde, mit allem zufrieden, richtete sich bescheiden ein und erwiderte jede gastliche Aufmerksamkeit mit verbindlichem Danke. Waren seine Wirtsleute arm und bemerkte er dies, so brachte er, – das habe ich in unserer Nachbarschaft selbst gesehen –, Nahrungsmittel nach Hause, und sie wurden des ungeladenen Gastes eingeladene Gäste. Seine deutschen Bundesgenossen quälten ihre deutschen Brüder bis aufs Blut; sie machten sich eine Ehre und Freude daraus, wenigstens in Schlesien, ihren Haß zu affichieren, und ich habe noch im Jahre 1830 im Gasthof zur Traube in Darmstadt einen großherzoglich-hessischen Hauptmann sich »beim Schöppche« laut und stolz der Heldenthaten rühmen hören, die er den preußischen Bauern, »den Schinösern«, angethan.

Diese Erinnerungen und jene andere, wie unsere Damen den gallischen Siegern sich in die Arme warfen, wie sie ihnen den Sieg in der Liebe ebenso leicht machten, als manche treulose Festungskommandanten ihnen die Einnahme mancher Festungen gemacht haben sollen ... beide verlöschen niemals in meinem Angedenken, obschon die zweite mir erst in reiferen Jahren klar wurde. Und nur deshalb gilt mir jene Zeit für eine schmachvolle. Siegen und Besiegtwerden, das ist der Wechsel des Kriegsglückes. Schlachten gewinnen und verlieren giebt an und für sich weder Ehre noch Schande; denn nicht selten gebührt dem Besiegten der Lorbeerkranz. Aber Söhne eines Landes, die eine Sprache bindet, eine gemeinsam-heilige Vergangenheit, eine unsterbliche Geschichte, und welche dieses Band höhnisch mit Füßen treten! Aber Weiber, die, von den Küssen ihrer deutschen Freunde noch warm, dem fremden Krieger lüstern entgegenfliegen, bevor er noch bon jour gesagt! ... o liebes Deutschland!

Als ich in Paris war, haben mir Soldaten jener Zeit, wenn sie hörten, ich sei ein Deutscher, oft mit Lächeln gesagt: so leicht haben es uns die Frauen nirgend gemacht, als chez vous. Breslaus Damen sind meines Wissens hinter ihren deutschen Landsmänninnen nicht zurückgeblieben, und in die Lästerchronik jener Zeit mich vertiefend, besinne ich mich auf eine gute Geschichte.

Einer von Breslaus französischen Kommandanten, S..., hatte mit einer schönen, interessanten Frau aus der vornehmen Welt im traulichsten Verhältnis gestanden. Als nun nach der Rückkehr der Bourbonen im Kreise jener Dame hin und her gestritten wurde, welcher von den napoleonischen Generalen dem Kaiser anhängen, welcher dem Königtume sich zuwenden werde, äußerte die Schöne: für S. möchte ich bürgen; im Herzen war er immer Royalist. »Ei«, rief Herr von C., »das können Sie behaupten, meine Gnädige? Sie, die ihn doch wahrhaftig als Sansculotte kennen lernten?«

In alle Stände drang die Franzosenliebe. Jede geringe Bürgersfrau hatte ihren Sapeur, ihren Sergeanten; jedes hübsche Dienstmädchen seinen Voltigeur. Wie sie paarweise einherstolzierten. Und wie viele Ehemänner demütig hinter ihren Weibern einhergingen!

Jérome bildete anfänglich eine Art von Hofhalt, empfing die Notabilitäten, jedoch nicht minder die Töchter des Landes. Wer französisch verstand, wurde zur Abfassung und Überreichung von Suppliken gepreßt. Gaben junge, hübsche Frauenzimmer die Bittschriften ab, so war der Bittsteller geborgen.

In den Gesellschaften, welche Jérome um sich versammelte, spielte der damalige Pastor, spätere Generalsuperintendent Hermes eine große Rolle. Ein ausgezeichneter Mann und in der deutschen Lesewelt, wenn nicht mehr gelesen, doch genannt als der Verfasser von Romanen, die ihre Epoche in der Litteratur gehabt. Wer hörte nicht »Sophiens Reisen« nennen? Dieser gelehrte, ausgezeichnete Mann sprach, – damals eine Seltenheit –, vortrefflich französisch und wurde deshalb von Jérome und dessen Gefolge doppelt artig behandelt. Ihm hatte diese Anerkennung seiner Persönlichkeit behagt, und er liebte es, noch lange nachher, als unsere lieben Gäste uns bereits verlassen hatten, von seiner Geltung unter ihnen zu erzählen. Nun begegnete ihm oft, daß er im Laufe seiner Erzählungen, die er sehr gut vortrug, ein wenig »brodierte«, Fakta gelegentlich veränderte und kurz und gut in eine poetische Darstellungsweise geriet, die man, seinem Charakter übrigens unbeschadet, in plumpe Prosa übersetzt: »Aufschneiderei« zu nennen pflegt. Er hatte gewiß keine üble Absicht dabei, es war ihm so unter den Händen aufgewachsen, er glaubte selbst daran. Im Jahre 1818, bei Gelegenheit einer geselligen Versammlung für Quartettmusik, kam, ich weiß nicht wie, Jérome aufs Tapet, und der alte Romanzier ins Feuer. Er gab folgende Erzählung: »Als ich beim König von Westfalen eintrat und ihm genannt wurde, gewahrte ich in seiner Nähe einen schönen Mann, dessen ausdrucksvolles Gesicht mich fesselte. Sobald es sich nur thun ließ, sagte dieser, eine Pause benützend, ohne Rücksicht auf des Kaisers Bruder, indem er sich zu uns Deutschen wendete: ›Wenn ich mich nicht sehr täusche, meine Herren, befindet sich unter Ihnen der Mann, dem ich alles danke. Ja, meine Herren, ich muß es Ihnen bekennen, ich war ein wilder, ruchloser Jüngling, ohne moralischen Halt, ohne Glauben, ohne Tugend. Ein günstiges Geschick führt mir einen deutschen Roman in die Hände, ich lese ihn, lese ihn wieder, mir gehen die Augen auf, ich fühle mich erhoben, neu geboren, ich werde ein anderer Mensch. Nun denken Sie sich meinen Zustand während dieser Belagerung. Ich wußte es, weiß es gewiß, hier in diesen Mauern lebt der unsterbliche Verfasser von ›Sophiens Reisen‹, und hierher gebot mir grausame Pflicht, die mörderischen Kugeln zu senden. Aber ich begleitete jede, die ich fliegen ließ, mit innigem Gebete, und immer rief ich ihr nach: Bombe, n'attrape pas mon homme!‹ Da konnte ich mich nicht länger halten«, fährt Hermes fort, »laut rief ich aus: Eh bien, Monsieur, votre homme, il nest pas attrapé; und wir lagen uns in den Armen.« –

Jérome stand in dem Rufe, sich täglich in weißem Weine zu baden, und seine Kammerdiener standen in dem Rufe, diesen Wein, wenn das Bad genommen war, auf Flaschen zu ziehen und billig zu verkaufen. Nun wollte in Breslau kein Mensch mehr französischen Wein trinken. Unser Kutscher meinte, was das für Unsinn ist, den werden die Kerle schon unter sich aussaufen. Im übrigen nahmen, wie schon oben angedeutet, wir stubenhockende Pensionsknaben an dem, was außerhalb geschah, keinen Teil, weil eben unsere Teilnahme für großes und allgemeines nicht angeregt wurde. Das Unglück des Vaterlandes, der Druck, der auf dem Volke lag, die traurige Entfernung des edlen Königshauses, ... welche reiche Veranlassung hätte dies unserem Erzieher geben können und sollen, in unseren kindlichen und eben darum leicht begeisterten Herzen die Flamme der Treue, die Glut der Rache zu schüren und zu nähren, uns für die Zukunft vorzubereiten! Nichts dergleichen. So engherzig feig ging man mit uns um, so niedrige Gesinnungen herrschten in unserer Anstalt, daß uns die Zerstörung der Breslauer Festungswerke, welche alltäglich mit furchtbar erschütternden Explosionen durch unsere Schulwände dröhnte, indem sie die Grundmauern beben, die Glasscheiben zerplatzen machte, wie eine heilsame, väterlich weise Maßregel der französischen Behörden angepriesen ward, welche in fürsorgender Liebe die guten Breslauer Bürger nie mehr den Gefahren einer häßlichen Belagerung ausgesetzt wissen wollten.

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