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Ludwig Uhland: Aus der Abhandlung über »alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder« - Kapitel 2
Quellenangabe
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typetractate
authorLudwig Uhland
booktitleZur Geschichte der Dichtung und Sage
titleAus der Abhandlung über »alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder«
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
seriesUhlands Werke
volumeDritter Teil
editorAdalbert Silbermann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2. Fabellieder.

Ein reiches Gebiet ältester Naturanschauung lassen diejenigen Dichtungen durchblicken, welche die Tierwelt zum Gegenstande haben. Die Tierfabel hat sich das Mittelalter entlang in lateinischen, französischen, hoch- und niederdeutschen Gedichten größeren Umfangs zu einem Epos ausgearbeitet, dem sich auch die einzelnen kleineren Erzählungen rhapsodisch anschließen. Als Heimat dieses umfassenden Fabelkreises erweisen sich die romanischdeutschen Grenzlande Nordfrankreich und Flandern. Was niederländisch oder deutsch abgefaßt ist, kommt zwar unmittelbar oder mittelbar aus altfranzösischer Quelle; dagegen ist der germanische Ursprung des Ganzen schon durch die Namen der zwei Haupthelden Reginhart und Isengrim unauslöschlich verurkundet. Wurzel des weitastigen Gewächses aber ist die sinnenscharfe, mitfühlende und ahnungsvolle Beobachtung der Tierwelt durch Menschen, die im gemeinsamen Waldleben ihr noch täglich nahe standen. Während nun das Epos, seiner Art gemäß, die Tiere auf dem festen Boden ausgeführter Handlung und strenger Charakteristik darstellt, hat das Volkslied mehr noch die ursprüngliche Gefühlsstimmung bewahrt und, wo es dieselbe weiter entwickelt, seine luftigern Wege teils in das Märchenhafte, teils in die sinnbildliche Vergeistigung genommen.

Im tiefen Urwald trifft man bei mehreren Volksstämmen auf eine mythische Gestalt, den Tiermann, Herrn und Pfleger der Waldtiere. Die finnische Götterlehre hat ihren Tapio, den persönlichen Wald, der nebst seiner Gemahlin, der Waldmutter, von den Jägern angerufen wird, daß er seine Tiere springen lasse und, wenn sie nicht herbei wollen, an den Ohren auf den Waldweg hebe oder aus der fernen Lappmark herabgeißle. In dem dänischen Liede von Vonved erscheint der Tiermann ( dyre karl), den Eber auf dem Rücken und den Bären im Arme, auf jedem Finger seiner Hand spielen Hase und Hindin; Vonved verlangt von ihm Teilung der Tiere und kämpft mit ihm darum. Dem nördlichen Frankreich war der große Wald von Brecheliande in der Bretagne ein Inbegriff von Wundern; dort finden nach dem Gedichte von Iwein die abenteuernden Ritter mitten unter furchtbar kämpfenden Tieren aller Art, Wisenten und Uren, einen riesenhaften Waldmann von grausiger Gestalt mit Eulenaugen, Wolfrachen, Eberzähnen, selbst ein Abbild und Inbegriff seines wilden Reichs; mit frischabgezogenen Stierhäuten bekleidet und auf eine große, eiserne Keule sich stützend, sitzt er auf einem Baumstrunke; sein Amt ist, der wilden Tiere zu pflegen, die ihm als ihren Herrn und Meister bebend gehorchen; er weist die Irreführenden zurecht, und als er vor dem Gewitter warnt, das von dem ausgegossenen Wasser des Wunderbrunnens ausbrechen würde, denkt er zuerst daran, daß vor diesem Ungestüm weder Wild noch Vogel im Walde verbleiben können. Ein deutsches Gedicht, dessen Stil auf das 12. Jahrhundert weist, König Orendel von Trier, beschreibt das goldne Gußwerk in der Helmkrone eines Riesen: eine Linde voll Vögelein, unter der ein Löwe und ein Drache, ein Bär und ein Eberschwein gestreckt liegen, dabei steht der » wilde Mann«.

Der Erzähler in einem Gedichte des 15. Jahrhunderts kommt auf nächtlicher Wanderung in ein Gebirgstal, wo die Tiere überall laufen, sich der Maienzeit freuend, und er bei Mondschein den gewaltigen Streit eines wilden Mannes mit einem großen Eberschwein ansieht; jener zieht eine junge Tanne aus und läuft damit das Wildschwein an, das sich zur Wehre setzt, sie fechten wie ein großes Heer, bis zuletzt der Mann dem Eber obsiegt, wie auch der Waldmann im Iwein seine Tiere mit der Eisenkeule in Zucht halten muß. Im Ringe, gleichfalls aus dem 15. Jahrhundert, kommt ein wilder Mann auf einem großen Hirsch in die Schlacht geritten, schlägt mit seinem ungetanen Eisenkolben Mann und Weib nieder, wirft sie in seinen Schlund oder beißt sie mit seinen langen und scharfen Zähnen tot, wie auch der Hirsch mit seinen Hörnern drauf- und dreinsticht. Milder und mehr zauberartig gestaltet sich die Waldherrschaft im Leben Merlins des Wilden, der sich weltmüde in die dichtesten Wälder versenkt hat, dort mit dem Wilde lebt und, auf einem Hirsche reitend, eine Herde von Hirschen und Rehen vor sich hertreibt.

In Dietrichs Drachenkämpfen, freilich einem der spätesten Stücke des deutschen Heldenkreises, wird erzählt, wie der Berner im Walde von Tirol ein wildes Schwein mit dem Schwerte gefällt hat und sein Horn erschallen läßt, worauf ein ungefüger Riese gelaufen kömmt und ihm die Beute abkämpfen will; die Mißgestalt des Riesen vergleicht sich jener des Waldmanns im Iwein, auch er führt einen mit Nägeln beschlagenen Kolben, trägt einen Waffenrock von Bärenhäuten, den er sich selber »gebaut«, alles Wild im Walde und dieser selbst ist sein: es erhebt sich ein gewaltiger Kampf, vor dem die Waldtiere fliehen, der Riese wird von Dietrich bezwungen, muß mit ihm gehen und ihm das Wildschwein tragen. Noch in neuerer Zeit scheuen Weidleute des südtirolischen Grenzlandes den wilden Mann, andre die Waldfrau, und ist jener auch im Graubündner Oberlande gewaltig. An Dietrichs Eberjagd reiht sich eine andre in der altenglischen, wieder aus noidfranzösischer Quelle genommenen Erzählung von Eglamour: von drei gefahrvollen Abenteuern, welche dieser Ritter um die Hand der Tochter seines Herrn, des Grafen von Artois, bestehen muß, ist eines: daß er das Haupt eines ungeheuern Ebers bringe, dessen Hauer über einen Fuß lang sind und der schon viele wohlgewaffnete Männer getötet hat; auch ihm ist ein furchtbarer Riese befreundet, der ihn zum Verderben der Christenmänner fünfzehn Jahre lang aufgezogen hat und nun hinzukömmt, als das Haupt des nach viertägigem Gefechte besiegten Wildes auf Speeresspitze gesteckt ist. »Ach!« ruft er aus, »bist du tot? mein Vertrauen auf dich war groß, mein klein, gesprenkelt Eberlein, teuer soll dein Tod erkauft sein!« Der Ritter muß hierauf noch den Riesen bekämpfen und bringt dessen Haupt samt dem verlangten des Ebers seinem Gebieter. Neben mancher fremdartigen Zutat und Wendung ist doch in allen diesen Zeugnissen die altertümliche Vorstellung offenbar, daß die Tiere der Wildnis, unter einer besondern Obhut stehend, der menschlichen Willkür nicht gänzlich preisgegeben seien. Höher hinauf in die deutsche Vorzeit würde der mythische Ausdruck dieser Vorstellung rücken, wenn sich die folgende Wahrnehmung durch weitere Anzeigen bestätigte. Orion, der klassische Name des leuchtenden Gestirns, wird in Glossen, die sich mehr altsächsisch als angelsächsisch anlassen, durch ein schwieriges, in verschiedenen Formen wechselndes Wort übertragen: eburdring, eburdrung, ebirdring, ebirbiring. Die Richtigstellung desselben neigt sich jetzt dahin, daß dieses Wort nicht Eberhaufe, Trupp wilder Eber, besage, sondern gleich dem übertragenen, ein persönliches sei, zusammengesetzt und in den drei ersten Formen zusammengezogen aus »Eber« und »Thüring«; mag nun mit letzterem ein Insasse des waldreichen Thüringerlandes, oder irgend eine allgemeinere Bedeutung des Volksnamens selbst gemeint sein, jedenfalls ergibt sich ein Mann mit dem Eber. Und ein solcher ist in dem bisher abgehandelten Waldriesen aufgezeigt. Es war angemessen, den mythischen Orion durch ein entsprechendes Wesen deutscher Sage zu erläutern und welches andre ließ sich jenem riesigen Weidmann, der noch in der Unterwelt, die eherne Keule in Händen, das gescharte Wild vor sich herjagt, besser gegenüberstellen, als der gleichfalls riesenhafte Tiermann, der zwar seine Waldtiere nicht verfolgt, aber sie doch auch mit dem Eisenkolben gewaltig meistert? So würde zwar nicht notwendig folgen, daß Eberthüring, gleich Orion, auch unter die Sterne versetzt sei, und es konnte lediglich bezweckt sein, einen mythischen Namen mittels des andern in Kürze verständlich zu machen; da jedoch die Erhebung mythischer Gebilde an den Gestirnhimmel sonst der germanischen Vorstellung nicht fremd ist, so mag wohl auch die deutsche Waldlust den Tiermann mit seinen Lieblingen in einer Sterngruppe wieder gefunden haben.

Wie dem finnischen Tapio eine Waldmutter zur Seite steht und mit dem wilden Mann in Tirol eine Waldfrau gleich geht, so kennt auch der nordische Volksglaube weibliche Pflegerinnen der Waldtiere. Den Namen Wolfmutter ( wargamor) gibt man in Schweden alten, einsam im Walde wohnenden Weibern, von denen man glaubt, daß die Wölfe der Wildnis unter ihrem Schutz und Befehle stehen und vor den Jägern von ihnen verborgen werden. Dem Tiermann ( dyre karl) des dänischen Liedes entspricht aber auch bestimmter noch die Tiermutter ( djura mor) in einem selten mehr vernommenen Volkslied. Der junge Sämung, der kundige Schrittschuhläufer, kommt zu der alten Tiermutter, wie sie drinne sitzt und mit der Nase die Kohlen schürt. Mit dieser dürftigen Überlieferung eröffnet sich ein weiter Durchblick in die altnordische Götterwelt. Ynglinga-Saga läßt den norwegischen Jarl Hakon den Mächtigen die Reihe seiner Vorväter bis zu dem Helden Säming hinaufführen, einem Sohn Odins, mit Skadhi, die in einer beigefügten Skaldenstrophe als Eisenwaldfrau, Schrittschuhläuferin des Gebirgs, bezeichnet wird. Nach den Edden ist sie die Tochter des Sturmriesen Thiassi, wohnt, wie er einst, auf dem Gebirge Thrymheim, fährt viel auf Schrittschuhen und mit dem Bogen, und schießt Tiere, darum heißt sie auch Schrittschuhgöttin; mit ihrem Gemahl Niörd, einem Luftgotte der mildern Küstengegend, kann sie sich nicht vertragen, ihn bedünkt das Geheul der Wölfe im Gebirg übel gegen den Gesang der Schwäne, und sie kann an der See nicht schlafen vor dem Geschrei der Möwen. Getrennt von Niörd verbindet sich Skadhi, laut der Ynglingensage, mit Odin und wird so durch Säming die Ahnfrau der Jarle von Hladhir. Als Abkömmlinge Odins' zählen diese zu den gottentstammten Heldengeschlechtern, ihre Herkunst von Skadhi aber kennzeichnet sie als rüstige Söhne des Gebirgs, als gepriesene Weidleute und Schrittschuhläufer, wie noch das schwedische Volkslied den jungen Sämung erscheinen läßt. Von der Tiermutter dieses Liedes sprechen zwar die Zeugnisse über Skadhi nicht, aber indem der Skalde sie Jarnvidhja, Bewohnerin des Eisenwalds, nennt, ist dennoch eine Anknüpfung gegeben. »Östlich im Eisenwalde« – sagt das Eddalied – »saß die Alte und gebar dort Fenris (des Wolfes) Geschlechter.« Umschrieben wird diese Alte in der j. Edda: »Eine Riesin (gŷgr) wohnt östlich von Midhgardh (der bewohnten Erde) in dem Walde, der Eisenwald heißt; in diesem Walde wohnen die Zauberweiber (tröllkonar), die Jarnvidhjen heißen.« Es sind hauptsächlich mythische, dem Mond und der Sonne nachstellende Wölfe, die vom dem Riesenweib im Eisenwalde, d. h. wohl im reif- und schneebedeckten Winterwalde, zur Welt gebracht werden. Gleichartig, vielleicht dasselbe Wesen mit dieser Wolfmutter ist die Riesin Angrbodha in Jötunheim, mit welcher Loki, der Verderber, die drei Ungeheuer, den Wolf Fenrir selbst, die Midhgardsschlange und die grausige Hel erzeugt. Nun rühmt aber Loki sich bei Ägis Gastmahl vertrauten Umgangs mit Skadhi, diese selbst ist eine Riesentochter, und im Skaldenliede wird sie Jarnvidhja benannt. So vermittelt sich allerdings ein Zusammenhang, wenn auch nicht ein ursprünglicher, der unheilgebärenden Alten im Eisenwalde mit der leichtbeschwingten Jagdgöttin des beschneiten, von Wolfgeheul widerhallenden Sturmgebirgs. Die Gebärerin jener mythischen Wölfe selbst aber ist doch sichtlich erst der älteren und leibhafteren Vorstellung von einer Urmutter der Wabdtiere, von einem bösen Zauber, der namentlich das feindselige Wolfsgeschlecht geschaffen, in bildlicher Anwendung entliehen. Von Skadhi ist nur noch zu sagen, daß ihr zur Sühne die Augen ihres von Thorr erschlagenen Vaters durch Odin als Sterne an den Himmel geworfen wurden, ein Seitenstück zu der Gestirnung Eberthyrings.

Die Waldgeister, von denen die Rede war, treten bald mehr als Leiter und Begünstiger der Jagd, bald mehr als Pfleger und Beschirmer des gejagten Wildes hervor: gerade so ist der Jäger, der tödliche Verfolger desselben, doch zugleich dessen Freund und Bewunderer; die Kraft nnd Schönheit, die Tapferkeit und Schlauheit der Tiere, mit denen er in Kühnheit, Gewandtheit und List wetteifert, erregen sein Wohlgefallen und seine Zuneigung, im Altertum war es mehr als dies, eine abergläubische Verehrung, eine heilige Scheu, das Erahnen einer hinter diesen Geschöpfen stehenden höheren Gewalt, eines aus ihren Augen blickenden dämonischen Wesens. Wie diese Stimmungen und Gegensätze in der Volkspoesie mannigfach sich aussprechen und ineinander spielen, soll nunmehr an denjenigen Waldtieren, mit denen die Lieder sich vornehmlich befassen, der Reihe nach dargetan werden.

Noch bis in das 16. Jahrhundert war der Bär in deutschen Bergwäldern kein besonders seltenes Jagdtier, gleichwohl nehmen volksmäßige Lieder von ihm nur sparsam und auch in den wenigen Fällen nur schwankweise Kenntnis. Im Nibelungenliede macht Siegfried mit einem Bären, den er bindet uud dann unter die Kessel rennen läßt, den Jagdgesellen gute »Kurzweil«; später wurde von drei Bauern gesungen, die den Bären aufsuchen und, als er sich gegen sie auflehnt, die Mutter Gottes anrufend auf die Knie niederfallen. Galt er auch nach einem Zeugnis aus dem 10. Jahrhundert ursprünglich für den Herrscher des epischen Tierreichs, so muß er sich doch, nachdem ihn der Löwe verdrängt hat, mit Isengrim in die undankbare Rolle teilen, von dem treulosen Fuchs überall in die Falle geführt zu werden, wobei sich die zwei Mißhandelten nur durch ihre eigentümlichen Eßgelüste unterscheiden. Nur im höheren Norden, seiner rechten Heimat, und bei einem Volke, dessen Poesie noch gänzlich im alten Naturmythus haftet, hat sich auch der Bär noch im angestammten, unverkümmerten Ansehen behauptet. Das finnische Epos Kalevala, das in einer Folge mythischer Gesänge, Runen, die Schöpfung der Welt und die Befruchtung des Landes, die Erfindung und vorbildliche Ausübung menschlicher Kunstfertigkeiten und Geschäfte darstellt, hat auch eine eigene Rune der Schilderung einer Jagd, und zwar der bedeutendsten, der Bärenjagd, gewidmet. Der Herr des Hofes zieht zu Walde, um Ohto (Breitstirn), das goldene Tier, zu fangen und zu fällen, damit es nicht Pferde und Viehherden töte. Erst ruft er die Waldgöttinnen, Tapios Frau und Tochter, um Beistand an, dann richtet er an den wackern Ohto selbst Worte der Beschwichtigung und allerlei Schmeichelnamen: Waldesäpfel, schöner runder Knollen, Honigtatze; solcher Namen folgen weiterhin noch viele: Glattpfote, Blinzelauge, Schwarzstrumpf, Leichtfuß, Langhaar, Held, stolzer Mann, alter Kämpe, kleiner, goldner Vogel, Stolz, Gold, Silber, Nebel, Schaum des Waldes. Die Erlegung des Bären wird nicht ausgesprochen, vielmehr derselbe fortwährend, sogar nachdem er aufgezehrt ist, als lebendes Wesen angesehen und angeredet. Es wird entschuldigend vorgegeben, er sei nicht gefällt worden, sondern habe sich selbst, über die Zweige stolpernd, totgefallen. Hierauf wird er eingeladen, mit nach dem Hofe zu wandern und sich dort herrlich bewirten zu lassen. Unter Hornesklang wird er dahin geführt und die Ankunft durch schallendes Blasen verkündigt. Die Hausgenossen eilen hinaus und fragen, was der Waldgebieter beschert habe, da die Jäger mit Gesang wiederkehren, jubelnd auf den Schrittschuhen daherschreiten? Nie Antwort ist: ein Gegenstand der Rede und des Sanges sei ihnen gegeben, Ohto selbst, der ersehnte Gast, dem die Tür sich öffne. Freudig wird derselbe begrüßt und feierlich in die Stube gebracht; unter unermüdlichen Schönreden wird ihm der Pelz abgezogen, sein Fleisch in blanken Kesseln und Töpfen ans Feuer gesetzt, dann auf den Tisch getragen, auch vergißt der Wirt nicht, die Waldmutter und ihre schöne Tochter zu Ohtos Hochzeit laden. Das Mahl wird durch die Rune von der wunderbaren Geburt des den Gestirnen entstammenden und von der Waldfrau großgewiegten Bären gewürzt. Zuletzt nimmt der Hausherr dessen Nase, Ohren, Augen und Zähne, fordert den armen Ohto nochmals verbindlich zu einem Waldgang auf und bringt jene geringen Reste desselben auf einen Berggipfel, wo er sie in der Krone einer heiligen Fichte aufstellt, die Zähne nach Osten, die Augen nach Nordwesten gerichtet. Verschiedene Züge dieses höchst altertümlichen Jagdstücks werden Weiterem zur Erläuterung dienen, vor allen der, daß es Sitte war, die Einbringung des erjagten Wildes mit Gesang und Wechselrede zu begleiten und beim Gastmahl von dem Tiere, das verspeist wurde, zu singen und zu sagen. Der göttliche Wäinämöinen, der Pfleger des Gesangs, der Erfinder und Meister des Saitenspiels, dem die wilden Tiere horchen und der Waldesherr, der Bär, auf zwei Füßen tanzt, ist auch Veranstalter und Leiter der Bärenjagd und des damit verbundenen Mahles, und so erscheint diese Jagdfeier als vorbildliche Einsetzung des menschlichen Gebrauchs.

Ein angelsächsischer Spruchdichter bedauert den freundlosen Mann, besser wär' es ihm, einen Bruder zu haben, damit sie zusammen den Eber angriffen oder den Bären, das grimmige Tier. Hier stehen Eber und Bar auf gleicher Stufe der Wehrhaftigkeit gegen den Angriff mutiger Weidleute. Der Geltung des Bären aber mußte das Eintrag tun, daß er sich zur Belustigung der Menschen dienstbar machen ließ.

Schon das alemannische Gesetz bekundet, daß er zum Zeitvertreibe gehegt wurde; nachmals, in Gedichten aus dem Kreise deutscher Heldensage und in geistlichem Verbot, erscheint er einmal als Eimertrager und mehrfach im Geleite von Spielleuten, selbst Spielweibern, die ihn umführen und zum Tanz anhalten. Anders nun der Eber. Dieser Auserkorne des Tiermanns beharrt in ungebrochener Wildheit. Seine Kühnheit und sein Zorn dienen herkömmlich zur Bezeichnung verwegener und ergrimmter Helden; iöfur (Eber) ist altnordischer Dichterausdruck für König, fürstlicher Held, eben wie auch gramr (der Zornige); der althochdeutsche Name Ebernand (gleich dem gotischen Jornandes) bedeutet: eberkühn. Das unschöne Tier galt doch in seiner Zorngebärde nicht für unedel, und so kann ein altfranzösisches Heldengedicht den zürnenden König Karl, wie er die Augen rollt und die Brauen aufzieht, dem Wildeber vergleichen, der anderwärts gerne mit diesen Zügen in seinem Grimme geschildert wird. Hiernach wird es nicht mehr befremden, wenn dem ältern Königsstamme der Merovingen, als Zeichen ursprünglicher Kühnheit, Schweinsborsten auf dem Rücken wuchsen. Viel später noch hieß ein Adelsgeschlecht derselben Heimat: Eber der Ardennen.

Demgemäß ist denn auch der Eber, zumal in ungewöhnlicher, dichterisch verstärkter Größe der Heldenwaffe kampfgerecht, und an ihm macht der jugendliche Recke sein Probestück. Den bereits angeführten Beispielen können andre zugefügt werden. Auf der schon erwähnten Jagd des Nibelungenliedes erschlägt Siegfried einen großen Eber, der ihn zornig anläuft, mit dem Schwerte; ein andrer Jäger, heißt es, hätte das nicht so leicht vollführt. Im lothringischen Epos beschließt der Herzog Begues auf dem Wege zu seinem Bruder Garin, den er nach sieben Jahren wiedersehen will, einen Eber, von dem man Wunder erzählt, zu jagen und das Haupt desselben dem Bruder nach Metz zu bringen; die Klauen des Ungetüms stehen über fußbreit auseinander, die Zähne ragen einen vollen Fuß hervor, seine Kraft ist so groß, daß er, aufgescheucht, fünfzehn Meilen in einem Zuge rennt; der Herzog sprengt nach, Reiter und Hunde bleiben hinter ihm, nur zwei Bracken hat er zu Roß unter den Armen: endlich hält der Eber stand, zerreißt die Hunde und läuft gegen den kühnen Jäger an, der ihm den Speer in den Leib stößt; aber das Jagen war in fremdem Walde, von dessen Hütern der Herzog, gänzlich allein stehend, angefallen und, nachdem er vier derselben niedergestreckt, durch einen Bogenschuß ins Herz getroffen wird. Dem Bruder wird statt des Eberhaupts die Leiche des Helden in einer Hirschhaut gebracht; kaum versöhnte Feindschaft ist wieder geweckt, und es entbrennt ein fortwuchernder Rachekrieg; die Jagd ist hier, wie bei Siegfrieds Tode, der waldfrische Hintergrund blutiger Geschichten, der Mord geschieht am Fuße einer Zitterespe.

Auch Guy von Warwick, der englische Volksheld, erlegt einen Eber, desgleichen man nie in England fand, und von dessen Riesenbeinen, laut der alten Ballade, einige im Warwicker Schlosse liegen, ein Schulterblatt in der Stadt Coventry aufgehängt ist. Der harte Kampf, der mit so gewaltigen, tapfer um sich hauenden Jagdtieren geführt werden muß, ist es eben, was sie zum Bilde des »fechtenden« Helden selbst tauglich macht, und namentlich ist in deutschen Heldenliedern diese Vergleichung eine gangbare. Wie es aber Eigenschaft des Wildschweins ist, daß es nicht eher, denn verfolgt oder verwundet, nach den Hunden haut und auf den Jäger losrennt, so läßt sich ihm besonders der kampfbedrängte und blutgereizte Recke vergleichen. Lebendig ausgeführt ist dies in der Stelle des Nibelungenliedes, wie der kühne Dankwart sich zu seinem Herrn durchschlägt: alle Ritter und Knechte sind ihm getötet, ihn selbst wagen die Hunnen nicht mit den Schwertern zu bestehen, sie schießen soviel Speere in seinen Schild, daß er ihn der Schwere wegen von der Hand lassen muß; nun, ohne den Schild, wähnen sie ihn zu bezwingen, auf beiden Seiten springen sie ihm zu, während er tiefe Wunden durch die Helme schlägt; da geht er vor den Feinden, wie ein Eberschwein vor Hunden zu Walde geht, wie könnt' er kühner sein! sein Weg ist naß von heißem Blute, nie hat ein einziger Recke besser gestritten, herrlich sieht man ihn zu Hofe gehn; großes Wunder hat seine gewaltige Kraft getan.

Hier nun greifen deutsche Liedesstücke (Volksl. Nr. 131) aus dem 10. oder 11. Jahrhundert ein, des Inhalts: »Wenn Rascher andrem Raschen begegnet, dann wird schleunig Schildrieme zerschnitten. Der Eber geht an der Halde, trägt den Speer in der Seite, seine rüstige Kraft läßt ihn nicht fällen. Ihm sind die Füße fudermäßig, ihm sind die Borsten gleichhoch dem Forste und seine Zähne zwölfellig.« Diese Strophen sind einer lateinischen Rhetorik aus St. Gallen als Beispiele rednerischer Figuren einverleibt, nicht zu einem Ganzen verbunden, aber mit geringer Unterbrechung einander folgend. Daß sie, wenn auch nur als Bruchstücke, zusammengehören, ist nach dem Vorausgeschickten kaum zu bezweifeln. Im heftigen Zusammenstoß ist dem Helden der Schild abgehauen und jetzt, wie Dankwart, schirmlos sich durchkämpfend, hat er sein Gleichnis an dem Eber, der, in der Seite den Speer, dennoch mit aufrechter Kraft riesenmäßig dahergeht. Die ungeheure Größe des Ebers übersteigt alle die früheren Schilderungen, aber hier ist auch nicht Erzählung, sondern spruchartiger Preis der Tapferkeit in fabelhaftem Bilde.

Im heidnischen Norden war es, nach den Sagen, gebräuchlich, am Julabend beim Trinkmahl auf Haupt und Borsten des vorgeführten Sühnebers Gelübde abzulegen; dieser Juleber war dem Frey oder der Freyia geweiht und aufgezogen, er wird einmal geschildert: groß, wie der größte Ochse, und so schön, daß jedes Haar von Golde zu sein schien. Die Geschwister Frey und Freyja waren keine Kriegsgottheiten, sie walteten, wie ihr Vater Niörd, der milden, gedeihlichen Witterung, weshalb sie um fruchtbares Jahr und Frieden angerufen wurden; auch der Goldeber ist, wie schon die Farbe zeigt, ein zahmer und seine Bedeutung eine friedliche, er wird um Jahressegen geopfert, und die altnordische Sage setzt ihn mit einem Gerichte, der Bürgschaft des Friedens, in dieselbe Beziehung, die noch am reinen Goldferch eines hessischen Weistums zum Vorschein kommt. Gleichwohl sind die Julgelübde, auch die auf den Eber, mehrfach auf gewagte Unternehmungen gerichtet, auf streitfertige Werbung um eine Königstochter, um die Braut eines andern; beim Jultrinken, dem Feste der Wintersonnenwende, wurde nicht bloß an den wirtschaftlichen Segen des angehenden Jahres gedacht, rüstige Männer faßten und weihten auch ihre kecken Vorsätze für die wieder beginnende Zeit der Heldenfahrten. Es scheinen sich in jener sagenhaften Julfeier ursprünglich verschiedene Handlungen zusammengefunden zu haben, heldenhaftes Gelöbnis auf die Jagdbeute, den streitbaren Waldeber, und ländliches Jahresopfer. Verwandte Gebräuche in Altengland betreffen noch durchaus den wilden Eber. So kommt in dem strophischen Gedichte von Arthurs Gelübde, aus dem 14. Jahrhundert, an den Hof zu Carlisle die Nachricht von einem grimmen Eber im Ingulwalde, der, höher als ein Roß, breiter als ein Stier, die Hunde niederschlage, den Jagdspeeren trotze, und beim Wetzen seiner drei Fuß langen Hauer die Büsche mit den Wurzeln ausreiße; sofort ruft König Arthur drei seiner Ritter auf, tut vor ihnen das Gelübde, bis zum nächsten Morgen, ohne jemands Hilfe, den wilden Satan niederzuwerfen, und befiehlt ihnen, gleichfalls Gelübde zu tun, worauf sie bereitwillig Wagnisse oder schwierige Vorsätze andrer Art angeloben; er selbst aber hetzt und bekämpft den wütenden Eber, dessen Lager mit erschlagenen Männern und Hunden bedeckt ist; schon ist des Königs Speer zersplittert, sein Schild zertrümmert, sein Roß getötet, er kniet nieder und betet, dann läßt er das Untier in sein blankes Schwert rennen, zerlegt weidmännisch die Beute und steckt das Haupt »dieses Kühnen« auf einen Pfahl, kniet abermals und preist Gott; auch die drei Ritter erledigen ihre Wette. Die Angelöbnisse geschehen hier nicht auf Haupt und Borsten des Riesenebers, dennoch ist es sein wunderhaftes Erscheinen, was dieselben hervorruft, und das eine hat in der Aufsteckung des Oberhauptes sein Ziel erreicht. Auch der vermessenen Jagd des Herzogs Begues wird, obgleich nicht ausgesprochen, ein Gelübde zu unterstellen sein, das nämlich: seinem lange nicht gesehenen Bruder das Haupt des Ungeheuern Ebers zu bringen. Wieder in altenglischem Gedichte verheißt der junge Tristrem, den Tod seines Vaters an Herzog Morgan zu rächen oder von dessen Hand zu fallen: eher soll niemand ihn wieder in England sehen: mit einem Gefolg andrer Jünglinge kommt er an den Hof des Herzogs, als dieser eben sein Brot schneidet, sie geben sich für zehen Königssöhne ans, deren jeder ein Eberhaupt zum Geschenke bringt, aber nach kurzem Hader trifft Tristrems Schwert den Trotzigen, der ihm den Vater und das Erbe geraubt: abermals läßt sich ein erloschener Zusammenhang zwischen den Eberhäuptern und dem vorgesetzten Heldenwerk mutmaßen. Die Einbringung des Oberhauptes in die Festhalle war, gleich jenem Wettstreit zwischen Holst und Epheu, ein wichtiger Teil der englischen Weihnachtfreude. Diese gemahnt durchaus an das alte Opfermahl zur Feier der Sonnenwende, wie ihr auch der vorchristliche Festname Jul geblieben ist. Unter dem Spiele der Minstrels wurde der Eberkopf »dem Herkommen gemäß« auf die königliche Tafel getragen. Noch 1607 wird der Hergang in der Gelehrtenschule zu Oxford so beschrieben: das erste Gericht war ein Eberhaupt, das von dem Größten und Stärksten der Wache getragen wurde, vor ihm gingen als seine Diener, zuerst einer im Reiterrock, einen Eberspieß in der Hand, nächst diesem ein andrer, grüngekleideter Jäger mit bloßem, blutigem Weidmesser, hinter ihm zwei Pagen in Taftkleidern, jeder mit einer Senfschüssel, hierauf kam der Träger des Eberhauptes mit grüner Seidenschärpe, an der die leere Scheide des vorgetragenen Weidmessers hing: beim Eintritt in die Halle sang er ein Weihnachtlied, und die drei letzten Zeilen jedes Gesätzes wurden von der ganzen Gesellschaft wiederholt. Bis in die letzte Zeit trugen die Schüler von Oxford einen aus Holz geschnitzten, bekränzten Eberkopf in feierlichem Umzug und sangen dazu ein halblateinisches Lied. Unter den altern Gesängen, die zu diesem Weihnachtbrauche gehörten, entspricht vor allen einer dem weidmännischen Aufzuge: »Neues bring' ich und sag' ich euch, was mir im wilden Walde zustieß, da ich mit einem wilden Getier mich befassen mußte, einem unwirschen Eber: er verfolgte mich und stürmte heftig an, mich zu töten, da bändigt' ich ihn und schlug ihm alle Glieder ab; zum Beweise, daß es wahr ist, schlug ich sein Haupt mit meinem Schwert herab und schaffte diesen Tag euch neue Lust; esset und laßt's euch wohl bekommen, nehmt Brot und Senf dazu, freut euch mit mir, daß ich so getan, seid fröhlich all zusammen.« Frisch aus dem Walde kömmt hier der Bezwinger des Ungetüms herbeigerannt, verkündigt seinen Sieg und weist zum Zeichen desselben den abgeschlagenen Eberkopf vor, wie die Sagenhelden das Haupt des erlegten Riesen oder Recken an den Sattel binden und in den Königssaal bringen. Eines Gelübdes auf den Eber gedenken diese Lieder nicht, und ein Teil derselben wendet sich lediglich der Lust des Schmauses zu, andre dagegen wahren das Gepräg eines gottesdienstlichen Brauches, indem sie auf sehr wunderliche Weise die Erinnerungen der christlichen Weihnachtstage hereinziehen. So wird gesungen, wie der heilige Stephan, der als Diener des Königs Herodes den Eberkopf aus der Küche herbeiträgt, einen leuchtenden Stern über Bethlehem stehen sieht, worauf er sogleich den Eberkopf niederwirft, die Geburt des göttlichen Kindes in der Halle verkündigt, dem weltlichen Herrn den Dienst aufsagt und darum auf Befehl des Königs gesteinigt wird. Noch seltsamer wird das Eberhaupt auf den Fürsten ohnegleichen, der heute geboren worden, gedeutet; der Eber sei ein fürstliches Tier, bei jedem Feste willkommen, so müsse der göttliche Herr das Erste und Letzte sein; ihm zu Ehren werde dies Oberhaupt eingebracht, der von einer Jungfrau entsprossen sei, um alles Unrecht gut zu machen. Was in der Julfeier des heidnischen Nordens verbunden war, der Sühneber und das Gelübde, das liegt in den Gedichten und Gebräuchen des englischen Mittelalters auseinander. Um so ergiebiger zeigt sich hier das Singen vom Eber bei feierlicher Einbringung der Jagdbeute, auf ahnliche Weise, wie man in Finnland den Bären empfing und begrüßte. Für die althochdeutschen Liederreste vom Kampfe der Recken und von der rüstigen Kraft des Riesenebers ist ein entsprechender Festgebrauch noch aufzuspüren.

Der Wolf, wenigstens der einzeln gehende, erschien nur für Hof und Herde, nicht für den wehrhaften Mann gefährlich. Er wurde nicht wie der Eber, bekämpft, sondern, wo er sich blicken ließ, mit Geschrei und Hundegebell, mit Knütteln und Stangen verfolgt. Mit der Heldenwelt tritt er hauptsächlich nur dadurch in Beziehung, daß er beutegierig dem Heere folgt und die Walstätte sucht. Demgemäß hat Odin, der Heldenvater, zwei Wölfe, die er von seinem Tische sättigt; wenn die Krieger zum Kampf ausziehen, da fahren des Gottes »Hunde« leichengierig über das Land: die Begegnung und das Voranlaufen des Wolfes ist ihnen ein heilverkündendes Zeichen. Angelsächsische Schlachtschilderungen lassen dann den Wolf im Walde sein Schlachtlied anstimmen, sein wildes Abendlied singen. Auch ein Heldenlied der Edda spricht von Wolfsliedern im Gehölze draußen. Die Wolfstimme klang wie grauenhafter Gesang. Chanteloup (in lateinischen Urkunden Cantalupo) ist ein in Frankreich mehrfach vorkommender Ortsname, eigentlich Bezeichnung einer Waldgegend, die von solchem Sange widerhallt. In Schweden hat man das Wolfsgeheul auf eine Tonweise gebracht, und in der südfranzösischen Landschaft Bresse versteht sich das Landvolk auf taktmäßig heulende Rufe, welche die Stimme des Wolfes nachahmen, ursprünglich wohl zur Warnung vor ihm dienend, dann überhaupt noch als Feldschrei oder als Ausbruch festlicher Lust. Auch das Tierepos weiß, obwohl nur noch in scherzhafter Meinung, vom Gesänge des Wolfs: sein Heulen ist ein Lied, das er in seines Vaters oder Eltervaters Weise singt. Was man den Wolf singen hörte, der Inhalt seines Liedes, war gewiß immer nur sein grimmiger Heißhunger; freudiger sang er, wenn er hoffnungsreich mit dem Heere zog, verzweiflungsvoll, wenn er, geächtet und verfolgt, in der Winternot umherstreifte. Wahrscheinlich gab es alte Lieder, welche der Bedrängnis des Wolfes Worte liehen und den Ton anschlugen für eine noch aufweisbare Liedergattung, worin gequälte Tiere ihren Kummer klagen. Die Wolfsklage muß in solch einfacheren Weisen gesungen worden sein, bevor sie in Spruchgedichten aus der Zeit des Meistersangs als beliebter Gegenstand ausführlicher behandelt wurde. Das älteste dieser Art, als dessen Verfasser sich der Schneperer nennt, läßt einen Wolf, der Kaufleute gen Frankfurt reiten sieht, sich mit andrem so beschweren: »Jeden läßt man treiben und tragen, was er hat, aber trieb' ich armes Tier ein Gänslein über Rhein, alle Welt liefe mir nach und schrie' auf mich als einen leidigen Schalk; käm' ich an Kaufleute gerannt, mir käme nicht in den Sinn, ihr fahrendes Gut zu nehmen: fänd' ich Silbers tausend Mark, das würd' ich ungerne mit mir tragen: nicht üppig ist meine Weise, einzig meiner Speise begehr' ich und weiß mich doch nicht zu erhalten; ich wage bei keinem Wirte zu zehren, er ließe mir die Haut zerbläuen und jagte mich wie einen Dieb hinaus: käm' ich vor den Bischof und wollte da Kunst treiben, er hieße nicht fragen, ob ich Meistergesang verstehe (abermals der sangkundige Wolf!), man würde mich von der Bank jagen, ich müßte fort und aus, oder man tötete mich noch im Hause; Gott im Himmel will ich's klagen, der mich erschaffen hat, so gut als einen Pfaffen oder sonst einen Edelmann: nun sitzen die Herren hoch auf den Festen, sie bedürfen unser nicht zu Gästen und schließen ihre Schlösser zu; auch die wohlgenährten Bürger in der Stadt verschließen gegen Nacht ihre Tore: dann bin ich armer Wolf davor und habe weder Hütte noch Haus, ich muß über das Feld aus in Sommer und in Schnee; komm ich vor des Bauern Tor, so bleckt ein großer Hund seine Zähne gegen mich und weckt den Bauren auf, derweil nehm' ich ein Pfand und entfliehe damit, doch kommt der Bauer geschwind mit all seinem Gesinde, dazu das Dorfvolk, und schreien alle: ›Faht diesen Bösewicht!‹ recht als hab' ich ein Dorf verbrannt. Das schmerzt mich sehr, denn ich kann doch nicht ungessen sein; oft lauf' ich an wälichem Wein, an Gewand (Tuchware) und Spezerei vorüber, das ist alles frei vor mir, ich tu' nur, wie mein Vater tat, der brannte weder Burgen noch Städte, zog auch nicht vor hohe Festen, aber den Bauren in den Dörfern nahm er Schafe, Rinder und Schweine, das muß auch mein eigen sein, und darum sind mir die Bauren so gram: ich kann ja weder hacken noch reuten, viel minder denn ein Edelmann, der doch von den Leuten viel begehrt! auch kann ich mit der Schrift beweisen, daß mehr Pfaffen in der Hölle sind denn Wölfe, die jeden Tag rauben, mir opfert niemand in die Hand, ich muß mich nähren durch das Land; das ist jeglichen Wolfs Klage, die er tut vor dem Hage.« Überarbeitet und erweitert kommt diese Dichtung unter dem Namen Cristan Awer vor. Hier schließt der Wolf damit: »Wer diesen Streit beilegen wollte, der müßt' ein gewaltiger Mann sein, Kaiser Friedrich nimmt sich des nicht an, heißt deshalb kein Gericht besetzen, läßt mich beschreien, hetzen und blenden, drum will ich hin wie her pfänden, wen ich beschleichen mag, er sei arm oder reich.« Die Anspielung geht auf Kaiser Friedrich III., der 1486 einen allgemeinen Landfrieden verkündigt hatte. Wieder ein Späterer, von dessen deutschem Gedichte nur ein lateinischer Auszug bekannt ist, läßt den Wolf seine Not dem Kaiser Maximilian klagen, vor dessen Richterstuhl er die gesamte Bauerschaft zu laden droht, wobei gleichfalls die habsüchtige und üppige Geistlichkeit, von der die Bauern sich mißbrauchen lassen, nicht geschont wird. Begreiflich ließ auch Hans Sachs den volksmäßigen Stoff nicht zur Seite liegen. Seine Wolfsklage vom Jahr 1543 meldet, wie der Dichter im Wolfsmonat (Dez.) durch bahnlosen Schnee sich auf das Wolfsfeld verirrt und die heulende Stimme des Wolfes hört, der, in einem Hage sitzend, nach der Art äsopischer Fabeln den höchsten Gott Jupiter anruft und die Menschen verklagt, die ihn bedrängen, während er doch nur seiner eingepflanzten Natur folge und alle die Laster und Übeltaten, die er ihnen der Reihe nach aufrückt, ihm gänzlich fremd seien: sofort schwingt sich Jupiter auf einem Adler herab und verkündigt eine plötzliche große Änderung auf Erden, bei der auch des Wolfes gedacht werden soll, daß er aus Bann und Acht komme.

Schon ältere Stücke aus dem Kreise der Tierfabel nehmen die Partei Isengrims den Menschen, seinen Verfolgern, gegenüber. Einst wandern ein Wolf und ein Pfaffe miteinander und streiten sich darüber, welcher der Bessere sei; der Handel wird vor den Bären und den Fuchs gebracht, dieser führt einerseits die Hoffart und die Üppigkeit des Pfaffen aus, andrerseits die Not des armen Wolfes, der nachts in Regen und Wind mit Gefahr seiner Haut nach Speise laufe, der einem Mann eine Ziege nehme und ihm hundert Mark liegen lasse, einem andern ein Schwein und ihm dann zehn Jahre Frieden gebe; der Bär entscheidet, daß der Wolf viel getreuer sei denn der Pfaffe. Ein andermal beichtet der Wolf seine großen Sünden dem Fuchse, der jedoch die Lossprechung nicht schwierig findet, indem er den großen Hunger des Wolfs, die grausame Verfolgung, die beständige Angst und Beschwerde, die derselbe leiden muß, in Erwägung zieht. Nicht umsonst sei der Wolf so grau, heißt es in einem deutschen Rittergedichte des 13. Jahrhunderts; denn was er in der Welt tue, sei es übel oder gut, das deute man ihm alles zum argen. Wirklich scheitern auch seine besten Absichten an der schlimmen Meinung, die man von ihm hegt. In Betrachtung seines unseligen Lebens und des ihm täglich drohenden Todes beschließt er einst, Stehlen und Rauben aufzugeben und in einem andern Lande, wo man ihn noch nie gesehen, wie ein Schaf zu gehn. So kommt er zu einer Gänseherde, die in das grüne Maiengras getrieben ist und die er gänzlich mit Frieden lassen will; allein nun wird er, als der alte Dieb, von den Gänsen heftig angefallen, und als er noch immer mit niederhängendem Haupt unter ihnen geht, sehen ihn die Dorfleute und laufen schreiend mit ihren Hunden herzu; da macht er sich von den Gänsen los, indem er ihnen die Hälse entzwei beißt, und eilt zu Walde mit dem Vorsatz, künftig nichts mehr zu verschonen. Zu andrer Zeit hört der Wolf das Weinen eines Kindes, das vor dem Wald in seiner Wiege liegt, während die Mutter ferne davon Korn schneidet: das Kind erbarmt ihn, er schleicht zu der Wiege und treibt sie her und hin, wie er die Mutter es schwingen und wiegen sah; das gewahren die Bauern, halten das Kind für gefährdet und eilen, ha ho! rufend, mit Sensen und Stangen vom Schnitte herbei, der Wolf entrinnt mit Not zum Walde und will nie mehr Gutes tun, solang er seinen Balg trägt. Diese Erbitterung über die Feindseligkeit der Menschen ist schon in einer von Fredegar zum Jahr 612 als Volksmärchen bezeichneten Erzählung ausgedrückt; der Wolf ruft seine Sohne, die schon zu jagen anfangen, zu sich auf einen Berg und spricht: »So weit eure Augen nach jeder Seite sehen können, habt ihr nirgends Freunde, außer wenigen eures Geschlechts, vollbringt also was ihr begonnen.«

Zum Mißgeschicke des Wolfs gehört aber nicht bloß die Härte des Winters und die Feindschaft der Menschen, sondern auch seine eigene Einfalt und Unbeholfenheit nebst einer übel angebrachten Lustigkeit, wodurch er sich schlimme Abfertigungen zuzieht und selbst der schon erhaschten Beute verlustig wird. Diese scherzhafte Seite seines Wesens und Treibens ist in der Tiersage, besonders in seinem Verkehr mit dem tückischen und schadenfrohen Fuchse vielfach ausgeprägt, hierher fällt die alte Geschichte, wie ihm der Hahn oder die Gans wieder aus den Zähnen wischt. Der Wolf bildet sich viel auf seinen schon belobten Gesang ein und läßt ihn gerne zur Unzeit hören. So erzählen lateinische Verse, dem Alcuin zugeschrieben, wie der Hahn, vom Wolfe gefangen, nicht so sehr seinen Tod in dessen Schlunde beklagt, als daß er nun die vielgerühmte, herrliche Stimme desselben nicht mehr hören solle, worauf der leichtgläubige Wolf seinen Höllenrachen öffnet, der Hahn aber geschwind auf einen Baum fliegt und mit seinem Gesange dessen spottet, der aus Eitelkeit vor dem Essen sich hören lassen wollte. Anders in einer altfranzösischen Fabel: eine Gans, die der Wolf zwischen den Zähnen zu Walde trägt, beklagt sich, wie viel schlimmer es ihr ergehe, als ihren zurückgebliebenen Gespielen, unter denen keine sei, die nicht an der Kohle gebraten, mit Sauertrauben und Essig eingemacht und auf Schüsseln gelegt werde; mit Lied und Saitenspiel werde jeder Bissen ausgefolgt, sie aber müsse hier sterben ohne Sang und Klang. »In Gottes Namen,« sagt der Wolf, »wir werden singen, Frau Gans, da es Euch so ansteht.« Er setzt sich auf die Hinterbeine, stößt die Pfote in den Schlund und hebt zu heulen an, da zieht die Gans klüglich ihren Hals an sich und entflieht auf eine Eiche; der betrogene Wolf zerreißt sich vor Ärger schier sein Fell und spricht: »Übel getan ist singen vor dem Essen.« Alsbald holt er sich eine andre Gans aus der Herde und verzehrt sie vor dem Singen, was er sich auch für die Zukunft vornimmt. Hoch- und niederdeutsch haben wir diese Fabel als Volkslied (s. Volksl. Nr. 205): »Im kalten Winter, da man nicht viel zu Felde liegt, sah ich vor eines reichen Bauren Hof einen Wolf traben, der eine Gans beim Kragen trug; er setzte sich nieder in den Schnee und im bittern Hunger wollt' er sie verzehren; da bat die Gans, wenn ihres Lebens nicht mehr sein solle, daß er sie ein Lied singen lasse, das fröhlich nach ihrem Tode laute von Tanzen und Springen; sie rauft sich eine der besten Federn aus ihrem Flügel, macht ein Kränzlein draus und setzt es dem Wolf auf sein Haar; des freut er sich und spricht: ,Wir wollen tanzen einen kleinen, kurzen Reigen!' sie tanzen hin und tanzen her, als wär' es Fastelabend, ich stand und sah ihnen zu, der Wolf führte den Reigen; da der Tanz am besten war, vergaß das Gänslein seinen Vorteil nicht und flog von dannen: ,Gesegne dich Gott, du schändlichs Tier, nach mir hab' kein Verlangen!' Der Wolf stand und sah ihr nach: ,Das riet mir der Teufel, daß ich nüchtern tanzte;' er schwur bei seinem Eide, das soll nun erst viel Gänsen leid werden, die Gans aber dankt ihrem Nothelfer, dem heiligen Martin, der sie vom Wolf errettet hat.« Hier also lebt die Tierfabel noch im singbaren Liede, und wenn dieses deutsche Lied auch erst im 16. Jahrhundert auftaucht, so trägt es doch den altertümlich sagenhaften Zug, daß dem zum Tode Bestimmten ein Ruf oder Sang, Saitengriff oder Hornlaut zur Letze gestattet wird. Es fällt in die Reihe der Martinslieder, von denen weiterhin besonders die Rede sein wird, und ist eines von der Art, darum die vom Wolf ergriffene Gans in der altfranzösischen Erzählung ihre glücklichern Schwestern beneidet. Dem ungeschickten Wolfe war kein Ehrenlied bestimmt, sein ungenießbares Haupt wurde nicht, wie das hochgehaltene des Ebers, mit Gesang und Spiel in die Festhalle geleitet; den armen Wolf hängte man auf, entweder am eigenen Wolfsgalgen oder mit andern Übeltätern, um ihre Schmach zu mehren, und sein totes Haupt wurde mit einem Haselstock aufgesperrt.

Lieder in verschiedenen Sprachen geben die Klage des vielgeplagten Hasen. Das deutsche dieses Inhalts ist mir nur im Texte neuerer Flugblätter zugänglich. Der Dichter hört ein Häslein, das mit einem Auge zum Strauche herausguckt, jammern: wie es vom Jäger gehetzt und vom Windspiel erschnappt, über den Rücken des Weidmanns geworfen und auf dem Markte um halbes Geld verkauft, vom Koch ausgezogen, gebeizt, gespickt, unhöflich von hinten an den Spieß gesteckt, an glühender Kohle mit Fett begossen, dann aufgetragen und zerschnitten, sein Gebein aber weggeworfen werde, daß kein Hahn mehr nach ihm krähe. Einem kleinen lateinischen Lied aus dem westfälischen Kloster Lisborn, um 1575, in derselben Reimweise wie das deutsche, mag eine ältere Fassung des letztern zugrunde liegen. Der Refrain ist: Was tat ich den Menschen, daß sie mich mit Hunden verfolgen? Ich war weder im Garten, noch fraß ich Kohl, mein Haus ist der Wald, wenn ich auf die Berge laufe, fürcht' ich die Hunde nicht, komm' ich zu Hofe, so freut sich der König, nicht ich, wenn die Könige mich verspeisen, so trinken sie Wein über mir.

Weitschweifig und im Strophenbau ausgedehnt ist das Hasenlied auf neueren niederländischen Volksblättern, doch trägt es Spuren einer einfacheren Grundlage, die mit dem lateinischen stimmte: so rühmt sich das Häschen auch hier, daß es den Hunden zu schnell sei, wenn es den Berg hinauslaufe, und daß über ihm der Adel den kühlen rheinischen Wein trinke. Die englische Hasenklage, aus einer Handschrift des 15. Jahrhunderts, ein Lied mit Stab- und Endreim, schildert nur, wie das arme Tier von den Jägern verfolgt und im Winter selbst von den Weibern aus dem Heu gehetzt wird, mehr nach Art der Wolfsklage. Im polnischen Liede sitzt der Hase am Wiesenrain und schreibt sein Testament; darin heißt es:

Der Gärtner klagte mich zwar an,
daß ich die Bäumchen ihm zernagt,
ich aber saß im Kohlgefield,
aß ein Blättchen nach dem andern wie ein Herr.

Da lärmen Jäger und Hunde heran, das Häschen aber flieht in den Wald und hebt die Blume auf den Feind.

Ein Festgericht war in Frankreich und England der Schwan, und im letzteren Lande wurden auf ihn, wie im heidnischen Norden auf den Eber, Gelübde abgelegt. Das Klagelied des gebratenen Schwans, lateinisch, steht in einer Münchner Handschrift des 13. Jahrhunderts: »Einst hatt' ich Seen bewohnt, einst war ich schön, als ich noch ein Schwan war: Armer, Armer, nun schwarz und gebrannt! (Dieser Weheruf bildet den Kehrreim.) Mich dreht und dreht der Bratenwender, mich schneidet der Truchseß auf, mich brennt der Holzstoß. Lieber wollt' ich in Wassern leben, stets unter bloßem Himmel, als in diesen Pfeffer untergetaucht werden. Weißer war ich als Schnee, schöner denn jeder andre Vogel, jetzt bin ich schwärzer als der Rabe. Jetzt lieg' ich auf der Schüssel und kann nicht fliegen, knirschende Zähne seh' ich.« Schlichteren Naturlaut hat das slowakische Liedchen, worin die Wildente, vom jungen Schützen im Fluge getroffen, mit abgeschossenem Flügel und Fuß, um ihre Kindlein klagt, die auf dem Steine sitzend trübes Wasser trinken und seinen Sand essen.

Diese Liedergattung, die Tierklage, hängt zusammen mit einer vielfältig sich äußernden Ansicht und Gesinnung, wonach jenen Geschöpfen, auch den wildesten, ihr bestimmter Anteil an den Gütern der Erde und deshalb, besonders in der Not, ein Anspruch an die besser gesegneten Menschen zukam, welchen zu gewähren für loblich und fromm, ja sogar infolge einer abergläubischen Furcht vor dem dämonischen Wesen der Tiere für ein notwendiges Opfer galt. Nicht umsonst behauptet der Wolf in seiner Klage (V. 67ff.), ihn habe Gott so wohl erschaffen, als den Pfaffen und den Edelmann. In einer Sammlung alter Aberglauben, vom Jahr 1537, wird gesagt: wenn man aus einem großen Hofe, da viel Schafe ausgehn, nach Bezahlung der Zehendlämmer, nicht auch dem Wolfe sein Lamm sende, so werd' er's selbst nehmen, wie fleißig man hüte. Der Eddamythus von Thiassi läßt den Adler, der in der Eiche sitzt, seine Sättigung von dem Ochsen, der dort gesotten werden soll, verlangen, was ihm auch zugestanden wird (Sn. Edd. 80. Sagenforsch. I, 114), und so mußte nach alter nordfranzösischer und englischer Jagdregel bei der kunstgerechten Zerlegung des Hirsches auch dem Raben, der auf dürrem Aste sitzt, sein Wildrecht, das Rabenbein, auf den Baum gelegt werden. Zur Zeit der Haferernte richteten die norwegischen Bauern Stangen mit Ährenbüscheln zum Besten der Vögel auf. Damit wird nun auch eine Stelle der mittelhochdeutschen Erzählung vom Meier Helmbrecht, einer gründlichen Darstellung des Volkslebens in Österreich um die Mitte des 13. Jahrhunderts, verständlich; der Meier empfiehlt seinem Sohne, der ein Hofmann werden will, die Vorzüge des Landbaus: »Willst du mir folgen, so baue mit dem Pfluge! dann genießen deiner viele, dein geneußt sicherlich der Arme und der Reiche, dein geneußt der Wolf und der Aar und durchaus alle Creatur.« Sei es auch nur noch Redensart, so muß doch ursprünglich zum Wesen des Ehrenmannes gerechnet worden sein, daß er von seinem irdischen Segen selbst den Wolf und den Adler nicht unbedacht ließ. Dieselbe Ausdrucksweise wird schon auf den alemannischen Grafen Udalrich, der im 9. Jahrhundert bei Bregenz wohnte, angewandt: er war so fromm und wohltätig, daß auch die Vögel seine Heiligkeit fühlten und furchtlos zu seinem Tische herflogen und von seiner Hand Speise nahmen, auch wenn die einen gesättigt wegzogen, die andern zur Sättigung herankamen. Ein lateinisches Gedicht auf den heiligen Wilhelm, Abt zu Hirsau in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhundert, berichtet erst, wie derselbe auf dem Wege von Nagold (Nagalthe flectebat iter etc.), nach dem Beispiel Sankt Martins, seinen Rock an zwei Bettler verteilt habe, und fügt dann bei: er habe ja oft zur Winterszeit, wenn die Felder von Schnee starrten, die Vögel gefüttert, seine Scheunen des Hafers beraubend.

Den Almosenspendungen der heiligen Mathildis, Witwe des deutschen Königs Heinrich I., wird beigezählt: sie habe täglich den Hahn gefüttert, der das Tageslicht verkündige und die Gläubigen zum Dienste des Herrn erwecke, auch habe sie der Vögel nicht vergessen, die zur Sommerzeit in den Zweigen singen, indem sie Brotkrumen unter die Bäume zu streuen befohlen; die Vögel werden hier für ihre guten Dienste belohnt. Als guter Minnesänger und seines Namens gedenk, hat Walther von der Vogelweide für die Vögel gesorgt, wie von ihm eine Chroniksage meldet: im Gange des Neuenmünsters (zu Würzburg), gewöhnlich Lorenzgarten genannt, sei Walther unter einem Baume begraben, er habe in seinem Testamente verordnet, daß man auf seinem Grabsteine den Vögeln Weizenkörner und Trinken gebe, und, wie noch zu sehen sei, habe er in den Stein, unter dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen zum täglichen Füttern der Vögel; das Kapitel des Neuenmünsters aber habe dieses Vermächtnis für die Vögel in Semmeln verwandelt, welche an Walthers Jahrestage den Chorherren gegeben werden sollten und nicht mehr den Vögeln.

Wenn in altnordischer Tochtersprache der Winter Angst, Not, Elend der Vögel genannt wird, so ist dies nicht für bloßen Redeschmuck anzusehen, Ursprung und Fortgebrauch dieser Bezeichnungen setzen ein Gefühl für das Schicksal der bedrängten Geschöpfe voraus, das gleiche Gefühl lebt auch noch in mittelhochdeutschen Dichtern, wenn sie, herkömmlich den Winter schildernd, die Not der Vögel bemitleiden. »Seit so ungelaubet steht der Wald, wo nehmen die Vögel Dach?« singt Alram von Gresten. Dieselbe Frage beim Fallen des Laubes in einem erzählenden Gedichte Heinzelins von Konstanz: »Wo nehmen nun die Vögel Dach? da man sie heuer sitzen sah, da stiebet nun der kalte Schnee; wo sollen sie bleiben sonder Stube und ohne Feuer? und hätten sie's vorher gewußt, was sie noch erleiden sollten, sie hätten viel Gesanges unterlassen.« Gehören auch solche Äußerungen nur zum Beiwerk, so sind sie doch immerhin empfunden und noch in der beiläufigen Bedachtnahme auf die Winternot der Vögelein wirkt nachhaltig der alte, fromme Natursinn.

Gleich den Tugenden der Freigebigkeit und des Erbarmens hat auch der Ruhm der Gerechtigkeit in der Beziehung auf die Tierwelt einen Ausdruck gefunden. Der vollkommene Kaiser oder König, als oberster Verwalter des Richteramts, spricht sagenhaft auch den Tieren Recht. Den verfolgten Wolf hörten wir klagen, daß der Kaiser Friedrich ihm kein Gericht bestelle. Gewissenhafter war Kaiser Karl. Er ist dem deutschen Mittelalter Urhab und Vorbild aller Gesetzgebung und Rechtspflege. Karls Recht, Karls Lot waren sprichwörtlich. Man erzählte von seinem Scharfsinn in schwierigen Rechtshändeln und wie er auch die verworfensten Tiere nicht von seinem Gerichte ausschloß. Als er einst zu Zürich verweilte, ließ er eine Säule mit einer Glocke und einem Seile daran errichten, damit es jeder ziehen könne, der Handhabung des Rechts fordre, wann der Kaiser am Mittagsmahl sitze; eines Tags erklang die Glocke, doch wurde niemand beim Seile gefunden, es schellte von neuem und nun sah man, daß eine große Schlange die Glocke zog; Karl stand auf und wollte dem Tiere, nicht weniger als den Menschen, Recht sprechen, die Schlange führte ihn an das Ufer eines Wassers, wo auf ihrem Nest und ihren Eiern eine übergroße Kröte saß; Karl untersuchte und entschied den Streit der beiden Tiere dergestalt, daß er die Kröte zum Feuer verdammte und der Schlange recht gab; diese kam bald darauf wieder an den Hof, hob den Deckel von einem Becher, der auf dem Tische stand, und legte aus ihrem Mund einen kostbaren Edelstein; an der Stätte des Schlangennestes ließ Karl die Wasserkirche bauen. Denselben Vorgang verlegen die Gesta Romanorum (c. 105) unter die Herrschaft des Kaisers Theodosius, auch eines Gesetzgebers, und lassen ihn durch den Edelstein von der Blindheit geheilt werden. Im Roman von den sieben Meistern schreien drei Raben Tag und Nacht über dem Haupt eines Königs, der ihnen, so sehr es ihn belästigt, doch kein Leid zufügen will; ein Knabe, der die Sprache der Vögel versteht, wird vor den versammelten Hof gebracht, und während die Vögel in den Ulmen über dem Sitze des Königs schreien, erklärt er ihr Anliegen so: es sind zwei Raben und eine Rabin, mit dieser hat der große Rabe dreißig Jahre in Frieden gelebt, als aber fernd teure Zeit einfiel, verließ er sie und suchte anderswo seine Nahrung, die Verlassene wandte sich in ihrer Armut an den andern Raben, der ihr auch aushalf und sie zur Genossin nahm, nun ist der alte Rabe zurückgekommen und seiner Frau wegen zornig, allein jener will sie nicht wieder abgeben, vielmehr seinen Anspruch im Rechtswege behaupten, und darüber gehen sie den König um richterliches Urteil an. Der König bringt die Sache sogleich vor seine Ritter und Bürger und einstimmig wird das Urteil gefällt, daß der verloren haben solle, der in böser Zeit sein Weib verlassen. Als die Raben dieses hören, fährt der alte hinweg, indem er einen Klageschrei ausstößt, die beiden andern fliegen fröhlich von bannen. Aber nicht bloß in der Sage stehen die Tiere vor Gericht. Wenn in der früher angeführten Fabel der Pfaffe für seinen Streit mit dem Wolfe sich den Richterspruch des Bären gefallen ließ, so erfordert die Gegenseitigkeit, daß auch die Tiere den Gerichtszwang der Kirche anerkennen. Die Bischöfe von Chur und Lausanne, auch nach des letzteren Vollmacht der Leutpriester zu Bern, sprachen im 15. Jahrhundert den Kirchenbann über schädliche Tiere; Raubfische, Erdwürmer, Heuschrecken, Mäuse; selbst noch im Jahre 1772 wurden Wölfe gebannt. Aber jene Bannsprüche setzten strenge Beobachtung der landüblichen Rechtsform voraus: die Vorladungen sollten an Wassern, auf dem Feld und in Weingärten verkündigt, einige Tiere vor das Landgericht gebracht, ihr Fürsprecher, wie der des Volkes, gehört und nach genau eingehaltenen Fristen unter feierlichem Gebete die Geschöpfe Gottes, weil doch jedes seinen Platz haben müsse, in wildes Gebirg gebannt werden. Ein solches Verfahren fand auch 1519 vor dem Richter von Glurns und Mals in Tirol wider die Lutmäuse (Feldmäuse) statt, wobei für die Abziehenden sichres Geleit vor Hunden und Katzen begehrt, auch den Trächtigen und den ganz kleinen Mäuschen ein Aufschub von vierzehn Tagen bewilligt wurde.

Vögel und Waldtiere waren in ihrer Winternot zunächst den armen Leuten gestellt, die Armen der Wildnis. Es kommt aber eine Zeit, wo es hoch bei ihnen hergeht; im grünen, dichten Walde, sicher und wohlgenährt, halten sie lustige Wirtschaft, die nach dem Bild eines menschlichen Hochzeitfestes dargestellt wird und wobei den einzelnen Tieren, teils nach ihrer Gestalt und Eigenschaft oder in scherzhaftem Widerspruche mit diesen, teils auch in spielender Willkür oder nach Laune des Reimes, die Rollen zugeteilt sind. Diese Tierhochzeiten bilden wieder einen ansehnlichen Liederstamm. Die Hochzeit des Wolfes ist litauisch besungen: Der Bär kommt angefahren mit einem Fasse voll Alus, um dem Wolfe Hochzeit auszurichten; das Stacheltier ist Freiersmann, der Fuchs Brautführer und der Hase muß den Wagen führen; der Iltis braut den Alus, der Sperling rührt den Maisch und der Kuckuck trägt den Hopfen herbei; der Stier haut das Holz, der Hund wäscht die Töpfe, der Kater fängt das Fleisch zusammen; der Storch macht Harfenspiel, der Bär bläst Posaune, der Wolf, der fröhliche, führt die Ziege zum Tanze: »Wenn mit gutem Willen, – sagt er – werd' ich mit der Muhme tanzen, wenn mit bösem, werd' ich sie zerreißen.« »Und aus deinem Fell – erwidert sie – wird ein Pelz dem Hirten werden, der mich hütet bei Klee und Hafer.« Die Bewerbung des Wolfes um die Geiß ist auch sonst eine verdächtige, in einer mittelhochdeutschen Erzählung sucht er sie vom Reise heranzulocken, wird aber von ihr betrogen. Seine Heirat mit dem Lamme ist altsprichwörtlicher Ausdruck für eine niemals kommende Zeit.

Dem Fuchse bestellt ein lettisches Volkslied die Hochzeit: »Lustig auf, ihr kleinen Vögel! ich will eine Braut mir nehmen; der Star soll uns die Pferde satteln, denn er hat einen grauen Mantel; der Biber mit der Mardermütze muß unser Fuhrmann sein; der Hase mit den leichten Füßen, der muß den Vorreiter machen; die Nachtigall mit heller Stimme muß die Lieder singen; die Elster, die beständig hüpft, muß uns die Tänze ordnen; der Wolf mit seinem großen (Horn) Rachen muß uns die Dudelpfeife spielen; der Bär mit seinen großen Tatzen muß das Holz zerspalten; der Rabe mit dem krummen Rücken muß das Wasser tragen; die Schwalbe mit der schwarzen Schürze muß die Geräte waschen; das Eichhorn mit dem dicken Schweife muß den Tisch abwischen; der Fuchs mit seinem hellen Kleide darf bei der Braut allein nur sitzen.« Aus dem Munde der Wenden im Lüneburgischen ist ein Lied genommen, worin die Hochzeit der Eule mit dem Zaunkönig ausgerichtet werden soll, aber keines die ihm angewiesene Stelle übernehmen will. Die Eule selbst sagt: »Ich bin eine sehr gräßliche Frau, kann die Braut nicht sein!« und der Zaunkönig: »Ich bin ein sehr kleiner Kerl, kann nicht Bräutigam sein!« so nacheinander die Krähe, als Brautführer aufgerufen, der Wolf als Koch, der Hase als Einschenker, der Storch als Spielmann; nur der Fuchs, zum Tische bestimmt, will dazu seinen Schwanz voneinander schlagen lassen. Mit der Eule will es sich auch beim litauischen Gastmahl des Sperlings nicht gut schicken: Dieser hat Alus gebraut und alle Vögel zu Gaste geladen, er führt die Eule zum Tanz und tritt ihr auf die Zehe, da eilt sie vor Gericht, er aber in den Zaun.

Norwegisch und dänisch finden wir die Hochzeitfeier zwischen Raben und Kranich ausführlich im Liede geschildert: weit östlich im Krähenholz, da ist ein schöner Weiler, alle Tiere, die in der Welt sind, sammeln sich dort; der Bär, der vornehmste Bursch im Walde, sitzt nachdenklich am Abhang; soll er schwimmen über die breite Bucht, da werden ihm die Hosen naß, ratlos hat er die ganze Nacht geklagt, ihn trägt kein Boot, eine Schüte muß er entlehnen, zur Hochzeit im Wald, in den Rabenweiler, ist er geladen, Rabe soll Bräutigam sein, Kranich die Braut, der Bär Küchenmeister; gelaufen kommt der Wolf, eiligst wie ein Pfeil, denn er soll Glöckner im Walde sein; geflogen kommt der Storch mit seiner langen Nase, er geht und stochert am Bach, als er das Eichhorn hört, das im Walde die Querpfeife bläst; nacheinander kommen Vögel und andre Tiere herbei, ihr Amt zu übernehmen oder Spenden zum Brautmahl zu bringen; so gibt der Kater eine Maus, der Habicht ein Küchlein, der Adler ein Wiesel, der Fuchs allerlei Gekröse; zwar meint die Krähe, gestohlne Kost brauche man nicht, der Bräutigam aber findet, daß wohl noch Mangel sei; die Otter einen aufgeschnappten Fisch, der Kuckuck eine Nuß usw., der Sperling soll Trinken herbeischaffen, und bringt ein Malzkorn; der Hahn bringt ein Roggenbrot und ist Sangmeister; der Wolf steht an der Kirchtür, auf sein Schwert gestützt, da sieht er den Strand herab einen schönen Vögelzug, die Braut tritt einher mit ihren hohen Beinen, der Reiher mit seinem langen Hals ist ihr Geleitsmann, Bachstelzen ( Steindolpen, vgl. Lex. isl. 330 b)schlagen die Trommel; der Wolf soll Glöckner sein und kann nicht läuten, das Kalb ist Priester und liest einen schönen Text; nun beginnt es Abend zu werden, das Brautbett ist bereit, das herrlichste Gras im Walde; Bräutigam und Braut setzen sich auf den Hochsitz mitten unter ihre Gäste; der Sperling setzt sich zu oberst, er dünkt sich nicht klein zu sein, die Elster soll einschenken, aber sie kann sich nicht auf dem Estrich drehen vor ihrem langen Schwanz, Eule, Fleischmeise und Dohle ziehen die Klingen gegeneinander, der Bär trinkt einen Rausch; Rabe nimmt seine Braut in den Arm und jedes zieht nach seinem Heimwesen; ging es ihnen nicht wohl auf dieser Fahrt in den Rabenweiler, so lasse doch Gott es uns ewiglich wohlergehn!

Bis hierher ist noch der rauhe Wald voriger Zeiten und nördlicher Länder Schauplatz der Tierfeste, Wolf und Fuchs sind die Hochzeiter oder doch sonst bei der Feier geschäftig, selbst der ehrwürdige Bär kommt herangeschifft; beim Gastgebote des Sperlings sind zwar nur die Vögel versammelt, aber auch hier, wie im wendischen Lied, ist die gräßliche Eule Hauptperson. Dagegen sind die zwei deutschen Stücke dieser Gattung, lustig und frühlingsheiter, ganz im Reiche der Vögel gehalten (s. Volksl. Nr. 10). Weniger feste Gestalten und Gruppen, keine so gründliche Festordnung und Bestellung des Schmauses, mehr Geflatter, spielender Scherz und Reimklang; dabei aber stets noch Handlung und persönliches Leben, weit hinaus über die allgemeinen Züge der sommerlichen Vogelwonne in den Minneliedern, wo nur etwa vom stolzen Waldgesinde gesprochen wird, oder, am nächsten herankommend, Wolfram von Eschenbach die Vögel zur Maienzeit ihre Kinder mit Gesange wiegen läßt. Die beiden volksmäßigen Stücke haben eine Form und Anlage und treffen im einzelnen oft wörtlich zusammen, gehen aber auch, nicht bloß in gleichgültigen Zügen, auseinander. In dem einen bringt der Habicht dem fischenden Reiher und dem Storche die neue Märe, daß dort vor jenem Holz eine Vogelhochzeit sei, Amsel der Bräutigam und Drossel die Braut, einen Rautenkranz tragend. Das andre, schon auf einem fliegenden Blatte um 1530, nennt viel sinniger Frau Nachtigall als Braut und den Gimpel als Bräutigam, eine Verbindung, die in allen Zeitaltern vorkommt und dem Liede zu besondrer Würze dient. Die Drossel hat nach dieser Fassung vor dem grünen Walde gekuppelt und die Amsel lobt mit ihrem schallenden Gesänge die Braut; der schwarze Rabe ist Koch, was man noch an seinen Kleidern sieht, die Elster bringt der Braut die Hofspeise, der Finke trägt ihr zu trinken; der Pfau führt sie zum Tanz und der Hahn führt den Reigen; der Emmerling bringt ihr den Mähelring; der Sittich ist als fremder Gast auf die Hochzeit geladen; die Turteltaube bringt der Braut eine grüne Schaube(Frauenmantel von Laub), die Gans führt ihr den Kammerwagen, die Ente leitet. Einiges hiervon ist der erstgedachten Darstellung gemeinsam, eigentümlich ist ihr, daß der Kuckuck geigt und die Laute schlägt, daß man den Rotkopf zu Tode trinkt, daß der Auerhahn vorn am Tanze sein will, das Ganze ist hier bis zur doppelten Strophenzahl erweitert, namentlich durch gehäuftes Reimspiel auf die Namen der Vögel, was sich oft drollig genug ausnimmt, aber auch von späterer Fortführung des im einfacheren Liede angeschlagenen Tones zeugt.

Am Schluß einer Aufzeichnung heißt es: wer dies nicht glauben wolle, soll selbst zur Hochzeit kommen; und wirklich gehört es zum Verständnis eines solchen Scherzliedes, hinauszugehn in den frischergrünten Wald, zu sehen und zu hören, was da für ein Leben ist, für ein Flattern und Gaupeln, Rauschen und Jagen im lichten Gezweig und durch die unsteten Schatten, welch vielstimmiges Singen, Zwitschern, Girren und dazwischen ein seltsamer Lachruf, ein wilder Schrei aus dem tieferen Walde.

Zwei kleine Tiere sehr verschiedener Natur, der Frosch und die Maus, sind schon in Dichtungen der alten Welt zusammengeführt. Der altgriechische Gesang vom Kriege der Frösche mit den Mäusen gibt diesem heftigen Kampfe folgenden Anlaß: als einst der durstige Sohn des Mäusefürsten den zarten Bart an einen Teich legt, wird er vom König der Frösche eingeladen, dessen gepriesene Wohnung zu besichtigen; er steigt auf den Rücken des Gastfreunds, umfaßt den Hals desselben und wird so, bald freudig, bald angstvoll, von dem Schwimmenden hingetragen, plötzlich bäumt eine Wasserschlange sich auf, der Frosch taucht unter, der Mausjüngling aber geht jämmerlich zugrunde und droht noch sterbend mit der Rache seines Volkes, die nun auch mächtig über das Heer der Frösche hereinbricht. Dem Lehrzwecke der äsopischen Fabel hat sich die Sache so gestaltet: die Maus bittet den Frosch, ihr über das Wasser zu helfen, der Frosch bindet sein Hinterbein an ihren Vorderfuß und schwimmt mit ihr bis in die Mitte des Flusses, hier taucht er unter und will sie treulos hinabziehn, ein Habicht erblickt die ringende Maus, hascht sie und zieht zugleich den angebundnen Verräter mit sich. In der Literatur des Mittelalters kommt diese Fabel häufig vor, deutsch in Boners Edelstein und, schon früher, altfranzösisch, jedoch aus dem Englischen übersetzt, in eigentümlicher Ausführung, bei einer Dichterin des 13. Jahrhunderts: eine Maus, die ihren Haushalt in einer Mühle hat, sitzt eines Tags auf der Türschwelle und putzt ihre Barthaare; ein Frosch kommt vorüber und fragt: ob sie die Frau vom Hause sei, als die sie sich benehme? Die Maus bejaht,es, könne sie doch ringsum in allen Schlupfwinkeln herbergen und sich erlustigen; sie ladet ihn ein in der Mühle zu übernachten, es soll ihm an Mehl und Korn nicht fehlen; als sie ihn nachher fragt: was er von ihrem Essen halte? bemerkt er, wenn es nur auch gewässert wäre, und beredet sie, nun ihm in seine Wohnung zu folgen, wo alles Guten die Fülle sei; sie geht mit ihm, aber die Wiese ist so voll Taues, daß die durchnäßte Maus zu ertrinken fürchtet und umkehren will, doch er nötigt sie weiter zum Flusse, wo sie weint, daß sie nicht schwimmen könne; nun binden sie sich zusammen, er will mit ihr untertauchen, der Raubvogel holt beide, weil aber der Frosch wohlbeleibt und groß ist, verzehrt er diesen und läßt die Maus laufen. Die lehrhafte Nutzanwendung bleibt auch hier nicht aus, doch ist eine Umkehr der Lehrfabel zur absichtloseren Darstellung der Tierwelt, in der Weise des Frösch- und Mäusekriegs, bereits eingetreten. Durchaus märchenhaft aber sang man in England und Schottland von der Hochzeit des Frosches und der Maus. Nach dem englischen Lied, aus einer musikalischen Sammlung von 1611, reitet der Frosch auf Brautwerbung, Schwert und Schild an der Seite, hoch zu Roß in pechschwarz glänzenden Stiefeln; vor der Mühle ruft er, ob die Frau Maus drinnen sei? Die staubige Maus kommt heraus, stellt sich als Frau vom Hause vor und gibt dem Freier ihre Geneigtheit zu erkennen. Hierauf zieht er einen feinen Heller (farthing)heraus und heißt Brot und Wein holen. Herr Ratte soll die Trauung vornehmen und sie haben zum Abendessen drei Bohnen in einem Pfund Butter. Als sie im besten Essen sind, kommt der schlaue Gib (Gilbert), unser Kater, herein und packt die Maus am Genick. Der Frosch hüpft über den platten Boden, da kommt der gefräßige Dick (Richard), unser Entrich, und schleppt ihn nach dem Teich; Herr Ratte läuft an der Wand hinauf und verwünscht die saubere Gesellschaft. Andre Einzelheiten hat das schottische Lied noch neuerlich in Volksmunde: die Maus sitzt und spinnt in der Mühle, als der Brautwerber geritten kommt; sie setzt ihr Jawort auf die Heimkunft des Oheims Ratte aus. Dieser befiehlt sogleich, die Braut aufzuputzen, und sie setzen sich zu Tische. Da kommt die Ente mit dem Entrich und faßt den Frosch, daß er quiekt. Der Kater kommt mit der Fiedel auf dem Rücken und fragt, ob man Musik brauche? Der Frosch schwimmt den Bach hinab, aber der Entrich erhascht ihn; der Kater reißt Herrn Ratte nieder und die Kätzchen zerkratzen ihm den Schopf, nur die schlanke, kleine Frau Maus kriecht in ein Loch unter der Mauer. »Quiek nur!« spricht sie, »ich bin davon.« Wenn auch die Aufzeichnungen dieses Märchenliedes nicht hoch hinauf- gehn, so ist doch Zeugnis vorhanden, daß solches schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts im Schwange war. Bedenkt man aber, daß die altfranzösische Dichterin Marie, nach ihrer eigenen Angabe, aus englischer Quelle geschöpft hat und daß ihre Erzählung in solchen Zügen, durch welche die äsopische Fabel episch belebt wird, mit der Ballade auffallend übereinkommt, so ergibt sich die Vermutung, daß schon im 13. Jahrhundert der Schwank von der Hochzeit des Frosches mit der Maus in England volksmäßig war und nun mit der Lehrfabel in Verbindung kam. Durch sämtliche Darstellungen, von der altgrichischen an, schreitet das unerbittliche Schicksal, als Wasserschlange und Habicht, als Kater und Entrich. Eigentümlich der englisch-normännischen Auffassung ist das idyllische Landschaftsbild, die Mühle mit der hausfräulich spinnenden Maus am Teiche, daraus der schmucke Frosch aufsteigt; es spiegelt sich hierin ein menschliches Verhältnis, das gleichfalls Gegenstand des Volksgesangs ist, wie die lose Müllerin, in ihrer Tür stehend, den artigen Fischer lockt, der in seinen Lederstiefeln mit Reitstock und Schnappsack vorüberkommt.

Wie zum Hochzeitzuge, so werden auch zu Leichenbegängnissen die Tiere eingereiht. Eine lateinische Beispielsammlung zum Gebrauche der Prediger, die einem englischen Mönche des 12. Jahrhundert zugeschrieben wird, erzählt: als der Wolf gestorben, versammelt der Löwe die Tiere und läßt die Bestattung feiern. Der Hase trägt das Weihwasser, Igel die Kerzen, Böcke läuten die Schellen, Dachse graben die Gruft, Füchse tragen den Toten, Berengar, der Bar, hält die Messe, der Ochs liest das Evangelium, der Esel die Epistel; nachdem Messe und Beerdigung ausgerichtet sind, schmausen die Tiere stattlich von der Verlassenschaft des Wolfes und wünschen sich auch eine solche Leichenfeier. Die angehängte Moral führt aus, daß so beim Tod eines reichen Wucherers die Äbte alle Brüder des Klosters versammeln, schwarze und weiße Mönche mit den übeln Eigenschaften vorbenannter Tiere. Mit andrer Rollenverteilung ist im altfranzösischen Renart dieselbe Zeremonie dem scheintoten Fuchse veranstaltet: Brichemer, der Hirsch, liest die Epistel, Ferrant, der Klepper, das Evangelium, der Erzpriester Bernart, der Esel, singt die Messe, hierauf ersucht der König Löwe Braun den Bär, das Grab zu machen, Chantekler, der Hahn, soll das Rauchfaß nehmen, Brichemer und Belin, der Widder, die Bahre tragen, Isegrim das Kreuz, die Ziege mit der Trommel gehn, Ferrant eine wallissche Weise auf der Harfe spielen, Coart der Hase, Tibert der Kater und Hubert der Weihe sollen brennende Kerzen tragen, die Mäuse sollen die Schellen läuten und der Affe die Grimasse schneiden, Bernart den Leichnam in die Erde legen, und so geschieht es auch mit großer Feierlichkeit; als aber Renart zugedeckt werden soll, schlägt er, aus der Ohnmacht erwachend, die Augen auf, springt mit gleichen Füßen aus der Grube, faßt mit den Zähnen den Hahn, der das Rauchfaß hält, und entläuft ins Gehölze. Mit dieser Darstellung des Totenamts und Leichenzugs stimmen in der Hauptsache die Steinbilder, die im Straßburger Münster der Kanzel gegenüber in der Höhe ausgehauen waren, aber 1685 weggemeißelt wurden: der Hirsch am Altar lesend, hinter ihm der Esel aus dem Meßbuch singend, das ihm der Kater hält; der Bär mit Weihkessel und Sprengel an der Spitze des Leichenzugs, nach ihm der Wolf mit dem Kreuze, der Hafe mit der Kerze, Eber und Bock den schlafenden Fuchs auf der Bahre tragend, unter ihnen der Affe. So hat dieses Stück der Tierfabel in der Baukunst Stätte gehabt, ein Volkslied von der Bestattung des Wolfes oder des Fuchses ist in deutscher Sprache so wenig als in andern aufgefunden. Die Leichenbegängnisse sind auch im Verhältnis zu den Hochzeiten der Tiere die abgeleitete Form; erscheinen jene urkundlich früher, so spricht für den Vorgang dieser nicht bloß ihr altertümliches Gepräge, besonders in den Liedern aus nördlichen Ländern, sondern auch die innere Beschaffenheit beider Arten, die Hochzeitlieder haben sichtlich ihren Ursprung in der Anschauung des lustigen Lebens im Walde, zu dessen heiterer Darstellung die menschlichen Gebräuche, selbst mit der kirchlichen Trauung, das Mittel abgeben, den Bestattungen konnte kein so unmittelbarer Eindruck aus der Tierwelt zugrunde liegen, bei ihnen ist der Kontrast des tierischen Wesens mit den Feierlichkeiten der Kirche die Hauptsache, und wenn dort nur die menschlich aufgestutzten Tiere sich drollig ausnehmen, so war hier ein satirischer Rückschlag auf den Tiermenschen im Priesterrocke nicht vermeidlich, was in der mönchischen Auslegung selbst lehrreich hervorgekehrt ist. Gleichwohl fehlt es der Beerdigung des scheintoten Fuchses nicht durchaus an einem naturgeschichtlichcn Anlaß. Schon im Altertum wurde geglaubt, dann auch von Kirchenvätern und der Geistlichkeit des Mittelalters, mit Anwendung auf die Truglist des Teufels, erzählt, daß der Fuchs sich tot stelle, um die herbeifliegenden Vögel zu haschen.

Lieblinge des Lieds sind die Vögel, besonders die kleinern gesangkundigen. Haben die Lieder von der Hochzeit das ganze befiederte Geschlecht zusammengefaßt, so sind andre einzelnen Zugehörigen desselben eigens gewidmet. Der kleinste von allen, der Zaunkönig, ist vorzüglich auf den Britischen Inseln besungen, und zwar in zweifacher Richtung. Einmal als freundliche Erscheinung im Winter, denn zu dieser Zeit haben sich die verschiedenen Arten der Zaunschliefer aus den Wäldern in die Gärten gezogen und lassen auch dann ihre Lockstimme hören. In Südirland tragen an St. Stephanstage die jungen Dorfbewohner von Haus zu Haus einen Stechpalmenbusch, mit Bändern geschmückt, von welchem mehrere Zaunschlüpfer herabhängen; diese Zaunkönigjungen ( wrenboys), wie sie sich nennen, singen unter andrem: »Der Zaunschlüpfer, der Zaunschlüpfer, der König aller Vögel, ward an St. Stephanstag in Pfriemkraut gefangen, ist er auch klein, sein Geschlecht ist groß, ich bitt' Euch, gute Edelfrau, gebt uns ein Mahl! – sing Hulst, sing Efeu! sing Efeu, sing Hulst!« So knüpft sich dieses Umsingen an das früher besprochene Weihnachtlied von Efeu und Hulst, und wie im letzteren befinden sich die kleinen Singvögel, hier wirklich mitaufgeführt, auf der Seite des lichtgrünen Hulstes. Ein plattdeutscher Kinderreim läßt den Zaunkönig, Grootjochen, seine Winterklage zwitschern: »Piep, piep! wie kalt ist der Reif, wie dünn ist mein Kleid, wie undicht mein Bett, wie lang ist die Nacht! wer hat das wohl 'dacht?« Nach einer andern Seite wird die Kleinheit des Zaunkönigs ins Auge gefaßt und mit den hochstrebenden Einbildungen und Unterfangen, die man ihm beimißt, in komischen Gegensatz gebracht. Schon bei Aristoteles heißt er der Widersacher des Adlers und Plinius sagt, Adler und Zaunschlüpfer seien in Zwiespalt, weil dieser König der Vögel genannt werde; wirklich wird er in griechischer und lateinischer Benennung, wie in altdeutscher, als Königlein (βασιλιοχοσ, regulus, regaliolus, kunigli, Hoffmann althochd, Gl. 5. 12. D. Gramm. III, 363) bezeichnet. Geilers Postill spricht von ihm als dem »Zunschlipferlin, das sich wider den Adler strüßet«. Den Königsnamen veranlaßte wahrscheinlich der goldfarbne Reif um den Kopf des schmucken Sommerzaunkönigs, der deshalb auch Goldhähnlein heißt, in Verbindung mit der Lust am Widerspiel. Diese phantastische Lust ließ es aber nicht beim Namen bewenden, eine Fabel, die noch neuerlich in der brandenburgischen Mark und in Pommern lebt, aber auch in Irland bekannt ist, erzählt: wie die Vögel übereinkommen, daß der ihr König werden solle, welcher am höchsten fliege, wie beim Beginn des Wettflugs der Zaunkönig, von keinem gesehen, in die Federn des Storchs schlüpft, wie dann, nachdem die andern alle ermüdet gesunken, nur Adler und Storch aushalten und sich lange den Flug streitig machen, bis endlich auch der Storch sinkt und nun der Zaunkönig, mit ungeschwächter Kraft seinen Versteck verlassend, mit dem Adler sich mißt, den ermatteten überfliegt und König wird. Nach einem Hausmärchen aus Hessen kündigt der Zaunkönig dem Bären, der seine Kinder unehrlich gescholten hat, den Krieg an und beruft alles, was fliegt, nicht allein die Vögel, sondern auch die Mücken, Hornissen und Bienen, während der Bär die vierfüßigen Tiere heranführt, diese werden jedoch durch eine Kriegslist der kleinen Gegner zum Fliehen gebracht, und der Bär muß den jungen Zaunkönigen Abbitte tun. Beide Märchen spitzen sich darauf zu, daß die Schlauheit des Kleinen über die Stärke des Großen siegt, aber ihre Unterlage haben sie doch in der Vermessenheit des winzigen Vogels, die nun weiter in Fabel und Lied ruhmrednerisch aufspielt. Die schon angezogene lateinische Beispielsammlung des englischen Mönchs besagt: es gibt eine Art Zaunkönig, nach dem heiligen Martin benannt, mit sehr langen und dünnen Beinen: dieser Vogel saß eines Tags auf dem Baum und rief in der Fülle seines Hochmuts plötzlich aus: »Mich kümmert's nicht, wenn auch die Himmel fallen, denn mit Hilfe meiner starken Beine werd' ich imstande sein, sie zu halten.« Eben fiel ein Laub auf den närrischen Prahler, der alsbald in großem Schrecken hinwegflog und schrie: »O heiliger Martin, heiliger Martin, hilf deinem armen Vogel!« In einem elsässischen Kindermärchen meint ein kleines Huhn, dem ein Kirschenstiel aufs Schwänzchen fiel, der Himmel wolle zusammenfallen, und zieht alle Tierlein, die ihm begegnen, in seine hastige Flucht hin. So bilden sich die Kleinsten ein, daß bei ihnen der große Weltbruch anhebe. An die Stelle des Zaunkönigs tritt in einem nordschottischen Volksliede das Rotkehlchen (Robin Redbreast): Robin hob sich von der Erde und stieg auf einen Baum: »O hätt' ich einen Schreiber, meinen Willen zu schreiben, eine Weile, bevor ich sterbe! Ich habe gebaut an jenem schönen Bachufer mehr denn dreitausend Jahr, und gerne möcht' ich mein Testament machen, wenn mein Grundherr mich hören wollte.« »Sag' an, sag' an, mein hübscher Vogel, was du mir hinterlassen willst! denn solch ein Vogel wie du, Robin, saß nimmer auf dem Strauche.« »Ich laß Euch meine hübsche Haube, meine lange, schmale Hirnschale, daß Ihr daraus Euern roten Wein trinkt; ich laß Euch meinen hübschen Schnabel, der das Korn zu picken (to stue the corn) pflegte, er sei Euch ein tutend Horn; ich laß Euch meine gute zwei Augen, die gleich Kristall sind, sie werden leuchten im Frauengemach, wenn das Tageslicht erloschen ist; ich laß Euch meine zwei lange Rippen zu Schwibbogen (kipples) für Eure Halle; ich laß Euch mein eines Bein (my thee leg), es wird Euch Pfosten und Pfeiler sein und dauern dies hundert Jährchen; ich laß Euch mein andres Bein, es wird Euch ein Pfosten und Pfeiler sein und dauern immer und ewig; Ihr sollt anjochen fünfmal zwanzig Ochsenwagen und mich zum Hügel führen, auch meine Hintersassen (inmates) wohl behandeln und den Armen die Fülle geben.« Der arme Robin hat sein Testament gemacht auf einem Schober Heu, doch herbei kam der gierige Weih und riß ihn gar hinweg; dann kam herzu das bekümmerte Goldhennlein und erhob schwermütige Wehklage: »Jede Frau hat ihren Herrn, aber mein guter Herr ist dahin!« Wenn hier das Rotkehlchen zum Prahler gemacht und die Trauer um den Toten, die sonst jenem zukommt, dem Zaunschlüpfer übertragen, mithin ein Rollentausch vorgegangen ist, so mag dies daher rühren, daß der Name des letztern eher als Robin weiblich genommen und für die trauernde Witwe verwendet werden konnte, denn es ist Zeugnis vorhanden, daß auch ein Testament des Zaunkönigs gesungen ward. Mehrseitig verweben sich die lateinisch-englische Erzählung und das schottische Lied mit früher betrachteten Tierfabeln; auch die vom Wolfe gefangene Gans hat den heiligen Martin zum Nothelfer, das Häslein im polnischen Liede schreibt selbst sein Testament, der Weihe stößt ebenso hernieder in den Geschichten von Frosch und Maus. Merkwürdiger ist jedoch, daß die Hyperbel des kleinen Vogels, der mit zahlreichen Ochsenwagen zum Hügel geführt sein will, unter den scherzhaft symbolischen Leistungen des mittelalterlichen Rechts als Antrittsgebühr eines französischen Vasallen erscheint, der seinem Lehnsherrn eine Lerche, auf einem Ochsenwagen gefahren und gebunden, zu liefern hatte, sowie auch die Beziehung Robins zu seinem Grundherrn ( my lanlord) daran gemahnt, daß ein Edelmann in Franken als Lehensabgabe dem Herrn jährlich auf Martini einen Zaunkönig bringen mußte.

Weitere Schwänke lassen den Dünkel des kleinen Geschöpfes beruhen und spielen den Lärmen um nichts gänzlich auf die Seite des Erwerbers der geringen Beute. So das dänische Lied von der geschossenen Krähe: der Bauer soll zum Walde fahren, da hört er drinnen eine Krähe schreien, er wendet seinen Wagen und fährt eilig heim, er fürchtet, die Krähe möcht' ihn beißen; bleich und rot kommt er zu seinem Weib: »Ich fürchte, die Krähe wird mein Tod, sie haut mir die Augen aus,« Das Weib versichert, die Krähe beiße durchaus keinen Mann. Nun läßt er sich den Bogen geben, spannt ihn und schießt die Krähe vom Baume. Guten Nutzen zieht er aus ihr: mit den Beinen achst er seinen Wagen, aus dem Kopfe macht er einen Kirchturmknopf, aus dem Hals einen Kerbstock, aus den Rippen einen Haublock, aus der Haut zwölf Paar Schuhe, aus der Brust eine Fahrbrücke, aus dem Kamm eine Holzsäge, mit den Federn deckt er sein Haus, aus dem Talg gießt er zwölf Pfund Lichter, aus den Füßen macht er Mistgabeln, aus den Därmen dreht er Glockenseile, aus dem Nabel macht er einen Kompaß, das Herz gibt er zum Brautschatz u. dgl. m.: nach andrer Überlieferung baut er aus den Rippen seinem Gutsherrn ein Schiff, so stattlich, als ging es in des Königs Flotte, und aus den Därmen dreht er Takel und Tau; reich wird er von der Krähe und tut sich lange gütlich samt seiner Hausfrau. Im litauischen Volksgesange schießt der Hausvater einen Sperling, die Söhne schleifen ihn auf dem Schlitten heim, die Töchter rupfen, die Mutter bratet ihn, die Gäste setzen sich an den Tisch und verzehren ihn, und indem sie den Sperling verschmausen, leeren sie fröhlich zwei Fässer mit Alus. Unter den deutschen Handwerksprüchen wird beim Gesellenschleifen der Bötticher für die bevorstehende Wanderschaft folgendes Abenteuer vorausgesagt: der Wandergeselle wird zu einem Wasser kommen, darüber ein schmaler Steg führt, auf dem ihm eine Jungfrau und eine Ziege begegnen; der Steg ist so schmal, daß sie einander nicht ausweichen können, wie soll er es nun machen? er soll die Ziege auf die Achsel nehmen, die Jungfrau unter die Arme, so werden sie alle drei hinüberkommen; die Jungfrau kann er dann zum Weibe nehmen und die Ziege schlachten, denn das Fleisch ist gut auf die Hochzeit, das Leder gibt ein Schurzfell, der Kopf einen Schlegel, die Hörner ein paar krumme Stecken, die Ohren ein paar Flederwische, die Augen eine Brille, die Nase eine Sparbüchse, das Maul eine Reifziehe, die Beine ein paar Bankbeine, der Schwanz einen Fliegenwedel, daß er seiner Frau die Fliegen wehren kann, das Euter eine Sackpfeife, womit er der Frau ein Lustiges aufspielen kann. All dieses Aufbauen, und Ausstatten des Hauses, Schiffes, Handwerks, aus den Überresten des Zaunkönigs, der Krähe, der magern Ziege ist nur der Mikrokosmus des altnordischen Weltbaus, der aus dem Körper des erschlagenen Urriesen so hervorgeht, daß aus dessen Fleisch die Erde geschaffen wird, aus dem Gebeine die Felsen, aus den Haaren Bäume, aus dem Blute das Meer, aus der Hirnschale der Himmel, aus dem Gehirne die Wolken, aus den Brauen Midgard, das Geheg der bewohnbaren Erde.

Die Reihe der Singvögel ist mit dem Rotkehlchen fortzusetzen, das zuvor schon die Stelle des prahlenden Zaunkönigs vertrat, dessen eigenes Amt aber ein andres ist. Wie das Rotkehlchen mit mildtätigem Schnabel ( with charitable bill) alle zartesten Blumen, und wann keine Blumen da sind, das dichte Moos auf ein frühes Grab zu bringen liebt, ist aus dem Cymbeline (Akt 4, Sz. 2) bekannt, und die Erklärer der Stelle haben Zeugnisse aus Shakespeares Zeit beigebracht, daß es Volksglaube war, der kleine Vogel bringe, wenn er einen Toten finde, Moos, Strohhalme, Laub herbei, um dessen Gesicht oder, wenn derselbe unbegraben bleibe, den ganzen Leichnam zu bedecken. Ausgezeichnet unter diesen Zeugnissen ist die englische Ballade von den Kindern im Walde: die zwei kleinen, verwaisten Geschwister, mitten im Walde hilflos verlassen, sterben eines in des andern Armen und erhalten von niemand ein Begräbnis, bis Robin Rotbrust unverdrossen sie mit Blättern zudeckt. Besorgt für die Menschen zeigt er sich auch darin, daß er nach einem alten englischen Liedchen beim Anzug des Winters sie mit seinem Gesange warnt, sich Frieskleider zu verschaffen, wogegen nach Aristophanes die Schwalbe ankündigt: daß man nun das Obergewand verkaufen und ein Sommerkleid kaufen soll. In der Bretagne genießt das Rotkehlchen besondrer Achtung, weil es die Schmerzen des Heilands gelindert, indem es einen Dorn aus seiner Leidenskrone zog. Deutsche Lieder gedenken desselben nicht namentlich, kennen aber ein frommes Mitleid der Vögel mit dem Gram und dem Tode der Menschen; Walther von der Vogelweide sagt von seiner freudlosen Zeit: »Die wilden Vögel betrübet unsre Klage« (Lachm. Ausg. 124 – Pfeiffer Nr. 188, 30), und noch stärkeren Ausdruck hat der Schluß tragischer Balladen, worin dem Erschlagenen zugerufen wird: »Da lieg, du Haupt, und blute, da lieg, du Haupt, und faule! um dich wird niemand trauern als das kleine Waldvogelein (Meinert 65, 68. 248).

Vom Kuckuck als Bringer des Frühlings war schon die Rede, in einem hier nicht abgedruckten Abschnitt den Hirten bringt er einen Laubsproß oder Blumen im Schnabel, zur Hochzeit der Vögel im norwegisch-dänischen Liede schenkt er eine Nuß. Daß auch letztere den Keim eines neuen sommerlichen Wachstums bedeute, lehrt die Vergleichung mit dem altnordischen Mythus von der Wiederkehr der geraubten Idun, die bald als Schwalbe, bald in Gestalt einer Nuß von dem im Falkengewand heifliegenden Loki zurückgebracht wird: im litauischen Glauben wurden Göttinnen verehrt, welche den Menschen alle Getreidesamen in einer Eichelschale zugesandt, und ein deutsches Märchen erzählt von einer Nuß, aus deren Kerne zauberhaft ein ganzer Wald von Nußbäumen erwuchs. Wie nun der Kuckuck mit Knospenzweig und Blumen freudig begrüßt wird, so hörten wir auch, wenn die Blütenzeit vorüber, seinen Tod beklagen: »im Winter aus, im Sommer an!« heißt es von ihm sprichwörtlich. In diesem leichten Sommerleben, vom Regen genetzt, von der Sonne getrocknet, zeigt ihn auch ein vielgesungenes Liedchen:

Der Kuckuck auf dem Zaune saß,
kuckuck, kuckuck!
es regnet' sehr und er ward naß.
Darnach da kam der Sonneschein,
kuckuck, kuckuck!
der Kuckuck, der ward hübsch und fein.
Da schwang er sein Gefieder als eh,
kuckuck, kuckuck!
er flog dorthin wohl übern See.

Ein Günstling der Sonne ist er schon der alten Ekloge von seiner Ankunft: »Phöbus liebt den Kuckuck in der Zunahme des heitern Lichtes.« Auch als abgewiesener Freier tröstet er sich bald; sein aschgraues Gefieder und sein seltenes Erscheinen außerhalb des Waldes geben die Farben zu dem kleinen Bilde (Volksl. Nr. 12):

Ein Kuckuck wollt' ausfliegen
zu seinem Herzenliebe.
»Pfui dich, pfui dich, du schwarzer Vogel!
so will man dich doch nirgend loben;
so fleug du hin gar balde
wohl in den grünen Walde,
kuckuck!«

»All mein' Anschlag' gehn hinter sich,
ich armer Kuckuck, woaus soll ich?
Will fliegen auf die Zinnen,
will heben an zu singen
mit freiem Mut: »du bist schabab!
weiß mir ein' andre in dem Hag,
kuckuck!«

Nur eine Sorge hat der Kuckuck in seiner schönsten Zeit, wovon Freidank meldet: wann der Gauch das erste Laub sieht, so wagt er nicht, sich dessen zu sättigen, er fürchtet, daß es ihm ausgehe.

Vor allen andern Beschwingten ist in unsern Volksliedern, wie schon im Minnesang, die tönereiche Nachtigall beliebt und hochgehalten, sie wird bald innig und zutraulich die liebe, viel liebe Nachtigall geheißen, bald erhält sie den Ehrennamen Frau Nachtigall und wird mit Ihr angeredet, Ihre Stimme dringt ja am tiefsten ins Gemüt, je schmächtiger und mißfarbiger, um so seelenhafter erscheint die Sängerin, deren mächtige Töne die zarte Brust zu sprengen drohen; aus der Dämmerung des Morgens oder in der stillen Nacht erschallt ihr Gesang zauberhaft und ahnungsvoll. An ihren Namen reiht sich denn auch am besten die ganze Folge der Lieder und Liedesstellen, in welcher Stimme und Erscheinung der Vögel vornehmlich auf die Zustände, Stimmungen und Entschlüsse der Menschenseele bezogen sind. In manchen Fällen wird sich zeigen, daß diese Beziehungen von andern, hochfliegenden Vögeln auf die kleine Nachtigall übertragen sind.

Von den Mahnungen, dem Rate der Nachtigall, dem weisen und dem betörenden, handelt eine Reihe sinniger, weithin anknüpfender Lieder. Meist bewegen sich dieselben in lebendiger Wechselrede. (Der folgende Abschnitt »Rat der Nachtigall« wird hier aus meiner Germania III, 129–146, wiederholt. Pf.)

Ein niederdeutsches (m. Volksl. Nr. 17 A) hebt an von einer Stadt in Österreich, die mit Marmelstein gemauert und mit blauem Blumwerk geziert ist, um dieselbe liegt ein grüner Wald, in welchem Frau Nachtigall singt, »um unser beider willen,« wie ein Mädchen meint, von dem sie angerufen wird:

Frau Nachtigall, klein Waldvögelein,
laß du dein Helles Singen!
»Ich bin des Walds ein Vöglein klein,
und mich kann niemand zwingen.«

Bist du des Walds ein Vöglein Nein
und kann dich niemand zwingen,
so zwingt dir der Reif und kalte Schnee
das Laub all von der Linde.

»Und wann die Lind' ihr Laub verliert,
behält sie nur die Äste,
daran gedenkt, ihr Mägdlein jung,
und haltet eur Kränzlein feste!

Und ist der Apfel rosenrot,
der Wurm, der ist darinne;
und ist der Gesell all säuberlich,
er ist von falschem Sinne.

Daran gedenkt, ihr Mägdlein jung,
und laßt euch nicht betrügen!
und loben euch die Gesellen viel,
tun nichts, denn daß sie lügen.

Zwischen Hamburg und Braunschweig
da sind die breiten Straßen,
und wer sein Lieb nicht behalten kann,
der muß es fahren lassen.«

Zum Seitenstücke mit ähnlichem Eingang bietet sich die Ansprache eines unglücklichen Freiwerbers im Antwerpener Liederbuche (Volksl. Nr. 17 B):

... in meines Vaters Hof
da steht eine grüne Linde,
darauf so singt die Nachtigall,
sie singt so wohl von Minne.

Ach Nachtigall, klein Vögelchen,
wollt' Ihr Eur Zunge bezwingen,
ich würd' all Eure Federlein
mit Golddraht lassen bewinden.

»Was frag' ich nach Eurem roten Gold
oder nach Eur loser Minne?
ich bin ein klein wild Vögelchen,
kein Mann kann mich bezwingen.«

Seid Ihr ein klein wild Vögelchen,
kann Euch kein Mann bezwingen,
so zwingt Euch der Hagel, der kalte Schnee
die Läuber von der Linden.

»Zwingt mir der Hagel, der kalte Schnee
die Läuber von der Linden,
alsdann so scheint die Sonne schön,
so werd' ich wieder singen.«

Der junge Gesell macht sich spornstreichs auf, »all über die grüne Straße«, zu den Landsknechten, die er im blanken Harnisch glitzern sieht. Beide Zurufende wollen der Nachtigall den Gesang verbieten, weil er ihren Liebeswünschen nicht günstig zu lauten scheint, aber das Mädchen erhält heilsame Warnung, und der gewitzigte Freier faßt männlichen Entschluß. Ein andrer Kriegsmann, der zu Augsburg gefangen liegt, fordert im Gegenteil die Nachtigall zum Singen auf; seine Liebste lehnt ihr Leiterlein an den Turm und hört einen Wechselgesang, dessen alles, was drinnen ist, sich erfreut (Volksl. Nr. 16):

So sing, so sing, Frau Nachtigall,
da andre Waldvögelein schweigen!
so will ich dir dein Gfieder
mit rotem Gold beschneiden.

»Mein Gfieder beschneidst mir freilich nicht,
ich will dir nimmer singen,
ich bin ein kleins Waldvögelein,
ich trau dir wohl zu entrinnen.«

Bist du ein kleins Waldvögeln,
so schwing dich von der Erden,
daß dich der kühle Tau nicht netz,
der Reif dich nicht erfröre!

»Und netzet mich der kühle Tau,
so trücknet mich Frau Sonne;
wo zwei Herzlieb beinander sind,
die sollen sich baß besinnen.

Und welcher Knab in großen Sorgen liegt
und der ein schwere Bürde auf ihm trägt,
der soll sich freuen gen der lichten Sommerzeit,
daß ihm sein Bürde geringert werd.

So hab' ich von den Weisen hören sagen:
großen Unmut soll man aus dem Heizen schlagen,
man soll ihn unter die tiefe Erde graben,
ein frischen freien Mut, den soll ein Krieger haben.

Zwischen Berg und tiefem Tal,
da liegt ein freie Straße,
wer seinen Buhlen nit haben wöll,
der mag ihn wohl fahren lassen.«

Auch hier ist der Rat ein besonnener, eine Tröstung und Ermutigung selbst für den Gefangenen. Anderwärts aber wirkt der Nachtigallschlag verführerisch und leidenschaftlich aufregend. Als der heilige Bernhard beim Besuche des Zisterzienserklosters Hinmmerod in der Eifel die Mönchszucht in tiefem Verfalle fand und zugleich der üppige Gesang der Nachtigallen ringsumher zu seinem Ohre drang, ward es ihm klar, daß dieser an dem weltlichen Sinne der Brüder schuld sei, zürnend erhob er die Hand, und sein Bannspruch zwang das ganze Volk der Nachtigallen, von dort hinwegzufliehen, sie flogen zum Frauenstifte Stuben an der Mosel. »Von der Minne« läßt Konrad von Würzburg die Sangstimme der viel lieben Nachtigall erklingen, »sie singt so wohl von Minne«, hieß es zuvor im niederländischen Lied, in den Bruchstücken eines andern wird sie von dem verlassenen Mädchen, das die Geschichte seines Unglücks erzählt, für solches verantwortlich gemacht. Davon sind nur zwei Gesätze noch unentstellt erhalten, das eine:

Es war zu Nacht, in so süßer Nacht,
daß alle die Vögelein sungen,
die stolze Nachtigall hob an ein Lied
mit ihrer wilden Zunge;

das andre:

Nun will ich ziehn in den grünen Wald,
die stolze Nachtigall fragen:
ob sie alle müssen geschieden sein,
die einst zwei Liebchen waren?

Dem besser beratenen Mädchen des ersten Liedes steht hier eine Verführte gegenüber, und schlimmer als dem jungen Landsknecht und dem Gefangenen zu Augsburg ergeht es in einem verwandten Liede den drei Gesellen aus Rosendael in Nordbrabant. Sie haben ihr Gold verzehrt, ziehen auf Freibeute und greifen einen reisenden Kaufmann an; von dem Lösegelds das sie ihm abnötigen, kaufen sie jeder ein apfelgrau Roß und reiten zu Antwerpen ein, wo sie alsbald ergriffen und auf die Folterbank gelegt werden; das macht ihr junges Herz trauern:

Nun sind all unsre Glieder lahm,
was sollen wir beginnen?
ich will nicht mehr nach Rosenthal gehn
und hören die Nachtigall singen.

O Nachtigall, klein Waldvögelein,
wie habt ihr mich betrogen!
ihr pflagt zu singen vom Birnebaum,
wo schöne Fräulein waren.

Wie diese Gesprächlieder überhaupt allerlei Verwirrung erlitten haben, so folgen hier an unrechter Stelle noch zwei Strophen (»O Nachtigall, klein Vögelein, wollt ihr mich lehren singen? usw.) mit der ständigen Formel von Zwingen und Nichtzwingen, dagegen tritt der Sinn des Vorausgehenden bestimmt und eigentümlich hervor: der junge Gesell wirft die Schuld seines Unheils auf die Nachtigall, ihr Gesang hat ihn betört, zu zügellosem Leben aufgereizt, erst in die Sommerlust zu schönen Frauen und von da auf die Wege kecken Frevels geführt, bis er zuletzt vom hohen Roß auf die Peinbank niedersteigen mußte. Liedesklänge vom wohlgezierten Schloß und der Linde, darauf die Nachtigall singt, die ihre Federn nicht mit Golde beschlagen lassen will, aber vom Zwange des Frostes und Schnees bedroht ist, haben sich auch in Dänemark und Schweden verbreitet, zum Teil wörtlich mit Deutschem stimmend, doch wieder mit andern Anknüpfungen und in freiester Bewegung. Daneben begegnet man dort solchen Liedern, worin das Belauschen des Vogelsangs nur zum Vorwand verliebter Abend- und Waldgänge dient; so besagt ein dänisches:

(Jungfrau Mette:)
Da bin ich gestanden die Nacht so lang
und hört' auf der Nachtigall süßen Sang.

(Herr Peder:)
Du horchtest nicht auf der Vögel Sang,
Doch auf Olufs vergüldeten Hornes Klang.

Ein schwedisches:

Du hast nicht gehorcht auf den Vogelsang,
du wartest auf des Gesellen Gang,

»Nicht wartet' ich auf des Gesellen Gang,
ich habe gehorcht auf den Vogelsang;«

zuletzt das Geständnis:

Die Jungfrau weinet, die Zähren rollen:
»deinethalb ging ich gestern zum Holze.«

Noch ist ein englisches Lied bekannt geworden, das von alter Zeit in Cornwallis und Devonshire umgeht und neuerlich auch von cornischen Arbeitern an den Bleigruben des Mosellands gesungen wurde: »Mein Herzlieb, komm mit! hörst du nicht den zärtlichen Sang, die süßen Weisen der Nachtigall, wie sie singt in den Tälern drunten? sei nicht erschrocken, im Schatten zu wandeln, noch in den Tälern drunten!« Das Mädchen heißt ihn allein dem Sange nachgehn, sie will ihm derweil seinen Eimer nach Hanse tragen, aber seine Bitte wiederholt sich dringender; bald darauf gehen sie als Brautleute zur Kirche, und fortan erschrickt sie nicht mehr, im Schatten zu wandeln, in den Tälern drunten, und die zärtliche Rede, den süßen Sang der Nachtigall zu hören.

Es sind sehr ausgedehnte Zusammenhänge, auf die zur Erläuterung der vorangestellten deutschen Liederweise eingegangen werden muß. Nordfranzösische Dichtungen zeigen den Eindruck des Vogelsangs in besonders stetiger Stufenfolge vom besänftigenden Rat und der Anregung sanfter Gefühle bis zur Weckung des Heldengeistes und zur Anstiftung gewaltsamen Rachewerks. Ein kleines Volkslied in der gedruckten Sammlung von 1538 betrifft die Ratfrage eines Heiratslustigen: »Nachtigallchen! was singst du hier?« »Und was begehrst du hier?« »Was ich begehre? eine Frau begehr' ich.« »So nimm nicht die Weiße, denn ihre Farbe trübt sich! nimm nicht die Rote, sie ist gar so stolz! nimm mir die Bräunliche, die so artig ist, so geliebt von Vater und Mutter, von Schwester und Bruder!« Selbst nicht von glänzendem Äußern, empfiehlt die weise Nachtigall, der anspruchslosen Liebenswürdigkeit den Vorzug zu geben. Kleine Reigen (rondes) aus der Normandie halten noch echten Volkston ein, auch an Deutsches gemahnend: »Hinter meines Vaters Haus, da ist ein Niederholz (a. eine blühende Ulme), dort singt die Nachtigall Tag und Nacht entlang; sie singt für die Mädchen, die keinen Freund haben, sie singt nicht für mich, ich hab' einen, Gott sei Dank!« oder: »An der klaren Quelle wusch ich mir die Hände, am Laub der Eiche hab' ich sie getrocknet, auf dem höchsten Zweige sang die Nachtigall. Sing, schöne Nachtigall, die du ein fröhliches Herz hast! meines ist nicht so, mein Liebster hat mich verlassen um einer Rosenknospe willen, die ich ihm verweigert. Ich wollte, die Rose wäre noch am Rosenstrauch, und der Rosenstrauch selber wäre noch zu pflanzen, und der Pflanzer selbst wäre noch nicht geboren, und mein Freund liebte mich noch.« Aussprüche der Nachtigall über rechtschaffene und unstete Liebe beleuchtet in der Neige des 13. Jahrhunderts Baude, ein flandrischer Sänger: »Ihr wißt nicht, was die Nachtigall sprach, sie sprach, daß Liebe durch falsche Liebende zugrunde ging; das sprach die Nachtigall, aber ich sage, daß der ein Tor ist, der sich von guter Liebe scheiden will usw. Wohl habt ihr die Nachtigall gehört: wenn ihr nicht redlich liebt, habt ihr die Liebe verraten, wehe dem, der sie verraten wird!« Was die Nachtigall sprach (se dist li louseignols), scheint ebenso sprichwörtlich gegolten zu haben, als die Reden Salomons oder die des Bauers (ce dist Salemons, ce dist li vilains), wenn es auch nicht, wie diese, gesammelt ist. Bei den höfischen Dichtern der früheren Zeit, Provenzalen und Nordfranzosen, gehörten die Singvögel mit zu dem üblichen Frühlingsbild am Eingange der Lieder, doch eben im nachhaltigen Gefallen an dieser Form erprobt sich ihre volksmäßige Begründung, und manchmal noch ist der Sänger von den alten Anklängen tiefinnerlich erfaßt. Statt aller sei hier von provenzalischer Seite Bernart von Ventadorn angeführt, der vom süßen Sange der Nachtigall, freudig erschrocken, in der Nacht aufgeweckt wird und selbst ein verliebtes Freudenlied zu singen anhebt; sodann aus dem nördlichen Frankreich Guiot von Provins oder Gasse Brulé, unter deren Namen ein Kunstlied geht, das so beginnt: »Die Vögel meines Heimatlands hört' ich in Bretagne, bei ihren Gesängen bedünkt es mich, daß ich sie vormals in der süßen Champagne gehört habe, mag es Täuschung sein, sie haben mich in so süße Gedanken versenkt, daß ich ein Lied zu dichten anhob«; dasselbe ist der Sehnsucht nach einer fernen Geliebten gewidmet. Den Gesang der Vögel als Heimatmahnung, der in der Lyrik zum Liede weckt, kennen auch die epischen Dichtwerke, jedoch, wie es ihnen ansteht, in entschiedener Richtung auf die Tat. So das Gedicht von Amicus und Amelius: Es war an Ostern, im April, wann die Vögel hell und heiter singen, als Graf Amis in einen Baumgarten trat; er hört ihr Getös und Gekreisch, da gedenkt er auf einmal seines Landes, seiner Frau und seines kleinen Sohnes, die er seit sieben Jahren nicht gesehen hat, die Augen gehen ihm über, und es drängt ihn, mit dem ersten Morgenlichte dorthin aufzubrechen. Der Held eines andern Romans, Aubri von Burguud, zweifelt an der Treue seiner Gemahlin, der Königin von Bayern; unruhvoll geht er in den Garten, lehnt sich an einen Weidenbaum, sieht den Fisch im Strome schwimmen, hört die Lerche, die Amsel, den Star, den Galander im Gesträuche singen und sieht die Blumen längs der Wiese blühen, da gemahnt es ihn, wie er ein Jüngling war, seiner Liebes- und Frühlingszeit: »Fisch, wie hast du all deinen Wunsch! Vogel, der du singest, wie hast du deine Wonne! So lebt' ich als junger Ritter, da ich nichts hatte, denn mein geschwindes Roß, meinen starken Speer und meinen neuen Schild; damals wäre mir ein grünes Kränzlein lieber gewesen, denn hundert Mark im Gurte; um schöne Frauen tummelt' ich mich wacker, manche Stadt und manche Feste brach ich, gute Jahre hatt' ich, beim heiligen Marcell! Nun ist's vorbei: der Bracke, der gekettet ist, um besser am Pfahle festgehalten zu werden (a. ein Bär in der Kette, dem man den Maulkorb anlegt usw.), steckt wahrlich nicht in so heillosem Zwinger, wie ich jetzt.« Im Parzival zieht Herzeloide, deren Gemahl, Gamuret von Anjou, vom Speere gefallen ist, in den einsamen Wald, um ihren jungen Sohn vor Ritterschaft zu behüten, die dem Vater verderblich war; nichts darf vor dem Knaben von einem Ritter verlauten, schon aber schneidet Parzival sich Bogen und Bolz, womit er Vögel schießt; hat er einen getroffen, der zuvor mit lautem Schalle sang, da weint er und rauft sich die Haare; wenn er sich morgens am Flusse wascht, dann dringt der süße Vogelsang über ihm in sein Herz und dehnt ihm die junge Brust, weinend läuft er zur Mutter, doch kann er nicht sagen, wie ihm geschehen; sie geht der Sache nach, bis sie ihn nach dem Schalle der Vögel lauschen sieht und inne wird, daß von dieser Stimme die Brust ihres Kindes erschwillt, nach angeborner Art und eigener Lust; da befiehlt sie ihren Leuten, die Vögel aufzufangen und zu töten, aber die Vögel sind »besser beritten«, mancher entrinnt dem Tod und vergnügt sich noch ferner mit Gesang; auch erbittet Parzival ihnen Frieden, die Mutter küßt ihn und spricht: »Was wend' ich dessen Gebot, der doch der höchste Gott ist? sollen Vögel meinethalb Freude lassen?« Parzivals jugendliche Regung ist nicht etwa so zu verstehen, daß der Vogelsang, von dem auch die Minnelieder durchklungen sind, zunächst die zarte Sehnsucht und nur mittelbar den Kampfmut anfache, der Nachdruck ist wörtlich auf Ritterschaft, Rittersleben gelegt, in dessen vollem Gehalte Frauendienst und Tapferkeit unzertrennlich zusammenfallen. Geradezu kriegerisch wirkt in einem karlingischen Gedichte die Stimme der Vögel, voraus der Nachtigall, auf das Gemüt eines andern Heldenkinds. Jourdain, Sohn des ermordeten Grafen Giraud von Blaives, hat am Hof eines Königs über Meer Zuflucht gefunden, als er nun eines Morgens früh in den Baumgarten gegangen ist, hört er den Gesang der Nachtigall und die Lust der andern Vögel, da gedenkt er an den Wüterich Fromont, der ihm Vater und Mutter mit der Schärfe des Schwerts im Schlaf erschlagen und ihn selbst des Landes enterbt hat: »Jetzt,« ruft er aus, »sollt' ich dort in meinem Lande sein, Ritter wär' ich dann für jetzt und immer und würde meinen tapfern Vater rächen!« Selbst der Wortlaut des Nachtigallrufes drängt zum Schwerte, man findet denselben gleichfalls in einer Dichtung des genannten Sagenkreises, derjenigen von Frau Aie: zur Osterzeit, wann die Wälder lauben und die Wiesen beblümt sind, die Vögel singen und großen Lärm verführen, auch die Nachtigall, welche spricht occi, occi! (töte!), da gerät das Mädchen in Schrecken, das seinen Freund (im Heerlager) ferne weiß. »Süße, artige Nachtigall, die du sprichst occi occi occi!« beginnt ein Lied in einer musikalischen Handschrift des 15. Jahrhunderts. Nur teilweise bekannt geworden ist das Singgespräch von Guillaume le Vinier, Bürger zu Arras gegen Ende des 13. Jahrhunderts, worin derselbe ausruft: »Hocherfreut ist mein Herz durch die Nachtigall, die ich gehört, wie sie singend sprach: fier fier, oci, oci, schlag tot alle, die ein Schrecken Treuliebender sind!« Dieses occi occi, das auch die Bauern bei Verfolgung Reinekes, der den Hahn wegträgt, als Mordgeschrei erschallen lassen, verlautet als Losung der Nachtigall am deutlichsten im Gedichte von den Taten des Mönchs Eustach, eines berüchtigten Seeräubers aus der Grafschaft Boulogne, der 1217 umkam; dort wird ein wunderlicher Schwank erzählt: Eustach hat dem Grafen von Boulogne schlimme Streiche gespielt und wurde deshalb von ihm verfolgt, war auch schon in seinen Händen, aber unerkannt; jetzt reitet der Graf dem Entronnenen in den Wald nach, da steigt Eustach in ein Weihennest, macht sich zur Nachtigall und hat den Grafen zum Narren; als er denselben vorbeikommen sieht, schreit er: ochi ochi, ochi ochi! (schlag tot, schlag tot!). Der Graf antwortet: »Ich werd' ihn totschlagen, bei Sankt Richier! wenn ich ihn mit Händen greifen kann.« Eustach: fier fier! (schlag zu, schlag zu!) Der Graf: »Meiner Treu! ich werde zuschlagen, aber an diesem Orte krieg' ich ihn nimmermehr.« Eustach neckt fürder: non l'ot, si ot: non l´ot, si ot! (er hatt' ihn nicht, hatte doch!) Graf: »Hatte, jawohl! gestohlen hatt' er mir all meine guten Rosse.« Eustach: hui hui! Graf: »Wohl gesprochen! noch heute (hui) werd' ich ihn mit meinen Händen erschlagen, wenn ich ihn zu Handen kriege; kein Tor ist, wer dem Rate der Nachtigall glaubt, sie hat mich gut gelehrt, an meinen Feinden Rache zu nehmen, denn sie ruft, ich soll ihn schlagen und töten.« Da macht der Graf von Boulogne sich auf, den Mönch Eustach zu verfolgen. Eine solche Deutung der verschiedenen Tonstufen des Nachtigallschlags läßt keinen Zweifel darüber, daß man in ihm nicht lediglich die schmelzenden Hauche der Sehnsucht vernahm. Zugleich erscheint es hier als volksmäßiges Herkommen, derlei Naturlauten Sinn und Wort unterzulegen. Übrigens ist das Spiel mit occi doch erst für ein hinzugekommenes anzusehen, während die wesenhaftere Vorstellung vom Vermögen der Vogelstimme, den Heldengeist zu wecken und den schlagfertigen Entschluß hervorzurufen, schon in den Liedern des nordischen Altertums sich aufzeigen läßt.

In dem Mythenliede vom Ursprung der drei Stände, Rigsmal, ist es nicht die wohlsingende Nachtigall, sondern die heisere Krähe, die dem Sprößling des edeln Geschlechts, dem jungen Jarlssohne, kriegerische Mahnung zuruft; des Vogelzwitscherns kundig, reitet er durch Gesträuch und Wälder, läßt das Geschoß fliegen, beizt Vögel, da spricht die Krähe, die einsam auf dem Zweige sitzt: »Was sollst du, junger Edling, Vögel beizen? besser ziemte dir, Streitrosse zu reiten und Heer zu fällen, Dan und Danp haben kostbare Hallen, herrlicheres Stammgut, als ihr habt, sie verstehen wohl, den Kiel zu steuern, Schwertschneide Wunden reißen zu lassen.« Wie Parzival schießt der nordische Jüngling nur erst nach den Waldvögeln und, gleich jenem, wird er darüber vom Vogelschall ergriffen; wie den Sohn Girards der Nachtigallsang zur Erkämpfung seines Erbes und zur Vaterrache befeuert, so reizt die Krähe ihren Lehrling durch das leuchtende Vorbild dänischer Königsahnen, sich stattlichern Stammbesitz mit dem Kriegsschiff und der blutigen Schwertschneide zu erobern, bereits ein altnordisches occi! Zur Wikingsfahrt anzutreiben, war die Krähe vornehmlich geeignet; diese Vögel zogen gleichzeitig mit den nordfriesischen Seefahrern im Frühling von den Inseln weg und kehrten mit ihnen im Herbste wieder heim, auch sollen jene Friesen eine Krähe in ihrer Fahne geführt haben. Nach einem der eddischen Sigurdslieder erhält dieser junge Wölsung von den Vögeln auf dem Reise, deren Gespräch er durch Kosten vom Herzblut des Wurmes versteht, die Weisung, den treulosen Regin zu erschlagen und sich des Hortes zu bemächtigen; ein Vogelweibchen singt den andern zu: »Klug bedeucht' er mich, wüßt' er zu brauchen euern großen Liebesrat (âstrâd), ihr Schwestern!« Gerade verwaisten, heimatlosen Heldensöhnen wird die Stimme der Wildnis, ratend und tieferregend, vernehmbar. Im deutschen Volkslied ist von solchen Waffenrufen nur unsichere Spur vorhanden. Nichts was dem gewaltsamen occi entspräche, unerachtet das Welsch der Vögel vielfach ins Deutsche übertragen ist. Bei den Minnesängern und späterhin hat die Nachtigall nur schmachtende oder tändelnde Lieder ohne Worte: tandaradei, deilidurei, titidon zizi zi usw., und wenn der vielgewanderte tirolische Dichter Oswald von Wolkenstein jenes occi selbst ertönen läßt, so geschieht es in einem bunten Gemische deutscher und romanischer Rufe. Zwar singt die Nachtigall dem Gefangenen zu Augsburg: »Ein frischen freien Mut den soll ein Krieger haben!« und der dies Liedlein gesungen hat, ist »ein Krieger gut«, die drei Gesellen aus Rosenthal, die ihr zugehorcht, sind Freibeuter geworden, und der von ihr hinweg zu den Landsknechten gegangene Freiersmann schließt mit den Worten:

Der uns dieß Liedchen erstmals sang,
er hat es wohl gesungen
mit Pfeifen- und mit Trommelnklang,
zum Trotz den Neiderzungen.

Aber das Eigentümliche dieser Stücke beruht in den Gegensätzen: der verschmähte Liebhaber geht von der minnesingenden Nachtigall zum blanken Harnisch und singt von ihr zu Pfeifen- und Trommelklang; »der in großen Sorgen liegt«, der Gefangene, Gefolterte, hat noch den trotzigen Mut, mit dem kleinen Waldvöglein und den hübschen Liedern von ihm zu spielen. Auch für diese Wendung kann ein französisches Volkslied verglichen werden: Drei Abenteurer aus Lyon, die ohne den roten Heller (ne croix ne pille, Bild- und Kehrseite der Münze) zur See gegangen und vom Nordwind weit in das salzige Meer hinausgejagt sind, wo sie von heidnischen Galeeren (Barbaresken) verfolgt und zur Übergabe aufgefordert werden, stellen sich unter den Schutz Gottes, der Jungfrau Maria, des heiligen Nikolaus und der heiligen Barbara, einer aber stimmt an: »Nachtigallchen des Waldes, geh und sage meiner Freundin: Gold und Silber, soviel ich habe, davon soll sie Schatzmeistern sein; über meine drei Schlösser soll sie die Herrschaft haben, das eine ist in Mailand, das andre in Picardie, das dritte in meinem Herzen, doch wag' ich das nicht zu sagen.« Der schließende Anruf war ohne Zweifel ein Liedchen für sich, aus dem Bereiche der nachher zu erörternden Liedergattung vom Botenamte der Vögel, zumal der Nachtigall als Liebesbotin, doch ist dasselbe nicht bloß zufällig beigeschrieben, sondern dient zum Ausdruck des kecken Sinnes, der lustigen Selbstverspottung jener lockern Gesellen, mitten in Meeressturm und Feindesdräuen. Dem deutschen Kriegsvolke schmettert die Nachtigall in den wildesten Schlachtlärm hinein. Nach ihr war eine Art schweren Geschützes benannt; die Nachtigall dieses Schlags wog 60 Zentner, schoß 50 bis 60 Pfund Eisen, und zu ihr gehörten 13 Wagen mit 88 Pferden. Tätig ist eine solche bei Zerstörung des Schlosses Hohenkrähen im Jahre 1512:

Der Kaiser mit seim Frauenzimmer,
seiner Kantorei vergiß ich nimmer,
viel Freud in dieser Sache:
die Nacht'gall hat sich geschwungen auf,
nit besser mocht mans machen.

Die Singerin singt den Tenor schön,
die Nacht'gall den Alt in gleichem Ton,
scharpf Metz bassiert mit Schalle,
die Schlang den Discant warf darein,
sie achten nit, wem es g'falle.

Sie sungen, daß die Mauren ´kluben
und Bett und Bölster zum Dach aus stuben,
es war ein seltsamer Tanze.

Bei der Einnahme von Doornick 1521 waren:

so ich mich bsinn, drei Singerinn,
vier Nachtigal mit Namen usw.
die Nachtigal allein zumal
hätt diese Stadt ersungen.

Besonders aber wird in einem der niederdeutschen Landsknechtlieder auf die geldrisch-burgundische Fehde von 1542–43 erzählt, wie die Geldrer das Lager des Prinzen von Burgund bei Nacht überfallen:

Die Sonne hat sich verborgen (verkytet)
die Sterne sind aufgegangn,
der Mond ist hervor gedrungen,

Frau Nachtigall mit Gesang;
sie sungen also helle,
daß es in den Himmel klang.

Unter den hellsingenden Nachtigallen versteht der geldrische Kriegsknecht nichts andres, als was er früher unbildlich sagte: »Die Büchsen hört man krachen im Jülicher Land so weit«; jetzt aber zieht er, gleich dem Gesellen aus Lyon, die Nachtigall der Liebeslieder herbei, und zwar den Anfang, eines in demselben Tone verfaßten Wächterlieds:

Die Sonne die ist verblichen,
die Sterne sind (a. der Mond ist) aufgegangen,
die Nacht die kommt geschlichen,
Frau Nachtigall mit Gesang.

In ein andres, stilleres Gebiet führt die aus fernem Morgenland stammende Fabel von den drei Lehren der Nachtigall. Dieselbe tritt am frühesten in der griechischen Legende Barlaam und Joasaph hervor: Ein Vogelsteller fängt eine Nachtigall und will sie schlachten, da spricht sie: was ihn dies helfe, da er sich doch mit ihr nicht den Magen füllen könne? woll' er sie aber der Bande entledigen, so werde sie ihm drei Anweise geben, deren Bewahrung ihm für sein ganzes Leben nützlich sein werde. Erstaunt über ihre Anrede, verheißt er ihr die Freiheit, wenn sie ihm etwas Neues zu hören gebe. Nun lehrt sie: »Unerreichbares strebe nie zu erlangen, laß dich keine verlorne Sache reuen und glaube kein unglaubliches Wort!« Nachdem er sie losgelassen, will sie erkunden, ob er den Gehalt ihrer Worte begriffen und sich Nutzen daraus gezogen habe. Aus der Luft herab spottet sie der Unklugheit des Mannes, der solchen Schatz hingegeben, denn in ihren Eingeweiden befinde sich ein Edelstein (μαραγριτηζ), größer als ein Straußenei. Voll Bestürzung und Reue, versucht er sie wieder zu fangen, er will sie in sein Haus zurücklocken, wo er sie freundlich bewirten und dann ehrenvoll entlassen werde, die Nachtigall aber zeigt ihm, wie wenig er ihre Lehren genützt, die er doch gerne angehört: er habe schlecht behalten, daß er um Verlorenes sich nicht grämen, und daß er nicht versuchen solle, sie zu fangen, deren Weg er nicht folgen könne, und wie könnte ihr Inneres einen Edelstein bergen, größer als ihre ganze Gestalt? Mit dem Barlaam ging diese Fabel in die abendländischen Sprachen über, namentlich im 14. Jahrhundert in die allgemein verbreitete goldene Legende: vor und nach dieser Zeit ist sie auch mannigfach in andern Verbindungen oder für sich allein erzählt worden, so in der gleichfalls vielgebrauchten Disciplina clericalis aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der beliebten Sammlung Gesta Romanorum, altfranzösisch: in den Ermahnungen des Vaters an den Sohn, einer gereimten Bearbeitung der Disciplina, und als besondres Lai, deutsch: zwar nicht in Rudolfs Barlaam, aber unter den gereimten Beispielen aus dem 13. Jahrhundert, dann von Boner, Hans Sachs und anderwärts. Da einige der genannten Sammelwerke für den geistlichen Unterricht bestimmt waren, weshalb auch die Fabeln und Märchen mit christlichen Deutungen überreich versehen sind, so konnte die Nachtigall, deren Lehrsprüche schon Barlaam in solcher Weise auslegt, selbst vom Predigtstuhl zum Volke reden. Die vielfältigen Aufzeichnungen stimmen wohl im ganzen überein, doch bildet die Disciplina clericalis, deren Verfasser, ein getaufter spanischer Jude, nach seiner Angabe (S. 34), zum Teil aus arabischen Quellen geschöpft hat, mit den zwei altfranzösischen Stücken eine besondre Reihe, die sich von den andern durch einige hieher nicht unerhebliche Züge unterscheidet: der Vogel weigert sich, in der Gefangenschaft zu singen, und muß daher schon vor Erteilung und auf bloße Zusage der drei Sprüche freigelassen werden, statt der Lehre, nicht nach Unerreichbarem zu trachten, steht die, was man habe, festzuhalten, auch wird im Eingange die Annehmlichkeit des Gartens geschildert, in welchem das unbenannte Vögelein singt. Das kleine Landschaftbild, sonst nur leicht entworfen, erwächst in dem nordfranzösischen Lai zu einer ausgeführten Darstellung selbständigen Inhalts: Vor mehr als hundert Jahren besaß ein reicher Bauer ein wunderschönes Herrenhaus, wie kein andres auf der Welt war, mit herrlichen Türmen und köstlichem Baumgarten, rings von einem Strom umflossen; ein Ritter hatt' es erbaut, dessen Sohn es dem Bauer verkaufte; der Garten duftete so von Rosen und andrer Würze, wär' ein Kranker eine Nacht darin gelegen, er wäre geheilt von dannen gegangen; die Bäume trugen Früchte jeder Art und zu jeder Jahreszeit; er war gänzlich durch Zauberkunst geschaffen. Mitten darin sprang ein klarer Quell, beschattet von einem Baume, der nie sein Laub verlor; auf dem Baume sang täglich zweimal, morgens und abends, ein Vogel, kleiner als ein Sperling (? moisson), größer als der Zaunkönig; weder Nachtigall noch Amsel, Drossel noch Star, Lerche noch Galander war so lieblich zu hören, er sang Lieder und Weisen, daß weder Geige noch Harfe sich damit messen konnte, der Kummervollste vergaß beim Gesange des Vogels sein Leid, erglühte neu von Liebe, dachte sich einem Kaiser oder Könige gleich, wenn er auch Bauer oder Bürger war, und hätt' er über hundert Jahre verlebt, er deuchte sich alsbald ein Jüngling, ein Diener schöner Frauen zu sein. Ein andres Wunder war, daß der Garten nur so lange bestehen konnte, als der Vogel dorthin zu singen kam, denn vom Gesange geht der Liebeshauch aus, der Blumen und Bäume in Kraft erhält; wäre der Vogel ausgeblieben, sogleich wäre der Garten verdorrt und die Quelle versiegt. Der Bauer, dem dieses Anwesen gehört, will eines Morgens sein Gesicht an der Quelle waschen, als eben der Vogel hoch auf dem Baume mit vollem Atem sein Lied anstimmt und in seinem Latein also singt: »Hört auf mein Lied, Ritter, Geistliche und Laien, die ihr der Minne huldigt und ihre Schmerzen duldet! auch zu euch, schöne Jungfraun, sprech' ich: voraus sollt ihr Gott lieben und sein Gebot halten, gerne zur Kirche gehn und sein Amt anhören! Gott und Minne sind einhellig, beide lieben Sinn, Wohlgezogenheit, Ehre, Treue, Milde, beide hören auf schöne Bitte, und haltet ihr euch an jene Tugenden, so könnt ihr Gott und die Welt zugleich haben.« Als aber der Vogel den filzigen Bauer unter dem Baume lauschen sieht, da singt er in andrem Tone: »Laß deinen Lauf, 0 Fluß! Häuser, Türme, stürzet ein! welket, Blumen! Kräuter, dorret! Bäume, hört auf zu tragen! hier pflegten mich edle Fraun und Ritter zu hören, denen der Brunnen lieb war, die an meinem Gesange sich vergnügten, durch ihn um so schöner liebten, Milde, Höflichkeit, Tapferkeit übten, Ritterschaft handhabten; jetzt hört mich dieser mißgünstige Bauer, dem Münze lieber ist als Minne, der hieher kommt, nicht um besser zu lieben, nein, um besser zu essen, zu trinken, zu schlingen.« Damit fliegt der Vogel hinweg, der Bauer aber denkt darauf, ihn zu haschen, um ihn teuer zu verkaufen, oder, wenn das nicht gelänge, in ein Käfig zu sperren und sich früh und spät von ihm singen zu lassen; er stellt Netze, worin der Vogel gefangen wird, und nun erst folgt die schon bekannte Geschichte von den drei Kluglehren (trois sens); der befreite Vogel kehrt nicht wieder, die Blätter fallen vom Baume, der Garten verödet, die Quelle versiegt und das Sprichwort bewährt sich: wer alles begehrt, verliert alles. Die Verbindung des indischen Apologs mit dem feudalistischen Märchen ist nicht sonderlich gelungen. Zweimal des Vögleins Lehren und so verschiedenartig, daß die beiden Teile ohne inneren Zusammenhang nebeneinander stehen; der Fluch des hinwegfliegenden Wundervogels verliert alle Wirkung, wenn dieser gleich am Abend in den Garten zurückkehrt. Dennoch ist das Dichterische des Grundgedankens nicht zu verkennen: eine ganze Ritterwelt, hochgetürmte Burg, Sommerwonne, Frauendienst, Waffenruhm, wird von dem kleinen Geschöpfe heraufgesungen und schwebt an dem Zauber seiner süßen, belebenden Stimme. Gewiß war dieser Gedanke dem ungeschickten und weitschweifigen Verdoppler der Fabel nicht eigen, vielmehr ist hier, wie anderwärts beim unstrophischen Lai, eine besser abgeschlossene Vorlage in Liedesform anzunehmen, auf welche jedoch voraus schon die zum Gemeingut gewordene Lehrfabel eingewirkt haben kann. Von solchem Einfluß zeigen sich ja auch in den deutschen Volksliedern unverkennbare Merkmale. Zuerst die wiederkehrende Bezeichnung der Örtlichkeit:

Da liegt eine Stadt in Osterreich (Osterick)
die ist so wohl gezieret
all mit so manchem Blümlein blau,
mit Marmelstein gemauret.

Na steht ein Kloster in Ostenreich (Oostenrijc)
es ist so wohl gezieret
mit Silber und mit rotem Gold,
mit grauem Stein durchmauret.

Es liegt ein Schloß in Osterreich,
das ist gar wohl erbauet
von Zimmet und von Nägelein,
wo findt man solche Mauren?

Überall ist es hier derselbe Landesname, wie er, je in der besondern Mundart, dem deutschen Österreich zukommt; entschieden auf dieses bezieht sich das Lied von einem unschuldig gefangenen und hingerichteten Knaben:

Es liegt ein Schloß in Österreich,
das ist ganz wohl erbauet
von Silber und von rotem Gold,
mit Marmelstein vermauret.

Schluß:

Wer ist der uns dies Liedlein sang?
so frei ist es gesungen;
das haben getan drei Jungfräulein
zu Wien in Österreiche.

Das erste Gesätz ist vernehmlicher Nachklang der älteren Lieder von der Nachtigall, aber in diesen selbst weist der märchenhafte Bau der Stadt, des Klosters, Schlosses auf ursprünglichen Bezug zu einem entlegenern Ostlande. Um jene Stadt her liegt der grüne Wald mit der singenden Nachtigall, die aber, wie das Vöglein der einen Fabelreihe, sich nicht zum Sange zwingen läßt; ihre Sprüche werden auch gerne noch in der Dreizahl gehalten, selbst wenn sie nicht alle gleich gut auf den gegebenen Fall zutreffen, und es sind darunter einige, in denen ein leichter, der Sorge und des Kummers sich entschlagender Sinn empfohlen wird; vom Barlaam an, wo die Schlußlehre lautet: »Gräme dich nicht um eine vorübergegangene Sache!« tönt dieselbe in vielen Sprachen fort, und in den deutschen Nachtigallliedern ist sie durch einen verschiedentlich gefaßten Spruch vertreten, der auch für sich bestehend oder ein anderartiges Lied beschließend in Notenbüchern des 16. Jahrhunderts vorkommt:

Zwischen Berg und tiefem Tal
da liegt ein freie Straße;
Und wer sein Lieb nicht behalten mag,
der muß es fahren lassen.

Der vielfach vermittelten Lehrfabel aus dem Osten kamen Anklänge des heimischen Volksgesangs entgegen. In jener waltet eben der Lehrzweck vor, die Lehren sind verständig und nützlich, auch der Art des Vögleins wohl angepaßt: die Volkslieder sind lebhafter empfunden, sie fassen einerseits das Leben der Vögel mit all der Innigkeit auf, die ihm überhaupt in deutscher Dichtung zugewandt ist; und stellen demselben von der andern Seite Menschen mit tieferregtem Gemüte gegenüber. Alte Sprüche sagen: »Ich bin frei, wie der Vogel auf dem Zweig! ich bin niemands, niemand ist mein, wer mich faht, des will ich sein.« Dem Falken wird zugerufen: »Du fleugst, wohin dir lieb ist, du erkiesest dir in dem Walde einen Baum, der dir gefalle«; ebenso der Nachtigall: »Du bist ein kleins Waldvögelein, du fleugst den grünen Wald aus und ein.« Darum heißt sie bei den Minnesängern: die freie Nachtigall: noch 1532 wird ihre Freiheit zu Bamberg obrigkeitlich anerkannt: »Gebot der Nachtigall halb: soll nicht gefangen werden.« In den Zwiegesprächen nun will man ihr das helle Singen bald untersagen, bald gebieten oder ablernen und zum Dank ihr Gefieder mit Golde bekleiden, aber sie verschmäht das glänzende Zeichen der Dienstbarkeit. Konrad von Würzburg vergleicht sein eigenes, keinen äußeren Lohn ansprechendes Dichten dem Gesange der Nachtigall, die sich nicht darum kümmert, ob jemand sie höre oder nicht. Sie selbst rühmt sich, daß niemand sie zwingen könne und sie jeder Gewalt zu entrinnen wisse. Allein die freifliegenden Vögel sind auch obdachlos, aller Unbill des Wetters und der Jahreszeit preisgegeben. Schon die altnordische Dichtersprache nennt den Winter Betrübnis, Angst der Vögel; ihr Ungemach unter freiem Himmel bezeichnen in angelsächsischem und skaldischem Gebrauche die Beiwörter des Adlers und des Raben: der naßfedrige, taufedrige, schmutzkleidige, taufarbige. Mittelhochdeutsche Dichter fragen zur Zeit des Laubfalls: »Wo nehmen nun die Vögel Dach?« Wann auf der Linde Rost liegt, dann ist die Zeit, wo der Wald des Laubes bloß wird »und die Nachtigall ihr Herze zwinget«, d. h, zu winterlangem Schweigen niederhält. So wird ihr auch im Volksliede, wenn sie mit ihrer Freiheit sich brüstet, entgegengehalten, daß doch der Reif, der Hagel, der kalte Schnee ihr das schirmende Laub von der Linde streife, sie soll sich hinwegschwingen, damit nicht der kühle Tau sie netze, der Reif sie erfröre; doch hat sie auch hierauf Antwort: »Und netzet mich der kühle Tau, so trücknet mich Frau Sonne.« Lust und Leid, Bedrängnis und Trost eines Nachtigallebens ist damit in wenigen Zügen vorübergeführt. Ein ähnliches Liedchen läßt den Kuckuck, vom Regen durchnäßt auf dem Zaune sitzen, danach kommt der Sonnenschein, alsbald schwingt der Kuckuck sein Gefieder und fliegt über den See hin: dies der ganze Inhalt. Ohne Nutzanwendung oder Lehrspruch sind solche der Natur abgelauschte Lebensbilder ein Spiegel menschlicher Zustände und Erfahrungen. An die Geschichte der Nachtigall treten nun so mancherlei persönliche Fragen und Begehren heran, die von jungen Mädchen und Gesellen gestellt werden, von Verliebten, Werbenden, Verlassenen, Ausgewiesenen, Gefangenen. Überall sind es Anliegen des klopfenden Herzens, denen die Nachtigall Rede stehen soll, und sie antwortet durch das Beispiel ihrer eigenen Erlebnisse: mit der entlaubten Linde mahnt sie zum Festhalten des jungfräulichen Kränzleins, durch den goldenen Flügelschmuck will sie nicht ihre Freiheit binden lassen, ihr bereiftes Gefieder und die trocknende Sonne gibt sie dem Mann im Kerker zum Troste. All das bewegt sich in der leichten Schwebe des Vogelsangs und Vogelflugs, und doch waltet ein tiefer Klageton in dieser Flüchtigkeit der Sommerlust, des Jugendmuts, des Liebelebens, und in dem letzten Rate der Entfliegenden: fahren zu lassen, was nicht zu behalten ist. Die Fabel von den drei Lehren des Vögeleins hatte selbst wohl in frischer Naturanschauung ihren Ursprung: war sie allmählich altklug geworden, im lebendigen Borne des Volksgesangs konnte sie, eine badende Nachtigall, sich verjüngen.

Beiderlei Arten des bedeutsamen Vogelsangs, der aufreizende und der lehrhafte, werden als Rat bezeichnet: so auf der einen Seite, was dem jungen Sigurd (âstrâd) und dem Grafen von Boulogne (conseil) gesungen wurde, andrerseits, in der norwegischen Bearbeitung des Barlaam um 1200 und in einer alten Verdeutschung der Gesta romanorum, die drei Räte der Nachtigall an den Vogelsteller. Der vorgenannte Graf weist aber zugleich auf einen sprichwörtlichen Ausdruck oder Denkreim, wenn er sagt: »Kein Tor ist, wer dem Nachtigallrate glaubt.« Entsprechend ist es im Renner (S. 2873) Merkmal eines Einfältigen: »der hörte nie ein Vöglein im Maien.« Nach einer englischen Ballade äußert der von schwerem Unheil bedrohte Graf Perch von Nordhumberland, als er mit seiner schönen Frau in den Garten geht: »Ich hört' einen Vogel singen in mein Ohr, daß ich muß fechten oder fliehen.« Meister Hagens kölnische Reimchronik, geschrieben 1270, berichtet von den Anschlägen des Bischofs Engelbrecht wider die Stadt: »Der Bischof hört« ein neues Lied singen ein ander Vögelchen: »Herr Bischof! wollt Ihr Herr sein von Köln der Stadt, über arm und reich, all Euer Leben lang, dazu will ich Euch Rat geben.« »Ja! sing an, Vögelchen! ich will dir gefolgig sein.« »Fahrt ein zu Köln auf Euren Saal und tut, was ich Euch raten werde!« Der Vorschlag geht auf heimliche Bewaffnung und treulosen Überfall. »Des Rates war der Bischof froh und tat genau also,« Auch der Reimspruch eines bayerischen Herolds um 1424 streift an die kriegerischen Aufrufe, indem von einem turnierlustigen Adelsgeschlechte gerühmt wird: »Und hörten sie einen Grillen singen von einem Ritterspiel, sie legten darauf Kostung viel.« Eben der sprichwörtliche und formelhafte Gebrauch, verhohlene Ratschläge und Entschlüsse, selbst in wenig dichterischen Angelegenheiten, auf Eingebung der Vögel zu schieben, setzt eine lebensvollere Auffassung voraus, wie sie altverbreitet in Heldenmären und Volksliedern nachgewiesen werden konnte; eine Auffassung, die nicht einzig sinnbildlicher Art ist, sondern wirklich von dem »hellen Singen«, der »wilden Zunge« des Waldvögleins ausgeht. Indem der Nachtigall unter allen Waldesstimmen mit dem kräftigsten Klang auch die reichste Mannigfaltigkeit der Töne zu Gebot steht, vermag sie alles, was im Innern des Hörenden schlummert oder wach ist, aufzurühren und jene verschiedensten Gemütsstimmungen, nachdenkliche, gefühlvolle, stürmische, gleich eindringlich anzuschlagen.

Soviel vom Rate der Nachtigall: damit ist jedoch ihr Geschäftskreis in der deutschen Volksdichtung lange nicht erschöpft, sie hat noch vielerlei auszurichten, als Sendbotin, Wahrsagerin, femartige Zeugin und Anklägerin verborgener Schuld, und diese verschiedenen Berufe greifen wechselseitig ineinander. Nicht zu vergessen ist endlich die von allem Geflügel des Waldes und der Lüfte gefeierte Hochzeit der Nachtigall mit dem Gimpel.

Dem Eindrucke der Vogelstimme gesellt sich derjenige des Fluges, und auch ihn haben vielerlei Lieder, ernst oder spielend, zur Darstellung gebracht. Weiteste Räume rasch durchmessend, über Land und Meer sich hinschwingend, Mauer und Zinne hoch überschwebend, sind es die Vögel, die sich das Verlangen in unerreichbare Ferne vor allen zu Boten wünscht und denen die Poesie diesen Dienst wirklich überträgt. Als Liebesbotin wird in besonders die Nachtigall verwendet, ihr steht ja mit dem Fluge zugleich der herzbewegende Gesang zu Gebote. »Nachtigall, gut Vögelein, meiner Frauen sollt du singen in ihr Ohr dahin!« ruft der Minnesänger Heinrich von Stretlingen und nimmt zum Kehrreim seines Liedes die Nachahmung des Nachtigallschlags; ein andrer: »Nachtigall, sing einen Ton (Gesangweise) mit Sinne meiner hochgemuten Königin! kund' ihr, daß mein steter Mut und mein Herze brenne nach ihrem süßen Leib und ihrer Minne!« Der von Wildonie läßt sein Maienlied ein Vögelein vor dem Walde singen. Französische Volkslieder fordern herkömmlich die wilde Nachtigall auf, einen Botendienst zu der Schönen zu tun und ihren strengen Sinn zu erweichen. Der eigentümlichen Wendung am Schlusse des Liedes von den drei Gesellen aus Lyon ist schon oben gedacht. Die Verbindung des Anrufs an die Nachtigall mit der Bedrängnis des Singenden erinnert an die Lieder vom gefangenen Kriegsmann und von den drei Gesellen aus Rosenthal. Den innerlichen Ursprung dieser Nachtigallsendungen erklärt ein altenglisches Gedicht, dem der Frühling die Zeit ist: »Wann Liebende schlafen mit offenem Auge, wie Nachtigallen auf grünem Baume, und sehnlich verlangen, fliegen zu können, um bei ihrem Lieb zu sein.« Noch einfacher das deutsche Lied:

Wenn ich ein Vöglein wär'
und auch zwei Flüglein hätt',
flög' ich zu dir.

Die Botschaft der Nachtigall wird aber auch in ausgeführte Handlung gesetzt. Hoch- und niederdeutsch ging im 16. Jahrhundert folgendes Lied im Schwange (Volksl. Nr. 15 A):

Es steht eine Lind' in jenem Thal,
darauf da sitzt Frau Nachtigall.

»Frau Nachtigall, kleins Waldvögelein!
du fleugst den grünen Wald aus und ein.

Ich wollt', du solltst mein Bote sein
und fahrn zu der Herzallerliebsten mein.«

Frau Nachtigall schwang ihr Gefieder aus,
sie schwang sich für eins Goldschmids Haus.

Da sie kam für des Goldschmids Haus,
da bot man ihr zu trinken heraus.

»Ich trink' kein Bier und auch kein' Wein,
denn bei guten Gesellen fröhlich sein.

Ach Goldschmid, lieber Goldschmid mein,
mach mir von Gold ein Ringelein!«

Und da das Ringlein war bereit,
groß Arbeit war daran geleit.

Frau Nachtigall schwang ihr Gefieder aus,
sie schwang sich für eins Burgers Haus.

Da sie kam für des Burgers Haus,
da lugt das Maidlein zum Fenster aus.

»Gott grüß' Euch, Jungfrau hübsch und fein!
Da schenk' ich Euch ein Ringelein.«

Was schenkt sie dem Knaben wieder?
ein' Busch' mit Kranichsfedern.

Die Federn waren wol bereit,
es soll sie tragen ein stolzer Leib.

Den ersten Teil einer schottischen Ballade, die in verschiedenen Fassungen aufgezeichnet ist, bildet die Sendung des Vogels, wodurch eine Entführung, als andrer Teil des Gedichts, vorbereitet wird; der Vogel heißt bald Taubenfalke (goshawk), bald Papagei, doch reimt sich keines von beiden mit seinem gerühmten Singen. Er soll einen Liebesbrief seines Herrn der Maid in Südengland bringen, doch wie soll er sie ausfinden, die er niemals sah? Der Herr bezeichnet sie ihm: was rot an ihr, das sei wie Blut auf Schnee getropft, was weiß, wie Flaum der Seemöve. Wohl unterwiesen, fliegt der kleine Vogel über die tobende See, bis er einen Turm von Golde sieht: er läßt sich vor dem Tore der Jungfrau nieder: singt auf einer Birke, da sie zur Kirche geht, auf einer Esche, da sie aus der Messe kommt, auf einem Bette von Thymian vor ihrem Fenster, als sie zum Mahle niedersitzt, alles, was ihm vorgesagt ist, singt er hinein. Die Jungfrau heißt ihre Gespielen in der Halle sitzen und den roten Wein trinken (vgl. Gudr. Str. 1330), sie selbst geht zum kleinen Fenster, des Vögeleins Gesang zu hören. Sie will dasselbe prüfen, sei es ihres Treuliebs Vogel, so werde es zum Ärmel ihres Gewandes hineinschlüpfen und am Saume wieder heraus. Der Vogel weist sich mit dem Brief unter seinem Flügel aus, worauf sie ihn mit den Bändern aus ihren Haaren, mit der Nadel von ihrer Brust und mit dem Herzen darin, sowie mit dem Bescheide, wo ihr Liebster sie treffen möge, zurücksendet.

Im nordischen Altertum ließ man, vor Anwendung des Magnets, Raben mit besondrer Weihe vom Schiffe fliegen, um durch ihr Ausbleiben oder ihre Wiederkehr zu erkunden, ob Land in der Nähe sei oder nicht. Mythische Zubildung dieses Gebrauchs ist es, daß Odin jeden Tag zwei Raben über die Welt ausfliegen läßt, die sich nachher auf seine Achseln setzen und ihm alles Neue, was sie gesehen oder gehört, in das Ohr sagen: sie heißen Huginn und Muninn, Denkkraft und Erinnerung, und damit erhält dieser Botenflug überhaupt das Wahrzeichen geistigen Verkehrs. Zunächst dem Mythus steht das schwedische Volkslied vom Raben Rune: Herr Tune hat seine Tochter in fremdes Land verheiratet, wo es ihr übel ergeht: in Fesseln geworfen, blickt sie durchs Fenster und sieht den Raben Rune daherfliegen: sie ruft ihm zu, ob er für sie in fernes Land fahren wolle? »Im Walde hab' ich meine Junge, so weit fahr' ich nicht mit ihnen beschwert.« »Nimm deine Junge und leg' sie an meine Brust, so können sie essen, solang sie gelüstet.« Der Rabe fliegt aus, trifft Herrn Tune und meldet ihm, daß seine Tochter gefangen liege. »Willkommen mir, Rabe Rune! für dich hab' ich Met und Wein gemischt.« »Nicht lüstet mich nach Met noch Wein, aber gib mir Weizenkörnlein für meine Junge!« Sie messen ihn mit Scheffel und Löffel: »Nimm hin so viel du führen kannst!« Tune sattelt sein treffliches Braunroß und befreit die Tochter. Die dänische Ballade dieses Inhalts weicht in vielem ab. Die Gefangene, die am nächsten Tage verbrannt werden soll, hört des Raben Schwinge und fragt ihn, ob er den Wächterton singen könne? Er bejaht es, er sei noch klein gewesen, da er denselben gelernt. Sie verspricht ihm ihr rotes Goldband, wenn er zu ihren Blutsfreunden fliegen und ihrem Bruder Hildebrand Botschaft bringen wolle. »Was soll ich mit deinem Gold so rot? viel lieber nehm' ich mein Rabenfutter.« »Liebster Rabe! willst du für mich fliegen, meines Herren Auge geb' ich dir.« Der Rabe schlägt seine Schwingen aus und fliegt über drei Königreiche: er fliegt in die Stube hinein, wo Hildebrand den klaren Wein trinkt, und richtet die Botschaft aus. Hildebrand springt über den Tisch, daß der Wein auf den Boden fließt, besteigt sein falbes Roß und rennt über das wilde Meer, weil er aber mitten im Sunde das Roß nennt, wird er abgeworfen; Roß und Rabe kämpfen die Jungfrau ihren Bedrängern ab und bringen sie dem Bruder, der am Strande steht; durch einen Kuß von ihr werden die beiden Tiere gleichfalls zu ihren Brüdern. Dieses dänische Lied berührt sich mit einem weitern: Der Rabe fliegt am Abend, am Tage darf er nicht, er fliegt hoch über die Mauern, wo er die Jungfrau in ihrer Kammer trauern sieht, er fliegt südlich und nördlich, fliegt hoch in die Wolke, sieht die Jungfrau traurig sitzen und nähen, und fragt, warum sie so bitterlich weine? Sie blickt aus dem Fenster und sagt: wer sie trösten und auf ihren Kummer hören wolle? Dann heißt sie den wilden Walraben herfliegen, um ihm all ihr heimliches Leid zu erzählen: ihr Vater verlobte sie einem Königssohn, aber ihre Stiefmutter sandt' ihn fern in östliche Reiche, um sie dem eigenen häßlichen Schwestersohne zu geben, ihren Bruder Werner verwandelte die Stiefmutter und sandt' ihn in fremde Land. Der Rabe fragt: was sie ihm geben wolle, wenn er sie zu ihrem Bräutigam führe. Sie verspricht ihm das rote Gold und das weiße Silber; das heißt er sie behalten und verlangt den ersten Sohn der beiden Verlobten. Da nimmt sie den Rabenfuß, legt ihn auf ihre weiße Hand und schwört bei ihrem Christenglauben, daß er den Sohn haben solle. Alsbald setzt er sie auf seinen Rücken, fliegt mit ihr mühsam über das wilde Meer und läßt sich auf die Zinne des Hauses nieder, vor dem der Bräutigam, den Silberbecher auf der Hand, steht und die Jungfrau willkommen heißt. Die Hochzeit wird getrunken, als aber der erste Sohn zur Welt kommt, da setzt der wilde Rabe sich auf die Zinne und mahnt an das Gelöbnis. Die Mutter weint und schlägt die Hände zusammen, daß es kein Mägdlein ist. Der Vater geht hinaus und bietet für seinen Sohn schöne Burgen, dazu sein halbes Land; allein der Rabe droht, wenn ihm das Kind nicht werde, das Reich zu verwüsten und den Herrn selbst zu erschlagen. Das Kind muß von der Mutter Brust hingegeben werden, der Rabe nimmt es in seine Klaue, gluckst fröhlich, hackt ihm das rechte Auge aus und trinkt sein Herzblut halb; so wird er zum schönsten Ritter, es ist der Bruder, der lange verzaubert war, und auf das Gebet der Versammelten lebt auch das Kind wieder auf. Der sehnsüchtige Blick nach Rettung, das unwiderstehliche Verlangen in die Ferne hat in diesen nordischen Liedern einen wilden, aber den kräftigsten Ausdruck gefunden, wenn die Jungfrau bereit ist, die Jungen des ausfliegenden Raben an ihrer Brust zu ätzen, oder wenn ihm der erste Sohn versprochen wird; der Botendienst erstreckt sich im letzten Stück auf die Überführung der Verlangenden selbst und indem die rettenden Tiere verwandelte Brüder sind, dienen sie zugleich dem nicht minder mächtigen Drange zu helfen, der jener Sehnsucht und Bedrängnis fernfühlend entgegenkommt.

Die Sendung des Raben bildet einen Hauptteil des altdeutschen Gedichtes von Sankt Oswald, König in Engelland, der auch in kirchlichen Bildwerken mit dem Raben erscheint. Dieser junge König hört durch den Pilgrim Warmund von der schönen Tochter des Heidenkönigs Aaron, jenseits des Meeres, welche heimlich nach der Taufe Verlangen trage. Er will einen Boten haben, der erkunde, ob sie ihm geneigt sei und Christenglauben annehmen wolle; dann würd' er mit Heeresmacht nach ihr über Meer fahren. Der Pilgrim wendet ein, daß der Heide jedem Boten, der um seine Tochter werbe, das Haupt abschlage; auch sei die Burg desselben so fest, daß Oswald dreißig Jahre davor liegen könnte, ohne der Jungfrau ansichtig zu werden. Er weiß einen andern Rat: Oswald habe auf seinem Hof einen edeln Raben erzogen, den soll er zum Boten nehmen, der sei ihm nützer, als der weiseste Mann und als ein ganzes Heer; durch des Herren Gebot sei derselbe redend worden. Der Rabe sitzt auf einem hohen Turme, wo ihn der König nicht erlangen kann, aber nach Gottes Willen fliegt er auf den Tisch und mit dem ersten Worte, das er jemals sprach, heißt er den Pilgrim Warmund gottwillkommen. Er will die Botschaft des Königs werben und dieser küßt ihn an Haupt und Schnabel. Nach der eigenen Weisung des Raben wird ein Goldschmied herbeschieden, der denselben in seine Schmiede trägt und ihm das Gefieder mit gutem rotem Golde beschlägt, auch auf sein Haupt eine goldene Krone schmiedet, damit man sehe, daß er eines Königs Bote sei. Tag und Nacht bis zum vierten Morgen arbeitet der Meister an dem kunstreichen Werke. Dann wird dem Raben ein Brief mit des Königs Insiegel unter das Gefieder gebunden, dazu ein goldenes Ringlein mit seidener Schnur. Mit Sankt Johannes Minne und dem himmlischen Herrn empfohlen, wird er entsandt, bis an den zehnten Tag fliegt er ohne Essen und Trinken, da entweicht ihm, als er über dem Meer schwebt, die Kraft, und er setzt sich auf einen hohen Stein, der aus dem wilden Meere gewachsen. Vor Hunger und Müde trauert und klagt er, als ein Fisch zu dem Steine schwimmt, den er fängt und fröhlich zu essen beginnt. Ein wildes Meerweib ergreift ihn bei den Füßen und führt ihn in den Meeresgrund. Sie zeigt ihn ihren Gespielen und meint, es möge wohl ein Engel sein. Sie wollen Kurzweil mit ihm treiben, doch er entgegnet, am Hofe seines Herrn kurzweile kein fremder Mann, bevor er gegessen und getrunken; sie sollen ihm Käse und Brot, Semmeln und Wein geben lassen, samt einem guten Braten, davon werden Gäste wohlgemut. Er wird nach Wunsche bewirtet und denkt nun darauf, wie er den Frauen entrinnen möge. »Sieh hinum!« ruft er einer zu, »was Wunders hebt sich an des Meeres Grunde?« Gott will seinen Zorn erzeigen, all die Welt hat ihr Leben verloren.« Die Frauen erschrecken und schauen begierig hin, der Rabe schwingt sein Gefieder, fliegt wieder auf den Stein und erhebt hier einen ungefügen Schall, daß es in das Meer zurückhallt. Die betörten Frauen trauern über den Verlust des listigen Vogels. Am sechsten Tage hernach schwebt der Rabe über der Burg des Königs Aaron, er setzt sich zwischen zwei Zinnen auf die Burgmauer, sieht Hunde und heidnische Männer und späht nach der Jungfrau. Doch die ist ihres Vaters Schoßkind, er hat sie in eine Kammer verschlossen, wo kein Lichtschein auf sie fällt, als durch die gläsernen Fenster; von vierundzwanzig Jungfraun und vier Herzogen wird sie stets gehütet, die halten über der jungen Königin sorglich ein Seidentuch, rot und weiß, wenn sie zu Tische geht, damit weder Wind noch Sonnenschein ihr nahe. Der Rabe sieht, wie schwierig es sei, ihr die Botschaft zu bringen, und flög' er vor den König in den Saal herab, so würde der grimmige Mann ihn fangen und töten. Er beschließt, zu warten, bis sie essen und trinken, dann werde der Zorn von ihnen weichen, sei doch selbst der beste Christ ungemut, wann ihn hungre. Als man die letzten Richten aufträgt, fliegt der Rabe auf den Tisch und spricht: »Der Herr des Himmels gesegne euch euer Trinken und Essen!« Damit verneigt er sich gegen den König, grüßt die Jungfrau heimlich mit den Augen, neigt sich auch vor der alten Königin und dem ganzen Hofgesinde. Die Heiden sehen ihn an und gestehen, daß sie nie einen feinern Vogel sahen. Er will nun seine Botschaft sagen, wenn ihm der König Frieden gebe. Dieser fürchtet zwar Betrug, doch versagt er den Frieden nicht, worauf der Rabe seine Werbung vorbringt und dabei die Macht seines Herrn höchlich anrühmt. In heftigem Zorn bricht der König den Frieden, das Haus wird überall verschlossen, der Rabe gefangen, mit Riemen gebunden und soll vor den finstern Wald aufgehängt werden. Doch die Fürsorge der Königstochter, die sogar droht, sich mit einem Spielmann aus dem Lande zu heben, bringt es dahin, daß ihr der Rabe gegeben wird. Sie löst mit eigener Hand seine Bande und trägt ihn in ihre Kammer, wo sie ihm Semmeln und guten Wein, Zahmes und Wildbret auftragen läßt. Hernach schwingt er sein Gefieder auseinander und heißt sie den Brief und das Ringlein ablösen, die ihr König Oswald sende. Bis an den neunten Morgen behält sie den Gast, dann bindet sie ihm unter das Gefieder einen Brief und ein Goldringlein mit seidener Schnur, das er über Meer führen soll, zugleich trägt sie ihm umständliche Weisung auf, wie König Oswald, wenn er nach ihr fahren wolle, am Ende des Winters sich auszurüsten habe, besonders auch soll er den Raben wieder mitbringen, ohne den seine Mühe verloren sei. Am zwanzigsten Tage seines Rückflugs schwebt der Rabe über dem Meere, als ein Sturmwind ihn erfaßt, die seidene Schnur sich löst und das Ringlein an den Grund des Meeres fällt. Er fliegt auf eine Felswand, und hebt seine Klage an, die von einem Einsiedler vernommen wird, welcher schon dreißig Jahre daselbst wohnt. Dieser kennt den Raben, denn ihm ist vom Herrn geboten, um Sankt Oswalds willen, dem der Rabe dient, seiner zu warten. Er tröstet den klagenden Vogel, wirft sich kreuzweise zur Erde und betet zu Gott und seiner Mutter um das goldene Ringlein. Alsbald trägt ein Fisch es im Munde her, der Einsiedler empfängt es kniend und bindet es dem Raben wieder an. Dieser schwebt nun am sechsten Tag über seines Herren Burg, setzt sich auf einen hohen Turm und treibt ungefügen Schall. Vier Diener Sankt Oswalds hören es und eilen, je einer dem andern vorspringend, dem Könige, der mit seinen Helden zu Tische sitzt, die liebe Märe zu sagen. Der König springt vom Tische, geht hinaus und wirft seinen Zobelmantel zur Erde, auf den der Rabe niederfliegt. Zwar trägt der König ihn schleunig in seine Kammer, aber der Rabe will vor allem wieder essen und trinken, dann könn' er um so besser mit seinem Herrn Weisheit pflegen. Erst am nächsten Morgen richtet er dem Könige, dem die Nacht ein Jahr lang ist, die erwünschte Botschaft aus. Oswald rüstet sich nun, den Winter hindurch, bis zu Sankt Georgen Tag. Dann schifft er mit dem Heere sich ein, auch ein Hirsch mit schönem Geweihe, den er wohl siebzehn Jahre auf seinem Hofe erzogen, wird mitgenommen (vgl. V. 1114), der Rabe wird vergessen. Ein Jahr und zwölf Wochen fahren sie, bis sie die herrliche Burg des Heidenkönigs erblicken. An einer verborgenen Stelle landen sie, und nun soll der Königstochter Botschaft zugehen. Da wird der Rabe vermißt, und sie halten sich für verloren; auf ihr demütiges Gebet aber schicken Gott und seine Mutter einen Engel nach dem Raben aus. Der vergessene Vogel ist nicht wohl gelaunt: sein Herr habe statt seiner einen Hirsch mitgenommen, warum er den nicht zu der jungen Königin sende? Auf weitern Zuspruch des Engels erwidert er: seit des Königs Abfahrt sei ihm keine Menschenspeise, weder Wein noch Brot geworden, davon sei er seiner Kraft verlustig und könne seinem Herrn nicht helfen; der Koch und der Kellner haben ihm seine Pfründe genommen, er habe mit den Hunden essen müssen, welchem derselben er dann Speise genommen, der hab' ihn jämmerlich angegreint; so hab' er von Hunger große Not gelitten, und sein Gefieder sei ihm sehr zerzerrt worden, er könne keinen Flug aushalten und würden sie alle zutot geschlagen. Der Engel fordert ihn auf, sein Gefieder drei Speere hoch zu schwingen, könn' er alsdann keinen Flug aushalten, so mög' er wieder zur Erde fliegen und habe doch seine Treue geleistet, daß Gott und die Welt ihm um so holder seien. Der Rabe läßt sich erweichen und hebt sich volle zwölf Speere hoch in die Luft, dann will er sich niederlassen, aber der Engel läßt ihn nicht mehr herab und zwingt ihn, sich noch höher zu schwingen und über das wilde Meer zu fliegen. Am vierten Tage kommt er zu Oswalds Heere, setzt sich auf einen Segelbaum und erhebt, der Müde vergessend, seinen lauten Schall. Ein Schiffknecht hört es und springt drei Klafter weit, um das Botenbrot zu gewinnen. Der König geht seinem Raben entgegen und würde die Welt noch so alt, nimmermehr würd' ein Bote so schön empfangen, als der Rabe von Sankt Oswald und allen seinen Mannen. Auf die Frage des Königs nach dem Frieden in Engelland, berichtet der Rabe, daß es damit wohl stehe, aber gegen Koch und Kellner führt er schwere Anklage. Es wird ihm versprochen, daß er nie mehr von des Königs Schüssel kommen solle. Auch fühlt er sich schon so wohl gefeistet, daß er sogleich die Botschaft an die Königstochter werben kann. Er fliegt hoch über den Berg und findet sie allein an einer Zinne der Burg; sie neigt sich heraus, nimmt ihn durch ein Fensterlein zu sich, bespricht sich mit ihm und entläßt ihn mit der nötigen Belehrung für König Oswald. Durch eine mittels des Hirsches veranstaltete List wird die Jungfrau entführt, und der Rabe erscheint fortan nur noch als Wächter auf dem Segelbaume (V. 1509 ff. 2665 ff.), der Heidenkönig aber bereut, daß er gegen besseres Wissen den verderblichen Vogel am Leben ließ (B. 2602–4).

Das Gedicht, dem diese Sage vom Raben entnommen ist, liegt zwar nur in Handschriften und in der Schreibweise des 15. Jahrhunderts vor, aber Stil und Art sind dieselben, wie in einigen andern, auch dem Inhalte nach verwandten Dichtungen, welche durch gleiche Trübung der Texte hindurch als Erzeugnisse des 12. Jahrhunderts erkannt worden sind. Als nächste Quelle wird ein Buch genannt, einmal ausdrücklich »das deutsche Buch«, und wenn auch auf solche Angaben nicht immer Nachdruck zu legen ist, so macht sich doch bemerklich, daß eben jene verwandten Werke sich gleichfalls auf ein deutsches Buch berufen, abwechselnd aber auch auf »das Lied«. Sowie der Ton dieser Gedichte altvolksmäßig und ihr Inhalt nationalen Ursprungs ist, so geben sie auch als ihren Vorgang nicht, wie andre Legenden, lateinische Quellen, sondern deutsches Buch, deutsches Lied an. Eigentümliche Fernblicke öffnen sich für das Gedicht von Sankt Oswald. Der nordhumbrische König dieses Namens war zugleich ein heldenhafter Mehrer seines Reichs und ein Begründer des Christentums unter den Angelsachsen; die Tochter des westsächsischen Königs Kynegil gewann er sich erst durch die Taufe, die sie mit ihrem Vater empfing, zur Gemahlin, und in der Schlacht gegen den heidnischen König von Mercien fand er im Jahre 642 den Tod. Verlieh ihm die Kirche den Heiligenschein, so wird auch die rege Dichtkunst seines Volkes ihn nicht vergessen haben. Bei diesem blieb selbst die Geistlichkeit der Muttersprache und dem in ihr herkömmlichen Dichterstil getreu. Aus der Werkstätte dieser Geistlichkeit gingen noch zwei Jahrhunderte nach Oswald angelsächsische Gedichte, teils weltlichen, teils biblischen und legendenhaften Inhalts hervor, in denen, was die Darstellung betrifft, fortwährend vorchristliche Naturanschauung und durch sie bestimmte Ausdrucksweise lebendig ist. In der Schlachtschilderung singen noch immer die Wölfe, Atzung hoffend, ihr wildes Abendlied; der naßfedrige Adler hebt seinen Sang an auf der Spur der Feinde; der schwarze, schlachtgierige Rabe krächzt hernieder, er wird über Sterbenden vieles plaudern und dem Adler sagen, wie ihm an Atzung gelang, als er mit dem Wolfe Walraub beging. So konnte füglich auch die altertümliche Rabensendung auf die Geschichte des Volkshelden Oswald dichterisch angewendet werden. Wenn im deutschen Gedichte der König seinem Raben das Gefieder mit Gold beschlagen heißt, weil er denselben als Boten wegsenden will, und wenn er auf dessen Haupt eine Goldkrone bestellt, damit man sehe, daß er eines Königs Bote sei (V. 511–522), und er desto bessern Frieden habe (V. 445), so trifft damit zu, daß nach der angelsächsischen Legende von Helena Königsboten in Goldrüstung das Land durchziehen. Noch rein heidnisch wird in einem Eddaliede der kundige Vogel zur Brautwerbung beigezogen. König Hiörward hat ein Gelübde getan, die Frau zu haben, die er die schönste wisse; Atli, der sie ihm verschaffen soll, steht eines Tags an einem Wald, ein Vogel sitzt über ihm in den Zweigen und hat zugehört, daß die Mannen Atlis diejenigen Frauen die schönsten nennen, welche Hiörward schon habe, denn nach einstigem Fürstenbrauch ist der König mehrfach vermählt; der Vogel zwitschert, aber Atli horcht, was er sagt; derselbe fragt: ob Atli Sigurlinn gesehen, Svafnis Tochter, der Jungfraun schönste, wenn auch Hiörwards Frauen für hübsch gelten mögen? Atli fordert den klugsinnigen Vogel auf, mehreres mit ihm zu reden; der Vogel will es tun, wenn ihm der König opfern wolle und er sich wählen möge, was ihm anstehe, aus dessen Hofe. Atli geht es ein, nur soll jener nicht den König selbst, noch dessen Söhne oder Frauen wählen; Hall' und Haine, goldgehörnte Kühe aus Hiörwards Herde wählt sich der Vogel, wenn Sigurlinn freiwillig dem König folge. Wäre das Lied vollständig, so müßte nachfolgen, wie der Vogel, als Führer oder Mitbote, so großen Lohn zu verdienen weiß; in obiger Stelle leistet er nur erst, was bei Oswald der Pilgrim Warmund, er meldet, wo und welche die schönste der Jungfraun sei. Derlei Kunde einen weitgewanderten Waller geben zu lassen, ist herkömmliche Form, noch altertümlicher und poetischer kommt solche dem Vogel zu, der vieles auf seinem Fluge sah. Wie weit die Begehren des Vogels märchenhafter Ausdruck der Ruhmredigkeit oder eine Beglaubigung alten Opferglaubens seien, ist schwer zu sagen. In den vorerwähnten dänischen Balladen verschmäht der Rabe, der auf Botschaft fliegen soll, Gold und Silber, läßt sich dagegen ein Auge oder den ersten Sohn zusagen, noch früher ist opferartiger Wildrechte gedacht worden; Sankt Oswalds Rabe hat nur noch, wie es dem Vogel eines christlichen Königs geziemt, eine Pfründe von Wein und Brot (B. 1786. 1905), und nachdem ihm diese vorenthalten worden, verspricht sein Herr ihm für den letzten Botenflug, daß er nimmermehr von dessen Schüssel kommen solle (V. 1921).

Läßt man aber, von den ältesten Bezügen absehend, Ursprung und Vermittlung des Gedichts vom heiligen Oswald unentschieden und beachtet man dasselbe lediglich als ein Schriftdenkmal des 12. Jahrhunderts, so ist es immerhin als frühe und ausgeführteste Darstellung der Vogelbotschaft auszuzeichnen. Vollständig malt es aus, was Lieder und Balladen flüchtig hinwerfen. Wenn in der schottischen Ballade kurz berichtet wird, der kleine Vogel sei über die tobende See geflogen, so hat Sankt Oswalds Rabe auf Flug und Rückflug über das wilde Meer eine gründlich durchgeführte Reihe von Abenteuern zu bestehen, Ermattung, Hunger, Gefangenschaft bei den Meerweibern, Sturm, Versinken des Ringes in den Meeresgrund. Wendet man zuletzt von der größeren Dichtung sich zum deutschen Volksliede zurück und vergleicht man diese beiderlei Darstellungen, so zeigt sich dort in epischer Breite die Gesandtschaft des Raben als Königsboten, hier in raschem Liedesschwunge der Nachtigallflug von der Linde, und doch hat auch das kleine Lied, in seiner Weise, den Goldschmied, den Ring, die Bewirtung, die Jungfrau am Fenster und ihre Gegengabe. Zufällig ist die eine Version desselben, die Dithmarsische, im Gebiete der Altsachsen, an der Grenze des Heimatlandes der Angeln aufgezeichnet, in der nämlichen Gegend, aus der mit ihren Auswanderern auch die Märe von Beowulf und so manch andre Erinnerung an deutsche Heldensage nach England überging.

Mittels des Fluges überschauen die neugierigen Vögel alles Irdische, ist ihnen nichts unerreichbar, sind sie leicht und plötzlich an jedem Orte gegenwärtig, darum sind sie auch die Wissenden, der geheimsten Dinge Kundigen. Es kommt hinzu, daß sie eben da unversehens erscheinen oder unbemerkt zugegen sind, wo der Mensch am wenigsten beobachtet zu sein glaubt, in der Einsamkeit des Feldes und Waldes. Schon das Bewußtsein ihrer lebendigen Gegenwart, der Anblick ihres klaren Auges, macht sie bald zu willkommenen Vertrauten, bald zu unberufenen Zeugen. Da ihnen aber auch mannigfache Stimme gegeben ist, so können sie sagen und melden, was sie neues und heimliches erkundet haben, schlägt diese Stimme unerwartet an das Ohr des Einsamen, Ahnungsvollen, Schuldbewußten, so wird sie verstanden und wirkt als Vorzeichen, Warnung, Vorwurf, oder, wie schon gezeigt worden, als Botschaft, Rat und Orakel.

»Hie hört uns anders niemand, denn Gott und die Waldvögelein,« sagt Dietrich im Walde zu Ecken. »Das wußte kein Mensch, nicht der Fisch in der Flut, nicht der wilde Vogel auf dem Zweige,« heißt es von heimlichem Liebesgeständnis in einer dänisch-schwedischen Ballade. In einer schottischen wird falsche Rede alsbald von der Elster auf dem Baume Lügen gestraft und berichtigt. Allgemein lautet ein altes Sprichwort: »Wald hat Ohren, Feld hat Gesicht.« Das Mitwissen und Mitreden, das Erlauschen des kaum ausgesprochenen Gedankens oder Wunsches, erstreckt sich, außer den Vögeln, auch auf andre Tiere, die an einsamer Stelle auftauchen. In einem schwedischen Volksliede wünscht sich der Schweinhirt, der auf dem Berge steht, die Tochter des Königs, da sagt alsbald der Wolf, der im Busche liegt, seine Meinung dazu; nach andrer Fassung ist es die Schlange. So können nach deutscher Rechtssymbolik, wo kein andrer Zeuge vorhanden war, auch Haustiere und selbst leblose Gegenstände zur Eideshilfe genommen werden: »Wurde ein ganz einsam ohne Hausgesinde lebender Mann nachts mörderlich überfallen, so nahm er drei Halme von seinem Strohdach, seinen Hund am Seil, die Katze, die beim Herde gesessen oder den Hahn, der bei den Hühnern gewacht hatte, mit vor den Richter und beschwur den Frevel.« Merkwürdig ist, wie vielgestaltig in einer dänisch, schwedisch und schottisch überlieferten Ballade die Person der Zeugen wechselt: die Braut fährt nicht mehr jungfräulich nach dem Hochzeithause, da wird sie, nach dänischer Fassung, unterwegs vom Hirten, der mit der Herde geht, vor zwei Nachtigallen des Bräutigams gewarnt, die von Frauen wohl Bescheid zu sagen wissen, sie vertauscht die Kleider mit ihrer Schwester, aber diese wird auf der Brautbank vom Spielmann beim rechten Namen angeredet, sie gibt ihm den Goldring von ihrer Hand, und nun schilt er sich einen trunkenen Toren, der seine Worte nicht in acht nehme, am Abend befragt der Hochzeiter die Nachtigallen, und es wird ihm die Wahrheit gesungen. Die schwedischen Aufzeichnungen sagen nichts vom Nachtigallensang, sie lassen den Verrat der verlorenen Ehre zunächst aus der Harfe oder Pfeife des Spielmanns tönen, in dessen Hand die Braut ihr Goldband wirft, worauf alsbald ein andrer Klang zu hören ist, zwei derselben leihen aber, mit oder ohne Beiziehung der Spielleute, der Bettdecke des Bräutigams menschliche Rede, wodurch sie ihren Besitzer in Kenntnis setzt; in einer schottischen Fassung wird die Braut von einem Dienstknaben des Hochzeiters gewarnt, dieser aber fordert Decken, Bett, Leintuch und sein gutes Schwert, das nicht lügen wird, zum Sprechen auf und sie sagen ihm den Stand der Sache, anderwärts ist es die Mutter des Bräutigams, die zuerst den Verdacht äußert, und ein geisterhaftes Wesen ( Billie Blin'), neben der Braut stehend, nimmt sich ihrer an, auf die Frage des Herrn aber gibt er vollständige Auskunft. Wenn dergestalt alles hört, sieht und weiter sagt, so ist auch die Eidesformel angemessen, wonach der Freischöffe schwört: die Feme zu hüten und zu hehlen vor Sonne, vor Mond, vor Wasser, vor Feuer, vor Feuer und Wind, vor Mann, vor Weib, vor Torf, vor Traid, vor Stock und Stein, vor Gras und Grein (Zweig, D. Gramm. III, 412), vor allem Lebendigen, vor allem Gottesgeschöpfe, vor allem was zwischen Himmel und Erde, was die Sonne bescheint und der Regen bedeckt.

In Liebesliedern ist wieder die Nachtigall einzige Zeugin heimlicher Zusammenkünfte. Bei Walther, in dem Liede mit dem Nachtigallschlag, wünscht das Mädchen, daß von dem Blumenbrechen unter der Linde, außer ihm und ihr, niemand erfahre denn ein kleines Vögelein, das wohl schweigen könne. Ergiebiger für unsern Zweck ist ein niederländisches Volkslied:

Die Sonn' ist untergegangen,
die Sterne blinken so klar;
ich wollt', daß ich mit der Liebsten
in einem Baumgarten wär'.

Der Baumgart ist geschlossen
und da kann niemand ein,
denn die stolze Nachtigall,
die fliegt von oben drein.

Man soll der Nachtigall binden
ihr Häuptchen an ihren Fuß,
daß sie nicht mehr soll klaffen
was zwei Süßliebchen tun.

»Und habt ihr mich denn gebunden,
mein Herzchen ist doch gesund,
ich kann noch gleich gut klaffen
von zwei Süßliebchen todwund.«

Selbst in sternloser Nacht ist keine Verborgenheit, es lauert eine grämliche Alte, die Eule; sie sitzt in ihrem finstern Kämmerlein, spinnt mit silbernen Spindelchen und sieht übel dazu, was in der Dunkelheit vorgeht. Der Holzschnitt des alten Flugblattes zeigt die Eule auf einem Stühlchen am Spinnrocken sitzend.

Diese Eulenwache streift an eine Art bildlicher Liebeslieder, worin das Kauzlein die zagende, gedrückte Liebe vorstellt, die Eule Verfolgerin ist, die sangreiche Nachtigall aber das ersehnte Wesen, zu welchem das arme Käuzlein seine schüchternen Wünsche hebt. Gleichwie die gefiederten Personen sämtlich der Nacht und Dämmerung angehören, so sind auch die Lieder etwas dunkel gehalten. Bald klagt das Käuzlein nur seine Verlassenheit:

Ich armes Käuzlein kleine
heut soll ich fliegen aus
bei Nacht so gar alleine
ganz traurig durch den Wald hinaus.

Der Ast ist mir entwichen,
darauf ich ruhen soll,
die Läublein all erblichen,
mein Herz ist alles Traurens voll.

Bald klagt es auch über die böse Eule und preist die Nachtigall:

Ich armes Käuzlein kleine,
wo soll ich armes aus?
bei Nacht fliegen alleine
bringt mir gar manchen Graus,
das macht der Eulen Ungestalt,
ihr Dräuen mannigfalt.

Mein G'fieder will ich schwingen
gen holz in grünen Wald,
die Vöglein hören singen
durch mancherlei Gestalt,
ob all'n liebt mir die Nachtigall,
der wünsch' ich Glück und Heil.

Ein ansehnliches Alter der einfachen Form ergibt sich daraus, daß schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts eine künstlichere Ausführung dieser Klage vorkommt: »wenn andre Vögel fliegen, dann muß das Käuzlein sich verbergen, am hellen Morgen wird es zum Spotte der schreienden Vögel, darum fürchtet es den Tag und freut sich der Nacht, es will nicht, daß man sein Wesen wisse, wie oder wo, nach dem Wald im Tale fliegt es, dort findet es die Nachtigall, die sich bei ihm hält und, von grünem Laubüberhange bedeckt, ihm Trost und Freude singt; wohl ist es ihrer nicht würdig, ist es aber auch nicht dem hochfliegenden Falken gleich, so rühmt es sich doch, reich an Gemüt und an Treue zu sein.« Die Eule selbst, die hier nicht beigezogen ist, hat eine Liebschaft, und es ergeht ihr noch übler als dem armen Käuzlein:

Es saß eine Eule gar allein
wohl auf dem breiten Steine,
da kam der Adler, der Vogel schön:
»was schaffst du hier alleine?«

»Was ich tu schaffen hier allein?
ich bin ein' arme Waise,
der Vater ist mir im Krieg erschla'n,
die Mutter starb vor Leide.«

»Ist dir der Vater im Krieg erschla'n,
starb dir die Mutter vor Leide,
willst du mich halten für dein' Mann,
ich halt' dich für mein Weibe.«

Die Eule streicht's Gewölk sich aus
und schaut ihm in die Augen:
»ei Adler, wärst ein Vogel schön,
dürft' man dir nur auch trauen!«

»Und wenn du mir nicht trauen willst,
was geb' ich dir zu Pfande?
setz du dich auf mein' Flügel breit
und flieg mit mir ins Lande!«

Und wie sie kamen in das Land
wohl in das Adlergeniste,
da hatt's wohl auch der Beinlein viel,
die Vögel waren zerrissen.

Schwankende Liebe, gebrochene Treue wird gleichfalls von den Vögeln überwacht. Erst mahnt die Nachtigall noch zu rechter Zeit (Volksl. Nr. 20, Str. 3-5. Anmerkung von Pfeiffer):

Ich war in fremden Landen,
da lag ich unde schlief,
da träumet mir eigentlichen,
wie mir mein feins Lieb rief.

Und da ich nun erwachte,
da war es alles nichts,
es war die Nachtigalle,
die sang so wonniglich.

»Steh auf, du guter Geselle,
und reit du durch den Wald!
sonst wird deine Liebe sagen
sie führ' einen andern Geselln.«

Er reitet ungesäumt durch den Wald voll singender Vögelein, trifft die Liebste noch unverloren und bindet sie mit dem Goldringe. Ernsteren Verlauf hat eine schottische Ballade: Ein Ritter, in der Sommernacht reitend, gewahrt ein Vögelein, das ihm vom Baume zusingt: was er hier spät verweile? wüßt' er, was daheim geschehe, blöde würd' er drein sehn, seine Frau hab' einen Andern im Arme. »Du lügst, du lügst, hübsch Vögelein! wie lügst du auf mein Lieb! ich werde meinen Bogen herausnehmen, wahrlich! ich werde dich schießen.« »Bevor Ihr Euern Bogen gespannt und Eure Pfeile bereit habt, flieh' ich auf einen andern Baum, wo es mir besser geht.« »Wo wardst du erzeugt? wo wardst du geheckt? sag' mir's, hübsch Vögelein!« »Ich ward geheckt auf einem Hulst im guten grünen Wald, ein kühner Ritter beraubte mein Nest und gab mich seiner Frau; mit weißem Brot und Färsenmilch hießt Ihr sie mich fleißig füttern und gabt ihr eine kleine, zarte Gerte, mich selten und sanft zu stupfen; mit weißem Brot und Färsenmilch fütterte sie mich nie, doch mit der kleinen, zarten Gerte stieß sie mich heftig und oft; hätte sie getan, wie Ihr sie hießt, nicht würd' ich sagen, was sie verbrach.« Der Ritter reitet, das Vögelein fliegt die lange Sommernacht bis an die Türe der Frau, da springt er ab, das Vögelein setzt sich auf einen Strunk und singt rüstig. Der Buhler drinnen spricht: »Es ist nicht umsonst, daß der Habicht pfeift, ich wollt', ich wäre hinweg!« Das Vögelein singt, der Ritter zieht sein Schwert und stößt es dem Buhler durch den Leib. Den Kehrreim des Liedes macht ein Ruf nach dem Anbruche des Tages, auch ein Anklang der Vogelstimme (diddle!) wiederholt sich.

Ragnar Lodbrok hatte, nach der altnordischen Saga, bei einem Besuch in Upsala sich mit der Tochter des dortigen Königs verlobt, weil seine Gemahlin Krâka ihm nicht ebenbürtig zu sein schien; auf der Heimfahrt, in einem Walde unweit der Burg, verbietet er seinem Gefolge, bei Verlust des Lebens, von seinem Vorhaben etwas auszusagen, gleichwohl zeigt sich nachher, daß Krâka davon unterrichtet ist. »Wer sagte dir das?« fragt er; sie antwortet: »Behalten sollen deine Mannen Leben und Glieder, denn keiner von ihnen sagte mir's: ihr werdet gesehen haben, daß drei Vögel auf einem Baume neben euch saßen, sie sagten mir diese Zeitung.« Die Meldung der Vögel erscheint hier als Formel, die Nennung des wahren Nachrichtgebers abzulehnen, und diesen Sinn hat es auch, wenn in einer schwedischen Ballade ein Ritter durch den Hirten, dem zu sprechen verboten war, benachrichtigt, in den Hof einer Fürstentochter eindringt und auf ihre Frage: ob ihm ein Hirte mit der Herde begegnet sei? erwidert: »Nein, wahrlich, das nicht! sondern eine kleine Nachtigall, die singt so hübsch auf dem Zweige.«

Wie die Adlerweibchen dem jungen Sigurd Regins Mordanschlag verraten, so ruft im deutschen Liede vom Ulinger, einer alten Blaubartsage, die Waldtaube der entführten Jungfrau zu, in wessen Hände sie sich gegeben (Volkslieder Nr. 74 A. Str. 6–9. Anmerkung von Pfeiffer):

Und da sie in den Wald ein kam
und da sie leider niemand fand,
denn nur ein' weiße Taube
auf einer Haselstauden.

»Ja hör' und hör', du Frideburg!
ja hör' und hör', du Jungfrau gut!
der Ulinger hat eilf Jungfrauen gehangen,
die zwölft hat er gefangen.«

»Ja hör', so hör', du Ulinger!
ja hör', so hör', du trauter Herr!
was sagt die weiße Taube
auf jener Haselstaude?«

»Ja jene Taube leugt mich an,
sie sieht mich für ein' Andern an,
sie leugt in ihren roten Schnabel,
ach, schöne Jungfrau, laß fürbaß traben!«

Unerbittlich mit Vorwurf und Anzeige verfolgt in einer vielbehandelten schottischen Ballade ein kleiner Vogel die Unglückliche, die aus Eifersucht ihren Geliebten erstochen und seinen Leichnam im Flusse versenkt. Was Vögelein, ihr überm Haupte fliegend, spricht: »Hüt' wohl, hüt' wohl dein grünes Kleid vor einem Tropfen seines Bluts!« »Wohl werd' ich hüten mein grünes Kleid vor einem Tropfen seines Bluts, besser als du deine Flatterzunge, die dir im Häuptchen schwebt. Komm herab, komm herab, hübsch Vögelein, fleug wieder auf meine Hand! um eine Goldfeder in deinem Flügel wollt' ich geben all mein Land.« »Wie sollt' ich herab? wie kann ich herab? wie soll ich hernieder zu dir? was du dem Ritter schönes gesagt, dasselbe sagst du mir.« »Komm herab, komm herab, hübsch Vögelein, und sitz auf meine Hand! und du sollst haben ein Käfig von Gold, jetzt hast du nur den Zweig.« »Behalt du nur dein Käfig von Gold, so behalt' ich meinen Baum! wie du dem edlen Herrn getan, so tätest du nun auch mir.« »Hätt' ich einen Pfeil in meiner Hand und einen gespannten Bogen, ich schösse dich in dein stolzes Herz zwischen den Blättern so grün.« Der König will ausreiten und vermißt seinen Ritter, man glaubt, er sei ertrunken, aber die Taucher suchen vergebens nach ihm, da fliegt das Vögelein über ihren Häuptern und sagt, sie sollen erst in der Nacht wieder tauchen, dann werden helle Kerzenlichter über dem Wirbel brennen, darein der ermordete Ritter versenkt worden; so wird der Leichnam gefunden, und die Mörderin muß im Feuer büßen, hier erinnert man sich sonst bekannter Sagen von der Mordklage, die in Ermanglung andrer Zeugen den Vögeln obliegt, von den Kranichen des Ibykus an bis zu den Raben des heiligen Meinrad und dem Adler, der seinen Flügel in das Blut des Erschlagenen taucht und damit in die Wolken auffliegt.

Auch anderweit ist ein Vogel der einzige Beistand und Auftragnehmer des Verlassenen, der ferne von den Seinigen umkommt. Schottische Ballade: Der junge Wildschütze nimmt gegen der Mutter Warnung Bogen und Pfeil und geht mit seinen Hunden in den Wald, hier wird er von sieben Förstern überfallen, die er alle niederstreckt, aber selbst todwund liegen bleibt: »O, ist hier ein Vogel in all dem Busch, der singen will, was ich sage, heim geh' er und sage meiner alten Mutter, daß ich den Tag gewann! ist hier ein Vogel in all dem Busch, der singen will, was ich sage, heim geh' er und sage meinem Treulieb, daß sie komme und hole mich weg! ist hier ein Vogel im ganzen Walde, der so viel an mir will tun, seinen Flügel zu tauchen ins trübe Wasser und es zu streichen über meine Brauen?« Der Star fliegt zu der Mutter Fensterstein, er pfeift und singt, und stets ist der Kehrreim seines Sangs: »Der Schütze säumet lange.« Was Netzen des brechenden Auges mit den Vogelschwingen streift an die Liebesdienste, welche das Rotkehlchen Sterbenden erweist. Ein polnisches Volkslied: Am Eichenwalde sieht man frische Gräber, auf einem steht ein eichen Kreuz, darauf ein Falke aus der Fremde sich niederläßt: eine Stimme aus dem Grabe spricht ihn traurig an, der Begrabene fragt seinen treuen Falken nach der Geliebten, dem Freunde, der Mutter: »Nimm mein Schwert und trag es hin meinem treuen Freunde! sag', daß ihm ein Türke den Freund erschlagen! er wird rächen meinen Tod und die Mutter trösten.« Doch jener Freund hat die Mutter aus dem Hause getrieben und das Liebchen sich zum Weibe genommen, der Falke nur ist mit dieser Kunde hergekommen. Wieder die Grabesstimme: »Nimm hin, Falke, mein blutig Hemd, fleug zur Mutter, sag' ihr, daß im Grabe noch der Sohn ihrer denke! wenn sie meinem Leib und dem Freunde flucht, den Türken und sein Schwert vor den Himmel ruft, dann wird ein Schwefelregen vom Himmel sie verzehren, die Erde kein Grab den Frevlern geben.« Auf die Seite des Empfängers der letzten Mahnung stellt sich die schwedische Ballade vom Herzog Nils: Dieser schläft und träumt von seiner Braut, ein Vogel setzt sich auf das Dach und singt viel hübscher, als der kleine Kuckuck ruft; der Herzog setzt sich an den Tisch, aber er hat keine Ruhe vor dem Gesange des Vögeleins; er legt die Armbrust auf und will es schießen. »O lieber Herzog, schieß mich nicht! deine schöne Jungfrau war es, die mich zu dir sandte.« Der Herzog sattelt seinen Renner, nicht fürder kommt er, als der kleine Vogel fliegt, und schon begegnet er seiner Braut auf der Bahre.

Das Wissen der Vögel betätigt sich mehrfach als Ahnung und Vorhersage. Ahnungsvoll singt im deutschen Liede (Volkslieder Nr. 90 A. Str. 8. Pfeiffer) die Nachtigall der Jungfrau, in die nächtlich am Brunnen unter der Linde den Ritter erwartet:

»Was singest du, Frau Nachtigal,
du kleins Waldvögelin?
wöll' mir ihn Gott behüten.
Des ich hie warten bin!
so spar mir ihn auch Gott gesund,
er hat zwei braune Augen,
darzu ein rothen Mund!«

Der Erfolg entspricht dem bangen Vorgefühl. Im Norden ist eine Ballade verbreitet, worin eine Heimatflüchtige, sich der Entbindung nahe fühlend, den treuen Begleiter nach einem Trunke Wassers fortschickt; als derselbe zum entlegenen Brunnen kommt, sitzen dort zwei Nachtigallen und singen, daß die Schöne tot im Walde liege, zwei Knablein im Schoße; er geht zurück und findet wahr, was die Nachtigallen sangen. Schon Hermigisel, König der Warner, erfuhr solche Mahnung: als er mit den Angesehensten seines Volkes über Feld ritt, ward er einen Vogel gewahr, der auf einem Baume saß und eifrig krähte; die Stimme des Vogels verstehend oder andres wissend, sagte der König seinen Begleitern, daß ihm der Tod nach vierzig Tagen geweissagt sei, wie es auch zutraf. Vorbote nahender Rettung ist der Seevogel im Gudrunliede: Die zwei Königstöchter in Gefangenschaft waschen am Strande, als ein Vogel herangeschwommen kommt, zu dem Gudrun spricht: »O weh, schöner Vogel! du erbarmest mich so sehr, daß du so viel schwimmest auf dieser Flut.« Der Vogel antwortet mit menschlicher Stimme: er sei ein Bote von Gott, ihr zum Troste gesandt, und werde, wenn sie ihn frage, ihr von den Verwandten sagen. Erst will sie kaum glauben, daß der wilde Vogel mit Rede begabt sei, dann wirft sie sich zum Gebete nieder und fragt sofort nach den Ihrigen. Der Engel, wie er nun genannt wird, berichtet, daß er ihre Mutter ein großes Schiffsheer nach ihr aussenden, auch daß er auf den Wellen ihren Bruder mit ihrem Verlobten an einem Ruder ziehen sah. Er verschwindet vor ihren Augen, als sie aber bei Christ ihm zu verweilen gebeut, schwebt er wieder vor ihr und meldet weiter, welche Helden heranfahren und wie der alte Wate, nach dem sie besonders fragt, ein starkes Steuerruder an der Hand habe. Abermals will der Engel scheiden, doch sie will noch wissen, wann sie die Boten ihrer Mutter sehen werde. Der Engel antwortet: Freude geh' ihr zu, morgen in der Frühe werden ihr zwei glaubhafte Boten kommen. Diese sind dann eben der Bruder und der Bräutigam, die dem Heere vorangefahren. Volksmäßig hebt das Gespräch mit der Bemitleidung des Vogels an, der so viel auf dem Meere umschwimmen muß, gleichwie anderwärts den armen Vögeln Teilnahme bezeigt wird, deren Gefieder von Tau und Reif genetzt, vom Winde zerrissen ist; dagegen kann es nicht für ursprünglich gelten, daß er sich als einen Gottesengel zu erkennen gibt. Die Meldung des Vogels schwebt zwischen Botschaft und Vorhersage, er hat gesehen, was am Strand und auf dem Meere sich vorbereitet, und indem er den Kommenden vorauseilt, wird seine Zeitung prophetisch. Überhaupt steht die Begabung der Vögel, das Künftige anzusagen, damit im Zusammenhang, daß die geflügelten Wanderer schon geschaut haben, was in der Ferne gegenwärtig ist. Der Blick, den auch die Adlerweibchen in Sigurds Zukunft öffnen, ist doch eigentlich eine Hinweisung auf anderwärts Vorhandenes, woran sein Geschick sich heften kann, sie wissen eine Königstochter, die allerschönste, nach der hin grüne Wege liegen und um welche der junge Held mittels des Hortes werben möge, sie wissen, daß auf dem Berge, von Flammen umspielt, die Jungfrau schläft, wo Sigurd sie unterm Helme sehen kann.

Die Sprache der Tiere, namentlich der Vögel, verstehen, war dem Altertum verschiedener Völker ein Ausdruck für den tieferen Einblick in das Wesen der Dinge, wodurch die Gabe der Weissagung bedingt war. Der Stammvater eines großen griechischen Sehergeschlechts, Melampus, lebte auf dem Lande, und vor seinem Hause stand eine hohe Eiche, in welcher ein Schlangennest war; während seine Diener die alten Schlangen töteten, sammelte er Holz und verbrannte darauf diese, die junge Brut dagegen zog er auf; sie wuchsen heran, und einst, als Melampus schlief, umstanden sie aufgerichtet seine Schultern und leckten ihm die Ohren aus; erschrocken richtete sich Melampus auf, aber jetzt verstand er die Stimmen der über ihn hinfliegenden Vögel und, von ihnen belehrt, verkündete er den Menschen die Zukunft ( Apollod. I. 9). Auch Tiresias, sowie Kassandra und ihr Bruder Helenos erlangten die Sehergabe dadurch, daß Schlangen ihnen die Ohren reinigten. Dieselbe Wirkung, das Verstehen der Vögelsprache, schrieb man in der griechischen Vorzeit dem Genuß einer gewissen Schlangenart zu. Lieder und Sagen nördlicher Volksstämme geben von gleichen Vorstellungen Zeugnis. Der junge Jarl im Rîgsmâl lernt der Vögel Stimme verstehen, wodurch ihm der Rat der Krähe vernehmbar wird, und Sigurd gelangt zu derselben Kunde, nachdem ihm Herzblut des Lindwurms auf die Zunge gekommen. Ebenso wirkt in einem deutschen Märchen und in der Volkssage von der Seeburg das Essen vom Fleisch einer weißen Schlange; ein Nachklang im Volksliede:

Lieb Ännchen, willt mit in grünen Wald?
ich will dir lernen (dich lehren) den Vogelsang.

Die Beziehung der Schlange zum Erlernen der Vogelsprache scheint diese zu sein: was die weitfliegenden Vögel in den Lüften oder hoch auf dem Baume singen, das vernimmt mit hörsam aufgerichtetem Kopfe die Schlange, die am Boden kreucht, sie ist das Ohr für die Rede der Vögel, bedeutet das Verständnis, das den ansprechenden Stimmen aus Natur und Geisterwelt aufmerkend entgegenkommt; und wenn das Auslecken der Ohren zu dieser Empfänglichkeit verhilft, so wird die Junge, die vom Herzen der Schlange gekostet hat, fähig, sich mit Frage und Gegenrede verständlich zu machen. Selbst dem Bilde des Weltalls in der nordischen Götterlehre, der Esche Yggdrasil, mangelt jene Beziehung der Schlange zur Vogelsprache nicht, in den Zweigen der heiligen Esche sitzt ein Adler, und an ihrer untersten Wurzel nagt eine Schlange, ein Eichhorn aber, am Stamme lauernd, bringt des Adlers Worte von oben und sagt sie der Schlange drunten; der Adler bezeichnet das Luftreich, die Schlange das Unterirdische, jener redet, sie horcht auf, und in dem Verkehr, der zwischen beiden vermittelt wird, ist der Zusammenhang des Weltganzen bis in seine äußersten Enden verbildlicht.

Der scharfe, lauschsame Sinn, dem nicht der leiseste Laut, das unscheinbarste Anzeichen entgeht, war Merkmal und Beglaubigung des höheren Berufes zum Seher, Heilkundigen, Weisen. Melampus hört die Unterredung der Holzwürmer, die das Gebälk über ihm zernagen, und da er ihre Sprache versteht, rettet er sich aus dem Hause, das sogleich hinter ihm einstürzt. Merlin, der wallisische Seher, dessen Weissagungen über die Zukunft der Königreiche das Mittelalter erfüllten, erriet aus einem einzigen Blatte, das in den Haaren der Königin hing, daß sie mit ihrem Liebhaber im Gehölze zusammen war. Der Zögling der sieben Meister, den sie in allen Wissenschaften unterrichtet, wird damit geprüft, daß sie während seines tiefen Schlafes ihm unter die Bettstollen je ein Rautenblatt legen; beim Erwachen äußert er, entweder habe der Himmel sich geneigt oder der Boden sich gehoben, und sie sind nun überzeugt, daß er bald sie alle an Weisheit übertreffen werde, nachdem ihm die Dicke eines Blattes nicht unbemerkt geblieben. Der schlaue Amleth hat besonders die unselige Gabe, alles zu wittern, was im Reiche faul ist, ihm schmeckt, nach Saxos Erzählung, das Brot nach Blut, das Getränk nach Eisen oder hat es einen Totengeruch, ebenso gewahrt er, daß der König knechtische Augen und die Königin drei Merkzeichen niedriger Abkunft in ihrem Benehmen habe, wie dann auch die Nachforschung ergibt, daß das Getreide zu dem Brot auf einem ehemaligen Schlachtfelde gewachsen, das Wasser zum Gerstentrank aus einer Quelle geschöpft worden, in der gerostete Schwerter verschüttet lagen, der Honig zum Met von Bienen kam, die vom Fett eines Leichnams genossen, daß der König von einem Unfreien erzeugt und die Königin von einer Gefangenen geboren war. Bei dieser in den Sagen dargelegten Richtung, aus geringen Zeichen das Verborgene in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erspüren, bei der stets wachen Aufmerksamkeit des äußern Sinnes auf alles Erscheinende und der Erregbarkeit des inneren durch solches mußten auch Flug und Stimme der Vögel samt andern Kundgebungen rätselhafter Tierwelt zum Gegenstande der Beobachtung und Deutung werden. Was hieran wahr und haltbar ist, das stammt aus der freien Bewegung des dichterischen Geistes und Gemüts: die liebende Teilnahme an allem Erschaffenen, der empfundene Einklang der Seelenstimmungen mit den Stimmen der Natur, die sinnbildliche Beziehung des Natürlichen auf das Geistige. In Regeln gebracht, auf das wirkliche Leben angewandt, in der Erscheinung gebunden oder das Sinnbild zur Tatsache verkörpernd, gestaltete sich die Deutung einerseits als Scheinweisheit zünftigen Augurwesens, andrerseits als dienstbarer Volksaberglaube. Bei den deutschen Völkern, deren Priesterschaft nicht kastenmäßig zugebildet war, von denen aber schon Tacitus meldet, daß sie Stimmen und Flug der Vögel befragt haben, pflanzte sich dieser Aberglaube, vorzüglich als eine besondere Art der Beobachtung des Angangs, bis in die letzten Jahrhunderte fort. Allein auch die freiere, geistige Auffassung hat sich an der rechten Stelle forterhalten, in der Volkspoesie, durch deren Gebiet wir sie, von den sinnlichem Bezügen bis zu den innerlichsten, unter den mannigfaltigen Formen des Bettgesprächs, der Tröstung und Anregung, des Rates und der Lehre, der Botschaft und Vorbotschaft, der Meldung und Warnung, der Gewissensstimme, Lügenzeihung und Anklage aufgewiesen haben. Die Erforschung des Mythus und der Volksdichtung führt überhaupt zu der Einsicht, daß die finstre Masse abergläubischer Vorstellungen um vieles gelichtet werden kann, wenn der ursprüngliche Sinn mit seinem bildlichen Ausdruck aus den Banden der Wörtlichkeit, Formel und Zeremonie des Zauber- und Gespensterwesens gelöst und seiner geistigen Heimat zurückgegeben wird.

Ein Beispiel, das sich den Liedern vom Verrate der Nachtigall anknüpft, bietet der Aberglaube vom Bilwiz. Mit diesem Namen, der auch in weiblicher Form und in der Mehrzahl, sowie unter mancherlei Entstellungen, vorkommt, wird ein gespenstisches Wesen bezeichnet, dessen schon mittelhochdeutsche Gedichte erwähnen; es schießt aus einem Berge nach den Menschen, verwirrt und verflicht die Haare, Bilwizschnitt ist ein Durchschnitt im Getreidefeld, den man bald boshaften und zauberkundigen Menschen, bald dem Teufel oder elbischen Gespenstern schuld gibt: zum Bilwizbaum ein Kind oder Gewand opfern wird als eine Versündigung gegen das erste Gebot namhaft gemacht, auch glaubte man, daß kleine Kinder zu Bilwizen verwandelt seien. In diesen Zügen feindseliger und gefährlicher Art treffen die Bilwize mit andern Unholden verschiedener Benennung zusammen, überdem wird ihr eigener Name auch von Zauberern und Hexen gebraucht, man befindet sich mitten in der Wildnis des Aberglaubens. Zugleich aber scheinen noch die Anzeichen einer ursprünglich freundlichen Natur hindurch, ein Bilwiz wird in einer mittelhochdeutschen Erzählung für gleichbedeutend mit »ein Guter« genommen, die niederdeutsche Form Belewitten wird den guten Holden gleichgesetzt, und entscheidend spricht der Name selbst, dessen Bedeutung noch in dem angelsächsischen bilvit, bilevit, billig, wohlgesinnt, zutage liegt. Ein Zeugnis aus den Niederlanden stellt dann Beeldwit zusammen mit blinde Belien, als Namen von Wesen, welche, wie man glaube, nächtliche Erscheinungen sehen und daraus geheime Dinge offenbaren. An diese blinde Belien reiht sich nun der blinde Billie ( Billie Blin') der früher angezogenen schottischen Ballade, Belien und Bilie sind gleichmäßig Verkleinerungen der Stammsilbe, die auch in Belewit, bilevit, bilvit, Bilwiz als Hauptwort erscheint und Billigkeit, Recht, zu besagen scheint, während das nachfolgende Beiwort wissend, kundig, bedeutet. Billie Blind wird in der Ballade so verwendet: als die Braut bei ihrer Ankunft sich ungeheißen auf den goldnen Stuhl niederläßt, äußert die Schwiegermutter, in diesen Stuhl setze sich keine unbescholtene Jungfrau, bevor sie gebeten sei, der Billie Blind aber, neben der Braut stehend, spricht: »Die hübsche Maid ist vom Reiten ermüdet, das machte, daß sie ungeheißen niedersaß.« Am Abend, als das Brautbett bereit ist, fragt der Bräutigam den Billie Blind, ob hier eine unbescholtene Jungfrau sei? Billie bejaht es, denn eine Dienerin ist untergeschoben, die Braut aber sei auf ihrer Kammer in Kindesnöten. Es ergibt sich, daß einst der Bräutigam selbst diejenige, die jetzt seine Braut ist, im grünen Wald überrascht hat. Somit ist Billie ein wohlgesinnter Berater, schonungsvoll der Bedrängten und doch wahrhaft gegen seinen Herrn; der Herausgeber der Ballade erkennt in ihm den Brownie, den diensttreuen Hausgeist, der ehedem in Schottland keinem ansehnlichen Geschlechte fehlen durfte. Doch kann man hiebei nicht stehen bleiben, da sich für Wort und Wesen weitere Anknüpfungen darbieten. Jenem angelsächsischen bilevit, bilvit, Billiges wissend, treten altsächsisch balovîso und altnordisch bölvis, Böses wissend, gegenüber: mit dem altsächsischen Worte wird der Teufel benannt (the balouuiso, Hel. 33, 2.), der den Heiland auf dem Berge versucht, das nordische dagegen führt in die alte Sagenwelt seines Volksstammes. Blind, der böses Wissende (Blindr inn bölvîsi), läßt sich in einem Heldenliede der Edda vernehmen, als Helgi, zur Mahlmagd verkleidet, von den Feinden vergeblich gesucht wird, da spricht der böse Blind: scharf seien die Augen dieser Magd, das sei nicht unedles Geschlecht, was an der Handmühle stehe, die Steinen brechen, die Mühle zerspringe, hartes Los, wenn ein König Gerste mahlen solle. Für das Beiwort der Belien und Bilies gibt nun dieser nordische Blind einen Anklang, aber wenn Billie Blind der armen Braut hinauszuhelfen sucht, so ist es nicht minder angemessen, daß der böse Blind den jungen Helden verderben will. Den gleichen Vorgang erzählt eine spätere Saga, in offenbarer Nachahmung des Helgiliedes, von ihrem Helden Hrômund: der Angeber Blind, welcher Bavîs hieß (Entstellung aus bölvis), aber auch der Üble (hinn illi) zugenannt ist, erscheint hier noch auf andre Weise als Kundschafter, er hat Traumgesichte, die seinem Herrn und ihm selbst den Untergang weissagen und bald darauf in Erfüllung gehen. Außerdem nennt die Saga auf andrer Seite zwei Männer Bild und Voli, beide schlimm und arglistig, aber von ihrem Könige hochgehalten, von denen jedoch nur der eine, Voli, in den Vorgrund tritt, als Zauberer und Unheilstifter. Durch alle Willkür und Verwirrung in diesen Abenteuern lassen sich doch einige Spuren alter Überlieferung erkennen, die unsrer Untersuchung weiter dienlich sind: Blinds weissagende Träume fallen überhaupt in das Gebiet geistiger Mahnungen und schließen sich insbesondre daran, daß auch den Wesen, die man in den Niederlanden Beeldwit und blinde Belien hieß, nächtliche Gesichte zugeschrieben wurden, woraus sie Geheimes offenbar machten (Anm. 329); Bild und Voli aber, ebenfalls verdorbene Namen und in Blind Bavis sich nur wiederholend, sind dadurch beachtenswert, daß hier zwei Ratgeber beisammenstehn, wenn auch beide gleichermaßen als bösartig bezeichnet. Zu klarem Abschluß bringt jedoch die zerstreuten und verdunkelten Namen und Sagenreste nur die verdienstliche Aufzeichnung Saxos, in der Geschichte Hagbarths und Sygnes, einer Liebessage, die sich in Liedern und örtlichen Aneignungen über den ganzen Norden verbreitet hat. Hagbarth, Hamunds Sohn, kommt in Frauentracht zu Sygne, Tochter des Dänenkönigs Sigar, der er auf andre Weise nicht nahen kann, er wird verraten und ergriffen, der König läßt ihn aufhängen, zugleich aber stirbt die Geliebte, wie sie zugesagt, in den Flammen ihres Gemachs. Dies sind die Grundzüge der verschiedenen Darstellungen, aber nur in der ältesten, die uns erhalten ist, bei Saxo, findet sich folgendes: König Sigar hat zwei alte Männer zu Ratgebern, deren einer Bölwis (Bolvisus) heißt, und die so ungleicher Sinnesart sind, daß der eine Feinde zu versöhnen pflegt, der andre Freunde zu entzweien und Groll zu schüren bemüht ist; den blinden Bölwis besticht ein Mitbewerber Hagbarths, zwischen Sigars und Hamunds Söhnen Haß anzustiften, und Bölwis bringt es durch Lügenrat dahin, daß der Friede gebrochen wird; zwei Brüder Hagbarths fallen, und er rächt sie durch den Tod zweier Söhne Sigars, darum darf er sich nur verkleidet zu Sygne wagen; nachdem man ihn ergriffen und vor die Volksversammlung geführt, teilen sich die Stimmen über ihn, mehrere verlangen, daß er mit dem Leben büße, aber Bilwis (Bilwisus), Bruder des Bölwis, ermahnt mit andern Bessergesinnten, lieber von den Diensten des Helden Gebrauch zu machen, als grausam gegen ihn zu verfügen; da kommt Bölwis hinzu und erklärt den Rat für ungehörig, durch den die gerechte Rache des Königs für den Tod seiner Söhne und die Schmach seiner Tochter gelähmt werden solle, dieser Ansicht stimmt die Mehrheit bei, und Hagbarth wird zum Tode verurteilt. Der Bilwis dieser Sage nun ist der ungetrübte Stammbegriff der deutschen Bilwize, von ihm aus und seiner Gegenüberstellung zu Bölwis erhellen sich die Schemen, die uns bis dahin vorbeigestreift. Daß Bilwis und Bölwis mythische Wesen sind, zeigen schon ihre begriffartigen und ebenmäßigen Namen, sie konnten darum auch, an keinen einzelnen Dienst gebunden, in verschiedene Sagen eintreten; wo zum Guten geredet wird, spricht Bilwis, wo zum Bösen, Bölwis; zu einer streitigen Beratung gehören beide, als notwendige Seitenstücke sind sie Brüder, durch Anlaut und Wortfügung gepaart. Was der Wortsinn verlangte, daß der Bilwis ein wohlgesinntes Wesen sei, das erfüllt Saxos Bilwis tätlich als Sprecher der versöhnlichen, milden und billigen Meinung (sententiae potioris auctor). Der Gleichlaut der Namen bis auf den einen Buchstaben konnte leicht zur Verwechslung von Bilwis mit Bölwis führen, zumal nachdem der ursprüngliche Sinn nicht mehr verstanden, und es gebräuchlich war, die mythischen Wesen insgemein für böse Geister zu nehmen, Blindheit wird bei Saxo nur dem Bölwis beigelegt, im Eddalied und der Saga stellt sich diese Eigenschaft als Hauptname des bösen Ratmannes voran (Blindr hinn illi, Blindr bavis); sie bezeichnet wohl hochdeutsch: der Witze blind, weiser Sinne blind. Auch dieses Eigenschaftswort fiel in die Verwechslung, daher die blinden Belien und Billie Blind; dieser erweist sich zwar zumeist als gutartiges Wesen, aber er kann mit dem bösen Blinden verschmolzen sein, welchem Verdachtreden angehören mochten, wie nunmehr die Schwiegermutter sie führt; die Vollständigkeit erfordert den Gegensatz, und auf diesen werden auch die verworrenen Bild und Voli der Saga aus ihrer jetzigen Einhelligkeit im Bösen zurückzubringen sein. Es ist nicht zu übersehen, wie die Wörter Bilwiz und balovîso, auch wo sie der mythischen Zubildung, zu der sie in den angeführten Liedern und Sagen gelangt sind, ferne stehen, doch in sich schon nach derselben hinweisen, denn sie besagen nicht einfach billig oder böse, sondern sie drücken ein Wissen aus der Quelle und in der Richtung des Guten oder Bösen aus, ein Wissen, das da, wo die Wörter persönlich werden, in wohlmeinender Mahnung und böswilliger Meldung, in mildem und rechtem, verderblichem und blindem Rate sich kund gibt; der Balowîso im Heliand ist der Teufel als Versucher, Bilwis und Bölwis bei Saxo sind Ratgeber, darum als Greise gedacht, Hauptsprecher im Rate des Königs und des Volkes. Allein sollten nicht die leibhaftern Bilwize des Aberglaubens für das Ursprüngliche, jene Personifikationen des guten und bösen Rates für das Abgeleitete, für die nachfolgende geistige Läuterung zu erklären sein? Einer solchen Annahme widersetzt sich schon die abstrakte Bedeutung des Wortes Bilwiz; die Vorstellungen heidnisch altertümlichen Gepräges, die unter diesem Namen sich angesammelt, berühren sich nicht mit dem Worte selbst, letzteres war im 13. Jahrhundert, über das kein deutsches Zeugnis hinaufreicht, in seinem allgemeinen Sinne nicht mehr gebräuchlich und darum auch in der Anwendung auf Geisterwesen nicht mehr verstanden; dagegen haben Bölwis und Bilwis in den alten Mundarten, nordisch, altsächsisch, angelsächsisch auch als Gemeinwörter noch Währung, und wo sie persönlich gebraucht sind, decken Wort und Wesen einander vollständig; die Überlieferungen aber, welchen die mythischen Träger des Namens oder Beiworts zugeteilt sind, stammen so gewiß, als irgend ein Volksglaube von den Bilwizen, aus heidnischer Vorzeit. Das Helgilied ist seinem Inhalte nach vorchristlich, auf die Hagbarthsage wird schon im Skaldensange des 9.Jahrhunderts angespielt, und die vorwaltenden metrischen Stellen in Saxos Erzählung zeigen an, daß er einheimische Lieder vor sich hatte, deren alter Ursprung, des rednerischen Lateins unerachtet, durch den strengen Stil dieser Darstellung, im Vergleich mit den dänisch-schwedischen Balladen, hinreichend beurkundet wird. Den bösen Blind, die ratgebenden Bilwis und Bölwis von Lied und Sage abzutrennen, dazu ist kein genügender Grund vorhanden; wenn zwischen ihnen und den handelnden Personen ein Unterschied bemerklich ist, so beruht dieser eben darin, daß sie nicht epische Gestalten sind, sondern, ihren Namen gemäß, Gedankenwesen, Anwälte des Guten und Bösen; treten sie auch poetisch in die Erscheinung, stehen sie als greise Räte dem König zur Seite, so sind sie ursprünglich doch wohl nur Stimmen des Innern, zwiespältige Regungen in der Seele dessen, der zwischen rechtem und unrechtem, mildem und strengem Entschlüsse schwankt.

Wenn statt des geisterhaften Bilie nach der dänischen Ballade zwei Nachtigallen reden, und wenn diese Zweizahl damit stimmen würde, daß in Bilie Blind und seinem Namen, wie zuvor vermutet wurde, zweierlei Wesen zusammengefallen seien, so können diese Anklänge bloß zufällige sein. Im allgemeinen aber kommen die Mahnungen und Ratschläge der Genien denen der Vogelstimme sehr nahe, und auch diese, zumal als leiseres Zuflüstern, vertritt oft gänzlich die Stelle der innern Eingebung, des aufsteigenden Gedankens. So in den sprichwörtlichen Ausdrücken: das hat mir ein Vogel gesungen, welcher Vogel hat dir das in die Ohren getragen? und ähnlichen. Die englische Ballade vom Aufstand im Norden, 1569, hebt damit an, daß Graf Percy im Garten zu seiner Frau spricht: »Ich hör' einen Vogel in mein Ohr singen, daß ich fechten oder fliehen muß.« Zwei Raben sitzen auf Odins Achseln und sagen ihm ins Ohr alles Neue, das sie sehen oder hören; Odin ist der göttliche Geist, die Raben aber heißen Huginn und Muninn, Gedanke und Gedächtnis. Blickt man von diesem Standpunkt auf das ganze Geschlecht der ratenden, mahnenden, Botschaft bringenden Vögel zurück, so erkennt man allerdings in vielem einen Verkehr des nachdenklichen Geistes, der ahnenden Seele mit sich selbst, aber die innerliche Tätigkeit ist durch einen Ruf von außen angeregt, die sinnbildliche Verwendung, die geistige Meinung, der sprichwörtliche Gebrauch sehen einen Gegenstand voraus, der zuerst in seinem eigenen Wesen wahrgenommen und empfunden sein mußte, mit jenem wachen Sinne für die lebendige Natur, von dem wir ausgegangen, und der fortwirkend auch den geistigen Auffassungen Frischheit und Farbe gab. Wo es sich lange nicht mehr um die unmittelbare Darstellung des Tierlebens handelte, wo der Vogel Lehren sang, auf Botschaft flog, verstohlenes Liebesglück belauschte, Verbrechen meldete, wo seine Erscheinung überall nur als Mittel und Beiwerk zu dienen schien, da hat dieselbe gleichwohl ganzer Lieder und Balladen sich dermaßen bemächtigt, daß sie zur Hauptsache wurde, daß ohne sie kein poetischer Inhalt übrig wäre; selbst die umfangreiche Legende des heiligen Oswald wird lediglich vom Raben und Hirschen getragen, und so hat das Tiermärchen über manche Kreise der Volksdichtung, die ihm scheinbar ferne liegen, seinen belebenden Einfluß verbreitet.

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