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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Verkehrte Welt - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleVerkehrte Welt
pages413-417
created20000907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Grimmelshausen

Des
Abenteuerlichen Simplicii
VERKEHRTE WELT

Nicht / wie es scheinet / dem Leser allein zur Lust und
Kurtzweil: Sondern auch zu dessen aufferbaulichem Nutz
annemlich entworfen
von
Simon Leugfrisch von Hartenfels.

 

Titul-Kupfers Erklärung

        Der Hirsch den kühnen Jäger legt /
Der Ochs manchmahl den Metzger schlägt /
Der Arm dem Reichen Steuer trägt /
Zur Arbeit der Soldat sich regt /
Der Bauer in Waffen sich bewegt /
Solch Ding die Welt zu üben pflegt.

Gedruckt im Jahr 1672.

 

 

Præambulum

ERstlich bitte ich / verzeihet mir / Hochgeehrter Großgünstiger und curioser lieber Leser etc. Wann ihr mich betrogen findet / dafern ihr villeicht vorstehents Kupferblat sambt dem Titul nur angesehen / und euch darauff eingebildet / ihr werdet sonst nichts anders als kurtzweilige: Doch denckwürdige Historien / Wunderfäll und seltzame Geschichten / die sich etwan da und dort in unserer Jrrdischen so genanten Verkehrten Welt zugetragen / zulesen haben; Als nemlich / wie wunderbarlicher Weiß hier das Wilt den Jäger jagt und erlegt; Wie unversehens dort der Ochs den Metzger metzget und umbgebracht / und so fortan; Warumb solte aber ich dergleichen Sachen beschreiben / die wir täglich vor Augen sehen? Es wehre ja unnötig und vergeblich; wir können ja alle Tag augenscheinlich warnehmen / wie der tapffere Soldat / der ehemahl den Feind gejagt / das Vatterland geschützt / Städ eingenommen / Länder bezwungen / Beuthen gemacht und den Bauren gedruckt / sich jezunder selbst ducket / schmüget / bieget und Baurn-Arbeit verrichtet; Hingegen aber der Bauer oder sein Hansel unter dem Ausschuß in einem lieberey Röcklein pravirt und mit Gewehr sich exercirt. Man siehet ja offt / wie der Edel bettelt / der Unedel dominirt / der Arm dem Reichen gibt / der Grobianus das Præ hat / der kluge Höffling aber dahinden stehet; Jch hab selbst gesehen Lahme tantzen die reich waren / und Bettler auff Krucken sehen gehen / die doch gerade Füß und Schenckel hatten / was bedarffs dann darvon viel schreibens? Derowegen will ich hier etwas aus einer andern Verkehrten Welt vormahlen / worinnen nemblich der Arme Lazarus / dem vor zeiten die Hund seine Geschwere leckten / mit himlischer Freude getröstet: Der reiche Prasser aber welcher täglich herrlich zuleben gewohnet gewesen / mit höllischer Pein gequelet wird; Wo die Tyrannen / die etwan zu ihrer Zeit der gantzen Welt zubefehlen hatten / jezunder in ihrem unaussprechlichen Schmertzen sich verwundern / daß die Jenige / deren Leben sie vor ein Thorheit und spöttisch Beyspiel gehalten / und die sie in ihren angestellten persecutionibus grausamlich töden lassen / nunmehr unter die höchste Freund Gottes gerechnet und gesetzt worden; Sehet Hochgeehrter lieber Leser / von einer solchen verkehrten Welt werdet ihr hierinnen etwas zulesen finden; Wann ihr aber villeicht vermeinen möchtet; ob hätte ich die höllische Qual viel zu grausam entworffen / und der Teuffel sey nicht so schwartz als man ihn mahle; So wisset zweitens / daß ich davor halte / gleich wie es unmüglich ist / die himlische Freud der Seeligen auszusprechen / daß es auch eben so ohnmüglich sey / die Pein der Verdambten nach ihrer grösse zubeschreiben; Solches bezeugt Cæsarius mit diesem Exempel / in der Gegent Basilivaria, spricht er / starb ein reicher Mann / nach seinem Todt erschiene er seiner Hausfrauen und vermeldet ihr seine Verdamnus; Sie fragte ihn / ob ihm dann seine grosse Allmosen nichts geholfen hätten? Er antwortet / nein / Ursach / weil er sie nicht auß Lieb zu GOtt und seinem Nechsten / sondern auß eitler Ehr hingeben; Das Weib fragte ihn ferner von andern Dingen; Er aber sagte seines bleibens wehre da nicht länger: Er litte solche Pein / wann alles Laub von allen Bäumen in Zungen verwandelt würden / so könten sie solches doch nicht aussprechen: Und Cyrillus schreibet in den Wunderwercken sancti Hieronymi, daß einer aus dreyen Todten / die Hieronimus erweckt / gesagt: Wann der Mensch empfinden und erkennen solte wie schwer und ohnleidenlich die Höllische Pein sey / so würde er lieber aller Menschen zeitliche Pein und Marter leiden / die von Anfang biß ins End der Welt gelebt und gelitten / als nur einen einzigen Tag die höllische Qual gedulten wollen; Nun wers nicht beyzeiten glauben mag / der mag sie (aber ach lieber besorglich viel zuspath) selbst empfinden; Die Güte Gottes wolle uns beydes vor solchem Unglauben und vor der schrecklichen Pein selbsten gnädiglich bewaren; Drittens kann ich hier unangezeigt nicht lassen / daß ich offt wenig Dancks damit verdienet / wann ich die Warheit geredet oder geschrieben; Aber villeicht wars mein eigen Schult / ich hab etwan geirret / dann Jrren ist Menschlich; Solte ich nun in dieser meiner verkehrten Welt wider geirret / und wider mein bessere Verhoffen auff einen oder den andern aus meinem werten Lesern die Unwarheit ausgeben haben / so wehre mirs hertzlich leid / derwegen einen jeden der sich solcher Gestalt beleidigt zuseyn vermeinet / zum aller freundlichsten bittent / er wolle aus Christlicher bescheidenheit mir meinen Fehler vergeben / und so viel an ihm ist / mich durch eigene correction zu einem Warsager machen; Darvor ihm GOtt im Himmel den ewigen Lohn geben wird.

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