| type | epos |
| author | Dante |
| title | Göttliche Komödie |
| publisher | Peter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg |
| translator | Philalethes |
| corrector | reuters@abc.de |
| sender | www.gaga.net |
| created | 20070109 |
| projectid | 10a64f4f |
Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens,
Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte;
Gar hart zu sagen ist's, wie er gewesen,
Der wilde Wald, so rauh und dicht verwachsen,
Daß beim Gedanken sich die Furcht erneuet;
So herb, daß herber kaum der Tod mir schiene:
Doch eh' vom Heil, das drin mir ward, ich handle,
Meld' ich erst andres, was ich dort gewahrte.
Wie ich hineinkam, weiß ich nicht zu sagen,
So schlafbefangen war ich zu der Stunde,
Als von dem rechten Weg ich abgewichen.
Doch da ich zu dem Fuß nun eines Hügels
Gekommen war an jenes Tales Ende,
Das mir mit Furcht das Herz durchschauert hatte,
Blickt' ich empor und sah der Berge Schultern
Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,
Der andre allerwegen recht geleitet;
Nun ward die Furcht ein wenig mir gestillet,
Die in des Herzens tiefstem Grund verweilet,
In jener Nacht, durchlebt bei so viel Leiden.
Wie einer, der mit angstgepreßtem Odem,
Dem Meere kaum entronnen, nun vom Strande
Auf die gefahrvoll wilde Flut zurückstarrt;
So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend
Zurück, den engen Durchgang zu betrachten,
Den nie ein Wesen lebend noch verlassen.
Nachdem ich ruhend neu gestärkt die Glieder,
Stieg weiter ich empor am wüsten Hange,
So daß der feste Fuß stets war der tiefre.
Doch sieh! fast schon beim Anbeginn des Steigens
Erblickt' ein Pardel ich, gar leicht und flüchtig,
Bedeckt mit einem buntgefleckten Felle;
Es wollte nie vor meinem Antlitz weichen,
Ja, schien den Weg mir also zu versperren,
Daß ich mich öfter schon zur Rückkehr wandte.
Die Stunde war es, da der Morgen anbricht,
Und aufwärts stieg die Sonne mit den Sternen,
Die bei ihr standen, als die ew'ge Liebe
Zuerst Bewegung gab dem schönen Weltall,
So daß ich, guter Hoffnung voll, mich freute
Am Fell des Wildes, lustig buntgesprenkelt,
Am Morgenlicht und an des Lenzes Milde,
Doch so nicht, daß mich Schrecken nicht ergriffen,
Als die Gestalt ich eines Leu'n gewahrte.
Es war, als kam' er auf mich losgegangen,
Erhabnen Haupts, gereizt vom wilden Hunger,
So, daß die Luft selbst vor ihm her erbebte.
Und eine Wölfin, deren magres Äußre
Voll wilder Gier schien und es deutlich zeigte,
Daß vielen schon das Leben sie verbittert,
Ließ durch das Graun, das ihrem Blick entströmte,
Des Wegs Beschwerde mich so drückend finden,
Daß ich die Hoffnung des Ersteigens aufgab.
Und so wie jener, welcher gern gewönne,
Wenn nun die Zeit kommt, die Verlust ihm bringet,
Bei jeglichem Gedanken weint und trauert;
So ward ich ob des friedenlosen Untiers,
Das, mir entgegenkommend, mehr und mehr mich
Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schwindet.
Indes ich wieder zu dem tiefem Grunde
Mich stürzte, trat mir einer vor die Augen,
Der heiser schien durch langgewohntes Schweigen.
Als in der großen Wüst' ich den erblickte,
Rief ich ihm zu: ,O hab' mit mir Erbarmen,
Wer du auch seist, ob wirklich Mensch, ob Schatten.'
»Nicht Mensch,« antwortet' er, »gewesen bin ich's;
Lombarden waren meine beiden Eltern,
Und ihrer Vaterstadt nach Mantuaner.
Sub Julio geboren, ob auch spät schon,
Lebt' ich zu Rom zur Zeit Augusts des Guten.
Als falsche Lügengötter man noch ehrte.
Ein Dichter war ich und sang den gerechten
Sohn des Anchises, welcher kam von Troja,
Nachdem das stolze Ilion verbrannt war.
Doch du, was kehrst zu solcher Pein du wieder,
Warum ersteigst du nicht den Wonnehügel,
Der Grund und Anfang ist von aller Freude?« –
»So bist du der Virgil denn und die Quelle,
Draus sich so reicher Strom der Red' ergießet,« –
Antwortet' ich ihm mit verschämter Stirne,
»O du, der andern Dichter Licht und Ehre,
Der lange Fleiß sei und die große Liebe,
Mit der nach deinem Buch ich griff, mir günstig.
Du bist mein Meister, mein erhabnes Muster,
Du bist's allein, aus dem ich sie geschöpfet,
Die schöne Schreibart, die mir Ruhm erworben.
Sieh dort das Tier, vor dem ich mich gewendet.
Errette mich von ihm, berühmter Weiser,
Es macht die Adern mir und Pulse zittern!«
»Vollführen mußt du eine andre Reise,«
Antwortet' er, da er mich weinen sehen,
»Willst du aus dieser wilden Stätt' entrinnen;
Denn dieses Tier, weshalb du riefst um Hilfe,
Läßt keinen frei hinziehn auf seiner Straße,
Ja, hindert ihn so sehr, bis es ihn tötet.
Und von Natur ist es so schlimm und boshaft,
Daß nimmer es den gier'gen Trieb befriedigt,
Und nach dem Fraß mehr als vorher noch hungert.
Viel Tiere sind, mit denen es sich paaret,
Und mehr noch werden sein, bis einst der Windhund
Erscheint, der es vor Schmerz wird sterben machen.
Nicht wird von Erd' er und Metall sich nähren,
Allein von Weisheit, Tugend und von Liebe,
Geboren wird er zwischen Feltr' und Feltro,
Dem armen Welschland wird zum Heil er werden.
Für das Camilla starb, die Jungfrau, Turnus
Und Nisus und Euryalus an Wunden;
Der wird es hin durch alle Städte jagen,
Bis in die Höll' er es zurückgetrieben,
Woraus der erste Neid es einst hervorrief.
Drum denk' ich und erkenne für dein Bestes,
Daß du mir folgest und ich sei dein Führer,
Der rettend durch den ew'gen Ort dich leite.
Dort wirst du der Verzweiflung Schrei'n vernehmen,
Die Trauerschar der alten Geister schauen,
Wo jeglicher des zweiten Tods begehret;
Dann wirst du die erblicken, die im Feuer
Zufrieden sind, weil sie zu kommen hoffen,
Wann es auch sei, hin zu dem sel'gen Volke;
Willst du zu dem auch steigen, o dann findet
Sich würdiger als ich wohl eine Seele,
Mit der ich dich bei meinem Scheiden lasse.
Denn jener Kaiser, der dort oben herrschet,
Weil ich mich gegen sein Gesetz empöret,
Läßt keinen mich zu seiner Stadt geleiten.
Er herrschet allerwärts, doch waltet dort nur;
Denn seine Stadt, sein hoher Sitz ist droben,
O glücklich der, den er sich dort erkoren!«
Und ich zu ihm: ›O Dichter, ich begehre,
Bei jener Gottheit, die du nicht erkanntest,
Daß diesem Weh und Schlimmern ich entgehe,
Daß du dahin mich führst, wo du gesagt hast,
Damit das Tor Sankt Peters ich erschaue
Und jene, die du mir so traurig schilderst.‹ –
Da schritt er vor, ich folgte seinen Spuren.
Der Tag entwich schon, und der düstre Himmel
Entlud die Wesen, die auf Erden wohnen,
All ihrer Mühen, aber ich allein nur
Hielt mich bereit, den Kampf zu überstehen,–
So mit dem Weg, als auch mit dem Erbarmen,–
Den mein Gedächtnis ohne Trug soll schildern.
O Musen, hoher Geist, kommt mir zu Hilfe,
Gedächtnis, welches schrieb, was ich gesehen,
Hier wirst du deinen Adel offenbaren.
Und so begann ich: ›Dichter, der mich führest,
Betrachte meine Kraft erst, ob sie stark ist,
Eh' du dem schweren Pfad mich anvertrauest.
Du kündest, daß des Silvius Erzeuger,
Obgleich verweslich noch, zur wandellosen
Welt sei gewallt, und zwar als Sinnenwesen,
Drum, wenn der Widersacher alles Bösen
Geneigt hier war, der hohen Wirkung denkend,
Die ihm entsprießen sollt', und wer und welcher,
So scheint er des Verständigen nicht unwert,
Da er der hehren Roma und dem Reiche
Im höchsten Himmel war erwählt zum Vater,
Welche und welches, daß ich Wahrheit sage,
Bestimmet waren zu der heil'gen Stätte,
Allwo der Erbe sitzt des größern Petrus.
Auf dieser Reise, die von ihm du rühmest,
Vernahm er Dinge, welche seines Sieges
Und der Tiara Ursach' so geworden.
Hin kam auch das Gefäß der Auserwählung,
Um Stärkung jenem Glauben draus zu reichen,
Der auf dem Weg des Heils der erste Schritt ist.
Doch warum käm' ich hin, und wer gewährt es?
Ich bin Äneas nicht, ich bin nicht Paulus;
Nicht ich noch andre glauben des mich würdig:
Drum wenn ich dennoch hinzugehen wagte,
So, fürcht' ich, wäre töricht meine Reise.
Du, Weiser, kennst das besser, als ich sage.
Und jenem gleich, der nicht will, was er wollte,
Und für den neuen Einfall Vorsatz ändert,
So, daß er anzufangen ganz verzichtet,
Erging es mir in diesem dunklen Tale,
Weil sinnend ich die Unternehmung aufgab,
Zu der beim Anfang ich so rasch gewesen.‹
»Wenn deine Wort' ich recht verstanden habe,«
Entgegnet' jenes Hochgesinnten Schatten,–
»So wird von Feigheit deine Seel' erschüttert,
Die oft des Menschen also sich bemächtigt,
Daß sie von ehrenvollem Zweck ihn abbringt,
Wie wenn ein Tier sich scheut vor falschen Bilden.
Damit du nun von dieser Furcht dich lösest,
Sag' ich, warum ich kam und was ich hörte,
Als ich zuerst mich über dich betrübet.
Ich war bei jenen, die in Zweifel schweben,
Und sieh, da rief ein Weib mich, schön und selig,
So, daß ich selbst sie bat, mir zu befehlen.
Es glänzten ihre Augen mehr als Sterne,
Und sie begann zu sagen sanft und leise
Mit eines Engels Stimm' in ihren Worten;–
›O du, des Mantuaners holde Seele,
Des Nachruhm immer in der Welt noch währet,
Und ferner währen wird, solang die Welt steht.
Mein Freund, der nie des Glückes Freund gewesen,
Ist so am wüsten Abhang in dem Wege
Gehindert, daß er sich vor Furcht gewendet,
Und hat, besorg' ich, sich bereits verirret,
Weil ich zu spät mich ihm zur Hilf erhoben,
Nach dem, was in dem Himmel ich vernommen.
Wohlauf geh' und mit deiner schmucken Rede
Und allem, was ihm zum Entrinnen nötig,
Steh' so ihm bei, daß ich getröstet werde.
Beatrix bin ich, die dich sendet, kommend
Von einem Ort, nach dem ich heim mich sehne.
Mich trieb die Liebe, die dies Wort mir eingab.
Wenn wieder ich vor meinem Herrn erscheine,
So will ich oft bei ihm mich deiner rühmen.‹ –
Da schwieg sie. Und ich drauf begann zu sprechen:
›O Weib voll Tugend, die allein die Menschheit
Erhebet über alles, was der Himmel,
Den engre Kreis' umschließen, in sich fasset!
Es ist mir dein Befehl so sehr willkommen,
Daß auch sofort Gehorchen Säumen schiene,
Mehr brauchst du deinen Wunsch mir nicht zu zeigen.
Doch sag' den Grund, warum du dich nicht scheutest,
In diesen Mittelpunkt herabzusteigen,
Vom weiten Ort, nach dem du heim erglühest,‹ –
›Da du so viel davon zu wissen wünschest,‹
Entgegnet' sie, ›so sag' ich dir in Kürze,
Warum hierher zu kommen ich nicht fürchte;
Zu fürchten hat allein man jene Dinge,
Die Macht besitzen, Schaden zuzufügen,
Nicht alles übrige, – es ist nicht furchtbar.
Durch Gottes Gnade bin ich so geartet,
Daß euer Elend nimmer mich mag rühren,
Noch dieses Brandes Flamme mich ergreifet.
Im Himmel ist ein holdes Weib, das klagend
Ob jenes Irrsals, wo ich hin dich sende,
Dort oben bricht des Richterspruches Härte;
Die wandt' an Lucien sich mit einer Bitte,
Und sprach zu ihr: Gar sehr bedarf dein Treuer
Jetzt dein, und darum sei er dir empfohlen.
Und Lucia, die Feindin aller Härte,
Bewegte sich und kam zu jenem Orte,
Allwo ich selbst mit Rahel saß, der Alten.
Wahres Lob Gottes, o Beatrix, sprach sie,
Was stehst du dem nicht bei, der dich so liebet,
Daß er durch dich trat aus des Pöbels Scharen?
Vernimmst du nicht die Trauer seiner Klagen,
Siehst du den Tod nicht, welcher ihn bekämpfet
Auf jener Flut, die selbst dem Meer nicht Ruhm läßt?
So rasch ist niemand auf der Welt gewesen,
Gewinn zu machen, Schaden zu vermeiden,
Als ich, nachdem ich solches Wort vernommen,
Herniederstieg von meinem sel'gen Sitze,
Vertrauend deiner wohlgewählten Rede,
Die dich ehrt, so wie jene, die sie hören.‹
Nachdem sie solches Wort mit mir gesprochen,
Wandte sie weinend ab die Strahlenaugen,
Darob ich schneller eilte herzukommen.
So kam ich denn zu dir nach ihrem Willen,
Entriß dich jenem Ungeheuer, das dir
Den kurzen Weg des schönen Bergs versperrte.
Drum was ist das, warum, warum verziehst du?
Was nährst so viele Feigheit du im Herzen?
Was hast Entschlossenheit du nicht und Kühnheit,
Da drei so hochgebenedeite Frauen
Im Hof des Himmels für dich Sorge tragen.
Und dir mein Wort so vieles Heil verheißet?« –
Wie Blümchen sich, gebeuget und geschlossen
Vom Nachtfrost, wenn die Sonne sie versilbert,
Nun all' eröffnet auf dem Stengel heben,
Ward jetzt mir der erschlaffte Mut erneuet,
Und durch das Herz rann mir so edle Kühnheit,
Daß ich begann zu ihm, ein Freigesinnter:
›O wohl barmherzig sie, die mir geholfen,
Und du auch freundlich, der sogleich gehorchet
Dem Wort der Wahrheit, das dir ward geboten;
Du hast das Herz mit Sehnsucht zu der Reise
Durch deine Worte mir so angereget,
Daß ich zurückgekehrt zum ersten Vorsatz.
Geh' nun, mein Will' ist einer mit dem deinen,
Mein Führer du, mein Meister, mein Gebieter.‹ –
So sprach ich, und nachdem er vorgeschritten,
Betrat auch ich den tiefen Pfad des Waldes.
Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer,
Der Eingang bin ich zu dem ew'gen Schmerze,
Der Eingang bin ich zum verlornen Volke!
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer:
Die Allmacht hat der Gottheit mich gegründet,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe.
Vor mir ist nichts Erschaffenes gewesen,
Als Ewiges, und auch ich daure ewig.
Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren. –
Mit dunkler Farbe sah ich diese Worte
Geschrieben an dem Gipfel eines Tores
Und sprach drum: ›Meister, hart erscheint ihr Sinn mir.‹
Und er zu mir gleich einem Wohlerfahrnen:
»Hier muß man jedes Zweifels sich entschlagen,
Und jede Feigheit hier ertötet werden.
Wir sind nun an dem Ort, wo ich dir sagte,
Du werdest schaun die schmerzenreichen Scharen,
Die der Erkenntnis höchstes Gut verloren.«
Und da er seine Hand gelegt in meine,
Mit heitrem Antlitz, das mich ließ erstarken,
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.
Geseufz' und Weinen hier und dumpfes Heulen
Ertönen durch den sternenlosen Luftkreis,
So daß im Anfang drob ich weinen mußte.
Gemisch von Sprachen, grauenvolle Reden,
Des Schmerzes Worte und des Zornes Laute,
Und Stimmen tief und rauh, mit Händeklopfen,
Erregten ein Getümmel hier, das immer
In diesen endlos schwarzen Lüften kreiset,
Dem Sande gleich, wenn Wirbelwinde wehen.
Und ich, dem Wahn das Haupt umfangen hatte,
Sprach: ›Meister! was ist das, was ich vernehme,
Und wer sind die vom Schmerz so Übermannten?‹
Und er zu mir: »Die jammervolle Weise
Ist den elenden Seelen jener eigen,
Die ohne Lob und ohne Schande lebten;
Vermischt sind sie mit jenem feigen Chore
Der Engel, welche nicht Empörer waren,
Noch Gott getreu, für sich gesondert bleibend.
Nicht seinen Glanz zu trüben, stieß der Himmel
Sie aus, noch nimmt sie auf die tiefe Hölle,
Weil Sünder stolz auf sie doch blicken könnten.«
Und ich: ›Was ist wohl ihnen so beschwerlich,
Mein Meister, daß sie drob so kläglich jammern?‹
»Ganz kurz,« antwortet' er, »will ich dir's sagen:
Des Todes haben diese keine Hoffnung,
Und so verächtlich ist ihr dunkles Leben,
Daß jedes andre Schicksal sie beneiden.
Es läßt die Welt nicht ihren Nachruhm dauern,
Gerechtigkeit verschmäht sie und Erbarmen.
Nichts mehr davon; schau' hin und geh' vorüber!«
Und ich, der hingeblickt, sah eine Fahne,
Die wirbelnd so behend vorüberrannte,
Daß jede Ruhe sie mir zu verschmähn schien,
Und ein so großer Zug des Volkes folgte
Ihr nach, daß nimermehr geglaubt ich hätte,
Daß ihrer schon der Tod so viel' entseelet.
Da einen ich erkannt nun unter ihnen,
Schaut' hin ich und erblickte jenes Schatten,
Der auf das Groß' aus Feigheit einst Verzicht tat.
Sogleich sah ich es ein und ward versichert,
Daß dieses sei der Feiggesinnten Rotte,
Die Gott mißfällig sind wie seinen Feinden;
Die Jämmerlichen, welche nie gelebet,
Sie waren nackt und wurden viel gestochen
Von Bremsen und von Wespen, die hier schwärmten;
Ihr Antlitz netzten ihnen die mit Blute,
Das tränenuntermischt zu ihren Füßen
Von ekelhaften Würmern ward gesammelt.
Und da ich weiter hingeblickt, sah Scharen
Ich an dem Ufer eines großen Stromes,
Und sprach drum: »Meister, woll'st mir jetzt gewähren,
Zu wissen, wer die sind und welche Sitte
Sie macht zum Übergang so fertig scheinen,
Wie ich erkenne bei dem Dämmerlichte.«
Und er zu mir: »Berichtet wird dir alles,
Wenn unsern Schritt wir innehalten werden
An Acherons trübseligem Gestade.«
Drauf mit verschämtem und gesenktem Blicke,
Besorgt, es falle lästig ihm mein Reden,
Enthielt ich bis zum Flusse mich des Sprechens.
Und sieh, es nahte gegen uns zu Schiffe
Ein Alter sich, weiß durch die greisen Haare,
Laut rufend: »Weh' euch, ihr verruchten Seelen,
Hofft nimmermehr den Himmel zu erblicken,
Zum Ufer jenseits, komm' ich, euch zu führen,
In ew'ge Finsternis, in Frost und Gluten.
Und du, was du dort, lebend'ge Seele?
Geh' fort von jenen, welche schon gestorben.«
Allein nachdem er sah, daß ich nicht fortging:
»Durch andre Wege,« sprach er, »andre Buchten,
Nicht hier, wirst zu dem Ufer du gelangen;
Ein leichtes Schiff muß dich hinüber tragen.«
Zu ihm mein Führer: »Nicht gezürnet, Charon,
Man will es so an jenem Orte, wo man
Auch kann das, was man will, und frag' nicht weiter.«
Drauf wurden ruhig die behaarten Wangen
Dem Steuermanne auf der bleichen Lache,
Der um die Augen Flammenränder hatte.
Doch jene Seelen, welche nackt und müde,
Verfärbten sich und knirschten mit den Zähnen
Stracks, als die grausen Worte sie vernommen.
Sie lästerten auf Gott und ihre Eltern,
Die Menschheit und den Ort, die Zeit, den Samen,
Aus welchem sie erzeuget und geboren.
Dann zogen samt und sonders sie vereinet
Laut weinend hin zu dem verruchten Strande,
Der jedes Menschen harrt, der Gott nicht fürchtet.
Charon, der Dämon mit den glüh'nden Augen,
Winkt ihnen und versammelt rings sie alle,
Schlägt mit dem Ruder jeglichen, der zögert.
So wie zur Herbstzeit sich die Blätter lösen,
Eins nach dem andern, bis zuletzt die Zweige
Der Erd' all' ihren Schmuck zurückgegeben;
Auf gleiche Art stürzt Adams schlimmer Same
Sich einer nach dem andern von dem Ufer
Auf Zeichen, wie ein Vogel auf den Lockruf,
So gehen hin sie durch die dunkeln Fluten,
Und eh' sie jenseits noch ans Land gestiegen,
Versammeln diesseits schon sich neue Scharen.
»Mein Sohn,« sprach nun zu mir mein güt'ger Meister,
»Sie, die in Gottes Zorn dahingestorben,
Versammeln hier sich all' aus jedem Lande
Und sind bereit, den Fluß zu überschreiten,
Von ewiger Gerechtigkeit gespornet,
So, daß die Furcht sich wandelt in Verlangen.
Hier geht nie über eine gute Seele;
Drum wenn sich Charon über dich beklaget,
Magst du wohl wissen, was sein Wort dir tönet«
Er schwieg, und rings erzitterten die düstern
Gefilde plötzlich so, daß mich der Schrecken,
Wenn ich dran denke, noch im Schweiße badet.
Vom tränenreichen Land erhob ein Sturm sich,
Begleitet von der Blitze rotem Leuchten,
Das jeglicher Empfindung mich beraubte,
Und nieder fiel ich, wie vom Schlaf umfangen.
Mir brach den tiefen Schlummer in dem Haupte
Ein schwerer Donner so, daß ich mich schüttelt'
Gleich einem, welcher mit Gewalt geweckt wird,
Und wandte rings das ausgeruhte Auge
Und richtete mich auf und schaute starrend,
Den Ort zu unterscheiden, wo ich wäre.
Und in der Tat fand ich mich an dem Rande
Der schmerzensreichen Niederung des Abgrunds,
Endlosen Jammers Donnertön' umschließend.
So düster war sie und so tief und neblig,
Daß, ob zum Grund ich heftete die Blicke,
Ich nichts zu unterscheiden drin vermochte.
»Jetzt steigen zu der düstern Welt wir nieder,«
Begann zu mir ganz totenbleich der Dichter,
»Ich selber geh' voraus, du wirst mir folgen!«
Und ich, der seiner Farbe inne worden,
Sprach: ›Wie komm' ich hinab, wenn du erschauderst,
Der du mich sonst ermutigt, wenn ich zagte?‹
Und er zu mir: »Es malt die Angst der Seelen
Dort unten wohl mir des Erbarmens Züge
Aufs Angesicht, wo Furcht du glaubst zu lesen.
Wohlan denn; fort! Uns treibt des Weges Länge!«
So schritt er vorwärts und ließ ein mich treten
Zum ersten Kreise, der den Abgrund gürtet.
Hier, dem gemäß, was ich erlauschen konnte,
Gab es kein Jammern, sondern nur wie Seufzer,
Davon die ew'gen Lüft' erzittern mußten;
Und dies kam her von Leiden ohne Marter,
So Scharen, groß und zahlreich, hier erlitten,
Von Kindern und von Weibern und von Männern.
Zu mir der gute Meister: »Du erfragst nicht,
Wer diese Geister sind, die du erblickest?
Jetzt sollst du wissen, eh' du weiter gehest,
Daß sie nicht Sünder waren, und doch g'nügte
Nicht ihr Verdienst, weil sie der Tauf entbehren,
Was ja ein Satz des Glaubens, den du glaubest,
Und da sie vor dem Christentume lebten,
Ward Gott von ihnen würdig nicht verehret,
Und so bin ich von diesen selber einer.
Durch diesen Mangel, nicht durch andres Böse,
Sind wir verloren und so weit nur leidend,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnen leben.«
Gewalt'ger Schmerz ergriff mich, als ich's hörte,
Weil Männer ich von hohem Wert erkannte,
In dieser Vorhöll' ungewiß verharrend.
›Sag' an, Gebieter, sag' mir an, mein Meister!«
Begann ich, weil ich sicher wollte werden
Des Glaubens, der besieget jeden Irrtum:
›Kam einer je durch eignes oder fremdes
Verdienst heraus, der selig dann geworden?‹
Und er, der mein verhülltes Wort verstanden,
Antwortete: »Ich war in diesem Zustand
Ein Neuling noch, als ich, mit Siegeszeichen
Gekrönet, einen Mächtigen sah kommen.
Hinweg führt' er des ersten Vaters Schatten
Und seines Sohnes Abel, Noeh auch,
Den Patriarchen Abra'm, König David,
Und Moysen, der Gesetz gab und gehorcht,
Und Jakob mit dem Vater, den Erzeugten,
Und Rahel, für die er so lang gedient,
Und viele noch macht' er mit jenen selig.
Auch sollst du wissen, daß vor den Genannten
Errettet wurde keines Menschen Seele.«
Nicht ließen, weil er sprach, wir ab vom Gehen,
Sondern den Wald durchschritten immerhin wir;
Den Wald mein' ich der dichtgedrängten Geister.
Nicht waren wir im Weg noch weit gekommen
Vom Gipfel ab, als ich erblickt' ein Feuer,
Halbkugelförm'ges Dunkel überstrahlend.
Noch waren wir entfernt davon ein wenig,
Doch nah genug, teilweise wohl zu sehen,
Daß ehrenwertes Volk den Ort besäße.
›Der jede Kunst du ehrst und jedes Wissen,
Wer sind sie, die so große Ehre haben,
Daß sie getrennt sind von der andern Weise?‹
Und er zu mir: »Die ehrende Erwähnung,
Die droben tönt, in deiner Welt, von ihnen,
Schafft' Gnad' im Himmel, die sie so begünstigt.«
Und mittlerweile hört' ich eine Stimme:
»Erzeiget Ehre dem erhabnen Sänger,
Er kehrt zurück, sein Schatten, der verschwunden.«
Als nun die Stimme aufgehört und still ward,
Sah ich vier hohe Schatten auf uns kommen,
Nicht heitern und nicht trüben Angesichtes.
Der gute Meister nun begann zu sagen:
»Schau' jenen mit dem Schwerte in der Hand an,
Der vor den dreien hergeht, wie ein Herrscher;
Das ist Homer, der oberste der Dichter;
Horaz naht, der Satiriker, als zweiter;
Der dritte ist Ovid, Lucan der letzte.
Drum, weil den Namen alle mit mir teilen,
Den jüngst die Stimme einzeln ausgerufen,
Erweisen sie mir Ehr' und tuen wohl dran.«
So sah ich sammeln sich die schöne Schule
Des Fürsten der erhabnen Sangesweise,
Der ob den andern wie ein Adler schwebet.
Nachdem sie eine Weile sich besprochen,
Wandten zu mir sie sich mit Grußeszeichen,
Und ob der Ehre lächelte mein Meister.
Und noch zuteil ward mir viel größre Ehre,
Da sie in ihre Schar mich aufgenommen,
Als sechsten, bei so hoher Geistesnähe.
So gingen vorwärts wir bis zu dem Lichte,
Von Dingen sprechend, drob zu schweigen schön ist,
So wie das Sprechen war dort, wo's geschehen.
Wir kamen jetzt zu einem stolzen Schlosse,
Das, siebenfach umkreist mit hohen Mauern,
Von einem klaren Bach rings war verteidigt;
Den überschritten wir wie festen Boden.
Eintrat durch sieben Tor' ich mit den Weisen,
Zu einem Plan von frischem Grün gelangend.
Hier waren Leute stillen, ernsten Blickes,
In ihren Zügen hohe Würde tragend;
Sie sprachen wenig und mit sanfter Stimme.
Wir zogen so nun aus der Ecken einer
Zu einem offnen, hoh'n und lichten Orte,
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Von wo man alle überschauen konnte.
Dort gegenüber auf dem grünen Schmelze
Wurden gezeigt mir die erhabnen Geister,
Die ich gesehn zu haben still mich rühme.
Elektren sah ich, und in ihrem großen
Gefolg erkannt' ich Hektor und Äneas,
Cäsar im Waffenschmuck, mit Falkenaugen,
Ich sah Camilla, sah Penthesilea
Zur andern Seit' und sah Latin, den König,
Hier mit Lavinia, seiner Tochter, sitzend;
Ich sah den Brutus, der Tarquin verjagte,
Lucretien, Julien, Martien und Cornelien,
Auch Saladin allein auf einer Seite.
Nachdem ich mehr die Augen nun erhoben,
Sah ich den Meister jener, die, durch Wissen
Berühmt, im Kreis der Philosophen sitzen,
Ihn, die Bewundrung, die Verehrung aller;
Dort sah ich ferner Sokrates und Plato,
Die vor den andern ihm am nächsten stehen;
Demokrit, der die Welt dem Zufall zuschreibt,
Empedokles, Diogenes und Thaies,
Anaxagoras, Heraklit und Zeno.
Ich sah der Qualitäten wackren Sammler,
Den Dioskorides, auch Orpheus, Tullius,
Linus und Seneca, den Moralisten,
Euclid, den Geometer, Ptolomäus,
Hippokrates, Gallienus, Avicenna,
Averoes, den großen Kommentator;
Ich kann sie alle hier nicht wiederholen,
Weil mich des Stoffes Fülle so bedränget,
Daß hinter dem Gescheh'nen oft das Wort bleibt.
Die Schar der Sechse mindert sich auf zweie,
Und aus der Stille führt mein weiser Leiter
Durch andern Weg mich in der Lüfte Zittern
Zu einer Stätte, wo kein Schimmer hindringt.
So stiegen von dem ersten Grund wir nieder
Zum zweiten, welcher mindern Raum umgürtet,
Doch größern Schmerz, der bis zum Heulen peinigt.
Hier stehet Minos grauenvoll und knirschend;
Er untersucht die Schuld beim Eintritt, richtet,
Und weist hinab nach Zahl der Schweifesschwingen.
Ich sage, daß, wenn die verruchte Seele
Vor ihm erscheint, sie alles ihm gestehet,
Und jener Kenner der Vergehen, schauend,
Was für ein Ort der Hölle für sie tauget,
Umschlingt so oft sich mit dem Schweif, als Stufen
Er sie hinunter will gesendet wissen.
In Scharen stehn sie stets vor ihm, sie treten
Der Reih nach zum Gericht, bekennen, hören
Den Spruch und werden dann hinabgeschleudert.
»Der du der schmerzenreichen Wohnung nahest,«
Sprach zu mir Minos, als er mich erblickte,
So hohen Amtes Übung unterbrechend,
»Wahr' deinen Eintritt, schaue, wem du trauest,
Laß dich des Eingangs Breite nicht betrügen!«
Und drauf zu ihm mein Führer: »Was doch schreist du?
Verhindre nicht sein vorbestimmtes Wandern,
Man will es so an jenem Orte, wo man
Vermag das, was man will – und frag' nicht weiter.«
Anjetzt beginnen schmerzensvolle Töne
Hörbar zu werden; dorthin nun gelangt' ich,
Wo vieles Jammern mich erschüttern sollte.
Ich kam zu einer lichtberaubten Stätte,
Wo's gleich dem Meer beim Ungewitter brüllet,
Wenn es zum Kampf erregte Stürme peitschen.
Der Wirbelwind der Hölle, nimmer ruhend,
Führt jähen Zuges mit sich fort die Geister,
Zur Qual umher sie schwingend und sie schüttelnd.
Wenn in des Abgrunds Nähe sie gelangen,
Da geht es an ein Klagen, Schrein und Jammern,
Da schallet Lästrung gegen Gottes Allmacht.
Und ich vernahm, daß zu dergleichen Qualen
Verdammet sei'n die fleischlichen Verbrecher,
So die Vernunft den Lüsten unterwürfen.
Gleichwie beim Reif die Star' auf ihren Schwingen
In breiten, dichten Scharen sich entfernen,
So führt die Windsbraut hier die schlimmen Geister
Hierhin und dorthin, aufwärts und hernieder,
Und keine Hoffnung kann sie jemals trösten,
Auf Ruhe nicht, ja nicht auf mindres Leiden.
Und wie die Kranich' kläglich kreischend ziehen
In Lüften, eine lange Reihe bildend,
So sah ich, laut Geheul erhebend, Schatten,
Von jenem Sturm getragen, sich uns nahen.
Da sprach ich: .Meister, wer sind jene Seelen,
Die von der düstern Luft gepeitscht so werden?'
»Die erste derer, über die du Nachricht
Zu haben wünschest,« sprach zu mir nun jener,
»Ist vieler Zungen Kaiserin gewesen.
Der Unzucht Laster war sie so ergeben,
Daß ihr Gelüst sie durch Gesetz erlaubte,
Die Schande, die sie traf, von sich zu wälzen.
Sie ist Semiramis, von der wir lesen,
Daß sie auf Ninus folgt', und sein Gemahl war.
Das Land besaß sie, das der Sultan dränget.
Die andr' ist sie, die liebend sich getötet
Und Treue brach der Asche des Sichäus.
Kleopatra, die Wollüstige, folgt ihr.«
Ich sah auch Helena, ob der im argen
So viele Zeit verstrich; Achill, den Großen,
Der bis zuletzt gerungen noch mit Liebe.
Paris und Tristan sah ich, mehr als tausend
Der Schatten nannt' und zeigt' er mit dem Finger,
Die unsrem Leben Liebe einst entführte.
Nachdem von meinem Meister ich vernommen
Der alten Ritter all' und Frauen Namen,
Ergriff mich Mitleid, daß ich wie verwirrt stand.
,O Sänger!' sprach ich, ,mich verlangt zu reden
Mit jenen beiden, die vereint dort wallen
Und von dem Wind so leicht getragen scheinen.'
Und er zu mir: »Sieh zu, wenn sie uns nahen,
Und dann beschwöre sie bei jener Liebe,
Die sie umhertreibt, und sie werden kommen.«
Sobald der Wind sie gegen uns gelenket,
Erhob die Stimm' ich: ,O gequälte Seelen,
Steht Red' uns, so es euch kein andrer wehret.
Wie Tauben stracks die Luft mit offnen Schwingen,
Wenn Sehnsucht sie zum süßen Neste hinlockt,
Durchfliegen, von dem eignen Trieb getragen,
So kamen aus der Schar, wo Dido weilte,
Auf uns heran sie durch die argen Lüfte;
Denn mächtig war das liebevolle Rufen.
»O du mitleidiges und holdes Wesen,
Das durch die purpurdunkle Luft uns aufsucht,
Die wir mit blut'gem Rot die Welt gefärbet;
Wenn gnädig uns des Weltalls König wäre,
So würden wir für deinen Frieden bitten,
Weil du dich unsers grausen Weh's erbarmest.
Was willst du wissen, sprich, und was uns sagen?
Wir hören zu, und werden mit dir sprechen,
So lange noch, wie jetzt, die Winde schweigen.
Es liegt die Stadt, wo ich geboren wurde,
Am Meeresstrand, wo sich der Po hinabsenkt,
Mit den Begleitern Ruhe dort zu finden;
Liebe, die schnell an zarten Herzen haftet,
Erfaßte diesen, durch das schöne Äußre,
Das mir geraubt ward – noch betrübt die Art mich.
Liebe, die Lieben nie erläßt Geliebten,
Ließ mich an ihm so groß Gefallen finden,
Daß, wie du siehst, es noch nicht von mir weichet:
Es führte Liebe uns zu einem Tode;
Caina harrt des, der uns schlug im Leben.«
Das war's, was uns von ihnen her ertönte.
Als ich vernommen die gekränkten Seelen,
Senkt' ich den Blick und hielt so lang ihn nieder,
Bis mich der Dichter fragte: »Nun, was sinnst du?«
Antwortend drauf begann ich: ,Weh, wie führte
So vieles Sehnen, so viel süßes Träumen
Doch diese hier zum schmerzenreichen Hintritt!'
Dann mich zu ihnen wieder wendend, sprach ich,
Und hob so an: .Franziska, deine Marter
Entlockt mir fromme, schwermutsvolle Tränen;
Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wie und woran gewährte euch die Liebe,
Daß ihr den unbestimmten Wunsch erkanntet?'
Und sie zu mir: »Es gibt kein größres Leiden,
Als sich der frohen Zeiten zu erinnern
Im Elend – wohl hat dies gewußt dein Lehrer.
Doch wenn die ersten Wurzeln unsrer Liebe
Zu kennen du so große Sehnsucht hegest,
Mach' ich's wie der, so Worte mischt und Tränen.
Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstricket,
Wir waren ganz allein und ohne Arges.
Zum öftern trafen schon sich unsre Blicke
Beim Lesen, und entfärbte sich das Antlitz;
Doch was uns ganz besiegt, war eine Stelle,
Als wir gehört, wie das ersehnte Lächeln
Von so erhabnen Liebenden geküßt ward;
Da küßte mich, der nie sich von mir trennet,
Ganz bebend auf den Mund. Zum Gallehaut ward
Uns jenes Buch und wer's geschrieben hatte –
An diesem Tage lasen wir nicht weiter.« –
Indem der Schatten einer dieses sagte,
Weinte der andre so, daß ich vom Mitleid
Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe,
Und niederfiel, wie tote Körper fallen.
Als heimgekehrt der Sinn, der aus Erbarmen
Mit jenem Schwagerpaare sich verschlossen,
Das durch Betrübnis gänzlich mich verstöret,
Sah neue Martern ich um mich und neue
Gemarterte, wie ich nun mich bewegte
Und wie ich wandte mich und wie ich schaute.
Ich bin im dritten Kreise nun des Regens,
Des ew'gen, kalten, last'gen, flucherfüllten,
Dem nie Gesetz, noch Eigenschaft sich wandelt.
Unreines Wasser, Schnee und schwerer Hagel
Ergießt sich durch der Lüfte Finsternisse,
Und Stank entsteigt der Erde, die es aufnimmt.
Das Untier Cerberus, seltsam und wütig,
Bellt aus drei Kehlen nach der Art der Hunde
Die Menge an, die überschwemmt hier lieget.
Rot sind die Augen, schwarz der Bart und triefend,
Der Bauch geräumig und beklaut die Pfoten,
Womit's die Geister krallt, zerfleischt und vierteilt.
Sie heulen Hunden gleich ob solchen Regens.
Mit einer Seite schirmen sie die andre,
Oft wenden sich die armen Gottvergeßnen.
Als Cerberus uns wahrt', der große Lindwurm,
Riß er die Mäuler auf und wies die Hauer,
Kein Glied hatt' er am Leibe, das er still hielt.
Doch seine Spannen streckte aus mein Führer,
Erfaßte Erde, und mit vollen Fäusten
Warf er hinein sie in die gier'gen Schlünde.
Gleich einem Hunde, welcher bellend fordert,
Und sich beruhigt, da den Fraß er beißet
Und jetzt bloß aufs Verzehren sinnt und strebet,
Dem ähnlich machten's die unflät'gen Schnauzen
Des Dämons Cerberus, der so die Geister
Durchdröhnet, daß sie taub zu werden wünschten.
Wir schritten, ob den Schatten, die des Regens
Gewicht herabdrückt, unsre Sohlen setzend
Auf ihre Nichtigkeit, die Menschen gleichet.
Sie lagen all' am Boden, bis auf einen,
Der sich behend aufrichtete zum Sitzen,
Als er uns sah bei sich vorüberwandeln.
»O du, der durch dies Höllenloch geführt wird,
Erkenne mich, wenn du's vermagst,« sprach jener,
»Du tratest in die Welt, eh' ich heraustrat.«
Und ich zu ihm: ,Die Qualen, die du leidest,
Entziehn vielleicht dich mir aus dem Gedächtnis
So, daß es scheint, nie hab ich dich gesehen.
Doch sage mir, wer bist du, der an solchen
Schmerzvollen Ort zu solcher Pein gesandt ward?
Wenn andre größer, ist mißfäll'ger keine.'
Und er zu mir drauf: »Deine Stadt, die voll ist
Von Neid, so daß der Topf schon überfließet,
Umschloß mich dort in jenem heitern Leben.
Ihr Bürger gabt mir einst den Namen Giacco.
Ob der verderbenreichen Schuld der Kehle
Schlägt, wie du siehst, mich nieder hier der Regen.
Nicht bin ich hier die einz'ge Sünderseele;
Denn alle diese leiden gleiche Strafe
Ob gleicher Schuld.« Mit diesem Wort verstummt' er.
Und ich versetzte: ,Ciacco, dies dein Leiden
Drückt mich so sehr, daß drob ich weinen möchte;
Doch sprich, weißt du es anders: wohin kommt es
Wohl mit den Bürgern der entzweiten Stadt noch,
Ist einer drin gerecht, und sag' die Ursach',
Warum so große Zwietracht sie befallen?'
Und jener drauf zu mir: »Nach langem Streite
Kommt es zum Blut, und die Partei der Neuern
Vertreibt die anderen mit vielem Schimpfe;
Doch kurz darauf, noch innerhalb drei Sonnen
Muß jene fallen und die andre siegen,
Durch dessen Übermacht, der fern schon lauert.
Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre schwerbelastet niederhaltend,
Wie sie darob auch wein' und sich erbose.
Zwei sind gerecht, doch will man sie nicht hören,
Stolz, Neid und Habsucht, das sind die drei Funken,
Woran der Bürger Herzen sich entzündet.«
Hier endet' er die trauerreichen Töne,
Und ich zu ihm: ,Wohl möcht' ich, daß du weiter
Belehrtest mich, mir mehr der Worte gönnend.
Tegghiajo, Farinata, die so würdig,
Auch Jacob Rusticucci, Heinrich, Mosca
Und andre, die den Sinn aufs Rechttun wandten,
Sag', wo sie sind, und laß mich sie erkennen;
Denn größer Wunsch ergreift mich, zu erfahren,
Ob Himmelswonn', ob Höllengift ihr Teil ist.'
Und jener drauf: »Die sind bei schwärzern Seelen;
Verschiedne Schuld drückt nieder sie zu Boden,
Du schaust sie, wenn so weit hinab du steigest.
Eins bitt' ich, wenn zur süßen Welt du kehrest,
So rufe mich den Freunden ins Gedächtnis.
Mehr sag' ich nicht, und mehr geb' ich nicht Antwort.«
Die graden Augen wandt' er drauf zum Schielen,
Blickt' mich ein wenig an, beugte das Haupt dann,
Häuptlings hinsinkend, gleich den andern Blinden.
Und zu mir sprach der Führer: »Der erwacht nicht,
Eh' der Drommetenruf des Engels schallet
Bei ihres Widersachers Machterscheinung.
Sein traurig Grab wird jeder wiederfinden,
Sein Fleisch dann und sein Äußres wiedernehmen
Und hören, was in Ewigkeit ihm nachhallt.«
So gingen, langsam schreitend, durch das schnöde
Gemisch der Schatten hin wir und des Regens,
Vom künft'gen Leben einiges berührend.
Drum sprach ich: »Meister, jene Martern, werden
Sie nach dem großen Urteilsspruch wohl wachsen,
Abnehmen oder gleich an Schärfe bleiben?'
Und er zu mir: »Kehr' heim zu deiner Lehre,
Die will, daß, je vollkommener ein Wesen,
Es Freud' und Schmerzen um so mehr empfinde.
Wiewohl nun dies verfluchte Volk zu wahrer
Vollkommenheit nie reift, ist es bestimmt doch,
Mehr, als vorher es war, nachher zu werden.«
Wir wandten uns im Kreis, auf diesem Wege
Weit mehr besprechend, als ich wiedersage,
Und kamen zu dem Punkt, wo man herabsteigt,
Hier trafen Plutus wir, den großen Feind, an.
»Pape Satan Pape Satan Aleppe!«
Begann nun Plutus mit der rauhen Stimme,
Und, mich zu stärken, sprach der edle Weise,
Der alles wußte: »Laß nicht Schaden bringen
Dir deine Furcht, welch eine Macht er habe,
Nicht wehrt er dir, den Fels herabzusteigen.«
Zu jenem zorngeschwollnen Antlitz wandt' er
Sich drauf und sprach: »Verfluchter Wolf, verstumme!
Verzehr' mit deiner Wut dich in dir selber;
Nicht sonder Ursach' wandeln wir zur Tiefe,
Dort in der Höh' beliebt's so, wo die Rache
Der stolzen Buhlschaft Michael genommen.«
Gleich wie die von dem Wind geblähten Segel
Umwickelt fallen, ward der Mast zerschmettert,
So fiel zu Boden hin das grause Untier. –
So stiegen wir zum vierten Abgrund nieder,
Mehr von dem Riff der Schmerzen hinterlegend,
Das alles Weh' der Welt in sich verschließet.
O ewige Gerechtigkeit, wer häufte
So viele Müh'n, als ich geseh'n, und Peinen?
Was richtet eigne Schuld uns so zugrunde!
Gleich wie die Flut dort über der Charybdis
Sich mit der andern bricht, an der sie brandet,
So muß sich hier das Volk im Reigen drehen.
Viel mehr als anderswo sah ich des Volks hier
Von dieser Seit' und jener, unter lautem
Geheule Lasten wälzend mit den Brüsten.
Sie stießen aneinander, und drauf kehrte
Allda sich jeder wieder rückwärts, schreiend:
»Was kargst du,« und »was machst du tollen Aufwand?«
So kehrten durch den finstern Kreis sie wieder
Zu jeder Hand, bis sie genüber standen,
Ihr schimpflich Lied von neuem anzustimmen.
Dann wandte jeder, wenn er seinen Halbkreis
Zurückgeleget, sich zum andern Kampfplatz.
Und ich, der schier das Herz zerknirscht drob hatte,
Sprach: »Meister, jetzt erklär' mir, wer dies Volk sei,
Und ob sie alle Pfaffen sind gewesen,
Die mit der Glatze hier zu unsrer Linken.'
Und er zu mir: »Schwachsichtig waren alle
Am Geiste so in jenem ersten Leben,
Daß dort mit rechtem Maß sie nie gespendet.
Wohl deutlich sagt es ihrer Stimme Kläffen,
Wenn sie im Kreis an die zwei Punkte kommen,
Allwo der Gegensatz der Schuld sie scheidet.
Sie waren Pfaffen, die der Haarbedeckung
Am Haupt entbehren, Päpst' und Kardinale,
In denen Geiz sein Übermaß verübet.«
Und ich: ,O Meister, unter dem Gelichter
Sollt' ich, bedünkt mich, manche wiederkennen,
Die unrein waren von dergleichen Übeln.'
Und er zu mir drauf: »Leere Schlüsse machst du;
Ihr ruhmlos Leben, das sie so besudelt,
Läßt sie für das Erkennen jetzt im Dunkeln.
So stoßen ewig sie nun aneinander
Und werden aus dem Grab einst auferstehen,
Die mit geschloßner Faust, kahlköpfig jene.
Schlecht Geben und schlecht Sparen brachte einst sie
Ums schöne Leben und in diese Kämpfe,
An denen ich kein Wort mehr will verschwenden.
Sieh hier, mein Sohn, wie kurz die Posse dauert
Der Güter, die Fortunen anvertraut sind,
Um derenhalber sich die Menschen raufen.
Denn alles Gold, das unterm Mond sich findet
Und je sich fand, nicht einer einz'gen könnt' es
Aus diesen müden Seelen Ruh' gewähren.«
»Mein Meister,« sprach ich, »sag' mir noch: Fortuna,
Die du berührt, wer ist sie, daß die Güter
Der Welt sie also hält in ihren Klauen?«
Und er zu mir: »Blödsinnige Geschöpfe!
Wie groß ist doch die Blindheit, die euch schadet!
Jetzt will ich, daß du ganz mein Wort erfassest.
Er, dessen Wissen alles übersteiget,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Führer,
Daß allen Teilen alle Teile schimmern,
Auf gleiche Weise rings das Licht verteilend:
So ordnet' er den ird'schen Schimmern gleichfalls
Gemeinsam eine Schaffnerin zur Führung,
Damit zu rechter Zeit die eitlen Güter
Von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamme wandern,
Trotz allem Widerstand der Menschenklugheit.
Drum herrschet ein Volk, und das andre welket
Dahin, gemäß dem Richterspruche jener,
Die wie im Gras die Schlange bleibt verborgen;
Nicht kann ihr euer Wissen widerstehen,
In ihrem Reich, gleich wie die andern Götter
In ihrem, ordnet, richtet und vollführt sie.
Und nimmer haben Stillstand ihre Wechsel,
Notwendigkeit leiht Flügel ihr; denn bald kommt
Ein andrer, den der Reihe Los getroffen.
Das ist sie, die so oft ans Kreuz geschlagen
Von denen selbst wird, die sie loben sollten,
Doch sie durch ungerechten Tadel schmähen;
Doch selig in sich selbst, hört nichts davon sie
Und dreht mit andern Urgeschöpfen fröhlich
Still ihre Kugel hin, in sel'ger Wonne.
Jetzt steigen wir zu größern Leiden nieder.«
Die Sterne, die bei meinem Ausgang stiegen,
Sie sinken schon; nicht länger ziemt's zu weilen.
Den Kreis durchschritten wir zum andern Ufer
Bis über einen Quell, der kocht und dann sich
Durch einen Bach, der ihm entspringt, ergießet.
Sein Wasser war viel dunkler noch als Purpur,
Und, von der grauen Flut begleitet, kamen
Hernieder wir, durch einen Pfad des Grausens.
Es bildet einen Sumpf, der Styx genannt wird,
Der Trauerbach, wenn er zum Fuß herabkommt
Des greulich unheilvollen Felsgestades.
Und ich, der aufmerksam stand im Betrachten,
Sah schlammbedecktes Volk in dieser Lache,
Nackt insgesamt und mit erzürntem Antlitz,
Die schlugen nicht allein sich mit den Händen,
Auch mit dem Haupt, der Brust und mit den Füßen,
Stückweise mit den Zähnen sich zerfleischend.
Der gute Meister sprach: »Mein Sohn, hier siehst du
Die Seelen derer, die der Zorn besiegte,
Und auch will ich, daß für gewiß du glaubest,
Daß unterm Wasser Volk ist, welches seufzet
Und Blasen treibt auf seiner Oberfläche,
Wie dich der Blick lehrt, wo er hin sich wendet.
Versenkt im Sumpfe, rufen sie: ,Wir waren
Trüb in dem süßen, sonnenheitern Luftkreis,
Da schleichend Feuer uns im Innern qualmte;
Uns selbst betrüben wir im schwarzen Schlamm jetzt.'
Sie gurgeln dieses Lied in ihrer Kehle,
Weil sie's mit klarem Wort nicht sagen können.«
So kreisten wir um einen großen Bogen
Der Pfütze, zwischen Moor und festem Riffe,
Den Blick auf jene, die den Schlamm verschlucken.
Zu eines Turmes Fuß zuletzt gelangend.
Fortfahrend sag' ich, daß um vieles früher,
Als wir zum Fuß des hohen Turms gelangten,
Sich unser Aug' erhob zu seinem Gipfel
Ob zweier Flämmchen, die wir richten sahen,
Und eins von fern das Zeichen wiedergeben
So weit, daß kaum das Aug' es mocht' erreichen.
Und ich, zum Meer mich wendend aller Einsicht,
Sprach: ›Was besaget dies, und was antwortet
Das andre Feu'r, und wer hat sie entzündet?‹
Und er zu mir: »Fern auf den schlamm'gen Fluten
Kannst du erkennen schon, was uns erwartet,
Wenn es dir nicht verbirgt der Dunst der Lache.«
Nie hat der Strang noch einen Pfeil geschnellet,
Der durch die Luft so rasch dahingestrichen,
Als durch das Wasser ich ein kleines Schifflein
Alsbald heran sah kommen uns entgegen,
Von einem Steuermann allein geleitet,
Der rief: »So bist du da, verruchte Seele?« –
»Phlegias, Phlegias, für diesmal schreist du
Vergebens,« sprach mein Meister, »länger hältst du
Uns nicht, als hier die Überfahrt des Sumpfs währt.«
Gleich jenem, der, von großem Truge hörend,
So man ihm angetan, nun drob ergrimmet,
Ward Phlegias jetzt im Zorn, der ihn ergriffen.
Mein Führer stieg hinab nun in das Schifflein
Und hieß darauf zu sich hinein mich treten;
Doch erst, als ich drin war, schien es belastet.
Sobald ich mit dem Führer war im Fahrzeug,
Flog hin der alte Kiel, nun tiefer schneidend
Ins Wasser, als er sonst mit andern pfleget.
Indes den toten Graben wir durchliefen,
Kam einer vor das Antlitz mir voll Schlammes
Und sprach: »Wer bist du, der du vor der Zeit kommst?«
Und ich zu ihm: ›Ich komme, doch nicht bleib' ich.
Doch wer bist du, der häßlich so geworden?‹
Er drauf: »Du siehst's, ein weinend Wesen bin ich!«
Und ich zu ihm: ›Beim Weinen und beim Klagen,
Vermaledeiter Geist, magst du verbleiben!
Ich kenne dich, obgleich du ganz besudelt.‹
Da streckt' er nach dem Fahrzeug beide Hände;
Drob der erfahrne Meister ihn hinwegstieß
Und sprach: »Fort, dorthin zu den andern Hunden!«
Den Hals umschlang er drauf mir mit den Armen,
Küßt' mir die Wang' und sprach: »Du Feuerseele,
Gebenedeit sei sie, die dich empfangen!
Der ist ein Stolzer in der Welt gewesen,
Es schmückt sein Angedenken keine Tugend,
Und so ist auch hier noch sein Schatten rasend.
Wie viel' ehrt man als große Fürsten droben,
Die, Schweinen gleich, im Kot hier stecken werden,
Graunvolle Flüche hinter sich verlassend.«
Und ich: ›Mein Meister, sehr begierig war' ich,
In diesen Schlamm versenken ihn zu sehen,
Bevor wir aus der Lache uns entfernen.‹
Und er zu mir drauf: »Eh' sich noch das Ufer
Dir zeiget, wird befriedigt dein Verlangen,
Und billig freust du dich gerechten Wunsches.«
Bald aber sah ich solcherlei Mißhandlung
Von jenem schlammbedeckten Volk ihm antun,
Daß Gott ich noch darüber lob' und preise.
Sie schrien alle: »Auf, Philipp Argenti!«
Die Florentinische, zornmüt'ge Seele
Wandte sich auf sich selber mit den Zähnen.
So ließen wir ihn. – »Mehr von ihm nicht sag' ich.« –
Doch traf die Ohren mir ein solches Jammern,
Daß mit erschloßnem Blick ich vorwärts schaute.
Der gute Meister sprach: »Mein Sohn, jetzt naht sich
Die Stadt, die Dis genannt wird, mit den Bürgern,
Den schwerbeladnen, mit der großen Menge.«
Und ich: ›Mein Meister, ihre Minarete
Erkenn' ich deutlich schon dort in dem Tale
Glutrot, als ob sie aus dem Feuer kämen.‹
Und jener sprach zu mir: »Das ew'ge Feuer,
Das drinnen glüht, macht sie dir rot erscheinen,
Wie du nun schaust in dieser untern Hölle.«
Wir kamen endlich in die tiefen Gräben,
Die jene hoffnungslose Stadt umwallen,
Von Eisen schienen mir zu sein die Mauern.
Nicht ohne erst noch weit herumzukreuzen,
Gelangten zu dem Ort wir, wo der Schiffer
Laut zu uns rief: »Steigt aus, hier ist der Eingang!«
Über den Toren sah ich mehr denn tausend
Herabgeregnete vom Himmel, die uns
Voll Trotz zuriefen: »Wer ist's der die Reiche
Des toten Volkes ohne Tod durchwandelt?«
Mein weiser Meister drauf macht' ihnen Zeichen,
Daß heimlich er mit ihnen sprechen wolle.
Da zähmten sie den großen Zorn ein wenig
Und sagten: »Komm allein, doch jener gehe,
Der durch dies Reich so kecklich eingedrungen,
Allein kehr' er zurück des tollen Weges.
Versuch' er's, wenn er's kann; doch du wirst bleiben,
Der auf so finstrer Straße ihn geleitet!«
Bedenke, Leser, ob ich mich entmutigt
Beim Klange der vermaledeiten Worte,
Denn nimmermehr vermeint' ich heimzukehren.
,O teurer Führer, der du siebenmal und
Wohl öfter mir die Zuversicht erneut hast,
Mich aus Gefahr und Hindernis errettend,
Verlaß mich nicht,' sprach ich, ,hier wie vernichtet,
Und ist mehr vorzudringen uns verweigert,
Laß schnell auf unsrer Spur zurück uns kehren.'
Und jener Hohe, der mich hingeführet,
Sprach: »Fürchte nichts, denn rauben kann uns niemand
Den Weg, den uns ein Mächtiger gewähret.
Doch harre meiner hier und tröst' und nähre
Den abgespannten Geist mit guter Hoffnung.
Nicht werd' ich in der tiefen Welt dich lassen.«
So geht von dannen und verläßt allhier mich
Der süße Vater, daß ich zweifelnd stehe,
Weil Ja und Nein mir in dem Haupte streiten.
Was jenen drauf er bot, konnt' ich nicht hören,
Allein nicht lang noch stand er dort bei ihnen,
Als jeglicher hineinfloh um die Wette.
Die Tore schlossen unsre Widersacher
Dicht vor dem Meister, welcher ausgesperrt nun
Langsamen Schritts zurück zu mir sich wandte.
Den Blick am Boden und die Stirn entblößet
Von stolzem Mute, sagt' er nur durch Seufzen:
»Wer weigert mir, ins Jammerhaus zu treten?«
Allein zu mir sprach er: »Weil ich erzürnt bin,
Erschrick nicht; in dem Wettstreit werd' ich siegen,
Wer drin auch zur Verteidigung sich rege.
Dies ihr Vermessen ist nicht neu; sie übten
Es schon an weniger geheimer Pforte,
Die sich seitdem noch ohne Schloß befindet,
Und wo des Todes Inschrift du erblicktest.
Schon steigt diesseits von ihr den Abhang nieder,
Herwandelnd durch die Kreise sonder Führer,
Ein solcher, dem die Stadt sich wird eröffnen.«
Mein innre Furcht verratendes Erblassen,
Als ich den Führer sah sich rückwärts wenden,
Schien, was ihn neu bewegte, zu verschließen.
Aufmerksam stand er wie ein Mann, der lauschet,
Denn fern nicht konnten seine Augen tragen,
Weil Nebel rings den dunklen Luftkreis füllten.
»Doch kommt's uns zu, im Kampf zu siegen,« sprach er,
»Wo nicht – ist er nicht mächtig, der sich anbot,
O wie verlangt mich, daß ein andrer nahe!«
Ich sah wohl, wie den Anfang seiner Red' er
Bemäntelt mit dem andern, was drauf folgte,
Das ganz verschieden lautete vom erstern;
Doch um nichts minder gab mir Furcht sein Reden,
Weil ich vielleicht bezog auf schlimmre Meinung,
Als er gehegt, die abgebrochnen Worte.
,Stieg einer je vom ersten Grad hernieder,
Dem nur der Hoffnung Mangel ward zur Strafe,
Zu diesem Abgrund des graunvollen Beckens?'
Die Frage tat ich; er darauf: »Nur selten
Trifft sich's,« entgegnet' er, »daß unsereiner
Den Weg betritt, auf dem ich jetzo wandle;
Wahr ist's daß ich schon einmal war hienieden,
Als jene graus' Erichtho mich beschworen,
Die heim zu ihren Körpern rief die Schatten.
Vor kurzem war das Fleisch erst meiner ledig,
Als sie mich sandt' in dieser Mauer Umkreis,
Um einen Geist aus Judas' Kreis zu ziehen,
Der ist der tiefste, finsterste der Orte,
Vom Himmel, der das All umkreist, am weit'sten.
Ich weiß die Straße wohl; drum sei getrost nur.
Die Lache, so die große Fäulnis aushaucht,
Umgürtet rings umher die Stadt des Jammers,
In die wir ohne Zorn nicht dringen mochten.«
Und andres sprach er, doch mir ist's entfallen,
Weil sich mein Auge ganz hinauf gewendet
Zum hohen Turme mit der glüh'nden Spitze,
Wo ich im Augenblick stracks aufgerichtet
Drei höll'sche Furien, blutgefärbt, erblickte,
Die weibliche Gebärd' und Glieder hatten.
Hochgrüne Hydern waren ihre Gürtel,
Blindschleichen und Zerasten ihre Haare.
Die sich um ihre grausen Schläfen schlangen.
Und jener, welcher wohl die Dienerinnen
Der Königin des ew'gen Jammers kannte, –
»Schau!« rief er, »die Erinnyen, die grimmen!
Dies ist Megära an der linken Seite,
Die weinende zur Rechten ist Alekto,
Tisiphone dazwischen!« Hier verstummt' er.
Auf riß die Brust sich jede mit den Nägeln,
Sie schlugen in die Händ' und schrien so heftig,
Daß ich aus Furcht mich anschmiegt' an den Dichter.
»Medusa komme, daß zu Schmelz er werde!«–
So sprachen alle sie, herniederblickend,–
»Schlimm war's, daß Theseus' Anfall wir nicht rächten.«
»Wende dich rückwärts und verbirg dein Antlitz;
Denn wenn sich Gorgo zeigt und du sie sähest,
Wär' keine Heimkehr mehr für dich nach oben.«
So sprach der Meister, und er selber wandte
Mich um, und so nicht gnügten meine Händ' ihm,
Daß er nicht noch mich mit den seinen deckte.
O ihr, die mit gesundem Geist begabt seid,
Betrachtet wohl die Lehre, die verborgen
Liegt unterm Schleier seltsamen Gedichtes.
Und schon kam auf uns durch die trüben Fluten
Das Krachen eines schreckenvollen Tones,
Wovon die Ufer beiderseits erbebten.
Nicht anders war's, als daß von einem Sturme,
Der, tobend ob des Widerstands der Gluten,
Unwiderstehlich auf den Wald sich stürzet,
Die Äste bricht, hinwirft und raubt die Blüten,
Gehüllt in Staubeswolken stolz einhergeht
Und fliehen macht die Herde und den Hirten.
Die Augen löst' er mir und sprach: »Jetzt richte
Auf jenen alten Schaum den Nerv des Sehens,
Dorthin, wo jene Dünste sind am herbsten.«
Wie vor der Schlange feindlicher Erscheinung
Die Frösche all' im Wasser sich verlieren,
Bis sie zusammen sich geduckt am Grunde,
Sah ich zerstörter Seelen mehr denn tausend
Vor einem fliehen, der am Übergange
Den Styx durchschritt mit ungenetzten Sohlen.
Vom Angesicht entfernt' die dichte Luft er,
Gar öfters mit der Linken vorwärts greifend,
Und nur von solcher Qual schien er belästigt.
Wohl merkt' ich, daß vom Himmel er gesandt sei,
Und wendete zum Meister mich, der winkte
Mir, stillzustehn und mich vor ihm zu neigen.
O wie er mich so voll Unwillens deuchte.
Zur Pforte kam er, und mit einem Stäbchen
Öffnet' er sie, da war kein Widerstreben.
»O schmählich Volk, vertrieben aus dem Himmel!«
Begann er auf der grausenvollen Schwelle,
»Wodurch erwächst in euch solch ein Vermessen,
Was seid ihr widerspenstig jenem Willen,
Dem nimmermehr sein Ziel geraubt kann werden,
Und der zum öftern eure Pein schon mehrte?
Was hilft's, sich gegen das Geschick zu stemmen?
Drum eben ist, wenn ihr euch recht erinnert,
Ja Cerberus haarlos an Hals und Kinne.«
Dann wandt' er heim sich durch die schlamm'ge Straße
Und sprach kein Wort zu uns, sondern sein Antlitz
War eines Mannes, welchen andre Sorge
Als des, der vor ihm stehet, drängt und stachelt.
Und wir nun lenkten unsern Schritt der Stadt zu,
Gesichert durch den Klang der heil'gen Worte.
Wir traten ohne Kampf hinein ins Innre,
Und ich, der zu betrachten war begierig,
Was solche Festung wohl in sich verschließe,
Ließ, als ich drin war, rings die Augen kreisen
Und sah zu jeder Hand ein groß Gefilde
Mit Jammer angefüllt und großen Martern.
So wie bei Arles dort, wie die Rhone stauet,
So wie bei Pola nahe beim Quarnaro,
Der Welschland schließt und seine Mark bespület.
Viel Gräber rings die Statt' uneben machen:
So sah ich deren hier auf allen Seiten,
Nur daß noch bitterer daselbst die Weise;
Denn zwischen diesen Särgen waren Flammen
Verstreut, durch welche sie so ganz erglühten,
Daß keine Kunst mehr von dem Eisen fordert.
All' ihre Deckel waren aufgeschlagen,
Und draus erklang wohl ein so herbes Jammern,
Daß es von Armen schien und von Geplagten.
Und ich: ›Mein Meister, wer sind diese Leute,
Die, eingesarget dort in jenen Laden,
Ihr Dasein durch ein kläglich Seufzen künden?‹
Und er zu mir: »Hier sind die Irrtumstifter
Mit ihren Jüngern, aller Sekten, und wohl
Mehr, als du glaubst, beladen sind die Gräber;
Mit ähnlichen sind ähnliche begraben,
Und mehr und minder sind die Gräber glühend.«
Drauf wandt' er sich zur Rechten, und wir schritten
Nun zwischen Martern hin und hohen Zinnen.
Jetzt geht es vorwärts auf geheimem Pfade
Zwischen den Martern und dem Wall der Stadt hin,
Mein Meister und ich, seinen Fersen folgend.
›O hohe Kraft, die durch der Frevler Kreise
Mich lenkest,‹ fing ich an, ›wie dir's gefällig,
Sag' und befriedige mir meine Wünsche:
Kann man das Volk, das in den Gräbern ruhet,
Nicht näher sehn? Denn alle Deckel sind ja
Geöffnet schon, und niemand hält dran Wache.'
Und er zu mir: »Die werden all' geschlossen,
Wenn heim vom Tale Josaphat sie kehren
Mit ihren Körpern, die sie droben ließen.
Auf dieser Seit' hat ihre Grabesstätte
Mit Epikurus seine ganze Schule,
Die mit dem Körper läßt die Seele sterben.
Und dort drin wirst du bald befriedigt werden
Auf alle Fragen, die du ausgesprochen,
Und ob des Wunsches auch, den du verschweigest.«
Und ich: ›O guter Führer, nicht verberg' ich
Mein Herz, nur bündig möcht' ich mit dir sprechen,
Und dessen hast du unlängst mich ermahnet.‹
»O Tuscier, der du durch die Stadt des Feuers
Lebendig wallst, mit ehrenwerter Rede,
Laß dir's gefallen, an dem Ort zu weilen!
Ich muß an deiner Sprache dich erkennen,
Als aus der edlen Vaterstadt gebürtig,
Der ich wohl allzu lästig einst gewesen!«
Urplötzlich tönt' es aus der Laden einer
Also hervor, drum ich, von Furcht ergriffen,
Mich etwas näher meinem Führer anschloß.
Und er zu mir: »Wende dich um! Was tust du?
Sieh Farinata, der sich aufgerichtet;
Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn schauen.«
Schon heftet' ich mein Antlitz auf das seine,
Und jener hob den Busen und die Stirne,
Als ob der Hölle trotzig Hohn er spräche.
Und zwischen ihn nun und die Gräber stießen
Mich meines Führers Hände rasch und mutig,
Der sprach dazu: »Gezählt' sei'n deine Worte!«
Sobald ich kam zum Fuße seines Grabes,
Blickt' er mich eine Weil' an, und dann fragt' er
Wie zürnend mich: »Wer waren deine Väter?«
Und ich, der zu gehorchen war begierig,
Verbarg ihm nichts, nein, ließ ihn alles wissen;
Drauf er ein wenig aufwärts zog die Brauen
Und sprach: »Sie waren fürchterliche Feinde
Mir, meinen Vätern, meinem ganzen Anhang,
So daß ich zu zwei Malen sie zerstreute.«
›Wenn auch verjagt, so kehrten beide Male
Sie allenthalben heim,‹ gab ich zur Antwort,
›Doch eure haben schlecht die Kunst erlernet!‹
Da stieg, enthüllt vom Deckel, augenscheinlich
Nächst ihm empor ein Schatten bis zum Kinne;
Denn auf die Knie, schien's, hatte er sich erhoben.
Er blickt' um mich herum, als ob er wünsche
Zu sehn, ob jemand andres mit mir wäre;
Doch, da sich sein Vermuten ganz erledigt,
Sprach weinend er: »Wenn durch des Geistes Hoheit
In diesem düstern Kerker du einhergehst,
Wo ist mein Sohn? Warum ist er nicht mit dir?«
Und ich zu ihm: ›Nicht von mir selber komm' ich,
Denn mich geleitet jener, der dort harret,
Den euer Guido wohl gering geschätzt hat.‹
Es hatten seine Worte und die Weise
Der Strafe seinen Namen mir verraten,
Drum konnt' ich ihm so volle Antwort geben.
Stracks aufgerichtet rief er aus: »Wie sagst du,
Er hat gering geschätzt? – Lebt er denn nicht mehr,
Trifft nicht das süße Licht mehr seine Augen?«
Als er gewahr ward eines kurzen Zögerns,
Indem ich vor der Antwort war befangen,
Fiel rückwärts er und kam nicht mehr zum Vorschein.
Doch der hochherz'ge andr', um dessen willen
Ich stehn geblieben, ändert' nicht sein Antlitz,
Hielt starr den Hals und beugte nicht die Seite.
»Und wenn,« sprach er, in seiner ersten Rede
Fortfahrend, »schlecht sie diese Kunst erlernet,
So martert mich dies mehr als dieses Bette;
Doch fünfzigmal nicht wird vom neu'n erglühen
Das Antlitz jener Herrin, die hier herrschet,
Bis du erfährst, wie schwer die Kunst dir lastet.
Und willst du in der süßen Welt je weben,
So sprich, warum ist gegen meinen Stamm doch
Dies Volk erbarmungslos in jeder Satzung?«
›Die große Niederlage und das Blutbad,‹
Sprach ich drauf, ›welches rot die Arbia färbte,
Gibt solchen Ratschluß ein in unsern Hallen.‹
Nachdem er seufzend drauf das Haupt geschüttelt,
»Nicht ich allein war's,«, sprach er, »noch gewißlich
Wär' ohne Grund gekommen ich mit andern;
Doch ich allein war's, welcher dort, wo alle
Einwilligten, Florenz hinwegzureißen,
Mit offner Stirn der Stadt Partei genommen.«
›Wenn euer Samen je soll Ruhe finden,‹
Fleht' ich ihn an, ›so löset mir den Knoten,
In welchen hier mein Urteil sich verstrickt hat.
Es scheint, ihr seht, wenn ich euch recht verstanden,
Im voraus, was die Zeit mit sich herbeiführt,
Doch für die Gegenwart verhält sich's anders.‹
»Wir sehn, wie einer, der ein schwach Gesicht hat,
Die Dinge,« sprach er, »die von uns entfernt sind;
So viel noch läßt der höchste Fürst uns schimmern.
Doch wenn sie annahn oder da sind, schwindet
All unser Sinn, und bringt kein andrer Botschaft,
So wissen wir nichts von der Menschen Treiben.
Darum begreifst du wohl, daß unser Wissen
Ganz tot sein wird von jenem Augenblicke,
Da sich das Tor der Zukunft wird verschließen.«
Da sprach ich, von des Zögerns Schuld zerknirschet:
›Gebt dann dem, welcher dort zurücksank, Kunde,
Daß noch den Lebenden sein Sohn vereint ist,
Und wenn vorher ich blieb die Antwort schuldig,
So sagt ihm, daß es nur geschah, weil ich schon
Dem Zweifel nachsann, den ihr mir gelöst habt.‹
Und schon rief mich zu sich zurück mein Meister,
Drob ich nun schneller von dem Geist begehrte,
Daß er mir sage, wer mit ihm hier weile,
Er sprach zu mir: »Mit mehr denn tausend lieg' ich
Allhier, hierdrinnen ist der zweite Friedrich,
Der Kardinal auch, von den andern schweig' ich.«
Hierauf verbarg er sich, und meine Schritte
Wandt' ich dem alten Dichter zu; die Rede,
Die feindlich mir geschienen, überdenkend.
Er aber brach nun wieder auf und fragte
Im Weitergehn: »Was hat dich so verwirret?«
Und da ich seiner Frage drauf genüget,
Ermahnte also mich der Weise: »Was du
Hier Feindliches vernommen hast, bewahre;
Doch jetzt merk' auf (hier zeigt' er mit dem Finger),
Wenn du dort stehst vor ihrem holden Strahle,
Die mit den schönen Augen alles schauet,
Wird klar durch sie dir deines Lebens Reise.«
Er wandt' den Schritt zur Linken nun; die Mauer
Verlassend, wallten wir zur Mitt' auf einem
Fußpfad, der an ein Tal stieß, wo bis oben
Uns widerliche Duft' entgegenqualmten.
Am obern Saume eines hohen Ufers,
Das Felsentrümmer bildete im Kreise,
Gelangten wir ob grausenvollre Haufen.
Dort, wegen fürchterlichen Übermaßes
Des Stankes, den der tiefe Abgrund auswirft,
Verbargen dicht wir hinter einem großen
Grabdeckel uns, auf dem ich eine Schrift sah,
Besagend: ›Anastasius verwahr' ich,
Den Papst, den ab vom rechten Weg Photin zog.‹
»Es muß sich unser Niedergang verzögern,
So, daß sich an den schlimmen Duft der Sinn erst
Etwas gewöhn', und dann verschlägt's nicht weiter.«
Der Meister so; und zu ihm sprach ich: ›Einen
Ersatz sinn' aus, daß nicht umsonst die Zeit uns
Verstreich'.‹ Und er: »Du siehst, daß ich dran denke.
Mein Sohn, es sind noch, stufenweise sinkend,
Drei kleinre Kreis' in dieses Felsens Umfang,« –
Begann er drauf, – »den hinterlegten ähnlich.
Erfüllt sind alle mit verfluchten Geistern.
Doch, daß dir gnüge dann am Schaum, vernimm jetzt,
Wie und warum sie eingekerkert liegen.
Jedweder Bosheit, die des Himmels Haß trifft,
Ist Unrecht Zweck, und solchen Zweck erreicht man
Bald durch Gewalt, durch Trug bald, andern schadend.
Doch weil der Trug des Menschen eignes Übel,
Mißfällt er Gott mehr, und drum sind zu unterst
Die Trügrischen von größerm Schmerz befallen.
Den ersten Kreis füllt, wer Gewalttat übte;
Doch da man drei Personen kann Gewalt tun,
Ist er gefügt in drei getrennte Zirkel.
Gewalt tun kann man Gott, sich selbst, dem Nächsten;
Ich mein' an ihnen selbst und an dem Ihren,
Wie du mit offenem Beweis wirst hören.
Mord mit Gewalt und schmerzliche Verwundung
Übt man am Nächsten, und an seiner Habe
Zerstörung, Brand und unrechtmäßig Rauben.
Drum peinigt Mörder auch und die, so böslich
Verwunden, Räuber und Verwüster, sämtlich
Der erste Zirkel, in verschiednen Scharen.
Gewaltsam kann an sich man Hand anlegen
Und auch an seine Güter, und darum muß
Im zweiten Zirkel fruchtlos Reu' empfinden
Jedweder, der sich eurer Welt beraubet,
Verspielt sein Eigentum und es vergeudet
Und, statt der Lust, sich Tränen nur bereitet.
Gewalt verüben kann man an der Gottheit,
Sie mit dem Herzen leugnend und verlästernd
Und die Natur und ihr Geschenk verschmähend.
Darum nun brandmarkt auch der engste Zirkel
Cahors und Sodoma mit seinem Siegel,
Den Trug, der stets Gewissensbiss' erreget,
Kann gegen den, der einem traut, man üben
Und gegen den, der kein Vertraun gefaßt hat.
Auf letztre Art wird nur das Band der Liebe,
So die Natur erschaffen hat, vernichtet.
Drum ist im zweiten Kreis auch eingenistet
Heucheln und Schmeicheln und wer Zauberei treibt,
Verfälschung, Diebstahl, Simonie und Kuppeln,
Bestechlichkeit und mehr dergleichen Unflat.
Auf erstre Art vergißt man, nächst der Liebe,
So die Natur schafft, jene, die hinzukommt,
Aus der sich der besondre Glaub' erzeuget.
Drum wird im engsten Kreis im Mittelpunkte
Des Weltalls auch, auf welchem Dis den Sitz hat,
Wer da verrät, in Ewigkeit verzehret.«
Und ich: ›Mein Meister, gar wohl deutlich schreitet
Vor dein Bericht und unterscheidet trefflich
Den Schlund und jene, die ihn innehaben;
Doch sage mir, die in der schlamm'gen Lache,
Die dort die Windsbraut jagt, der Regen anschlägt,
Und die sich mit so herbem Wort begegnen,
Warum, wenn sie in Gottes Zorn sind, leiden
Sie innerhalb der glüh'nden Stadt nicht Strafe,
Und sind sie's nicht, was trifft sie solch Verfahren?‹
Und er zu mir: »Warum doch schwärmt dein Geist mehr,
Als sonst er pfleget? Oder auf was anders
Hat nun dein Sinn sein Augenmerk gerichtet?
Erinnerst du dich nicht mehr jener Worte,
Mit denen deine Sittenlehr' gedenket
Der drei Gesinnungen, verhaßt im Himmel,
Unmäßigkeit und Bosheit, und der tolle
Viehische Sinn; daß minder Gott beleidge
Unmäßigkeit, und mindern Tadel ernte?
Und wenn du wohl auf diese Sätze merkest
Und in den Sinn dir heimrufst, wer sie waren,
Die außerhalb dort oben Buß' erleiden,
Wirst klar du sehn, warum von diesen Frevlern
Getrennt sie sind, und weshalb minder zürnend
Sie die Gerechtigkeit zermalmt des Ew'gen.«
›O Sonne, jeden trüben Blick erhellend,
So sehr befriedigt stets mich deine Lösung,
Daß minder nicht mich Zweifeln freut als Wissen.
Noch einmal wende dich ein wenig rückwärts,‹
Sprach ich, ›dorthin, wo's hieß, daß Wucher Gottes
Geschenk beleid'g', und so entwirr' den Knoten.‹
»Philosophie belehret ihre Jünger,«
Sprach er zu mir an mehr als einer Stelle,
»Wie die Natur aus dem Verstand der Gottheit
Den Ursprung hat und aus der Kunst des Schöpfers.
Und finden wirst du, wenn du wohl in deiner
Physik nachforschen willst, nach wenig Seiten,
Daß eure Kunst, so viel ihr möglich, jener,
So wie der Schüler seinem Meister, folget,
So daß wie Gottes Enk'lin eure Kunst ist.
Durch diese beiden, wenn du dich erinnerst
Des Buchs der Genesis im Anfang, soll sich
Die Menschheit Unterhalt und Reichtum schaffen.
Doch weil der Wuchrer andre Wege einschlägt,
Verschmäht er die Natur an sich, verschmäht sie
In ihrer Jüng'rin, da er hofft auf andres.
Doch folge mir; denn mir gefällt's zu wandeln.
Die Fische zittern schon am Horizonte,
Ganz gen den Caurus liegt der Himmelskarren,
Und weiterhin dort geht's den Fels herunter.
Der Ort, wo wir zum Niedergang gelangten,
War steinig und so graus ob seines Inhalts,
Daß jeder Blick zurückgeschaudert hätte.
Wie jener Bergfall ist, der eine Seite
Der Etsch diesseits Trient bedrängt, sei's, daß einst
Die Erd' erbebt, sei's, daß der Grund gewichen,
Denn von des Berges Höh', dem er entstürzte,
Zur Ebn' ist so herabgerollt das Steinwerk,
Daß es von oben einen Pfad gewähret;
So ging es an dem Abhang hier herunter,
Und auf dem Gipfel des geborstnen Schachtes
War Kretas Schandmal ausgestreckt zu schauen,
Das in dem falschen Bild der Kuh erzeugt ward.
Als es uns nun erblickt', biß es sich selber
Gleich einem, den der Zorn verzehrt im Innern.
Ihm rief mein weiser Führer zu: »Du meinest
Vielleicht, daß dies der Herzog von Athen sei,
Der oben in der Welt den Tod dir brachte.
Fort, Ungeheuer, denn nicht naht sich dieser,
Von deiner list'gen Schwester unterwiesen,
Er geht, um eure Qualen zu betrachten!«
Gleich wie der Stier, der sich dem Strick entrissen,
Nachdem er schon empfing den Stoß des Todes,
Nicht fähig mehr, zu wandeln, hin und her springt,
So sah ich hier den Minotaurus rasen.
Da rief der kluge Führer: »Eil' zum Passe,
Gut ist's, hinabzusteigen, weil er wütet.«
So ging es weiter abwärts durch den Umsturz
Des Steingerölls, das unter meinem Fuß oft
Sich ob der ungewohnten Last bewegte.
Nachdenkend schritt ich vor; doch er: »Du denkst wohl
Ob diesem Sturz nach, den des Untiers Wüten
Bewachet, das ich eben jetzt beschwichtigt.
Nun wisse, daß, als ich das andre Mal hier
Herniederstieg in diese tiefe Hölle,
Noch diese Felswand nicht hinabgestürzt war.
Doch kurz vorher, wenn ich mich recht erinnre,
Eh' jener kam, der aus dem obern Kreise
Dem Dis die große Beute abgenommen,
Zitterte so das tiefe Tal des Grausens
An allen Enden, daß ich meint', es fühle
Das All die Sympathie, die, wie geglaubt wird,
Schon oft die Welt ins Chaos umgewandelt;
Und damals war's auch, wo der alte Felsen
Hier und an andrer Stelle umgestürzt ward.
Doch werfe nun zu Tal den Blick, es naht sich
Der blut'ge Strom, wo jeglicher muß sieden,
Der durch Gewalttat andern Schaden zufügt.«
O blinde Gier! O unverständig Wüten,
Das uns so mächtig spornt im kurzen Leben
Und dann im Ewigen so schnöd' uns einweicht.
Ein breiter Graben war's, den ich erschaute,
Im Bogen rings die ganze Fläch' umfassend,
Wie mein Begleiter mir berichtet hatte,
Und zwischen diesem und der Felswand sprengten
Zentauren hint'reinander, pfeilbewaffnet,
Wie in der Welt sie auf die Jagd gezogen.
Stehn blieben all', da sie herab uns kommen
Gesehn, und drei nur, mit vorher erlesnem
Geschoß und Bogen, trennten aus der Schar sich.
Doch einer rief von weitem: »Welcher Marter
Seid ihr bestimmt, die ihr das Riff herabsteigt?
Von dort aus sagt's, sonst schnell' ich los den Bogen!«
Zu ihm sprach drauf mein Meister: »Antwort werden
Dem Chiron dort wir in der Nähe geben;
Verderblich rasch ist stets dein Sinn gewesen.«
Er dann, mich leis berührend: »Das ist Nessus,
Der wegen Dejanira starb, der Schönen,
Und aus sich selber Rache sich bereitet.
Der mittelste, der auf die Brust herabschaut,
Ist Chiron, des Achilles großer Pfleger,
Der andr' ist Pholus, der so wuterfüllt war.
Zu Tausenden umkreisen sie den Graben,
Verwundend jeden Geist, der aus dem Blute
Mehr taucht empor, als seiner Schuld gebühret.«
Jetzt nahten wir dem flücht'gen Wild uns, Chiron
Nahm einen Pfeil zur Hand, und mit der Kerbe
Strich er den Bart sich hinter seine Kiefern;
Enthüllend so den weiten Mund, begann er
Zu den Genossen: »Merkt ihr wohl, wie jener,
Der dort zuletzt wallt, was er trifft, beweget;
Das ist dem Fuß der Toten sonst nicht eigen.«
Mein guter Hort, schon an der Brust ihm stehend,
Wo beiderlei Naturen sich vermählen,
Sprach: »Wohl ist er am Leben, und ich muß ihn
So ganz allein durchs düstre Tal geleiten,
Wohin Notwendigkeit, nicht Lust ihn führte.
Vom Hallelujasingen kam hernieder,
Die dieses neue Amt mir aufgetragen.
Er ist kein Räuber, ich kein Geist des Frevels.
Doch bei der hohen Kraft, die meine Schritte
Durch diese wilde Straße lenkt, gewähr' uns
Aus dem Gefolge einen zum Begleiter,
Daß er uns zeige, wo die Furt zu finden,
Und auf dem Rücken den hinübertrage,
Denn wie ein Geist nicht wallt er durch die Lüfte.«
Zur rechten Brust gewandt, sprach jetzt zu Nessus
Chiron: »Kehr' um und führ' sie so und wehre
Den andern Scharen, wenn auf sie du stoßest.«
Wir gingen mit dem sicheren Begleiter
Nun längs dem Rand hin des blutroten Sudes,
Wo der Gesottnen lautes Schrein ertönte.
Ich sah hier Volk, versenkt bis zu den Brauen.
»Tyrannen sind's, gewöhnt,« sprach drauf der große
Zentaur, »an blut'ge Tat und Räubergriffe.
Hier weint ob so erbarmungslosen Freveln
Mit Alexander Dionys der Harte,
Der Jahre schweren Drucks Sizilien brachte.
Und jene Stirne mit dem schwarzen Haare
Ist Ezzelino, und die andre blonde
Ist Obizzo von Este, der in Wahrheit
Vom Rabensohn auf Erden ward getötet.«
Da ich zum Dichter drauf mich wandte, sprach er:
»Der sei der erste jetzt dir, ich der zweite.«
Ein wenig weiter hielt bei anderm Volke
Nun der Zentaur still, das bis zu der Kehle
Hervor aus jenem glüh'nden Strudel ragte.
In einer Eck' allein zeigt' einen Schatten
Er, sprechend: »Der durchbohrt' im Schoße Gottes
Das Herz, das an der Themse noch geehrt wird.«
Drauf sah ich andre, nebst dem Haupt den Rumpf noch
Ganz aus dem Bach emporgetragen haltend,
Von denen ich gar manchen wiederkannte.
So wurde seichter stets Blut und seichter,
Bis daß es nur die Füße noch bedeckte,
Allwo den Graben nun wir überschritten.
»Gleich wie auf dieser Seite du gesehen,
Daß dieses Pfuhles Tiefe immer abnimmt,«
Sprach der Zentaur, »so wisse, daß auf jener
Sein Grund sich immer mehr und mehr herabsenkt,
Bis er an jenen Ort sich wieder anschließt,
Wo ewiglich die Tyrannei muß seufzen.
Denn die Gerechtigkeit des Ew'gen peinigt
Dort jenen Attila, der Erde Geißel,
Pyrrhus und Sextus und preßt ewig Tränen
Den Augen aus, gebeizt vom heißen Sude,
Des Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo,
Die so gewalt'gen Krieg auf Straßen führten.«
Drauf wandt' er sich und kehrte durch die Furt heim.
Noch war nicht jenseits Nessus angekommen,
Als wir uns schon in ein Gehölz begaben,
Das keine Spur von einem Pfade zeigte.
Nicht grün die Blätter, nein, von düstrer Farbe,
Nicht glatt die Äste, nein, gekrümmt und knotig;
Nicht Früchte gab's hier, nein, nur gift'ge Dornen.
So rauh' und dunkle Dickichte bewohnt nicht,
Selbst zwischen Cecinas Flut und Corneto,
Das grause Wild, bebaute Striche scheuend.
Hier baun ihr Nest die scheußlichen Harpyien,
Die Trojas Volk von den Strophaden trieben,
Mit trüber Kunde vorbestimmten Wehes.
Breitschwingig, menschengleich an Hals und Antlitz,
Beklaut, den weiten Bauch gefiedert, jammern
Sie auf den abenteuerlichen Bäumen.
Der gute Meister: »Eh' du weiter eintrittst,«
Begann er drauf, »wiss', daß im zweiten Zirkel
Nunmehr du bist, und drin auch wirst verbleiben,
Bis du beim grauenvollen Sandmeer anlangst;
Drum blicke wohl umher, und schauen wirst du,
Was, sagt' ich's, allen Glauben überstiege.«
Von jeder Seite her hört' ich ein Winseln
Und sah doch niemand, dem es zuzuschreiben
Gewesen war', drob ganz verwirrt ich still hielt.
Ich glaube, daß er glaubte, daß ich glaube,
Daß diese Stimmen aus dem Buschwerk kämen
Von Leuten, die sich unserm Blick verbergen.
Und drum sprach nun der Meister: »Wenn du irgend
Ein Zweiglein abbrichst von der Büsche einem,
Wird ganz zunichte werden, was du sinnest.«
Als ich ein wenig vor die Hand nun streckte,
Ein Ästchen eines großen Dornstrauchs pflückend,
Schrie laut sein Stamm: »Warum doch mich zerknicken?«
Und da er drauf vom Blute schwarz geworden,
Begann er wieder: »Was doch mich zerreißen?
Lebt in der Brust dir gar kein Geist des Mitleids?
Wir, Menschen einst, sind Schößlinge geworden;
Wohl sollte liebevoller deine Hand sein,
Selbst wenn wir Schlangenseelen nur gewesen.«
Gleich wie ein grüner Brand, wenn er, entzündet
An einem Ende, nun am andern träufelt
Und zischet, ob der Luft, die ihm entweichet,
So drangen aus dem Bruche Blut und Worte
Vereint hervor; drob mir die Zweigesspitze
Entfiel und ich ein Furchtergriffner dastand.
»Wenn er zuvor das hätte glauben können,
Gekränkte Seel',« entgegnet' ihm der Weise,
»Was ihm aus meinem Lied allein bekannt war,
So hätt' er nimmer Hand an dich geleget;
Doch das Unglaubliche der Sache ließ mich
Die Tat ihm heißen, die mir selber lastet.
Doch sag' ihm, wer du warst, daß statt der Buß' er
Den Ruf dir droben in der Welt erneure,
Wohin ihm heimzukehren ist gestattet.«
Und drauf der Stamm: »So lockt dein süßes Wort mich,
Daß ich nicht schweigen kann, euch aber sei's nicht
Zur Last, wenn im Gespräch ich mehr verweile.
Ich bin es, welcher beide Schlüssel führte
Zum Herzen Friedrichs und so sanften Druckes
Beim Öffnen und Verschließen sie gewendet,
Daß alle schier von seinem Rat ich ausschloß,
Und das ruhmvolle Amt übt' ich so treulich,
Daß drob der Schlaf mich mied, der Puls mir stockte.
Die Metze, die nie von des Cäsars Wohnung
Den Buhlerblick gewandt, sie, das gemeine
Verderben und der Höfe eignes Laster,
Entflammte gegen mich die Seelen aller,
Die, selbst entflammt, so den August entflammten,
Daß trübes Weh mir ward aus heitrer Ehre.
Mein Sinn voll zorn'gen Überdrusses, hoffend,
Im Tode der Verachtung zu entgehen,
Ließ Unrecht mich an mir Gerechtem üben.
Bei dieses Baums seltsamen Wurzeln schwör' ich's,
Daß nimmermehr ich treulos bin gewesen
An meinem Herrn, der so der Ehre wert war.
Und wenn zur Welt je einer von euch heimkehrt,
So richt' er wieder auf mein Angedenken,
Das noch darniederliegt vom Stoß des Neides.«
Nach kurzem Harren sprach: »Da er noch schweiget,«
Mein Meister drauf, »verliere nicht den Zeitpunkt,
Nein, sprich und frag' ihn, wenn du mehr noch wünschest.«
Drob ich zu ihm nun: ›Frage du ihn wieder,
Was du wohl glaubst, das mich befried'gen möchte,
Ich könnt' es nicht, so sehr betrübt mich Mitleid.‹
Darum begann er: »Wenn man je dir tun soll
Mit freiem Sinn, was deine Wort' erflehen,
Laß dir's gefallen, o gefangne Seele,
Uns zu berichten, wie der Geist sich bindet
In diese Knoten, und vermagst du's, sag' uns,
Ob einer je sich löst aus solchen Gliedern.«
Da zischte laut der Stamm, und solches Wehen
Verwandelte sich drauf in diese Stimme:
»Mit kurzen Worten will ich Antwort geben.
Wenn sich die grimme Seele von dem Körper
Entfernt, aus dem sie selbst sich losgerissen,
So weist zum Schlund, dem siebenten, sie Minos.
Sie fällt zum Wald nun, ohne Wahl des Ortes,
Doch dort, wo sie das Schicksal hingeschleudert,
Da keimet sie empor, gleich einem Spelzkorn.
Sie wächst zum Schößling auf, zum Strauch des Waldes;
Drauf die Harpyi'n, ihr Laub benagend, Schmerzen
Ihr antun und den Schmerzen Luft verschaffen.
Gleich andern treffen einst wir unsre Hüllen,
Doch nicht, daß eine neu damit sich kleide;
Denn was der Mensch sich raubt, soll er nicht haben.
Hier schleppen wir sie hin dann, und im düstern
Gehölz wird jeder Leib einst aufgehangen
Am Dornbusch, wo gequält sein Schatten wohnet.«
Wir harrten noch am Stamm in der Erwartung,
Daß er uns mehr darob berichten wolle,
Als überrascht von einem Lärm wir wurden,
Gleich einem Jäger, der auf seinem Stande
Den Eber plötzlich nah'n hört und das Treiben,
Und durch der Zweige Laub die Doggen rauschen.
Und sieh da! zwei zu unsrer linken Seite
Nackt und zerkrallt, die so gewaltig flohen,
Daß alle Gitter sie des Waldes brachen.
Der vordre: »Eil, o Tod, herbei jetzt, eile!«
Drauf schrie der andre, dem es allzu langsam
Zu gehn schien: »Lanol war doch so behende
Dein Fuß nicht bei dem Waffenspiel am Toppo.«
Und da's ihm drauf am Atem wohl gebrochen,
Verschlang er sich mit einem Strauch zum Knoten.
Dicht hinter ihnen war der Wald erfüllet
Mit schwarzen Hündinnen, in gier'gem Laufe
Windhunden ähnlich, die dem Strick entkommen.
Den, der gedrückt lag, packten mit den Zähnen
Sie nun, und trugen, stückweis' ihn zerreißend,
Die schmerzensvollen Glieder drauf von dannen.
Da faßte bei der Hand mich mein Begleiter
Und führte mich zum Busch hin, der aus blut'gen
Verletzungen fruchtlose Tränen weinte.
»O Jakob,« rief er aus, »von Sankt Andreas,
Was half es dir, daß du mit mir dich schirmtest?
Was bin ich schuld an deinem wüsten Leben?«
Mein Meister, über jenem still nun haltend,
Begann: »Wer bist du, der durch so viel Enden
Du blutgemischte Schmerzenswort' enthauchtest?«
Und er zu uns: »O Seelen, angekommen,
Die seh mähliche Mißhandlung zu betrachten,
Die meine Blätter so von mir getrennt hat,
Rafft sie am Fuß des Jammerstrauchs zusammen.
Ich war aus jener Stadt, die mit dem Täufer
Den ersten Hort vertauscht hat, drum auch dieser
Sie stets mit seinen Künsten wird betrüben,
Und wenn nicht an dem Übergang des Arno
Von ihm noch übrig eine Spur verbliebe,
So hätten jene Bürger, die von neuem
Sie auf dem Schutt, den Attila zurückließ,
Gedrängt von Liebe zum Geburtsort, rafft' ich
Nun die zerstörten Blätter auf und gab sie
Erbauten, ein vergeblich Werk begonnen.
Ich machte mir mein eigen Haus zum Galgen.«
Dem wieder, der schon sprach mit heis'rer Stimme.
Drauf kamen wir zur Grenze, wo vom dritten
Sich trennt der zweite Zirkel und der ew'gen
Gerechtigkeit graunvolle Kunst zu sehn ist.
Die neuen Dinge klar zu schildern, sag' ich,
Daß wir zu einer Heide nun gelangten,
Die kein Gewächs auf ihrem Grunde duldet.
Es kränzet sie die schmerzensreiche Waldung
Ringsum, wie diese der verruchte Graben;
Hier hielten dicht am Rand wir unsern Schritt ein.
Ein dürres festes Sandfeld war der Boden,
Ganz gleicher Art mit jenem, der vor Zeiten
Von Catos Füßen ist betreten worden.
O Rache Gottes! wie so furchtbar mußt du
Jedwedem scheinen, der es hier wird lesen,
Was meinen Augen ward geoffenbaret!
Zahlreiche Scharen sah ich nackter Seelen,
Ganz jämmerlich wohl samt und sonders weinend,
Doch schien verschiedne Satzung sie zu treffen.
Rücklings am Boden lag ein Teil des Volkes,
Ein andrer saß, zusammen ganz gekauert,
Und noch ein andrer wandelt unablässig,
Der so umherging, war an Anzahl größer,
Und minder der, so in der Marter dalag,
Doch war zum Fluch ihm mehr gelöst die Zunge.
Es regneten aufs ganze Sandmeer nieder
Langsamen Falles breite Feuerflocken,
Wie auf den Alpen Schnee an stillen Tagen.
Wie Alexander einst in jenen heißen
Landstrichen Indiens über seine Mannschaft
Sah Flammen ungedämpft zur Erde fallen,
Drob er Vorkehrung traf, den Grund zu stampfen
Durch seine Scharen, weil der Dunst noch leichter
Zu löschen war, eh' neuer noch hinzukam,
So senkte sich herab die ew'ge Lohe,
Davon der Sand, wie unterm Feuerzeuge
Der Zunder, glomm, die Qualen zu verdoppeln.
Ununterbrochen ging das Spiel beständig
Der unglücksel'gen Hände, welche hier bald,
Bald dort abschüttelten die neuen Gluten.
Ich nun begann '0 Meister, der du alles
Besiegst, nur nicht die trotz'gen Teufel, die uns
Entgegentraten bei des Tores Eingang,
Wer ist der Große, der, die Brunst nicht achtend,
So höhnend und mit scheuem Blicke daliegt,
Daß mürb ihn auch der Brand nicht scheint zu machen?'
Und jener selbst nun, der es inne worden,
Daß seinethalb ich meinen Führer fragte,
Rief: »Wie ich lebend war, bin ich auch tot noch.
Mag Jupiter auch seinen Schmied ermüden,
Von dem im Zorn er nahm den scharfen Blitzstrahl,
Der an der Tage letztem mich getroffen;
Ermüd' er all' die andern auch der Reih' nach
In Mongibellos schwarzer Schmiedewerkstatt,
'Vulkan, du Lieber, hilf mir, hilf mir!' rufend,
Wie bei der Schlacht er tat in Phlegras Tale,
Und schleudr' auf mich die ganze Kraft des Blitzes,
Doch wird er nie der Rache froh drum werden.«
Da sprach mit solcher Kraft zu ihm mein Führer.
Wie ich noch nie von ihm vernommen hatte:
»O Kapaneus, daß nimmermehr sich dämpfet
Dein Stolz, ist eben deine größte Strafe,
Denn keine Marter, als dein eigenes Rasen,
Wär' deiner Wut ein vollgeziemend Leiden!«
Drauf wandt' er sich zu mir mit mildrer Lippe
Und sprach: »Er ist der eine von den sieben
Belagrern Thebens, welcher Gott verschmähte
Und noch, so scheint's, verschmäht und wenig achtet;
Doch, wie ich ihm gesagt, es ist sein Lästern
Wohl seinem Innern ein gebührend Brandmal.
Jetzt folge mir und hab' wohl acht, die Füße
Noch nicht in den entbrannten Sand zu setzen,
Am Saum des Waldes immer dicht sie haltend.«
Stillschweigend kamen wir zu einer Stätte,
Wo aus dem Wald hervor ein Bächlein sprudelt,
Des Röte mir noch jetzt die Haare sträubet.
Wie aus dem Schwefelpfuhl der Bach entströmet,
Den dann die Sünderinnen sich verteilen,
So wallte jener durch den Sand hernieder.
Des Flußbetts Grund und beide Hänge waren
Von Stein, so wie der Ranft zu jeder Seite,
Daraus ich hier den Übergang erkannte.
»Es hat dein Auge unter all' dem andern,
Was ich gezeigt dir, seit zu jenem Tore
Wir eingetreten, dessen Schwelle niemand
Verriegelt ist, nichts so Bemerkenswertes
Annoch gesehn als gegenwärt'ges Bächlein,
Das alle Flammen über sich verlöschet.«
So lauteten die Worte meines Führers,
Drob ich ihn bat, zu spenden mir die Speise,
Nach der er Sehnsucht mir ins Herz gespendet.
»In Meeres Mitte liegt ein Land, verwüstet,
Mit Namen Kreta,« sprach zu mir nun jener,
»Zu dessen Königs Zeit schuldlos die Welt war.
Drin ist ein Berg, anmutig einst bewässert
Und laubbeschattet, Ida war sein Name.
Jetzt ist er öde, wie vom Alter modernd.
Ihn wählte Rhea zur betrauten Wiege
Des Sohnes einst und ließ dort, wenn er weinte,
Geschrei erheben, sichrer ihn zu bergen.
Ein hoher Greis steht aufrecht in dem Innern
Des Berges, nach Damiett' den Rücken wendend
Und hin auf Rom, als sei's sein Spiegel, blickend.
Von feinem Gold ist ihm das Haupt gebildet,
Aus reinem Silber Arm und Brust bestehend;
Dann folget Erz bis zu dem Spalt herunter;
Von dort ab ist er ganz gediegnes Eisen,
Nur daß gebrannter Ton der rechte Fuß ist,
Auf dem er mehr als auf dem andern feststeht.
Bis auf das Gold ist jeder Teil geborsten
Durch einen Spalt, aus welchem Tränen träufeln,
Die dann, sich sammelnd, jenen Fels durchwühlen.
In dieses Tal enstürzet ihre Strömung,
Den Acheron, Styx, Phlegethon zu bilden.
Dann geht's herab durch diese enge Rinne
Bis dort, wo man nicht ferner abwärtssteiget,
Zu bilden den Cozyt, wie diese Lache
Beschaffen, wirst du schaun, drum sag' ich's hier nicht.«
Und ich zu ihm nun: »Wenn auf solche Weise
Der Abfluß hier vor uns aus unsrer Welt kommt,
Warum erscheinet er an diesem Rand erst?«
Und er zu mir: »Du weißt, daß rund die Stätte,
Und ob du gleich schon viel in ihr hernieder
Gestiegen bist, stets links herum dich wendend,
So hast du doch noch nicht den ganzen Umkreis
Durchlaufen; drum, wenn Neues dir erscheinet,
Darf Staunen nimmer auf dein Antlitz treten.«
Ich wieder: »Meister, Phlegethon und Lethe,
Wo sind sie nur? denn von dem letztern schweigst du
Und sagst, der erstre bild' aus diesem Tau sich.«
»Wohl sind erfreulich mir all' deine Fragen,«
Antwortet' er: »doch sollte dir das Sieden
Der roten Flut alsbald die eine lösen.
Einst schaust du, aber nicht in dieser Grube,
Den Lethe, wo zum Bad die Seelen treten,
Wenn die bereute Schuld wird nachgelassen.«
Drauf sprach er: »Es ist Zeit, uns zu entfernen
Vom Busche nun; auf! folge meinen Schritten,
Bahn bieten uns die unentbrannten Ufer,
Und aller Dunst verlöschet über ihnen.«
Jetzt trägt der harten Ufer eins von dannen uns;
Und dunkel qualmt darüber, vor dem Feuer
Verwahrend Dämm' und Flut, der Rauch des Bächleins.
Wie zwischen Brügg' und Cadsand die Flamänder,
Die Flut, die gegen sie heranstürzt, fürchtend,
Sich eine Wehr' baun, der die Brandung weiche,
Und wie die Paduaner längs der Brenta
Sie baun zum Schirm der Villen und Kastelle.
Bevor noch Kärntens Höhn die Wärme fühlen,
Dem ähnlich waren jene hier gebildet,
Nur daß von gleicher Höhe nicht, noch Stärke,
Wer er auch war, der Meister sie errichtet.
Schon waren wir so weit vom Wald entfernet,
Daß, wo er stand, ich nicht mehr unterschieden,
Ob ich auch rückwärts mich gewendet hätte,
Als uns entgegenkam ein Haufen Seelen,
Herwandelnd längs dem Damm, und unter ihnen
Sah uns jedwede an, wie wohl des Abends
Beim Neumond einer auf den andern hinblickt,
Anblinzelnd also uns mit ihren Augen,
Wie auf das Nadelöhr ein alter Schneider.
So angestarrt von solcherlei Gesellschaft,
Ward ich erkannt von einem, der, beim Saum mich
Erfassend des Gewands, rief: »Welch ein Wunder!«
Und ich, da er den Arm nach mir gestrecket,
Hing mit dem Blick an dem verbrannten Antlitz
So, daß die von der Glut zerstörten Züge
Nicht wehrten meinem Geist, ihn zu erkennen,
Und hin mein Angesicht zu seinem neigend,
Antwortet' ich: ›Seid Ihr hier, Herr Brunetto?‹
Und er: »O lieber Sohn, laß dir's gefallen,
Daß, weichend von der andern Spur, Brunetto
Latini mit dir wandl' ein Stückchen rückwärts.«
Ich sprach zu ihm: ›Aus ganzer Seel' erfleh' ich's
Und setze mich mit euch, wenn ihr es wünschet,
Dafern es dem gefällt, denn mit ihm wandr' ich.‹
»O lieber Sohn,« sprach er, »wer aus der Schar hier
Sich irgend aufhält, liegt dann hundert Jahre,
Ob auch die Glut ihn senge, unbeweglich.
Drum geh' nur fort, ich folg' am Saum des Kleids dir
Und hole wieder ein dann meine Rotte,
Die weinend wallt ob ihres ew'gen Unheils.«
Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen
Um mich ihm gleichzustellen, doch gebücket
Hielt ich das Haupt, wie wer voll Ehrfurcht wandelt.
Er nun begann: »Welch Schicksal oder Zufall
Führt vor dem letzten Tag dich hier hernieder,
Und wer ist dieser, der den Weg dir zeiget?«
›Dort oben über uns, im heitern Leben,‹
Entgegnet' ich, ›verirrt' in einem Tale
Ich mich, bevor erfüllt noch war mein Alter.
Erst gestern morgens wandt' ich ihm den Rücken,
Doch da zu ihm ich kehrt', erschien mir jener
Und führt' mich heim nunmehr auf diesem Pfade.‹
Und er zu mir: »Wenn deinem Stern du folgest,
Kannst des ruhmvollen Ports du nicht verfehlen,
Dafern ich recht gesehn im schönen Leben;
Und wär' ich so nicht vor der Zeit gestorben,
So hätt' ich, da ich dir des Himmels Zeichen
So günstig sah, zum Werke dich ermuntert.
Doch jenes Volk, so undankbar und boshaft,
Das niederstieg von Fiesole vor Alters
Und nach dem Berg und Schieferfels noch artet,
Wird dir zum Feind ob deines Rechttuns werden,
Und da, weil sich's nicht ziemt, daß zwischen herben
Spierlingen süßer Feigen Frucht gedeihe.
Blind nennt sie eine alte Sag' auf Erden,
Ein geiziges Geschlecht voll Stolz und Mißgunst.
Sieh zu, dich ihrer Sitten zu entschlagen.
So großen Ruhm bewahret dir dein Schicksal,
Daß beide Teil' einst Hunger nach dir fühlen,
Doch wird vom Mund dann fern der Bissen bleiben.
Wohl mögen selber sich zu Streu zertreten
Die Bestien Fiesoles, doch sollen nimmer
Die Pflanze sie berühren, wenn noch eine
Dem Wust entkeimt, in der der heil'ge Samen
Der Römer auflebt, die dort wohnhaft waren,
Als solches Nest voll Bosheit ward gegründet.«
›Wenn mein Begehren ganz erfüllt der Himmel,‹
Entgegnet' ich ihm drauf,›Ihr würdet jetzt noch
Nicht aus der menschlichen Natur verbannt sein.
Denn fest bewahrt mein Sinn, ob auch voll Schmerz jetzt
Das teure, liebe, väterliche Bild mir
Von Euch, da in der Welt Ihr Tag für Tag mich
Den Weg gelehrt, wie sich der Mensch verewigt,
Und wie ich dankbar drob, so lang' ich lebe,
Müßt Ihr an meinen Worten noch erkennen.
Was Ihr von meinem Lauf erzählt, bemerk' ich
Mit anderm Spruch, es zur Erläut'rung wahrend,
Bis ich ein Weib, das dies versteht, erschaue.
So viel indes will ich Euch offenbaren,
Daß, schilt mich anders nur nicht mein Gewissen,
Ich auf das Schicksal, wie's auch sei, gefaßt bin.
Nicht neu ist solch ein Vorklang meinen Ohren,
Drum mag Fortuna immer nach Gefallen
Ihr Rad umdrehn und seinen Karst der Landmann.‹
Da wandte auf die rechte Seite rückwärts
Mein Meister sich, ins Angesicht mir blickend,
Und sprach darauf: »Recht höret, wer es merket.«
Doch drob nicht minder wandl' ich im Gespräch hin
Mit Herrn Brunetto, wer von den Genossen
Am größten und berühmt'sten wohl? ihn fragend.
Und er zu mir drauf: »Manche ziemt's zu kennen,
Von andern wird es löblich sein zu schweigen,
Weil allzu kurz die Zeit für die Erzählung.
Wiss' überhaupt, daß Geistliche, Gelehrte
Sie alle waren, groß und weltberühmet,
Die gleiche Sünd' einst auf der Welt befleckte.
Dort wallt mit jener Unglücksschar Priscianus
Und Franz Accursius, auch erblicken kannst du,
Wenn dich gelüsten sollte solches Unflats,
Den, der vom Knecht der Knechte ward vom Arno
Versetzt zum Bacchiglione, wo die Nerven,
Zu schnöder Brunst mißbraucht, er hinterlassen.
Mehr würd' ich sagen, aber Red' und Wandrung
Darf nun nicht länger dauern, denn schon seh' ich
Dort neuen Dunst vom Sandmeer sich erheben;
Es nahet Volk, mit dem mir nicht zu weilen
Vergönnt. Laß meinen Schatz dir sein empfohlen,
In dem ich leb' annoch, und mehr nicht fordr' ich.«
Drauf wandt' er sich und schien von jenen einer,
Die zu Verona durch das Blachfeld laufen
Ums grüne Tuch, und schien von ihnen jener,
Der Sieger bleibt, nicht jener, der besiegt wird.
Schon waren wir, wo man den Schall der Wässer
Vernahm, die zu dem nächsten Kreis entstürzten,
Dem Summen gleich, um Bienenkörbe tönend,
Als schnellen Laufs allzumal drei Schatten
Von einer Schar, die unter jenem Regen
Der herben Qual vorüberging, sich trennten.
Sie kamen auf uns zu und riefen sämtlich:
»Steh still du, der, nach deiner Tracht zu schließen,
Ein Bürger unsrer Stadt scheint, der verderbten.«
Weh'! welche Wunden, alt'und neu', erblickt' ich,
Die ihren Gliedern eingebrannt die Flamme!
Noch schmerzt es mich, wenn ich daran nur denke.
Auf ihren Ruf hielt horchend still mein Lehrer,
Wandt' mir das Antlitz zu und sprach: »Halt ein jetzt,
Denn diesen muß mit Achtung man begegnen.
Und wär's nicht ob der Glut, die von Natur hier
Herabgeschleudert wird, so möcht' ich sagen,
Dich zu beeifern zieme dir vor ihnen.«
Das früh're Lied begannen, da wir standen,
Von neuem sie, und, uns erreichend, faßten
Sich alle drei, umdrehend wie ein Rad sich.
Wie einst entkleidet und gesalbt die Kämpfer
Sich Blöß' und Vorteil abzulauschen suchten,
Eh' sie einander Schlag und Stoß versetzten,
So wendete ein jeglicher das Antlitz
Mir wirbelnd zu, daß in verkehrter Richtung
Der Hals beständig umlief mit den Füßen.
»Und wenn das Elend dieser sand'gen Stätte
Und unser traurig, lautlos Antlitz uns auch
Und unser Flehn verschmähn läßt,« fing der ein' an,
»So rühre deinen Sinn doch unser Nachruhm,
Uns, wer du bist, zu sagen, der die Hölle
So sonder Fahr durchstreicht, lebend'gen Fußes.
Er, dessen Spur du hier mich siehst betreten,
Obgleich er nackt jetzt und zerfleischt einhergeht,
War einst von größrer Würd', als du wohl glaubest.
Der trefflichen Waldrada Enkel ist er,
Mit Namen Guido Guerra, der im Leben
Viel durch den Rat, viel mit dem Schwert vollbrachte.
Der andre, hinter mir den Flugsand stampfend,
Tegghiajo Aldobrandi ist, des Stimme
Man droben in der Welt wohl hören sollte.
Und ich, mit ihnen hier ans Kreuz geschlagen,
Bin Jacob Rusticucci, und gewißlich,
Das schlimme Weib bringt mir am meisten Schaden.« –
Wenn vor dem Feuer sicher ich gewesen,
Hätt' ich mich unter sie herabgestürzet,
Und wohl gelitten, glaub' ich, hätt's der Meister.
Doch weil ich mich gesengt dort und verbrennet,
Ward von der Furcht besiegt mein guter Wille,
Der mir Begierde gab, sie zu umarmen.
Drauf ich begann:›Verachtung nicht, nein, Kummer,
Hat euer Zustand mir so tief ins Innre
Geprägt, daß er nur langsam ganz entschwindet,
Sobald mir dieser mein Gebieter Worte
Gesagt, aus denen ich wohl schließen mochte,
Daß Männer euresgleichen sich uns nahten.
Von eurer Stadt bin ich, und immer habe
Ich eurer Taten und verehrten Namen
Gedacht mit Lieb' und sie erwähnen hören.
Den Wermut flieh'nd, wall' ich der süßen Frucht zu,
Die der wahrhaft'ge Führer mir versprochen,
Doch muß ich bis zum Mittelpunkt erst stürzen.‹ –
»Wenn lange Zeit der Geist noch deine Glieder
Bewegen soll,« antwortet' drauf mir jener,
»Und wenn dein Ruf nach dir noch soll erglänzen,
Sprich, wohnen Edelsinn und Tapferkeit noch
In unsrer Stadt, wie sie gepfleget, oder
Sind ganz und gar aus ihr sie jetzt entflohen?
Denn dort Wilhelm Borsiere, der seit kurzem
Mit uns hier klagend wallt mit den Genossen,
Hat uns gar sehr gequält durch seine Worte.« –
›Das neue Volk, der schnellgewachsne Reichtum
Hat Stolz und Übermut in dir erzeuget,
Florenz, so daß du schon dich drob beklagest!‹
So rief ich mit emporgehobnem Antlitz;
Die drei nun, hier die Antwort ahnend, starrten
Einander an, wie man die Wahrheit anstarrt.
»Wenn es dir künftig mehr nicht kostet, andern
Genugzutun,« antworteten sie alle,
»O glücklich du, der frei den Sinn du äußerst!
Drum wenn du einst aus diesen finstern Stätten
Entrinnst, die schönen Sterne wieder schauend,
Und es dich dann: ›Dort war ich!‹ freut zu sagen,
So unterlasse nicht, von uns zu sprechen.«
Drauf brachen sie das Rad, und Flügeln schienen
Die raschen Füß' im Fliehen zu vergleichen,
Nicht schneller hätte man vermocht, ein Amen
Zu sagen, als sie uns entschwunden waren.
Darob mein Meister fortzugehn für gut fand.
Ich folgt' ihm, und nur waren wir ein wenig
Gewallt, als uns so nah des Wassers Lärm kam,
Daß man kein Wort von uns verstanden hätte.
Wie jener Fluß, – der ab von Visos Berge
Nach Morgen hin zuerst den eignen Lauf hat,
Der Apenninen linkem Hang entströmend,
Der Acquacheta oberhalb genannt wird,
Bevor er niedersinkt zum tiefen Grunde,
Und bei Forli dann ist des Namens ledig, –
Dort ob San Benedettos Kloster schallet,
Durchs Hochgebirg in eine Schlucht entstürzend,
Wo Tausende wohl Zuflucht finden sollten;
So hörten wir von einem steilen Riffe
Herab die trübe Flut hier widerhallen,
Die wohl in kurzer Zeit das Ohr verletzte.
Den Leib hatt' ich mit einem Strick umgürtet,
Mit dem ich mehr als einmal jenes Pardel
Mit buntbemaltem Fell zu fangen dachte.
Nachdem ich nun ihn ganz von mir gelöset,
So wie mein Führer mir geboten hatte,
Reicht' ich ihn diesem hin zum Knäul verschlungen.
Drauf er, sich nach der rechten Seite wendend,
Ein wenig von dem Rand entfernt, hinunter
Ihn schleuderte in jenen tiefen Abgrund.
›Wahrhaftig, etwas Neues muß entsprechen,‹
Begann ich bei mir selbst, ›dem neuen Zeichen,
Das mit dem Blick der Meister so begleitet.‹
O wie behutsam ziemt's zu sein dem Menschen
Bei jenen, die nicht nur die Tat erschauen,
Nein, mit dem Geist in die Gedanken blicken!
Er sprach: »Bald muß hier oben an nun langen,
Was ich erwart' und was dein Sinn schon träumte,
Bald muß es deinen Blicken sich enthüllen.«
Stets soll der Wahrheit, die der Lüge ähnelt,
Der Mensch, so viel er kann, die Lippen schließen,
Weil sie ihm Schmach bringt ohne sein Verschulden.
Doch kann ich hier nicht schweigen, und ich schwöre
Bei der Komödie Worten dir, o Leser,
So wahr sie späten Beifall nicht vermisse,
Daß durch die dichte, dunkle Luft ich eine
Gestalt, wie schwimmend sich empor sah heben,
Drob auch selbst unerschrockn're Herzen staunten.
Wie einer auf wohl steiget, der, den Anker
Zu lösen, niedertaucht' und, einen Felsen
Umklammernd oder was sonst birgt die Meerflut,
Sich oben streckt, nach sich die Füße ziehend.
»Sieh dort das Untier mit dem spitzen Schweife,
Das Berge übersteigt und Wehr und Mauern
Zertrümmert! Sieh, was alle Welt mit Stank füllt.«
Also begann mein Führer mir zu sagen,
Und winkt' ihm, daß es zu dem Ufer käme,
Dem Schluß nah des betretnen Marmorpfades.
Und jenes widerliche Bild des Truges
Kam nun herbei, anlandend Haupt und Bruststück,
Doch zog es seinen Schweif nicht mit zum Strande.
Sein Antlitz war wie des Gerechten Antlitz,
So mild von außen schien die Oberfläche,
Indes sein Rumpf sonst einer Schlange Leib glich.
Zwei Pratzen hatt' es, haarig bis zur Achsel,
Und Rücken, Brust und beide Seiten waren
Mit Kreisen ihm und Schleifen bunt bemalet.
In Wollzeug woben nimmermehr mit Farben
Tataren so als Türken Grund und Einschlag,
Noch zog Arachne auf ein solch Gewebe.
Wie öfters wohl am Ufer stehn die Barken,
Zum Teil im Wasser und zum Teil am Lande,
Und wie bei jenen Schlemmern dort, den Deutschen,
Zu seinem Kampfe sich der Biber anschickt,
So stand hier das heillose Ungeheuer
Am Rand, der steinern rings das Sandmeer schließet.
Ganz in den leeren Raum schlug's mit dem Schweife
Und krümmt' empor die gifterfüllte Gabel,
Den Stachel auf Skorpionenart bewaffnend.
Mein Meister sprach: »Jetzt müssen wir ein wenig
Abwenden unsern Pfad bis hin zu jenem
Verruchten Untier, das dort ausgestreckt liegt.«
Darauf stieg er herab zur rechten Seite,
Zehn Schritte hin am Rand zu äußerst wallend,
Die Flammen und den Sand wohl zu vermeiden.
Und als wir bei dem Tier nun angekommen,
Sah ich ein wenig weiter Volk im Sande
Nah an der eingesunknen Stätte sitzen.
Der Meister hier: »Damit von diesem Zirkel
Du ganz vollständ'ge Kenntnis mit dir nehmest,
Geh' hin,« sprach er zu mir, »und schau' ihr Treiben;
Doch kurz nur sei dort deine Unterredung.
Bis du zurückgekehrt, sprech' ich mit diesem,
Daß es uns seine starken Schultern leihe.«
So ging ich denn durch den entferntsten Abschnitt
Von diesem Kreis, dem siebenten, allein nun
Einher, wo die trübsel'gen Männer saßen.
Hervor aus ihren Augen brach ihr Jammer,
Und hier oft, dort oft wehrten mit der Hand sie
Den Dünsten bald und bald dem heißen Boden.
Im Sommer machen's anders nicht die Hunde,
Bald mit dem Fuß, bald mit der Schnauze, wenn sie
Der Flöhe, Bremsen, Fliegen Bisse fühlen.
Ins Antlitz einem und dem andern blickend
Der von der schmerzensvollen Glut Befallnen,
Erkannt' ich keinen zwar, doch ich bemerkte,
Daß jedem an dem Hals hing eine Tasche,
Gewisse Farbe tragend und Bezeichnung,
Daran, so schien's, sich weidete ihr Auge.
Als unter sie nun schauend ich getreten,
Erblickt' ich himmelblau, vom gelben Beutel
Sich hebend, eines Leu'n Gestalt und Haltung.
Da weiter drauf mein Blick die Bahn verfolget,
Erblickt' auf andrem blutigrotem Säckel
Ich eine Gans, viel weißer noch denn Butter;
Und einer, der das Bild der trächt'gen Bache
Als Zeichen, blau auf weißem Säcklein, führte,
Sprach: »Was machst du doch hier in dieser Grube?
Jetzt geh hinweg, und da du noch am Leben,
So wisse, daß mein Nachbar Vitaliano
Zu meiner linken Seite hier wird sitzen.
Als Paduaner unter Florentinern
Bin ich allein hier, die, das Ohr mir öfters
Durchdröhnend, schrein: ›Der Fürst der Ritter komme!
Der einst die Tasche trägt mit den drei Böcken.‹ «
Den Mund verzerrend, streckt' er drauf die Zunge
Heraus, dem Rind gleich, das sich leckt die Nase.
Und ich aus Furcht, daß längres Weilen jenem
Mißfalle, der mich kurz nur zu verweilen
Ermahnt, kehrt' heim nun von den müden Seelen.
Hier fand ich meinen Hort, der auf die Krupe
Des grausen Tiers bereits war aufgestiegen
Und so zu mir sprach: »Jetzt sei stark und herzhaft.
Von nun an geht's herab durch solche Stiegen.
Sitz' auf vor mir, ich will die Mitte halten,
Daß dir der Schweif zu schaden nicht vermöge.«
Wie jener, dem sich bei dem nahen Anfall
Des Wechselfiebers schon die Nägel bleichen,
Ganz zittert bei des Schattens bloßem Anblick,
So ward mir, als er mir dies Wort geboten;
Doch es ergriff mich Scham bei seinem Drohen,
Die tapfre Diener stets vor wackren Herrn schafft.
Jetzt setzt' ich mich auf jene Riesenschultern
Und sagen wollt' ich (doch nicht kam die Stimme,
Wie ich geglaubt): ›Sieh zu, mich zu umfangen‹ .
Doch er, der öfters mir schon beigesprungen
In schwerer Fahr, umschlang mich mit den Armen
Und stützte mich, sobald ich aufgestiegen.
Drauf sprach er: »Geryon, wohlan, mach' auf dich,
In weiten Kreisen senk dich langsam nieder;
Gedenk, welch' neue Last dir auferlegt ist!«
Wie von dem Standort rückwärts abgestoßen
Der Kahn wird, zog von hier hinweg sich jener,
Und als er nun sich ganz im Freien fühlte,
Wandt' er den Schweif hin, wo die Brust gestanden,
Und streckt' ihn aus, bewegend wie ein Aal ihn,
Und rudert zu die Luft sich mit den Tatzen.
Nicht größer, mein' ich, ist die Furcht gewesen,
Als Phaethon die Zügel fallen lassen,
Weshalb, wie noch zu schaun, gebrannt der Himmel;
Noch als die Lenden Ikarus, der Arme,
Sich fühlt' entfiedern ob des Wachses Schmelzen,
Da ihm sein Vater rief: »Dein Weg ist unrecht,«
Denn meine war, als ich von allen Seiten
Mich in der Luft sah und jedweder Anblick
Dem Aug' entschwunden war, als nur des Untiers.
Und langsam, immer langsam schwimmt's von dannen,
Es kreist, es senket sich und nichts bemerk' ich
Als nur das Wehn im Antlitz und von unten.
Schon hört' ich unter uns das grauenvolle
Geräusch des Strudels auf der rechten Seite,
Drob ich das Haupt herniederblickend beuge,
Da ward ich noch verzagter ob des Abgrunds,
Denn Feuer sah ich dort und hörte Klagen,
So daß ich zitternd, festgeklammert dahing.
Drauf merkt' ich, wes ich erst nicht inne worden,
Das Abwärtskreisen durch die großen Qualen,
Die aus verschiednen Ecken sich uns nahten.
Gleich wie ein Falk, der lang sich auf den Schwingen
Gewiegt, nicht Federspiel noch Vogel schauend,
Die Klag' entreißt dem Falkner: »Weh', du sinkst ja!«
Erst müd' sich niederlassend, dann sich hurtig
In hundert Kreisen plötzlich dreht und fern sich
Vom Meister hinsetzt, unmutsvoll und tückisch;
So legte Geryon sich hin am Boden,
Ganz nah dem Rande des gezackten Felsens,
Und da er unser sich entladen, schwand er,
Wie von der Sehn' entschnellt des Pfeiles Kerbe.
Ein Ort ist in der Hölle, Übelbulgen
Genannt, ganz steinern und von Eisenfarbe,
So wie der Felsenring, der ihn umkreiset.
Grad' in des tückischen Gefildes Mitte
Gähnt breit und tief ein Schacht, des innern Bau ich
An seiner Stelle künftig melden werde.
Des zirkelförm'gen Umfangs Grund, der zwischen
Dem Schacht nun und dem Fuß des hohen Steinrands
Verbleibt, ist in zehn Täler eingeteilet;
Ein Bild, dem ähnlich, das, wo viele Gräben
Zum Schutz der Mauer eine Burg umgürten,
Der Ort, wo solche sich befinden, darstellt.
Gewährten jene hier auf dieser Stätte;
Und wie bei solchen Vesten von den Schwellen
Der Tore Brücklein gehn zur äußern Böschung,
So liefen von dem untern Rand des Felsens
Hier Klippen hin, durchschneidend Dämm' und Gräben,
Bis zu dem Schachte, der sie schließt und aufnimmt.
An diesem Ort nun fanden abgeladen
Wir uns von Geryons Rücken, und der Dichter
Schritt nach der Linken hin, ich aber folgt' ihm.
Zur rechten Hand erblickt' ich neuen Jammer
Und neue Martern, neue Henkersknechte,
Davon die erste Bulge war erfüllet.
Die Sünder, nackt zu schaun am Grunde, wallten
Entgegen diesseits bis zur halben Breit' uns,
Doch jenseits mit uns, nur geschwindern Schrittes;
Gleich wie die Römer, ob der Menge Pilger
Im Jubeljahr, ein Mittel jüngst ergriffen,
Den Übergang der Brücke zu befördern,
Daß alle, mit der Stirn' nach dem Kastelle,
Auf einer Seite gen Sankt Peter wallen,
Und nach dem Berg hin an der andern Lehne.
So hier als dort erblickt' am finstern Fels ich
Gehörnte Teufel, mit gewalt'gen Peitschen
Von hinten unbarmherzig jene schlagend.
Weh'! wie sie auf den ersten Hieb die Fersen
Empor schon zogen, und es wollte keiner
Den zweiten ab noch warten oder dritten.
Dieweil ich also hinging, fiel mein Auge
Auf einen, drob sogleich ich also sagte;
›Nicht ist's das erste Mal, daß ich ihn schaue!‹
Drum hielt ich still, ihn wiederzuerkennen,
Und stehn blieb auch mit mir der süße Führer,
Zurückzugehn ein wenig mir gestattend.
Und der Gestäupte, hoffend, sich zu bergen,
Beugt' nieder sein Gesicht, doch wenig half's ihm,
Denn ich begann: ›Du, mit dem Aug' am Boden!
Wenn die Gestalt mich, die du trägst, nicht täuschet,
Bist du Venedico Caccianimico?
Doch was führt' zu so beizend herber Qual dich?‹
Und er zu mir: »Zwar wider Willen sag' ich's,
Allein es zwingt mich deine helle Stimme,
Die mir der alten Welt Erinnrung wecket.
Ich war es, der Ghisola einst, die Schöne,
Vermocht, sich des Marchese Wunsch zu fügen,
Was sonst die schnöde Mär davon auch künde.
Auch andre Bologneser weilen hier noch,
Ja mehr davon erfüllt ist diese Stätte,
Als zwischen Savena und Reno Zungen
Jetzt sind, die »Sipa« man gelehrt zu sagen;
Und willst du des Beweis und Zeugnis haben,
Führ' unsern geiz'gen Sinn dir zu Gemüte.«
Doch weil er also sagte, gab ein Teufel
Mit der Karbatsch' ihm eins und rief: »Fort, Kuppler!
Hier gibt's nicht Weiber, nach dem Gülden käuflich.«
Ich holte wieder ein nun den Begleiter,
Drauf wir nach wenig Schritten hin gelangten,
Wo aus dem Fels hervorsprang eine Klippe,
Die wir alsbald mit leichter Müh' erstiegen,
Und, rechts uns wendend über ihr Gezacke,
Von jenen ew'gen Kreisen nun uns trennten.
Als wir dahin gekommen, wo sie unten
Sich öffnet, den Gepeitschten Raum zu lassen,
Begann zu mir der Führer: »Wart' und trachte,
Dem Blick der andern Schurken zu begegnen,
Die du von Angesicht noch nicht gewahret,
Weil gleichen Weges sie mit uns gegangen.«
Von jener alten Brücke sahn den Zug wir
Der andern Schar nun, die auf uns herzukam,
Gejaget ebenmäßig von der Peitsche.
Drauf ungefragt begann der gute Meister
Zu mir: »Schau jenen Großen, der dort nahet
Und keine Träne, scheint's, vor Schmerz vergießet;
Welch königliches Ansehn er bewahret!
's ist Jason, der durch Mut dereinst und Klugheit
Den Kolchiern das Goldne Vlies entrissen.
Auf diesem Zug kam er nach Lemnos' Eiland,
Nachdem die kühnen mitleidslosen Weiber
All' ihren Männern dort den Tod gegeben.
Da war es, wo durch Wink' und glatte Worte
Hypsipyle er hinterging, die Jungfrau,
Die erst die andern sämtlich hintergangen,
Geschwängert und allein ließ er zurück sie;
Solch eine Schuld verdammt zu solcher Qual ihn,
Und auch Medeas Leid wird hier gerochen.
Mit ihm geht, wer betrügt in solcher Weise;
Dies gnüge dir vom ersten Tal und jenen
Zu wissen, die's zerfleischt in seinem Schoße.«
Schon waren wir, allwo der enge Fußpfad
Sich mit dem zweiten Damm durchkreuzt und diesen
Den andern Bogen nun zur Stütze bietet.
Von hier aus hörten in der nächsten Bulge
Wehklagend Volk wir mit dem Maule schnauben
Und auf sich selber mit den Händen klopfen.
Des Grabens Ufer überzog ein Schimmel,
Vom Dunst der Tief erzeugt, der hier sich ansetzt,
Den Augen und der Nase gleich verletzend.
So tiefgehöhlet ist sein Grund, daß nirgends
Man ihn zu schaun vermag als auf dem Rücken
Des Bogens, wo die Klipp' am höchsten aufsteigt.
Dorthin gelangend, sahn von da wir unten
Im Graben Volk in einem Mist versenket,
Wie man ihn leert aus menschlichen Priveten.
Und drunten suchend mit dem Aug', erblickt' ich
Unflätig einen so am Haupt vom Kote,
Daß man nicht merkt', ob Lai' er oder geistlich;
Der rief mir zu: »Was bist du so begierig,
Mich mehr denn andr' Entstellte zu betrachten?«
Und ich zu ihm: ›Weil ich, wenn ich nicht irre,
Dich trocknen Haars einst sah schon, denn du bist ja
Alexius Interminei von Lucca;
Drum schau' ich mehr dich an als all' die andern.‹
Und er darauf, sich vor den Hohlkopf schlagend:
»Hier tauchten unter mich die Schmeicheleien,
Davon nie müde mir die Zunge worden.«
Alsbald begann zu mir darauf der Führer:
»Streck' nun ein wenig weiter vor dein Antlitz,
Daß besser das Gesicht dein Blick erreiche
Der schmutz'gen Dirne mit verworrnen Haaren,
Die dort sich grimmet mit den kot'gen Nägeln,
Sich kauernd bald, bald auf den Füßen stehend.
Die Metze Thais ist's, die ihrem Buhlen,
Als er zu ihr sprach: ›Ernt' ich großen Dank wohl
Bei dir?‹ ›Ei freilich, ganz gewalt'gen‹ , sagte.
Damit mag hier sich unser Blick begnügen.«
O Simon Magus! O, sein jämmerliches
Gefolge! die ihr Gottes Wundergaben,
Die nur der Tugend sich vermählen sollten,
Für Gold und Silber raubbegierig preisgebt!
Von euch muß die Drommete nun ertönen,
Weil in der dritten Bulg' ihr euch befindet.
Schon waren an der nächsten Grabesstätte
Wir auf den Teil der Klipp' emporgestiegen,
Der senkrecht schwebt, grad' ob des Grabens Mitte.
O höchste Weisheit, welche Kunst im Himmel,
Auf Erden du und in der argen Welt zeigst,
Und deine Kraft, wie sie gerecht verteilet!
An jedem Abhang sah ich und am Grunde
Das grauliche Gestein bedeckt mit Löchern,
Kreisförmig insgesamt und gleicher Breite.
Sie schienen mir nicht enger und nicht weiter,
Als ich in meinem schönen St. Johannes
Sie fand, den Taufenden bestimmt zur Stätte.
Von ihnen brach ich eins vor wenig Jahren,
Daß einen, der darin erstickt', ich rette.
(Urkunde sei mir dies, die all enttäusche!)
Jedwedem ragten vor aus seiner Mündung
Die Füße eines Sünders nebst den Beinen
Bis zu der Wad', doch drin verblich das andre.
Die Sohlen beid' erglühten ihnen sämtlich,
Droh mit den Fußgelenken so sie zuckten,
Daß Seil und Wieden sie zerrissen hätten.
Gleichwie das Leuchten ölgetränkter Dinge
Sich an der Oberfläche hinbeweget,
So flackert's von der Ferse zu den Zeh'n hier.
›Mein Meister,‹ sprach ich, ›wer ist dort, der zuckend
Mehr als die übrigen Genossen tobet,
Von roter, glüh'nder Flamme ausgesogen?‹
Und er zu mir: »Wenn ich hinab dich trüge,
Dort, wo der Strand am flachsten liegt, so würd' er
Von sich und seiner Schuld dir selbst berichten.«
Und ich: ›Was dir beliebt, ist mir gefällig,
Du bist mein Herr und weißt, nie weicht mein Wille
Von deinem, und verstehst, was ich verschweige.‹
Darauf gelangten auf den vierten Damm wir
Und stiegen, links uns wendend, nun hernieder
Zu dem durchlöcherten und engen Grunde.
Und eh' nicht legte mich der gute Meister
Von seiner Hilft' ab, bis er mich genähert
Dem Spalt, wo jener klagte mit den Beinen.
›O du, das Oberste gekehrt zu unterst,
Verruchter Geist, pfahlähnlich eingerammet,
Wer du auch seist,‹ sprach ich, ›vermagst du's, rede!‹
Da stand ich gleich dem Mönch, der Beichte höret
Den tück'schen Mörder, der, schon eingesenket,
Zurück ihn rief, den Tod noch zu verzögern.
Und jener schrie: »Bist du schon eingetroffen,
Bist du schon eingetroffen, Bonifazius?
Um ein paar Jahre täuschte mich die Handschrift!
Wardst du so schnell der Habe überdrüssig,
Drob du dich nicht gescheut, mit List zu fangen
Die schöne Frau, um sie sodann zu schänden?«
Da ward ich jenen gleich, die, nicht verstehend,
Was man zur Antwort gab, wie spottbeladen,
Unfähig, etwas zu entgegnen, dastehn.
Zu mir begann Virgil jetzt: »Sag' ihm hurtig:
Ich bin es nicht, nicht bin ich, der du glaubest.«
Und ich antwortete, wie mir's geboten.
Darob der Geist, die Füße ganz verdrehend,
Mit Seufzen und wehklagendem Getöne
Begann: »Was ist's denn, das von mir du forderst?
Wenn, wer ich bin, dich so zu wissen kümmert,
Daß du deshalb den Felsenstrand durchlaufen,
So wiss', einst schmückte mich der hehre Mantel.
Als echter Sohn der Bärin war ich also
Voll Gier, die Bärlein zu erhöhn, daß dort ich
Das Geld, mich selber in den Sack hier steckte.
Hinabgefahren unterm Haupt sind meine
Vorgänger mir, die, gleichfalls Simonisten,
Im Spalt des Felsens hier verkrochen liegen.
Dort sink' auch ich dereinst hinab, wenn jener
Wird kommen, der ich glaubte, daß du wärest,
Als ich so plötzlich dich vorhin gefraget.
Doch länger ist's, daß, mit den Füßen zappelnd,
Ich hier kopfüber schon, kopfunter liege,
Als glüh'nden Fußes er gepflanzt wird bleiben;
Denn nach ihm kommt noch schnöderen Gebarens
Vom Westen her ein Hirt, gesetzlos waltend,
Der ihn und mich dann wieder muß bedecken.
Der wird ein neuer Jason aus dem Buche
Der Makkabäer sein, und wie dem gütig
Sein König war, so jenem Frankreichs Herrscher.«
Nicht weiß ich, ob ich hier zu keck gewesen,
Doch ich antwortet' ihm in solcher Weise:
›Sag' an, wie groß der Schatz war, den vom Anfang
Wohl von St. Peter unser Herr verlangte,
Als er der Schlüssel Macht in seine Hand gab?
Gewiß nichts fordert' er als: »Folge nach mir!«
Und Petrus nebst den andern fordert' Gold nicht,
Noch Silber von Matthias, als das Los ihn
Des Amts traf, das verlor die Frevlerseele!
So bleib' denn da, dich trifft gerechte Strafe,
Und wahre wohl die schlecht erworbnen Gelder,
Die gegen Karl dir solche Kühnheit gaben!
Und war' es nicht, daß mir annoch die Ehrfurcht
Vor den erhabnen Schlüsseln solches wehrte,
Die du getragen hast im heitern Leben,
So würd' ich härtre Worte noch gebrauchen;
Denn euer Geiz betrübt die Welt, mit Füßen
Die Guten tretend und erhöh'nd die Schlechten.
Ihr Hirten seid's, die der Evangelist sah,
Als jene, die auf großen Wässern sitzet,
Von ihm erblickt ward, mit den Kön'gen buhlend!
Sie, die, erzeugt mit siebenfachem Haupte,
Durch die zehn Hörner ward bewehrt, so lang noch
Ihr Gatte fand Gefallen an der Tugend.
Ihr schüfet Gold und Silber euch zum Gotte,
Und von den Götzendienern scheidet nichts euch,
Als daß sie einem, Hunderten ihr opfert.
O Konstantin! wie vieles Übel deine
Bekehrung nicht, doch jene Schenkung zeugte,
Die du erteilt dem ersten reichen Vater!‹
Und weil ich solches Lied ihm vorsang, sei's nun,
Daß Zorn, sei's, daß Gewissensbiß ihn quälte,
Warf er gewaltig beide Sohlen aufwärts.
Wohl glaub' ich, war's gefällig meinem Führer,
Mit so zufriednem Antlitz horcht' er immer
Dem Klang der ausgesprochnen wahren Worte.
Darum mit beiden Armen mich erfassend,
Hob er mich ganz zur Brust empor und stieg dann
Des Wegs hinauf, den er herabgekommen.
Und unermüdet hielt er mich umschlossen,
Bis auf des Bogens Spitz' er mich getragen,
Der von dem vierten hin zum fünften Damm führt.
Drauf legt' er sanft die Bürd' ab, die ihm sanft auch
Das steil', zerrißne Riff hindurch geschienen,
Das selbst ein schwerer Steg den Ziegen wäre.
Von hier aus ward ein andres Tal mir sichtbar.
Von neuer Pein zu dichten liegt mir ob jetzt,
Um Stoff dem zwanzigsten Gesang zu liefern
Des ersten Lieds, das von Versunknen meldet.
Schon hatt' ich ganz und gar mich angeschicket,
Zu schaun in die mir nun enthüllte Tiefe,
Die von so bangem Tränenstrom benetzt wird;
Da sah durchs zirkelförm'ge Tal ich Leute
Stillschweigend und in Zähren nah'n des Schrittes,
In dem in dieser Welt Bittgäng' umhergehn.
Als tiefer ich auf sie den Blick nun senkte,
Schien wunderbarlich jeglicher verdreht mir
Vom Kinn bis zu dem Anbeginn des Rumpfes;
Denn abgewandt war von der Lend' ihr Antlitz
Und rücklings mußten auf uns zu sie kommen,
Weil ihnen, vor sich her zu schaun, verwehrt war.
Vielleicht hat einmal durch Gewalt der Lähmung
Wohl ganz und gar sich einer so verdrehet,
Doch sah ich's nie, doch glaub' ich, daß es stattfand.
Wenn Gott dich, Leser, Frucht von deinem Lesen
Soll ernten lassen, so bedenk' im Innern,
Ob tränenlos mein Antlitz bleiben konnte,
Als in der Näh' die menschliche Gestalt ich
Also verwandt sah, daß des Auges Zähren
Die Hinterbacken durch den Spalt benetzten;
Gewiß, da weint' ich, an ein Horn mich lehnend
Der harten Klippe, so daß mein Begleiter
Mir sagte: »Gleichst auch du den andern Toren?
Hier lebt die Lieb' erst, wenn sie recht erstorben;
Denn wer ist frevelhafter wohl als jener,
Der nach des Ew'gen Ratschluß trägt Gelüsten.
Richt' auf dein Haupt, richt' auf! schau' ihn, dem einst sich
Die Erd' erschloß vor der Thebaner Augen,
Darob sie alle riefen: ›Wohin stürzest,
Was weichst du aus dem Kampf, Amphiaraus?‹
Und unaufhaltsam stürzt' er hin zu Tale,
Bis er zu Minos kam, der all' ergreifet.
Sieh, wie den Rücken er zur Brust gemacht hat,
Und weil zu weit er vorwärts blicken wollte,
Rückwärts nun schaut, verkehrten Pfades wandelnd.
Tiresias schau', der die Gestalt gewechselt,
Vom Mann zum Weibe werdend, als die Glieder
An seinem Leib sich insgesamt verändert,
Und erst mußt' wieder sie, die beiden Schlangen,
Die engverschlungnen, mit dem Stäbchen schlagen,
Eh' wieder ihr des Manns Behaarung wurde.
Der seinen Bauch dort nahet mit dem Rücken,
's ist Aruns, welcher einst in Lunis Bergen,
Wo, ihren Fuß bewohnend, der Carrarer
Das Feld baut zwischen weißen Marmorfelsen,
In einer Höhle haust', von wo die Aussicht
Aufs Meer und auf die Stern' ihm nicht gehemmt war.
Und jene, die mit den gelösten Zöpfen
Die Brüste, die du nicht erblickst, bedecket
Und alles Haarige nach jenseits kehret,
War Manto, die durch viele Länder streifte
Und dann sich niederließ, wo ich erzeugt ward;
Drob mir's beliebt, daß du mich kürzlich hörest.
Nachdem ihr Vater abtrat aus dem Leben
Und Bacchus' Stadt zur Sklavin war geworden,
Durchwallte lange Zeit hindurch die Welt sie.
Ein See liegt droben in dem schönen Welschland,
Am Fuß des Alpenstocks, der Deutschland schließet,
Nah' bei Tirol und wird genannt Benacus.
Aus tausend Quellen und wohl mehr benetzet
Inmitten Valcarnonicas und Gardas
Das Wasser den Pennin, das in dem See staut.
In seiner Mitte liegt ein Ort, wo Brescias,
Trients und auch Veronas Hirt zu segnen
Berechtigt wären, wenn des Wegs sie kämen.
Peschiera thront, ein Rüstzeug, stark und prächtig,
Die Stirn den Bergamasken und Brescianern
Zu bieten, wo am tiefsten rings der Strand sinkt.
Hierhin muß sämtlich sich das Wasser stürzen,
Was in Benacus' Schoß nicht bleiben kann,
Und strömt als Fluß dann ab durch grüne Triften.
Sobald die Flut hier ihren Lauf beginnt,
Heißt sie Benacus nicht mehr, sondern Mincio,
Bis bei Governo sie sich mischt dem Po.
Nach kurzem Lauf erreicht sie eine Niedrung,
In der sie, sich verbreitend, sie umsumpfet
Und oft verderblich pflegt zu sein im Sommer.
Die grause Jungfrau, hier vorüberziehend,
Erblickte Land in des Morastes Mitte,
Unangebaut und von Bewohnern ledig;
Dort blieb, der Menschen Umgang zu entfliehen,
Mit ihren Knechten sie und trieb ihr Wesen,
Und lebt' und ließ dort den entseelten Körper.
Die Leute drauf, die rings zerstreut hier lebten,
Vereinten an dem Ort sich, weil er fest war
Ob des Morasts, der allseits ihn umfaßte.
Die Stadt erbauten über dem Gebein sie,
Nach ihr sie, die den Ort zuerst erkiesen,
Ohn' andre Vorbedeutung Mantua nennend.
Zahlreicher war in ihr stets die Bevölkrung,
Bevor die Torheit des von Casalodi
Durch Pinamonte hintergangen worden.
Darum belehr' ich dich, daß, wenn du jemals
Den Ursprung meiner Stadt hörst anders deuten,
Die Wahrheit keine Lüg' entstellen möge.«
Und ich: ›So zuverlässig ist, o Meister!
Mir dein Bericht und heischt so meinen Glauben,
Daß leere Spreu mir wären all' die andern.
Doch sprich, von jenem Volk, das dort einherzieht,
Erkennst du einen, der bemerkenswert sei?
Denn nur darauf ist jetzt mein Sinn geheftet.‹
Drauf er: »Der, dem dort zu dem braunen Rücken
Der Bart herabwallt von der Wange, war einst
Augur, als Griechenland so männerleer war,
Daß ihrer kaum noch in den Wiegen blieben,
Und gab mit Calchas an die Sternenstunde
In Aulis, um das erste Tau zu kappen.
Er hieß Eurypylus, wie meine hohe
Tragödie von ihm singt in einem Verse;
Wohl weißt du ihn, du kennst sie ganz und gar ja.
Der andre mit den hagern Weichen war sonst
Michael Scotus und verstand wahrhaftig
Das trügerische Spiel der Zauberkünste.
Sieh dort Guido Bonatti, sieh Asdentel
Der sich mit Naht und Leder jetzt beschäftigt
Nur haben möchte, doch zu spät gereut's ihn.
Sieh die Erbärmlichen, die, Nadel, Spule
Und Schiff verlassend, Zauberinnen wurden
Und Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.
Doch komm von dannen, denn es steht an beider
Halbkugeln Grenze und berührt die Fluten
Jenseits Sevilla Kain mit seinen Dornen.
Und daß der Mond zur Nacht schon gestern voll war,
Mußt du wohl wissen, denn im tiefen Walde
War er dir mehr als einmal gar willkommen.«
So redet' er, indes wir weitergingen.
Von Brücke so gelangten wir zu Brücke,
Noch andres, das nicht wert ist, daß es meine
Komödie sing', besprechend, bis am Gipfel
Wir hielten, Übelbulgens nächste Spalte
Zu schaun und andr' umsonst geweinte Tränen,
Und wunderbarlich schien mir jene düster.
Wie in dem Arsenal der Venetianer
Im Winter kocht der zähe Teer, mit welchem
Die leck gewordnen Schiffe sie kalfatern; –
Denn nicht ist's Zeit zur Schiffahrt, und statt dessen
Baut der sein neues Fahrzeug, jener stopfet
Die Rippen dem, das öfters schon in See stach,
Der hämmert vorn am Schiff und jener hinten,
Der schnitzet Ruder zu, der windet Taue,
Der am Besan-, der flickt am Bugspritsegel:
So kocht' hier unten, nicht durch Feuersgluten,
Nein, durch des Schöpfers Kunst, ein dicker Pechbrei,
Der allerseits die Ufer überklebte.
Ich sah ihn (nichts erblickend von dem Inhalt
Als nur die Blasen, die das Kochen auftrieb),
Sah ihn sich heben und verdickt dann setzen.
Weil unverwandt dort unten hin ich blickte.
Zog mich mein Führer: »Schau' doch, schau' doch!« rufend,
Zu sich hin von dem Ort, wo ich gestanden.
Da wandt' ich um mich, ähnlich einem Manne,
Der, was er fliehn muß, gern erschauen möchte,
Doch übermannt vom jähen Furchtgefühle,
Ob er auch hinblickt, nicht die Flucht verzögert.
Und hinter uns sah ich in schnellem Laufe
Die Klipp' ersteigen einen schwarzen Teufel.
Weh'! wie so wild sein Antlitz war zu schauen,
Wie roh er schien in jeglicher Gebärde,
Die Schwingen ausgespannt und leichten Fußes.
Mit beiden Hüften lastete ein Sünder
Auf seinem hoh'n und spitz'gen Schulterpaare,
Und selbst hielt er umkrallt des Fußes Sehn' ihm.
»Ihr Grausetatzen unsrer Brücke,« rief er,
»Da ist der Ält'sten von Sankt Zita einer!
Steckt ihn hinunter, denn ich kehr' nun wieder
Zu jener Stadt, die wohl damit versehn ist,
Feil sind sie alle dort bis auf Buonturo;
Ums Geld pflegt man dort Nein aus Ja zu machen.«
Dort schmiß er ihn herab, durchs harte Riff sich
Zurück drauf wendend, hast'ger, als ein Hofhund,
Los von der Kette, je dem Dieb gefolgt ist.
Der sank zum Grund, doch schnell sich wendend, taucht' er
Empor, allein die Teufel, unterm Brücklein
Versteckt, schrien: »Hier frommt nicht das heil'ge Antlitz!
Hier schwimmt's gar anders sich als in dem Serchio!
Drum willst du nicht der Zinken Schärfe fühlen,
So wag's nicht, aus dem Pech hervorzutauchen.«
Mit mehr denn hundert Haken drauf ihn packend,
Begannen sie: »Du mußt verdeckt hier hüpfen,
Um heimlich noch, wo möglich, zu erkapern.«
Nicht anders läßt der Koch das Fleisch durch seine
Vasallen in des Kessels Mitte nieder
Mit Gabeln drücken, daß es auf nicht schwimme.
Zu mir der gute Meister drauf: »Damit sie
Dein Hiersein nicht bemerken, so verkrieche
Dich hinter einen Fels, der Schutz dir leihe,
Und daß mir irgend Leid hier widerfahre,
Befürchte nicht – ich bin bekannt mit allem,
Denn einmal schon war ich bei solchem Strauße.« –
Den Ausgang überschritt er drauf der Brücke,
Und als er an den sechsten Strand gelangt war,
Mußt' eine mut'ge Stirn er wohl bewähren;
Denn mit der Wut und mit dem Ungestüme,
Womit die Hunde auf den Armen fahren,
Der, wo er still hält, gleich zu betteln anfängt,
Entstürzten diese vor nun unterm Brücklein,
Die Haken sämtlich auf ihn zugewendet;
Er aber rief: »Zu freveln wage keiner !
Bevor mich eurer Zinken Spitz' ergreife,
Komm einer vor erst, der mich hör', und dann mögt
Ihr weiter denken dran, mich zu zerkrallen.«
Da schrien sie sämtlich: »Grauseschwanz mag gehen!«
Drob einer vortrat, weil die andern hielten,
Und hin zum Meister kam und sprach:
»Was schaffst du?« –
»Glaubst, Grauseschwanz, du, daß du mich hier unten
Erblicken würdest, der ich schon gesichert
Vor aller eurer Wehr bin,« sprach mein Meister,
»War's göttlich Wollen nicht und Gunst des Schicksals?
Laß mich drum ziehn, im Himmel ist's beschlossen,
Daß durch den wilden Pfad ich einen leite.«
Da ward der Stolz ihm dergestalt gebeuget,
Daß er zum Fuß sich ließ den Haken sinken
Und zu den andern sprach: »Den schlagt mir jetzt nicht!«
Drauf rief mir zu mein Führer: »Du, der zwischen
Der Brücke Felsenspitzen liegst verkrochen,
Kehr' ohne Furcht zu mir anjetzo wieder.«
Da kam ich eilends zu ihm hin, und vorwärts
Rückt' insgesamt der Teufel Schar, drob Furcht mich
Befiel, sie möchten den Vertrag nicht halten.
So sah ich einst die Lanzenknechte zittern,
Die durch Vertrag Capronas Burg verließen,
Als so viel Feinde sie um sich erblickten.
Ich schmiegte drum mich mit dem ganzen Leibe
Dem Führer an, die Augen nicht verwendend
Von ihrem Anblick, der mir gut nicht deuchte.
Die Haken neigten sie, und zu den andern
Sprach einer: »Soll ich auf die Krupp' ihn treffen?«
Der drauf: »Ja, sieh, daß du ihm eins versetzest!«
Doch jener Dämon, der mit meinem Führer
Sich unterredet, wandt' sich um behende
Und rief: »Gemach! gemach! o Raufefankel.«
Sodann sprach er zu uns: »Auf diesem Riffe
Kann man nicht weitergehn, weil an dem Grunde
Geborsten ganz der sechste Bogen daliegt.
Allein gefällt's euch mehr noch vorzudringen,
So geht nur immerhin auf jenem Felsdamm,
Wo bald ein andres Riff euch überführet.
Fünf Stunden später, als es jetzt ist, waren
Zwölfhundertsechsundsechsig Jahre gestern
Vollendet, seit der Weg zerstört hier worden.
Dorthin zu send' ich einige der Meinen,
Um nachzusehn, ob sich nicht einer lüfte.
Mit ihnen geht, sie werden euch nicht schaden.
Tritt vorwärts, Bückeschnurbs und Fröstetretel,«
Begann er jetzt, »und du auch, Reckelschnauzer,
Und Sudelbart du, führ' die Schar der Zehne.
Noch komm' auch Scharlachmohr und Drachennaser,
Schweinsborst mit seinen Hauern, Hundekraller,
Sausfleder und Karfunkelpolt, der Tolle,
Streift ringsum an dem glüh'nden Leim; und diese
Laßt sicher zu dem andern Riff gelangen,
Das unversehrt die Gruben überbrücket.« –
›Weh' mir, was muß ich sehn, mein Meister, ‹ rief ich,
›Laß uns allein gehn ohne Führung; mich nicht
Verlangt nach ihr, bist du des Wegs nur kundig.
Bist hier umsichtig du, wie sonst du pflegest.
So sieh doch, wie sie dort die Zähne fletschen
Und, Ränke drohend, mit den Brauen winken.‹
Und jener drauf zu mir: »Du darfst nicht beben,
Laß fletschen immerhin sie nach Gefallen,
Das gilt allein den jammernden Gesottnen.«
Dann wandten links sie auf den Damm, doch hatte
Ein jeder erst noch, drauf die Zähne setzend,
Die Zung' als Zeichen zugestreckt dem Obmann,
Und der gebraucht den Hintern als Trompete.
Aufbrechen sah ich sonst wohl Reiterscharen,
Angreifen und in Schlachtordnung sich stellen
Und manchmal auch im Rückzug Rettung suchen,
In eurer Stadt sah ich, o Aretiner,
Wettläufer fliegen und Geschwader umziehn
Und Lanzenbrechen auch und Ringelrennen.
Bald zum Trompeten-, bald zum Glockenklange,
Zur Trommel bald und bald nach Turmwartzeichen,
Nach heim'scher Weise bald und bald nach fremder,
Doch nimmer zu so seltsamer Schalmei sah
Ich Reiterei noch Fußvolk sich bewegen,
Noch Schiffe steuern nach Gestirn und Küste.
Wir gingen hin mit jenen zehn Dämonen
(O grausiges Geleit!), doch in der Kirche
Mit Heil'gen, heißt's, im Wirtshaus mit den Zechern.
Aufs Pech allein war jetzt mein Sinn gerichtet,
Den Zustand ganz der Bulge zu gewahren,
So wie des Volkes, das in ihr geglüht ward.
Gleich wie ein Zeichen die Delphine geben
Den Schiffern mit dem Bogen ihres Rückgrats,
Damit ihr Fahrzeug sie zu retten trachten;
So zeigte, sich die Qualen zu erleichtern,
Von Zeit zu Zeit den Rücken uns ein Sünder,
Ihn schneller, als es blitzt, aufs neu' versteckend.
Und wie am Rand im Wasser eines Grabens
Die Frösche mit dem Maul allein hervorstehn,
Die Füße bergend und den Schwulst des Leibes,
So waren allseits hier zu schaun die Sünder;
Allein, wie Sudelbart sich ihnen nahte,
Verkrochen sie sich wieder unterm Sude.
Ich sah, noch schaudert's mir darob im Herzen,
Verziehn den einen, so wie wohl zuweilen
Ein Frosch zurückbleibt, weil der and'r enthüpfet.
Doch Hundekraller, ihm zunächst genüber,
Hakt' ihm das pechverklebte Haar, und einer
Fischotter glich er, als ihn der emporzog.
Schon wußt' ich insgesamt die Namen aller,
Wohl merkend, als sie auserkoren wurden,
Und horchend drauf, wie sie einander riefen.
»Karfunkelpolt, auf! fall' ihm mit den Klauen
Den Rücken also an, daß du ihn schindest!«
Schrien allzugleich jetzt die Vermaledeiten.
Und ich: ›Sieh zu, mein Meister, ob dir's möglich,
Des Unglücksel'gen Namen zu erfahren,
Der hier in seiner Gegner Hand gefallen.‹
Mein Meister drauf, ihm nah' zur Seite tretend,
Befragt' ihn, wer er sei, und der entgegnet':
»Geboren bin ich in dem Reich Navarra;
In eines Herrn Dienst gab mich meine Mutter,
Die mich mit einem Taugenichts erzeuget,
Der selber sich zerstört und seine Habe.
Hausdiener bei Thibaut, dem guten König,
Begann ich drauf Durchstecherei'n zu treiben,
Drob Rechenschaft in dieser Glut ich gebe.«
Und Schweinsborste, dem zu jeder Seit' ein Hauer
Wie einer Sau hervorragt' aus dem Maule,
Ließ ihm des einen Schärf' im Reißen fühlen.
Zu schlimmen Katzen war die Maus gekommen,
Doch Sudelbart umschlang ihn mit den Armen
Und sprach: »Bleibt dort, so lang ich ihn umklammre!«
Sein Antlitz drauf zum Meister wendend, sagt' er:
»Jetzt frag' ihn, wenn du mehr zu wissen wünschest,
Bevor ein andrer ihn zugrunde richtet.«
Der Führer nun: »Sag' an, ob unterm Peche
Du sonst wohl einen kennst von jenen Frevlern,
Der ein Lateiner sei?« und der: »Ich trennte
Von einem Nachbar jenes Lands mich kürzlich.
O wärt' ich doch mit ihm noch so verborgen,
Dann braucht' ich Klau' zu fürchten nicht, noch Haken!«
Doch Scharlachmohr rief: »Allzulang ertrugen
Wir's schon,« und packt' am Arm ihn mit dem Haken
So, daß er draus den vordern Teil ihm abriß.
Und Drachennasser auch wollt' an den Beinen
Ihn unten kneipen; doch ihr Zehnmann wandte
Sich rings umher darob mit wildem Blicke.
Als sie hierauf ein wenig sich beruhigt,
Fragt' jenen, der annoch auf seine Wunde
Hinstarrte, ungesäumt jetzt mein Begleiter:
»Sag' an, wer war's, von dem zu deinem Schaden
Du dich getrennt, um an den Strand zu kommen?«
Und er: »Der von Gallura war's, der Bruder
Gomita, ein Gefäß voll Arglist, der einst
Die Feinde seines Herrn in seiner Hand hielt
Und so dann tat, daß drob sie all' ihn loben.
Geld nahm er und ließ dann sie ungehudelt,
Wie er sich ausdrückt, und war sonst im Amt auch
Ein Mäkler nicht im kleinen, nein im großen.
Mit ihm pflegt Umgang dort Don Michael Zanche
Von Logodor', und ihre Zungen werden
Nie müde, von Sardinien zu sprechen.
0, Weh' mir! Seht, wie dort der andre fletschet!
Mehr würd' ich sagen noch; allein ich fürchte,
Er schickt sich an schon, mir das Fell zu kratzen.«
Ihr großes Haupt, Sausfledern zu sich wendend,
Der schon den Blick verdreht, um auszuhauen,
Rief: »Mach' dich fort von hier, du schlimmer Vogel!« –
»Begehrt zu sehn ihr oder zu vernehmen.«
Begann drauf der Erschrockne, »sei's Lombarden,
Sei's Tuscier, ich will herbei sie schaffen;
Doch laßt die Grausetatzen erst ein wenig
Zurück sich ziehn, daß ihre Rache jene
Nicht fürchten; und an dieser Stätte sitzend,
Stell' sieben ich an meiner Statt, des Einz'gen,
Indem ich ihnen pfeife, wie wir pflegen
Zu tun, wenn einer sich herausgewagt hat.«
Die Gosch', auf solches Wort, hob Reckelschnauzer
Und sprach kopfschüttelnd: »Hört einmal den Schurken!
Er sinnt nur drauf, daß er hinab sich stürze.«
Drauf er, der Schlich' in Meng' im Haupte hatte,
Entgegnet': »Ich bin wohl ein arger Schurke,
Da ich den Meinen schlimmres Weh' bereite.«
Doch Bückeschnurbs hielt sich nicht mehr, und gegen
Der andern Meinung rief er: »Springst hinab du,
So galoppier' ich dir nicht nach, es soll dich
Mein Flügelschlag schon überm Pech ereilen.
Fort von der Höh', es mag der Strand uns decken;
Laß sehn, ob mehr du giltst als wir zusammen!«
Du, Leser, wirst von neuem Spaß jetzt hören!
Ein jeder wandt' den Blick zum andern Ufer,
Und der zuerst, der drob am meisten zürnte.
Der Navarrese, wohl den Zeitpunkt wahrend,
Drückt' fest die Füß' ein, und mit einem Sprung
Setzt' er hinab, entrinnend ihrer Absicht.
Da faßte Reu' ob ihrer Schuld sie sämtlich,
Doch den am meisten, der des Fehlers Ursach',
Drum eilt' er fort und schrie ihm nach: »Ich hab' dich!«
Doch wenig half's, denn schneller als sein Flügel
War noch des andern Furcht, der ging zu Grunde,
Und jener richtete zum Flug die Brust auf;
Nicht anders duckt sogleich die Ente unter,
Wenn ihr zu nah der Falke kommt, und dieser
Kehrt dann empor, voll Ärgers und ermüdet.
Und Förstetretel, zürnend ob des Possens,
Flog drein dicht hinter ihm, voll Gier, daß jener
Entrinnen möcht', auf daß es Hader gebe,
Und wandte, da verschwunden war der Mäkler,
Die Krallen alsobald auf den Genossen
So, daß sie überm Graben sich zerzausten.
Doch dieser, als ein echter Wildfangssperber,
Fing an, ihn so zu krallen, daß sie beide
Hinfielen in des glüh'nden Pfuhles Mitte.
Kampfschlichter ward zwar ungesäumt die Hitze,
Doch nicht vermochten sie sich zu erheben,
So waren überklebt mit Pech die Flügel.
Wehklagend mit den übrigen Genossen,
Ließ viere Sudelbart zum andern Ufer
Mit ihren Haken fliegen: schnell nun gingen
Hinab auf ihren Stand sie dies- und jenseits,
Die Haken nach den Überpappten streckend,
Die ganz gekocht schon in der Rinde staken,
Und wir verließen also sie beschäftigt.
Stillschweigend, einsam, unbegleitet schritten
Wir nun einher, der eine hinterm andern,
Wie ihres Wegs die mindern Brüder hingehn. –
Ob jenes Zwists war jetzo mein Gedanke
Gerichtet auf die Fabel des Äsopus,
Wo von der Maus er handelt und dem Frosche.
Denn mehr nicht läßt sich ›halt‹ und ›man‹ vergleichen
Als dies' und jener, wenn man End' und Anfang
Recht hält zusammen aufmerksamen Sinnes.
Und so, wie ein Gedank' entspringt dem andern,
Entstand aus diesem alsobald ein zweiter,
Der doppelt mir die früh're Furcht vermehrte.
Ich dachte so: Um unsertwillen hat sie
So vieler Spott und Schaden jetzt getroffen,
Daß ich vermut', es mag sie wohl verdrießen;
Wenn sich der Zorn gesellt dem bösen Willen,
So werden wütender sie uns verfolgen
Als je ein Hund den Hasen, den er rammet!
Schon fühlt' ich, daß sich ganz das Haar mir sträubte
Vor Furcht, und horchend rückwärts hin, begann ich:
›O Meister, wenn du dich und mich nicht schleunigst
Verbirgst, so fürcht' ich von den Grausetatzen
Gar viel; sie sind schon hinter uns gewißlich,
Mir ist es so, als ob ich schon sie hörte.‹
Und er: »Wär' ich von bleibelegtem Glas auch,
Nicht würde schneller sich dein Äußres spiegeln
In mir, als ich dein Innres jetzt erfasse.
Denn stracks kam dein Gedanke zu dem meinen,
Der gleichen Inhalts war und gleichen Ganges,
So daß ich beide schmolz in einen Ratschluß.
Böscht so sich rechts der Strand, daß uns herunter
Zu kommen in die nächste Bulge möglich ist,
So werden die geahnte Jagd wir meiden.«
Und eh' er noch sein ratend Wort vollendete,
Sah ich sie nah'n mit ausgespannten Flügeln,
Um uns zu fangen, nicht mehr weit entfernt von uns.
Urplötzlich faßte mich an jetzt mein Führer,
Der Mutter gleich, die, durch den Lärm gewecket,
Erblickend über sich die lohe Flamme,
Den Sohn ergreift und flieht und so viel Zeit nicht
Sich nimmt, für ihn mehr sorgend als sich selber,
Daß sie ein Hemde nur sich überwürfe.
Und von dem Gipfel nun des harten Strandes
Rutscht' mit dem Rücken er hinab am Felshang,
Der eine Seite sperrt der nächsten Bulge.
Nie glitt so schnell die Flut noch durchs Gerinne
Ein oberschlächtig Mühlrad zu bewegen,
Dort, wo zumeist sie sich den Schaufeln nähert,
Als hier an diesem Rand hinab mein Meister,
Von dannen auf der eignen Brust mich tragend,
Als ob sein Sohn ich wär', nicht sein Genosse.
Kaum war er mit den Füßen zu dem Bette
Des Grunds gelangt, als droben jen' erschienen
Grad' über uns, doch gab's ihm keine Furcht mehr;
Denn die erhabne Vorsicht, die zu Dienern
Des fünften Grabens sie bestellen wollte,
Ließ keinem Macht, von dort sich zu entfernen.
Dort unten traf ein übertünchtes Volk ich,
Das weinend rings gar trägen Schrittes wallte,
Im Angesicht verdrossen und gebeuget.
Sie trugen Kutten, die mit tiefen Kappen
Das Aug' bedeckten, ganz von jenem Schnitte,
Wie für die Mönch' in Clugny man sie fertigt.
Vergoldet sind sie außen, daß es blendet,
Doch drinnen ganz von Blei und also wuchtend,
Daß Friedrichs Kutten Stroh dagegen wären.
O Mantel, Ewigkeiten durch beschwerlich!
Links abermals uns wendend, wallten hin wir
Mit ihnen, aufs trübsel'ge Jammern merkend.
Doch ob der Last kam jenes müde Volk so
Langsam herbeigeschlichen, daß in neuer
Gesellschaft wir bei jedem Schritt uns fanden.
Drum sprach ich zu dem Führer: ›Such' mir einen,
Den von Gestalt ich oder Namen kenne,
Und laß im Gehn ringsum dein Auge kreisen.‹
Und einer, der mein Tuscisch Wort verstanden,
Schrie hinter uns her: »Haltet euern Schritt ein,
Die durch die finstre Luft so schnell ihr hinrennt!
Vielleicht erhältst von mir du, was du wünschest.«
Der Führer drauf zu mir sich wendend: »Warte,
Und dann geh' gleichen Schritts dahin mit jenem.«
Still hielt ich und sah großen Drang der Seelen
Nach mir im Antlitz Zweier, doch es hemmte
Sie die Belastung und des Pfades Enge.
Und angelangt nun, schielten mit den Augen
Lang auf mich hin sie, ohn' ein Wort zu sagen,
Und sprachen drauf, sich zu einander wendend:
»Der lebt noch, scheint's nach seiner Kehlbewegung!
Und wenn sie tot sind, welch ein Vorrecht läßt sie
Vom lastenden Talar enthüllt hier wandeln?«
Zu mir drauf: »Tuscier, der du zur Versammlung
Der jämmerlichen Heuchler bist gekommen,
Verschmäh' nicht, wer du seist, uns zu berichten.«
Ich drauf: ›Erzeugt hat mich und auferzogen
Die große Stadt an Arnos schönem Strome,
Und noch trag' ich den Leib, den stets ich hatte.
Doch ihr, wer seid ihr, denen's so gewaltig
Vor Schmerz herniederträufelt an den Wangen,
Und welche Pein in euch entladet so sich?‹
Und mir antwortet' einer: »Diese Kutten,
Die goldenfarb'gen. sind von Blei so wuchtig,
Daß unter dem Gewicht so knarrt die Wage.
Wir waren Brüder-Lustig aus Bologna,
Ich Catalan und jener Lodoringo
Genannt, die deine Stadt zugleich einst wählte,
Wie man wohl einen kürt, der einzeln stehet,
Zu wahren ihre Ruh'; doch wie wir's trieben,
Kann man noch schaun rings um Gardingos Straße.«
Ich nun begann: ›O Brüder, eure Übeln –‹
Doch mehr nicht sprach ich, da mein Blick auf einen
Fiel, an der Erd' gekreuzigt mit drei Pfählen.
Als er mich sah, verdreht' er ganz am Leib sich
Und blies in seinen Bart mit tiefen Seufzern.
Doch Bruder Catalan, der drob sein wahrnahm,
Sprach: »Dieser, den du hier durchbohrt erblickest
Riet einst den Pharisäern, es sei ziemend,
Den einen Mann fürs Volk der Qual zu weihen.
Jetzt liegt er überzwerch und nackt am Wege,
Wie du hier siehst, und seine Last muß jeder,
Eh' er vorübergeht, ihn fühlen lassen.
Auf gleiche Art wird auch gequält der Schwäher
In dieser Grub' und all' aus der Versammlung,
Die für die Juden ward des Übels Samen.«
Da sah ich, daß Virgil verwundert dastand
Ob jenem, der hier ausgestreckt am Kreuz lag
So schmachvoll in der ewigen Verbannung.
Drauf richtet' an den Mönch er diese Worte:
»Laßt Euch's gefallen, wenn Ihr's dürft, zu sagen,
Ob sich zur rechten Hand ein Ausgang findet,
Auf dem wir beid' uns wegbegeben mögen
Und nicht genötigt sind, die schwarzen Engel
Zu zwingen, aus der Schlucht hier uns zu tragen.«
Und jener drob: »Wohl näher, als du ahnest,
Liegt eine Klipp', die, von dem großen Kreise
Ausgeh'nd, die grausen Täler all' durchschneidet,
Nur daß sie, hier zerschellt, nicht überführet;
Doch könnt empor ihr auf dem Schutte steigen,
Der sich am Rande böscht und häuft am Grunde.«
Ein wenig stand gesenkten Haupts der Führer
Und sprach dann: Ȇbel hat er uns berichtet,
Der jenseits mit dem Haken krallt die Sünder.«
Der Mönch darauf: »Schon in Bologna hört' ich
Vom Teufel manches Bös' und drunter auch,
Daß er ein Lügner sei und Lügenvater.«
Mit großen Schritten ging mein Führer jetzt
Davon, etwas verstört von Zorn im Antlitz,
Drob ich auch die Belasteten verließ,
Den Spuren folgend der geliebten Füße.
In jener Zeit des jugendlichen Jahres,
Da Sol im Wassermann die Locken wärmet,
Und gleich schon wird die Nacht dem halben Tage;
Wenn nun der Reif das Bild des weißen Bruders
Auf Erden darzustellen strebt, doch wenig
Nur dauert das Gebilde seiner Federn:
Dann steht der Landmann, dem's gebricht an Futter,
Wohl auf und schaut umher und sieht die Fluren
Weißglänzen rings und schlägt sich drob die Hüfte,
Kommt jetzt nach Haus, sich hier und dort beklagend,
Dem Schlucker gleich, nicht wissend, was er tun soll;
Zurück drauf kehrend, faßt er neue Hoffnung,
Gewahrend, wie die Welt in wenig Stunden
Gestalt gewechselt, und ergreift den Stecken
Und treibt hinaus die Schäflein auf die Weide.
Also entsetzt' ich jetzt mich ob des Meisters,
Da seine Stirn ich so getrübt erblickte.
Und also schnell auch ward der Wund' ihr Pflaster;
Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen,
Wandt' er mir zu sich mit dem holden Blicke,
Den ich zuerst gesehn am Fuß des Berges.
Nach kurzer Überlegung sich entschließend,
Tat er die Arm' auf jetzt, und das Getrümmer
Erst recht betrachtend, faßt' er mit dem Arm mich,
Dem gleich, der bei der Arbeit überleget
Und stets, man sieht's ihm an, der Zukunft denket,
Zeigt' er mir, auf den Gipfel hin mich hebend
Des einen Felsstücks, schon die andre Spitze
Und sprach: »An jene mußt du nun dich klammern
Doch prüf' erst, ob sie auch dich tragen könne.«
Das war kein Pfad wohl für die Kuttenträger,
Da er, der leicht, und ich, den er doch forthob,
Von Trumm zu Trumm empor kaum steigen konnte,
Und wenn der Strand an diesem Umfang kürzer
Nicht als am andern war, er zwar vielleicht nicht,
Doch ich gewißlich wär' hier unterlegen.
Allein weil Übelbulgen gen den Eingang
Des tiefsten Schachts ganz abwärts hin sich neiget,
So bringt's mit sich die Lage jedes Tales,
Daß sich ein Strand erhebt, der andre senket.
So nun gelangten wir bis zu der Höhe,
Von wo ab sich die letzte Trümmer löset.
An Atem war die Lung', als ich hinaufkam,
Mir so erschöpft, daß ich nicht weiterkonnte,
Vielmehr alsbald mich bei der Ankunft setzte.
»Wohlan, jetzt ziemt es dir, dich zu ermannen!«
Begann mein Meister, »denn in Federn liegend
Und unter Decken, kommt zu keinem Ruhm man,
Und wer sein Leben des entbehrend hinbringt,
Der hinterläßt nur solche Spur auf Erden,
Wie Rauch in Lüften und Geschäum im Wasser.
Drum auf! Dein Herz besiege die Erschöpfung,
Das immerdar im Kampfe Sieger bleibet,
Wenn es des Körpers Schwere nicht herabzieht.
Erklimmen müssen wir noch längre Stiegen,
Und nicht genügt's, von diesen uns zu trennen;
Hast du verstanden? Wohl, so nütz' die Lehre.«
Darauf erhob ich mich, bei Atem besser
Mich zeigend, als ich wohl mich selber fühlte,
Und sprach: ›Geh hin denn, ich bin stark und mutig.‹
Die Klipp' empor nun nahmen unsern Weg wir,
Der gar mühselig war und eng und höck'rig
Und steiler noch um vieles als der früh're.
Um schwach mich nicht zu zeigen, ging ich sprechend hin.
Drauf aus der Schlucht empor scholl eine Stimme,
Die Worte ungeformt hervor nur sprudelte;
Nicht weiß ich, was sie sprach, stand auf dem Rücken
Ich gleich des Bogens, der hier überführet,
Doch schien der Redende zum Zorn gereizt mir.
Ich beugte mich, doch ob des Dunkels konnte
Nicht des Lebend'gen Blick zum Grunde dringen,
Drob ich: ›Auf, Meister! schnell zum andern Umkreis!
Und laßt die Felswand uns herniedersteigen;
Denn wie von hier ich hör' und nichts verstehe,
Schau' ich hinab und kann nichts unterscheiden.‹
»Nicht anders,« sprach er, »geb' ich drauf Bescheid dir
Als durch die Tat; denn ehrenwerter Bitte
Muß durch Erfüllung schweigend man willfahren.«
Den Ausgang stiegen wir herab der Brücke,
Wo mit dem achten Strand sie sich verknüpfet,
Und drauf ward mir die Bulge offenbaret.
Darin erblickt' ich fürchterliche Haufen
So wunderlich verschiedenart'ger Schlangen,
Daß noch das Blut mir starrt bei der Erinnrung.
Nicht rühme Libyen mehr sich seiner Wüste;
Denn bringt es Ringler, Ottern, Brillenschlangen
Hervor und Wasser- auch und Lanzennattern,
Hat es doch nie so viel' und so verruchte
Untier' annoch gezeugt, nebst ganz Äthiopien
Und nebst dem Küstenland des Roten Meeres.
In dieser grausen, wilderbosten Menge
Lief nacktes Volk umher und voll Entsetzens,
Schlupfwinkel nicht, noch Heliotrop erhoffend.
Die Händ' am Rücken hatten sie mit Schlangen
Gebunden, die durch ihre Hüften steckend
So Kopf als Schweif, sich vorn zum Knoten knüpften.
Und sieh, auf Einen nah an unserm Strande
Schnellt eine Schlange hin sich und durchstach ihn,
Allwo der Hals sich bindet mit den Schultern.
Nie hat so schnell man O noch J geschrieben,
Als er entzündet ward und brannt' und gänzlich
Zu Asch' alsbald hinfallend mußte werden.
Und als er so vernichtet lag am Boden,
Vereinte sich von neu'm die Asch' und wurde
Von selbst stracks wieder, was sie erst gewesen.
So stirbt, berichten uns die großen Weisen,
Der Phönix und wird wieder drauf geboren,
Wenn er beinah' fünfhundert Jahre zählet.
Von Korn und Kraut nicht nährt er sich im Leben,
Nur von des Weihrauchs Tränen und von Ingwer,
Und Nard' und Myrrhen ist sein Sterbelager.
Wie der so selbst, nicht ahnend, wie, dahinsank,
Sei's, daß Dämonenkraft ihn riß zu Boden,
Sei's Stockung, die den Sinn des Menschen bindet,
Sich wieder drauf erhebend, um sich her schaut,
Ob der gewalt'gen Angst, die er erlitten,
Verworren ganz und seufzend hebt die Blicke;
Also der Sünder, als er aufgestanden.
Gerechtigkeit des Ew'gen, wie du streng bist,
Die rächend du ausschüttest solche Schläge!
Da ihn mein Führer, wer er sei, jetzt fragte,
Entgegnet er: »Ich regnet' aus Toskana
Herunter jüngst in diesen Schlund des Grausens.
Kein menschlich, nein, ein viehisch Leben liebt' ich,
Wie's mir, dem Maul, ziemt'; Vanni Fucci bin ich,
Die Bestie, der ein würd'ger Bau Pistoja.«
Zum Führer ich: ›Verbeut ihm zu entschlüpfen
Und frag' ihn, welche Schuld ihn hier herabstieß,
Den ich als zorn'gen Blutmann einst gesehen.‹
Und jener Sünder, der's vernahm, verstellte
Sich nicht, nein, Sinn und Antlitz nach mir wendend,
Begann er jetzt, von wilder Scham verfärbet:
»Mehr schmerzt es mich, daß du mich hier getroffen
In diesem Elend, wo du mich erblickest,
Als da ich aus der andern Welt entrückt ward.
Abschlagen kann ich nicht, was du begehrest.
Ich kam so weit herunter, weil das schöne
Gerät ich aus der Sakristei gestohlen
Und fälschlich ward ein andrer des bezichtigt.
Doch daß du solches Anblicks dich nicht freuest,
Wenn jemals du entkommst den finstern Orten,
Schließ jetzt dein Ohr auf meiner Kund' und höre:
Von Schwarzen wird vorerst entblößt Pistoja,
Dann ändert auch Florenz Sitt' und Bewohner.
Mars zieht aus Val di Magra einen Dunst auf,
Der, eingehüllt in trübe Wetterwolken,
Mit einem schneidend ungestümen Sturmwind
Den Kampf besteht in dem Gefild Piceno;
Drauf jener stracks den Nebel wird zerreißen,
Davon die Weißen all' getroffen werden –
Und hab's gesagt, damit's dich schmerzen möge.«
Bei seiner Worte Schluß hob beide Hände
Der Dieb empor mit durchgesteckten Daumen
Und rief: »Nimm hin sie, Gott, dir ball' ich zu sie!«
Seitdem bin ich befreundet mit den Schlangen;
Denn eine wickelte sich um den Hals ihm,
Als ob sie spräche: »Mehr sollst du nicht sagen,«
Und um die Arm' ein' andre und umschlang ihn,
Sich vorn sodann dermaßen rückwärts krümmend,
Daß keinen Ruck er konnte tun mit ihnen.
Pistoja, o Pistoja, was doch säumst du,
Dich einzuäschern, daß du mehr nicht dauerst,
Da deine Brut im Bösetun du förderst.
Nicht einen Geist in all den finstern Kreisen
Der Hölle sah ich gegen Gott so trotzig;
Selbst der nicht war's, der fiel vor Thebens Mauern.
Und jener nun entfloh und sprach kein Wort mehr,
Drauf sah ich einen wütenden Centauren
Laut schreiend nah'n: »Wo ist, wo ist der Herbe?«
Maremma, glaub' ich, hat so viele Schlangen
Selbst nicht, als dieser trug auf seinem Kreuze,
Bis wo die menschliche Gestalt beginnet.
Ein Drache lag ihm hinten am Genicke
Mit ausgespannten Flügeln überm Rücken,
Endzündend jeglichen, dem er begegnet.
Zu mir begann mein Meister: »Dies ist Cacus,
Der unterm Fels des Aventin'schen Hügels
Oft einen ganzen See von Blut vergossen;
Nicht geht er gleichen Wegs mit seinen Brüdern,
Des Diebstahls wegen, den mit List er übte
An jener großen Herd', als sie ihm nah' kam.
Dort macht' ein Ende dem verkehrten Treiben
Die Keule Herkul's, der ihm hundert Schläge
Wohl gab, von denen er nicht zehn gefühlet.«
Weil er so sprach und jener flog vorüber,
Gelangten unter unsern Fuß drei Schatten,
Die weder ich gewahrte, noch mein Führer,
Als bis wir schrei'n sie hörten: »Wer doch seid ihr?«
Darob in unsrer Mär wir still nun hielten,
Auf jen' allein das Augenmerk gerichtet.
Nicht kannt' ich sie, doch es geschah, so wie es
Durch einen Zufall oft wohl zu geschehn pflegt,
Daß einer mußt' des andern Namen nennen,
Indem er sprach: »Wo mag nur Cianfa bleiben?«
Drob ich, daß aufmerksam mein Führer stände,
Den Finger mir vom Kinn zur Nase legte.
Wenn du jetzt, Leser, was ich sagen werde,
Zu glauben zögerst, nimmt es mich nicht wunder,
Da ich, der's sah, mir's selbst kaum eingestehe.
Weil ich auf sie den Blick hielt aufgeschlagen.
Fällt plötzlich eine Schlange mit sechs Füßen
Den einen vorn an, ganz an ihn sich klammernd;
Den Bauch umschlang sie mit den Mittelfüßen
Und packt' ihm mit den vorderen die Arme,
Drauf biß sie in die Wangen beiderseits ihn.
Die Hinterfüße nach den Schenkeln streckend,
Legt' ihren Schwanz jetzt hin sie zwischen beide,
Ihn hinten an den Lenden aufwärtsbiegend.
Nicht häkelte um einen Baum sich Efeu
Je so, wie das grau'nvolle Ungeheuer
Die eignen schlang um eines andern Glieder;
Drauf ineinanderschmelzend, gleich, als sei'n sie
Von warmem Wachs, vermischten sie die Farben,
Daß kein's von beiden schien, was es gewesen.
Also verbreitet aufwärts am Papiere
Sich vor dem Brande bräunlich eine Farbe,
Die noch nicht schwarz, erstirbt schon gleich das Weiße,
Die andern zwei sah'n zu und riefen beide:
»Weh' dir, Agnello, wie du dich veränderst,
Sieh doch, schon bist du zwei nicht mehr, noch einer!«
Schon waren die zwei Häupter eins geworden,
Als zwei Gestalten uns vermischt erschienen
In einem Antlitz, drin sich zwei verloren.
Zwei Arme bildeten sich aus vier Zweigen,
Und Rumpf und Bauch und Bein' und Schenkel wurden
Zu Gliedern, wie man nie sie noch gesehen;
Verlöscht war hier jedwedes frühre Ansehn,
Zwei schien und keins von beiden das verkehrte
Gebild und ging so fort langsamen Schrittes.
Wie unterm heft'gen Stich der Hundssterntage
Die Eidechs', wenn sie Zaun mit Zaun vertauschet,
Des Wandrers Weg durchschneidend scheint ein Blitzstrahl;
Dem ähnlich schien mir jetzt, den beiden andern
Sich stürzend nach dem Wanst, ein wütend Schlänglein,
Das braun und schwarz gleich einem Pfefferkorn war.
Und jenen Teil, durch den zuerst die Nahrung
Der Mensch empfängt, dem einen drauf durchstach es,
Dann fiel's vor diesem hingestreckt zu Boden.
An starrt' es der Gestochne und verstummte,
Doch still jetzt haltend, fing er an zu gähnen,
Als ob, sei's Schlaf, sei's Fieber, ihn befiele.
Die Schlange blickt' auf ihn, er auf die Schlange;
Sie dampfte durch den Mund, er durch die Wunde
Gewaltig, und es kreuzten sich die Dämpfe.
Lukan verstumme dort, wo er erwähnet
Das Elend des Sabellus und Nassidius,
Und hör' aufmerksam, was sich jetzt entwickelt;
Von Cadmus schweig' Ovid, von Arethusa,
Denn wenn er den zur Schlange, die zur Quelle
Verwandelt im Gedicht auch, nicht beneid' ich's;
Denn nie hat zwei Naturen gegenüber
Er so vertauscht, daß beide Bildungskräfte
Bereit sich zeigten, ihren Stoff zu wechseln.
In solcher Folg' entsprachen sie einander,
Daß, weil den Schweif die Schlange gablig spellte,
Die Fersen zog zusammen der Gebißne,
Die Beine nebst den Schenkeln miteinander
Verschmolzen so, daß keine Spur in kurzem
Von der Verbindung war zu unterscheiden.
Der so gespaltne Schweif nahm die Gestaltung
Drauf an, die dort verlorenging, und weich ward
Die Haut ihm hier, weil jenseits hart sie wurde.
Einkriechen sah ich durch die Achselhöhlen
Die Arm', indes des Untiers kurzes Beinpaar
Um so viel länger ward als jene kürzer.
Drauf bildeten, verschlungen miteinander,
Das Glied die Hinterbeine, das der Mann birgt,
Weil zwei der Arme aus den seinen spreizte.
Indes der Dampf mit neuer Farbe beide
Umhüllt' und, überm Leib auf einer Seite
Das Haar erzeugend, andrerseits es abstreift',
Stand jener auf, und dieser fiel zu Boden,
Nicht drum verwendend die ruchlosen Blicke,
In deren Schein sie tauchten die Gesichter.
Der Steh'nde zog es rückwärts nach den Schläfen,
Und von dem Überfluß des Stoffes traten
Hervor die Ohren aus den glatten Wangen;
Der Rest, der nicht zurückwich, sondern vorn blieb,
Gestaltete dem Antlitz sich zur Nase,
So viel die Lippen schwellend, als sich ziemte.
Der Liegende schiebt jetzo vor die Schnauze,
Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren,
Gleich wie die Gartenschneck' ihr Fühlhorn einzieht,
Und seine Zunge, ganz erst und zum Reden
Stets fertig, spaltet sich, und die gespaltne
Des andern schließt sich und der Dampf hört auf jetzt.
Die Seele, so zum Ungeheuer worden,
Flieht mit Gezisch von dannen durch das Tal hin,
Weil hint'r ihr her der andre ruft und sprudelt.
Drauf wandt' er jenem zu den neuen Rücken
Und sprach zum andern: »Jetzt soll Buoso laufen
Wie ich sonst dieses Pfads auf allen Vieren.«
So sah ich's in der siebenten Kloake
Sich wandeln und verwandeln, und entschuld'gen
Mag mich der neue Stoff, schweift hier die Zung' ab;
Und waren gleich die Augen mir ein wenig
Getrübt und abgespannt des Geistes Stärke,
Doch konnten jen' im Flieh'n sich so nicht bergen,
Daß ich nicht wohl Puccio Sciancato kannte,
Der einzig unverändert war geblieben
Von den zuerst gekommnen drei Genossen.
Der andre war's, ob dem du weinst, Gaville.
Erfreue dich, Florenz, ob deiner Größe,
Daß über Land und Meer du schlägst die Flügel,
Und in der Höll' auch sich dein Ruf verbreitet!
Denn bei den Dieben sah ich fünf dergleichen
Aus deinen Bürgern, drob mich Scham ergreifet,
Und du auch steigst drum nicht zu großer Ehre.
Doch wenn auf Wahrheit Morgenträume deuten,
Fühlst du in kurzer Zeit von hier, was Prato,
Von andern nicht zu reden, an dir wünschet.
Und ob auch jetzt, würd' es nicht vor der Zeit sein,
O daß es wäre schon, da's einmal sein muß,
Denn mehr wird's mich bei höherm Alter drücken.
Wir gingen fort, und an den Steinvorsprüngen
Empor, die abwärts uns gedient als Stufen,
Stieg, nach mich ziehend, wiederum mein Führer.
Und weiter jetzt den öden Weg verfolgend,
Vermochte zwischen Splittern sich und Zacken
Des Riffs der Fuß nicht ohne Hand zu fördern.
Da trauert' ich und traure jetzt von neuem,
Indem den Sinn ich aufs Geseh'ne richte,
Den Witz mehr zügelnd, als ich sonst wohl pflege,
Daß es der Zucht der Tugend nicht entschlüpfe,
So daß, wenn, sei's ein günst'ger Stern, sei's Bessres,
Ein Gut mir gab, ich selbst mir's nicht mißgönne.
Wie viel der Landmann, an dem Hügel ruhend,
Zur Zeit, da jener, der die Welt erleuchtet,
Sein Antlitz weniger uns hält verborgen,
Wenn schon die Fliege weicht der Wassermücke,
Leuchtwürmchen unten in dem Tal erblicket
Dort, wo er pflügt vielleicht und Trauben sammelt;
Von so viel Flammen glänzte allenthalben
Die achte Bulg', wie ich sogleich gewahrte,
Als an der Stell' ich stand, wo man den Grund sieht.
Wie der, so einst sich mit den Bären rächte,
Die Rosse sah, als des Elias Wagen
Hinwegfuhr, himmelwärts gradauf sich schwingen,
So daß sein Blick ihm so nicht folgen konnte,
Daß andres er als nur gleich einem Wölkchen
Die Flamm' empor sich hebend hält' erblicket;
Also bewegten durch den Schlund des Grabens
Sich alle hin, ohn' ihren Raub zu zeigen,
Denn jede Flamm' entrückt' uns einen Sünder.
So ausgestreckt zum Schaun stand auf der Brück' ich,
Daß, hätt' ein Felsstück ich nicht festgehalten,
Hinabgestürzt ich war' ohn' anzustoßen.
Und als so aufmerksam mich sah mein Führer,
Sprach er: »In diesen Flammen sind die Geister,
Und jeglichen hüllt die, dran er entbrannt ist.«
Ich drauf: ›Mein Meister, seit ich dich vernommen,
Ist sichrer mir's, doch schon hatt' ich geurteilt,
Daß es so sei, und wollte schon dich fragen;
Wer ist im Feuer dort, das so nach oben
Gespalten naht, als schlüg' es aus dem Holzstoß,
Darauf Eteocles lag mit dem Bruder?‹
Drauf er: »Gemartert wird dadrin Ulysses
Mit Diomed, und wie zu zorn'ger Tat sie
Vereint sonst eilten, eint sie jetzt die Strafe.
Beseufzet wird im Innern ihrer Flamme
Die Kriegslist mit dem Pferde, so das Tor brach,
Daraus der Römer edler Sam' hervorging:
Drin wird die Kunst beweint, drob nach dem Tod noch
Achills Verlust beklagt Deidamia,
Drin wird auch des Palladiums Raub gebüßet.«
›Wenn innerhalb der Loh' sie reden können,‹
Sprach ich, ›so bitt' ich, Meister, dich von Herzen,
Einmal und abermals statt tausend Malen,
Daß du mir nicht verweigerst hier zu weilen,
Bis die gehörnte Flamme sich uns nahet;
Du siehst, wie Sehnsucht nach ihr hin mich beuget.‹
Und er zu mir: »Gar großen Lobes würdig
Ist dein Begehr, drum ich es auch genehm'ge;
Doch sieh, daß deine Zunge hier du zähmest,
Und laß mich sprechen; denn begriffen hab' ich,
Was du verlangst, und weil sie alle Griechen, würden
Vielleicht sich jene deinem Wort verhärten.«
Nachdem dahin die Flamme war gekommen,
Wo schicklich meinem Führer Ort und Zeit schien,
Hört' ich in solcher Weise jetzt ihn sprechen:
»O ihr dort, zwei vereint in einem Feuer,
Wenn ich um euch verdient, solang ich lebte,
Wenn ich um euch verdient viel oder wenig,
Als das erhabne Lied ich schrieb auf Erden,
Bewegt euch nicht, doch einer von euch sage,
Wo er sich hin verlor, den Tod zu finden.«
Das größre Horn nun dieser alten Flamme
Fing mit Geknister an zu flackern, jener,
Die von des Windes Wehn bedrängt wird, ähnlich.
Darauf die Spitze hin und her bewegend,
Als sei des Sprechers Zunge sie, enthaucht
Es eine Stimm' und sprach: »Als ich von Circe
Entfernt mich hatte, die mehr als ein Jahr mich
Zurückgehalten nah dort bei Gaeta,
Eh' es Äneas so genannt, vermochte
Die Lust am Sohn, das Mitleid für den greisen
Erzeuger nicht und nicht die schuld'ge Liebe,
Daran Penelope sich freuen sollte,
Im Innern die Begier mir zu besiegen,
Mich mit der Welt ringsum bekannt zu machen
Und mit der Menschen Trefflichkeit und Lastern;
Nein, ich begab aufs hohe weite Meer mich
Mit einem Schiff allein und mit der kleinen
Genossenschaft, die nimmer mich verlassen.
Die Ufer beide sah ich bis nach Spanien
Und nach Marokko und der Sarden Eiland,
Und all' die andern, die dies Meer umspület.
Ich war nebst den Genossen alt und schwer schon,
Als wir zu jenem engen Schlund gelangten,
Wo Herkules sein Grenzmal aufgerichtet,
Damit der Mensch sich weiter hin nicht wage.
Zur rechten Hand ließ ich Sevilla liegen,
Weil ich zur andern Ceuta schon gelassen.
›O Brüder,‹ sprach ich, ›die zum fernen West ihr
Durch hunderttausend Fährlichkeiten dränget,
Verschmäht doch nicht die kurze Abendwache
Der Sinneskraft, die euch noch übrig bleibet,
Zu nützen, um, der Sonne folgend, Kunde
Vom menschenleeren Weltteil zu erlangen.
Zieht euern Ursprung in Betrachtung, wurdet
Ihr doch gemacht nicht, gleich dem Vieh zu leben,
Nein, daß nach Tugend ihr und Kenntnis ringet.‹
Und die Genossen macht' ich nach der Reise
Also begierig durch die kurze Rede,
Daß ich sie kaum dann abgehalten hätte.
Drauf, unser Hinterschiff gewandt nach Morgen
Bewegten, Schwingen gleich zum tollen Fluge,
Die Ruder wir, stets mehr zur Linken steuernd.
Schon sah das Aug' der Nacht die Sterne sämtlich
Des andern Poles und so tief den unsern,
Daß kaum er aus der Meeresflut emporstieg.
Fünfmal war neu entzündet und verlöscht schon
Das Licht am untern Teil des Mondes worden,
Seit in den schweren Pfad wir eingetreten,
Als endlich dunkel uns durch die Entfernung
Ein Berg erschien, der also hoch uns deuchte,
Wie ich noch keinen je gesehen hatte.
Wir jauchzten; doch bald ward die Lust zum Jammer,
Denn wirbelnd ging vom neuen Land ein Sturm auf,
Der unser Fahrzeug traf am vordern Ende.
Dreimal schwang er's umher samt den Gewässern,
Beim vierten warf empor das Hinterschiff er,
Den Schnabel senkend (als wollt's ein andrer),
Bis über unserm Haupt sich schloß die Meerflut.«
Schon war die Flamme nach geschloßner Rede
Still und grad aufgerichtet und hinwegging
Sie mit Bewilligung des süßen Dichters,
Als hinter ihr einherkam eine andre,
Die unsern Blick nach ihrer Spitze hinzog
Ob des verworrnen Tons, der draus hervordrang.
Wie der sizil'sche Stier, der durch das Jammern
Des, der mit seiner Feil' ihn hergerichtet,
Zum erstenmal gebrüllt (also war's billig),
So durch die Stimme des Gequälten brüllte,
Daß, wenn er gleich von Erz nur war gebildet,
Er um nichts minder schien vom Schmerz durchbohret;
So wandelten sich in des Feuers Sprache,
Da weder Weg noch Ausgang draus sie fanden,
Im Anbeginn die jammervollen Worte.
Doch als sie Bahn sich droben durch die Spitze
Gebrochen drauf, mitteilend ihr die Schwingung,
Die ihnen selbst die Zunge gab beim Durchgang,
Vernahmen wir, wie folgt: »O du, an den ich
Mein Wort jetzt richte, der du auf Lombardisch
Erst sprachst: ›Gehst halt jetzt weg, i' aiz' di' nimmer',
Laß dich's, weil etwas spät ich wohl gekommen,
Nicht reu'n, mit mir zu weilen im Gespräche!
Du siehst, mich reut es nicht, obgleich ich brenne.
Wenn du erst kürzlich bist herabgestürzet
In diese finstre Welt aus jenem süßen
Lateinerland, wo meine Schuld sich herschreibt,
Sprich, hat Romagnas Volk Krieg oder Frieden?
Denn aus den Bergen bin ich, die Urbino
Vom Joche trennen, dem entquillt die Tiber.«
Ich stand annoch hinabgebeugt und lauschend,
Als leis mich in die Seite stieß mein Führer
Und sprach: »Hier rede du, 's ist ein Lateiner.«
Und ich, der schon bereit die Antwort hatte,
Begann drauf sonder Zögern so zu sprechen:
›O Seele, die versteckt du weilst dort unten,
Es ist nicht und war nimmer dein Romagna
In seiner Zwingherrn Herzen ohne Krieg noch;
Doch offenbar verließ ich dort jetzt keinen.
Ravenna steht, wie's stand seit vielen Jahren,
Es horstet da der Adler von Polenta,
So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.
Die Stadt, die einst so lange standgehalten
Und der Franzosen blut'ge Leichen häufte,
Weilt unterm Schutz anjetzt der grünen Klauen!
Verucchios alten Fanghund und den neuen,
Der einst so schnöd verfahren mit Montagna,
Sieht man, wo sonst sie pflegten, bissig wüten.
Die Stadt' am Strand Lamones und Santernos
Regiert der junge Löw' aus weißem Lager,
Partei von Mitternacht zu Mittag wechselnd,
Und die vom Savio wird bespült zur Seite,
Gleich wie sie zwischen Ebne liegt und Bergen,
Schwankt zwischen Zwingherrschaft und freiem Wesen.
Jetzt fleh' ich an dich, wer du bist, zu künden,
Sei unerbittlicher nicht als die andern,
Wenn sich dein Nam' behaupten soll auf Erden.‹
Nachdem die Flamm' auf ihre Weis' ein wenig
Gebraust, bewegte sie die spitze Zunge
Bald hin, bald her und hauchte drauf dies Wort aus:
»Wenn meine Antwort ich gerichtet glaubte
An einen, der zur Welt zurück je kehrte,
So würde mehr nicht diese Flamm' erzittern;
Doch weil, wenn anders Wahrheit ich vernommen,
Aus diesem Grund noch niemand heimgekehrt ist,
Antwort' ich jetzt dir ohne Furcht vor Schande.
Ich war erst Kriegsmann und dann Franziskaner,
Vom Strick umgürtet, abzubüßen hoffend,
Und sicher war' erfüllt mein Hoffen worden,
Wenn nicht der Großpfaff war (bekomm's ihm übel),
Der mich in meine frühre Schuld zurückwarf.
Wie und warum, sollst du anjetzt vernehmen.
Solang als ich in Fleisch und Bein noch webte
Dem Erbteil meiner Mutter, übt' ich Taten,
Die löwenartig nicht, nein, füchsisch waren.
Die list'gen Streich' all' und geheimen Schliche
Verstand ich, ihre Kunst so trefflich treibend,
Daß drob mein Ruf drang zu der Erde Enden.
Doch als an jenem Zeitpunkt meines Alters
Ich angelangt mich sah, wo jeder sollte
Einziehn die Tau' und seine Segel streichen,
Ward, was mich erst erfreut, mir jetzt zuwider,
Und reuevoll bekennend meine Sünden,
Hätt' ich, (o Weh' mir Armen!) mich gerettet.
Das Oberhaupt der neuen Pharisäer, –
Ganz nah dem Lateran in Krieg verwickelt,
Und nicht mit Sarazenen, noch mit Juden;
Denn Christen nur allein hatt' es zu Feinden,
Und keiner war bei Acres Sturm gewesen,
Noch als ein Kaufmann in des Sultans Landen., –
Nicht achtet' er in sich die heil'ge Weihe,
Nicht das erhabne Amt, in mir den Strick nicht,
Durch den sonst magrer ward, wer ihn getragen.
Nein, wie einst Konstantin dort im Sorakte
Silvester rief, vom Aussatz ihn zu heilen,
Also begehrte dieser mich zum Meister,
Daß ich ihm stille seines Hochmuts Fieber,
Und fragt' mich drob um Rat; doch ich verstummte,
Denn eines Trunknen schien mir seine Rede.
Und jener drauf: ,Laß nicht dein Herz verzagen!
Ich sprech' dich los für jetzt; doch du belehr' mich,
Wie Penestrinos Burg ich brechen möge.
Den Himmel kann ich öffnen und verschließen,
Das weißt du ja; dazu gibt's zwei der Schlüssel,
Die jüngst mein Vorfahr nicht gar hochgehalten.'
Da trieben an mich die gewicht'gen Gründe,
Weil Schweigen hier mir schien der schlimmste Ratschluß.
Daß ich begann: ›Da du mich, Vater, reinigst
Von dieser Sünd', in die ich jetzt muß fallen –
Ein lang Versprechen und ein kurzes Halten
Wird auf erhabnem Stuhl dir Sieg verschaffen.'
Franziskus suchte drauf mich, als ich tot war,
Doch einer von den schwarzen Cherubinen‹
Sprach zu ihm: ›Hol' ihn nicht, tu' mir nicht Unrecht!
Der muß hinab zu meinen Sklaven kommen,
Weil er gegeben hat den Rat des Truges,
Seitdem ich stets im Haar ihm bin gelegen.
Wer nicht bereut, den kann man los nicht sprechen,
Und nicht kann man zugleich bereun und wollen,
Dieweil der Widerspruch es nicht gestattet.'
O weh' mir Jammerndem! wie ich erbebte,
Als er mich packt' und zu mir rief: ›Du dachtest
Vermutlich nicht, daß ich Logik verstände.'
Zu Minos trug er hin mich, und der schmiegte
Den Schweif achtmal sich an den harten Rücken.
Drauf, sich vor großer Wut in jenen beißend,‹
Sprach er: ›Der Flammenhüll' ist dieser schuldig.'
Drob hier, wo du mich siehst, ich bin verloren
Und so umwallt in Herzeleid einhergeh'.‹
Nachdem er seine Red' also vollendet,
Entfernte sich mit Wehgeklag die Flamme,
Das spitze Horn verneigend und bewegend.
Wir gingen weiter, ich drauf und mein Führer,
Am Riff hinan bis auf den andern Bogen,
Der überm Schlund schwebt; drin mit Pön belegt wird,
Wer, Spaltung stiftend, selbst sich Last bereitet.
Wer könnt', auch selbst in ungebundner Rede
Mehrmals erzählend, gnüglich all' die Wunden
Und all' das Blut, das ich jetzt sah, beschreiben?
Gewiß zu schwach wär' hier jedwede Zunge,
Weil unsre Sprach' und unser Sinn so vieles
In sich nicht zu umfassen Raum besitzen.
Wenn all' das Volk auch gleich versammelt wäre,
Das auf Apuliens schicksalsreichem Boden
Gejammert ob des eignen Bluts Vergießen
Durch Römerhand erst, in der langen Schlacht dann,
Die so gewalt'ge Beut' an Ringen brachte,
Wie Livius sonder Irrtum uns berichtet,
Nebst jenem Volke, dem geschmerzt die Hiebe,
Weil Robert Guiscard es sich widersetzet,
Und jenem, des Gebein noch jetzt man aufliest
Bei Ceperano, wo zu Lügnern wurden
All' die Apulier, und bei Tagliacozzo,
Wo Ehrhard siegt', der Alte sonder Waffen,
Und der durchbohrt ein Glied und der verstümmelt
Es zeigt', war's mit der widrigen Gestaltung
Der neunten Bulge nichts doch im Vergleiche.
Nicht sprang, wenn Mittelstück es oder Gere
Verloren, je ein Faß so, als durchhauen
Vom Kinn bis wo man furzt, ich einen schaute.
Hinab hing das Gedärm ihm an den Beinen.
Und das Geschling war sichtbar und der Beutel,
Der schnöde, der aus dem Verschlungnen Dreck macht.
Dieweil ich ganz auf ihn den Blick nun hefte,
Sah er mich an und sprach, sich mit den Händen
Auftu'nd die Brust: »Sieh, wie ich mich zerlege,
Sieh, wie verstümmelt Mahomed ist! Weinend
Geht Ali vor mir her, im Angesicht
Vom Kinn hinaufgespalten bis zum Stirnhaar,
Und all' die andern, die du hier erblickst,
Weil Unruh' sie und Spaltung ausgestreuet
Im Leben, sind anjetzt also zerspellt.
Ein Teufel spaltet uns dadrin so grausam
Und läßt jedweden aus der Rotte über
Des Schwertes Klinge wiederum dann springen.
Wenn wir die jammervolle Bahn umlaufen;
Denn stets aufs neu' verschließen sich die Wunden,
Eh' einer abermals vor jenen hintritt.
Doch wer bist du, der von dem Riff du gaffest,
Wohl zögernd, zu der Strafe dich zu stellen,
Die auf Beschuldigung dir zuerkannt ward?« –
»Nicht hat der Tod ihn noch erreicht, noch führet
Ihn Schuld zur Qual,« entgegnete mein Meister –
»Doch um vollkommne Kund' ihm zu gewähren,
Muß ich, der tot schon bin, von Kreis zu Kreise
Hier unten durch die Höll' ihn jetzt geleiten,
Und also ist's so wahr ich mit dir spreche!«
Wohl mehr denn hundert blieben in dem Graben,
Als sie's vernahmen, stehn, mich anzublicken,
Die Marter vor Verwunderung vergessend.
»So sag' dem Fra Dolcino denn, du, der wohl
Die Sonne bald aufs neu' erblickst, daß, will er
Mir nicht in kurzem folgen, er sich also
Mit Nahrungsmitteln rüste, daß die Schneenot
Den Novaresern nicht den Sieg verleihe,
Der außerdem nicht leicht wär' zu erringen.«
Den einen Fuß zum Weitergehn erhebend,
Sprach Mahomed zu mir sotane Worte
Und streckt' darauf, fortschreitend, ihn zu Boden.
Ein andrer, dem durchbohret war die Kehle
Und abgestutzt die Nas' bis zu den Brauen
Und der annoch ein einzig Ohr nur hatte,
Stillhaltend vor Verwundrung nebst den andern,
Um mich zu sehn, riß jetzt vor den Genossen
Den Schlund auf, blutrot allerseits von außen,
Und sprach: »O du, den keine Schuld verdammet
Und den ich einst sah im Lateinerlande,
Wenn mich zu große Ähnlichkeit nicht täuschet,
Gedenk' an Peter doch von Medicina,
Wenn je du wiedersiehst die holde Fläche,
Nach Marcabô sich senkend von Vercelli.
Und gib die Kund' den beiden besten Bürgern
Von Fano, Angiolello'n und Herrn Guido,
Daß, wenn hier eitel nicht ist das Vorhersehn,
Sie aus dem Schiff geworfen und gesäcket
Einst werden in der Näh' dort von Cattolica,
Von einem schnöden Wüterich verraten.
Nicht sah annoch Neptun so große Übeltat
Je zwischen Zyperns Eiland und Majorca
Nicht von Seeräubervolk, nicht von Argivischem.
Denn der Verräter mit dem einen Auge,
Der jene Stadt besitzet, die gesehen
Wohl einer hier bei mir nicht haben möchte,
Wird sie zu sich zur Unterredung laden
Und so dann tun, daß bei Focaras Windstoß
Sie nicht Gebet mehr brauchen, noch Gelübde.«
Und ich zu ihm drauf: ‹ Zeig' mir und erkläre,
Wenn ich hinauf von dir soll Nachricht bringen,
Wer jener sei, denn herb ist das Geseh'ne.‹
Drauf, an die Kinnlad' eines der Genossen
Die Hand anlegend, riß er ihm den Mund auf
Und rief: »Der ist es selbst hier, der nicht redet.
Er war es, der verbannt, in Cäsars Seele
Den Zweifel tilgt', behauptend, daß nur Schaden
Stets den Gerüsteten das Zögern brächte.«
O wie erschrocken Curio jetzt mir deuchte
Mit der zerschnittnen Zung' in seiner Gurgel,
Er, der so keck im Sprechen einst gewesen;
Und einer, der beraubt war beider Hände,
Streckt' in die dunkle Luft empor die Stumpen,
So daß das Blut besudelte sein Antlitz,
Und rief: »Du wirst doch Moscas noch gedenken,
Der ich, weh mir, einst sprach: Geschehnes fügt sich –
Ein Wort für Tusciens Volk des Unheils Samen,«
›Und deinem Stamm‹ – fügt' ich hinzu – ›Vernichtung!‹
Drob jener, häufend Schmerz auf Schmerz, davonging,
Gleich einem, der im trüben Wahnsinn hinwallt.
Doch ich verblieb, die Schar noch zu betrachten,
Und sah etwas, das ich mich scheuen würde,
Allein ohn' anderen Beweis zu melden,
Gab' mein Gewissen mir ein gut Geleit nicht,
Das unerschrocknen Sinn dem Menschen leihet,
Wenn ihn als Harnisch deckt ein rein Bewußtsein.
Ich sah gewiß (noch deucht mir, daß ich's sehe)
Hauptlos einhergehn einen Rumpf, gleich wie auch
Die andern wallten aus der Jammerherde.
Das abgeschlagne Haupt hielt bei den Haaren
Laternenartig in der Hand er schwebend,
Und dieses blickt' uns an und sprach: »O weh mir!« –
Sich selber macht' er selbst sich so zur Leuchte,
Daß zwei in einem, eins in zwei'n sie waren.
Wie solches sein kann, weiß, wer's so geordnet.
Als er gerad' am Fuße stand der Brücke,
Hob er den Arm empor zusamt dem Haupte,
Damit er seine Wort' uns näher brächte;
Die waren: »Sieh die qualenvolle Strafe,
Der du noch atmend wallst, zu schau'n die Toten,
Sieh, ob so groß wohl eine sei wie diese.
Und daß von mir du Nachricht bringen mögest,
So wiss', ich bin Bertram von Born, derselbe,
Der einst dem König Johann bösen Rat gab.
Den Vater hab' ich mit dem Sohn entzweiet,
Achitophel trieb Schlimmres nicht mit David
Und Absalon, voll Bosheit sie verhetzend.
Weil ich so Engverbundene getrennt,
Muß ich getrennt, weh! mein Geirn jetzt tragen
Von seiner Wurzel, die in diesem Strunk ist.
So wird in mir Vergeltungsrecht geübet.«
Vom vielen Volk und den verschiednen Wunden
War also mir das Auge trunken worden,
Daß es zu ruhn sich und zu weinen sehnte.
Doch zu mir sprach Virgil: »Was starrst du länger,
Was weilen noch dort unten deine Blicke
Bei den verstümmelten betrübten Seelen?
So tat'st du ja nicht bei den andern Bulgen.
Denk', wenn du meinst, die Geister all' zu zählen,
Daß zweiundzwanzig Meilen dieses Tal kreist
Und schon der Mond steht unter unsern Füßen.
Nur wenig Zeit ist uns annoch vergönnet
Und mehr zu schaun, als du allhier erblickest.«
›Wenn auf die Ursach' du gemerket hättest,‹
Entgegnet' ich ihm drauf, drob ich hinabsah,
›Hätt'st du mir wohl noch stillzustehn gestattet.‹
Dieweil von dannen ging mein Führer, folgt' ich
Ihm nach, und fernerhin ihm Antwort gebend,
Fügt' ich hinzu: ›In dieser Höhle Umfang,
Worauf ich jetzt die Augen hielt geheftet,
Beweint, glaub' ich, ein Schatten, blutsverwandt mir.
Die Schuld, die drunten kommt zu stehn so teuer.‹
Drauf sprach der Meister: »Daß dich der Gedanke
An ihn von nun an künftig nicht mehr störe,
Merk' auf das andr' und laß ihn hier verbleiben,
Denn auf dich sah ich ihn am Fuß des Brückleins
Hindeuten mit dem Finger, ernst dir drohend,
Und nennen hört' ich ihn Geri del Bello.
Also warst damals du mit dem beschäftigt,
Der einst auf Hautefort hauste, daß dorthin du
Geblickt nicht hast, und so ging er von dannen.«
›O Führer, die gewaltsame Ermordung,‹
Sprach ich, ›die ungerächt ihm ist geblieben
Durch irgendeinen, so der Schmach Genosse,
Hat ihn erzürnt, weshalb er, wie ich glaube,
Davon ging, ohn' ein Wort mit mir zu reden,
Und solches hat mich mehr für ihn beweget.‹
So sprachen wir bis zu der ersten Stelle,
Wo von der Klippe sich bei mehrem Lichte
Das andre Tal vom Grund aus zeigen würde.
Als an dem letzten Kreuzgang Übelbulgens
Wir standen so, daß seine Laienbrüder
Vor unsern Blicken nun erscheinen konnten,
Traf mich verschiedenart'ges Wehgeklage,
Das mit des Mitleids Pfeilen mich durchbohrte,
Drob ich mir deckte mit der Hand die Ohren.
Ein Jammer, gleich als ob die Hospitäler
Von Valdichiana zwischen Heu- und Herbstmond
Und von Maremm' und von Sardinien sämtlich
In einer Grub' all ihre Seuchen einten,
Ward dort gehört, und solch ein Stank entstieg ihr,
Wie ihn ein eiternd Glied pflegt auszuhauchen.
Wir stiegen zu dem letzten Strand herab nun
Der langen Klipp', aufs neue links uns wendend,
Und drauf begann ich deutlicher zu sehen
Bis auf den Grund, allwo die unfehlbare
Gerechtigkeit, des Höchsten Dien'rin, alle
Verfälscher straft, die hier sie aufgezeichnet.
Betrübter, mein' ich, war nicht anzuschauen
Das Volk Äginas, insgesamt erkranket,
Da so von bösem Stoff die Luft erfüllt war,
Daß alle Tier' auch bis zum kleinsten Wurme
Hinfielen und sodann aus Ameissamen,
Wie es die Dichter uns für sicher geben,
Das frühere Geschlecht erneuert wurde, –
Als die verschiednen Haufen hier der Geister,
Die man hinschmachten sah im finstern Tale.
Der hier lag auf dem Bauch, der auf dem Rücken
Des andern, der dort schleppt' auf allen Vieren
Von Platz zu Platz sich hin am Pfad des Jammers.
Stillschweigend gingen Schritt vor Schritt einher wir
Und blickten hin und horchten auf die Kranken,
Die nicht vermochten, sich emporzurichten.
Zwei sah ich sitzen also aneinander
Gestützt, wie Pfann' an Pfann' am Herd man stützet,
Und Grinde deckten sie vom Kopf zu Fuße.
So eilig sah noch niemals ich den Burschen,
Auf den die Herrschaft wartet, noch auch jenen,
Der ungern aufbleibt, seine Striegel rühren,
Als unablässig mit der Nägel Schärfe
Sich beid' anfielen hier, weil so gewaltig
Das Jucken rast', dem nimmermehr wird Hilfe.
Sie zogen sich die Krätz' ab von den Nägeln,
Wie mit dem Messer das Geschupp man abstreift
Dem Brassen oder größerschupp'gen Fische.
»Du, der du mit den Fingern dich zerreißest
Manchmal,« begann mein Führer zu dem einen,
»Abkneipend mit denselben, wie mit Zangen,
Sag' an, ist ein Lateiner unter jenen,
Die drin hier sind, soll anders dir der Nagel
Zu solcher Arbeit ewiglich genügen?« –
»Lateiner sind wir selbst, die beid' entstellt so
Du hier erblickst,« antwortet' einer weinend,
»Doch du, wer bist du, der nach uns du fragest?«
Der Führer drauf: »Begleiter des Lebend'gen
Allhier bin ich, und stieg von Fels zu Felsen
Herunter, daß ich ihm die Hölle zeige.«
Drob los von der gemeinschaftlichen Stütze
Sich reißend, wandt' das Paar nach mir sich zitternd,
Nebst andern noch, die es beian vernommen.
Ganz dicht zu mir trat hin der gute Meister
Und sprach: »Sag' ihnen jetzt, was dir beliebet.«
Und ich begann darauf nach seinem Willen:
›Wenn euer Angedenken aus der Menschen
Erinnrung in der ersten Welt nicht flieh'n soll,
Nein, manche Sonnenwende durch noch leben,
So sagt mir, wer ihr seid und welches Volkes.
Abschrecken mög' euch eure ekelhafte
Und grause Pein nicht, mir euch zu entdecken.‹
»Ich war ein Aretiner, und verbrennen
Ließ mich,« sprach einer, »Albert von Siena,
Doch das, warum ich starb, führt' mich hierher nicht.
Wahr ist's daß ich im Scherz zu ihm gesprochen,
Ich könnt' im Flug mich durch die Luft erheben,
Und er, der voll Begier, doch leer an Witz war,
Verlangt', daß ich die Kunst ihm zeig', und ließ mich,
Nur weil er Dädalus nicht ward, durch jenen,
Der ihn als Sohn hielt, in das Feuer werfen.
Doch zu der letzten Bulge von den zehen
Verdammte, weil ich Alchymie im Leben
Getrieben, Minos mich, der nie kann irren.«
Und zu dem Dichter sprach ich: ›Gab's ein Volk je
Leichtsinnig wohl, gleich wie die Sieneser?
Gewiß, nicht die Franzosen sind's um vieles.‹
Darauf der andr' Aussätzige, mich hörend,
Ins Wort mir einfiel: »Nimm mir aus den Stricca,
Der Aufwand so mit Maß verstand zu machen.
Und Nikolaus, der zuerst erfunden
Die prächt'ge Kost der Nelk' in jenem Garten,
Wo alsobald bekleibt dergleichen Same.
Das Kränzchen auch nimm aus, darin verzettelt
Den Forst und Weinberg Caccia von Asciano
Und Abbagliato seinen Witz gezeigt hat.
Doch jetzt, damit du wissest, wer dir gegen
Sienas Volk so beisteht, blick' mich scharf an,
So daß mein Antlitz ganz dir Antwort stehe.
Und sehn wirst du in mir Capocchios Schatten,
Der einst Metall durch Alchymie verfälschet;
Denn kenn' ich recht dich, mußt du dich erinnern,
Was für ein guter Aff' ich der Natur war.«
Zu jener Zeit, als gegen Thebens Samen
Ob Semeles in Zorn entbrannt war Juno,
Wie zu verschiednen Malen sie gezeigt hat,
Ward Athamas vom Wahnsinn so ergriffen,
Daß, da, auf jeder Seite gleich beladen,
Sein Weib er kommen sah zusamt zwei Söhnen
Er rief: »Spannt aus die Netze, daß die Löwin
Mit ihren Jungen ich am Ausgang fange.«
Ausstreckend drauf die unbarmherz'gen Klauen,
Packt' er den einen, der Learch genannt ward,
Und schleudert' und zerschlug an einem Stein ihn,
Und jen' ertränkte mit der andern Last sich.
Und als Fortuna der Trojaner Größe,
Die alles sich vermaß, zu unterst kehrte,
So daß der König mit dem Reich zugrund ging,
Hört' die gefangne Hekuba man traurig
Und elend, da sie Polyxenen tot sah
Und ihres Polydors, die Jammervolle,
War inne worden an dem Strand des Meeres,
In Raserei gleich einem Hunde bellen,
Weil so viel Schmerz den Sinn verstört ihr hatte.
Doch nicht thebanische, nicht Trojas Furien
Sah je so wild man Tiere, noch viel minder
Anfallen je die Glieder eines Menschen,
Als, um sich beißend, nackt und bleich zwei Schatten
Ich jetzt herbei sah laufen gleich dem Schweine,
Das aus dem Kof ist losgelassen worden.
Anlangend bei Capocchio, packt der ein' ihn
So mit den Zähnen am Genick, daß hin er
Ihn zog am harten Grund, den Rauch ihm reibend.
Zu mir der Aretiner drauf, der zitternd
Noch stand: »Der Kobold, der umher so wütet,
Beschädigend die Geister, ist Hans Schicchi.«
›O,‹ sprach ich, ›soll der andre dir die Zähne
Nicht in den Rücken setzen, so verdrieße
Dich's nicht, eh' er entschlüpft, ihn mir zu nennen.‹
Und er zu mir: »Das ist die alte Seele
Myrrhas, der Frevlerischen, die dem Vater
Mit mehr denn rechter Liebe ward gewogen,
Und ihr gelang's, zu sündigen mit jenem,
In fremdes Äuß're trügerisch sich hüllend,
Wie jener, der dort hingeht, einst die Rolle
Buoso Donatis fälschlich durchgeführet,
Letztwillig so nach Form des Rechts verfügend,
Damit der Herde Fürstin er gewinne.«
Und als die beiden Rasenden vorüber
Nun waren, drauf geruht mein Auge hatte,
Wandt' ich's, die andern Schurken zu betrachten.
Da sah ich einen, ähnlich einer Laute
Gestaltet, hätt' ihm anders man die Weichen
Dort, wo der Mensch gespalten ist, verstutzet.
Die läst'ge Wassersucht, die durch die Säfte,
Die schlechtverdauten, so verzerrt die Glieder,
Daß das Gesicht nicht mehr entspricht dem Wanste,
Hielt ihm die Lippen aufgesperrt, wie sonst wohl
Schwindsücht'ge tun, die ob des Dursts die eine
Dem Kinne zu, aufwärts die andre ziehen.
»O ihr, die sonder Straf' ihr (und nicht weiß ich,
Warum) euch in der schlimmen Welt befindet,«
Begann er jetzt zu uns, »schaut und betrachtet
Das Elend Meister Adams; denn im Leben
Hatt' alles ich vollauf, was ich begehrte,
Und schmacht', ach! jetzt nach einem Tröpflein Wasser.
Die Bächlein, die, herab zum Arno wallend
Von Casentinos grünen Hügeln, Kühlung
Und Feuchtigkeit in ihrem Bett verbreiten,
Stehn vor dem Geist mir stets, und nicht vergebens,
Denn mehr noch dörrt mich aus ihr Bild als selber
Das Übel, das mich abzehrt im Gesichte;
Denn die Gerechtigkeit, die streng mich peinigt,
Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt,
Um hastiger die Seufzer mir zu jagen.
Dort liegt Romena, wo den Feingehalt ich,
Besiegelt mit des Täufers Bild, verfälschet,
Drum ich verbrannt den Leib zurückließ droben.
Doch sah' ich Guidos oder Alexanders
Verruchte Seel' hier oder ihres Bruders,
Für Brandas Born gäb' ich nicht hin den Anblick.
Drin ist die eine schon, wenn mich die Schatten,
Die ringsherum hier rasen, wahr berichtet,
Allein was hilft's mir mit gebundnen Gliedern!
Wär' ich so leicht nur, daß in hundert Jahren
Ich einen Zoll mich vorbewegen könnte,
So hätt' ich schon mich auf den Weg begeben,
Ihn unter dem entstellten Volk zu suchen,
Wenn es elf Meilen gleich im Kreis umherliegt
Und in der Breite mind'stens eine halbe.
Bei solcherlei Genossen bin durch jen' ich,
Da die Floren' sie mich verführt zu schlagen,
So drei Karat enthielten an Legierung.«
Ich drauf: ›Wer sind wohl die armsel'gen beiden,
Die dampfend, gleich der Hand, getaucht ins Wasser
Beim Winterfrost, dicht dir zur Rechten liegen?‹
»Hier fand ich sie, die nie seitdem sich wandten,«
Sprach er drauf, »als in diesen Spalt ich schneite,
Und werden's mein ich, nicht in Ewigkeiten.
Dies' ist die falsch' Anklägerin des Joseph,
Sinon von Troja der, der falsche Grieche,
Von Brodem qualmend beid' im hitz'gen Fieber.«
Und einer drauf von ihnen, dem's zuwider
Wohl war, verächtlich so genannt zu werden,
Schlug mit der Faust auf den gespannten Wanst ihm,
Der einem Trommelfell gleich widerdröhnte;
Doch Meister Adam gab ihm mit dem Arme,
Der minder hart nicht schien, eins ins Gesichte
Und sprach zu ihm: »Muß gleich ich die Bewegung
Entbehren durch die Schwere meiner Glieder,
Hab' ich doch frei zu solchem Zweck den Arm noch.«
Und jener drauf entgegnet': »Als zum Feuer
Du schrittest, war er dir nicht so behende,
Doch so und mehr noch war er's, als du prägtest.«
Der Wassersücht'ge jetzt: »Dran sprichst du Wahrheit,
Doch warst du nicht ein so wahrhaft'ger Zeuge,
Als man bei Troja dich nach Wahrheit fragte.« –
»Wenn falsch ich sprach, so fälschtest du die Münze,«
Rief Sinon, »und bin hier ob eines Fehls ich,
Bist du's ob mehr, denn irgend sonst ein Teufel.« –
»Erinn're dich, Meineidiger, des Pferdes,«
Gab der mit dem geschwoll'nen Wanst zur Antwort,
»Und Strafe sei dir's, daß es alle Welt weiß.« –
»Zur Strafe,« sprach der Grieche, »sei der Durst dir,
Drob dir die Zunge platzt, und vor den Augen,
Den Bauch dir türmend auf, das Eiterwasser.«
Der Münzer drauf: »So reißest du wie immer
Den Mund dann auf, Verkehrtes nur zu sprechen;
Denn dürst' ich auch, bin ich gefüllt mit Naß doch,
Dich aber plagt die Hitze samt dem Kopfschmerz,
Und lang' wird man dich nicht zu bitten brauchen,
Damit Narcissus' Spiegel du beleckest.«
Dieweil ich so gespannt auf jene horchte,
Begann zu mir mein Meister: »Sieh mir einer,
Es fehlt nur wenig, daß mit dir ich hadre!«
Als ich ihn jetzt im Zorn so sprechen hörte,
Wandt' ich mich gegen ihn so voll Beschämung,
Daß sie mir noch sich regt in der Erinn'rung.
Und jenem gleich, der, eignes Unglück träumend,
Im Traum zu träumen wünscht, sich das ersehnend,
Was wirklich ist, als ob es nicht so wäre,
Ward mir, da voll Begier, mich zu entschuld'gen,
Ich keine Worte fand, und bei dem allen
Mich doch entschuldigte, ohn' es zu wissen.
»Gering're Scham tilgt aus wohl größern Fehltritt.
Als deine ist gewesen,« sprach mein Meister,
»Darum entlade dich jedweden Trübsinns
Und denk' nur dran, daß ich dir immer nah' bin,
Wenn's je geschieht, daß dich der Zufall hinführt,
Wo Leut' in solcherlei Gezänk sich finden,
Denn niedrig ist der Wunsch, derlei zu hören.«
Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
So daß sich rot mir beide Wangen färbten,
Sie reichte wieder mir die Arzenei dann.
So hört' ich, daß die Lanze des Achilles
Und seines Vaters erst ein schlimm Geschenke
Und dann ein gutes zu erteilen pflegte.
Dem Jammertal nun wandten wir den Rücken,
Quer über'm Felsrand, der es rings begrenzet,
Hinschreitend, ohn' ein Wort von uns zu geben.
Hier war es Nacht nicht ganz und gänzlich Tag nicht,
So daß mein Blick nur wenig vorwärts reichte,
Doch hört' ich in ein Horn lautschallend blasen,
Drob selbst der Donner schwach geklungen hätte,
Und einem Punkt zu lenkten beide Augen
Sich mir, dem Ton nach in verkehrter Richtung.
Nach jener schmerzensvollen Niederlage,
Die Karl des Großen heil'gen Zug vereitelt,
Hat also furchtbar Roland nicht geblasen.
Kaum hatt' ich dort hinauf das Haupt gewendet,
Als es mir deucht', ich säh' viel hohe Türme,
Drob ich: ›Sprich, Meister, welche Stadt ist dieses?‹
Und er zu mir: »Weil durch die Finsternisse
Zu weit umher du schweifst, so muß es kommen,
Daß deine Vorstellung sich dann verirret,
Denn deutlich wirst du sehn, wenn dort du anlangst,
Wie sehr der Sinn sich täuscht aus der Entfernung;
Drum treibe selbst dich etwas schneller vorwärts.«
Darauf, mich freundlich bei der Hand ergreifend,
Sprach er: »Eh' wir noch weiterhin gelangen,
Daß dir die Sache minder seltsam scheine,
So wisse, nicht sind's Türme, nein, Giganten,
Die von dem Nabel abwärts samt und sonders
Im Schachte stehn ringsum am Felsenufer.«
Wie, wenn der Nebel sich zerstreut, das Auge
Jetzt nach und nach beginnt zu unterscheiden,
Was erst der Dunst barg, von der Luft verdichtet,
So, als ich mehr die dicken, dunklen Lüfte
Durchdrang und mehr mich näherte dem Strande,
Floh Irrtum mich, indes mich Furcht ereilte.
Denn wie an seinem zirkelförm'gen Umfang
Mit Türmen ist gekrönt Montereggione,
Also umtürmten mit dem halben Leibe
Den Rand, der ringsumher den Schacht umgürtet,
Die schrecklichen Giganten, die, wenn's donnert,
Noch immer Jupiter bedroht vom Himmel.
Und schon gewahrt' ich Antlitz, Brust und Schultern
Des einen und den Bauch zum großen Teile,
Und beiderseits hinab die Arme hängend.
Traun, als der Kunst, zu zeugen solche Wesen,
Natur entsagte, handelte gar wohl sie,
Dem Mars derlei Vollstrecker zu entziehen,
Und wenn sie's auch, Walfisch und Elefanten
Zu schaffen, nicht gereut hat, scheint sie weiser
Drum und gerechter bei genauer Prüfung;
Denn wo sich noch die Urteilskraft des Geistes
Dem bösen Willen und der Macht vereinet,
Kann niemand einen Damm entgegenstellen.
Sein Antlitz schien mir gleich an Läng' und Breite
Dem Pinienzapfen bei Roms Peterskirche,
Und demgemäß der andern Glieder Größe,
So daß der Strand, der bis zur halben Höhe
Ihm dient' als Schurz, nach oben hin so viel noch
Sehn ließ von ihm, daß bis zum Haar zu reichen
Vergebens sich gerühmt drei Friesen hätten;
Denn sein gewahrt' ich volle dreißig Spannen
Abwärts vom Ort, wo man den Mantel heftet.
»Rafel mal amec zabi almi,«
Begann der grause Mund anjetzt zu schreien,
Für den sich süßrer Psalmen Ton nicht schickte.
Zu ihm mein Führer drauf: »Blödsinn'ge Seele,
Bleib bei dem Horn, dir Luft mit ihm zu machen,
Wenn, sei's der Zorn, sei's andrer Trieb, dich fasset!
Such' nur am Hals, dort findest du den Riemen,
Verworrne Seele, dran es hängt gebunden,
Und sieh, wie's dir die breite Brust umreifet.«
Zu mir fuhr er jetzt fort: »Er selbst verklagt sich;
Nimrod ist er, durch des verkehrten Anschlag
Mehr herrscht als eine Sprache noch auf Erden.
Mag er denn stehn, laß uns umsonst nicht sprechen,
Denn ihm ist jede Sprache, wie den andern
Die seinige, die niemand ist verständlich.«
Wir wanderten fürbaß, jetzt links uns wendend,
Bis einen Armbrustschuß weit wir den andern
Giganten trafen, wilder noch und größer.
Nicht weiß ich, welch ein Meister ihn gebunden,
Doch hielt den rechten Arm umschnürt am Rücken
Und vorn den anderen ihm eine Kette,
Die also ihn umschlang abwärts vom Halse,
Daß sie an dem enthüllten Teil des Körpers
Umwickelt war bis zu der fünften Windung.
»Der Stolze wollt' einst seine Kraft versuchen
Am großen Jupiter,« begann mein Führer,
»Darum verdient er solche Straf; Ephialtes
Ist er benannt und tat so große Taten,
Daß vor den Riesen Furcht die Götter fühlten.
Die Arme, die er schwang, bewegt er nie mehr.«
Und ich zu ihm: ›Wenn's möglich wäre, möcht' ich
Mich selbst von Briareus', des Ungeheuren,
Gestalt mit eignen Augen überzeugen.‹
Er drauf: »Zunächst hier schaust du den Antaeus,
Der spricht und fessellos ist, und hinab uns
Zum tiefsten Grund wird alles Bösen heben.
Der, den du sehen willst, steht weiterhin dort,
Und ist gefesselt und von gleicher Bildung
Mit diesem, nur noch grimmiger im Antlitz.«
Nicht sah man einen so gewalt'gen Erdstoß
Je einen Turm so heftig noch erschüttern,
Als jetzt behend sich schüttelt Ephialtes.
Da glaubt' ich mehr als je, den Tod zu finden,
Wozu die Angst schon gnügend wär' gewesen,
Hätt' ich gewahret nicht des Riesen Bande.
Jetzt ging es weiter, bis wir zu Antaeus
Gelangten, der, den Kopf nicht mitgerechnet,
Fünf Ellen wohl aus jener Höhlung ragte.
»O du, der in dem schicksalsreichen Tale,
Wo Scipio Ruhm ererbt hat, als den Rücken
Mit seinen Scharen Hannibal gewendet,
Dir tausend Leu'n als Beute sonst errungen,
Und von dem, wärst du bei dem großen Kampfe
Gewesen mit den Brüdern, wohl zu glauben,
Daß Sieg dem Erdgeschlecht verschafft du hättest, –
Setz' uns (und nicht verdrieß' es dich) hinunter,
Wo den Cocyt zusammenzeucht die Kälte;
Schick' uns zu Titius nicht, noch zu Typhoeus,
Der kann gewähren dir, was hier begehrt wird;
Drum bücke dich und rümpfe nicht die Schnauze,
Er kann dir Ruhm noch auf der Welt bereiten,
Da er noch lebt und hofft auf langes Leben,
Wenn Gnad' ihn vor der Zeit nicht zu sich hin ruft.«
Der Meister sprach's, und jener packte schleunig
Mit ausgestreckter Hand nun meinen Führer,
Von der einst Herkules so sehr bedrängt ward.
Als sich Virgil erfaßt jetzt fühlte, rief er
Mir zu: »Komm her zu mir, daß ich dich fasse!«
Und drauf verschlang er mich mit sich zum Bündel.
Wie Carisendas Turm scheint dem Beschauer,
Der unterm Hang ihm steht, wenn ein Gewölke
Entgegen seiner Neigung drüber hinzieht,
Schien mir Antaeus, da auf ihn ich merkte,
Wie er sich bückt', und wohl zur selben Stunde
Wär' ich auf andrer Straße gern gezogen.
Doch leichtlich legt' er auf den Grund, wo Judas
Mit Luzifer verzehrt wird, uns hinab,
Und länger nicht gebückt dort weilend, hob er,
Wie in dem Schiff der Mastbaum, sich empor.
Wenn rauh und holprig mir verliehen wären
Die Verse, wie fürs schlimme Loch sich ziemte,
Drauf insgesamt die andern Felsen wuchten,
Würd' ich den Saft in größrer Fülle pressen
Aus des Gedankens Kern; doch des entbehrend,
Entschließ' ich mich nicht sonder Furcht, zu dichten;
Denn spielend nicht und nicht mit einer Zunge,
Die noch »Papa, Mama« lallt, kann man's wagen,
Den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben.
Doch förderten die Frau'n mein Lied nur, die einst
Amphion halfen Theben zu ummauern,
So daß das Wort der Wirklichkeit entspräche!
O Volk, zum Weh' erzeugt vor allen, weilend
Am Ort, drob's hart zu sprechen, wärt ihr lieber
Schaf oder Geißen doch allhier gewesen! –
Als nun im finstern Schacht wir standen drunten,
Weit tiefer unterm Fuß schon des Giganten,
Und ich zur hohen Felswand auf noch blickte,
Vernahm ich solches Wort: »Gib auf den Weg acht,
Sieh zu, daß mit den Sohlen du die Häupter
Der armen müden Brüder nicht zertretest.«
Mich wendend drauf, erblickt' ich mir zu Füßen
Und vor mir einen See jetzt, der nicht Wasser,
Nein, Glas zu sein schien durch die Kraft des Frostes.
So dicke Rinde zieht der Donaustrom nicht
Des Winters über sich in Österreich,
Noch auch der Don dort unterm kalten Himmel,
Als hier zu schauen war; denn wär' Tabernichs,
Wär' Pietrapanas Berg auch drauf gefallen,
Doch hätt' am Rand man nie gehört ein »Krick«.
Und wie der Frosch beim Quaken aus dem Wasser
Hervor die Schnauze streckt zur Zeit, da öfters
Die Bäuerin vom Ährenlesen träumet,
So staken, dunkelblau bis wo das Schamrot
Sich zeigt, im Eis die jammervollen Schatten,
Im Storchenton mit ihren Zähnen klappernd.
Abwärts hielt jed' ihr Angesicht gewendet,
Vom Frost legt' Zeugnis ab ihr Mund, vom Herzen,
Dem trübgesinnten, legten's ab die Augen.
Erst etwas um mich blickend, warf das Aug' ich
Zu meinem Fuß jetzt und gewahrte zwei dort,
So eng vereint, daß sie ihr Haupthaar mischten.
›Sagt ihr, die ihr so an die Brust euch schließet,‹
Sprach ich, ›wer seid ihr?‹ und als drauf die Hälse
Sie bogen, auf zu mir ihr Antlitz richtend,
Troff ihrer Augen Lid, das feucht im Innern
Erst nur, von Tränen, die dann, zwischen jenen
Von Frost erstarrt, sie kitteten zusammen.
Nicht hat noch Holz mit Holz je eine Schiene
So fest vereint; drob sie, zwei Böcken ähnlich,
Vom Zorn bezwungen, aneinander prallten.
Und einer, den die Kälte beider Ohren
Beraubt, sprach, immerhin abwärts gewendet
Das Antlitz: »Was begaffst du uns so lange?
Begehrst zu wissen du, wer diese zwei sind?
Das Tal, daraus herabströmt der Bisenzio,
War Albert, ihrem Vater, einst und ihnen.
Aus einem Leib entkamen sie, und suchtest
Du ganz Caïna durch, fänd'st keinen Schatten
Du doch, der mit mehr Recht im Gallert steckte;
Nicht jener mehr verdient's, dem Brust und Schatten
Ein Lanzenstoß durchstach von Arturs Hand;
Focaccia nicht, nicht dieser hier, des Haupt sich
Vor mir so türmt, daß ich nicht weiter seh',
Und der genannt war Sassol Mascheroni;
Wenn du ein Tuscier, weißt du, wer er war.
Doch daß du mehr nicht von mir fordern mögest,
So wisse, Camicion de' Pazzi war ich
Und warte drauf, daß mich Carlin vertrete.«
Drauf sah ich tausend fletschender Gesichter
Gleich Hunden durch den Frost, drob es mich schaudert
Und stets wird schaudern vor gefrornen Lachen.
Und während wir zum Mittelpunkte wallten,
Bei dem sich alles Schwere strebt zu einen,
Und zitternd in der ew'gen Kühl' ich hinging, –
War's Absicht nun, war's Schickung oder Zufall, –
Doch zwischen jenen Häuptern wandelnd, stieß ich
Gewaltig einen mit dem Fuß ins Antlitz.
Er schrie mich weinend an: »Warum mich treten?
Wenn du nicht kommst, die Rache mir zu häufen
Ob Montapertis Schlacht, warum mich quälen?«
Und ich darauf: ›Jetzt harre mein, o Meister,
Bis ich durch den mir einen Zweifel löse,
Und dann magst du nach Wunsch mich eilen heißen.‹
Still hielt der Führer, und ich sprach zu jenem,
Der noch mit harten Worten auf mich fluchte;
›Wer bist du, der so keifet gegen andre?'‹
»Und wer bist du, der wallt durch Antenora,«
Entgegnet' er, »auf andrer Wangen stampfend?
Wenn du lebendig, wär' es allzu schlimm doch.«
›Lebendig bin ich, und es kann dir lieb sein,‹
Antwortet' ich, ›wenn dir nach Ruhm verlanget,
Daß deinen Namen ich zu andern schreibe.‹
Und er zu mir: »Das Gegenteil begehr' ich!
Hinweg! beläst'ge mich nicht mehr, denn schlecht nur
Verstehst zu schmeicheln du in dieser Heide.«
Da rief ich, bei dem Schopf ihn hinten packend:
›Du wirst mir doch dich selbst noch nennen müssen,
Sonst soll kein Haar hier oben dir verbleiben.‹
Drauf er zu mir: »Rauf immerhin sie aus mir;
Nicht sag' ich, wer ich bin, noch werd' ich's zeigen,
Wenn tausendmal du mir aufs Haupt auch stürzest.«
Schon hatt' ich um die Hand sein Haar gewickelt
Und mehr denn eine Lock' ihm ausgerissen,
Indes er boll, die Augen niederschlagend,
Als jetzt ein andrer rief: »Was hast du, Bocca?
Genügt dir's mit den Laden nicht zu klappern?
Mußt du auch bellen? Welch ein Teufel plagt dich!«
›Fortan,‹ sprach ich, ›brauchst mehr du nichts zu sagen,
Du hämischer Verräter; dir zur Schande
Werd' ich von dir wahrhaft'ge Kunde bringen.'‹
»Geh fort,« sprach er, »was dir beliebt, erzähle;
Doch schweige, wenn du je hieraus entrinnest,
Nicht über den, des Zunge jetzt so rasch war
Und der ob der Franzosen Geld hier weinet.
Ich sah, sprichst du wohl einst, den von Doaria
Dort, wo im kalten Bad die Sünder sitzen.
Fragst du, wer weiter da sei, wohl so wisse,
Daß dir zur Seit' ist der von Beccheria,
Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.
Hans Soldanier wird weiter dort zu finden
Wohl sein, nebst Gannelon und Tribadello.
Der, weil man schlief, Faenzas Tor' erschlossen.«
Wir hatten schon von jenen uns entfernet,
Als zwei Erfrorn' ich sah in einem Loche,
So daß ein Haupt, als Hut, das andre deckte.
Und wie beim Hunger man ins Brot beißt, setzte
Der ob're auf den andern seine Zähne,
Wo das Gehirn sich dem Genick verbindet;
Nicht anders hat einst Melanippus' Schläfe
Tydeus vor Wut benaget, als den Schädel
Und alles übrige der hier benagte.
›O du, der Haß durch solch ein viehisch Zeichen
Du gegen den beweisest, den du frissest,
Sag' an,‹ sprach ich, ›warum, und dir gelob' ich
Dafür, daß, wenn mit Recht ob ihm du klagest,
Da eure Namen ich und seine Schuld weiß,
Ich droben in der Welt dir's noch vergelte,
Soll sie, mit der ich spreche, nicht vertrocknen.‹
Den Mund erhob vom grausen Mahl der Sünder,
Abwischend an den Haaren ihn des Hauptes,
Das am Genick er übel zugerichtet.
Drauf fing er an: »Verzweiflungsvolle Schmerzen
Soll ich erneun, die mir das Herz beklemmen
Beim Denken schon, eh' ich davon noch spreche;
Doch kann mein Wort ein Same sein, dem Schande
Entsprießt für den Verräter, den ich nage,
Magst du zugleich mich weinen sehn und reden.
Nicht weiß ich, wer du seist, noch auf was Weise
Du hier herabkamst, doch ein Florentiner
Scheinst in der Tat du mir nach deiner Sprache.
So wisse denn, ich war Graf Ugolino,
Erzbischof Roger dieser, und vernimm jetzt,
Warum ich ihm bin ein so läst'ger Nachbar.
Daß ich infolge seiner schlimmen Ränke,
Mich ihm vertrauend, eingekerkert wurde
Und dann getötet, brauch' ich nicht zu sagen.
Doch das, was du nicht kannst erfahren haben,
Wie grausam nämlich ist mein Tod gewesen,
Das hör' und sieh, ob er mir wehgetan hat.
Ein enges Loch im Umkreis jenes Käfigs,
Der jetzt nach mir den Namen trägt des Hungers,
Und andere dereinst noch muß umschließen,
Er hatte manchen Mond durch seine Öffnung
Mir schon gezeigt, als unheilvoll ein Schlummer
Den Schleier mir zerriß vor meiner Zukunft.
Es schien mir dieser hier als Herr und Führer
Den Wolf mit seinen Wölflein hinzujagen
Zum Berg, der Lucca den Pisanern decket.
Und vor sich her ließ er mit magern, scharfen,
Wohleingehetzten Hündinnen Gualandi,
Zusamt Sismondi und Lanfranchi sprengen.
Nach kurzem Lauf schon schienen Söhn' und Vater
Ermattet mir, und ihre Weichen sah ich
Aufreißen, deuchte mir, mit spitzen Fängen.
Als ich vor Tagesanbruch drauf erwachte,
Hört' ich die Söhnlein, die mit mir hier waren,
Im Schlafe weinen und nach Brot verlangen.
Wohl hart bist du, wenn du bei dem Gedanken
Des, was mein Herz jetzt ahnte, nicht schon trauerst;
Und weinst du nicht, weshalb pflegst du zu weinen?
Wir waren wach jetzt, und die Stunde nahte,
Wo man uns Speise sonst zu bringen pflegte;
Doch jeder zweifelte ob seines Traumes,
Als unter uns des grausen Turmes Tor ich
Zuschließen hörte, drob ich meinen Söhnen
Ins Angesicht sah, ohn' ein Wort zu sprechen.
Nicht weint' ich, so erstarrt war ich im Innern,
Doch jene weinten, und mein Anselmuccio
Sprach: ›Blickst mich ja so an, was hast du, Vater?‹
Doch keine Trän' entfiel mir, und nicht gab ich
Den ganzen Tag ihm, noch die Nacht drauf Antwort,
Bis sich der Welt zeigt' eine neue Sonne.
Als nun ein schwacher Strahl ins schmerzensvolle
Gefängnis drang, und auf vier Angesichtern
Das Aussehn ich des eigenen gewahrte,
Biß ich vor Schmerz mich selbst in beide Hände;
Doch jene, glaubend, daß ich's aus Begierde
Nach Speise tät', erhoben sich behende
Und sprachen: ›Vater, minder schmerzlich wär's uns,
Wenn du von uns jetzt äßest, du umgabst uns
Mit diesem Jammerfleisch, nimm es uns wieder.‹
Da ward ich still, sie mehr nicht zu betrüben,
Stumm blieben wir den Tag all' und den nächsten.
O harte Erde, daß du dich nicht auftatst!
Doch als wir bis zum vierten Tag nun kamen,
Fiel Gaddo ausgestreckt zu meinen Füßen
Und rief: ›Mein Vater, ach! was hilfst du mir nicht!‹
Dort starb er, und wie du mich hier erblickest,
Sah ich die drei, eins nach dem andern, fallen
Vom fünften Tag zum sechsten, drauf ich blind schon
Begann herumzutappen über jeden,
Und sie zwei Tage rief nach ihrem Tode,
Bis Hunger tat, was nicht der Schmerz vermochte.«
Sprach's und ergriff verwandten Blicks den Schädel,
Den jammervollen wieder mit den Zähnen,
Die wie ein Hundsgebiß die Knochen malmten.
Weh' Pisa dir, du Schandfleck alles Volkes
Des schönen Lands, allwo das sî ertönet!
Da langsam sind die Nachbarn, dich zu strafen,
Bewege sich Capraja nebst Gorgona,
Sich also dämmend vor des Arno Mündung,
Daß es in dir die Menschen all' ersäufe.
Denn ward Graf Ugolino gleich bezichtigt,
Er hab' ob der Kastelle dich verraten,
Sollt'st du die Söhn' aufs Kreuz doch so nicht spannen;
Unschuldig machte ja, du jüngres Theben,
Die Jugend Uguccione und Brigata
Und jene zwei, im Lied genannt schon oben.
Wir gingen weiterhin, bis wo, vom Froste
In rauher Hüll' umstrickt, ein andres Volk weilt,
Gebückt nicht, nein, ganz rücklings umgestürzet:
Das Weinen selbst erlaubt hier nicht, zu weinen,
So daß der Jammer, in dem Aug' gehemmet,
Die Angst vermehrt, sich nach dem Innern wendend;
Denn es vereinen sich die ersten Tränen
Zu Klumpen, und die Augenhöhlen füllen
Sie, gleich kristallnen Brillen, untern Brauen.
Und ob auch schon, gleich wie aus einer Schwiele,
Aus meinem Antlitz jegliche Empfindung
Sich ob des Frosts zurückgezogen hatte,
So glaubt' ich doch ein wenig Wind zu fühlen;
Drob ich: ›Mein Meister, wer erregt nur solches?
Hat nicht hienieden aller Dunst ein Ende?‹
Drauf er zu mir: »Dorthin gelangst du nächstens,
Wo dir dein Auge drauf wird Antwort geben,
Die Ursach', der das Wehn entströmt, erblickend.«
Und ein Elender aus der kalten Rinde
Schrie gegen uns: »O Seelen, also grausam,
Daß euch die letzte Stätt' ist angewiesen,
Entfernt mir vom Gesicht die harten Schleier,
Daß sich der Schmerz, der mir die Brust füllt, etwas
Entlad', eh' wiederum die Zähren frieren.«
Drauf ich zu ihm: ›Sag' an, soll ich dir helfen,
Wer bist du, und wenn ich dich dann nicht löse,
So mög' ich zu dem Grund des Eises sinken.‹
Drob nun entgegnet' er: »Mönch Alberigo,
Der mit den Früchten des verruchten Gartens,
Bin ich, der Datteln hier empfängt für Feigen.«
›O,‹ sprach ich, ›bist denn du auch schon gestorben?‹
Und er zu mir: »Wie's droben auf der Erde
Um meinen Leib steht, des hab' ich nicht Kunde;
Denn solchen Vorzug hat die Ptolemäa,
Daß oftmals schon der Geist in sie herabfällt,
Bevor noch Atropos ihn trieb von dannen.
Doch daß du williger vom Angesichte
Hinweg mir räumest die verglasten Tränen,
Wiss', daß, sobald Verrat geübt die Seele,
Wie ich getan, der Körper ihr geraubt wird
Von einem Dämon, der ihn dann beherrschet,
Bis gänzlich umgelaufen seine Zeit ist.
Sie stürzt herab in solcherlei Zisternen,
Und so mag oben noch der Leib zu sehn sein
Des Schattens, hinter mir hier überwinternd,
Wie du wohl weißt, wenn du erst jetzt herabkommst:
Herr Branca d'Oria ist's, und mehr' der Jahre
Vergingen schon, seit er hier ward umschlossen.«
Drauf ich zu ihm: ›Ich glaube, du betrügst mich,
Denn keineswegs starb ja Herr Branca d'Oria,
Der immer noch ißt, trinkt, schläft und sich kleidet.‹
»Dort oben in der Grausetatzengrube«,
Sprach er, »allwo der zähe Pechbrei siedet,
War Michael Zanche noch nicht eingetroffen,
Als der den Teufel ließ an seiner Stelle
Im eignen und in des Verwandten Körper,
Der den Verrat zugleich mit ihm vollbrachte.
Doch streck' hierher die Hand jetzt, mir die Augen
Zu öffnen.« Und ich öffnet' ihm sie doch nicht;
Denn edel war's zum Schelm an ihm zu werden.
O Genueser, Männer, aller Sitte
Entfremdet und bedeckt mit allen Fehlern,
Was seid ihr von der Welt nicht ausgerottet!
Denn mit der Schatten schlimmsten aus Romagna
Traf einen ich der Euren, der dem Geist nach
Ob seiner Tat schon im Cocyt sich badet,
Indes er lebend scheint dem Leib nach droben.
»Vexilla Regis prodeunt inferni
Adversum nos,« begann zu mir mein Führer,
»Drum blicke vorwärts, ob du's unterscheidest.«
Wie – sei's, daß sich erhebt ein dichter Nebel,
Sei's, daß auf unsrer Hemisphär' es Nacht wird –
Fern her, vom Wind gedreht, scheint eine Mühle;
Ein solch' Gebäude wähnt' ich jetzt zu schauen
Und schmiegte rückwärts dann mich, ob des Windes,
Dem Führer an, weil sonst kein Schirm zu finden.
Schon stand ich (nur mit Furcht setz' ich's in Verse),
Wo ganz und gar bedeckt die Schatten waren,
Durchscheinend wie ein Splitter in dem Glase.
Flach liegen diese, senkrecht stehn die andern,
Bald mit dem Haupt, bald mit den Sohlen oben,
Der dort kehrt Bogen gleich zum Fuß das Antlitz.
Als wir bis dahin vorwärts nun gekommen,
Wo es gefiel dem Meister, das Geschöpf mir
Zu zeigen, das so schön einst ist gewesen,
Zog er mich vor sich hin und hieß mich stillstehn
Und sprach: »Sieh hier den Dis, sieh hier die Stätte,
Wo's dir geziemt, mit Starkmut dich zu waffnen.«
Wie starr und sprachlos bin ich da geworden,
Das frage nicht, o Leser, denn nicht schreib' ich's,
Weil allzuschwach dafür jedwedes Wort wär'.
Nicht traf der Tod mich, noch blieb ich am Leben;
Bedenk' jetzt selbst, hast du nur etwas Einsicht,
Was aus mir ward, da beider ich beraubt war.
Des schmerzensvollen Reiches Kaiser ragte
Bis zu der halben Brust vor aus dem Eise,
Und eh' würd' ich wohl einem der Giganten
Vergleichbar sein, als diese seinen Armen;
So sieh nun zu, wie groß das Ganze sein muß,
Das so gestalt'tem Teile soll entsprechen.
Wenn er so schön war, als er jetzt ist scheußlich,
Und hob das Aug' auf gegen seinen Schöpfer,
Muß alles Weh' von ihm sich her wohl schreiben.
0 welch ein großes Wunder es mir däuchte,
Als drei Gesichter ich an seinem Kopf sah!
Das eine blutrot an der vordern Seite,
Und von den andern beiden, die sich jenem
Grad ob der Mitte jeder Schulter einten,
Sich aneinanderschließend, wo der Kamm sitzt,
Halb weiß, halb gelb das nach der rechten Hand hin,
Und das zur linken so zu schaun wie jene,
Die dorther stammen, wo der Nil zu Tal stürzt.
Ein mächtig Flügelpaar ragt' unter jedem
Hervor, wie's so gewalt'gem Vogel ziemte;
Nie sah ich auf dem Meer dergleichen Segel.
Gefiedert nicht, nein, wie von Fledermäusen
War ihre Weis', und mit denselben flatternd,
Ließ von sich aus dreifachen Wind er wehen, .
Drob allenthalben der Cocyt zu Eis fror.
Er weinte mit sechs Augen, und es troff ihm
Geträn' und blut'ger Geifer von drei Kinnen;
In jedem Mund zermalmt' er mit den Zähnen,
Gleich wie mit einer Breche, einen Sünder,
So daß er ihrer drei so leiden machte.
Dem vorn war nichts das Beißen im Vergleiche
Mit dem Zerkrallen, denn die Haut blieb öfters
Von seinem Rücken gänzlich abgeschunden.
»Die Seel', am heftigsten gepeinigt droben,
Ist,« sprach der Meister, »Judas Ischariotes,
Das Haupt drin und heraus die Beine streckend.
Und von den beiden mit dem Haupt zu unterst
Ist's Brutus, der von schwarzer Schnauz' herabhängt –
Sieh, wie er sich verdreht und keinen Laut gibt.
Der andr' ist Cassius, der so stark an Gliedern.
Doch wieder steigt die Nacht empor, und Zeit ist's,
Davonzugehn, weil alles wir gesehen.«
Den Hals umschlang ich ihm nach seinem Willen,
Und er darauf, wahrnehmend Zeit und Stätte,
Als eben weit die Flügel auf sich taten,
Hing fest sich jetzt an die behaarten Flanken,
Und stieg von Schopf zu Schopf herab dann zwischen
Dem dichten Haar und der gefrornen Rinde.
Als wir dahin nun kamen, wo der Schenkel
Sich dreht grad an dem breit'sten Teil der Hüfte,
Wandt' mit Beschwerd' und Mühe mein Begleiter
Dorthin das Haupt, wo erst die Bein' ihm waren,
Sich klammernd an das Haar, wie wer emporsteigt,
So daß ich meint', es geh' zurück zur Hölle.
»Halt' dich recht fest an, denn durch solche Stiegen,«
Sprach, keuchend wie ein Müder, jetzt mein Meister,
»Ziemt's, von so großem Weh' sich zu entfernen.«
Darauf kam er zu eines Felsens Öffnung
Heraus, und auf den Rand mich niedersetzend,
Trat neben mich er hin dann sichern Schrittes.
Ich hob den Blick, und Luzifer vermeint' ich
Zu schaun, wie ich ihn erst verlassen,
Und sah empor ihn seine Beine richten.
Und daß ich in Verwirrung jetzt geraten,
Das mag der Pöbel fassen, der nicht einsieht,
An welchem Punkt ich war vorbeigekommen.
»Steh auf!« begann der Meister, denn noch lang ist
Der Weg und schlimm die Straß', und schon zur Hälfte
Der dritten Stunde kehrt zurück die Sonne.«
Nicht eines Schlosses Saal war's, wo wir standen,
Nein, ein Verlies, von der Natur erbauet,
Ungleichen Bodens und nur schlecht erleuchtet.
›O Meister, eh' dem Abgrund ich entrinne,‹
Sprach ich, nachdem ich mich emporgerichtet,
›Erzähl' ein wenig mir, mich zu enttäuschen,
Wo ist das Eis? Wie ist Der umgestürzt so?
Und wie hat nur vom Abend in den Morgen
Die Sonne sich versetzt in wenig Stunden?‹
Und er zu mir: »Du glaubst annoch dich jenseits
Des Mittelpunkts, wo ich ans Haar des schlimmen
Lindwurms mich hing, der mitten durch die Welt bohrt.
Doch warst du's nur so lang', als ich hinabstieg;
Da ich mich wandte, kamst vorbei am Punkt du,
Nach dem sich allerseits die Lasten hinziehn,
Und weilst jetzt unter einer Hemisphäre,
Der gegenüber, die, vom großen Festland
Bedeckt, hinsterben sah auf ihrem Gipfel
Den Mann, der sündlos ward erzeugt und lebte.
Es steht dein Fuß auf einem kleinen Kreise,
So der Judecca Gegenseite bildet.
Hier ist es Morgen, wenn es dort ist Abend,
Und dieser, der mit seinem Haar als Stiege
Uns hat gedient, steckt wie vorher noch immer.
Vom Himmel fiel herab auf diese Seit' er,
Und jenes Land, das hier empor erst ragte,
Umhüllt' aus Furcht vor ihm sich mit der Meerflut
Und kam auf unsre Hemisphär', und wohl ließ
Das, was sich diesseits zeigt, hier leer die Stätte,
Ihm zu entfliehen, und entwich nach oben.«
Dort unten ist ein Ort, so weit entlegen
Von Beelzebub, als seine Gruft sich ausdehnt,
Und nicht dem Auge, nur dem Ohr bezeichnet
Ein Bächlein ihn, das hier herniederrinnet
Durch einen Felsspalt, den's gewundnen Laufes
Und mit geringem Fall sich ausgewaschen.
In den geheimen Pfad trat mit dem Führer
Ich ein, zur lichten Welt zurückzukehren,
Und ohne irgend mehr der Ruh' zu pflegen,
Ging's aufwärts, er voran und ich ihm folgend,
Bis ich vom schönen Schmuck des Himmels etwas
Wahrnahm durch eine runde Kluft, zu der wir
Heraus dann tretend, wiedersahn die Sterne.
Durch bessre Flut den Lauf zu nehmen, ziehet
Die Segel auf jetzt meines Geistes Schifflein,
Das hinter sich so grauses Meer zurückläßt,
Und singen werd' ich von dem zweiten Reiche,
Allwo sich reiniget der Geist des Menschen
Und würdig wird, zum Himmel aufzusteigen.
Doch hier ersteh' die tote Dichtkunst wieder,
Da ich der Eure bin, ihr heil'gen Musen,
Hier hebe sich Kalliope ein wenig,
Mein Lied begleitend mit dem Ton, von dem sich
Die unglücksel'gen Elstern so betroffen
Gefühlt, daß an Vergebung sie verzweifelt.
Des morgenländ'schen Saphirs sanfte Bläue,
Die in dem heitern Anblick war ergossen
Der reinen Luft bis hin zum ersten Kreise,
Fing wieder an mein Auge zu erfreuen,
Sobald ich aus der Todesluft hervorkam,
Die Augen mir und Herz verdüstert hatte.
Ganz lächelte der Aufgang von dem schönen
Planeten, dem Ermunterer zum Lieben,
Der sein Geleit, die Fische, überstrahlte.
Ich wandt' zur Rechten mich, den Sinn gerichtet
Zum andern Pol hin, und sah dort vier Sterne,
Die niemand als das erste Paar noch wahrnahm;
Der Himmel freute, schien's, sich ihrer Flämmchen.
O arktische, verwaiste Erdengegend,
Da dir versagt ist, jene zu betrachten!
Als ich von ihrem Anschaun mich entfernet,
Ein wenig nach dem andern Pol mich wendend,
An dem der Wagen schon nicht mehr zu sehn war,
Erblickt' allein zur Seit' ich einen Greis mir,
Dess' Äußeres so viele Ehrfurcht heischte,
Daß mehr kein Sohn ist seinem Vater schuldig.
Lang trug er seinen Bart, mit weißem Haare
Gemischt, den Locken seines Hauptes ähnlich,
Davon zur Brust ein Doppelstreif herabfiel.
Die Strahlen der vier heil'gen Himmelslichter
Umsäumten so sein Angesicht mit Schimmer,
Daß ich ihn sah, als träf auf ihn die Sonne.
»Wer seid ihr, die, dem finstern Strom entgegen,
Dem ewigen Gefängnis ihr entronnen?«
Sprach er, das ehrenhafte Haar bewegend.
»Wer hat geführt euch? Wer dient' euch als Leuchte,
Um aus der tiefen Nacht hervorzukommen,
Drob für und für das Tal der Hölle schwarz ist?
Ist das Gesetz des Abgrunds so gebrochen?
Ward neuerdings des Himmels Rat geändert,
Daß als Verdammt' ihr kommt zu meinem Felsen?«
Alsbald ergriff behend mich mein Begleiter
Und hieß mit Worten, mit der Hand, mit Winken,
In Ehrfurcht Aug' und Knie vor ihm mich beugen;
Sodann antwortet' er: »Von selbst nicht kam ich;
Vom Himmel stieg ein Weib herab, auf dessen
Gesuch ich hilfreich diesem das Geleit gab.
Doch da dein Will' es ist, daß ich dir näher,
Wie es in Wahrheit um uns steht, verkünde,
Kann's nicht der meine sein, dir's zu verweigern.
Nicht sah noch dieser hier den letzten Abend,
Doch war so nah er ihm durch seine Torheit,
Daß nur ein kurzer Zeitlauf noch blieb übrig.
Wie ich gesagt, ward ich zu ihm gesendet,
Daß ich ihn rett', und keinen andern Weg mehr
Als diesen gab es, den ich eingeschlagen.
Gezeigt hab' ich das ganze Frevlervolk ihm,
Und denke jetzt, die Geister ihm zu zeigen,
Die unter deiner Aufsicht sich entsühnen.
Wie ich heraus ihn zog, wär' lang zu sagen,
Kraft aus der Höh' hilft mir hierher ihn führen,
Wo er dich sehen kann und dich vernehmen.
So mögst sein Kommen denn genehm du halten;
Der Freiheit strebt er nach, die so viel wert ist,
Wie der weiß, der für sie sein Leben hingibt.
Du weißt's, denn herb nicht war für sie der Tod dir
In Utica, wo du die Hülle ließest,
Die einst am großen Tag so hell wird glänzen.
Nicht ward durch uns verletzt die ew'ge Satzung;
Denn dieser lebt, und mich nicht bindet Minos.
Nein, in dem Kreis bin ich, wo deiner Marcia
Sittsamer Blick dich noch zu bitten scheinet,
Daß sie für dein, o heil'ges Herz, dir gelte.
So sei uns ihr zu Liebe denn geneiget,
Laß wandern uns durch deine sieben Reiche,
Von dir bring' ich ihr Grüße, wenn du anders
Dort unten nicht verschmähst genannt zu werden.« –
»Marcia gefiel so sehr einst meinen Augen,
Als ich noch jenseits war,« begann der andre,
»Daß stets ich tat, was sie als Gunst begehrte.
Jetzt, da sie jenseits wohnt des schlimmen Stromes,
Kann's mich nicht rühren mehr ob des Gesetzes,
Das, als ich draus entrann, gegeben wurde.
Doch wenn ein himmlisch Weib, so wie du sagest,
Dich schickt und führt, braucht's nicht der Überredung.
Genug, daß ihrethalb du auf mich forderst,
Geh denn und sieh, daß diesen du umgürtest
Mit glattem Schilf und ihm das Antlitz waschest,
So daß jedweder Schmutz vertilgt dort werde.
Denn nicht geziemt es sich, das Aug' umfangen
Von irgendeinem Nebel, vor den ersten
Der Diener aus dem Paradies zu treten.
Dies Inslein trägt an seinem tiefsten Fuße
Ringsum dort unten, wo's der Wogenschlag trifft,
Gar viel des Schilfes auf dem weichen Schlamme;
Kein anderes Gewächs kann hier gedeihen,
Das Laub hervortreib' oder sich verholze,
Weil es den Stößen nicht der Brandung nachgibt.
Von dort sei dann hierher nicht eure Rückkehr,
Die Sonne, die schon aufgeht, wird euch zeigen,
Wo leichtern Steigens ihr den Berg erklimmet.«
So schwand er, und ich, ohn' ein Wort zu reden,
Erhob mich drauf und wandte zu dem Führer
Mich ganz und richtete auf ihn die Augen.
Doch er begann: »Sohn, folge meinen Schritten,
Laß um uns kehren; denn dorthin zu senket
Sich dies Gefild nach seiner untern Grenze.«
Die Dämm'rung siegte übers Morgengrauen,
Das vor ihr her floh, so daß ich von ferne
Der Meeresfläche Flimmerschein erkannte.
Wir wandelten durchs menschenleere Blachfeld
Wie der, so zum verlor'nen Weg zurückkehrt
Und bis zu ihm vergebens glaubt zu gehen.
Als wir dorthin gelangt, wo mit der Sonne
Im Kampf der Tau liegt und, weil länger Schatten
Die Stätte hat, nur wenig sich verflüchtigt,
Legt ausgestreckt der Meister beide Hände
Gemächlich auf das junge Gras; darob ich,
Der sein Beginnen wohl verstanden hatte,
Die tränenvolle Wange hin ihm reichte;
Daselbst ließ er an mir die Farb' erscheinen,
Die von dem Höllendunst verdunkelt worden.
Drauf kamen hin wir zu der öden Küste,
Die ihre Flut noch niemand sah beschaffen,
Der dann die Wiederkehr erfahren hätte.
Dort gürtet' er mich nun, wie's jener wollte.
O Wunder! und wie die bescheidne Pflanze
Er auserkor, so sproßte sie aufs neue
Urplötzlich dort, wo er sie ausgezogen.
Schon war die Sonn' an jenem Horizonte,
Dess' Mittagskreis mit seinem höchsten Gipfel
Jerusalem bedecket, angekommen,
Indes die Nacht, ihr gegenüber kreisend,
Emporstieg aus dem Ganges mit der Wage,
Die aus der Hand ihr fällt, sobald sie obsiegt,
So daß die weißen wie die roten Wangen
Der lieblichen Aurora, wo wir waren,
Goldgelb schon wurden durch zu hohes Alter.
Wir standen immer noch längshin am Meere,
Gleich denen, die, den Weg sich überdenkend,
Im Geist schon gehn, indes der Leib verweilet.
Und sieh, wie öfters kurz vor Morgensanbruch
Mars ob der dichten Dünste rötlich schimmert,
Gen Untergang tief überm Meeresspiegel,
Dem ähnlich schien – mög' ich's einst wiedersehen! –
Ein Licht so schnell sich übers Meer zu nahen,
Daß seinem Lauf kein Fliegen ist vergleichbar;
Denn weil von ihm ich abgewandt mich hatte
Ein wenig, um den Führer zu befragen,
Sah wieder ich's, schon leuchtender und größer.
Darauf erschien an ihm zu jeder Seite
Wie etwas Weißes mir, indes ein andres
Dergleichen unter ihm allmählich vortrat.
Mein Meister hatte noch kein Wort gesprochen,
Als Schwingen schon die erstern Weißen schienen.
Und da den Schiffer jetzt er recht erkannte,
Rief er mir zu; »Beug', beuge deine Knie,
's ist Gottes Engel! falte deine Hände;
Von nun an siehst du mehr dergleichen Diener.
Sieh, er verschmäht jedwedes Menschenwerkzeug
Und braucht kein Ruder, nur die eignen Schwingen
Als Segel zwischen den entfernten Küsten.
Sieh, wie gen Himmel er sie hat gerichtet,
Die Luft bewegend mit den ew'gen Federn,
Die nicht wie sterbliches Gefieder wechseln.«
Drauf schien, als mehr und mehr er uns sich nahte,
Der Vogel uns, der göttliche, jetzt heller;
Drob, weil ihn nicht ertrug so nah' mein Auge,
Ich's niedersenkt', und jener kam zum Strande
Mit einem schnellen und so leichten Schifflein,
Daß in die Wasserfläch' es gar nicht einschnitt.
Am Rückteil stand der himmlische Pilote,
Der Seligkeit trug auf der Stirn geschrieben,
Und drinnen saßen mehr denn hundert Geister.
»In exitu Israel de Aegypto«;
Hört' ich zugleich einstimmig alle singen,
Und was sonst noch von diesem Psalm zu lesen.
Dann segnet' er sie mit dem heil'gen Kreuze,
Worauf sie allzumal zum Strand sich stürzten,
Und jener schwand so schnell, als er gekommen.
Die Schar, die hier verblieb, schien, mit dem Orte
Wie nicht vertraut, rings um sich her zu blicken,
Gleich jenem, der da neue Dinge kostet.
Nach allen Seiten schoß das Licht des Tages
Die Sonn' aus, die mit leuchtenden Geschossen
Vom Mittagskreis verjagt den Steinbock hatte,
Als gegen uns das neue Volk die Stirne
Empor jetzt hob und sprach: »Wenn ihr ihn wisset,
So zeigt den Weg uns, auf den Berg zu kommen.«
Zu jenen drauf Virgil: »Ihr meint vielleicht wohl,
Daß wir bekannt mit dieser Stätte seien.
Doch, so wie ihr, sind Fremdlinge wir hier auch;
Jüngst kamen wir hierher, vor euch ein wenig,
Durch andre Straße, die so rauh und schwierig,
Daß Spiel nur jetzt uns wird das Steigen scheinen.«
Die Seelen, die mich atmen sahn, und inne
So wurden, daß ich noch am Leben wäre,
Erbleichten vor Verwunderung darüber.
Und wie dem Boten, der den Ölzweig bringet,
Zuströmt das Volk, um Neues zu vernehmen,
Und keiner sich vor dem Gedränge scheuet,
So hingen allzumal an meinem Antlitz
Jetzt die beglückten Seelen, als vergäßen
Sie, hinzugehn, um schöner dort zu werden.
Vortreten sah die ein' aus ihrer Mitt' ich,
Mich zu umarmen mit so großer Liebe,
Daß ich bewogen ward, zu tun ein gleiches.
O, nicht'ge Schatten, nur dem Aug' erkennbar!
Dreimal verschränkt' ich hinter ihm die Hände,
Und dreimal zog ich an die Brust zurück sie.
Wohl mocht' ich vor Erstaunen mich verfärben,
Darum der Schatten lächelt' und zurücktrat,
Und ich, ihm folgend, weiter vor mich drängte.
Mit sanfter Stimme hieß er mich verweilen,
Darauf erkannt' ich ihn und bat ihn, stille
Zu stehn ein wenig, um mit mir zu sprechen.
Er gab zur Antwort: »Wie ich einst geliebt dich
Im Leib des Todes, lieb' ich dich entfesselt;
Drum bleib' ich stehn. Doch du, warum nur gehst du?«
›O mein Casella, dorthin heimzukehren,
Wo ich noch bin jetzt, mach' ich diese Reise‹ ; –
Sprach ich – ›doch du, was raubt so viele Zeit dir?‹
Zu mir darauf jener: »Mir geschah kein Unrecht,
Wenn er, der, wen und wann er will, davonführt,
Mir mehrmals hat die Überfahrt verweigert;
Denn aus gerechtem Willen kommt der seine,
Und wirklich nahm er seit drei Monden jeden
In vollem Frieden auf, der eingehn wollte.
Drob ich, zum Meeresstrande hingewendet,
Wo sich dem Salze mischt der Tiber Welle,
Gar liebevoll durch ihn an jener Mündung
Einlaß bekam, wohin sein Flug sich richtet;
Denn immer wird dort jeder aufgenommen,
Der nicht zum Acheron hinunterstürzet.«
Und ich: ›Raubt dir ein neu Gesetz Erinnrung
Nicht und Gebrauch des liebevollen Sanges,
Der all' mein Sehnen mir zu stillen pflegte,
So sei's gefällig dir, durch ihn ein wenig
Zu trösten mir den Geist, der, mit dem Körper
Hierhergelangt, so sehr sich fühlt beklommen.‹
»Die Liebe, die mit mir im Geiste redet,«
Begann er darauf so sanft, daß mir im Innern
Der sanfte Ton noch immer widerklinget.
Mein Meister und ich selbst samt jenem Volke,
Das mit ihm war, wir schienen so zufrieden,
Als ob den Sinn nichts anderes uns kümmre.
Aufmerksam gingen wir einher und horchten
Auf seine Tön', und sieh', der edle Alte
Erschien und rief: »Was ist das, träge Geister?
Welch säumig Wesen, welch Verweilen ist das?
Eilt hin zum Berg, die Rind' euch abzustreifen,
Die offenbarlich Gott zu schaun euch hindert.«
Wie Tauben, die, wenn Korn sie oder Unkraut
Zu suchen rings zum Fressen sich versammeln,
Still sind, nicht die gewohnte Keckheit zeigend,
Sobald etwas sie schaun, das sie erschrecket,
Urplötzlich dann im Stich die Nahrung lassen,
Weil sie befallen sind von größrer Sorge,
So sah die neue Schar ich, den Gesang jetzt
Aufgebend, hin zum Felsenabhang eilen,
Wie wer da geht und weiß nicht, wo er hinkommt.
Und minder schnell auch war nicht unser Abgang.
Indes die Flucht, die plötzliche, durchs Blachfeld
Zerstreut die andern hatte, die zum Berge,
Wohin Vernunft uns spornt, sich wieder wandten,
Schloß ich mich an dem sicheren Geleite;
Und wie auch wär' ich sonder ihn gelaufen,
Wer hätte mich den Berg hinangezogen?
Vorwürfe schien er selber sich zu machen,
O würdevoll und fleckenlos Gewissen,
Welch herber Biß dir ist ein kleiner Fehler!
Als nun sein Fuß das Eilen ließ, worunter
Die Ehrsamkeit bei jedem Schritte leidet,
Erweiterte mein Sinn, der festgebunden
Erst war, sein Streben so, daß neubegierig
Empor zur Höh' ich richtete mein Antlitz,
Die von der See zumeist sich dehnt' gen Himmel.
Es unterbrach vor mir den Schein der Sonne,
Der rot im Rücken glomm, des Leibes Umriß,
Weil eine Stütz' ich darbot ihren Strahlen.
Ich wandte nach der Seite mich, verlassen
Zu sein befürchtend, als ich inne worden,
Daß nur vor mir allein der Grund war dunkel.
Und drauf begann also zu mir mein Tröster,
Ganz nach mir hingewandt: »Was hegst du Kleinmut?
Glaubst nicht, daß ich mit dir bin und dich führe?
Schon Abend ist's dort, wo begraben lieget
Mein Leib, in dem ich Schatten warf; Neapel
Besitzt ihn, sein beraubet ward Brundusium.
Drum wenn anjetzt vor mir nichts wird beschattet,
Darf's mehr dich wundern nicht, als daß ein Himmel
Dem andern nicht der Strahlen Durchgang hemmet.
Qual zu empfinden, Glut und Frost, befähigt
Dergleichen Körper jene Kraft, die nimmer,
Wie sie's vollbringt, uns will enthüllen lassen.
Tor ist, wer hofft, daß die Vernunft des Menschen
Die endlos weite Bahn durchlaufen könne
Der einen Wesenheit in drei Personen.
Begnügt euch mit dem ›Daß‹ , ihr Menschenkinder;
Denn konntet alles ihr durchschaun, so brauchte
Maria ja nicht Mutter erst zu werden,
Und fruchtlos saht ihr Manchen Sehnsucht fühlen,
Des Sehnen, das ihm ewiglich zum Leiden
Gegeben ist, sonst wär' befriedigt worden.
Den Aristoteles mein' ich und Plato,
Und viele andr'.« – Und hier beugt' er die Stirne,
Und sprach nichts weiter mehr und blieb verstöret.
Indes gelangten wir zum Fuß des Berges,
Wo wir so steil den Felsenabhang fanden,
Daß hier vergebens rasch die Füße wären.
Der wildeste, der öd'ste Bergsturz zwischen
Turbias Schloß und Lerici wär' eine
Bequem' und breite Stiege gegen jenen.
»Wer es nur wüßte jetzt, zu welcher Hand sich
Der Hang verflacht,« sprach still mein Meister haltend,
»Daß ihn, wer ohne Flügel, könn' ersteigen.«
Und während er, gesenkt den Blick zum Boden,
Den Pfad, im Geiste forschend, untersuchte,
Und ich ringsum empor zum Felsen spähte,
Erschien mir eine Seelenschar zur Linken,
Die gegen uns die Füße hinbewegte,
Und zwar so langsam, daß es nicht bemerkbar.
»Richt' jetzt das Aug' empor,« begann mein Meister,
»Sieh', dort ist jemand, der uns Rat kann geben,
Wenn du nicht aus dir selbst ihn weißt zu schaffen.«
Drauf an mich blickend, sprach mit offner Mien' er:
»Laßt uns dorthin gehn, denn sie kommen langsam,
Und du auch, lieber Sohn, bleib fest in Hoffnung.«
Noch war dies Volk so weit von uns entfernet,
Nachdem wir, mein' ich, tausend Schritt gegangen,
Als mit der Hand ein guter Werfer schleudert,
Da drängten all' sie nach den harten Blöcken
Des hohen Rands sich, fest und starr dort bleibend,
Wie wer im Zweifel stillsteht, um zu schauen.
»0, wohlvollendet', auserkorne Geister!«
Begann Virgil darauf, »bei jenem Frieden,
Den insgesamt ihr, wie ich glaub', erwartet,
Sagt an, wo sich der Berg senkt, so daß möglich
Es ist, hinaufzugehn; denn Zeit verlieren
Ist jenem, der mehr weiß, auch mehr zuwider.«
Wie aus der Hürd' hervor die Schäflein kommen,
Bald eins, bald zwei, bald drei, indes die andern
Noch schüchtern stehn, so Maul als Aug' am Boden,
Und was das eine tut, die andern nachtun,
Sich, wenn es stehnbleibt, über jenes lehnend,
Einfältig-still und selbst den Grund nicht wissen,
So sah, sich gegen uns jetzt zu bewegen,
Die Spitz' ich der glücksel'gen Herde nahen,
Sittsam im Antlitz, ehrenhaften Schrittes.
Als unterbrochen mir zur rechten Seite
Das Licht am Boden jene nun erblickten,
So daß mein Schatten an dem Fels sich zeigte,
Verweilten sie, rückwärts ein wenig tretend,
Indes die andern all', die hinter ihnen,
Nicht wissend selbst, warum, ein gleiches taten.
»Auch ungefragt von euch, will ich bekennen,
Daß, was ihr seht, der Leib ist eines Menschen,
Darob am Grund das Sonnenlicht getrennt ist.
Verwundert euch darum nicht, sondern glaubet,
Daß ohne Kraft nicht, die vom Himmel kommet,
Er diese Wand zu übersteigen trachte.«
Der Meister so, – und jene würd'gen Seelen,
»Kehrt um,« begannen sie, »vor uns geht ein denn!«
Uns mit der äußern Hand ein Zeichen gebend.
Und einer unter ihnen sprach: »Wer immer
Du seist, so wandelnd, wende mir den Blick zu,
Besinn dich, ob du je mich jenseits sahest.«
Ich wandte mich nach ihm und sah ihn starr an:
Blond war er, schön und edlen Angesichtes,
Doch eine Brau' hatt' ihm ein Hieb gespalten,
Als ich darauf demütiglich geleugnet,
Daß ich ihn je gesehn, sprach er: »Schau hin jetzt!«
Mir auf der Höh' der Brust ein Wundmal zeigend.
Dann sagt' er lächelnd weiter: »Manfred bin ich,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze;
Drum bitt' ich dich, wenn je zurück du kehrest,
Geh hin zur schönen Tochter, die geboren
Den Stolz Siziliens hat und Aragoniens,
Und künd' ihr, wenn man andres spricht, die Wahrheit.
Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden
Gebrochen worden war, ergab mit Tränen
Ich jenem mich, der willig stets verzeihet.
Zwar graunvoll sind gewesen meine Sünden,
Doch Gottes Güte hat so weite Arme,
Daß sie das aufnimmt, was zu ihr sich wendet.
Und wenn Cosenzas Hirt, der auf die Fährte
Von Clemens mir gehetzt ward, zu der Stunde
Wohl dieses Blatt in Gott gelesen hätte,
So würden die Gebeine meines Leibes
Bei Benevent, am Ausgang dort der Brücke,
Vom schweren Steinhauf' noch behütet, liegen;
Jetzt wäscht der Regen und bewegt der Wind sie
Jenseits des Reiches Grenz' unweit des Verde,
Dorthin versetzet bei verlöschten Kerzen.
Durch jener Fluch wird so die ew'ge Liebe
Verwirkt nicht, daß zurück sie nicht kann kehren,
Solange Hoffnung noch ein wenig grünet.
Wahr ist es, wer dahinstirbt in dem Banne
Der heil'gen Kirch', ob er bereut am End' auch,
Muß dreißigmal so lange Zeit dann auswärts
Von diesem Felshang bleiben, als er früher
In seinem Trotz verharrt ist, wenn nicht solche
Bestimmung durch ein fromm Gebet verkürzt wird.
Sieh jetzt daraus, ob du mich kannst erfreuen,
Wenn du, wie du gesehn mich, meiner guten
Constanz' enthüllst, und dies Verbot ihr kündest:
Denn die noch jenseits, fördern hier uns mächtig.«
Wenn, sei's aus Lust nun, sei's aus Schmerz, von welchem
Eins unserer Vermögen ward ergriffen,
Die Seele recht nach diesem hin sich wendet,
So merkt sie, scheint es, sonst auf keine Kraft mehr,
Und solches widerspricht der irr'gen Meinung,
Daß mehr als eine Seel' in uns erglühe.
Drum wenn der Mensch ein Ding sieht oder höret,
Das mächtig hält die Seel' auf sich gerichtet,
So geht die Zeit dahin, und er verspürt's nicht;
Denn eine andre Kraft ist's die drauf lauschet,
Und eine andr' erfaßt jetzt ganz die Seele;
Dies' ist gebunden gleichsam, jene ledig.
Dies hab' ich in der Tat an mir erfahren,
Indem auf jenen Geist ich horcht' und staunend
Dann sah, daß fünfzig Grad' emporgestiegen
Die Sonne war, und ich's bemerkt nicht hatte,
Als hin wir kamen, wo die Schar der Seelen
Einstimmig rief: »Hier ist, wonach ihr fragtet.«
Wohl einen größern Spalt vermachet oftmals
Mit soviel Dornen, als die Forke fasset,
Der Landbewohner, wenn die Trauben dunkeln,
Denn jener Steig war, wo hinauf wir klommen,
Wir beid' allein, mein Hort und ich ihm folgend,
Als sich von uns getrennt die Seelen hatten.
Zu Fuß geht nach San Leo man, steigt nieder
Nach Noli und hinauf zum hohen Gipfel
Bismantova's, allein hier mußt' ich fliegen
Mit der gewalt'gen Sehnsucht raschen Schwingen
Und Federn, mein' ich, jenem nachgezogen,
Der Licht mir gab und Hoffnung mir gewährte.
Wir stiegen jetzt hinauf im Spalt des Felsens,
Beengt durch seinen Rand auf beiden Seiten,
Und Fuß und Rand heischt' unter uns der Boden.
Als wir empor drauf zu dem obern Saume
Der hohen Wand auf offnem Abhang kamen,
Sprach ich: ›Mein Meister, welches Wegs nun gehn wir?‹
Und er zu mir: »Laß keinen Schritt jetzt weichen,
Nur immer hinter mir hinauf zum Berge,
Bis irgend uns erscheint ein kluger Führer.«
Hoch war sein Gipfel, sich dem Aug' entziehend,
Und trotziger sein Hang, als von dem halben
Quadranten nach dem Mittelpunkt die Linie.
Schon war ich müd', als ich begann zu sagen:
›O süßer Vater, sieh dich um und schau doch,
Wie ich verlassen bleibe, stehst du still nicht.‹
»0 lieber Sohn,« sprach er, »bis hierher schlepp' dich!«
Auf einen Vorsprung, etwas höher, deutend,
Der ganz den Berg umkreist an dieser Stelle.
So ward ich angespornt durch seine Worte,
Daß ich mich mühte, hin zu ihm zu kriechen,
Bis unterm Fuß mir endlich jener Gurt war.
Zum Sitzen ließen hier wir beid' uns nieder
Nach Morgen hin, wo wir heraufgekommen,
Was immer ist erfreulich zu betrachten.
Den Blick wandt' ich zuerst zum tiefen Strande,
Hob ihn sodann zur Sonn' empor und staunte,
Uns links von ihr getroffen zu gewahren.
Der Dichter merkte wohl, wie voll Verwundrung,
Zum Wagen ich des Lichts hinstarrend, dasaß,
Weil zwischen uns er eintrat und dem Nordwind,
Und sprach zu mir: »Wenn Castor erst und Pollux
In der Gesellschaft jenes Spiegels wären,
Der aufwärts und herab sein Licht entsendet,
So würd'st den Tierkreis dort, wo rot er glühet,
Den Bären näher du noch kreisen sehen,
Dafern er nicht die alte Bahn verließe.
Wenn du begreifen willst, wie dieses zugeht,
So stelle dir im Innern Sion vor
Also mit diesem Berg auf unserm Erdball,
Daß auf verschiednen Hemisphären sie
Bei gleichem Horizont stehn, und wenn deutlich
Sich dein Verstand dies denkt, wirst ein du sehn,
Wie diesem muß zu einer Seite laufen
Und jenem zu der anderen die Straße,
Drauf Phaethon so schlecht verstand zu fahren.«
›Gewiß, mein Meister,‹ sprach ich, ›nimmer ward mir
So klar noch, als ich alles jetzt erkenne,
Worin mir unzulänglich mein Verstand schien,
Daß jener Kreis am halben Himmelsumschwung,
Der in der Wissenschaft Äquator heißet
Und immer zwischen Sonn' und Winter einsteht,
Sich aus dem Grund, den du erwähnt, nach Norden
Von hier muß scheiden, während den Hebräern
Er nach der warmen Gegend zu sich zeigte.
Doch gern möcht' ich, wenn's dir gefällig, wissen,
Wie viel zu gehn uns bleibt; denn aufwärts dehnt sich
Die Höh' mehr, als mein Aug' sich kann erheben.
Und er zu mir: »Der Berg ist so beschaffen,
Daß unten beim Beginn er stets beschwerlich
Erscheint, doch minder quält, je mehr man steiget.
Drum, wenn er so gemächlich dann dir dünket,
Daß dir das Wandeln leicht wird, wie hinunter
Es mit dem Schiffe sich stromabwärts gleitet,
Dann wirst du dich am Ende dieses Pfades
Befinden, wo dein Ruh' harrt nach den Mühen.
Mehr nicht antwort' ich; doch dies weiß ich sicher.«
Und als er dieses Wort vollendet hatte,
Erklang's aus unsrer Näh: »Vielleicht, daß früher
Zu sitzen du Bedürfnis doch empfindest.«
Da beid' auf solchen Ton wir um uns wandten,
Sah'n links von uns wir einen großen Felsblock,
Den weder ich, noch er vorerst gewahret.
Dort schleppten wir uns hin, und Leute waren
Allda im Schatten hinterm Fels befindlich,
Wie man nachlässig an sich pflegt zu lehnen.
Und einer aus denselben, der mir müde
Zu sein schien, saß und hielt die Knie umfangen,
Tief das Gesicht gesenket zwischen diese.
›Mein süßer Meister,‹ sprach ich, ›blicke hin doch
Auf jenen, der nachlässiger sich zeiget,
Als wenn die Trägheit seine Schwester wäre.‹
Da merkt' er auf und wandte gegen uns sich,
Nur an der Hüft' empor das Antlitz richtend,
Und sprach: »Geh nur hinauf, denn du bist kräftig!«
Anjetzt erkannt' ich ihn, und die Erschöpfung,
Die noch etwas beschleunigte mein Atmen,
Hielt mich nicht ab, zu ihm zu gehn, und als ich
Bei ihm nun eintraf, hob er kaum das Haupt auf
Und sprach: »Hast du bemerkt recht, wie die Sonne
Zur linken Schulter uns herlenkt den Wagen?«
Sein träges Tun und seine kurzen Worte
Bewegten meine Lipp' etwas zum Lächeln,
Drob ich begann: ›Belacqua, nicht mehr schmerzt mich's
Um dich jetzt; doch sag' an, was hier du sitzest?
Harrst du auf den Begleiter, oder hat dich
Die altgewohnte Weis' aufs neu' ergriffen?‹
Und er: »O Bruder, wozu hilft das Steigen,
Da mich zur Pein doch nicht gelangen ließe
Der Pförtner Gottes, der am Tore sitzet.
Erst muß so lang hier außen, als im Leben
Er's tat, der Himmel mich umkreisen, weil ich
Die frommen Seufzer bis zuletzt verschoben.
Hilft früher mir, entsteigend einem Herzen,
Das in der Gnade lebet, ein Gebet nicht,
Was nützt mir andres, das nicht Gott genehm ist!«
Und schon stieg vor mir her empor der Dichter
Und sprach: »Komm jetzt, sieh, schon berührt die Sonne
Den Mittagskreis, und an dem äußern Rande
Bedeckt die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.«
Schon hatt' ich von den Schatten mich entfernet
Und folgte nach den Spuren meines Führers,
Als hinter uns der eine rief, den Finger
Empor gerichtet: »Sieh, scheint doch dem untern
Zur Linken nicht der Sonnenstrahl zu leuchten,
Nein, er gehabt sich, scheint's, wie ein Lebend'ger!«
Auf solchen Klang wandt' ich zurück mein Auge
Und sah sie vor Verwunderung nach mir nur,
Nach mir und dem getrennten Lichte schauen.
»Warum verstrickt sich also deine Seele,
Daß du im Wandern zögerst?« sprach mein Meister.
»Was geht dich das nur an, was die da flüstern?
Komm nach mir drein und laß die Leute reden,
Steh wie ein fester Turm, der trotz des Sausens
Der Stürme nimmermehr die Spitze schüttelt;
Denn stets entfernt sich jener von dem Ziele,
Dem ein Gedank' emporquillt übern andern,
Weil einer dann den Flug des andern hemmet.«
Was konnt' ich sagen drauf als nur: ›Ich komme!‹
Ich sprach's, leicht überflogen mit der Farbe,
Die der Vergebung macht bisweilen würdig.
Und an dem Abhang während des, ein wenig
Vor uns nur, kamen Leute jetzt vorüber,
Die Vers für Vers das »Miserere« sangen.
Als sie gewahrten, daß ob meines Leibes
Ich nicht die Strahlen durchließ, da verwandelt'
Ihr Lied sich in ein »Oh!« gedehnt und heiser;
Und zwei davon, Botschaftern ähnlich, kamen
Entgegen uns gelaufen, also fragend:
»Gewährt uns Wissenschaft von eurem Zustand!«
Mein Meister drauf: »Ihr könnt von dannen gehen
Und denen, die gesandt euch, es berichten,
Daß des Genossen Körper wahres Fleisch ist.
Stehn still sie, wie mir deucht, weil seinen Schatten
Sie sehn, so gnügt die Antwort: Ehren mögen
Sie ihn, der ihnen teuer noch kann werden.«
Nie sah so schnell entglommen Dunst beim Anbruch
Der Nacht durchschneiden ich den heitern Himmel,
Noch, wenn die Sonne sinkt, Augustgewölke,
Als aufwärts kehrten jen' und, angelangt dort,
Sich gegen uns dann mit den andern wandten,
Wie ein Geschwader rennt verhängten Zügels.
»Gar zahlreich ist das Volk, das auf uns zudringt
Und kommt, um dich zu bitten,« sprach der Dichter,
»Drum geh nur hin, zuhorchend, weil du wandelst.« –
»O Seele, zu dem heitern Dasein wallend
Mit den bei der Geburt erhaltnen Gliedern,«
Schrien sie im Nah'n, »hemm' deine Schritt' ein wenig,
Schau, ob aus uns du einen je gesehn hast,
So daß von ihm du jenseits Nachricht bringest.
Warum, ach, gehst, warum, ach, stehst du still nicht?
Gewaltsam wurden all' einst wir getötet
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
In der ein himmlisch Licht uns hat gewitzigt,
So daß vergebend und bereu'nd getreten
Wir aus dem Leben sind, mit Gott versöhnet,
Den zu erschaun, uns Sehnsucht jetzt betrübet.«
Und ich: ›Ob auch ins Antlitz ich euch schaue,
Erkenn' ich keinen doch; allein, wenn etwas
Ihr wünscht, das ich vermag, erkorne Geister,
Sprecht, und ich werd' es tun, bei jenem Frieden,
Den, auf der Spur so hohen Führers wandelnd,
Von Welt zu Welt zu suchen, es mich dränget.‹
Und einer drauf begann: »Jedweder bauet
Auch ohne Schwur auf die verheiß'ne Wohltat,
Bricht nur den Willen nicht das Unvermögen;
Drum ich, der hier allein spricht vor den andern,
Fleh', daß, wenn jemals du das Land erschauest,
Das zwischen Karls Reich und Romagna lieget,
Du mir gefällig seist mit deinen Bitten
Zu Fano so, daß wohl für mich man bete,
Damit ich sühnen kann die schweren Schulden.
Dorther war ich, allein die tiefen Wunden,
Draus rann das Blut, auf dem den Sitz ich hatte,
Erhielt im Schoß ich der Antenoräer,
Wo ich am sichersten zu sein vermeinte.
Anstifter dieser Tat war der von Este,
Weit mehr mir zürnend, als es sich gebührte.
Doch, wär' ich gegen Mira hingeflohen,
Als eingeholt ich ward bei Oriaco,
Würd' ich noch jenseits sein, dort, wo man atmet.
Ich lief zum Sumpf, wo Schilf und Schlamm mich also
Umstrickten, daß ich fiel, und dort ein Meer sah
Aus meinen Adern sich am Grund ergießen.«
Drauf sprach ein andrer: »O, wenn sich das Sehnen
Erfüllen soll, das dich zum hohen Berg zieht,
So hilf mit frommem Mitleid doch dem meinen!
Ich war von Montefeltro, bin Buonconte;
Nicht sorgt für mich Johanna, noch wer andres,
Drum geh' gesenkter Stirn' ich unter diesen.«
Ich drauf: ›Welch' eine Macht riß, welch ein Zufall
Dich also weit hinweg von Campaldino.
Daß nie man deine Grabesstatt erfahren?‹
»O,« sprach er drauf, »ein Wasser strömt querüber
An Casentinos Fuß, genannt Archiano,
Das ob der Öd' im Apennin entspringet.
Dorthin, wo die Benennung es verlieret,
War ich gelangt, verwundet in der Kehle,
Zu Fuß entflohn, mit Blut die Flur benetzend;
Hier schwand mir das Gesicht, und in dem Namen
Marias starb das Wort mir, und hier fiel ich
Dahin und ließ mein Fleisch allein zurück dort.
Ich spreche wahr, du künd' es den Lebend'gen,
Mich faßte Gottes Engel, und der Höll'sche
Rief: ›Was beraubst du mich, du dort vom Himmel,
Du trägst mir seinen ew'gen Teil von dannen
Ob eines Tränleins, das ihn mir genommen,
Doch ich will mit dem andern anders schalten.
Wohl weißt du, wie der feuchte Dunst, als Wasser
Zurück dann kehrend, in der Luft sich sammelt,
Sobald dorthin er stieg, wo Kält' ihn fasset;
Dem bösen Willen einte, der nur Böses
Begehrt, der Scharfsinn sich, und Sturm und Dünste
Regt durch die Kraft er auf, die ihm Natur gab.‹
Drauf, als der Tag verlöscht war, deckt' mit Nebel
Von Prato magno bis zum großen Joch er
Das Tal, den Himmel drüber zubereitend,
So daß die schwangre Luft zu Wasser wurde,
Der Regen fiel, und zu den Bächen strömte
Das, was davon die Erd' in sich nicht aufnahm,
Und zu den größern Flüssen dann sich sammelnd,
Stürzt es dahin zum königlichen Strome,
So rasch, daß nichts zu hemmen es vermochte.
Kalt fand an seiner Mündung meinen Leichnam
Der mächt'ge Archian', und in den Arno
Ihn stoßend, löst' er auf der Brust das Kreuz mir,
Das ich, vom Schmerz besiegt, aus mir gebildet;
Hinwälzend dann am Grund mich und dem Ufer,
Deckt' und umhüllt' er mich mit seiner Beute.« –
»O, wenn zur Welt einst du zurückgekehrt bist.
Und ausgeruhet von der langen Reise,«
Fuhr fort der dritte Geist jetzt nach dem zweiten,
»Gedenke meiner dann; denn ich bin Pia,
Siena gab, Maremma nahm mirs Leben,
Dies weiß, wer einst, den Finger mir mit seinem
Juwel beringend, sich mir angetrauet.«
Beim Schluß des Würfelspieles bleibt in Trauer,
Wer da verloren hat, zurück, versuchet
Die Würfel wiederum und lernt verdrießlich;
Doch mit dem andern strömt das ganze Volk hin,
Der geht vor ihm einher, der faßt ihn hinten,
Der ruft sich von der Seit' ihm ins Gedächtnis.
Er bleibt nicht stehn, hört nur auf den und jenen,
Wem er die Hand hinreicht, der drängt nicht weiter,
Und so weiß er des Drangs sich zu erwehren.
Dem gleich war ich in diesen dichten Haufen,
Nach ihnen rechts und links mein Antlitz wendend,
Und löste durch Versprechen mich von ihnen.
Hier war der Aretiner, dem das Leben
Durch Ghin' di Tacco's grimmen Arm geraubt ward,
Und jener, der ertrank im raschen Jagen,
Hier flehte mit emporgestreckten Händen
Friedrich Novello, so wie der von Pisa,
Ob dem Marzucco stark erschien, der Gute.
Graf Orso sah ich hier und jene Seele,
Getrennt von ihrem Leib aus Haß und Mißgunst,
So wie er sagt', und nicht, weil sie's verschuldet,
Ich meine Peter de la Brosse, und vorsehn
Mag die Brabanterin sich, weil sie diesseits,
Daß sie nicht schlimmrer Schar einst angehöre.
Als ich nun ledig war von all' den Schatten,
Die andre bitten nur, für sie zu bitten,
Daß ihre Heiligung beschleunigt werde,
Begann ich so: ›Mir scheint, daß klar du leugnest,
O du mein Licht, an irgendeiner Stelle,
Daß je Gebet des Himmels Ratschluß beuge,
Doch eben dies ist's was dies Volk begehret.
Wär' eitel wohl drum ihre Hoffnung, oder
Sind deine Worte mir nicht ganz verständlich?‹
Und er zu mir dann: »Meine Schrift ist deutlich,
Und dennoch täuschet jene nicht ihr Hoffen,
Wenn mit gesundem Sinn man wohl drauf merket.
Nicht wird erniedriget des Urteils Gipfel,
Denn Liebesglut ersetzt in kurzer Zeit das,
Wofür hier das Verweilen soll genug tun,
Und dort, wo jenen Satz ich aufgestellet,
Ward durch Gebet kein Fehler je vergütet,
Dieweil von Gott geschieden war das Beten.
Wahrhaftig drum bei so tiefsinn'gem Zweifel
Verweil' nicht, wenn nicht sie dir's heißt, die zwischen
Der Wahrheit dir und dem Verständnis Licht wird.
Ich weiß nicht, ob du mich verstehst; Beatrix
Mein' ich, die droben du, glückselig lächelnd,
Auf dieses Berges Gipfel wirst erschauen.«
Und ich: ›Laß mehr uns eilen, guter Führer,
Denn schon ermüd' ich mich nicht so wie früher,
Und sieh, es wirft bereits der Berg jetzt Schatten.‹
»Wir gehn,« antwortet jener, »diesen Tag lang,
So weit wir können, vorwärts, doch gestaltet
Sich's in der Tat ganz anders, als du wähnest.
Eh' du hinaufgelangst, wirst wiederkehren
Du jene sehn, die schon sich hinterm Strand birgt,
So daß du nicht mehr ihre Strahlen trennest.
Doch sieh, wie jene Seele, hingestellt dort,
Ganz einsamlich die Blicke nach uns richtet;
Sie wird gewiß den schnellsten Weg uns zeigen.«
Wir nahten ihr uns. O Lombard'sche Seele,
Wie du so stolz und voll Verachtung dastandst,
Langsam das Aug' und ehrenhaft bewegend.
Nicht sprach zu uns sie irgend etwas, sondern
Ließ uns einherziehen, hin nach uns nur schauend
Auf eines Löwen Weise, wenn er ruhet.
Dennoch trat hin zu ihr Virgil und bat sie,
Den besten Weg nach oben uns zu zeigen,
Und jen' antwortet' nichts auf seine Frage,
Nein, frug nach unserm Vaterland und Leben;
Und es begann der süße Führer: »Mantua.«
Doch jener Schatten, ganz in sich vertieft erst,
Erhob sich gegen ihn von seinem Stande
Und rief: »Ich bin Sordell, o Mantuaner,
Aus deiner Stadt;« darauf sie sich umarmten.
Weh' dir, Italien, Sklavin, Haus des Jammers,
Schiff ohne Steuermann in großem Sturme,
Nicht Herrin der Provinzen mehr, nein, Metze!
Also behend war jene edle Seele,
Den süßen Klang der Vaterstadt nur hörend,
Hier ihre Bürger festlich zu begrüßen,
Und jetzt sind sonder Krieg nicht die Lebend'gen
In dir, und es benagen sich einander,
Die eine Mauer einschließt und ein Graben.
Such', Jammervolle, ringsum an den Küsten
All' deiner Meer' und schau' dir dann ins Innre,
Ob eine Stätt' in dir sich freut des Friedens.
Was frommt's, daß dir den Zügel ausgebessert
Justinianus, wenn der Sattel leer ist?
War' ohnedies geringer doch die Schande!
O Volk, das nur der Frömmigkeit zu leben
Und Cäsar sollt'st auf seinem Sitze lassen,
Wenn wohl du faßtest, was dir Gott bestimmet,
Sieh, wie störrisch ist das Tier geworden,
Weil durch die Sporen es nicht mehr gestraft wird.
Seitdem du in den Zaum ihm bist gefallen,
O deutscher Albert, der das wildgewordene
Unbänd'ge du sich selber überlassest,
Und sollt'st doch seines Sattels Bug umspannen!
Ein recht Gericht fall' aus den Sternen nieder
Auf dein Geschlecht, und unerhört und klar sei's,
Daß dein Nachfolger Furcht darob empfinde;
Denn du nebst dem Erzeuger hast geduldet,
Von Habbegierde jenseits festgehalten,
Daß wüst gelegt des Reiches Garten würde.
Komm her und sieh Montecch' und Capelletti,
Sorgloser Mann, Monald' und Filippeschi,
In Not schon jen' und diese voll Befürchtung.
Grausamer, komm und sieh die Unterdrückung
All deiner Edeln, komm und heil' ihr Leiden.
Und sehn wirst du, wie sicher Santafior' ist!
Komm her und sieh, wie deine Roma weinet,
Die einsam, eine Witwe, Tag und Nacht ruft:
»Mein Cäsar, was doch ein'st du dich mit mir nicht?«
Komm her und sieh, wie sehr das Volk sich liebet,
Und rühret kein Erbarmen über uns dich,
So komm, des eignen Leumunds dich zu schämen.
Und ist's erlaubt mir, höchster Jova, der du
Auf Erden wardst für uns gekreuzigt, wendet
Wo anders hin sich dein gerechtes Auge?
Wenn's nicht Vorkehrung ist in deines Rates
Abgrund, bestimmt zu irgend etwas Gutem,
Das ganz und gar sich unsrer Kund' entziehet;
Denn voll sind von Tyrannen Welschlands Städte,
Allsamt, und zum Marcell wird jeder Bauer,
Der nur herbeikommt und Partei ergreifet.
O mein Florenz, zufrieden kannst mit dieser
Abschweifung du wohl sein, die dich nichts angeht,
Dank's deinem Volk, das soviel Kluges aussinnt.
In manchem wohnt Gerechtigkeit, doch spät geht
Sie los, weil er mit Vorsicht spannt den Bogen,
Doch auf der Zungenspitze hat dein Volk sie.
Gar mancher lehnt die öffentliche Bürd' ab,
Allein dein Volk antwortet ungerufen
Voll Emsigkeit und schreit: ›Ich unterzieh' mich.‹
So sei denn fröhlich; denn du hast wohl Ursach',
Du reich', du voll des Friedens, du voll Einsicht,
Ob wahr ich spreche, zeigt sich an der Wirkung.
Athen und Lacedaemon, die, der alten
Gesetze Mütter, so geregelt waren,
Sie geben gegen dich geringe Probe
Der Wohlfahrt nur, die du so fein erdachte
Satzungen machst, daß bis Novembers Mitte
Nicht reicht, was im Oktober du gesponnen.
Wie oft hast du, soweit zurück du denkest,
Gesetz' und Münz' und Obrigkeit und Sitte
Gewechselt und erneuert deine Glieder,
Und wenn du recht besinnst dich, und dir's klar wird,
So wirst du sehn, daß du dem Kranken gleichest,
Der, keine Ruhe findend, auf den Federn
Umher sich wälzend, Schutz sucht vor den Schmerzen.
Nachdem die biedre freudige Begrüßung
Drei- oder viermal war erneuert worden,
Trat jetzt Sordell zurück und sprach: »Wer seid ihr?« –
»Eh' zugewandt noch wurden diesem Berge
Die Seelen, wert, zu Gott emporzusteigen,
Ward mein Gebein durch Octavian begraben.
Ich bin Virgil, und andre Schuld als Mangel
Des Glaubens raubte nicht den Himmel mir.«
Also entgegnet' ihm anjetzt mein Führer.
Wie einer ist, der, unversehens ein Ding
Vor sich erblickend, drob er sich verwundert,
Glaubt und nicht glaubt, und spricht: »es ist – ist nicht;«
Schien jener mir, und drauf gesenkten Blickes
Kehrt er zurück demütiglich zum andern.
Umschlingend ihn, wo sich ein niedrer anschmiegt,
»O, der Lateiner Ruhm,« sprach er, »durch welchen,
Was sie vermag, gezeigt hat unsre Sprache,
O ew'ger Preis des Orts, aus dem ich stamme!
Welch ein Verdienst, welch eine Gnade zeiget
Dich mir, wenn wert ich bin, dein Wort zu hören,
Sprich, kommst du aus der Höll' und welcher Klause?«
»Durch alle Kreise hin des Reichs der Schmerzen,«
Antwortet' er, »bin ich hieher gekommen,
Es trieb mich Himmelskraft, und mit ihr komm' ich.
Durch Taten nicht, durch Nichttun nur verlor ich
Der hehren Sonne Schaun, nach der du schmachtest,
Und die zu spät von mir erkannt ist worden.
Ein Ort ist drunten, nicht durch Qualen traurig,
Durch Finsternis allein, wo wie Gejammer
Nicht tönen, nein, nur Seufzer sind die Klagen;
Alldort bin ich mit den unschuld'gen Kleinen,
Die von des Todes Zahn zermalmet worden,
Eh' frei sie waren von der Schuld der Menschheit.
Mit jenen bin ich dort, die, nicht gekleidet
In die drei heil'gen Tugenden, die andern
Erkannten all' und übten sonder Laster.
Doch wenn du's weißt und kannst, gib eine Weisung
Uns, wie dorthin am schnellsten wir gelangen,
Wo wirklich erst das Purgatorium anhebt.«
Er drauf: »Kein fester Ort ist uns bestimmet,
Empor darf und umher ich gehn; soweit ich
Zu gehn vermag, begleit' ich dich als Führer.
Doch sieh, wie schon der Tag sich senkt, und steigen
Kann man zur Nachtzeit nicht; drum wird es gut sein.
Auf einen schönen Aufenthalt zu sinnen.
Abseits hier findest Seelen du zur Rechten;
Wenn du mir beistimmst, führ' ich dich zu ihnen,
Die du nicht sonder Lust wirst kennen lernen.«
»Wie das?« sprach jener. »Wer heraufgehn wollte
Zur Nachtzeit, hinderte den wohl ein andrer
Dran, oder stieg' er nicht, weil er nicht könnte?«
Und mit dem Finger streift' am Grund der gute
Sordell und sprach: »Auch selber diesen Strich hier
Nicht überschritt'st du, wenn die Sonn' entschwunden;
Nicht daß das Aufwärtssteigen etwas andres
Als nur die Finsternis der Nacht erschwere,
Die durch Nichtkönnen dann das Wollen hemmet.
Wohl könnte man mit ihr herabwärts kehren
Und, irrend rings, den Bergeshang umwandern,
Solang der Horizont den Tag verdeckt hält.«
Drauf mein Gebieter, wie verwundert, anhob:
»So führ' uns denn dahin, wo du gesagt hast,
Daß Lust der Aufenthalt gewähren könne!«
Als kaum ein wenig wir von dort entfernt uns,
Ward ich gewahr, daß eingesenkt der Berg war,
Wie hier sich Täler einzusenken pflegen.
»Dorthin,« sprach jener Schatten, »laßt uns gehen,
Wo sich zur Bucht der Bergesabhang bildet,
Da wollen wir den neuen Tag erwarten.«
Schräg liegend zwischen waag- und senkrecht zog sich
Ein Pfad hin, der zum Rand der Schlucht uns führte,
Wo mehr als halb ihr Seitenhang schon schwindet.
Gold, feines Silber, Scharlach selbst und Bleiweiß,
Und leuchtend Holz, und Indig, und der heitre
Smaragd, wenn er soeben frisch gebrochen,
Sie würden allzumal besiegt an Farbe
Vom Gras und von den Blumen dieses Tals sein,
Gleich wie vom Mehr besieget wird das Minder.
Und nicht gemalt nur hatte die Natur hier,
Nein, aus der Süßigkeit von tausend Düften
Schuf sie ein unbestimmt fremdartig Etwas.
»Salve Regina« singend, auf den Blumen
Und auf dem Grün sah Seelen hier ich sitzen,
Von außen ob des Tales nicht ersichtlich.
»Eh' noch zu Raste geht die wen'ge Sonne,«
Sprach, der uns hergelenkt, der Mantuaner,
»Verlangt nicht, daß ich unter jen' euch führe.
Von dieser Höh' herab erkennt ihr besser
An jeglichem aus seinem Tun und Antlitz
Als drunten in der Au', in ihrer Mitte.
Der dort am höchsten sitzt, dem man es ansieht,
Daß er versäumt, was er vollbringen sollte,
Und der den Mund nicht rührt zum Sang der andern,
Rüdolph, der Kaiser, war er, der die Wunden,
Die Welschland Tod gebracht, wohl heilen konnte,
So daß es spät erst neu belebt ein andrer.
Der, dessen Anblicks jener sich getröstet,
Herrscht' in dem Land, draus quillt das Wasser, welches
Der Elbe zu die Moldau, jen' ins Meer führt;
Man nannt' ihn Ottokar, und besser war er
In Windeln schon, als bärt'gen Kinns ist Wenzel,
Sein Sohn, an Trägheit sich und Wollust weidend.
Der mit der Stumpfnas', der in tiefem Rat scheint
Mit jenem, der so güt'gen Angesichtes,
Starb, flüchtig und die Lilien entblätternd,
Betrachtet, wie er dort sich auf die Brust schlägt,
Und seht den anderen, der seine Wange
Hat seufzend in die hohle Hand gebettet;
Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäher,
Sie kennen sein unflätig Lasterleben,
Daher kommt auch der Schmerz, der so sie stachelt.
Der dort so stark an Gliedern scheint und singend
Begleitet den, des Nase männlich raget,
War mit jedweder Tugend einst umgürtet,
Und wenn als König wär' nach ihm verblieben
Der Jüngling hinter ihm dort, traun, die Tugend
Hätt' von Gefäß sich zu Gefäß ergossen.
Doch solches gilt nicht von den andern Erben;
Die Reich' erhielten Jakob zwar und Friedrich,
Doch an dem bessern Erb' hat keiner Anteil.
Denn selten nur entsproßt aufs neu' den Zweigen
Der Menschheit Biederkeit, und solches wollte
Ihr Geber, daß man sein Geschenk sie nenne.
Auch den Benas'ten trifft mein Wort nicht minder,
Als es von Peter galt, der mit ihm singet,
Darob Provence schon und Apulien klagen.
So weit steht nach dem Samen hier die Pflanze,
Als sich annoch Konstanze des Gemahles
Mehr denn Beatrix rühmt und Margarete.
Seht, wie der König dort einfachen Wandels,
Heinrich von Engelland, für sich allein sitzt!
Dem ward ein bessrer Trieb an seinen Zweigen,
Und der, am tiefsten sitzend unter ihnen,
Am Boden, aufwärts blickt, ist Markgraf Wilhelm,
Der Monferrat und Canavese Tränen
Ob Alessandrias Fehde hat gekostet.«
Die Stunde war's, die Schiffenden das Sehnen
Heim wendet und ihr Herz erweicht am Tage,
Da sie: »Lebt wohl!« gesagt den süßen Freunden,
Und die mit Liebe quält den neuen Pilgrim,
Wenn er von fern ein Glöcklein hört, des Hallen
Den Tag scheint zu beweinen, der dahinstirbt;
Als ich begann, des Hörens mich entschlagend,
Zu schaun auf eine Seele, die, sich aufrecht
Erhebend, mit der Hand Gehör verlangte.
Sie faltete und hob jetzt beide Hände,
Die Augen fest dem Aufgang zugerichtet,
Als spräche sie zu Gott: »Mich rührt nichts weiter.«
Te lucis ante klang so voller Andacht
Aus ihrem Mund und mit so süßen Tönen,
Daß es mich meiner selbst vergessen machte.
Darauf die andern allzumal ihr folgten,
Süß und voll Andacht durch die ganze Hymne,
Den Blick gewandt zu den erhabnen Kreisen.
Jetzt, Leser, such' geschärften Blicks die Wahrheit,
Denn also fein ist wahrlich hier der Schleier,
Daß es, durch ihn hineinzudringen, leicht wird.
Ich sah die edle Heeresschar stillschweigend
Darauf nach oben blicken, gleich als ob sie
Etwas erwarte, blaß und voll von Demut,
Und sah, der Höh' entsteigend, niederlassen
Zwei Engel sich mit zwei entflammten Schwertern.
So abgestumpfet und beraubt der Spitzen.
Grün, gleich den eben erst entkeimten Blättlein,
War ihr Gewand, das, von den grünen Schwingen
Bewegt, sich rückwärts zog, im Winde flatternd.
Nur wenig über uns zu stehn kam einer,
Der andre ließ genüber sich am Talrand
Herab, daß alles Volk blieb in der Mitte.
Ihr blondes Haupt wohl konnt' ich unterscheiden,
Doch in dem Angesicht verging der Blick mir,
Wie an zu vielem jede Kraft muß scheitern.
»Sie kommen beide von dem Schoß Marias,«
Begann Sordell, »das Tal hier zu bewachen
Ob jener Schlange, die alsbald herbeikommt.«
Drob ich, nicht wissend, welches Pfads sie käme,
Mich wandte ringsumher und eng mich anschloß,
Durchschauert ganz, an den betrauten Rücken.
Sordell drauf: »Laßt zu Tal uns gehn inmitten
Der hohen Schatten, daß wir dort sie sprechen;
Denn euch zu schaun, wird sie gar sehr erfreuen.«
Drei Schritte nur mocht' ich herab wohl steigen,
Als ich schon unten stand, und sah dort einen
Auf mich nur schaun, als wollt' er mich erkennen.
Die Zeit war's schon, da sich die Luft verfinstert,
Doch nicht, daß zwischen seinem Blick und meinem
Sie kund nicht tat, was erst sie hielt verborgen.
Er nahte mir, ich ihm: ›O Richter Nino,
Du Edler, wie erfreut' es mich, zu sehen,
Daß du nicht wärest unter den Verdammten.‹
Kein holder Gruß ward zwischen uns versäumet;
Dann fragt' er mich: »Wie lange ist's daß du kamest
Zum Fuß des Berges durch die weiten Wässer?«
›0h!‹ sprach ich, ›mitten durch des Jammers Stätten
Kam ich heut' früh und bin im ersten Leben,
Erstreb' ich, also wallend, gleich das andre.‹
Als meine Antwort war vernommen worden,
Sah ich zurück Sordell und jenen weichen,
Dem gleich, den etwas plötzlich hat verwirret.
Der eine wandt' sich an Virgil, der andre
An einen, der dort saß, laut rufend: »Konrad!
Auf, komm und sieh, was Gott gewollt aus Gnade!«
Drauf gegen mich: »Bei dem besondern Danke,
Den ihm du schuldig bist, der so sein erstes
›Warum‹ verbirgt, daß keine Furt dorthin ist;
Wenn jenseits du der breiten Flut, sag' meiner
Johanna, daß für mich sie flehen möge
Dort, wo Unschuldige Gewährung finden.
Denn nicht mehr liebt mich, glaub' ich, ihre Mutter,
Da sie den weißen Schleier hat vertauschet,
Den einst zurück noch muß die Arme wünschen.
An ihr ist es gar leichtlich zu erkennen,
Wie lang im Weib der Liebe Feuer dauert,
Wenn es nicht Blick oft und Berührung anfacht.
So herrlich wird nicht ihr Begräbnis schmücken
Die Viper, drunter Mailands Volk sich lagert,
Als es geschmückt der Hahn Gallura's hätte.«
Also sprach er, in seinem Angesichte
Den Abdruck jenes echten Eifers tragend,
Davon mit Maß und Ziel das Herz erwärmt wird.
Mein Auge hing voll Sehnsucht nur am Himmel
Dort, wo die Stern' am trägsten sich bewegen,
Dem Rade gleich, wo es der Achs' am nächsten.
Der Führer drum: »Mein Sohn, was blickst hinauf du?«
Und ich darauf zu ihm: ›Nach den drei Flämmchen,
Davon der ganze Pol diesseits erglühet.‹
Zu mir der andere: »Die vier lichten Sterne,
Die du heut' Morgen sahst, sind jenseits drunten,
Und diese stiegen auf, wo jen' erst standen.«
Weil er so redete, zog ihn Sordello
Zu sich hin, rufend: »Sieh dort unsern Gegner!«
Und streckt' die Finger, daß dorthin er schaue.
Von jener Seite her, wo keine Schutzwehr
Das kleine Tal verschließt, kam eine Schlange,
Dieselbe wohl, die Even bittre Kost gab:
Durch Gras und Blumen schlich der arge Streif hin,
Bald mit dem Kopf sich, bald dem Rücken wendend,
Gleich einem Tiere leckend, das sich putzet.
Nicht sah ich, und drum kann ich drob nichts künden,
Die Habichte des Himmels sich bewegen,
Doch wohl wie beide sich bewegt; die Schlange,
Als durch die Luft die grünen Schwingen rauschen
Sie hört', entfloh. Es wandten sich die Engel
Auf ihren Stand zurück, gleichmäßig fliegend.
Der Schatten, der dem Richter sich genähert,
Als dieser rief, verwendete die Blicke
Von mir nicht während dieses ganzen Agriffs.
»Soll jene Leuchte, die dich führt nach oben,
So vieles Öl in deinem Willen finden,
Als bis zum Blumenschmelz des Gipfels nötig?«
Begann er; »wenn von Val di Magra oder
Dem Land umher du hast wahrhaft'ge Nachricht,
Tu' mir sie kund; denn einst war dort ich mächtig.
Mit Namen hieß ich Konrad Malespina,
Der Alte bin ich nicht, doch von ihm stamm' ich,
Den Meinen weiht' ich Liebe, die hier läutert.«
›0!‹ ' sprach ich drauf zu ihm, ›in Eurem Lande
War ich noch niemals, doch wo kann man wohnen
Durch ganz Europa, daß man sie nicht kenne.
Der Ruf, der Euer Haus mit Ehren nennet,
Laut preist die Herren er und laut die Landschaft,
So daß davon vernimmt, wer noch nicht dort war.
Auch schwör' ich Euch, so wahr empor ich gehn will,
Daß Euer ehrenwert Geschlecht des Ruhms sich,
Des Schwertes und der Börse nicht entäußert.
Sitt' und Natur gibt ihm ein solches Vorrecht,
Daß es, verführt das schlimme Haupt die Welt auch,
Geht grad' allein, des Bösen Weg verschmähend.‹
Und er: »Jetzt geh; denn siebenmal nicht leget
Die Sonn' aufs neu' ins Bett sich, das der Widder
Mit den vier Füßen decket und umspannet,
Eh' diese Meinung, die du freundlich äußerst,
Dir mitten in das Haupt wird eingeschlagen
Mit stärkern Nägeln noch als andrer Rede,
Wenn nicht des Richterspruches Lauf gehemmt wird.«
Die Bettgenossin des bejahrten Tithon
Erblaßte schon am Morgensaum des Himmels,
Dem Arm des süßen Buhlen sich entreißend,
Von Edelsteinen glänzte ihre Stirne,
In der Gestalt des kalten Tiers geordnet,
Das mit dem Schwänze Stiche gibt den Menschen;
Und zwei der Schritte, die sie steiget, hatte
Die Nacht zurückgelegt dort, wo wir standen,
Und seine Flügel senkte schon der dritte,
Als ich, der Adams Erb' ich bei mir führte,
Vom Schlaf besiegt, aufs Gras mich niederbeugte,
Wo wir erst alle fünf gesessen hatten.
Zu jener Stund', in der ihr traurig Klaglied
Die Schwalbe, da der Morgen naht, beginnet,
Wohl in Erinnrung ihres ersten Jammers,
Und unser Sinn, dem Fleische mehr entfremdet
Und nicht so sehr verstricket in Gedanken,
Wie göttlich ist in seinen Visionen,
Glaubt' einen Aar mit goldnen Federn, schwebend
Am Himmel, ich im Traum zu sehn, die Flügel
Ausspannend und bereit, herabzuschießen;
Und dort glaubt' ich zu sein, wo Ganymedes
Die Seinigen zurückließ und entrafft ward
Empor in die erhabne Ratsversammlung.
Ich dachte bei mir selbst: Der stößt hierher wohl
Nur aus Gewohnheit, und von anderm Orte
Verschmäht er, mit den Klau'n wohl fortzutragen.
Dann schien es mir, als ob erst etwas kreisend
Er furchtbar wie ein Blitz herab drauf stürzte,
Und mich hinauf entrückte bis zum Feuer.
Da schien mir's, als erglüht' er und ich selber,
Und also brannte die geträumte Glut mich,
Daß drob der Schlummer mir zerrissen wurde.
Nicht anders hat Achilles sich geschüttelt,
Im Kreis rings die erwachten Augen wendend
Und, wo er sei, nicht wissend, da die Mutter
Von Chiron weg hinüber ihn nach Scyros
Geflüchtet, weil er schlief in ihren Armen,
Von wo die Griechen dann hinweg ihn führten,
Als ich mich schüttelte, da mir vom Antlitz
Der Schlummer floh und totenbleich ich wurde,
Gleich einem Manne, der vor Schreck erstarret.
Es stand allein mein Hort mir noch zur Seite,
Und hoch die Sonne schon mehr als zwei Stunden,
Und nach dem Meer zu war gewandt mein Antlitz.
»Befürchte nichts,« begann jetzt mein Begleiter,
»Ermanne dich; wir sind zu guter Stelle,
Dräng' nicht zurück, nein, jede Kraft entfalte,
Beim Purgatorium bist du angelangt jetzt.
Sieh dort die Felsenwand, die's rings umschließet,
Sieh dort den Eingang, wo zertrennt sie scheinet.
Jüngst in der Dämmerung, die vor dem Tage
Einhergeht, weil dir schlief die Seel' im Innern,
Auf jenem Blumenschmuck der untern Stätte
Erschien ein Weib und sagte: ›Lucia bin ich;
Laß diesen hier, der schlummert, mich ergreifen,
Daß ich auf seinem Weg ihn fördern möge.‹
Sordell blieb mit den andern edlen Schatten
Zurück; sie nahm dich, und da's heller Tag ward,
Kam sie herauf und ich auf ihren Spuren.
Hier legte sie dich hin, und erst noch zeigte
Den offnen Eingang mir ihr schönes Auge,
Drauf schwand zu gleicher Zeit sie mit dem Schlummer.
Dem Manne gleich, dem sich der Zweifel löset,
Und dem die Furcht in Sicherheit sich wandelt,
Nachdem die Wahrheit ihm enthüllt ist worden,
Verändert' ich mich, und da frei von Sorge
Mich sah mein Führer, setzt' er in Bewegung
Am Abhang sich – und ich ihm nach – zur Höhe.
Du, Leser, siehst, wie meinen Gegenstand ich
Erheb' anjetzt, drum darfst du dich nicht wundern,
Wenn ich mit größrer Kunst ihn unterstütze.
Heran jetzt tretend, standen wir so nah schon,
Daß dort, wo mir ein Spalt erst war erschienen,
Dem Risse gleich, der eine Mauer trennet,
Ein Tor ich sah und unter ihm drei Stufen,
Die zu ihm führten, von verschiedner Farbe
Und einen Pförtner, der kein Wort noch sagte.
Und mehr und mehr das Äug' auf ihn erschließend,
Sah ich ihn auf der höchsten Stufe sitzen,
Im Antlitz so, daß ich's nicht tragen konnte;
Und ein entblößtes Schwert hatt' in der Hand er,
So gegen uns zurück die Strahlen werfend,
Daß mehrmals drauf den Blick umsonst ich wandte.
»Von dorther saget uns erst, was ihr wollet!«
Begann er, »wo ist der Begleiter, wahrt euch,
Daß euch nicht schädlich sei, hinaufzukommen.«
»Ein himmlisch Weib, vertraut mit diesen Dingen,«
Entgegnet' ihm mein Meister, »sprach vor kurzem
Zu uns erst: ›Dorthin geht, dort ist die Pforte!‹ «
»Und mög' im Guten euern Schritt sie fördern,«
Begann jetzt wieder der gefäll'ge Pförtner,
»So kommet vorwärts denn zu unsern Stufen.«
Dorthin gelangten wir, und weißer Marmor,
So rein geschliffen, war die erste Staffel,
Daß ich mich drin so spiegelt', als ich scheine.
Es war die zweite dunkel, mehr denn Purpur,
Von rauhem brandverwüstetem Gestein,
Der Länge nach und überzwerch geborsten.
Die dritte, die empor noch drüber ragte,
Schien mir aus Porphyr von so feur'gem Rote
Zu sein wie Blut, das aus der Ader spritzet.
Auf dieser ruhte mit den beiden Füßen
Der Engel Gottes, auf der Schwelle sitzend,
Die mir von Diamantenstein zu sein schien.
Den Willigen zog über die drei Stufen
Der Führer jetzt empor und sprach: »Begehre
In Demut, daß das Schloß er lösen möge.«
Andächtig fiel ich zu den heil'gen Füßen,
Barmherzigkeit erflehend, daß er öffne,
Doch schlug vorerst dreimal ich auf die Brust mich;
Drauf schrieb er sieben P mir auf die Stirne
Mit seines Schwertes Spitz' und: »Trachte,« sprach er,
»Die Wunden, wenn du drin bist, wegzuwaschen.«
Asch' oder Erde, die man trocken ausgräbt,
Würd' einer Farbe sein mit seinem Kleide,
Darunter er zwei Schlüssel jetzt hervorzog;
Der eine war von Gold, der andre silbern.
Erst mit dem weißen und dann mit dem gelben
Tat er am Tor so, daß ich ward zufrieden.
»Wenn einer dieser Schlüssel je versaget,
Daß er nicht gleich im Schlüsselloch sich umdreht,«
Sprach er, »so wird der Eingang nicht erschlossen.
Der ein' ist teurer, doch der andre fordert
Gar viel Verstand und Kunst, um auf zuschließen;
Denn er ist's, der den Knoten muß entwirren.
Von Petrus hab' ich sie; der hieß mich lieber
Im Auftun irr'n als im Verschlossenhalten,
Wenn nur die Leute mir zu Füßen fallen.«
Aufstoßend drauf des heil'gen Tores Eingang,
Sprach er: »Geht ein; doch merket wohl, daß jeder,
Wenn hinter sich er blickt, zurück muß kehren.«
Und als auf seinen Angeln nun gedrehet
Die Kanten der geweihten Pforte wurden,
Die mächtig sind von tönendem Metalle,
Da knarrte stärker es und zeigte herber
Sich denn Tarpeja, als man ihr den wackern
Metellus nahm, drob dann sie leer geblieben.
Um wandt' ich, auf das erste Rasseln achtend,
Da hörte, schien's, von Stimmen ich: »Te Deum
Laudamus«, untermischt mit süßem Klange,
Und solchen Eindruck gab mir grade wieder,
Was ich vernahm, wie man ihn pflegt zu haben,
Wenn den Gesang der Orgelton begleitet,
Daß man bald hört und bald nicht hört die Worte.
Als wir des Tores Sehwelle, durch der Seelen
Verkehrtes Lieben ungebraucht, das grade
Den krummen Weg läßt scheinen, überschritten,
Hört' ich es mit Gedröhn' sich wieder schließen,
Und wenn den Blick nach ihm gewandt ich hätte,
Wie möcht' ich gnügend wohl den Fehl entschuld'gen.
Wir stiegen auf, durch eines Felsens Spalte,
Der bald zu einem, bald zur andern Seite
Sich windet, gleich der Flut, die naht und fliehet.
»Hier wird es nötig, etwas Kunst zu brauchen,«
Begann mein Führer, »und sich anzuschmiegen
Bald hier, bald dort, der Seite, die zurückweicht.«
Und solches ließ hier sparsam vor uns schreiten,
So daß des Mondes Abbruch erst aufs neue
Sein Bett berührt', um wieder dort zu ruhen,
Eh' wir hervor aus dieser Esse kamen;
Doch als wir frei und unbeschränkt jetzt droben
Uns fanden, wo der Berg sich hinten schließet,
Da blieben wir, ich müd' und beid' im Zweifel
Ob unsers Wegs, auf einer Ebne stehen,
Die öder noch, als Straßen sind durch Wüsten.
Von seinem Rand, wo's an das Leere grenzet,
Zum Fuß der hohen Wand, die weiter aufsteigt,
Mißt jene dreimal eines Menschen Körper,
Und bis wohin den Blick ich werfen konnte
Zu rechten bald und bald zur linken Seite,
Schien mir gleichmäßig dieser Sims gestaltet.
Nicht hatten droben wir den Fuß bewegt noch,
Als ich gewahrte, daß ringsum der Abhang,
Der keine Möglichkeit zum Steigen darbot,
Von weißem Marmor und so mit erhabner
Arbeit geschmückt war, daß nicht Polyklet nur,
Selbst die Natur beschämt hier stehen müßte.
Der Engel, der auf Erden die Gewährung
Des viele Jahr' erweinten Friedens brachte,
Drob sich nach langem Bann der Himmel auftat,
Erschien vor unsern Blicken, so getreulich
Hier eingehaun in liebevoller Stellung,
Daß man ein schweigend Bild zu sehn nicht meinte,
Man hätte schwören mögen, er sag': »Ave«;
Denn hier war jen' im Bild auch, die den Schlüssel
Gedreht, die höchste Lieb' uns aufzuschließen,
Und ausgeprägt im Äußern trug die Worte:
»Ecce ancilla Dei« so unverkennbar
Sie, wie sich eine Form ausdrückt im Wachse.
»Auf einen Ort allein den Sinn nicht richte,«
Begann der süße Meister, der mich hatte
An jener Seite, wo der Mensch das Herz hat.
Drauf wandt' ich mit dem Antlitz mich, und hinter
Maria sah ich an dem Hang dorthin zu,
Wo jener stand, der meinen Schritt bewegte,
Ein andres Bild im Felsen eingesetzet;
Drum ging ich bei Virgil vorbei, und näher
Trat ich, daß es dem Blick erreichbar würde.
In gleichen Marmor eingehaun war Karr'n hier
Und Stiergespann, die heil'ge Arche ziehend,
Darob nichtübertragnes Amt man scheuet;
Davor kam Volk, in sieben Chöre sämtlich
Geteilt, von dem zwei meiner Sinne sagten,
Der eine, »nein,« der andere: »ja, es singet.«
Auf gleiche Weise ließ der Dampf des Weihrauchs,
Der hier war abgebildet, Aug' und Nase
Durch Ja und Nein in Zwietracht mir geraten.
Einher kam vor dem heiligen Gefäß hier
Hochspringend der demüt'ge Psalmensänger,
Der mehr dabei und minder war als König.
Genüber dargestellt, an eines großen
Palastes Fenster sah man Michol staunen,
Ein zornig Weib, verächtlich niederblickend.
Den Fuß bewegt' ich drauf von seiner Stelle,
Ein anderes Bild von nahem zu betrachten,
Das hinter Michol weißlich mir erglänzte.
Hier war im Bild der hehre Ruhm zu schauen
Des Römerfürsten, ob des großer Tugend
Gregor getrieben ward zum großen Siege,
Trajans, des Kaisers, mein' ich, und am Zügel
Des Rosses stand ihm eine arme Witwe,
Die Tränen ließ und Schmerz an sich erkennen.
Ringsher um ihn erschien, zahlreich gedränget,
Ein Troß von Reitern, und die goldnen Adler
Bewegten scheinbar drüber sich im Winde.
Die Unglückselige in jener Mitte
Schien so zu sprechen: »Schaff mir Rache wegen
Des Sohnes Mord, o Herr, drob ich mich gräme.«
Und er zu ihr entgegnen: »Warte jetzt noch,
Bis heim ich kehr'.« Und sie drauf: »Mein Gebieter!«
Gleich einem, den der Schmerz beeilt: »Wenn heim du
Nicht kehrst?« und er: »Wer dann an meiner Stelle,
Schafft Rache dir?« und sie: »Des andern Rechttun,
Was hilft dir's, wenn des eignen du vergissest?«
Drauf er: »Jetzt tröste dich; denn zu erfüllen
Ziemt's mir die Pflicht, eh' ich von dannen ziehe,
Das Recht erheischt's, und Mitleid hält zurück mich.«
Hervorgebracht hat er, dem nimmer Neues
Erschienen ist, dies sichtbarliche Sprechen,
Das neu uns nur, weil es sich hier nicht findet,
Weil ich an der Betrachtung mich der Bilder
So viel demüt'ger Handlungen ergötzte,
Die schon ob ihres Bildners wert zu sehn sind.
»Sieh dort das viele Volk von dieser Seite, –
Doch langsam schreitet's« – raunt' mir zu der Dichter,
»Das wird einweisen uns zu höhern Stufen.«
Mein Auge, das beschäftigt war mit Schauen,
Um Neuigkeiten, drauf es ist begierig,
Zu sehn, war träg nicht, sich nach ihm zu wenden.
Doch wollt' ich, Leser, nicht, daß du am guten
Vorsatz ermatten möchtest, wenn du hörest,
Wie Gott will, daß die Schuld bezahlt hier werde.
Stoß' an die Art der Qual dich nicht, bedenke
Die Folge, denke, daß im schlimmsten Falle
Sie doch den großen Spruch nicht überdauert.
Ich drauf: ›Was, Meister, auf uns zu dort kommen
Ich seh', nicht scheinen's menschliche Gestalten,
Doch weiß ich nicht, ob sich mein Blick nicht täuschet.‹
Und er zu mir drauf: »Ihrer Qualen läst'ge
Beschaffenheit krümmt also sie zu Boden,
Daß meine Augen auch erst Kampf drob hatten.
Doch schau' dorthin fest, und was unter jenem
Felsblocke naht, entwirr' mit deinem Blicke.
Schon kannst du sehn, wie jeglicher zerquetscht wird.«
O stolze Christen, unglücksel'ge Müde,
Die, krank am geistigen Gesicht, ihr euer
Vertrauen setzet auf verkehrten Wandel,
Begreifet ihr denn nicht, daß wir Gewürm sind,
Bestimmt, den Himmelsschmetterling zu bilden,
Der schirmlos zur Gerechtigkeit sich aufschwingt!
Was blähet euer Geist so hoch sich, da ihr
Doch nur, gleich unvollendeten Insekten,
Den Würmern gleich seid mit verfehlter Bildung.
Wie man, sei's einem Dach, sei's einer Decke
Zur Stütze manchmal wohl als Kragstein eine
Gestalt erblicket mit dem Knie am Busen,
So daß aus dem, was nicht wahr, wahrer Kummer
Entsteht dem, der es sieht, also gestaltet
Sah jen' ich, als ich sorglich drauf gemerket;
Zwar waren mehr gekrümmt sie oder minder,
Nachdem mehr oder mindre Last sie trugen,
Und wer zumeist Geduld im Äußern zeigte,
Schien weinend doch zu sagen: »Mehr nicht kann ich.«
»O, Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Zwar nicht umschlossen, doch durch größre Liebe
Zu jenen ersten Wirkungen dort oben,
Gepriesen sein dein Nam' und deine Stärke
Von jeder Kreatur, wie sich's gebühret,
Daß deinen süßen Duft man dankend rühme.
Uns komme zu der Frieden deines Reiches,
Weil aus uns selbst wir zu ihm hin nicht können,
Wenn er nicht kommt, so viel wir immer sinnen.
Gleich wie den eignen Willen deine Engel,
Hosanna singend, dir zum Opfer bringen,
So sei's auch bei den Menschen mit dem ihren.
Das Manna gib, das tägliche, uns heute,
Da ohn' in dieser rauhen Wüste rückwärts
Nur geht, wer sich am meisten müht zu wandern.
Und wie das Übel, welches wir erlitten,
Wir jeglichem verzeihn, o so verzeihe
Auch du voll Güt' uns, aufs Verdienst nicht schauend.
Führ' unsre Tugend, die so leicht erlieget,
Nicht durch den alten Gegner in Versuchung,
Nein, mach' uns frei von ihm, der so sie quälet.
Die letzte Bitte, lieber Herr, verrichten
Wir für uns selbst nicht, die wir's nicht bedürfen,
Für jen' allein, die hinter uns geblieben.«
So gingen, sich und uns ein glücklich Pilgern
Erflehend, jene Schatten, von den Lasten
Gedrückt, gleich wie's im Traum uns manchmal vorkommt,
Verschiedentlich beängstet all' im Kreise,
Und müd' umher hier auf dem ersten Simse,
Sich von der Finsternis der Welt zu säubern.
Spricht jenseits uns zum Heil man stets, was können
Für sie wohl diesseits jene tun und sprechen,
Die da des Wollens gute Wurzel haben.
Zu helfen ziemt's, die Flecken abzuwaschen,
Die sie von dannen trugen, so daß rein sie
Und leicht enteilen zu den Sternenkreisen.
»O, wenn Gerechtigkeit euch und Erbarmen
Bald soll entlasten, so daß ihr die Schwinge
Bewegen könnt, die euch nach Wunsch erhebe,
Zeigt an, zu welcher Hand es zu der Stiege
Am nächsten, und wenn's mehr denn einen Pfad gibt,
Lehrt den, des Abfall minder schroff, uns kennen.
Denn ob der Wucht von Adams Fleisch, damit er
Sich kleidet, ist, der mit mir kommt, entgegen
Dem eignen Willen, karg im Aufwärtssteigen.«
Von wem die Worte kamen, die auf jene,
So der sprach, dem ich folgt', entgegnet wurden,
War nicht zu unterscheiden zwar, doch hörte
Man sagen: »Rechter Hand kommt auf dem Strande
Mit uns; dort werdet ihr den Aufgang finden,
Der zu ersteigen ist Lebend'gen möglich!
Und wenn ich nicht behindert wär' vom Felsen,
Der meinen stolzen Nacken niederzwinget,
Drob ich das Antlitz tiefgebeugt muß tragen,
Würd' ihn ich, der noch lebt und sich nicht nennet,
Betrachten, um zu sehn, ob ich ihn kenne,
Und Mitleid ob der Last in ihm zu wecken.
Lateiner war ich selbst; ein mächt'ger Tuscier,
Wilhelm Aldobrandesco mein Erzeuger;
Nicht weiß ich, ob sein Nam' euch je erreicht hat,
Das alte Blut, die ritterlichen Taten
Der Ahnherrn machten mich so übermütig,
Daß, unser aller Mutter schier vergessend,
Ich jeden so verachtete, daß drüber
Ich starb, wie die Sieneser wissen, wie es
In Campagnatico jedwedes Kind weiß.
Humbert bin ich, und Schaden hat der Hochmut
Mir nicht allein getan; denn all' die Meinen
Hat er mit sich ins Unglück fortgerissen.
Und hier muß seinethalb die Last ich tragen,
So lang ich Gott genuggetan nicht habe,
Weil ich's nicht lebend tat, hier bei den Toten.«
Mein Angesicht beugt' ich zuhorchend nieder,
Und einer (nicht der eben sprach) aus ihnen
Wandt' unter dem Gewicht sich, das ihn hemmte,
Und sah mich und erkannte mich und rufte,
Die Augen nur mit Müh' auf mich geheftet,
Mir zu, der ganz gebeugt mit ihnen hinging.
›O,‹ sprach ich jetzt, ›bist du nicht Oderisi,
Agubbios Stolz, die Ehre jener Kunst nicht,
Die zu Paris man nennt Illuminieren?‹
»O Bruder,« sprach er, »schöner lächeln Blätter,
Die Franco Bologneses Pinsel färbet;
Ganz ist jetzt sein die Ehre, mein nur teilweis.
Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen,
Weil ich noch lebt', ob der gewalt'gen Gierde,
Die nach Vortrefflichkeit mein Herz erfüllte.
Für solchen Stolz bezahlt man hier die Buße,
Und noch war' hier ich nicht, hätt' ich, da sünd'gen
Ich könnt' annoch, mich nicht zu Gott gewendet.
O eitler Ruhm des menschlichen Vermögens,
Wie kurz das Grün an deinem Wipfel dauert,
Wenn eine rohe Zeit auf dich nicht folget!
Das Feld zu halten glaubte Cimabue
Als Maler, jetzt nennt alles Giottos Namen,
So daß den Ruhm des andern er verdunkelt.
So hat der Sprache Preis dem einen Guido
Der andere geraubt, und wohl geboren
Mag einer sein, der beide jagt vom Neste.
Der Lärm, den in der Welt man macht, nichts ist er
Als Windeswehn, bald hier-, bald dorther kommend,
Das Namen tauscht, weil's Himmelsgegend tauschet.
Bleibt dir mehr Ruhm, wenn alt das Fleisch du abstreifst,
Als wenn du wärst gestorben, eh' ›kling, kling‹ du
Und ›Happchen‹ noch verlernt, nach tausend Jahren,
Was im Vergleich zur Ewigkeit doch kürzer
Ist als ein Wimperschlag zu jenes Kreises
Umlauf, der sich am spät'sten krümmt im Himmel?
Der, welcher hier vor mir vom Weg so wenig
Zurücklegt, hat durchtönt einst ganz Toskana,
Und jetzt raunt kaum von ihm man in Siena,
Drin er geherrschet, als vernichtet worden
Die Florentinsche Wut, die stolz gewesen
Zu jener Zeit, wie jetzt sie ist verworfen.
Nachruhm bei euch ist gleich dem Grün des Grases,
Das kommt und geht, und das dieselbe Sonne
Entfärbt, durch die's der Erd' erst frisch entsproßte.«
Und ich zu ihm: ›Es flößt dein wahres Wort mir
Fein Demut ein, des Stolzes Blähn mir ebnend;
Doch wer ist der, von dem du grade sprachest?‹
Er drauf: »Es ist dies Provenzan Salvani,
Der hier zu finden, weil er sich vermessen,
Siena ganz in seine Hand zu bringen.
So ging er und geht jetzt noch sonder Ruhe,
Seitdem er starb; denn solche Münz' entrichtet
Als Sühnung, wer zu keck jenseits gewesen.«
Und ich: ›Wenn jener Geist, der bis zum Rande
Des Lebens mit der Reu' hat angestanden,
Dort unten weilt und nicht hierher gelanget,
Sofern ihm nicht ein fromm Gebet ist hilfreich,
Eh' so viel Zeit verstreicht, als er verlebet,
Wie ward dann dem gewährt, hierher zu kommen?‹
»Zu seines größten Ruhmes Zeit,« sprach jener,
»Geschah's, daß ungescheut er auf Sienas
Marktplatz sich setzte, jeder Scham entsagend,
Und dort, um aus der Qual den Freund zu retten,
Die er erduldete in Karls Gefängnis,
Tat er, was alle Puls ihm beben machte.
Mehr sag' ich nicht und weiß, ich spreche dunkel,
Doch wenig Zeit verläuft, eh' deine Nachbarn
So tun, daß du dir's wirst erklären können.
Dies Werk hat jenen Bann für ihn gehoben.«
Gepaart gleich Stieren, die im Joche gehen,
Wallt' ich fürbaß mit der beladnen Seele,
So lang's gestattete der süße Lehrer;
Doch als er sprach: »Laß ihn und geh vorüber,
Denn hier geziemt's, mit Segeln und mit Rudern,
Soviel ein jeder kann, sein Schiff zu treiben,«
Da richtet' ich mich auf, wie sich's zum Wandeln
Gebührt dem Leib nach, ob auch die Gedanken
Gebeugt mir blieben und herabgestimmet.
Von dannen mich bewegend, folgt' ich willig
Den Schritten meines Meisters, und schon zeigte
Es an uns beiden sich, wie leicht wir waren,
Als er begann: »Wend' abwärts deine Blicke,
Gut wird dir's sein, den Weg dir zu erleichtern,
Daß deiner Sohlen Bette du betrachtest.«
Wie, um ihr Angedenken zu bewahren,
Auf Grabestafeln über den Begrabnen
Steht abgebildet, was sie sonst gewesen,
Drob man sie dort oft wiederum beweinet,
Von Schmerzen der Erinnerung berühret,
Die für die Frommgesinnten nur ein Sporn ist,
So sah ich hier, doch bessrer Art, mit Bildern
Kunstmäßig ausgeschmückt die ganze Breite
Des Rands, ausladend aus dem Berg als Straße.
Ich sah den, welcher edler war geschaffen
Denn irgendein Geschöpf, auf einer Seite
Gleich einem Blitz herab vom Himmel stürzen;
Ich sah, vom himmlischen Geschoß durchbohret,
Den Briareus zur andern Seite liegen,
Schwer auf der Erd' in Todeskälte lastend;
Ich sah Thymbraeus, ich sah Mars und Pallas
In Waffen noch, den Vater dort umstehend,
Beschaun der Riesen rings verstreute Glieder;
Nimrod sah ich am Fuß des großen Werkes
Verstört hier stehn, die Völker all' betrachtend,
Die stolz mit ihm in Sennaar gewesen.
O Niobe, mit welch schmerzvollem Blicke
Stand'st auf dem Pfad im Bild du zwischen sieben
Und sieben der getöteten Erzeugten!
O Saul, wie schienst entseelt du hier zu liegen,
Auf deinem eignen Schwert zu Gelboe,
Das weder Tau noch Regen mehr dann spürte!
So, törichte Arachne, sah ich dich
Schon halb als Spinne traurig auf den Fetzen
Des Werks, das du zum eignen Weh vollbracht!
O Roboam, schon scheint nicht mehr zu drohen
Dein Abbild hier, nein, voller Schrecken trägt dich
Der Wagen fort, eh' man dich noch verjaget!
Es zeigte noch der Grund auf hartem Pflaster,
Wie hoch das unglückselige Geschmeide
Alkmaeon seine Mutter ließ bezahlen;
Er zeigte, wie der Söhne Paar sich über
Sennacherib im Tempel hingeworfen
Und wie sie tot ihn dann dort liegen ließen;
Er zeigt', wie nach vollbrachter Niederlage
Und grausem Mord Tomyris sprach zu Cyrus:
»Blut hast gedürstet, und mit Blut dich füll' ich!«
Er zeigte, wie geschlagen die Assyrer
Von dannen flohn, als Holofernes tot war,
Und ließ der Marter Überrest auch schauen.
Troja sah ich in Asch' und Räuberhöhlen
Verkehrt. O Ilion, wie schlecht und niedrig
Stellt sich das Bild dar, das man hier erblicket!
Wer ist des Pinsels oder Stifts so Meister,
Daß er die Züg' und Schatten wiedergäbe,
Drob selbst der feinste Sinn hier staunen müßte?
Tot schien, wer tot war, lebend, wer lebendig;
Nicht mehr als ich sah, wer die Tat gesehn hat,
Von dem, was ich betrat, weil ich gebückt ging.
Stolziert nur und geht hin hoffärt'gen Blickes,
Ihr Kinder Evens, und beugt nicht das Antlitz,
Daß eures üblen Pfads gewahr ihr werdet!
Wir hatten mehr schon von dem Berg umgangen
Und gar um vieles mehr vom Lauf der Sonne
Verbraucht, als der befangene Geist vermeinte,
Als jener, der, beständig vorwärts merkend,
Einher ging, so begann: »Richt' auf dein Haupt jetzt,
Es ist nicht Zeit mehr, zögernd so zu wandeln!
Sieh jenen Engel dort, der sich bereitet,
Auf uns zu kommen, sieh, es kehrt zurück schon
die sechste Dienerin vom Dienst des Tages.
Mit Ehrfurcht schmücke dir Gebärd' und Antlitz,
Daß, uns hinaufzuweisen, ihm gefalle,
Bedenk', daß dieser Tag nie wieder aufgeht.«
Wohl war ich schon gewöhnt an seine Warnung,
Nur Zeit nicht zu verlieren, drum er, dunkel
In diesem Stück, mit mir nicht sprechen konnte.
Es nahte sich uns jetzt das schöne Wesen,
Weiß an Gewand und in dem Angesichte
Dem flimmernden Gestirn des Morgens ähnlich.
Er tat die Arm' auf, tat dann auf die Schwingen
Und sprach: »Kommt! In der Näh' hier sind die Stufen,
Und leicht wird es euch nun emporzusteigen.
Gar selten nur kommt man auf solche Kunde,
O menschliches Geschlecht, aufwärts zu fliegen
Erzeugt, wie sinkst bei so geringem Wind du!«
Hinführt' er uns, wo ausgehaun der Fels war,
Dann fächelt' mit den Schwingen er die Stirn mir
Und sicherte mir zu ein glücklich Wandern.
Wie, wenn man rechter Hand den Berg ersteiget,
Drauf liegt die Kirche, so die Stadt beherrschet,
Die wohlgeführt' ob Rubacontes Brücke,
Des Steigens jähe Raschheit wird gebrochen
Durch Stufen, die gelegt in einer Zeit sind,
Wo Buch und Maß noch ungefährdet waren,
So wird gesänftigt hier des Hanges Steile,
Mit der er von dem nächsten Kreis herabfällt,
Doch rechts und links streift an den hohen Fels man.
Als wir dorthin uns jetzt gewandt, da hörten
»Beati pauperes spiritu« wir Stimmen
So singen, wie's kein Wort beschreiben könnte.
0, wie verschieden von den Höllenschlünden
Sind diese hier; denn hier tritt mit Gesängen
Man ein, und dort mit wilden Jammertönen.
Schon stiegen wir empor die heil'gen Staffeln,
Und leichter schien ich mir zu sein um vieles,
Als ich vorher auf ebnem Weg mich fühlte;
Drum ich: ›O Meister, sprich! Welch ein Gewicht hat
Sich wohl von mir gelöset? denn schier keine
Beschwerde mehr verursacht mir das Gehen.‹
Er drauf entgegnet': »Wenn die P, die fast schon
Verlöscht dir auf dem Antlitz sind verblieben,
Dem einen gleich ganz ausgetilgt sind, dann wird
Vom guten Willen so besiegt dein Fuß sein,
Daß keine Müh' nicht nur er fühlt, nein, Lust es
Ihm sein wird, wenn er aufwärts wird getrieben.«
Da macht' ich es gleich jenem, der, nicht wissend,
Daß auf dem Haupt er etwas hat, einhergeht
Und nur es argwöhnt aus der andern Zeichen;
Drum ihm die Hand soll zur Gewißheit helfen,
Und sucht und findet und den Dienst verrichtet,
Den das Gesicht unfähig ist zu leisten,
Und mit geteilten Fingern meiner Rechten
Fand ich nur sechs Buchstaben noch von jenen,
Die auf die Schlaf einschnitt der mit den Schlüsseln.
Drob, solches schauend, lächelte mein Führer.
Wir waren an dem Gipfel jetzt der Stiege,
Allwo zum zweitenmal ist eingeschnitten
Der Berg, der die Ersteigenden entsündigt.
Hier nun umschließet ringsumher die Höhe
Ein Sims, dem ersteren in allem ähnlich,
Nur daß sich zeitiger sein Bogen krümmet;
Nicht Schatten gibt's, noch Bilder hier zu schauen,
Einförmig deckt den Felshang, deckt die Straße
Die graulichbleiche Färbung des Gesteines.
»Wenn hier zu fragen erst wir Leut' erwarten,«
Begann der Dichter, »dann ist wohl zu fürchten,
Daß allzulang sich unsre Wahl verziehe.«
Drauf fest die Augen nach der Sonne richtend,
Nahm er zum Mittelpunkte der Bewegung
Die rechte Seit' und schwenkte seine Linke.
»O holdes Licht, dem trauend ich betrete
Die neue Bahn, so führe du uns,« sprach er,
»So wie sich's ziemt, hier durchgeführt zu werden.
Du wärmst die Welt, du bist's, das sie beleuchtet;
Treibt sonst ein Grund uns nicht in andrer Richtung.
So müssen stets uns leiten deine Strahlen.«
Wieviel man diesseits zählt für eine Meile,
So viel schon waren jenseits wir gegangen
In kurzer Zeitfrist ob des rüst'gen Willens,
Und gegen uns zu hörten, doch nicht sahen
Wir Geister schweben, mit holdsel'ger Rede
Einladung zu dem Mahl der Liebe bietend.
Die erste Stimme, die vorüberschwebte,
» Vinum non habent«, sprach sie ganz vernehmlich,
Es hinter uns aufs neue wiederholend;
Und eh' noch gar nicht mehr sie war zu hören
Ob der Entfernung, rief vorüberziehend
Die zweit': »Orest bin ich,« und sie nicht weilt' auch.
›O,‹ sagt ich, ›Vater, was für Stimmen sind das?‹
Und als ich solches fragte, horch, da sprach schon
Die dritte: »Liebet, die euch Böses taten.«
Der gute Hort jetzt: »Dieser Gürtel geißelt
Des Neids Verschuldung, und von Liebe werden
Geschwungen auch darum der Peitsche Stricke.
Von umgekehrtem Klange muß der Zaum sein;
Nach meiner Meinung wirst du's, denk' ich, hören,
Eh' du zu der Vergebung Paß gelangest.
Doch hefte fest den Blick jetzt durch die Lüfte,
Und Volk wirst du vor uns dort sitzen sehen,
Das insgesamt gereiht ist längs dem Felsen.«
Da tat ich weiter auf als erst die Augen
Und sah, vorschauend, Schatten dort mit Mänteln,
An Farbe nicht verschieden vom Gesteine.
Und als wir etwas weiter vorgekommen,
Da hört' ich: »Bitt' für uns, Maria,« hörte
Michael, Petrus, alle Heil'gen rufen.
Nicht glaub' ich, daß zur Stund' auf Erden wandelt
Ein Mann, so hart, daß er vom Mitgefühle
Ob des, was dann ich sah, bewegt nicht würde.
Denn als ich ihnen war so nah gekommen,
Daß deutlich mir sich jetzt ihr Treiben zeigte,
Da troffen mir von schwerem Leid die Augen.
Ein hären schlecht Gewand schien ihre Hülle,
Und einer stützt' den andern mit der Schulter,
Und alle wurden von dem Strand gestützet.
So stehn oft dürft'ge Blind' an Ablaßstätten,
Um das, was ihnen not tut, zu erbetteln,
Das Haupt der eine über'n andern neigend,
Mitleid in dritten desto mehr zu wecken,
Nicht durch der Worte Klang nur, nein, durch ihren
Anblick auch, der nicht minder brünstig flehet.
Und wie Erblindeten nichts hilft die Sonne,
Also gewähret keinen Teil den Schatten,
Die ich erwähnt, an sich das Licht des Himmels;
Denn aller Lid durchzieht ein Draht von Eisen
Und näht ihr Auge zu, wie Wildfangssperbern
Zu tun man pflegt, weil sonst sie still nicht bleiben.
Unrecht glaubt' ich zu tun, wenn ich vorbeiging,
Die andern seh'nd und nicht gesehn von ihnen,
Drum ich nach meinem weisen Rat mich wandte.
Wohl wußt' er, was der Stumme sagen wollte,
Und darum wartet' er nicht ab mein Fragen,
Nein, sprach zu mir: »Red' und sei klug und bündig.«
Virgil ging neben mir an jenem Saume
Des Simses, wo herab man fallen konnte,
Weil er von keinem Rand dort wird unkränzet.
Zur andern Hand hatt' ich die fleh'nden Schatten,
Die's durch die grause Naht hervor so preßten,
Daß ihre Wangen drob gebadet wurden.
Zu diesen jetzt gewandt: ›O Volk, gesichert,‹
Begann ich, ›einst das hehre Licht zu schauen,
Um das allein sich euer Sehnen kümmert,
Wenn anders Gnade von dem Schaum soll euer
Gewissen lösen, so daß klar hindurch dann
Der Strom des Geistes sich ergießen möge,
Sagt mir (es wird mir dankeswert und lieb sein),
Ist von lateinschem Stamm hier eine Seele
Bei euch? Gut kann's ihr sein, wenn ich's erfahre.‹
»O lieber Bruder, Bürgerin ist jede
Von einer wahren Stadt; doch du willst sagen,
Daß sie als Gast gelebt hat in Italien.«
Solch eine Antwort, deuchte mir, vernahm' ich
Von etwas weiter vor, als wo ich weilte,
Drum ich mich mehr dorthin zu ließ vernehmen.
Hier sah ich unter andern einen Schatten,
Der harrend schien, und fragt'st du: wie? so sagt' ich,
Er hob das Kinn empor nach Blinder Weise.
›O Geist, der sich bezwingt, um aufzusteigen,‹
Sprach er, ›warst du's der Antwort mir gegeben,
Mach' dich durch Namen oder Stadt mir kenntlich,‹
Er drauf: »Ich war Sieneserin und rein'ge
Mit diesen mich von schlimmem Tun durch Zähren,
Geweinet dem, der sich uns schenken möge.
Nicht weise war ich, ob ich gleich Sapia
Mit Namen hieß, und wegen andrer Schaden
Freut' ich weit mehr mich als ob eignen Glückes.
Damit du nun nicht glaubst, daß ich dich täusche,
Hör', ob ich töricht war, wie ich dir sagte.
Als schon sich neigte meiner Jahre Bogen,
War nah bei Colle einst gestoßen meiner
Mitbürger Heer im Feld auf seine Gegner,
Und ich bat Gott um das, was selbst er wollte.
Geschlagen ward's hier und zum herben Pfade
Der Flucht gewandt, und als ich sah das Jagen,
Ergriff mich größre Freud' als irgendeine,
So daß ich, keck empor das Antlitz wendend,
Gott zurief: ›Fürderhin nicht fürcht' ich mehr dich,
Gleich wie die Amsel tat ob kurzer Milde.‹
Am Ende meines Lebens sucht' ich Friede
Mit Gott zu schließen, und es wär' noch meine
Verpflichtung abgezahlet nicht durch Buße,
Wenn meiner nicht im heiligen Gebete
Sich Peter Pettinajo hätt' erinnert,
Der Mitleid trug für mich aus Christenliebe.
Doch wer bist du, der, dich nach unserm Zustand
Erkund'gend, du einhergehst und die Augen
Gelöst hast, wie ich glaub', und atmend redest?«
›Der Augen werd' ich einst hier noch beraubt sein,
Doch kurze Zeit,‹ sprach ich, ›denn wenig Unrecht
Beging ich nur, umwendend sie aus Schelsucht.
Viel größer ist die Furcht, die meine Seele
In Spannung hält ob jener tiefern Marter,
Denn schon drückt mich die Last des untern Simses.‹
Und sie: »Wer führte dich herauf zu uns denn,
Wenn du hinunter wieder glaubst zu kehren?«
Und ich: ›Der hier mit mir ist und kein Wort spricht,
Und lebend bin ich, und von mir drum heische,
Erkorne Seele, willst du, daß ich künftig
Für dich den Fuß, den sterblichen, bewege.‹
»O,« sprach sie drauf, »das ist so neu zu hören,
Daß es gar sehr beweist, daß Gott dich liebe.
Drum hilf zuweilen mir mit deinen Bitten,
Und wenn du je betrittst Toskanas Boden,
So fleh' bei dem ich, was zumeist du wünschest,
Daß meinen Ruf du besserst bei den Meinen.
Du find'st sie unterm eitlen Volk, das, hoffend
Auf Talamone, mehr wird dran verlieren
An Hoffnung, als da's aufgesucht die Diana;
Doch mehr noch büßen ein die Admiräle.«
»Wer ist es, der dort unsern Berg umkreiset,
Bevor ihn noch der Tod zum Flug beschwingt hat,
Und der nach Lust sein Aug' erschließt und zudeckt?
Nicht, wer er sei, doch, daß er nicht allein ist,
Weiß ich; frag' du ihn, denn du bist ihm näher,
Und grüß' ihn freundlich, daß er Red' uns stehe.«
Also besprachen sich hier rechts zwei Geister,
Einander zugeneigt, von mir und legten
Das Antlitz rücklings dann, mit mir zu reden.
Und einer sprach: »O, Seele, die, gebannt noch
Im Leib des Todes, du gen Himmel wallest,
Beruhig' uns aus Liebe und erklär' uns,
Woher du kommst und wer du bist; denn also
Macht staunen uns die dir erzeigte Gnade,
Wie sich's für etwas ziemt, das nie noch da war.«
Und ich drauf: ›Mitten durch Toskana wallet
Ein Flüßchen, das am Falteron' entspringet,
Und dem ein Lauf nicht gnügt von hundert Meilen;
Von seinem Strande bring' ich diesen Leib her.
Zu sagen, wer ich sei, wär' fruchtlos Reden;
Denn großen Klang nicht hat annoch mein Name.‹
»Dafern ich deine Meinung ganz durchdringe
Mit dem Verstand,« gab, wer zuerst gesprochen,
Zur Antwort dann, »so redest du vom Arno.«
Der andre drauf zu ihm: »Warum hat dieser
Den Namen jenes Flusses nur verborgen,
So wie man tut mit grauenvollen Dingen?«
Und jener Schatten, der befragt war worden,
Entlud sich so: »Ich weiß nicht, doch wohl ziemt sich's,
Daß dieses Tals Benennung untergehe;
Denn vom Beginn, wo so das Hochgebirge,
Davon Pelor' getrennt ward, ist geschwängert,
Daß wenig Stellen nur darüber reichen,
Bis wo er als Ersatz sich selbst zurückgibt
Für das, was aus dem Meer der Himmel sauget,
Draus, was in ihnen strömt, die Flüss' erhalten,
Wird von jedwedem, gleich der Schlang' als Feindin,
Die Tugend weggescheucht, sei's ob des Unsterns
Des Ortes, sei's weil böse Sitte reizet;
Darob des jammervollen Tals Bewohnern
Ihr Wesen so verkehrt ward, daß es scheinet,
Als habe Circe sie auf ihrer Weide.
An wüsten Schweinen hin, der Eicheln würd'ger
Als andrer Kost, für Menschen zubereitet,
Sieht ärmlich man zuerst den Lauf ihn richten.
Er findet Kläffer dann, wenn er hinabkommt,
Weit keifender, als ihre Stärke heischet,
Und wendet ab unwillig seine Schnauze.
Er sinkt noch weiter, und je mehr er anwächst,
Sieht um so mehr aus Hunden Wölfe werden
Der unglückselige, verfluchte Graben.
Wenn er darauf durch andre tiefe Schluchten
Entstürzt ist, trifft er Füchse, so voll Arglist,
Daß keinen Witz sie scheun, der sie besiege,
Und schweigen werd' ich nicht, ob man mich hör' auch;
Denn gut wird's dem sein, wenn er des einst denket.
Was ein wahrhaft'ger Geist mir jetzt enthüllet.
Ich sehe, wie dein Enkel, der zum Jäger
Wird jener Wölfe werden, dort am Ufer
Des grausen Stromes insgesamt sie aufschreckt;
Ihr Fleisch verkauft er bei lebend'gem Leibe,
Dann schlachtet er sie hin gleich altem Viehe,
Beraubt des Lebens viel' und sich der Ehre.
Bluttriefend kommt er aus dem Jammerwalde,
Verläßt ihn so, daß er in tausend Jahren
Von jetzt, nicht wie er war, sich neu bewaldet.«
Wie bei Verkünd'gung künft'gen Mißgeschickes
Das Antlitz wird verstört dem, der sie höret,
Von welcher Seit' auch die Gefahr ihn fasse,
So sah die andre Seel' ich, die zum Horchen
Gewendet war, verstört und traurig werden,
Als jenes Wort in sich sie aufgenommen.
Der einen Rede gab, der andern Anblick
Den Wunsch mir, ihre Namen zu erfahren,
Drob eine Frag' ich tat, gemischt mit Bitten,
Darauf der Geist, der erst mit mir gesprochen,
Aufs neu' begann: »Du willst dahin mich bringen,
Daß ich dir tue, was du mir nicht tun willst.
Doch da Gott seine Gnad' in dir so sehr will
Durchschimmern lassen, werd' ich dir nicht karg sein;
So wisse denn, ich bin Guido del Duca.
Vom Neid ist so verbrannt mein Blut gewesen,
Daß, hätt' ich jemand froh gesehn, so würdest
Mit Blässe du bedeckt gesehn mich haben.
Von meinem Samen ernt' ich solches Stroh hier;
O menschliches Geschlecht, was hängst dein Herz du
An das, wobei zulässig nicht Gemeinschaft!
Dies ist Rinier, dies ist der Preis, die Ehre
Des Hauses Calboli, aus dem dann keiner
Zum Erben seiner Tugend sich gemacht hat;
Und sein Geschlecht allein nicht ist beraubet
Vom Po zum Berg, vom Meeresstrand zum Reno
Der Güter, die zu Lust und Wahrheit dienen.
Denn zwischen jenen Grenzen wimmelt alles
Von gift'gen Sträuchern, so daß wohl der Anbau
Zu spät, sie auszuroden, jetzo käme.
Der gute Lizius, Peter Traversaro,
Heinrich Manard und Guido von Carpigna,
Wo sind sie? O, der Bastardbrut Romagnas,
Weil in Bologn' ein Fabbro, in Faenza
Treibt neue Wurzeln Bernardin von Fosco,
Ein edles Reis, aus niederm Keim entsprossen.
Verwundre dich nicht, daß ich weine, Tuscier,
Wenn ich gedenke nebst Guido da Prata
Ugolin's d' Azzo, der mit uns gelebt hat,
Friedrich Tignosos nebst der Schar, des Hauses
Der Traversara denk' und Anastagi,
Und dies Geschlecht wie jenes ist enterbt jetzt,
Der Ritter und der Frau'n, der Müh'n und Freuden,
Die Lieb' und adlig Wesen uns bereitet,
Wo jetzt die Herzen sind so schlimm geworden.
O Bertinoro, warum nicht entfleuchst du,
Da sich dein Haus von dannen hat gewendet
Und vieles Volk, nicht lasterhaft zu werden.
Wohl tut Bagnacaval, nicht mehr zu zeugen,
Und schlecht tut Castrocar, und schlimmer Conio,
Der ferner strebt, zu zeugen solche Grafen.
Wohl werden die Pagani tun, wenn fort einst
Ihr Teufel ist gegangen, doch nicht also,
Daß fürder unbefleckt ihr Leumund bliebe.
O Ugolin de' Fantolin, dein Name
Ist sicher, da man keinen mehr erwartet,
Der durch Entartung ihn verdunkeln könnte!
Doch geh von dannen, Tuscier; denn zu weinen
Gelüstet's jetzt weit mehr mich als zu sprechen,
So hat mir dies Gespräch das Herz beklemmet.«
Wir wußten, daß uns jene werten Seelen
Gehn hörten, und darum gab uns ihr Schweigen
Die Zuversicht, daß wir auf rechtem Wege.
Als wir fortschreitend nun allein uns fanden,
Kam gleich dem Blitze, der die Luft durchschneidet,
Entgegen eine Stimm' uns, also sprechend:
»Erschlagen wird mich jeder, der mich antrifft!«
Und schwand gleich einem Donner, der verhallet,
Nachdem die Wolke plötzlich er zerrissen,
Und als kaum unser Ohr Ruh' vor ihm hatte,
Horch! eine andre mit so mächt'gem Krachen,
Daß sie dem Donner glich, der Schlag auf Schlag folgt:
»Ich bin Aglauros, die zum Felsen wurde!« –
Darauf, mich an den Dichter anzuschmiegen,
Den Schritt ich rückwärts und nicht vorwärts setzte.
Schon waren allerseits gestillt die Lüfte,
Und jener: »Das Gebiß ist dies, das harte,
Das in den Schranken sollt' euch Menschen halten.
Doch ihr schnappt nach dem Köder, und so zieht euch
An sich des alten Gegners Angelhaken;
Drum helfen Zaum und Lockruf euch nur wenig.
Zu sich ruft euch der Himmel, euch umkreist er,
Euch seine ew'gen Herrlichkeiten zeigend,
Und doch schaut euer Auge nur zur Erde;
Drum züchtigt euch, der alles unterscheidet.«
Soviel als von dem Anbeginn des Tages
Bis zu der dritten Stunde Schluß vom Kreise
Sich zeigt, der, einem Kind gleich, stets umherspielt,
Soviel schien bis zum Untergang der Sonne
Von ihrem Lauf schon übrig nur zu bleiben;
Dort war es Vesperzeit, und Mitternacht hier.
Und mitten traf der Strahl uns an der Nase,
Weil dergestalt den Berg umkreist wir hatten,
Daß grade schon gen Niedergang wir wallten,
Als ich die Stirne mir von Glanz beschweret
Weit mehr als früher fühlte, und Erstaunen
Ob solches nie gekannten Dings mich faßte,
Weshalb empor zum Gipfel meiner Brauen
Ich hob die Hand und einen Schirm mir machte,
Das Licht zu dämpfen, das von oben einfiel.
Wie, wenn der Strahl vom Wasser oder Spiegel
Abspringt nach der entgegenstehnden Seite,
In eben jener Weis', als er herabfiel,
Empor nun steigend, und auf gleiche Höhe
Vom Fall des Steines gleich entfernt sich haltend,
Wie Wissenschaft uns und Erfahrung zeiget;
So glaubt' ich, vom zurückgeprallten Lichte
Allhier vor mir getroffen mich zu fühlen,
Drob mein Gesicht behend zur Flucht sich wandte.
›Was, süßer Vater, ist's, vor dem das Aug' ich
Nicht so kann schirmen,‹ sprach ich, ›daß mir's helfe.
Und uns entgegen scheint sich's zu bewegen?‹
»Verwundere dich nicht, wenn noch dich blendet,«
Entgegnet' er, »die Dienerschaft des Himmels;
Ein Bote ist es, der zum Steigen ladet.
Bald wird's geschehn, daß, solcherlei zu schauen,
Nicht lästig mehr, nein, Lust dir wird, so viel als
Dich die Natur geschickt zu fühlen machte.«
Als jetzt wir zu dem heil'gen Engel kamen,
Sprach er mit heitrer Stimme: »Tretet ein hier
Zur Stiege, die so steil nicht als die andern.«
Drauf stiegen wir empor, von dort entfernt schon,
Da ward gesungen hinter uns: »Beati
Misericordes« und: »Erfreu' dich, Sieger!«
Wir gingen aufwärts beide jetzt, mein Meister
Und ich allein, und wandernd so, gedacht' ich,
Aus seinen Worten Nutzen mir zu schaffen,
Und wandte mich an ihn, also ihn fragend:
›Was meinte jener Geist wohl aus Romagna
Von »nicht zulässig« sprechend und »Gemeinschaft«?‹
Und er zu mir drum: »Seines größten Fehlers
Nachteil erkennt er; drum ist's nicht zu wundern,
Wenn er ihn rügt, daß minder drob man weine.
Weil dorthin eure Wünsche sind gerichtet,
Wo durch Genossenschaft ein Teil muß schwinden,
Bewegt der Neid den Seufzern das Gebläse.
Doch wenn die Liebe zu dem höchsten Kreise
Nach oben richtete all euer Sehnen,
Würd' in der Brust euch diese Furcht nicht weilen;
Denn dort je mehr man unser nennt des Guten,
Um so viel mehr besitzt davon ein jeder,
Und glüht von größrer Lieb' in jenem Chore.«
›Mehr fühl' ich nach Befriedigung jetzt Hunger,‹
Sprach ich, ›als wenn ich erst geschwiegen hätte,
Und mehr des Zweifels eint in meinem Sinn sich.
Wie mag's geschehn, daß eines Guts Verteilung
Die mehreren Besitzer mehr bereichre
Durch selbes, als wenn's wen'ge nur besäßen?‹
Und er zu mir: »Weil du nun immer wieder
Den Sinn nur auf die ird'schen Dinge heftest.
So klaubst du Finsternis aus wahrem Lichte.
Das endlos', unnennbare Gut, das droben
Befindlich ist, eilt also zu der Liebe,
Wie sich der Strahl glanzvollem Körper einet,
Dem er so viel an Glut gibt, als er findet,
So daß, je mehr die Liebe sich verbreitet,
Um desto mehr ihr wächst die ew'ge Stärke.
Und wenn sich droben mehr' verstehn, gibt's mehr dort
Des Guten auch zu lieben, und mehr liebt man,
Sich's Spiegeln gleich zurück einander strahlend.
Doch sollte mein Beweis dich nicht ersätt'gen,
So find'st Beatrix du, die gänzlich diesen
Und jeden andern Wunsch dir wird entnehmen.
Schaff' nur, daß insgesamt vertilgt bald werden,
Wie's zwei schon sind, die übrigen fünf Wunden,
Die sich dadurch nur schließen, daß sie schmerzen.«
Als grad ich sagen wollte: ›Du begnügst mich,‹
Sah ich mich angelangt am nächsten Kreise,
Drob Schweigen mir gebot der Augen Neugier.
Allhier glaubt' ich urplötzlich mich in eine
Verzückte Vision emporgezogen,
Und vieles Volk zu schaun in einem Tempel,
Und daß ein Weib mit süßer, mütterlicher
Gebärd' im Augenblick des Eintritts sage:
»Mein Sohn, warum hast dieses du getan uns?
Denn sieh, mit Schmerzen haben wir, dein Vater
Und ich, gesucht dich.« Und als drauf sie still ward,
Da war, was erst erschienen mir, verschwunden.
Drauf eine andr' ich sah, der jenes Wasser
Die Wang' herabfloß, das der Schmerz macht träufeln,
Wenn großer Unwill, ihn erzeugt auf andre.
Und also sprach sie: »Wenn du Herr der Stadt bist,
Um deren Namen so die Götter stritten,
Und der jedwede Wissenschaft entstrahlet,
So räche dich an den verwegnen Armen,
Die unser Kind, o Pisistrat, umfangen.«
Und der Gebieter schien mir mild und gütig,
Voll Mäßigung im Antlitz, zu entgegnen:
»Was sollen dem wir, der uns Böses wünschet,
Nur tun, wenn, wer uns liebt, von uns verdammt wird?«
Darauf erblickt' ich zornentbrannte Männer,
Die einen Jüngling töteten mit Steinen,
Einander laut zurufend: »Martert, martert!«
Und jenen sah gebeuget ich vom Tode,
Der ihn schon zu der Erde niederdrückte,
Doch stets der Augen Tor dem Himmel öffnend.
Zum höchsten Herrn in solchem Kampfe beten,
Daß denen er verzeih', die ihn verfolgten,
Mit jenem Blick, dem sich das Mitleid aufschließt.
Als sich mein Geist nach außen auf die Dinge,
Die außerhalb von ihm noch wahr sind, wandle,
Erkannt' ich meine Täuschung, die nicht falsch war.
Mein Hort, der sehn mich konnte, wie gleich jenem
Ich tat, der von dem Schlummer los sich windet,
Begann: »Was ist's, daß du dich nicht kannst halten,
Und gingst schon mehr als eine halbe Stunde
Geschlossnen Blicks, verwickelt mit den Beinen,
Wie der, den Wein macht oder Schlummer taumeln?«
›O süßer Vater, wenn du mich willst hören,
So sag' ich dir,‹ sprach ich, ›was mir erschienen,
Indes ich so nicht mächtig war der Beine.‹
Und er: »Wenn überm Antlitz hundert Larven
Du hättest auch, doch würden mir von deinen
Gedanken selbst die kleinsten nicht verhüllt sein.
Das, was du sahst, geschah, damit dein Herz du
Zu öffnen dich nicht weigerst jenen Wässern
Des Friedens, die dem ew'gen Quell entströmen.
›Was ist dir?‹ fragt' ich, nicht aus gleichem Grunde
Wie jener, der nur mit dem Auge schauet,
Das nicht mehr sehn kann, wenn entseelt der Leib liegt.
Ich fragt', um Stärke deinem Fuß zu geben;
So ziemt's, die Langsamträgen anzuspornen,
Ihr Wachsein zu benutzen, wenn es heimkehrt.«
Wir wallten durch den Abend, vorwärts merkend,
So weit hin, als entgegenschweifen konnte
Der Blick des Niederganges letzten Strahlen;
Und siehe, nach und nach erhob ein Rauch sich
Jetzt gegen uns, der dunkel gleich der Nacht war,
Und keine Stätte gab's, ihm zu entgehen;
Der raubt' das Aug' uns und die reinen Lüfte.
Der Hölle Dunkel selbst und solcher Nächte,
Wo kein Planet scheint, unter ödem Himmel,
Von Wolken, so viel möglich, noch verfinstert,
Nicht wär' sie meinem Angesicht ein Schleier
So dicht und dem Gefühl so rauh gewesen,
Als jener Dampf war, der uns hier bedeckte
Und uns das Auge ließ nicht offen halten;
Darum mein einsichtsvoll und treu Geleite
Mir näher trat und seine Schulter anbot.
Gleich wie der Blinde hinterm Führer hergeht,
Daß er sich nicht verirr' und stoß' an etwas,
Das ihn beläst'ge oder gar ihn töte,
Ging hin ich durch die herben schmutz'gen Lüfte,
Dem Führer horchend, der zu mir nur sagte:
»Gib acht, daß du von mir getrennt nicht werdest.«
Ich hörte Stimmen, und jedwede schien mir
Um Frieden und Barmherzigkeit zu flehen
Zum Lamme Gottes, das die Sünden hinnimmt.
Mit »Agnus Dei« hoben an sie sämtlich;
In allen war ein Wort und eine Weise,
So daß nur Eintracht alles schien bei ihnen.
›Das sind wohl Seelen, was ich, Meister, höre?‹
Sprach ich, und er zu mir drauf: »Recht bemerkst du,
Und also lösen sie des Zornmuts Bande.«
»Wer bist du nur, der, unsern Rauch durchschneidend,
Du so von uns doch redest, gleich als ob du
Die Zeit noch immer nach Kalenden teiltest?«
So sprach der Stimmen eine, drob mein Meister
Zu mir begann: »Antworte drauf und frage,
Ob man empor auf dieser Seite steiget.«
Und ich drauf: ›0 Geschöpf, das hier sich reinigt,
Um schön zu seinem Schöpfer heimzukehren,
Wenn du mir folgst, sollst Wunder du vernehmen.‹
»Ich folge dir, so weit es mir erlaubt ist,«
Antwortet' er, »und ob wir vor dem Rauch uns
Nicht sehn, hält uns vereint dafür das Hören.«
Drauf hob ich also an: ›Mit jenen Banden,
Davon der Tod uns löst, steig' ich nach oben,
Und durch die Angst der Hölle kam hierher ich,
Und da Gott also mich zu Gnaden aufnahm,
Daß schauen er mich seinen Hof will lassen
In einer Art, ganz neurer Sitt' entgegen,
Verbirg mir nicht, wer vor dem Tod du warest;
Nein, sag's und sag', ob recht zum Paß ich gehe;
Denn als Geleite wird dein Wort uns dienen.‹
»Ich war Lombard und hieß mit Namen Markus;
Die Welt kannt' ich und liebte jene Tugend,
Nach der jetzt niemand mehr den Bogen spannet.
Emporzusteigen gehst du rechten Weges,«
So gab zur Antwort er, beifügend: »Bitte
Für mich, ich bitte, wenn du droben sein wirst.«
Ich drauf: ›Ich binde mich bei Treu' und Glauben
Zu tun, was du verlangst; doch macht ein Zweifel
Mich bersten, wenn ich sein mich nicht entlade.
Erst war er einfach und ist jetzt verdoppelt
Durch deinen Spruch, der hier und anderswo mir
Des gibt Gewißheit, dran sich jener anknöpft.
Die Welt ist in der Tat also verödet
An jeder Tugend, wie du mir gekündet,
Und so geschwängert und bedeckt mit Bosheit.
Doch laß, bitt' ich, den Grund davon mich wissen,
Daß ich ihn seh' und andern zeigen möge;
Denn der sucht ihn im Himmel, der hinieden
Ein tiefes Seufzen, das in Ach zusammen
Der Schmerz zog, haucht' er aus und sprach drauf: »Bruder,
Die Welt ist blind, und wohl von ihr her kommst du.
Ihr, die ihr lebt, legt jede Ursach' immer
Dem Himmel droben bei, gleich als ob alles
Mit sich er durch Notwendigkeit bewege.
Wenn dem so wäre, würd' in euch zerstört sein
Der freie Will', und nicht Gerechtigkeit wär's
Wenn Gutem Wonne, Leid dem Bösen folgte.
Anstoß gibt euern Regungen der Himmel;
Nicht sag' ich allen, doch gesetzt, ich sagt' es,
Dennoch habt ihr ein Licht fürs Gut' und Böse
Und Willensfreiheit, die, wenn unermüdet
Den ersten Kampf sie mit dem Himmel aushält,
Dann, wohlgenährt, auch alles überwindet.
Ihr unterwerft euch größrer Kraft und bessrer
Natur aus freier Wahl, und diese schafft dann
Den Sinn in euch, den nichts der Himmel kümmert.
Drum wenn die gegenwärt'ge Welt verirrt ist,
Liegt nur der Grund in euch, in euch nur sucht ihn;
Des werd' ich jetzt dir sein ein treuer Späher.
Hervor kommt aus der Hand des, der mit Lust sie
Betrachtet', eh' sie ward, gleich einem Mägdlein,
Das kindisch tut beim Lachen wie beim Weinen,
Einfältiglich die Seele, die nichts weiß noch,
Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern nach dem sich kehrt, was sie ergötzet.
Geschmack erst findet sie an kleinem Gute;
Hier täuscht sie sich und jagt ihm nach, lenkt anders
Ein Führer oder Zaum nicht ab ihr Lieben.
Drum braucht's, Zaum anzulegen, der Gesetze,
Des Königes bedarf es, der die Türme
Zum mindesten der wahren Stadt erkenne.
Wohl sind Gesetze da; doch wer legt Hand dran?
Niemand; weil jener Hirte, der vorangeht,
Zwar wiederkau'n kann, doch den Huf nicht spaltet.
Drum auch das Volk, das seinen Führer zielen
Nach jenem Gut nur sieht, wonach es gierig,
Daran allein sich weidend, mehr nichts fordert.
So kannst du sehn denn, wie die schlimme Führung,
Und nicht, daß die Natur in euch verderbt sei,
Der Grund ist, drum die Welt so bös geworden.
Einst pflegte Rom, der guten Ordnung Gründ'rin,
Zwei Sonnen zu besitzen, welche diesen
Und jenen Weg, der Welt und Gottes, zeigten.
Verlöscht hat eine jetzt die andr'; es eint sich
Das Schwert dem Hirtenstab, und so verbunden
Muß sich notwendig beides schlecht behaben,
Dieweil vereint eins nicht das andre fürchtet.
Willst mir du glauben nicht, merk' auf die Ähren;
Denn jeglich Kraut erkennt man an dem Samen.
In jenem Land, das Etsch und Po bewässern,
War Mut und adeliger Sinn zu finden,
Eh' Händel Friederich bekommen hatte.
Jetzt kann mit Sicherheit dort jeder durchziehn,
Der es aus Scham vermeiden will, den Guten
Zu nahen und mit ihnen umzugehen.
Wohl gibt's drei Greise dort noch, drin das alte
Geschlecht das neue schilt, und ihnen dünkt's schon
Zu spät, daß Gott sie setz' in bessres Leben:
Der gute Gerhard, Konrad von Palazzo
Und Guido von Castell, genannt noch besser
Nach Franzmanns Art der einfache Lombarde.
Gesteh' mir also, daß die röm'sche Kirche,
Weil zwei Gestalten sie in sich vermengt hat,
In Schlamm versinkt, sich und die Last besudelnd.«
›Mein Markus,‹ sprach ich drauf, ›du folgerst richtig,
Und jetzt erst seh' ich ein, warum vom Erbe
Die Söhne Levis ausgeschlossen worden.
Doch, welch ein Gerhard ist's, der, wie du sagest,
Als Denkmal des erloschnen Volks zurückblieb,
Ein Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?‹
»Täuscht mich dein Wort wohl, oder will's mich prüfen,«
Antwortet' er, »daß du, toskanisch redend,
Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest?
Beinamen wüßte sonst für ihn ich keinen,
Wär's nicht etwa nach seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch, denn mehr mit euch nicht komm' ich.
Seht, wie weiß schimmernd durch den Rauch das Zwielicht
Dort glänzet schon, und mir geziemt's, zu scheiden,
Eh' noch der Engel, der dort steht, erscheinet.«
Sprach's, und nicht ferner wollt' auf mich er hören.
Erinnre, Leser, dich, wenn in den Alpen
Dich je ein Nebel überfiel, durch den du
Nur, wie der Maulwurf durch sein Fell, konnt'st sehen,
Wie, wenn sodann die feuchten, dicken Dünste
Sich aufzuziehn beginnen, matten Glanzes
Der Sonne Kugel hinter ihnen durchdringt;
Und nur ein schwaches Abbild wirst du haben
Des, was ich sah, als ich zuerst aufs neue
Die Sonne, die schon unterging, erblickte.
So meinen Schritt dem trauten Schritt des Meisters
Gesellend, trat ich aus der Wolk' entgegen
Dem Strahl, der schon am tiefern Strand erstorben.
O Kraft der Einbildung, die so nach außen
Uns schließt zu Zeiten, daß der Mensch nichts merkte,
Und klängen rings auch tausend Erzdrommeten,
Wer regt dich an, wenn nichts der Sinn dir bietet?
Licht regt dich an, das sich im Himmel bildet,
Sei's von sich selbst, sei's weil's ein Will' entsendet.
Vom Frevel jener, die sich in den Vogel,
Der sich zumeist am Sang ergötzt, verwandelt,
Erschien in meiner Vision der Abdruck,
Und hier ward dergestalt zurückgezogen
Meist Geist in sich jetzt, daß, von außen kommend,
Kein Ding in ihn mehr aufgenommen wurde.
Dann fiel in die entzückte Phantasie mir
Hernieder ein Gekreuzigter, unwillig
Und stolz im Angesicht, und also starb er.
Assuerus stand um ihn, der Groß', und Esther,
Sein Weib, und der gerechte Mardochaeus,
Der so untadelhaft in Wort und Tat war.
Und als nun diese Vision von selber
Zersprang gleich einer Blase, der das Wasser
Entweichet, unter dem sie sich gebildet,
Taucht' im Gesicht ein Mägdelein empor mir,
Das heftig weint' und sprach: »Warum, o Fürstin,
Hast du aus Zorn vernichtet werden wollen?
Du starbst, um nicht Lavinien zu verlieren!
Jetzt hast du mich verloren, und ich, Mutter,
Bejammre deinen Fall noch vor dem seinen.«
Wie, wenn auf einmal die geschlossnen Augen
Ein neues Licht berührt, sich bricht der Schlummer,
Der schon gebrochen zuckt, eh' ganz er hinstirbt,
Also fiel meine Vision jetzt nieder,
Sobald das Antlitz mir ein Licht berührte,
Um vieles stärker, als wir's sonst gewohnt sind
Ich wandte mich, zu wissen, wo ich wäre,
Als eine Stimme sprach: »Hier steigt man aufwärts!«
Die von jedwedem andern Zweck mich abzog
Und mir so rüstiges Verlangen eingab,
Zu schaun, wer jener sei, der jetzt geredet,
Daß es geruht nicht hätte, bis er standhielt.
Doch wie die Sonne unsern Blick belästigt,
Durch übermäß'gen Glanz ihr Bild verschleiernd,
So mußte meine Kraft hier unterliegen.
»Ein Himmelsgeist ist dies, der uns die Straße
Zum Aufwärtssteigen weist unaufgefordert
Und mit dem eignen Licht sich selbst verhüllet.
Er macht's mit uns, wie's mit sich selbst der Mensch macht;
Denn wer die Not sieht und aufs Bitten wartet,
Der legt sich auch schon böslich aufs Verweigern.
Mög' unser Fuß jetzt solcher Ladung folgen!
Laßt uns zu steigen trachten, eh' es dunkelt;
Denn dann nicht geht's mehr, bis der Tag zurückkehrt.«
So sprach mein Führer, und wir beide wandten
Jetzt unsre Schritte hin zu einer Stiege,
Und angelangt dann bei der ersten Stufe,
Hört' ich mir nah wie Flügelschlag und fühlte
Ein Wehn im Antlitz und vernahm: »Beati
Pacifici, die frei von bösem Zorn sind!«
Schon waren über uns so weit erhoben
Die letzten Sonnenstrahlen, drauf die Nacht folgt,
Daß von verschiednen Seiten Stern' erschienen.
›O meine Kraft, wie schwind'st du also!‹ sagte
Ich zu mir selber, weil ich das Vermögen
Der Füß' in Ohnmacht mir versetzet fühlte.
Wir standen jetzt, wo ferner nicht emporsteigt
Die Stiege mehr, und waren festgebannet,
Dem Schiff gleich, das am Strand ist angelaufen.
Ein wenig merkt' ich auf, ob irgend etwas
Im neuen Kreis ich wohl vernehmen möchte;
Dann wandt' ich mich zum Meister hin und sagte:
›Sprich, süßer Vater, welcherlei Beleid'gung
Wird in dem Kreis hier, wo wir sind, getilget?
Steht gleich der Fuß, so steh doch still dein Wort nicht.‹
Und er: »Des Guten Lieb', in Pflichten säumig,
Wird hier gebessert; hier holt wieder ein man
Durch frischen Ruderschlag die schlimme Zögrung.
Doch daß du offenbarer dies erkennest,
So wende zu den Sinn mir, um in etwas
Doch vom Verweilen gute Frucht zu haben.
Der Schöpfer nicht, noch ein Geschöpf war jemals,
Mein Sohn,« begann er, »sonder Liebe, sei es
Natürlicher, sei's seelischer. Du weißt es,
Stets frei war die natürliche vom Irrtum;
Doch irren kann durch schlechtes Ziel die andre
Und durch zu viel und durch zu wenig Stärke.
Solang sie nach den ersten Gütern strebet
Und im Betreff der zweiten rechtes Maß hält,
Kann böser Lust sie nimmer Ursach' werden.
Doch kehrt sie sich zum Bösen, oder jaget
Mehr oder minder, als sie soll, nach Gutem,
Braucht das Geschöpf sie gegen seinen Schöpfer,
Hieraus kannst du begreifen, daß die Liebe
In euch der Same jeder Tugend sein muß,
Wie jeder Handlung, die der Strafe würdig.
Dieweil nun Liebe nimmermehr die Blicke
Abwenden kann vom Wohle des, der liebet,
So sind vor Eigenhaß die Dinge sicher;
Und weil man ferner sich getrennt vom ersten
Kein Wesen, noch für sich besteh'nd kann denken,
Ist jenes Haß fremd jeglichem Gefühle.
So bleibt drum, wenn ich recht geteilt, zu lieben
Des Nächsten Übel nur, und solche Liebe
Sprießt auf dreifache Weis' in eurem Schlamme.
Der hofft von seines Nachbars Unterdrückung
Auszeichnung für sich selbst und wünscht nur darum,
Daß jener werd' entsetzt von seiner Größe.
Der fürchtet, Macht, Gunst, Ruhm und Ehre, weil ihn
Ein andrer übertreffe, zu verlieren,
Und grollt drob so, daß er das Gegenteil liebt;
Und der glaubt durch Beleid'gung sich geschändet,
So daß nach Rach' er dürstet, und ein solcher
Muß nach dem Schaden dann des andern trachten.
Solch dreigestaltet Lieben wird beweinet
Dort unterhalb; doch jetzt vernimm vom andern,
Das auf verkehrte Weise strebt nach Gutem.
Es ahnet jeglicher ein Gut verworren,
In dem die Seele Ruhe find', und wünscht es,
Drum jeder auch es zu erreichen strebet.
Zieht träges Lieben nun euch hin, ein solches
Zu schaun und zu erwerben, dann bestrafet
Euch dieser Sims nach gnügendem Bereuen.
Noch andres Gut gibt's, Menschen nicht beglückend,
Das Seligkeit nicht, noch das wesenhafte
Gut ist, die Frucht und Wurzel alles Guten.
Die Liebe, die zu sehr sich jenem hingibt,
Wird über uns beweinet in drei Kreisen;
Doch wie sie dreifach eingeteilt zu denken,
Darüber schweig' ich, daß für dich du's suchest.«
Ein Ziel gesetzet hatte seine Rede
Der hohe Lehrer jetzt und blickte forschend
Ins Antlitz mir, ob ich zufrieden scheine,
Und ich, von neuem Durst annoch gepeinigt,
Schwieg äußerlich zwar, doch im Innern sprach ich:
›Wohl wird's ihm lästig, wenn zu viel ich frage.‹
Doch jener echte Vater, als er wahrnahm
Mein schüchtern Wollen, das sich nicht entdeckte,
Gab durch sein Sprechen mir den Mut zu sprechen.
Drob ich: ›O Meister, so belebt mein Blick sich
In deinem Licht, daß klar ich, was mir deine
Schlußfolge reicht und schildert, unterscheide;
Drum ich dich, süßer, teurer Vater, bitte,
Daß du die Liebe mir erklärst, auf die du
Zurückführst jede gut' und böse Handlung.‹
»Auf mich,« begann er, »richte des Verstandes
Geschärfte Blick', und offenbar wird sein dir
Der Blinden Wahn, die sich zu Führern machen.
Die Seele, die geschaffen, schnell zu lieben,
Ist allem Wohlgefäll'gen leicht beweglich,
Wenn vom Gefallen wirklich sie geweckt wird.
Aus wahrem Wesen schöpft ein Abbild eure
Auffassungskraft, das sie in euch entfaltet,
So daß die Seele nach ihm hin sich wendet;
Und wenn sich diese so gewandt ihm zuneigt
Ist Liebe solche Neigung, ist Natur dann,
Die durch Gefallen neu in euch sich anknüpft.
Und wie das Feuer sich zur Höh' beweget,
Weil seiner Form nach es dorthin zu steigen
Erzeugt ward, wo's zumeist dem Stoff nach dauert;
Also gerät dann die gefangne Seele
In des Begehrens geistige Bewegung,
Nie ruh'nd, bis ihr Genuß gab das Geliebte.
Daraus kannst du ersehn, wie sehr die Wahrheit
Den Leuten ist verborgen, die behaupten,
Daß jede Lieb' an sich ein löblich Ding sei:
Denn stets vielleicht mag gut ihr Stoff erscheinen,
Doch keineswegs ist jedweder Abdruck
Darum allein schon gut, weil gut sein Wachs ist.«
›Durch deine Wort' und durch mein folgsam Denken,‹
Entgegnet' ich, ›ward Liebe mir enthüllet,
Doch dies macht mich nur mehr von Zweifeln schwanger;
Denn wird von außen Lieb' uns angeboten
Und geht mit anderm Fuße nicht die Seele,
Geht grad sie oder krumm, ist's ihr Verdienst nicht.‹
Und er zu mir: »Soviel hier die Vernunft sieht,
Kann ich dir sagen; doch für weitres harre
Bloß auf Beatrix, dies ist Glaubenssache.
Die substantielle Form, die von dem Stoffe
Ist unterschieden und mit ihm vereinet,
Hat stets in sich spezif'sche Kraft verschlossen,
Die unbetätigt nicht erkannt kann werden,
Noch anders sich als durch die Wirkung zeiget,
Gleichwie durch grünes Laub am Baume Leben.
Drum, wo die Wissenschaft der Urbegriffe
Euch herkommt, weiß man nicht, noch das Verlangen
Des Urbegehrbaren, die in euch wohnen,
Gleichwie der Trieb, den Honig zu bereiten,
Ist in der Bien', und solches Urbegehren
Kann weder Lob noch Tadel je verdienen.
Damit nun jedes andre dem sich eine,
Ward eingeboren euch die Kraft des Rates,
Die der Einwill'gung Schwelle soll bewahren.
Jen' ist der Urgrund, draus in euch der Anlaß
Zu jeglichem Verdienst entspringt, nachdem sie
Gut' oder böse Lieb' annimmt und abwirft.
Die sinnend bis zum Grunde drangen, wurden
Der eingebornen Freiheit inn' und haben
Daher der Menschheit Sittlichkeit gelassen.
Gesetzt darum, daß jede Lieb', entglimmend
In euch, auch durch Notwendigkeit erstehe,
Ist es in eurer Macht doch, sie zu zügeln.
Die edle Kraft meint unter freiem Willen
Beatrix; drum sieh zu, daß du dir's merkest,
Wenn jemals dir davon sie sprechen sollte.«
Der Mond, der fast bis Mitternacht gezögert,
Ließ uns die Sterne seltener erscheinen,
Und einem Kessel gleich, der ganz erglühet,
Lief wider'n Himmel er durch jene Straßen,
Die dann die Sonn' entzündet, wenn der Römer
Sie zwischen Sarden sieht und Korsen sinken;
Und jener edle Schatten, der den Namen
Pietola über Mantua's Stadt erhöhet,
Hatt' also mir der Last Beschwerd' entnommen,
Drum ich, der klar' und offene Belehrung
Auf alle Fragen jetzt erhalten hatte,
Dem gleich ward, dem vor Schlaf der Sinn entschwindet,
Doch solche Schläfrigkeit ward mir urplötzlich
Von Volk geraubt, das, hinter unserm Rücken
Im Kreise laufend, nun auf uns herzukam,
Und wie Ismenus einstens und Asopus
Sahn längs dem Strand nachts rasendes Gedränge,
Wenn die Thebaner Bacchus' Hilfe brauchten;
Dem ähnlich dreht' in diesem Kreis die Schritte
Nach dem, was ich von ihnen sah im Kommen,
Wen guter Will' anspornt und rechtes Lieben.
Stracks waren sie bei uns auch, weil im Laufe
Sich diese ganze große Schar bewegte,
Und zwei, die an der Spitze, riefen weinend:
»Maria lief eilfertig zum Gebirge,
Und Cäsar griff, Ilerda zu besiegen,
Massilien an und eilte dann nach Spanien.«
»Schnell, schnell, daß nicht die Zeit verlorengehe,«
Schrien alle drauf, »durch schwache Lieb', es grüne
Durch Fleiß zu guter Tat die Gnade wieder!«
»O Volk, in dem vielleicht der glüh'nde Eifer
Nachlässigkeit und Säumnis jetzt ersetzet,
Die ihr im Gutestun aus Lauheit zeigtet,
Der hier (traun nicht belüg' ich euch), der lebt noch,
Will aufwärtsgehn, wenn wieder scheint die Sonne;
Drum sagt, von welcher Seit' uns nah die Öffnung.«
Es waren dies die Worte meines Führers,
Und einer jener Geister sprach: »Wenn hinter
Uns drein du kommst, wirst du die Öffnung finden.
Also voll Wunsch sind wir, uns zu bewegen,
Daß wir nicht weilen können; drum verzeihe,
Wenn, was gerecht uns, dir unfreundlich scheinet.
Abt war ich von Sankt Zeno von Verona
Zu Zeit der Herrschaft jenes guten Rotbarts,
Von dem noch jammernd Mailand weiß zu sprechen,
Und einer hat schon einen Fuß im Grabe,
Der jenes Klosters wegen bald wird weinen
Und sich betrüben, daß er Macht drin hatte,
Weil seinen Sohn er, schlimm am ganzen Körper
Und schlimmer an der Seel' und schlimm geboren,
Statt dessen rechten Hirten eingesetzt hat.«
Nicht weiß ich, ob er weiter sprach, ob stillschwieg,
So weit war er im Lauf bei uns vorbei schon;
Doch dieses hört' und sucht' ich mir zu merken.
Und er, für jeglichen Bedarf mein Helfer,
Sprach: »Wende hierher dich, sieh zwei von ihnen
Der Trägheit dort im Kommen Bisse geben.«
Drein hinter allen sprachen sie: »Gestorben
War erst das Volk, dem sich das Meer erschlossen,
Eh' Jordan hat erblickt, die ihn ererbten,
Und jenes, das die Mühen bis zum Ende
Nicht mit Anchises' Sohn ertragen wollte,
Hat sich ruhmlosem Dasein preisgegeben.«
Drauf, als so weit von uns getrennet waren
Die Schatten, daß man nicht mehr sehn sie konnte,
Entstand in mir ein anderer Gedanke,
Dem wieder andr' entsprangen und verschiedne,
Und so von einem irrt' ich zu dem andern,
Daß aus Behagen ich verschloß die Augen,
Und so in Träumen wandelte mein Sinnen.
Zur Stunde, da nicht mehr des Tages Wärme
Vermag den Frost des Mondes zu erlauen,
Besiegt von Tellus, manchmal von Saturn auch,
Wenn fern im Orient die Geomanten
Ihr größtes Glück sehn aufgehn vor der Dämmrung
Auf einem Weg, der kurze Zeit noch dunkelt,
Erschien dem Träumenden ein stotternd Weib mir,
Mit schelem Blick, gekrümmt auf seinen Füßen;
An Händen krüppelhaft und bleich von Farbe.
Ich schaut' auf sie, und wie die Sonn' erquicket
Die kalten, von der Nacht beschwerten Glieder,
Also macht' ihr mein Blick behend zum Reden
Die Zung' und richtete sodann ganz auf sie
In wenig Zeit, und ihr entstelltes Antlitz,
Gleich wie's die Lieb' erheischet, also färbt' er.
Nachdem die Sprach' ihr so gelöst war worden,
Begann zu singen sie, so daß mit Mühe
Den Sinn von ihr ich abgewandt nur hätte.
»Ich bin,« war ihr Gesang, »ich bin die süße
Sirene, die auf hoher See die Schiffer
Verlockt, so voll der Lust bin ich dem Hörer.
Ich zog Ulyssen ab von seinem Irrpfad
Durch meinen Sang, und wer sich mir gesellet,
Trennt kaum sich mehr, so ganz wird er begnüget.«
Sie hatt' annoch nicht ihren Mund geschlossen,
Als neben mir ein Weib, geschwind und heilig,
Erschien, daß es die andere verwirre.
»Virgilius, o Virgilius, wer ist diese?«
Sprach sie voll Zorns; der kam allein, auf jene
Ehrsame hingerichtet seine Blicke.
Die andre faßt' und, ihr Gewand zerreißend,
Enthüllt' er vorn und ihren Bauch mir zeigt' er,
Der durch den Stank, der draus entstieg, mich weckte.
Ich wandt' das Aug', und: »Dreimal,« sprach der gute
Virgil, »rief ich dir mind'stens: auf und komme,
Daß wir die Öffnung finden, wo du eingehst!«
Jetzt stand ich auf, und voll schon waren sämtlich
Vom hellen Tag des heil'gen Berges Kreise;
Hin ging's, die neue Sonn' an unsern Lenden.
Ihm folgend trug ich also meine Stirne
Wie jener, der sie schwer hat von Gedanken
Und selbst sich macht zum halben Brückenbogen.
Da hört' ich sagen: »Kommt, hier ist der Durchgang!«
In sanfter, milder Weise, wie man nimmer
Vernimmt in dieser sterblichen Gemarkung.
Mit offnen Schwingen, die von Schwanen schienen,
Wies uns empor, der so gesprochen, zwischen
Die beiden Mauern hin des harten Felsens.
Anfächelnd uns, bewegt' er drauf die Federn,
Versichernd, daß glückselig sei'n, qui lugent,
Weil ihre Seelen Trost besitzen werden.
»Was hast du, der du stets zu Boden blickest?«
Begann mein Hort zu sagen, als ein wenig
Wir beid' uns unterm Engel noch befanden.
Und ich: ›Mit so viel Zagen läßt mich wandern
Ein neu Gesicht, das nach sich hin mich lenket,
So daß ich los nicht werde des Gedankens.‹
»Du sahst,« sprach jener drauf, »die alte Hexe,
Die über uns allein noch Tränen kostet,
Du sahest, wie von ihr der Mensch sich los macht.
Frisch auf den Grund gestampfet deine Ferse,
Den Blick zur Lockung wendend, die umherführt
Der ew'ge König mit den großen Kreisen!«
Dem Falken gleich, der nach den Klau'n erst schauet,
Dann dem Geschrei sich zukehrt und sich dehnet
Ob der Begier nach Fraß, die ihn dorthin zieht,
Ward ich anjetzt und ging, so lang der Felsen
Sich spaltet als ein Pfad für den Ersteiger,
So hin bis dort, wo man zu kreisen anfängt.
Als auf den fünften Ring ich nun heraustrat,
Erblickt' ich weinend Volk am Boden liegen,
Auf ihm umher, nach unten ganz gewendet.
»Adhaesit pavimento anima mea«,
Hört' ich sie sagen mit so tiefen Seufzern,
Daß man die Worte kaum verstehen konnte.
»O Auserkorne Gottes, deren Leiden
Gerechtigkeit und Hoffnung minder hart macht,
Weist uns zurecht nach den erhabnen Stiegen.«
»Wenn vor dem Liegen sicher ihr hierher kommt
Und am geschwindesten den Weg wollt finden,
So bleibe stets nach außen eure Rechte.«
So bat der Dichter, und so klang die Antwort
Hier kurz vor uns; drum ich aus solcher Rede,
Was sonst darin noch war verborgen, merkte.
Den Blick drauf wandt' ich meines Herren Blick zu,
Drob dieser freundlich winkend mir gewährte
Das, was geheischt die wünschende Gebärde.
Da so nach Lust mit mir ich schalten konnte,
Trat ich dorthin jetzt über jenes Wesen,
Das durch sein Wort mir schon bemerklich worden,
Und sprach: ›Geist, in dem das durch Zähren reifet,
Davon entblößt man nicht zu Gott kann kehren,
Für mich dein größres Sorgen hemm' ein wenig.
Wer warst du, und weshalb habt ihr die Rücken
Aufwärts gewandt? Sprich, wenn ich etwas jenseits
Dir soll erflehn, woher ich lebend komme.‹
Und er: »Weshalb sich zu dem Himmel unsre
Rückseite wendet, künd' ich dir; doch erstlich
Scias quod ego fui successor Petri.
Inzwischen Chiaveri und Sestri stürzt sich
Ein schöner Strom herab, von dessen Namen
Mein Blut herleitet seines Titels Zierde.
Kaum mehr als einen Mond fühlt' ich, wie schwer sei
Der große Mantel dem, der ihn bewahre
Vor Schlamm, drob federleicht scheint jeder andre.
Zwar spät, weh' mir, erst hab' ich mich bekehret,
Allein, nachdem ich röm'scher Hirt geworden,
Da ward des Lebens Lüge mir enthüllet,
Ich sah, daß nicht befriedigt dort das Herz ward
Noch könnt' in jener Welt man höher steigen;
Drum ward zu dieser ich von Lieb' entzündet.
Bis zu dem Augenblick war meine Seele
Elend und Gott entfremdet, ganz voll Geizes;
Nun, wie du siehst, werd' ich drob hier gestrafet.
Das, was die Habsucht tat, wird dargestellet,
Hier bei der Lästrung der bekehrten Seelen,
Und keine Pein ist bittrer dieses Berges.
Wie unser Blick sich nicht hat aufgerichtet
Nach oben, an den ird'schen Dingen haftend,
Versenkt' auch hier Gerechtigkeit zur Erd' ihn;
Und wie der Geiz hat jedes Guten Liebe
In uns getilgt, drum wir das Tun versäumet,
So hält uns hier Gerechtigkeit gefangen
An Händen und an Füßen festgebunden;
Und wir, solang es dem gerechten Herren
Gefällig, bleiben reglos ausgestrecket.«
Ich kniete nieder jetzt und wollte sprechen,
Allein als ich begann und jener meine
Ehrfurchtsbezeigung durchs Gehör nur wahrnahm,
»Was für ein Grund,« sprach er, »beugt so dich nieder?«
Und ich zu ihm: ›Ob Eurer Würde hat mir
Mit Recht gemacht Vorwürfe mein Gewissen.‹
»Richt' auf die Füße und erheb' dich, Bruder!«
Entgegnet' er, »laß dich nicht irren; Mitknecht
Bin ich dir und an Macht gleich mit den andern.
Wenn je die heil'gen evangel'schen Klänge,
Wo's neque nubent heißt, du hast verstanden,
Kannst du wohl sehn, warum ich also spreche.
Hinweg jetzt; nicht mehr will ich, daß du weilest,
Denn deine Gegenwart erschwert mir's Weinen,
Durch das ich zeitige, was du gesaget.
Ich habe jenseits eine Nicht', Alagia
Genannt, die von sich selber gut ist, wenn nur
Sie schlimm nicht wird durch unsres Hauses Beispiel;
Die ist allein mir übrig dort geblieben.«
Schlecht kämpft der Wille gegen bessern Willen;
Drum gegen Wunsch, um seinem Wunsch zu gnügen,
Zog nicht ganz voll den Schwamm ich aus dem Wasser.
Ich ging einher, und hin ging auch mein Führer,
Wo frei der Pfad beständig längs dem Felsen,
Wie man auf Mauern geht dicht an den Zinnen,
Denn jenes Volk, dem tropfenweis den Augen
Entquillt das Weh, das alle Welt ergriffen,
Ist andrerseits zu nah dem äußern Rande.
Vermaledeiet seist du, alte Wölfin,
Mehr Raub als alle andern Tier' erbeutend
Ob deines unauslöschlich heißen Hungers.
O Himmel, dessen Kreisen, wie geglaubt wird,
Den Stand der Dinge soll hier unten ändern,
Wann kommt nur der, vor welchem diese weichet?
Wir wandelten langsamen, kargen Schrittes,
Und ich merkt' auf die Schatten, die ich weinen
Voll Herzeleids und sich beklagen hörte;
Und wie durch einen Zufall hört' ich: »Süße
Maria!« vor uns rufen also kläglich,
Gleich wie ein Weib in Kindesnöten wimmert.
Und ferner dann: »Arm warst du, wie aus jener
Herberge man ersehn kann, wo das Heil'ge
Das du getragen, nieder du gelegt hast!«
Darauf vernahm ich weiter noch: »0 guter
Fabricius, die Tugend war dir lieber
Mit Armut als mit Laster großer Reichtum!«
Mir waren diese Worte so erfreulich,
Daß ich fürbaß ging, Kunde zu erlangen
Vom Geiste, dem sie zu enttönen schienen.
Es sprach derselb' annoch von jener Gabe,
Die Nikolaus einst den Jungfrauen reichte,
Zur Ehrbarkeit zu führen ihre Jugend.
›O Seele, die du so viel Gutes kündest,
Sag' an, wer warst du,‹ sprach ich, ›und warum du
Allein das wohlverdiente Lob erneuest.
Nicht unbelohnet wird dein Wort dir bleiben,
Wenn heim ich kehre, daß den kurzen Pfad ich
Des Lebens, das zum Ziele fliegt, vollende.‹
Und er: »Ich sag' dir's nicht, weil irgend Hilfe
Von jenseits ich erwarte, nur weil also
In dir, eh' du gestorben, Gnade leuchtet.
Ich war die Wurzel jenes schlimmen Baumes,
Der so das ganze Christenland beschattet,
Daß gute Frucht nur karg davon man sammelt.
Doch wenn Gand, Doway, Brugg' und Ryssel könnten,
So würde Rache bald an ihm genommen,
Und ich fleh' den drum an, der alles richtet.
Jenseits hieß Hugo Capet ich mit Namen,
Die Ludwigs stammen von mir ab und Philipps,
Von denen Frankreich neuerdings beherrscht wird.
Der Sohn war eines Schlächters aus Paris ich.
Als bis auf einen, der in Grau sich hüllte,
Der Stamm der alten Kön'ge war erloschen,
Fand ich die Zügel mit der Reichsverwaltung
Fest in der Hand und so viel Macht durch neue
Erwerbungen und mich so reich an Freunden,
Daß zur verwaisten Krone ward befördert
Des Sohnes Haupt, mit welchem die gesalbten
Gebeine jener ihre Reih' begannen.
Solang die große provenzal'sche Mitgift
Noch meinem Blute nicht die Scham genommen,
Galt es zwar wenig, doch es tat nichts Böses.
Da nun begann es seine Räubereien
Mit Lügen und Gewalt, worauf's zur Buße
Ponthieu, Gascogne und Normandie hinwegnahm.
Karl kam herab nach Welschland, und zur Buße
Bracht' er als Opfer Konradin und sandte
Heim in den Himmel Thomas drauf zur Buße.
Die Zeit erblick' ich kurz nach diesen Tagen
Die einen andern Karl aus Frankreich herzieht,
Daß ihn man und die Seinen besser kenne.
Aus zieht er sonder Waffen, mit der Lanze
Allein, mit welcher Judas focht, und diese
So stößt er, daß Florenz der Wanst drob platzet.
Nicht Land wird er dadurch, nur Sünd' und Schande
Erwerben, um so schwerer auf ihm lastend,
Je leichter er dergleichen Schaden achtet.
Den jüngst aus Seegefangenschaft Befreiten
Seh' ich sein Kind verkaufen und drum feilschen,
Wie wohl um andre Sklavinnen Korsaren.
O Habbegier, was kannst du mehr bewirken,
Da du mein Blut so hast an dich gezogen,
Daß es ums eigne Fleisch sich nicht mehr kümmert!
Daß künft'ger Frevel kleiner schein' und vor'ger,
Seh' ich die Lilj' eindringen in Alagna,
Und im Statthalter Christum selbst gefangen!
Ich seh' zum andern Mal ihn dort verspottet,
Seh' Gall' und Essig wiederholt und zwischen
Lebend'gen Schächern ihn getötet werden.
Ich seh' den neueren Pilatus, grausam,
So daß ihm dies nicht g'nügt, nein, sonder Freibrief
Er gier'gen Segels einfährt in den Tempel.
O Herr, mein Gott, wann werd' ich froh nur werden
Des Anschauns jener Rache, die verborgen
In deiner Heimlichkeit dein Zürnen sänftigt!
Was ich von jener einz'gen Braut gesaget
Des heil'gen Geistes, das dich hat bewogen,
Dich zur Erläuterung an mich zu wenden,
All unserem Gebete ist's als Inhalt
Bestimmt, solang der Tag währt; doch wenn's Nacht wird,
Beginnen wir in umgekehrter Weise.
Wir wiederholen dann Pygmalions Namen,
Den zum Verräter, Dieb und Brudermörder
Die hungrige Begier nach Gold gemacht hat,
Und minder nicht des geiz'gen Midas Elend,
Das seinem gierigen Verlangen folgte,
Darüber man noch immer jetzt muß lachen.
Des Toren Achan drauf gedenkt ein jeder,
Wie von der Beut' er stahl, so daß noch immer
Ihn Josues Zürnen hier scheint zu erfassen.
Verklagt wird mit dem Gatten dann Saphira,
Die Streiche preisen wir, die Heliodorus
Empfing, und schmachvoll kreist den ganzen Berg um
Des Polydorus Mörder, Polymnestor.
Zum Schlüsse riefen wir uns zu noch: ›Krassus,
Sag' an, du weißt's, wie der Geschmack des Goldes.‹
Zuweilen spricht der laut und leis der andre,
Nachdem uns das Gefühl anspornt zum Reden,
Bald größeren und bald geringern Schrittes.
So war vorher das Gut' ich zu besprechen,
Wie wir des Tags tun, nicht allein; doch eben
Erhob kein andrer in der Näh' die Stimme.«
Wir hatten schon von diesem uns entfernet
Und trachteten den Weg zurückzulegen,
So weit es unsern Kräften war gestattet,
Da fühlt' ich, einem Ding, das stürzt, gleich, zittern
Den Berg, darob mich solch ein Schauern faßte,
Wie's den ergreifet, der zum Tod muß gehen.
Traun! nicht so sehr hat Delos sich geschüttelt,
Bevor Latona drin ihr Nest sich baute,
Das Augenpaar des Himmels zu gebären.
Von allen Seiten drauf begann ein Rufen,
So daß darob mein Meister zu mir hintrat
Und sprach: »Sei unbesorgt, weil ich dich führe.«
»Gloria in excelsis Deo!« sprachen alle,
Soviel als ich verstand aus meiner Nähe,
Aus der allein den Ruf man hören konnte.
Wir standen reglos harrend da, den Hirten,
Die jenen Sang zuerst vernommen, ähnlich,
Bis sich das Zittern legt', und er zum Schluß kam.
Den heil'gen Weg begannen drauf wir wieder,
Anschau'nd die Schatten, die zu Boden lagen,
Zurückgekehrt schon zum gewohnten Weinen.
Nie hatt' Unwissenheit so viele Kämpfe
Durch Sehnsucht mir nach Aufschluß noch veranlaßt,
Wenn mein Gedächtnis sich hierin nicht irret,
Als sinnend jetzt ich zu bestehn vermeinte,
Noch ob der Eile wagt' ich es zu fragen,
Und durch mich selbst konnt' ich hier nichts erkennen;
Drum ging ich schüchtern hin und voll Gedanken.
Von eingebornem Durst, der nie gestillt wird
Als mit dem Wasser, dessen Gnadengabe
Begehrte das samaritan'sche Weiblein,
Ward ich gequält, und vorwärts trieb mich Eile
Dem Führer nach auf vielgehemmtem Pfade,
Und Mitleid fühlt' ich ob gerechter Rache.
Und sieh, gleichwie von Lukas wird berichtet,
Daß Christus zwei'n erschien, die auf dem Wege,
Als er schon war der Grabeshöhl' entstiegen,
Erschien ein Schatten uns, der hinterdrein kam,
Die Schar, die ihm zu Füßen lag, betrachtend,
Und wir gewahrten ihn nicht, bis er also
Begann: »Gott geb' euch Frieden, meine Brüder!«
Stracks wandten wir uns um, und mit dem Zeichen,
Das dem entspricht, antwortete Virgil ihm.
Drauf hob er an: »Zum Kreis der Sel'gen sende
Dich des wahrhaft'gen Hofes Spruch in Frieden,
Der mich verweist in ewige Verbannung.«
»Wie,« sprach der andr' (und rüstig gingen fort wir),
»Wenn Schatten ihr, die Gott hinauf nicht würdigt,
Wer hat so weit geführt auf seiner Stieg' euch?«
Mein Lehrer drauf: »Wenn an du schaust die Male,
Die jener trägt und die der Engel zeichnet,
Siehst du wohl, daß mit Gutem er muß herrschen.
Allein da jene nicht, die Tag und Nacht spinnt,
Den Knäul ihm ganz noch ausgezogen hatte,
Den Clotho jedem auflegt und umwickelt,
So könnt' allein hieher nicht seine Seele,
Die dein' und meine Schwester ist, gelangen,
Weil sie nicht schaut die Ding' auf unsre Weise.
Drum ward entrückt dem weiten Schlund der Höll' ich,
Daß ich ihm alles zeig', und werd' es ferner,
So weit als meine Schule führt, ihm zeigen.
Doch sag' uns, wenn du's weißt, warum so bebte
Der Berg vorher, und weshalb all' auf einmal
Bis hin zum feuchten Fuß zu rufen schienen?«
So traf er durch sein Fragen meinem Wunsche
Grad' wie ins Nadelöhr, denn durch die Hoffnung
Allein schon ward der Durst mir minder brennend.
Und jener drauf: »Nichts ist, das außer Ordnung
Hier in die heil'ge Sitt' eingreifen könnte
Des Berges oder gegen Brauch geschehen.
Frei ist hier oben man von jeder Störung;
Das, was aus ihm in sich der Himmel aufnimmt,
Kann das bewirken, doch nicht andre Ursach',
Darum auch Regen nicht, noch Schnee, noch Hagel,
Noch Tau, noch Reif herabfällt weiter oben
Als bis zum kurzen Trepplein der drei Stufen.
Nicht dichte Wolken zeigen sich, noch dünne,
Nicht Wetterleuchten, noch des Thaumas Tochter,
Die jenseits oft die Himmelsgegend wechselt.
Auch trockner Dunst nicht steiget weiter aufwärts
Als zu der drei besagten Stufen Gipfel,
Drauf der Statthalter Petri setzt die Füße.
Wohl weiter unten bebt's viel oder wenig,
Doch nie hat es, ich weiß nicht, wie, durch Wind noch,
Der sich im Grund verbirgt, gebebt hier oben.
Es bebt nur, wenn sich rein fühlt eine Seele,
So daß sie aufsteht oder sich zum Steigen
Bewegt, und solches Rufen dann begleitet's.
Beweis der Rein'gung ist allein das Wollen,
Das voller Freiheit, ihren Stand zu wechseln,
Die Seel' ergreift, am Wollen Freud' ihr gebend.
Erst will sie wohl, doch hindert's die von ew'ger
Gerechtigkeit entgegen jenem Willen
Gesetzte Lust an Qual, wie sonst am Sünd'gen.
Und ich, der mehr schon als fünfhundert Jahre
In diesem Leide lag, empfand erst jetzo
Das freie Wollen besserer Behausung.
Drum fühltest du den Erdstoß, hört'st am Berge
Umher der frommen Geister Lobgesänge,
Gebracht dem Herrn, der bald hinauf sie weise.«
So sprach er, und weil um so mehr des Trankes
Man sich erfreut, als groß der Durst gewesen,
Könnt' ich, wie sehr er mich erquickt, nicht sagen.
Der weise Führer: »Wohl seh' jetzt die Schling' ich,
Die hier euch hält, und wie man ab sie streifet,
Weshalb es bebt, und welche Freud' ihr teilet.
Jetzt, wer du seist, laß mich gefällig wissen,
Und weshalb der Jahrhunderte so viele
Du hier gelegen, deinem Wort entnehmen.«
»Zur Zeit, da mit des höchsten Königs Hilfe
Der gute Titus jene Wunden rächte,
Draus quoll das Blut, das Judas hat verkaufet,
Lebt' ich,« entgegnete der Schatten, »jenseits
Durch jenen Namen, der am meisten dauert
Und ehret, hochberühmt, doch noch nicht gläubig.
So süß ist meiner Stimme Hauch gewesen,
Daß Rom mich an sich zog, den Tolosaner,
Wo Myrtenschmuck den Schläfen ich verdienet.
Statius nennt immer noch das Volk mich jenseits.
Von Theben sang ich und Achill dem Großen,
Doch unterwegs fiel mit der zweiten Bürd' ich.
Erzeuget wurde meine Glut durch Funken,
Die mich erwärmet, jener Gottesflamme,
Dran mehr denn tausend schon entzündet worden;
Ich meine die Äneis, welche Mutter
Und Amme mir im Dichten ist gewesen;
Denn ohne sie setzt' ich nicht fest ein Quentchen,
Und um, indes Virgil noch lebte, jenseits
Gelebt zu haben, legt' ich zu dem Austritt
Vom Bann ein Jahr noch zu, mehr, als ich schulde.«
Es wandte nach mir hin dies Wort Virgilen
Mit einem Blick, der schweigend sagte: »Schweige!«
Doch alles nicht vermag die Eraft des Wollens,
Denn Lachen ist und Weinen im Gefolge
Des Eindrucks, dem's entsprang, so schnell, daß minder,
Je wahrer ist der Mensch, es folgt dem Willen.
Ich lächelte nur so, wie wer da blinzet;
Darob der Schatten schwieg und in die Augen,
Allwo zumeist der Ausdruck wohnt, mir blickte.
»Sollst glücklich du so große Müh' beenden,
Sag' an,« sprach er, »warum alsbald dein Antlitz
Das Blitzen eines Lächelns mir gezeigt hat.«
Jetzt werd' ich dies- und jenseits festgehalten;
Hier heißt's mich schweigen, dort werd' ich beschworen,
Zu sprechen, drob, so daß man's hört, ich seufze.
»Sprich,« sagte drauf mein Meister, »und zu reden
Nicht habe Furcht, nein, red' und laß ihn wissen,
Was er mit so viel Sorgfalt hat erfraget.«
›Vielleicht, daß du dich, alter Geist, verwunderst.‹
Versetzt' ich, ›ob des Lachens, das ich zeigte,
Doch mehr noch soll Erstaunen dich ergreifen;
Denn dieser, der nach oben meinen Blick lenkt,
Ist der Virgil, von welchem du so mächtig
Von Göttern und von Menschen singen lerntest,
Und hast geglaubt du, daß aus anderm Grund ich
Gelacht, so gelt' er dir als falsch, und glaube,
Daß nur das Wort dran schuld war, das du sprachest.‹
Schon beugt' er sich, daß meines Lehrers Füß' er
Umarme, doch der sagte: »Tu's nicht, Bruder;
Denn, Schatten selbst, siehst du hier einen Schatten.«
Und jener sich erhebend: »Die Wievielheit
Der Lieb' ersiehst du hier, davon ich glühe
Für dich, weil, unsre Nichtigkeit vergessend,
Ich Schatten wie ein fühlbar Ding behandle.«
Schon war der Engel hinter uns verblieben,
Der Engel, der zum sechsten Kreis gewandt uns
Und einen Strich getilgt mir auf der Stirne;
Und die nach der Gerechtigkeit sich sehnen,
Hatt' er genannt »Beati«, doch beschränkten
Sich seine Wort' auf »Sitio« und nichts weitres.
Und leichter schon als durch die andern Schlünde
Ging ich einher, so daß ohn' alle Mühe
Den schnellen Geistern ich nach oben folgte,
Als jetzt Virgil begann: »Die Lieb', entzündet
Von Tugend, hat stets Gegenlieb' entzündet,
Wenn nur nach außen ihre Flamm' erschienen.
Drum seit dem Tag, als unter uns hernieder
Zum Limbus stieg der Hölle Juvenalis,
Der mir entdeckt hat, wie du mir geneigt seist,
Ward ich dir so gewogen, als man jemals
Es einem ward noch, den man nicht gesehen,
Drob diese Stiegen kurz mir scheinen werden.
Doch sag', und mögst als Freund du mir verzeihen,
Wenn zu viel Keckheit mir den Zügel lüftet,
Und laß als Freunde drüber jetzt uns sprechen,
Wie nur vermochte Platz in deinem Busen
Der Geiz zu finden bei so vieler Einsicht,
Von der durch dein Bemühn du voll gewesen?«
Ob solcher Worte lächelt' erst ein wenig
Statius, und gab zur Antwort dann: »Was immer
Du sagst, ist mir ein teures Liebeszeichen,
Und in der Tat erscheinen oftmals Dinge,
Die einen falschen Stoff zum Zweifeln bieten,
Weil die wahrhaft'ge Ursach' bleibt verborgen.
Was du gefragt, beweist mir deine Meinung,
Daß geizig ich in jener Welt gewesen
Des Kreises wegen wohl, wo ich mich aufhielt.
So wisse denn, daß allzuweit entfernt war
Von mir der Geiz, und Tausende von Monden
Sind Strafe solchem Übermaß geworden;
Und hätt' ich mein Bestreben nicht berichtigt,
Als ich die Stelle hörte, wo du rufest,
Als ob der menschlichen Natur du zürntest:
›Wohin nicht alles, o verfluchter Hunger
Nach Gold, führst du der Sterblichen Begierden!
Bestand' umwälzend ich die herben Kämpfe.
Da ward ich inne, daß zu sehr die Flügel
Die Hand zum Spenden öffnen kann, und fühlte
Reu' wegen dieses und der andern Fehler.
Wieviel erstehn dereinst mit kahlem Kopfe,
Weil sie der Reu' ob dieser Sünd' im Leben
Unwissenheit beraubt hat und beim Scheiden!
Und wisse, jede Schuld, die einem Laster
Im graden Widerspruche tritt entgegen,
Läßt hier zugleich mit ihm ihr Grün verdorren.
Drum, wenn ich, mich zu rein'gen, bin gewesen
Bei jenem Volk, das ob des Geizes weinet,
Ist mir's ob seines Gegenteils begegnet.«
»Als aber du die grausenvollen Waffen
Des Doppeljammers der Jokaste sangest,«
Begann der Sänger der bukolschen Lieder,
»Da Klio dort mit dir berührt die Saiten,
So, scheint's, noch hatte gläubig nicht gemacht dich
Der Glaube, ohne den Rechttun nicht gnüget;
Wenn dem so ist, welch eine Sonne hat dich,
Welch eine Kerz' entfinstert, daß du förder
Die Segel hinterm Fischer drein gerichtet?«
Er drauf: »Du hast zuerst mich zum Parnassus
Gewiesen, daß ich trink' in seinen Grotten,
Und mir zuerst zu Gott auch hingeleuchtet.
Du tat'st wie jener, der des Nachts einhergeht
Und hinter sich ein Licht hält, das ihm selber
Nichts hilft, doch kundig macht, die nach ihm kommen,
Dort, wo du sprachst: ›Jahrhunderte erneu'n sich,
Astraea kehrt, es kehrt die Urzeit wieder,
Und niedersteigt ein neu Geschlecht vom Himmel.‹
Durch dich ward Dichter ich, durch dich zum Christen;
Doch daß du besser siehst, was ich gezeichnet,
Will ich zur Färbung aus die Hand jetzt strecken.
Es war die Welt schon ganz und gar geschwängert
Mit dem wahrhaft'gen Glauben, ausgesäet
Von den Verkündigern des ew'gen Reiches,
Und dein vorher erwähntes Wort, es stimmte
So mit den neuen Predigern zusammen,
Daß ich sie zu besuchen mich gewöhnte.
Darauf begann so heilig mir zu scheinen
Ihr Wesen, daß bei Domitians Verfolgung
Ihr Weinen meiner Zähren nicht entbehrte;
Und weil ich jenseits mich befand, kam ihnen
Zu Hilf ich, und ihr rechter Wandel machte,
Daß ich verschmäht' jedwede andre Sekte.
Und eh' die Griechen hin zu Thebens Flüssen
Ich im Gedicht geführt, erhielt die Tauf' ich;
Doch war aus Furcht ein Christ ich im V