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Rudolf Stratz: Die törichte Jungfrau - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleDie törichte Jungfrau
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
year
firstpub
printrun21.-25. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid12183b15
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Erstes Buch

I.

»Das machen die kleinen Mädchen aus mir! Ja, lachen Sie mir nur ins Gesicht, Lotte, törichteste aller fünf törichten Jungfrauen. – O, was seid ihr für Geschöpfe? Woher seid ihr so unergründlich schlau in eurer übermenschlichen Dummheit? Warum durchschaut ihr mich und lacht mich aus, wo alle anderen Leute ehrfürchtig den Hut vor mir abziehen, vor dem Meister Josephus? Aber ihr ... ihr seht einfach in mir einen blonden Mann, ihr kleinen Mädchen! Ihr lebt nur für den Mann, durch den Mann, wegen dem Mann! Jeder Atemzug bei euch heißt Mann! Das ist euer einziges Ziel, eure Stärke, euer Daseinszweck. Aber habt ihr wenigstens Ehrfurcht vor dem Mann?«

»Nein!« sagte Lotte.

»Weil ihr ihn nicht kennt, ihr bunten Katzen! Was wißt ihr denn von uns? Ihr kennt nur ein Ding auf Erden. Wir zersplittern uns tausendfach. Für uns gibt es tausend Dinge, hohe Dinge, heilige Dinge, die liegen außerhalb des Weibes! Die ahnt ihr nicht. Denn in diesen Dingen sind wir keusch! Ihr aber natürlich glaubt, daß Männer keine Keuschheit haben!«

Sie sah ihn gespannt an. »Was ist denn an Ihnen keusch, Meister Josephus?«

»Meine Kunst ist keusch! Meine Bildhauerei! Da lüftet kein kleines Mädchen keinen Zipfel davon. Das versteht eine törichte Jungfrau, wie Sie, Lotte, natürlich nicht. Ihre Schwester Ellinor – die weiß es! Aber Ihr ... o ... ich kenn' Euch! Ihr wollt heiraten!« Seine Stimme wurde trübselig. »Heiraten! Sie wollen heiraten! Die kleinen Scheusale! Alle! Sie tun es nicht anders!«

Lotte schüttelte bestätigend den Kopf und biß in ein Stück Schokolade, daß die weißen Zähne blitzten. »Wenn ich Ihnen nur einmal die Wahrheit sagen dürfte, Meister Josephus!« murmelte sie gedankenvoll kauend. »Nur einmal ... so recht aus Herzensgrund!«

»Nun – also!«

»Nein – dazu braucht es eine besondere Gelegenheit. Hier habe ich Angst. Nicht weil wir allein auf dem Gletscher sind. Aber Sie sind doch nun einmal der Meister, der weltberühmte Bildhauer Joseph Ranggetiner, und ich eine arme törichte Jungfrau! Da lache ich lieber ganz simpel vor mich hin und denke mir mein Teil.«

Er faltete die Hände. »Ja, denken Sie sich nur allerhand Unfug! Dazu hat man es nun vom Tiroler Geißbuben zum Professor gebracht, zur goldenen Medaille, zu Gott weiß was – bloß damit hier so ein neunzehnjähriges hinterlistiges Geschöpf im Schnee steht, Schokolade verzehrt und einen dazu verhöhnt. Still, kleines Lottchen, da oben am Lawinentor ist Ihre Schwester in Lebensgefahr ...«

»Ach – das ist gewiß ihre hundertste Hochtour!«

»... und Sie treiben unterdessen hier unten am Fuß der Jungfrau Allotria mit alten Männern, die es Väterlich mit Ihnen meinen! Sie erkälten sich hier im Schnee. Kommen Sie zu der Hütte zurück!«

»Damit Sie wieder dasitzen und mir vordeklamieren: ›Lottchen – ich bin nicht nur seit dreizehn Jahren der wahre Seelen- und Busenfreund Ihrer Schwester Ellinor, sondern ich liebe auch Sie wie ein Vater, Meister und Hofrat!‹ Nein – das ist mir zu langweilig. Ich will hier am Gletscherrand bleiben!«

»Und da?«

»Da in die Gletscherspalte hineinschauen.« Sie wippte unternehmend mit den Fußspitzen. »Das ist so wunderbar gruselig! Kirchturmtief geht's hinunter! Und ganz unten rauscht ein Wasser. Man sieht es nicht, man hört es nur! Niemand hat es je gesehen. Da hinunterzustürzen – das ist ein unheimlicher Gedanke. So denk' ich mir's, wenn man in die Augen einer Schlange schaut!«

»Dann schaut eine Schlange in die andere! Und schließlich purzeln Sie wirklich hinunter!«

Sie blickte träumerisch über die Schulter nach ihm zurück. »Wär' es denn schade um mich?«

»Um schöne Mädchen ist es immer schade! Und daß Sie äußerlich betrachtet – ich sage rein äußerlich – ein ganz gelungenes Schöpfungsexemplar sind – ein süßer kleiner Kerl – halb Venus, halb Madonna ...«

»Ja. Ich weiß. Und innerlich?«

Da schüttelte Meister Josephus hoffnungslos den Kopf. »Das Innere geb' ich preis! Das ist höllenschwarz. Da tanzen sieben Teufelchen ihren Reigen.«

Sie lachte ihm herzhaft ms Gesicht. »O Meister! Meister Tugendreich! Wie er so ehrlich blond und vollbärtig und deutsch-bärenhaft in seiner bunten Zillertaler Tracht dasteht, treuherzig wie ein Kind und bieder wie ein Tiroler – unser Meister Josephus – bloß in die Augen darf man ihm nicht schauen!«

»Warum denn nicht?«

»Weil das rechte blaue Katzenaugen sind, große, böse Katzenaugen. Wie von einem Tiger. Ich bin überzeugt, im Dunkeln leuchten sie wie zwei grüne Kohlen. O pfui, Herr Hofrat!«

»Jetzt nennt sie mich schon wieder Hofrat!« sagte er melancholisch.

»Ja – wie ein Tiger! Wie ein Menschenfresser. Wie ein Weiberfresser! Das sind Sie ja doch, Meister Josephus!«

Sie nickte, das reizende Köpfchen zu einer spöttischen Maske verziehend, dem blonden Zillertaler Siegfried zu, der hoch, breitschulterig und vollbärtig, die Spielhahnfeder des Lodenhütchens schief auf dem Löwenhaupt, einige Schritte vor ihr stand.

Rings um sie schwieg die Einsamkeit. Stumm ragten die Gletschergebilde des Rothtals in der stillen grauen Mittagsluft, die wie hinter trüben Schleiern alles verschwimmen ließ, die Reigen zerrissener Nebelfetzen schwebten Hand in Hand bewegungslos über dem düster klaffenden Spaltengewirr, und im Halbrund um den dampfenden Kessel standen starr die fürchterlich jähen, mit ihren spiegelnd glatten Steilflächen sich in milchigem Wolkenflor nach oben verlierenden Abstürze des Jungfraumassivs. Nur ab und zu polterte es von ihnen auch in den Pausen des Lawinendonners, wenn einer ihrer Steinblöcke, aus dem Schlaf erwacht, als ein unheimlicher Gast zu Tale stieg. Dann kollerte es dumpf über den Felsen dahin, und wie ein Gefolge von weißen Mäusen flog und überhüpfte ein Geschwirr von Eissplittern die Schneewolke, die den niederrollenden Klotz umstäubte.

Meister Siegfried seufzte. »Wenn Sie mir das nicht glauben wollen, törichte Lotte ... es gibt doch auch eine Art von höherer Liebe! Ein alter Mann zu Ende der Dreißig kann doch wahrhaftig in einer ... einer großväterlichen

Art sagen: ›Mein Kind ... ich hab' dich lieb! Gib mir einen Kuß auf die Stirne!‹« ...

Sie sah blinzelnd unter den halbgesenkten Wimpern zu ihm empor. Es zuckte wie von bösen Schlängelchen um ihre Mundwinkel. »O Meister Josephus! Wenn Sie nur einmal im Leben zu einem Weibe sprechen wollten: ›Ich liebe dich nicht!‹ Das wäre neu! Das wäre groß! Aber Sie können es nicht! Sie lieben sie ja alle! Alle! ... Armer Meister ...«

Der Zillertaler zuckte nur trübe zur Bestätigung die Schultern. Sie waren jetzt dicht nebeneinander getreten in der stummen Schneewildnis. Ein unbestimmtes graues Dämmern umfloß sie trotz des Augustvormittags. Die ganze Hochwelt rings um die Jungfrau her stak tief in Dunst und Nebel. Die Bergköngin selbst hatte ihr Haupt verschleiert, um ihren Riesenleib wallten die Wolkenwände, alles in der Runde schien schattenhaft, durchsichtig, unfaßbar, wie ein fahler, ferner Widerschein der wirklichen Dinge.

Sie schirmte die Augen mit der Hand und spähte zu dem verschwimmenden Gewirr von langsam ziehendem Schwadendampf und stillen weißen Firndächern hinauf. »Also da wollen die beiden herunter?« fragte sie etwas beklommen.

»Sie sind jedenfalls schon unterwegs. Mitten am Lawinentor! Aber man kann nicht durch den Nebel sehen!«

»Und wenn man etwas sieht, ist es, als hätte da die Welt ein Ende! Als stünde da eine himmelhohe, senkrechte weiße Mauer, die vom Gletscher bis über die Wolken reicht!«

»Eine Kleinigkeit ist das Lawinentor auch nicht. Von zehn Menschen kämen dabei gewiß neun zu Schaden. Aber Ihre Schwester ist eben in den Bergen immer die zehnte – das wissen Sie ja! Der zehnte muß man im Leben sein! Die anderen neun sind Esel!«

»So? Und wir?« Sie wurde feindselig. »Wer sind dann wir? Stehen wir nicht ganz zahm hier unten bei der Schutzhütte im Schnee und warten, bis Ellinor herunterkommt?«

»Wir sind keine Esel, weil wir's nicht versuchen, welche zu sein! Sie, liebes Lottchen, wurden von Ihrer Schwester nie mitgenommen, weil Sie zu klein und zu dumm waren, und ich ...«

»Warum tragen Sie denn dann Tiroler Tracht, Meister Josephus?« Sie musterte in harmloser Neugier die blondbärtige Siegfriedgestalt ihres Begleiters. »Das schöne Zillertalerkostüm ... grün gestickt ... und die Wadenstutzen ... und die Spielhahnfeder ... wie auf dem Maskenball ...«

»Unsinn!« Der Meister brannte sich eine Havanna an. »Bin ich nicht ein Tiroler Bauernsohn? Im Zillertal zu Haus? Hab' ich je ein Hehl daraus gemacht, daß ich ein Geißbub gewesen bin?«

»Im Gegenteil, Herr Professor! Sie erzählen es jeden Tag!«

»Professor? Wenn Sie mich schon beschimpfen wollen, Lottchen, dann nennen Sie mich wenigstens Hofrat! Ich soll es ja durchaus werden, beim Fürsten von Siebenwalden! Aber ich tu's nicht! Fällt mir nicht ein! Ja – wie gesagt, ein Geißbub! Aber Gletscher hat es um unsern Hof keine gegeben. Da kenn' ich mich nicht aus. So wenig wie Sie, wenn man Sie nicht in einen Rucksack steckt und auf die Spitze trägt ...«

Durch seine Worte klang fern im Nebel ein rasch sich verstärkendes Rollen wie von einem dahinrasenden Schnellzug und vergrollte langsam wieder.

»Da fallen Lawinen!« murmelte er und runzelte sorgenvoll die Stirne. »Jetzt kommen sie dicht hintereinander!«

»Auch droben, wo Ellinor jetzt eben ist?«

»O Lotte – nennt man eine Bergwand das Lawinentor, weil Veilchen und Vergißmeinnicht drauf wachsen? Ihre Schwester und ihr Begleiter sind jetzt mitten drinnen in der Schlacht. Aber die kennen ihr Handwerk. Und nun zurück mit uns – mir wird es unheimlich im Nebel und Eis! Ich glaube, es ist gefährlich, sich ohne Seil auf einem Gletscher herumzutreiben.«

»Natürlich ist's gefährlich. Das steht sogar im Bädeker. Aber wir sind ja gar nicht auf dem Gletscher. Nur am Rand. An der ersten Spalte. Hinter uns bis zur Hütte ist harmloser Schnee.«

»Es ist nichts harmlos, wenn man vor Nebel die Hand kaum vor den Augen sieht! Los! Was haben Sie denn nur?«

»Ich habe mich nun einmal in die Gletscherspalte verliebt!« Sie beugte sich mit glänzenden Augen über den Schlund. »Das läuft einem so angenehm wie Ameisenkribbeln den Rücken entlang. Wenn man da unten läge ... Brr!«

»Dann ist man tot!«

»Besser tot wie alt!« Ihre Stimme wurde plötzlich ganz angstvoll. »Alt! Denken Sie nur, Meister Josephus: wir beide alt! Jetzt bin ich ja erst neunzehn! Aber ich werd's doch einmal. Und Sie auch! Ein grämlicher, unmoralischer Kunstgreis mit ehrwürdigem weißem Patriarchenbart und bösen Fackelaugen. O weh – o weh! Ellinor hat jetzt schon ein paar graue Haare und ist erst dreiunddreißig! Kommen Sie!«

»Sie werden hier nicht weitergehen, törichte Jungfrau! Der Nebel ist gefährlich. Er spinnt sich überall herum. Er kriecht aus allen Ecken und Enden heraus. Man kann sich auf hundert Schritte von der Hütte verirren.«

Sie lachte sorglos. »Ach was! Los, Meister! Wir laufen Hand in Hand ins Nebelland hinein, wie Hänsel und Gretel. Wir sind ja auch zwei gottlose Kinder der Welt, wir beide! Und unsere gestrenge Ellinor sieht es ja nicht. Die hat jetzt mit sich selbst zu tun! Adieu!«

»Nein, Lotte – nein!«

»So fangen Sie mich doch!« Mit großen Sprüngen rannte sie, ihren Bergstock schwingend, die weithin sich dehnende Gletscherspalte entlang und verschwand im Nebel.

Ringsum braute und dampfte es. Es war, als sei schon das Abenddämmern nahe. Es dünstete grau und kalt von den Spiegelflächen des Eises her, es schwebte im Schattenflug von den Bergen nieder, es ballte sich überall in der gespenstigen Stille zu seltsam prickelnden, steigenden und fallenden Schleiern zusammen; wo man ging und stand, starrte eine fahle Wand, die wesenlos und doch undurchdringlich den Wanderer von der Außenwelt schied.

Meister Josephus folgte stirnrunzelnd den kleinen Stiefelabdrücken im Schnee, die schnurgerade weiter in den Gletscherkessel führten. »Lotte – Lotte!« rief er zuweilen dräuend. Aber sie gab keine Antwort. Endlich traf er sie. Sie stand hart an dem Rande des nach beiden Seiten sich im Nebel verlierenden Risses und starrte mit glänzenden Augen in das Gähnen der Eisnacht hinunter. Jetzt merkte er auch, warum sie seinen Ruf nicht erwidert. Ein mächtiger Schwall geschmolzener Schneefluten ergoß sich, von weither über den Gletscher rieselnd, hart neben ihnen als ewig rauschender Wasserfall in den Abgrund und verschlang jeden anderen Laut in dem rastlosen eintönigen Brausen seines Sturzes in die Kerkernacht.

Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie zuckte leicht vor Schrecken zusammen. »Wie tief mag's da hinuntergehen?« flüsterte sie. »So tief wie ein Kirchturm?«

»Ich hab's nicht gemessen!« erwiderte Meister Josephus unwirsch.

»Da nebenan ist's nicht so tief!« fuhr sie träumerisch fort. »Da ist Schnee von oben hereingefallen! Der steckt fest. Ob der stark genug wäre, einen Menschen zu tragen?«

»Versuchen Sie es doch!«

Sie schauerte leicht bei dem Gedanken, auf dieser schmalen Schneebrücke tief unten im Kerkerschlunde zwischen den beinahe haushohen, engen Eiswänden zu weilen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Gräßlich!« sagte sie halblaut.

»Und weil es gräßlich ist, müssen Sie sich natürlich daran berauschen wie ein Mann an einer Flasche Sekt!«

»Ja – so bin ich.«

»Seien Sie jetzt lieber ernsthaft, Lotte, und bedenken Sie, was Sie getan haben! Mich armen alten Mann, dem es zu wohl war, haben Sie aufs Glatteis geführt. Ist das da die Hütte?«

»Nein, das ist eine Gletscherspalte.«

»Also sind Sie in Ihrer Unvernunft statt nach der Hütte direkt auf den Gletscher hinansgerannt. Genau in der entgegengesetzten Richtung. Kehrt – marsch! Wir gehen jetzt längs der Spalte zurück.«

Sie machten sich stumm auf den Weg. Der Gletscherriß wollte nicht enden. Einförmig lief sein Schlund neben ihnen her, wie der Graben neben der Heerstraße, und kreuzte sich dann plötzlich mit einer noch mächtigeren, seitlings kommenden Spalte! Wie ein Riegel schob sich diese, breitklaffend und in ihren Tiefen unheimlich gurgelnd, in den Weg. Hier war kein Weiterkommen möglich.

»Wir sind schon viel zu weit gegangen. Rechts von uns muß die Hütte liegen!« sagte Lotte plötzlich laut und energisch. »Wir gehen falsch, Meister Josephus!«

Der Bildhauer war unschlüssig. »Meinetwegen!« murmelte er und schwenkte nach rechts ab. »Dann brauchen wir wenigstens die verwünschte Gletscherspalte nicht mehr zu schauen!«

Sie patschten durch Pfützen mit Eiswasser, sie schritten in geräumigen, mit seinem Moränenschutt gekörnten Mulden dahin, sie klommen mühsam in hartem Schnee einen neuen Wall empor, und immer neue Mulden und Wälle und Pfützen folgten einander, und darüber stand stumm das Nebelmeer.

Sie sahen sich an. Ohne daß sie es aussprachen, merkten sie, daß ihnen beiden ein wenig bang ums Herz war. Das wäre eine schöne Geschichte, sich hier auf dem Gletscher zu verirren!

»O Meister Josephus!« sagte Lotte plötzlich mit tiefem Mitleid. »Stehen Sie nicht so betrübt da! Ich, das vielgeschmähte, törichte Lottchen, werde Sie retten!«

»Sie? – wie denn?«

Sie deutete triumphierend auf zwei Fußspuren, die sich im Schnee vor ihnen abzeichneten. »Kennen Sie diesen großen Schuh da und das arme kleine Stiefelchen daneben? Und die Gletscherspalte? Das sind wir! Wir sind im Kreis zurückgekommen. Die Spuren kreuzen unseren Weg. Jetzt folgen wir ihnen einfach in entgegengesetzter Richtung längs der Spalte, und alles ist gut!«

Mit verdoppeltem Eifer setzten sie, mehr laufend als gehend, ihren Pfad fort und blieben gleichzeitig verdutzt nebeneinander stehen. Die Fährte hörte plötzlich auf. Und dieser vom Nebel eng umrahmte Eisgarten, dieser klaffende Schlund mit den hineingestürzten Schneemassen, dieser sich in seine Nacht ergießende Wildbach kamen ihnen so bekannt vor. ... Kein Zweifel, es war die unheimliche Stelle von vorhin!

»Wir sind wieder in der falschen Richtung gelaufen!« murmelte Lotte kleinlaut. »Wissen Sie, Meister Josephus, an Ihnen ist ein Bergführer ersten Ranges verloren gegangen. Zu Ihnen hätte ich Zutrauen!«

Der Siegfried blickte sie unwirsch an. »Wer hat denn geführt – Sie oder ich? Das kommt davon, wenn man sich auf Weiber verlaßt! Immer im Leben! Hierher, Lottchen! Jetzt gehe ich voran! Gerade in die andere Richtung. Und früher nach rechts. Dann müssen wir doch einmal aus diesem verhexten Gletscher herauskommen ...«

Aber nach wenigen hundert Schritten machten sie wieder halt, an einer Stelle, die offenbar an den vorhergehenden Tagen besonders stark dem Sonnenschein ausgesetzt gewesen war. Das Eis lag vielfach blank und frei, der Schnee ringsum war seltsam weich und von Fußtritten keine Spur zu entdecken.

»Hier sind wir doch nicht gegangen, Lotte?«

Sie hielt die Hand vor den Mund und gähnte vor Aufregung. »Ich bin ganz dumm geworden. Mir dreht sich alles im Kreise. Ich glaube, es hat uns jemand verzaubert!«

»Also vorwärts! Was hilft das alles!« Er hob den Fuß und stieß achtlos den Bergstock vor sich in den Schnee. Aber im selben Augenblick prallte er zurück und sein Antlitz wurde gelb. Die Stelle, die seine Stangenspitze berührt, erweiterte sich von selbst. Schneebrocken auf Schneebrocken kollerte in eine unbekannte Tiefe und aus dem so entstandenen Loch gähnte es schwarz und unergründlich zum Tageslicht empor.

»Eine verdeckte Gletscherspalte!« Er wagte sich kaum zu regen. »Geben Sie acht, Lotte – am Ende gibt's hier noch mehr!«

Sie antwortete nicht und stand, als er nach ihr zurücksah, wie versteinert da. Dicht neben ihr grinste ein zweiter scheußlicher Brunnenrand, den ihr kleiner Bergstock in dem Schnee ausgehoben hatte.

»Es ist alles ringsum voll von Spalten,« flüsterte sie. »Ich hab' Angst, Meister Josephus! Mir steht das Herz still!«

Zurück! Nur zurück! Zitternd schlichen sie dahin, vor jedem neuen Schritt mit einem neuen Stoß des Stockes den Boden prüfend. Und immer wieder öffnete sich, der Erschütterung folgend, die weißverkleidete Falle und verriet das Zickzackgewirr der durcheinanderlaufenden schmalen und unergründlichen Klüfte. Kein Zweifel mehr – sie waren die ganze Zeit, ohne es zu ahnen, über ein Labyrinth von Tiefen gewandert, über dünne Schneebrücken hin, deren Weichen für den Wanderer Tod bedeutete.

Kalter Schweiß perlte auf ihren Stirnen, als sie endlich wieder nebeneinander auf einem Flecken glatten Eises standen. Um sie prickelte und rieselte der Nebel, in der Ferne rollten wie auf donnernden Eisenbahnschienen die Lawinen und dazwischen hörten sie in der Stille ihre schweren Atemzüge.

Der Tiroler Siegfried nahm seinen Zwicker ab und schaute finster in der Runde. »Lotte! Lotte!« murmelte er. »Das ist eine böse Geschichte. Ich wollte, ich wäre in meinem Atelier!«

»Oder Ellinor käme! Die rettet uns gleich! Die marschiert hier durch dick und dünn so sicher wie auf dem Exzerzierplatz.«

»Sich von einem Frauenzimmer retten lassen ... pfui – das ist unkünstlerisch. Aber wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo wir eigentlich sind.«

Er trocknete sich die Stirne. »Kaltes Blut müssen wir bewahren, Lotte ... das ist die Hauptsache. Eigentlich ist es doch ganz einfach. Vorwärts geht es nicht durch diese greulichen verdeckten Löcher – also müssen wir vor allem nach rückwärts, von wo wir gekommen sind, und uns dann scharf nach rechts halten!«

Sie nickte. Langsam schlichen sie weiter über den trügerischen Schnee, mit dem Entsetzen von Menschen, die wissen, daß sie über einem Abgrund wandeln, daß plötzlich, trotz aller Vorsicht, der Boden unter ihren Füßen weichen und sie in ein Nichts versinken lassen kann.

Aber diesmal, endlich, schien es der richtige Weg. Ihre bleichen Gesichter hellten sich auf. Lotte drängte sich näher an ihren Begleiter. »Ich glaube – dort schimmert so was wie ein Felsen durch den Nebel,« flüsterte sie frohlockend.

»Ich sehe nichts!«

»Ja – es verschwimmt immer wieder. Aber die Wölbung unter dem Schnee daneben – das muß doch die Hütte sein.«

»An der Hütte war doch kein Wasserfall?«

»Nein.«

»Und hier höre ich doch deutlich einen rauschen wie aus einem Keller heraus! Wie wenn er ganz tief in den Boden hineinfiele.«

»Ja – jetzt höre ich es auch. Aber wenn wir nicht an der Hütte sind, wo sind wir denn dann?«

Meister Josephus ließ sich zu ihrem Schrecken plötzlich in den Schnee nieder, stützte den Kopf in beide Hände und schaute hoffnungslos drein. »Wenn Sie nicht so töricht wären, törichte Jungfrau,« murmelte er, »so würden Sie nicht erst fragen! Es muß ja so sein! Irgendein Gespenst hat uns am Kragen und führt uns immer wieder an dieselbe Stelle zurück. Kennen Sie die große Gletscherspalte immer noch nicht und den Schneebach, der in sie hineinfließt? Da sind wir nun glücklich zum drittenmal, und wenn wir wieder weggehen, werden wir zum viertenmal hierher zurückkommen und zum fünftenmal. Dieser Punkt ist uns von der Vorsehung bestimmt. Hier sollen wir enden. Eigentlich liegt Witz in der Geschichte.«

»Ja – wenn wir erst draußen sind, lache ich auch darüber.« Lotte schien jetzt ganz gefaßt. Eine Art Galgenhumor war trotz aller Angst über beide gekommen. »Aber wären wir nur erst draußen ...«

»Ja – wären wir – wären wir! Wären wir vernünftig, so wären Sie eben nicht die törichte Lotte und ich nicht der Meister Josephus. Was haben wir auf diesem Gletscher verloren? Das ist der reine Irrgarten voll Eis und Nebel. Kein Mensch findet heraus. Da sitzt man nun. Und wer ist daran schuld? Ihr allein! An allem Unheil in der Welt sind die Lottchen schuld. Warum laufe ich einem kleinen Mädchen auf dem Gletscher nach? Warum? Ich frage mich, warum? Seien Sie nicht so graugrün im Gesicht, Lotte – davon wird's nicht besser!«

Sie fing plötzlich an zu schluchzen. »Ich will nicht in die Gletscherspalte! Ich will nicht!«

»Still ... zum Donnerwetter!«

Sie blickte ihn zornig aus ihren großen feuchtblauen Augen an. »Glauben Sie, daß Sie besonders rosig ausschauen, Herr Professor? Im Gegenteil! Quittengelb! Sie haben genau so viel Angst wie ich! Also schreien Sie mich nicht so an. Es bleibt uns nichts übrig als hier stehen zu bleiben und um Hilfe zu rufen! Wenn Ellinor bei der Hütte ist, hört sie uns.«

Der Zillertaler Siegfried schüttelte trotzig den Kopf. »Nein! Ein Mann, der nach einem Frauenzimmer um Hilfe schreit ... Unmöglich! Das ist unschön! Hab' ich schon einmal gesagt! Das ist unkünstlerisch! Philisterhaft! Das kann ich nicht! – Dummheiten soll der Mensch machen! Dazu ist er auf der Welt! Aber nachher auch sich selbst wieder aus der Patsche helfen! Also vorwärts!«

» Ja – wohin denn?« Sie standen immer noch am Rand der Gletscherspalte, deren nächtig und unergründlich dämmernde Tiefen der rastlos hineinstürzende Schneebach mit seinem Brausen erfüllte. Ein matter blaugrüner Glanz lag wie der letzte Widerschein verblichener Sonnenpracht über den Rändern des Eises, ein böses Funkeln und Locken hinab in die unbekannte Welt. Das raunte da unten im Gurgeln der Wasser, das flüsterte und gluckste und tropfte geheimnisvoll in all den verborgenen Schlünden des Eispalastes, das schwebte über dem Gewirr seiner zu Tage klaffenden Risse in ewigem lautlosem Geisterflug der Nebelmassen und grollte aus der Ferne im Lawinendonner unheimlich in das beklemmende Schweigen. Alles ringsum schien Gefahr und Tod zu atmen. Die Stille der Einsamkeit selbst ward zum Schrecknis, diese dumpfe, lauernde Ruhe, mit der die Eiswildnis der Höhen ihre Besucher umbannt hielt und geduldig des günstigen Augenblicks zu ihrer Vernichtung harrte.

Lotte begann heftig zu zittern. Ihr Boegleiter aber wurde wild. »Hab' ich nach der Schweiz gewollt?« schrie er und funkelte zornig durch seinen Zwicker die stumm ringsum stehenden und liegenden Eisgebilde an. »Nein – nach Griechenland hab' ich gewollt. Ein Künstler gehört nach Griechenland – nicht auf so einen blödsinnigen Gletscher. Aber warum hab' ich euch beide mitgenommen? Warum muß Ellinor auf dem Bahnhof in Bern ihren Freund, diesen übergeschnappten Alpinisten, treffen und sich von ihm bereden lassen, aufs Lawinentor zu steigen? Hat sie ihr Schnupftuch oben verloren oder ihren Sonnenschirm stehen lassen? Nein! Also ... was tut sie da oben? Was tu' ich da unten? Warum warte ich auf sie? Weiterreisen hätte ich sollen, ohne mich um euch zu kümmern. Weiter nach Athen ... nach Olympia! Ich will den Hermes des Praxiteles sehen und nicht mir hier die Beine erfrieren. Ich will fort aus diesem Eis ... aus diesem verwünschten Londoner Nebel ... fort ... fort!«

Zu seinem Erstaunen stand Lotte plötzlich ganz gefaßt vom Eise auf, auf das sie sich niedergekauert, sah ihn an und tippte sich dann vielsagend mit dem Zeigefinger auf die Stirne. »Oh ... Meister Siegfried ... was sind wir schlau! Ich zerbreche mir die ganze Zeit den Kopf darüber, wieso die lange Gletscherspalte immer zwischen uns und die Hütte kommt, ohne daß wir sie auf dem Hinweg überschritten haben – und es ist doch so einfach!«

»Wieso denn?«

»Sie ist eben nicht überall offen, sondern es liegt an einzelnen Stellen Schnee darüber wie bei den greulichen Löchern von vorhin, da sind wir darüber weggegangen, ohne es überhaupt zu merken.«

»Und jetzt?«

»Jetzt gehen wir noch einmal auf der anderen Seite die Spalte entlang. Dann finden wir die Stelle! Wir erkennen sie doch aus unseren Fußspuren.«

Meister Josephus machte sich ohne weiteres auf den Weg. Er atmete tief auf. »Und dann nach Griechenland, Lottchen!« sagte er befriedigt. »O Gott ... Griechenland! Es tut mir not! Ellinor hat ganz recht. Ich werde feil ... ich diene der Menge ... Prinzen und und Kommerzienrätinnen loben mich ... ich nehme mittags zwischen zehn und zwölf Uhr im Atelier Bestellungen entgegen wie ein Damenschneider – ich werde zum Handwerker ... ich brauche Griechenland, um zu genesen!«

Lotte blieb stehen und wies mit der Hand nach vorne. »Da! ... Gott sei Dank!«

Die Gletscherspalte nahm ein Ende. Ihr schwarzer Rachen schloß sich. Friedlich schimmernder weißer Schnee breitete sich an seiner Stelle aus und in ihm, fern, verräterisch, kaum erkennbar ein blendend heller, leise und listig geringelter Streifen wie die Fährte einer ganz dünnen Schlange.

Quer darüber hinweg aber liefen tief eingestampfte Fußtritte, von einem größeren und einem kleineren Schuh, die Stiche der fest eingesetzten Bergstöcke daneben, gerade auf die beiden zu.

»Gott sei Dank,« wiederholte Lotte. »Unsere Spuren! Da sind wir herübergekommen. Das ist der Rückweg zur Hütte.«

»Wenn es uns aber nur auch sicher trägt!«

»Es hat uns doch vor zwei Stunden auch getragen! Und da sind wir achtlos darüber weg und haben nicht geahnt, daß unter uns ein Abgrund ist. Jetzt machen wir es vorsichtig ... ganz vorsichtig ... dann kann doch nichts passieren?«

»Nein. Da ist keine Gefahr. Wenn es einmal hält, hält es auch das zweitemal.« Er drehte sich um und musterte majestätisch den Gletscher. »Adieu! Hat mich sehr gefreut! Außerordentlich! Aber wiederkommen tu' ich nicht! Das ist das letztemal, daß ihr Lottchen mich armen Meister aufs Glatteis geführt habt. So ... langsam ... Lottchen ... auf den Fußspitzen ... geben Sie mir die Hand ... recht langsam ... Schritt für Schritt ... ah ... jetzt geht's nach Griechenland ... wie mir das wohltun wird ... wenn ich erst vor dem Hermes steh' und ...«

Ein schwarzer Schlund klaffte gähnend an der Stelle, wo die beiden lautlos und blitzschnell verschwunden waren. Er öffnete sich immer weiter. Die schwere Last, der in der letzten Stunde durch die fortschreitende Wärme des Tages erweichten Schneebrücke stürzte in massigen Brocken und Klumpen hinterher in die unergründliche Tiefe, in deren Nacht unsichtbare Wasser gurgelten und rauschten. Da oben wurde es still. Nur ein unstät irrender Schneebach fand jetzt endlich seinen Abfluß und strömte unablässig in den nun freiliegenden, weit aufgerissenen Rachen der Gletscherspalte, mit seinem Wassersturz alles, was da unten rufen und klagen mochte, übertönend, und durch die Nebelschwaden, die den unterirdischen Kerker mit grauen Schleiern vor allen Menschenaugen verhüllten, klang von ferne das dumpfe Rollen der Lawinen.

 

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