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Ludwig Tieck: Die Ahnenprobe - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorJohann Ludwig Tieck
titleDie Ahnenprobe
publisherVerlag von Georg Reimer
seriesJohann Ludwig Tieck's Schriften
volumeZweiundzwanzigster Band
year1853
firstpub1833
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In der Martisstraße konnten die Einwohner, deren Häuser oberhalb standen, genau am Morgen die Stunde wissen, wenn sie die Uhr überhört haben sollten. Pünktlich eröffnete sich am großen, mächtigen Hause, das man einen Palast nennen konnte, das Thor in der Zeit, die der Frühmesse kurz vorhergeht, und ohne Begleitung schritt dem Portier ein langer, alter Mann stumm und aufrecht wandelnd vorüber. Er war im Winter und Sommer in einen Scharlachmantel gehüllt, dessen Kragen von einer goldenen Tresse umgeben war, sein weißes Haar war vom Puder noch heller und mit einem dreieckigen kleinen Hute, von weißen Federn umlegt, bedeckt. In der Hand trug er ein langes spanisches Rohr, mit hohem goldenen Knopfe und einer glänzenden Schnur geschmückt; er stützte sich im Gehen auf diesen Stab, indem sein bleiches Gesicht mit den schwarzen Augen gerade aussah, ohne rechts und links irgend etwas zu beachten, so daß auch die Nachbarn, die seine Gemüthsart kannten, ihn nicht mit Grüßen oder Zeichen der Ehrfurcht behelligten, oder seinen Weg zur Kirche störten.

Weder Kränklichkeit noch Vorfälle in seiner Familie konnten den Grafen Seestern, den Oberkämmerer, von diesem frühen Gange zur Kirche abhalten. Aber eben so pünktlich war er in seinen Functionen am Hofe, er erschien niemals um eine Minute zu spät oder zu früh, niemals hatte er seit zwanzig Jahren ein Geschäft, welches ihm oblag, wenn es auch noch so unbedeutend war, aufgeschoben, niemals einen Bittenden mit Versprechungen oder halben Worten hingehalten, sondern Jeden, dem er nicht willfahren konnte, stets mit einem kurzen, runden Nein abgefertigt. Er hatte deshalb den Ruf eines harten, adelstolzen Mannes. Man sah ihn selten, fast nur, wenn die Geschäfte es erforderten, mit Bürgerlichen sprechen; doch vermied er auch den Umgang mit Leuten seines Standes, und deshalb nannten ihn diese einen Menschenfeind, wenn die jungen Adeligen behaupteten, er sei kurzsichtig und fühle sich in der Gesellschaft aufgeklärter und lebhafter Geister verlegen, weil seine Beschränktheit es ihm unmöglich mache, ihren Einsichten zu folgen oder ihre Meinungen nur zu verstehen.

In seinem Hause lebte der Graf viele Stunden einsam auf seinem Zimmer. Er hatte sich die Zeit genau eingetheilt und wich von dieser Ordnung nicht ab, wenn ihn nicht die dringendsten Umstände zwangen. In einer gewissen Stunde las er die Zeitungen, in einer anderen geistliche Bücher, ebenso ordnete er seine Geschäfte und arbeitete Das aus, was der Dienst seines Königs forderte. An bestimmten Tagen war er mehr im Kreise seiner Familie und ergötzte sich in ruhigen Gesprächen mit seiner ältesten Tochter, dem General, seinem Schwiegersohne, und den Enkeln. Manchmal lasen die beiden jüngeren Töchter vor oder sangen; Elisabeth, die Jüngste, war besonders mit einer schönen Stimme begabt, Katharina wurde aber fast immer zur Vorleserin ernannt. Der Vater des Hauses war der Meinung, der Mensch lebe nur, wenn sein Leben regelmäßig, wie eine Uhr, ablaufe, und jedes in der Stunde unwiderruflich geschehe, wie es bestimmt sei.

An einem trüben Novembermorgen, als die Straße noch nicht sehr belebt war, hörte man ein Geschrei, Jauchzen und Toben heraufkommen, und die neugierigen Bewohner erhoben sich vom Frühstück, um wahrzunehmen, was den Tumult veranlassen könne. Ein Gedränge von Knaben und gemeinen Straßenbuben strömte lachend und schreiend herauf, und vor ihnen ging ein alter Mann, mit Geschirr beladen, das ihn als Kesselflicker bezeichnete, wie auch sein geschwärztes Gesicht und der von Ruß befleckte Anzug bemerken ließ. Es mußte auffallen, daß der Alte schon am frühen Morgen betrunken war oder den gestrigen Rausch noch nicht ausgeschlafen hatte, und die schadenfrohe Jugend benutzte seinen Zustand, um ihn mit Lachen, Spott und Schimpfreden zu verfolgen. Von Zeit zu Zeit rannte der Trunkene in den Haufen fluchend und tobend hinein, der dann auseinanderstob, um sich sogleich wieder zum Verspotten zu vereinigen. Die Anzahl der Knaben vermehrte sich, und einige Aeltere, die zum müssigen Pöbel gehörten, schlossen sich dem Triumphzuge an.

Da der Kesselflicker mit seinem Drohen nichts gewann, und seine Gegenreden nur lautes Gelächter erregten, keiner seines Gefolges auch der Versicherung, er sei ein nüchterner und vernünftiger Mann, Glauben beimaß, welchem sein taumelnder, unsicherer Gang und seine lallende Stimme auch zu auffallend widersprachen, so suchte er endlich nach Steinen, um diese in die Rotte zu werfen. Jetzt stand der Zug vor dem Hause des Grafen, und als der Tumult am lautesten war, trat der würdige, ernste Greis aus dem Thore seines Hauses, das sich sogleich wieder hinter ihm verschloß. Er sah sich nach dem Getümmel kaum um, sondern wendete sich ernst nach der Gegend, in welcher die Kirche lag, die er besuchen wollte.

Als der Betrunkene die hohe Gestalt des Grafen, dessen Scharlachmantel und in der Hand des Mannes den Stab mit dem goldenen Knopfe gewahrte, ließ er alsbald von seiner Vertheidigung ab, taumelte zum Oberkämmerer hin, suchte sich vor ihm aufrecht hinzustellen und rief mit lauter Stimme: Ach! gut, daß Sie kommen, Herr Graf, Sie haben auch gerade den Stock in der Hand; hauen Sie, schlagen Sie in das Gesindel hinein, was Sie nur können! Prügeln Sie darauf los, theurer Gönner, denn mir sind die Canaillen zu schlecht!

Der Graf stand einen Augenblick still, zitterte ein wenig mit den bleichen, schmalen Lippen und wandte sich dann mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Verachtung von dem niedrigen Plebejer ab, der auf eine so sonderbare Art seine Hülfe in Anspruch genommen hatte. Ohne sich noch einmal umzublicken, setzte er festen Schrittes seinen Weg zur Kirche fort. Aus dem Hause war ein alter Jäger getreten, der den Betrunkenen in die Stube des Pförtners nahm, um ihn zu beruhigen und den Auflauf zu stillen, worauf sich auch der tobende Haufe bald zerstreute und sich die Fenster der Nachbarschaft auch nach und nach wieder schlossen.

Aus dem obern Fenster des Palastes hatte Edmund Frimann, der Secretair des Grafen, der sonderbaren Scene mit Aufmerksamkeit zugeschaut. Der junge heftige Mann war im Begriff, bewaffnet hinunterzueilen, um seinen hohen verehrten Herrn aus den Händen des rohen Trunkenboldes zu befreien, als er sah, wie schnell der Haufe beschwichtigt, wie gelinde der Ruhestörer vom Jäger besänftigt wurde. Er trat zurück und mußte jetzt über seine im Eifer entbrannten Wangen, so wie über den Auftritt lächeln, den er angesehen hatte. Indessen nahm er sich vor, die jungen Gräfinnen zu besuchen und ihnen die sonderbare Begebenheit mitzutheilen, damit sie ihren Vater, falls er sich gekränkt fühlte, bei Tische beruhigen könnten. Die Aeltere schlief noch, aber Elisabeth saß in ihrem Zimmer am Fortepiano und spielte und sang. Die Gesellschafterin der Gräfinnen war zugegen, mit einer künstlichen Stickerei beschäftigt. Elisabeth stand freudig auf, so wie sie den Eintretenden bemerkte.

Elisabeth lachte laut, als ihr Edmund die Geschichte ganz ernsthaft erzählt hatte. Ich glaube, sagte sie dann, daß man in unserer ganzen großen Stadt keinen schärferen Contrast hätte auffinden können, und es ist eine spottende Laune des Schicksals, daß meinem guten Vater dies hat begegnen müssen. Indessen, so viel ich ihn kenne, wird er darüber so wenig verdrüßlich seyn, als wenn ihn, vom Dache stürzend, ein Haufe Schnee bestreut hätte, denn dergleichen dringt nicht in sein Gemüth.

Die Gesellschafterin, ein junges Fräulein, hatte der Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört, und da sie vernahm, daß der trunkene Kesselflicker noch im Hause sei, so bat sie um die Erlaubniß, nach dem Vorhause gehen zu dürfen, um den merkwürdigen Mann, der sich so Großes unterfangen hatte, in Augenschein zu nehmen.

Das neugierige Kind! sagte Elisabeth, ihr mit klaren, freundlichen Augen nachsehend. Das ist ein glückliches Alter, in dem uns noch Alles wichtig ist, und eine glückselige Stimmung, wenn man sie so nennen will, die uns noch frisch erhält, auch das Unbedeutende, Nüchterne und Geringe gern mit Aufmerksamkeit aufzufassen und nicht als ein Störendes oder Nichtsnutziges abzuweisen. Ja, mein Edmund, ich war auch ein Kind, und wir gewinnen, wie es scheint, indem wir höher zu steigen glauben, nur eben so viel, als wir verlieren. Verlust und Erwerb, vielleicht in gleichem Maße, ist wohl der Inhalt und die Geschichte unsers Lebens.

Kann Elisabeth so denken und fühlen? antwortete Edmund; o nein, sie weiß es eben so gut als ich, daß unser Leben mehr ist als ein Spiegel, an welchem die Erscheinungen vorübergehen, ohne eine Spur zurückzulassen. Erst wenn wir uns selber finden, giebt es Gegenstände für uns; auch das Geringste, wenn gleich nicht dieser Kesselflicker, kann dann in innige, wohl prophetische Beziehung zu uns selber treten.

Richtig, mein junger Prophet, sagte die Comtesse mit schalkhaftem Lächeln, und seit ich Dich kennen gelernt und verstanden habe, ist mir erst die Vortrefflichkeit meines eignen Wesens klar geworden.

Wie glücklich bist Du, sagte Edmund seufzend, in dieser nie getrübten Fröhlichkeit.

Und soll ich etwa, rief die hohe Jungfrau aus, indem die große Gestalt, um noch länger zu werden, sich auf die Zehen stellte, wie meine Schwester Katharina bei ihren Büchern thut, immer ächzen und weinen? Nein, mein theurer Freund, es werden noch Stunden genug kommen, in denen wir ernsthaft seyn müssen; genießen wir die Gegenwart, so lange sie heiter ist. Brauchte unsere Liebe ein Geheimniß zu seyn, wenn die Menschen verständen, was die Welt und unsere wahre Freundschaft, zu bedeuten hat? – Aber hier, mein Freund, wird mein Vater, wenn er endlich die Sache erfährt, und wir müssen sie ihm doch mittheilen, nicht so gleichgültig seyn. Alles in der Welt würde er leichter begreifen, als daß wir auf eine Verbindung denken und auf seine Einwilligung rechnen.

Wenn Du mir nicht den Muth gäbst, Geliebte, erwiederte Edmund, so würde ich ihn niemals in mir selber finden. Aber es muß geschehen, ich bin es mir und seinem edeln Charakter schuldig. Die Folge wird aber seyn, daß ich sein Haus, wahrscheinlich die Stadt verlassen muß.

Einen guten Augenblick, sagte Elisabeth, eine fröhliche Stunde muß ich bei ihm abwarten. Er liebt Dich, er zeichnet Dich aus; bei seiner zurückhaltenden kalten Weise ist es mir immer auffallend gewesen, wie er gegen Dich freundlicher und vertrauter ist, als ich ihn jemals zu irgend einem Manne gesehen habe. Oft ist er so zu Dir wie zu einem Kinde seines Hauses; nie hat er eine bittere Bemerkung über Dich gemacht oder Dich nur getadelt; dazu schützt Dich der General, mein Schwager, viele Vornehme in der Stadt sind Deine Freunde, von Deinen Arbeiten sprechen Alle, auch der Vater, immer mit Hochachtung. Ich hoffe Alles; freilich wie man hofft, wenn der schmerzlichste Verlust näher liegt, als die Erfüllung.

Die Liebenden hatten in ihrem Gespräche die Umgebung vergessen; er drückte die schöne große Gestalt an seine Brust und legte Alles, was er ihr sagen konnte, in einem schmerzlich süßen Kuße auf ihre Lippen. Sie erwiederte die Umarmung, als Beide jetzt erst bemerkten, daß die junge Gesellschafterin schon wieder an ihrem Stickrahmen saß. Mit einem langen prüfenden Blicke betrachtete diese das Fräulein und den jungen Mann. Dieser war erschrocken und verlegen, er schlug den Blick mit glühender Röthe nieder und konnte seine Fassung nicht wiederfinden. Elisabeth aber erholte sich früher von ihrem Schrecken, indem sie sagte: Wilhelmine wundere Dich nicht allzu sehr, noch weniger sei ängstlich darüber, was Dir jetzt obliegen möchte. Morgen, spätestens übermorgen, erkläre ich es meinem lieben Vater selbst, daß ich eine Verbindung mit diesem Manne wünsche. Sei unbesorgt, Kind, durch mich sollst Du nicht in Verdruß gerathen oder Deine Lage verschlimmert sehn. Und so, Edmund, sei uns diese Unbesonnenheit ein Wink unsers Schicksals, daß wir nicht länger zaudern dürfen, sondern handeln müssen.

Edmund küßte die dargebotene Hand und entfernte sich, viel denkend und sinnend. Auf seinem Zimmer angelangt, sah er von oben herab, wie der alte Graf vom Gottesdienste zurückkam. Er erschien ihm ganz anders als sonst, und sein Herz klopfte ungestüm, indem er fühlte, daß er seit jenem Augenblicke in ein ganz verschiedenes Verhältniß zu ihm getreten sei. Sollte er seinem Glücke und der Güte des greisen Hofmannes vertrauen?

*

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