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Charles Perrault: Charles Perrault: M - Das Rotkäppchen
Quellenangabe
typefairy
titleDas Rotkäppchen
authorCharles Perrault
translatornacherzählt von Moritz Hartmann
publisherDer Kinderbuchverlag Berlin
addressBerlin
isbn3-358-00163-6
year1987
senderreuters@abc.de
created20040916
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Charles Perrault

Das Rotkäppchen

Es war einmal ein kleines Mädchen, ein herziges Ding, das alle Welt liebhatte. Am liebsten hatte es die Großmutter, die kaufte ihm ein Mäntelchen mit einer roten Kapuze daran, und danach hieß es Rotkäppchen. Eines Tages, da die Mutter Kuchen gebacken, sagte sie zu Rotkäppchen: »Rotkäppchen, die Großmama ist krank, geh hin und erkundige dich, wie es ihr geht, und bringe ihr hier von den schönen Kuchen, solange sie noch frisch sind, und etwas Wein und Butter dazu und allerlei gute Sachen, die ich in das Körbchen packe.«

Rotkäppchen ging immer gerne zur Großmutter, obwohl es ein langer Weg war, denn man weiß es ja, wie die Großmütter die Enkelchen lieben, und das Enkelchen möcht ich sehen, das nicht auch die Großmutter liebhätte.

Ehe es ging, sagte noch die Mutter: »Kind, Kind, gehe immer geradeaus, sieh nicht rechts, nicht links, und lasse dich durch niemanden vom geraden Weg ablocken!«

So ungefähr sagen ja die Mütter immer, wenn die Töchter hinausgehen. Manchmal nützt es, öfter auch nicht, denn die besten Reden sind ja aus Luft gemacht.

Zeichnung: Dore

Wie Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihr der Gevatter Wolf. Sie hatte keine Angst, denn sie war ein unschuldiges Ding, das noch nicht wußte, was ein Wolf ist. Er aber verstand sich ganz wohl auf einen guten Bissen, und er hätte sie am liebsten gleich aufgefressen, wenn nicht Leute in der Nähe gewesen wären, die er fürchtete. Da machte er sich so an sie, wie man zu tun pflegt, mit gleichgültigen und freundlichen Reden.

»Guten Morgen, Rotkäppchen! Wohin des Weges?«

»Danke schönstens! Ich gehe zur Großmutter, die ist krank, und ich bringe ihr frischgebackene Kuchen von meiner Mutter und Butter und Wein und allerlei gute Sachen.«

»Wohnt sie weit von hier, deine Großmutter?«

»O ja, recht weit, hinter dem Walde, an der Mühle vorbei, im ersten Hause vor dem Dorfe.«

»Nun, da sie krank ist«, sagte der Wolf und legte fromm die beiden Vordertatzen ineinander, »nun, da sie krank ist, will ich sie auch besuchen. Ich mache gerne Krankenbesuche, tröste die Leidenden und spreche ihnen von Gottes Wort. Gehe du nur geradeaus, liebes Rotkäppchen, sieh nicht rechts, nicht links und lasse dich durch niemand vom geraden Weg ablocken. Ich will nur noch einen Krankenbesuch machen, dann komme ich dir nach.«

Der gute Wolf, dachte Rotkäppchen, er spricht gerade wie meine Mutter. Aber wieviel muß er zu tun haben, wenn er alle Leidenden trösten will. Es gibt doch recht gute Seelen! Und wie er sich beeilt, um Gutes zu tun! Läuft er doch, als könnte er es nicht erwarten. Während sie so dachte, lief der Wolf in der Tat, was er laufen konnte, aber nur um Rotkäppchen einen Vorsprung abzugewinnen und vor ihr bei der Großmutter anzukommen.

Rotkäppchen sah viele schöne Blumen im Walde stehen, die pflückte sie und steckte sie in die Butter und in die Kuchen. Dann wand sie Kränzchen und schlang sie um die Flasche, um alles recht schön aufzuputzen. Dann guckte sie manchem Vöglein ins Nest und wunderte sich, wie die Jungen die gelben Schnäbel so weit aufmachten. Sie brach kleine Kuchenstücke ab und steckte sie ihnen hinein.

Zeichung: Dore

So, dachte sie, tue ich auch etwas Gutes, denn die Vöglein sind gewiß hungrig. Wein darf ich ihnen nicht geben, ich bekomme ja auch keinen, denn er ist nicht für die Jugend.

Der Wolf hatte indessen seine Zeit nicht verloren mit Blumenpflücken, Kränzleinwinden, Nestleingucken – denn die Bosheit eilt, als ging's ins Paradies – und war vor dem Hause der Großmutter angekommen und klopfte an die Türe: Top! Top!

»Wer ist draußen?« fragte die Großmutter mit ihrer schwachen Stimme.

»Ich bin es, das Rotkäppchen. Ich bringe dir Wein und Kuchen und allerlei gute Sachen.«

»Drücke die Klinke, und sie wird springen!«

Der Wolf drückte die Klinke, und sie sprang, und er warf sich auf die arme Großmutter und verschlang sie in einer Minute, als wäre es nichts. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, zog sie tief ins Gesicht, schloß die Türe, legte sich in das warme Bett und wartete.

Hat schon die alte magere Großmutter gut geschmeckt, dachte er, wie wird erst das appetitliche Rotkäppchen schmecken. Ich sehne mich nach ihr, ich liebe sie zum Fressen.

Rotkäppchen ließ nicht lange auf sich warten. Top! Top!

»Wer ist draußen?« fragte der Wolf und gab sich alle Mühe, die Stimme der Großmutter nachzuahmen.

»Ich bin es, das Rotkäppchen. Ich bringe dir Wein und Kuchen und allerlei gute Sachen und viele Blumen.«

»Drücke die Klinke, und sie wird springen!«

Rotkäppchen drückte die Klinke und trat ein. Die Stimme der Großmutter klang ihr etwas verdächtig, und in der Stube war eine sonderbare Luft, fast wie in einer Menagerie. Es wurde ihr eigentümlich zumute. Ahnung nennt man das, und wie es heißt, empfindet das jeder, der gefressen werden soll. Sie wußte gar nicht, was tun und sagen, und sah sich ganz ängstlich in der Stube um. Der Wolf zog die Decke übers halbe Gesicht, und anstatt sie gleich zu fressen wie die Großmutter, sagte der alte Sünder mit verstellter Stimme: »Mein liebes Rotkäppchen, stelle die Sachen hin, kleide dich aus und lege dich zu mir ins Bett.«

Zeichnung: Dore

Zitternd gehorchte das Rotkäppchen, kleidete sich aus und legte sich ins Bett zu dem alten Sünder. Ach, dachte sie, es ist mir, als hätte ich unrecht getan, daß ich der Mutter nicht gehorchte und daß ich nicht den geraden Weg gegangen bin. Und wie sie die Decke aufhob, war sie erstaunt über das Aussehen der Großmutter.

»Aber Großmutter, was hast du für lange Arme?«

»Daß ich dich besser umarmen kann.«

»Aber Großmutter, was hast du für lange Ohren?«

»Daß ich dich besser hören kann.«

»Aber Großmutter, was hast du für große Augen?«

»Daß ich dich besser sehen kann.«

»Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzliches Maul?«

»Daß ich dich besser fressen kann.«

Und wie er das sagte, fraß er sie auf.

Aber das wäre eine ganz traurige Geschichte, wenn sie so enden sollte, und da gäbe es ja gar keine Gerechtigkeit auf Erden, wenn die Wölfe die Rotkäppchen so ungestraft fressen könnten. Gerechtigkeit muß sein. Und so war es. Der Wolf schlief ein, als hätte er das beste Gewissen, denn sein Grundsatz war:

Ein guter Bissen
ist das beste Ruhekissen –

und schnarchte, daß der Wald davon widerhallte. Dieses Schnarchen war sein Verderben. Der Jäger hörte es und kam herbei, ohne zu wissen, daß er in diesem Moment die göttliche Gerechtigkeit vorstellte, wie es überhaupt wenige Menschen wissen, was sie vorstellen. Erst glaubte er, es sei die alte Frau, die so schnarchte. Wie er aber sah, daß es der Wolf war, sagte er sich gleich, daß er gewiß etwas im Leibe habe, zog leise sein großes Messer hervor und schnitt ihm den Bauch auf. Da sprang nicht nur das Rotkäppchen, sondern auch die Großmutter heraus.

Der Wolf, dem nichts so unangenehm war wie ein leerer Bauch, erwachte und machte große Augen, als er die Großmutter und Rotkäppchen vor sich stehen sah. Er war sehr empört, daß man es wagte, ihm wieder zu nehmen, worauf er sich mit seinen Zähnen ein Recht erworben. Er wollte eben seine Stimme erheben, um sich zu widersetzen und sein Recht zu wahren, als ihn der Jäger niederschoß. »Denn«, sagte der Jäger, »das Laster muß am Ende bestraft werden, anders geht es nicht.«

Rotkäppchen aber wich nie wieder vom geraden Wege ab, und der Großmutter hatten der heilsame Schreck und der Aufenthalt im warmen Leibe des Wolfes sehr gut getan, daß sie nie wieder den Schnupfen bekam. So wurde beiderseitig die Unschuld gerettet. Damit aber auch die Tugend belohnt wurde, trank der Jäger allen Wein aus, den Rotkäppchen mitgebracht hatte.

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