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Walter Flex: Der Wanderer zwischen beiden Welten (1) - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Wanderer zwischen beiden Welten
authorWalter Flex
yearca. 1940
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleDer Wanderer zwischen beiden Welten (1)
pages1-32
created20031125
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Der Wanderer zwischen beiden Welten

Ein Kriegserlebnis

von

Walter Flex


Dem Gedächtnis meines lieben Freundes
Ernst Wurche
Kriegsfreiwillig im 3. niederschlesischen Inf.-Rgt. 50
Leutnant d. R. im 3. unterelsässischen Inf.-Rgt. 138


Eine stürmische Vorfrühlingsnacht ging durch die kriegswunden Laubwälder Welsch-Lothringens, wo monatelanger Eisenhagel jeden Stamm gezeichnet und zerschroten hatte. Ich lag als Kriegsfreiwilliger wie hundert Nächte zuvor auf der granatenzerpflügten Waldblöße als Horchposten und sah mit windheißen Augen in das flackernde Helldunkel der Sturmnacht, durch die ruhlose Scheinwerfer über deutsche und französische Schützengräben wanderten. Der Braus des Nachtsturms schwoll anbrandend über mich hin. Fremde Stimmen füllten die zuckende Luft. Über Helmspitze und Gewehrlauf hin sang und pfiff es schneidend, schrill und klagend, und hoch über den feindlichen Heerhaufen, die sich lauernd im Dunkel gegenüberlagen, zogen mit messerscharfem Schrei wandernde Graugänse nach Norden.

Die verflackernde Lichtfülle schweifender Leuchtkugeln hellte wieder und wieder in jähem Überfall die klumpigen Umrisse kauernder Gestalten auf, die in Mantel und Zeltbahn gehüllt gleich mir, eine Kette von Spähern, sich vor unseren Drahtverhauen in Erdmulden und Kalkgruben schmiegten. Die Postenkette unsres schlesischen Regiments zog sich vom Bois des Chevaliers hinüber zum Bois de Vérines, und das wandernde Heer der wilden Gänse strich gespensterhaft über uns alle dahin. Ohne im Dunkel die ineinanderlaufenden Zeilen zu sehen, schrieb ich auf einen Fetzen Papier ein paar Verse:

Wildgänse rauschen durch die Nacht
Mit schrillem Schrei nach Norden –
Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht!
Die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,
Graureisige Geschwader!
Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,
Weit wallt und wogt der Hader.

Rausch' zu, fahr' zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!
Fahrt ihr nach Süden übers Meer –
Was ist aus uns geworden!

Wir sind wie ihr ein graues Heer
Und fahr'n in Kaisers Namen,
Und fahr'n wir ohne Wiederkehr,
Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Während ich das im Bois des Chevaliers schrieb, lag drüben im Vérines-Walde ein zwanzigjähriger Student der Theologie, Kriegsfreiwilliger gleich mir, auf Horchposten. Wir wußten damals noch nichts voneinander. Aber als er, Monate später, die Verse in meinen Kriegstagebuchblättern fand, entsann er sich deutlich jener Nacht und des wandernden Gänseheers, das über uns beide dahinzog. Beide sahen wir ihm mit den gleichen Gedanken nach. Und an uns beide trat in derselben Stunde aus dem Dunkel der hinter uns liegenden Gräben eine Gefechtsordonnanz mit dem Befehl, uns um Mitternacht marschfertig vor dem Regimentsgeschäftszimmer zu melden. Mit müden und doch seltsam wachen Sinnen sahen wir im Abstieg noch einmal die schwermütige Schönheit der kahlen, grauen Hänge und Mulden, deren Kalk im Mondlicht tot, fremd und schwer wird, und die lichtlose, graue Einsamkeit der zerschossenen und verlassenen Steinhütten . . . .

Im Geschäftszimmer des Regiments erfuhren wir, daß wir bei Morgengrauen mit zwanzig andern Kriegsfreiwilligen nach Deutschland in Marsch gesetzt würden, um im Posener Warthelager eine Offiziersausbildung durchzumachen. Auf der abschüssigen Dorfstraße zwischen der granatenzertrümmerten Kirche und dem Pfarrhaus mit seinen Kriegergräbern trat unser kleiner Trupp in der Frühe des folgenden Tages an. Zur gleichen Zeit wie wir sollte ein Kommando von Berufsschlächtern, die zur Verwendung in der Heimat aus der Truppe gezogen waren, den Ort verlassen. Während wir nun in Reih und Glied, des Marschbefehls gewärtig, vor dem Pfarrhaus standen, trat ein Major an uns heran und rief uns von weitem zu: »Seid ihr die Metzger, Kerls?« und ein Chorus von beleidigten und vergnügten Stimmen antwortete: »Nein, Herr Major, wir sind die Offiziersaspiranten!« Während der Major mit einem verdrießlichen Gemurmel an unserem grauen Häuflein vorbei die Suche nach seinen Metzgern fortsetzte, sah ich zufällig in ein paar auffallend schöne lichtgraue Menschenaugen. Sie gehörten meinem Nebenmann und standen randvoll fröhlichen Lachens. Wir sahen uns an und begegneten uns in der Freude an einem jener kleinen harmlos-spaßhaften Erlebnisse, an denen unser Kriegsfreiwilligendasein reich war. Was für reine Augen hat der junge Mensch! dachte ich und merkte beim Aufruf durch den Regimentsschreiber auf seinen Namen. »Ernst Wurche.« »Hier!« Nun, dachte ich, es ist hübsch, daß du und ich den gleichen Weg haben . . . .

Ein paar Stunden später stieg unser kleiner Trupp die mit Strömen von Heldenblut getränkten Höhen der Côtes Lorraines von Hâtonchatel nach Vigneulles hinab. Der steile Abstieg und die von Tau und Sonne sprühend frische Luft rückte einem, ohne daß man's recht wußte, den Kopf in den Nacken, und bald flatterte ein Lied wie eine helle frohe Fahne über dem grauen Häuflein. »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein! Wer lange sitzt, muß rosten. Den allersonnigsten Sonnenschein läßt uns der Himmel kosten.« Wie lange hatte man das nicht gesungen! Wer hatte es angestimmt? Der junge Student mir zur Seite hatte eine Stimme, so hell und rein wie seine Augen. Wer so singt, mit dem wird gut plaudern sein, dachte ich, während er unbekümmert froh die frischerwachte Wanderlust im Liede ausschwingen ließ . . . .

Steiler und steiler drängte die Straße in die weite lothringische Ebene hinab. In scharfer Wendung zwang sie auf halber Höhe plötzlich den Blick rückwärts und hinauf zu der in Morgenröte und Frühnebeln badenden Kirche von Hâtonchatel, aus deren gotischem Zierat die junge Sonne gleichsam in hellen Bächen hervorsickerte, empor zu den zerschossenen Häusern, die sie umdrängten, und zu dem Bergfriedhof davor, über dessen graue Mauern das Leben in Büscheln frischen Grüns mit hundert schlanken Zweigen voll silbrig schimmernden Teufelszwirns und schwellender Haselkätzchen hinausdrängte. Je tiefer wir stiegen, desto thronender hob sich über das Tal und die taufeuchten Rebenhänge, in immer hellerer Sonne schwelgend, die Kirchenruine von Hâtonchatel, eine Gottesburg, vor der sich das reiche Land hinauf und hinab breitete wie ein Gebetsteppich für Scharen von Pilgern.

Vielleicht hätte ich dies alles nicht so gesehen ohne den zwanzigjährigen Kameraden neben mir. Er sang nicht mehr, sondern war ganz in Schauen und Schreiten versunken. Trotz und Demut, die Anmut des Jünglings, lagen wie ein Glanz über der Haltung des straffen Körpers, dem schlanken Kraftwuchs der Glieder, dem stolzen Nacken und der eigenwilligen Schönheit von Mund und Kinn. Sein Gehen war federnde, in sich beruhende und lässig bewährte Kraft, jenes Gehen, das »Schreiten« heißt, ein geruhiges, stolzes und in Stunden der Gefahr hochmütiges Schreiten. Der Gang dieses Menschen konnte Spiel sein oder Kampf oder Gottesdienst, je nach der Stunde. Er war Andacht und Freude. Wie der schlanke, schöne Mensch in dem abgetragenen grauen Rock wie ein Pilger den Berg hinabzog, die lichten grauen Augen ganz voll Glanz und zielsicherer Sehnsucht, war er wie Zarathustra, der von den Höhen kommt, oder der Goethesche Wandrer. Die Sonne spielte durch den feinen Kalkstaub, den seine und unsere Füße aufrührten, und der helle Stein der Bergstraße schien unter seinen Sohlen zu klingen . . . .

Sein Gang war Wille und Freude. Er ging aus Vergangenheit in Zukunft, aus den Lehrjahren ging er in seine Meisterjahre hinüber. Hinter ihm versanken die Berge, auf denen er mit Picke und Spaten geschanzt hatte, die Wälder, deren zentnerschwere Stämme er stundenweit auf willigen Schultern getragen, die Dörfer, deren Straßen er mit Schaufel und Kotrechen saubergehalten hatte, die Gräben, in denen er zu allen Stunden des Tages und der Nacht seinen Wachdienst getan, und die Erdlöcher und Unterstände. in denen er soviel Monate hindurch mit Handwerkern, Fabrikern und polnischen Landarbeitern gute Kameradschaft gehalten hatte. Er hatte sechs Monate hindurch den grauen Rock ohne Knopf und Tressen getragen, und von den härtesten und niedrigsten Diensten war ihm nichts geschenkt worden. Nun schritt er von den Bergen herab, um Führer zu werden. Aber er warf die Vergangenheit nicht von sich wie einen abgetragenen Rock, sondern nahm sie mit sich wie einen heimlichen Schatz. Er hatte sechs schwere Monate hindurch um die Seele seines Volkes gedient, von der so viele reden, ohne sie zu kennen. Nur wer beherzt und bescheiden die ganze Not und Armseligkeit der Vielen, ihre Freuden und Gefahren mitträgt, Hunger und Durst, Frost und Schlaflosigkeit, Schmutz und Ungeziefer, Gefahr und Krankheit leidet, nur dem erschließt das Volk seine heimlichen Kammern, seine Rumpelkammern und seine Schatzkammern. Wer mit hellen und gütigen Augen durch diese Kammern hindurchgegangen ist, der ist wohl berufen, unter die Führer des Volkes zu treten. Als ein Wissender an Kopf und Herzen stieg der junge Kriegsfreiwillige von den lothringischen Bergen herab, um Führer und Helfer in seinem Volke zu werden. Davon klang sein Schritt. Und wenn die Menschen mit allem lügen und heucheln könnten, Blick und Stimme und Gang der Starken und Reinen können sie nicht erheucheln und nachtäuschen. Noch hatte ich mit dem jungen Studenten kein Wort gesprochen, aber Blick und Stimme und Gang des Jünglings waren mir freund geworden.

Im Eisenbahnwagen kamen wir ins Gespräch. Er saß mir gegenüber und kramte aus seinem Tornister einen kleinen Stapel zerlesener Bücher: ein Bändchen Goethe, den Zarathustra und eine Feldausgabe des Neuen Testaments. »Hat sich das alles miteinander vertragen?« fragte ich. Er sah hell und ein wenig kampfbereit auf. Dann lachte er. »Im Schützengraben sind allerlei fremde Geister zur Kameradschaft gezwungen worden. Es ist mit Büchern nicht anders als mit Menschen. Sie mögen so verschieden sein, wie sie wollen – nur stark und ehrlich müssen sie sein und sich behaupten können, das gibt die beste Kameradschaft.« Ich blätterte, ohne zu antworten, in seiner Sammlung Goethescher Gedichte. Ein anderer Kamerad sah herüber und sagte: »Das Buch habe ich mir beim Auszug auch in den Tornister gesteckt, aber wann hat man hier draußen Zeit zum Lesen gehabt?« »Wenn man wenig Zeit zu lesen hat,« meinte der junge Student, »so soll man auswendig lernen. Ich habe in diesem Winter siebzig Goethesche Gedichte gelernt. Die konnte ich dann vorholen, so oft ich wollte.« Er sprach frei und leicht und ohne jeden Anflug von Selbstbespiegelung und Schulmeisterlichkeit, aber seine unbefangene und selbstsichere Art, ohne Scheu auch von wesentlichen und innerlichen Dingen zu reden, zwang zum Aufhorchen. Seine Worte waren so klar wie seine Augen, und aus jedem seiner frisch und ehrlich gefügten Sätze konnte man sehen, wes Geistes Kind man vor sich hatte.

Die Gespräche im Eisenbahnwagen kreuzten um die Aufgaben der nahen Zukunft. Wir fuhren einer Lehrzeit entgegen. Dem einen schien's viel, dem andern wenig, was in der kurzen Zeit zu lernen war. »Ein Zugführer braucht ja kein Stratege zu sein«, meinte einer. »Leutnantsdienst tun heißt: seinen Leuten vorsterben. Wer ein ganzer Kerl ist, braucht nur ein wenig Handwerk zuzulernen.« Der so sprach, meinte es ehrlich, und er hat nicht allzulang danach in Russisch-Polen sein Wort wahr gemacht, aber seine ungelenke und hitzige Art, unvermittelt und oft am falschen Platz große Worte zu machen, ließ ihn bei aller Redlichkeit oft zur Zielscheibe harmlosen Spottes werden. Auch hier fiel sein Wort wie ein Stein in leichtes Geplauder. Einige lächelten. Aber Ernst Wurche hob den Stein leicht auf, und er wurde in seiner Hand zum Kristall. »Leutnantsdienst tun heißt: seinen Leuten vorleben,« sagte er, »das Vorsterben ist dann wohl einmal ein Teil davon. Vorzusterben verstehen viele, und das › Non dolet‹, mit dem die römische Frau ihrem zaghaften Gatten zeigte, wie gut und leicht sich sterben läßt, steht dem Mann und Offizier noch besser, aber das Schönere bleibt das Vorleben. Es ist auch schwerer. Das Zusammen-leben im Graben war uns vielleicht die beste Schule, und es wird wohl niemand ein rechter Führer, der es nicht hier schon war.«

Es erhob sich alsbald ein lebhafter Streit, ob es leicht oder schwer sei, Einfluß auf das Denken und Fühlen des gemeinen Mannes zu gewinnen. Mancher hatte mit Belehrungs- und Erziehungsversuchen kläglich Schiffbruch gelitten und war immer wie ein fremder Vogel im Schwarm gewesen. Vieles, das hin und her geredet wurde, ist mir entfallen, und es verblaßte auch mit Recht neben einem kleinen Erlebnis, das der junge Student erzählte. »Die großen Kerls«, meinte er lächelnd, »sind wie die Kinder. Mit Schelten und Verbieten ist wenig getan. Sie müssen einen gern haben. Ein Spiel, bei dem man nicht mittut, muß ihnen kein rechtes Spiel sein. Wenn wir zu acht im Unterstand lagen, suchte auch oft einer dem anderen mit unsaubern Witzen den Vogel abzuschießen. Und ein Weilchen unterhielten sie sich damit ganz prächtig. Aber dann war einer, ein Breslauer Sozialdemokrat, der gute Freundschaft mit mir hielt; der merkte immer zuerst, wenn ich nicht mittat. ›Ernstel, schläfst du auch?‹ fragte er dann jedesmal, und wir wußten alle beide, daß sein Spott auf unsichern Beinen stand. Ich knurrte auch nur, ›Laßt mich zufrieden‹, oder so. Sie wußten recht gut, wenn ich nichts von ihnen wissen wollte, und das paßte ihnen nicht. Es dauerte dann meistens auch gar nicht lange, bis einer eine Schnurre erzählte, über die ich mitlachte. Und dann hatten sie die lustigsten Stunden.«

Er erzählte das ganz schlicht und mit so herzgewinnender Nachfreude, daß man unwillkürlich die Kraft spürte, die sein Wesen auf grobe und feine Herzen übte. Ich verstand ganz seine »großen Kerls«, die ihn »gern hatten« und denen das Lachen ohne ihn schal war. Viel später, in den Wäldern von Augustowo, hat er mir dann zuweilen Briefe seiner alten Kameraden zu lesen gegeben, denen er selbst fleißig schrieb. Darunter war auch einer seines Breslauer Sozialdemokraten. Der fing mit »Lieber Herr Leutnant« an, und ziemlich unvermittelt stand zwischen allerlei Nachrichten: »Seit Sie fort sind, sind unsre Gespräche nicht besser geworden. Über viele Witze würden Sie nicht lachen, und wir dann auch nicht.« Es mag, auch in Deutschland, nicht viele Offiziere geben, denen solche Briefe geschrieben werden . . . .

In dem Eisenbahnwagen, der uns quer durch Deutschland von Metz nach Posen führte, saß ich dem rasch liebgewonnenen Kameraden viele Stunden gegenüber. Es wurde viel gelacht und geplaudert. Aus allen seinen Worten sprach ein reiner, klarer, gesammelter Wille. So wie er die Anmut des Knaben mit der Würde des Mannes paarte, war er ganz Jüngling, und er erinnerte mich in seinem bescheidenen, selbstsicheren Lebensfrohsinn fast schmerzhaft deutlich an meinen jüngsten Bruder, der in den ersten Septembertagen in Frankreich gefallen war. »Sind Sie nicht Wandervogel, Wurche?« fragte ich ihn aus meinen Gedanken und Vergleichen heraus, und sieh', da hatte ich an die Dinge des Lebens gerührt, die ihm die liebsten waren! Aller Glanz und alles Heil deutscher Zukunft schien ihm aus dem Geist des Wandervogels zu kommen, und wenn ich an ihn denke, der diesen Geist rein und hell verkörperte, so gebe ich ihm recht . . . .

 

Die paar Wochen Lehrzeit im Warthelager haben dem Wesen des Jünglings nichts gegeben und nichts genommen. Er wurde rasch nacheinander Unteroffizier, Feldwebel und Leutnant. Mit seinen Aufgaben fand er sich glatt und sicher ab, und an den Verdrießlichkeiten und Kleinlichkeiten, wie sie der Friedensdrill mit sich bringt, ging er mit lässigem Hochmut vorüber. Einmal entschlüpfte auch mir, ich weiß nicht mehr über wen und worüber, ein verdrossenes Wort. Da schob er seinen Arm in meinen, sah mich mit seiner herzlich zwingenden Heiterkeit an und zitierte aus seinem Goethe:

»Wandrer, gegen solche Not
Wolltest du dich sträuben?
Wirbelwind und trocknen Kot,
Laß ihn drehn und stäuben!«

Damit war die Sache abgetan. Wir wanderten in den Sonntagmorgen hinaus zum Warthe-Ufer und sprachen von Flüssen, Bergen, Wäldern und Wolken . . . .

 

Es wurde Mai. Da zogen wir zum zweitenmal hinaus. Wohin? Das wußte von den paar hundert jungen Offizieren noch keiner, als uns schon die grellweißen Lichtkegel unsrer Autos zum Schlesischen Bahnhof in Berlin vorausrasten. Die Zukunft war voller Geheimnisse und Abenteuer, und aus dem Dunkel im Osten, in das sich die Lichter unsres Zuges hineinfraßen, wuchs der Schatten Hindenburgs . . . . Der Zug fuhr ohne Halt durch die Mainacht, als wollte er Weg und Ziel nicht verraten. Nur hin und wieder flog ein grell von Bahnhofslichtern überstrahltes Schild mit einem Stationsnamen an uns vorüber. Es ging nach Osten. Der Schatten Hindenburgs wuchs und wuchs. Kühl und blausonnig ging der Maimorgen über den ostpreußischen Seen auf. Ging es nach Kurland, ging es nach Polen? Ernst Wurche zeigte hartnäckig, so oft wir hin und her rieten, auf die Teile der großen Generalstabskarte, die mit dem tiefsten Blau und dem lichtesten Grün gezeichnet waren. Der helle, liebe Mai gaukelte dem Wandervogel die Lockbilder weiter, sonniger Seen, schattiger Wälder und taunasser Wiesen vor.

Auf dem Bahnhof eines ostpreußischen Städtchens wurden uns von lachenden Mädchen Erfrischungen und Blumen ins Abteil gereicht. Als der Zug sich unter Winken, Zurufen und Gelächter in Bewegung setzte, warf uns ein älterer Herr mit einem fast zornigen Gesicht ein Extrablatt zu. Wir fingen es auf und lasen. Italien hatte an Österreich den Krieg erklärt . . . .

Seit Tagen schon hatte man nichts anderes mehr erwartet. Es waren nicht wenige unter uns, die noch in Berlin darauf gewettet hatten, daß wir selbst an die italienische Front geworfen würden. Nun stand der italienische Verrat schwarz auf weiß wie eine häßliche Fratze vor uns. Ein Weilchen war es still. Dann fielen harte, starke und laute Worte. Einer der Jüngsten von uns, der noch nicht allzulang der Sekunda entlaufen war, steckte das Blatt auf die Spitze seines Degens und winkte damit zum Fenster hinaus. Ein paar helle Mädchenarme winkten fröhlich und übermütig zurück. Der alte Ostpreuße in seinem schwarzen Rock stand unbeweglich und sah uns fast drohend nach. Der Bahnhof floh zurück. Die Menschen auf dem Bahnsteig schrumpften zusammen. Ein paar helle, bunte Flecken, mitten darin ein schwarzer Strich . . . . Dann verschwand auch das. Nur das Blatt mit den großen, zornigen, schwarzen Lettern lag noch auf dem roten Plüsch unseres Abteils. Eine Hand nach der andern hob es auf. Zuletzt warf es eine Faust zerknüllt in die Ecke. Das Gespräch ging längst wieder andere Wege. Ein junger Berliner Hochschullehrer, der als Kriegsfreiwilliger mit den jungen Regimentern in Flandern gefochten hatte, erzählte aus der Hölle von Ypern.

Mein Blick fiel zufällig auf Ernst Wurche. Er saß still in seiner Ecke, aber seine hellen, frohen Augen spielten mit der Maisonne um die Wette über die aufgeschlagenen Seiten eines Büchleins, das ihm auf den Knien lag. Es war sein Neues Testament. »Ernstel, schläfst du?« neckte ich ihn, da er's so ganz verschmähte, an unsern Gesprächen teilzunehmen. Er sah voll und herzlich auf. Dann rückte er mir mit einer raschen, fröhlichen Bewegung das schwarze Bändchen hin und tippte mit dem Finger auf eine Zeilenreihe.

»Der mit der Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten«, las ich. Ich glaubte ihn zu verstehen. »Italien?« fragte ich. Er nickte und tippte auf eine andere Stelle.

»Da ging hin einer mit Namen Judas Ischarioth und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten . . . .« Ich nickte ihm zu, da warf er rasch ein paar Blätter herum. »Und das wird das Ende sein!« Sein Zeigefinger lag auf dem kläglichen Wort des Verräters: »Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten habe.« Und weiter: » Sie sprachen: Was geht uns das an! Da siehe du zu!«

Keine Spur eines finsteren Eiferers lag in seinem offenen Blick und seiner frohen Gebärde. Seine Seele war weit und voll Sonne, und er las die Bibelstellen nicht anders als in dem hellen, starken Geiste, mit dem wir Kriegsfreiwilligen den Mondregenbogen an Gottes Himmel schauten, als wir nach Frankreich hinausfuhren. Sein Christentum war ganz Kraft und Leben. Die religiöse Erweckung aus Feigheit war ihm erbärmlich. Er hatte eine stille, herzliche Verachtung für das draußen und daheim wuchernde Angst-Christentum und die Gebetspanik der Feigen. Von ihnen sagte er einmal: »Sie suchen immer in Gottes Willen hineinzupfuschen. Gottes Wille ist ihnen nicht so heilig wie ihr bißchen Leben. Man sollte immer nur um Kraft beten. Der Mensch soll nach Gottes Hand greifen, nicht nach Pfennigen in seiner Hand.« Sein Gott war mit einem Schwerte gegürtet, und auch sein Christus trug wohl ein helles Schwert. wenn er mit ihm in den Kampf schritt. Zur Stunde sah er seine blanke Schneide gegen die verräterischen Bundesgenossen fliegen. Davon brannten ihm die Augen.

Der junge Offizier ließ an seinen Glauben so wenig rühren wie an sein Portepee. Sein Glaube und seine Ehre, das gehörte zusammen. Ich hörte später einmal, wie ein etwas älterer Kamerad mit einer läppischen Bemerkung über sein theologisches Studium witzelte. Den sah er hell an, und dann sagte er ganz ruhig und liebenswürdig: »Theologie ist eine Sache für feine Köpfe, nicht für Klötze.« Er verlor nie die Ruhe, auch nicht, wenn er grob wurde, und er konnte vollendet grob werden.

Allmählich ließ sich das Ziel unserer Reise erkennen. Eine Nacht verbrachten wir in Suwalki, und am nächsten Morgen fauchte der Zug, der nur noch wenige Wagen zählte, durch die endlosen Nadelwälder von Augustowo zur Front. Ein Teil der Bahnstrecke wurde von den Russen unter Artilleriefeuer gehalten. Auf offener Strecke blieben wir ein paar Stunden liegen, während der Gegner weiter vorn die Geleise mit Granaten abstreute. Einige Wipfel brachen wie unter jähen Blitzschlägen zusammen. Ein Teil des Waldes brannte, ein grelles, heißes Rot fraß sich durch den schweren Qualm von brennendem Holz und Harz.

Nach einer Weile schwieg die feindliche Artillerie, und unser Zug setzte sich wieder in Bewegung. Schneller und schneller glitten Fichten und Sand, Sand und Fichten vorüber. Mit einmal erschütterte der ganze Zug von dem schmetternden Krachen einer krepierenden Granate, deren Sausen das Rattern der Bahn übertäubt hatte. Ein Knirschen von Holz und Eisen. Ein paar Stöße, die wie Faustschläge durch die roten Polster kamen. Eine Scheibe sprang mit peitschenartigem Knall aus dem Rahmen. Der Wagen neigte sich hart rechtsüber, schwankte, stand. Die Granate war unter dem fahrenden Zug in den Bahndamm geschlagen und hatte wie eine Teufelsfaust die Erde unter den heißen Schienen fortgerissen. Der Zug war aus den Gleisen gesprungen und stand mit gefährlicher Neigung über der steilabfallenden Böschung. Ein Maschinengewehr hämmerte aus der Ferne, wo man wohl durchs Scherenfernrohr den Treffer beobachtet hatte, herüber. Tak–ta–tak–tak–tak–ta–tak . . . .

Ernst Wurche hatte gerade am Fenster gestanden und sich rasiert. Mitten in den Strich war das Krache und Brechen gekommen. Er hob das Messer leicht ab und hielt sich mit der Linken am Gepäcknetz fest. Aus den Nebenabteilen sahen wir die Kameraden, zum Teil hemdärmelig, aus den schwankenden Wagen springen. Mir selbst war ein Koffer und Wäschesack an den Kopf gefallen und hatte mich vornüber geworfen. Ich rappelte mich wieder auf. Der Zug stand. Ich sah nach Wurche und mußte lachen. Er führte mit dem Messer sauber den unterbrochenen Strich zu Ende, wischte sich den Seifenschaum aus dem Gesicht und sagte seelenruhig: »Na, da können wir wohl auch aussteigen!« Er ließ sich seine fröhliche Ruhe von niemand aus den Fingern schlagen, und es lag nicht in seiner Art, bei einer Panik mit der Seife im Gesicht aus dem Rasierladen zu laufen, wenn noch Zeit war, sie abzuwischen. Gelassenheit war eins seiner Lieblingsworte, in ihr sah er das Wesen menschlicher und männlicher Würde, heitere und lässige Sicherheit lag immer wie ein Glanz über seinem Wesen, und es war in ihr soviel menschliche Anmut wie männliche Würde.

Mit dem »Aussteigen« freilich haperte es. Alle Türen nach draußen und zu den Nebenabteilen waren verkeilt. »Eskaladieren wir!« sagte Wurche und kletterte durch das zersprungene Fenster ins Freie. Ich warf unsre Gepäckstücke nach und folgte auf demselben Wege. Wir rückten unsre Koffer dicht an die dem Feinde abgekehrte Seite des steilabfallenden Bahndamms und streckten uns daneben in Gras und Sonne. Zwei Stunden später kam von Augustowo her ein Hilfszug und brachte uns mit einiger Verspätung ans Ziel. Rußland hatte uns sein Willkommen entboten.

Im Divisionsstabsquartier von Augustowo wurden wir auf Regimenter und kurz danach in einer Russenkaserne auf Kompanien verteilt. Ich wußte es beide Male einzurichten. daß ich mit Wurche zusammenblieb. Wir kamen beide zur 9. Kompanie eines elsässischen Infanterie-Regiments.

Wir schliefen die Nacht auf Stroh in der russischen Kaserne und wanderten am andern Morgen zu viert in den Mai hinaus nach den Gräben unsrer Kompanien, die ein paar Wegstunden entfernt in festen Stellungen im Walde lagen.

Ein Morgenbad im »Weißen See« gab dem ganzen Tage einen frischen Glanz. Der Weg ging durch Sand und Föhrenwald. Zerstreutes Licht floß in breiten Bahnen durch grüne Wipfel und goldrote Stämme. Dann lag der weite See, von sonnigem Morgendunst überschäumt, vor uns. Pirole schmetterten, Schwalben schossen mit den Schwingen durchs Wasser, Taucher verschwanden vor uns, wie wir am Ufer entlangschlenderten. Nur aus der Ferne kam ein gedämpftes Grollen zu uns herüber und ab und zu das taktmäßige Hämmern eines Maschinengewehrs. »Spechte!« lachte Wurche und ließ Sonne und Wasser über sich zusammenschlagen.

Dann ging es am Augustower Kanal und den Nettawiesen weiter. Bald saß uns der graue Staub der russischen Landstraße in den Röcken. Aber neben dem Wandervogel her, der in Helm und Degen und Ledergamaschen den ausgefahrenen Sandweg hinzog, schritt leicht auf reinlichen Füßen durch feuchtes Wiesengras der Mai und lachte immer heller herüber. Die leise Netta kam bald bis an unsern Weg heran und ließ ihre Wellen und ihr sonniges Mückenspiel vor uns gaukeln, bald entwich sie uns wieder und barg sich in Wiesenschaumkraut und wucherndem Gras. Ich hatte Wurche lange von der Seite angesehen. Zuletzt mußte ich lachen. »Gestehen Sie's nur!« sagte ich, »Sie müssen heut noch einmal ins Wasser?« »Gleich!« sagte er, und wir gingen tief in die federnde Sumpfwiese hinein, warfen die staubigen Kleider von uns und ließen uns von den kühlen, guten Wellen treiben.

Dann lagen wir lange in dem reinlichen Gras und ließen uns von Wind und Sonne trocknen. Als letzter sprang der Wandervogel aus den Wellen. Der Frühling war ganz wach und klang von Sonne und Vogelstimmen. Der junge Mensch, der auf uns zuschritt, war von diesem Frühling trunken. Mit rückgeneigtem Haupte ließ er die Maisonne ganz über sich hinfluten, er hielt ihr stille und stand mit frei ausgebreiteten Armen und geöffneten Händen da. Seine Lippen schlossen sich zu Goethes inbrünstigen Versen auf, die ihm frei und leicht von den Lippen sprangen, als habe er die ewigen Worte eben gefunden, die die Sonne in ihn hinein und über Herz und Lippen aus ihm herausströmte:

»Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!
Daß ich dich fassen möcht'
In diesem Arm! – – –«

Feucht von den Wassern und von Sonne und Jugend über und über glänzend stand der Zwanzigjährige in seiner schlanken Reinheit da, und die Worte des Ganymed kamen ihm schlicht und schön und mit einer fast schmerzlich hellen Sehnsucht von den Lippen. »Da fehlt nur ein Maler!« sagte einer von uns. Ich schwieg und war fast traurig, ohne sagen zu können, warum. Unser Wandervogel aber ließ leicht die Arme fallen und trat mit ein paar raschen frischen Schritten in unsre Mitte. Wir schleuderten uns die letzten Wassertropfen von den Händen und griffen nach unsern Kleidern. Bald schritt mir der Freund wieder im grauen Waffenrock, der die hohe Gestalt knapp und kleidsam umschloß, und mit eingehenktem Degen zur Seite. Der Helmrand umlief die trotzige Form seines eigenwillig gestreckten und prächtig gewölbten Schädels, und wie er mit frei ausgreifendem Schritt den von fernen Donnern leise erdröhnenden Wäldern entgegenschritt, schien er, von Freude und Kraft bebend, begierig in eine klirrende Zukunft zu horchen. »Wen du nicht verlässest, Genius, wird dem Regengewölk, wird dem Schloßensturm entgegen singen . . . .!« Wenn ihm nicht die Lippen davon klangen, so klang sein Schritt davon. »Tanztüchtig will ich den Jüngling und waffentüchtig.« Alte Worte sprangen immer wie junge Quellen an seinem Wege.

Warum ergreift uns alle Schönheit des Lebens, statt daß wir sie ergreifen? Ach, wie der Mensch aus Erde gemacht ist und wieder zur Erde wird, so ist alle Schönheit aus Sehnsucht gemacht und wird wieder zu Sehnsucht. Wir jagen ihr nach, bis sie zur Sehnsucht wird. –

 

In den Winternächten, die wir in den Gräben vor Verdun zugebracht hatten, war zuweilen ein jäh aufbrandendes und wie eine Sturmflut weiterrollendes Hurra die endlose Front der Schützengräben entlanggebraust. Wenn dieses Hurra in der Ferne verebbte, dann horchten wir Kriegsfreiwilligen ihm nach, und in unserm Horchen war etwas Grimm und Neid. Im Osten geschah alles Heiße, Wilde und Große. Über Rußland stand immerfort eine brandrote Wolke, in der der Donner des Namens Hindenburg grollte, und uns im Westen blieb nichts als Lauern und Warten und Wachen und Gräbergraben, ohne daß wir den Tod von Angesicht sahen, der heimtückisch bei Tag und Nacht in unsere Reihen hieb. Im Osten schritten unsre Sturmkolonnen über Täler und Höhen, und wir lagen wie Maulwürfe unter der Erde und riefen das Hurra zu ihren Siegen.

Als wir an die Ostfront kamen, waren die großen Kämpfe der Masurenschlacht längst zum Stellungskriege erstarrt. Unsere neue Kompanie lag seit Wochen eingegraben am Waldrand einer breiten Sumpfwiese, durch die ein träger Bach, die Kolnizanka, durch Sand und Morast zum Kolnosee schlich. Jenseits des faulen Wassers war wieder Wiese, Sand und Wald, und nur ein paar helle Streifen drüben zeigten, wo der Feind hinter seinen Sandwällen hockte. Ein Stacheldrahthindernis zog sich an unsrer Front entlang und die Nacht hindurch kreiste durch das Drahtgewirr der elektrische Strom, der von Augustowo her in mächtigen Kabeln gespeist wurde. »Draht!« knurrte Leutnant Wurche verächtlich, als wir in der Mainacht nach unsrer Ankunft zum erstenmal die Kompaniefront abgingen, und schlug spöttisch mit einer Gerte gegen die glatten Schutzdrähte am Horchpostendurchlaß. Und so ging er die erste Nacht an dem grauen Verhau hinauf und hinunter wie ein gefangener Tiger an seinem Käfiggitter.

Unsere Grabenabschnitte grenzten aneinander, und wir blieben Nachbarn als Zugführer des zweiten und dritten Zuges oder, wie er sagte, als »Obernachtwächter der Wach- und Schließgesellschaft im Osten«. Die russischen Gräben lagen ein paar hundert Meter entfernt, so daß wir uns selbst am hellen Tage frei im Walde hinter unsrer Stellung bewegen konnten. Die russische Artillerie streute wohl dann und wann mit Schrapnells und Granaten unsre Gräben ab, ein Volltreffer schlug sogar einmal meinen Unterstand, als ich gerade die Tür aufmachte, zu einem Scherbenhaufen zusammen, aber alles das ging immer rasch wie ein Mairegen, eine »Husche«, vorüber, der Franzose hatte dies Spiel viel besser verstanden, und im ganzen nahmen wir »Iwan den Schrecklichen«, wie der Russe bei uns hieß, nicht ganz ernst. Wir haben es später gelernt, ihn zu achten, aber einstweilen ließen wir uns von ihm unsre »Sommerfrische in den Augustower Wäldern« nicht stören. Die Myriaden von Schnaken, die Wälder und Sümpfe ausbrüteten, waren uns lästiger als die Russen hinter ihrem Draht.

Nur wenn es dämmerte und das rote, blaue, bunte Blühen von Fleischblumen, Vergißmeinnicht, Kalla und Federnelken auf der Sumpfwiese draußen im Glanz der Sterne und Leuchtraketen fahl und farblos wurde, trat aus dem dunklen Walde drüben das Abenteuer wie ein schönes Wild und schaute zu uns herüber. die wir an der Brustwehr unsrer dunklen Gräben standen und lauschten. Jede Nacht ging von der Kompanie eine Offizierspatrouille ins Vorgelände, und wir drei Leutnants, ein Mecklenburger, ein Schlesier und ein Thüringer, hatten uns in diesen Dienst zu teilen. Zuweilen gingen wir auch zu zweit mit unseren Leuten hinaus, wenn wir einen besonders guten Fang machen zu können glaubten. Meist aber ging nur einer als Führer. Und es war dann ein seltsames Gefühl, wenn man lauschend an der Brustwehr stand, und draußen im Dunkel knatterten plötzlich russische und deutsche Gewehre oder das dumpfe Krachen detonierender Handgranaten wurde laut. Das Warten und Wiedersehen solcher Stunden, von denen man nie sprach, läßt Menschen ineinanderwachsen wie Bäume. Viele Worte freilich wurden nie gemacht, und es blieb bei einem Scherz oder Handschlag, wenn der andere hinausging oder wiederkam.

Wie hätten junge Herzen nicht ineinanderwachsen sollen in diesen Frühlingstagen und Frühlingsnächten, in denen sie gemeinsam immer inniger vertraut wurden mit Erde und Luft und Wasser, mit den linden Stunden der Nacht und mit den hellen Stunden der blühenden Tage! Wie leise Sonnenwellen kommen die Erinnerungen an unsern ersten Kriegsfrühling in den Augustower Wäldern zu mir, wo ich auch sein mag. Die linde, junge Gütigkeit, die in ein paar hellen Grauaugen lebte und frisch und warm aus einer lebendigen Menschenstimme klang, brach wie ein helles, starkes Licht durch die Fenster meiner Seele, durchsonnend, was dumpfig war, durchwärmend, was kühl und voll Schatten war. Wie deutlich erhöre ich heute und immer, in die Vergangenheit hineinhorchend, den raschen Schritt des Freundes. Ich sehe ihn schlank und frei durch die Tür in mein helles Fichtenhäuschen treten und sehe eine junge, lebendige Hand Blumen unter das kleine Bild meines gefallenen Bruders legen mit einer frischen, herzlichen Bewegung, in der doch die leise, gute Scheu der Jugend vor der Entschleierung des Herzens zu spüren ist! Und oft ist mir, ich könne den lieben Gast halten und mit ihm von dem bunten Erleben der hellen Zeit plaudern, in der selbst der Ernst des Krieges sich in Spiel und Freude auflösen wollte. Weißt du noch, Gesell, wie wir über meinen ersten Gefangenen lachten? Im Sumpfbach vor unserm Graben, wo vom letzten Angriff her noch über dreißig tote Russen lagen, war ich auf nächtlichem Patrouillengang ahnungslos auf ihn zugegangen, um dem vermeintlich Toten das Gewehr zu nehmen. Aber es war kein Toter, sondern ein fixer und pfiffiger Moskauer Junge, der zu einer vor uns im Dunkel herflüchtenden Russenpatrouille gehörte. Ohne es zu wissen, hatten wir ihn von seinen Kameraden abgeschnitten, und er wollte sich uns noch entziehen, indem er sich mitten unter die Toten hockte und in Anschlagstellung wie sie erstarrte. Als ich sein Gewehr fassen wollte, schlug er auf mich an, und mich warf der Schreck fast um, als der Tote plötzlich die Büchse gegen mich hob. Gerade rechtzeitig noch rückte ich ihm meine kleine Mauserpistole an die Stirn, daß er die Waffe wegwarf und uns geduldig nachtrollte. Damit doch auch ein anderer etwas von dem Schrecken abbekäme, schickte ich ihn samt seinem Gewehr, ohne anzuklopfen, in den Unterstand des Leutnants vom ersten Zuge, der sorglos bei der Flasche saß, aber der Mecklenburger ließ sich nicht verblüffen, sondern hob nach dem verlegen grinsenden Burschen das volle Glas, »Prosit, Iwan –!« Und Iwan taute auf und besah sich die Postkarten unsrer Leute, die den holzverkleideten Graben schmückten, blieb tiefsinnig vor einem bunten Hindenburgbilde stehen und sagte ehrerbietig, »Ah – Chindenburrg!«, indem er mit unermüdlich kreisenden Händen um sein Russenhaupt fuhr, um uns das imaginäre Volumen eines fabelhaften Feldherrnkopfes zu veranschaulichen. Darauf von unsern lachenden Leuten nach seinem Landsmann Nikolajewitsch befragt, preßte er den Kopf in die Hände wie ein Schwerkranker und brach in einen Husten aus, der eine höchst schauderhafte Vorstellung von dem Zustand seines Generalissimus gab . . . .

Und weißt du noch, wie die russische Patrouille uns bei Nacht und Nebel ein schön bemaltes Plakat mit der Inschrift » Italiani – auch Krieg!« vor die Drahtverhaue pflanzte? Und wie unsre Leute dann in der nächsten Nacht ein noch schöneres Schild mit der Antwort » Italiani – auch Prügel!« den Russen in eins ihrer eigens zu diesem Zweck gesäuberten Horchpostenlöcher pflanzten, daß sie den ganzen Tag über wütend danach schossen?

Weißt du noch, wie wir im Unterstande zusammensaßen, während die russische Artillerie mit grobem Geschütz unsern Graben absuchte? Wie unter dem Luftdruck der in der Nähe krepierenden schwerkalibrigen Geschosse die zwei- und dreimal wieder angezündete Lampe dreimal auslosch? Und wie wir zu viert im Dunkel saßen, und unsre Zigaretten warfen einen Glimmerschein über die Gesichter, und wir lachten, »Iwan bläst uns die Lampe aus!«?

Weißt du das alles noch, Lieber? Und weißt du auch noch, wie du einen mächtigen bombensichren Unterstand für zwei Gruppen deines Zuges aus Hunderten von schweren Fichtenstämmen und Bergen von Sand gebaut hattest? Und wie wir dann dem Neubau die sinnige Türinschrift gaben: »Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt«? Und weißt du noch, wie du singend vor der zum Bad nach den Nettawiesen marschierenden Kompanie herzogst und wie du mit uns ganze Nachmittage im Wasser vertolltest? Weißt du das noch, du Wandervogel, der den Widerwilligsten zum Mitsingen zwang und den Wasserscheusten im Wasser zum Lachen brachte?

Weißt du noch, wie das faule Holz im Walde um unsre dunklen Gräben leuchtete? Und wie Myriaden von Junikäfern die Sumpfwiese zwischen uns und dem Feinde nächtlicherweile zum Märchenland machten? Und wie aus dem Drahthindernis die blauen Funken ins nasse Gras hinüber- und hinunterzuckten wie die schillernden Schuppen einer glitzernden Schlange, die unermüdlich kreisend durch das graue Verhau lief, immer bereit zum tödlichen Bisse?

Weißt du noch, wie wir im hellen Sand der sonnigen Waldlichtung hinter unsern Gräben Zirkel ritten? Wie du reiten lernen wolltest wie ein Kosak; denn das seien die sieben ritterlichen Künste der neuen deutschen Jugend: Singen, Wandern, Turnen, Schwimmen, Fechten, Tanzen und Reiten –?

Und war doch ebensoviel Ernst in deiner Freude wie Freude in deinem Ernst! Auch was du mit Lachen triebst, war mehr als Spiel. Ein Stück Leben war alles, was du sprachst und tatst, und ein heller, klarer, gesammelter Menschenwille schmiedete alle Stücke zu einem werdenden Kunstwerk zusammen.

Wenn der junge Führer mit seinen Leuten auf nächtliche Streife auszog, so arbeitete ein frischer, beherrschter Wille unermüdlich und unnachgiebig an den Menschen, die er führte. Wollten sie ihm, im Dunkel plötzlich vom Feuer russischer Gewehre überfallen, aus der Hand geraten, so zwang er sie wieder bis auf den Punkt zurück, den sie eigenmächtig verlassen hatten. Aber er selbst ging immer als erster voraus und kroch als letzter zurück.

Als die unsicheren und baufälligen Unterstände seines Zuges durch neue ersetzt wurden, ließ er die Arbeit an seinem eigenen Unterstand bis zuletzt liegen. Ohne Lärm und schimpfendes Dreinfahren wußte er alle Hände in Tätigkeit zu halten. Er war beim Fällen und Schleppen der schweren Stämme dabei und verteilte die Kräfte. Er lehrte Stempel setzen und Unterzüge einfügen, Deckbalken verknüpfen und federnde Reisigdeckungen aufhäufen, wie er's in Frankreich gelernt hatte. Selbst sauber an Seele und Leib, erzog er seinen Leuten die Freude an Sauberkeit und schmucker Ordnung an, unauffällig und ohne viel Worte sie durch frisches Handeln gewöhnend. Nicht weniger als die Arbeit lag ihm die Ruhe seiner Leute am Herzen, und als jüngster Offizier der Kompanie wußte er's durchzusetzen, daß den Mannschaften Sonntagsruhe geschenkt wurde. In seinen Briefen an Eltern und Schwester erbat er immer wieder Bücher für den Feierabend seiner Leute und wählte die Bücher selbst nach den Erfahrungen, die er in Frankreich als Kamerad unter Kameraden gemacht hatte.

Er kannte in vierzehn Tagen jeden Mann seines Zuges nach Namen und Beruf, er wußte, ob einer verheiratet war und wie viel Kinder er hatte, er kannte eines jeden Sorgen und Hoffnungen und verstand dem Stillsten die Zunge zu lösen. »Das Herz seiner Leute muß man haben«, sagte er, »dann hat man ganz von selbst Disziplin.«

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