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Novalis: Neue Fragmente - Sophie, oder über die Frauen
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sendertallmo@nisus.se
typefragment
authorNovalis
titleSophie, oder über die Frauen
editorEwald Wasmuth
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Neue Fragmente

Novalis


Sophie, oder über die Frauen

Es geht mit der Liebe wie mit der Überzeugung – wie viele glauben überzeugt zu sein und sind es nicht. Nur vom Wahren kann man wahrhaft überzeugt sein – nur das Liebe kann man wahrhaft lieben. 1999

Plato macht die Liebe schon zum Kinde des Mangels, des Bedürfnisses – und des Überflusses. 2000

Alles Liebenswerte ist ein Gegenstand (eine Sache). – Das unendlich Liebenswerte ist eine unendliche Sache – etwas was man nur durch unaufhörliche, unendliche Tätigkeit haben kann. Nur eine Sache kann man besitzen. 2001

Das Herz ist der Schlüssel der Welt und des Lebens. Man lebt in diesem hilflosen Zustande, um zu lieben und andern verpflichtet zu sein. Durch Unvollkommenheit wird man der Einwirkung andrer fähig, und diese fremde Einwirkung ist der Zweck. In Krankheiten sollen und können uns nur andre helfen. So ist Christus, von diesem Gesichtspunkt aus, allerdings der Schlüssel der Welt. 2002

Der Liebe geht's wie der Philosophie – sie ist und soll allen alles und jedes sein. Liebe ist also das Ich – das Ideal jeder Bestrebung. 2003

Unermeßliche Mannigfaltigkeit der Windharfentöne und Einfachheit der bewegenden Potenz. So mit dem Menschen – der Mensch ist die Harfe soll die Harfe sein. 2004

Man ist allein mit allem, was man liebt. 2005

Bedürfnis nach Liebe verrät schon eine vorhandene Entzweiung in uns. Bedürfnis verrät immer Schwäche. 2006

Die Liebe hat von jeher Romane gespielt, oder die Kunst zu lieben ist immer romantisch gewesen. 2007

Es ist mit dem Volke, wie mit den Weibern. Es hat für alles Leidenschaft, was seine Aufmerksamkeit an sich zieht. Es sucht in diesem Gegenstande alles, denn es fühlt durch denselben sein unendliches Wesen in dunkler Ahndung. Je schwächer der Mensch, desto mächtiger, ahndungsvoller und behaglicher dünkt ihm ein leidenschaftlicher Zustand. Es ist ihm genug, daß er geweckt und gerührt wird – was ihn weckt und rührt, ist ihm einerlei – er ist noch nicht gebildet genug, um irgerideine Wahl zu treffen und die erregenden Gegenstände zu ordnen und zu unterscheiden, oder gar manchem seine Aufmerksamkeit und Teilnahme zu versagen. 2008

Tout est Vanité – ist der empirische Idealism. C'est la Philosophie des Esprits forts, des Gens du Monde, le Précipitat d'une Vie vague et variée au possible. Tous des Vieillards, surtout, qui ont bien joui de leur Vie, prêchent ce système. Le jeune homme vigoureux l'entend et va préférer une Vanité gaie à une Vanité triste. Une Vérité triste n'est aussi qu'une Vanité, qui a perdu son teint frais et coloré, ses lèvres vermeilles, et la marche légère. Laideur de la Vieillesse est-ce-qu'elle est donc plus réelle, que la beauté du premier Age – parcequ'elle est la dernière? C'est donc le dernier, qui a toujours Raison? 2009

Les femmes sind um deswillen der Pol, um den sich die Existenz und LaPhilosophie derVornchmKlugen dreht, weil sie zugleich Korpcr und Seele affizieren. Auch sie lieben die Ungeteiltheit und setzen einen unumschränkten Wert auf diesen gemischten Genuß; dieser Geschmack geht auf alles über: das Bett soll weich und die Form und Stickcrei hübsch, das Essen delikat, aber auch animierend sein und so durchaus.
An den Femmes reibt sich auch ihr schreibender Verstand gern, drum haben sie soviel darüber geschrieben.
Jeder sieht überall sein Bild; dahcr findet di. Eitelkeit alles eitel.
Nichts ist tröstender als das Bild des Zustandes, zu welchen La Philosophie du monde führt, welches unabsichtlich und wahrhaft naiv die konsommierten und konsumierten Weltleute von sich und ihrer Denkungsart in ihren Schriften und Reden ausstellen. Tröstlich und anlockend wahrhaftig nicht, ein an Unannehmlichkeit dreifach verstärktes Alter so wie gegenteils die Jugend auch dreimal gepfeffert war.
La vraie Philosophie gehört zu der passiven Wissenschaft des Leben. Sie ist eine natürliche, antithetische Wirkung dieses Lebelebens, aber kein freies Produkt unsrer magischen Erfindungskraft. Auch im Schlimmen gibt's eine Progression. Wenn man sich gehn läßt, so entsteht allmählich ein Ungeheucr in seiner Art. So in Brutalität, in Grausamkeit, Frömmelei usw. 2010

Les femmes haben sich nicht über Ungerechtigkeit zu beklagen. Schade, wenn eine Frau dabei war ! Die Beauxesprits haben in Rücksicht des femmes vollkommen recht. Wer wird aber Les femmes mit den Frauen verwechseln? 2011

Les femmes sind Muster der zärtlichsten, weiblichsten Konstitution, höchste Asthenien, mit einem Minimum von Vernunft. So werden sie sehr begreiflich. Annihilantinnen der Vernunft. Über die Mode. Sollte der höchste Reiz für einen Astheniker eine Asthenische sein? und umgekehrt. 2012

Auch Männern kann man absolut anhänglich sein, so gut wie Frauen. (Ein offner, edler Charakter – überall sichtbar.) 2013

Das Postulat des weiblichen Mystizism ist gäng und gäbe. Alles fordert von den Frauen unbedingte Liebe zum ersten besten Gegenstande. Welche hohe Meinung von der freien Gewalt und Selbstschöpfungskraft ihres Geistes setzt dies nicht voraus. 2014

Frauen – Kinder – Esprit des Bagatelles. Art der Konversation mit ihnen. Die Muster der gewöhnlichen Weiblichkeit empfinden die Grenzen der jedesmaligen Existenz sehr genau und hüten sich gewissenhaft, diesclben zu überschreiten; daher ihre gerühmte Gewöhnlichkeit – praktische Weltleute. Sie mögen selbst übertriebne Feinheiten, Delikatessen, Wahrheiten, Tugenden, Neigungen nicht leiden. Sie lieben Abwechselung des Gemeinen, Neuheit des Gewöhnlichen; keine neuen Ideen, aber neue Kleider. Einförmigkeit im ganzen, oberflächliche Reize. Sie lieben den Tanz, vorzüglich wegen seiner Leichtigkeit, Eitelkeit und Sinnlichkeit. Zu guter Witz ist ihnen fatal – so wie alles Schöne, Große und Edle. Mittelmäßige und selbst schlechte Lektüre, Akteurs, Stücke usw., das ist ihre Sache. 2015

Sollte nicht für die Superiorität der Frauen der Umstand sprechen, daß die Extreme ihrer Bildung viel frappanter sind als die unsrigen? Der verworfenste Kerl ist vom trefflichsten Mann nicht so verschieden, als das elende Weibsstück von einer edlen Frau. Nicht auch der, daß man sehr viel Gutes über die Männer, aber noch nichts Gutes über die Weiber gesagt findet? Haben sie nicht die Ähnlichkeit mit dem Unendlichen, daß sie sich nicht quadrieren, sondern nur durch Annäherung finden lassen? Und mit dem Höchsten, daß sie uns absolut nah sind und doch immer gesucht, daß sie absolut verständlich sind und doch nicht verstanden, daß sie absolut unentbehrlich und doch meistens entbehrt werden. Und mit höheren Wesen, daß sie so kindlich, so gewöhnlich, so müßig und so spielend erscheinen? – Auch ihre größere Hilflosigkeit erhebt sie über uns, so wie ihre größcre Selbstbehilflichkeit, ihr größeres Sklaven- und ihr größeres Despotentalent; und so sind sie durchaus über uns und unter uns und dabei doch zusammenhängender und unteilbarer als wir.

Würden wir sie auch lieben, wenn dies nicht so wäre? Mit den Frauen ist die Liebe und mit der Liebe die Frauen entstanden, und darum versteht man keins ohne das andre. Wer die Frauen ohne Liebe, und die Liebe ohne Frauen finden will, dem geht's wie den Philosophen, die den Trieb ohne das Objekt und das Objekt ohne den Trieb betrachteten und nicht beide im Begriff der Aktion zugleich sahen. 2016

Materialien hierzu.
Was noch nicht à leur portée ist, ist noch nicht reif. Ihre Beschäftigungen. Was sie jedem Alter sind. Ihre Erziehung.
Ihr Zirkel. Sie sind wie die vornehmen Römer, nicht zum Verfertigen, sondern zum Genuß der Resultate da – zum Ausüben, nicht zum Versuchen.
Chevalerie. Ihr Bau – ihre Schönheit.
Sie sind ein liebliches Geheimnis – nur verhüllt, nicht verschlossen. Auf ähnliche Weise reizen die philosophischen Mysterien. Hetärie. Ihre Seelenkräfte. Blicl~e auf die Zukunft. Der Akt der Umarmung – die griechischen Göttinnen. Madonna. Jedes Volk, jede Zeit hat ihren Lieblingsfrauencharakter. Die Frauen in der Poesie. Geliebt zu sein ist ihnen urwesentlich. Über die weiblichen Jahreszeiten. Frauen und Liebe trennt nur der Verstand. 2017

Das schöne Geheimnis der Jungfrau, das sie eben so unaussprechlich anziehend macht, ist das Vorgefühl der Mutterschaft, die Ahndung einer künftigen Welt, die in ihr schlummert und sich aus ihr entwickeln soll. Sie ist das treffendste Ebenbild der Zukunft. 2018

Ewige Jungfrauen – geborne Frauen. 2019

Mit Recht können manche Weiber sagen, daß sie ihren Gatten in die Arme sinken. – Wohl denen, die ihren Geliebten in dic Arme steigen. 2020

Physiognomik. Beharrliches in jedem Gesichte Ton des Gesichts. 2021

Das Auge ist das Sprachorgan des Gefühls. Sichtbare Gegenstände sind die Ausdrücke der Gefühle. 2022

Das Augenspiel gestattet einen äußerst mannigfaltigen Ausdruck. Die übrigen Gesichtsgebärden oder Mienen sind nur die Konsonanten zu den Augenvokalen. Physiognomie ist also die Gebärdensprache des Gesichts. Er hat viel Physiognomie, heißt: sein Gesicht ist ein fertiges, treffendes und idealisierendes Sprachorgan. Die Frauen haben vorzüglich eine idealisierende PhySiognomie Sie vermögen die Empfindungen nicht bloß wahr, sondern auch reizend und schön, idealisch auszudrücken. Langer Umgang lehrt einen die Gesichtssprache verstehn. Die vollkommenste Physiognomie muß allgemein und absolut verständlich sein. Man könnte die Augen ein Lichtklavier nennen. Das Auge druckt sich auf eine ähnliche Weise, wie die Kehle durch hohere und tiefere Töne (die Vokale), durch schwächere und stärkere Leuchtungen aus. Sollten die Farben nicht die Lichtkonsonanten sein? 2023

Moralische Psychologie. Der Busen ist die in Geheimnisstand erhobne Brust – die moralisierte Brust. Fernere Bemerkungen dieser Art. So z. B. ist ein gestorbner Mensch ein in absoluten Geheimniszustand erhobener Mensch. 2024

Bewegungsspiel – Freude an mannigfaltigen Bewegungen. Tanzspiel. Maschinenspiel. Elektrischer Tanz. 2025

Es gibt nur einen Tempel in der Welt und das ist der menschliche Körper. Nichts ist heiliger als dicse hohe Gestalt. Das Bucken vor Menschcn ist eine Huldigung dieser Offenbarung im Fleisch.
(Göttliche Verehrung des Lingam, des Busens – der Statuen.)
Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet.

Über die Tötung krüppelhafter, alter und kranker Menschen. 2026

Religiosität der Physiognomik. Heilige, unerschöpfliche Hieroglyphe jeder Menschengestalt. Schwierigkeit, Menschen wahrhaft zu sehn. Relativitat und Falschheit der Begriffe von schönen und häi31ichen Menschen. Recht häßliche Menschen können unendlich schön sein. Öftere Beobachtung der Mienen. Einzelne Offenbarungsmomente dieser Hieroglyphe. 2027

Setzt man das Böse der Tugend entgegen, so tut man ihm zu viel Ehre an. 2028

Die Menschen verändern sich gegen die Extreme und sind nur das, was sie nach ihrer Umgebung und gegen die Gegenstände und Gegenmenschen sein können – daher Veränderlichkeit der Charaktere und relativer Charakter überhaupt. 2029

Nie wird die Theorie bestimmen können, ob Tugend oder Laster preferabler ist – Sie kann nur ordnen – Denkformen aufstellen. 2030

Was heißt das, die Tugend um ihrer selbst willen lieben? 2031

Es gibt einen wesentlichcn Bestandteil der Tugend. – Alle Tugend ist nur eine. Verschiedne Tugenden entstehn aus der Tugend in mancherlei Verhältnissen.
Es ist roh und geistlos, sich hloß des Inhalts wegen mitzuteilen – der Inhalt, der Stoff muß uns nicht tyrannisieren. Wir müssen uns zweckmäßig mitteilen – kunstvoll – besonnen. – Unser Vortrag muß unsrer nicht unwürdig – er muß seinem Publiko, er muß seinem Zwec-k angemessen sein. –
Er muß Vorteile der Zeit und des Orts benutzen. 2032

Nur Sitten und Charakterverbesserungen sind wahre Verbesserungen – Alle andre ohne Ausnahme sind nur Moden, nur Wechsel, nur unbedeutende Verbesserungen. 2033

Möglichkeit des Lasters. (Nur der Feige ist nicht unsterblich.) 2034

Hemsterhuis' Erwartungen vom moralischen Organ sind echt prophetisch. 2035

Veredlung der Leidenschaft – durch Anwendung derselben als Mittel, durch freiwillige Beibehaltung derselben, als Vehikels einer schönen Idee, z. B. eines innigen Verhältnisses mit einem geliebten Ich.
Zorn usw. sind Unarten, Ungezogenheiten – Fehler des sittlichen, echt menschlichen Anstandes. 2036

Das Ideal der Sittlichkeit hat keinen gefährlichern Nebenbuhler als das Ideal der höchsten Stärke – des kräftigsten Lebens – was man auch das Ideal der ästhetischen Größe, im Grunde sehr richtig, der Meinung nach aber sehr falsch, benannt hat. – Es ist das Maximum des Barbaren – und hat leider in diesen Zeiten der verwildernden Kultur gerade unter den größesten Schwächlingen sehr viele Anhänger erhalten. Der Mensch wird durch dieses Ideal zum Tiergeiste – eine Vermischung, deren brutaler Witz eben eine brutale Anziehungskraft für Schwächlinge hat. 2037

Achtung und Liebe. Darein setz' ich meine Ehre nicht.
Man kann seine Ehre in alles setzen – und man soll sie nur in eins setzen. 2038

Unwahrheit hat von einem höhern Gesichtspunkte noch eine viel schlimmere Seite als die gewöhnliche. Sie ist der Grund einer falschen Welt Grund einer unaufloslichen Kette von Verirrungen und Verwicklungen. Unwahrheit ist die Quelle alles Bösen un d Üblen. ( Absolutes Setzen des Falschen. Ewiger Irrtum.) Eine Unwahrheit gebiert unzählige. Eine absolut gesetzte Unwahrheit ist so unendlich schwer auszurotten. 2039

Die eingezogene Erziehung der Mädchen ist für häusliches Leben und Glück darum so vorteilhaft, weil der Mann, mit dem sie nachhcr in die nächste Verbindung treten, einen desto tiefern und einzigen Eindruck auf sie macht, welches zur Ehe unentbehrlich ist. Der erste Eindruck ist der mächtigste und treuste, der immer wiederkommt, wenn er auch eine Zeitlang verwischt scheinen kann. 2040

Mit Ärzten und Geistlichen macht sich kein Großer Bedenken, öffentlich und vertraut zu erscheinen, denn jeder, der ihm begegnet, ahndet so gut wie er die Unentbehrlichkeit diescr Leute in unvermeidlichen Stunden. 2041

Echte Unschuld geht, so wenig wie echtes Leben, verloren. Die gewöhnliche Unschuld ist nur einmal wie der Mensch da und kommt so wenig wieder als er. Wer, wie die Götter, Erstlinge liebt, wird nie an der zweiten Unschuld den Geschmack finden wie an der ersten, ohngeachtet die letztere mehr ist wie die erste. Manches kann nur einmal erscheinen, weil das Einmal zu seinem Wesen gehört. Unser Leben ist absolut und abhängig zugleich. Wir sterben nur gewissermaßen. Unser Leben muß also zum Teil Glied eines größeren, gemeinschaftlichen Lebens sein. 2042

L'homme en Général est un Alcibiade: A Force d'Amabilité il est partout l'enfant flatteur de la Nature. Par Complaisance envers elle il est Nègre et Esquimau, Européen et Tatare, Jaméo et Grec selon l'usage du pays. 2043

Die Kraftgenies. 2044

Manche Leute hängen wohl darum so an der Natur, weil sie als verzogne Kinder sich vor dem Vater fürchten und zu der Mutter ihre Zuflucht nehmen. 2045

Schaden der mystischen Moral der neuern Zeit – z. B. der Tiraden von Unschuld usw. 2046

Unschuld und Unwissenheit sind Schwestern. Es gibt aber edle und gemeine Schwestern. Die gemeine Unschuld und Unwissenheit sind sterblich – Es sind hübsche Gesichterchen – aber ohne alle Bedeutung und nicht dauerhaft. Die edlen Schwestern sind unsterblich – Ihre hohe Gestalt ist unveränderlich – und ewig leuchtet ihr Antlitz vom Tage des Paradieses. Beide wohnen im Himmel und besuchen nur die edelsten und geprüftesten Menschen. 2047

Verwandtschaft von Dank und Mitleiden. 2048

Manche Tat schreit ewig. 2049

Neigungen zu haben und sie zu beherrschen, ist rühmlicher – als Neigungen zu meiden. 2050

Die Moral ist recht verstanden das eigentliche Lebenselement des Menschen. Sie ist innig eins mit der Gottesfurcht. Unser reiner sittlicher Willc ist Gottes Wille. Indem wir seinen Willen erfüllen, erheitern und erweitern wir unser eignes Dasein, und es ist, als hätten wir um unsrer selbst willen, aus innerer Natur so gehandelt. Dic Sünde ist allerdings das eigentliche Übel in der Welt. Alles Ungemach kommt von ihr her. Wer die Sünde versteht, versteht die Tugend und das Christentum, sich selbst und die Welt. Ohne dies Verständnis kann man sich Christi Verdienst nicht zu eigen machen – man hat keinen Teil an dieser zweiten höhern Schöpfung. 2051

Sollte der Teufel, als Vater der Lüge, selbst nur ein notwendiges Gespenst sein? Trug und Illusion stcht allein der Wahrheit, Tugend und Religion entgegen.
Dem freien Willen steht die Grille, die sklavische Willkür, der Aberglauben, die Laune, die Verkehrtheit, die durch lauter Zufälligkeiten bestimmte Willkür gegenüber. Daraus geht die Täuschung hervor.
Für Gott gibt's gar keinen Teufel – aber für uns ist er ein leider sehr wirksames Hirngespinst. Reich der Dämonie.
Pflicht, heiter und ruhig zu sein. 2052

Der positiven Tätigkeit steht negative Leidenschaft entgegen, nicht positive. 2053

Alle Bezauberung geschieht durch partielle Identifikation mit dem Bezauberten – den ich so zwingen kann, eine Sache so zu sehn, zu glauben, zu fühlen, wie ich will. 2054

Leidenschaftliche Warme – leidenschaftliche Kälte. 2055

Der Dithyramb unter den sinnlichen Handlungen ist die Umarmung. Sie muß daher nach ihren Naturgesetzen beurteilt werden. 2056

Alle Bezauberung ist ein künstlich erregter Wahnsinn. Alle Leidenschaft ist eine Bezauberung. Ein reizendes Mädchen eine reellere Zauberin, als man glaubt. 2057

Wer viel Vernunft in gewissem Sinn hat, bei dem wird alles einzig: seine Leidenschaften, seine Lage, seine Begebenheiten, seine Neigungen, kurz alles, was ihn berührt, wird absolut – zum Fato. 2058

Liebe ohne Eifersucht ist nicht persönliche Liebe, sondern indirekte Liebe – man kann Vernunftliebe sagen; denn man liebt hier nicht als Person, sondern als Glied der Menschheit. Man liebt die Rivale mehr wie den Gegenstand. 2059

Vorurteile und Affekten sind für die Einbildungskraft was Nebel, Blendlicht und bunte Brillen für das Auge sind. 2060

Der Sinnenrausch ist zur Liebe, was der Schlaf zum Leben. 2061

Wie feuriger Wein dem leichten Stöpsel folgt, so fliegt die Jugend leichtfertigen Mädchen nach. Der Leichtsinn genialischer Menschen ist wie der Kork auf der Weinflasche – wird der Kork beweglich – so rührt sich auch der Wein. 2062

Seelenmagnet. 2063

Fremdheit – gehcimnisvoller Reiz – und gezähmte Roheit – demütige Stärke – dienende Kraft – dies sind die Elemente der gewöhnlichen Wollust. 2064

Eine Ehe ist ein politisches Epigramm. Epigramm ist nur ein elementarischer poetischer Ausdruck – poetisches Element – primitives Poem. 2065

Ein gemeinschaftlicher Schiffbruch usw. ist eine Trennung der Freundschaft oder der Liebe. 2066

Jede unrechte Handlung, jede unwürdige Empfindung ist eine Untreue gegen die Geliebte – ein Ehebruch. 2067

Die Ehe bezeichnet eine neue, höhere Epoche der Liebe – die gesellige – die Zwangsliebe – die lebendige Liebe. Die Philosophie entsteht mit der Ehe. 2068

Die Frauen wissen nichts von Verhältnissen der Gemeinschaft. – Nur durch ihren Mann hängen sie mit Staat, Kirche, Publikum usw. zusammen. Sie leben im eigentlichen Naturstande. 2069

Eheleute müssen sich von selbst allen öffentlichen Geschäften – den Studien der Assoziation – widmen. 2070

Die Ehe ist das höchste Geheimnis. Die Ehe ist bei uns ein popularisiertes Geheimnis. Schlimm, daß bei uns nur die Wahl zwischen Ehe und Einsamkeit ist. Die Extreme sind es – aber wie wenig Menschen sind einer eigentlichen Ehe fähig – wie wenig können auch Einsamkeit ertragen. – Es gibt Verbindungen aller Art. Eine unendliche Verbindung ist die Ehe. – Ist die Frau der Zweck des Mannes und ist die Frau ohne Zweck? 2071

Selbstbeurteilung nach den wirklichen Handlungen – nach der Oberfläche, nicht nach dem innern Gewebe. Wie schön ist nicht die Oberfläche des Körpers, wie ekelhaft sein inneres Wesen! 2072

Wer einen Charakter mitbringt, wird sich sehr schwer verstehn lernen. 2073

Allzu heftige Unleidlichkeit des Unvollkommnen ist Schwäche. 2074

Der vollkommenste Charakter würde der durchsichtige, der von selbst verständliche, der unendlich leicht und natürlich scheinende, durchaus bekannte, deshalb unbemerktel ubersehene und elastische sein. 2075

Ein Charakter ist ein vollkommen gebildeter Willen. 2076

Männer können Weiber, Weiber liönncn Männer am natürlichsten gut unterhalten. 2077

Um einem Gespräche eine beliebige Richtung zu geben, ist nur Festhaltung des Ziels nötig. So nähert man sich ihm allmählich, denn seine Anziehungskraft wird rege. Durch diese Aufmerksamkeit auf einen heterogenen Gedanken entstehn oft die witzigsten Übergänge, die artigsten Verbindungen. Man ist oft schneller da, als man denkt. 2078

Rechte des Gesprächs. (Absolutes Spiel.)
Wahre Mitteilung findet nur unter Gleichgesinnten, Gleichdenkenden statt. 2079

Die meisten wissen selbst nicht, wic interessant sie wirklich sind, was sie wirklich für interessante Dinge sagen. Eine echte Darstellung ihrer selbst – eine Aufzeichnung und Beurteilung ihrer Reden würde sie iiber sich selbst in das höchste Erstaunen setzen und ihnen in sich selbst eine durchaus neue Welt entdecken helfen. 2080

Nur der keine Gesellschaft bedarf, ist bon Compagnon Nur dieser wird, von der Gesellschaft unabhängig, sie haben und mannigfach reizen und nach willkürlichem Plan behandeln können. Die andren werden von ihm gehabt und haben ihn nicht. Die Gesellschaft muß mich nicht reizen. wenn ich sie reizen will. Sie muß Appetit zu mir haben, und ich muß mich nach ihrer Konstitution stimmen können, welche Gabe man Takt im allgemeinen nennen könnte. Ich muß nur den passiven Willen haben, mich hinzugeben, mich genießen zu lassen, mich mitzuteilen. 2081

Dürfte es wohl eine Dame geben, die sich aus echter Liebe zum Putz, aus uneigennützigem Geschmack gut anzöge? 2082

Die Kleidung muß selbständig – frei sich schönbildend – kongruppierend sein. 2083

Über den Anzug – als Symbol.
Die Schärpe des Kindes ist das zusammengefaltete und festgebundne Segel, das der Jüngling aufspannt – wo es zum flatternden Mantel wird – der auch heraufgebunden sein kann, wie in der Abbildung der Fortuna. Die Haare trägt das Kind lang und schlicht, weil es noch keinen Feind fürchtet – der Jüngling lockig – daß desto mehr Blumen darin hängenbleiben können – der Mann kurz, daß er nicht gepackt werden kann – der Greis wieder schlicht, wie das Kind – denn er ist heilig wie das Kind. – Die ganz offne Brust des Knaben und die leicht verhüllte des Jünglings bedürfen keiner Erklärung – Einfachheit und Leichtigkeit, Helligkeit und Bequemlichkeit ist der Charakter des Kinderanzugs – Leichtigkeit und Mannigfaltigkeit und Gcschicklichkeit statt der Bequemlichkeit – der der Jünglingskleidung. Zweckmäßigkeit der Charakter der männlichen Kleidung – Bequemlichkeit, Einfachheit und Dunkelheit der des Greises.
Helle Blumen dem Kinde – Zweige dem Jüngling – dem Manne der Stab – und dunkle Blumen dem Greise. Schuhe das Kind – Schuhe der Greis – Halbstiefel der Jüngling – Stiefel der Mann.
Das Kind und der Greis Mützen – Jüngling und Mann keine gewöhnlichen Kopfbedeckungen; Ungewöhnliche das Kind ein Kranz – und der Grcis – der Jüngling – eine zierliche – der Mann eine zweckmäßige.
Nur Jünglinge tragen Bärte zur Zierde. Die Kleidung der Alten usw. Kleidung gleich Symbol des Geistes der Zeiten.
Das Vorhergehende gehört in die Symbolistik – die einen Teil der Tropik ausmacht. Jedes Symbol kann durch sein Symbolisiertes wieder symbolisiert werden – Gegensymbole. Es gibt aber auch Symbole der Symbole – Untersymbole.
Auf Verwechselung des Symbols mit dem Symbolisierten – auf ihre Identisierung – auf den Glauben an wahrhafte, vollständige Repräscntation – und Relation des Bildes und des Originals – der Erscheinung und der Substanz – auf der F olgerung von äußerer Ähnlichkeit auf durchgängige innre Übereinstimmung und Zusammenhang – kurz auf Vcrwechselungen von Subjekt und Objekt beruht der ganze Aberglaube und Irrtum aller Zeiten und Völker und Individuen. (Erhebung des Zufälligcn zum Wesentlichen – des Willkürlichen zum Fato, z.B. in der Astrologie, die Folgerungen aus den willkürlichen Namen der Planeten und Sternbilder.)
Symbolistik des menschlichen Körpers – der 'Iierwelt – der... (alles kann Symbol des andern sein – symbolische Funktion) PHanzenwelt – der Natur – der Mineralien – der Atmosphärilien – der Meteore – der Gestirne – dcr Empfindungcn – Gedanken – der Seele – der Geschichte – der Mathematik. 2084

Die malerische Bekleidung muß harmonisch mit dem Bekleideten zusammenstimmen. 2085

In der moralischen Welt wird das Pudern mit Erdenstaub für ein notwendiges Stück des anständigen, sittlichen Anzugs gehalten. Nur der gemeine Mann und die Jugend dürfen die natürliche schöne, lichte und dunkle Farbe ihrer Haare zeigen. Wenn man auch den Kopf allenfalls puderte, so sollte man doch wenigstens von der Brust diesen Schmutz mit einer weißen Hülle abhalten. 2086

Der vornehmere Stand kann durchgehends als das veredelte Bild des gemeinen Standes angesehen werden. Die genaue, wörtliche Vergleichung des Originals und der Bearbeitung ist sehr interessant und bietet Stoff zu artigen Bemerkungen. Neulich z. B., wie ich die "Lucinde" des Herrn Schlegels las, entdeckte ich einen unterhaltenden Zug – der Bauer bearbeitet den Mist mit der Mistgabel – der Gelehrte mit der Feder – die zwei Zinken der Gabel zeigen sich noch im gespaltenen Schnabel der Feder zierlich versteckt und leiten den Etymologen der Feder. 2087

Mir scheint ein Trieb in unsern Tagen allgemein verbreitet zu sein – die äußre Welt hinter künstliche Hüllen zu verstecken – vor der offnen Natur sich zu schämen und durch Verheimlichung und Verborgenheit der Sinnenwesen eine dunkle Geistcrkraft ihnen beizulegen. Romantisch ist der Trieb gewiß – allein der kindlichen Unschuld und Klarheit nicht vorteilhaftig – hesonders bei Geschlechtsverhältnissen ist dies bemerklich. 2088

Hang, alles zu frivolisieren. 2089

Scherz ist ein Präservativ und Konfortativ, besonders gegen das Miasma weiblicher Reize.
In der großen Welt ist daher die Zerschmelzung weniger als die Verhärtung zu fürchten. Scherz frivolisiert. 2090

Schöne poetische Hogarthismen, z. B. die Liebe. Hogarths Blätter sind Romane. Hogarths Werke sind gezeichneter Witz, wahrhaft römische Satiren für das Auge, so wie eine echte musikalische Phantasie Satire für das Ohr sein sollte. Hogarth ist der erste Satirendichter, Shakespeare seiner Gattung. 2091

Der vollendete Mensch sollte eine schöne Satire sein, fähig, jedem eine beliebige Form zu geben, jede Form mit dem mannigfaltigsten Leben auszufüllen und zu bewegen. 2092

Das wäre ihnen die Liebste, die die glänzendste Tugend gegen die andern und dic reizendste Wollust für sie – , die überall angebetete Tyrannin gegen alle und die anbetende Sklavin gegen sie allein wäre. 2093

Witziger Umgang in der Liebe. 2094

Über die Religion. Jedes läßt sich zum bestimmenden Punkte erheben, wenn man von ihm nach allen Seiten ausgcht und alles auf ihn reduziert. Es läßt sich aus einer Nußschale machen, was sich aus Gott machen laßt. Jede Fixierung eines Objekts usw. ist so richtig, aber auch so ungerecht wie eine alleinseligmachende Religion – der Mensch nimmt sich mehr damit heraus, als ihm seine Menschheit erlaubt – ohnerachtet er damit alles machen kann. was er will. 2095

Adam und Eva. Was durch eine Revolution bewirkt wurde, muß durch eine Revolution aufgehoben werden. (Apfelbiß.) 2096

Liebe kann durch absohlten Willen in Religion übergehn. Des höchsten Wesens wird man nur durch Tod wert. (Versöhnungstod.) 2097

Alle absolute Empfindung ist religiös. (Religion des Schönen. Künstlerreligion.) (Schluß hieraus.) 2098

Die klugen Anführer der Franzosen haben dadurch einen Meisterstreich gemacht, daß sie ihrem Kriege das Ansehn eines Meinungskriegs zu geben gewußt haben. Nur in Spekulationsstuben und in sehr einzelnen Orten und Individuen ist er es gewesen – nur acessorie, nicht von Haus aus. 2099

Die Forderung, die gegenwärtige Welt für die beste und die absolut meine anzunehmen, ist ganz der gleich, meine mir angetraute Frau für die beste und einzige zu halten und ganz für sie und in ihr zu leben. Es gibt noch viele ähnliche Fordrungen und Ansprüche, deren Anerkennung derjenige zur Pflicht macht, der einen für immer entschiednen Respekt für alles, was geschehn ist, hat – der historisch religiös ist, der absolute Gläubige und Mystiker der Geschichte überhaupt, der echte Liebhaber des Schicksals. Das Fatum ist die mystifizierte Geschichte. Jede willkürliche Liebe, in der bekannten Bedeutung, ist eine Religion, die nur einen Apostel, Evangelisten und Anhänger hat und haben und Wechselreligion sein kann – aber nicht zu sein braucht.
Wo der Gegenstand die Eifersucht seiner Natur nach ausschließt, so ist es die christliche Religion, die christliche Liebe. 2100

Das gewöhnliche Leben ist ein Priesterdienst, fast wie der vestalische. Wir sind mit nichts als mit der Erhaltung einer heiligen und geheimnisvollen Flamme beschäftigt – einer doppelten, wie es scheint. Es hängt von uns ab, wie wir sie pflegen und warten. Sollte die Art ihrer Pflege vielleicht der Maßstab unserer Treue, Liebe und Sorgfalt für das Höchste, der Charakter unsers Wesens sein? Berufstreue – symbolisches Zeichen unsrer Religiosität, d.i. unsres Wesens? (Feueranbeter.) 2101

Je kleiner und langsamer man anfängt – desto perfektibler – und dies durchaus. Je mehr man mit Wenigem tun kann – desto mehr kann man mit Vielem tun. Wenn man eins zu lieben versteht – so versteht man auch alles zu lieben am besten.
Kunst, alles in Sophien zu verwandeln – oder umgekehrt. 2102

Jede künstliche Gestalt – jeder erfundene Charakter hat mehr oder weniger Leben – und Ansprüche und Hoflnungen des Lebens. Die Galerien sind Schlafkammern der zukünftigen Welt. – Der Historiker, der Philosoph und der Künstler der zukünftigen Welt ist hier einheimisch – er bildet sich hier und er lebt für diese Welt. Wer unglücklich in der jetzigen Welt ist, wer nicht findet, was er sucht – der gehe in die Bücher- und Künstlerwelt – in die Natur – diese ewige Antike und Moderne zugleich – und lebe in dieser Ecclesia pressa der bessern Welt. Eine Geliebte und einen Freund – ein Vaterland und einen Gott findet er hier gewiß. – Sie schlummern, aber weissagenden, vielbedeutenden Schlummer. Einst kommt die Zeit, wo jeder Eingeweihte der bessern Welt, wie Pygmalion, seine um sich geschaffne und versammelte Welt, mit der Glorie einer höhern Morgenröte, erwachen und seine lange Treue und Liebe erwidern sieht. 2103

Unter Menschen muß man Gott suchen. In den menschlichen Begebenheiten, in mcnschlichen Gedanken und Empfindungen offenbart sich der Geist des Himmels am hellsten.
Religionslehre ist davon ganz abgesondert. Sie kann nur religiösen Menschen verständlich und religiös nutzbar sein.
Religion kann man nicht anders verkündigen wie Liebe und Patriotism. Wenn man jemand verliebt machen wollte, wie finge man das wohl an? 2104

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