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Otto Julius Bierbaum: Das höllische Automobil - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas höllische Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year1905
publisherWiener Verlag
addressWien und Leipzig
titleDas höllische Automobil
pages46
created20100726
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Otto Julius Bierbaum

Das höllische Automobil

Ein Märchen
für sämtliche Alters- und Rangklassen
nach einer Idee von Alf Bachmanns.

 


 

Wiener Verlag
Wien und Leipzig
[1905]

 


 

Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich war, mit ihnen zusammen zu wohnen, – was er doch von wegen Kartenspiel und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären?

Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.

Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies Pfarrer, also gewöhnt 20 war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten, hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel, der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal erzählen lassen. Es verlohnt sich.

Ich selbst habe sie sehr oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt. Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen war. – Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo.

Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein übergewaltiger Geselle. – Ich 21 wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können, aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen. Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir einmal sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der Frauenkirche zu München, und ein andermal: Rumbos Nasenlöcher waren so breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt freilich nicht, aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo auf alle Fälle 22 erstaunlich groß war; – wenn du Lust hast, seiner Größe noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir deinen Zwang an. Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig, daß du dich selber darüber wundern mußt. – Darauf kommt es an.«

Ich empfehle euch, es auch so zu halten.

Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre. Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würden (Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war, wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde.

23 Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag. (Inwiefern? – das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. – Ihr tut also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf, auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen zu werden. Und eure Köpfe, meine Lieben, sind überdies nicht hohl, – wie würdet ihr sonst meine Zuhörer sein?)

In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter 24 vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig, aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner Speisekarte.

Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der Länge lang auf dem Boden lag und schlief.

Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase und mußte niesen; – hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.

»Hahaha!« lachte der Mensch;»da bin ich aber mal schön weich gefallen.«

»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen fressen.«

»Mich?« rief der Mensch, – »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.«

25 Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!«

Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich mit seinem kleinen Finger (Klein! – Du lieber Gott! Er hatte die Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges und kitzelte den Riesen.

»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.)

Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in Ruhe zu lassen.«

»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge 'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.«

»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit 26 Gras gewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen Nasenspitze erhob.

»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß, indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich werde hier ein Aktienhotel gründen.«

»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!«

»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch.

»Ja, hast du denn keine Furcht?«

»Vor wem denn?«

»Na, vor mir!«

»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.«

27 Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach:

»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie heißt du denn?«

»Frechdachs,« antwortete der Mensch.

»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?«

»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.«

»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun, die in der Stadt verboten sind.«

»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. – Aber 28 sag mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.«

»Das verstehst du nichts sagte Rumbo. »Ich bin zu groß. Erstens werd' ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern, wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen. Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr ja auch nichts, als das. – Ich habe darum von jeher und immer Menschen als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig unvorsichtige Burschen, 29 die allzubald auf irgendeine Weise bei mir zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte, meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; – und so weiter, und so weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.«

»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten 30 ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen gesperrt wird – wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. – Aber: Was krieg' ich denn als Lohn?«

»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?«

»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.«

»Also wie viel denn?« fragte Rumbo.

»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst mich zu einem Riesen machen wie du selber einer bist.«

»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo.

»Doch kannst du,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst. Aber 31 du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage, du Feigling.«

»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn du mir hundert Menschen gebracht hast. (›Nach dem Neunundneunzigsten freß ich ihn auf,‹ dachte er sich.)

»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?«

»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.«

»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.

Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an einem Stricke erwürgt hinter sich her.

»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du 32 ja den Bartel Klippklapp, der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?«

Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. ›Du, Bartl,‹ rief ich, ›was machst du denn da?‹ ›Raupen lesen,‹ sagte Bartl. ›Was machst du denn mit den Raupen?‹ fragte ich. – ›Was soll ich denn damit machen?‹ antwortete er; ›tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen Kohl.‹ ›Na, höre mal,‹ sagte ich, ›das ist aber lieblos; die armen Tierchen wollen doch auch leben.‹ – ›Bist du so ein Esel,‹ erwiderte Bartel, ›daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?‹ – ›Nein,‹ sagte ich, ›ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen Kohlkopf, Bartel.‹ – ›Hast du Geld?‹ fragte der Müller. – ›Nein,‹ sagte ich, ›du sollst mir ihn schenken.‹ – ›Du kannst meine Rückseite bewundern,‹ rief er da, lachte und drehte sich um. – ›Wart,‹ dachte ich, ›alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald eine Raupe sein,‹ warf ihm die Schlinge meines Strickes um 33 den Hals, zog sie fest zu, und ritt hui, hossa, hop, galopp mit dem Anhängsel davon. Da hast du den Mehlwurm!«

Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. – »Bring mir was Pikanteres das nächstemal,« befahl er.

Frechdachs machte sich auf und überlegte: ›Wen soll ich bringen? Pikant, das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem Geschmack, die noch genießbar sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat, so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden, der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine Pistole gezeigt hat, und 34 dann fürchte ich, daß er schließlich zu penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der Stadt Knödelimkraut recht gut kenne . . . . Halt! Wie wärs mit dem dicken Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsen-Hypertrophie, – eine angenehme Mischung, sollte ich meinen . . . . Aber diese Art Leute sind schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!‹ – So ritt Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen alten Frau gerufen worden war.

»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und geben Sie ihm was ein.«

»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.

»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn Taler.«

»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld, und von der Alten kriege ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen ohne mich sterben!«

»Also schön, sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas Ordentliches zu essen geben.«

»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der in der Tat sehr fett war.

Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem Doktor unheimlich zumute.

»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er; »bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?«

»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der Menschenfresser, dem Sie etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«

36 »Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen eingeben?«

»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von Medizin,« sagte Frechdachs.

»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor, »ich muß zu einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«

»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs, schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu Hilfe kommen können.

Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen schmeckte.

»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. – Was gibt's denn nächsten Sonntag?«

»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs.

»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das 37 ist eine ganz herrliche Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«

»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer, ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«

Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für schöne und gute Dinge es geben werde.

Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch, das ist meine Einladung. Leb wohl!«

›Au weh,‹ dachte sich Frechdachs, ›bei dem bin 38 ich schief angekommen. Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.«

Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es.

»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren, Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt? Gut, Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.«

Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer beten wolle.

»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.«

›Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,‹ dachte sich Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang und tanzte nur so über Stock und Stein.

39 »Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.«

»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs.

»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer.

»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat Hunger.«

»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem Bocke.«

»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs, kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten Pfarrer tot.

Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, und er wollte sich gleich über ihn hermachen.

»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!«

»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel ist stärker als ich.«

40 »Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix Herr.«

»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?«

»Das laßt nur meine Sorge sein.«

Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand.

Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte.

»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!«

»We . . . we . . . wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.«

»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter. Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.«

41 Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.

Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken sein. – Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte, feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie grau-grüne Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter 42 seinem Mordwagen zwanzig Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball zu drücken, daß es nur so tutete.

»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!«

Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie eigentlich?«

»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure gibt, möchte er den Herrn Baron, 43 Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister schon einigen.«

»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen. Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?«

»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche.

Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in seinem Leben die Zähne putzen.

Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen werde, den Teufel zu verspeisen.

»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die wulstigen Lippen mit seiner 44 breiten Zunge ableckte, »ich werde den Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern, Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes Denkmal setzen und darauf schreiben: ›Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz ergebene Menschheit.‹ – Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!«

»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.«

45 »Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.«

»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, um wie viel der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.«

»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für fünf Menschen rechnen.«

»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs.

»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind sie imstande den Teufel zu betrügen.«

»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo.«

»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!«

»Warum zehn?« fragte Frechdachs.

46 »Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.«

»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu niedere Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.«

»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel anrechnen soll.«

»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für hundert Menschen anrechnen, denn der Teufel ist hundertmal ehrlicher als ein Mensch.«

»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo.

»Das schone erwiderte Frechdachs, »aber er 47 leugnet das auch gar nicht. Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: ›Ich bin die Wahrheit,‹ wie er auch nicht sagt, ›ich bin die Liebe,‹ oder ›ich bin die Güte.‹ Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. – Aber, um das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit wenigstens zu glauben, wenn du sie auch nicht begreifst.«

Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja, meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. –«

Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem 48 Pfarrer ein schönes Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere Delikatesse.

Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren, das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell, daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen, was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte ein rotes zuckendes Licht, das eine große 49 fressende Hitze ausstrahlte. Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. – Als Bremsleder hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören. Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in Tätigkeit waren. – Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig war, daß sie jeden Stoß aufhob. – Die Laufmäntel aber waren aus einer Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen bestand, die während ihres Lebens keine höhere 50 Wollust gekannt hatten, als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über Granitsplitter fahren konnte. – Als Polster auf den Sitzen seines Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der Teufel das Egalité-Kissen nannte.

Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr scheußlich aus. Er trug das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der Herr Baron von Pechheim aus Schwefelhausen eine der Posaunen des jüngsten Gerichtes, die bei ihm in 51 Versatz gegeben sind bis zu dem Augenblick, wo man ihrer benötigt.

»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. – Aber zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitete – Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!«

Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das klerikale Ragout auf.

»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel.

»Ein kleines Ragout fin aux fines herbes pastorales als Vorspeise,« antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.

52 Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat bloß zuzuschnappen brauchte, – wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher gefesselt war, und zwar kreuzweis, denn so lange der Teufel nicht das Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. ›Ihn kreuzweise zu fesseln‹, dachte sich Frechdachs aber, ›wird nicht weiter schwer sein, wenn erst das Magenweh nach genossenem filet de curé eingetreten ist. Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra! hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.‹ (Denn die Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.)

Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des Pfarrers 53 Übligkeit und Schwäche anwandeln werden. (Ist es ja doch bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!)

Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewand, nicht aber an der Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen – ein bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die nächste Platte!«

Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich . . . ich . . .«

»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich 54 halt's nicht mehr aus.« Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde.

›Holla!‹ dachte sich der Teufel, ›da ist was los!‹ drehte sich um, sah Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an. Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee. Ihr zweie gefallt mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene Manier von mir geholt zu werden. – Na? Ihr bettelt ja gar nicht?«

»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,« sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem Herrn Baron zur Verfügung. 55 Bin neugierig, auf was für eine neumodische Manier er mich holen wird.«

Diese Frechheit imponierte dem Teufel.

»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht, daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht ausgeführt hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik mitzuwirken.« – Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend. Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht durch ein oberes, sondern 56 durch ein unteres Körperventil suchte und fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar auf der Stirnwand gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen, das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den Motor andrehe?«

57 »Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich, »aber erst sag mir mal: was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa auch keine Angst?«

»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufe wegen verstehen. So dumme Kerle haben natürlich nie Angst. Die Stupidität ist durch passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.«

»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel. »Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten. Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.«

Rumbo hatte in der Tat durchaus nicht begriffen, was los war. Die Einbildung, daß er dazu 58 auserlesen sei, den Teufel als Pille einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge lechzend lang heraushängend.

Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze.

»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige, aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist 59 keine kleine Sache, Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit machen lassen und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre, Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch blamabel.«

»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und töff – töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die Zungenspitze Rumbos zu. –

›Ah! Ich soll alle zweie haben?‹ dachte sich der und bekam vor unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen Kirschen heraustretende Augen.

Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des Motors, dem in der Tat ein bißchen sehr viel zugemutet wurde, die Zunge hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er bald einer Furche 60 auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz gut, – bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang zum Schlund versperrte. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen, Wie er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu.

Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In 61 diesem Augenblick suggerierte er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte. Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging. – Rumbo war tot.

Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs. Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut stünde.

›Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,‹ meinte der Teufel, ›aber ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch rasender gehen. – Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die Seele des großen 62 Lümmels fangen Da bei ihm alles langsam vonstatten gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.«

Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend von Rumbos Winterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von einem zertretenen Bovist.

Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam, roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit und Niedertracht. Sie sind mir sicher.«

Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander.