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Reinhard Sorge: Der Bettler - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Bettler
authorReinhard Sorge
year1985
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008265-X
titleDer Bettler
pages1-88
created19990904
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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(Es wird ganz still. Die Kokotten starren mit grinsenden Gesichtern nach links. Einheit in Ausdruck und Haltung. Von links kommen die [acht oder neun] Liebhaber. Sie halten beim Anblick der Kokotten einen Augenblick inne. Sie treffen die Auswahl, handeln unter sich, weisen mit den Fingern auf die einzelnen Dirnen. Sehr rasch hintereinander und durcheinander.)

Erster.
Da sitzen sie. Ho! Auswahl! da ist Auswahl!

Zweiter.
Los! Vorwärts! Hoi – das Fleisch! Zum Teufel!

Einige (halten ihn zurück).                                       Halt du!

Dritter.
Ich nehme mir die Rote!

Erster.                                   Ich die neben...

Vierter.
Du nimmst die Rote nicht!

Dritter.                                       Sie gab mir Blicke...

Stimmen.
Laßt mich! Noch nicht! Erst wählen! Was? Erst wählen!!

Fünfter.
Die Schwarze da...

Sechster.                       Und ich die Lange. Gut.

Siebenter.
Nein, Mensch... die ist zu klein, die Andere

Achter.
Die sieht gefährlich aus. Sie schielt.

Vierter.                                                     Ich die dort.

Zweiter (wütend).
Was! Laßt mich los! Soll ich denn sticken!? Ihr!

Viele Stimmen.
Vorwärts! Los jetzt!

(Sie eilen zu den Mädchen. Lärm, Kreischen, Drängen, Umarmungen, gelle Lachen. Große Bewegung der Gruppe hin und her im weißen Licht des Scheinwerfers.)

Stimmen der Dirnen und Liebhaber (hin und her).
Nimm mich! Nicht den! Ich habe Bärenkraft!
Es ist nicht wahr! Er ist ein Schwächling! Mich!
Du weißt zu küssen, Mädel! Küß mich, Mädel!
Was zierst du dich, was läßt du dich nicht packen?
Fort, du! du glatziges Scheusal! Fort, du Ekel!
Nimm doch uns zwei! Du wirst daran nicht sterben!
Du bist todweiß! hu! stichst du mit den Küssen!
Ihr Busen, du?! Schlag drauf und er zerplatzt!
Du nimmst mir die Besinnung... Ai, du beißt!
Dort oben, ja! Komm schnell, du schwarze Hexe!

(Ein Paar setzt sich auf die höhere Lederbank, die drei Personen Platz bietet.)

Du willst was Süßes, wie? was Süßes? Schön!
Schlag ihn in seine Fratze! Schlage zu!
Laß los, du Kerl! Willst du Ohrfeigen?
Du sollst Eis haben... Was du willst. Vanille?
Ins Bett. Nach Haus! Schnell doch! Los! Hui, du Diebin!

(Die Gruppe wird zum Schluß Monument. Die Stimmen hallen im Rhythmus wie Gesang. Nacheinander.)

Du speist mir Flammen und verkohlst mich, Wilde!
Du preßt wie Eisen und erwürgst mich, Mann!
Ich weiß dir eine Lust, die weißt du nicht!
Ich weiß dir einen Schlaf, den schliefst du nie!
Du bist die Hölle und bist schwarz vor Lust!
Du bist wie Satan und sollst mich beschlafen!

Das Licht erlischt. Dunkelheit. Der Lärm erstirbt. Kurze Stille. Dann wird der Raum vor dem Erker hell. Das Mädchen und die Krankenschwester sind eben die Treppe (ganz rechts) aus dem Vestibül heraufgekommen und stehen nun vor dem Vorhang, der den Erker verschließt.

Das Mädchen. Bitte hier, Schwester! Hier oben ist es leer. Die Menschen starren so.

Die Krankenschwester. Warum wollen Sie nicht unter Menschen sitzen? Sie sollen sich doch keine Gedanken machen! Der Arzt hat es Ihnen oft genug gesagt. Sie sollen sich noch soviel wie möglich schonen und Sie sahen doch eben, wie sehr das nötig ist. Wir hätten überhaupt noch nicht ins Theater gehen sollen. Wir sind kaum zehn Minuten gegangen, da werden Sie schon schwindlig! Quälen Sie sich nicht unnütz! Ihr Schicksal ist nicht mehr zu ändern, und Gott wird Ihnen Ihr Kindchen gewiß verzeihen.

Das Mädchen. Kommt keine Bedienung? Ich säße gern.

Ein Kellner (kommt die Treppe herauf).

Die Krankenschwester. Wir wollen einen Platz hier oben, recht ruhig.

Der Kellner. Bitte sehr!

(Der Kellner zieht den Vorhang zurück, so daß der [achteckige] Erker sichtbar wird. Drinnen Tisch, Stühle. Durch die Fenster sieht man den Nachthimmel. Hell flimmert ein Stern. Wolken treiben. Der Erker ist erhellt, Lichtquelle unsichtbar.)

Das Mädchen. Ja, hier wollen wir sitzen. (Wie der Kellner die Vorhänge zuziehen will.) Bitte, lassen Sie den Ausblick, ziehen Sie die Vorhänge nicht zu!

Die Krankenschwester. Warum nicht? Es zieht immer ein wenig durch die Ritzen, man erkältet sich so leicht. Ziehen Sie nur vor!

(Der Kellner tut es.)

Mädchen und Krankenschwester setzen sich am Tisch einander gegenüber [Profil]. Jetzt erlischt das Licht in und vor dem Erker, und man sieht während des folgenden nur schattenhaft die beiden Gestalten. Der Kellner entfernt sich bald und bringt nach einiger Zeit das Gewünschte.)

In dem Augenblick der Verdunkelung ward der übrige Hintergrund erhellt; etwa in dessen Mitte sitzen der Mäzen, der ältere Freund und der Dichter und speisen. Ein Kellner geht ab und zu.

Der Dichter (fast gleichzeitig mit der Helligkeit). Sie haben die Ziele, die ich mir vorgesetzt habe, so sicher aus meinen Dichtungen gedeutet, daß ich jetzt mit mehr Zutrauen auf guten Ausgang zu Ihnen rede, als vorher. Es ist nur schwer, sich hierin verständlich zu machen, es wirkt alles leicht unreif und verfehlt – – Sie verstehen mich wohl?

(Kurze Stille.)

Mein Freund hat Ihnen von meiner Lage gesprochen, Sie wissen, in welcher Umgebung ich arbeiten muß – – Und die Bühnen weisen meine Dramen ab, es ist an ihnen vieles so neu, daß man sich scheut, das Experiment der Aufführung zu wagen.

Der Mäzen. Ich stimme Ihnen bei. Sie sind unglücklich daran, denn ihre Stücke werden nur seltsamer und fremder, und Sie haben eigentlich – wenn ich offen reden soll – immer weniger Aussicht auf Annahme. Natürlich kann man das nicht so bestimmt sagen...

Der Dichter. Es freut mich, daß Sie Gleiches wie ich voraussehen, um so mehr werden Sie mich weiter verstehen. Diese Unmöglichkeit, aufgeführt zu werden, ist meine größte Hemmung. Denn für mich ist die Aufführung Notwendigkeit und erst Erfüllung der Schöpfung und Pflicht der Schöpfung gegenüber.

Der ältere Freund. Nimm bitte Rücksicht auf das, was ich dir sagte!

(Kurze Stille.)

Der Dichter. Sie werden begreifen, daß die Veröffentlichung der Dramen im Druck mir nicht viel sein kann, immer nur eine Halbheit, niemals Endzweck, der ist die Aufführung. So bleibt mir nur diese Bitte an Sie übrig: mir eine eigene Bühne gründen zu helfen.

Der Ältere. Nimm Vernunft an, bitte! das ist unsinnig!

Der Dichter. Laß mich ausreden. Ich spreche dies mit Überlegung.

Der Mäzen. Ja, mein Herr, lassen Sie ihn sich aussprechen...

Der Ältere. Ich will nur das Beste für dich. Dies wird dir nie zum Besten.

Der Dichter. Ich habe alles sehr bei mir überdacht und oft geprüft, ich habe alle Möglichkeiten erwogen, die mir sonst blieben, aber ich kam immer auf dieses Einzige zurück. – Aufführung muß mir werden; ich sehe meine Dichtungen als Grundlage und Anfang eines erneuerten Dramas an; Sie äußerten sich selbst vorhin in ähnlichem Sinne. Aber dieses neue Drama kann nur durch seine Aufführung wirksam werden und recht befruchtend; mir bleibt nur die eigene Bühne.

Der Mäzen. Sie sprechen von einem neuen Drama, ich halte das bei unserer modernen dramatischen Dichtung in gewisser Weise für berechtigt. Und Ihre Stücke scheinen auch so vielen Keim zu tragen, daß man Ihre Selbsteinschätzung versteht. Überhaupt versichere ich Sie, daß ich Ihre Überlegungen und Ihren Entschluß wohl begreife. Wenn ich Ihnen trotzdem anderes vorschlage, geschieht es also nicht aus Unverständnis, sondern aus guter Einsicht. Ich glaube, daß Ihre nächste Zukunft auch anders möglich ist – so sehr ich Ihnen ihre Bitte nachfühlen kann – ich sehe doch soviel Wagnis und Schwierigkeiten in der Verwirklichung, daß ein anderer Ausweg notwendig scheint, und den habe ich gefunden, wie ich glaube.

Der Dichter. Reden Sie bitte!

Der Mäzen. Ich halte meinen Vorschlag für gut und fördernd. Ich setze Ihnen eine Rente aus, hoch genug, um in den nächsten Jahren ganz nach Wunsch leben zu können. Vor allem – meine ich – müssen Sie jetzt reisen. Ihnen droht Unfruchtbarkeit, wenn Sie nicht neues Erlebnis aus der Umwelt finden. Lassen Sie auf diese Art etwa zehn Jahre hingehen und wir können weiter über alles reden. Sie werden viel zugeschaffen haben, das Wagnis wird nicht mehr so groß sein, was sagen Sie?

Der Ältere. Du hast dein Schicksal in Händen.

(Kurze Stille.)

Der Dichter. Mein Herr, auch diese Möglichkeit habe ich lange beraten, aber verworfen. Nicht Umwelt brauche ich zu neuem Schaffen, sondern mir muß Erfahrung in dramatischer Technik durch Aufführung der alten Werke werden. Ich muß die Grenzen der Darstellung, ich muß alle dramatischen Grenzen praktisch erproben können, hier fehlt es meinen Dichtungen, nur aus der Beherrschung dieser Dinge kann ich reifere Frucht aus diesen Dingen treiben. Die Welt des Außen ist erst zum zweiten not, und Unfruchtbarkeit wird mir niemals drohen! Meine Berufung befiehlt einzig diese Bahn, darum muß ich ablehnen.

Der Mäzen. Sie reden unbedacht, mein Herr! Sie übersehen den überwiegenden Vorteil meines Vorschlages: eine Ausbildung in wirklicher Ruhe. Dies ist Ihnen not. Die Aufführungen würden eher nachteilig für Sie sein, denn Ihre ganze Persönlichkeit wäre so davon in Anspruch genommen, daß Sie nicht mehr rechte Ruhe zur Arbeit hätten; und Ihre Arbeit kann nur in Ruhe gedeihen.

Der Dichter. Ich werde Arbeit und Verwirklichung einen können. Ich bin berufen, also dazu fähig.

Der Mäzen. Erlauben Sie, damit fängt das Phantastische an, wir wollen hier nur Wirklichkeiten denken.

(Kurze Stille.)

Der Dichter (jäh auf).
Nicht wahr, Sie wollen mir dies nie erfüllen?!
Ich weiß es doch, Sie halten meine Bitte
Nur für Phantasterei, wie die Gedanken
Über Berufung!?... Wie soll ich nur reden?!
Soll ich erzählen, wie dies aus mir sah,
Schon als ich Kind war, und dann mählich reifte
Und mächtig wuchs und zwang und fort mich trieb
In manche Einsamkeit und manche Qual –
Wie's mir Gesetze gab, die mich losrissen
Aus innigen Banden lieber Menschen und
Zu Grausamkeiten mich verurteilten
Gegen das nächste anverwandte Blut?!
Das Werk! das Werk! und nur das Werk war Herr!
Wie soll ich reden... Ich will Ihnen Bilder
Der Zukünfte erzählen, die in mir
Mit Pracht sich aufgerichtet haben, die
Mich führen, wo ich bin, und keine Liebe
Und keine Wollust hat bisher sie stürzen
Können
Oder nur einen Augenblick verhallen
Sie werden sehen, welch ein Reichtum auf
Sie wartet, welche Summen, wirklich dies
Wird eine Goldgrube für Sie! Und gar kein Wagnis!
Hören Sie doch: es wird
Das Herz der Kunst: aus allen Ländern strömen
Die Menschen alle an die heilende Stätte
Zur Heiligung, nicht nur ein kleines Häuflein
Erlesener!... Massen der Arbeiter
Schwemmt an die Ahnung ihres höheren Lebens
In großen Wogen, denn sie sehen dort
Aus Rauch und Ragen der Gerüste, aus
Sausenden Fährnissen der Räder ihre
Seelen aufsteigen, schön und ganz geläutert
Vom Schwarm der Zufälle, in herrlicher
Erhabenheit Siegerin der eisernen Nöte,
Lebendig Stahl und Turm, der seine Sehnsucht
Auftrotzet königlich... Hungernde Mädchen,
Die um ihr unrecht Kind sich mager mühen,
Sollen dort Brot finden und ihre Kleinen
Mit Macht zum Himmel stemmen, wenn sie auch
Verreckt schon sind in ihren Armen! Krüppel,
Denen das wimmelnde Elend dieser Zeit,
Der Gram und Harm ihrer Mißratenheit
Schielt aus verbogenen Gelenken, werden
Mit Mut und großer Liebe zum aufrechten
Leben die Herzen hemmen und den dürren
Rumpel dem Tod hinwerfen. Männer aber
Sollen die Stirnen härten an Leid und Lust,
Die Herzen heben zu Sehnsucht und Verzicht!
Das Weib sei vor dem Mann in großer Treue!
Er lerne, in Adel vor ihr die Stirn zu neigen!

Zur Hochgeburt soll eine hochgeborne
Vielfach verderbte Zeit hin vor mich treten,
Ja, diese Zeit soll wahrhaft sich im Spiegel
Der Allmacht schauen und verstummen, wenn
Aus tiefen Himmeln wächst
Das gnädige Bild des Ankers, der uns alle
Unerbittlich erzgeschwungen
Hält an dem Grund der Gottheit.

(Bei des Dichters Versen hat sich das Mädchen erhoben und ist leise nähergetreten, sie steht links am Eingang des Erkers. Zuletzt ist auch die Krankenschwester herzugekommen, jetzt sieht sie, auf den Zehen emporgerichtet, neugierig dem Mädchen über die Schulter.)

Der Mäzen. Ich bitte Sie, mein Herr, bewahren Sie Ihre Ruhe! – Was Sie als Zukunft sehen, ist Dichtung und ein nie erfüllbarer Traum. Deshalb fühle ich mich sozusagen berechtigt, Ihnen zunächst die Bitte abzuschlagen, weil Sie nach ein paar Jahren mit mehr Reife über Ihre Pläne denken werden. Dann haben Sie vielleicht die Grenzen der Möglichkeit ernster kennen und achten gelernt, Ihre Ideen haben sich danach gerichtet, und wir werden es beide leichter haben.

Der Dichter. Sie sprachen deutlich, und wir sind zu Ende!

(Die Krankenschwester ist inzwischen wieder auf ihren Platz zurückgekehrt, aber das Mädchen steht nach wie vor vornübergebeugt lauschend.)

Das Licht im Hintergrund erlischt sogleich nach dem letzten Wort des Dichters. Der linke untere Teil der Bühne wird schwach erhellt. Im Dämmerlicht sieht man auf der unteren Bank die fünf Flieger sitzen. Einheit in starrer Haltung. Einheit in den harten und furchtbaren Gesichtszügen.

Erster Flieger. (ganz im Rhythmus).
Du rätst wohl zur Freudigkeit, aber mein Sinn
Kann die Fessel nicht brechen: die klammernde Angst.

Zweiter Flieger.
Mir geht es wie ihm, trüb überschwemmt
Mein Puls gewaltsam das Lachen.

Dritter Flieger.
Trauer deutet die Feier der Stunde nicht,
Selbst dem schlimmsten Schicksal ziemt höhere Antwort...

Vierter Flieger.
Wie strahlte sein Auge zur Sonne froh in
Schwesternschaft, froh in heiligem Willen...

Fünfter Flieger.
Wie band seinen Handdruck ein sicherer Mut, wie
War jedes Wort ein Mal des Gelingens...

Erster Flieger.
All zu sehr preßte der Mut seine Hand,
Übermütig zerschellte schon mancher –

Zweiter Flieger.
All zu sonnig strahlte sein Auge, der
Sonne zu nah, fiel schon mancher in Asche –

Dritter Flieger.
Trauer deutet die Feier der Stunde nicht,
Selbst dem schlimmsten Schicksal ziemt höhere Antwort.

Vierter Flieger.
Laßt uns warten, schenkt der Ahnung nicht Wert –

Fünfter Flieger.
Oft täuschte sie, bald wird uns Gewißheit.

Sechster Flieger (kommt von links, tritt vor die andern, das Antlitz ihnen zugekehrt, und verharrt so während des Folgenden).

Erster Flieger.
Weh... Dein Auge schaut aus nach lockerem Grabe...

Zweiter Flieger.
Deine Stirn malt uns trostloses Sargholz.

Sechster Flieger.
Weh: die Stürme des Himmels zerbrachen das Flugzeug.
Er zerbarst an felsiger Erde...

Alle außer dem Dritten und Sechsten.
Wehe...

Erster Flieger.
            Nicht trog meine Ahnung,
Zu Recht schlug mich Furcht in die Reifen!

Zweiter Flieger.
Zu Recht meiner Schwermut
Schwemmflut ertränkte das Lachen!

Sechster Flieger.
Weh: tot liegt er mit offenem Hirne,
Noch umklammert er Flügel und Steuer.

Alle außer dem Dritten und Sechsten.
Wehe...

Vierter Flieger.
            Sein Mut hob sich hoch in die Stürme –
Wütende achten den Mutigen nicht!

Fünfter Flieger.
Warm hob sich sein Auge zur Sonne –
Die Glühende achtet den Kuß nicht!

Alle außer dem Dritten.
Einstimmig töne, klagende Seele,
Psalm du und Orgel dem Toten.

Dritter Flieger.
Trauer deutet die Feier der Stunde nicht,
Schlimmstem Schicksal ziemt höhere Orgel.

Erster Flieger.
Welchem Gotte sind deine Worte die Fahnen?

Zweiter Flieger.
Welcher Freiheit die tiefe Posaune?

Dritter Flieger.
Aus tilgenden Stürmen hebt sich mein Gott,
Saugt sich Atem aus feindlicher Sonne.

Vierter Flieger.
Von der Gruft wälzt dein Mutspruch den lastenden Block,
Und ich ahne des Todes Verdammung...

Fünfter Flieger.
Deine Hoffnung entsiegelt verborgenen Klang,
Ja... es tönt schon das ewige Leben.

Sechster Flieger.
Spende die Weisheit, spende die Allmacht!

Dritter Flieger.
Wo zerstob seine Glut, wo zerknickte sein Mut?
Er fuhr flammender nur in uns nieder!

Erster Flieger.
Ja, du brichst meine Wolken mit himmlischem Strahl –!

Zweiter Flieger.
Schmückst mit innigem Lächeln die Trübsal!

Dritter Flieger.
Sinnet ganz! Steiget tief! Starb er hin? Stand er auf?
Unser Auge wird voll seiner Seele –

Vierter Flieger (mit Geste).
Seine Sehnsucht reckt auf unsre Hände.

Fünfter Flieger.
Sein Tod ward dem Bunde die Mehrung:
Band sich ein uns als Faser und Herrschaft...

(Stille.)

Dritter Flieger (leiser, doch mehr eindringlich – und seine Stimme kommt wie von fern her).
Über suchenden Worten die Ahnung –!

Alle (Wie tastend).
Über suchenden Worten die Ahnung –

Dritter Flieger.
Über schwankendem Troste der Glaube.

Alle (die Häupter geneigt).
Über schwankendem Troste der Glaube!

Verdunkelung der unteren Bühne, der mittlere Hintergrund wird hell. Am Tische nur noch der ältere Freund und der Dichter.

Der ältere Freund. Du hast dir diese letzte Möglichkeit zerschlagen. Weißt du, was das ist? Ich habe dich soviel gewarnt, du schienst mir auch zuzustimmen, aber es war Verstellung. Solche Heimlichkeit ist mir im Tiefsten zuwider. Was vorging, ist nicht zu fassen! Ich kann dir so bald nicht vergeben. Was soll werden? Wie willst du dich weiterbringen?

Der Dichter. Ich war ungern vor dir heimlich. Ich brachte dir manchen Einwand vor, aber du stießest alle um und wiederholtest dich sehr bestimmt. So ließ ich's denn sein. Du hieltest meinen Wunsch in Händen und betrachtetest ihn wie ein lebloses Ding, wie ein Stein oder ein Stück Holz. Hier war aber lebendiges Werden, wechselnd und unergründlich, soviel Seele und Heimlichkeit, daß weder du noch ich fest darüber wissen konnten. Doch dies ist dein Wesen, deine herbe Sitte, stets bandest du mich in eine Zahl und suchtest zu dieser Zahl die Regel. Aber ich selber hatte meine Ziffer und Gesetz noch nicht gefunden. Jetzt sei mir gut!

Der Freund. Ich bin verstimmt über das Geschehnis. Diese Beharrlichkeit und Blindheit von dir ist bedenklich. Du bist zu jung, um schon so abweisen zu dürfen. (Stille. Er sieht auf die Uhr.) Es ist nun Zeit, ich muß zum Zug. Auf Wiedersehen, suche mich bald zu Hause auf; jedenfalls zürnen wir nicht.

(Sie reichen sich die Hände.)

Der Dichter. Ich danke dir. Leb wohl!

(Der Freund geht nach rechts ab, am Erker vorbei die Treppe hinunter.)

Der Dichter (blickt schweigend vor sich).

Verdunkelung, dann wird der Erker hell.

Das Mädchen steht noch wie vorher, die Schwester sitzt und trinkt ihre Schokolade.

Die Schwester. So kommen Sie endlich! Ihre Tasse ist längst kalt geworden. Es ist auch höchste Zeit für Sie, Sie müssen nach Hause.

Das Mädchen (wendet sich plötzlich und geht rasch zur Treppe rechts). Verzeihen Sie, Schwester! (Rechts ab.)

Verdunkelung, die untere Bühne wird hell. Sie ist menschenverlassen. Der Dichter steigt langsam in den Vordergrund hinab und spricht das folgende. Gleich nach den ersten Worten erscheint das Mädchen rechts unten, dort steht sie, starrt zum Dichter und hört seine Worte.

Der Dichter.
Du warfst mir einen himmelhohen Fels
In meine Straße –
Mit Felsen auch beschlugest du mein Hirn und,
Kaum kann ich denken.
Doch deine Widermacht stählt meine Pulse,
Schicksal!
Einst trotze ich mich himmelauf in blaue Sonne...,
Adler
Spreite ich Schwingen aus
Feuern der Sonne.
Kralle und Adler! und dein Block wird Staubkorn.

(Er geht die Stufen weiter hinunter und will dann nach rechts abbiegen. Da tritt ihm

Das Mädchen entgegen, hebt den Arm, als wollte sie den Schreitenden hindern, und sagt:)
Ich will noch reden, wundervoller Fremder...

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