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Otto Julius Bierbaum: Emil der Verstiegene - Kapitel 1
Quellenangabe
booktitleDas große deutsche Erzählbuch
editorViktor Zmegac
isbn3-7610-8047-6
year1861
publisherAthenäum
pages301-312
typenarrative
authorOtto Julius Bierbaum
titleEmil der Verstiegene
senderhille@abc.de
created20020501
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Otto Julius Bierbaum

Emil der Verstiegene

Aus dem Tagebuche eines blümeranten Dichters

Zitzebüttel im Mai 1897.

Einst besang ich den Mai, jetzt geht er mir auf die Nerven. Der Frühling ist die Jahreszeit der Banalen, derer, die sich auf ihren Saft etwas zu gute tun, weil sie keiner verfeinerten Gefühle fähig sind.

Diese Leute besingen auch noch die Liebe. Sie ahnen nicht, welche Roheit sie damit offenbaren, und wenn sie auch so idealistisch tun. Ebensogut könnte man einen Rinderbraten besingen. Es ist unsäglich gemein.

Dichten und an ein Mädchen denken! Ein Mädchen, das, wenn es heiß ist, schwitzt; ein Mädchen, das vielleicht Kartoffelklöße als Lieblingsspeise hat; ein Mädchen, das vielleicht eben das Kochen lernt und nach der Küche riecht! Welch ein Mangel an Sensitivität, oder welch ein Symptom von niederen Instinkten!

Der wahre Dichter, das fühle ich mehr und mehr, muß mit geschlossenen Augen durch dieses Leben gehn, und wenn er dichtet, muß er überhaupt abwesend sein.

Hier dichte ich nie. Hier bin ich der Sohn des Seifenfabrikanten Meyer und muß meine Seele martern lassen.

Es gab heute eine häßliche Szene mit meinem Vater. Ich soll ins Geschäft eintreten oder mein Referendarsexamen machen. Das eine ist so ausgeschlossen wie das andere. Ich bin zu differenziert für einen bürgerlichen Beruf. Träumen ist mein Teil, träumen und dichten.

Ich werde mit meinem mütterlichen Erbteil auf Reisen gehn.

München im Juni 1897.

Diese Stadt tut meinen Nerven weh. Die Straßen sind so weiß, die Menschen so dick, die Kunst so laut.

Ich sehne mich nach der Provence ... oder nach Griechenland ... oder nach dem grünen Eise dort oben ... im Norden ... sehr weit ...

Nur Nachts, im Englischen Garten, wacht meine Seele auf. Oh du Tempel Monopteros! Oh du Mond auf der Wiese! Oh ihr sehr schwarzen Bäume, wenn's dunkel ist ...

Oh! ... oh! ... oh ...

Meine Seele lallt sehr bange ...

Ich trage meinen überaus weichen Hut in der Hand und warte, gestützt auf meinen Stock aus südlichem Bambus, auf jenes Rauschen aus der Tiefe, das sehr dunkel ist, wie die Baumwipfel in dieser Nacht der heimlichen Sehnsüchte.

Ich warte ... sehr lange ...

Pfui! Zwei Menschen, aneinander klebend wie dicke, brünstige Raupen, kreuzen meine einsame Warte.

Im Innersten beleidigt, beschmutzt, gestoßen wanke ich an meinem bambusischen Stabe heim.

Wenn ich nicht so müde wäre, führe ich davon. Aber ich bin sehr müde.

Denn meine Augen müssen hier Bilder sehen, die nichts als noch einmal Leben sein wollen.

Diese Maler haben den Wahnsinn der schamlosen Farbe.

Wo ist das silberige Grau meiner Seele, das sehr dünn ist?

Wo ist die ovale, zuckende Spirallinie meiner Sehnsucht, die immer zittert? Auch bei den Alten finde ich nichts, als ein plumpes Vergnügen am Leben. Ich träume eine Madonna mit sehr grünen, sehr langen, sehr traurigen Händen. Über ihrem Antlitz ist ein sehr grauer Schleier. In qualvoller Schräge fallen die innigen Fäden eines seltsamen Regens.

Oft sitze ich in der einsamen Konditorei und trinke tröstliche Mandelmilch. Geheimnisvell huscht die seltsame Kellnerin. Das überaus keusche Weiß der Schlagsahne leuchtet bange. Irgendwoher schwillt der zärtliche Duft der träumerischen Vanille.

Jetzt ... ich fühle es ... jetzt greift ein Reim mit feuchtwarmen Kinderfingern an mein wartendes Herz ... Oh du feuchter, oh du warmer, oh du überaus gütlicher Finger sehr banger Kindheit! ...

Da schmettert eine höhnische Trompetenstimme: Einen Kognak!

Und der zage Kinderfinger verschwindet ... Öde ringsum ... die freche Sonne grinst auf dem gewölbten kahlen Schädel des feisten Mannes hinter dem ekelhaft beladenen Ladentisch.

Ich bin verstoßen, vertrieben; ich zahle und gehe gebrochen heim.

Heute hatte ich einen reichen Tag: ich fand sechs reine Molosser. Einst, ich fühle es, werde ich sie zu einer Ekloge fügen.

Wenn ich mich frage: welches Glück warf mir diese überschwängliche Gnade in den gläubig harrenden Schoß, so weiß ich keine andere Antwort, als diese: ich habe einen Likör getrunken, der so voll inniger Süße, so ätherisch fein und doch gefüllt mit einer geheimnisvollen, überaus beglückenden Kraft war, daß ich beschloß, dieses Elixier nie mehr ausgehen zu lassen.

War es nicht Geist, was ich trank? Wäre es nicht Blasphemie, wenn ich die Kongenialität dieses Likörs als Alkohol schmähte?

Oh, nicht der Spiritus war's! Auch die Destillation, ich empfinde es tief, kann Seelenkunst sein.

Strebte ich denn nach Genusse, als ich trank? Ich strebte nach meinem Werke!

Und siehe: die Gnade kam! Auf sehr sanften Sohlen, wie ein Feigen opfernder Ephebe, der das Antlitz der großen Güte hat und schlank ist.

Meine Molosser im Herzen lege ich mich zur Ruhe. Meine Molosser, oh, meine Molosser, meine Molosser!

Eine große Zuversicht blüht mir schwarze Rosen, die nach Vanille duften und einer unendlich süßen Trauer, ins majestätisch schlagende Herz.

Ich werde sehr tief schlafen ...

Einen Tag später.

Heute war mir den ganzen Tag sehr übel.

Eine sehr schwere und sehr lästige Wolke von Dumpfheit bekroch mich immer wieder, und es war, als wenn die behaarte Faust eines feindlichen Dämons aus meinem Innern emporstieße in mein von seltsamen Dünsten unerquicklich durchzogenes Gehirn.

Ich legte die feuchte Kühle eines Eisbeutels, der mich anfangs wie der träg schwappende Bauch einer sehr schwangeren Kröte berührte, auf Stirn und Schläfe und fand einige Linderung; doch blieb ein banges Gefühl großen Elendes klammernd zurück.

Das Schlimmste ist, daß ich die sechs Molosser bis auf einen vergessen habe: Vorsaaltür. Was soll ich aber mit diesem anfangen? Die andern waren sicher würdiger.

Er eignet sich durchaus nicht für eine Ekloge.

Ein schnöder Dämon schob ihn mir unter, derselbe, dessen haarige Faust, – oh! oh! wie tut sie immer noch weh!

Wenn ich von dieser Krankheit Gesundung gefunden haben werde, will ich diese rohe Stadt von ewig vergnügten Barbaren verlassen und südwärts ziehen.

Citronen ...

Das Wort tut mir wohl wie eine freundliche Medizin.

Meran im Juli 1897.

Die Leute, die mir sagten, daß es um diese Jahreszeit hier sehr heiß sein würde, haben recht gehabt.

Aber es ist nicht das, was mich so traurig macht. Ich bin enttäuscht, weil die große Schwermut ausbleibt, die ich mir inmitten der Lungenkranken erhofft hatte, die sonst mit den müden Schritten der Tuberkulose hier die Wandelbahn durchschreiten.

Es sind keine Lungenkranken mehr da.

Ich allein durchschreite die Wandelbahn.

Engmaschige Langeweile durchflort meine sehr einsame Seele.

Ich denke viel über die Dichtkunst nach, seitdem, nach jener unvergeßlich furchtbaren Krankheit in München, meine Seele so leer von Versen ist, wie ein Tempel, in dem Barbaren wüteten.

Eins ist sicher: sie muß still sein ... sehr still, die Poesie. Wer in einer Zeichensprache dichten könnte ...

Gesten, die sich reimen, nicht Worte ...

Feierliche Gesten! ...

Gesten von sehr alten und überaus ernsten Priestern, die müde sind ... Worte sind plump, weil sie ihren Sinn vom Leben haben.

Selbst schöne Worte sind roh. Ich sage: Rose, – und ich muß an die Suppe denken, die man aus ihrer Frucht zubereitet; und wenn ich: Lilie sage, so denke ich an die Pomade, die von ihr den Geruch hat, aber aus dem Mark des Rindes verfertigt wird, das plump ist und brüllt.

Nein: wir sind zu feinfühlig für Worte geworden, wir Epheben der neuen, müden Tänze zwischen Aloeschwertern, in denen das Grau zuckt.

Worte sind unkeusch und klebrig und riechen nach Mensch. Wer, der priesterlich fühlt, dürfte in Worten dichten, die beschmutzt sind durch die Lippen jedes Knoblauch essenden Packträgers?

Wir dürfen nicht mehr vom Leben dichten, weil wir wissen, daß das Leben roh, schmutzig schmählich von Grund aus ist, – aber so dürfen wir auch nicht mehr mit den Mitteln dichten, die Begriffe des Lebens in sich haben.

Sollen wir gar nicht mehr dichten? ... ? ... ! Ich sehe Heroen der Zukunft heranschweben, so fein, so zart, so Seele, so Stille, so nur Neigen des Kopfes, daß sie dessen fähig sein werden.

Sie werden die Augen aufschlagen, – und das ist die erste Strophe; sie werden die Augen niederschlagen, – und das ist die zweite Strophe; sie werden die Augen schließen, – und das ist der Schluß.

Oh ihr Seligen der Zukunft! Oh ihr schweigenden Erfüller meiner Sehnsucht! Oh ihr gewaltig Stummen!

Aber wir, wir in dieser Wüste, wir noch umtrommelt vom Reimgerassel kunstloser Lebensknechte, wir viel zu früh Geborenen, wir halb noch klebenden, noch nicht ganz im Äther schwebenden, – wir, oh! oh! –: wir sind von einem harten Schicksal dazu bestimmt, noch mit Ausdrücken zu dichten.

Pfui schon über das Wort: Ausdruck!

Sieht man nicht eine schmierige Materie aus der Sehnsucht unsrer gepeinigten Seele quillen, wie die ölfetten Farben aus den Tuben dieser leinwandbeklecksenden Maler?!

So wollen wir wenigstens edel in der Beschränkung sein.

Nicht mehr Worte, die ein Sinn beschmutzt, nur Klänge, bange, bebende, lallende, aus denen das Mystische sinnlos dunkeltönig emporahnt.

Ein traumverlorenes stieres

Oh!

sehr einsam auf weißer Seite sinnend, ist mehr, unendlich mehr, als eine ganze Bibliothek von »Gedichten«, die in der Knechtschaft der Begriffe wimmern!

San Martino di Castrozza im August 1897.

Müde bin ich hier herausgefahren durch viele Täler, die heiß sind, und müde wandte ich hier im Föhrenwalde, der kühl ist.

Ja, es ist kühl hier, denn von den Bergen mit den schönen Namen wehen Winde. Oh Cimone della Pala, oh Pic Rosetta!

Wild beißen eure Zähne, die sehr rot sind, in den Himmel, der sehr blau ist. Sie beißen seit Jahrtausenden ... immerzu ... immerzu ...

Es ist sehr grausig.

Oh, meine Seele, warum bist du müde? ...

Warum ist der Zorn der Dolomiten nicht in dir, der in den Himmel beißt? ... Ich bin aus Zitzebüttel ...

In meiner Heimat breitet sich müdflächig Sand ... Sand, der einst auch Stein war! ... ja ... aber es ist schon lange her.

Biß auch er einst in den Himmel? ...

Bist du Gigantenasche, Sand meiner Heimat?

Mich überwältigt mein rückwärtsschauender Geist ...

Zu stark ist der Duft der Föhren am Fuße des überaus trotzigen Cimone della Pala ...

Hier Molossergemurmel! Hier Gesänge voll gähnender Oh's! Hier ein Epos aus einem Schrei!

:... Ohhhhh!...

Gelb müßte man es drucken auf sehr knotigem ultravioletten Papier.

Wo aber sind die Menschen, die sie verstünden, diese Eroica aus einem Worte; nein: einem Laute, gelb hinausgeheult in ultraviolette Nacht ... ! ... ?

Bah! Einsam heult meine Seele und sehr heroisch; überaus verächtlich heult sie zu den beißenden Zähnen gleich heldischer Felsenkiefer.

Ich und Du, oh Cimone della Pala, nur wir Zwei ... : Ich und Du ...

Was kümmert's uns, ob die Welt die kaiserliche Qual unsrer Seelen »versteht« Groß, einfach bist du: ein beißender Zahn. Groß, einfach ich: ein gelbes Oh!

Soll ich ihn besteigen, den Berg meiner Seele ... ?

Nicht doch!

Barbaren in eisenbeschlagenen Schuhen, frechnackte Kniee aus bockledernen Hosen bleckend, mögen es nötig haben, dir schamlos nahe zu sein als zynische Betaster. Ich bleibe unten.

Meine Seele besteigt dich täglich, oh Cimone della Pala. Fühlst du sie?

Oh, wie ich lächle, wenn ich die klimmwütigen Barbaren sehe, die dich mit ihren Muskeln bewältigen wollen, indessen ich im Stuhle liege und weiß, daß ich – oben bin.

Gestus meiner Seele, oh Cimone della Pala, oh du mein Psalm und meine eine Strophe! Soll ich noch dichten, da ich dich als mein Gedicht gewann?

Ich und Du, – oh Du Ichdu ...

Ah! Ah!! Ah!!!!!

Mein Ichdu! Mein Cimone della Pala!

Ein Mensch mit schwarzen Bartkoteletten, ein immer geschäftig eilender Mensch, der diesem Hause als Oberkellner angehört, behauptet, die Spitze, der Zahn, den ich Cimone della Pala nenne, sei gar nicht der Cimone della Pala, sondern heiße ... ich hab's vergessen.

Wozu soll ich's behalten?

Du, mein Cimone della Pala, bist und bleibst mein Cimone della Pala.

Mögen dich die Oberkellner und Gelehrten nennen, wie sie wollen: ich heiße Dich das, was Du mir bist:

CIMONE DELLA PALA ...

Venedig im September 1897.

Es wurde zu viel. Der Cimone della Pala, der sehr gewaltige Zahn, drohte mich zu erdrücken. Meine Liebe wurde zur Leidenschaft, und die Harmonie meiner Seele gebot Abreise.

Jener Dichter der Vorzeit, dessen Dichtungsart wir überwunden haben, wenn wir sie auch für seine Zeit begreifen und schätzen mögen: Johann Wolfgang von Goethe, hat uns das Eine, Dauernde gelehrt, daß der höhere Mensch im entscheidenden Momente, wo der Genuß überschwänglich wird, kühl zu werden hat.

Ich registriere unter C –: Cimone della Pala; beglückendes Verhältnis zu ihm unter einigen Schauern seltsamer Erhobenheit; nicht ohne Befruchtung, die künftiges Gute versprechen möchten; Abbruch im rechten Augenblicke, um keinerlei Unbehäglichkeit aufkommen zu lassen.

Nun träume ich im feuchten Moder dieser Stadt, die sehr ruhig ist.

Dies ist der Ort, sich von einer großen Liebe zu erholen. Nur, daß es zuweilen übel riecht. Aber die Samtklappen meines sehr langen Rockes sind getränkt mit Ireos fiorentina.

Stundenlang laß ich mich durch stille Kanäle fahren in einer dieser sehr schwarzen Gondeln, die ich liebe, weil sie sehr schlank und überaus weich gepolstert sind.

Lang hingestreckt, die keusch duftenden Samtklappen sehr nahe meinem Antlitz, fahre ich mit geschlossenen Augen durch diese Stadt, die nicht mehr lebt.

Ich schlafe an deinem toten Busen, oh Venezia.

Einst werd ich dein Schlummerlied singen, oh heilige Leiche, im Wiegentakte der Lagunen, die sich nicht bewegen, im Takte der absoluten Ruhe. Nichts als Ruhe ... nur Schlaf ... nur nichts.

Eine Symphonie in W und A ... Das Lied der Leere ...

Ohne Interpunktion ...

Ferne sei mir die verächtliche Angewohnheit des Kommas!

Rein bleibe das keusche Satzbild meiner Verse vom brutalen Semikolon!

Nie dränge sich der schnöde Bauch eines Fragezeichens in die schlanke Gliederung meiner Lallungen!

Ein spitzer Dolch eher in dies Herz, als daß ich je ein Ausrufezeichen gegen die träumende Seele meiner Poesie richte!

So schwur ich mir heute in der sehr schwarzen Gondel.

Heilig sei mir der Gondelschwur!

Oh, daß ich immer die Augen geschlossen hätte! Nicht bloß in der Gondel, sondern auch auf dem Markusplatz!

Nimm meine Beichte auf, du sanft geripptes bleu mourant dieses mir sehr teuren Buches! Werde nicht rot, oh du Flöten-Blau des Trostes.

Ich habe einen Fehltritt begangen ...

Cimone della Pala, ferner Geliebter, dein Freund, dein Bruder, dein Dichter ist dir untreu gewesen.

Schnell will ich es von mir flüstern, das überaus Schmähliche:

Sommernacht und Töne ... Wandelnde Menschen im Glanze des Sternenhimmels und gelber Flammen aus hochgereckten Kandelabern ... Fächernde Mädchen in schwarzen Mantillen auf klingenden Pantoffeln ... Eine Hohe, Bleiche ... Schwebend ihr Gang, königinnenstolz und sehr schön ... Nächtige Haare im griechischen Knoten hoch auf ... Eine dunkelrote Rose leuchtet, lockt, winkt ... Schwarze Augen glühen und winken auch ... Alles glüht, leuchtet, lockt, winkt ... Alles ist so ... so ... sonderbar ... Warum geht sie auf die Piazetta? ... Über die Brücke? ... In die sehr dunkle Gasse? ... Und warum ich ... mit? ...

Warum? Oh! Oh!! Ohh!!!

Wollt ich nicht fliehen ... ? Warum floh ich nicht? ... Warum um Gotteswillen diese enge Treppe hinauf? ... In diese sehr schwüle Stube hinein ... ? Oh du Königliche, was pressest Du mich so gewaltig an deinen überaus wogenden Busen? ... Warum tust Du dein fließendes Gewand von Dir und lächelst? ... Und ... ich ...? Ich? ... Weh mir: ich ... gab ... mich ... hin ...

Oh Cimone della Pala! Cimone della Pala!! Cimone ... della ... Pala!

Ich werde nicht mehr in schwarzer Gondel fahren. Ich werde nicht mehr das Lied der absoluten Leere träumen. Heilige Leiche Venedigs: ich bin Deiner unwert.

Das Leben hat mich berührt; ich bin besudelt wie jene, die den Mai bedichten. Ich fahre nach Florenz.

Florenz im Oktober 1897.

Diese Stadt ist laut und voller Italiener.

Unähnlich jener erhabenen Lagunenleiche, gegen deren Heiligkeit ich Elender so schmählich gesündigt, die ich beleidigt und sehr besudelt habe, hat sie die Schamlosigkeit, zu leben, kreischend zu leben wie eine Bettlerin, sie, die ehedem eine Königin gewesen ist und höchst feierlich.

Einst die Stadt des bleichen Dante, jetzt die Stadt des schamlos roten Bädeker.

Nirgends gibt es so ruchlos knallende Droschkenkutscher wie hier, nirgends so zynisch pfeifende Gassenbuben. Und nicht selige Hymnen der Stille pfeifen sie, sondern Arien aus Opern heutiger Menschen.

Belastet vom Nackenjoch scheuernder Reue wandle ich hier und übertränt von Wehmut über den Hinfall alles Ehemaligen.

Tauche unter, oh meine Seele, ins ehedem Gewesene!

Kniee am Betschemel Fra Angelicos, meine Seele, und lasse den Rosenkranz sehr tiefer Frömmigkeit durch sehr knochige Finger gleiten.

Wolle nicht dichten fürderhin, andächtig betende Seele, – bete und beichte, beichte und bete, denn der Pommeranzenduft der Sünde dampft noch immer in deinen heimlichen Kammern.

Soll ich in ein Kloster gehen?

Ach, wie gerne kleidete ich mich in das fließende Weiß der sehr feierlichen Dominikaner.

Aber ach: ich bin Protestant. Unmystisch taute auf mein kindliches Haupt der heilige Tautropfen in der sehr kahlen Kirche von Zitzebüttel.

Ich kann nichts tun, als einen sehr langen Gehrock aus weißem Flanelle tragen über stumpf schwarzen Hosen und einer zartblauen, golddurchpunkteten Samtweste. Breit, schwarz, rundköpfig dazu der Hut, mit einer hinten hangenden Quaste, – er das einzige Kleidungsstück der weißen Pater, das meiner profanen Leiblichkeit erlaubt ist.

Glotzend stehen die pfeifenden Gassenbuben von Florenz, sehen sie mich so, und die schnöden Arien brechen jäh ab, wo ich schreite.

Einsam auch hier, müde im müden Herbst.

Stumm durch Sünde, unfähig des gläubigen Beichtganges, lebend im Ehemaligen, –: der große, graue Elefant der Langeweile legt seinen drosselnden Rüssel mit indischem Ernste um meinen gebeugten Hals. Ich werde meinen Stab, den schwarzen, ebenholzenen, weiter setzen.

So schritten in jenen Tagen weiße Pilger durch die sehr weite Wüste ...

Rom im November 1897.

Rom ist frech.

Ich hoffte, hier zwischen Ruinen zu wallen. Nein. Es ist eine Stadt wie jede andere.

Glückseliger Papst im säulenhallenden Asyle des verschlossenen Vatikans! Deine heiligen Sohlen berühren nicht dieses Pflaster einer würdelos von Omnibussen durchfahrenen Residenz.

Aber auch der Vatikan ... Wie bunt, wie stimmungslos wohl erhalten! Wo ist der große Staub und die sehr dichte Spinnewebe der Vergangenheit?

Muß ich zu den Pyramiden fliehen? In die Wüste der einsamen Kamele? Alle meine Träume wachen in moderne Tage auf ...

Wo sind die ganzen leeren Hallen voll grauer Gobelins, in denen meine Seele ... wohnen könnte?

Wo weht der Tanz der sehr schweigenden Epheben, zu denen ich sagen könnte: Oh, meine Brüder, dreht mich mit in diesem sehr schmerzlichen und überaus heiligen Tanze?

Ach, diese deutschen Künstler hier! Sie trinken sehr viel Wein und sind immer vergnügt.

Sie lachen über meinen weißen Gehrock, und ihre plumpe Seele und Kunst hat nichts gemein mit der Dichtkunst meiner Seele.

Ich bin in mein Hotel verbannt, wie der Papst in seinen Vatikan. Oh ihr qualvollen Wochen in diesem Hotel!

Daß ich doch fliehen könnte!

Denn es wird kalt und regnet viel.

Warum reise ich nicht nach ... Afrika?

Was hält mich an diesem Orte der seelenmörderischen Table d‘hôte? Oh, ich weiß ...

Ich fühle es ... jene Ekloge in Molossern ...

Geduldig will ich warten, sehr müde lächelnd, fernerhin gläubig und hingestreckt auf den sehr breiten Divan.

Sie wird kommen ... ernst ... feierlich ... ephebisch ...

Keusch, mit der Lilie als Wasserzeichen, harrt auf dem Tische von Palissanderholz der fleckenlose hohe, schmale, zärtlich gerippte Bogen.

Oh, wie ich ihn liebe, den heiligen Schoß, der meine Ekloge empfangen soll. Scheu leuchtet er in Schauern der Verkündigung.

Keine Ekloge! Eine Nänie! Ein Klageweibersang!

Dank dir, Schicksal, fädenspinnende Göttin, daß du mir jene geschickt hast, jene im schwarzen Kleide mit den dunkelumrandeten Augen: das Klageweib meiner Seele.

Einsam unter dem Schwarm der schwatzenden Esser sitzt sie in düsterer Leiblichkeit seit dreien Tagen am linken Ende der Table d‘hôte.

Wenn sie das Glas mit schwarzem Weine zum Munde hebt, hebt mein Mund sich zum Munde des Schicksals und küßt den Kuß des Dankes.

Dieses ist das Weib, das nicht Weib ist ... Dieses ist die edle Versunkenheit ... Dieses ist das trauernde Ehemals ... Ich nenne sie Mamalawa.

Denn M und W und L und sehr viel A ist in ihrem höchst heiligen Wesen.

Selbst die Kellner stehen unter dem Banne dieser sehr Außerordentlichen. Tiefer beugen sie ihr das gescheitelte Haupt, weiter öffnen sie ihr das geräuschlose Flügelpaar der gebenedeiten Türe, durch die sie schreitet.

Marchesa nennen sie sie und reichen die Schüsseln nur mit Ehrfurcht ihrer unendlich weißen Hand.

Nie fühlte ich so wie jetzt die Tiefe meiner Herkunft. Oh, daß ich nicht einmal Baron bin!

Nie aber auch erhob mich so wie jetzt das Gefühl, daß ich dem einsamen Adel der sehr einsamen Dichter angehöre, die die Seele singen.

Du, Mamalawa –: Marchesa; ich, Emil –: Dichter. Ach, daß ich ... Emil heiße!

Wenn es noch Edgar wäre ... oder Aemilius ... Ich sinne dem Urnamen meines Wesens nach. Viel O und W und M und L muß darin sein. Momolowo? ...

Ja! Ich darf die Kühnheit haben und zu mir sagen: Momolowo!

Mamalawa! Momolowo!

Welch eine Nänie, wenn es mir gelingt, die Molosser zu finden, die, gleich schweren Ranken von ultravioletten Malven, zwischen diesen bronzebraunen Kandelabern hängen!

Sie hat die Blicke meiner Ehrfurcht und Andacht bemerkt.

Zweimal schon ruhte ihr sehr nächtiges Auge auf mir wie ein schwarzer Mond aus gelbem Himmel.

Nun tat ich den jetzt unziemlich gewordenen Rock aus dominikanerweißem Flanell ab und hüllte mich gleich ihr in stumpfes, stöhnendes Schwarz.

Nur ein müdeleuchtender Milchopal weint traumhaft aus dem verstohlen blinkenden Kohlenglanz der sehr bauschigen Moiré-Krawatte.

Oh, ich fühle es: sie hört das Harfenspiel meiner anbetenden Seele.

Mamalawa!

Oh!

Momolowo!

Ah!

So kreuzen und berühren sich die Vokale unsrer Seelen.

Nun lieg ich im Zelte der großen Seligkeit und höre die sehr tiefen Brunnen der Gnade rauschen.

Der Abgrund ihrer Seele neigt sich über den Abgrund meiner Seele, und beide Abgründe werden ein Abgrund.

Oh Abgrund ... das ist: O – M

So dichtet die Seele des inneren Lebens, so taucht in den Seelen klang zweier Vokale die große Mystik echter Poesie!

O – A, und nichts als O-A, immer und immer wieder O-A ...

Ich möchte dieser plumpen Welt als einziges Zeichen meiner Dichtkunst einen Band vor das stumpfe Gesicht halten, der auf tausend Seiten nichts weiter enthielte, als diese beiden urschlundtiefen Symbole eines Doppelschicksals, das sich schauerlich erhaben in einem Abgrund zusammenschlundete.

Nur müßte anfangs das A ganz links oben am Seitenrande stehen, und das O ganz rechts unten. Langsam, sehr langsam müßte dann das A herab, das O hinaufsteigen. Nun aber, wenn sie sich nahe kämen, müßte das A nach rechts, das O nach links schwanken. Dann wieder der sehnsüchtige Ab- und Aufstieg. Dann das O oben, das A unten, bis endlich, endlich nach unendlichen Umkreisungen sie sich auf der letzten, tausendsten Seite so träfen, daß sie nicht mehr nebeneinander, sondern, sich bedeckend, übereinander gedruckt würden.

Und alles Gelb auf Ultraviolett.

Dieser tiefen Mannigfaltigkeit ist die neue Poesie fähig ...

Sizilien im Dezember 1897.

So sehr hat mich das Abgrundglück der Seele überschüttet, daß ich nicht Zeit und Stimmung fand, von ihm auf diesen Seiten der Beschaulichkeit zu reden.

Denn mein ganzes Dasein, das aber ein Fernsein ist, was ist es jetzt anderes, als eine große Beschaulichkeit?

Oh Abgrund, deine Wonnen sind unaussprechlich! Selige Verschlungenheit der Verschlungenheiten! Bald, ich ahne es, wird der Abgrund zum Übergrund, und das Unfaßliche wird immer noch unfaßlicher.

Indessen: einige Worte noch, ehe ich die Lust am Worte, diese Plebejerlust überhaupt von mir getan habe und nur und immer nur lasse. Wir haben uns zu einer Seelen-Ehe vermählt. Sie: die verlassene Gattin eines wollüstigen und seelenlosen Marchese, der ihre unendlichen Reichtümer in den Schoß des Lasters und auf die Spieltische wirft; ich: der einsame Dichter, den seine Familie als unbrauchbar für die plump bürgerlichen Zwecke ihres seifenfabrizierenden Gesichtskreises verstoßen hat; wir: die Seelenabgrundehe.

Und nun: Kein Wort mehr in dieses Buch!

Was wir, nicht der Welt, sondern uns zu sagen haben, nein, nicht zu sagen: zu tönen haben, wird in dem Buche stehen, an dem wir arbeiten wollen, solange dieses Erdenleben währt:

im

Buche

O-A.

Zitzebüttel im Februar 1898.

Da liege ich, ein Wrack, geschleudert auf den Sand der Heimat.

Was habe ich erlebt ... Oh!

Sie ... ha, wie soll ich sie nennen, da nicht einmal die Gerichte des Königreichs Italien ihren Namen zu eruieren vermochten ... ? ... sie – verschwand.

Einen Zettel ließ sie mir zurück, – aber keinen Bankzettel. Diese nahm sie alle mit. Aber auf dem Zettel stand (schluck es, meine gläubige Seele!): Addio mio carissimo asino!

Dann aber kam des Kelches Neige: Mich sperrte man ein, weil man sie nicht kriegte. Mich – als Helfershelfer der ... oh pfui! pfui! – Gaunerin.

Ich sollte Red und Antwort stehen über alle die Summen, die sie – gestohlen hat. Ich, der Bestohlenste von allen, dem sie nicht bloß Geld, sondern den Glauben an Seele und Seligkeit raubte, ich, der ich ohne einen Soldo auf Sizilien saß, weil sie mir keinen zurückgelassen hatte.

Man hat mir die Hände zusammengebunden und mich in ein abscheuliches Loch geführt, man hat mich photographiert und anthropometrisch nach dem System Vertillon gemessen, man hat Verhöre mit mir angestellt und mich nach einander für einen schweizer, einen französischen und einen italienischen Hochstapler gehalten.

Was sollte ich nicht alles sein: ein durchgebrannter Kassierer, ein französischer Schauspieler, ein – Mädchenagent. Nur, daß ich ein deutscher Dichter sei, glaubte man nicht, und als ich dieses Buch hier vorzeigte, beantragte der Übersetzer, mich untersuchen zu lassen.

Banausen dort wie hier! Zitzebüttel und Rom liegen beide in Böotien.

Endlich, nach einem Monate, die Erlösung durch den deutschen Vertreter, doch mußte ich, damit mir nichts erspart bliebe, dritter Klasse von Rom bis Zitzebüttel reisen.

Und dann der Empfang hier ... Nicht einmal meine Gehröcke hat man mir gelassen. Ich muß einen Sacco tragen, wie ein Kommis.

Und überhaupt, das sehe ich mit gräßlicher Klarheit: auf den Kommis läuft alles hinaus. Ich soll mich in die Seifenfabrik einleben!

Noch bin ich zu schwach zum Widerstande. Aber, wenn ich jenen furchtbaren Schmerz überwunden haben werde, dann ...

Zitzebüttel im März 1898.

Daß ich einst Dichter war ... kaum glaub ich's selber.

Ich lebe mich wirklich in die Seifenfabrik ein.

Nur manchmal, bei den ätherischen Ölen, schwillt's empor und zuckt heftig. Aber das schlimmste ist die Buchführung.

Mein Stil wird immer dürrer, und ich kenne die Wollust der Vokale nicht mehr.

Zitzebüttel im April 1898.

Man will mich ganz vernichten. Ich soll Kusine Pauline heiraten. Das ist ein sehr dickes Mädchen, das fortwährend vergnügt ist. Sie hat ein Lachen an sich, bei dem ich erbleiche. Und ich bin doch so merkwürdig gesund jetzt. Manchmal fühl ich mich geradezu wohl. Das ist das sicherste Zeichen dafür, daß ich völlig herunterkomme.

Zitzebüttel im Mai 1898.

Ich werde die Pauline heiraten. Verlobt bin ich schon. Wozu auch nicht? Rad fahre ich ja auch, und überhaupt, ich fange an »munter zu werden«, wie Pauline sehr richtig sagt. Munter werden! Es ist ja ein ganz angenehmes Gefühl, aber eigentlich ... Ah, Unsinn! Nächsten Monat soll schon die Hochzeit sein. Meinetwegen. Übrigens ist Pauline ganz nett, und wenn sie lacht, ist es unmöglich, nicht mitzulachen. Aber das weiß ich: nach Italien machen wir unsere Hochzeitsreise nicht.