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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Aus dem ewig-währenden Calender - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleAus dem ewig-währenden Calender
pages357-410
created20000906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Grimmelshausen

AUS DEM EWIG-WÆHRENDEN CALENDERDer »ewig-währende Calender« erfordert eigentlich eine Parallel-Ausgabe in sechs Spalten. Da dies technisch nicht möglich ist, beschränkt sich die vorliegende Auswahl auf die in der dritten Spalte befindliche Sammlung von »lustigen Erzehlungen« bzw. »Stücken«.

 

 

WARHAFFTER BERICHT

von Erfinder dieses Calenders / sambt etlichen lustigen Erzehlungen / die er von Simplicissimo der diesen Calender geschrieben gesamblet / und hiemit dem curiosen Leser wider mittheilet.

 

REspectivè Hochgeehrter großgünstiger lieber Leser / etc. auch überall beschreiter und verhaster Zoile / etc. Jch berichte euch allerseits freundlich / daß dieser Calender nicht geschrieben oder verfertigt worden / jhne in offnen Truck zugeben / sonder es hat jhn der so genandte Abentewrliche Simplicissimus, dessen Lebens-Beschreibung vorm Jahr daß erste mahl getruckt worden / seinem jüngsten Sohn Simplicio, welchen er neben seinem Knan und Meüder zu Erben und Besitzern seines Baurnhoffs an Schwartzwalt hinderlassen / umb dessen Verstand darinn zu üben / und jhn zu höheren Gedancken dardurch zu reitzen / vermög der Vorrede / zugefallen geschrieben / wann er etwann in seinen Wittwerstand eine übrige Stund hätte / darinn jhn die Melancholia überfallen und plagen: oder besser zusagen / wann er seine Zeit nit müssig zubringen wolte; seynd derowegen weder Momus, Zoilus, Moscus noch einige andere Naßweyse Schulfüchse und Magistellen die alles verbessern und so gar das Magnificat corrigiren wollen / befügt / diesen Calender so wenig zu tadlen und Simplicissimum zu verleumbden / als sonst jrgend einen ehrlichen Mann / der seiner Familia per memoriale in Schrifften hinderläst / wie sie etwann ins künfftig nach seinem Todt hausen sollen; dieses ande ich deßwegen / damit jederman wisse / zu was End dieser Calender verfertigt worden seye.

Wie er aber mir und auch euch durch meine Vermitlung / under die Händ kommen sey / daß schäme ich mich auch nicht zu erzehlen / dann ich hab jhn ja nicht gestohlen.

Als ich im verwichenen Julio dieses 1669. Jahrs die Saurbrunnen Chur brauchte / und nunmehr wie mir mein Doctor vorgeschrieben hatte / mit den Gläsern uffstige und darauff wie sein Geck hin und wider lauffen muste / begegnete mir ein uhraltes Weib mit eim Korb oder Zain wie sie es daselbst nennen / uff dem Kopff / die eylte dem Saurbrunnen zu; ich grüste sie und fragte wohin und was sie trüge? Sie antworttet / guten frischen Butter solchen im Saurbrunnen zu verkaufen; weil mir dann nun solche schmutzige Materia zu mir zunehmen (und zwar täglich vor dem Morgen essen) von meinem Doctor verordnet: ich auch allbereit nicht allerdings gäng war / weil ichs auß Unachtsambkeit underlassen hatte / wurde ich mit der alte Mutter leicht eins / daß sie nidersetzte / mich meine Notturfft kauffen zulassen; da sahe ich daß sie ihren gantzen Kram in eytel halbe und gantze Pfund partirt: und jedes besonder in einen halben Bogen Pappier gepackt hatte; ich merckte gleich / weil alles mit rothen und schwartzen Buchstaben überschrieben war / daß es Schrifften seyn müsten / die in eines Bawern Krautgarthen nicht gewachsen / und wie ich sie etwas genawer deßwegen beschaute / fande ich gleich fein ordentlich den Januarium dieses Calenders / ich fragte wo sie die Brieff herbrächte? sie antwortet / es wären so alte Schrifften von jhrem Sohn / die er etwann hiebevor geschrieben; weil er aber nun jetzunder wie sie gehöret hätte / sich in der newen Welt befünde / und sein Lebtag wohl nimmermehr zu Land kommen würde / und also auch diese Brieff niemand nichts mehr nutzten / so hätte sie selbige angegrieffen und jhren Butter hinein gepackt / ich fragte / wer dann jhr Sohn gewesen wäre / da antwortet sie mir / die Leuthe pflegten jhn nun ein halb Jahr her den offendürlichen Smplicissimus zunennen / er hätte aber mit seinem rechten Nahmen Melcher geheissen und wäre ein Soldat: nachgehents aber ein Waltbruder gewesen / und auß dem Walt hinweg kommen / daß sie seyther weder Stumpff noch Stiehl mehr von jhm gesehen / ausser daß sie im Saurbrunnen von frembden Leuthen gehöret hätte / er wäre in die newe Welt gezogen / und würde sein Tage wohl nicht wider kommen; Weil ich dann nun etliche Tag zuvor ein zimblichs auß deß Simplicissimi Lebens-Beschreibung gelesen hatte / erfrewet ich mich und rechnet es mirs vor ein Glück / daß ich auch sein ManuScript: sehen solte / bildete mir auch stracks ein / daß dieses die Meüder seyn müste / deren in besagter seiner Lebens-Beschreibung gedacht wird / ich sagte darauff zu jhr es wäre gleichwohl schad / daß sie diese Schrifften so von einander hudelte / wann sie noch bey einander wären / so wolte ich jhr gern etwas darvor verehren; ja? Herr / antwortet sie / diß sein die erste Brieff die ich darvon genommen / die andere liegen noch alle fein ordentlich daheim / wann jhr sie zu etwas brauchen könt / so kan ich sie euch wohl zukommen lassen / allein könte sie mir die gegenwärtige nicht versprechen / weil sie allbereit jhren Butter hinein gewickelt hätte / welche sie darbey lassen müste / damit jhn die Leuth so ihr abkieffen / desto besser tragen könten und die Händ nicht damit beschmirten / was Raths? gedachte ich / es taugt gleichwohl ein Theil ohne daß ander nichts; wurde derowegen mit der Meüder deß Kauffs eins umb allen jhren Butter den sie bey sich hatte doch mit dem geding / daß sie mir denselben auß sieden und in einen Hafen zusammen giessen solte / zu welchem Ende ich mit jhr uff ihren Hoff gehen: und warten wolte biß solche Arbeith geschehen wäre;

Also zotten wir mit einander dahin / und als wir die Pfund und halbe Pfund fein ordentlich mit einander in einen Kessel zehleten / hube ich die Blätter dieses Calenders fleissig zusammen und fande von der Vorrede an / die Simplicissimus an seinen Sohn den jungen Simplicium geschrieben / biß in den halben Februarium alles complet und nichts darvon verlohren; jch fragte gleich nach dem Rest / welchen mir die Altmeuder alsobald hervor gab; da ich nun dergestallt daß gantze Werck zusammen brachte / also daß nur noch der Titul darzu mangelte / fieng ich an mit der Meuder darumb zu marcken / und wurde endlich mit jhr eins / daß ich jhr vor alles vnd alles ein Duckhoten geben solte damit wir beyde dannwohl zufrieden; darauff fragte ich nach jhrem Mann und dem Jungen Simplicio, umb zusehen ob der Alte auch ein solche grosse Wartzel wie ein Horn uff der Stirn hätte / als jhn Simplicissimus beschrieben; und ob an dem jungen etlicher massen abzunehmen; wie sein Vatter ausgesehen haben möchte / als welchem er allerdings von Angesicht ähnlich seyn soll: vom Alten sagte sie mir / er wäre nicht anheimisch / sondern mit einer Fuhr nach Straßburg / den Puppenmachern einen Wagen voll fichtene Mißel zubringen: vom jungen Simplicio aber / daß jhn seine Vögt zu einem Barbierer verdingt hätten / das Handtwerck bey jhm zulernen: Ey / sagte ich ich hätte sie beyde wohl gern sehen mögen; Sie antwortet / daß ist nichts newes / GOtt geb wer hieher kombt verlangt solches / sie sein aber gemeiniglich wohl zufriden / wann ich an statt deß jungen Simplici jhnen seines Vattern Gunterfet weise; habt jhr das / fragte ich / freylich antwortet sie / es hat mir newlich ein grosser vornehmer Herr 6. Duckhoten drumb geben wollen / aber ich vnd mein Mann woltens jhm nit lassen / doch liessen wir zu daß ers dieser Tagen hat abmahlen lassen / welches uns seither sehr gerewet / dann zuvor kahmen viel Herrn her / das Gunterfeth etwann umb ein Trinckgelt zubeschawen / nun aber so sie dergleichen eins im Sawrbrunnen haben / so lang der Mahler darinn ist / fragt niemand mehr darnach; Welches uns dann manchen Schilling schadet; doch ligt nit viel daran / ich wolt gern unser Gunterfeth auch manglen / wann wir den Sohn selbst wider hätten / weil aber solches / wie wir von vielen Leuthen täglich hören / schwerlich mehr geschehen wird / so frewen wir uns indessen wann wir beyde alte Leut nur sein Bildnuß haben und täglich vor Augen sehen mögen.

Under wehrendem diesem unserem Discurs wurde mein Schmaltz gesotten / welches mir die Alt-Meuder den andern Tag / weil es zuvor gestehen und erkalten müsten / in Sawrbrun brachte; dasselbe verhandelt ich der Wirthin widerumb / ob ich gleich ein halben Thaler daran einbüste; dann als ich solchen kauffte / war mirs nicht umb den Butter / sonder umb diesen Calender zuthun / welchen der Leser gleich in Händen: oder doch vffs wenigst vor jhm ligen hat.

Denselben übersahe ich obenhin / und weil ich noch ein grosses Spacium darinn lehr fande / nemblich dieses / darinn jetzt diese Erzehlung stehet / und warinn vielleicht Simplicissimus noch mehr Discursen so zwischen jhm und seinen beyden Alten vorgangen / oder ich weiß nit was sonsten / vffzuzeichnen gesinnet gewesen / als habe ich dahin gesetzt / was der Leser bereits verstanden vnd noch vernehmen wird / nemblich daß jenige so hernach folgt / und ich mir hin und wider von den Leuthen so mit Simplicissimo bekandt gewesen / erzehlen lassen; darauß abzunehmen / daß er Simplicissimus von zimblicher Conversation: unnd ein gantz Apophtegmatischer Mensch gewesen seyn muß.

Folgen nun seine Stück soviel ich deren erfahren.

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