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Bret Harte: Pioniere des Westens - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorBret Harte
titlePioniere des Westens
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volume21. Jahrgang. Band 16
year1905
translatorHelmut Sarwey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110206
projectid66b292c8
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Ein Mündel Oberst Starbottles.

»Der Oberst scheint heute ein bißchen aus dem Häuschen,« sagte der Schenkwirt, als er die Whiskyflasche wieder an ihren Platz stellte und nachdenklich hinter der sich entfernenden Gestalt Oberst Starbottles herblickte.

»Ich hab' nichts gemerkt,« sagte einer der Anwesenden, »er war den Tag über höflich genug gegen mich.«

»Oh, er ist immer höflich genug gegen Fremde und Weibsleute, selbst wenn er so ist; 's sind nur seine alten Kumpane, oder die es sein könnten, gegen die er bissig wird. Na, was das angeht, nachdem er mit seinem alten Partner, Richter Pratt, in einem dieser Anfälle Streit gehabt hatte, sah ich ihn in der nächsten Minute einen Umweg von einer Straßenlänge machen, um einem ganz Fremden den Weg zu zeigen; und was die Weibsleute betrifft! – na, ich glaube, wenn er grade 'nen Mann aufs Korn genommen hätt', und ein Frauenzimmer sprach' ihn an, so würde er seinen Angriff sein lassen und seinen Hut vor ihr ziehen. Nein – danach können Sie nicht gehen!«

Und vielleicht hatte der Schenkwirt mit seiner reicheren Erfahrung recht. Er hätte auch hinzusetzen können, daß der Oberst in seiner äußerlichen Haltung und im Blick seinen inneren Unwillen nicht verriet. Doch zweifellos hatte er einen seiner »Anfälle«, bei denen er unter einem bissigen Cynismus litt, der ihn ebenso empfindlich gegen Beleidigungen wie gefährlich für den Beleidiger machte.

Glücklicherweise erreichte er an diesem Morgen sein Privatbureau ohne ein ernsthaftes Rencontre. Hier öffnete er sein Pult, ordnete seine Papiere und machte sich sofort mit verbissenem Eifer ans Werk. Er war indes noch nicht lange bei der Arbeit gewesen, als die Tür aufging und Herr Pyecroft erschien, ein Anwalt der Firma, die des Obersten geschäftliche Angelegenheiten führte.

»Ich sehe, Sie sind zeitig an der Arbeit, Oberst,« sagte Herr Pyecroft vergnügt.

»Sie sehen, mein Herr,« sagte der Oberst, indem er ihn mit bedächtiger Langsamkeit verbesserte, die nichts Gutes ahnen ließ, »Sie sehen einen Gentleman aus dem Süden – hol's der Kuckuck! – der fünfunddreißig Jahre auf seinem Posten gestanden, gezwungen, sich wie ein verdammter Nigger mit den schmutzigen Händeln eines Haufens psalmensingender Yankeekrämer zu befassen, anstatt sich – äh – den Angelegenheiten der – äh – Gesetzgebung zu widmen!«

»Aber Sie werden recht hübsche Gebühren herausschlagen – he Oberst?« fuhr Pyecroft lachend fort.

»Gebühren, mein Herr! Ein paar lumpige Kröten! Kaum genug, mit der einen Hand eine Ehrenschuld abzutragen und mit der andern eine Wirtshauszeche für die Unterhaltung einiger – äh – befreundeten Damen zu begleichen!«

Diese Anspielung auf seine Verluste im Poker sowohl als auf ein Austernessen zu Ehren der beiden Hauptdarstellerinnen der »Nordsterntruppe«, die damals in der Stadt auftrat, überzeugte Herrn Pyecroft, daß der Oberst eine seiner »Launen« hatte, und er lenkte ab.

»Das erinnert mich an einen kleinen Scherz, der sich vorige Woche in Sacramento zutrug. Sie entsinnen sich Dick Stannards, der vor einem Jahr gestorben ist – eines Freundes von Ihnen?«

»Ich soll noch erfahren,« unterbrach ihn der Oberst mit der nämlichen unheimlichen Entschlossenheit, »welches Recht er – oder irgendwer – hatte, eine solche Beziehung zu mir zu behaupten. Verstehe ich recht, mein Herr, daß er sich – äh – dessen öffentlich gerühmt hat?«

»Weiß nicht!« hob Pyecroft hastig wieder an; »aber es hat nichts damit zu tun, denn wenn er kein Freund von Ihnen war, so erhöht das nur den Scherz. Gut also, seine Witwe hat ihn nicht lange überlebt, sondern ist vor einigen Tagen in den Staaten verstorben, indem sie das Vermögen in Sacramento – etwa dreitausend Dollar Wert – ihrem Töchterchen hinterließ, das in Santa Clara auf der Schule ist. Die Frage der Vormundschaft kam zur Sprache, und es scheint, daß die Witwe, die Sie nur durch Ihren Gatten kannte, einige Zeit vor ihrem Tode Ihren Namen in diesem Zusammenhang erwähnt hatte! Hi! Hi!«

»Was!« sagte Oberst Starbottle, indem er auffuhr.

»Halten Sie!« sagte Pyecroft heiter. »Das ist noch nicht alles. Weder die Testamentsvollstrecker, noch der Nachlaßrichter hatten seit Adams Zeiten etwas von Ihnen gehört, und die Anwaltschaft von Sacramento, die einen guten Spaß witterte, duckte sich und schwieg still. Dann sagte der alte Esel von einem Richter, da Sie ein Jurist, ein Mann in reiferen Jahren und ein Freund der Familie zu sein schienen, seien Sie hervorragend geeignet und sollten Mitteilung erhalten – Sie kennen seinen hochtrabenden Stil. Niemand sagt ein Wort. So wird also das Nächste, wovon Sie hören, ein Brief von jenem Testamentsvollstrecker sein, der Sie ersucht, nach diesem Schäfchen zu sehen. Ha! Ha! Die Jungens sagten, sie könnten sich lebhaft vorstellen, wie Sie mit einem zehnjährigen Mädchen an der Hand dahertrabten, Senorita Dolores oder Fräulein Bellamont als Zuschauerin! Oder wie Sie eines Abends von einer Partie Poker zu dem Kinde weggerufen würden und sängen: Wächter, lieb Wächter, komm' jetzt mit mir heim, die Uhr in dem Kirchturm, die schlägt Glocker ein'! Und denken Sie sich den närrischen alten Richter, der Sie nicht kennt! Ha! ha!«

Das Studium der Gesichtszüge des Obersten während dieser Rede würde selbst einen besseren Physiognomiker als Herrn Pyecroft verblüfft haben. Sein erster erstaunter Blick wich der Purpurrote der Verwirrung, der ein einziges kurzes silenartiges Kichern folgte, das sich jedoch rasch wieder in eherne Entrüstung verwandelte und, als Pyecrofts Lachen andauerte, in bleiche Kälte auslief, in der einzig und allein seine dunkeln Augen auszudrücken schienen, was von seiner vorherigen hochgradigen Erregung übrig geblieben war. Aber was noch eigentümlicher war, trotz seiner erzwungenen Ruhe schien ihn etwas von seiner gewohnten altmodischen Feierlichkeit und rednerischen Erhabenheit anzukommen, als er seine Hand auf seine geschwellte Brust legte und Pyecroft gegenübertrat.

»Die Unwissenheit des Testamentsvollstreckers der Frau Stannard und des – äh – Nachlaßrichters,« begann er langsam, »mag verzeihlich sein, Herr Pyecroft, da Se. Ehren zugleich bemerkten, daß ich, wiewohl ihm persönlich unbekannt, doch wenigstens amicus curiae dieser Frage der – äh – Vormundschaft bin. Aber ich bin bekümmert – ich möchte in der Tat sagen: verletzt – Herr Pyecroft, daß das – äh – letzte heilige Pfand einer sterbenden Witwe – vielleicht das heiligste Pfand, das von Menschen empfangen werden kann – die Pflege und Wohlfahrt ihrer hilflosen, verwaisten Tochter, von Ihnen, mein Herr, und den Mitgliedern der Anwaltschaft zu Sacramento zum Gegenstand des Spottes gemacht wird! Ich werde, mein Herr, nicht auf meine eigenen Gefühle gegenüber Dick Stannard anspielen, der einer meiner liebsten Freunde war,« fuhr der Oberst mit vor Erregung bebender Stimme fort, »aber ich kann kein edleres, auf dem Altar der Freundschaft niedergelegtes Pfand erhalten als die Pflege und Leitung seiner verwaisten Tochter! Und wenn, wie Sie mir sagen, die äußerst unzureichende Summe von dreitausend Dollar alles ist, was ihr zum Lebensunterhalt hinterlassen ist, so sollte die Ernennung eines Vormundes, der der Familie hinreichend ergeben ist, um dieses Bißchen von Zeit zu Zeit bereitwillig aus seinen eigenen Mitteln zu ergänzen, von größter Wichtigkeit scheinen.«

Bevor Pyecroft sich von seinem Erstaunen erholen konnte, lehnte sich Oberst Starbottle in seinen Stuhl zurück, schloß seine Augen halb und überließ sich ganz nach seiner alten Art einer seiner träumerischen Erinnerungen.

»Armer Dick Stannard! Lebhaft erinnere ich mich, mein Herr, wie ich in New Orleans Anno Vierundfünfzig mit ihm ausfuhr, und er sagte: ›Star‹ – der einzige Mann, mein Herr, der je meinen Namen abkürzen durfte – ›Star, wenn mir oder ihr irgend etwas zustoßt, sieh nach unserm Kinde!‹ – Es geschah während der nämlichen Fahrt, mein Herr, daß er, weil er unvorsichtigerweise verabsäumte, sich gegen das Sumpffieber durch ein Glas reinen Bourbons mit einem Löffel voll Chinin zu sichern, jenes Fieber bekam, das seine Gesundheit untergrub. Danke, Herr Pyecroft, daß Sie mich – äh – an den Umstand erinnert haben. Ich bin,« fuhr der Oberst fort, indem er plötzlich das Gebiet der Erinnerungen verließ, sich aufrecht hinsetzte und seine Papiere in Ordnung brachte, »mit großem Interesse des – äh – Briefs von dem Testamentsvollstrecker gewärtig.«

Am nächsten Tage verlautete allgemein, daß Oberst Starbottle vom Nachlaßrichter in Sacramento zum Vormund von Pansy Stannard ernannt worden sei.

Es werden zwei bestimmte Darstellungen von Oberst Starbottles erstem Zusammentreffen mit seinem Mündel nach seiner Bestallung als ihr Vormund berichtet. Die eine, die von ihm selbst stammte und von Zeit zu Zeit ein wenig abweichend lautete, doch stets unwandelbar der Anmut, Schönheit und den einzigartigen Vorzügen dieses offensichtlich begabten Kindes huldigte, zeichnete sich gleichwohl mehr durch unbestimmte, traumhafte Erinnerungen an die verewigten Eltern als durch irgendwelche persönliche Bezugnahme auf die Tochter aus.

»Ich fand die junge Dame, mein Herr,« bemerkte er gegen Pyecroft, »von – äh – Gestalt und Gesicht das Ebenbild meines geliebten Freundes Stannard, und wenn ich auch ihre verewigte Mutter – äh – nicht persönlich kannte – die, mein Herr, einer der ersten virginischen Familien angehörte, so höre ich doch, daß sie ihr – äh – merkwürdig ähnlich sieht. Fräulein Stannard ist zur Zeit Schülerin einer der besten Erziehungsanstalten in Santa Clara, wo sie unter meiner persönlichen Aufsicht die gründlichste Unterweisung in – äh – den englischen Klassikern, ausländischer Belletristik, Stickerei, Harfenspiel und – äh – im Gebrauch des – äh – Globus, und – äh – in guter Haltung erhält. Die Vorsteherin der Schule, Fräulein Eudoxia Tish – in Gemeinschaft mit – äh – äh – Fräulein Prinkwell – ist ein – äh – merkwürdig begabtes Frauenzimmer, und da ich einer Übungsstunde anwohnte, nahm ich die Gelegenheit wahr, ihrer Vortrefflichkeit in einer – äh – kurzen Ansprache zu erwähnen, die ich an die jungen Damen richtete.«

Von derartigen glänzenden aber unbefriedigenden Allgemeinheiten wende ich mich lieber zu dem wirklichen Zusammentreffen, wie ich es von zeitgenössischen Zeugen erfahren habe. Es war an einem der gewöhnlichen wolkenlosen, blendendhellen kalifornischen Sommertage, der nur ein wenig durch die scharfen Nordwestpassate gemildert worden, als Fräulein Tish, die aus ihrem Fenster auf den rosenumrankten Zugang zur Anstalt blickte, eine ungewöhnliche Erscheinung die Anfahrt entlang kommen sah. Es war die eines Mannes, der die Lebensmitte zwar ein bißchen überschritten hatte, aber doch aufrecht und vergnügt war und dessen Anzug an die alten Aquarellbildnisse aus ihrer eigenen Jugendzeit gemahnte. Sein festgeknüpfter blauer Frack mit vergoldeten Knöpfen war über der Brust weit genug geöffnet, um einem Faltenhemd, einer schwarzen Halsbinde und einer Nankingweste Raum zu gewähren, und seine fleckenlos weißen Beinkleider waren fesch über seinen fesch lackierten Stiefeln aufgekrempelt. Ein glockenförmiger weißer Hut, den er in der Hand trug, um sich die Stirn mit einem seidenen Taschentuch abwischen zu können, vervollständigte den seltsamen Aufzug. Ihm folgte, wenige Schritte hinterdrein, ein Neger, der einen ungeheuren Blumenstrauß und eine Anzahl kleiner mit Bändern verschnürter Schachteln und Pakete trug. Als die Gestalt vor der Tür halt machte, schnappte Fräulein Tish nach Luft und warf einen schnellen bändigenden Blick über das Klassenzimmer. Doch es war schon zu spät; ein Dutzend blauer, schwarzer, offener, forschender oder mutwilliger Augenpaare tänzelte und schielte bereits durch das Fenster nach dem bizarren Fremden.

»Ein Niggersänger aus einem Zirkus, so wahr wie Sie leben!« sagte die neunjährige Marie Frost in erregtem Flüstertone.

»Nein! – ein Reisender vom ›Emporium‹ Das große Warenhaus in San Francisco. Anm. d. Übers. mit Mustern,« entgegnete das vierzehnjährige Fräulein Briggs.

»Meine jungen Damen, kümmern Sie sich um Ihre Aufgaben,« sagte Fräulein Tish, als die Dienerin eine Karte brachte. Fräulein Tish sah einigermaßen nervös darauf und las für sich den gestochenen Namen »Oberst Culpepper Starbottle« und darunter mit Bleistift: »Um Fräulein Pansy Stannard mit Bewilligung von Fräulein Tish zu besuchen.« Fräulein Tish erhob sich in einiger Verwirrung, vertraute die Klasse einer Gehilfin an und ging nach dem Empfangszimmer hinunter. Sie hatte Pansys Vormund nie zuvor gesehen (der Testamentsvollstrecker hatte das Kind hergebracht); und diese außergewöhnliche Erscheinung, deren Besuch sie nicht ablehnen durfte, schien ganz dazu angetan, die Schulordnung auf den Kopf zu stellen. Eine möglichst förmliche Haltung annehmend, öffnete sie daher die Tür des Empfangszimmers und trat hoheitsvoll ein. Aber zu ihrem höchsten Erstaunen trat ihr der Oberst mit einer so prächtigen, so feierlichen und so stolzen Verneigung entgegen, daß sie entwaffnet und sprachlos innehielt.

»Ich brauche nicht zu fragen, ob ich zu Fräulein Tish spreche,« sagte der Oberst hoheitsvoll, »denn ohne das Vergnügen – äh – vorheriger Bekanntschaft kann ich sofort die – äh – Oberin und – äh – châtelaine dieser – äh – Anstalt erkennen,« Fräulein Tish ließ hier ein Hüsteln hören und knickste verlegen, als der Oberst seine weiße Hand gegen die von seinem Begleiter getragene Bürde schwenkte und leichteren Tones fortfuhr: »Ich habe – äh – einige Spielsachen und andre Kleinigkeiten für mein Mündel mitgebracht – selbstverständlich vorbehaltlich Ihrer gütigen Einwilligung. Darunter sind einige – äh – Leckerbissen, ohne jeden schädlichen Bestandteil, wie mir mitgeteilt wurde – eine Schärpe – ein oder zwei Bänder für das Haar, Handschuhe und ein Blumenstrauß – aus dem sie, wie ich überzeugt bin, Ihnen mit ebensoviel Vergnügen wie ich selbst die Ihrem Geschmack zusagenden Blüten zur Auswahl anbieten wird. – Junge, du kannst die Sachen ablegen und dich entfernen!«

»Augenblicklich,« stammelte Fräulein Tish, »ist Fräulein Stannard mit ihren Aufgaben beschäftigt. Aber – « Sie hielt wieder hoffungslos inne.

»Verstehe,« sagte der Oberst mit einer Miene scherzender, poetischer Erinnerung, »– ihre Aufgaben! Gewiß!

Wir wollen – äh – auf die Plätze geh'n,
Wir wollen recht vergnügt ausseh'n,
Wir wollen unsre Aufgaben
Langsam und deutlich aufsagen.

»Gewiß! Nicht um die Welt mochte ich sie darin stören; bis sie fertig sind, wollen wir – äh – durch die Klassenzimmer gehen und Besichtigung abhalten...«

»Nein! nein!« unterbrach ihn die erschrockene Vorsteherin, die eine fürchterliche Vorahnung der grauenhaften Wirkung hatte, die das Erscheinen des Obersten auf die Klasse hervorbringen würde. »Nein! – das heißt – ich meine – unsre Vorschriften verbieten das – außer an den Tagen der öffentlichen Prüfung...«

»Kein Wort weiter, meine verehrte Gnädigste,« sagte der Oberst höflich, »Bis sie frei hat, will ich draußen in den – äh – akademischen Lustgärten auf und ab wandeln.«

Aber Fräulein Tish, die die Ablenkung, die hier von den Klassenfenstern drohen würde, nicht minder fürchtete, nahm sich gewaltsam zusammen, »Bitte, warten Sie einen Augenblick,« sagte sie eilig, »ich werde sie herunterbringen.« Und ehe ihr der Oberst höflich die Tür offnen konnte, war sie entflohen.

In glücklicher Unwissenheit über das Aufsehen, das er erregt hatte, saß Oberst Starbottle selbst auf dem Sofa, die weißen Hände leicht auf seinen Stock mit dem Goldknopf gelegt. Ein- oder zweimal öffnete sich die Tür hinter ihm und schloß sich ruhig wieder, was ihn kaum störte; oder sie öffnete sich wiederum unter den Worten: »O entschuldigen Sie, bitte,« und dem kurzen Blick eines blondzopfigen oder eines schwarzen Krauskopfs – denen der Oberst allen zunickte, während er sich sogar später bei der Erscheinung einer größeren, schon erwachsenen jungen Dame und ihrem gezierteren: »Wirklich, ich bitte Sie um Entschuldigung!« erhob. Der einzige Erfolg dieser offenkundigen Neugier war eine kleine Veränderung der Haltung des Obersten, so daß er die eine Hand in seinen Busen zu stecken vermochte – seine Lieblingsstellung. Doch nunmehr vernahm er eine lebhaftere Bewegung auf dem Hausflur, das Geräusch einer Drängelei und eine hohe jugendliche Stimme, die sagte: »Ich will's nicht und ich tu's nicht!« Dann ging die Tür auf, in der für einen Augenblick Fräulein Tish erschien, die eine kleine Hand und die Hälfte eines schwarz bebänderten Arms in die Stube zog und schleunigst wieder verschwand, indem sie offenbar von der kleinen Hand und dem Arm zurückgezogen wurde. Nach einer geraumen Weile vernahm er eine flüsternde Beratung draußen, und dann erschien wieder Fräulein Tish in ihrer Hoheit, verstärkt und unterstützt durch die Gegenwart ihrer unnahbaren Teilhaberin, Fräulein Prinkwell.

»Dieser – eh – unerwartete Besuch,« begann Fräulein Tish, »der nicht vorher brieflich verabredet worden...«

»...wie es feststehende Vorschrift in unsrer Anstalt ist...« (ergänzte Fräulein Prinkwell)

»...und der Umstand, daß Sie uns persönlich unbekannt sind ...« (fuhr Fräulein Tish fort)

»...eine Unbekanntschaft, die sich auf das Kind erstreckt, das eine Abneigung gegen eine Unterredung mit Ihnen zur Schau trägt...« (fiel Fräulein Prinkwell wie die Gemeinde beim Wechselgesang ein)

»...nötigt uns zu unserm größten Leidwesen...«

Hier brachen sie kurz ab, denn Oberst Starbottle, der sich bei ihrem Eintritt mit einer tiefen Verbeugung erhoben hatte und stehengeblieben war, ging nunmehr ruhig auf sie zu. Seine gewöhnliche kräftige Farbe war verschwunden, ausgenommen von seinen Augen, aber seine hochtrabende Art war noch ausgeprägter, wozu obendrein noch eine schreckliche Bestimmtheit kam: »Ich glaube – äh – ich hatte – die Ähre – meine Karte hinaufzusenden!« (In seinen erhabensten Augenblicken war die südliche Aussprache des Obersten stets unverkennbar.) »Ich mag mich – äh – irren – aber – äh – das ist mein Eindruck.«

Der Oberst schwieg und legte seine Rechte, einem Standbild ähnlich, auf sein Herz.

Die beiden Frauenzimmer zitterten – Fräulein Tish kam es vor, als ob sich selbst die Hemdkrause des Obersten hoheitsvoll aufrichte – als sie wie mit einer Stimme stammelten: »Ja – a – a!«

»Diese Karte enthielt meinen vollen Namen – mit dem Ersuchen, mein Mündel – Fräulein Stannard, besuchen zu dürfen,« fuhr der Oberst langsam fort. »Ich glaube, das ist der Tatbestand.«

»Gewiß! Gewiß!« hauchten die Frauenzimmer schwach.

»Dann darf ich äh – Ihnen klarmachen, daß ich – äh – warte Wiewohl nichts die peinliche Einfachheit und die heitere Milde der Auslassungen des Obersten übertreffen konnte, wurden offenbar seine beiden Zuhörerinnen aufs äußerste dadurch entmutigt – Fräulein Prinkwell schien mit dem Tapetenmuster zu verschwimmen, Fräulein Tish untertänigst zusammenzusinken, gleich einer blassen Wachskerze, die unter den Strahlen des Sonnenbrandes dahinschmilzt.

»Wir werden sie augenblicklich bringen. Tausendmal um Vergebung, mein Herr.« brachten sie im gleichen Atem hervor, indem sie sich gegen die Tür zurückzogen. Aber hier wurde das Unerwartete Ereignis. Von den dreien während der Unterredung nicht bemerkt, hatte eine kleine schwarz gekleidete Gestalt durch die Tür geguckt und war dann ins Zimmer geglitten. Es war ein ungefähr zehn Jahre altes Mädchen, das, ganz aufrichtig gesagt, kaum hübsch genannt werden konnte, wiewohl die ungeschlachten Wachsjahre noch nicht die zarten Linien ihrer Hände und Füße oder die Schönheit ihrer braunen Augen zerstört hatte. Diese waren gerade jetzt staunend aufgerissen und abwechselnd auf den Oberst und die beiden Frauenzimmer gerichtet. Aber gleich manchen andern staunend aufgerissenen Augen hatten sie die volle Bedeutung der Lage mit einer Schnelligkeit erfaßt, die die Erwachsenen ihnen zuzutrauen nicht geneigt sind. Sie sahen die vollständige und gänzliche Unterwerfung der beiden obersten Selbstherrscherinnen der Schule und waren, ich sage es mit Bedauern, voll von heimlicher Freude. Aber der Zuschauer sah nichts hiervon; die staunend aufgerissenen Augen, noch von den frischen Tränen des Widerstands gerötet, schauten nur groß und unschuldsvoll leuchtend darein.

Die Erleichterung, die die beiden Frauenzimmer empfanden, war ebenso plötzlich als ungeheuchelt.

»O, hier bist du endlich, Liebste!« sagte Fräulein Tish eifrig. »Dies ist dein Vormund, Oberst Starbottle. Komm her zu ihm, Lieb!«

Und sie nahm das Kind bei der Hand, das in einer seltsamen Mischung von Verschämtheit und Widerwillen gegen die Bevormundung zögerte, als die Stimme Oberst Starbottles mit der gewohnten tödlich kalten Bestimmtheit sagten »Ich – äh – will – allein mit ihr sprechen.«

Die aufgerissenen Augen erblickten wiederum den völligen Zusammenbruch der Autorität, als die beiden Frauenzimmer vor der Stimme zurückbebten und schleunigst sagten: »Gewiß, Herr Oberst; vielleicht ist es so besser,« und ruhmlos das Zimmer verließen.

Aber der Triumph des Obersten war zunächst nicht ungetrübt. Er war allein mit einem einfachen Kind, eine noch nicht dagewesene unerhörte Lage, die ihn verlegen und – sprachlos machte. Selbst seine Eitelkeit ward sich bewußt, daß seine rednerischen Wendungen, seine Künste, seine ganze Haltung hier machtlos waren. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne; er blickte die Kleine unbestimmt an und versuchte ein schwaches Lächeln. Das Kind sah seine Verwirrung, ebenso wie es seinen Triumph gesehen und begriffen hatte, und das kleine Weib in ihm frohlockte. Sie legte ihr Händchen auf ihr Kleid und drückte sie mit abwärts und auswärts gewendeten Fingern über die Hüften zu ihren gebogenen Knieen hinab, bis sie ihr Kleid vorn und hinten zu ungemeiner Fülle gespannt hatte, als ob sie einen Knicks machen wolle, schnellte dann auf und rief lachend: »Sie haben's getan! Hurra!«

»Was getan?« fragte der Oberst vergnügt, aber verständnislos.

»Sie gejagt! – die zwei alten Katzen! Sie aus ihren Pantoffeln gejagt: O jemine! Nie, nie, nie waren sie je so verdonnert! Nie, seit sie die Schule halten, mußten sie so davonschleichen! Sie waren schon verdonnert genug, gleich als Sie kamen, aber jetzt erst – ! Herrje! Sie wollten Sie mich nicht besuchen lassen – aber sie mußten! mußten! mußten!« Und sie verstärkte jede Wiederholung durch einen Hopser.

»Ich glaube – äh – « sagte der Oberst sanft, »ich – äh – deutete mit einiger Festigkeit an – .«

»Das ist's ja eben!« unterbrach ihn das Kind entzückt. »Sie – Sie kriegten sie unter!«

»Was?«

» Kriegten sie unter! Verstehen Sie nicht? Die beiden sind immer so majestätisch! So etwa: ›Nicht anfassen! Meine Mutter ist ein Engel; mein Vater ist ein König‹ – lauter solches Zeug. Sie machten so« – sie pflanzte sich in getreuer Nachahmung des hoheitsvollen Eintritts der beiden Frauenzimmer auf – »und dann,« fuhr sie fort, »machten Sie – Sie so – « Damit hob sie ihr Kinn, schwellte ihre kleine Brust und schritt auf den Obersten zu, indem sie sein großspuriges Wesen unverkennbar nachmachte.

Ein kurzes, sonores Lachen entfuhr ihm, wiewohl im nächsten Augenblick sein Gesicht wieder ernsthaft war. Aber Pansy hatte sich unterdessen seines Rockärmels bemächtigt und rieb ihre Backe daran wie ein junges Füllen. Da unterlag der Oberst unrühmlich und setzte sich aufs Sofa, während das Kind neben ihm stand, sich an ihn lehnte und mit den Händchen seine Frackaufschläge anfaßte, die es über seiner Brust zuzuknöpfen versuchte, wobei es ihm in die dunklen Augen blickte.

»Die andern Mädchen sagten,« fing sie an, indem sie an dem Knopf zerrte, »Sie seien aus dem ›Zirkuß‹« – wieder ein Zerren – »›ein Niggersänger‹« – ein drittes Zerren – »›ein Reisender mit Mustern‹ – aber das war alles, was sie wußten!«

»Ach,« sagte der Oberst mit übertriebener Sanftmut, »und – äh – was – äh – sagtest denn du

Das Kind lächelte. »Ich sagte, Sie seien ein ausgestopfter Esel – aber das war, ehe ich Sie kannte. Ich war auch ein bißchen verdonnert; aber jetzt« – es gelang ihr endlich, den Rock zuzuknöpfen und den Obersten reif für einen Schlaganfall zu machen – » jetzt bin ich kein bißchen erschreckt – nein, nicht ein winziges bißchen! Aber,« fügte sie nach einer Pause hinzu, indem sie den Rock wieder aufknöpfte und die Aufschläge zwischen den Fingern glättete, »Sie müssen sie in Schrecken halten, die alten Katzen – merken Sie sich's! Scheren Sie sich nicht um die andern Mädchen! Ich werd's ihnen schon sagen.«

Der Oberst würde eine Welt dafür gegeben haben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich zu einer würdigen Haltung nebst geziemender sprachlicher Ausdrucksweise aufzuraffen. Nicht daß seine Eitelkeit durch diese unverantwortlichen Ausdrücke irgendwie verletzt worden wäre, die vielmehr lediglich ein belustigtes Staunen hervorriefen, aber er empfand ein gewisses Behagen bei den traulichen Liebkosungen des Kindes, und ihr vollkommenes Vertrauen zu ihm rührte seine ritterliche Gesinnung. Er mußte sie in seinen Schutz und doch auch in seine Zucht nehmen. Im Vollbewußtsein dieser Pflichten legte er seine weiße Hand auf ihren Kopf. O wehe! Sie hob ihren Arm und legte alsbald seine Hand und einen Teil seines Arms um ihren Hals und ihre Schultern und schmiegte sich zutraulich an ihn. Der Oberst seufzte. Immerhin mußte etwas gesagt werden, und, obwohl etwas in der Auslassung behindert, hob er an: »Der – äh – Gebrauch einer eleganten und klaren Sprache kann von – ah – jungen Damen nicht eifrig genug gepflegt werden – «

Doch hier lachte das Kind, drängte sich noch enger an ihn und gluckste: »So ist's recht! Geben Sie es ihr, wenn sie herunter kommt! Das ist die Manier!« und der Oberst schwieg überwunden. Trotzdem fühlte er eine gewisse wohltuende Wärme bei der Berührung dieser kleinen an ihn geschmiegten Gestalt.

Nunmehr fing er versuchsweise wieder an: »Ich habe dir – äh – einige Leckereien mitgebracht.«

»Ja,« sagte Pansy, »ich sehe es; aber sie sind aus dem falschen Laden, Sie lieber alter Dummerian! Sie sind von Tomkins, und wir Mädchen mögen diese Sachen gar nicht. Sie hätten zu Emmons gehen sollen. Macht nichts. Ich werd's Ihnen zeigen, wenn mir ausgehen. Wir gehen doch aus, nicht?« sagte sie plötzlich und hob den Kopf begierig. »Sie wissen doch, 's ist erlaubt, und Eltern und Vormünder haben ein Anrecht darauf!«

»Gewiß, gewiß,« sagte der Oberst. Er wußte, er würde sich in der freien Luft ein bißchen weniger beengt fühlen.

»Dann wollen wir jetzt gleich gehen,« sagte Pansy und sprang auf. »Ich will nur eben hinauflaufen und meine Sachen anziehen. Ich werde sagen, Sie hätten's ›befohlen‹. Und ich werde meinen neuen Rock tragen – er ist länger.« (Der Oberst war hierdurch etwas getröstet: es war ihm, als dem Vormund, erschienen, als seien Pansys schwarze Strümpfe ungewöhnlich weit hinauf zu sehen.) »Warten Sie hier; ich bleibe nicht lange.«

Sie schoß nach der Tür, machte aber davor auf einmal halt, kehrte nach dem Sofa zurück, wo der Oberst noch saß, drückte einen flüchtigen Kuß auf seine sommersprossige Wange und entfloh, indem sie ihn in einen Duft hüllte, der sich aus frisch gebügeltem Musselin, immergrünen Rauten und jüngst genossenem Butterbrot zusammensetzte. Er saß noch einige Zeit ruhig da und starrte zum Fenster hinaus. Es war sehr still im Zimmer; eine Hummel flog von dem Jasmin draußen ins offene Fenster und surrte laut gegen die Scheiben. Aber der Oberst achtete nicht darauf, und er blieb vertieft und still, bis sich die Tür vor Fräulein Tish und Pansy auftat, die ihren besten Rock und ihre beste Schärpe anhatte. Nunmehr fuhr der Oberst auf und nahm wieder seine aufrechte, höfliche Haltung ein.

»Ich stehe im Begriff, mein Mündel auszuführen,« sagte er bestimmt, »um – äh – die Luft in der Alameda zu kosten und – äh – die Läden zu besuchen. Wir dürften uns – äh – auch einige kleine geeignete Erfrischungen – äh – zu Gemüte führen; äh – Kümmelkuchen – oder ein Butterbrot – und – eine Tasse Tee.«

Fräulein Tish, die jetzt vollständig unterjocht war, bewilligte Fräulein Stannard den in solchen Fällen zulässigen halben Tag Urlaub mit Kußhand. Sie bat den Oberst, ganz nach seinem Belieben zu verfahren, und überantwortete »das liebe Kind« seinem Vormund »mit dem größten Vertrauen«.

Der Oberst machte eine tiefe Verbeugung, und Pansy, die sittsam ihre Hand in die seine schob, ging mit ihm auf den Flur. Dann vernahm man ein leises Rauschen verschwindender Röcke, und Pansy drückte seine Hand bedeutungsvoll. Als sie richtig draußen waren, sagte sie leiser: »Schauen Sie nicht hinauf, bis wir unter den Fenstern des Turnsaals sind!« Der Oberst, der erstaunt, aber gehorsam war, stolzierte weiter, »So jetzt!« sagte Pansy. Er blickte hinauf, sah die Fenster von hellen jungen Gesichtern leuchten, verwunderte sich über das Wehen vieler Taschentücher und lebhaftes Händeklatschen, machte halt, nahm den Hut ab und beantwortete die Begrüßung mit einem Kratzfuß, Pansy war entzückt. »Ich wußte, daß sie da sein würden; ich hatte es ihnen schon gesteckt. Sie brennen jetzt drauf, Sie kennen zu lernen.«

Der Oberst empfand ein helles Vergnügen. »Ich – äh – hatte bereits angedeutet, daß ich – äh – geneigt wäre, die Klassen – äh – zu besuchen; aber ich – äh – verstand, daß die Vorschriften...«

»Die dummen alten Vorschriften!« unterbrach ihn das Kind. »Die Tish und die Prinkwell sind die Vorschriften! Jetzt sagen Sie erst recht, daß Sie wollen! Kriegen Sie sie nur gehörig unter!«

Der Oberst hatte die unbestimmte Empfindung, daß er sowohl den Geist als die Sprache dieser aufrührerischen Rede unterdrücken sollte, aber Pansy zog ihn weiter und überschwemmte ihn dann völlig mit einem Sturzbach von Geplauder über die Schule, ihre Freundinnen, die Lehrer, ihr Leben und seine zahllosen kleinen Leiden und Freuden. Pansy war unerschöpflich; nie zuvor hatte der Oberst sich zu der Rolle eines stillen Zuhörers verurteilt gesehen. Trotzdem gefiel es ihm, und als sie im Schatten der Alameda weiter gingen und Pansy abwechselnd sich an seiner Hand schwang und neben ihm her hopste, lag der Anflug eines Lächelns der Befriedigung auf seinem Gesicht. Vorübergehende wandten sich, um hinter diesem seltsam gesellten Paare dreinzuschauen, oder lächelten, indem sie es, wie der Oberst annahm, für Vater und Tochter hielten. Eine merkwürdige Empfindung, halb schmerzlich und halb froh, griff ans Herz des ledigen, kinderlosen Mannes.

Und als sie sich jetzt den belebteren Verkehrsadern näherten, regte sich das unwillkürliche Gefühl des ritterlichen Beschützers lebhaft in seiner Brust. Er steuerte die Kleine gewandt, und vergnügt paßte er seinen eigenen Schritt ihren Sprüngen an; er hob sie mit peinlicher Höflichkeit über Hindernisse, und indem er auf den belebten Bürgersteigen neben ihr ging, bahnte er ihr mit geschwungenem Stock den Weg. Die ganze Zeit über hatte er die leichte Beweglichkeit ihres Kopfes und ihrer Schultern und vor allem ihrer kleinen, schlanken Füße und Hände bewundert, die seinem verwöhnten Geschmack ihre Rasse verriet. »Lieber Gott,« murmelte er bei sich selbst, »sie ist durch und durch ›Blaugras‹«. Das »Blaugras«-Land ist Kentucky. Anm. d. Übers. Der Bewunderung gesellte sich Stolz mit einer kleinen Beimischung von Eigentumsgefühl. Wenn sie in einen Laden kamen, was, dank der geriebenen Pansy, recht oft vorkam, pflegte er sie mit einer Handbewegung und der Bemerkung vorzustellen: »Ich – äh – suche heute nichts, aber wenn Sie so gut sein wollen – äh – mein Mündel, Fräulein Stannard, zu bedienen!« Später, als sie in der Konditorei einkehrten, und Pansy sich freimütig für »Eiscreme und Cremekuchen« erklärte, anstatt der »Tasse Tee mit Butterbrot«, die er getreu seinem Versprechen bestellt hatte, nahm er den Tee heldenmütig selbst zu sich – um seine Ehre zu wahren. Tatsächlich kenne ich keine erhabenere Gestalt als Oberst Starbottle – der, aus einem langen Kampf wider die Begierde nach einem »Cocktail« als Sieger hervorgegangen, das vernichtende Bewußtsein hatte, wie lächerlich seine Erscheinung jedem seiner alten Gefährten, der ihn etwa erblickte, vorkommen müßte – wie er an einem Tischchen neben seiner kleinen Tyrannin lauwarmen Tee trank und mit Todesverachtung an seinem Butterbrot knabberte.

Und diese Herrschaft über den Hilflosen dauerte auch auf dem Heimweg an. Wenn Fräulein Pansy schon nicht mehr von sich sprach, drangsalierte sie ihn darum nicht weniger mit Fragen nach des Obersten Gepflogenheiten, Lebensweise, Freunden und Bekannten, wobei sie zum Glück ihre auf ihr eigenes Geschlecht bezüglichen Fragen auf »alle kleinen Mädchen, die er kenne«, beschränkte. Durch dieses entlastende Eigenschaftswort gerettet, erblickte der Oberst hier eine Gelegenheit, seine hintangesetzten erzieherischen Pflichten wie auch seine lebhafte Einbildungskraft walten zu lassen. Demgemäß entwarf er künstliche Bildnisse von unmöglichen Kindern, die er gekannt habe – Geschöpfen von peinlicher Sorgfalt in ihrer Ausdrucksweise und Kleidung, ohne Neigung für Spiel und Naschwerk, ganz ihren Aufgaben und Pflichten ergeben und auch sonst, nach Pansys eigenen Worten, »im höchsten Grade widerlich!« Als »Töchter seiner ältesten und liebsten Freunde« hätten sie vielleicht Pansys kindliche Eifersucht erregen können, hätte nicht ein merkwürdiger Umstand gefügt, daß sie alle längst durch Heiraten mit Senatoren, Richtern und Generalen – die auch Bekannte des Obersten waren – belohnt worden wären. Diese zeitliche Entfernung beeinträchtigte ihre vorbildliche Wirkung einigermaßen, und der Oberst nahm gedemütigt, wenn schon nicht völlig verdrossen wahr, daß ihre erstaunlichen Tugenden Pansys gefräßige Gier nach Süßigkeiten, ihre rastlosen Sprünge und ihre freie Sprache nicht beeinträchtigten. Der Oberst war voller Reue – doch glücklich.

Als sie die Anstalt wieder erreichten, zog sich Pansy mit ihren verschiedenen Einkäufen zurück, erschien aber nach einiger Zeit wieder mit Fräulein Tish.

»Ich entsinne mich,« begann die Dame zögernd, indem sie unter dem bezaubernden Eindruck der tiefen Verneigung des Obersten erschauerte, »daß Sie darauf erpicht waren, die Schule zu besichtigen, und wenn es auch nicht gleich möglich war, so wird es mir ein Vergnügen sein, Sie jetzt durch eins der Klassenzimmer zu führen.«

Der Oberst, der Pansy ansah, ward zunächst durch eine Verzerrung ihrer einen Gesichtshälfte geärgert, die jedoch in ein Zwinkern ihrer unschuldsvollen braunen Augen auszulaufen schien, er faßte sich aber und gab höflich seinem Danke Ausdruck. Im nächsten Augenblick stieg er an der Seite von Fräulein Tish die Treppe hinauf, wobei er den bestimmten Eindruck hatte, von Pansy, die dicht dahinter folgte, in die Wade gekniffen zu werden.

Es war Freizeit, aber das große Klassenzimmer war gesteckt voll von Zöglingen, worunter viele ältere und recht hübsche Mädchen waren, hierhin, wie sich nachher ergab, durch Pansy verlockt, die damit ein frühreifes Verständnis für den Geschmack ihres Vormunds bewies. Die entschuldigende, aber höfliche Verbeugung, die der Oberst beim Eintritt machte, und seine stattliche, altmodische Eleganz lenkte alsbald ihre entzückte Aufmerksamkeit auf sich. In der Tat wäre alles gut abgelaufen, hätte nicht Fräulein Prinkwell in der Absicht, auf den Oberst einen nicht minder großen Eindruck als ihre Zöglinge zu machen, ihn großartig als »einen hervorragenden Juristen, von tiefem Interesse für das Erziehungswesen erfüllt, zugleich Vormund ihrer Mitschülerin« vorgestellt. Diese Gelegenheit konnte sich Oberst Starbottle nicht entgehen lassen.

Er stieg zu dem Pult der erstaunten Vorsteherin hinauf, legte die Fingerspitzen graziös darauf, machte ihr eine einleitende Verbeugung, steckte die andre Hand in den Busen und begann mit einem andächtigen Blick nach der Zimmerdecke seine Rede.

Es war in solchen Fällen die Gepflogenheit des Obersten, zuerst mit großer Sorgfalt und Genauigkeit die Dinge festzustellen, die er »nicht sagen wollte«, die er »nicht zu sagen brauche«, und auf die auch nur anzuspielen offenbar vollständig unnötig sei. Es war daher nicht zu verwundern, daß der Oberst seinen Zuhörern mitteilte, daß er nicht zu sagen brauche, wie er seine augenblickliche Auszeichnung unter die höchsten rechne, die ihm je zu teil geworden seien; denn abgesehen von der Auszeichnung, vor sich den Sternhimmel jugendlicher Begabung und Vortrefflichkeit erblicken zu dürfen, abgesehen von der Auszeichnung, von einem Kranze der Blüten der Schule in all ihrer Frische und Schönheit umrankt sein zu dürfen, sei er sich wohl bewußt, daß er die noch größere Auszeichnung genieße – äh – in loco parentis zu einer dieser Blüten zu stehen. Es komme ihm nicht zu, auf die hohe Pflicht anzuspielen, die ihm durch einen – äh – verewigten, geliebten Freund und durch die Tochter einer der ersten virginischen Familien auferlegt worden, neben jemand, der fühlen müsse, daß er gleich hohe Pflichten zu erfüllen habe (hier schwieg der Oberst und blickte wie ein Standbild auf das beunruhigte Fräulein Prinkwell, als wenn er daran zweifle), aber er wolle sagen, daß es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit sein werde, für die Rechte der Verwaisten und Unschuldigen zu kämpfen, wann und wo sich Anlaß dazu biete, gegen jede Übermacht und sogar mißleiteter Autorität ins Angesicht! (Nachdem er von der Annahme, daß Fräulein Prinkwell einen Angriff auf diese Rechte beabsichtige, Abstand genommen, wurde der Oberst milder und heiterer,) Er würdige durchaus ihr hohes und edles Amt; er erblicke in ihr die würdige Nachfolgerin jener beiden berühmten athenischen Erzieherinnen – jener griechischen Damen – äh – deren Namen seinem Gedächtnis entfallen seien, die aber – äh – Fräulein Prinkwell zweifellos mit Vergnügen ihren Schülerinnen ins Gedächtnis rufen und von deren Leben sie ihnen einiges erzählen werde, (Fräulein Prinkwell errötete; sie hatte nie zuvor von ihnen gehört, und sogar das Entzücken der Klasse über den Triumph des Obersten wurde durch diese Aussicht, mehr von ihnen zu erfahren, ein wenig gedämpft.) Aber der Oberst war nur zu befriedigt, vor sich diese strahlenden und anmutigen Gesichter zu sehen, die bestimmt seien, wie er fest glaube, in späteren Jahren ihren Reiz und Glanz als die glücklichen Genossinnen der Größten im Lande auf die höchsten Stellungen zu übertragen. Er – äh – hinterlasse ein – äh – kleines Zeichen seiner Achtung in Gestalt einiger – – unschuldigen Erfrischungen in der Hand seines Mündels, das – äh – als – äh – seine Vertreterin die Verteilung vornehmen werde. Und der Oberst setzte sich unter dem Wehen von Taschentüchern, einem nur halb eingedämmten Beifallssturm und der äußersten Demütigung von Fräulein Prinkwell.

Aber die Zeit seiner Abreise war mittlerweile herangekommen, und er war ein zu erfahrener Politiker, um sich der Möglichkeit einer Abschwächung durch verlängertes Abschiednehmen auszusetzen. Und als die Stunde schlug, setzte ihn ein bedeutungsvolles Leuchten in Pansys großen Augen so sehr in Verlegenheit, daß er dadurch nicht minder bedrückt wurde, als durch das seltsame Gefühl der Vereinsamung, das ihn überschleichen wollte. Doch durch mutiges Ankämpfen gegen die Gefahr des Sichgehenlassens, durch Überreichung eines großen Goldstücks, das er ihr in die Hand schob, durch das Versprechen, bald wieder zu kommen, und die dringende Aufforderung, ihm fleißig zu schreiben, erlangte der Oberst als Entgelt einen feuchten Kuß und wiederholtes Andrücken einer feuchten Wange an die seine, als er in den Flur hinausging. Auf dem Treppenabsatz über ihm gab es ein dichtes Gedränge kurzer Röckchen am Geländer, und ein Stimmchen, das offenbar zu einem Paar sehr kleiner bunter Beinchen gehörte, die zwischen dem Geländer hervorragten, sagte deutlich: »Dreimal Hoch Oberst Tarbottle!« Und unter diesem Segen schritt der Oberst, den Hut in der Hand, aus diesem Eden wieder in die Welt hinaus.

*

Der nächste Besuch des Obersten in der Anstalt rief nicht die nämliche Aufregung wie der erste hervor, obgleich er für die schönen Vorsteherinnen die gleiche Störung mit sich brachte. Wäre er weniger eingebildet gewesen, so würde er bemerkt haben, daß ihre Gegnerschaft, obschon durch ihre Furcht vor ihm in Schranken gehalten, in Gefahr stand, an Stelle eines bloßen Verdachts zur Gewißheit zu werden. Er wurde darauf aufmerksam durch Pansys Haß gegen die beiden und durch ihre Schilderung einer gewissen peinlichen Untersuchung, der man sie hinsichtlich seiner Beschäftigung, Gepflogenheiten und Bekanntschaften unterworfen hatte. Natürlich wußte Pansy hiervon sehr wenig, was sie jedoch nicht gehindert hatte, sehr viel zu erzählen. Das Verhalten der sie inquirierenden Damen hatte ihr den Verdacht hinreichend nahe gelegt, daß man etwas gegen ihren Vormund im Schilde führe, und zu seiner Verteidigung entwickelte sie die Lügenhaftigkeit und die Einbildungskraft eines schlauen Kindes. Was sie wirklich gesagt hatte, gelangte nur durch ihre Äußerungen zu Ohren des Obersten: »Und natürlich haben Sie Menschen umgebracht – denn Sie sind doch Oberst, verstehen Sie!« (Hier gab der Oberst die Tatsache zu, daß er im mexikanischen Kriege gedient hatte.) »Und Sie können predigen, denn sie haben Sie predigen hören, als Sie vordem hier waren,« fügte sie zuversichtlich hinzu; »und natürlich haben Sie Neger – das sieht man schon an ›Jim‹ – (Der Oberst versuchte hier zu erklären, daß Jim jetzt, da er in einem ›freien‹ Staate war, ein freier Mann sei, aber Pansy ging über so seine Unterscheidungen hinweg,) »Und reich sind Sie auch, wissen Sie, denn Sie gaben mir jenes Zehndollarstück ganz für mich allein. So hab ich ihnen ein Licht aufgesteckt, wie sie's verdienen – die alten Spione und Klatschbasen!« Der Oberst, der sich mehr über Pansys Ergebenheit freute, als er sich den Vorfall selbst zu Herzen nahm, acceptierte dieses Charakterbild unter bescheidener Verwahrung, doch ein späteres Vorkommnis veranlaßte ihn, ernsthafter darüber zu denken.

Sie hatten ihren gewohnten Bummel durch die Alameda unternommen und die Runde durch die Läden gemacht, wobei der Oberst seine gewohnte freigebige Kauflaune und seine übertriebene väterliche Gönnerschaft zur Schau getragen hatte, und waren so weiter zu ihrer gewohnten Erfrischung in der Konditorei gegangen, wo es das gewohnte Gefrorene mit Kuchen für Pansy, aber diesmal – auch eine Nachgiebigkeit gegen die Tyrannin Pansy – ein Glas Sodalimonade und ein Biskuit für den Oberst gab. Er hustete über seinem ungewohnten Getränk, und Pansy, deren Lebhaftigkeit durch Süßigkeiten angeregt zu werden pflegte, zwitscherte an seiner Seite. Der große Erfrischungsraum füllte sich mit Gästen – hauptsächlich Damen und Kindern, was den Oberst, als den einzigen anwesenden Mann, etwas genierte, als plötzlich Pansys Aufmerksamkeit durch einen neuen Ankömmling abgelenkt ward. Es war eine aufgedonnerte Person, die sich mit selbstbewußter, herausfordernder Miene in Gesellschaft eines Mannes an einem leeren Tisch niederließ und sich anschickte, einen überfest sitzenden Handschuh auszuziehen.

»Du mein – !« sagte Pansy in bewunderndem Staunen. »Gelt, die ist hübsch?«

Oberst Starbottle blickte zerstreut auf, doch beim ersten Blick wurde sein Gesicht purpurn und nahm dann einen finsteren Ausdruck an. Er hatte in der extravaganten Schönen Fräulein Flora Montague erkannt, den »westlichen Stern der Terpsichore und des Gesanges«, mit dem er vor einigen Tagen in Sacramento zu Abend gespeist hatte. Die Dame war »auf Reisen« mit ihrer »zusammengestellten Truppe«.

Der Oberst beugte sich vor und heftete seine dunklen Augen auf Pansy. »Das Zimmer wird zu voll; ich muß – äh – dich ersuchen – äh – dich zu beeilen.«

Das Wesen des Obersten war ganz verändert, wie das schnellfassende Kind bemerkte. Aber sie hatte diese Wahrnehmung nicht mit dem Eintritt der Fremden in Verbindung gebracht, und während sie gehorsam ihr Eis auslöffelte, fuhr sie arglos fort: »Die schöne Dame lächelt und guckt hier herüber. Scheint Sie zu kennen; und der Mann bei ihr auch.«

»Ich – äh – muß dich ersuchen,« sagte der Oberst mit schroffer Bestimmtheit, » nicht dorthin zu blicken, sondern dich – äh – zu beeilen.«

Sein Ton war so bestimmt, daß das Kind ein Pfännchen zog, doch ehe es sprechen konnte, neigte sich ein Schatten über ihren Tisch. Es war der Begleiter der »schönen Dame«.

»Scheinen uns nicht zu sehen, Oberst,« sagte er plumpvertraulich und legte seine Hand auf die Schulter des Obersten. »Florry möchte wissen, was Sie sich eigentlich denken.«

Der Oberst erhob sich bei der Berührung. »Sagen Sie ihr, Herr,« sagte er heiser, aber mit bedächtiger Entschlossenheit, »daß ich denke, diesen Ort mit meinem Mündel, Fräulein Stannard, zu verlassen. Guten Morgen!« Damit hob er Pansy mit unendlicher Höflichkeit vom Stuhl, nahm sie bei der Hand, schlenderte an die Kasse, warf ein Goldstück hin, ging, sich in die Brust werfend, an dem Tisch der verdutzten Schönen vorbei und stapfte mit Pansy aus dem Lokal. Auf der Straße blieb er stehen und hieß das Kind weitergehen; und als er sodann bemerkte, daß der Begleiter des Frauenzimmers ihm nicht folgte, holte er seine kleine Gefährtin ein.

Kurze Zeit gingen die beiden schweigend nebeneinander her. Dann wurde Pansys Neugier Herr über ihr Schmollen und sie verlangte Aufklärung. Sie hatte ihre eigene kindliche Erklärung für die Szene gefunden. Der Oberst war zornig und hatte das Frauenzimmer für irgend etwas bestraft! Sie drängte sich näher an ihn heran und sagte zuversichtlich mit einem Aufblick ihrer großen Augen: »Was hat sie denn getan?«

Der Oberst war erstaunt, verwirrt und sprachlos. Er war auf diese Frage gänzlich unvorbereitet und vermochte sie nicht zu beantworten. Sein plötzlicher Aufbruch aus dem Laden hatte bezweckt, eben der Enthüllung auszuweichen, die jetzt von ihm verlangt wurde. Eine dreiste Lüge war der einzige Ausweg. Er wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch, hustete und fing entschlossen an: »Die – äh – fragliche Dame hat einen Wohlgeruch, genannt – äh – Patschuli an sich, ein – äh – Parfüm, das mir aufs äußerste zuwider ist. Ich bemerkte es sofort bei ihrem Eintritt, und ich wünschte ihm zu entweichen – ohne weiter damit in Berührung zu kommen. Es ist eine – äh – eigentümliche, aber feststehende Tatsache, daß gewisse Leute – äh – besonders empfindlich für Gerüche sind. Ich hatte einen – äh – lieben alten Freund, der vom Jasmingeruch immer – äh – ohnmächtig wurde; und General Bludyer, ein guter Bekannter von mir, brach jedesmal wie von einer Kugel getroffen zusammen, wenn man ihm ein gewöhnliches Veilchen darbot! Die – äh – Gepflogenheit, solche Parfüms allzu reichlich in der Öffentlichkeit anzuwenden,« fuhr der Oberst mit einem Blick auf die unschuldige Pansy im Tone tödlicher Entschlossenheit fort, »kann gar nicht stark genug verurteilt werden, desgleichen die Gepflogenheit – äh – öffentliche Erholungsorte – in auffallender Kleidung zu besuchen, in Begleitung von – äh – Individuen, die sich in die – äh – vertrauliche Unterhaltung andrer eindrängen. Ich will hoffen, daß du solche Parfüms, Örtlichkeiten, Toiletten und – äh – Begleiter immerdar und allezeit meiden wirst.« Der Oberst hatte seine Stimme zur Wucht seiner forensischen Reden gesteigert, und Pansy, die einigermaßen verblüfft war, versprach es. Ob sie der Erklärung des Obersten ganz traute, ist allerdings eine andre Frage. Der Vorfall schien, trotzdem nicht wieder darauf angespielt ward, einen Schatten auf den Rest ihres kurzen freien Nachmittags zu werfen, und das Betragen des Obersten war unverkennbar ernster. Es kam dem Kinde jedoch eher liebevoller und aufmerksamer vor. Er hatte sich sonst beim Abschied von Pansy mit würdevoller Ergebung küssen lassen, worauf er sofort wieder seine erhabenste Miene aufgesetzt hatte. Heute aber drückte er seine geraden, glattrasierten Lippen auf den Scheitel ihres dunklen Hauptes und zog sie, als ihre Ärmchen seinen Hals umfaßten, fest an seine Seite. Das Kind stieß einen leichten Schrei aus, und der Oberst legte schleunigst die Hand an seine Brust. Ihre rundliche Wange war mit seinem Deringer – einer kleinen, schönen Präzisionswaffe – in Berührung gekommen, die unfehlbar in seiner Westentasche steckte. Das Kind lachte, desgleichen der Oberst, aber seine Wangen wurden gehörig rot.

*

Vier Monate später, und eine stürmische Nacht. Die Regengüsse, die ein starker Südwestwind gegen die oberen Fenster des Magnolia-Wirtshauses jagte, verwischten zuweilen den Glanz der hellen Lichter drinnen, und das Krachen der Fichten umher erstickte manchmal die Klänge des Gesangs und Gelächters, die aus einem Speisezimmer für geschlossene Gesellschaft drangen. Selbst die rasselnde Ankunft und Abfahrt der Postkutsche von Sacramento, die die Tiefen drunten in Bewegung setzte, berührte diese Schwärmer da droben nicht. Denn Oberst Starbottle, Jack Hamlin, Richter Beeswinger und Jo Wyngard trieben in Gesellschaft der Damen Montague, Montmorency, Bellefield und »Tinky« Clifford von der »zusammengestellten Truppe des westlichen Sterns«, zur Zeit »auf Gastreisen«, in dem Speisezimmer »höheren Jux«. Der Oberst war in letzter Zeit verdrießlich, reizbar und leicht aus dem Häuschen gewesen. In den Worten eines Freundes und Bewunderers ausgedrückt: »Man blieb ihm am besten zwölf Schritte vom Leibe!«

In einer Pause des allgemeinen Lärms ließ sich ein chinesischer Kellner an der Tür blicken, der vergebens versuchte, die Aufmerksamkeit des Obersten durch Zeichen und Rufe auf sich zu lenken. Herrn Hamlins schnelles Auge bemerkte den Eindringling zuerst.

»Immer herein, Confucius,« sagte Jack leutselig, »Zwar ein bißchen spät dran für 'ne ordentliche Vorstellung; aber so 'n klein wenig Messerschlucken oder Tellerdrehen – «

»Kleine Dame Oberst besuchen! Die Chinese sprechen l statt r. Anm. d. Übers. Walte, malte unten, neben Haus,« unterbrach ihn der Chinese, indem er seine Rede sowohl an Jack als an den Oberst richtete.

»Was! Noch 'ne Dame? So darf ich hier nicht länger bleiben!« sagte Jack und erhob sich mit schön gespieltem Anstand.

»Bitte sie herauf,« zirpte Tinky Clifford.

Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür hinter dem Chinesen, und eine kleine Gestalt, von deren Kleid und Hut die Regentropfen abliefen, glitt schnell herein. Nach einem kurzen, halb erschrockenen, halb bewundernden Blick auf die Gesellschaft schoß sie mit einem kleinen Aufschrei auf den Oberst zu und umschlang ihn mit ihren feuchten Armen. Der Rest der Versammlung hielt in seinem Spektakel inne und schnappte vor ungläubigem Staunen nach Luft; der Oberst aber wurde purpurrot und ächzte. Doch nur einen Augenblick. Im nächsten war er auf seinen Beinen, hielt das Kind an der einen Hand und machte mit der andern eine würdevolle Gebärde nach der Tafel: »Mein Mündel – Fräulein Pansy Stannard,« sagte er gelassen. Doch das Kind zur Seite ziehend, flüsterte er rasch: »Was ist geschehen? Warum bist du hier?«

Aber Pansy, die nach Kinderart bereits durch die vielen Lichter, die mit Leckerbissen besetzte Tafel und die prächtig gekleideten Frauenzimmer abgelenkt war, antwortete halb zerstreut: »Ich bin weggelaufen!«

»Scht!« flüsterte der Oberst erschrocken.

Aber Pansy fuhr, sich an die ganze Gesellschaft wendend, halb schmollend fort: »Jawohl! Ich bin weggelaufen, weil sie mich quälten! Weil sie Sie nicht mochten und schreckliche Dinge sagten. Weil sie häßliche, fürchterliche Lügen vorbrachten! Weil sie sagten, ich sei gar keine Waise! – Mein Name sei nicht Stannard, und Sie hätten das alles nur aufgebracht. Weil sie sagten, ich sei eine Lügnerin – und Sie seien mein Vater!«

Ein plötzlich ausbrechendes Gelächter erschütterte jetzt das Zimmer und übertäubte selbst den Sturm draußen; wieder und wieder brach es los, als der Oberst schwer atmend auf seine Füße taumelte. Einen Augenblick schien es, als wollten seine Bemühungen, sich zu bezwingen, in einem Schlaganfall enden. Vielleicht im Hinblick darauf unterdrückte Jack Hamlin sein Lachen und wurde plötzlich ernst. Doch im nächsten Augenblick wurde Oberst Starbottle ebenso plötzlich weiß wie der Tod, indem er sich über den Tisch beugte und heiser aber bestimmt sagte: »Ich muß die anwesenden Damen ersuchen, sich zurückzuziehen.«

»Kümmern Sie sich nicht um uns, Oberst,« sagte Richter Beeswinger, »'s bleibt hier alles in der Familie, verstehen Sie! Und – wenn ich mir das Mädel anschau' – den Henker auch! Sie sieht Ihnen in der Tat ähnlich, Sie alter Schwerenöter. Ha! ha!«

»Und was die Damen angeht,« sagte Wyngard mit einem schwachen, trunkenen Lachen, »es sei denn, daß eine davon geneigt ist, die Sache persönlich zu nehmen – he?«

»Halt!« brüllte der Oberst.

Sein Wort und seine Stimmung waren jetzt nicht zu mißdeuten. Die beiden Männer schwiegen beleidigt und plötzlich ernüchtert. Hamlin stand auf, klopfte seinen schönen Gesellschafterinnen scherzend aber bestimmt auf die Schultern, sagte: »Lauft weg und spielt, Mädels!« schaffte sie, trotz ihres Kicherns und Widerstrebens, alle miteinander aus dem Zimmer, schloß die Tür und stellte sich mit dem Rücken dagegen. Dann sah man den Oberst, der noch kreideweiß war, das Kind bei der Hand halten, während dieses sich verwundert und ängstlich gegen ihn sträubte.

»Ich danke Ihnen, Herr Hamlin,« sagte der Oberst mit leiserer Stimme, doch mit einem Anflug seiner gewohnten Würde darin, »daß Sie hier in Gegenwart dieses Kindes Zeuge meiner bestimmten Erklärung sind, daß eine ruchlosere, gemeinere und nichtswürdigere Lüge niemals ausgesprochen wurde als die, so man in seine unschuldigen Ohren geträufelt hat!« Er schwieg, ging, die Kleine noch immer an der Hand haltend, nach der Tür und öffnete sie, während Hamlin zur Seite trat. Dann sagte er zu seiner Schutzbefohlenen, sie solle ihn in dem allgemeinen Empfangszimmer erwarten, schloß die Tür wieder und trat nochmals den beiden Männern gegenüber. »Und,« fuhr er entschlossener fort, »für die niederträchtigen Anzüglichkeiten, die Sie, Richter Beeswinger, und Sie, Herr Wyngard, sich in ihrer und meiner Gegenwart erlaubt haben, werde ich von jedem von Ihnen die vollste Genugtuung – persönliche Genugtuung verlangen. Meine Sekundanten werden Ihnen morgen früh ihren Besuch machen.«

Die beiden Männer erhoben sich ernüchtert – doch kampfesmutig.

»Wie Sie wünschen, Herr,« sagte Beeswinger auflodernd.

»Je eher desto besser für mich,« fügte Wyngard kurz hinzu.

Sie gingen mit einem Lächeln und einem vielsagenden Mienenspiel an dem gelassen dreinblickenden Jack Hamlin vorüber, als ob sie ihn zum Zeugen für die Tollheit des Obersten anrufen wollten, und schritten zum Zimmer hinaus.

Als die Tür sich hinter ihnen schloß, brachte Hamlin seine weiße Weste ein wenig in Ordnung und schlenderte, die Hände in die Hüften gestemmt, auf den Oberst zu.

»Und was dann?« sagte er ruhig.

»He?« sagte der Oberst.

»Nachdem Sie den einen oder den andern dieser Männer erschossen haben, oder einer von ihnen Sie niedergeknallt hat, was soll dann aus dem Kinde werden?«

»Wenn – ich – äh – am Leben bleibe, Herr,« sagte der Oberst heiser, »werde ich sie auch ferner – gegen Verleumdung und Hohn zu verteidigen wissen.«

»In diesem Stil, he? Nachdem ihr Leben durch die Verbindung mit einem Manne Ihres Rufes zur Hölle gemacht ist, nehmen Sie sich vor, es durch einen Streit mit einem Paar betrunkener Taugenichtse wie Beeswinger und Wyngard weißzuwaschen, angesichts dreier geschminkter Dirnen und einem verdammten Lumpen wie ich! Glauben Sie, das werde nicht in ganz Kalifornien bekannt sein, ehe sie wieder in der Schule angelangt ist? Glauben Sie, diese schnatternden Dirnen in dem Zimmer daneben werden nicht die ganze Geschichte dem ersten Besten, der sie freihält, ausplaudern?« (Eine souveräne Verachtung des schönen Geschlechts im allgemeinen macht Hamlin für dieses ganz besonders anziehend.)

»Trotzdem, Herr,« stammelte der Oberst, »ist die schleunige Züchtigung dessen, der es wagte – «

»Züchtigung!« unterbrach ihn Hamlin. »Wer soll den bestrafen, der am meisten gewagt hat? Den einen, der für die ganze Sache verantwortlich ist? Wer soll Sie bestrafen?«

»Herrrr Hamlin!« ächzte der Oberst, indem er zurücktrat, während seine Hand sich unwillkürlich zur Höhe seiner Westentasche und seines Derringers hob.

Doch Herr Hamlin setzte lediglich das Weinglas hin, das er vom Tisch erhoben und vorsichtig zwischen seinen Fingern gedreht hatte, und schaute den Oberst fest an.

»Schauen Sie her!« sagte er bedächtig. »Als die Jungens sagten, Sie hätten die Vormundschaft über dieses Kind nicht um Dick Stannards willen angenommen, sondern nur, um dem Ihnen gespielten Scherz einen Trumpf aufzusetzen, da glaubte ich ihnen nicht! Als diese Männer und Weiber sich heute nacht wälzen wollten bei der Erzählung, daß es Ihr Kind sei, da glaubte ich das nicht! Als andre sagten, Sie wollten sie im Ernste zu Ihrem Mündel machen und ihr Ihr Vermögen hinterlassen, weil Sie wie ein Vater in sie vernarrt seien, da glaubte ich das nicht.«

»Und – warum glaubten Sie das nicht?« sagte der Oberst schnell, aber mit einem seltsamen Zittern m der Stimme.

»Weil ich,« sagte Hamlin, der plötzlich so ernst wie der Oberst wurde, »nicht glauben konnte, daß jemand, der sich auch nur einen Pfifferling um das Kind kümmerte, eine Stellung annehmen würde, die sie mit einem so erbärmlichen Leben, wie wir es führen, und einer so verkommenen Gesellschaft wie die unsrige, in Berührung bringen könnte. Ich konnte nicht glauben, daß selbst der gottverlassenste, eingebildetste Narr einer kleinen gefühlsduseligen Eitelkeit zuliebe zugeben könnte, daß die Zukunft dieses Kindes vernichtet würde. Ich konnte es nicht glauben, selbst wenn jener sich einbildete, wie ein Vater zu handeln. Ich glaubte nicht daran, aber jetzt fange ich an daran zu glauben.«

Es war kaum ein Unterschied im Ausdruck der beiden entschlossenen Gesichter, die sich jetzt schweigend auf Fußeslänge betrachteten. Doch es war der Oberst, der zuerst sprach: »Herrrr Hamlin! Sie sagten vor einem Augenblick, ich sei – ah, hm – für das Vorkommnis dieses Abends verantwortlich, waren sich aber darüber im unklaren, wer mich – äh – dafür bestrafen könnte. Ich bekenne mich zu der Verantwortlichkeit, die Sie, Herr, angedeutet haben, und stelle mich Ihnen zur Verfügung. Aber da dieser Angelegenheit zwischen uns der Vorrang vor – meinen Verpflichtungen gegen jene Kanaillen zukommt, so werde ich Sie mit Ihren Sekundanten bei Sonnenaufgang auf dem ›Verbrannten Grat‹ erwarten. Guten Abend, Herr.«

Aufrechten Hauptes verließ der Oberst das Zimmer. Hamlin aber zuckte leichthin mit den Schultern, wandte sich nach der Tür des Zimmers, wohin er vorhin die Damen verbannt hatte, und binnen kurzem war seine Stimme die lustigste unter den lustigen.

Bei alledem ermöglichte er es, die Dämchen zeitig wegzubringen. Als er sie in einen großen Gesellschaftswagen gepackt und ihre Abfahrt in den Sturm hinaus beobachtet hatte, kehrte er auf einen Augenblick nach dem Vorzimmer zurück, um seinen Überzieher zu holen. Da vernahm er zu seiner Überraschung die Stimme des Kindes in dem Speisezimmer, und da die Tür nur angelehnt war, konnte er ganz deutlich sehen, wie sie am Tische saß, einen Teller mit Süßigkeiten vor sich, während Oberst Starbottle, den Rücken der Tür zugekehrt, ihr mit ein wenig vorgeneigten Schultern gegenübersaß, indem er sie eifrig beobachtete. Es schien Hamlin, als seien die beiden in einer aufregenden Auseinandersetzung begriffen, denn Pansys Stimme war teils von Schluchzen und teils, ich sage es mit Bedauern, von dem eiligen Verschlingen der ihr vorgesetzten Leckerbissen unterbrochen. Doch trotz des draußen wütenden Sturmes hörte er sie sagen: »Jawohl! Ich will gut sein (Schluchzen) – und mit Frau Pyecroft gehen (Schluchzen) – und versuchen – einen andern Vormund lieb zu haben (Schluchzen) – und nicht mehr weinen (Schluchzen) – und – o, bitte, tun Sie's doch nicht

Doch hier schlüpfte Hamlin mit tiefernstem Gesichte aus dem Zimmer und aus dem Hause. Als der Oberst eine Stunde später mit Pansy vor der Tür Pyecrofts vorfuhr, fand er Herrn Pyecroft ein wenig verlegen, und eine Gestalt, die in der Dunkelheit Herrn Hamlin zu gleichen schien, war gerade bei seinem Eintritt aus der Tür gekommen.

Doch die Sonne war nicht zeitiger als Herr Hamlin auf dem Verbrannten Grat. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte sich ausgetobt; einige Nebelstreifen hingen von dem rot erglühenden Grat in die Talungen herab. Dann fuhr ein Windzug darüber hin, und Hamlin sah aus dem zerfliegenden Nebelhang ein paar schwarze Gestalten auftauchen, fest zugeknöpft wie er selbst, in denen er Beeswinger und Wyngard in Begleitung ihrer Sekundanten erkannte. Doch der Oberst kam nicht. Hamlin schloß sich den andern in lebhafter, zutraulicher Unterhaltung an, wobei er zugleich wachsam nach dem fehlenden Gegner ausschaute. Fünf, zehn Minuten verstrichen, und noch war der sonst so pünktliche Oberst nicht da. Hamlin schaute ernst drein; Wyngard und Beeswinger tauschten fragende Blicke. Dann sah man einen Einspänner wild den Abhang herauffahren, und heraus sprang Oberst Starbottle in Begleitung von Dick Mac Kinstry, seinem Sekundanten, der seinen Pistolenkasten trug. Und nun – seltsam genug für Männer, die die Ankunft eines Gegners erwarteten, der sein Ziel nie zu verfehlen pflegte – atmeten sie erleichtert auf!

Mac Kinstry ging seinem Auftraggeber ein wenig voraus, und die andern konnten sehen, daß Starbottle, wiewohl aufrecht, doch langsam daherging. Es überraschte sie ferner, zu bemerken, daß er hager und hohläugig war und in den paar Stunden, die verflossen, seit sie ihn zuletzt gesehen, zehn Jahre älter geworden zu sein schien. Mac Kinstry, ein großer Kentuckier, grüßte und ergriff zuerst das Wort.

»Oberst Starbottle,« sagte er förmlich, »wünscht sein Bedauern über diese Verzögerung auszusprechen, die unvermeidlich war, da er sein Mündel begleiten mußte, das heute morgen mit der Rückpost in Begleitung von Frau Pyecroft nach Sacramento abgereist ist,« Hamlin, Wyngard und Beeswinger wechselten Blicke. »Oberst Starbottle,« fuhr Mac Kinstry fort, indem er sich zu seinem Auftraggeber wandte, »wünscht, Herrn Hamlin ein Wort zu sagen.«

Als Hamlin aus der Gruppe vortreten wollte, hob Oberst Starbottle die Hand und winkte ab. »Was ich zu sagen habe, muß vor diesen Herren gesagt werden,« fing er bedächtig an. »Herr Hamlin! Als ich um die Ehre dieser Zusammenkunft ersuchte, stand ich unter einem bedauerlichen Mißverständnis hinsichtlich der Absicht und des Zweckes Ihrer Äußerungen über mein Vorgehen von gestern abend. Ich setze voraus,« fuhr er fort, indem er seine bis oben zugeknöpfte Gestalt etwas reckte, »daß der Ruf, dessen ich mich bei – äh – derartigen Zusammenkünften stets erfreut habe, jede – äh – Mißdeutung meines gegenwärtigen Vorhabens ausschließen wird, das dahin geht, um die – äh – Erlaubnis zur Zurückziehung meiner Forderung nachzusuchen und demütig um Verzeihung zu bitten.«

Kaum hatten sich die Anwesenden von ihrem Erstaunen erholt und hatte Hamlin einen Händedruck mit dem Oberst gewechselt, als dieser sich wieder aufrichtete und mit einer Wendung zu seinem Sekundanten sagte: »Und jetzt stehe ich Richter Beeswinger und Herrn Wyngard zu Gebote – wer mir zuerst die Ehre erweisen will.«

Aber die beiden Männer schauten einen Augenblick seltsam verdutzt drein. Doch ward die peinliche Stimmung endlich von Richter Beeswinger gebrochen, der freimütig mit ausgestreckter Hand auf den Oberst zukam. »Wir sind lediglich hierhergekommen, um uns zu entschuldigen, Oberst Starbottle. Ohne uns Ihres Rufes und Ihrer Erfahrung in diesen Dingen rühmen zu können, glauben wir dennoch gleich Ihnen keinerlei Mißverständnis befürchten zu müssen, wenn wir sagen, daß wir unser törichtes und unhöfliches Betragen von gestern abend tief bedauern.«

Eine schnelle Röte stieg in des Obersten hagere Wangen, als er sich mit einem argwöhnischen Blick auf Hamlin zurückzog.

»Herr Hamlin! – meine Herren! – wenn dies eine – äh – !« Doch bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte, hatte Hamlin seine Hand dem Oberst auf die Schulter gelegt. »Mein Wort darauf, Oberst, daß diese Herren die ehrliche Absicht hatten, sich zu entschuldigen, und zu diesem Zweck hergekommen sind – und – ich auch – nur sind Sie mir zuvorgekommen!«

Bei dem Gelächter, das Hamlins Offenherzigkeit folgte, heiterten sich die Züge des Obersten auf und er drückte seinen bisherigen Gegnern die Hände.

»Und nun,« sagte Hamlin munter, »wollen wir zusammen frühstücken – und versuchen, uns für das unterbrochene Abendessen von gestern abend schadlos zu halten.«

Das war die einzige Anspielung auf jene Unterbrechung und ihre Folgen, denn während des Frühstücks sagte der Oberst nichts über sein Mündel, und die andern Gäste schwiegen vorsichtig. Aber Herrn Hamlin war damit nicht gedient. Es gelang ihm, des Obersten Diener, Jim, beiseite zu nehmen, und er lockte aus dem Neger heraus, daß Oberst Starbottle das Kind vergangene Nacht zu Pyecrofts gebracht hatte; daß er ein langes Gespräch mit Pyecroft geführt, Briefe geschrieben hatte und die ganze Nacht »wie Flut und Ebbe« auf und ab gegangen war, und daß er (Jim) froh sei, daß das Kind fort sei!

»Warum?« fragte Hamlin mit geheuchelter Gleichgültigkeit.

»Sie machte den Oberst grad' wie die lausigen Leute aus 'm Norden – vorsichtig und furchtbar ängstlich vor dem, was die hochnäsigen Leute sagen. Und wozu? Nur um mit dem Kind 'rumzustolzieren, als wär' er ihr Sonntagsparadevater!«

»Und tat es dem Kinde leid, daß es von ihm fort mußte?« fragte Hamlin.

»O – nein, Herr! 'ne wunderbare Sache, Meister Jack, mit 'n Mädels – großen und kleinen – sie nützen den Oberst nur so aus! Das ist alles! Sie nützen den alten Mann nur so aus wie 'ne Stange, mit der sie ihre Pflaumen 'runterholen – nicht?«

Doch Herr Hamlin lächelte nicht.

Später wurde bekannt, daß Oberst Starbottle mit Bewilligung des Gerichts seine Vormundschaft niedergelegt habe. Ob er sein einstiges Mündel je wieder gesehen, verlautete nicht, ebensowenig, ob er ihr ein treues Andenken bewahrte.

Die Leser der Zeitberichte werden sich jedoch entsinnen, daß der Oberst jahrelang nachher, als er die Witwe eines gewissen Herrn Tretherick ehelichte, sowohl während seiner Bewerbung als während seines kurzen Ehelebens merkwürdig gleichgültig gegen die kindlichen Reize von Carrie Tretherick, ihrem geliebten Töchterchen, war, und daß er durch diese Unempfänglichkeit schweren Anstoß bei der Witwe erregte.

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