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Rudolf Stratz: Die siebte Pille und andere abenteuerliche Geschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorRudolph Stratz
titleDie siebte Pille und andere abenteuerliche Geschichten
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
editor1931
year1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081123
projectid476a8469
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Die siebte Pille

Der Anker unseres Dampfers der Nederland'schen Maatschappij klatschte in das silbern flimmernde Wellengeschaukel der Reede von Suez, daß da unten, in der glasgrünen Dämmerung, die weißen Haifischbäuche flüchtend auseinanderglitten. Wir hatten das Rote Meer hinter uns. Schweißrieselnd saßen wir, die Reisenden erster Güte, in dem glühenden Dampfbad von Wasser und Luft an Deck. Stumm und gallig. Wir sahen nicht auf das Purpur der Korallenbänke, das Bleigrau des Himmels über dem Sinai, das Schwefelgelb und Palmgrün der Wüstenufer – wir sahen nur da oben, an dem einen Mast, immer noch die verwünschte gelbe Quarantäne-Flagge, die uns von der Einfahrt in den Kanal und hinüber nach Europa fernhielt.

Seit Stunden die internationale Sanitätskommission an Bord. Es war da heute früh ein brauner Heizer unter verdächtigen Anzeichen erkrankt. Herrgott... wenn das die Cholera wäre...

»Oder die Rache eines andern Malaien«, sagte der mitfahrende Regierungsarzt aus Java. Er war ein großer, schöner Mann mit grauem Wallenstein-Knebelbart und dunkeln, tiefen Augen. Schon Mitte Fünfzig. Kein Holländer, sondern von Geburt ein welscher Schweizer. Aber er hatte zwei Jahrzehnte seines Lebens auf den Sunda-Inseln verbracht. Er setzte hinzu:

»Sie machen sich ja von der Rachgier des farbigen Volks da unten keinen Begriff!«

»Sie meinen, daß der Kohlentrimmer...?«

»Gott weiß, was ihm fehlt! Was ahnen diese europäischen Ärzte hier von den Giften von Java!«

»Gibt es wirklich diese furchtbaren, geheimen Mittel der Eingeborenen, Doktor Arnauld?«

»Ich habe solch einen Fall einmal vor langen Jahren bei Gelegenheit einer Urlaubsreise nach Europa erlebt!« Der Arzt stand auf, packte einen kleinen, fliegenden Fisch, der aus dem Luftgeschwirr seiner Genossen auf den Deckplanken gelandet war, behutsam bei der steifen perlmutterfarbenen, vorderen Seitenflosse und beförderte ihn mitleidig über Bord. Er kam zurück. »Gerade hier, vor dem Kanal von Suez, fing diese düstere Sache an«, sagte er, sich wieder in den Schiffsstuhl legend. Und, da er die Augen der andern matt, aber neugierig auf sich gerichtet sah: »Wenn ich Ihnen damit die ekelhafte Wartezeit unter der Pestflagge verkürzen kann, so kann ich Ihnen ja die Geschichte des Mynheer Mauritz de Vries erzählen!«

 

Still lag unser Steamer. Still nahebei das eisgraue, kleine holländische Kanonenboot, auf dem Weg nach dem Äquator. Still drüben die weitbäuchig gerundeten Petroleumschiffe der Standard Oil. Totenstill fern, im toten Quarantäne-Winkel der Reede, ein paar Mekkadampfer, die wirklich schon die Pest als blinden Passagier mit sich führten. Der Doktor Arnauld warf noch ein Eisstück in seinen Brandysoda und begann.

 

»Damals hatten wir hier vor Suez klare Schiffspapiere. Wir waren im Begriff weiter zu dampfen. Da tanzte noch, von Port Tewfik drüben her, die Motorbarkasse des Schiffsagenten über die Wellen. Er brachte die letzte Post aus Europa mit, darunter auch – wir besaßen damals noch keine drahtlose Station an Bord – eine Depesche an mich. Sie kam aus Amsterdam. Sie lautete:

›Suchen Sie uns um Gottes willen gleich nach Landung auf. Bin in schwerster Sorge um meinen Mann. Hiltje de Vries.‹

Ich kannte Hiltje de Vries persönlich gar nicht. Ich wußte nur: Sie war jung, hübsch, wohlhabend, aus sehr guter, alter Familie des holländischen Nordens. Aber ihr Gatte war mein Freund. Er hatte mit mir zusammen eine Reihe von Jahren als höherer holländischer Regierungsbeamter unter dem Wendekreis in Batavia und Surabaya zugebracht. Dann war er einmal auf Erholungsurlaub gefahren und hatte uns aus Holland seine Verlobungsanzeige gesandt und auf den Rand der an mich gerichteten Karte gekritzelt, er wolle nur noch einmal nach Niederländisch-Indien zurückkehren, um dort seinen Abschied aus dem Staatsdienst zu nehmen, und dann in Holland heiraten und der Ruhe nach den Tropen und seinem jungen Eheglück leben!

So geschah es denn auch. Und was wir da unten seitdem von ihm aus Holland hörten, das war nur, daß alles dort gut ging, mit ihm und der jungen Frau Hiltje, in seinem Landsitz nah von Amsterdam, den er in Erinnerung an Batavia ›Weltevreden‹ getauft hatte.

Und nun auf einmal diese schwarze Krähe von Depesche! Kaum war ich vor Amsterdam auf dem Y gelandet, so fuhr ich hinaus in der Richtung nach Haarlem. Dort, nahe der Blumenstadt, hinter der Düne von Zandvoort, lag, inmitten einer regenbogenbunten Palette von Tulpen-, Hyazinthen-, Narzissenbeeten, ein Bild behäbigen Friedens, das Landhaus Weltevreden ziegelrot und grünbelaubt im Sonnenglanz.

 

Draußen, vor der Villa, war Holland, grün von Wiesen, blau vom Meer, mit seinen gefleckten Kühen und seinen Kanälen und Schiffsmasten und Windmühlen. Drinnen, in der dämmerigen Diele, das Treppenhaus hinauf, an den Wänden, überall, war Indien. Buddhas – sitzend, stehend – in Holz, in Bronze, in Stein – sanft die Kwannon, furchtbar die blutige Kali – hundertarmig Wischnu – alle Geheimnisse des Fernen Ostens umspannten mich lautlos, fast drohend, in diesem holländischen Haus.

Und wie der Ferne Osten selber stand der Diener, der mir geöffnet hatte, vor mir. Auf den ersten Blick im Zwielicht ein Knabe – so klein und schmächtig die in weiße Jacke und weiße Hosen gekleidete Gestalt. Dann sah man das braune, lächelnde Gesicht mit dem glänzenden Schwarzhaar und den wie schläfrig halb geschlossenen Augen. Es war ein Malaie. Manche Kolonial-Holländer brachten sich solch indisches Hausvolk als Diener und Kindermädchen nach Europa mit.

Die braune Gestalt vor mir frug mich nicht erst nach meinem Namen. Behutsam nahm er mir Hut und Mantel ab, glitt geräuschlos auf bloßen, braunen Füßen, die mit ihren beweglichen, langfingerigen Zehen beinahe Händen glichen, über den Flur. Er ähnelte dabei fast einem stummen, großen Affen.

Und von innen rief eine helle Frauenstimme:

»Orang! Was ist?«

Orang heißt auf malaiisch ›Mensch‹. Offenbar hatte die Dame des Hauses, die ja selber niemals in Java gewesen, den für sie unaussprechlichen Namen des Malaien einfach in ›Orang‹ umgetauft.

Der Asiate öffnete wortlos eine Türe und ließ mich eintreten. Drinnen, in dem ganz modernen Salon mit seinen unvermeidlichen fünf Vasen auf dem Kamin, empfing mich Europa in Gestalt einer reizenden, jungen Friesin – flachsblond, in weißem Sommerkleid. Das war Frau Hiltje de Vries, die Frau meines Freundes.

»Orang ist klug!« sagte sie, mir herzlich die Hand drückend. »Er hat Sie sofort nach Ihrer Photographie erkannt, die oben im Zimmer meines Mannes steht! Ach – ich erwarte Sie ja mit Sehnsucht, Doktor Arnauld!«

Ihre frischen Wangen waren blaß, der Ausdruck ihrer klaren und reinen, noch halb kindlichen Züge verstört.

»Mein Mann ist krank!« fuhr sie fort, sich neben mich auf das Kanapee setzend.

»Seit wann?«

»Wir heirateten vor vier Monaten, gleich, als er aus Indien zurückkam, und zogen hier in dieses Haus. Und seit drei Monaten siecht er mir hier dahin ...«

»Und was sagen die Ärzte?«

»Wir haben alle möglichen Doktoren gefragt. Sie können das Leiden nicht erkennen. Sie meinen, Mauritz habe eine hier unbekannte Krankheit aus den Tropen mitgebracht!«

»Und darum«, ihre blauen Augen ruhten in leidenschaftlicher Angst und freimütigem Vertrauen auf mir, »habe ich meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt, Doktor – der Sie aus Indien kommen und Indien seit Jahrzehnten kennen – der Sie Arzt sind und langjähriger Freund meines Mannes ...«

»Wo ist er?«

»Er ruht oben in seinem Zimmer! Das Schlimmste ist bei ihm die Apathie. Er hat keinen Willen zur Gesundung! Ich führe Sie zu ihm!«

 

Ich hatte den Mynheer Mauritz de Vries von Java her als einen stattlichen, elastischen Mann in der ersten Hälfte der Dreißig in Erinnerung – groß, blond, mit blondem Schnurrbart und kleinen Bartstreifen an den Backen – energisch als Beamter, abends mit den Europäern ein heiterer, umgänglicher Bursche. Nur wenn er sich, selten einmal, in der Tropenhitze etwas zu viel Alkohol einverleibt hatte, mußte man sich vor dem Jähzorn des sonst so gutmütigen und hilfsbereiten Menschen in acht nehmen.

Aber hier, auf dem Diwan, mit einem Plaid zugedeckt, lag ein blasser, kranker Mann, mit glanzlosen, eingesunkenen Augen und einem seltsamen, fatalistischen Leidenszug um den Mundwinkel. Er lächelte. Er drückte mir die Hand. Er gab mir, als wir unter vier Augen waren, bereitwillig auf alles, was ich ihn über seinen Zustand fragte, Auskunft, aber immer mit einer so sonderbaren Teilnahmslosigkeit, als spräche er von einem Dritten.

Ich untersuchte ihn, so gut das vorläufig ging. Ich beklopfte ihn. Ich behorchte ihn. Ich konnte zunächst nichts finden. Das schien Mauritz de Vries förmlich zu beruhigen. Er nickte beinahe befriedigt vor sich hin und schloß die Augen. Die Mittagssonne, die jetzt die beiden Südfenster seines Zimmers erreicht hatte, blendete ihn.

Und fast zugleich stand lautlos, ein weißer Leinwandschatten, auf seinen braunen, langgliedrigen Füßen, der Batur, der Diener aus Java, im Gemach und zog die Vorhänge zu. Er rückte schweigend das Kissen unter dem Kopf seines Herrn zurecht, stellte stumm die Medizin, die Punkt zwölf genommen werden sollte, mit Löffel und Wasserglas zur Hand und verschwand, fast ohne daß man ein Knarren der Türe hörte, geschweige denn das Gleiten seiner bloßen Sohlen über die Stiege.

»Ich möchte jetzt, vor dem Kaffee, ein wenig ruhen!« sagte Mauritz de Vries in einem träumerischen, ergebenen Ton. Ich nickte ihm zu und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer.

 

Unten, in dem ebenerdigen Empfangsraum, saß Frau Hiltje und sah mich bang und stumm mit ihren klaren, blauen, fragenden Kinderaugen an. Ich setzte mich. Ich sagte:

»Ich habe eine unheimliche Ahnung davon, was Ihrem Mann Gesundheit und Lebenskraft raubt. Dies Wort heißt Java!«

»Also wirklich eine Krankheit aus Java ...?«

»Eine Krankheit aus Java und eine Erinnerung aus Java!«

»An was?«

»Da müssen Sie Mauritz selber fragen!«

»Ich habe Mauritz nie gefragt, und er hat es mir nie gesagt!« Die junge Frau stand plötzlich hastig auf. »Aber ich weiß es längst. Ohne, daß er es ahnt!«

»Indien ist doch ein großes Klatschnest! Wahrscheinlich alle Kolonien in allen Ländern«, fuhr sie fort. »Ich habe noch als Braut von sogenannten guten Freunden die ganze schreckliche Sache erfahren. Ich habe Mauritz sehr lieb. Ich habe ihm im Herzen verziehen und habe ihn doch geheiratet!«

Die junge, blonde Frau Hiltje de Vries war sehr blaß, aber wieder ganz ruhig geworden.

»Ich war ja niemals in Indien«, sagte sie. »Aber so viel von dort wußten wir jungen Mädchen hier zu Lande wie jedermann, daß viele unverheiratete Europäer dort mit braunen Frauen in einer Art von Ehe auf Zeit leben. Man trennt sich dann eben nach Landesbrauch, wenn die Zeit um ist. So wollte sich auch Mauritz von seiner Gefährtin trennen, als er mit mir hier in Holland sein zweites Leben beginnen wollte. So etwas war es doch – nicht wahr?«

»Ich habe es ja alles selbst miterlebt!«

»Dies Mädchen aber war, scheint es, anders als ihre Stammesgenossinnen. Sie hat Mauritz offenbar sehr geliebt. Sie ließ nicht von ihm. Er verstieß sie. Sie kam immer wieder. Er jagte sie weg. Er fand sie tags darauf doch auf seiner Schwelle ...«

»Dann wissen Sie auch«, sagte ich, »daß Mauritz an dem Unglücksabend nicht ganz nüchtern war! Er kam aus dem Harmonie-Klub spät nachts zurück. Dort hatte man seine bevorstehende Heimfahrt nach Europa reichlich begossen. Wenn Mauritz der Alkohol zu Kopf gestiegen ist, kommt leicht der Jähzorn über ihn ...«

»Und nun findet er daheim wieder das braune Mädchen.« Die blonde, nordische, junge Frau Hiltje sprach ganz langsam, wie aus eigener Erinnerung heraus. »Sie war wieder heimlich in sein Haus geschlüpft. Und er ... War das wirklich so mit dem Reitstock ...?«

»Zu seinem Unglück lag ihm der Reitstock gerade zur Hand. Er nahm ihn, in seinem blinden Zorn, und schlug ihr damit ins Gesicht. Da lief sie weg!«

»Und am nächsten Morgen hat man sie im Wald erhängt gefunden!« sagte die junge Frau de Vries in einem seltsam weichen, schwesterlichen Ton, als gäbe es ein geheimes Band zwischen ihr, der europäischen Dame, und dem toten, braunen Kind der Tropen, die beide denselben Mann geliebt hatten. Und es war, als malten sich ihre verträumten Augen ein Phantasiebild, wie dies arme, erwürgte, braune Vögelchen da hing, in seinem bunten Sarong, im grünen Dämmern des Tropenwaldes, von grellfarbigen, fremdartigen Blumen umblüht, von huschenden Edelsteinen kleiner Tropenvögel umflattert.

Frau Hiltje verstummte. Nach einer Weile fragte ich:

»Hat Mauritz diesen Malaien, den Sie hier im Hause kurzweg Orang nennen, selbst aus Java mitgebracht?«

»Ja. Er hatte ihn dort schon ein Jahr oder länger als Diener. Er ist so an ihn gewöhnt!«

»Sie wissen ja sicher besser als ich«, setzte sie hinzu, »wie verwöhnt die Europäer draußen durch die farbige Dienerschaft werden. Niemand hier macht es ihnen mehr recht! Und so kann mein Mann auch, gerade in seinem jetzigen Zustand, diesen indischen dienstbaren Geist nicht entbehren ...«

»Dieser Orang ist ständig um ihn?«

»Den ganzen Tag!«

Ich erhob mich.

»Dann muß ich noch einmal hinauf und mit Ihrem Mann ein ernstes Wort sprechen! Ein Wort, das ihm wahrscheinlich Rettung bringt!«

 

Als ich oben bei dem Kranken eintrat, schlüpfte geschmeidig der braune, kleine Malaie an mir vorbei. Er hatte seinem Herrn den Hausanzug für den Mittagskaffee zurecht gelegt. Ich stand vor Mauritz de Vries, der sich langsam, müde, mit schlaffen Bewegungen ankleidete. Ich rang die Hände ineinander. Ich begann in meiner Aufregung ganz unvermittelt.

»Mauritz: Bist du denn mit Blindheit geschlagen?«

»Wieso?« fragte er gleichgültig und knüpfte sich die Krawatte, mit dem fatalistischen Gesichtsausdruck eines Selbstmörders, der sich die Schlinge um den Hals legt.

»Du kennst doch Indien ...«

»Nach fünfzehn Jahren Dienstzeit! ... Aber wer will Indien kennen?«

»Gerade die Geheimnisse Indiens! ... Du hast diese unergründliche, braune Welt damals durch deine Unbesonnenheit im Jähzorn aufgeweckt ...«

»Sie schläft schon wieder. Dies Mädchen drüben ist längst tot ...« Mauritz de Vries betrachtete mit einem sonderbaren sachlichen Interesse sein verfallenes Antlitz im Spiegel.

»Wenn sie selber auch tot ist ...«

»Ich habe am andern Morgen doch selbst sie suchen helfen. Ich sah sie im Walde hängen.« Mauritz de Vries wandte sich von seinem Ebenbild im Glas ab. »Anfangs dachte ich, ich werde das Bild los, wenn ich erst in Europa bin. Man ist doch Europäer. Man hat ein robustes Gewissen. Man kann sich doch nicht zu lange mit solch einem Eingeborenenschicksal beschäftigen. Nein. Auf der Überfahrt blieb die Erinnerung. Und hier, überm Meer, seit Monaten, wird die Erinnerung immer stärker, je schwächer ich werde!«

»Ja, aber merkst du denn nicht, warum du täglich schwächer wirst?«

Mauritz de Vries antwortete nicht. Er kämmte sich mit mechanischen, matten Handgriffen.

»Siehst du denn nicht, daß das, woran du leidest, nicht eine Krankheit Javas ist, sondern die Rache Javas? Du hast den Tod im Hause – den langsamen, unsichtbaren Tod. Indien ist dir gefolgt. Indien ist ständig wie dein Schatten um dich ... Und du ...«

Mauritz de Vries sah mich zum erstenmal voll an – mit einem rätselhaften Lächeln auf den bleichen Zügen.

»Glaubst du denn, ich wüßte nicht, daß der Malaie mich vergiftet?« fragte er ganz ruhig.

Ich blieb stumm. Ich war starr.

»Er war doch als Diener mit ihr – dem Mädchen – zusammen bei mir im Hause«, fuhr Mauritz de Vries in so alltäglichem Ton fort, als spräche er von einem Dritten. »Vielleicht ist es ihr Bruder – ihr Verwandter. Vielleicht wollte er sie heiraten – nach dortiger Sitte – wenn ich weg war. Wer kann das bei diesen Geschöpfen wissen? Die Malaien sind die rachgierigsten Menschen der Welt. Und unter ihnen wieder die rachsüchtigsten die Maduresen, zu denen dieser Orang, wie ihn meine Frau nennt, gehört. Er ist mir, um sich an mir zu rächen, nach Europa gefolgt ...«

»Ja – und du ... um Gottes willen ... Du sitzt da und legst die Hände in den Schoß ...?«

Mauritz de Vries hatte sich erschöpft auf einen Sessel niedergelassen. Er starrte mit einem unendlich müden Ausdruck vor sich ins Leere.

»Vielleicht ist das keine Rache, sondern eine Strafe!« sagte er. »Eine Strafe des Himmels. Ich habe einen Menschen gemordet, der mich mit allen Fasern seiner kleinen, zärtlichen Seele geliebt hat. Ich habe diese Liebe mit einem Peitschenhieb getötet. Ich komme nicht darüber hinweg ...«

»Du mußt ...«

»Für diese Tat muß ich büßen. Wer kann sich dem Willen der Vorsehung entziehen? Dieser Malaie ist ja nur ihr Werkzeug!«

»Du mußt dich aufraffen ... Du mußt dich wehren ...«

»Ich kann nicht ...«

»Ein Kerl wie du! Warum nicht?«

»Weil ich mich schuldig fühle ...«

Mauritz de Vries sprach das mit dem leisen, matten, ergebenen Ton eines Kranken. Er saß willenlos da, schlaff in sich zusammengesunken. Ich musterte ihn schweigend. Das war nicht der Mann, der uns drüben in Indien verlassen. Er hatte Indien nicht verlassen. Indien – das unterirdische, unsichtbare Indien – war mit ihm gen Nordland gesegelt. Indien saß lähmend in seiner Seele, wie das Gift in seinem Körper.

»Du willst dich also sehenden Auges von deinem Diener umbringen lassen, Mauritz?«

»Was soll ich machen? Seinem Schicksal entgeht man doch nicht!«

Ein brauner, schwarzhaariger Kopf erschien im Türspalt. Ein unterwürfig lächelndes und doch undurchdringliches, braunes Gesicht murmelte ein paar malaiische Worte. Die Reistafel unten war bereit.

 

Von den vielen Tellerchen und Näpfchen mit den indischen Zutaten zur Reisschüssel nahm Mauritz de Vries bei Tisch fast nichts. Er spießte eigentlich nur ein paar Reiskörner auf die Gabel. Frau Hiltje und ich langten zu. Ich wußte: in diesen Gerichten steckte keine Gefahr. Drei Personen zugleich – eine ganze Tafelrunde – konnte Orang, der hinter uns geräuschlos seines Amtes waltete, nicht zu vergiften wagen.

So kam das Ende der Mahlzeit heran. Mein Freund Mauritz griff nach einem Fläschchen mit Medizintropfen, das vor ihm stand, und schaute fragend rückwärts über die Schulter. Zu gleicher Zeit schon stellte der Malaie eine kleine silberne Dose mit gestoßenem Zucker vor ihn hin. Ich sehe noch diese kleine, zimmtfarbene Hand vor mir, wie sie sich von dem matten Silberglanz des Gefäßes abhob.

»Diese nutzlose Mixtur, die mir der Doktor verordnet hat, schmeckt so scheußlich bitter!« wandte sich Mauritz de Vries zu mir und tröpfelte etwas davon in ein Glas voll Wasser. »Ich will ein wenig gestoßenen Zucker dazu tun!«

»Lasse das lieber! Vielleicht könnte der Zucker die Wirkung der Arznei beeinträchtigen!« sagte ich. Mein Freund fügte sich meinem ärztlichen Rat. Die silberne Deckeldose blieb unberührt. Und als wir aufstanden, schob ich sie schnell, von dem Ehepaar unbemerkt, in die Tasche. Nur der Malaie hatte es gesehen. Die höflich lächelnde Maske seiner Mienen blieb unbewegt.

 

Als Arzt in den Tropen hat man stets das notwendigste Handwerkszeug bei sich. Man weiß nie, wann und, wo man es unter dem heißen Himmel, in dem weiten Land voll Schlangen, Fieber, Gefahren braucht. So befand sich in dem leichten Handgepäck, das ich als Logiergast in das Haus bei Haarlem mitgenommen, auch ein kleines Reisemikroskop. Ich stellte es auf den Tisch. Ich schraubte es zurecht. Ich schüttete vorsichtig eine Prise des gestoßenen Zuckers auf das Glasplättchen. Ich beugte mich über die Linse und hielt, um den seinen, weißen Staub nicht zu verwehen, den Atem an.

Und in dieser Stille hörte ich deutlich draußen auf dem Gang hinter der Türe ein unterdrücktes, zweites Atmen. Ich erhob mich und schritt, als ob ich ein wissenschaftliches Instrument suchte, durch das Zimmer nach dem Eingang. Ich beugte mich jäh nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Durch das Schlüsselloch blinkte mir von drüben, starr, funkelnd, eine tiefschwarze Pupille entgegen und verschwand. Ich vernahm nichts von der Bewegung des Körpers, zu dem dies Auge gehörte. Im ganzen Hause regte sich ein, zwei Minuten nichts.

Dann liefen hastige, leichte Schritte die Treppe empor, in der festen, befehlsgewohnten Art Europas. Es klopfte eilig an die Türe, und fast zugleich trat Frau Hiltje de Vries atemlos ein.

»Ich möchte meinen Mann nicht stören, Doktor! Er schläft. Aber was bedeutet dies: Orang drängt sich eben an mir im Flur vorbei – er – sonst die Unterwürfigkeit selber – er läuft, wie er geht und steht, in den Garten und mitten durch die blühenden Tulpenbeete davon, in der Richtung nach dem Haarlemer Bosch ...«

Ich blickte nach dem sommergrünen Parkgehölz in der Ferne. Von dem Maduresen war nichts mehr zu sehen.

»Er wird im Hafenwinkel von Amsterdam untertauchen«, sagte ich, »... in einer der Kneipen, in denen das farbige Volk verkehrt, und sich als Heizer auf einem der nächsten Dampfer nach Java schmuggeln. Wie soll man ihn unter all den Malaien und Mulatten, Chinesen und Negern finden? Ihr kennt ja kaum seinen angeblichen Namen. Für euch war er ja nur ein Orang – ein brauner Mensch – ein Begriff für Millionen in Indien ...«

»Ja, aber warum ist er ...?«

»Hat Ihr Mann bisher schon einmal von dem gestoßenen Zucker genommen?«

»Nein!«

»Dann ist er heute im letzten Augenblick gerettet!«

»Wovor?«

»Vor dem Tod!« sagte ich. »Setzen Sie sich und betrachten Sie durch das Mikroskop den Streuzucker. Sehen Sie nicht etwas Fremdartiges darin?«

»Ja. Winzige, weißliche, scharfe Splitterchen! Was ist das?«

»Es sind die mikroskopisch kleingehackten, weißen, fast zwei Finger langen Schnurrbartborsten, von denen der Königstiger an jeder Seite seines Rachens ein, zwei Dutzend trägt. Sie sind das uralte, furchtbare Rachemittel Indiens. Sie sind spröde und beinhart. Ihre verschluckten, winzigen Stückchen bohren sich in die Eingeweide und bleiben haften. Es ist keine Rettung möglich!«

»Und das wollte ...«

»Jetzt eben wollte der Malaie damit seinen Hauptschlag ausführen!« sagte ich. »Asien läßt sich Zeit. Asien versteht zu warten. Schon wenn ein eingeborener Diener in Java seinem Herrn etwas stehlen will, wird er die Sache nie sofort an sich nehmen. Er versteckt sie irgendwo im Hause und wartet, ob sie vermißt wird. Ist das der Fall, so findet er bei Gelegenheit durch Zufall den verlorengegangenen Gegenstand wieder und heimst lächelnd Dank und Belohnung ein. Merkt sein Herr nichts, dann – nach vielen Monaten – eignet er sich erst das unrechte Gut an.«

»Und ebenso«, ich schüttete sorgfältig das Zuckerhäufchen bis auf den letzten Rest in die Schale zurück, »weiß der Malaie, der sich an seinem Herrn rächen will, daß der jähe Tod eines bis dahin gesunden Europäers Aufsehen und Argwohn erregt. Er macht ihn daher zuerst langsam krank – daß jemand kränkelt, das fällt nahe dem Äquator und bei denen, die von dem Äquator kommen, nicht auf ...«

»Aber wie ...?«

»Wie der Malaie Ihren Mann krank gemacht hat? Achten Sie darauf, ob Sie da, wo er gehaust hat, kleine, ganz gewöhnliche Stecknadeln finden. Am Kopf dieser Stecknadeln klebt ein uns weißen Menschen unbekanntes Gift. Es genügt, einen solchen Stecknadelkopf einen Augenblick in irgend eine Flüssigkeit zu tauchen, um ihr die gewünschte Wirkung mitzuteilen. Der Malaie hat Ihrem Mann täglich den Morgentee gebracht. Der kurze Weg von der Treppe in das Schlafzimmer genügte. Seitdem siecht Mauritz. Aber davon wird er sich wieder erholen. Er wird völlig gesunden. Ich verspreche es Ihnen!«

»Gott sei Dank!«

»Und nun lassen Sie uns vor allem in den Garten gehen und den Zucker samt Zubehör einen Fuß tief vergraben, damit der Tod von Java nicht noch einen Unschuldigen trifft ...!«

 

So vertrauten wir draußen den todbringenden Schnurrbart des selbst längst toten javanischen Königstigers der milden Mutter Erde an. Es war eine leichte Arbeit zwischen blühenden, im Wind von den Dünen her schwankenden Rosenstöcken.

Während wir noch dabei waren, trat Mauritz de Vries aus dem Haus, bleich und matt, trotz des eben beendeten Nachmittagsschlafes. Er sah teilnahmslos und dann doch mit einem erwachenden Erstaunen herüber, was wir da trieben. Hiltje richtete sich aus ihrer kauernden Stellung auf und ging schnell auf ihn zu. Sie sprach liebevoll und leise, mit einem jungen, warmen Glanz in den blauen Augen, auf ihn ein. Beide zogen sich in das Innere der Villa zurück.

Ich wartete. Um mich flammten die Tulpenfelder und dufteten beinahe betäubend die Hyazinthenschläge. Erst nach geraumer Zeit – ich hatte die Tigerreste längst bestattet – kehrte das Ehepaar wieder. Die Wangen der jungen Frau waren von Hoffnung und Freude gerötet. Auch Mauritz lächelte – zum erstenmal.

»Wir haben uns über alles ausgesprochen!« sagte Mevrouw de Vries und drückte mir ebenso wie ihr Mann die Hand. »Mauritz weiß jetzt, daß ich schon lange alles wußte. Er weiß, daß ich, seine Frau, nicht über ihn zu richten, sondern ihm zu helfen habe, über sein Schuldbewußtsein und seine Reue hinwegzukommen, in ein neues Leben hinein. Er hat jetzt neuen Lebensmut. Es bleibt uns beiden jetzt nur noch übrig, Ihnen ...«

»Verlieren Sie Ihre Zeit nicht mit Danksagungen!« unterbrach ich. »Die Hauptsache ist, daß du, Mauritz, sofort von hier wegkommst! Geht auf ein paar Monate in die Schweiz – in Höhenluft! Dort wirst du in kurzem völlig genesen! Der Mörder war ja erst in der Vorbereitung zu seiner Tat!«

»Und ehe Ihr geht«, schloß ich ernst – »ich kenne Indien. Und du auch, Mauritz – vorher durchsucht das ganze Haus! Stellt das Unterste zu oberst! Kramt in jedem Winkel! Vergeßt, bis unters Dach, die kleinste Ritze und Fuge nicht!«

»Warum, Doktor?«

»Sie hatten den Tod im Hause, Frau Hiltje! Er ist entwichen. Und ist doch, meiner festen Überzeugung nach, darin geblieben. Ein Malaie, der in Haß und Rachedurst das Haus eines Europäers verläßt, läßt nur zu leicht ein Werkzeug seiner Rache darin zurück – irgend ein unscheinbares, fast unsichtbares Etwas, in dem der Tod sitzt. Wir kennen diese Geheimnisse von drüben nicht! Wir wissen nicht, was das für ein tödliches Ding ist – wo es ist – wann und wie es wirkt. Wir wissen nur: das braune Volk drüben nennt es die ›Siebte Pille‹«.

»Sucht die Siebte Pille!« Ich faßte in meiner Erregung Frau Hiltjes Hand. »Reibt alle Gläser und Teller blank. Schüttelt alle Betten, Tücher, Teppiche aus! Vernichtet den ganzen Inhalt der Speisekammer! Gießt, was an Wein und sonst in Flaschen da ist, ins Gras! Verbrennt die Zigarren! Scheuert alle Scheren, Messer, Gabeln rein! Entfernt alle Seifenstücke, Schwämme – alles, was zu eurem persönlichen Gebrauch gehört!«

»Und endlich«, schloß ich, »veranstaltet ein Großreinemachen durch die ganze Villa! Spart Wasser und Seife nicht! Überschwemmt die Böden und Treppen! Dann reist ab! Laßt das Haus leer stehen – Jahr und Tag ...«

»Und wir?«

»Ihr sucht euch irgendwo sonst in Holland einen anderen Landsitz!«

»Wir hängen aber an unserm ›Weltevreden‹«.

»Du darfst in dieses Haus nicht zurück, Mauritz! Höre auf meine Warnung ...«

 

Der welsch-schweizerische Arzt in niederländischen Diensten, der diese Geschichte erzählte, brach plötzlich ab und schaute nach dem einen Mast des Dampfers. Seine Zuhörer waren mit ihm im Geist unter dem Äquator und am Nordseestrand gewesen. Jetzt fanden sie sich wieder da, wo sie wirklich waren – auf der goldfunkelnden, feuerblauen, purpurnen, wellenschaumweißen Reede von Suez, und lenkten ihre Blicke ebenso wie der große, tropenbraune Mann mit dem grauen Knebelbart in die Höhe des Takelwerks empor.

Ein Sonnenschein lief über alle Mienen: dort sank langsam die gelbe Quarantäne-Flagge! Die Sanitätskommission, die sich unter Deck mit dem erkrankten, farbigen Kohlentrimmer beschäftigte, hatte nichts Verdächtiges gefunden. Die Papiere des Steamers waren rein.

Und schon stieg da vorn vielverheißend der lange, blaue Wimpel mit dem weißen P – die Pilotenflagge – hoch. Der Schiffskörper zitterte. Die Ankerkette rasselte um das Gangspill. Die Maschinen begannen dumpf zu stampfen. Die Einfahrt in den Suezkanal war frei.

Und als wir bald darauf in ihm durch die türkisblaue Weite der Bitterseen glitten, fragte einer seiner bisherigen Zuhörer den Doktor aus Java:

»Und was wurde damals aus Ihrem Freund Mauritz de Vries?«

»Er erholte sich in der Schweiz in kurzer Zeit vollständig«, sagte Dr. Arnauld, »und kehrte mit seiner Frau nach Holland zurück und schlug meinen Rat in den Wind und bezog doch wieder sein ›Weltevreden‹«.

»Und dann ...«

»Nach einigen Wochen fand man ihn eines Nachmittags, wie schlafend, tot auf dem Kanapee. Woran er gestorben ist, hat man niemals ergründet.«

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