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Giambattista Basile: Das Pentameron - Kapitel 1
Quellenangabe
typefairy
titleDas Pentameron
authorGiambattista Basile
translatorFelix Liebrecht
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressLeipzig
year1979
firstpub1634
senderreuters@abc.de
created20040720
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Erster Tag

Es ist ein bewährtes Sprichwort von altem Schrot und Korn, daß, wer da sucht, was er nicht soll, findet, was er nicht will und gleichermaßen, daß, wer andern eine Grube gräbt, selbst hineinfällt. So erging es auch einer zerlumpten Mohrensklavin, welche nie Schuhe an den Füßen gehabt hatte und eine Krone auf dem Kopfe tragen wollte; da nun aber doch der gerade Weg der beste ist und man endlich für alle Dinge einmal büßen muß, so geschah es zuletzt, daß die Sklavin, weil sie auf ungerechtem Wege sich das, was ihr nicht zukam, angemaßt hatte, dafür hart gestraft wurde und, je höher sie gestiegen war, desto tiefer hinabstürzte, wie hier sogleich erzählt werden soll.

Es war nämlich einmal ein König von Buschtal, welcher eine Tochter namens Zoza hatte, die man gleich einem zweiten Zoroaster oder Heraklit niemals lachen sah, weswegen der traurige Vater, der keine andere Freude auf Erden besaß als dieses sein einziges Kind, nichts unversucht ließ, um ihren Trübsinn zu verbannen, und um sie aufzuheitern, bald Seiltänzer, bald Reifenspringer, bald Gaukler, bald Hanswürste, bald Taschenspieler, bald starke Herkulesse, bald Hunde, welche Kunststücke machten, bald Esel, die aus Gläsern tranken, bald Tänzer, bald das, bald jenes kommen ließ. Es war aber alles umsonst; denn selbst nicht das Rezept eines Wunderdoktors noch die Ranunkel, die das sardonische Lachen erzeugen soll, noch ein Stich in den Unterleib zum Abzapfen melancholischen Wassers hätte sie dazu bringen können, auch nur ein klein wenig den Mund zum Lächeln zu verziehen, so daß der arme Vater, der nun gar nicht mehr wußte, was er tun sollte, um noch den letzten Versuch zu machen, vor dem Tor seines Palastes einen Springbrunnen von Öl in der Absicht errichten ließ, damit die Leute, welche in großer Menge gleich einem Ameisengewühl dort vorüberzuwimmeln pflegten, genötigt wären, um sich nicht die Kleider durch das emporspritzende Öl zu beflecken, wie die Heuschrecken zu hüpfen, wie die Böcke zu springen und wie die Hasen zu rennen, und damit auf diese Weise bei dem Gleiten und Stoßen und Drängen derselben sich vielleicht etwas zutragen möchte, worüber die Prinzessin zu lachen anfinge.

Als nun dieser Springbrunnen errichtet war und Zoza eines Tages so sauer wie Essig aussehend am Fenster stand, kam eine alte Frau herbei, welche sich mit einem Schwamm, den sie in das Öl tauchte, ein mitgebrachtes Töpfchen vollfüllte. Während aber die pfiffige Alte dies mit der größten Geschäftigkeit tat, warf ein mutwilliger Hofpage einen Stein und zielte so genau, daß er gerade den Topf traf und ihn in tausend Scherben zerschmiß, weswegen die alte Frau, welche keinen Spaß verstand und Haare auf den Zähnen hatte, sich sogleich gegen den Pagen, hinwandte und ihm zurief: »Schmutzfinke, Laffe, Dreckpeter, Bettpisser, Bocksnarr, Hundejunge, Galgenstrick, Maulesel, schwindsüchtiger Klapperbein, auf dem sogar die Flöhe den Husten haben, wenn dich doch die Pestilenz holte; wenn doch deine Mutter von dir nichts als Böses hören möchte, so daß ihr grün und blau vor den Augen würde; wenn du doch zwei Fuß kaltes Eisen in den Leib bekämst oder auch ein hänfenes Halsband um den Nacken, damit ja kein Tropfen deines Blutes verlorengehe; hol' dich alle tausend Schwerenot mit allem, was drum und dran bangt, und das lieber heut als morgen, so daß du mit Stumpf und Stiel ausgerottet werdest, du Schelm, du Lump, du Hurensohn, du Gaudieb!«

Der junge Fant, der noch wenig Bart und noch viel weniger Klugheit besaß und diesen Strom von Schimpfreden vernahm, bezahlte sie mit gleicher Münze und sagte: »Wird sie nicht bald aufhören, alte Vettel, Großmutter des Teufels, Höllengabel, Kinderwürgerin, alte Sau, Schweineliese?« Die Alte, welche sich so derbe Dinge sagen hörte, wurde darüber so zornig, daß sie alle Zügel der Geduld verlor, aus dem Stalle der Langmut herausstürzte und, sich den Vorhang vor der Hinterbühne aufhebend, die Waldszenerie den Blicken der Zuschauer preisgab, so daß man wohl hätte ausrufen mögen: »Gehet hin und staunet.« Auch Zoza, als sie dieses Schauspiels ansichtig ward, wurde von solcher Lachlust ergriffen, daß sie darüber beinahe in Ohnmacht fiel.

Als die Alte sich auf diese Weise so traktieren sah, geriet sie in so große Wut, daß sie mit einem wahrhaften Fratzengesicht, zu Zoza gewandt, ihr zurief; »So wünsche ich denn, daß dir nimmer auch nur das geringste Stückchen von einem Ehemann zuteil werde, es sei denn, daß du den Prinzen von Rundfeld bekommst.« Sobald Zoza diese Worte hörte, ließ sie die Alte rufen und wollte durchaus von ihr wissen, ob ihre Rede eine Verwünschung oder nur eine Schmähung enthalten hätte, worauf die Aue erwiderte: »So wisse denn, daß der Prinz, den ich vorhin erwähnt habe, Thaddäus beißt, wunderschön ist und durch die Verwünschung einer Fee des Lebens beraubt sowie außerhalb der Stadt in ein Grab gelegt worden ist, dessen Steininschrift besagt, daß diejenige Frau, welche in drei Tagen den an dem Orte selbst an einem Haken aufgehängten Krug vollzuweinen vermöchte, den Prinzen wieder ins Leben rufen und zum Ehegemahl nehmen kann. Weil es nun aber unmöglich ist, daß zwei Menschenaugen so viel Wasser zu lassen anstände wären, daß sie einen so großen Krug, der beinahe einen halben Eimer faßt, vollmachen können, außer etwa die der Egeria, welche, wie man sagt, sich zu Rom in eine Tränenquelle verwandelt hat, so habe ich dich, weil ich mich von euch beiden so sehr verspottet und verhöhnt gesehen, auf diese Weise verwünscht und bitte den Himmel, daß er mir für den erduldeten Schimpf diese Rache an dir gewähren möge.«

Nachdem die Alte dies gesagt, eilte sie aus Furcht vor einer Tracht Prügel die Stufen der Treppe hinunter; Zoza aber, begann von Stund an auf jede mögliche Weise und immer wieder von neuem über die Worte der Alten nachzudenken, da sie ihr gar sehr in den Kopf gefahren waren und ihn ihr zu einer wahren Gedanken- und Zweifelsmühle hinsichtlich dieses Vorfalles gemacht hatten. Endlich riß sie sich mit einer gewaltsamen Anstrengung aus dieser Geistesverwirrung, welche den Sinn und Verstand des Menschen zu blenden und umdunkeln pflegt, und nachdem sie einen tiefen Griff in die Goldsäcke des Vaters getan, verließ sie heimlich den Palast und ging immer weiter, bis sie an das Schloß einer Fee gelangte. Vor dieser nun schüttete sie die Bürde ihres Herzens aus, und da die Fee mit einer so schönen Jungfrau, welche durch ihre Jugend und ihre übermächtige Liebe für einen unbekannten Gegenstand wie mit Sporen den größten Gefahren entgegengetrieben wurde, das tiefste Mitleid empfand, so gab sie ihr einen Empfehlungsbrief an eine Schwester, auch eine Fee. Von dieser wurde sie wieder sehr freundlich empfangen, und am darauffolgenden Morgen, um die Zeit, wenn die Nacht durch die Vögel ausrufen läßt, ob jemand einen verlorenen Haufen schwarzer Schatten gesehen, denn er solle eine gute Belohnung erhalten, gab sie ihr eine hübsche Walnuß und sagte: »Hebe diese Nuß sorgfältig auf und öffne sie nur in der größten Not.« Zugleich empfahl sie die Prinzessin an eine andere Schwester, bei welcher sie denn auch nach langer Reise anlangte und mit gleicher Liebe empfangen wurde. Auch von dieser erhielt sie am darauffolgenden Morgen einen Brief und eine Kastanie nebst derselben Ermahnung, die sie mit der Nuß bekommen. Nachdem sie wiederum lange gegangen war, kam sie bei dem Schloß der Fee an, welche, ihr tausendfache Freundlichkeit erwies und den nächsten Morgen der Prinzessin, als sie Abschied nahm, eine Haselnuß mit derselben Warnung, sie nie zu öffnen, einhändigte, es sei denn, daß die größte Not sie dazu dränge. Mit diesen Geschenken nun machte Zoza sich so schnell, als sie konnte, auf den Weg und durchreiste so viele Länder und durchzog so viele Wälder und Flüsse, daß sie nach sieben Jahren, gerade um die Tageszeit, wenn die Sonne, von den Trompeten der Hähne aufgeweckt, gesattelt hat, um die gewöhnlichen Stationen zu durchschreiten, fast lahm in Rundfeld anlangte. Vor ihrem Eintritt in die Stadt aber erblickte sie ein Marmorgrab und daneben einen Springbrunnen, welcher aus Kummer darüber, sich in einem Gefängnis aus Porphyr zu sehen, helle Kristalltränen vergoß. Die Prinzessin nahm den Krug, der dort aufgehängt war, herab, und nachdem sie sich denselben auf den Schoß gesetzt, fing sie an, mit der Quelle um die Wette zu weinen. Da sie nun niemals ihre Augen von der Öffnung des Kruges wegwandte, so war er in weniger als zwei Tagen schon bis zu zwei Finger in den Hals hinauf voll geworden, so daß nur noch andere zwei Finger fehlten, und er war angeschwippt bis an den Rand. Jedoch von so vielem Weinen ermüdet, wurde sie wider Willen vom Schlafe überwältigt, so daß sie sich gezwungen sah, ein paar Stunden lang unter dem Zelt der Augenlider zuzubringen.

Eine verschmitzte Mohrensklavin jedoch, welche oft mit einem Fasse zu dem Springbrunnen um Wasser kam, den Inhalt der Grabschrift auch sehr genau kannte, da man überall davon redete, und Zoza immer so sehr weinen sah, als wenn sie in einem fort zwei Tränenbäche ausströmte, beobachtete sie stets auf das genaueste und wartete ab, bis der Krug voll genug wäre, um den nötigen Rest dann selbst betrüblicher Weise hinzuzuweinen und so die Prinzessin auf dem Trockenen sitzenzulassen. Als sie sie daher jetzt eingeschlafen sah, machte sie sich die günstige Gelegenheit zunutze, stibitzte ihr geschickt den Krug fort, und die Augen darüber haltend, füllte sie ihn in eins, zwei, drei bis oben hinauf; und kaum hatte das Tränen-Wasser den Rand erreicht, als auch der Prinz, wie aus tiefem Schlaf erwachend, aus dem Sarg von weißem Marmor emporstieg, jene schwarze Fleischmasse ergriff, sie in seinen Palast trug und unter großen Festen und Feuerwerken sich mit ihr vermählte. Zoza aber, sobald sie erwachte und den Krug und mit ihm zugleich auch ihre Hoffnungen verschwunden sowie den Sarg geöffnet sah, fühlte ihr Herz so zusammengepreßt, daß sie nahe daran war, die Bürde der Seele am Zollhause des Todes abzulegen. Zuletzt jedoch, als sie wahrnahm, daß das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden und sie keinen andern als ihre eigenen Augen anklagen konnte, welche das Schäfchen ihrer Hoffnung schlecht gehütet hatten, begab sie sich langsamen Schrittes in die Stadt, und nachdem sie daselbst von dem Hochzeitsfeste des Prinzen und des herrlichen Weibsbildes, das er geheiratet, Kenntnis erlangt, fiel ihr sogleich ein, wie die Sache sich wohl verhalten mochte, und seufzend sagte sie zu sich selbst, daß zwei unselige Dinge Schuld ihres Unglückes wären, der Schlaf nämlich und eine Mohrensklavin. Um jedoch alles mögliche gegen den Tod zu versuchen, gegen den jedes Geschöpf, soviel es nur irgend kann, sich zu schützen bemüht ist, mietete sie ein schönes Haus gegenüber dem Palast des Prinzen, von wo sie, wenn sie den Abgott ihres Herzens selbst nicht sehen konnte, wenigstens doch die Mauern betrachtete, welche das von ihr so ersehnte Gut einschlossen. Als sie indes eines Tages von Thaddäus, der einer Fledermaus gleich stets die schwarze Nacht der Mohrensklavin umflog, erblickt worden war, wurde dieser gleichsam zum Adler, indem er seine Augen unverwandt auf die Gestalt Zozas gerichtet hielt, die ihm, wie das Privilegienarchiv der Natur, wie ein Modell aller Schönheitsregeln erschien. Sobald die Mohrin dies wahrnahm, gebärdete sie sich wie besessen, und da sie schon von Thaddäus schwanger war, drohte sie ihm, indem sie sagte: »Wenn du nicht vom Fenster gehen, ich mir mit der Faust in den Leib schlagen und kleinen Georg prügeln.« Thaddäus, welcher seinen Sprößling sehnlichst erwartete, zitterte wie Espenlaub, um ihr nur ja keinen Verdruß zu machen, und riß, gleich als wäre es die Seele aus seinem Leibe, so sich selbst von dem Anschauen Zozas los.

Als diese nun auch diese geringe Stütze ihrer schwachen Hoffnung sich entzogen sah und nicht wußte, was sie in dieser äußersten Not anfangen sollte, erinnerte sie sich der Geschenke der Feen und öffnete zuerst die Walnuß, aus welcher alsbald ein Zwerglein klein und niedlich wie ein Püppchen heraussprang, das artigste Dingelchen, das man je in der ganzen Welt gesehen. Es setzte sich hierauf auf das Fenster und fing an, mit so vielen Figuren, Trillern und Läufern zu singen, daß es die größten Sänger übertraf und sogar die Königin der Vögel hinter sich ließ. Indem aber die Mohrin zufällig das Zwerglein sah und hörte, bekam sie ein so großes Verlangen es zu besitzen, daß sie sogleich Thaddäus rufen ließ und zu ihm sagte: »Wenn ich jenes Sängerlein nicht bekommen, welches dort trillert, ich mir mit der Faust in den Leib schlagen und kleinen Georg prügeln.« Der Prinz nun, welcher ganz gehörig unter dem Pantoffel jener schwarzen Hexe stand, schickte sogleich zu Zoza und ließ sie fragen, ob sie das Zwerglein verkaufen wolle; sie gab jedoch zur Antwort, daß sie keine Händlerin wäre, daß es jedoch dem Prinzen zu Diensten stände, wenn er es als Geschenk annehmen wollte; und da Thaddäus es sich eifrig angelegen sein ließ, seine Frau bei guter Laune zu erhalten, damit sie glücklich des Kindes genese, so nahm er das Anerbieten an.

Als indes nach vier Tagen Zoza auch die Kastanie geöffnet hatte, flog eine Gluckhenne mit zwölf Küchlein hervor, alle aus purem Golde, und setzte sich mit ihnen auf das nämliche Fenster. Auch diese sah die Mohrin und empfand das größte Gelüste nach ihnen, so daß sie Thaddäus kommen ließ und, die schönen Tierchen ihm zeigend, zu ihm sagte: »Wenn jene Henne nicht bekommen, ich mir mit der Faust in den Leib schlagen und kleinen Georg prügeln.« Und Thaddäus, der sich von dieser Bestie wie am Gängelband leiten und an der Nase herumführen ließ, schickte wiederum zu Zoza und ließ ihr, was sie nur irgend wollte, als Preis für die so schöne Henne anbieten, erhielt jedoch dieselbe Antwort, daß er sie wohl zum Geschenk, aber nimmer und unter keinen Umständen für einen Kaufpreis erhalten würde. Da er nun nicht anders konnte, so mußte er schon seine Bescheidenheit vor der Not schweigen lassen und, indem er das schöne Geschenk ohne irgendeinen Ersatz dafür in Empfang nahm, sich von der Freigebigkeit eines Weibes besiegt erkennen, obwohl doch sonst die Frauen so geizig zu sein pflegen, daß ihnen alle Barren Indiens nicht genügen würden. Nach wiederum vier Tagen öffnete Zoza nun auch die Haselnuß, aus welcher eine goldspinnende Puppe hervorkam, ein wahrhaft wunderbares Ding, welches nicht sobald an das nämliche Fenster gestellt wurde, als die Mohrin es sogleich bemerkte und zu Thaddäus sagte: »Wenn du mir nicht Puppe verschaffen, ich mir mit der Faust in den Lab schlagen und kleinen Georg prügeln.« Thaddäus, der sich von seinem übermütigen Weibe herumdrehen ließ wie eine Spindel, indem sie ihn gänzlich unterbekommen hatte und mit ihm machte, was sie wollte, brachte es gleichwohl nicht über das Herz, zu Zoza nach der Puppe zu schicken, und ging lieber selbst zu ihr, da er überdies des Sprichwortes eingedenk war: »Der beste Bote bist du selbst« und »Wer da will, gehe, und wer da nicht will, schicke«, so wie des andern: »Wer Fische essen will, fange sie selbst.« Während er nun Zoza höflichst für seine Keckheit wegen der ungehörigen Gelüste einer Schwangeren um Verzeihung bat, tat Zoza, welche bei dem Anblick der Ursache aller ihrer Leiden vor Entzücken fast außer sich geriet, sich alle mögliche Gewalt an, selbst zu schweigen und dagegen von ihm sich ja recht lange bitten zu lassen und so die Gegenwart ihres Gebieters, den eine häßliche Mohrin ihr geraubt, länger zu genießen. Endlich jedoch überreichte sie ihm die Puppe, so wie sie es auch mit den anderen Dingen getan, nachdem sie indessen vorher erst das Dingelchen gebeten, daß es in der Mohrin die Lust, Geschichten erzählen zu hören, erwecken möchte. Thaddäus, welcher sich im Besitze der Puppe sah, und zwar ohne auch nur einen von hundertzwanzig mitgebrachten Dukaten ausgegeben zu haben, fühlte sich von soviel Freundlichkeit wie beschämt und bot Zoza als Vergeltung für so viele Zuvorkommenheit sein Reich und sein Leben an.

In den Palast zurückgekehrt, übergab er die Puppe seiner Frau, und diese hätte sie nicht sobald auf den Schoß gesetzt, um damit zu spielen, als auch die Puppe dieselbe Wirkung hervorbrachte wie einst Amor, als er unter der Gestalt von Äneas' Sohn Ascanius im Schoß der Dido sitzend, ihr das Herz entflammte; denn die Mohrin wurde von einem so heftigen Verlangen, Geschichten erzählen zu hören, ergriffen, daß sie nicht zu widerstehen vermochte und fürchtete, daß es ihr sogleich unrichtig ergehen könnte. Sie rief daher ihren Gemahl und sprach zu ihm: »Wenn nicht Leute kommen und Geschichten erzählen, ich mir mit der Faust in den Leib schlagen und kleinen Georg prügeln.« Thaddäus, um diesen Blutegel zu beschwichtigen, ließ alsbald öffentlich ausrufen, daß alle Frauen seines Landes an einem bestimmten Tage erscheinen sollten, an welchem auch wirklich beim Aufgang des Morgensterns, der Aurora täglich aufweckt, damit sie die Wege, die der Sonnengott zu durchziehen hat, instand setze, alle sich an dem bezeichneten Orte einfanden.

Da Thaddäus aber es für töricht hielt, um einer Grille seiner Frau willen so viel Weibervolk von seiner Beschäftigung abzuhalten, und ihm außerdem beim Anblick eines so zahlreichen Weiberhaufens nicht ganz wohl zumute war, so wählte er bloß zehn von den Besten der Stadt, die ihm die gescheitesten und beredtesten zu sein schienen ; dies waren nämlich: die lahme Zeza, die krumme Cecca, die kropfige Meneca, die großnasige Tolla, die bucklige Popa, die geifernde Antonella, die breitmäulige Ciulla, die schiefmäulige Paola, die grindige Ciommetella und die stumpfnasige Ghiacova, welche zehn, nachdem die übrigen alle entlassen waren, sich mit der Mohrin, die den Thronhimmel verließ, erhoben und sich ganz gemächlich nach einem Garten begaben, wo die laubreichen Zweige so verschlungen waren, daß die Sonne trotz der Gewalt ihrer Strahlen nicht durchzudringen vermochte, und nachdem sie sich unter einem von Weinlaub gebildeten Zeltdach niedergelassen, mitten unter welchem ein großer Springbrunnen sprudelte, der als Schulmeister der Hofdamen sie alle Tage gehörig im Übersprudeln böser Reden zu unterrichten pflegte, fing Thaddäus also zu sprechen an: »Es gibt auf der Welt nichts Herrlicheres, meine hochgeehrten Frauen, als zu vernehmen, wie es anderen Leuten geht oder gegangen ist, und nicht ohne guten Grund setzte jener große Philosoph das größte Glück des Menschen in das Anhören schöner Erzählungen; denn indem man seine Aufmerksamkeit angenehmen Dingen zuwendet, verfliegt der Kummer, werden die lästigen Gedanken verbannt und das Leben verlängert. Das Verlangen danach macht also, daß der Handwerker die Werkstätte, der Kaufmann seine Geschäfte, die Rechtsgelehrten ihre Prozesse und die Krämer ihre Laden verlassen und in den Barbierstuben und wo sonst Leute auf der Straße zum Plaudern zusammentreten und einander erlogene Neuigkeiten und erdichtete Nachrichten und Zeitungen mitteilen, mit offenem Maule zuhören. Ich muß daher meine Frau entschuldigen, welche sich die seltsame Grille, Geschichten erzählen zu hören, in den Kopf gesetzt hat, und wenn es euch daher gefällig ist, dem Verlangen der Prinzessin Genüge zu leisten und das Ziel meiner Wünsche gerade in der Mitte zu treffen, so möget ihr so freundlich sein, daß, während dieser drei oder vier Tage, die es noch dauern wird, bis sie die Bürde ihres Leibes abgelegt, jede von euch jeden Tag eine solche Geschichte erzähle, wie die alten Weiber sie zur Unterhaltung der kleinen Kinder zu erzählen pflegen, indem ihr euch immer hier an diesem Orte einfindet, wo wir nach eingenommenem, reichlichem Mahle dann den ganzen Tag hindurch schwatzen und am Schlusse desselben jedesmal einige meiner Brotdiebe ein ländliches Zwiegespräch aufführen können; so werden wir unsere Zeit fröhlich und guter Dinge zubringen, indem wir bedenken, daß nach dem Tode doch alles vorbei ist.«

Nach diesen Worten nickten alle der Aufforderung des Thaddäus Beifall zu, und da unterdes die Tische gedeckt und die Speisen aufgetragen waren, so fingen sie an tüchtig zuzugreifen. Nachdem nun ihr Appetit vollkommen gestillt war, winkte der Prinz der lahmen Zeza, daß sie den Anfang machen sollte, worauf diese sich vor dem Prinzen und dessen Gemahlin auf das tiefste verbeugte und also zu reden anfing:

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