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Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Wilhelm Raabe

Wunnigel


Erstes Kapitel

Die Stadt liegt – sagen wir – ganz genau mitten in Mitteldeutschland; aber glücklicherweise erinnern wir uns noch gerade zur rechten Zeit jenes Pfaffen, dem Eulenspiegel nachwies, daß er, der geistliche Herr, das Zentrum seiner Kirche keineswegs ganz genau zu treffen wisse, und hüten uns wohl, eine Wette in betreff der absoluten Richtigkeit unserer geographischen Breiten- und Längenbestimmung anzubieten.

Es ist aber eine feine, alte, gar nicht unbedeutende Stadt, und wer daselbst noch außerhalb dieser Geschichte zu tun hat, der findet sie wohl auch ohne Polhöhe- und Meridianberechnung mit Hülfe der ersten besten Post- und Eisenbahnkarte, sowie eines Eisenbahnbilletts. Ihre Bewohner sind mit Recht stolz auf sie und haben jedenfalls selber Geschmack gezeigt, als sie sie halb in die Ebene und halb an den Berg hinbauten. Auf dem Berge liegt das Schloß, in welchem vordem eine Seitenlinie des Herrscherstammes residierte, das aber jetzt längst der Herrscherhauptstamm selber wieder an sich genommen hat, um darin seine Autorität durch eine erkleckliche Reihe von Provinzialbehörden, die nicht immer untereinander auf dem besten kollegialischen Fuße leben, vertreten zu lassen. Die Stadt ist, sozusagen, verhältnismäßig voll von alten Kirchen und sonstigen hervorragenden öffentlichen und Privatbauten; zwei oder drei malerische Tortürme mit anhängendem Umwallungsgemäuer hat sie gleichfalls konserviert. Sie war eine der ersten in Germanien, die sich mit Gas beleuchtete, jedoch den Efeu nicht darum von den Wänden riß und ihre alten Lindenbäume niederschlug. Sie hat merkwürdig viel Grün innerhalb ihres Weichbildes sowohl in der Ebene als auch den Berg hinauf sich bewahrt, und Thor, Wodan und Freya vergelten ihr das denn auch und schützen sie mit lächelndem Wohlwollen in ihrem kräftigen, grünen Alter: die hübschen Mädchen werden nicht alle in ihr, und das Landwehrregiment, dessen Stab hier liegt, notierte neulich im harten Winter vor Paris außergewöhnlich wenige Gliederwehkranke in seinen Lazarettlisten.

Ein Charakteristikum der Stadt sind die Gartenmauern, vorzüglich den Berg hinauf an Treppen und Wegen. Man könnte vom Frühling bis zum Herbst an ihnen zwischen Haus und Haus eine vollständige Flora muralis zusammenstellen; und wenn man auch die Moose dazu nimmt, so kann man dreist behaupten, daß auch den Winter durch das Treiben und Blühen an ihnen wahrlich nicht ein Ende findet. Und die Häuser am Schloßberge haben fast sämtlich ihre uralten Gartenmauern, und was von Murales nicht an ihnen gedeiht, das findet der Botaniker sicherlich an der Kirchhofsmauer der Sankt-Gertrauden-Kirche, die auch am Schloßberge gebaut ist und mit ihrer gotischen Turmknospe gerade in die Fenster des Kreisgerichts im Schloß hineinsieht und den gegenwärtigen Herrn Kreisrichter, einen passionierten Jäger, mehrmals veranlaßt hat, vermittelst einer Windbüchse von seiner Amtsstube aus nach den den Turm umflatternden Dohlen zu schießen. Nach dem ersten Treffer hat sich freilich die Nachbarschaft von Sankt Gertrud das harmlose Vergnügen leider dringend verbeten.

Von den Dohlen bis zu den Glocken ist nur ein Schritt; – die Stadt hat, so viele Jahrhunderte hindurch sie existiert, sich noch nie und nimmer ihr Geläut zuwidergehört. Sie besitzt ein Theater und hat dann und wann ganz gute Gelegenheit, sich mit aller Vergangenheits- und Zukunftsmusik bekannt zu machen; aber ein Ohr für ihre Glocken hat sie sich unter allen Umständen bewahrt. Freilich, um ganz genau zu hören, fühlen und empfinden und zu verstehen, wie und was sie am Abend vor Weihnachten, Ostern oder Pfingsten reden, muß man doch wohl am Orte, wenn nicht seinen Unterstützungswohnsitz haben, so doch daselbst geboren oder erzogen worden sein. Wir reden davon vielleicht noch später einmal; gegenwärtig brechen wir weislich ab. Wir werden wohl schwer ein Ende abreichen, wenn wir die Stadt noch länger im ganzen schildern und beschreiben wollen; und wir haben es im Grunde doch nur mit zwei Häusern darin zu tun, einem größeren und einem ganz kleinen – einem oben am Berge und einem am Untertor, welche letztere Bezeichnung klar genug andeutet, daß der mittelalterliche, gewölbte Durchgang glatt in die Ebene hinausführt. –

Zuerst steigen wir nun bergan und widmen uns dem größeren Hause, dem »Hause am Schloßberge«; das andere, kleine, das »Haus am Tor«, finden wir dann in der Folge beiläufig auf unserem Wege. Beiläufig! Als ob es wirklich auf unseren Wegen, in unserem Leben etwas Beiläufiges gäbe! – Steigen wir und nehmen wir alles, wie es sich gibt! –

Ein gewundener, gepflasterter Fahrweg führt uns zu der Tür des Hauses am Schloßberge, und zwar zu einer Tür, die in jedem Handbuche der Kunstgeschichte eine Abbildung verdient. Zwei Renaissance-Römer in Sandstein bewachen mit sehr unklassischen Hellebarden einen ungemein gutmütigen und freundlichen Medusenkopf über der Pforte und eine Messingplatte neben einem Glockenzug.

H. Weyland
Dr. med. und Geburtshelfer

ist auf der Platte zu lesen; und sechs ausgetretene Steinstufen, begleitet auf beiden Seiten von einem kunstvollen eisernen Geländer, bringen uns auf den Hausflur des Herrn Doktors.

Wir stehen in dem Familienhause der Weyland und finden, daß das Innere dem Äußeren nichts nachgibt. Im Gegenteil, wenn das letztere uns in Verwunderung, ja Erstaunen setzte, so verstärkt das andere diesen Eindruck sogar noch.

Es ist ein Familienhaus in der wahrsten, vollsten Bedeutung des Wortes von innen und von außen. Die Jahreszahl fünfzehnhundertsiebenzig steht unter dem Medusenkopf draußen; inwendig finden wir eine Spur von allem, was sich den Generationen seit jenem Jahre an Herz und Sinn legte; und aus jeder Epoche ist genug übriggeblieben, um einen Sachverständigen außer sich zu bringen; – gottlob, daß wir keiner von den Sachverständigen sind!

Schnitzwerke in Holz und Bein, gemalte Tafeln, die Schelmerei der Trinksprüche an Silberbechern und Glaspokalen, altflanderische Teppiche, der Schrank der Urgroßmutter und die Bücherstube des Großvaters haben für uns all ihren Zauber, alle ihre Märchenhaftigkeit, ihren ganzen unwissenschaftlichen Duft und Schimmer behalten. Wir riechen in den Schrein der Großmama, aber wir kleben keinen Zettel mit einer Nummer und einer Beschreibung ins einzelne daran. Wenn wir uns aus dem Wintersturm an den warmen Ofen gerettet haben, wenn wir aus der heißen, grellen Sommersonne in den kühlen Buchenwald getreten sind, so – kleben wir auch keinen Zettel an unser Behagen; aber wir wissen es zu würdigen.

Beiläufig – in unserem Sinne – soll späterhin dann und wann die Rede sein von dem Inhalt des Hauses Weyland.

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