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John Retcliffe: Die Wölfin von Skadar - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorSir John Retcliffe
titleDie Wölfin von Skadar
publisherRetcliffe-Verlag G.m.b.H., Berlin
seriesSir John Retcliffe's Historische Romane
volume7
editorBarthel-Winkler
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091012
projectidf647a778
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Zum Geleit

Atemlos hetzend rollt ein Stück Weltgeschichte in diesen vier einzigartigen Büchern ab, Weltgeschichte, nicht wie sie vor der Schulbank gelehrt wird, sondern in ihren verborgensten Geheimnissen und hinterhältigsten Winkelzügen; Weltgeschichte auf dem schaurigen Theater der Schlachtfelder und Massengräber sowohl als auch hinter den dicken Portieren der Kabinette; Weltgeschichte als blutige Frucht kalter Klügler, verbrecherischer Drahtzieher und politischer Vabanque-Spieler – Weltgeschichte schließlich, wie sie sich spiegelt in den Instinkten der urteilslosen Masse, der Mißbrauchten und der Verfolgten. Große Leidenschaften lodern auf; Liebe und Haß kreisen in tollem Wirbel und gebären Engel und Teufel: Das ist der Totentanz um Sewastopol. –

»Nena Sahib« zeigt mit seinen drei Bänden »Volk in Folter«, »Maharani Margarethe« und »Ram, Ram, Mahadeo!« die Geschichte eines Landes und eines Volkes im Kampf mit seinem Bedrücker – » Die Wölfin von Skadar« Zu diesem Geschichtskreis gehören noch die Bände »Das Testament Peters des Großen«, »Um das Schwarze Meer« und »Sewastopol« (sprich: Sewastópol). entwirft ein Rundgemälde der stolzen westeuropäischen »Kultur« um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Zusammenprall mit den Vormächten Asiens und des Islams. Für einen »hohen zivilisatorischen Zweck« zogen die französischen und britischen Heere an der Seite des Halbmonds in die Krim – und es galt doch nur dem selbstsüchtigen Ziele, den gefürchteten Zaren zu stürzen, und man erreichte doch nur, die despotische Macht des dritten Napoleon zu festigen. Unnütze Ströme von Blut! Fünfzehn Jahre später und dieser Napoleon findet sein Sedan – die Weltgeschichte rollt weiter in Haß und Jammer, über Throne und Hütten hinweg, über tote Armeen und versklavte Völker.

Sewastopol! – Kaum hat jemals eine Epoche der Weltgeschichte einen solch rücksichtslosen Schilderer gefunden wie das Menschenmorden am Schwarzen Meer in Sir John Retcliffe. Nicht die grausige Spur ihrer Heere und Flotten allein zeichnet er in sein unvergängliches Werk, er gedenkt liebevoll auch derer, von denen die Geschichte schweigt: die zwischen den Großen zermahlenen Kleinen, die unterdrückten Stämme, die Heimatlosen, die Verachteten. Alle, alle tauchen sie einmal auf in dem breiten Strom seiner homerischen Erzählung; für alle weiß er unser Herz einzufangen und zu erwärmen, ehe er sie wieder untergehen läßt in dem chaotischen Zeitgeschehen. Die ehernen Ruhmestafeln der Völker werden lebendig – Soldatenführer, Genies und Schlächter, geschliffene Diplomaten und Hochverräter – und daneben ziehen die unübersehbaren Scharen der Namenlosen und Vergessenen, Krieger und Abenteurer aus aller Herren Länder, Zuaven, Araber, die freien Söhne der schwarzen Berge, des Kaukasus, der Steppe, der Pußta. Heißer glühen zwischen den Schlachten die Leidenschaften des Einzelnen, maßloser, zielloser – gehetzt, verfolgt, entwurzelt, werden sie zu Bestien oder Helden, Fanatikern oder Heiligen. Brutal zeigt uns Retcliffe ihre maskenlosen Seelen.

Es ist ein wundervoll kühnes Werk. Mag man »Nena Sahib« seinen besten Roman nennen, sein Romankreis um Sewastopol ist seine gewaltigste Schöpfung: weltgeschichtlich und dichterisch.

Barthel-Winkler.

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