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Wilhelm Raabe: Pfisters Mühle - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePfisters Mühle
authorWilhelm Raabe
year1985
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009988-9
titlePfisters Mühle
pages3-188
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1884
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Wilhelm Raabe

Pfisters Mühle

Ein Sommerferienheft

UND IN DEM BLICK AUF DAS GANZE
IST DER DOCH EIN STÄRKERER GEIST,
WELCHER DAS LACHEN, ALS DER,
WELCHER DAS WEINEN NICHT HALTEN KANN
Seneca, Von der Gemütsruhe

Erstes Blatt

Von alten und neuen Wundern

Ach, noch einmal ein frischer Atemzug im letzten Viertel dieses neunzehnten Jahrhunderts! Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen; – ach, wenn sie gewußt hätten, die Leute von damals, wenn sie geahnt hätten, die Leute vor hundert Jahren, wo ihre Nachkommen das »alte romantische Land« zu suchen haben würden!

Wahrlich nicht mehr in Bagdad. Nicht mehr am Hofe des Sultans von Babylon.

Wer dort nicht selber gewesen ist, der kennt das doch viel zu genau aus Photographien, Holzschnitten nach Photographien, Konsularberichten, aus den Telegrammen der Kölnischen Zeitung, um es dort noch zu suchen. Wir verlegen keine Wundergeschichte mehr in den Orient. Wir haben unsern Hippogryphen um die ganze Erde gejagt und sind auf ihm zum Ausgangspunkte zurückgekommen.

Enttäuscht sind wir abgestiegen, und die Verständigen ziehen ihr buglahmes, keuchendes Tier in den Stall, und wir haben es ihnen schon hoch anzurechnen, wenn sie kopfschüttelnd und mit einem betrübten Seufzer das still tun und sich nicht durch irgendeine Redensart eines schlechte Geschäfte gemacht habenden Musterreiters ob ihrer Enttäuschung rächen und grinsen:

»Auf den Leim nie wieder!«

oder:

»Na, so blau!«

Jenseits dieser Verständigen sind dann einige, von denen wir, da wir höchstpersönlich unter ihnen beteiligt sind, nicht wissen oder nicht sagen können, ob sie zu den ganz Unverständigen gehören. Diese stehen und halten ihr Vogelpferd am Zügel und wissen nicht damit wohin, denken Kinder und Enkel und schütteln das Haupt. Durch die Wüste, über welcher der Vogel Rock schwebte, über welche Oberon im Schwanenwagen den tapfern Hüon und die schöne Rezia, den treuen Knappen Scherasmin und die wackere Amme führte, sind Eisenschienen gelegt und Telegraphenstangen aufgepflanzt; der Bach Kidron treibt Papiermühlen, und an den vier Hauptwassern, in die sich der Strom teilte, der von Eden ausging, sind noch nützlichere »Etablissements« hingebaut: wer hebt heute von unseren Augen den Nebel, der auf der Vorwelt Wundern liegt?

Wer? – Was? ist vielleicht die richtigere Frage. Ein leichter Hauch aus der Tiefe der Seele in diesen Nebel, und er zerteilt sich auch heute noch gradeso wie im Jahre siebenzehnhundertundachtzig. Das »alte romantische Land« liegt von neuem im hellsten Sonnenschein vor uns; wir aber erfahren mit nicht unberechtigtem Erstaunen, wie uns jetzt der »Vorwelt Wunder«, die wir in weiter Ferne vergeblich suchten, so nahe – dicht unter die Nase gelegt worden sind im Laufe der Zeiten und unter veränderten Umständen.

Zehn Schritte weit von unserer Tür liegen sie – zehn, zwanzig, dreißig Jahre ab –, als die Eisenbahn noch keine Haltestelle am nächsten Dorfe hatte – als der Eichenkamp auf dem Grafenbleeke noch nicht der Separation wegen niedergelegt war – als man die Gänseweide derselben Separation halben noch nicht unter die Bauerschaft verteilt und zu schlechtem Roggenacker gemacht hatte – als die Weiden den Bach entlang noch standen, als dieser Bach selber –

Nun, von diesem letztern demnächst recht vieles mehr! Er fließt zu bedeutungs- und inhaltsvoll durch die Wunder der mir persönlich so nahe liegenden Vorwelt, von welcher hier erzählt werden soll, als daß über seine Existenz mit einem Sprunge oder in drei Worten weitergeschritten werden könnte.

† † †

»Was schreibst du denn da eigentlich so eifrig, Mäuschen?« fragte die junge Frau; und der junge Mann, das eben vom Leser Gelesene, niedergeduckt durch die süße Last auf seiner Schulter, noch einmal seitwärts beäugelnd, meinte:

»Eigentlich nichts, Mieze. Bei genauesten Betrachtung aber leider nichts weiter als das, was du selber bereits längst durch gottlob ziemlich eingehendes und eifriges Studium herausgefunden hast. Nämlich, daß ein gewisser Jemand auch an einem so schönen Morgen wie der heutige der graueste aller Esel, der ›erschröcklichste aller Pedanten‹ und – kurz und gut eigentlich ›ein gräßlicher Mensch‹ ist.«

»Dann klapp das dumme Zeug zu und komm herunter und erzähle mir das übrige draußen. Ein schrecklicher Mensch bist du, und ein himmlischer Morgen ist es. Die Wildtauben gurren immer noch in den Bäumen, und von dir, mein Schatz, verbitte ich mir hoch und höchst alles fernere Geknurre und Gedruckse. Komm herunter, Ebert –

›Das Wasser rauscht zum Wald hinein,
Es rauscht im Wald so kühle;
Wie mag ich wohl gekommen sein
Vor die verlassene Mühle?‹«

Mit heller, lustigster Stimme machte sich die liebe Kleine ihre eigene Melodie zu dem wehmütig-schönen, melodischen Verse, und mir blieb wirklich nichts übrig, als unter meine unmotivierte Stilübung dahin drei Kleckse zu machen, wo im Druck vielleicht einmal drei Kreuze stehen, und mich hinunterziehen zu lassen unter die alten Kastanienbäume, in deren Wipfel die wilden Tauben immer noch in den Sommermorgen hineingurrten.

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