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Rudolf Baumbach: Aus der Jugendzeit - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorRudolf Baumbach
titleAus der Jugendzeit
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1913
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080519
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Der Schwiegersohn

I

Der Marktplatz von Hackelburg ist gar freundlich und sauber; er ist mit Linden bepflanzt, die reichlichen Schatten spenden, und ein großer Brunnen, der aus sechs Röhren kristallhelles Wasser sprudelt, nimmt seine Mitte ein. Auf der einen Seite des Marktes steht eine alte gotische Kirche, deren Türme leider nicht vollendet sind und plumpe Interimsmützen tragen. Der Kirche gegenüber befindet sich ein gleichfalls gotischer Bau mit Türmchen, Erkern und Spitzbogenfenstern; das in Sandstein ausgehauene Stadtwappen über dem Tor, die schwarze Tafel, auf welcher obrigkeitliche Bekanntmachungen kleben, und endlich die kleine Seitentür, über der mit goldenen Buchstaben das Wort »Ratskeller« steht, lassen keinen Zweifel, daß hier das Rathaus sei. Nebenan erhebt sich noch ein ehrwürdiges Giebelhaus, die Apotheke zum Erzengel Michael; die übrigen Gebäude sind neu. Eines der letzteren hat an seinem Erdgeschoß große Fenster, deren jedes aus einem einzigen Stück Glas besteht, ein Luxus, der im Städtchen völlig vereinzelt ist. Hinter den Scheiben steht in Reih und Glied eine Anzahl junger Herren mit starrem Blick, zinnoberroten Wangen und wunderbar reichem Haupt- und Barthaar. Einige dieser Herren tragen Fracks, andere Röcke, Jaketts, Reit- und Jagdanzüge, einer sogar einen feinen türkischen Schlafrock, und alle haben im Knopfloch ein Stückchen Kartenpapier, auf welchem eine Nummer steht.

Ein harmloser Hinterwäldler aus dem nahen Gebirg, ein Kanadier, der noch Europens übertünchte Höflichkeit und luxuriöse Magazine nicht kennt, dürfte, wenn er diese Ausstellung aus der Ferne sieht, auf den Gedanken kommen, es befinde sich hier ein Heiratsbureau oder am Ende gar eine Art Morgue, wo man unbekannte Selbstmörder und Verunglückte ausstellt, wogegen freilich wieder deren blühende Gesichtsfarbe spricht. In der Nähe aber wird der Kanadier entdecken, daß die feinen Herren weder Heiratskandidaten noch Leichname sind, und wenn er dann über dem Eingang liest: »Heinrich Eckart, Schneidermeister«, so wird ihm wahrscheinlich ein Licht aufgehen über den Zweck der ausgestopften Stutzer.

Aus den teilweis geöffneten Fenstern des zweiten Stockwerks dringt unaufhörlich ein Geklapper, ähnlich dem einer Mühle, aber viel feiner, und wenn wir die Treppe hinaufsteigen und dem Geräusch nachgehen, kommen wir in ein großes Zimmer, in welchem, gebeugt über kleine eiserne Tischchen, die unten einen Tritt wie eine Scherenschleife und oben ein schnurrendes Räderwerk haben, sechs Jünglinge in Hemdärmeln sitzen, welche den klappernden Dingern fortwährend Tuchstücke in die Mäuler schieben.

Geneigter Leser! Du bist kein Kanadier und weißt, was jene sechs klappernden Geräte vorstellen; es sind Nähmaschinen, und die sechs Jünglinge nennt man im gewöhnlichen Leben Schneidergesellen.

An dem einen Ende des Zimmers befand sich eine lange, schön polierte Tafel, welche mit hohen Stößen verschiedenfarbiger Stoffe belastet war. Dort stand der Höchstkommandierende, der Schneidermeister Eckart. Er war ein wohlgenährter Fünfziger, sein Gesicht war von gesunder Farbe und nur wenig vom Alter gefurcht, sein Auge war lebhaft und sein graues Haar stark und dicht.

Der Meister war nicht müßig, vor ihm ausgebreitet lag ein Stück Tuch, auf welches er mit sicherer Hand das Profil eines jener Kleidungsstücke zeichnete, welche die seit Jahrhunderten bestehende Sitte dem starken Geschlecht als Bekleidung der unteren Extremitäten vorschreibt. Mit liebevollem Auge, wie Damon den Schattenriß seiner Phyllis, betrachtete Herr Eckart die schön geschwungenen Konturen, dann ergriff er eine mächtige Schere, ließ sie ein paarmal in der Luft zusammenklappen und schnitt rasch und sicher längs der vorgezeichneten Linie hin. Das zugeschnittene Stück wurde auf die Seite gelegt und der Meister griff wieder zum Zeichenstift, um nach den in einem Buch angemerkten Maßzahlen ein neues Kleidungsstück zu entwerfen.

Das Arbeitszimmer hatte zwei Türen, deren eine offen stand und den Einblick in ein anderes Gemach verstattete. Hier waren wieder sechs Gesellen, unterstützt durch zwei Lehrjungen, beschäftigt, und zwar hantierten sie, wie dies vor Erfindung der Nähmaschine durchweg geschah, mit Nadel und Fingerhut, denn sie hatten die in dem ersten Zimmer gefertigten Teile zusammenzusetzen, Knöpfe anzunähen und Nähte auszubügeln, lauter Verrichtungen, die der Maschine spotten.

Nun sollte man meinen, daß die Bedienungsmannschaft der sechs Nähmaschinen sich in dem durchbohrenden Gefühl ihres an ein paar Räder und Federn geknüpften Daseins vor den Künstlern des zweiten Zimmers gebeugt hätten, doch fand gerade das Gegenteil statt. Wie der Lokomotivenführer von seinem schnaubenden Dampfroß stolz auf den im Staub hinschleichenden Fuhrmann herabschaut, so blickten die Herren an den Maschinen auf ihre mit dem Fingerhut bewaffneten Kollegen, und vor kurzem erst war es zu einem ernsthaften Konflikt gekommen. Ein im Maschinensaal arbeitender Geselle, der sich viel mit Politik beschäftigte, hatte eine Parallele zwischen dem Eckartschen Geschäft und dem englischen Parlament gezogen, und seine fünf Maschinenkollegen, denen dieser Vergleich außerordentlich gut gefiel, hatten seitdem ihr Arbeitszimmer das Haus der Lords, das zweite aber das Haus der Gemeinen genannt, worauf es sich ereignete, daß am nächstfolgenden blauen Montag ein Mitglied des Unterhauses über den Politiker herfiel und ihn windelweich prügelte. Damit war das Signal zu einer Scheidung gegeben, die vielleicht ebenso verhängnisvoll für das Eckartsche Geschäft geworden wäre, wie ihrerzeit die Parteistreitigkeiten der Guelfen und Ghibellinen für das römische Reich, wenn Herr Heinrich Eckart nicht energisch eingeschritten wäre. Er gab nämlich sowohl dem geprügelten Lord als auch dem geprügelt habenden Mitglied des Unterhauses den Laufpaß, womit der Friede wiederhergestellt war.

Eine im Maschinensaal befindliche Pendeluhr schlug zehnmal. Um diese Stunde wurde eine kurze Rast gehalten und ein Frühstück eingenommen. Das Geklapper der Maschinen verstummte und die Gesellen erhoben sich, um ihr Butterbrot in Empfang zu nehmen. Auch Herr Eckart legte die Schere aus der Hand und verließ das Zimmer durch die zweite Türe.

Der Raum, welchen er betrat, war die Wohnstube. Sie war geräumig und hell, blütenweiße Vorhänge umwölkten die Fenster, die Möbel waren altmodisch, aber darum solid und behaglich. Ein großer Spiegel, hinter welchem eine Pfauenfeder und ein Büschel vertrockneter Schilfblüten steckte, neigte sich in einem schiefen Winkel über die eingelegte Kommode, auf der blaugeblümte Meißener Tassen, ein porzellanener Chinese und ein paar Muscheln prangten. Über dem Sofa hingen zwei mit Immortellen geschmückte Pastellbilder, welche einen ernsten Mann mit Jabot und entsetzlich hohem Rockkragen und eine krampfhaft lächelnde Frau in großer Dormeuse darstellten. Das waren die Schwiegereltern des Herrn Heinrich Eckart.

Als dieser das Zimmer betrat, war seine Ehehälfte, eine rundliche, gut konservierte Dame, beschäftigt, die letzte Hand an das für den Gemahl servierte Frühstück zu legen.

»So, Alter,« sagte sie freundlich, »nun mach dir's bequem, hier ist auch die Zeitung. Es muß etwas Besonderes darin stehen, denn da vorn ist ein dicker Bleistiftstrich, wie ihn der Herr Registrator macht, wenn in der Politik etwas Wichtiges passiert ist.«

»Eins nach dem andern,« erwiderte Herr Eckart. »Zunächst wollen wir einmal sehen, was du mir Gutes zurechtgestellt hast. Schinken und kalter Kalbsbraten, bravo, Frau!«

Und Herr Eckart hieb mit immer noch recht gesunden Zähnen ein und schlürfte dazu langsam ein Glas Rotwein aus. Dann schenkte er sich ein zweites ein, lehnte sich in die Sofaecke und nahm die Zeitung vor. Frau Eckart hatte sich, wie dies ihre Gewohnheit war, mit ihrem Strickzeug ans Fenster gesetzt und blickte abwechselnd auf ihre Nadeln und die Straße.

»Potz Blitz!« fuhr der Meister aus seiner Lektüre auf. »Frau, hör zu, du wirst Augen machen.«

»Was ist denn los, Heinrich? Hat der Napoleon, der Krakeeler, wieder etwas angestellt?«

»Nein, es ist etwas viel Wichtigeres. Da haben sie in Amerika einen Schneider zum Präsidenten gemacht, Ja, die Amerikaner! Das ist eine Nation, vor der man Respekt haben muß.«

»Na, was ist denn das weiter?« meinte die Frau. »Du bist ja auch Präsident gewesen beim Handwerkerwitwenunterstützungsverein.«

Herr Eckart lachte.

»Frau, das verstehst du nicht. Präsident in Amerika, das ist so viel wie bei uns Fürst. Denn in Amerika, mußt du wissen, gibt's weder König noch Kaiser, sondern das Volk wählt einen Präsidenten, der muß regieren, und wenn er seine Schuldigkeit nicht tut, so wird er abgesetzt. O, das Amerika! – Als Gesell habe ich oft die Idee gehabt, hineinzugehen, bis du mein Schatz geworden bist, dann war's freilich nichts mehr. Aber wer weiß, zu was ich's drüben gebracht hätte.«

»Na, Alter, ich sollte meinen, du hättest's auch hier zu etwas recht Ordentlichem gebracht.«

»Das ist auch wahr,« nickte der Meister, »und Gott soll mich behüten, unzufrieden zu werden.«

Die Frau legte das Strickzeug auf das Fensterbrett, trat dicht an ihren Mann heran und legte die Hand zutraulich auf seine Schulter.

»Weißt du, Heinrich,« sagte sie schmeichelnd, »eins fehlt dir doch noch.«

»Du meinst eine Schwiegertochter?« nickte der Geliebkoste. »Wird auch werden.«

»Nein, das meinte ich jetzt eigentlich nicht – – ich meinte, so ein angesehener Bürger wie du, der müßte auch einen Rang haben, einen Titel– – –«

»Kommt der Hochmutsteufel wieder zum Vorschein?« polterte der Meister. »Ich dachte, ich hätte dir den Kopf für alle Ewigkeit zurechtgesetzt. Rang – Titel! Soll ich mich lächerlich machen, wie der Schneider Roth, und auf mein Schild ›Herrenkleidermacher‹ schreiben? Frau Herrenkleidermacherin Eckart – denke dir einmal das. Das klingt fast so schön wie Frau Stabstrompeterin oder Frau Hofhühneraugenoperateurin.«

Frau Eckart seufzte.

»Herrenkleidermacher ist freilich nicht viel besser als Schneider, aber ich habe mir sagen lassen, daß jetzt die Schneider in den großen Städten ihre Geschäfte Modewarenfabriken nennen, und sie selbst werden dann per ›Herr Fabrikant‹ tituliert, und das klingt doch ganz anders als ›Herr Schneidermeister‹.«

»Dummes Zeug,« brummte Herr Eckart.

Seine Ehehälfte aber ließ sich nicht beirren und fuhr fort: »Bist du einmal erst Fabrikant, so kannst du auch Hoflieferant werden, und ich sehe gar nicht ein, warum du nicht den Kommerzienrat bekommen könntest, so gut wie der da drüben mit seiner hochnäsigen Frau, die in ihrer Jugend kein ganzes Hemd auf dem Leib gehabt hat.«

»Hoho!« lachte Herr Eckart kräftig. »Frau Kommerzienrätin! Nicht übel ausgedacht! Dann machen wir die Bude zu und kaufen uns den reuß-greiz-schleiz-lobensteinschen Adel. Baron Eckart oder Eckartsberg – hm – klingt gar nicht übel. Nur schade, daß nichts draus wird.«

»So hoch will ich auch gar nicht hinaus,« sagte die Frau kleinlaut, »aber mit der Fabrik – das wäre denn doch zu überlegen. Mir ist's am Ende einerlei, aber du bist das unserem Sohn schuldig. Die Welt ist nun einmal so – so –«

»Dumm,« ergänzte der Gemahl.

»Daß sie einen Schneider nicht für voll nimmt.«

»Ist Präsident von Amerika nicht genug? Frau, ist der alte Derfflinger nicht auch ein Schneider gewesen? Und schließlich ist ja der Karl Doktor der Philosophie und kein Schneider.«

»Aber doch der Sohn von einem Schneider,« platzte die Gattin heraus.

»Alle Wetter, Frau, bring mich nicht in Harnisch! Schämt sich der Junge etwa seines Vaters? Das fehlte mir noch!«

»Wo du auch gleich hindenkst,« lenkte die Frau ein. »Nein, glaube das ja nicht von unserem Karl. Aber ich weiß, daß er in seinem Gymnasium von den Schülern viel auszustehen hat. Er sagt's zwar nicht, aber man erfährt's doch und man müßte ja keine Augen im Kopf haben, wenn man nicht sähe, wie ihm der Kummer am Herzen nagt.« »Sooo? Was tun ihm denn die Rangen an?«

»Ziegenböcke malen sie an die Wandtafel, und wenn unser Karl den Rücken wendet, so meckern sie hinter ihm drein,« rief Frau Eckart in höchster Aufregung und blickte ihren Mann herausfordernd an.

Herr Eckart lachte verächtlich.

»Und das geht ihm nahe? Da hätte ich ihm doch mehr Verstand zugetraut.«

»Und seinen schönen Henriquatre, den er mit von der Universität gebracht hat, hat er auch zum Opfer bringen müssen, denn sonst hätt' er's gar nicht aushalten können mit dem ›Ziegenbart‹. Ja, ›Ziegenbart!‹« schrie Frau Eckart, was sonst gar nicht ihre Gewohnheit war, mit lauter Stimme. »Das ist sein Spitzname, den wird er im ganzen Leben nun nicht wieder los – und das hat er dir zu verdanken, du – du Rabenvater!«

»Frau, versündige dich nicht,« sagte der Meister ernst, und die erregte Dame, wohl einsehend, daß sie zu weit gegangen war, fing nun an leise zu schluchzen.

»Mit dem Karl werde ich ein vernünftiges Wort sprechen,« fuhr Herr Eckart fort. »Glaube mir, er wird einsehen, daß sein Verdruß kindisch ist. Ebenso wird er auch einsehen, daß ich mich nicht deiner Schrullen wegen lächerlich machen kann. Komm her, Alte, gib mir die Hand und denke nicht mehr an Fabrikant und Kommerzienrat. Meister und Frau Meisterin wollen wir bleiben, bis wir im Himmel einen Titel bekommen.«

Frau Eckart lächelte unter Tränen, und der Meister fuhr in scherzendem Tone fort: »Ich glaube, Alte, du ahnst gar nicht, wie ehrwürdig unser Handwerk ist. Weißt du, wer der erste Schneider war?«

»Wer der erste Schmied gewesen ist, weiß ich,« erwiderte die Frau, während sie mit dem Schürzenzipfel die letzten Tropfen von ihren Wangen wischte. »Das war der Tubalkain, wie es in der Bibel steht, aber vom ersten Schneider hab' ich noch nichts gehört.«

»So will ich dir's sagen, und wenn du dann keinen Respekt vor meiner Profession bekommst, so will ich Hans heißen. Der erste Schneider war unser Herrgott selber, denn als er Adam und Eva aus dem Paradies gejagt hatte, machte er ihnen Röcke von Fellen – –« Frau Eckart lachte.

»Sie hatten zwar schon vorher Schürzen von Feigenblättern,« fuhr der Meister fort, »aber das schlägt mehr ins Putzmachergeschäft. Die ersten Röcke, das steht fest, hat Gott selber gemacht. Folglich ist mein Handwerk nicht nur eines der ältesten, sondern auch das respektabelste. Siehst du das jetzt ein?«

»Ja, aber –«

»Da gibt's nichts mehr zu abern. Mein Handwerk halte ich hoch und lasse nichts darauf kommen. Und wenn ich auch als Fortschrittsmann mein Geschäft reformiert habe und mit Maschinen arbeite, so werde ich doch nie und nimmer meine Firma ändern. Ein Schneider bin ich, als Schneider will ich leben und als Schneider will ich sterben. Punktum.«

Frau Eckart seufzte lächelnd und sagte: »Alter, du bist ein guter Ehemann, ein vortrefflicher Vater und als Schneidermeister suchst du deinesgleichen, aber du bist doch ein Tyrann.«

»Hoho,« lachte der Meister, »ein Tyrann! Frau, brauche keine Fremdwörter, die du nicht verstehst.«

»Nicht verstehst? So? Ich will dir gleich zeigen, daß ich weiß, was ein Tyrann ist. – Ein Tyrann ist, wenn einer seine arme Frau tyrannisiert, und ist es umgekehrt, so nennt man's Xanthippe.«

»Na, da hat man's ja,« sagte Herr Eckart und lächelte überlegen. »Nichts weißt du, brauchst dich aber nicht zu schämen, denn ich hab's früher auch nicht viel besser gewußt, bis mir's der Karl erklärt hat. Tyrannen oder Dionyse hieß bei den alten Klassikern eine gewisse Sekte von närrischen Käuzen, welche Teegesellschaften gaben und dabei sogenannte Damoklesschwerter an Pferdehaaren über dem Tisch aufhingen, wobei natürlich oft ein Unglück passierte. So, nun weißt du, was Tyrannen sind, und wirst einsehen, daß diese Bezeichnung nicht auf mich paßt. Machst du mich aber mit deinem Fabrikanten- und Kommerzienratsschwindel rabiat, so stehe ich nicht dafür, daß eines Tages beim Mittagessen meine englische Patentschere an einem Haar über deinem Kopf baumelt.«

»Du wärst's im stand,« seufzte die Hausfrau. »Ah, da kommt unser Karl,« fuhr sie in heiterem Ton fort und nickte freundlich ihrem Sohn zu, der auf das Haus zukam.

II

Ein paar Augenblicke später trat der Gymnasiallehrer Doktor Eckart in das Zimmer, um, seiner Gewohnheit gemäß, den Eltern einen Besuch zu machen, ehe er sich in seine Studierstube zurückzog.

Er war ein junger, gutgewachsener Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, doch ging er etwas nach vornüber gebeugt. Sin Gesicht war frisch, und da er noch nicht lange auf dem Katheder saß, so war bei ihm die Falte an den Mundwinkeln, die man recht wohl die Schulmeisterfalte nennen konnte, erst angedeutet.

Bei seinem Eintritt erhob sich der Schneidermeister, streckte ihm die Hand entgegen und rief mit kräftiger stimme: »Guten Morgen, Doktor Ziegenbart!«

Als hätte jemand eine Orsinibombe nach ihm geschleudert, so prallte Karl zurück.

»Was soll das, Vater?« fragte er mit zitternden Lippen.

Die Mutter rang die Hände unter der Schürze.

»Ich wollte nur sehen,« sprach der Alte, »ob mein Sohn, der Doktor Eckart, wirklich ein solcher Kindskopf ist, daß er sich über einen albernen Spitznamen ärgert, den ihm Schuljungen, die die Eierschalen noch mit sich herumschleppen, gegeben haben, Komm, setz dich her, Karl, laß uns ein vernünftiges Wort miteinander reden, – siehst du, wie ich noch ein Bursche war, ein zünftiger Schneidergesell, so hat mich's, ich will's gestehen, manchmal gewurmt, wenn man die Schneider verhöhnte, und ich habe oft bitterlich darüber geweint, daß mich mein Vater nicht ein anderes Handwerk hat lernen lassen. Hin und wieder, wenn mir die Galle übergelaufen ist, habe ich auch zugeschlagen und, wie es bei der Gelegenheit zu gehen pflegt, ausgeteilt und eingenommen. Einmal, ich stand in Arbeit bei einem Meister in Leipzig, bin ich auf einem Tanzvergnügen mit den Studenten zusammengeraten, die das Lied vom Bruder Straubinger sangen. Es gab eine mörderliche Holzerei, wie man's nennt, und das Ende vom Lied war, daß ich vierzehn Tage mit zerschlagenem Kopf im Spital lag. Als ich wieder auf dem Zeug war, hielt mir mein Meister eine lange Strafpredigt. O, das war ein Mann! Er erzählte mir die Geschichte vom Bischof Willegis, welcher der Sohn eines Wagners war. Um ihn zu ärgern, malten ihm die Leute Räder an die Wand. Was tut der Willegis? Er macht das Rad zu seinem Wappen und läßt darunter schreiben:

›Willegis, Willegis.
Denk, woher du kommen sis.‹

Von der Zeit an war ich klug. Wenn wir in der Herberge saßen, war ich der erste, der das Lied vom Ziegenbock, der den Schneider gefressen, anstimmte, und weil die anderen sahen, daß ich mir nichts aus dem Spott machte und ich auch übrigens das Herz auf dem rechten Fleck hatte, so kriegten sie Respekt vor mir. – Einmal, ich und deine Mutter sind schon miteinander bekannt gewesen, waren wir zusammen auf einem Bürgerball und tanzten heckenhoch, und alle Welt sah auf uns, das heißt auf deine Mutter, denn sie war das schönste Mädchen in der Stadt.«

»Heinrich,« fiel Frau Eckart scheinbar sehr entrüstet ein, »dergleichen Übertreibungen verbitte ich mir, zumal vor unserem Sohn.«

»Na, na,« beschwichtigte der Meister, »vielleicht war es auch nicht so arg; du weißt ja, die Liebe ist blind. Doch, daß ich weiter erzähle; auf einmal kommt der Referendarius Müller, der jetzt Regierungsrat ist, auf mich zu, klopft mir auf die Schulter und spricht: ›Lieber Eckart, Sie haben doch Ihr Bügeleisen nicht vergessen, daß sie der Wind nicht etwa wegweht?‹ Natürlich kichert und lacht alles ringsherum, und ich besann mich einen Augenblick, ob ich den Referendarius, der einen Kopf kleiner war als ich, an die Luft setzen soll, zum Glück aber behielt der Verstand die Oberhand, und ich sagte höflich: ›Heut hab' ich's nicht bei mir, Herr Referendarius; da ich mich aber nun von dem Überfluß an Windbeuteln hierselbst überzeugt habe, so werde ich es in Zukunft nie zu Hause lassen, wenn ich hierher komme.‹ Da hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Aber das war mir noch nicht genug. Ich ließ mir ein kleines stählernes Bügeleisen, so groß wie mein Daumenglied, vom Schlosser machen und trug es am nächsten Bürgerball als Berlocke an meiner Uhr. Und keiner Seele ist's eingefallen, mich wieder aufzuziehen. Siehst du, mein lieber Sohn, so habe ich die Spötter aufs Maul geschlagen. Mach's gerade so, bestelle dir ein kleines goldenes Bügeleisen für deine Uhrkette, oder wenn sie dich schon Ziegenbart titulieren, trage einen goldenen Ziegenkopf als Busennadel und du wirst sehen, man läßt dich in Ruhe.« Der junge Mann hatte still den väterlichen Lehren zugehört. Auch die Mutter hatte geschwiegen, aber ihrem Sohne vom Fenster aus verstohlen gewinkt, dem Vater nicht zu widersprechen. Jetzt erhob sich Herr Eckart senior und strich dem Sohn über das braune Haar.

»Ich gehe wieder an die Arbeit. Beherzige, was ich dir gesagt habe, und zeige uns heute mittag ein fröhliches Gesicht.«

Karl zwang sich dem Vater zulieb zu einem Lächeln und sagte: »Du hast recht, Vater. Es ist kindisch von mir, ich danke dir für deine Ermahnungen.«

Der Meister ging wieder in das Maschinenzimmer und auch der Sohn erhob sich, um zu gehen. Die Mutter aber hielt ihn noch zurück; sie umhalste ihn und küßte ihn auf Mund und Wangen.

»Armes Kind,« sagte sie in flüsterndem Ton, »er ist ein Tyrann, ein Dionys, aber ich, deine Mutter, fühle mit dir, ich fühle, was es für einen gelehrten Herrn, für einen Doktor, der nächstens Professor wird, heißt, der Sohn eines Schn–«

»Nein, Mutter,« fiel ihr Karl in die Rede, »der Vater hat recht; es ist erbärmlich von mir, daß ich mich über den schalen Spott ärgere, es soll auch heute zum letztenmal gewesen sein. Leb wohl, meine gute Mutter, ich habe noch zu arbeiten.«

Er küßte sie herzlich und ging nach der Tür.

»Und vergiß nicht,« rief ihm die Mutter nach, »die Strümpfe zu wechseln, denn auf der Straße ist's naß und du könntest den Schnupfen kriegen, und beim Schreiben bücke dich nicht zu tief herunter, das ist schädlich für die Brust, und mache das Fenster zu; wir haben trotz der Frühlingssonne noch rauhe Luft. Dem Aprilwetter ist nicht zu trauen, und im Handumdrehen ist eine Erkältung da.«

»Ohne Sorge, Mutter!« sagte herzlich lachend der Sohn und ging hinaus.

Das Zimmer des Doktor Eckart war ein behaglicher Raum, wie ihn ein junger, mit Mitteln und Schönheitssinn ausgestatteter Gelehrter herzustellen liebt. Bunte Vorhänge dämpften das grelle Tageslicht. Auf dem mit grünem Tuch überzogenen Schreibtisch hatten Schriften und Bücher, deren man zum Handgebrauch bedarf, hinlänglichen Raum, ohne den Platz des Arbeitenden zu beengen. Die Repositorien waren keine schwerfälligen Ungetüme, deren oberstes Fach man nur mit Hilfe einer halsbrechenden Leiter erklimmen kann, sondern zierliche, aber dauerhaft gearbeitete Gestelle. Die Bücher hatten einfache, solide Einbände von einem schnitt und einer Farbe, nur die Kupferwerke, die auf zwei kleinen Tischchen lagen, trugen reich vergoldete Gewänder. Leichte Rohrstühle, zwei weitarmige, silbergebuckelte Sessel und ein mit Ledertuch überzogenes Sofa standen an geeigneten Stellen. Über dem Sofa hing in schöngeschnitztem Rahmen ein großer Kupferstich, Kaulbachs »Homer und die Griechen«, und auf einer von Efeu beschatteten Konsole stand eine Marmorbüste des olympischen Zeus.

Wenn etwas die einfache Schönheit des Zimmers beeinträchtigte, so waren es die zahlreichen Stickereien, welche von Frau Eckart gestiftet worden waren und bei jeder Gelegenheit vermehrt wurden. Vor dem Arbeitstisch lag ein mit dicken Rosen übersäter Teppich, unter dem Tisch stand ein mit Mäandern geschmückter Papierkorb, auf dem Tisch lagen Lampenteller, Federwischer und Buchzeichen in Schmelz, Perlen und Seide, und wenn sich der Herr Doktor am Abend auf das Sofa streckte, um vor dem Schlafengehen bei einer leichten Lektüre noch eine Zigarre zu rauchen, so mußte er, um bequem zu ruhen, drei Rückenkissen und vier Nackenpolster zuvor entfernen.

An das Arbeitszimmer stieß eine geräumige Schlafstube, und in diese hatte der Doktor alle Reminiszenzen seines akademischen Lebens geflüchtet. Die eine Wand war mit vielen symmetrisch geordneten Photographien bedeckt, welche samt und sonders mit Mützen und Bändern geschmückte Musensöhne in mehr oder minder malerischen Attitüden darstellten. Auch sah man hier Ansichten der Universitätsstadt, sowie Bilder, welche die Hauptmomente des Studentenlebens verherrlichten, als da sind: Fuchstaufe, Kommers, Mensur, Karzer, Spritzfahrt und Komitat. Auf einem Tisch standen und lagen wappengeschmückte Biergläser, Zigarrenbecher, Tassen und Pfeifen mit dicken Seidenquasten. Den Bildern gegenüber waren zwei Trophäen aufgerichtet; die eine wurde gebildet durch ein paar Rapiere, einen schartigen Schläger, verblichene Mützen und dreifarbige Bänder, welch letztere mit gekreuzten Klingen und den Worten: »Thuringia sei's Panier!« beschrieben waren. Die zweite Trophäe war zusammengesetzt aus einer klobigen Pfeife, deren Troddeln aus Champagnerpfropfen und Wollenfäden bestanden, einer weiß-braun-schwarzen Cerevismütze und aus einem ebenso gefärbten Wollenband, welches die Devise trug: »Unschuld, Bier, Rache!« und darunter die Worte:

»Litum, litum, lei,
Lustig ist die Karzerei!«

Man erzählt von einem morgenländischen Premierminister, der sich in seinem Palast ein Zimmer eingerichtet hatte, in welchem er eine Hirtentasche, einen Stab und eine Flöte, die Insignien seines früheren Standes, aufbewahrte. Hatte ihm die Linke im Parlament die Hölle heiß gemacht, so zog er sich in das geheime Gemach zurück, ergriff seine Flöte und verscheuchte sich die Sorgen, indem er die Melodie: »Einst spielt' ich mit Zepter, mit Krone und Stern –« dudelte. So zog sich auch der Doktor Eckart nach heißen Schultagen in seine akademische Rumpelkammer, wie er das Schlafzimmer nannte, zurück, und da er keine Hirtenflöte besaß, überhaupt kein Instrument spielte, so pflegte er dann, ein lustiges Studentenlied singend, auf und nieder zu gehen und mit den Reliquien seiner Burschenzeit zu liebäugeln. Es kam auch, wiewohl selten, vor, daß in dem Schlafzimmer des Herrn Doktor ein kleines Gelage abgehalten wurde, wenn zum Beispiel ein paar alte Universitätsfreunde zu Besuch kamen oder die Ferien einige geschätzte Mitglieder des Korps Thuringia in das Städtchen geführt hatten. Bei solchen Gelegenheiten war aber die in das Studierzimmer führende Tür hermetisch verschlossen, damit der den klassischen Alten in Halbfranz geweihte Raum nicht entheiligt werde durch die profanen Lieder vom schwarzen Walfisch zu Askalon oder von der Wassermaus und der Kröte, welche eines Abends noch sehr späte einen steilen Berg hinangingen.

Es war noch nicht lange her, daß der Doktor Eckart ins Philisterium getreten war. Sein Probejahr hatte er in einer entfernten Stadt abgehalten und gleich nach Ablauf desselben war ihm eine erledigte Stelle an dem Gymnasium seiner Vaterstadt übertragen worden. Hier in Hackelburg war er nun seit Ostern, das heißt seit drei Wochen tätig und hatte täglich Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß diejenigen, welche aus ungezogenen Rangen Viri humanissimi heranzubilden haben, nicht auf Rosen gebettet sind.

Da er seinem Beruf in Treuen ergeben war, auch wenig Anlage zum Pedanten hatte, so hätte er sich leicht über die mit dem Lehrerstand verknüpften Widerwärtigkeiten hinwegsetzen können, wäre er nicht unglücklicherweise das gewesen, was man in Hackelburg mit dem Provinzialismus »übelnehmerisch« bezeichnet. Ja, er war übelnehmerisch, sehr übelnehmerisch, und obwohl er tapfer gegen diese Schwäche ankämpfte, so hatte er sie bis jetzt doch noch nicht besiegen können.

In der Stadt, wo er sein Probejahr abgehalten hatte, war er von den Sticheleien der Schüler verschont geblieben, da man den Stand seines Erzeugers nicht kannte. In seiner Vaterstadt aber hatten es die Taugenichtse sofort weg, von welcher Seite man dem neuen Lehrer zu Leibe gehen könne, und eines Tages, als er die Lehrkanzel bestieg, um seinem Auditorium die schwierige Regel vom Accusativus cum infinitivo zu erklären, las er den mit Bleistift geschriebenen Vers:

»Unus, ullus, nullus,
Solus, totus, alius,
Uter, alter, neuter,
Unser Herr Lehrer ist ein Schneider.«

Ein besonnener Pädagog hätte das ignoriert; der »übelnehmerische« Doktor aber stürzte wie ein gereiztes Nilpferd von seinem Katheder herab und suchte nach dem Verfasser, um demselben trotz des Paragraphen, der körperliche Züchtigungen verbietet, mit ein paar kräftigen Ohrfeigen seine geistreiche Poesie zu honorieren. Die jungen Herren blickten aber alle unschuldig drein wie neugeborene Turteltauben, so daß der erzürnte Mann durchaus keinen Anhaltspunkt für die Eruierung des Täters fand. Der Herr Direktor wurde zu Hilfe gerufen, und dieser stellte eine scharfe Untersuchung an. Zunächst sprach er dem unbekannten Täter ins Gewissen; er appellierte an dessen Ehrenhaftigkeit, die es sicherlich nicht dulden werde, daß ein Unschuldiger seinetwegen in Verdacht gerate, und stellte für ein freiwilliges Geständnis das geringste Strafmaß in Aussicht, Der verhärtete Bösewicht schwieg. Dann forderte der Herr Direktor die Gutgesinnten auf, das räudige Schaf namhaft zu machen. Vergebens, die Bande hielt zusammen wie ein Klumpen Kletten. Schließlich stellte der Direktor noch einen vierundzwanzigstündigen Termin und verkündigte, daß nach Ablauf desselben die ganze Klasse eingesperrt werden würde und daß dieselbe überdies seiner, des Direktors, Verachtung anheimfallen werde. Aber auch das wirkte nicht. Die jungen Herren, gestärkt durch das Beispiel des Cajus Mucius Scävola und anderer klassischer Verschworenen, unterzogen sich mit verklärter Resignation dem Martyrium und saßen an einem Mittwochnachmittag ihren Arrest ab, der ihnen übrigens dadurch einigermaßen versüßt wurde, daß der Herr Doktor Eckart, der die Arrestanten zu überwachen hatte, gleichfalls um seinen freien Nachmittag kam.

Von dieser Zeit an hatte der arme Doktor in seiner Klasse keine gute Stunde mehr; ja sogar draußen in der freien Natur verfolgte ihn der boshafte Spott seiner Schüler, denn mehr als einmal war es ihm begegnet, daß ihn auf einsamen Waldspaziergängen ein unsichtbarer Kobold durch das Lied:

»Ich bin der Doktor Ziegenbart,
Valleri, juchhe!«

aus seinem Frieden aufgerüttelt hatte.

Wer von seinen Schülern der Rädelsführer war, das wußte er längst; aber der Schlingel, übrigens ein hübscher, begabter Junge, ging so vorsichtig zu Werk, daß er nicht gefaßt werden konnte, und da er wegen seiner Körperkraft bei seinen Mitschülern in hohem Ansehen stand, war auch nicht daran zu denken, ihn durch Verrat ausgeliefert zu bekommen. Was hätte das auch geholfen? Der Doktor war klug genug einzusehen, daß das Mittel, welches ihm ältere Kollegen und soeben, freilich in etwas anderer Form, sein Vater angeraten hatte, das einzige sei, um die Spötter zum Schweigen zu bringen. Aber – der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach.

Jetzt ging der Doktor in seinem Schlafzimmer auf und nieder und hielt sich eine ernste Strafpredigt, die mit den Worten »schäme dich« anfing und mit »ändere dich« aufhörte, und nachdem er sich gehörig heruntergemacht hatte, legte er sich selbst eine Strafe auf. Er sang nämlich, allerdings sehr piano, das Spottlied: »Ich bin der Doktor Ziegenbart«, welches zwölf Verse hatte, von Anfang bis zu Ende durch, und wie man auf eine bittere Arznei schnell ein Glas Wasser trinkt, so setzte er auf das Bockslied ein lustiges »Gaudeamus igitur«, daß die Decke widerhallte und die photographierten Korpsbrüder freundliche Gesichter machten. Letzteres beruhte indessen, wie er sich überzeugte, auf einer optischen Täuschung.

Nachdem er sich auf diese Weise von den bösen Dämonen befreit hatte, kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück. Sobald er dasselbe betreten hatte, verflüchtigte sich der kühne, burschikose Ausdruck seiner Züge; ein ernsthaftes, gesetztes Wesen, wie es sich für einen Pädagogen geziemt, trat an dessen Stelle, und sein vorher aufgerichteter Körper nahm die etwas überkippende Haltung an, die der olympische Zeus in der Ecke zu sehen gewohnt war.

Auf dem Schreibtisch lag ein hoher Stoß von Heften, die korrigiert werden mußten. Der Doktor ließ sich nieder, tauchte die Feder in rote Tinte und ging ans Werk. Es waren lateinische Exerzitien, und sie bestanden aus kurzen Sätzen, wie zum Beispiel: der Baum ist grün, der Himmel ist groß, die Erde ist rund, das Pferd ist ein Tier, die Menschen sind gut und schlecht u.s.w. Er las mit großem Ernst diese unumstößlichen Wahrheiten, machte hie und da einen Strich und notierte am Ende einer jeden Arbeit die Anzahl der Fehler.

Jetzt nahm er ein Heft in die Hand, dessen Eigentümer sich Max Engelmann nannte, und seine Stirn legte sich in Falten. Das war eben das räudige Schaf in der Herde, der mutmaßliche Dichter des »Doktor Ziegenbart«. von einer düsteren Ahnung durchschauert, schlug der Doktor das Heft auf und las mit bebenden Lippen: »Der Ziegenbock hat einen langen Bart, die Hörner des Ziegenbockes sind groß, der Ziegenbock frißt Gras und Kraut, ich verachte den Ziegenbock,« und so ging es fort.

Vorbei war es mit der Ruhe des Gelehrten, vergessen der gute Vorsatz, den er vorhin gefaßt hatte. Er warf die Feder auf den Tisch, daß die rote Tinte wie Blutstropfen umherspritzte, und sprang von seinem Sitz empor.

»Das ist zu stark!« rief er, während er, vor Aufregung zitternd, zwischen dem Schreibtisch und dem olympischen Zeus hin und her rannte. »Das ist mehr als ein Mensch ertragen kann.«

Er kreuzte die Arme über der Brust und sann nach. Nach einigen Minuten hatte er einen Entschluß gefaßt.

»Ja, das will ich tun,« sagte er. »Sein Vater ist ein braver Mann; dem will ich ein Licht über die Bosheit seines Sohnes aufstecken; der soll mir vermöge seiner patri potestas Ruhe verschaffen.«

Er setzte sich wieder an den Tisch und überlas mit möglichster Selbstbeherrschung das Ziegenbockexerzitium.

»Und dabei ist die Arbeit völlig fehlerfrei,« murmelte er. »Auch nicht ein Kasus ist falsch gesetzt. So talentvoll und so boshaft!«

Seine Feder sträubte sich, als er das Wort bene unter die Arbeit setzte. Dann legte er das Heft des Max Engelmann mit einem finstern Blick beiseite und fuhr in seiner Arbeit fort.

III

Am nächsten Sonntag, als der Herr Superintendent seine andächtigen Zuhörer mit dem wohlgemeinten Rat, sich zu bessern, entlassen hatte, und die frommen Kirchgängerinnen noch in Gruppen auf dem Marktplatz beisammen standen, um ihre Ansichten über die vernommene Predigt und den auffälligen Hut der Frau Oberappellationsgerichts-Vizepräsidentin auszutauschen, steuerte der Doktor Karl Eckart quer über den Markt und trat in das Haus des Herrn Kanzleirats Engelmann. Wenn er nicht seiner Gewohnheit gemäß den Blick auf das Straßenpflaster geheftet hätte, so würde er hinter einem Fenster einen blonden Krauskopf bemerkt haben, der niemand anderem als dem Dichter des Ziegenbockliedes angehörte und der bei Annäherung des Doktors schleunig zurückfuhr. Als dieser die Treppe hinaufstieg, fühlte er an seine Brusttasche. Dort steckte das Ziegenbockexerzitium des jungen Herrn Engelmann.

Er klopfte an die Tür, auf der ein Messingschild mit Namen und Stand des Gesuchten glänzte und eine zarte Frauenstimme rief: »Herein!« Als er eintrat, legte ein junges Mädchen eine Stickerei aus der Hand und erhob sich von seinem Sitz. Das war Fräulein Marie Engelmann, die Schwester des jugendlichen Bösewichts.

»Guten Morgen, mein Fräulein. Verzeihen sie die Störung. Ist Ihr Herr Vater zu sprechen?«

»Die Eltern machen einen Besuch, müssen aber jeden Augenblick zurückkommen. Wollen sie nicht Platz nehmen, Herr Doktor?«

Es wurden noch einige Redensarten gewechselt, nach welchen sich der Doktor wirklich setzte.

»Der Vater wird sich außerordentlich über Ihren Besuch freuen,« meinte Fräulein Marie.

»Wer weiß,« versetzte lakonisch der Doktor.

Das Mädchen blickte ihn erschrocken an.

»Mein Gott, es ist doch mit meinem Bruder nichts vorgefallen?«

Herr Eckart zuckte die Achseln.

»Sprechen sie, Herr Doktor, was hat denn der Junge angestellt? Ist's was Arges?« »Nun, wie man's nimmt; ich bin eben gekommen, um den vorliegenden Fall Ihrem Herrn Vater mitzuteilen.«

Das Mädchen hob angstvoll die Hände empor.

»Aber ums Himmels willen, was ist denn geschehen? Er hat doch nicht gestohlen?«

»Nein, nein,« schüttelte der Doktor; »es sind im Grunde nur mutwillige Streiche, die er verübt hat.«

»Und gerade heute muß das kommen, gerade heute an seinem Geburtstag.« Die Tränen traten ihr in die Augen.

»So, sein Geburtstag ist heute? Hm, hm.«

»Ja, heute ist er elf Jahre alt geworden. O, Sie glauben nicht, Herr Doktor, wie lieb wir ihn alle haben, die Mutter namentlich; es sind ihr aber auch drei Knaben nacheinander gestorben – der Max ist ihr einziger Sohn – und glauben Sie mir, er ist nicht bösartig, nur ein wenig wild und leichtsinnig. – Ach, wenn Sie noch diesmal Nachsicht haben könnten!«

In der Brust des Doktors regte sich etwas. Er neigte nachdenklich seinen Kopf.

»Kommen Sie,« fuhr das Mädchen fort, »ich will Ihnen seinen Geburtstagstisch zeigen.« Sie ließ ihn in ein Nebenzimmer eintreten. Auf einem Tisch stand ein großer Kuchen mit elf abgebrannten Wachslichtchen beklebt, daneben lagen Bücher, Kleidungsstücke, eine Armbrust und andere Spielsachen.

»Und das ist mein Geschenk,« sagte Marie und hob eine gestickte Brieftasche empor.

Der Doktor bewunderte die zierliche Arbeit und über die Brieftasche flogen seine Augen zu dem schönen Mädchen, die in banger Erwartung dastand, ob er nicht von seinem fürchterlichen Vorsatz, die Festfreude zu stören, abstehen werde.

Der Pädagog kämpfte einen schweren Kampf, endlich sagte er leise: »Um Ihretwillen und um Ihrer Eltern willen werde ich schweigen; er verdient freilich diese Nachsicht nicht.«

»Gott sei Dank,« atmete das Mädchen auf und drückte dem jungen Manne die Hand, daß es diesen angenehm durchrieselte. »Und nun sagen Sie mir, was er für ein Unheil angerichtet hat; ich will's ihm schon stecken, verlassen Sie sich auf mich.«

Der Doktor hätte aber um keinen Preis der Welt der jungen Dame gegenüber etwas von der Ziegenbockangelegenheit verlauten lassen mögen, daher begnügte er sich zu sagen: »Lassen wir die Sache ruhen,« und ging mit seiner Begleiterin in das andere Zimmer zurück.

Da er nun keinen Grund weiter hatte, auf die Rückkehr des Elternpaares zu warten, so griff er nach seinem Hut, um sich zu verabschieden. Da aber ging die Tür auf und die Frau Kanzleirätin, gefolgt von ihrem Eheherrn, rauschte herein.

»Ah, Herr Doktor,« sagte die Dame, »das ist eine angenehme Überraschung.« Sie machte dazu ein wahrhaft erschreckend freundliches Gesicht und verneigte sich, daß ihr umfangreiches Seidenkleid knitterte und knatterte wie ein entferntes Kleingewehrfeuer.

»In der Tat,« echote der Gemahl, »eine höchst angenehme Überraschung.« Er setzte in der Eile seinen Zylinder auf einen Stuhl und beeilte sich, die unbequemen Glacéhandschuhe (er trug deren nur Sonntags) auszuziehen, während die Frau Kanzleirätin mit Hilfe ihrer Tochter sich der äußersten Schale entledigte. Eine Minute später saß Madame auf dem Sofa neben dem Herrn Doktor, der sich so schmal wie möglich machte, um hinter der bauschigen Robe der Dame nicht gänzlich zu verschwinden. Der Herr Kanzleirat saß steif auf der Kante eines Stuhles und rieb sich die Hände.

»Recht angenehmes Wetter heute,« meinte er. Dagegen ließ sich nichts einwenden. Die gewandte Kanzleirätin aber lenkte sogleich das Gespräch auf etwas anderes.

»Es ahnte mir doch gleich heute morgen, daß wir durch einen Besuch beehrt werden würden; meine Schere fiel nämlich auf die Erde und blieb mit der Spitze in der Diele stecken – ich bin zwar nicht abergläubisch, aber es ist denn doch eine eigene Sache mit den Vorbedeutungen.«

»Ja, ja,« fiel der Kanzleirat ein, »ich habe selber Fälle erlebt, wie zum Beispiel damals, als der selige Schwiegervater das Verdienstkreuz erhielt. Da hat er drei Tage vorher auf der linken Seite der Brust ein krabbeliges Gefühl gehabt, wie von einem Nesselausschlag oder –«

Ein strenger Blick von seiten seiner Frau machte den Sprecher verstummen. Er fuhr, wie er dies immer tat, wenn er einen gescheiten Gedanken hervorrufen wollte, mit der flachen Hand über die Stirn, das heißt er rieb sich den Hinterkopf, bis in welche Gegend sich seine Stirn im Verlauf der Jahre ausgedehnt hatte. »Gestern abend noch,« fuhr die Kanzleirätin fort, »war von Ihnen die Rede. Ach, Sie glauben gar nicht, wie oft wir in der letzten Zeit von Ihnen gesprochen haben. Ihre Artikel über das häusliche Leben der alten Römer in dem illustrierten Wochenblatt haben uns alle wahrhaft hingerissen. Sogar mein Mann, der sich sonst leider Gottes für die Wissenschaft wenig interessiert –«

»Aber ich bitte, liebe Eulalia!«

»Auch mein Mann hat Ihre Aufsätze wahrhaft verschlungen, und unsere Marie – Marie, hole doch einmal die Mappe – hat jedesmal, wenn das Blatt gebracht worden ist, gefragt: ›Steht wieder etwas vom Doktor Eckart darin?‹«

Der Doktor verbeugte sich geschmeichelt. Marie kam zurück und trug eine sauber gearbeitete Mappe.

»Sehen Sie, Herr Doktor, hier sind sämtliche Nummern, welche Aufsätze von Ihrer Hand enthalten. Unsere Marie ist auf den gescheiten Gedanken gekommen, sie zu sammeln.«

Dieser warf einen gerührten Blick auf das Mädchen, welches die Augen gesenkt hatte.

»Und die Mappe,« fiel der Kanzleirat schüchtern ein, »habe ich gemacht. Ich beschäftige mich nämlich in meinen Mußestunden mit Papparbeiten.« »Ja leider,« fiel die Frau ein. »Ich bitte Sie, Herr Doktor, ist das eine würdige Beschäftigung für einen gereiften Mann?«

Der Angeredete fühlte, daß er dem gereiften Mann zu Hilfe kommen müsse.

»Ei warum denn nicht, Frau Kanzleirätin, hat nicht auch Peter der Große gedrechselt und geschnitzt, wenn er von seinen Regierungsgeschäften rastete?«

Der Kanzleirat blickte den Gelehrten dankbar an.

»Da hörst du's, Eulalia. Übrigens ist das Arbeiten in Papier und Pappe eine nützliche Beschäftigung; alle Schulbücher, welche unser Max braucht, binde ich selber ein – aber wie ist mir denn, Herr Doktor, sind Sie nicht der Klassenlehrer von unserem Max?«

»Allerdings, Herr Kanzleirat.«

»Na, wie macht er sich denn? Sind Sie mit ihm zufrieden?«

Der Doktor fing einen bittenden Blick aus den Augen der schönen Marie auf und erwiderte etwas bedächtig: »Er ist ein talentvoller Knabe –«

»Das ist er,« bekräftigte die Mutter.

»Und seine Fortschritte sind recht erfreulich.« »Natürlich,« sagte die Mutter, »er ist ein sehr gewecktes Kind, er schlägt ganz in meine Familie, und,« fügte sie mit einer verbindlichen Bewegung des Kopfes hinzu, indem sie sich zu dem Doktor wandte, »wie wäre es denn auch anders möglich unter der Führung eines solchen Lehrers, wie der Herr Doktor Eckart ist!«

»Platterdings unmöglich,« versicherte der Kanzleirat. »Also Sie sind mit ihm zufrieden. Empfangen Sie den Dank eines gerührten Vaterherzens und, und –« Er streichelte sein Hinterhaupt, und da ihm ein guter Gedanke gekommen war, so sprang er mit einem »entschuldigen Sie« auf, gab seiner Tochter einen Wink und ging mit ihr aus dem Zimmer.

Als sie zurückkamen, trug Marie einen Teller mit Kuchen, der Kanzleirat aber hatte sich mit zwei Flaschen und einigen Gläsern beladen.

»Es ist nämlich heute der Geburtstag unseres Sohnes,« erklärte er, »und Sie werden mir gewiß keinen Korb geben, wenn ich Sie bitte, auf den guten Fortgang seiner Studien ein Glas Affenthaler zu trinken.«

Dagegen konnte der Doktor nichts einwenden. Er hatte A gesagt und mußte nun auch B sagen. Das B, das heißt Wein und Kuchen, war übrigens nicht schlecht, und als die Kanzleirätin mit mütterlichem Stolz erklärt hatte, daß Marie den Kuchen gebacken habe, aß der brave Doktor ein Stück ums andere.

»Wo nur der Bursche stecken mag?« fragte der Vater. »Wenn er ahnte, daß sein geliebter Lehrer uns die Ehre erzeigt, er würde diesen Besuch höher schätzen, als alle Geschenke, die er heute erhalten hat.«

»Ja, Herr Doktor, Sie glauben nicht, mit welcher Achtung unser Max von Ihnen spricht,« log die liebende Mutter.

Der Gelehrte biß sich auf die Lippe und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach der Brusttasche.

Das Gespräch nahm eine andere Wendung; man unterhielt sich wieder vom illustrierten Wochenblatt, und die Kanzleirätin ließ die Gelegenheit, sich als Frau von Bildung zu zeigen, nicht vorübergehen. Der Doktor wurde warm und erzählte von Pompeji und Herkulanum; er schilderte das häusliche Leben der Bewohner jener Städte so lebendig, als ob er selber pompejanischer Hausbesitzer gewesen wäre, und veranlaßte die Kanzleirätin zu der Frage, ob er in Italien gewesen sei. Er verneinte, teilte aber mit, daß er beabsichtige, in den nächsten Ferien eine Römerfahrt zu machen, worauf die Kanzleirätin seufzend sagte, dies sei in früheren Jahren ihr sehnlichster Wunsch gewesen, sie habe eine Zeitlang keine Zitrone in die Hand nehmen können, ohne von Verlangen ergriffen zu werden nach dem Land, wo im dunklen Laub die Goldorangen glühen.

So spann sich das Gespräch hin, bis von den unvollendeten Türmen der Stadtkirche die Glocken Mittag läuteten. Länger zu verweilen wäre gegen die Regeln des Anstandes gewesen, denn in Hackelburg speist man noch wie in der guten alten Zeit allgemein Punkt zwölf Uhr zu Mittag.

Der Doktor schied mit dem Versprechen, den Damen ein Kupferwerk über pompejanische Ausgrabungen zu leihen und seinen Besuch baldigst zu wiederholen. Als er die Treppe hinunterstieg, mußte er sich zwar eingestehen, daß er etwas ganz anderes bezweckt habe, als er heraufgestiegen sei, aber trotzdem, daß er seinen Plan als gescheitert betrachten mußte, kam er doch mit heiterer Stirn in seiner Behausung an und war bei Tisch so aufgeräumt und so gesprächig, daß seine Eltern ihre Freude an ihm hatten.

IV

Das Engelmannsche Ehepaar war nach Entfernung des Doktors allein im Zimmer zurückgeblieben, da Marie für den Tisch Sorge tragen mußte.

»Ein scharmanter junger Mann,« meinte der Kanzleirat, und seine Gattin widersprach ihm ausnahmsweise nicht.

»Ja,« sagte sie, »er ist ein sehr gebildeter junger Mann und besitzt Tournüre; man merkt's ihm nicht an, daß sein Vater ein Schneider ist, – Übrigens, Theodor, muß ich dir doch bemerken, daß du dir wieder einmal verschiedene Blößen gegeben hast. Erstens: was schwatzt du da von Verdienstkreuz und Nesselausschlag, und dann fängst du von deinen abgeschmackten Papparbeiten an –«

»Aber, liebe Eulalia, der Doktor Eckart sagt ja selbst, daß auch Peter der Große –«

»Und du siehst nicht ein, Theodor, daß er das nur aus Höflichkeit angebracht hat? O Theodor, wann wirst du einmal zur Vernunft kommen!«

Theodor rieb sich das Hinterhaupt. Er war gewohnt, nach jedem Besuch einige Bemerkungen über seinen Mangel an Takt zu hören, und pflegte die Vorwürfe seiner Ehegattin mit stummer Ergebung hinzunehmen. Der Redefluß der Kanzleirätin wurde durch ein Geräusch an der Kammertür unterbrochen. Der Sohn des Hauses steckte seinen Kopf durch die Spalte und sondierte vorsichtig das Terrain.

»Na, da ist er ja endlich,« sagte die Mutter, deren Gesicht sich beim Anblick ihres Lieblings glättete. »Weißt du, daß dein Lehrer hier war?«

»Hat er von mir gesprochen?« fragte Max mit dem zaghaften Ton des bösen Gewissens.

»Allerdings,« sagte der Kanzleirat mit väterlicher Würde. »Komm einmal her, mein Sohn Max.«

Max, dem es durchaus nicht wohl zu Mute war, kam zögernd heran.

»Nur näher, mein Sohn,« fuhr der Vater mit ernster Stimme fort und legte dem Dichter des Ziegenbartliedes die beiden Hände auf die Schultern. »Max, dein braver Lehrer hat sich günstig über dich ausgesprochen und dir ein gutes Zeugnis ausgestellt. Das freut uns, deine Eltern, unendlich. Und weil du uns eine solche Freude bereitet hast, so sollst du auch gebührendermaßen belohnt werden.« Das mußte greuliche Ironie sein. Max schauderte, denn ihm schwante, daß die nächste Minute Fürchterliches bringen werde.

Der Vater machte eine Kunstpause.

»Mein Sohn Max,« fuhr er endlich fort, »du hast dir längst eine Taschenuhr gewünscht. Ich hielt dich bisher nicht für reif genug, um dir ein so kostbares Instrument anvertrauen zu können, aber in Anbetracht deines Fleißes und deines guten Betragens sollst du morgen – heute am Sonntag sind alle Läden geschlossen – eine silberne Uhr erhalten.«

»Und von mir eine Kette,« fügte die Mutter hinzu.

Hierauf drückte der Kanzleirat einen väterlichen Kuß auf die Stirn des betäubten Max und überließ ihn dann den zärtlichen Umarmungen der glücklichen Mutter.

In irgend einer Sammlung von Kriminalgeschichten steht von einem Mordbrenner zu lesen, der aus Versehen mit der Rettungsmedaille dekoriert wurde, wodurch sich seine Gewissensbisse zur gräßlichsten Folterqual steigerten.

Von ähnlichen Gefühlen wie die jenes Brandstifters wurde die Brust des jungen Engelmann durchwühlt, als ihm für seine Verdienste der silberne Chronometer in Aussicht gestellt wurde, und seine Unbehaglichkeit wurde keineswegs vermindert, als ihm Schwester Marie über den eigentlichen Zweck des Besuches seines Lehrers einen Wink gab. Nach einer unruhigen Nacht – der Traumgott hatte ihm eine Uhr vorgegaukelt, und als er danach greifen wollte, fuhr ein riesiger Ziegenbockskopf zähnefletschend dazwischen – überlegte Max, ob er sich nicht durch ein simuliertes Unwohlsein, wozu ihm der gestern reichlich genossene Geburtstagskuchen einen trefflichen Anhaltspunkt gab, von dem Besuch der Schule befreien sollte, aber er verwarf diesen Plan als den eines Feiglings und marschierte mit seinem Bücherränzchen trutziglich in die Schule.

Die Stunden nahmen ihren gewöhnlichen Verlauf. Schon schlug die Glocke elf Uhr, schon hatte Herr Eckart den kleinen Schulz zugeklappt und Max atmete beruhigt auf; da näherte sich ihm der Doktor mit einer plötzlichen Wendung und sagte mit diabolischer Freundlichkeit: »Engelmann, komme doch einmal mit mir nach Hause, ich habe dir etwas zu sagen.«

»Jawohl, Herr Doktor,« antwortete Max devot und gefaßt, er zwang sich sogar zu einem Lächeln, aber in seinem Innern krächzte der Rabe Schuldbewußtsein: »Du bist geliefert.«

Fürchterliche Gedanken durchkreuzten das Gehirn des Schöpfers der Ziegenbartpoesie, als er, gefolgt von den mitleidigen und schadenfrohen Blicken seiner Kameraden, auf der linken Seite des Doktors Eckart durch die Straßen schlich, und während dieser von ganz harmlosen Dingen sprach, waren die Gedanken des jungen Unglücklichen bei dem König Astyages, der den Knaben des Harpagus in sein Haus lockte, um ihn daselbst zu frikassieren.

»Nein, das kann er nicht, das darf er nicht, aber wer weiß, welche Rache er ersonnen hat.«

Man trat in das Haus, und das unheimliche Geklapper der Nähmaschinen erhöhte die Angst des Opfers. Jetzt zog der Doktor einen Schlüssel aus der Tasche, um ein Gemach, vielleicht eine Folterkammer oder ein von Schlangen und Kröten wimmelndes Burgverlies, aufzuschließen, »Es ist vorbei,« dachte der Arme, als sich die Tür in den Angeln drehte. Aber da war keine Folterbank zu sehen, kein Halseisen und kein moderiges Stroh, sondern anständige Tische und Stühle, und in der Ecke stand ein weißer Marmorkopf, auf den der Doktor mit dem Finger deutete und dazu sagte: »Jupiter.« Und hierauf holte er ein großes, schön gebundenes Buch herbei, blies den seinen Staub von dem Deckel und sagte zu dem mundaufsperrenden Max: »Hier, dieses Buch bringe deiner Mutter; es enthält Abbildungen von römischen Altertümern, über welche wir gestern zusammen gesprochen haben. Sage auch deinen Eltern, ich lasse mich ihnen bestens empfehlen und würde mich demnächst persönlich erkundigen, ob das Buch Beifall gefunden hat. Adieu, mein Sohn, und wenn du mich einmal auf längere Zeit besuchen willst, so wird mir's angenehm sein.«

So mochte es dem Lyderkönig Krösus zu Mut gewesen sein, als ihn Cyrus vom brennenden Scheiterhaufen wieder herunterholen ließ, wie jetzt unserem Max, als er die Wohnung des Doktors hinter sich hatte.

»Wer hätte das gedacht!« sagte er zu sich. »Der Doktor Ziegenbart ist doch eigentlich ein guter Kerl, und daß sein Vater ein Schneider ist, was freilich eine große Schande ist, dafür kann er nichts, weshalb es eigentlich nicht recht ist, daß man ihn damit ärgert und auch noch eine silberne Uhr dafür bekommt, was freilich keine goldene ist, aber doch besser als ein Schlüssel an einer Gummischnur.«

Unter diesem Selbstgespräch langte Max Engelmann in seiner väterlichen Behausung an, wo er und das Buch von Mutter und Schwester aufs beste empfangen wurde.

Der Vater war zum Uhrmacher gegangen.

V

Die Frau Kanzleirätin Engelmann war, das sagte die ganze Stadt, eine sehr gebildete Dame. Als beim letzten Vogelschießen eine französische Seiltänzertruppe in Hackelburg Vorstellungen gab, hatte ein Dutzend höchst glaubwürdiger Personen mit eigenen Ohren gehört, wie sie an der Kasse » quatre billets« verlangt hatte, auch hatte sie auf die Groschenbibliothek der deutschen Klassiker subskribiert und lächelte überlegen, wenn man Macbeth, Shylock und Leicester statt Mecbeth, Scheilock und Lester sagte. Unter solchen Umständen ist es selbstverständlich, daß bei der Ausbildung ihrer Tochter nichts gespart worden war, und wenn die Mutter es auch besser verstand, mit ihren Schätzen zu glänzen, so würde doch die mit dem Gewicht der Kanzleirätin beschwerte Schale einer genauen Bildungswage hoch hinaufgeschnappt sein, wenn die liebliche Marie das Gegengewicht gewesen wäre. Marie besaß jene anspruchslose Bildung, welche ein Mädchen ebensoweit über die Genfer Pensionspflanze als über das kartoffelschälende Ideal eines Philisters erhebt.

Aber eine Dame kann sehr gebildet sein und doch bei der Beschäftigung mit pompejanischen Ausgrabungen manchmal die Erläuterungen eines Fachgelehrten nötig haben. So erging es der Kanzleirätin Engelmann und ihrer Tochter Marie. Der Dichter des Ziegenbartliedes war im Studium des Altertums noch nicht so weit vorgedrungen um die gewünschten Erklärungen geben zu können, und der Kanzleirat – ach du lieber Himmel, was kann man von einem Mann erwarten, der Pappkästchen klebt? Da mußte denn der gefällige Doktor Eckart dran. Und er kam und demonstrierte und erklärte, und wenn er von einem solchen Besuch nach Hause zurückgekehrt war, so glänzten seine Augen freudig, und Herr und Frau Eckart blinzelten sich listig zu, sagten aber kein Wort.

Und es begab sich an einem der nächsten Sonntage, daß Frau Eckart, als sie aus der Kirche kam, ganz zufällig mit der Kanzleirätin auf dein Markt zusammentraf. Die beiden Damen hatten sich seit der Zeit, da sie selbander in der Mädchenschule gesessen, nicht mehr gesprochen, nichtsdestoweniger aber war die Begrüßung über die Maßen herzlich. Sie erkundigten sich nach dem gegenseitigen Befinden, gedachten seufzend der schönen Jugendzeit und trösteten einander mit dem Hinweis auf die Freude, welche wohlgeratene Rinder ihren Eltern bereiten.

Die andächtige Menge hatte sich längst verlaufen, und die beiden Frauen standen noch immer beisammen, Sie hatten sich gar viel mitzuteilen, so viel, daß man beschloß, am Nachmittag im Hausgarten der Kanzleirätin bei einer Tasse Kaffee das Gespräch fortzusetzen.

Daß dieser Kaffee nichts zu wünschen übrig ließ, ist selbstverständlich. Frau Eckart schwor bei allem, was ihr heilig war, solch einen Kaffee habe sie in ihrem ganzen Leben noch nicht getrunken, und was den Kuchen anbetraf (Marie hatte ihn natürlich gebacken), der war geradezu unvergleichlich.

Außer den beiden Müttern und der Tochter des Hauses war niemand zugegen. Max trat nur zuweilen auf, wenn eine neue Kuchensorte aufgetragen wurde, bei welcher Gelegenheit Frau Eckart nicht ermangelte, einige anerkennende Worte über den Stammhalter der Engelmannschen Familie fallen zu lassen. In später Stunde, als schon die Abendschmetterlinge schnurrend um die Geißblattlaube schwärmten, trennten sich die Freundinnen, nachdem die Frau Kanzleirätin zugesagt hatte, am nächsten Sonntag den Besuch mit ihrer Marie zu erwidern.

An demselben Nachmittag, an welchem die beiden Frauen ihre Jugendfreundschaft beim Kaffee erneuerten, wurde die Kegelgesellschaft in der Ressource unangenehm überrascht durch die Erklärung des Kanzleirats, daß ihn ein heftiger Rheumatismus im rechten Arm verhindere, an der Partie teilzunehmen. Die Kegelgesellschaft mußte mit dem Blinden spielen, der Kanzleirat aber fand Ersatz für das versagte Vergnügen in der gediegenen Unterhaltung mit dem Schneidermeister Eckart.

So gut wie heute, meinte er, habe er sich noch nie unterhalten, und wenn er auch für das Kegelspiel eine große Passion habe, wohlgemerkt, wenn die Bahn gut und der Kegeljunge keine Schlafmütze sei, so preise er doch seinen Rheumatismus, der ihn in die Gesellschaft des Herrn Eckart geführt habe, zumal da es seit langem sein sehnlichster Wunsch gewesen sei, mit dem Vater des Herrn Doktor, der sein Haus seit einiger Zeit beehre, bekannt zu werden, worauf Herr Eckart entgegnete, die Ehre sei ganz auf seiner und seines Sohnes Seite, übrigens sei das Bier ausgezeichnet, und wenn es dem Herrn Kanzleirat recht sei, so wolle man noch ein Seidel trinken.

Das Seidel wurde getrunken und dann noch eins. Die Herren lösten sich die obersten Westenknöpfe, und weil der Abend kühl war, so proponierte Herr Eckart, in den inneren Räumen der Ressource noch gemeinschaftlich eine Flasche Roten zur Erwärmung zu trinken. Das war dem Kanzleirat, wie er sagte, aus der Seele gesprochen. Die Flasche ward in einem kleinen, abgelegenen Zimmer ausgestochen, und es wurde dabei ziemlich laut gesprochen, mit den Kelchen angestoßen und auch ein Glas verschüttet, was nach der Ansicht aller Vernünftigen Gutes bedeutet.

Spät am Abend wanderten die beiden Herren unter lebhaften Gesprächen Arm in Arm nach der Stadt, und Herr Eckart ließ es sich nicht nehmen, den Kanzleirat bis an dessen Behausung zu begleiten. Die Kanzleirätin, die in einer weißen Haube nach ihrem liederlichen Ehegespons auslugte, fuhr schnell mit dem Kopf zurück, als das Paar auf das Haus zugesteuert kam. An der Tür schüttelten sich die Herren die Hände, als ob der eine am nächsten Morgen eine Reise nach Zentralafrika antreten wolle, und die hinter dem Fenster lauschende Dame vernahm die Worte: »Gute Nacht, liebes Kanzleirätchen!«

»Gute Nacht, liebes Eckartchen!«

Als der Kanzleirat das eheliche Schlafgemach betrat, erwartete ihn seine Gemahlin aufrecht im Bett sitzend.

»Höre, Theodor,« begann sie, »ich will nichts darüber sagen, daß du bis um halb elf Uhr herumschwärmst – es ist ein Ausnahmefall – aber ich muß dir denn doch bemerken, daß du dir wieder einmal eine gräßliche Blöße gegeben hast,«

»Aber, teure Eulalia, du hast ja selbst gewünscht, daß ich den Herrn Eckart –«

»Unterbrich mich nicht, Theodor! Ich wollte dir bemerken, daß mir dein kordiales Benehmen gegen den Schneidermeister im höchsten Grad aufgefallen ist. – Liebes Eckartchen, liebes Kanzleirätchen! – Theodor, ich weiß nicht, was ich von dir denken soll, wie konntest du alle Rücksichten so außer acht lassen, daß du, der Kanzleirat Engelmann, mit einem Schneidermeister fraternisierst?«

»Aber, liebe Eulalia, ich begreife nicht. – Nach unserer heutigen Unterredung in Betreff unserer Marie und des Doktor –«

»Laß mich ausreden, Theodor! Hätte ich geahnt, daß du vergessen könntest, was du deiner Stellung und deinem Rang schuldig bist, ich würde dich sicherlich ganz aus dem Spiel gelassen haben. Freundlich, höflich, zuvorkommend solltest du gegen den Schneider sein, weil er nun doch einmal der Vater des Mannes ist, der unsere Marie auszeichnet, aber wer ums Himmels willen hat dir denn geheißen, wie ein Handwerksbursch Brüderschaft mit ihm zu trinken?«

»Das habe ich nicht,« beteuerte der Kanzleirat, während er den Stiefelknecht suchte, »wir haben uns gesiezt bis auf den letzten Augenblick.«

»Einerlei, Theodor! – Liebes Eckartchen, liebes Kanzleirätchen! – Das ist schlimmer als du und du. – Gerechter Himmel! Wenn mein seliger Vater das wüßte, er drehte sich im Grab um.«

»Liebe Eulalia,« sagte der Kanzleirat und setzte seine Stiefel ziemlich unsanft auf den Boden, »du scheinst mir sehr – sehr aufgeregt zu sein. Dein seliger Vater würde darin kaum eine Ursache zum Sich-im-Grab-umdrehen finden, so wie auch ich nicht einsehe, weshalb du dich um deine nächtliche Ruhe bringst.«

»Natürlich,« sagte die Gattin in verächtlichem Ton, »wie kann man verlangen, daß ein Mann, der zu seinem Vergnügen Bücher einbindet und Mappen kleistert, Verständnis besitzt für das, was schicklich ist! – Liebes Kanzleirätchen, liebes Eckartchen! – Es ist köstlich.« Die Dame lachte krampfhaft auf.

»Gute Nacht, Eulalia,« sagte der Kanzleirat und stieg in sein Bett.

»Ja, Takt, Takt, Takt!« fuhr die Gattin fort. »Der muß angeboren sein. Ist er das nicht, so fruchten alle Lehren und Ermahnungen nichts. Wer nichts auf sich hält, der bringt's zu nichts. O Theodor, du wirst es in deinem Leben zu nichts Höherem bringen, als höchstens zum Oberkanzleirat.«

»Wäre auch zufrieden damit, liebe Eulalia.«

»Da hört man's! Er wäre zufrieden damit. Theodor! Mein seliger Vater hat seine Karriere als Kopist begonnen und ist als Hofrat gestorben –«

»Das war damals,« meinte der Kanzleirat.

»Unterbrich mich nicht! – Er hatte die dem fürstlichen Hausorden affiliierte goldene Medaille und das Verdienstkreuz. Du aber –«

Der Kanzleirat seufzte und murmelte etwas in die Kissen hinein.

»Was hast du gesagt, Theodor? Hauskreuz? Also das ist der Dank für meine aufopfernde Liebe, für meine Bemühungen, dir Takt beizubringen! Ich unglückliche Frau! Theodor, wenn ich nicht mehr bin, wenn mich der Rasen deckt, dann wirst du einsehen, daß ich es gut mit dir meinte, daß ich recht hatte; dann wirst du seufzen: ›Wenn sie doch wieder bei mir wäre und mich mit Rat und Tat unterstützte!‹ – Aber dann ist es zu spät, Theodor! Hörst Du? Zu spät!«

»Ja spät, elf Uhr,« lallte der schlaftrunkene Gatte und entschlief.

Die Beziehungen, welche in der kanzleirätlichen Geißblattlaube und dem Ressourcelokal zwischen den Familien Eckart und Engelmann angeknüpft worden waren, wurden von Tag zu Tag intimer. Die Frauen waren bereits so vertraut miteinander, daß sie sich ihre kleinen ehelichen Leiden rückhaltlos mitteilten. Die Väter trafen sich allabendlich beim Glase, und wenn auch der Kanzleirat, der Predigt seiner Gattin eingedenk, ängstlich bemüht war, dem Schneidermeister gegenüber seiner Standesehre nichts zu vergeben und namentlich alle familiären Ausdrücke vermied, so ging man doch keinen Abend auseinander, ohne der Freundschaftskette ein neues Glied eingereiht zu haben.

Über den Grund der plötzlich entstandenen Freundschaft war in der ganzen Stadt kein Zweifel mehr.

»Der junge Eckart interessiert sich für Engelmanns Marie,« hieß es in den Zirkeln der Honoratioren. »Der Doktor Eckart geht mit der Kanzleirats Marie,« sagten die Köchinnen und Mädchen für alles am Marktbrunnen. Die gereifteren Jungfrauen von Hackelburg und die, die es zu werden im Begriff standen, beleuchteten in ihren Kaffee-, Tee- und Lesekränzchen die in Aussicht stehende Verbindung von allen Seiten. Einige verurteilten mit moralischer Entrüstung die Intrigen der Kanzleirätin, die den Doktor à tout prix für ihr Gänschen kapern wolle. Eine andere Partei sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß die hochmütige Frau ihre Einwilligung zu der Mesalliance mit dem Schneiderssohn gebe. Alle aber waren der Ansicht, daß kein Paar weniger zueinander passe, als eben dieses.

Es gab aber auch Personen, welche die projektierte Heirat mit günstigeren Augen betrachteten. Dahin gehörten in erster Linie jene Damen, die ihre Kinder bereits versorgt wußten.

Es gibt nichts Gefährlicheres in der bürgerlichen Gesellschaft als eine Mutter, die ihre Tochter an den Mann zu bringen hat, und nichts Liebenswürdigeres als eine solche, der dies glücklich gelungen ist. Die Wandlung geht meistens überraschend schnell vor sich. Gestern war es noch die junge Mutter, die einen Teil der der Tochter gebührenden Huldigungen beanspruchte; heute, nachdem das junge Paar seine Hochzeitsreise angetreten hat, ist die junge Mutter zur alten Frau geworden. Über Nacht ist ihre Gestalt um zwei Zoll eingesunken. Die silberglänzenden Haare an den Schläfen werden nicht mehr allmorgendlich ausgerissen, die Büchschen mit Poudre de riz und Cold-cream verschwinden von dein Toilettentisch, und an die Stelle der lebhaft gefärbten Roben tritt anspruchslose schwarze Seide. Die Dame beginnt viele ihrer Reden mit den Worten »zu meiner Zeit« oder »als ich noch jung war«, sie gefällt sich darin, auf Bällen und anderen Vergnügungen als Gardedame zu walten, sie protegiert junge Leute, namentlich hoffnungslos liebende, und urteilt wohlwollend über Schwächen und Verirrungen. – Gott segne sie, die guten alten Damen!

Von dieser Seite ward also keine Einsprache gegen die Verbindung der beiden Bürgerskinder erhoben, überhaupt wurde sie von dem vernünftigen Teil der Hackelburger beifällig aufgenommen.

Während die Stadt in der angedeuteten Weise das bevorstehende Ereignis besprach – und die Heirat zwischen zwei Stadtkindern war und ist noch heute ein Ereignis in Hackelburg – befanden sich die Hauptpersonen noch ziemlich weit vom Ziel, wenigstens hatte der Doktor noch kein Wort der Liebe mit Marie gewechselt.

Die ungeduldige Frau Eckart hatte von ihrem Mann den gemessenen Befehl erhalten, den Sohn ruhig gewähren zu lassen, und sie tat es, so schwer es ihr auch ankam. Dafür ließ sie es in der Gesellschaft der Kanzleirätin nicht an zarten Anspielungen fehlen. So führte sie an einem Sonntag nachmittag ihre Freundin durch die oberen, unbenützten Räume des Hauses und erklärte, hier werde einmal ihr Sohn mit seiner jungen Frau wohnen, und ein anderes Mal, als die Kanzleirätin fragte, ob denn der Herr Doktor in den Sommerferien bestimmt nach Italien reisen werde, antwortete Frau Eckart mit bedeutsamem Lächeln, er werde wohl die Reise noch ein Jahr verschieben, um sie dann in Gesellschaft zu machen.

Was den Helden unserer Geschichte anbelangt, so hatte er an jenem Tag, da er ausgegangen war, um den ungeratenen Max Engelmann anzuklagen, und eine mit seinen Aufsätzen gefüllte Mappe fand, bei sich gesagt: »Fräulein Marie ist kein gewöhnliches Mädchen.« Nach dem nächsten Besuch war er bereits zu der Einsicht gekommen, daß Marie eine gut unterrichtete junge Dame sei, die überdies viel natürlichen Verstand besitze, nicht zu gedenken ihrer körperlichen Vorzüge. Eine Woche darauf war sie bereits die Perle des weiblichen Geschlechts, und wieder ein paar Tage später sang der brave Doktor mit verklärtem Antlitz zwischen den vier Wänden seiner akademischen Rumpelkammer:

»Ich habe dich lieb, du Süße,
Du, meine Lust und Qual,
Ich habe dich lieb und grüße
Dich viele tausend Mal –«

und weil er die übrigen Verse vergessen hatte, so sang er den einen immerfort und immer schmelzender, bis das Dienstmädchen kam und meldete: »Es ist angerichtet.«

Nach wie vor besuchte er wöchentlich mehrmals das kanzleirätliche Haus und hielt den Damen Vorträge über pompejanische Ausgrabungen im besonderen und über Altertum im allgemeinen. Anfangs nahm die Kanzleirätin eifrig teil an den klassischen Unterhaltungen, nach einiger Zeit aber traf es sich häufig, daß sie durch häusliche Geschäfte »leider« abgehalten wurde, und der Doktor blieb dann mit der schönen Marie allein. Da geschah es denn zuweilen, daß der gelehrte Herr jählings den Faden seiner Rede verlor und ins Stottern geriet wie seine Schüler, wenn sie schlecht präpariert waren; oder es kam vor, daß seine Hand, während sie den Linien einer etrurischen Vase folgte, plötzlich die kleine Hand seiner aufmerksamen Schülerin berührte, worauf beide zusammenfuhren und rot wurden.

Es war über die jungen Leute die Zeit gekommen, von welcher der Dichter wünscht, daß sie ewig grünend bliebe. Errötend folgte er ihren Spuren, wenn sie ausging, um Stickwolle oder Noten aus der Musikalienhandlung zu holen, und er gerade keine Schule zu halten hatte; das Schönste suchte er auf den Fluren oder vielmehr, er kaufte die teuersten Rosen- und Kamelienbukette, die ihm der Handelsgärtner zu liefern vermochte, und schmückte damit indirekt seine Liebe, direkt aber die beiden alten geschnörkelten Porzellanvasen der Frau Kanzleirätin.

Und Marie? Sie stach sich beim Nähen in die Finger, zerbrach in einer Woche drei Teller und las die verlorene Handschrift von Gustav Freytag, obwohl sie dieselbe schon einmal gelesen hatte.

Wir müssen, ehe wir dieses Kapitel schließen, noch mit ein paar Worten des jungen Engelmann gedenken. Max war keineswegs so boshaft, wie der geneigte Leser vielleicht glaubt. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen seinem Lehrer und seiner Familie, sowie die silberne Taschenuhr (es war eine Ankeruhr mit einem Patentglas) hatten in seiner Gesinnung gegen den Doktor einen Umschwung zu Gunsten des letzteren veranlaßt. Da er der Tonangeber unter seinen Mitschülern war, so fiel es ihm nicht schwer, ihrer Satire eine andere Richtung zu geben, und die Glatze des Professors Werner bot ihm hiezu einen trefflichen Anhaltspunkt. Auch hatte Max eine geheime Verbindung gegründet, deren Mitglieder sich verpflichten mußten, ein schwarz-rot-goldenes Band unter der Weste zu tragen und an freien Nachmittagen gemeinschaftlich Zigarren zu rauchen, aus Schlüsselbüchsen zu schießen und Speiteufel abzubrennen.

VI

Die Sache zog sich in die Länge.

Die Sommerferien waren angebrochen und Doktor Eckart war wirklich nicht nach Italien gereist. Desto unermüdlicher zeigte er sich im Arrangieren von Landpartien, welche der Kanzleirat regelmäßig mit der Bemerkung: »Es wird ein schöner Tag, der Nebel ist heruntergegangen,« inaugurierte und mit den Worten: »Das war wieder ein recht genußreicher Tag,« abschloß.

Gewöhnlich ging der Doktor mit der Marie und deren Vater zu Fuß. Max bildete die Avantgarde und fing nebenbei Käfer, die er in einem Spiritusglas ersäufte. Die beiden Mütter fuhren in einem Wagen voraus, und wenn dann die Infanterie müde und erhitzt am Ziel anlangte, fand sie den Tisch bereits gedeckt. Ach, das waren herrliche Tage! So am Arm eines geliebten Mädchens durch den harzduftigen Tannenwald zu streichen, wo Drosseln und Finken schlagen, wo Baumwurzeln und andere Hemmnisse alle Augenblicke die Hilfeleistung einer kräftigen Hand erheischen, wo sich beim Rascheln einer Blindschleiche oder einer Maus die süße Last fester anschmiegt – »das,« meinte der Doktor, »ist eine Wonne, welche alle Wunder Italiens von der schönen Mediceerin bis zum flammenspeienden Vesuv nicht gewähren können. ›Neapel sehen und dann sterben!‹ sagt – wer denn gleich? Meine Marie sehen und dann leben!« sagte der Doktor Eckart und sang vor lauter Lust und Freude das Lied in den grünen Wald hinein, welches die Deutschen singen, wenn sie am fröhlichsten sind, nämlich: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin.« Und dann fiel Marie ein und Max schrie durch den Wald, daß es die Hasen und Eichhörnchen mit wildem Weh ergriff, und sogar der Kanzleirat, der gewöhnlich fünfzig Schritte hinterdrein stiefelte, brummte mit. Ja, das waren schöne Tage.

Hätte nun der Doktor bei einer solchen Gelegenheit seine Begleiterin gefragt: »Marie, hast du mich lieb?« so hätte Marie aller Wahrscheinlichkeit nach errötend ja gesagt, die ersten Küsse wären gewechselt worden, der Kanzleirat hätte gerührt sein »Da habt euch, Kinder!« gesprochen, Max wäre mit der Freudenbotschaft vorausgeeilt und man hätte bei saurer Milch und Freudentränen Verlobung gefeiert.

Aber was wäre das für eine erbärmliche Geschichte, in der zwei Liebende ohne Hindernisse und Konflikte verkuppelt würden! Nein, teurer Leser, wir wissen, was sich gehört. Das Verhängnis ist bereits im Gasthof zum Hirsch abgestiegen, und der Knoten wird noch in diesem Abschnitt geschürzt und zwar in einer viersitzigen Kutsche. In einer viersitzigen Kutsche können zur Not auch fünf, bei Regenwetter sogar sechs Personen sitzen, aber nimmermehr sieben, zumal wenn sich darunter drei Damen aus der Krinolinenperiode befinden. Es waren ihrer aber sieben, nämlich die Kanzleirätin, Frau Eckart, Marie, der Kanzleirat, der Doktor, Max und – doch ich will, da es mir nunmehr gelungen ist, eine künstliche Spannung hervorzurufen, mich einer geordneten Darstellungsweise befleißigen.

Man war nach der Eremitage gewallfahrtet, einem zopfigen, vom Zahn der Zeit stark benagten Lustschlößchen, welches im vorigen Jahrhundert die heimlichen Freuden eines vergessenen Fürsten umschlossen hatte. Der Park war arg verwildert, die Taxuswände standen zwar noch immer, aber da die Schere, die sie einst im Zaum gehalten, längst verrostet war, so kamen sie mit jedem Jahr der natürlichen Form wieder näher. Den steinernen Faunen und Satyrn waren im Lauf der Zeit ihre Querpfeifen und Becken, wohl auch Arme und Köpfe abhanden gekommen, die Wasserkünste waren verdorben, ausgetrocknet die Mäuler der Delphine und die Muschelhörner der Tritonen, und die verwitterten Nereiden an dem Marmorbassin starrten trübselig in eine mit grünen Wasserlinsen bedeckte Pfütze, auf der sich die Enten des Kastellans tummelten.

Die Wohnung des sogenannten Kastellans war ein ehemaliger Dianatempel, der mit Backsteinen geflickt und mit einem soliden Ziegeldach versehen worden war. Ein paar Kartoffeläcker und einen Gemüsegarten hatte der Kastellan dem alten Park abgerungen, und eine Kuh, mehrere Ziegen und zahlreiches Geflügel weideten ungehindert zwischen den Heidengöttern und Buchsbaumhecken. Um sein schmales Einkommen zu vergrößern, verabreichte der Kastellan seit Jahren an die Besucher der Eremitage allerhand Speisen und Getränke, auch zeigte er ein paar Dutzend alter Bilder, welche Herren und Damen im Jagd- oder Schäferkostüm vorstellten, und führte die, welche es verlangten, durch die öden Zimmer des Schlößchens, wo aber nur außerordentlich große Kreuzspinnen, die überall ihre radförmigen Netze ausgespannt hatten, bemerkenswert waren.

In dem ehemaligen Dianatempel also saßen unsere sechs Leutchen und ließen es sich bei einem ländlichen Mahl wohl sein; später wollte man im Park lustwandeln. Der Kaffee war aber noch nicht getrunken, als sich der Himmel umzog und ein tüchtiger Regen auf das Dach niederprasselte.

»Es wird bald vorübergehen,« tröstete der Kanzleirat, »der Barometer stand gut, als wir weggingen.«

Der Kastellan sagte dasselbe, heimlich aber rieb er sich vergnügt die Hände. Er verstand sich aufs Wetter wie keiner. Das regnet so den ganzen Tag fort bis in die Nacht hinein. Die Gäste müssen in der Stube bleiben und aus Langerweile essen und trinken. Und so kam es auch. An eine Promenade war nicht mehr zu denken. Man saß in dem engen Zimmer und suchte sich die Zeit zu verkürzen, so gut es gehen wollte. Es war nur ein Glück, daß man zur Heimkehr einen Wagen hatte.

Man sprach eben über die Meteorologie im allgemeinen und die Unzuverlässigkeit der Laubfrösche und Wettergläser im besondern, als die Tür aufging und ein junger Mann, in einen durchnäßten Plaid gehüllt, hereintrat. Er grüßte höflich und bat den herzueilenden Kastellan, ihm ein Zimmer zu geben.

Der Kastellan kratzte sich den Kopf.

»Ja, wenn wir nur noch eins hätten. Sie müssen schon hier vorliebnehmen.«

Der Fremde ließ seinen Blick fragend über die Anwesenden gleiten.

Der Kanzleirat, durch einen Wink seiner Gattin aufgemuntert, erhob sich und lud den jungen Mann mit wohlgesetzten Worten ein, sich an ihrem Tisch, dem einzigen, den das Zimmer aufzuweisen hatte, niederzulassen.

Der Ankömmling dankte, übergab dem Kastellan seinen Plaid zum Trocknen und trat näher. Er war schlank und gut gewachsen, sein dunkles Haar war sorgfältig geordnet, und sein Schnurrbart stand ihm in zwei langen Spitzen wagrecht von dem Gesicht ab, dessen regelmäßige Züge einen nicht gerade unangenehmen Ausdruck hatten. Er trug einen kurzen, mit Borten besetzten Rock, ein mit goldenen Fransen geziertes Halstuch, enge Beinkleider und hohe Stiefel von seiner Arbeit.

»Ich bitte die Gnädigen sehr um Entschuldigung, daß ich störe,« sagte er und verbeugte sich graziös vor den Damen.

»Die Gnädigen,« hatte er gesagt. Frau Eckart und Marie wurden rot, denn das war ihnen in ihrem Leben noch nicht passiert. Auch die Kanzleirätin schien etwas verlegen zu sein, aber sie richtete sich auf und sagte außerordentlich verbindlich: »Sie sind willkommen, nehmen Sie Platz. Gewiß sind Sie fremd in hiesiger Gegend, ein Tourist sozusagen, der unser Gebirge bereist?«

»Allerdings, gnädige Frau, ich bin erst heute in Hackelburg angekommen, und weil mir die Lage der Stadt gefällt, so habe ich beschlossen, einige Zeit in derselben zu verweilen. Als ich mich im Hotel erkundigte, wie ich den Nachmittag am besten ausfüllen könne, riet man mir zu einem Spaziergang hieher – wie heißt doch gleich der Ort?« »Eremitage,« berichteten die beiden Mütter und der Kanzleirat unisono.

»Richtig, Eremitage. Erinnert, soviel ich sehen konnte, einigermaßen an Schönbrunn. Sie kennen doch den herrlichen Park bei Wien?«

»Wie sollte ich nicht,« erwiderte die Kanzleirätin, »Im Garten zu Schönbronnen, da liegt der König von Rom – wie oft habe ich das nicht in früheren Zeiten gesungen! Haben Sie das Grab des Königs von Rom gesehen?«

»König von Rom, Rom? Ja, allerdings.«

»Verzeihen Sie,« wandte Doktor Eckart ein, »der unglückliche Prinz ist meines Wissens in der Kapuzinergruft zu Wien beigesetzt.«

»Können recht haben. Ja, mein Gott, wer kann sich alles merken!«

»Natürlich,« nickte die Kanzleirätin, »wer so viel reist, der kann unmöglich alle Sehenswürdigkeiten im Gedächtnis behalten. Sie sind, verzeihen Sie die unbescheidene Frage, aus Wien?«

»Nein, gnädige Frau, ich bin ein Ungar.«

»Ah, ah, ein Ungar!«

Die beiden Frauen und der Kanzleirat betrachteten den Fremden mit ehrfurchtsvollen Blicken. Auch Marie richtete ihr leuchtendes Auge prüfend auf ihn. Ein Ungar, so was kommt nicht alle Tage nach Hackelburg.

»Und Sie sind auf einer weiten Reise begriffen?« fragte schüchtern der Kanzleirat.

»Wie man's nimmt, mein Herr. Zunächst will ich Deutschland kennen lernen und dann den Winter in Paris zubringen – vorausgesetzt, daß ich es aushalte; ich verspüre schon jetzt Sehnsucht nach meinem Vaterland. O Ungarn, meine schöne Heimat!«

Er blickte schwärmerisch zur Decke empor und schien einen Seufzer zu unterdrücken. In der Stube war's still; man ehrte den Schmerz des Magyaren. Der Kastellan kam zurück und fragte, was der Herr befehle. Die Kanzleirätin nahm sich der Sache an und berichtete, was die Küche biete und was empfehlenswert sei.

»Freilich,« setzte sie hinzu, »die Kost wird Ihnen kaum behagen, da Sie ungarische Küche gewohnt sind, die ja als eine der besten bekannt ist.«

»Ja,« sagte der Ungar mit einem träumerischen Blick, »sie hat viele Vorzüge. Es geht nichts über einen Paprikagulasch, wie ihn der Magyar liebt, wenn er nach wildem Ritt über die Pußta in einer einsamen Tscharda einkehrt.« »Ah, Sie können reiten?« fragte der Kanzleirat, um doch auch etwas zu sagen.

Der Fremde lächelte ein wenig und drehte seinen Schnurrbart.

»Der Ungar, mein Herr, wird als Reiter geboren.«

»Das ist ja weltbekannt, Theodor,« sagte die Kanzleirätin mit einem verweisenden Blick. »Haben Sie die ganze Reise zu Pferd gemacht, mein Herr?«

»Nicht doch, gnädige Frau. Ich werde mir erst nach meinem Eintreffen in Paris einen Teil meines Marstalls nachkommen lassen.«

Die Gesellschaft wechselte einige bedeutungsvolle Blicke. Der Kanzleirat fuhr sich mit der Hand über das Hinterhaupt und fragte: »Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht ein Pferdehändler?«

»Hahaha!« lachte der Ungar laut. »Nein, ein Pferdehändler bin ich nicht; wenn es Sie interessiert, zu wissen, wer ich bin, hier ist meine Karte.«

Er zog aus seiner Brusttasche ein elegantes Etui und überreichte dem Kanzleirat, der über das Lachen des Fremden völlig aus der Fassung gekommen war, eine Karte.

Dieser faßte sie, als ob sie von Glas wäre, behutsam mit zwei Fingern, brachte sie an seine Augen und las: »Istvan Graf von C–s–«

»Csanady,« ergänzte der Fremde und verbeugte sich leicht.

»Ah,« stotterte der Kanzleirat, »das ist ja scharmant – Graf von Csanady – ei, ei, ei – Herr Graf, ich bin trostlos – ich will nicht fürchten, daß Sie meine Frage hinsichtlich des Pferdehändlers beleidigt hat.«

»Nicht im geringsten.«

»Mein Mann,« versetzte die Kanzleirätin nach einem wütenden Blick auf den unglücklichen Gatten, »hat sich wenig in der Welt umgetan und –« Sie war doch auch ein wenig verwirrt über die Frage ihres Mannes und konnte keine passenden Worte finden, um das arge Versehen genügend zu entschuldigen.

Glücklicherweise zeigte sich der Graf gar nicht verletzt, ja er trieb seine Herablassung so weit, zu sagen, der Herr habe im Grund nicht so ganz unrecht, wenn er ihn für einen Pferdehändler gehalten habe, er verkaufe allerdings alljährlich viele Pferde, denn seine Gestüte seien als vorzüglich bekannt.

»Aber,« fuhr er fort, »darf ich nunmehr bitten, mir zu sagen, in welche liebenswürdige Gesellschaft mich ein günstiger Zufall geführt hat?«

Der Kanzleirat nahm sich zusammen. Zuerst bedauerte er, daß er zufällig keine Visitenkarten bei sich habe, dann stellte er die Anwesenden der Reihe nach vor. Der Graf verbeugte sich jedesmal so graziös, wie sich eben nur ein Graf verbeugen kann, Max aber erhielt einen kordialen Handschlag und die Versicherung, er sei ein prächtiger Bursche.

Der Graf knüpfte gewandt eine neue Unterhaltung an, indem er von seiner Heimat erzählte; von den wilden Tschikos, die auf ungesattelten Pferden über die Pußta stürmen, von dem romantischen Leben der Zigeuner und armen Burschen, von lustigen Gelagen in den Heideschenken und dem sinnbestrickenden Tanz, Tschardas geheißen.

»Ganz wie im illustrierten Wochenblatt,« flüsterte die Kanzleirätin. Der Kanzleirat ließ seine Zigarre ausgehen, Frau Eckart ihren Kaffee kalt werden, und sogar Marie lauschte mit ungeteilter Aufmerksamkeit den Worten des Grafen, während Doktor Eckart mißmutig durch das Fenster in das Regenwetter hinaussah und dabei mehr Gläser leerte, als er sonst in dieser Gesellschaft zu tun pflegte.

Der Abend kam heran und der Regen ließ nicht nach. Der Kanzleirat benützte eine Pause, die der Graf machte, und mahnte zum Aufbruch. Keinem war dies erwünschter als dem Doktor, und er atmete auf, als der Wagen vorfuhr. Wie erschrak er aber, als die Kanzleirätin den Grafen mit honigsüßen Worten bat, er möge ihnen die Ehre erzeigen, in ihrem Wagen nach der Stadt zurückzufahren. Hoffentlich, dachte er, wird er so einsichtsvoll sein, das Anerbieten auszuschlagen, aber er irrte sich; der Graf nahm es mit Dank an. Im nächsten Augenblick bereute die Kanzleirätin selbst ihren Vorschlag, denn es war ein Ding der Unmöglichkeit, die sieben Personen im Innern des Wagens unterzubringen; aber es war zu spät.

»Theodor,« raunte sie ihrem Gemahl zu, »du mußt dich auf den Bock setzen.«

»Aber, liebe Eulalia, bedenke doch, mein Rheumatismus!«

Der Doktor hatte das leise Zwiegespräch des Ehepaares gehört und erklärte, er werde es nicht dulden, daß sich der Herr Kanzleirat dem Unwetter preisgebe, er selbst werde den Bock einnehmen. und indem er das Wort sogleich zur Tat machte, schnitt er alle Gegenreden und Einwürfe ab.

Der ungarische Graf sah den Doktor auf den Bock klettern, machte aber keine Miene zurückzutreten, sondern zwängte sich so gut es ging in den vollgestopften Wagen. Daß seine Anwesenheit Störung verursachte und bei dem größeren Teil der Gesellschaft eine Verstimmung hervorgerufen hatte, schien dem Sohn der Pußta gänzlich zu entgehen. Unbefangen fuhr er fort, von Ungarns Herrlichkeit zu erzählen, und in der zunehmenden Dunkelheit bemerkte er den Mißmut nicht, der sich auf das Gesicht Mariens, an welche er hauptsächlich seine Worte richtete, gelagert hatte.

Draußen aber auf dem Bock hockte grollend der arme Doktor und balancierte gegen Wind und Wetter einen großen rotbaumwollenen Regenschirm, der ihm nur sehr mangelhaften Schutz gewährte.

VII

Daß der Graf am folgenden Morgen der kanzleirätlichen Familie einen Besuch abstattete, war in der Ordnung, daß er aber diesen Besuch zwei Tage darauf wiederholte und daß die Kanzleirätin ihn für den nächsten Sonntag zu Tisch lud, war überflüssig. So urteilten wenigstens Frau Eckart und ihr Sohn. Letzterer wurde zwar nach wie vor mit großer Zuvorkommenheit von seiten der Kanzleirätin und mit einem herzlichen Gruß von seiten seiner Schönen empfangen, aber der ungarische Graf, der sich allmählich die Stellung eines Hausfreundes erobert hatte, war ihm doch höchst unbequem. Traf er, was häufig geschah, mit jenem zusammen, so grüßten sich die beiden Herren mit gemessener Höflichkeit, dann bemächtigte sich der Graf sofort des Gesprächs, ohne von der Anwesenheit des Doktors weiter Notiz zu nehmen. Machte dieser den Versuch, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, um auf jene Gegenstände zurückzukommen, für welche die Damen früher so großes Interesse an den Tag gelegt hatten, so schwieg der Graf und spielte mit seiner Uhrkette.

Als einst der Doktor ein neues Prachtwerk mitgebracht hatte und mit Freude wahrnahm, wie Marie mit einer gewissen Ostentation das Gespräch mit dem Grafen abbrach, um sich an einem Seitentisch von ihm über die abgebildeten Antiken belehren zu lassen, bemerkte der edle Magyar der Kanzleirätin, er für seinen Teil hege nicht das mindeste Interesse für den alten Plunder und überlasse dergleichen Sachen den Herren Gelehrten, worauf die Kanzleirätin sofort erwiderte, sie finde das sehr begreiflich; ein Kavalier wie Graf Csanady habe eben eine andere Sphäre als die Bourgeoisie.

»Lieber Gott,« fuhr sie fort, »unseren Männern ist es nicht beschieden, sich auf dem Feld zu tummeln, wo der Adel Lorbeeren pflückt, darum müssen sie sich auf eine andere Weise nützlich zu machen suchen.«

Marie blickte erstaunt, der Doktor empört zu der Sprecherin auf. Er halte ein scharfes Wort auf der Zunge, aber eine weiche Hand legte sich auf die seinige und ein bittender Blick hieß ihn schweigen. Er beeilte sich, mit seinen Auseinandersetzungen zu Ende zu kommen, und empfahl sich mit den üblichen Höflichkeitsphrasen.

Den Eckartschen Eheleuten entging die Verstimmung ihres Sohnes nicht, und sie kannten auch die Ursache derselben.

»Frau,« sagte der Schneidermeister eines Morgens beim Frühstück, »die Sache fängt an mir bedenklich zu werden.«

»Das weiß der liebe Himmel! Er magert ordentlich ab. Gestern hatten wir Pfannekuchen mit gekochtem Schinken, ein Gericht, welches er so gern hat; er hat keine drei Gabeln genommen.«

»Hm, Frau, es ist eine dumme Geschichte.«

»Freilich, Heinrich; wenn's nur kein Graf wäre, und noch dazu ein ungarischer.«

»Alle Grafen in der Welt,« fiel Herr Eckart mit rauher Stimme ein, »wiegen unsern Karl nicht auf. Das Mädchen ist ihm gut, das steht baumfest, aber die Kanzleirätin, die alte Närrin, ist im stande und macht ihre Tochter unglücklich.«

Frau Eckart seufzte tief auf.

»Ich kann aber auch den Karl nicht begreifen,« fuhr der Meister ärgerlich fort, »Läuft seit einem Vierteljahr dem Mädchen nach, wird von den Eltern gehätschelt wie ein Seidenhase und hat nicht die Courage, zu sagen: ›Herr Kanzleirat, Frau Kanzleirätin, so und so hängen die Gurken.‹ Da waren wir zu unserer Zeit andere Kerle. Gelt, Alte? Sobald ich wußte, wie ich mit dir dran war, da ging's drauf wie ein Donnerwetter. Der Forstgehilfe und der Stadtschreiber, die dir nachliefen –«

»Heinrich, sei vernünftig. Der Forstgehilfe hat nie daran gedacht, und der Stadtschreiber mit seiner hohen Schulter –«

»Es waren auch noch andere da. Aber wenn ich den Großmogul selber zum Nebenbuhler gehabt hätte, so hätt's mich nicht geniert. »Gewißheit muß ich haben,« sagte ich, ließ mir von Hufschmied, meinem Freund, die Haare brennen, zog meinen Sonntagsstaat an und ging zu deinen Eltern. »Mit Vergunst,« sagte ich, ›wenn der Herr Meister und die Frau Meisterin nichts dawider hätten und die Jungfer Rosine auch nicht, so möchte ich' und so weiter.«

»Ach du lieber Gott,« fiel Frau Eckart ein, »mir ist's, als ob es erst gestern gewesen wäre. Ich war in der Kammer und blinzelte durchs Schlüsselloch, und du hattest eine Aster und eine brennende Liebe im Knopfloch – und dann, wie meine Eltern dir keinen Korb gaben, lief ich hinten zur Kammer hinaus und kam vorn zur Stube herein und tat, als ob ich von nichts wüßte, und ich konnte mich doch vor Freude nicht halten. Und dann die drei Tage Bedenkzeit, – meine Mutter bestand partout darauf – o wie sind mir die lang geworden!«

»Ja,« sagte der Meister, »so ging es dazumal her. Das war die gute alte Zeit. Wenn sich zwei liebten und die Eltern nichts dagegen hatten, so wurde Hochzeit gemacht. Litten's die Alten nicht, so schnürte man sein Bündel und ging weiter und las den jungen Siegwart, eine Klostergeschichte, bis man einen neuen Schatz hatte.«

»Heinrich, sprich nicht so liederlich!«

»Es ist die reine Wahrheit, was ich sage. Und dem Karl werde ich noch heute meine Meinung sagen. Das ist mir ein schöner Don Juan.«

»Er ist anders geartet als du. Bedenke, er ist ein studierter Herr. Bei denen geht's nicht so her wie bei uns schlichten Leuten. Ein Doktor darf nicht so mir nichts dir nichts mit der Tür ins Haus fallen. Da muß alles hübsch piano und nobel zugehen. Die Gelehrten sind nun einmal so – so delikat, wie man's heißt. Don Juane sind sie alle nicht.«

»Oho, Frau, das ist wieder einmal eine irrige Ansicht. Da war zum Exempel der Doktor Faust – in Leipzig, in Auerbachs Keller hängt er abgemalt – das war ein großer Gelehrter; er hat die Buchdruckerkunst und das Pulver erfunden, und dabei war er doch sozusagen ein Schwerenöter. Wenn er von seinen Jungen aus der Schule kam und ihm ein hübsches Frauenzimmer auf der Straße begegnete, – schwupp war er hinter ihr her und sagte: ›Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?‹ – und keine sagte nein.«

»Das muß ein schöner Patron gewesen sein,« meinte Frau Eckart. »Danke Gott, Heinrich, daß unser Karl kein so leichtsinniger Mensch geworden ist.«

»Ein wenig unternehmender könnte er schon sein,« erwiderte Herr Eckart. »Wie gesagt, heute abend werde ich ihn ins Gebet nehmen. Ins Feuer muß er, hin muß er zum Kanzleirat, er muß wissen, wie er mit der Marie dran ist.«

»Heinrich, du wirst alles verderben,« warnte die Gattin.

»Gott bewahre, ich weiß, wie der Karl behandelt werden muß. Verlaß dich ganz auf mich, Alte.«

Die Unterredung zwischen Vater und Sohn fand wirklich am nämlichen Abend statt und hatte zum Resultat, daß der Doktor an einem der nächsten Tage um die Hand Mariens anhielt.

Mit Herzklopfen und bangen Ahnungen war er die kanzleirätliche Treppe hinaufgestiegen und mit freudestrahlendem Gesicht kam er wieder herunter. Seine Befürchtungen hatten sich als unbegründet erwiesen; die Kanzleirätin hatte, ein paar dicke Tränentropfen vergießend, ihr schönes Kind in die Arme des glücklichen Doktors geführt, und der Kanzleirat hatte vor Rührung kaum seinen Segen sprechen können. Freilich, wenn der freudetrunkene Bräutigam gehört hätte, mit welchen Worten die Kanzleirätin das Zwiegespräch beendigte, welches sie nach des Doktors Entfernung mit ihrem Theodor hielt, so würde seine Freude einigermaßen getrübt worden sein. Sie hatte nämlich gesagt: »Ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach,« und nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie mit dem Sperling den Doktor Eckart, mit der Taube aber den Grafen Csanady meine.

Daß im Eckartschen Haus alles in Freude schwamm, versteht sich von selbst. Die sorgliche Mutter begann alsbald ein gewaltiges Rumoren in allen Räumlichkeiten. Die alten Nußbaumschränke wurden geöffnet und eine Generalmusterung über Leinen, Tischzeug und dergleichen in einem Haushalt unentbehrliche Dinge gehalten. Die Zimmer des obern Stockwerks wurden gereinigt, geweißt und tapeziert. Auch konnte man das Elternpaar sehen, wie es die Räume zwischen den Fenstern maß, um die Größe der hier anzubringenden Spiegel, Tischchen und Konsolen zu bestimmen, und Herr Eckart schwänzte zuweilen, was sonst nie vorkam, seine Arbeitsstunden, um mit seiner Gattin die Magazine der Möbel- und Porzellanhändler zu durchstreifen. Denn jetzt galt es, der Kanzleirätin, welche, wie man durch Kundschafter erfuhr, eine in der Stadt noch nie dagewesene Ausstattung herrichtete, zu zeigen, was das Haus Eckart leisten könne.

Der Kanzleirat saß in Schlafrock und Hausschuhen in der Wohnstube. Er hatte links einen Stoß taubenblaues Papier von großem Format, rechts ein Bündel Briefkuverts liegen und beschrieb ein Blatt ums andere.

Da uns nichts hindert, dem Schreiber über die Achsel zu sehen, so können wir die mit schöngeschwungenen Buchstaben geschriebenen Zeilen lesen:

»Die Unterzeichneten geben sich die Ehre, Herrn N. N. nebst Frau Gemahlin und Fräulein Töchtern auf nächsten Mittwoch um vier Uhr Nachmittags zu einem Familienfest ergebenst einzuladen.

Hochachtungsvoll Kanzleirat Engelmann nebst Frau.«

War ein solches Billett geschrieben, so wurde es sofort kuvertiert und adressiert. Der Kanzleirat machte dazu ein sehr vergnügtes Gesicht; es gibt aber auch keine angenehmere Arbeit für einen Vater, als die Einladungen zu dem Verlobungsfest der Tochter zu schreiben.

Am folgenden Mittwoch war der Geburtstag der Kanzleirätin, und die beiden Familien hatten einhellig beschlossen, die öffentliche Verlobung des jungen Paares auf diesen Tag zu verlegen. An das Haus des Kanzleirats stieß, wie wir wissen, ein Garten, dort sollte das Fest gefeiert werden. Der Kanzleirat war auf diesen Einfall gekommen, und da seine Eulalia denselben als einen glücklichen bezeichnet hatte, so hatte der belobte Gatte im stillen bereits die umfassendsten Vorkehrungen getroffen, um den geladenen Gästen noch nie Gesehenes zu bieten. Anfangs war er damit umgegangen, mit Preisgebung eines altersschwachen Weinstocks, der seit dreißig oder mehr Jahren an der Mauer des Hinterhauses vegetierte, eine Art Weinlese mit Böllerschüssen und Feuerwerk zu arrangieren. Davon war er wieder abgekommen, da die fünf Trauben noch gar zu jung und grün waren und überdies so hoch hingen, daß die Weinlese nur vermittels halsbrechender Leitern möglich gewesen wäre. Er hatte sich etwas anderes ausgedacht; er wollte eine italienische Nacht veranstalten, worunter er bunte Papierlaternen, Transparente und brennende Namenszüge verstand. Sein Zimmer war seit zwei Tagen für jedermann hermetisch verschlossen, nur Max durfte, nachdem er tiefes Stillschweigen gelobt hatte, seinem Erzeuger beim Zuschneiden farbiger Papiere an die Hand gehen. Am meisten bildete sich der Kanzleirat auf zwei große Ballons von Seidenpapier ein, welche die Namen des Brautpaares trugen.

Jetzt saß also der Kanzleirat am Tisch und schrieb die Einladungen. Nicht weit von ihm hatte die Kanzleirätin Platz genommen und kontrollierte die Arbeit ihres Gemahls, indem sie die Adressen mit einer langen Namensliste verglich.

»Einen Grafen tituliert man Hochwohlgeboren, nicht wahr, liebe Eulalia?«

»O Theodor, wann wirst du endlich einmal savoir vivre lernen! Das Hochwohlgeboren geht nur bis zum Baron, ein Graf ist stets Hochgeboren.«

»Dann muß ich ein neues Kuvert nehmen. Übrigens, offen gestanden, liebe Eulalia, ich sehe gar nicht ein, warum wir den Grafen einladen sollen.«

»Das verstehst du nicht, Theodor, das verlangt der bon ton

»Ich glaube kaum, daß es unserem Schwiegersohn und seinen Eltern angenehm sein wird. Überhaupt, liebe Eulalia, ich muß dir bekennen, daß ich herzlich froh sein werde, wenn der Graf endlich einmal seine Reise fortsetzt. Ich weiß nicht, oder vielmehr, ich weiß recht wohl, woher es kommt – ich spüre allemal, wenn er uns besucht, ein unbehagliches Gefühl. Dieses Individuum –«

»Ein Graf ist kein Individuum, Theodor! Ich hätte dir mehr Takt zugetraut.«

»Dieser Graf, wollte ich sagen, ist ein gefährlicher Mensch, der eine reputierliche Familie in arge Verlegenheit bringen könnte. Ich bin heilfroh, daß sich die Sache mit dem Doktor so schnell gemacht hat, denn dieser Graf –«

»Ja, er scheint eine tiefe Neigung zu unserer Marie gefaßt zu haben.«

Die Kanzleirätin seufzte.

»Theodor,« fuhr sie fort, »ich fürchte, wir haben zu voreilig gehandelt. Der Doktor ist ein recht lieber, braver Mann, aber die Verwandtschaft, die Verwandtschaft! Du wirft zugeben, Theodor, daß eine Grafenkrone mit neun Zacken etwas anderes ist als eine Schneiderschere.«

Der Kanzleirat ließ die Feder fallen, daß auf dem vor ihm liegenden Bogen ein großer Klecks entstand.

»Aber, liebe Eulalia, was redest du! Bildest du dir wirklich ein, daß der Graf reelle Absichten auf unsere Marie gehabt hat? Liebe Eulalia, du bist nicht wohl bei Trost.«

»Theodor, ich verbitte mir ernstlich derartige Ausdrücke. Und was den Herrn Grafen und Marie anbelangt – ich bin die Mutter –«

»Und ich der Vater –«

»Unterbrich mich nicht, Theodor. Du bist kurzsichtig – wische die Tinte nicht mit dem Ärmel ab – Theodor, ich spreche jetzt mein letztes Wort in dieser Angelegenheit. Was geschehen ist, ist geschehen, aber die Zukunft wird lehren – Theodor, packe deine Schreiberei zusammen – du bist im Schlafrock – mache, daß du fortkommst; der Herr Graf kommt eben auf das Haus zu. Der Arme, er sieht blaß und angegriffen aus. – Theodor, steckt mein Chignon fest? Ja? – Gib mir das Buch dort. So, nun geh, geh! Er kommt schon die Treppe herauf.«

Graf Csanady trat ein, küßte der Dame, wie er gewohnt war, die Hand und führte sie nach dem Sofa.

»Ich bin gekommen,« sagte er ernst und gemessen, »Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch abzustatten. Ich weiß wohl, daß die Verlobung des jungen Paares noch nicht offiziell angezeigt worden ist, doch glaubte ich als Freund Ihres Hauses – ich darf mich doch so nennen, gnädige Frau? –«

»O, der Herr Graf sind allzu gütig. Wie soll ich Ihnen für Ihre Teilnahme danken? Ja, wir haben der Verbindung unseres Kindes mit dem jungen Eckart unseren Segen gegeben. Nächsten Mittwoch gedenken wir in einem kleinen Kreis die Verlobung zu feiern, und wenn es nicht anmaßend ist, so würde ich bitten, der Herr Graf wolle das Fest durch seine Gegenwart verherrlichen.«

»Ich hatte mir eigentlich vorgenommen,« entgegnete düster der Graf, »diese Stadt sofort zu verlassen, und mein heutiger Besuch sollte mein letzter sein, indes Ihre freundliche Einladung bestimmt mich zu bleiben und« – der edle Magyar seufzte tief auf – »den Kelch bis auf die Hefen zu leeren.«

Die Kanzleirätin blickte verlegen zu Boden. Es schwebte ein Engel durch das Zimmer.

Der Graf brach zuerst das Schweigen.

»Ich bin heute Ihrem zukünftigen Schwiegersohn begegnet. Man konnte auf seinem Gesicht das Glück lesen, welches ihm zu teil geworden ist. Er eilte raschen Schrittes an mir vorüber und bemerkte kaum meinen Gruß. Wie mir scheint, stehe ich bei dem Herrn Doktor nicht besonders in Gunst.«

Er sprach die letzten Worte mit einem leichten Lächeln.

»Still, still,« sagte die Kanzleirätin und drohte dem Grafen schalkhaft mit dem Finger.

»Der Herr Doktor,« fuhr der Graf fort, »soll übrigens ein durchaus ehrenwerter Charakter sein, wie man mir von verschiedenen Seiten versichert hat, und auch sein Vater scheint mir ein recht braver alter Herr zu sein.«

»Sie kennen den Herrn Eckart?«

»Ich habe mir gestern einen Anzug bei ihm bestellt,« antwortete der Graf. »Er ist, wie ich mich durch den Augenschein überzeugt habe, ein geschickter Meister und hat viel Geschmack.«

Der Graf sprach dies leichthin und drehte dabei die Spitzen seines Schnurrbarts. »wie ist der liebe Mann darauf gekommen,« fuhr er fort, »seinen Sohn ein anderes Metier ergreifen zu lassen?«

Die Kanzleirätin zuckte die Achseln.

»Jedenfalls wird Herr Eckart jetzt sein Geschäft aufgeben und sich Zur Ruhe setzen?« sagte der Graf in fragendem Ton.

Die Kanzleirätin seufzte und schüttelte betrübt den Kopf.

»Daran ist nicht zu denken, Herr Graf, wir haben wohl darauf angespielt, ich sowohl als mein Mann, aber Eckart hat einen eisernen Kopf.«

» Mais, mon dieu,« sagte der Graf erregt, »man muß dem alten Herrn begreiflich zu machen suchen, daß die Verbindung mit einer angesehenen Familie, wie die Ihrige, gnädige Frau, eines Opfers wert ist.«

»Es würde alles vergeblich sein, Herr Graf. O, Sie ahnen nicht, was ich schon gelitten habe. Mein Vater war Hofrat und Inhaber mehrerer Orden, mein Großvater war Geheimer Hofrat und der vertraute des höchstseligen Fürsten Anton. Aber all diese historischen Reminiszenzen machen nicht den mindesten Eindruck auf den harten Kopf des Herrn Eckart, was soll man machen? Man muß tragen, was die Schickung schickt.«

Sie blickte ergebungsvoll vor sich hin.

»Gnädige Frau, sie sind das Muster einer liebenden Mutter!« rief der edle Ungar mit Begeisterung und beugte sich auf die fette Hand der Kanzleirätin, »Ich fühle mit Ihnen, welches Opfer zu bringen Sie im Begriff sind, indem sie Ihr Kind, dieses Kleinod, diese Perle unter den deutschen Jungfrauen – – o – o – o – ich vergesse mich – – verzeihen Sie, gnädige Frau, die Aufregung, die sich meiner bemächtigt hat; das heiße magyarische Blut, welches in meinen Adern fließt, hat mich fortgerissen – ich gehe.«

Er stand rasch auf, küßte der Kanzleirätin noch einmal die Hand und eilte hinaus.

Die Dame sandte ihm einen langen Blick nach und seufzte: »Zu spät! Armer Graf, arme Marie!«

VIII

Programm:

  1. Empfang der Gäste, Unterhaltung in zwanglosen Gruppen, Musikalische Vorträge. Kaffee, Mandelmilch und andere Erfrischungen
  2. Feuerwerk, Illumination, Proklamierung des freudigen Familienereignisses. Gratulation.
  3. Promenade durch den erleuchteten Garten. Produktion des Stadtmusikkorps.
  4. Souper.

»Aber ich beschwöre dich, Theodor, nimm dich diesmal zusammen, daß du dir keine Blöße gibst. Sieh nur immer auf mich; ich werde dir durch Zeichen und Winke zu Hilfe kommen, soweit es möglich ist. – Lieber Himmel, was liegt nicht alles auf mir! Wenn uns nur der Schwiegervater keinen Affront macht. – Und, Theodor, nimm dich mit dem Weintrinken in acht; du kannst nicht viel vertragen, das weißt du. Du trinkst nur, wenn ein Toast ausgebracht wird. Hörst du, Theodor?«

»Ohne Sorgen, liebe Eulalia; ich werde die Würde des Hauses zu wahren wissen,«

Die festliche Stunde kam heran. Die nach dem Garten gelegenen Zimmer des Erdgeschosses waren mit Laubgewinden, Oleander- und Orangebäumen geschmückt. Die Kanzleirätin, aufgedonnert wie ein Pfau, der Kanzleirat, eingeschnürt in die unbequemen Salonkleider und luftschnappend wie ein ans Ufer geschleuderter Hecht, harrten der Kommenden.

Die Gäste erschienen nach und nach. Es war eine respektable Gesellschaft, die Elite der Hackelburger Bürgerschaft. Die Herren trugen samt und sonders das schwarz-weiße Habit, dicke Uhrketten und goldene Knöpfchen in allen Hemdknopflöchern, Die Damen rauschten herein in knitternder Seide und glänzten von Geschmeide, als ob sie einen Juwelierladen geplündert hätten. Auch die Uniform, welche in Hackelburg bei keiner Festlichkeit fehlen durfte, war da, und der alte pensionierte Major, der sie ausfüllte, hatte bereits den Ehrenplatz neben dem Brautpaar eingenommen und harrte sehnsüchtig der Stunde, wo das Souper seinen Anfang nehmen würde.

Alle Geladenen kannten den Zweck der Soiree, man hielt aber die Gratulationen bis zu dem geeigneten Moment zurück. Einstweilen begnügte man sich, das junge Paar und die Eltern mit einigen nichtssagenden Redensarten zu beglücken und im stillen Glossen zu machen.

Die Familie Eckart und Marie hatten sich um ein kleines Tischchen, wie deren viele herumstanden, gruppiert. Herr Eckart war anzusehen wie eine alte Exzellenz, nur die Orden fehlten. Er blickte mit heiterer Ruhe in den sich mehr und mehr füllenden Raum und nickte zuweilen ermutigend seiner Frau zu, die sich nicht sehr behaglich zu fühlen schien. Marie sah etwas blaß, aber wunderschön aus, der Doktor strahlte vor Seligkeit. Der alte Major hatte sich sofort der Familiengruppe angeschlossen, ein paar Damen aus dem engern Zirkel der Kanzleirätin und der Chef des Kanzleirats hatten dort gleichfalls Platz genommen, und wer nicht so glücklich gewesen war, einen Platz in der Nähe zu erobern, der schwärmte ab und zu und suchte sich durch geistreiche Bemerkungen über dies und jenes interessant zu machen. Es wurden Erfrischungen herumgereicht, die Konversation begann lauter zu werden, und die Gesichter, die, wie es beim Beginn eines Festes immer der Fall ist, durch die grinsende Freundlichkeit der Feststimmung verzerrt gewesen waren, nahmen allmählich ihren natürlichen Ausdruck wieder an.

Da entstand am Eingang eine Bewegung. Ein gebieterischer Wink der Gattin rief den Kanzleirat, der sich von einer dicken Kommerzienrätin soeben auseinandersetzen ließ, warum Dienstboten vom Land den städtischen vorzuziehen seien, nach der Tür, denn Graf Csanady, der längsterwartete, hielt seinen Einzug.

Die Gespräche stockten, und aller Augen hefteten sich auf den Ankömmling, der, nach rechts und links grüßend, vom kanzleirätlichen Ehepaar geleitet, dem Familientisch zuschritt. Er trug ein prachtvolles Bukett in der Hand und überreichte es der Braut mit einigen Worten, die nicht minder duftig waren als der Blumenstrauß. Dann wechselte er mit den übrigen ein paar Worte der Höflichkeit und pflanzte sich neben den Major, nachdem er sich demselben vom Kanzleirat hatte vorstellen lassen. Die durch seine Ankunft im Gespräch entstandene Pause benützte der Graf, um sich des Wortes zu bemächtigen. Er tat dies mit der ihm eigenen Sicherheit, von welcher die Damen behaupteten, daß sie ihm so gut stehe, indem er, unbekümmert um die abgebrochene Unterhaltung, sofort ein neues, den übrigen ziemlich fernliegendes Thema aufnahm.

»Heut vor einem Jahr,« hub er an, »habe ich mir nicht träumen lassen, daß ich diesen Tag in dem reizenden Hackelburg zubringen würde. Bassama terem – – das war ein Tag, an den werde ich mein Leben lang denken!«

Er hielt inne; die Erinnerung schien seine Sinne gefangen zu halten.

»Bitte, Herr Graf,« sagte eine der Damen mit schüchterner Stimme, »wollen Sie uns nichts Näheres über jenen Tag mitteilen, vorausgesetzt, daß – –«

»O, es war im Grund nichts Besonderes,« erwiderte der Ungar, »ein Reiterstückchen, weiter nichts, aber der Ausgang wäre um ein Haar ein böser geworden.«

»Ah, lassen Sie hören, Graf!« bat der Major.

»Es handelte sich um eine Wette. Ich besaß damals einen Fuchswallach, wie kein zweiter existierte. Eines Abends im Jockeiklub kommt das Gespräch auf meinen Selim, und Baron Csatar behauptet steif und fest, seine Suleika, die sich beim Hurdlerennen versprengt hatte, sei besser gewesen. Da proponierte ich denn eine Wette, und Baron Csatar akzeptierte.«

»War's eine hohe Wette?« fragte der Major.

»Fünfhundert Dukaten, wenn ich mich recht entsinne,« sagte der Graf nachlässig. »Ich verpflichtete mich, die Strecke von Wien bis B. in weniger Zeit zurückzulegen als der Personenzug, mit dem ich gleichzeitig von der Station aufbrechen wollte.«

»Alle Wetter!« fuhr der Major heraus, »Das war keine Kleinigkeit.«

Die übrigen Zuhörer nickten sich bedeutungsvoll zu.

»Anfangs ging es ganz gut,« fuhr der Graf fort. »Mein Selim griff aus, daß seine Hufe kaum den Boden berührten und das keuchende Dampfroß mehr und mehr zurückblieb. Schon war die Hälfte des Weges zurückgelegt, und ich näherte mich einer Stelle, wo die Straße die Eisenbahn durchschneidet. Bassama! Die Barrieren waren geschlossen, und der Bahnwärter winkt mir schon von fern mit der Fahne: »Zurück!« Was tun? Ich drücke dem Selim die Sporen in die Weichen, und mein braves Tier nimmt mit einem gewaltigen Satz das erste Hindernis. Aber, o weh! Der Sattelgurt ist gerissen und ich stürze beim Niederfallen des Pferdes auf die Schienen. Zwar arbeitete ich mich rasch empor und packe den Selim noch glücklich an der Mähne, aber da kommt auch schon schnaubend und heulend der Train herbeigerast. – Entsetzt bäumt sich der Selim und – mein letzter Augenblick schien gekommen –«

Die Zuhörer schauderten.

»Da ermanne ich mich, schwinge mich auf das sattellose Pferd – ein Schlag mit der Peitsche, die ich bei meinem Sturz glücklicherweise nicht hatte fahren lassen – und mein braver Selim schnellt wie eine Stahlfeder über die zweite Barriere, während knapp hinter seinen Hufen der Train vorüberrast.«

»Gott sei Dank,« flüsterten die Damen und atmeten auf.

»Ich war gerettet,« fuhr der Graf fort, »aber nun galt es, das Versäumnis nachzuholen, und es gelang. Auf ungesatteltem Pferd ging es weiter, und wirklich erreichte ich die Station fünfzig Sekunden eher als der Zug. Die Wette war gewonnen.«

Die Gesellschaft blickte andächtig und bewundernd auf den kühnen Magyaren, der sich kaltblütig mit Tee und Backwerk versorgte.

»Das war ein Kapitalstück,« sagte der Major, »Und die Distanz zwischen Wien und B., wieviel beträgt sie?«

»Fünf bis sechs Wegstunden,« antwortete zu aller Erstaunen Herr Eckart senior.

Der Graf drehte sich halb nach dem Sprecher um.

»Ah, Sie kennen die Gegend? Sind also in Wien gewesen?«

»Allerdings, Herr Graf. Auch von Ihrem Ungarn habe ich ein Stück gesehen. Weiter als bis nach Pest bin ich leider nicht gekommen. Eine schöne Stadt, das Pest. Wie ich gelesen habe, hat man jetzt eine Brücke über die Donau gebaut.«

»Das ist schon eine Weile her,« erwiderte der Graf, wie es schien, etwas unmutig.

»Wohl möglich,« sagte Herr Eckart, »es ist auch lange her, daß ich in Österreich war. Es wird sich mittlerweile wohl vieles geändert haben.«

»Es war wohl auf Ihrer Hochzeitsreise?« fragte der Major.

»Nein, damals war ich noch ein lediger junger Bursche; es war in den Dreißigerjahren. Ja, meine Herren und Damen, das war eine lustige Zeit! So mit dem Felleisen auf dem Rücken und ein paar Groschen in der Tasche glaubte man Herr der Welt zu sein.«

Frau Eckart rückte unruhig auf ihrem Sitz hin und her, hustete und warf ihrem Mann einen ängstlichen Blick zu.

»Was,« rief der Major, »Sie sind doch nicht von hier bis nach Pest zu Fuß marschiert?«

»Das versteht sich,« versetzte Herr Eckart lächelnd, »immer auf Schusters Rappen, wie sich das für einen zünftigen Schneidergesellen gehört.«

Der Bräutigam ballte krampfhaft die Faust.

»Ah, ah,« machte der Major, und die übrigen sahen sich halb spöttisch, halb verlegen an. Graf Csanady aber rief: »Köstlich, köstlich!« und warf mit schallendem Gelächter seinen Kopf auf die Lehne des Sessels zurück.

Der Doktor war blaß geworden. Er richtete sich stramm auf und fragte: »Darf ich fragen, Herr Graf, was die Ursache Ihrer plötzlichen Heiterkeit ist?«

»Wie beliebt?« fragte dieser, indem er seinen Tee mit dem Löffel umrührte und den Kopf nach dem Sprecher wandte.

»Ich frage sie,« sagte der Doktor mit bebenden Lippen, »warum sie lachen?«

Der Graf zuckte die Achseln.

»Ich glaube kaum, daß ich Ihnen darüber Rechenschaft schuldig bin, zumal da Sie Ihre Frage so stellen, als ob Sie einen Ihrer Schulbuben vor sich hätten.«

»Sie irren sich,« entgegnete der Doktor, dem die Stirnadern schwollen, »Wenn sich einer meiner Schüler eine derartige Ungezogenheit hätte zu Schulden kommen lassen, so würde ich kurzen Prozeß machen und ihm die Tür weisen.«

Der Graf setzte die Tasse nieder, daß es klirrte. Er erhob sich und öffnete den Mund zu einer Gegenrede. Da aber kam die Kanzleirätin mit fliegenden Haubenbändern herbeigeeilt, und das übrige Publikum, welches schon früher aufmerksam geworden war, drängte nach, wie eine Schafherde dem Leithammel.

»Mein Gott,« rief die erregte Dame, »was ist denn vorgefallen? – Herr Graf, ich bitte –«

»Gnädige Frau,« sagte der edle Magyar mit Würde, indem er seine Handschuhe auseinanderwickelte, »ich bedaure, nicht länger unter Ihrem gastlichen Dach weilen zu können –«

»Aber, mein Gott, was ist denn geschehen?« fragte die Kanzleirätin noch einmal.

Der alte Major, dem um das delikate Souper bang wurde, raffte sich auf und trat vermittelnd zwischen die erregten Parteien.

»Gestatten Sie mir, hochgeehrte Anwesenden,« sagte er, »daß ich die kleine Differenz im Keime ersticke. Die beiden jungen Herren hier sind beide – junge Herren. – Wir sind auch einmal jung gewesen. Ja, sehen Sie mich nur an, meine Damen – jetzt bin ich freilich ein alter Knasterbart, aber – doch ich wollte eigentlich sagen, wenn man jung ist, da ist gleich Feuer im Dach – puh – alles gleich oben hinaus, wir kennen das. – Nein, meine Herren, verderben wir uns den Appet... die Festfreude nicht! Allons! meine Herren, geben Sie sich die Hände!«

Er atmete nach dieser langen Rede tief auf und ließ sich schwerfällig nieder.

»Das war ein Wort zu seiner Zeit gesprochen,« sagte Herr Eckart.

»Auch ich bin mit dem Herrn Major einverstanden,« erklärte der Graf, »und da ich nicht zweifle, daß der Herr Doktor sein Unrecht einsieht –«

»Ohne Zweifel,« fiel die Kanzleirätin ein und warf ihrem zukünftigen Schwiegersohn einen strengen Blick zu.

»So,« fuhr der Graf fort, »will ich mich zufrieden geben, wenn der Herr Doktor vor diesen ehrenwerten Zeugen Abbitte tut.«

Das war dem Doktor zu viel. Er achtete nicht der angsterfüllten Mienen seiner Mutter und seiner Braut; er stand auf und trat dicht an den Grafen heran.

»Mein Herr,« sagte er, und seine Stimme klang voll und stark wie sonst nie, »hören Sie mein letztes Wort: Entweder Sie erklären augenblicklich, daß Sie meinen würdigen Vater mit Ihrem Gelächter nicht kränken wollten, oder wir verzichten auf die Ehre Ihrer Gegenwart.«

Graf Csanady war einen Schritt zurückgewichen. Jetzt richtete er sich auf, lächelte verächtlich und wandte sich zum Gehen, aber die Kanzleirätin hielt ihn zurück.

»Wer ist das Wir?« schrie sie kirschbraun vor Zorn dem Doktor zu. »Wer ist Herr im Haus, ich oder der Herr Doktor oder vielleicht der Herr Schneidermeister? – Herr Graf, ich hoffe, daß Sie mich diese Taktlosigkeit nicht entgelten lassen –«

»Frau Schwiegermutter!« fuhr der Doktor auf.

»Schwiegermutter?« kreischte die Dame des Hauses. »Gott sei Dank, daß mir beizeiten die Augen aufgegangen sind –«

»Um Gottes willen, Mutter, halt ein!« schrie Marie in Todesangst und sank bleich in den Sessel zurück.

Die aufgeregte Gesellschaft wurde durch diesen Zwischenfall womöglich noch aufgeregter. Die Damen eilten zu der Ohnmächtigen, es wurde nach Wasser, nach Essig gerufen, und als alle in der höchsten Bestürzung kopflos durcheinanderliefen, tat es auf einmal drunten im Garten einen fürchterlichen Knall, und eine wahre Hölle von weißen, roten und blauen Feuerstrahlen prasselte in die Luft, während das verborgene Stadtmusikantenkorps den Tannhäusermarsch anstimmte.

Die Verwirrung im Gesellschaftszimmer war eine fürchterliche, während die Frauen um Marie beschäftigt waren, suchten die Männer ihre Hüte und drängten dem Ausgang zu. Unter den ersten, die das gestörte Fest verließen, war die Eckartsche Familie; der letzte Gast auf dem Schauplatz war der Major, und diesem war es vorbehalten, dem ahnungslosen Kanzleirat, der, froh über das gelungene Feuerwerk, aus dem Garten zurückkam, um nunmehr die Verlobung zu proklamieren, schonungsvoll mitzuteilen, was geschehen war.

IX

Herr und Frau Eckart saßen im Wohnzimmer. Ersterer frühstückte und las die Zeitung, die Hausfrau regte die fünf stählernen Nadeln. Im Zimmer war's still, nicht einmal die Fliegen summten, denn sie hingen, vom nächtlichen Frost überrumpelt, starr und steif an den Wänden. Das einzige Geräusch machte der Ofen, oder vielmehr das Feuer in demselben, welches, vom Luftzug genährt, schnurrte wie ein stillzufriedener Kater.

Es war Winter geworden. Am Dach und vor den Doppelfenstern hingen kristallene Zapfen, und der Marktbrunnen glitzerte von Eis wie ein schönes Stalaktitengebilde. Die wenigen Menschen, die mit beschleunigtem Schritt über die Straße gingen, waren bis an die Nase eingehüllt, und die Gassenjugend lief teilnahmlos an den hohen Schneehaufen vorüber, denn der Schnee war hart gefroren und ließ sich nicht zu Bällen verarbeiten. Nur das Spatzenvolk, welches in den kahlen Zweigen der Linden herumhüpfte, war anscheinend lustig, aber sein Humor war Galgenhumor, das Motiv seiner Munterkeit Frost und Hunger.

Frau Eckart saß am Fenster und warf zuweilen einen Blick auf die winterliche Straße, wie das ihre Gewohnheit war; ihre Gedanken aber waren ganz wo anders. Sie war in der letzten Zeit merklich älter geworden, und wenn sie ihrem Mann und ihrem Sohn zulieb ein heiteres Gesicht zeigte, so mußte sie sich dazu zwingen. Das gleiche galt von dem Meister. Er war nicht mehr der lebensfrohe Mann, als welchen wir ihn im Sommer kennen lernten. Der Gram des Sohnes ging beiden Eltern sehr zu Herzen, umsomehr als dieser sich alle Mühe gab, denselben zu verbergen.

Nach dem unterbrochenen Fest waren alle Beziehungen zwischen den beiden Familien abgebrochen worden. Marie war einige Tage ernstlich krank gewesen und nach ihrer Genesung von der Mutter in eine entfernte Stadt zu Verwandten gebracht worden. Sie sollte dort bleiben, bis Gras über den Skandal gewachsen war. Der Doktor Eckart hatte seine gewesene Zukünftige nicht wieder gesehen. Wenn die Kanzleirätin einem Glied der Eckartschen Familie begegnete, so tat sie, als ob sie es nicht kenne, und der Kanzleirat ging jedem Zusammentreffen mit dem Doktor und dessen Vater ängstlich aus dem Weg; er war sogar aus der Harmoniegesellschaft ausgetreten.

Ungeheuerliche Gerüchte waren durch die Stadt gegangen, nachdem die Skandalgeschichte bekannt geworden. Man wollte wissen, daß zwischen dem Doktor und dem ungarischen Grafen demnächst ein amerikanisches Duell stattfinden werde, und in den Bierstuben war bereits darüber debattiert worden, ob der tote Doktor (denn daß dieser daran glauben müsse, war ausgemacht) wohl von einem Geistlichen zu Grabe geleitet werden würde. Es verging aber Woche um Woche, und der junge Eckart ging noch immer unter den Lebendigen herum, wenn auch finster und bleich; und so hörte man endlich auf, von einem Duell zu sprechen.

Höchlichst wunderte man sich darüber, daß Graf Csanady sich noch immer in der Stadt aufhielt und täglich in das kanzleirätliche Haus ging, obwohl Marie verreist war. Dann wollte man erfahren haben, der Graf beabsichtige, sich in der Nähe anzukaufen, weil seine adelstolze Familie in Ungarn nun und nimmermehr einer bürgerlichen Anverwandten ihr Haus öffnen würde. Daß aber der Graf sich mit Marie Engelmann ehelich verbinden werde, daran zweifelte kein vernünftiger Mensch mehr, selbst nicht Herr und Frau Eckart.

Die beiden saßen, wie gesagt, in der Wohnstube und waren mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Frau Eckart brach zuerst das Stillschweigen mit einem vernehmlichen Seufzer. »Heute,« sagte sie dann, »wird unser Karl also das Schreiben abschicken, in dem er erklärt, die Stelle in B. annehmen zu wollen. Daß das so kommen mußte! Wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht!«

»Ganz recht hat unser Karl,« sprach Herr Eckart. »Das war ein gescheiter Gedanke von ihm. Ein Mann wie unser Sohn kommt überall in der Welt fort. Er soll nicht hier versauern und vertrauern. Hinaus in die Welt – andere Berge, andere Bäume, andere Häuser – das ist die beste Arznei für ihn. Gib acht, Alte, gib acht auf den ersten Brief, den er uns von B. schreibt; du wirst sehen, wie schnell er wieder lustig und lebensfroh wird.«

»Ja, Heinrich, du magst schon recht haben – wenn nur B. nicht gar so weit von hier läge!«

»Ei was, die Eisenbahnen rücken alles nah. Hast du Sehnsucht nach deinem Sohn, so setzt du dich in den Eilzug – und schwupps bist du dort.«

»Aber, Heinrich, wir sind keine jungen Leute mehr; es kann mit einem von uns unversehens zu Ende gehen, wenn ich mir denke, ich sollte sterben, und mein Karl wäre nicht da – ich weiß nicht, was ich vor Desperation anfinge.«

»Papperlapapp! Dafür ist der Telegraph da. O Frau, du hast noch kein Verständnis für unser Jahrhundert. Aber wenn wir auch keine Eisenbahnen und Telegraphen hätten, und wenn B. auf den Feuerlandsinseln läge, so würde ich doch dafür sein, daß er die Stelle daselbst annimmt. Die Veränderung, Frau, das ist dasjenige, worauf's ankommt. Hat er einmal Hackelburg im Rücken, sieht er nicht mehr alle Tage die Baracke des Kanzleirats vor sich, dann wird er auch das Mädchen bald vergessen. ›Andere Städtchen – andere Mädchen,‹ sagt Schiller, und er hat recht.«

»Leichtfertiger Mensch! Das ist's eben, was mir im Kopf herumgeht.« Sie stand auf und ging dicht an ihren Mann heran. – »Heinrich, ich habe eine Entdeckung gemacht. Versprich mir, daß du ruhig bleiben willst. Gestern, als unser Karl in der Schule war, komme ich in sein Zimmer, um nach dem Ofen zu sehen, denn er rauchte. Da bemerkte ich, daß der Schlüssel am Schreibtisch steckt –«

»Und da hast du natürlich nicht umhin gekonnt, ein bißchen zu spionieren? O Weiber!«

Frau Eckart nickte.

»Und weißt du, was ich fand? Einen Brief, den Marie Engelmann vorige Woche an unsern Karl geschrieben hat.«

»Alle Wetter!« fuhr der Meister auf.

»Und was für einen Brief! So schön und so traurig! Heinrich, das Herz im Leibe möchte einem zerspringen, wenn man den Brief liest, von ewiger Lieb' und Treue über Grab und Tod hinaus schreibt sie und von einem Pyramus und einer Thisbe, was ich nicht verstanden habe, und noch vieles andere. Ja, ich hab' es immer gesagt, die Marie ist ganz das Widerspiel von ihrer Mutter, da könnten zehn ungarische Grafen kommen, sie bleibt unserem Sohne treu.«

Herr Eckart war sehr nachdenklich geworden.

»Frau,« sagte er nach langem Schweigen, »das ist eine schlimme Sache, aber augenblicklich sehe ich keinen Ausweg. Sieh, liebe Rosine, ich lasse mir's weniger anmerken als du, wie mir die traurige Geschichte zu Herzen gegangen ist –«

»Ich hab' dir's wohl angesehen, Heinrich.«

»Ich bin ein Mann, ich kann mich beherrschen. Aber ich sage dir das eine: Auf den Händen möchte ich meinen Sohn tragen, der seines Vaters wegen auf sein Glück verzichtet hat. Wie er auftrat und den ungarischen Grafen zurechtwies und wie er nachher an unserem Arm dem Haus, wo man seinen Vater gekränkt hatte, den Rücken kehrte, das werde ich ihm nie vergessen, und noch auf meinem Sterbebette soll mir diese Erinnerung ein Labsal sein. – Ich habe mich zu trösten versucht, ich habe gedacht, das Mädchen war ihm nicht bestimmt, er wird sie vergessen und sie ihn. – Nun kommst du mir mit deiner Entdeckung, und die wirft alle meine Berechnungen über den Haufen. – Die Sache will reiflich überlegt sein, wenn sie sich trotz des Vorgefallenen treu und ehrlich lieben, so ist auch das Spiel noch nicht verloren, was ich tun kann, das soll geschehen, ausgenommen bleibt natürlich eine Demütigung von unserer Seite. Kopf oben, Frau!«

Er stand auf und begab sich in die Werkstatt.

Die Nähmaschinen klapperten lustig, und die sechs Gesellen verdoppelten beim Eintritt des Meisters ihren Eifer. Herr Eckart pflegte sonst nach dem Frühstück an den Sitz eines jeden heranzutreten, um die Arbeit in Augenschein zu nehmen und Worte des Lobs oder des Tadels zu spenden. Heute unterließ er dies. Gedankenvoll nahm er Platz hinter dem Zuschneidetisch und ergriff die blinkende Schere mit dem vergoldeten Griff. Er ließ sie aber nicht in der Luft zusammenklappen, sondern stützte sich mit beiden Händen auf dieselbe, wie ein Feldherr auf sein Schlachtschwert, und starrte ins Leere. Die Mitteilung seiner Frau hatte ihn tief erschüttert.

So stand er noch unbeweglich, als sich die Tür des zweiten Arbeitszimmers öffnete und eine kleine, schmächtige Gestalt hereintrat.

»Was willst du, Gottlieb?« fragte Herr Eckart unmutig.

Gottlieb, der Lehrjunge, zog aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes Papier, präsentierte es dem Meister und sagte lakonisch: »Wieder nichts.«

Herr Eckart faltete das Blatt auseinander. Obenan stand lithographiert das Wort »Nota« und darunter war geschrieben »für den Herrn Grafen von Csanady dahier«.

Der Meister runzelte die Stirn.

»War er wieder nicht zu Hause, Gottlieb?«

Gottlieb schüttelte den Kopf und lächelte verschmitzt. »Er war zu Hause, Herr Meister. Diesmal hab' ich's schlau angefangen. Schon um acht Uhr, als das Haustor aufgemacht wurde, bin ich die Treppe hinaufgeschlichen und habe mich vor seine Tür gestellt. Er war noch drin, denn ich hab' durchs Schlüsselloch gehört, wie er geschnarcht hat. Ich halte mich ganz ruhig zwei Stunden lang, bis es zehn Uhr schlug. Da wurde er munter, stand auf, und ich sah durchs Schlüsselloch, wie er in der Stube hin und her ging. Jetzt, dachte ich, muß es sein, und klopfte ganz bescheiden an die Stubentür –«

»Na, und da kam er heraus? Mach schnell. Gottlieb!«

»Nein, er kam nicht, sondern es wurde auf einmal piepstill im Zimmer. Ich aber ließ mich nicht zum besten haben, sondern klopfte noch einmal und rief durchs Schlüsselloch: »Gnädiger Herr, machen sie gefälligst auf. Ich hab' schon gesehen, daß Sie zu Hause sind.« Da kam er denn auch und riegelte die Tür auf. »Ein schönes Kompliment von meinem Meister,« sagte ich, »und da wär' die Rechnung. Sie möchten so gut sein und endlich bezahlen.« Aber da kam ich schön an. »Unverschämter Schlingel!« schrie er und wurde krebsrot vor Zorn, »ich will dich lehren, die Leute im Schlaf stören! Den Augenblick machst du, daß du fortkommst, oder ich werfe dich die Treppe hinunter!««

Die Nähmaschinen stockten und die sechs Schneidergesellen ließen ein dumpfes Murren hören.

»Weiter, Gottlieb!« befahl Herr Eckart, und sein Gesicht nahm einen drohenden Ausdruck an.

»Da,« fuhr der Lehrjunge fort, »sagte ich: »Herr Graf, bezahlen müssen Sie, da hilft Ihnen kein Gott nicht, und zur Treppe hinunterwerfen läßt sich unsereiner auch nicht; das wollen wir einmal sehen!«

Das Murren der Gesellen ging in ein beifälliges Gemurmel über.

Der Meister nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Und was antwortete der Graf auf diese mannhafte Rede?«

Gottlieb kratzte sich hinter dem Ohr und sagte kleinlaut: »Er hat mich doch hinuntergeworfen.«

Ein Schrei der Entrüstung tönte von sechs Schneidergesellenlippenpaaren.

Herr Eckart ließ die Schere klirrend auf den Tisch fallen und rief zornig: »Was? Hinuntergeworfen? Gottlieb, sprich die Wahrheit, ich rate es dir!«

»So wahr ich da stehe,« schwur Gottlieb, »er hat mich hinuntergeschmissen.«

Herr Eckart lachte ingrimmig.

»Na, warte du! – Gottlieb, du sollst Genugtuung erhalten. Ich will dem Herrn Grafen zeigen, wer ich bin, was man dem Geringsten der Meinigen antut, das hat man mir angetan. – Hast du eine Verletzung davongetragen, Gottlieb, eine Wunde?«

Gottlieb tastete an sich herum.

»Wie mir scheint, habe ich da am Ellenbogen eine Beule.«

»Herunter mit der Jacke! Geniere dich nicht, Gottlieb! Streife den Hemdärmel hinauf! Wahrhaftig, ein blauer Fleck! Übrigens, Gottlieb, ein wenig warmes Wasser und Seife könnte dir nicht schaden. – Tut's weh, wenn man auf den Fleck drückt?«

Gottlieb machte ein leidendes Gesicht.

»Fürchterlich weh tut's,«

»Kommt einmal her,« wandte sich der Meister an die Gesellen. »Hier, seht mir diese Beule an!«

Die Gesellen begutachteten die Verletzung und meinten, das sei stark.

»Bewege einmal den Arm, Gottlieb! Gebrochen ist nichts, aber der Arm ist arbeitsunfähig, das ist klar. Geh, Gottlieb, du brauchst heute nichts zu tun, und hier hast du zwei Groschen; hole dir aus der Apotheke Arnika und reibe den Fleck damit ein. – Diese Mißhandlung soll dem Herrn Grafen teuer zu stehen kommen. Ich mache sofort die gerichtliche Anzeige, und ihr seid Zeugen,«

Die Gesellen erklärten sich bereit, Zeugnis abzulegen, und Herr Eckart verließ das Zimmer, um sich anzukleiden. Er wollte augenblicklich den Bürgermeister, der zugleich Polizeidirektor war, von dem Geschehenen in Kenntnis setzen.

Im Rathaus wurde Herr Eckart vom Amtsdiener empfangen, der ihm sagte, er müsse warten, der Herr Bürgermeister sei beschäftigt. Diensteifrig öffnete er das Wartezimmer und präsentierte dem Meister einen wackeligen Stuhl.

»Es ist ein Fremder da,« sagte der Amtsdiener, »der Herr Bürgermeister konferieren mit ihm seit einer Stunde.«

Herr Eckart ließ sich nieder und wartete, aber es verging eine Viertelstunde um die andere; der Fremde kam nicht heraus.

»Wie wäre es,« sagte er endlich zu dem Amtsdiener, »wenn Sie einmal nachsähen, ich habe nicht viel Zeit zu verlieren.«

Dabei steckte er ihm etwas in die Hand. Der Amtsdiener ging in das Sanktissimum und gleich darauf erschien der Bürgermeister selber in der geöffneten Tür.

»Ah, Herr Eckart,« sagte er, »spazieren Sie nur herein,«

Die beiden Herren waren gute Bekannte von der Harmonie her.

»Nun, was bringen Sie mir?« fragte der Vater der Stadt.

Der Meister brachte seine Sache vor und bat um gerichtliches Einschreiten gegen den Grafen Csanady. Der Fremde, der sich diskret etwas zurückgezogen hatte, hörte aufmerksam zu und wechselte dann mit dem Bürgermeister einen verständnisinnigen Blick.

»Und ist die Summe groß, die Ihnen der Graf schuldet?« fragte der Bürgermeister.

»Zweiundfünfzig Taler, zwanzig Silbergroschen laut mehrmals übersandter Rechnung.«

»Nun,« sagte der Bürgermeister mitleidig lächelnd, »ich hoffe, das Haus Heinrich Eckart wird den Verlust verschmerzen können.«

»Oho!« machte der Meister und riß die Augen auf. »Stehen die Sachen so?«

»Aber trösten sie sich, Verehrtester,« fuhr der Bürgermeister fort, »sie sind nicht der einzige, der zu Schaden kommt. Dieser Herr hier –«

»Ist am Ende auch ein Gläubiger des Grafen?« fragte der Schneidermeister und blickte den Fremden an, dessen kleine graue Augen freundlich zwinkerten.

»Ich habe allerdings mit dem Grafen eine kleine Rechnung ins reine zu bringen,« sagte er, »und habe eben deshalb den Herrn Bürgermeister um seinen Beistand ersucht.«

»Nein, was man nicht alles erlebt!« sprach Herr Eckart. »Und der Mensch will ein Rittergut kaufen!«

Der Bürgermeister und der Fremde sahen sich lächelnd an, und ersterer sprach nach einigem Überlegen: »Wir beabsichtigten soeben dem Herrn Grafen einen Besuch zu machen. Da Sie, Eckart, gleichfalls Interesse an dem Herrn nehmen, so wäre es Ihnen vielleicht erwünscht, uns begleiten zu können?«

»Gewiß, wenn Sie erlauben.«

»Also gehen wir,« sagte der Bürgermeister, und die drei Männer verließen das Rathaus.

Als sie an der Wohnung des Grafen anlangten, kam ihnen ein Stadtsoldat entgegen, der seinem Chef eine geheime Meldung machte.

»Aha, der Vogel ist ausgeflogen?« fragte Herr Eckart.

»Er befindet sich im Haus des Kanzleirats Engelmann,« war die Antwort. »Begeben wir uns dahin. Die Sache duldet keinen Aufschub, und der Herr Kanzleirat ist ein viel zu höflicher Mann, um uns die kleine Störung übelzunehmen.«

X

Graf Csanady saß neben der Kanzleirätin auf dem Sofa. Die Dame hielt einen geöffneten Brief in der Hand und sah nachdenklich vor sich hin.

»Alles in allem genommen,« begann der Graf, »scheint Marie ruhiger geworden zu sein. Bauen wir auf die Zukunft. Daß das liebe Kind noch zuweilen an jenen Menschen denkt, finde ich begreiflich, ja, ich muß aufrichtig gestehen, daß sie durch ihre allerdings etwas romanhafte Treue in meiner Achtung womöglich noch gestiegen ist. Die Zeit überwindet alles; ich hege die feste Überzeugung, Marie wird bald zur Einsicht kommen, daß Sie, gnädige Frau, nur das Wohl Ihres Kindes im Auge hatten, als Sie gegen die Verbindung mit jenem rohen, leidenschaftlichen Menschen Einsprache erhoben. Und dann, wenn die Wunde vernarbt ist, wird es meine Sache sein, die Neigung der jungen Dame zu gewinnen und sie durch ein freudenreiches Leben für die trübe Zeit, die sie jetzt durchlebt, zu entschädigen.«

»Das gebe der Himmel!« seufzte die Kanzleirätin.

»Die nötigen Schritte von meiner Seite sind bereits getan,« fuhr der Graf fort. »Es hat große Opfer erfordert, um die Einwilligung meiner Familie zu erlangen, aber für den Preis Ihrer liebreizenden Tochter ist kein Opfer zu groß.«

»Ihre Familie willigt ein?« rief die Kanzleirätin in freudiger Überraschung.

Der Graf neigte bestätigend das Haupt.

»Sie erwähnten gewisser Opfer, die Sie bringen mußten –«

»Bitte, gnädige Frau, sprechen wir nicht weiter darüber, es ist geschehen.«

»Edler Mann!« rief die Kanzleirätin mit Emphase. »Ja, Sie werden mein Kind glücklich machen. Der Himmel segne Sie, mein Sohn.«

Der Graf küßte die Hand seiner zukünftigen Schwiegermutter, und dieser schien es, als zerdrücke der Magyar eine Zähre im Auge. Mit weltmännischer Gewandtheit ging der Graf aus dem Ton schwiegersöhnlicher Rührung in den leichten der Konversation über.

»Apropos, gnädige Frau, Sie kennen das Rittergut Königsbrunn?«

Die Kanzleirätin horchte auf.

»Es ist eine schöne Besitzung, soviel ich weiß. Ich habe das Gut vor einigen Jahren gesehen, allerdings nur flüchtig.«

»Also es gefällt Ihnen? Das freut mich.«

»Sollte sich das Gerücht bestätigen, welches Sie als den zukünftigen Besitzer von Königsbrunn nennt?«

»Ich habe allerdings die Absicht, es zu kaufen. Vortrefflicher Boden, die Gebäude gut im Stand, auch Waldung ist ansehnlich,«

»Also darf man gratulieren?«

»Noch nicht, gnädige Frau, es ist eine Verzögerung entstanden, eine sehr ärgerliche Verzögerung,«

»Ah, um was handelt es sich, wenn man fragen darf?«

»Es ist lächerlich,« sagte der Graf unmutig. »Man verlangt die augenblickliche Zahlung des zehnten Teils vom Kaufschilling, die Lappalie von sechstausend Talern, und in meiner Kasse befinden sich augenblicklich nur zirka zweitausend Taler. Ich habe zwar sofort an meinen Bankier in Pest geschrieben, aber bis das Geld ankommt, kann eine Woche vergehen und das Gut unterdessen einen andern Käufer finden. Der Bankier Silberlöw, sagt man, habe große Lust zu der Besitzung, und so ist es leicht möglich, daß mir dieselbe entgeht,«

»Aber, teurer Graf,« sagte die Kanzleirätin, »warum wandten Sie sich nicht an Ihre Freunde? Es wäre ja jammerschade, wenn das Gut einer solchen Kleinigkeit wegen in andere Hände fallen sollte. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn Sie die fehlende Summe von mir –«

Der Graf wehrte mit beiden Händen ab.

»Wo denken Sie hin, gnädige Frau! Sie machen mich erröten; ersparen Sie mir die Demütigung –«

»Aber, nein Gott,« fiel die Dame erregt ein, »was für Worte brauchen Sie? – Demütigung? Hat die Mutter des Kindes, welches Sie lieben, nicht das Recht, nein, die Verpflichtung, Ihnen mit Rat und Tat beizustehen? Herr Graf, ich verlange als ersten Beweis Ihrer wahren Freundschaft für mich und mein Haus, daß Sie meine Vermittlung nicht von der Hand weisen.« – »Keine Widerrede,« fuhr sie fort, als sie sah, daß der Graf noch einen Einwand machen wollte, »wie viel war es? Viertausend? Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, ich hole das Geld sofort. Es sind zwar Obligationen, aber sie stehen al pari und sind so gut wie klingende Münze.«

»Aber, gnädige Frau –«

Sie hörte ihn nicht mehr, denn sie war bereits aus dem Zimmer gerauscht.

Der Magyar atmete tief auf, dann warf er einen Blick in den Spiegel, drehte seinen Bart und lächelte.

Da ging leise die Tür auf, und als sich der Graf nach dem Geräusch umwandte, sah er sich drei Männern gegenüber. Der erste war der Bürgermeister von Hackelburg, den zweiten kannte er nicht, der dritte, der ruhig am Eingang stehen blieb, war der Schneidermeister Eckart: Der Bürgermeister und sein Begleiter verbeugten sich, und ersterer sagte außerordentlich höflich: »Sie werden entschuldigen, Herr Graf, daß wir Sie hier aufsuchen, allein eine Angelegenheit, die keinen Aufschub duldet und für Sie selbst von großer Wichtigkeit ist, führt uns zu Ihnen.«

Der Graf war etwas blaß geworden, doch verlor er nichts von seiner Haltung, und indem er mit dem Finger auf den Schneidermeister wies, sagte er lächelnd: »Ohne Zweifel handelt es sich um die Forderung dieses Herrn da. Ich gestehe, daß ich heute morgen in einer Aufwallung den Abgesandten des Herrn Eckart etwas barsch zurechtgewiesen habe, aber ich glaube doch kaum, daß dieser Vorfall Sie berechtigt, in so kompromittierender Weise gegen mich einzuschreiten. Auf Ehrenwort, ich werde dem Herrn dort noch heute völlige Genugtuung geben; aber nun, meine Herren, bitte ich dringend, sich entfernen zu wollen, nicht um meinetwillen, sondern aus Rücksicht für die Dame des Hauses, deren Gast ich bin. Ich gebe nochmals mein Wort als Edelmann –«

»Bravo, Spindler!« sagte der unbekannte Herr lachend, »Ihr habt Euch vortrefflich in die Grafenrolle eingespielt. Aber jetzt laßt's gut sein und kommt mit; wir wollen alles Aufsehen vermeiden.«

Beim Namen Spindler fuhr der Graf auf, als ob ihn ein Skorpion gestochen hätte. Eine fahle Blässe legte sich auf sein Gesicht, und seine Lippen zitterten. Dann aber faßte er sich, lachte hell auf und rief mit greulichem Galgenhumor: »Habt ihr mich endlich wieder? Na, diesmal hab' ich's euch schwer gemacht.«

Dafür werden wir Euch auch desto länger behalten,« sagte der fremde Polizeibeamte wohlwollend.

Herr Eckart stand stumm und starr wie ein Marmorbild.

»Hier, Herr Graf,« ertönte die Stimme der eintretenden Kanzleirätin, »hier sind –«

Sie blieb, als sie die Gruppe sah, überrascht in der Tür stehen und ließ die Hand sinken, welche die Obligationen hielt.

»Guten Morgen, Frau Kanzleirätin,« sagte der Bürgermeister. »Entschuldigen Sie unser Eindringen; wir suchten diesen Herrn hier und werden ihn mit uns nehmen –«

»Aber, mein Gott, was hat denn das zu bedeuten? Erklären Sie mir, Herr Graf – etwa ein Duell – aha,« unterbrach sie sich, da sie jetzt erst den Schneidermeister erblickte, »ohne Zweifel eine Intrige des Herrn Eckart –«

Der Bürgermeister machte eine verneinende Bewegung und sagte ernst: »Frau Kanzleirätin, danken Sie der Vorsehung, die Sie rechtzeitig aus den Händen eines gefährlichen Schwindlers gerettet hat –«

Die Kanzleirätin schrie auf.

»Gerechter Himmel! Ein Graf – ein Schwindler! Nein, nein, das ist ein Irrtum!«

»Dieser Mensch,« fuhr der Bürgermeister fort, »ist ein mehrfach bestrafter Betrüger, der sich seit zwei Jahren dem Arm der Polizei immer auf die schlaueste Weise entzieht. Er ist ebensowenig der ungarische Graf Istvan von Csanady, als der Weinhändler Sternkopf oder der Leutnant von Stein oder der polnische Emigrant Sapieha, unter welchen Titeln er anderwärts geschwindelt hat, sein eigentlicher Name und Stand –«

»Louis Spindler, Schneidergeselle aus N.,« fiel der Pseudograf ein, indem er sich höhnisch vor der Kanzleirätin verbeugte.

»Ein Schneidergesell!« schrie entsetzt die Dame und sank ohnmächtig in die Arme des Herrn Eckart.

XI

Der Vorhang hebt sich noch einmal, der letzte Akt beginnt.

Unsere Schneidergeschichte ist ein Lustspiel, und wie ein Lustspiel endigen muß, weiß jedermann. Das Publikum wird unruhig, sucht nach Mantel und Hut und sieht nach der Uhr. Die Schauspieler müssen ihre Lungen anstrengen, damit die guten und schlechten Witze, mit denen die letzten Szenen aufgeputzt sind, nicht völlig ungehört bleiben; sie sehen die Ungeduld des Publikums und harren selbst sehnsüchtig auf das letzte Klingelzeichen.

Wenn der Regisseur plötzlich vor die Lampen träte und nach den üblichen drei Verbeugungen spräche: »Hochgeehrte Anwesende! Gehen Sie nach Hause und glauben Sie der Versicherung meinerseits, daß die Liebenden einander kriegen,« so würde das gewiß manchem erwünscht, aber doch ein wenig gewagt sein.

Wir wagen es. Wir hoffen uns den Dank des wohlgeneigten Lesers zu verdienen, wenn wir es ihm überlassen, die Zerknirschung der Kanzleirätin, den Triumph des Meister Eckart, die durch den Skandal hervorgebrachte Aufregung der Hackelburger, die Versöhnung der feindlichen Häuser und die Vereinigung der Liebenden sich selbst auszumalen.

Uns bleibt nur wenig hinzuzufügen.

Die gedemütigte Kanzleirätin verließ vierundzwanzig Stunden nach Verhaftung des Schwindlers die Stadt, um ihre Tochter zu besuchen, und kehrte erst im Frühjahr mit derselben zurück. Das Verhältnis zwischen Marie und dem Doktor hatte durch eine lebhafte Korrespondenz, die von seiten beider Elternpaare stillschweigend gutgeheißen wurde, neue Befestigung erhalten, und nachdem die Kanzleirätin, deren Stolz völlig gebrochen war, auf die Bedingung des starrköpfigen Schneidermeisters eingehend, den ersten Schritt zur Versöhnung getan hatte, stand der Verbindung der jungen Leute nichts mehr im Wege.

Die Vermählung wurde im Familienkreis gefeiert. Als man sich zu Tisch setzte, fiel ein kostbarer Tafelaufsatz von Silber, das Hochzeitsgeschenk des Herrn Eckart senior, allen in die Augen. Das Kunstwerk stellte einen mit Wein umrankten Baumstamm dar, an welchem ein Ziegenbock emporkletterte.

Nach der Hochzeit trat das junge Paar eine Reise nach Italien an, und beim Besichtigen der Antiken machte der Doktor zu seiner Genugtuung die Bemerkung, daß sein Unterricht gute Früchte getragen habe.

Der Schneidergesell Louis Spindler wurde nach überstandener Strafzeit per Schub in seine Heimat expediert. Herr Eckart hatte sich eine Zeitlang mit dem Gedanken getragen, den Exgrafen nach feiner Entlassung aus dem Zuchthause in seine Werkstatt aufzunehmen, um ihn womöglich zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft zu erziehen, doch gab er diesen Plan auf die Vorstellungen seiner Angehörigen wieder auf und begnügte sich damit, ihm einen Zehrpfennig und viele gute Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.

Der Doktor Eckart erhielt bald nach seiner Verheiratung einen ehrenvollen Ruf an eine Universität, dem er natürlich Folge leistete. Dort wirkt er seit einigen Jahren als Professor der Archäologie, und nennt man der Besten Namen, nennt man den seinen auch.

Wenn Herr Heinrich Eckart seine jährliche Kunstreise macht, um die neuesten Moden zu studieren, so scheut er den Umweg nicht und kehrt auf ein paar Tage bei seinem Sohn ein. Dann veranstaltet dieser ein großes Diner, wobei Herr Eckart Vater oben zwischen dem Rektor Magnifikus und dem Dekan der philosophischen Fakultät sitzt und von all den gelehrten Herren mit Hochachtung und Zuvorkommenheit behandelt wird.

Die beiden Mütter aber werden durch ein mit großer Regelmäßigkeit wiederkehrendes, freudiges Familienereignis alljährlich veranlaßt, ihre Kinder auf ein paar Wochen zu besuchen, und der Herr Kanzleirat kommt zu der Taufe nach.

Das letzte Mal begleitete Max seinen Vater und hielt einen kleinen, dicken Jungen mit großer Würde über das Taufbecken. Max ist jetzt ein hoch aufgeschossener Primaner, der sich bereits alle acht Tage rasieren muß. Er wird demnächst sein Abiturientenexamen machen, um Philologie zu studieren. Sein dichterisches Talent, dessen erste Blüte das Ziegenbocklied gewesen, hat sich edleren Stoffen zugewandt. Er hat mehrere Oden aus dem Horaz ganz leidlich übersetzt, auch verschiedene Frühlings- und Wanderlieder gedichtet, und obschon der verblendete Redakteur des illustrierten Wochenblattes dieselben für »nicht druckreif« erklärte und dem Papierkorb übermittelte, so dichtet Max dennoch mutig darauf los, denn er weiß, daß Verkennung das Los der größten Genies ist.

Der Herr Kanzleirat Engelmann ist Oberkanzleirat geworden. Dekoriert ist er noch nicht, aber sicheren Nachrichten zur Folge kann ihm das Verdienstkreuz nicht mehr entgehen. Papparbeiten macht er zur großen Freude seiner Gemahlin nicht mehr, da er eine andere Beschäftigung gefunden hat. Er züchtet nämlich Seidenwürmer und hat zu diesem Behuf seinen ganzen Garten mit Maulbeerbäumen bepflanzt.

Mit Herrn Heinrich Eckart hat er übrigens doch noch Brüderschaft gemacht, ohne daß die Oberkanzleirätin Einsprache erhoben hätte. Denn Herr Eckart ist jetzt nicht mehr bloß Schneidermeister, sondern auch Stadtrat.

Er sollte sogar als Abgeordneter in den Landtag gewählt werden, aber seitdem der Präsident Johnson Fiasko gemacht hat, sind ihm Zweifel über die politische Befähigung der Schneiderzunft aufgestiegen, und er hat die Wahl abgelehnt mit den Worten, er wolle lieber unter den Schneidern der erste, als unter den Landtagsabgeordneten der zweite sein.

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