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Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleVerlorene Illusionen
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
year1936
translatorHedwig Lachmann
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060415
projectidb32bf041
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Die beiden Dichter

In der Zeit, in der diese Geschichte spielt, waren die Stanhopepresse und die Walzen zur Verteilung der Druckerschwärze in den kleinen Provinzdruckereien noch nicht zur Anwendung gelangt. Trotz der Spezialität, die Angoulême zum Pariser Druckereigewerbe in Beziehungen bringt, bediente man sich dort immer noch der Holzpressen. Die rückständige Druckerei verwendete dort noch die Lederbälle, die mit der Druckerschwärze bestrichen waren und mit denen einer der Drucker leicht über die Lettern fuhr. Die bewegliche Platte, auf der die Form mit den Lettern sich befindet, worauf der Papierbogen gelegt wird, war noch aus Stein und rechtfertigte somit ihre Bezeichnung. Die gefräßigen mechanischen Pressen haben heutzutage diesen Apparat, dem wir trotz seiner Unvollkommenheiten die schönen Bücher der Elzevier, Plantin, Alde und Didot verdanken, so sehr in Vergessenheit gebracht, daß es angezeigt ist, die alten Werkzeuge, für die Jérôme Nicolas Séchard eine abergläubische Zuneigung hegte, zu erwähnen, denn sie spielen ihre Rolle in dieser wichtigen kleinen Erzählung.

Dieser Séchard war ein früherer Drucker, den die mit dem Satz beschäftigten Handwerker in ihrem Jargon einen ›Bären‹ nannten. Das Hin und Her der Bewegung, wie die Drucker vom Farbenbehälter zur Presse und von der Presse zum Farbenbehälter gehen, hat einige Ähnlichkeit mit dem Auf und Ab eines Bären im Zwinger, und so ist offenbar der Spitzname entstanden. Zur Vergeltung gaben die Bären den Setzern den Beinamen ›Affen‹ infolge der fortgesetzten kleinen Bewegungen, die diese Herren machen, um die Lettern den hundertzweiundfünfzig kleinen Fächern, in denen sie enthalten sind, zu entnehmen. In dem unheilvollen Jahr 1793 war Séchard ungefähr fünfzig Jahre alt und verheiratet. Sein Alter und seine Verheiratung befreiten ihn von dem großen Truppenaufgebot, das fast alle Handwerker in die Armeen schleppte. Der alte Drucker blieb allein in der Druckerei zurück, deren Besitzer – alias ›Pinsel‹ – soeben gestorben war und eine kinderlose Witwe zurückgelassen hatte. Das Geschäft schien dem Untergang geweiht: der allein zurückgebliebene Bär war nicht imstande, sich in einen Affen zu verwandeln; denn als Drucker konnte er weder lesen noch schreiben. Ohne sich über seine Unfähigkeit Kopfschmerzen zu machen, versorgte ein Volksvertreter, der es eilig hatte, die schönen Dekrete des Konvents zu verbreiten, den Drucker mit dem Patent eines Buchdruckermeisters und versah seine Druckerei mit Aufträgen. Nachdem der Bürger Séchard dieses gefährliche Patent erhalten hatte, entschädigte er die Witwe seines Meisters, indem er ihr die Ersparnisse seiner Frau brachte, mit denen er das Material der Druckerei zur Hälfte des Wertes bezahlte. Aber das genügte nicht. Die Dekrete der Republik mußten unverzüglich gedruckt werden. In dieser schwierigen Lage hatte Jérôme Nicolas Séchard das Glück, einen Edelmann aus Marseille zu treffen, der nicht auswandern wollte, um seiner Ländereien nicht verlustig zu gehen, und nicht gesehen werden wollte, um seinen Kopf zu behalten, und der nur durch irgendwelche Arbeit Brot finden konnte. Der Graf von Maucombe zog also das schlichte Wams eines Provinzfaktors an; er setzte, las und korrigierte selbst die Dekrete, die den Bürgern, die Adlige bei sich verbargen, die Todesstrafe androhten; der Bär, der jetzt ein Pinsel geworden war, zog sie ab und ließ sie anschlagen; und alle beide blieben heil und gesund dabei. Als im Jahre 1795 der Sturmwind des Schreckens vorübergezogen war, war Nicolas Séchard genötigt, ein anderes Faktotum zu suchen, das zugleich Setzer, Korrektor und Faktor sein konnte. Ein Abbé, der später unter der Restauration Bischof wurde und der damals zu den Eidverweigerern gehörte, trat an die Stelle des Grafen von Maucombe und blieb bis zu dem Tag, wo der erste Konsul die katholische Religion wiederherstellte. Der Graf und der Bischof trafen sich später auf ein und derselben Bank der Pairskammer. Jérôme Nicolas Séchard konnte zwar im Jahre 1802 ebensowenig lesen und schreiben wie 1793, aber er hatte genügend auf die hohe Kante gelegt, um sich einen Faktor leisten zu können. Aus dem Gesellen, der sich früher so wenig um die Zukunft gekümmert hatte, war ein Meister geworden, vor dem seine Affen und Bären gewaltigen Respekt hatten. Der Geiz beginnt, wo die Armut aufhört. An dem Tag, wo der Drucker die Möglichkeit vor sich sah, ein vermögender Mann zu werden, ließ das Interesse in ihm einen Verstand erwachsen, der freilich materiell, aber voller Gier, Argwohn und Schärfe war. Seine Praktik kümmerte sich nicht das mindeste um die Theorie. Er hatte gelernt, mit einem hingeworfenen Blick den Preis einer Seite und eines Bogens, je nach der Schriftgattung, abzuschätzen. Er bewies seinen unerfahrenen Kunden, daß es teurer sei, die großen Lettern zu handhaben als die kleinen; wenn es sich um kleine handelte, sagte er, es sei schwieriger, mit ihnen umzugehen. Da die Setzerei der Teil seines Berufs war, von dem er nichts verstand, hatte er eine solche Angst, sich zu irren, daß er nur solche Geschäfte machte wie der Löwe in der Fabel. Wenn seine Setzer gegen Stundenlohn arbeiteten, ließ er niemals ein Auge von ihnen. Wenn er irgendwo einen Fabrikanten in Schwierigkeiten wußte, kaufte er seine Papiere zu niedrigem Preis und stapelte sie auf. Zu der Zeit war er schon Besitzer des Hauses geworden, in dem sich die Druckerei seit unvordenklichen Zeiten befand. Er hatte alles mögliche Glück; er wurde Witwer und hatte nur einen Sohn, er tat ihn in das Lyzeum der Stadt, weniger um ihm einen guten Unterricht zuteil werden zu lassen, als um sich einen Nachfolger heranzuziehen; er behandelte ihn streng, um die Dauer seiner väterlichen Gewalt zu verlängern, und in den Ferien ließ er ihn am Setzkasten arbeiten, wobei er ihm sagte, er solle lernen, sein Brot zu verdienen, um eines Tages seinen armen Vater entschädigen zu können, der sich aufopfere, um ihm eine gute Erziehung zu geben. Als der Abbé ihn verließ, erwählte Séchard aus der Zahl seiner vier Setzer den zum Faktor, von dem ihm der künftige Bischof gesagt hatte, er sei in gleicher Weise rechtlich wie klug. Auf solche Weise war er imstande, den Augenblick zu erreichen, wo sein Sohn die Anstalt übernehmen konnte, die sich alsdann unter jungen und geschickten Händen vergrößern sollte. David Séchard machte auf dem Lyzeum von Angoulême die vorzüglichsten Fortschritte. Obgleich unser Bär, der es auch ohne Kenntnisse und Unterricht zu etwas gebracht halte, die Wissenschaft gründlich verachtete, schickte Vater Séchard seinen Sohn nach Paris, damit er dort die Buchdruckerkunst in ihrer höchsten Ausbildung kennen lernte; aber er empfahl ihm dringend, er solle an einem Orte, den er das Paradies der Handwerker nannte, ein ordentliches Sümmchen zurücklegen, wobei er hinzufügte, er dürfe keinesfalls auf die Börse seines Vaters rechnen, und in diesem Aufenthalt in der Stadt der Weisheit ein zweifelloses Mittel sehen, seine Ziele zu erreichen. David verband in Paris die Erlernung seines Handwerks mit der Vollendung seiner Studien. Der Faktor der Firma Didot bildete sich zu einem Gelehrten aus. Gegen Ende 1819 verließ David Séchard Paris, ohne daß der Aufenthalt dort seinen Vater, der ihn zurückrief, um ihn an die Spitze des Geschäfts zu stellen, einen roten Heller gekostet hätte. Die Druckerei von Nicolas Séchard war zu der Zeit im Besitz des einzigen amtlichen Blattes des Bezirks, hatte die Aufträge der Präfektur und der bischöflichen Kanzlei, und das waren drei Kunden, die einem rührigen jungen Menschen zu einem großen Vermögen verhelfen mußten. Damals kauften die Brüder Cointet, ihres Zeichens Papierfabrikanten, gerade das zweite Druckerpatent der Stadt Angoulême, das der alte Séchard bisher unter dem Schutze der kriegerischen Zeitläufte, die während des Kaiserreichs jeden Aufschwung der Industrie erschwerten, nicht hatte aufkommen lassen; darum hatte er es auch nicht an sich gebracht, und sein Geiz war ein Grund für den Untergang der alten Druckerei. Als der alte Séchard diese Nachricht erhielt, überlegte er sich vergnügt, den Kampf zwischen seiner Druckerei und den Cointet werde nun sein Sohn durchfechten müssen und nicht er.

»Ich wäre in dem Streit unterlegen,« sagte er sich; »aber ein junger Mann, der bei Didot ausgebildet ist, wird damit fertig werden.«

Der Siebzigjährige sehnte den Augenblick herbei, wo er die Last der Geschäfte los wäre. Er wußte zwar wenig von der hohen Kunst der Typographie, aber dafür stand er im Rufe, in einer andern sehr stark zu sein, die die Berufsgenossen recht hübsch die Saufographie genannt haben, in einer Kunst also, die der göttliche Verfasser des Pantagruel sehr geschätzt hat, deren Pflege aber dank der Verfolgungen der sogenannten Temperenzgesellschaften von Tag zu Tag mehr zurückgeht. Jérôme Nicolas Séchard, getreu dem Schicksal, das sein Name, der Trockene, ihm bestimmt hatte, war mit einem unauslöschlichen Durst begnadet. Seine Frau hatte seine Leidenschaft für den Saft der Traube, die übrigens den Bären so natürlich ist, daß Chateaubriand sie bei den richtigen Bären Amerikas beobachtet hat, lange Zeit hindurch in den gehörigen Schranken gehalten; aber die Philosophen haben die Bemerkung gemacht, daß die Gewohnheiten der Jugend im Greisenalter mit großer Stärke wiederkehren. Séchard war eine Bestätigung für dieses psychische Gesetz: je älter er wurde, um so mehr liebte er das Trinken. Seine Leidenschaft hinterließ auf seinem Bärengesicht Spuren, die es höchst originell machten: seine Nase hatte den Umfang und die Form eines großen A von riesigen Dimensionen, seine beiden mit unzähligen Aderchen durchzogenen Backen sahen aus wie manche Weinblätter, die voller violetter, purpurner und oft buntgesprenkelter kleiner Buckel sitzen; man konnte an eine ungeheure Trüffel denken, die mit herbstlichem Weinlaub umrankt war. Unter zwei mächtigen Brauen, die wie zwei schneebedeckte Büsche aussahen, hatten seine beiden grauen Augen, in denen die Schlauheit einer Habgier funkelte, die alles, selbst die Vaterliebe in ihm ertötet hatte, ihren Glanz noch in der Trunkenheit bewahrt. Sein kahler Schädel, der noch von grauen, lockigen Haaren umrahmt war, erinnerte an die Franziskanermönche aus den Erzählungen Lafontaines. Er war untersetzt und beleibt, wie es bei diesen alten Lampen, die mehr Öl als Docht verbrauchen, oft der Fall ist; denn die Ausschweifungen in irgendeiner Sache treiben den Körper in die Richtung, die ihm gemäß ist. Die Trunksucht macht ebenso wie das Studieren den Dicken noch dicker und den Magern magerer. Jérôme Nicolas Séchard trug seit dreißig Jahren den bekannten Dreispitz, der sich noch heutzutage in den Städten mancher Provinzen auf dem Kopf des städtischen Tambourmajors findet. Seine Weste und seine Hose waren aus grünlichem Tuch, überdies trug er einen alten braunen Überzieher, buntgewebte baumwollene Strümpfe und Schuhe mit silbernen Schnallen. Diese Tracht, in der der Handwerksmann noch im reichgewordenen Bürger zu erkennen war, entsprach seinen Lastern und Gewohnheiten so gut, war so sehr der Ausdruck seines Lebens, daß es schien, als ob dieser Wackere völlig angekleidet erzeugt worden wäre; man hatte ihn sich ebensowenig ohne seine Kleidungsstücke vorstellen können, wie eine Zwiebel ohne die Häute. Wenn der alte Drucker nicht schon längst wegen seiner blinden Habgier bekannt gewesen wäre, hätte die Art, wie er sein Geschäft übergab, genügt, ihn zu kennzeichnen. Trotz der Kenntnisse, die sein Sohn von der hohen Schule des Didot mitbringen mußte, nahm er sich vor, das gute Geschäft mit ihm zu machen, das er schon lange hin und her überlegt hatte. Freilich, wenn der Vater ein gutes Geschäft machte, war es unausbleiblich, daß der Sohn ein schlechtes machte. Aber für den Wackern gab es in Geschäften nicht Sohn und nicht Vater. Hatte er zuerst in David sein einziges Kind gesehen, so erblickte er später in ihm nur noch den gegebenen Käufer, dessen Interessen seinen entgegengesetzt sein mußten: er wollte teuer verkaufen, David mußte billig kaufen; sein Sohn war also ein Feind geworden, den es zu besiegen galt. Diese Umwandlung des zärtlichen Gefühls in persönliches Interesse, die bei wohlerzogenen Leuten gewöhnlich langsam, versteckt und heuchlerisch vor sich geht, war bei dem Alten schnell und unverhohlen, und der Bär zeigte, um wieviel stärker die schlaue Saufographie war als die kunstgerechte Typographie. Als sein Sohn anlangte, benahm sich der Ehrenmann ihm gegenüber mit der geschäftlichen Zärtlichkeit, die die Gewandten für ihre Opfer haben: er ging mit ihm um wie ein Liebhaber mit seiner Geliebten; er gab ihm den Arm, er sagte ihm, wo er die Füße hinsetzen mußte, um sich nicht mit Schmutz zu bespritzen, er hatte ihm sein Bett wärmen, Feuer anmachen und ein gutes Abendbrot richten lassen. Nachdem er am andern Tag versucht hatte, seinen Sohn während eines üppigen Mahles betrunken zu machen, sagte Jérôme Nicolas Séchard, der stark bezecht war, zu ihm: »Nun zum Geschäft!« Und das war so kurios zwischen zwei Rülpsgeräuschen eingeschoben, daß David ihn bat, das Geschäft bis morgen zu lassen. Der alte Bär verstand es aber zu gut, aus seiner Betrunkenheit Vorteil zu ziehen, als daß er eine so lange vorbereitete Schlacht aufgegeben hätte. »Außerdem«, sagte er, »habe er fünfzig Jahre lang seine Kugel getragen, jetzt wollte er sie keine Stunde länger schleppen. Von morgen an sollte sein Sohn der Pinsel sein.«

Hier ist es vielleicht am Platze, ein Wort über die Druckerei zu sagen. Sie war an der Stelle gelegen, wo die Rue de Beaulieu auf die Place du Mûrier mündet, und befand sich in diesem Hause seit dem Ende der Regierung Ludwigs XIV. Ebenfalls seit langer Zeit waren die Räume im Innern für die Ausübung dieses Handwerks eingerichtet. Das Erdgeschoß war ein sehr großer Raum, der von der Straße her durch einen alten Fensterverschlag und von einem innern Hof durch ein großes vergittertes Fenster erleuchtet war. Man konnte außerdem durch einen Gang in das Kontor des Meisters gelangen. Aber in der Provinz sind die Vorgänge bei der Buchdruckerei immer ein Gegenstand so lebhafter Neugier, daß die Kunden lieber durch eine Glastür eintraten, die an der Vorderseite von der Straße her zugänglich war, obgleich man dabei einige Stufen hinuntergehen mußte, da sich der Fußboden der Werkstatt unter dem Straßenniveau befand. Die erstaunten Neugierigen achteten niemals auf die Unbequemlichkeiten des Zugangs durch die Engpässe dieser Werkstatt. Wenn sie die gebauschten Papierbogen betrachteten, die an Seilen von der Decke herunterhingen, dann drängten sie sich an den reihenweise aufgestellten Setzkästen entlang, oder sie ließen sich von den Eisenstangen, die die Pressen festhielten, die Frisur in Unordnung bringen. Wenn sie den flinken Bewegungen eines Setzers folgten, der seine Lettern aus den hundertzweiundfünfzig kleinen Fächern seines Setzkastens zusammensuchte, sein Manuskript las, seine Zeile in seinem Winkelhaken noch einmal überlas, während er den Durchschuß einfügte, dann gerieten sie in ein Ries aufgeweichten, feuchten, mit Steinen beschwerten Papieres, oder sie blieben mit dem Rock an der Kante einer Bank hängen; alles zum großen Vergnügen der Affen und der Bären. Niemals war jemand ohne Zwischenfall bis zu den beiden großen Käfigen gelangt, die am Ende dieser Höhle lagen und zwei elende, auf den Hof hinaus gelegene Erker bildeten; dort thronten auf der einen Seite der Faktor, auf der andern der Meister. Im Hof waren die Mauern sehr hübsch mit Weinspalieren geziert, die in Anbetracht des Rufs, in dem der Meister stand, eine anmutende Lokalfarbe gaben. Hinten, an die Grenzmauer angebaut, erhob sich ein verfallener Schuppen, wo das Papier befeuchtet und zurechtgeschnitten wurde. Dort befand sich der Ausguß, auf dem vor und nach dem Druck die Formen abgewaschen wurden; es ergoß sich von da ein Gemisch von der Druckerschwärze und den Abwässern der Haushaltung, das ein solches Aussehen hatte, daß die Bauern, die an den Markttagen in die Stadt kamen, glaubten, der Teufel habe sich in dem Hause gewaschen. An diesen Schuppen stieß auf der einen Seite die Küche, auf der andern ein Holzhaufen. Der erste Stock dieses Hauses, über dem nur noch zwei Mansarden waren, enthielt drei Zimmer. Das erste war ebenso lang wie der Hausgang ohne den Raum, den die alte Holztreppe einnahm, und war von der Straße her durch ein kleines rechteckiges Fenster und vom Hof her durch ein rundes Fensterchen erleuchtet; es diente zugleich als Vorzimmer und als Eßzimmer. Es war einfach weiß getüncht, und man bemerkte an ihm die zynische Einfachheit des Krämergeizes. Die schmutzige Scheibe wurde niemals gewaschen; das Mobiliar bestand aus drei schlechten Stühlen, einem runden Tisch und einem Büfett, das zwischen zwei Türen stand, von denen die eine in ein Schlafzimmer und die andere in ein Wohnzimmer führte; die Fenster und die Türen waren braun von Schmutz; meist waren sie von Haufen weißen oder bedruckten Papiers versperrt; oft konnte man den Nachtisch, die Flaschen, die Teller vom Mittagessen des Alten auf den Papierballen herumliegen sehen. Das Schlafzimmer, dessen Fenster mit Blei eingefaßt war und das vom Hof aus sein Licht empfing, war mit den alten Teppichen behängt, die man in der Provinz am Fronleichnamstag an den Häusern herunterhängen sieht. Es befanden sich darin ein großes, mit Vorhängen drapiertes Säulenbett, auf dem eine Bettdecke aus rotem Rips lag, ferner zwei wurmstichige Polsterstühle, zwei mit einer Stickerei überzogene Nußbaumholzstühle, ein alter Sekretär und auf dem Kamin eine Uhr im Gehäuse. Dieses Zimmer, in dem eine patriarchalische Behaglichkeit zu spüren und das voller brauner Töne war, war von Herrn Rouzeau, dem Vorgänger und frühern Meister Jérôme Nicolas Séchards, eingerichtet worden. Das Wohnzimmer, das die verstorbene Frau Séchard modern eingerichtet hatte, wies ein fürchterliches Getäfel von grellblauer Farbe auf. Die Füllungen waren mit einer Tapete bekleidet, auf der man Szenen aus dem Orient erblickte, die mit Nußfarbe auf weißem Grund gemalt waren. Die Einrichtung bestand aus sechs mit blauem Schafleder überzogenen Stühlen; die Rücklehnen hatten die Form von Lyren. Die zwei Fenster lagen unter einem plumpen Bogen und waren ohne Vorhänge; man sah durch sie auf die Place du Mûrier. Auf dem Kamin standen keine Leuchter und keine Standuhr, und es hing auch kein Spiegel darüber. Frau Séchard war gestorben, ehe sie ihre Verschönerungspläne hatte ausführen können, und der Bär, der den Nutzen von Verbesserungen, die nichts einbrachten, nicht einsah, hatte sich nicht darum bekümmert. In diesen Raum führte pede titubante Jérôme Nicolas Séchard seinen Sohn und wies ihm auf dem runden Tisch eine Aufstellung des Inventars seiner Druckerei vor, die der Faktor unter seiner Leitung gemacht hatte.

»Lies das, mein Junge«, sagte Jérôme Nicolas Séchard und ließ seine weinseligen Augen vom Papier zu seinem Sohn und von seinem Sohn zum Papier rollen. »Hier wirst du sehen, was für eine Perle von Druckerei ich dir übergebe.«

»Drei hölzerne Pressen, von Eisenstangen gehalten, mit gegossener Platte ...«

»Das ist eine Verbesserung, die ich gemacht habe«, unterbrach der alte Séchard seinen Sohn. »Mit all ihrem Zubehör, Farbenbehältern und Gestellen usw. eintausendsechshundert Franken.« – »Aber Vater,« sagte David Séchard und ließ das Verzeichnis sinken, »deine Pressen sind Gerümpel, die keine hundert Taler wert sind, und nur gut zum Feueranmachen.«

»Gerümpel, Gerümpel!« rief der alte Séchard. »Nimm das Verzeichnis und komm mit hinunter! Du sollst sehen, ob eure Erfindungen, diese elende Schlosserarbeit, so laufen wie diese ausgeprobten, wackern alten Maschinen. Nachher hast du nicht mehr das Herz, brave Pressen zu beschimpfen, die wie Postwagen laufen und die noch dein ganzes Leben lang gehen werden, ohne die geringste Reparatur zu brauchen. Gerümpel! Freilich ein Gerümpel, womit du dir die Butter aufs Brot verdienen wirst. Gerümpel, das dein Vater zwanzig Jahre lang bedient hat, das ihm dazu verholfen hat, dich zu dem zu machen, was du bist.«

Der Vater torkelte die holprige, abgetretene, unter seinen Schritten zitternde Treppe hinunter, und es sah aus, als ob er hinschlagen wollte; er öffnete die Gangtür, die in die Werkstatt führte, stürzte sich auf die erste seiner Pressen, die der Schlaue vorher hatte ölen und reinigen lassen; er deutete auf die starken Holzteile, die sein Lehrling gesäubert hatte.

»Ist das nicht eine entzückende Presse?« fragte er.

Es war gerade eine Vermählungsanzeige zu drucken. Der alte Bär ließ das Rähmchen auf den Preßdeckel herunter und den Preßdeckel auf die Platte, die er unter der Presse rollen ließ; er zog den Preßbengel, wickelte die Schnur ab, um die Platte zurückzuführen, und brachte den Preßdeckel und das Rähmchen mit einer Gewandtheit zurück, die einem jungen Bären Ehre gemacht hätte. Die also bediente Presse gab einen so reizenden Schrei von sich, daß es klang wie von einem Vogel, der sich an eine Scheibe gestoßen hat und rasch davonfliegt.

»Gibt es eine einzige englische Presse, die imstande ist, so zu laufen?« fragte der Vater seinen erstaunten Sohn.

Der alte Séchard lief hintereinander zur zweiten und zur dritten Presse und vollzog an jeder nicht minder geschickt das nämliche Manöver. Bei der letzten erblickte sein von Weindunst getrübtes Auge eine Stelle, die der Lehrling übersehen hatte; der Betrunkene fing gehörig zu fluchen an, nahm einen Zipfel seines Überrocks, um sie abzuwischen, wie ein Pferdehändler, der das Fell eines Pferdes, das zum Verkauf steht, glatt streicht.

»Mit diesen drei Pressen hier kannst du ohne Faktor deine neuntausend Franken jährlich verdienen, David. Als dein künftiger Teilhaber erlaube ich nicht, daß du sie durch diese verfluchten gegossenen Pressen ersetzest, die die Schrift abnützen. Du hast in Paris Wunder zu sehen geglaubt, als du die Erfindung dieses verdammten Engländers gesehen hast. Er ist ein Feind Frankreichs, die Gießer hat er reich machen wollen. Ah! Stanhopemaschinen hast du anschaffen wollen! Ich danke für deine Stanhopes, von denen jede zweitausendfünfhundert Franken kostet, fast doppelt soviel, als meine drei prächtigen Pressen zusammen wert sind, und dazu zerbrechen sie einem, da sie nicht elastisch sind, noch die Lettern. Ich bin nicht gelehrt wie du, aber merke dir das eine: das Leben der Stanhopepressen ist der Tod der Lettern. Diese drei Pressen halten sich gut, die Arbeit wird sauber gedruckt, die Leute im Angoumois verlangen nichts anderes. Druck du mit Eisen oder mit Holz, mit Gold oder mit Silber, sie zahlen dir keinen Heller mehr.«

»Ferner«, las David, »fünfzig Zentner Schrift aus der Gießerei von Vaflard ...« Bei diesem Namen konnte der Schüler der Firma Didot ein Lächeln nicht zurückhalten. »Lach du nur! Nach zwölf Jahren sind die Lettern noch wie neu. Das nenne ich mir einen Gießer! Herr Vaflard ist ein Ehrenmann, der dauerhafte Ware liefert; und ich für meinen Teil nenne den den besten Gießer, den man am seltensten braucht.«

»Geschätzt auf zehntausend Franken«, las David weiter vor. »Zehntausend Franken, Vater! Aber das sind vierzig Sous für das Pfund, und die Firma Didot verkauft ihre Cicero neu für sechsunddreißig Sous das Pfund. Die elenden Schusternägel, die Ihr da habt, sind nur den Gußpreis wert, zehn Sous das Pfund!«

»Gibst du der Schreibschrift, der Kursivschrift, der Rundschrift des Herrn Gillé, des frühern kaiserlichen Druckers, den Namen Schusternägel! Das sind Lettern, von denen das Pfund sechs Franken wert ist, Meisterwerke der Schriftgießerei, die vor fünf Jahren gekauft sind und von denen manche noch weiß sind, wie sie aus der Gießerei kamen. Da sieh!«

Der alte Séchard griff nach einigen Fächern, in denen Schriftgattungen lagen, die niemals benutzt worden waren, und zeigte sie ihm.

»Ich bin kein Gelehrter, ich kann nicht lesen und nicht schreiben, aber so viel verstehe ich, daß ich weiß, die Schriften des Hauses Gillé waren die Väter der englischen Schriften deiner Herren Didot. Da ist eine Rundschrifttype,« sagte er, indem er auf einen Kasten wies, dem er ein M entnahm, »eine Cicero-Rundschrift, die noch nicht übertroffen worden ist.«

David sah ein, daß es keine Möglichkeit gab, mit seinem Vater zu diskutieren. Man mußte allem zustimmen oder alles ablehnen, er war zwischen ein Nein und ein Ja gestellt. Der alte Bär hatte alles in sein Verzeichnis aufgenommen bis auf die Schnüre und Trockenleinen. Der kleinste Rahmen, die Bretter, die Geschirre, der Waschstein und die Waschbürsten, alles war mit der Genauigkeit eines Geizhalses auf Ziffern gebracht. Die Gesamtsumme belief sich auf dreißigtausend Franken, einschließlich des Meisterpatents und der Kundschaft. David fragte sich im stillen, ob das Geschäft möglich sei oder nicht. Als der alte Séchard seinen Sohn stumm über den Zahlen brüten sah, wurde er unruhig; denn eine heftige Auseinandersetzung war ihm lieber als eine stille Zustimmung. Bei dieser Art von Geschäften beweist der Streit, daß es sich um einen leistungsfähigen Vertragschließenden handelt, der sein Interesse vertritt. »Wer zu allem topp sagt,« sagte sich der alte Séchard, »der zahlt nichts.« Er belauerte ängstlich das Nachdenken seines Sohnes und zählte dabei die armseligen Utensilien auf, die eine Provinzdruckerei nötig hat; er führte David hintereinander vor: eine Satinierpresse und eine Beschneidemaschine, die zu den städtischen Arbeiten nötig waren, und rühmte ihm, wie nützlich und wie solid gebaut sie wären.

»Die alten Werkzeuge sind immer die besten,« sagte er, »man sollte sie in der Druckerei teurer bezahlen als die neuen, wie es bei den Goldschlägern der Fall ist.«

Entsetzliche Vignetten, die Hymen, Amore, Tote darstellten, die ihren Grabstein hochhoben und dabei ein V oder ein M beschrieben, ungeheuerliche Einfassungen aus Masken für die Theateranzeigen wurden mit Hilfe der weinseligen Beredsamkeit Jérôme Nicolas' Gegenstände von außerordentlichem Wert. Er erklärte seinem Sohn, die Gewohnheiten der Leute in der Provinz seien so festgewurzelt, daß er ganz vergebens versuchen würde, ihnen etwas Schöneres zu geben. Er selbst, Jérôme Nicolas Séchard, hatte versucht, ihnen bessere Almanache zu verkaufen als den auf Zuckerpapier gedruckten »Großen Lütticher Boten«. Aber was! der wahre Große Lütticher Bote war den wunderschönsten Almanachen vorgezogen worden. David würde bald den Wert dieser alten Scharteken erkennen und sie teurer verkaufen als die kostbarsten Neuheiten.

»Ah, ah! die Provinz ist die Provinz, und Paris ist Paris. Wenn so ein Kerl aus dem Houmeau zu dir kommt, um seine Heiratsanzeige bei dir zu bestellen, und wenn du sie ihm ohne einen Amor mit Girlanden druckst, dann hält er sich nicht für verheiratet und bringt sie dir wieder, wenn er nichts weiter darauf steht als ein M, wie bei deinen Didot, die der Ruhm der Buchdruckerkunst sind, aber deren Erfindungen hundert Jahre brauchen, bis sie sich in der Provinz einbürgern. Das ist die Sache.«

Vornehme Naturen sind schlechte Geschäftsleute. David war eine dieser keuschen und zarten Naturen, die vor einer Auseinandersetzung zurückschrecken und die in dem Augenblick nachgeben, wo der Gegner sie etwas empfindlicher trifft. Seine verfeinerten Gefühle und die Herrschaft, die der alte Trunkenbold über ihn ausübte, machten ihn noch ungeeigneter, eine Auseinandersetzung über Geldsachen mit seinem Vater fortzuführen, zumal er ihm die besten Absichten zuschrieb; denn er führte jetzt Gier und Interessiertheit auf die Liebe zurück, die der Drucker für seine Maschinen hegt. Da indessen Jérôme Nicolas Séchard das Ganze von der Witwe Rouzeau für zehntausend Franken in Assignaten übernommen hatte, und da beim jetzigen Zustand der Einrichtung dreißigtausend Franken ein unerhörter Preis waren, rief der Sohn aus: »Vater, du plünderst mich aus!«

»Was, ich? Habe ich dir nicht das Leben gegeben?« sagte der alte Trunkenbold und hob die Hand zur Decke empor. »Aber, David, wie hoch schlägst du denn das Patent an? Überlegst du auch, wieviel das ›Anzeigeblatt‹ wert ist, wo die Zeile zehn Sous kostet? Das Privileg ganz allein hat im letzten Monat fünfhundert Franken eingebracht. Junge, öffne doch die Bücher, sieh nach, was die Anschläge und die Register der Präfektur einbringen und die Kundschaft des Magistrats und der bischöflichen Kanzlei! Du bist ein dummer Kerl, der reich werden kann und nicht will. Du feilschst noch um das Pferd, das dich zu einem so schönen Herrensitz tragen kann, wie mein Marsac ist.«

Beigefügt war dem Inventar ein Gesellschaftsvertrag zwischen dem Vater und dem Sohn. Der gute Vater vermietete der Gesellschaft sein Haus für eine Summe von zwölfhundert Franken, obgleich er es nur für sechshundert gekauft hatte, und er reservierte sich darin eine der beiden Dachkammern. Solange David Séchard die dreißigtausend Franken nicht bezahlt hätte, sollte der Reingewinn zu gleichen Hälften geteilt werden; von dem Tage an, wo er diese Summe seinem Vater bezahlt hätte, sollte er alleiniger Eigentümer der Druckerei werden. David legte Wert auf das Patent, die Kundschaft und die Zeitung, ohne sich um die Pressen zu kümmern; er glaubte, es könnte ihm gelingen, die Schuld abzutragen, und akzeptierte die Bedingungen. Der Vater, der an die Bauernkniffe gewöhnt war und von den weiterblickenden Berechnungen der Pariser nichts wußte, war über einen so schnellen Entschluß erstaunt. »Sollte mein Sohn Geld haben,« fragte er sich, »oder entschließt er sich in diesem Augenblick, mich nicht zu bezahlen?«

Infolge dieser Gedanken fing er an, ihn auszufragen, ob er Geld mitgebracht habe, er könne es ihm ja in Rechnung stellen. Die neugierige Fragerei des Vaters erweckte das Mißtrauen des Sohnes. David blieb zugeknöpft bis zum Halse hinauf. Am nächsten Tag ließ der alte Séchard durch seinen Lehrling seine Möbel in die Kammer des zweiten Stocks bringen; er beabsichtigte, sie durch die Bauernwagen, die sonst leer zurückfuhren, auf sein Landgut bringen zu lassen. Er übergab seinem Sohn die drei Zimmer des ersten Stocks völlig leer, ebenso wie er ihm die Druckerei übergab, ohne ihm einen Heller zur Bezahlung der Arbeiter einzuhändigen. Als David seinen Vater bat, in seiner Eigenschaft als Teilhaber eine Einlage beizusteuern, die zum Weiterbetrieb nötig sei, wollte der alte Drucker von nichts wissen. Er sagte, er habe sich verpflichtet, seine Druckerei zu übergeben, aber kein Geld. Seine Einlage sei schon da. Als er sich von der Logik seines Sohnes bedrängt sah, antwortete er ihm, als er die Druckerei der Witwe Rouzeau abgekauft habe, habe er die Sache ohne einen Sou fertiggebracht. Wenn das ihm, einem armen Arbeiter ohne Kenntnisse, geglückt sei, müsse es bei einem Zögling Didots noch besser gehen. Überdies habe David Geld verdient, was er der Erziehung zu verdanken habe, die mit dem Schweiß seines alten Vaters bezahlt worden wäre, und so könnte er es jetzt gut anlegen.

»Was hast du mit deinem Wochenlohn gemacht?« fragte er ihn und versuchte damit nochmals die Frage zu erhellen, die das Schweigen seines Sohnes am Tage vorher unentschieden gelassen hatte. »Aber habe ich nicht leben müssen? Habe ich nicht Bücher gekauft?« antwortete David ärgerlich. »Ah, du hast Bücher gekauft! Du wirst schlechte Geschäfte machen. Leute, die Bücher kaufen, sind kaum geeignet, sie zu drucken«, antwortete der Bär.

David stand die schrecklichste aller Demütigungen aus, er mußte die niedrige Gesinnung seines Vaters über sich ergehen lassen. Er mußte die Flut gemeiner, weinerlicher, listiger Gründe bestehen, mit denen der alte Geizhals seine Weigerung motivierte. Er drängte seinen Schmerz in seine Seele zurück, er sah sich allein, ohne Hilfe, denn er fand in seinem Vater einen Spekulanten, den er aus philosophischer Neugier bis zum Grunde kennen lernen wollte. Er ließ die Bemerkung fallen, er habe niemals Rechnungslegung über das Vermögen seiner Mutter verlangt. Wenn dieses Vermögen nicht ausreichte, um den Preis der Druckerei zu erlegen, müßte es doch mindestens als Betriebskapital dienen können.

»Das Vermögen deiner Mutter?« sagte der alte Séchard, »aber das war weiter nichts als ihre Klugheit und ihre Schönheit.«

Bei dieser Antwort durchschaute David seinen Vater völlig und sah ein, daß er, wenn er eine Rechnungslegung erhalten wollte, gegen ihn einen unendlichen, kostspieligen und entehrenden Prozeß würde anstrengen müssen. Der vornehme Jüngling nahm die Last auf sich, obwohl er wußte, wie sie ihn drücken mußte und wie schwer es sein würde, den Verpflichtungen gegen seinen Vater nachzukommen.

»Ich werde arbeiten«, sagte er sich. »Schließlich, wenn ich zu schuften habe, dem Alten ist es nicht besser gegangen, und überdies werde ich für mich arbeiten.«

»Ich hinterlasse dir einen Schatz«, sagte der Vater, den das Schweigen seines Sohnes beunruhigte.

David fragte, was das für ein Schatz sei.

»Marion«, sagte der Vater.

Marion war ein plumpes Bauernmädchen, das in der Druckerei unentbehrlich war; sie netzte und beschnitt das Papier, besorgte Bestellungen und die Küche, sorgte für die Wäsche, lud das Papier von den Wagen ab, zog Geld ein und reinigte die Tupfballen. Wenn Marion hätte lesen können, hätte sie der alte Sichard an den Setzkasten gestellt.

Der Vater begab sich zu Fuß auf sein Landgut zurück. Obgleich er über seinen Verkauf, der sich unter dem Namen Beteiligung versteckte, sehr glücklich war, beunruhigte es ihn jetzt doch, nach welchem Modus er bezahlt werden würde. Nach den Erregungen des Verkaufs kommen immer die wegen der Bezahlung. Alle Leidenschaften sind in ihrem Kern jesuitisch. Dieser Mann, der die Erziehung für etwas Unnützes ansah, bemühte sich jetzt, an den Einfluß der Erziehung zu glauben. Er stellte seine dreißigtausend Franken mit den Ehrbegriffen sicher, die die Erziehung in seinem Sohne ausgebildet haben mußte. Als wohlerzogener junger Mann würde David Blut schwitzen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen, seine Kenntnisse würden ihm Quellen erschließen, er hatte ein schönes Empfinden gezeigt, er würde zahlen! Viele Väter, die so verfahren, glauben väterlich verfahren zu sein, und diese Überzeugung hatte schließlich der alte Séchard erlangt, als er wieder in seinem Weingut anlangte. Es war in Marsac gelegen, einem kleinen Dorf, das vier Meilen von Angoulême entfernt war. Dieses Landgut, auf dem der frühere Besitzer ein hübsches Wohnhaus erbaut hatte, hatte sich seit 1809, zu welcher Zeit der alte Bär es an sich gebracht, von Jahr zu Jahr vergrößert. Er vertauschte dort die Sorgen der Presse gegen die der Kelter, und er war, wie er gern sagte, seit zu langer Zeit Weinkenner, um sich nicht darauf zu verstehen. Während des ersten Jahres seiner ländlichen Zurückgezogenheit bot Vater Séchard eine sorgenvolle Miene zwischen seinen Weinstöcken; denn er war immer auf seinem Weinberg, wie er früher in seiner Werkstatt gewohnt hatte. Diese unerhofften dreißigtausend Franken berauschten ihn noch mehr als der junge Septembersaft. Er hatte sie in Gedanken schon zwischen den Fingern. Je weniger er die Summe erwarten konnte, um so mehr wünschte er sie einzustreichen. Daher zog ihn seine Ungeduld oft von Marsac nach Angoulême. Er kletterte die Felsenabhänge hinauf, auf deren Höhe die Stadt liegt, und begab sich in die Druckerei, um zu sehen, ob sein Sohn mit dem Geschäft fertig wurde. Die Pressen waren an ihrem Platz. Der einzige Lehrling trug seine Papiermütze auf dem Kopf und reinigte die Tupfballen. Der alte Bär hörte eine Presse über irgendeine Einladungskarte kreischen, er sah seine alten Lettern wieder, er erblickte seinen Sohn und den Faktor und sah, wie beide in ihren Käfigen ein Buch lasen, das der Bär für Korrekturen hielt. Er aß mit David zu Mittag, kehrte dann auf sein Gut in Marsac zurück und grübelte über seine Besorgnisse. Der Geiz hat wie die Liebe die Gabe des zweiten Gesichts für die kommenden Ereignisse, er wittert sie, er nimmt sie voraus. Wenn er von der Druckerei wieder weg war, wo der Anblick seiner Werkzeuge ihn bestrickte, die ihn in die Zeit zurückversetzten, wo er sein Vermögen erworben, fand der alte Winzer bei seinem Sohne beunruhigende Zeichen von Untätigkeit. Der Name Gebrüder Cointet erschreckte ihn, er sah ihn die Firma Séchard & Sohn überflügeln. Kurz, der alte Mann fühlte das Unglück nahen. Diese Ahnung hatte guten Grund: das Unglück schwebte wirklich über dem Hause Séchard. Aber die Geizigen haben einen Gott. Durch ein Zusammentreffen von unvorhergesehenen Umständen mußte dieser Gott dafür sorgen, daß der Preis seines wucherischen Verkaufs vollständig in die Geldtasche des Trunkenbolds kam. Hören wir nun, aus welchen Gründen die Druckerei Séchard zurückging, obwohl es den Anschein hatte, daß sie hätte florieren müssen. David kümmerte sich weder um die religiöse Reaktion, die die Restauration in der Regierung hervorbrachte, noch um den Liberalismus und bewahrte daher in politischen und religiösen Dingen die schädlichste Neutralität. Das war in einer Zeit, wo die Kaufleute der Provinz sich zu einer Meinung bekennen mußten, um Kunden zu haben, denn man mußte zwischen der Kundschaft der Liberalen oder der der Royalisten wählen. Eine Liebesneigung, die im Herzen Davids erwachte, seine wissenschaftlichen Beschäftigungen, seine schöne Natur, all das ließ in ihm die Gewinngier nicht aufkommen, die zum rechten Kaufmann gehört und die ihn veranlaßt hätte, über die Unterschiede nachzudenken, die die Industrie der Provinz von der der Hauptstadt trennen. Die in den Departements voneinander so verschiedenen Nuancen verschwinden in der großen Bewegung von Paris. Die Gebrüder Cointet schlossen sich den monarchistischen Meinungen an, sie hielten ostentativ die Fasttage inne, gingen fortwährend in den Dom, verkehrten mit den Priestern und druckten sofort, als das Bedürfnis bemerkbar war, religiöse Bücher. Die Cointet bekamen also in diesem einträglichen Geschäfte das Oberwasser und verleumdeten David Séchard, den sie des Liberalismus und des Atheismus bezichtigten. »Wie«, sagten sie, »könnte man einen Menschen beschäftigen, der einen von den Septembermördern, einen Trunkenbold, einen Bonapartisten, einen alten Geizkragen zum Vater hätte, der früher oder später ganze Haufen Gold hinterlassen müßte?« Sie wären arm, hätten für ihre Familie zu sorgen, während David ein Junggeselle wäre und einmal sehr reich würde. Er täte auch nur, was ihm behagte usw. Unter dem Einfluß dieser Anschuldigungen übertrugen schließlich die Präfektur und die bischöfliche Kanzlei das Privileg ihrer Druckaufträge den Gebrüdern Cointet. Bald riefen diese gierigen Gegner, denen die Sorglosigkeit ihres Konkurrenten Mut machte, ein zweites Anzeigeblatt ins Leben. Die alte Druckerei war auf die Druckaufträge der Stadt angewiesen, und die Einnahme aus seinem Anzeigeblatt ging auf die Hälfte zurück. Das Haus Cointet, das an den kirchlichen und religiösen Büchern beträchtliche Summen verdient hatte, schlug bald den Séchard vor, ihm ihre Zeitung zu verkaufen, damit sie die Bekanntmachungen des Departements und die Inserate der Behörden ungeteilt hätten. Sowie David diese Nachricht seinem Vater mitgeteilt hatte, stürzte der alte Winzer, den die Fortschritte des Hauses Cointet schon erschreckt hatten, mit der Schnelligkeit eines Raben, der die Leichen auf einem Schlachtfeld gewittert hatte, von Marsac auf die Place du Mûrter.

»Überlaß mir die Verhandlungen mit den Cointet, mische dich nicht in dieses Geschäft«, sagte er zu seinem Sohn.

Der alte Mann hatte bald das Interesse der Cointet erraten, er erschreckte sie durch die Schärfe seiner Bemerkungen. »Sein Sohn habe eine Dummheit begangen, die er gerade noch verhindern konnte«, sagte er.

»Worauf soll unsere Kundschaft sich stützen, wenn er unser Blatt verkauft? Die Advokaten, die Notare, alle Kaufleute des Houmeau sind liberal, die Cointet haben den Séchard Schaden zufügen wollen, als sie sie des Liberalismus bezichtigten, sie haben ihnen damit das Rettungsseil zugeworfen, die Annoncen der Liberalen werden den Séchard verbleiben! Das Blatt verkaufen? Aber ebensogut könnte man die ganze Druckerei und das Patent verkaufen.«

Er verlangte nunmehr von den Cointet sechzigtausend Franken für die Druckerei, um seinen Sohn nicht zu ruinieren: er liebte seinen Sohn, er schützte seinen Sohn. Der alte Winzer bediente sich seines Sohns, wie die Bauern ihrer Frauen: sein Sohn wollte oder wollte nicht, je nach den Vorschlägen, die er einen nach dem andern den Cointet entriß, und er brachte sie nicht ohne Anstrengungen dazu, daß sie eine Summe von zweiundzwanzigtausend Franken für das Journal de la Charente gaben. Aber David mußte sich verpflichten, niemals wieder irgendein Blatt zu drucken, widrigenfalls er dreißigtausend Franken Schadloshaltung zu zahlen hätte. Dieser Verkauf war der Selbstmord der Druckerei Séchard, aber der Winzer beunruhigte sich nicht darüber. Nach dem Diebstahl kommt immer der Mord. Der Ehrenmann hatte im Sinne, diese Summe zur Bezahlung seiner Forderung zu verwenden, und um sie in die Hände zu bekommen, hätte er David noch mit dazu verkauft, insbesondere da dieser lästige Sohn Anspruch auf die Hälfte dieses unverhofften Gewinns hatte. Zur Entschädigung überließ der edelmütige Vater ihm die Druckerei, wobei aber die Bestimmung, daß der Sohn für die Miete des Hauses die famosen zwölfhundert Franken zu zahlen hatte, bestehen blieb. Seit dem Verkauf der Zeitung an die Cointet kam der Alte nur noch selten in die Stadt, er schützte sein hohes Alter vor; aber der wahre Grund war das geringe Interesse, das er an einer Druckerei nahm, die ihm nicht mehr gehörte. Trotzdem konnte er die alte Liebe zu seinen Werkzeugen nicht ganz aufgeben. Wenn seine Geschäfte ihn nach Angoulême führten, wäre es sehr schwer gewesen, zu entscheiden, was ihn am meisten in sein Haus zog, seine hölzernen Pressen oder sein Sohn, zu dem er kam, um pro forma seine Miete zu verlangen. Sein früherer Faktor, der jetzt bei den Cointet war, wußte, was er von diesem väterlichen Edelmut halten sollte; er sagte, »der schlaue Fuchs behielte sich auf diese Weise das Recht vor, sich in die Geschäfte seines Sohnes einzumischen, indem er durch die Aufhäufung der Mietschuld bevorrechtigter Gläubiger würde«.

Die Unbekümmertheit David Séchards hatte Ursachen, die für den Charakter des jungen Mannes bezeichnend waren. Einige Tage nachdem er die väterliche Druckerei übernommen, hatte er einen seiner Studienfreunde getroffen, der damals dem tiefsten Elend preisgegeben war. Der Freund David Séchards war ein junger Mann von ungefähr einundzwanzig Jahren, namens Lucien Chardon, der Sohn eines frühern Regimentswundarztes der republikanischen Armeen, der infolge einer Verwundung seinen Dienst eingebüßt hatte. Seine Naturanlage hatte aus Chardons Vater einen Chemiker gemacht, und der Zufall hatte ihn als Apotheker nach Angoulême geführt. Der Tod überraschte ihn inmitten der Vorbereitungen zur Ausbeutung einer großartigen Erfindung, zu der er mehrere Jahre wissenschaftlicher Studien gebraucht hatte. Er wollte jede Art Gicht heilen. Die Gicht ist die Krankheit der Reichen, und die Reichen zahlen die Gesundheit gut, wenn sie ihrer beraubt sind. Daher hatte der Apotheker dieses Problem aus den vielen ausgewählt, die sich seinem Nachdenken dargeboten hatten. Der selige Chardon hatte in seiner Stellung zwischen Wissenschaft und Erfahrung begriffen, daß allein die Wissenschaft sein Vermögen begründen könnte: er hatte also die Ursachen der Krankheit studiert und sein Mittel auf eine gewisse Lebensweise gegründet, die er jedem Temperament anpaßte. Er starb während eines Aufenthalts in Paris, wo er die Approbation der Akademie der Wissenschaften hatte einholen wollen, und verlor so die Frucht seiner Arbeit. Der Apotheker hatte, da er ein großes Vermögen vor sich sah, in der Erziehung seines Sohnes und seiner Tochter nichts verabsäumt, und so hatte der Unterhalt seiner Familie alle Erträgnisse der Apotheke verschlungen. Auf solche Weise kam es, daß er seine Kinder nicht nur im Elend zurückließ, sondern daß er sie auch zu ihrem Unglück in der Hoffnung auf eine glänzende Zukunft aufgezogen hatte, die mit ihm erlosch. Der berühmte Desplein, der ihn behandelte, sah ihn unter Wutkrämpfen sterben. Die Quelle dieses Ehrgeizes war die leidenschaftliche Liebe, die der alte Wundarzt zu seiner Frau hegte, die das letzte Glied der Familie von Rubempré war und die er im Jahr 1793 wie durch ein Wunder vom Schafott gerettet hatte. Ohne daß das junge Mädchen dieser Lüge hatte zustimmen wollen, hatte er einen Aufschub erreicht, indem er sagte, sie sei schwanger. Nachdem er sich so das Recht verschafft hatte, sie zu seiner Frau zu machen, heiratete er sie trotz ihrer beider Armut. Die Kinder besaßen, wie alle Kinder der Liebe, als Erbe weiter nichts als die wunderbare Schönheit der Mutter, ein oft verhängnisvolles Geschenk, wenn es mit Not und Elend verknüpft ist. Dieses Hoffen, dieses Arbeiten, dieses Verzweifeln hatten die Schönheit Frau Chardons sehr beeinträchtigt, ebenso wie die stufenweis steigende Not ihre Lebensart verändert hatte, aber ihr und ihrer Kinder Mut war ebenso groß wie ihr Unglück. Die arme Witwe verkaufte die Apotheke, die in der Hauptstraße von Houmeau, der bedeutendsten Vorstadt von Angoulême, gelegen war. Der Preis der Apotheke erlaubte ihr, sich dreihundert Franken Leibrente festzulegen, eine Summe also, die für ihre eigene Existenz nicht ausreichen konnte, aber sie und ihre Tochter fügten sich in ihre Lage ohne falsche Scham und übernahmen Lohnarbeit. Die Mutter widmete sich der Wochenpflege, und sie wurde infolge ihrer guten Manieren in den reichen Häusern jeder andern vorgezogen, sie konnte sich dort verpflegen, ohne ihren Kindern etwas zu kosten, wobei sie täglich noch zwanzig Sous verdiente. Um ihrem Sohn die Beschämung zu ersparen, seine Mutter in einer so erniedrigten Lage zu sehen, hatte sie den Namen Madame Charlotte angenommen. Die Frauen, die ihrer Pflege bedurften, hatten sich an Herrn Postel zu wenden, den Nachfolger Herrn Chardons. Die Schwester Luciens arbeitete bei einer sehr ehrenwerten und in Houmeau geachteten Frau namens Prieur, einer Weißwäscherin, die ihre Nachbarin war, und verdiente täglich ungefähr fünfzehn Sous. Sie führte die Aufsicht über die Arbeiterinnen und erfreute sich in der Wäscherei einer Art Vorzugsstellung, die sie ein wenig über die Klasse der Wäscherinnen erhob. Die geringen Erträgnisse ihrer Arbeit zusammen mit den dreihundert Franken Rente von Frau Chardon beliefen sich ungefähr auf achthundert Franken im Jahr, mit denen diese drei Personen sich nähren, sich kleiden und wohnen mußten. Trotz dieser streng eingeschränkten Lebensweise wollte die Summe, die fast völlig von Lucien verbraucht wurde, kaum ausreichen. Frau Chardon und ihre Tochter Eva glaubten an Lucien, wie die Frau Mahomets an ihren Gatten glaubte; ihre Hingabe an seine Zukunft war grenzenlos. Diese arme Familie hauste in Houmeau in einer Wohnung, die sie für einen sehr niedrigen Preis bei dem Nachfolger Herrn Chardons gemietet hatte und die hinten in einem Hofe über dem Laboratorium gelegen war. Lucien hatte eine elende Mansardenstube inne. Angeregt von seinem für die Naturwissenschaften begeisterten Vater, hatte Lucien sich auf dieses Studium geworfen und war einer der hervorragendsten Schüler des Collège von Angoulême, wo er in der dritten Klasse saß, als Séchard seine Studien eben beendet hatte.

Als der Zufall die beiden Studiengefährten wieder zusammenführte, stand Lucien, der es müde war, den schweren Kelch des Elends zu trinken, im Begriff, einen der verzweifelten Schritte zu tun, zu denen man sich mit zwanzig Jahren entschließt. Vierzig Franken monatlich, die David Lucien großmütig gab, indem er sich erbot, ihn zum Faktor auszubilden, obgleich er durchaus keinen brauchte, retteten Lucien aus seiner Verzweiflung. Die Bande dieser solchermaßen erneuerten Studienfreundschaft gestalteten sich infolge der Ähnlichkeit ihres Geschicks und der Verschiedenheit ihrer Charaktere bald enger. Alle beide hatten den Kopf voller großer Pläne, beide besaßen den hohen Geist, der einen Menschen den Höchsten gleichsetzt, und beide sahen sich auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Diese Ungerechtigkeit des Schicksals war ein starkes Band. Ferner waren beide von verschiedenen Seiten her bei der Poesie angelangt. Obwohl er für die schwierigsten Forschungen der Naturwissenschaften bestimmt war, drängte es Lucien glühend nach literarischem Ruhm, während David, den sein sinnender Geist zur Poesie bestimmte, seinem Geschmack nach den exakten Wissenschaften zuneigte. Diese Vertauschung der Rollen machte sie zu einer Art geistigen Brüdern. Lucien teilte bald David die großen Gesichtspunkte einer Anwendung der Wissenschaft auf die Industrie mit, die er von seinem Vater empfangen hatte, und David zeigte Lucien die neuen Bahnen, die er in der Literatur beschreiten müßte, um sich einen Namen und ein Vermögen zu machen. Die Freundschaft dieser beiden jungen Leute gestaltete sich in wenig Tagen zu einer von den Leidenschaften, wie sie nur in dieser Jugendzeit entstehen. David erblickte bald die schöne Eva und verliebte sich in sie, wie sich die melancholischen und sinnenden Geister verlieben. Das Et nunc et semper et in saecula saeculorum der Liturgie ist der Wahlspruch dieser unbekannten Dichter, deren Werke in wunderbaren Epen bestehen, die zwischen zwei Herzen entstehen und vergehen. Als der Liebende das Geheimnis der Hoffnungen entdeckt hatte, die die Mutter und die Schwester Luciens auf diesen schönen Dichterkopf setzten, als ihre blinde Aufopferung ihm bekannt wurde, fand er es süß, sich seiner Geliebten zu nähern und ihre Opfer und Hoffnungen zu teilen. Wie die Intransigenten, die noch königlicher als der König sein wollten, übertrieb David den Glauben, den Mutter und Schwester Luciens auf sein Genie setzten, und verhätschelte ihn, wie eine Mutter ihr Kind. In einer der Unterhaltungen, die die ewige Geldnot, die ihnen die Hände band, fortwährend erzeugte, überlegten sie, wie alle jungen Leuten, die Mittel hin und her, wie man schnell zu Vermögen kommen könnte, schüttelten vergebens alle Bäume, die schon von Früheren geplündert worden waren, bis Lucien sich an zwei Ideen erinnerte, die sein Vater ausgesprochen hatte. Herr Chardon hatte davon gesprochen, man könnte durch Anwendung eines neuen chemischen Stoffs den Preis des Zuckers auf die Hälfte bringen, und ebenso ließe sich der Preis des Papiers herabsetzen, wenn man von Amerika gewisse pflanzliche Stoffe bezöge, ähnlich denen, deren sich die Chinesen bedienten und die wenig kosteten. David, der die Wichtigkeit der Frage, die schon bei Didot erörtert worden war, kannte, bemächtigte sich dieser Idee, in der er die Grundlage zu einem großen Vermögen erblickte, und sah Lucien als einen Wohltäter an, dem er ewig dankbar sein müßte.

Man kann sich denken, wie die Herrschaft dieser Gedanken und das ganze Innenleben der beiden Freunde sie unfähig machte, eine Druckerei zu führen. Während die Druckerei der Brüder Cointet, der Drucker und Verleger der bischöflichen Kanzlei, der Eigentümer des Courier de la Charente, der von jetzt an das einzige Blatt des Departements war, fünfzehn- bis zwanzigtausend Franken brachte, belief sich die Einnahme der Druckerei Séchard kaum auf dreihundert Franken im Monat, wovon das Gehalt des Faktors, der Lohn Marions, die Steuern und die Miete in Abzug kamen, so daß David auf hundert Franken im Monat angewiesen war. Tätige und betriebsame Männer hätten neue Lettern angeschafft, eiserne Pressen gekauft, hätten sich bei den Pariser Buchhändlern Werke verschafft, die sie zu niedrigem Preis gedruckt hätten; aber der Meister und der Faktor waren völlig von den Arbeiten des Kopfes in Anspruch genommen und begnügten sich mit den Aufträgen, die ihnen ihre letzten Kunden gaben. Die Brüder Cointet waren endlich hinter den Charakter und die Lebensführung Davids gekommen und verleumdeten ihn nicht mehr; im Gegenteil riet ihnen eine weise Politik, diese Druckerei ihr Leben fristen und sie in einem gewissen anständigen kleinen Umfang bestehen zu lassen, damit sie nicht in die Hände eines gefürchteten Konkurrenten fiel; sie schickten sogar selbst die sogenannten Stadtaufträge. Auf diese Weise existierte David Séchard, kaufmännisch zu sprechen, ohne es zu wissen, nur noch durch eine geschickte Kalkulation seiner Konkurrenten. Die Cointet waren glücklich über das, was sie seine Manie nannten, und benahmen sich gegen ihn dem Anschein nach durchaus ehrenhaft und loyal. Aber sie gingen in Wirklichkeit wie die Verwaltung der Privatpost vor, die eine künstliche Konkurrenz schafft, um eine wirkliche zu vermeiden.

Das Äußere des Hauses Séchard stimmte mit dem schmutzigen Geiz, der im Innern herrschte, wo der alte Bär nie etwas repariert hatte, überein. Der Regen, die Sonne, die Unbilden jeder Jahreszeit hatten der Gangtür das Aussehen eines alten Baumstammes gegeben, so sehr war sie von kleineren und größeren Spalten durchzogen. Die Fassade, die aus Steinen und Ziegeln unsymmetrisch durcheinandergebaut war, schien sich unter dem Gewicht eines verwitterten Daches zu biegen, das über und über mit den Hohlziegeln bedeckt war, aus denen alle Dächer im südlichen Frankreich bestehen. An dem morschen Fensterkreuz befanden sich die fest verschließbaren riesigen Läden, wie sie das heiße Klima erfordert. Es wäre nicht leicht gewesen, in ganz Angoulême ein so rissiges Haus wie dieses zu finden, das nur noch durch die Kraft des Mörtels zusammenhielt. Man stelle sich die Werkstatt vor, die vorn und hinten erhellt, in der Mitte dunkel war, die Mauern mit Plakaten bedeckt und unten von dem Vorbeistreifen der Arbeiter, die sich dort seit dreißig Jahren bewegt hatten, schwarz geworden; ihre Leinen und Stricke an der Decke, ihre Papierstöße, die alten Pressen, die Haufen Steine zum Beschweren des nassen Papiers, die Reihen Setzkästen und am Ende die beiden Käfige, wo sich der Meister und der Faktor, jeder auf seiner Seite, aufhielten: dann hat man ein Bild von der Existenz der beiden Freunde.

Im Jahre 1821 in den ersten Maitagen befanden sich David und Lucien in dem Augenblick, wo gegen zwei Uhr ihre vier oder fünf Arbeiter die Werkstatt verließen, um essen zu gehen, in der Nähe des Hoffensters. Als der Meister sah, wie sein Lehrling die Ladentür, die zur Straße ging, hinter sich geschlossen hatte, führte er Lucien in den Hof, wie wenn der Geruch der Papiere, der Farbenbehälter, der Pressen und des alten Holzes ihm unerträglich geworden wäre. Die beiden setzten sich unter eine Laube, von wo sie jeden sehen konnten, der in die Werkstatt kam. Die Sonnenstrahlen, die auf dem Weinlaub des Spaliers spielten, umschmeichelten die beiden Dichter und hüllten sie in ihr Licht wie in einen Glorienschein. Der Gegensatz der beiden jungen Leute, die einander gegenübersaßen, trat nach Charakter und Aussehen mit solcher Entschiedenheit hervor, daß ein Maler, der sie so gesehen, gleich nach seinem Pinsel gegriffen hätte. David hatte Formen, wie sie die Natur den Menschen mit auf den Weg gibt, die zu großen offenen oder geheimen Kämpfen bestimmt sind. Über seiner breiten Brust saßen starke Schultern, die ebenmäßig zu der Fülle seines ganzen Körpers paßten. Sein Gesicht, gebräunt, gesund, voll, über einem starken Hals, umgeben von einer Flut schwarzer Haare, glich beim ersten Anblick dem der Mönche, die Boileau besingt; aber bei näherer Prüfung entdeckte man in den Falten der aufgeworfenen Lippen, im Grübchen des Kinns, im Schnitt einer breiten Nase, deren eine Hälfte wie schiefgedrückt war, und vor allem in den Augen das unausgesetzte Feuer einer ausschließlichen Leidenschaft, die Schärfe des Denkers, die glühende Melancholie eines Geistes, der die ganze Weite und alle Tiefen des Horizonts umfaßte und durchdrang und der selbst der idealsten Genüsse leicht müde wurde, weil er die Klarheit der Analyse mit hineinnahm. Man ahnte in diesem Gesicht das Aufblitzen des Genies, aber man sah auch die Asche um den Vulkan; die Hoffnung erlosch in diesem Antlitz in einer tiefen Empfindung der sozialen Nichtigkeit, in der die niedrige Abstammung und das mangelnde Vermögen so viele Geister höherer Art festhalten. Neben diesem armen Buchdrucker, dem sein der Intelligenz doch so benachbarter Beruf widerstand, neben diesem Silen, der so schwer auf sich selbst ruhte, der in langen Zügen aus dem Becher der Wissenschaft und der Dichtung schlürfte und sich daran berauschte, um das Elend des Provinzlebens zu vergessen, neben diesem Silen saß Lucien in der anmutigen Haltung, wie sie die Bildhauer für den indischen Bacchus gefunden haben. Sein Gesicht besaß die Linienfeinheit der antiken Schönheit: griechische Stirn und Nase, die weiße Farbe und den Schmelz eines Weibes, Augen, deren tiefe Bläue schwarz wirkte, Augen voller Liebesschmelz, deren Weiß so glänzend war wie bei einem Kinde. Über diesen schönen Augen wölbten sich Brauen, die wie mit einem feinen chinesischen Pinsel gezeichnet waren, und lange kastanienbraune Wimpern beschatteten sie. Die Wangen erglänzten von seidigem Flaum, dessen Farbe mit dem Blond der natürlich gelockten Haare übereinstimmte. Seine weißen Schläfen waren goldig überhaucht. Ein unvergleichlicher Adel prägte sich in seinem kurzen, leicht aufwärts gebogenen Kinn aus. Das Lächeln der gefallenen Engel schwebte auf seinen Korallenlippen, deren Röte durch das Weiß der Zähne noch gehoben wurde. Er hatte die Hände eines Menschen von vornehmer Geburt, elegante Hände, denen die Männer auf den Wink gehorchen mußten und die die Frauen zu küssen lieben. Lucien war schlank und von mittlerer Figur; wenn man seine Füße sah, konnte man versucht sein, ihn für ein verkleidetes junges Mädchen zu halten, um so mehr, als er, wie die meisten durchtriebenen, um nicht zu sagen verschlagenen Männer, Hüften wie die einer Frau hatte. Dieses Anzeichen, das selten täuscht, traf bei Lucien zu, den die Neigung seines rührigen Geistes oft, wenn er den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft analysierte, auf das Gebiet der Verderbtheit führte, wie sie den Diplomaten eigen ist, die den Erfolg für die Rechtfertigung aller Mittel halten, so schimpflich sie auch sein mögen. Es ist die Schattenseite großer Verstandesbegabung, daß sie mit Notwendigkeit alle Dinge erfaßt, die Laster ebensowohl wie die Tugenden.

Diese beiden jungen Leute urteilten um so souveräner über die Gesellschaft, als sie eine niedrige Stellung in ihr einnahmen; denn die Unbekannten rächen oft die Niedrigkeit ihrer Lage mit dem Hochmut ihrer Betrachtungsweise. Aber ebenso war auch ihre Verzweiflung um so bitterer, weil sie gerade dadurch schneller ihrem wahren Geschick entgegengetrieben wurden. Lucien hatte viel gelesen, viel verglichen, David hatte viel gedacht, viel gesonnen. Trotz seines gesunden und bäurischen Aussehens war der Drucker ein melancholischer und kränklicher Geist, er zweifelte an sich selbst; Lucien dagegen hatte einen unternehmenden, aber schwankenden Geist und eine Kühnheit, die im Widerspruch stand zu seiner weichen, fast schwächlichen Gestalt, die voll weiblichen Reizes war. Lucien war im höchsten Maße der Charakter des Gascogners eigen: er war kühn, tapfer, abenteuerlich, ein Charakter, der das Gute übertrieben gut sieht und das Üble nicht allzu schlimm nimmt, der vor keinem Fehltritt zurückschrickt, wenn ein Nutzen dabei herausspringt, und sich nichts aus dem Laster macht, wenn er sich eine Staffel daraus machen kann. Diese Anlage der Ehrsucht wurde damals noch unterdrückt von den schönen Illusionen der Jugend, von der Glut, die ihn die edeln Mittel zu suchen antrieb, die ja ruhmbegierige Männer vor allen anderen anwenden. Er hatte nur erst mit seinen Wünschen und noch nicht mit den Widerwärtigkeiten des Lebens zu kämpfen, mit seiner eigenen Macht und noch nicht mit der Erbärmlichkeit der Menschen, die für schwankende Geister ein so verhängnisvolles Beispiel ist. Lebhaft verführt von seinem blendenden Geist, bewunderte David Lucien, ohne sich über die Irrtümer im unklaren zu sein, in die ihn das französische Ungestüm versetzte. Dieser schlichte Mann hatte einen schüchternen Charakter, der im Widerspruch stand zu seiner kräftigen Konstitution, aber es fehlte ihm nicht an der Festigkeit nördlicher Menschen. Wenn er auch Schwierigkeiten sah, nahm er sich doch vor, sie zu überwinden, ohne zu wanken, und wenn ihm die Festigkeit einer wahrhaft apostolischen Tugend eignete, milderte er sie durch die sanfte Anmut einer unerschöpflichen Nachsicht. In dieser schon nicht mehr jungen Freundschaft liebte einer von beiden wahrhaft vergötternd, und das war David. Und so kommandierte Lucien wie eine Frau, die sich geliebt weiß. David gehorchte mit Vergnügen. Die körperliche Schönheit seines Freundes gab diesem für David eine Überlegenheit, unter die er sich beugte; sich selbst fand er schwerfällig und gewöhnlich.

»Dem Ochsen das geduldige Pflügen, dem Vogel das freie Leben«, sagte sich der Drucker. »Ich werde der Ochse sein, Lucien der Adler!«

Seit ungefähr drei Jahren hatten so die beiden Freunde ihr Schicksal, dessen Zukunft sich so glänzend gestalten sollte, vereinigt. Sie lasen die großen Werke, die seit dem Friedensschluß auf literarischem und wissenschaftlichem Gebiete erschienen waren, die Werke von Schiller, Goethe, Lord Byron, Walter Scott, Jean Paul, Berzelius, Davy, Cuvier, Lamartine usw. Sie wärmten sich an diesen großen Feuern, sie versuchten sich selbst an Werken, die mißglückten oder die angefangen, aufgegeben und glühend wieder aufgenommen wurden. Sie arbeiteten unaufhörlich, ohne die unerschöpflichen Kräfte der Jugend zu ermüden. Beide gleich arm, aber von der Liebe zur Kunst und Wissenschaft verzehrt, vergaßen sie ihr gegenwärtiges Elend und beschäftigten sich damit, die Grundlagen ihres künftigen Ruhms zu legen.

»Lucien, weißt du, was ich eben von Paris bekommen habe?« fragte der Drucker und zog einen kleinen Duodezband aus seiner Tasche. »Höre!«

David las, wie die Dichter zu lesen verstehen, die Idylle von André de Chénier vor, die den Namen »Neère« führt, dann den »Jungen Kranken« und schließlich die Elegie über den Selbstmord die erste in antiken Metren und die beiden andern in Jamben.

»Das ist also Andrè de Chénier!« rief Lucien wiederholt aus. »Es ist zum Verzweifeln«, wiederholte er zum drittenmal, als David, der zu erregt war, um weiterzulesen, ihm den Band überließ.

»Ein Dichter, den ein Dichter wieder entdeckt hat!« sagte er beim Anblick der Unterschrift unter der Vorrede.

»Als Chénier«, fing David wieder an, »diesen Band fertig hatte, hielt er ihn für unwert, veröffentlicht zu werden.«

Lucien seinerseits las das epische Stück »Der Blinde« und mehrere Elegien. Als er zu dem Fragment kam: »Wenn sie glücklos sind, wo ist dann Glück auf Erden –« ließ er das Buch sinken, und die beiden Freunde weinten, denn beide waren leidenschaftlich verliebt. Wie von der Berührung einer Fee waren die Weinranken erglüht, die alten, rissigen, zerbeulten, kreuz und quer von häßlichen Sprüngen durchzogenen Mauern des Hauses waren wie mit Säulen, Gewölbbogen, Basreliefs und unzähligen Meisterwerken einer unbekannten Architektur geziert. Die Phantasie hatte ihre Blumen und ihre Rubine auf den kleinen dunklen Hof geschüttet. Die Kamilla André de Chéniers war für David seine angebetete Eva geworden und für Lucien eine große Dame, der er den Hof machte. In ihrem feierlich wallenden Sternengewand war die Poesie durch die Werkstatt geschritten, wo die Affen und die Bären mit ihren Grimassen hin und her huschten. Es schlug fünf Uhr, aber die beiden Freunde verspürten weder Hunger noch Durst; das Leben war ihnen ein goldener Traum, alle Schätze der Erde lagen zu ihren Füßen. Sie gewahrten ein blaues Stückchen Himmel, wie es die Hoffnung denen zeigt, deren Leben schwer und stürmisch ist und denen ihre Sirenenstimme zuruft: »Eilet, flieget, durch dieses Stückchen Silber oder Azur sollt ihr dem Elend entgehen.« In diesem Augenblick öffnete ein Lehrling namens Cérizet, ein Pariser Junge, den David hatte nach Angoulême kommen lassen, die kleine Glastür, die von der Werkstatt in den Hof führte, und zeigte die beiden Freunde einem Unbekannten, der grüßend näher trat.

»Hier habe ich«, sagte er zu David und zog ein umfangreiches Heft aus der Tasche, »eine Denkschrift, die ich drucken lassen möchte. Möchten Sie kalkulieren, was sie kosten wird.«

»Ich bedaure,« antwortete David, ohne das Heft anzusehen, »wir drucken keine so umfangreichen Manuskripte, Sie müssen sich an die Herren Cointet wenden.«

»Wir haben aber doch eine sehr hübsche Schrift, die sich eignen könnte«, fiel Lucien ein und nahm das Manuskript in die Hand. »Sie müßten die Freundlichkeit haben, morgen wiederzukommen und uns Ihr Werk zur Berechnung der Druckkosten hier zu lassen.«

»Habe ich nicht mit Herrn Lucien Chardon die Ehre?«

»Jawohl«, antwortete der Faktor. »Ich bin glücklich,« sagte der Schriftsteller, »einen jungen Dichter kennen zu lernen, dem eine so schöne Zukunft bevorsteht. Ich bin von Frau von Bargeton geschickt.«

Als Lucien diesen Namen hörte, errötete er und stammelte einige Worte, um seine Dankbarkeit für das Interesse auszudrücken, das ihm Frau von Bargeton entgegenbrachte. David bemerkte das Erröten und die Verlegenheit seines Freundes, den er die Unterhaltung mit dem Landedelmann weiterführen ließ. Der war der Verfasser einer Denkschrift über die Seidenwürmerzucht, der aus Eitelkeit gerne gedruckt sein wollte, um von seinen Kollegen von der Landwirtschaftsgesellschaft gelesen zu werden.

»Wie, Lucien,« rief David aus, als der Herr gegangen war, »solltest du Frau von Bargeton lieben?«

»Wahnsinnig!«

»Aber ihr seid durch die Vorurteile der Gesellschaft mehr voneinander getrennt, als wenn sie in Peking lebte und du in Grönland.«

»Der Wille zweier Liebenden überwindet alles«, sagte Lucien und senkte die Augen. »Du wirst uns vergessen«, erwiderte der schüchterne Liebhaber der schönen Eva. »Vielleicht habe ich dir im Gegenteil meine Geliebte geopfert«, rief Lucien. »Wieso?«

»Trotz meiner Liebe, trotz der verschiedenen Interessen, die es ratsam machen, bei ihr zu verkehren, habe ich ihr gesagt, ich käme nie wieder, wenn nicht ein Mann, dessen Begabung größer ist als meine, dessen Zukunft ruhmvoll sein muß, wenn nicht mein Bruder und Freund, David Séchard, von ihr empfangen wird. Ich muß zu Hause eine Antwort vorfinden; aber wenn die Antwort ablehnend ist, werde ich, obwohl heute abend alle Adligen eingeladen sind, um mich Gedichte lesen zu hören, keinen Fuß mehr über die Schwelle der Frau von Bargeton setzen.«

David wischte sich über die Augen und drückte die Hand Luciens mit Leidenschaft. Es schlug sechs Uhr.

»Eva wird unruhig werden, – leb wohl!« sagte Lucien plötzlich. Er ging und ließ David in einer Erregung zurück, die man nur in diesem Alter so heftig verspürt, besonders in der Lage, in der sich diese beiden jungen Schwäne befanden, denen das Provinzleben noch nicht die Flügel beschnitten hatte.

»Goldenes Herz!« rief David, indem er Lucien, der die Werkstatt durchschritt, mit den Blicken folgte.

Lucien ging durch die schöne Beaulieu-Promenade, die Nue du Minage und das Peterstor nach Houmeau. Er wählte so zwar den längsten Weg, aber er kam dabei an dem Hause der Frau von Bargeton vorbei. Er fühlte selbst unbewußt ein solches Vergnügen, wenn er unter den Fenstern dieser Frau vorbeiging, daß er seit zwei Monaten nicht mehr durch das Palet-Tor nach Houmeau zurückging.

Als er bei den Bäumen von Beaulieu angelangt war, sann er über den Abstand nach, der Angoulême vom Houmeau trennte. Die Sitten des Landes hatten moralische Schranken errichtet, die viel schwerer zu übersteigen waren als die Stufen, über die Lucien hinabging. Der junge Ehrgeizige, der sich im Hause Bargeton eingeführt hatte und so den Ruhm wie eine fliegende Brücke zwischen die Stadt und die Vorstadt geworfen hatte, befand sich der Entscheidung seiner Geliebten wegen in Unruhe; er glich einem Günstling, der die Ungnade fürchtet, nachdem er versucht hat, sein Machtgebiet auszudehnen. Das wird denen unverständlich vorkommen, die die besondern Sitten in solchen Städten, die in eine Oberstadt und eine Unterstadt eingeteilt sind, noch nicht beobachtet haben; aber um so notwendiger ist es, hier einige Erklärungen über Angoulême zu geben, als sie Frau von Bargeton, eine der wichtigsten Personen dieser Geschichte, verständlich machen werden.

Angoulême ist eine alte Stadt, die auf dem Gipfel eines zuckerhutförmigen Felsens erbaut ist, der sich über die Ebene erhebt, in der die Charente dahinfließt. Dieser Felsen grenzt gegen das Périgord an eine lange Hügelkette, die er auf der Straße von Paris nach Bordeaux plötzlich abschließt, indem er eine Art Vorgebirge bildet, das von drei malerischen Tälern durchzogen wird. Welche Bedeutung diese Stadt in der Zeit der Religionskriege besaß, wird von seinen Wällen, seinen Toren und von den Resten einer Feste bezeugt, die sich auf der Kuppe des Felsens erhebt. Seine Lage machte Angoulême ehemals zu einem strategischen Punkt, der den Katholiken und den Kalvinisten in gleicher Weise wertvoll war; aber seine frühere Stärke ist der Grund zu seiner jetzigen Schwäche; seine Wälle und der Felsen, der zu steil abfällt, haben Angoulême verhindert, sich nach der Charente zu auszudehnen, und haben es so zum schlimmsten Stillstande verdammt. Um die Zeit herum, wo diese Geschichte sich zutrug, versuchte die Regierung, die Stadt gegen das Périgord hin zur Ausdehnung zu bringen, indem sie der Hügelkette entlang das Präfekturgebäude, eine Marineschule und militärische Gebäude errichtete und Straßen anlegte. Aber der Handel war in anderer Richtung vorausgegangen. Seit langer Zeit war der Flecken Houmeau wie ein Champignonbeet am Fuße des Felsens und an den Ufern des Flusses angewachsen, an dem die große Straße von Paris nach Bordeaux entlangzieht. Alle Welt kennt die Berühmtheit der Papiermühlen von Angoulême, die sich seit drei Jahrhunderten notwendigerweise an der Charente und ihren Nebenflüssen angesiedelt hatten, wo sie Wasserfälle fanden. Der Staat hatte in Ruelle seine wichtigste Marinegeschützgießerei errichtet. Das Speditionsgeschäft, die Post, die Herbergen, die Stellmachereien, die Fuhrgeschäfte, alle Industrien, die von der Landstraße und vom Flusse leben, gruppierten sich unterhalb von Angoulême, um die Schwierigkeiten zu vermeiden, die die steilen Zugangsstraßen bereiteten. Natürlich blieben die Gerbereien, die Wäschereien und alle Geschäfte, die Wasser brauchten, bei der Charente; ferner waren die Branntweinlager, die Niederlagen aller möglichen Rohstoffe, die auf dem Flusse hergebracht wurden, endlich der ganze Durchgangsverkehr an den Ufern der Charente. Die Vorstadt Houmeau wurde also eine reiche Industriestadt, ein zweites Angoulême, auf das die Oberstadt, in der die Regierung, der Bischofssitz, die Gerichte und die Aristokratie verblieben waren, eifersüchtig war. So war Houmeau trotz seiner tätigen und wachsenden Macht nur ein Anhängsel von Angoulême. Oben der Adel und die Behörden, unten der Handel und das Geld: zwei soziale Zonen, die einander allenthalben und ständig feindlich gegenüberstehen; auch ist es schwierig, zu sagen, welche von den beiden Städten die Nebenbuhlerin am meisten haßte. Die Restauration hatte seit neun Jahren diesen Stand der Dinge, der unter dem Kaiserreich ziemlich besänftigt gewesen war, verschlimmert. Die meisten Häuser des obern Angoulême sind entweder von Adelsfamilien oder von Patrizierfamilien bewohnt, die von ihren Einkünften leben und eine Art autochthone Nation bilden, in die Fremde nie zugelassen werden. Kaum wird eine Familie, die aus einer Nachbarprovinz gekommen ist, wenn sie zweihundert Jahre da gewohnt hat, etwa nach einer Verbindung mit einer der eingeborenen Familien, aufgenommen; diese Eingeborenen betrachten sie, als ob sie erst gestern ins Land gekommen wären. Die Präfekten, die Obersteuereinnehmer, die Verwaltungen, die einander seit vierzig Jahren gefolgt sind, haben versucht, diese alten Familien, die wie argwöhnische Raben auf ihrem Felsen hocken, zu humanisieren: die Familien haben ihre Feste und ihre Gastmähler angenommen, aber sie bei sich zu empfangen, haben sie hartnäckig abgelehnt. Diese Häuser, deren Glieder boshaft, klatschsüchtig, eifersüchtig und geizig sind, verheiraten sich untereinander und bilden ein geschlossenes Korps, um niemanden eintreten oder hinausgehen zu lassen; die Schöpfungen des modernen Luxus kennen sie nicht; ein Kind nach Paris schicken, bedeutet ihnen, es dem Verderben preisgeben zu wollen. Diese Vorsicht gibt ein Bild von den zurückgebliebenen Sitten und Gebräuchen dieser Familien, die in einem verständnislosen Royalismus stecken, die mehr frömmelnd als fromm sind und alle in Unbeweglichkeit verharren, wie ihre Stadt und ihr Felsen. Angoulême genießt jedoch in den benachbarten Provinzen einen großen Ruf wegen der Erziehung, die man dort erhält. Die benachbarten Städte schicken ihre Töchter dahin in die Pensionate und Klöster. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Einfluß der Kastengeist auf die Gefühle hat, die Angoulême und Houmeau voneinander trennen. Der Kaufmannsstand ist reich, der Adel ist im allgemeinen arm. Einer rächt sich am andern mit einer Verachtung, die auf beiden Seiten gleich ist. Das Bürgertum von Angoulême macht diesen Streit zu seiner ganz besonderen Angelegenheit. Der Kaufmann der Oberstadt sagt von einem Handeltreibenden der Vorstadt mit einer unbeschreiblichen Betonung: »Einer aus Houmeau!« Die Restauration, die dem Adel in Frankreich wieder eine besondere Stellung geben wollte und ihm Hoffnungen machte, die ohne einen allgemeinen Umsturz nicht verwirklicht werden konnten, erweiterte die moralische Kluft, die noch mehr als die örtliche Entfernung Angoulême von Houmeau trennte. Die adlige Gesellschaft, die damals mit der Regierung eins war, wurde dort exklusiver als in jeder andern Stadt Frankreichs. Der Einwohner von Houmeau hatte schon Ähnlichkeit mit einem Paria. Daher kam der dumpfe und tiefe Haß, der den Aufstand von 1830 so schrecklich einmütig machte und die Elemente eines dauernden Gesellschaftszustandes in Frankreich zerstörte. Der Dünkel des Hofadels entfremdete dem Thron den Provinzadel, ebenso wie dieser das Bürgertum abstieß, indem er es in allen seinen Eitelkeiten kränkte. Einer aus Houmeau, der Sohn eines Apothekers, sollte bei Frau von Bargeton eingeführt werden? Das war schon eine kleine Revolution. Wer waren ihre Urheber? Lamartine und Victor Hugo, Casimir Delavigne und Canalis, Beranger und Chateaubriand, Villemain und M. Aignan, Soumet und Tissot, Etienne und Davrigny, Benjamin Constant und Lamennais, Cousin und Michaud, kurz, nicht minder die alten wie die jungen literarischen Berühmtheiten, die Liberalen wie die Royalisten. Frau von Bargeton liebte Künste und schöne Wissenschaften, das war für Angoulême ein extravaganter Geschmack, eine höchst beklagenswerte Manie, und es ist notwendig, sie zu rechtfertigen, indem wir das Leben dieser Frau skizzieren, die zur Berühmtheit geboren war, durch verhängnisvolle Umstände im Dunkel blieb und deren Einfluß das Schicksal Luciens entschied.

Herr von Bargeton war der Urenkel eines Schöffen von Bordeaux namens Mirault, der unter Ludwig XIII. nach langer Dienstleistung in seinem Amte geadelt worden war. Unter Ludwig XIV. wurde sein Sohn, der nun Mirault von Bargeton hieß, Offizier in der königlichen Leibgarde und machte eine so reiche Heirat, daß sein Sohn unter Ludwig XV. einfach Herr von Bargeton hieß. Diesem Herrn von Bargeton, dem Enkel des Schöffen Mirault, gelang es so gut, sich als vollkommener Edelmann zu führen, daß er alle Güter der Familie aufzehrte und ihren Glückslauf zum Stillstand brachte. Zwei seiner Brüder, Großonkel des jetzigen Bargeton, wurden wieder Kaufleute, so daß man unter den Handeltreibenden Bordeaux' den Namen Mirault finden kann. Da die Besitzung Bargeton, die im Angoumois als Afterlehen der La Rochefoucauld lag, und ebenso ein Haus in Angoulême, das man das Hotel Bargeton nannte, unveräußerlich waren, erbte der Enkel des ebengenannten Verschwenders von Bargeton diese beiden Besitzungen. Im Jahre 1789 verlor er seine Nutzrechte und hatte nur noch das Einkommen aus dem Grund und Boden, das ungefähr zehntausend Franken Rente betrug. Wäre sein Großvater dem glorreichen Beispiel Bargeton I. und Bargeton II. gefolgt, dann wäre Bargeton V., dem man den Zunamen »der Stumme« geben kann, Marquis von Bargeton gewesen; er hätte sich mit irgendeiner großen Familie verbunden und wäre, wie so viele andere, Herzog und Pair geworden; so aber war es eine große Ehre für ihn, daß er im Jahre 1805 Fräulein Marie Louise Anaïs von Nègrepelisse heiratete, die Tochter eines Edelmanns, der seit langem auf seinem kleinen Edelhof vergessen worden war, obwohl er zum jüngeren Zweig einer der ältesten Familien Südfrankreichs gehörte. Es gab einen Nègrepelisse unter den Geiseln des heiligen Ludwig; aber der Chef des älteren Zweigs trägt den illustren Namen Espard, den er unter Heinrich IV. durch eine Heirat mit der Erbin dieser Familie erwarb. Dieser Edelmann, der jüngere Sohn eines jüngeren Sohnes, lebte auf der Besitzung seiner Frau, einem kleinen Gute in der Nähe von Barbecieux, das er vortrefflich bestellte, indem er zu Markt ging, um sein Korn zu verkaufen, seinen Wein selbst brannte und sich aus dem Spott nichts machte, wenn er nur Dukaten aufhäufte und von Zeit zu Zeit seinen Besitz vergrößern konnte. Umstände, die in der Provinz recht selten sind, hatten Frau von Bargeton Geschmack für die Musik und die Literatur gegeben. Während der Revolution verbarg sich ein Abbé Niollant, der beste Zögling des Abbé Roze, in dem Schlößchen Escarbas und brachte mit dahin, was er als Komponist brauchte. Er hatte die Gastfreundschaft des alten Edelmanns reichlich dadurch bezahlt, daß er die Erziehung seiner Tochter Anaïs, kurz Naïs genannt, übernommen hatte, die ohne dieses Abenteuer sich selbst oder, was noch schlimmer gewesen wäre, irgendeiner schlechten Kammerfrau überlassen gewesen wäre. Der Abbé war nicht nur Musiker, er besaß auch ausgebreitete literarische Kenntnisse und konnte Italienisch und Deutsch. Er unterrichtete also Fräulein von Nègrepelisse in diesen beiden Sprachen und im Kontrapunkt; er erklärte ihr die großen literarischen Werke Frankreichs, Italiens und Deutschlands und ging mit ihr die Musik aller Meister durch. Um endlich den Müßiggang der tiefen Vereinsamung zu bekämpfen, zu der sie beide die politischen Ereignisse verdammten, lehrte er sie Griechisch und Lateinisch und verschaffte ihr gewisse Kenntnisse in den Naturwissenschaften. Da sie keine Mutter mehr hatte, gab es für das junge Mädchen, das schon durch das Landleben sehr zur Unabhängigkeit geneigt war, kein Gegengewicht gegen diese männliche Erziehung. Der Abbé Niollant, ein enthusiastischer und dichterischer Geist, war besonders bemerkenswert durch Eigenschaften, die den Künstlern eigen sind, die ja in verschiedener Hinsicht rühmlich sind, aber vor allem durch die Freiheit des Urteils und durch die Weite des Blicks sich über die bürgerliche Gedankenwelt erheben. Wenn dieser Geist seine Kühnheiten durch seine Tiefe und Ursprünglichkeit in der Welt verzeihlich macht, so kann er dagegen im Privatleben durch die Verirrungen, die er bewirkt, schädlich scheinen. Es fehlte dem Abbé nicht an Gemüt, seine Ideen waren also für ein junges Mädchen ansteckend, bei dem die jungen Menschen natürliche Überspanntheit durch die Einsamkeit des Landlebens verstärkt wurde. Der Abbé Niollant übertrug die Kühnheit seiner Kritik und die Leichtigkeit seines Urteils auf seine Schülerin, ohne daran zu denken, daß diese Eigenschaften, die einem Manne so notwendig sind, bei einer Frau, die zu dem bescheidenen Lose der Mutter bestimmt ist, zu Fehlern werden. Obwohl der Abbé seiner Schülerin unausgesetzt ans Herz legte, um so liebenswürdiger und bescheidener zu werden, je mehr ihr Wissen sich ausbreitete, bekam Fräulein von Nègrepelisse eine ausgezeichnete Meinung von sich selbst und eine starke Verachtung gegen die Menschheit. Da sie in ihrer Umgebung nur untergeordnete oder dienstfertige Menschen sah, eignete ihr der Hochmut der großen Dame, aber nicht die gefälligen Manieren einer solchen. In all ihrer Eitelkeit fühlte sie sich durch einen armen Abbé geschmeichelt, der in ihr sich selbst bewunderte, wie ein Autor sich in seinem Werk, und so hatte sie das Unglück, keinen Vergleichungspunkt zu finden, der ihr zu einem Urteil über sich selbst verholfen hätte. Der Mangel an Gesellschaft ist einer der größten Nachteile des Landlebens. Da man nicht genötigt ist, den anderen die kleinen Opfer zu bringen, die der Anstand und die Toilette erfordern, verliert man die Gewohnheit, sich anderer wegen Zwang aufzuerlegen. Alles in uns artet dann aus, die Form und der Geist. Da die Ideenfreiheit des Fräuleins von Nègrepelisse nicht durch den Verkehr in der Gesellschaft eingeschränkt wurde, ging sie in ihr Benehmen, in ihre Haltung und in ihren Blick über; sie hatte jene hochfahrende Miene, die im Anfang originell erscheint, die aber nur Abenteurerinnen gut steht. So mußte diese Erziehung, deren Härten sich in den höhern sozialen Schichten abgeschliffen hätten, sie in Angoulême, sobald ihre Anbeter aufhörten, Verirrungen zu vergöttern, die nur in der Jugend anmutig sind, lächerlich machen. Herr von Nègrepelisse seinerseits hätte alle Bücher seiner Tochter hergegeben, um einen kranken Ochsen zu retten, denn er war so geizig, daß er ihr über das Einkommen, auf das sie Anspruch hatte, nicht einen Heller bewilligt hätte, selbst wenn es sich darum gehandelt hätte, ihr die für ihre Ausbildung nötigste Kleinigkeit zu kaufen. Der Abbé starb im Jahre 1802, vor der Verheiratung seines lieben Kindes, die er ohne Frage widerraten hätte. Der alte Edelmann fand sich nach dem Tode des Abbé durch seine Tochter sehr behindert. Er fühlte sich zu schwach, um den Kampf aushalten zu können, der zwischen seinem Geiz und dem unabhängigen Geist seiner unbeschäftigten Tochter ausbrechen mußte. Wie alle jungen Mädchen, die von der gebahnten Straße, auf der die Frauen bleiben müssen, abgekommen sind, war Naïs mit ihrem Urteil über die Ehe fertig und kümmerte sich wenig ums Heiraten. Es war ihr widerwärtig, ihren Verstand und ihre Person den Männern ohne Wert und persönliche Größe unterzuordnen, die sie in ihrem zurückgezogenen Leben hatte kennen lernen können. Sie wollte befehlen und sollte gehorchen. Wenn ihr die Wahl gestellt worden wäre zwischen dem Gehorsam gegen plumpe Launen, der Unterwerfung unter einen Menschen ohne Verständnis für ihre Neigungen und der Flucht mit einem Geliebten, an dem sie Gefallen gefunden hätte, sie hätte nicht gezögert. Herr von Nègrepelisse war noch Edelmann genug, daß er eine unpassende Verbindung fürchtete. Wie viele Väter entschloß er sich, seine Tochter zu verheiraten, weniger um ihretwillen, als wegen seiner Bequemlichkeit. Sie sollte einen nicht allzu klugen Adligen oder Landmann haben, der nicht imstande wäre, ihm wegen der Mündelabrechnung, die er seiner Tochter ablegen mußte, Schwierigkeiten zu machen, dessen Kopf und Energie unbedeutend genug wären, daß Naïs ihr Leben nach ihrer Laune einrichten konnte, und der uneigennützig genug wäre, sie ohne Mitgift zu heiraten. Aber wie sollte man einen Schwiegersohn finden, der in gleicher Weise dem Vater und der Tochter gefiel? Ein solcher Mann war der Phönix der Schwiegersöhne. Nach diesen zwei Seiten hin machte sich Herr von Nègrepelisse daran, die Männer in der Provinz zu studieren, und Herr von Bargeton schien ihm der einzige zu sein, der seinem Programm entsprach. Herr von Bargeton, ein von den Liebschaften seiner Jugend recht mitgenommener Vierziger, war wegen seiner bemerkenswerten Geistesschwäche bekannt; aber er hatte noch genau so viel Verstand, um sein Vermögen zu verwalten, und so viel Benehmen, um sich in der Welt von Angoulême bewegen zu können, ohne sich unmöglich oder lächerlich zu machen. Herr von Nègrepelisse setzte seiner Tochter ganz rückhaltlos den negativen Wert des Mustergatten, den er ihr vorschlug, auseinander und wies sie auf den Vorteil hin, den sie daraus für ihr eigenes Glück ziehen konnte: sie heiratete ein Wappen, das schon zweihundert Jahre alt war. Unter dem Schutz ihres Mannes, der ihr eine Art Anstandsdame wäre, könnte sie nach Belieben ihr Geschick unter der Deckung einer ehrenhaften Firma lenken und würde dabei unterstützt von den Verbindungen, die Geist und Schönheit ihr in Paris verschafften. Naïs wurde von der Aussicht auf eine solche Freiheit verführt. Herr von Bargeton glaubte eine glänzende Partie zu machen, da er der Meinung war, sein Schwiegervater würde ihm bald die Besitzung hinterlassen, die er mit solcher Liebe immer mehr vergrößert hatte; aber es schien jetzt, als ob es Herrn von Nègrepelisse beschieden wäre, seinem Schwiegersohn die Grabschrift zu verfassen.

Frau von Bargeton war jetzt sechsunddreißig Jahre alt und ihr Mann achtundfünfzig. Diese Ungleichheit fiel noch mehr auf, da Herr von Bargeton wie ein Siebziger aussah, während seine Frau ungestraft das junge Mädchen spielen, sich rosa kleiden oder eine Kinderfrisur tragen konnte. Obwohl ihr Vermögen nicht mehr als zwölftausend Franken Rente betrug, zählte es unter die sechs beträchtlichsten Vermögen der alten Stadt, abgesehen von den Kaufleuten und den Administratoren. Die Notwendigkeit, sich mit ihrem Vater gut zu stellen, dessen Erbschaft Frau von Bargeton abwarten mußte, um nach Paris gehen zu können, und der so lange darauf warten ließ, daß sein Schwiegersohn vor ihm starb, zwang Herrn und Frau von Bargeton, in Angoulême zu wohnen, wo die glänzenden Eigenschaften des Geistes und der Reichtum des Herzens, der in Naïs noch ungehoben schlummerte, fruchtlos verloren gehen und sich mit der Zeit in Lächerlichkeiten verwandeln mußten. In der Tat sind unsere Lächerlichkeiten zum großen Teil von einem schönen Gemütsleben oder von Tugenden und Eigenschaften, die ins Äußerste getrieben sind, verursacht. Der Stolz, den der Umgang in der großen Welt nicht mildert, wird Schroffheit, wenn er sich auf Kleinigkeiten erstreckt, während er sich in einem Kreis erhöhten seelischen Lebens hätte verstärken können. Die Begeisterung, diese Tugend, in der Tugend, die die Heiligen erzeugt, die die verborgenen Opfer und die leuchtenden Dichtungen hervorbringt, wird zur Überspanntheit, wenn sie sich an die Nichtigkeiten der Provinz verschwendet. Fern von dem Mittelpunkt, wo die großen Geister glänzen, wo die Luft mit Gedanken geladen ist, wo alles immer in Erneuerung ist, veraltet die Bildung, und der Geschmack verschlechtert sich wie ein stehendes Wasser. Aus Mangel an Übung nehmen die Leidenschaften ab, gerade weil sie die Bedeutung winziger Dinge übertreiben. Daher schreiben sich der Geiz und der Klatsch, die das Leben der Provinz verpesten. Bald gewinnt die Nachahmung des engen Gedankenlebens und der erbärmlichen Manieren selbst über die trefflichsten Menschen Gewalt. So gehen Männer, die zu Großem geboren sind, und Frauen zugrunde, die entzückend gewesen wären, wenn sie durch den Unterricht, den die Welt gibt, Schliff und durch überlegene Geister Formung erfahren hätten. Frau von Bargeton griff um jeder Kleinigkeit willen zur Leier, ohne das, was nur im Privatleben poetisch ist, vom Allgemeingültigen zu unterscheiden. Man muß in der Tat die Empfindungen, die nicht verstanden werden, für sich behalten. Ein Sonnenuntergang ist gewiß ein großes Gedicht, aber macht sich eine Frau nicht lächerlich, wenn sie ihn mit großen Worten vor Leuten schildert, die nur materielle Interessen haben? Es gibt Wonnen, die nur zu zweien gekostet werden können, zwischen zwei Dichtern, zwei Herzen. Sie hatte den Fehler, daß sie ungeheure Sätze bildete, die mit pathetischen Worten gespickt waren, Sätze, wie sie die Sprache der Pariser Journalisten so trefflich als »Brotscheiben« bezeichnet: sie schneiden täglich ihren Abonnenten sehr wenig verdauliche zum Frühstück vor, und die schlingen sie hinunter. Sie verschwendete maßlos Superlative, die ihre Unterhaltung schwerfällig machten und die geringsten Dinge ins Riesenhafte wachsen ließen. In dieser Zeit fing sie an, alles zu typisieren, individualisieren, synthetisieren, dramatisieren, superiorisieren, analysieren, poetisieren, prosaisieren, kolossifizieren, neologisieren und tragieren; denn man muß für einen Augenblick die Sprache vergewaltigen, um die modernen Verschrobenheiten zu schildern, die manche Frauen betreiben. Ihr Geist entzündete sich überdies gerade an ihrer Sprache. Der Dithyrambus war in ihrem Herzen wie auf ihren Lippen. Um jeden Vorfall bebte sie, fiel in Ohnmacht oder wurde hingerissen um die Aufopferung einer Grauen Schwester und die Hinrichtung der Brüder Faucher, um die »Ibsiboe« d'Harlincourts wie für die »Anaconda« von Lewis, um die Flucht des La Valette wie um eine ihrer Freundinnen, die mit lauter Stimme Diebe in die Flucht gejagt hatte. Für sie war alles erhaben, außerordentlich, seltsam, göttlich, wunderbar. Sie regte sich auf, wurde wütend, verzagte, schwang sich auf, klappte wieder zusammen, betrachtete den Himmel oder die Erde, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie verbrauchte ihr Leben in unausgesetztem Bewundern und verzehrte sich in seltsamem Verachten. Sie war begeistert für den Pascha von Janina, sie hatte Lust, mit ihm in seinem Serail zu kämpfen, und fand etwas Großes darin, in einen Sack genäht und ins Meer geworfen zu werden. Sie beneidete Lady Esther Stanhope, diesen Blaustrumpf der Wüste. Sie bekam Lust, eine Schwester vom Orden der heiligen Kamilla zu werden und zur Pflege der Kranken nach Barcelona zu gehen, um dort am gelben Fieber zu sterben: das war ein großes, edles Los! Kurz, sie dürstete nach allem, was nicht das seichte, stehende Wasser ihres Daseins war. Sie betete Lord Byron oder Jean Jacques Rousseau an, wie alle poetischen und dramatischen Persönlichkeiten. Sie hatte Tränen für alles Elend und triumphierte über alle Siege. Sie hatte Mitgefühl mit dem besiegten Napoleon und ebenso mit Mehemet Ali, der die Tyrannen Ägyptens niedermetzelte. Kurz, sie sah die genialen Menschen mit einem Glorienschein umgeben und glaubte, sie lebten von Duft und Licht. Vielen Leuten erschien sie als eine harmlose Geisteskranke; aber einem guten Beobachter wären diese Dinge als Trümmer einer wundervollen Liebe erschienen, die ebenso schnell wieder einstürzte, wie sie erbaut war, die Reste eines himmlischen Jerusalem, kurz, die Liebe ohne den Liebenden. Und so war es auch. Die Geschichte der achtzehn ersten Jahre der Ehe der Frau von Bargeton ist in wenig Worten erzählt. Sie lebte eine Zeitlang von sich selbst und von fernen Hoffnungen. Dann merkte sie, daß ihr geringes Vermögen ihr nicht erlaubte, wie sie es erstrebte, in Paris zu leben, und ging daran, die Personen ihrer Umgebung zu prüfen. Es schauderte ihr über ihre Einsamkeit. Es gab in ihrer Nähe keinen Mann, der sie zu irgendeiner Tollheit hätte bringen können, zu einer der Tollheiten, zu denen die Frauen die Verzweiflung über ein Leben ohne Sinn, ohne Ereignis, ohne Interesse hinreißt. Sie konnte auf nichts rechnen, nicht einmal auf den Zufall, denn es gibt Lebensläufe, denen der Zufall fehlt. Zu der Zeit, wo das Kaiserreich in seinem ganzen Glanze strahlte, als Napoleon nach Spanien fuhr und seine edelsten Truppen hinschickte, erwachten die Hoffnungen dieser Frau, die bis dahin immer enttäuscht worden waren. Die Neugier trieb sie natürlich, diese Helden zu sehen, die sich anschickten, auf eine Parole hin Europa zu erobern, und die die sagenhaften Ausfahrten des Rittertums wieder erneuerten. Die geizigsten und reaktionärsten Städte waren genötigt, der kaiserlichen Garde Feste zu geben, die Maires und die Präfekten mit feierlichen Ansprachen zum Empfang zu schicken, wie wenn ein König in die Stadt käme. Frau von Bargeton, die zu einem Ball gegangen war, den ein Regiment der Stadt gegeben hatte, verliebte sich in einen Edelmann, einen einfachen Unterleutnant, dem der schlaue Napoleon den Marschallstab Frankreichs gezeigt hatte. Diese verhaltene edle, große Liebe, die in Gegensatz stand zu den Liebesabenteuern, die damals so leicht begannen und so schnell wieder endeten, wurde von der Hand des Todes geheiligt. Bei Wagram zertrümmerte eine Kanonenkugel über dem Herzen des Marquis von Cante-Croix das einzige Bildnis, das von der Schönheit der Frau von Bargeton Kunde gab. Sie beweinte diesen jungen Mann lange Zeit, der, vom Ruhm und von der Liebe angefeuert, in zwei Feldzügen es bis zum Oberst gebracht hatte und dem ein Brief von Naïs lieber war als alle Gunstbeweise des Kaisers. Der Schmerz legte über das Gesicht dieser Frau einen Schleier von Traurigkeit. Dieses Gewölk zerstreute sich erst in dem schrecklichen Alter, wo die Frau anfängt, sehnsüchtig nach ihren schönen Jahren zurückzublicken, die vorübergegangen sind, ohne daß sie sie genossen hat, wo ihre Rosen zu welken beginnen, wo die Sehnsucht nach Liebe wiedererwacht und mit ihr das Verlangen, das letzte Lächeln der Jugend noch nicht schwinden zu sehen. Alle ihre überlegenen Eigenschaften taten ihrer Seele weh, da der tödliche Frost der Provinz sie befiel. Wie der Hermelin wäre sie vor Ekel gestorben, wenn sie sich in der Berührung mit Männern beschmutzt hätte, die keinen andern Gedanken hatten, als am Abend nach dem Essen um ein paar Pfennige zu spielen. Ihr Stolz bewahrte sie vor den traurigen Liebeshändeln der Provinz. Bei der Wahl zwischen der Nichtigkeit der Männer, die sie umgaben, und dem Nichts mußte eine so überlegene Frau das Nichts vorziehen. Die Ehe und die Welt waren so für sie ein Kloster. Sie lebte von der Dichtung, wie die Karmeliterin von der Religion. Die Werke der berühmten Ausländer, die bis dahin unbekannt gewesen waren und in den Jahren 1815-1821 veröffentlicht wurden, die großen Schriften der de Bonald und de Maistre, dieser beiden kühnen Denker, endlich die weniger großartigen Werke der jungen französischen Literatur, die so kräftig ihre ersten Zweige trieb, verschönten ihre Einsamkeit, machten aber weder ihren Geist noch ihren Charakter fügsamer. Sie blieb aufrecht und stark wie ein Baum, der vom Blitz getroffen wurde und stehen geblieben ist. Ihre Würde wurde geschraubt, ihre königliche Haltung machte sie preziös und klügelnd. Wie alle, die sich von beliebigen Hofmachern anbeten lassen, saß sie mitsamt ihren Fehlern auf dem Thron. Das war die Vergangenheit der Frau von Bargeton, kurz und kalt erzählt, wie es notwendig war, um ihre Verbindung mit Lucien verständlich zu machen, der seltsam genug bei ihr eingeführt wurde. Während des letzten Winters war eine Persönlichkeit in die Stadt gekommen, die das eintönige Dasein, das Frau von Bargeton führte, belebt hatte. Die Stelle des Direktors der indirekten Steuern war erledigt gewesen, und Herr von Barante besetzte sie mit einem Manne, dessen abenteuerliches Schicksal genügend für ihn einnahm, daß weibliche Neugier ihm den Zutritt zur Königin des Landes verschaffte.

Herr du Châtelet, der als einfacher Sixtus Châtelet zur Welt gekommen war, aber im Jahre l806 den guten Einfall gehabt hatte, sich adeln zu lassen, war einer der angenehmen jungen Leute, die unter Napoleon dadurch allen Aushebungen entgingen, daß sie in der Nähe der kaiserlichen Sonne weilten. Er hatte seine Karriere als Geheimsekretär einer kaiserlichen Prinzessin begonnen. Herr du Châtelet war im Besitz aller Unfähigkeiten, die seine Stellung erforderte. Er war ein wohlgebauter, hübscher Mann, ein guter Tänzer, geschickter Billardspieler, gewandt in allen Leibesübungen, ein mäßiger Schauspieler bei Liebhaberaufführungen, ein Romanzensänger, gab ein gutes Publikum für Witze ab, war zu allem bereit, schmiegsam, mißgünstig, und wußte alles und nichts. Er verstand nichts von Musik und konnte eine Dame schlecht und recht am Klavier begleiten, wenn sie aus Gefälligkeit eine Romanze singen wollte, die sie einen Monat lang mit unsäglicher Mühe geübt hatte. Er hatte keinerlei Sinn für Poesie und pflegte in Gesellschaft keck um die Erlaubnis zu bitten, zehn Minuten auf und ab gehen zu dürfen, um etwas zu improvisieren, irgendeinen Vierzeiler, der platt wie ein Pfannkuchen war und in dem der Reim den Gedanken ersetzen mußte. Herr du Châtelet besaß auch das Talent, die Stickerei auszufüllen, deren Blumen von der Prinzessin angefangen worden waren; er hielt mit unbeschreiblicher Grazie die Seidensträhnen, die sie aufspulte, und sagte ihr dabei Nichtigkeiten, in denen die Zote unter einem mehr oder weniger durchlöcherten Schleier versteckt war. Er verstand nichts von Malerei und konnte eine Landschaft kopieren, ein Profil zeichnen oder ein Kostüm entwerfen und kolorieren. Kurz, er hatte all die kleinen Talente, die in einer Zeit, in der die Frauen mehr Einfluß auf die Geschäfte gehabt haben, als man glaubt, von so großem Wert für die Karriere waren. Er spielte sich als stark in der Diplomatie auf, in der Wissenschaft derer, die keine haben und die tief sind infolge ihrer Leere, einer Wissenschaft, die überdies sehr bequem ist, indem sie sich nämlich durch die Ausübung so hoher Verrichtungen wie folgende betätigt: da sie diskrete Menschen braucht, erlaubt sie denen, die nichts wissen, nichts zu sagen, sich auf geheimnisvolles Wiegen des Kopfes zu beschränken; und schließlich ist der Mann der stärkste in dieser Wissenschaft, der seinen Kopf über dem Fluß der Ereignisse hält, wenn er schwimmt, und ihn so zu lenken scheint, was zu einer Frage des möglichst geringen spezifischen Gewichts wird. Hier wie in den Künsten kommen tausend Mittelmäßigkeiten auf einen Mann von Genie. Trotz seinem ordentlichen und außerordentlichen Dienst bei der kaiserlichen Hoheit hatte ihn der Einfluß seiner Gönner nicht in den Staatsrat bringen können, er hätte zwar einen ausgezeichneten vortragenden Rat abgegeben, so gut wie viele andere, aber die Prinzessin fand ihn bei sich selbst besser untergebracht als irgendwo anders. Jedoch wurde er zum Baron ernannt, ging nach Kassel als außerordentlicher Gesandter und machte dort in der Tat eine sehr außerordentliche Erscheinung. Mit andern Worten: Napoleon benutzte ihn in kritischer Zeit als diplomatischen Kurier. In dem Augenblick, wo das Kaiserreich zusammenbrach, war dem Baron du Châtelet bereits zugesagt, er solle Gesandter in Westfalen bei Jérôme werden. Nachdem ihm also fehlgeschlagen war, was er einen Botschafterposten in der Familie genannt hatte, ergriff ihn die Verzweiflung; er machte mit dem General Armand de Montriveau eine Reise nach Ägypten. Er war durch höchst absonderliche Ereignisse von seinem Gefährten getrennt worden und zwei Jahre lang von Wüste zu Wüste, von Stamm zu Stamm geirrt, war Gefangener der Araber geworden, die ihn sich einander abkauften, ohne den geringsten Nutzen von seinen Talenten zu haben. Endlich erreichte er das Gebiet des Imam von Maskat, während Montriveau sich nach Tanger gewandt hatte; aber er hatte das Glück, in Maskat ein englisches Schiff zu treffen, das unter Segel ging, und konnte ein Jahr vor seinem Reisegefährten in Paris eintreffen. Sein jüngstes Mißgeschick, einige Verbindungen älteren Datums, Dienste, die er Leuten erwies, die gerade in Gunst waren, empfahlen ihn dem Ministerpräsidenten, der ihn für die nächste Direktorstelle, die frei wurde, bei Herrn von Barante unterbrachte. Die Rolle, die Herr du Châtelet bei der kaiserlichen Hoheit gespielt hatte, sein Ruf als Mann, der sein Glück zu machen verstand, die seltsamen Ereignisse seiner Reise, die Leiden, die er ausgestanden hatte, alles erregte die Neugierde der Frauen von Angoulême. Der Baron Sixtus du Châtelet erkundigte sich nach Brauch und Gepflogenheiten der Oberstadt und richtete sein Benehmen danach ein. Er spielte den Kranken, Blasierten, der an nichts mehr Vergnügen findet. Bei jeder Gelegenheit griff er sich nach dem Kopf, wie wenn seine Leiden ihn nicht einen Augenblick verließen. Dieses kleine Manöver brachte seine Reise in Erinnerung und machte ihn interessant. Er besuchte die höhern Beamten, den General, den Präfekten, den Hauptsteuereinnehmer und den Bischof; aber er zeigte sich überall gemessen, kalt, fast herablassend, wie ein Mann, der nicht an seinem Platz ist und die Freundlichkeit der Mächtigen abwartet. Er ließ seine geselligen Talente erraten, die dadurch gewannen, daß man sie nicht kennen lernte; dann, nachdem er auf sich gespannt gemacht hatte, ohne die Neugier zu ermüden, nachdem er die Nichtigkeit der Männer durchschaut und die Frauen mehrere Sonntage hintereinander im Dom weise geprüft hatte, erkannte er in Frau von Bargeton die Person, deren Intimität ihm zusagte. Er zählte auf die Musik, um sich die Tore dieses Hauses zu öffnen, das gegen Fremde hermetisch verschlossen war. Er verschaffte sich heimlich eine Messe von Miroir und studierte sie sich am Klavier ein; dann bezauberte er an einem schönen Sonntag, wo die ganze gute Gesellschaft von Angoulême in der Messe war, diese Verständnislosen mit seinem Orgelspiel und erweckte das Interesse, das sich an seine Person geknüpft hatte, indem er von den Angehörigen des niedern Klerus überall in der Kirche seinen Namen nennen ließ. Beim Verlassen der Kirche beglückwünschte ihn Frau von Bargeton und bedauerte, keine Gelegenheit zu haben, mit ihm zu musizieren; während dieses Zusammentreffens, das er gesucht hatte, ließ er sich in ganz natürlicher Weise den Zutritt zu ihrem Hause gewähren, den er nicht erlangt hätte, wenn er darum gebeten hätte. Der geschickte Baron kam zu der Königin von Angoulême, der er kompromittierende Aufmerksamkeiten erwies. Dieser alte Geck, denn er war fünfündvierzig Jahre alt, gewahrte in dieser Frau eine ganze, noch ungelebte Jugend, Schätze, die darauf warteten, gehoben zu werden, vielleicht eine reiche Witwe, die zu heiraten man hoffen konnte, schließlich eine Verbindung mit der Familie der Nègrepelisse, die es ihm ermöglichte, in Paris bei der Marquise d'Espard Zutritt zu erlangen, deren Einfluß ihm die politische Laufbahn wiedereröffnen konnte. Trotz der düstern und üppig ins Kraut schießenden Mistel, die diesen schönen Baum beschädigte, beschloß er, ihm seine Sorgfalt zu widmen, ihn zu verschneiden, zu pflegen und schöne Früchte von ihm zu ernten. Das adlige Angoulême entsetzte sich über die Einführung eines Glaurs in die Kaaba, denn der Salon der Frau von Bargeton war das Allerheiligste einer Gesellschaft, die von jeder unedlen Mischung frei war. Nur der Bischof verkehrte da regelmäßig, der Präfekt wurde zwei- oder dreimal im Jahr empfangen; der Generaldirektor der Steuern hatte keinen Zutritt; Frau von Bargeton besuchte seine Abende, seine Konzerte, aber sie speiste nie bei ihm. Den Generaldirektor nicht empfangen und einen einfachen Direktor der indirekten Steuern annehmen, dieser Umsturz der Hierarchie schien den mißachteten Autoritäten unfaßbar.

Wer sich solche Kleinigkeiten, die man übrigens in jeder Schicht der Gesellschaft findet, vorstellen kann, muß verstehen, wie das Haus Bargeton der Bürgerschaft Angoulêmes imponierte. Und gar für Houmeau glänzte die Großartigkeit dieses kleinen Louvre, die Glorie dieses Hotel de Rambouillet des Angoumois, wie eine fernstrahlende Sonne. Die sich dort versammelten, waren ohne Ausnahme die kläglichsten Köpfe, die armseligsten Geister, die erbärmlichsten Tröpfe in einer Runde von zwanzig Meilen. Die Politik ergoß sich in wortreichen und leidenschaftlichen Trivialitäten; die »Quotidienne« schien ihnen lau, Ludwig XVIII. behandelten sie als Jakobiner. Die Frauen waren fast alle dumm, reizlos, zogen sich schlecht an, alle hatten sie irgendeine Unvollkommenheit, die ihnen Abbruch tat, nichts an ihnen war fertig, die Unterhaltung so wenig wie die Kleidung, der Geist so wenig wie das Fleisch. Wenn nicht seine Pläne mit Frau von Bargeton gewesen wären, hätte es Châtelet dort nicht ausgehalten. Trotzdem füllten die Manieren und der Geist der Kaste, das adlige Behaben, der Stolz des Schloßedelmanns, die Kenntnis der Gesetze der Höflichkeit diese ganze Leere aus. Der Adel der Gefühle hatte in Angoulême viel mehr Tatsächlichkeit als in der Sphäre der Pariser Größen; es herrschte dort eine intransigente Anhänglichkeit an die Bourbonen, die durchaus achtbar war. Diese Gesellschaft konnte, wenn das Bild erlaubt ist, einem Silbergerät von alter Form verglichen werden, das vom Alter geschwärzt, aber gewichtig ist. Die Unbeweglichkeit ihrer politischen Meinungen war fast Treue zu nennen. Der Abstand zwischen ihr und dem Bürgertum, die Schwierigkeit, zu ihr zu gelangen, gaben ihr einen Anstrich von Erhabenheit und die Bedeutung, die der Konvention immer innewohnt. Jeder dieser Adligen hatte für die Einwohner seinen Preis, wie die Kauri bei den Negern von Bambara das Geld vertritt. Mehrere Frauen, denen Herr Châtelet geschmeichelt hatte und die in ihm überlegene Eigenschaften erkannten, die den Männern ihrer Gesellschaft fehlten, beruhigten den Ausstand der Eigenliebe: alle hofften sie, die Erbschaft der kaiserlichen Hoheit anzutreten. Die Fanatiker dachten, man würde den Eindringling bei Frau von Bargeton sehen, aber er würde in keinem andern Haus empfangen werden. Du Châtelet war mehreren Demütigungen ausgesetzt, aber er hofierte den Klerus und hielt sich dadurch in seiner Stellung. Alsdann schmeichelte er den Fehlern, die der Provinzboden in der Königin von Angoulême zur Entstehung gebracht hatte, brachte ihr alle neuen Bücher und las ihr die neu erschienenen Gedichte vor. Sie begeisterten sich zusammen an den Werken der jungen Dichterschule, sie aufrichtig, er aber langweilte sich, ertrug jedoch diese romantischen Dichter, für die er als Mann des Empire wenig Verständnis besaß. Frau von Bargeton, die über die Renaissance, die man dem Einfluß der Lilien verdankte, entzückt war, liebte Chateaubriand, weil er Victor Hugo ein göttliches Kind genannt hat. Sie war traurig, daß sie das Genie nur aus der Entfernung kannte, und sehnte sich nach Paris, wo die großen Männer lebten. Herr du Châtelet glaubte alsdann wunder was zu tun, als er ihr mitteilte, es gäbe in Angoulême ein anderes göttliches Kind, einen jungen Dichter, der, ohne es zu wissen, an Glanz die neu aufgegangenen Sterne am pariser literarischen Himmel überstrahlte. Ein künftiger großer Mann war in Houmeau geboren! Der Direktor des Lyzeums hatte dem Baron wunderbare Gedichte gezeigt. Es handelte sich fast noch um ein Kind, das arm und bescheiden war, um einen Chatterton ohne politische Niedertracht, ohne den wilden Haß gegen die sozial Hochgestellten, der den englischen Dichter stachelte, Pamphlete gegen seine Wohltäter zu schreiben. Frau von Bargeton hatte bisher fünf oder sechs Menschen, die ihre Neigung zu Kunst und Literatur teilten. Der eine, weil er die Geige kratzte, der andere, weil er das weiße Papier mehr oder weniger mit Tusche verschmierte, ein dritter in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Landwirtschaftsgesellschaft, der vierte im Zusammenhang mit einer Baßstimme, mit der er das Se fiato in corpo avete nach Art eines Jagdrufs sang; unter diesen grotesken Gestalten kam sie sich vor wie ein Hungriger bei einer Mahlzeit auf der Bühne, wo die Gerichte aus Pappe sind. So war ihre Freude in dem Augenblick, wo sie diese Nachricht empfing, nicht zu beschreiben. Sie wollte diesen Dichter, diesen Engel sehen! Sie war närrisch nach ihm, sie war begeistert, stundenlang sprach sie von ihm. Zwei Tage nachher hatte unser früherer diplomatischer Kurier mit Hilfe des Lyzeumsdirektors die Einführung Luciens bei Frau von Bargeton vermittelt.

Ihr allein, arme Heloten der Provinz, für die die sozialen Entfernungen schwerer zu durchlaufen sind als für die Pariser – denn für die verkürzen sie sich von Tag zu Tag –, ihr, die ihr so schwer leidet unter den Gittern, hinter denen jede der verschiedenen Welten der Welt sich entsetzt und Racha! sagt, ihr allein versteht die Erschütterung, die Hirn und Herz Lucien Chardons in Aufregung brachte, als sein ehrwürdiger Direktor ihm sagte, die Tore des Hauses Bargeton sollten sich vor ihm öffnen! Der Ruhm hatte sie ihm aufgeschlossen! Er sollte in diesem Hause aufgenommen werden, dessen alte Giebel seinen Blick auf sich gezogen hatten, wenn er abends mit David auf der Beaulieu-Promenade gewesen war, wobei sie sich gesagt hatten, ihre Namen drängen vielleicht niemals zu diesen Ohren, die Wissenschaft und Kunst nur kannten, wenn sie nicht aus niedrigem Stande erwuchsen. Seine Schwester allein wurde in das Geheimnis eingeweiht. Als gute Wirtschafterin nahm die ahnungsvolle Eva einige Goldstücke aus dem Sekretär und kaufte Lucien beim besten Schuhmacher von Angoulême ein paar feine Schuhe und beim berühmtesten Schneider einen neuen Anzug. Sie versah sein bestes Hemd mit einer Spitzenkrause, die sie selbst wusch und fältete. Welche Freude, als sie ihn so gekleidet sah! Wie war sie stolz auf ihren Bruder! Wieviel Ratschläge hatte sie ihm zu geben! Es fielen ihr tausend Kleinigkeiten ein. Das angestrengte Nachdenken hatte Lucien zu der Gewohnheit gebracht, wenn er sich hinsetzte, immer gleich den Kopf aufzustützen, er zog sogar manchmal einen Tisch zu sich heran, um sich darauf zu stützen. Eva empfahl ihm dringend, sich in dem aristokratischen Heiligtum keinerlei ungenierten Bewegungen zu überlassen. Sie begleitete ihn bis zum Peterstor, ging fast bis zum Dom und sah ihm nach, wie er in die Rue de Beaulieu einbog, um zur Promenade zu gehen, wo ihn Herr du Châtelet erwartete. Das arme Mädchen blieb in großer Erregung zurück, wie wenn ein wichtiges Ereignis geschehen wäre. Lucien bei Frau von Bargeton, das war für Eva das Herannahen des Glücks. Das fromme Kind ahnte nicht, daß, wo der Ehrgeiz beginnt, die unschuldigen Gefühle verschwinden. Als Lucien in der Rue du Minage angelangt war, setzten ihn die äußern Dinge, die ihn umgaben, keineswegs in Erstaunen. Dieser Louvre, den seine Phantasie so vergrößert hatte, war ein Haus, das aus einer besondern mürben Steinart erbaut war, wie man sie in der Gegend findet, und das von der Zeit wie vergilbt aussah. Wie es von der Straße her ziemlich düster sich ausnahm, war es im Innern sehr einfach: es war da der in der Provinz übliche frostig-saubere Hof; eine nüchterne, fast mönchische, wohlerhaltene Architektur. Lucien stieg eine Treppe mit Geländer aus Kastanienholz hinan, deren Stufen nur bis zum ersten Stock aus Stein waren. Er durchschritt ein ärmliches Vorzimmer, einen großen, schlecht erleuchteten Saal und fand die Gebieterin in einem kleinen Salon, der mit geschnitzten Täfelungen im Geschmack des letzten Jahrhunderts bekleidet und in Grau gemalt war. Das Gesims über den Türen war grau in Grau. Ein alter roter Damaststoff, der schlecht dahin paßte, bekleidete die Wände, die altmodisch geformten Möbel waren recht armselig mit rot und weiß karierten Überzügen bedeckt. Der Dichter sah Frau von Bargeton auf dem kleinen gesteppten Polster eines Kanapees sitzen, hinter einem runden Tisch mit grüner Decke. Es stand ein Leuchter mit zwei Kerzen darauf, deren Licht durch einen Schirm gemildert war.

Die Königin stand nicht auf. Sie bog sich sehr anmutig auf ihrem Platz dem Dichter entgegen und lächelte ihm zu, und er fand diese erregende Schlangenbewegung sehr vornehm. Die außerordentliche Schönheit Luciens, die Schüchternheit seines Benehmens, alles an ihm fesselte Frau von Bargeton. Der Poet war schon die Poesie. Der junge Mann betrachtete mit heimlichen Seitenblicken diese Frau, die ihm in Einklang mit ihrem Rufe zu stehen schien; sie enttäuschte keine der Vorstellungen, die er sich von der großen Dame gemacht hatte. Frau von Bargeton trug nach einer neuen Mode ein Barett mit Puffen aus schwarzem Samt. Dieser Kopfputz erinnert etwas ans Mittelalter, und das imponiert einem jungen Mann, dem es sozusagen die Frau erhöht. Dem Barett entquollen üppige rotblonde Haarmassen, deren schimmernde Locken vom Licht vergoldet waren. Die edle Dame hatte den blendenden Teint, mit dem eine Frau das angeblich Mißliche dieser hochblonden Farbe wieder aufwiegt. Ihre grauen Augen funkelten, ihre Stirn, die schon kleine Fältchen zeigte, thronte weiß und kühn gemeißelt darüber; sie waren von perlmutterschimmernden Rändern umgeben, und auf beiden Seiten der Nase ließen zwei blaue Adern das lichte Weiß dieser zarten Umrahmung noch stärker hervortreten. Die Nase hatte eine bourbonische Krümmung, die den Schwung des ovalen Gesichts noch mehr hervorhob, indem sie gewissermaßen einen glänzenden Punkt bildete, worin das Hinreißende und Königliche der Condé zum Ausdruck kam. Die Haare bedeckten den Nacken nicht völlig. Das leicht zusammengenommene Gewand ließ einen schön gebauten Hals sehen, und das Auge erriet darunter eine Brust von schneeiger Weiße. Mit ihren schmalen, gepflegten, aber etwas trockenen Fingern wies Frau von Bargeton dem jungen Dichter mit freundlicher Geste den Stuhl an, der neben ihr stand. Herr du Châtelet setzte sich in einen Lehnstuhl. Lucien bemerkte jetzt, daß sie allein waren. Die Unterhaltung Frau von Bargetons machte den Dichter aus Houmeau trunken. Die drei Stunden, die er bei ihr verbrachte, waren für Lucien einer der Träume, denen man ewige Dauer wünscht. Er fand diese Frau mehr abgemagert als mager, eine Liebende ohne Liebe, zart trotz ihres starken Geistes, ihre Fehler, die von ihren Manieren noch unterstrichen wurden, gefielen ihm, denn die jungen Leute fangen damit an, daß sie die Überspanntheit lieben, diese Lüge der schönen Seelen. Er bemerkte nicht, wie welk und an den Backenknochen gerötet die Wangen waren, ein wie wächsernes Aussehen sie von Sehnsucht, Langweile und manchen Leiden bekommen hatten. Seine Phantasie bemächtigte sich zunächst dieser glänzenden Augen, der feinen Locken, in denen das Licht funkelte, ihrer strahlenden Gesichtsfarbe, und das waren leuchtende Punkte, zu denen es ihn zog, wie den Schmetterling zu den Kerzen. Dann sprach auch diese Seele zu sehr zu seiner, als daß er das Weib hätte beurteilen können. Der Schwung dieser weiblichen Begeisterung, der große Zug dieser nicht mehr ganz jungen Phrasen, die Frau von Bargeton seit langer Zeit wiederholte, die ihm aber neu schienen, bezauberten ihn um so mehr, als er alles schön finden wollte. Er hatte keine Gedichte zum Vorlesen mitgebracht, aber es war nicht die Rede davon: er hatte seine Verse vergessen, um das Recht zu haben, wiederzukommen. Frau von Bargeton hatte nicht davon gesprochen, um ihn zu veranlassen, ihr an einem andern Tag etwas vorzulesen. War das nicht ein erstes Einverständnis? Herr Sixtus du Châtelet war unzufrieden mit diesem Empfang. Zu spät erkannte er in diesem schönen jungen Mann einen Nebenbuhler. Er führte ihn bis zur Ecke der ersten Treppe unterhalb Beaulieus, in der Absicht, ihn mit seiner Diplomatie zu besiegen. Lucien war nicht wenig erstaunt, als er vernahm, wie der Direktor der indirekten Steuern sich rühmte, ihn eingeführt zu haben, und ihm aus diesem Grunde Ratschläge gab.

»Möge es Gott gefallen, daß Lucien besser behandelt würde als er«, sagte Herr du Châtelet. »Der Hof wäre weniger anmaßend als diese Gesellschaft von Dummköpfen. Man empfinge dort tödliche Wunden, man erduldete furchtbare Demütigungen. Die Revolution von 1789 müßte wieder anfangen, wenn diese Leute nicht anders würden. Er für sein Teil ginge nur noch in dieses Haus, weil ihm Frau von Bargeton gut gefalle. Das wäre die einzige Frau in Angoulême, die etwas taugte. Er hätte ihr aus Langweile den Hof gemacht und sich schrecklich in sie verliebt. Er würde sie bald besitzen, seine Liebe würde erwidert, alles künde es ihm an. Die Unterwerfung dieser stolzen Königin wäre die einzige Rache, die er an dieser dummen Sippe von Krautjunkern nähme.«

Châtelet sprach von seiner Leidenschaft im Ton eines Mannes, der imstande wäre, einen Nebenbuhler zu töten, wenn er einen träfe. Der alte verliebte Narr fiel mit seinem ganzen Gewicht über den Dichter her und versuchte ihn mit seiner Bedeutung zu erdrücken und ihm Angst zu machen. Er machte sich wichtig, indem er die Gefahren seiner Reise übertrieb; aber er imponierte zwar der Phantasie des Dichters, konnte jedoch den Liebenden nicht schrecken. Seit diesem Abend war Lucien trotz des alten Gecken, seiner Drohungen und seines Auftretens als kleinbürgerlicher Raufbold weiter zu Frau von Bargeton gekommen. Zuerst geschah es mit der Zurückhaltung eines Mannes, der aus Houmeau stammte, dann aber gewöhnte er sich bald an das, was ihm zuerst wie eine ungeheure Gunst erschienen war, und kam immer öfter zu Besuch. Der Apothekerssohn wurde von den Leuten dieser Gesellschaft als eine Erscheinung für sich genommen, die keine weitern Folgen haben konnte. Wenn anfangs manche Edelleute oder Frauen, die zu Naïs zu Besuch kamen, Lucien dort trafen, hatten sie all die niederschmetternde Höflichkeit für ihn, die die gute Gesellschaft anwendet, wenn sie mit Leuten unter ihrem Stande zusammen ist. Lucien fand zuerst diese Welt sehr liebenswürdig, aber später verstand er die Stimmung, aus der diese erheuchelte Höflichkeit hervorging. Bald gewahrte er bei einigen so eine Art Protektionsmiene, die seine Galle erregte und ihn in den haßerfüllten republikanischen Ideen bestärkte, die oft in diesen künftigen Patriziern während der ersten Zeit ihres Umgangs mit der großen Gesellschaft hochkommen. Aber wieviel Leiden hätte er nicht für Naïs erduldet! So hörte er sie in diesem Kreise nennen; denn wenn die Intimen dieser Kaste unter sich waren, nannten sie sich wie die spanischen Granden und die Auslese der Gesellschaft in Wien mit ihren Kosenamen, Männer wie Frauen. Das war die neuste Nuance, die von der Aristokratie des Angoumois angenommen worden war, um sich von den gewöhnlichen Menschen zu unterscheiden.

Naïs wurde geliebt, wie jeder Jüngling die erste Frau liebt, die ihm schmeichelt, denn Naïs sagte Lucien eine große Zukunft, einen herrlichen Ruhm voraus. Frau von Bargeton wandte ihre ganze Geschicklichkeit an, um ihren Dichter an sich zu fesseln: nicht nur pries sie ihn über alles Maß, sondern sie stellte ihn als ein armes Kind ohne Vermögen hin, dem sie eine Stellung verschaffen wollte; sie machte ihn kleiner, als er war, um ihn zu behalten; sie machte ihren Vorleser, ihren Sekretär aus ihm; aber sie liebte ihn mehr, als sie, nach dem schrecklichen Unglück, das sie betroffen, geglaubt hatte noch lieben zu können. Sie behandelte sich im geheimen sehr schlecht, sie sagte sich, es sei ein Wahnsinn, einen jungen Menschen von zwanzig Jahren zu lieben, den schon seine Stellung so weit von ihr entfernte. Diese Skrupel brachten sie oft dazu, ihre Vertraulichkeit plötzlich, wie aus einer Laune heraus, mit Anwandlungen von Hochmut wechseln zu lassen. Sie war stolz und gönnerhaft und dann wieder zärtlich und schmeichlerisch. Lucien, den zuerst der hohe Rang dieser Frau verschüchterte, hatte also alle Qualen, alle Hoffnungen, alle Verzweiflungen auszustehen, die die erste Liebe zur Folter machen und sie mit der Gewalt abwechselnder Schläge des Schmerzes und der Freude im Herzen befestigen. Zwei Monate hindurch sah er in ihr eine Wohltäterin, die sich mütterlich seiner annehmen würde. Frau von Bargeton nannte ihren Dichter »lieber Lucien«, dann einfach »Lieber«. Der Dichter wurde kühn und nannte diese große Dame »Naïs«. Als sie hörte, wie er ihr diesen Namen gab, hatte sie einen der Zornanfälle, die für einen jungen Menschen so irreführend sind; sie warf ihm vor, daß er ihr denselben Namen gab wie alle Welt. Die stolze Nègrepelisse erlaubte dem schönen Jüngling, ihr den Namen zu geben, der noch ungenutzt war, sie wollte für ihn »Louise« heißen. Lucien fühlte sich im siebenten Himmel der Liebe. Eines Abends war Lucien bei ihr eingetreten, als Louise gerade ein Porträt betrachtete, das sie schnell wegsteckte. Er wollte es sehen. Um die Verzweiflung eines ersten Eifersuchtsanfalles zu beruhigen, zeigte ihm Louise das Porträt des jungen Cante-Croix und erzählte nicht ohne Tränen die schmerzliche Geschichte ihrer keuschen und so grausam getöteten Liebe. Sann sie auf eine Untreue gegen ihren Toten, oder dachte sie daran, Lucien aus diesem Porträt einen Nebenbuhler zu schaffen? Lucien war zu jung, um seine Geliebte enträtseln zu können, er geriet in ehrliche Verzweiflung, denn sie eröffnete das Gefecht, in dem die Frauen in mehr oder weniger schlau verteidigte Skrupel Bresche schießen. Ihre Diskussionen über die Pflichten, die Sitte, die Religion gleichen befestigten Plätzen, die sie im Sturm genommen zu sehen wünschen. Der unschuldige Lucien brauchte diese Koketterien nicht, er hätte den Krieg ganz natürlich geführt.

»Ich werde nicht sterben, ich nicht, ich werde für Sie leben«, sagte Lucien eines Abends. Er war kühn geworden und wollte mit Herrn von Cante-Croix ein Ende machen. Dabei warf er Louise einen Blick zu, aus dem eine Leidenschaft sprach, die zu ihrem Höhepunkt gelangt war.

Sie war erschreckt über die Fortschritte, die diese neue Liebe in ihr und in ihrem Dichter gemacht hatte, und fragte ihn nach den Versen, die er ihr für die erste Seite ihres Albums versprochen hatte; er hatte mit ihrer Niederschrift immer gezögert, und so griff sie, um abzulenken, nach diesem Thema, um mit ihm zu streiten. Wie wurde ihr aber, als sie die beiden folgenden Stanzen las, die sie natürlich schöner fand als die besten von Canalis, dem Dichter der Aristokratie?

Nicht von der Muse zauberisch berührt
Wird jede Hand sein, die den Pinsel führt
Und meine Seiten schmückt;
Doch oft wird meiner schönen Herrin Stift
Mir anvertrauen, was sie schmerzlich trifft
Und was sie still beglückt.

Wenn sie mein gelbgewordenes Papier
Dereinst um die Geschicke fragt, die ihr
Die Zukunft noch verhüllt.
Dann mag die Liebe sehn, daß, treu bewahrt,
Ihr die Erinnerung an diese Fahrt
Noch sanft das Herz erfüllt.

»Habe wirklich ich Ihnen diese Verse eingegeben?« fragte sie.

Dieser Zweifel, den ihr die Koketterie einer Frau eingab, der es Vergnügen machte, mit dem Feuer zu spielen, ließ Lucien Tränen in die Augen treten; sie beruhigte ihn, indem sie zum erstenmal seine Stirn küßte. Lucien war entschieden ein großer Mann, den sie bilden wollte; es kam ihr in den Sinn, ihn Italienisch und Deutsch zu lehren und ihm bessere Manieren beizubringen; es ergaben sich daraus Vorwände, ihn immer bei sich zu haben, ihren langweiligen Hofmachern zum Trotz. Welches Interesse war wieder in ihr Leben gekommen! Sie wandte sich für ihren Dichter wieder der Musik zu, sie weihte ihn in die Welt der Musik ein, sie spielte ihm einige schöne Stücke von Beethoven und entzückte ihn; glücklich über seine Freude, sagte sie, als sie ihn fast außer sich sah, heuchlerisch zu ihm: »Ist es mit diesem Glück nicht genug?« Der arme Dichter beging die Dummheit, »Ja« zu antworten.

Endlich waren die Dinge an dem Punkt angelangt, daß Louise Lucien, eine Woche vor dem Zeitpunkt, an dem wir halten, bei sich zum Essen hatte. Herr von Bargeton war der dritte. Trotz dieser Vorsichtsmaßregel erfuhr die ganze Stadt die Sache und hielt sie für so maßlos unbegreiflich, daß sich jeder fragte, ob sie wahr sein könnte. Es gab einen schrecklichen Aufruhr. Manchem schien die Gesellschaft vor dem Untergang zustehen. Andere riefen aus: »Da sieht man, wohin die liberalen Lehren führen!«

Der eifersüchtige du Châtelet hatte nunmehr ausgekundschaftet, daß Madame Charlotte, die bei den Frauen die Wochenpflege hielt, Frau Chardon war, »die Mutter des Chateaubriand von Houmeau«, wie er sagte. Dieser Ausdruck galt für einen guten Witz. Frau von Chandour war die erste, die zu Frau von Bargeton eilte.

»Wissen Sie, liebe Naïs, wovon ganz Angoulême spricht?« sagte sie zu ihr. »Dieses kleine Dichterlein hat Madame Charlotte zur Mutter, die vor zwei Monaten meine Schwiegertochter im Wochenbett pflegte.«

»Meine Liebe,« sagte Frau von Bargeton mit ihrer königlichsten Miene, »was ist daran Außerordentliches? Ist sie nicht die Witwe eines Apothekers? Ein trauriges Geschick für ein Fräulein von Rubempré! Nehmen wir an, wir ständen ohne einen Pfennig Vermögen da, was täten wir, um zu leben? Wie wollten Sie Ihre Kinder ernähren?«

Die Kaltblütigkeit Frau von Bargetons unterdrückte alles Klagegeschrei des Adels. Die großen Seelen sind immer imstande, aus der Not eine Tugend zu machen. Außerdem besitzt die Beharrlichkeit, mit der man etwas Gutes tut, das einem zur Anschuldigung erhoben wird, einen unbesieglichen Reiz. Die Unschuld hat das Anziehende des Lasters. Am Abend füllte sich der Salon Frau von Bargetons mit ihren Freunden, die kamen, ihr Vorhaltungen zu machen. Sie ließ die ganze Schärfe ihres Witzes spielen; sie sagte, wenn die Herren Edelleute keine Molière, Racine, Rousseau, Voltaire, Massillon, Beaumarchais, Diderot sein könnten, dann müßte man wohl oder übel die Tapezierer, die Uhrmacher, die Messerschmiede empfangen, deren Kinder große Männer würden. Sie sagte, das Genie sei immer von Adel. Sie schalt die Krautjunker, daß sie ihre wahren Interessen so schlecht verstanden. Kurz, sie sagte viele Dummheiten, die für weniger alberne Menschen etwas hätten durchblicken lassen, in diesem Kreise aber für originell galten. Sie beschwor also das Gewitter mit Hilfe von Kanonenschlägen. Als Lucien, den sie bestellt hatte, zum erstenmal in den alten, verblichenen Salon eintrat, wo man an vier Tischen Whist spielte, empfing sie ihn aufs herzlichste und stellte ihn in der Haltung einer Königin vor, die Gehorsam verlangt. Sie nannte den Steuerdirektor »Herr Châtelet« und versteinerte ihn fast, als sie ihm so zu verstehen gab, daß sie wußte, auf wie illegalem Weg das Wörtchen »von« vor seinem Namen entstanden war. Lucien wurde an diesem Abend gewaltsam in die Gesellschaft Frau von Bargetons eingeführt; aber er wurde dort wie ein Giftstoff aufgenommen, den jeder sich vornahm mit Hilfe der Gegengifte der Unverschämtheit wieder auszutreiben. Trotz diesem Triumph verlor Naïs an Einfluß: es gab Abtrünnige, die den Versuch machten, auszuwandern. Auf den Rat des Herrn Châtelet entschloß sich Amélie, das war Frau von Chandour, einen Gegenaltar zu errichten, indem sie an den Mittwochen bei sich empfing. Frau von Bargeton öffnete ihren Salon jeden Abend, und die Menschen, die zu ihr kamen, waren solche Gewohnheitsmenschen, waren so sehr daran gewöhnt, sich in denselben Räumen zu versammeln, dasselbe Tricktrack zu spielen, die Menschen, die Leuchter zu sehen, ihre Mäntel, ihre Überschuhe, ihre Hüte im selben Vorraum zu lassen, daß sie die Treppenstufen ebensosehr liebten wie die Herrin des Hauses. »Alle ließen sich den Stieglitz im heiligen Hain gefallen«, bemerkte Alexandre de Brébian witzig. Schließlich beruhigte der Präsident der Landwirtschaftsgesellschaft den Aufruhr durch eine meisterhafte Bemerkung.

»Vor der Revolution«, sagte er, »empfingen die größten Herren Duclos, Grimm, Crébillon, lauter Leute, die, wie dieser kleine Dichter aus Houmeau, sonst nichts weiter zu bedeuten hatten; aber sie empfingen durchaus keine Steuereinnehmer, und was ist schließlich Châtelet weiter?«

Du Châtelet zahlte für Chardon die Zeche, jeder behandelte ihn kühl. Als er merkte, daß er es auszubaden hatte, ging der Steuerdirektor, der sich seit dem Augenblick, wo sie ihn Châtelet genannt, geschworen hatte, er wolle Frau von Bargeton besitzen, auf ihre Absichten ein; er kam dem jungen Dichter zu Hilfe und nannte sich seinen Freund. Dieser große Diplomat, dessen sich der Kaiser zu seinem Unglück beraubt hatte, schmeichelte Lucien und hieß sich seinen Freund. Um den Dichter zu lancieren, gab er ein Diner, an dem der Präfekt, der Generaldirektor der Steuern, der Oberst des Regiments, das in Angoulême in Garnison lag, der Direktor der Marineschule, der Gerichtspräsident, kurz, alle Spitzen der Behörden teilnahmen. Der arme Dichter wurde so großartig gefeiert, daß jeder andere als ein junger Mensch von zweiundzwanzig Jahren gegen die Lobsprüche, mit denen man ihn täuschte, mißtrauisch geworden wäre. Beim Nachtisch veranlaßte Châtelet seinen Nebenbuhler, seine Ode »Der sterbende Sardanapal« vorzutragen, die zurzeit seine beste Dichtung war. Als er fertig war, klatschte der Lyzeumsdirektor, ein phlegmatischer Mensch, in die Hände und sagte, Jean Baptiste Rousseau habe nichts Besseres gemacht. Der Baron Sixtus Châtelet dachte, der kleine Reimschmied werde früher oder später in der Treibhausluft dieser Lobpreisungen zugrunde gehen, oder er werde sich im Rausche seines verfrühten Ruhmes Frechheiten erlauben, die ihn wieder in das Dunkel schleuderten, aus dem er gekommen war. Bis zum Dahinscheiden dieses Genies schien er seine Ansprüche zu den Füßen der Frau von Bargeton zu opfern; aber er hatte mit der Geschicklichkeit eines Roués seinen Plan festgelegt, verfolgte mit der Aufmerksamkeit eines Strategen die weitere Entwicklung des Verhältnisses der beiden Liebenden und lauerte auf die Gelegenheit, Lucien den Garaus zu machen. Es erhob sich nun in Angoulême und der Nachbarschaft ein dunkles Gerücht, das von dem Vorhandensein eines großen Mannes im Angoumois wissen wollte. Frau von Bargeton wurde für die sorgsame Pflege, die sie dem heranwachsenden Genie widmete, allgemein gelobt. Nachdem sie so einmal Zustimmung gefunden, wollte sie die allgemeine Billigung ernten. Sie erließ im ganzen Departement Einladungen zu einer Abendunterhaltung mit Gefrornem, Kuchen und Tee. Das war eine große Neuerung in einer Stadt, wo man den Tee noch als Mittel gegen Verdauungsstörungen beim Apotheker kaufte. Die Blüte der Aristokratie war geladen, um ein großes Werk zu hören, das Lucien vorlesen sollte. Louise hatte die Schwierigkeiten, die sie zu überwinden gehabt, ihrem Freund verhehlt, aber sie ließ einige Worte von der Verschwörung fallen, die die Welt gegen ihn angezettelt hatte, denn sie wollte nicht, daß ihm die Gefahren der Laufbahn eines genialen Mannes unbekannt blieben, auf der es Hindernisse gibt, die nur ungewöhnliche Tapferkeit zu überwinden vermag. Sie machte aus diesem Sieg eine Nutzanwendung. Sie zeigte ihm mit ihren weißen Händen, wie der Sieg mit unaufhörlichen Martern erkauft werden muß, sie sprach ihm von dem Scheiterhaufen der Märtyrer, den man betreten müßte, sie flocht ihm ihre schwungvollsten Sätze und zierte sie mit den prunkvollsten Worten. Das Wortgebäude, das sie vor ihm auftürmte, sah aus wie die Improvisationen, die den Roman »Corinna« verunstalten. Louise fand sich in ihren Improvisationen so groß, daß sie den Benjamin, der sie ihr eingab, noch mehr liebte; sie gab ihm den Rat, seinen Vater kecklich zu verleugnen und den Adelsnamen »von Rubempré« anzunehmen, ohne sich um das Geschrei zu kümmern, das sich bei dieser Namensänderung erheben würde, die der König übrigens legitim machen würde. Sie sei mit der Marquise d'Espard, einer geborenen von Blamont-Chauvry, verschwägert, die von großem Einfluß bei Hofe sei, und sie nehme es auf sich, diese Gunst zu erlangen. Bei diesen Worten, »der König, die Marquise d'Espard, der Hof« drehte es sich Lucien wie ein Feuerwerk vor den Augen, und die Notwendigkeit dieser Umtaufe war ihm erwiesen.

»Lieber junger Freund« sagte Louise mit zärtlichem Spott zu ihm, »je eher es geschieht, um so schneller wird es anerkannt.«

Sie zeigte ihm der Reihe nach die übereinandergelagerten Schichten der Gesellschaft und ließ den Dichter die Sprossen zählen, die er durch diesen geschickten Entschluß plötzlich übersprang. In einem Augenblick brachte sie Lucien dazu, daß er seine schimärischen demokratischen Gleichheitsideen von 1793 aufgab. Sie erweckte in ihm den Durst, sich auszuzeichnen, den die kühle Vernunft Davids besänftigt hatte; sie zeigte ihm die hohe Gesellschaft als die einzige Bühne, auf der er auftreten durfte. Der haßerfüllte Liberale wurde ein geheimer Monarchist. Lucien fand Geschmack am aristokratischen Luxus und am Ruhm. Er schwor, er wolle seiner Dame eine Krone zu Füßen legen, selbst wenn sie blutig sein sollte; er würde sie um jeden Preis erobern, quibusunque viis. Um seinen Mut zu beweisen, erzählte er Louise seine gegenwärtigen Nöte, die er bisher vor ihr verborgen hatte; jene undefinierbare Scham hatte ihn dazu getrieben, die mit den ersten Gefühlen verknüpft ist und es dem jungen Menschen verwehrt, sein großes Verhalten zur Schau zu stellen, so sehr wünscht er, daß seine Seele in ihrem Inkognito gewürdigt wird. Er schilderte den Druck eines Elends, das mit Stolz ertragen wurde, seine Arbeiten bei David, seine dem Studium geweihten Nächte. Diese junge Glut erinnerte Frau von Bargeton, deren Blick traurig wurde, an den sechsundzwanzigjährigen Oberst. Als Lucien sah, wie seine stolze Herrin von ihrer Schwäche übermannt wurde, ergriff er eine Hand, die sie ihm überließ, und küßte sie mit dem Feuer des Dichters, des Jünglings, des Liebenden. Louise ging so weit, dem Apothekerssohn zu erlauben, ihre Stirn in die Hände zu nehmen und seine zitternden Lippen darauf zu drücken.

»Kind! Kind! wenn man uns sähe, machte ich mich sehr lächerlich«, sagte sie und befreite sich gewaltsam aus ihrer Hingenommenheit und Erstarrung.

An diesem Abend richtete der Geist der Frau von Bargeton in dem, was sie die Vorurteile Luciens nannte, große Verheerungen an. Wenn man sie hörte, hatten geniale Menschen keine Geschwister und keine Eltern, die großen Werke, die sie errichten müßten, legten ihnen einen scheinbaren Egoismus auf und zwängen sie, alles ihrer Größe zu opfern. Wenn die Familie im Anfang unter schweren Kontributionen litte, die ein gigantisches Hirn von ihnen eintriebe, sie erhielte später hundertfach den Preis der Opfer aller Art wieder, die für die ersten Kämpfe eines königlichen Menschen gegen Feinde aller Art erfordert würden, und teilten die Früchte des Sieges. Das Genie sei nur sich selbst unterworfen, es sei der alleinige Richter seiner Mittel, denn es allein kenne das Ende: es müsse sich also über die Gesetze stellen, da es dazu berufen sei, sie zu erneuern; wer sich überdies seines Jahrhunderts bemächtigte, konnte alles nehmen und alles wagen, denn alles gehörte ihm. Sie erinnerte ihn an die Lebensanfänge von Bernhard Palissy, Ludwig XI., Fox, Napoleon, Kolumbus, Cäsar, an alle berühmten, wagemutigen Spieler, die zuerst von Schulden aufgefressen wurden, oder unglücklich, unverstanden waren, für Narren, schlechte Söhne, schlechte Väter, schlechte Brüder gehalten wurden, aber die später der Stolz der Familie, des Landes, der Welt wurden. Diese Erwägungen stimmten gut zu der geheimen Lasterhaftigkeit Luciens und förderten das Verderben seines Herzens, denn in der Hitze seiner Wünsche bewilligte er sich die Mittel a priori. Aber nicht zum Ziele kommen, war ein soziales Majestätsverbrechen. Hatte nicht ein Besiegter alle Bürgertugenden ermordet, auf denen die Gesellschaft beruht, die mit Entrüstung jeden Marius verjagt, der auf ihren Ruinen sitzt? Lucien, der nicht wußte, daß er zwischen dem schmählichen Bagno und den Palmen des Genies schwebte, stand hoch oben auf dem Sinai der Propheten, ohne zu seinen Füßen das Tote Meer, das grauenhafte Leichentuch Gomorras, zu sehen.

Louise befreite Herz und Geist ihres Dichters so gut von den Gängelbändern, an denen ihn das Provinzleben bisher festgehalten hatte, daß Lucien es unternahm, Frau von Bargeton auf die Probe zu stellen, um zu erfahren, ob er, ohne sich der Schande einer Zurückweisung auszusetzen, diese stolze Beute erobern könnte. Die Abendunterhaltung, die angekündigt war, gab ihm Gelegenheit, diese Probe anzustellen. Der Ehrgeiz mischte sich in seine Liebe. Er liebte und wollte hochkommen, ein Doppelwunsch, der bei jungen Leuten sehr natürlich ist, die ein Herz haben, das nach Befriedigung lechzt, und die Not, der sie entrinnen wollen. Die Gesellschaft, die heutzutage alle ihre Kinder an denselben Tisch ladet, erweckt ihren Ehrgeiz schon im Morgen des Lebens. Sie nimmt der Jugend ihre Anmut und verdirbt die meisten ihrer edelmütigen Gefühle, da sie sie mit Berechnung vermengt. Die Poesie möchte, daß es anders wäre; aber die Tatsachen strafen zu oft die Dichtung, an die man glauben möchte, Lügen, als daß man sich erlauben könnte, den jungen Mann anders darzustellen, als er im neunzehnten Jahrhundert ist. Die Berechnung, die Lucien machte, schien ihm einem edlen Gefühl zu dienen, seiner Freundschaft für David.

Lucien schrieb seiner Louise einen langen Brief, denn er war mit der Feder kühner als mit dem gesprochenen Wort. Auf zwölf Blättern, die er dreimal abschrieb, erzählte er von dem Genie seines Vaters, seinen gescheiterten Hoffnungen und dem schrecklichen Elend, dem er preisgegeben war. Er schilderte seine liebe Schwester als einen Engel, David als einen Cuvier der Zukunft, der, ehe er ein großer Mann wurde, ihm Vater, Bruder und Freund war; er schrieb, daß er sich unwürdig glaubte, von Louise, auf die er so stolz war, geliebt zu werden, wenn er sie nicht bäte, für David dasselbe zu tun, was sie für ihn täte. Er verzichtete lieber auf alles, als daß er David Sèchard verriete, er wollte, daß David bei seinem Erfolg zugegen wäre. Er schrieb einen der tollen Briefe,in denen die jungen Menschen jeder Weigerung die Pistole entgegenhalten, in denen die Willkür des Kindes und die unsinnige Logik der schönen Seelen in der kostbarsten Wortfülle sich ausspricht, die mit den naiven Erklärungen geschmückt wird, wie sie dem Herzen entschlüpfen, ohne daß es der Schreiber weiß, und wie sie die Frauen so sehr lieben. Lucien hatte diesen Brief der Kammerfrau übergeben und war dann in die Druckerei gegangen, um den Tag damit zu verbringen, Korrekturen zu lesen, diese und jene Arbeiten zu überwachen und allerlei Kleinigkeiten zu ordnen, und hatte zu David nichts gesagt. In den Tagen, wo das Herz noch jung ist, haben die jungen Leute diese göttliche Verschwiegenheit, überdies fing Lucien vielleicht an, das Beil des Phokion zu fürchten, das David handhabte, vielleicht fürchtete er die Klarheit eines Blicks, der bis in den Grund der Seele drang. Nachdem sie Chénier zusammen gelesen hatten, war sein Geheimnis ihm aus dem Herzen über die Lippen gesprungen. Ein Vorwurf hatte es herausgebracht, den er empfand wie den Finger, den ein Chirurg auf eine Wunde bringt.

Nun stelle man sich die Gedanken vor, die Lucien bestürmen mußten, während er von Angoulême nach Houmeau hinabging. Ob sich die große Dame geärgert hatte? Ob sie David empfangen würde? Ob der Ehrgeizige nicht wieder in sein Loch in Houmeau geworfen würde? Obwohl Lucien, bevor er Louise auf die Stirn geküßt hatte, den Abstand, der eine Königin von ihrem Günstling trennt, zur Genüge hatte ermessen können, sagte er sich nicht, daß David den Raum, zu dem er fünf Monate gebraucht hatte, nicht in einem Augenblick durchschreiten konnte. Er wußte nicht, wie absolut der gegen die kleinen Leute ausgesprochene Ostrazismus war; und es war ihm daher unbekannt, daß ein zweiter Versuch dieser Art Frau von Bargetons Verderben sein mußte. Des Verbrechens angeklagt und überführt, sich mit dem Pöbel eingelassen zu haben, wäre Louise gezwungen gewesen, die Stadt zu verlassen, wo ihre Kaste sie geflohen hätte, wie man im Mittelalter einen Aussätzigen floh. Die Horde der hohen Aristokratie und sogar die Geistlichkeit würden Naïs gegen jeden verteidigt haben, wenn sie einen Fehltritt begangen hätte, aber das Verbrechen, schlechte Gesellschaft bei sich zu sehen, wäre ihr nie verziehen worden; denn wenn man die Fehler der Machthaber entschuldigt, so verdammt man sie nach ihrer Abdankung. Und David zu empfangen, wäre dasselbe gewesen wie abdanken. Wenn Lucien diese Seite der Frage nicht gesehen hatte, so ließ ihn doch sein aristokratischer Instinkt viele andere Schwierigkeiten ahnen, die ihn schreckten. Der Adel der Gefühle verleiht nicht notwendigerweise auch den Adel der Manieren. Racine wirkte wie der adligste Höfling, Corneille aber sah aus wie ein Viehhändler. Descartes hatte das Benehmen eines wohlhabenden holländischen Kaufmanns. Die Besucher von la Brede hielten oft Montesquieu, wenn sie ihn trafen, mit seinem Rechen über der Schulter und der Nachtmütze auf dem Kopf, für einen gewöhnlichen Gärtner. Wenn der feine Weltton nicht eine Gabe hoher Geburt ist, ein Wissen, das mit der Muttermilch eingesogen oder im Blute vererbt ist, stellt er eine Zucht vor, die der Zufall durch eine gewisse Eleganz der Formen, durch eine feine Besonderheit in den Zügen, durch einen gewissen Ton in der Stimme unterstützen muß. All diese wichtigen kleinen Dinge fehlten David, während die Natur seinen Freund damit begabt hatte, Lucien, der von Mutterseite her adliger Abstammung war. Lucien hatte sogar den hochgewölbten Fuß des Franken, während David Séchard die Plattfüße des Kelten und den gebeugten Nacken seines Vaters, des Buchdruckers, hatte. Lucien hörte in den Ohren schon die Spottreden, die auf David niederprasselten, es schien ihm, er sähe das Lächeln, das Frau von Bargeton unterdrückte. Kurz, ohne sich geradezu seines Bruders zu schämen, nahm er sich doch vor, in Zukunft nicht mehr so auf seine erste Regung zu hören und sie erst zu prüfen. Nach der Stunde der Poesie und der Opferwilligkeit, nach einer Lektüre, die den beiden Freunden eben den literarischen Himmel, von einer neuen Sonne beleuchtet, gezeigt hatte, schlug jetzt für Lucien die Stunde der Politik und der Berechnung. Als er in Houmeau angelangt war, bereute er seinen Brief, er wünschte, ihn wieder zurücknehmen zu können, denn ihm kam eine Ahnung von den unerbittlichen Gesetzen der Welt. Er wußte, wie sehr das Glück, das er erlangt hatte, den Ehrgeiz begünstigte, und es kam ihn schwer an, seinen Fuß von der ersten Sprosse der Leiter zurückzuziehen, auf der er zur Größe emporsteigen sollte. Dann erwachten wieder in seiner Erinnerung die Bilder seines einfachen und ruhigen, mit den schönsten Blumen des Empfindens geschmückten Lebens, dieser geniale David, der ihn so edel unterstützt hatte, der ihm, wenn es nottäte, sein Leben opferte, seine Mutter, die in ihrer niedrigen Lage nicht aufhörte, die große Dame zu sein, die von ihm glaubte, er wäre ebenso gut, wie er geistvoll war, seine Schwester, die in ihrem stillen Dulden, ihrer reinen Kindlichkeit und ihrer Unschuld so anmutig war, seine Hoffnungen, die noch kein Sturmwind entblättert hatte, all dessen gedachte er. Er sagte sich jetzt, es wäre schöner, sich mit den Streichen des Erfolges durch die geschlossenen Heerhaufen des aristokratischen oder bürgerlichen Lagers hindurchzuhauen, als durch die Gunst einer Frau ans Ziel zu gelangen. Früher oder später mußte sein Geist leuchten und berühmt werden, wie der so vieler Männer, seiner Vorgänger, die mit der Gesellschaft fertig geworden waren, dann würden ihn die Frauen lieben! Das Beispiel Napoleons, das im neunzehnten Jahrhundert durch die Wünsche, die es mittelmäßigen Menschen einflößt, so verhängnisvoll ist, stellte sich vor Lucien hin, und er machte sich seine Berechnungen zum Vorwurf und streute sie in den Wind. So war Lucien beschaffen, er ging mit gleicher Leichtigkeit vom Bösen zum Guten und vom Guten zum Bösen. Statt der Liebe, die der Mann der Wissenschaft seiner stillen Zurückgezogenheit widmen sollte, empfand Lucien seit einem Monat eine Art Schamgefühl, wenn er den Laden sah, an dem in gelben Lettern auf grünem Grund zu lesen war:

Apotheke von Postel
Chardon Nachfolger.

Der Name seines Vaters, der so an einer Stelle geschrieben stand, an der alle Wagen vorbeifuhren, tat ihm in den Augen weh. Am Abend, wenn er seine Tür öffnete, die mit einem kleinen, recht geschmacklosen Gitterwerk geziert war, um nach Beaulieu unter die elegantesten jungen Leute der Oberstadt zu gehen und Frau von Bargeton den Arm zu reichen, hatte er das Mißverhältnis zwischen dieser Wohnung und seinem Glücke oft bitter beklagt.

»Frau von Bargeton lieben, sie vielleicht bald besitzen und in diesem Rattennest wohnen!« sagte er sich, als er durch den Hausgang in den kleinen Hof ging, in dem mehrere Bündel gekochter Kräuter an den Mauern aufgehängt waren, in dem der Lehrling die Kochkessel des Laboratoriums scheuerte, in dem Herr Postel, seine Apothekerschürze vorgebunden und eine Retorte in der Hand, ein chemisches Präparat untersuchte, wobei er aber den Laden nicht aus den Augen verlor; denn wenn er sein Präparat noch so aufmerksam ansah, hatte er doch das Ohr bei der Klingel.

Der Geruch von Kamillen, Pfefferminz und verschiedenen andern destillierten Pflanzen erfüllte den Hof und das bescheidene Gemach, zu dem man auf einer steilen Treppe, die statt des Geländers zwei Stricke hatte, emporstieg. Oben war nur ein Mansardenzimmer, das Lucien bewohnte.

»Guten Tag! mein Junge«, sagte Herr Postel, der der richtige Typus des Provinzkrämers war, zu ihm. »Was macht unsere liebe Gesundheit? Ich mache ein Experiment über die Melasse, aber dein Vater wäre nötig, um herauszufinden, was ich suche. Das war ein Prachtkerl! Wenn ich sein geheimes Mittel gegen die Gicht wüßte, könnten wir heute alle beide in der Equipage fahren!«

Es verging keine Woche, in der der Apotheker, der ebenso dumm wie gutmütig war, Lucien nicht einen Dolchstich gab, indem er von der verhängnisvollen Verschwiegenheit zu ihm sprach, die sein Vater über seine Entdeckung bewahrt hatte.

»Ja, es ist ein großes Unglück«, antwortete Lucien kurz. Er fing an, den früheren Schüler seines Vaters furchtbar ordinär zu finden, den er doch früher oft gepriesen hatte; denn mehr als einmal hatte der wackere Postel die Witwe und die Kinder seines frühern Meisters unterstützt.

»Was gibts denn?« fragte Herr Postel und stellte seine Retorte auf den Tisch des Laboratoriums. »Ist ein Brief für mich gekommen?«

»Ja, einer, der wie Balsam duftet! Er ist im Kontor, auf meinem Pult.«

Der Brief von Frau von Bargeton mitten unter den Apothekerflaschen! Lucien stürzte in den Laden.

»Eile dich, Lucien, dein Essen wartet seit einer Stunde, es wird kalt werden«, rief eine angenehme Stimme in sanftem Ton durch ein halbgeöffnetes Fenster. Lucien hörte nicht mehr.

»Ihr Bruder hat den Rappel, Fräulein«, sagte Postel und hob die Nase hoch.

Dieser Junggeselle, der einige Ähnlichkeit mit einem kleinen Branntweinfäßchen hatte, auf das die Phantasie eines Malers ein plumpes, gerötetes und blatternarbiges Gesicht gesetzt hätte, nahm, als er Eva erblickte, eine feierliche und liebliche Miene an, die erkennen ließ, daß er mit der Absicht umging, die Tochter seines Vorgängers zu heiraten, ohne daß er mit dem Zwiespalt fertig werden konnte, den die Liebe und das Interesse in seinem Herzen miteinander ausfochten. Daher sagte er zu Lucien oft lächelnd die Worte, die er auch jetzt zu ihm sagte, als der junge Mann wieder bei ihm vorbeikam: »Sie ist ganz reizend, deine Schwester! Du bist auch nicht übel! Euer Vater hat alles gut gemacht!«

Eva war groß, brünett, hatte schwarze Haare und blaue Augen. Obwohl sie Proben eines männlichen Charakters zeigte, war sie sanft, zart und hingebend. Ihre Unschuld, ihr kindliches Wesen, ihre ruhige Fügung in ein Leben der Arbeit, ihre Klugheit, die ohne jede Bosheit war, hatten David Séchard bestricken müssen. So war denn auch von ihrem ersten Beisammensein an eine stille, schlichte Liebe zwischen ihnen entstanden, eine deutsche Liebe, ohne leidenschaftliches Wesen und stürmische Erklärungen. Jeder von beiden hatte im geheimen an den andern gedacht, wie wenn ein eifersüchtiger Gatte sie getrennt hätte, für den dieses Gefühl eine Kränkung gewesen wäre. Alle beide verbargen ihr Gefühl vor Lucien, dem sie vielleicht irgendeinen Schaden anzutun fürchteten. David fürchtete sich, er könnte Eva nicht gefallen, und sie wiederum überließ sich der ganzen Verzagtheit, die die Not mit sich bringt. Eine richtige Arbeiterin wäre kühn gewesen, aber ein wohlerzogenes Mädchen, das in schlechte Lage gekommen ist, paßt sich dem Unglück an. Eva, deren Wesen bescheiden, die aber in Wirklichkeit stolz war, wollte es nicht auf den Sohn eines Mannes absehen, der für reich galt. In diesem Augenblick schätzten die Leute, die den wachsenden Wert des Grundbesitzes kannten, das Landgut in Marsac auf mehr als achtzigtausend Franken, die Ländereien ungerechnet, die der alte Séchard, der viel Ersparnisse und glückliche Ernten hatte und im Verkauf geschickt war und die rechten Gelegenheiten abpaßte, noch dazukaufen mußte. David war vielleicht der einzige Mensch, der nichts von dem Vermögen seines Vaters wußte. Für ihn war Marsac ein heruntergekommenes Anwesen, das sein Vater im Jahre 1810 für fünfzehn- oder sechzehntausend Franken gekauft hatte, das er einmal im Jahr zur Zeit der Weinlese besuchte, wo der Vater dann mit ihm durch die Weinberge ging und ihm von den reichen Ernten erzählte, die der Drucker nie zu sehen bekam und um die er sich sehr wenig kümmerte. Die Liebe eines an die Einsamkeit gewöhnten Gelehrten, dessen Gefühle sich dadurch noch steigerten, daß er sich die Schwierigkeiten übertrieben groß vorstellte, hätte ermutigt werden müssen, denn für David war Eva ein stolzeres Weib, als es eine große Dame für einen armen Kommis ist. Er war in der Nähe seiner Verehrten linkisch und unruhig, hatte es ebenso eilig, wieder fortzugehen wie hinzukommen, und hielt seine Gefühle zurück, anstatt sie zum Ausdruck zu bringen. Oft am Abend ersann er einen Vorwand, um Lucien noch sprechen zu müssen, und stieg von der Place du Mûrier durchs Palet-Tor nach Houmeau hinab; aber wenn er an der grünen Tür mit dem eisernen Gitter angekommen war, kam ihm die Furcht, er komme zu spät oder er falle Eva, die sich vielleicht schon hingelegt hatte, lästig, und ergriff die Flucht. Obschon diese große Liebe nur an kleinen Zeichen zu erkennen war, hatte sie Eva wohl bemerkt; es schmeichelte ihr, ohne daß sie hochmütig wurde, der Gegenstand der tiefen Verehrung zu sein, die in den Blicken, den Worten, dem Benehmen Davids zum Ausdruck kam. Aber was ihr an ihm vor allem gefiel, war seine fanatische Freundschaft zu Lucien; er hätte auf kein besseres Mittel kommen können, Eva zu gefallen. Wollte man sagen, worin sich die stummen Wonnen dieser Liebe von einer lebhaften, lauten Leidenschaft unterschieden, so müßte man sie den Feldblumen im Gegensatz zu den grellen Gartenblumen vergleichen. Es waren sanfte, zarte Blicke, wie die blauen Lotosblumen, die auf dem Wasser schwimmen, flüchtige Liebeszeichen, wie der schwache Duft der Heckenrose, sanfte Traurigkeit, wie der Samt des Mooses; Blumen zweier schönen Seelen, die aus einem reichen, fruchtbaren, unwandelbaren Boden erwachsen. Eva hatte schon öfter die verborgene Kraft, die unter diesen schwachen Äußerungen schlummerte, erraten. Sie war David für alles, was er nicht wagte, so dankbar, daß der geringste Zwischenfall eine innigere Verbindung ihrer Seelen herbeiführen konnte.

Eva hatte Lucien die Tür schon geöffnet, und er ließ sich schweigend an einem kleinen Tisch ohne Tischtuch nieder, auf dem sein Gedeck lag. Der arme kleine Haushalt besaß nicht mehr als drei silberne Bestecke, die Eva alle für den geliebten Bruder benutzte.

»Was liest du denn da?« fragte sie, nachdem sie eine Platte auf den Tisch gestellt, die sie eben vom Feuer genommen hatte. Zugleich löschte sie mit dem Dämpfer die Flamme ihres kleinen Ofens.

Lucien antwortete nicht. Eva nahm einen Teller, der zierlich mit Weinblättern garniert war, und stellte ihn mit einer Schale voll Rahm auf den Tisch.

»Hier, Lucien, ich habe Erdbeeren für dich.«

Lucien war so in seine Lektüre vertieft, daß er nicht hörte. Eva setzte sich neben ihn, ohne im geringsten ärgerlich zu sein; denn es macht einer Schwester großes Vergnügen, von ihrem Bruder ungeniert behandelt zu werden.

»Aber was hast du denn?« rief sie, als sie Tränen in den Augen ihres Bruders schimmern sah. »Nichts, nichts, Eva«, sagte er. Er legte den Arm um sie, zog sie an sich und küßte sie mit plötzlicher Zärtlichkeit auf die Stirn und die Haare und dann auf den Nacken. »Du verbirgst etwas vor mir?«

»Sie liebt mich!«

»Ich wußte wohl, daß du nicht mich umarmst«, sagte die arme Schwester in schmollendem Ton und wurde rot.

»Wir werden alle glücklich sein«, rief Lucien und aß dabei hastig seine Suppe.

»Wir?« wiederholte Eva, und fügte dann in derselben Ahnung, die sich Davids bemächtigt hatte, hinzu: »Du wirst uns nicht mehr so lieb haben!«

»Wie kannst du das glauben, da du mich kennst?«

Eva drückte ihm die Hand. Dann trug sie den leeren Teller und die braune irdene Suppenschüssel ab und stellte ihm das Gericht hin, das sie für ihn bereitet hatte. Anstatt zu essen, las Lucien den Brief Frau von Bargetons noch einmal, den die zurückhaltende Eva nicht zu sehen verlangte; so viel Achtung hatte sie vor ihrem Bruder: wenn er ihr ihn mitteilen wollte, mußte sie warten, und wenn er nicht wollte, konnte sie es verlangen? Sie wartete. Der Brief lautete:

»Mein Freund! Warum sollte ich Ihrem Freund und Studiengenossen die Unterstützung versagen, die ich Ihnen geliehen habe? In meinen Augen sind die Talente gleichberechtigt; aber Sie kennen die Vorurteile der Menschen nicht, die meine Gesellschaft bilden. Wir werden es nicht durchsetzen, daß der Adel des Geistes von denen erkannt wird, die die Aristokratie der Dummheit sind. Wenn ich es nicht vermag, ihnen Herrn David Séchard aufzuzwingen, bringe ich Ihnen gern diese Armseligen zum Opfer. Das wird wie eine antike Hekatombe sein. Aber, lieber Freund, Sie wollen doch gewiß nicht, daß ich jemanden empfange, dessen Geist oder Manieren mir nicht gefallen könnten. Ihre Schmeicheleien haben mich gelehrt, wie leicht die Freundschaft blind ist! Werden Sie mir böse sein, wenn ich an meine Einwilligung eine Bedingung knüpfe? Ich will Ihren Freund sehen, einen Eindruck von ihm bekommen und durch eigenes Urteil im Interesse Ihrer Zukunft feststellen, ob Sie sich nicht täuschen. Ist das nicht eine der mütterlichen Sorgen, die für Sie, mein lieber Dichter, haben muß

Louise von Nègrepelisse?«

Lucien wußte nicht, mit welcher Kunst in der großen Welt das Ja gehandhabt wird, wenn man nein sagen will, und umgekehrt. Dieser Brief war ein Triumph für ihn. David würde zu Frau von Bargeton gehen und da die Majestät des Genies glänzen lassen. In dem Rausch, in den ihn ein Sieg versetzte, der ihn an die Macht seines Einflusses auf die Menschen glauben ließ, nahm er eine so stolze Haltung an, so viel Hoffnungen spiegelten sich auf seinem vor freudiger Erregung strahlenden Gesicht, daß seine Schwester sich nicht enthalten konnte, ihm zu sagen, er wäre schön.

»Wenn sie Geist hat, muß sie dich wohl lieben, diese Frau! Und heute abend wird sie sich grämen, denn alle Frauen werden sich um dich reißen. Du wirst schön sein, wenn du deinen ›Johannes auf Patmos‹ vorliest. Ich wollte, ich wäre eine Maus, um heimlich dabei sein zu können! Komm, ich habe deinen Anzug im Zimmer unserer Mutter bereitgelegt.«

Dieses Zimmer sprach von verschämter Armut. Es befand sich ein Nußbaumbett darin, über dem weiße Vorhänge angebracht waren und neben dem ein kümmerlicher grüner Teppich lag. Ferner vervollständigten die Einrichtung eine Kommode, über der ein Spiegel hing, und Stühle aus Nußbaumholz. Auf dem Kamin erinnerte eine Standuhr an die Tage des früheren Wohlstandes. Am Fenster hingen weiße Gardinen. Die Wände hatten graue Tapeten mit grauen Blumen. Der Fußboden, den Eva gestrichen hatte und immer putzte, glänzte vor Sauberkeit. In der Mitte des Zimmers stand ein Nipptischchen, auf dem auf einem roten Tablett, das mit goldenen Röschen verziert war, drei Tassen und eine Zuckerdose aus Porzellan von Limoges standen. Eva schlief in einer anstoßenden Kammer, die ein schmales Bett, einen alten Lehnstuhl und ein Nähtischchen nah am Fenster enthielt. Die Enge dieser Kajüte machte es nötig, daß die Glastür immer offen stand, um Luft hineinzulassen. Trotz der Not, von denen die Sachen deutlich genug redeten, zeugten sie von der Bescheidenheit eines arbeitsamen Lebens. Für solche, die die Mutter und ihre beiden Kinder kannten, war es ein Bild rührender Harmonie.

Lucien legte seine Krawatte an, als in dem kleinen Hof der Schritt Davids vernehmbar wurde, und schon trat auch der Buchdrucker mit dem Schritt und der Haltung eines Menschen ein, der es eilig hat.

»Holla, David,« rief unser Ehrgeiziger, »wir siegen! Sie liebt mich! Du wirst hingehen.«

»Nein,« sagte der Buchdrucker mit verlegenem Gesicht, »ich muß dir für diesen Freundschaftsbeweis danken, über den ich inzwischen reiflich nachgedacht habe. Mein Leben, Lucien, ist festgelegt. Ich bin David Séchard, königlicher Buchdrucker in Angoulême, dessen Name an allen Mauern unten an den Plakaten zu lesen steht. Für die Menschen dieser Kaste bin ich ein Handwerker, ein Kaufmann, wenn du willst, jedenfalls ein Gewerbetreibender, der seinen Laden in der Rue de Beaulieu, Ecke der Place du Mûrier hat. Noch besitze ich weder das Vermögen eines Keller noch die Berühmtheit eines Desplein, welche zwei Arten von Macht die Adligen zwar noch nicht gelten lassen wollen, die aber da sind, allerdings jedoch, darin stimme ich mit ihnen überein, nichts sind ohne die Lebensgewandtheit und die Manieren des Edelmanns. Womit wollte ich diese plötzliche Erhöhung rechtfertigen? Ich würde mich bei den Bürgern sowohl wie bei den Adligen zum Gespött machen. Deine Lage ist eine ganz andere. Ein Faktor ist zu nichts verpflichtet. Du arbeitest, um Kenntnisse zu erlangen, die zum Gelingen deiner Pläne unentbehrlich sind, du kannst deine gegenwärtige Beschäftigung mit deiner Zukunft erklären. Übrigens kannst du morgen etwas anderes anfangen, die Rechte oder die Diplomatie studieren, oder zur Verwaltung übergehen. Kurz, du hast keinen festen Beruf und bist noch nicht rubriziert. Genieße deine soziale Jungfräulichkeit, gehe allein deines Weges und strecke die Hand nach den Ehren aus, die dir winken! Genieße froh alle Freuden, selbst die, die die Eitelkeit verschafft. Sei glücklich, ich werde deine Erfolge mitgenießen, du wirst mein zweites Ich sein. Ja, in Gedanken werde ich dein Schicksal mitleben. Für dich die Feste, den Glanz der Welt und die rasche Schwungkraft ihrer Intrigen; für mich das ernste, arbeitsame Leben des Kaufmanns und die geduldige Beschäftigung der Wissenschaft. Du wirst unsere Aristokratie sein«, sagte er und blickte dabei Eva an. »Wenn du stürzen wirst, wird mein Arm dich halten. Wenn du einen Verrat zu beklagen hast, flüchte dich an unser Herz, da findest du unwandelbare Liebe. Wenn der Schutz, die Gunst, der gute Wille der Menschen sich auf zwei verteilen sollten, könnten sie müde werden, wir würden uns gegenseitig schaden. Geh voran, du wirst mich nachschleppen, wenn es nötig ist. Ich beneide dich nicht, im Gegenteil, ich weihe mich dir. Was du da für mich getan hast, indem du die Gefahr auf dich nahmst, deine Wohltäterin, vielleicht deine Geliebte zu verlieren, ehe du mich verließest, mich verleugnetest, diese schlichte, große Tat, Lucien, müßte mich für ewig an dich binden, wenn wir nicht schon wie zwei Brüder wären. Du brauchst keine Gewissensbisse zu haben und nicht zu besorgen, daß du das bessere Teil erwählt hättest. Diese ungleiche Teilung sagt mir zu. Und schließlich, auch wenn du mir einige Schmerzen zufügen solltest, wer weiß, ob ich nicht ewig dein Schuldner wäre.«

Bei diesen Worten warf er einen überaus schüchternen Blick auf Eva, der die Augen voller Tränen standen, denn sie verstand alles.

»Schließlich«, sagte er zu dem verdutzten Lucien, »bist du hübsch, hast eine schöne Gestalt, deine Kleider sitzen dir gut, du siehst in deinem blauen Rock mit den gelben Knöpfen, mit einer ganz einfachen Nankinghose wie ein Edelmann aus, ich dagegen stünde in dieser vornehmen Welt wie ein Handwerker da, ich wäre linkisch, verlegen, sagte dummes Zeug oder gar nichts. Du kannst, um dich dem Vorurteil der Titel und Namen zu fügen, den Namen deiner Mutter annehmen, kannst dich ›Lucien von Rubempré‹ heißen lassen, ich bin und bleibe immer David Séchard. In der Welt, in die du gehst, ist dir alles dienlich und mir alles von Nachteil. Du bist dazu geschaffen, ans Ziel zu kommen. Die Frauen werden dein himmlisches Gesicht vergöttern. Nicht wahr, Eva?«

Lucien fiel David um den Hals und küßte ihn. Diese bescheidene Zurückhaltung machte vielen Schwierigkeiten ein Ende. Wie sollte er nicht diesem Manne gegenüber seine Zärtlichkeit verdoppeln, der aus Freundschaft auf dieselben Gedanken gekommen war, zu denen ihn der Ehrgeiz geführt hatte? Der Ehrgeizige und der Liebende in ihm spürten ebene Bahn vor sich, und in das Herz des Jünglings und des Freundes zog Freude ein. Es war einer der seltenen Augenblicke im Menschenleben, wo alle Kräfte sanft angespannt sind, alle Saiten vibrieren und vollen Ton erklingen lassen. Aber diese Klugheit einer schönen Seele verstärkte in Lucien noch die Tendenz, die den Menschen dazu bringt, alles auf sich zu beziehen. Wir sagen alle mehr oder weniger wie Ludwig XIV.: »Der Staat bin ich!« Die hingebende Zärtlichkeit seiner Mutter und seiner Schwester, die Aufopferung Davids, die Gewohnheit, sich als Gegenstand der geheimen Bemühungen dieser drei Menschen zu sehen, gaben ihm die Fehler des Schoßkindes, erzeugten in ihm jenen Egoismus, der den Edlen verzehrt, dem Frau von Bargeton, da sie ihn dazu brachte, seine Verpflichtungen gegen seine Mutter, seine Schwester und David zu vergessen, schmeichelte. Es war noch nicht so weit; aber hatte er nicht zu befürchten, er würde, wenn er den Kreis seines Ehrgeizes erweiterte, gezwungen sein, nur an sich zu denken, um sich zu halten?

Nach diesem erregten Auftritt sagte David zu Lucien, sein Gedicht »Johannes auf Patmos« wäre vielleicht zu biblisch, um in einer Gesellschaft vorgelesen zu werden, der die Poesie der Apokalypse wenig vertraut sein konnte. Lucien, der vor dem schwierigsten Publikum der Charente auftreten sollte, schien unruhig zu werden. David riet ihm, den André de Chénier mitzunehmen und ein zweifelhaftes Vergnügen durch ein sicheres zu ersetzen. Lucien las vorzüglich, er würde ohne Frage Beifall finden und zugleich eine Bescheidenheit zeigen, die ihm ohne Zweifel nützlich sein würde. Wie die meisten jungen Leute, liehen sie der großen Welt ihren eigenen Verstand und ihre Vorzüge. Wenn die Jugend, die noch nicht Schiffbruch gelitten hat, gegen die Fehler der andern unduldsam ist, so schenkt sie ihnen doch auch ihr wundervolles Vertrauen. Man muß in der Tat viel Erfahrung im Leben hinter sich haben, ehe man erkennt, daß nach einem schönen Wort Raffaels ›verstehen‹ ›gleichstellen‹ heißt. Im allgemeinen ist Sinn und Verständnis für Poesie in Frankreich selten, wo der Witz die Quelle heiliger Begeisterungstränen schnell austrocknet, wo niemand sich die Mühe geben will, das Erhabene zu verstehen und ihm auf den Grund zu gehen, um seine Unendlichkeit zu gewahren. Lucien sollte seine erste Erfahrung über die Verständnislosigkeit und Kälte der großen Welt machen! Er ging bei David vorbei, um dort den Gedichtband mitzunehmen.

Als die beiden Liebenden allein waren, kam David in eine Verlegenheit, wie er sie nie im Leben empfunden hatte. Er war in tausend Ängsten, hoffte, daß sie ihn lobte, und fürchtete es, er wünschte zu fliehen, denn auch die Scham hat ihre Koketterie! Der arme Liebhaber wagte kein Wort zu sagen, das so hätte klingen können, als ob er einen Dank erwartete; er fand alle Worte peinlich und blieb schweigsam in der Haltung eines Verbrechers. Eva, die die Qualen seiner Schüchternheit ahnte, gefiel es, dieses Schweigen zu genießen; aber als David seinen Hut hin und her drehte und Miene machte, fortzugehen, lächelte sie.

»Herr David,« sagte sie zu ihm, »da Sie den Abend nicht bei Frau von Bargeton weilen, könnten wir ihn zusammen verbringen. Es ist schönes Wetter, wollen wir am Ufer der Charente spazieren gehen? Wir können von Lucien plaudern.«

David hatte Lust, diesem entzückenden Mädchen zu Füßen zu fallen. Eva hatte in den Ton ihrer Stimme einen Lohn gelegt, der alle seine Hoffnungen überstieg; sie hatte durch die Freundlichkeit der Rede die Schwierigkeit der Situation gelöst; ihr Vorschlag war mehr als ein Lob, war die erste Liebesgunst.

»Nur«, sagte sie, auf eine Bewegung, die David machte, »lassen Sie mir einige Augenblicke zum Umkleiden.«

David, der in seinem Leben keine Melodie behalten hatte, sang, als er die Treppe hinunterging, leise vor sich hin, was dem braven Postel auffiel und ihn zu argwöhnischen Gedanken über die Beziehungen zwischen Eva und dem Buchdrucker brachte.

Die geringsten Umstände dieses Abends übten starke Wirkung auf Lucien, dessen Eigenheit es war, die kleinsten Eindrücke zu empfinden. Wie alle unerfahrenen Liebhaber, kam er so früh hin, daß Louise noch nicht im Salon war. Nur Herr von Bargeton war da. Lucien hatte schon ein paar von den kleinen Erbärmlichkeiten erlernt, mit denen der Liebhaber einer verheirateten Frau sein Glück erkauft und die den Frauen anzeigen, wieviel sie verlangen können; aber er war noch nie mit Herrn von Bargeton allein zusammen gewesen.

Dieser Edelmann war einer der kleinen Geister, die sich behutsam zwischen der harmlosen Nichtigkeit, die noch versteht, und der hochmütigen Dummheit, die nichts annehmen und nichts von sich geben will, bewegen. Er war von seinen Pflichten gegen die Welt durchdrungen und bemühte sich, ihr angenehm zu sein, und so bildete nun das Lächeln eines Tänzers seine einzige Sprache. Ob er zufrieden oder unzufrieden war, er lächelte. Er lächelte bei einer Unglücksbotschaft ebensowohl wie bei der Nachricht von einem glücklichen Ereignis. Dieses Lächeln war durch den Ausdruck, den ihm Herr von Bargeton gab, gut für alles. Wenn eine direkte Zustimmung unumgänglich notwendig war, verstärkte er sein Lächeln durch ein freundliches Lachen, und nur im äußersten Notfall gab er ein Wort von sich. Ein Zusammensein unter vier Augen war die einzige Verlegenheit, die sein vegetatives Leben störte; er war dann gezwungen, in der Unendlichkeit seiner inneren Leere nach etwas zu suchen. Meistens zog er sich dadurch aus der Verlegenheit, daß er die naiven Gewohnheiten seiner Kindheit wieder aufnahm: er dachte laut, weihte seinen Partner in die geringsten Kleinigkeiten seines Lebens ein, drückte ihm seine Bedürfnisse, seine kleinen Stimmungen aus, die er schon für Ideen hielt. Er sprach weder vom Regen noch vom schönen Wetter; er machte keinen Gebrauch von den Gemeinplätzen der Unterhaltung, die die Zuflucht der Schwachköpfe sind, er sprach dann vielmehr von intimeren Angelegenheiten des Lebens.

»Aus Gefälligkeit gegen Frau von Bargeton habe ich diesen Vormittag Kalbfleisch gegessen, das sie gern hat, und habe Magenschmerzen«, sagte er wohl. »Ich weiß das, ich bekomme sie immer davon; woher kommt das?« Oder auch: »Ich werde klingeln und mir ein Glas Zuckerwasser kommen lassen; wollen Sie auch gleich eins?« Oder auch: »Ich werde morgen ausreiten und meinen Schwiegervater besuchen.«

Diese kleinen Sätze, die keine Diskussion erlaubten, brachten aus dem Partner ein Nein oder ein Ja heraus, und die Unterhaltung lag wieder am Boden. Herr von Bargeton flehte alsdann seinen Besucher um Hilfe an, indem er seine Stumpfnase zur Seite drehte und ihn mit seinen großen glasigen Augen in einer Weise ansah, die bedeuten sollte: »Sie sagten?« Die langweiligen Menschen, die von nichts anderem reden können als von sich selbst, behandelte er sehr zärtlich, er hörte ihnen mit biederer und zarter Aufmerksamkeit zu, und das machte ihn ihnen so wertvoll, daß die Schwätzer von Angoulême ihm heimlichen Verstand zuschrieben und behaupteten, er werde falsch beurteilt. Daher kamen diese Leute auch, wenn ihnen niemand mehr zuhören wollte, zu Herrn von Bargeton, um bei ihm ihre Geschichten oder ihre Betrachtungen zu vollenden, und waren sicher, sein zustimmendes Lächeln zu finden. Da der Salon seiner Frau immer sehr besucht war, fühlte er sich im allgemeinen wohl darin. Er beschäftigte sich mit den kleinsten Einzelheiten: er achtete darauf, wer eintrat, grüßte den Ankömmling lächelnd und führte ihn seiner Frau zu, er lauerte auf die, die fortgingen, gab ihnen das Geleite und empfing ihre Abschiedsworte mit seinem ewigen Lächeln. Wenn die Unterhaltung belebt war und er jeden beschäftigt sah, blieb der glückliche Stumme, wie ein Storch auf seinen Stelzen, auf seinen hohen Beinen aufgepflanzt und gab sich die Miene, als höre er einem politischen Gespräch zu, oder er sah einem Spieler in die Karten, ohne etwas davon zu verstehen, denn er kannte kein Spiel; oder er ging auf und ab, sog dabei den Rauch seines Tabaks ein, schnaufte und verdaute. Anaïs war der strahlende Punkt in seinem Leben, sie gab ihm unendliche Freuden. Wenn sie ihre Rolle als Herrin des Hauses spielte, streckte er sich in einem Lehnstuhl aus und bewunderte sie; denn sie sprach für ihn. Dann wollte er sich das Vergnügen machen, den Sinn ihrer schwülstigen Sätze zu verstehen; und da er sie oft erst lange, nachdem sie ausgesprochen waren, verstand, gestattete er sich häufig ein Lächeln, das einen Eindruck machte wie Granaten, die sich in die Erde gebohrt hatten und nachträglich platzten. Die Verehrung, die er ihr entgegenbrachte, ging überdies bis zur Anbetung. Genügt eine Anbetung nicht, gleichviel von wem und warum, glücklich zu machen? Als eine Frau von Geist und Edelmut hatte Anaïs ihren Vorteil nicht mißbraucht. Sie erkannte in ihrem Mann die lenkbare Natur eines Kindes, das nichts anderes verlangt, als beherrscht zu werden. Sie sorgte für ihn, wie man für einen Mantel sorgt: sie hielt ihn sauber, bürstete ihn, verwahrte ihn und ging gut mit ihm um; und da sich Herr von Bargeton gut behandelt, gebürstet und gepflegt fühlte, hatte er für seine Frau eine hündische Liebe gewonnen. Es ist so leicht, ein Glück zu geben, das nichts kostet! Frau von Bargeton kannte kein anderes Vergnügen ihres Mannes als eine gute Tafel und ließ ihm also ausgezeichnete Mahlzeiten vorsetzen; sie hatte Mitleid mit ihm; niemals hatte sie sich über ihn beklagt, und manche Leute, die ihren schweigenden Stolz nicht verstanden, schrieben Herrn von Bargeton verborgene Vorzüge zu. Sie hatte ihn überdies an militärische Disziplin gewöhnt, und der Gehorsam dieses Mannes gegen die Wünsche seiner Frau war unbedingt. Sie sagte zu ihm: »Mach' Herrn Soundso oder Frau Soundso einen Besuch«, und er ging hin wie ein Soldat auf seinen Posten. Er stand unbeweglich vor ihr und präsentierte.

Es stand gerade jetzt in Frage, diesen Stummen zum Deputierten zu ernennen. Lucien besuchte das Haus noch nicht lange genug, um dahintergekommen zu sein, was hinter diesem unglaublichen Charakter steckte. Herr von Bargeton, der in seinem Lehnstuhl lag und alles zu sehen und alles zu verstehen schien, der mit einer solchen Würde zu schweigen verstand, machte ihm einen höchst imponierenden Eindruck. Anstatt ihn als Prellstein zu nehmen, machte Lucien infolge der Neigung, die phantasievolle Menschen dazu bringt, alles vergrößert zu sehen und allen Gestalten eine Seele zu leihen, aus diesem Edelmanne eine furchtbare Sphinx und hielt es für notwendig, ihm zu schmeicheln.

»Ich bin der erste«, sagte er und grüßte etwas ehrerbietiger, als es der Wackere von anderen gewohnt war. »Das ist ganz natürlich«, antwortete Herr von Bargeton. Lucien nahm diese Bemerkung als spitzes Wort eines eifersüchtigen Gatten, wurde rot, sah in den Spiegel und suchte sich eine stramme Haltung zu geben.

»Sie wohnen in Houmeau«, sagte Herr von Bargeton; »die Leute, die weit entfernt wohnen, kommen immer früher als die, die in der Nähe wohnen.«

»Woher kommt das wohl?« fragte Lucien und nahm eine recht freundliche Miene an.

»Ich weiß nicht«, antwortete Herr von Bargeton, der in seine Starrheit zurückgefallen war.

»Sie wollen nur nicht danach suchen«, fing Lucien wieder an. »Ein Mann, der imstande ist, die Bemerkung zu machen, muß auch die Ursache finden.«

»Ach,« machte Herr von Bargeton, »die letzten Ursachen! Ha, ha!«

Lucien zermarterte sich das Hirn, um der Unterhaltung weiterzuhelfen, die wieder ins Stocken geraten war.

»Frau von Bargeton kleidet sich wohl an?« fragte er und wurde zugleich wütend über die Dummheit dieser Frage. »Jawohl, sie kleidet sich an«, antwortete der Gatte mit ruhiger Natürlichkeit.

Lucien hob die Augen, um die beiden vorspringenden Balken zu betrachten, die in Grau gemalt waren; vermochte aber auf keine Bemerkung zu kommen, mit der er die Unterhaltung hätte fortsetzen können. Doch nicht ohne Schrecken sah er, daß der kleine Kronleuchter mit den alten Kristallgehängen nicht mehr in Gaze eingehüllt war und daß Kerzen darauf steckten. Die Möbelüberzüge waren weggenommen worden, und das rote indische Seidenzeug zeigte seine verblichenen Blumen. Diese Zurüstungen deuteten auf einen außerordentlichen Abend. Dem Dichter kamen Zweifel über die Schicklichkelt seines Anzuges, denn er war in Stiefeln. Mit der dumpfen Starrheit der Furcht betrachtete er eine japanische Vase, die auf einem Pfeilertischchen im Stil Louis XV. stand. Dann bekam er es mit der Angst, er könnte diesem Gatten mißfallen, wenn er ihm nicht den Hof machte, und er beschloß zu erforschen, ob der Gute ein Steckenpferd hätte, dem man schmeicheln könnte.

»Sie verlassen selten die Stadt?« fragte er Herrn von Bargeton und trat wieder zu ihm. »Selten.«

Wieder trat Schweigen ein. Herr von Bargeton belauerte wie eine argwöhnische Katze die geringsten Bewegungen Luciens, der ihn in seiner Ruhe zu stören drohte. Alle beide hatten Angst voreinander.

»Sollte er wegen meiner häufigen Besuche Verdacht geschöpft haben?« dachte Lucien. »Er scheint sehr feindselig gegen mich!«

Zum Glück für Lucien, den die unruhigen Blicke, mit denen Herr von Bargeton, auf und ab gehend, ihn verfolgte, sehr störten, trat der alte Diener, der sich in eine Livree gesteckt hatte, herein und meldete du Châtelet an. Der Baron trat ungezwungen ein, grüßte seinen Freund Bargeton und nickte Lucien mit einer leichten Kopfbewegung zu, die damals in der Mode war, die unser Dichter aber als eine bourgeoise Unverschämtheit empfand. Sixtus du Châtelet trug eine Hose von blendender Weiße mit verborgenen Stegen, die sie in den Falten hielten. Er trug feine Schuhe und feingewebte Strümpfe. Über seiner weißen Weste hing das schwarze Band seiner Lorgnette. An seinem schwarzen Rock schließlich merkte man pariserischen Zuschnitt. Er war der Geck, den sein Vorleben erwarten ließ; aber sein Alter hatte ihm bereits ein rundes Bäuchlein gegeben, das ziemlich schwer in den Grenzen der Eleganz zu halten war. Er färbte sich Haare und Backenbart, die infolge der Leiden seines Reiseerlebnisses weiß geworden waren, und das gab ihm ein steifes Aussehen. Sein Teint, der früher sehr zart gewesen war, hatte die Kupferfarbe der Leute angenommen, die aus Indien zurückgekehrt sind; aber seine Haltung offenbarte doch, obwohl sie durch sein prätentiöses Wesen, das er nicht ablegte, lächerlich wurde, den angenehmen Geheimsekretär einer kaiserlichen Hoheit. Er nahm seine Lorgnette vor die Augen, besah sich die Nankinghose, die Stiefel, die Weste, den in Angoulême verfertigten blauen Rock Luciens, kurz, seinen Nebenbuhler von Kopf bis zu Fuß; dann steckte er kaltblütig die Lorgnette wieder in die Westentasche, wie wenn er hätte sagen wollen: »Ich bin zufrieden.« Lucien, der sich schon durch die Eleganz des Finanzmanns niedergedrückt fühlte, dachte, er werde seine Revanche haben, wenn die Gesellschaft sein von dem Vortrag beseeltes Antlitz sähe; aber nichtsdestoweniger litt er lebhaft und fühlte sich in ein nicht geringeres Unbehagen versetzt als vorher durch die vermeintliche Feindseligkeit des Herrn von Bargeton. Es schien, als werfe der Baron das ganze Gewicht seines Reichtums auf Lucien, um sein Elend möglichst zu demütigen. Herr von Bargeton, der darauf gerechnet hatte, nichts mehr sagen zu brauchen, war bestürzt über das Schweigen, das die beiden Nebenbuhler, die einander beständig prüfend betrachteten, bewahrten; aber er hatte, wenn er sich am Ende seiner Bemühungen sah, immer noch eine Frage, die er sich aufbewahrte wie eine Birne für den Durst, und er hielt es für nötig, sie jetzt loszulassen. Er nahm eine geschäftige Miene an und fragte Châtelet:

»Nun, mein Lieber, was gibt es Neues? Spricht man von etwas?«

»Aber«, antwortete boshaft der Steuerdirektor, »Herr Chardon ist das Neue. Wenden Sie sich an ihn. – Haben Sie uns ein hübsches Gedicht mitgebracht?« fragte der mutwillige Baron und strich sich eine Locke über der Schläfe zurecht, die ihm in Unordnung schien.

»Um zu wissen, ob es mir gelungen ist, hätte ich Sie zu Rate ziehen müssen,« antwortete Lucien; »Sie haben die Poesie schon vor mir betrieben.«

»Bah! ein paar hübsche Vaudevilles, die ich aus Gefälligkeit machte, Gelegenheitsgedichte, Romanzen, denen die Musik erst Wert gab, meine große Epistel an eine Schwester Bonapartes – der Undankbare! –, das gibt keinen Anspruch auf Unsterblichkeit.«

In diesem Augenblick trat Frau von Bargeton im ganzen Glanze einer ausgesuchten Toilette herein. Sie trug einen jüdischen Turban, der mit einer orientalischen Agraffe geziert war. Eine Gazeschärpe, unter der die Steine einer Halskette glitzerten, war anmutig um ihren Hals geschlungen. Ihr Gewand aus gemaltem Muffelin mit kurzen Ärmeln erlaubte ihr, mehrere Armbänder zu zeigen, die an ihren schönen weißen Armen aufgereiht waren. Dieser theatralische Aufzug entzückte Lucien. Herr du Châtelet richtete an diese Königin galant widerwärtig übertriebene Komplimente, und sie lächelte vor Vergnügen, so glücklich war sie darüber, in Luciens Anwesenheit gepriesen zu werden. Sie tauschte mit ihrem lieben Dichter nur einen Blick und antwortete dem Steuerdirektor mit einer Höflichkeit, die ihn bestürzte, weil sie ihn ihrer Intimität ausschloß.

Inzwischen trafen die Gäste so nach und nach ein. Es kamen zunächst der Bischof und sein Generalvikar, zwei würdige und feierliche Gestalten, die einen starken Gegensatz bildeten. Monseigneur war groß und mager, sein Vikar kurz und dick. Alle beide hatten glänzende Augen, aber der Bischof war blaß und sein Stellvertreter hatte ein Gesicht, das von der lebhaftesten Gesundheit gerötet war. Beide hatten nur spärliche Gesten und Bewegungen. Sie traten behutsam auf; ihre Zurückhaltung und ihr Schweigen schüchterten ein; sie galten für sehr geistvoll.

Den beiden Priestern folgten Frau von Chandour und ihr Gatte. Das waren ungewöhnliche Wesen, und wer die Provinz nicht kennt, mochte versucht sein, sie für Phantasiegebilde zu halten. Der Gatte Amélies, der Frau, die sich zur Gegnerin der Frau von Bargeton aufgeworfen hatte, Herr von Chandour, den man Stanislaus nannte, war mit fünfundvierzig Jahren noch schlank, spielte sich auf den jungen Mann hinaus und hatte ein Gesicht, das wie ein Sieb aussah. Seine Krawatte war immer so geknüpft, daß sie zwei drohend herausstehende Enden hatte, von denen das eine hoch hinauf bis zum rechten Ohr ging, das andere sich in die Tiefe bis zu dem roten Band seines Ordenskreuzes neigte. Seine Rockschöße waren breit zurückgeschlagen. Seine tief ausgeschnittene Weste ließ eine aufgeblähte, gestärkte Hemdenbrust sehen, die mit geschmacklos überladenen Busennadeln geschlossen war. Kurz, sein ganzer Anzug sah so exzentrisch aus, daß er die größte Ähnlichkeit mit einer Karikatur besaß und die Fremden, die ihn sahen, sich des Lächelns nicht erwehren konnten. Stanislaus betrachtete sich fortwährend von oben bis unten mit einer Art Selbstzufriedenheit, zählte seine Westenknöpfe, verfolgte die Wellenlinien seiner enganschließenden Hose und liebkoste seine Beine mit einem Blick, der zärtlich an den Spitzen seiner Stiefel hängen blieb. Wenn er aufgehört hatte, sich so zu betrachten, suchten seine Augen einen Spiegel, er prüfte, ob seine Frisur in Ordnung war, sah forschend mit glücklichen Augen nach den Frauen, wobei er einen Finger in die Westentasche steckte, sich zurückbog und sich ganz auf die Seite drehte. Diese Hahnenkampfstellung sicherte ihm in dieser aristokratischen Gesellschaft, deren Lieblingsgeck er war, seinen Erfolg. Meistens waren seine Gespräche mit verblümten Zoten gespickt, wie sie im achtzehnten Jahrhundert beliebt waren. Diese abscheuliche Art, sich zu unterhalten, verschaffte ihm bei den Frauen einigen Erfolg: er brachte sie zum Lachen. Über Herrn du Châtelet fing er an sich zu beunruhigen. In der Tat bemühten sich die Frauen, die sich über die Mißachtung, die sie von dem Gecken von der Steuerverwaltung erfuhren, nicht beruhigen konnten, die gereizt waren durch das Ansehen, das er sich gab, als sei es unmöglich, ihn aus seinem Marasmus zu reißen, und die sein Ton eines blasierten Sultans ausstachelte, noch lebhafter um ihn als bei seiner Ankunft, seitdem Frau von Bargeton sich in den Byron von Angoulême verliebt hatte. Amilie war eine kleine Frau im Stil der Schmierenkomödiantin, dick, weiß, mit schwarzen Haaren; sie übertrieb alles, sprach sehr laut, bewegte immer den Kopf, auf dem sie im Sommer Federn, im Winter Blumen trug, im Kreise hin und her, als ob sie mit ihm radschlagen wollte; sie sprach gut, aber sie konnte keinen Satz vollenden, ohne ihm das Keuchen eines Asthmas zum Geleit zu geben, das sie nicht eingestehen wollte.

Herr von Saintot, Astolf genannt, der Präsident der Landwirtschaftsgesellschaft, ein großer, schwerer Mann mit gerötetem Gesicht, wurde von seiner Frau hereingeschleppt, die große Ähnlichkeit mit einem vertrockneten Farnkraut hatte; man nannte sie Lili, was aus Elise abgekürzt war. Dieser Name, der auf etwas Kindliches schließen ließ, stach grell gegen den Charakter und die Manieren der Frau von Saintot ab, die eine feierliche, überaus fromme Frau und beim Spiel sehr schwer zu behandeln und zänkisch war. Astolf galt für einen großen Gelehrten. Er war zwar dumm wie ein Karpfen, aber er hatte trotzdem für ein landwirtschaftliches Lexikon die Artikel »Zucker« und »Branntwein« geschrieben, die er aus alten Zeitungsartikeln und Büchern, in denen von den beiden Produkten die Rede war, zusammengestohlen hatte. Das ganze Departement glaubte ihn mit einer Abhandlung über die moderne Bodenbestellung beschäftigt. Obwohl er den ganzen Vormittag sich in seinem Arbeitszimmer einschloß, hatte er seit zwölf Jahren noch keine zwei Seiten geschrieben. Wenn ihn jemand besuchte, ließ er sich überraschen, damit man sah, wie er Papier verschmierte, eine verlegte Notiz suchte oder seine Feder schnitt; aber er verbrachte die ganze Zeit, die er in seinem Arbeitszimmer weilte, mit Albernheiten: er las lang und breit die Zeitung, er schnitt mit seinem Federmesser an Pfropfen herum, zeichnete groteskes Zeug auf seine Schreibunterlage, blätterte im Cicero, um sich eilig einen Satz oder ganze Stellen aufzuschreiben, die man auf die Tagesereignisse anwenden konnte; am Abend bemühte er sich dann, die Unterhaltung auf einen Gegenstand zu bringen, der ihm die Bemerkung erlaubte: »Man findet bei Cicero eine Stelle, die für das, was sich in unsern Tagen ereignet, geschrieben zu sein scheint.« Er zitierte dann zum großen Erstaunen seiner Zuhörer seine Stelle, und sie sagten wieder einmal untereinander: »Wahrhaftig, Astolf ist ein Abgrund von Gelehrsamkeit.« Dieser merkwürdige Vorfall sprach sich dann in der ganzen Stadt herum, und so blieb sie bei ihren schmeichelhaften Meinungen über Herrn von Saintot.

Nach diesem Paar kam Herr von Bartas, Adrian genannt. Er sang ersten Baß und tat sich riesig viel auf sein musikalisches Talent zugute. Die Eigenliebe hatte ihn auf den Gesang gebracht und ließ ihn nun nicht mehr herunter; er hatte damit angefangen, sich selbst als Sänger zu bewundern, dann hatte er begonnen, von Musik zu sprechen, und schließlich beschäftigte er sich mit nichts anderem mehr. Die Musik war bei ihm eine Art Monomanie geworden; er wurde nur lebhaft, wenn er von Musik sprach; er litt den ganzen Abend über, bis man ihn bat, er möchte singen. Erst wenn er eins seiner Lieder gebrüllt hatte, fing er an zu leben. Er paradierte, er streckte sich, wenn er Komplimente entgegennahm, er spielte den Bescheidenen, ging aber trotzdem von Gruppe zu Gruppe, um sich loben zu lassen; und wenn schließlich gar nichts mehr zu sagen war, kam er wieder auf die Musik zu sprechen, indem er ein Gespräch über die Schwierigkeiten seines Liedes anschnitt oder den Komponisten rühmte.

Herr Alexander von Brébian, der Held der Tusche, der Zeichner, der die Zimmer seiner Freunde mit abgeschmackten Malereien unsicher machte und jedes Album des Departements verschmierte, begleitete Herrn von Bartas. Jeder von beiden gab der Frau des andern den Arm. Wenn man der chronique scandaleuse glauben wollte, war diese Umstellung eine vollkommene. Die beiden Frauen, Lolotte – Frau Charlotte von Breblan – und Fifine – Frau Iosephine von Bartas –, die sich beide mit nichts weiter beschäftigten als mit einem Busentuch, einem Bänderbesatz oder mit der Zusammenstellung einiger nicht zusammenpassender Roben, waren von der Sehnsucht verzehrt, Pariserinnen zu scheinen, und vernachlässigten ihr Haus, wo alles drunter und drüber ging. Wenn die beiden Frauen, die wie Puppen in zu knapp bemessenen Kleidern eingezwängt waren, eine grelle und bizarre Farbenausstellung zur Schau trugen, gestatteten sich ihre Gatten in ihrer Eigenschaft als Künstler eine provinzmäßige Nachlässigkeit, die sie sehenswert machte. Ihre abgetragenen Röcke gaben ihnen das Aussehen von Statisten, wle sie in kleinen Theatern Leute aus der feinen Gesellschaft darstellen, die an einer Hochzeit teilnehmen.

Unter den Gestalten, die im Salon landeten, war eine der originellsten der Graf von Senonches, der in der aristokratischen Gesellschaft kurz Jacques genannt wurde, ein großer Jäger, hochmütig, trocken, mit sonnverbranntem Gesicht, liebenswürdig wie ein Eber, mißtrauisch wie ein Venezianer, eifersüchtig wie ein Mohr und sehr befreundet mit Herrn du Hautoy, der Francis hieß und Hausfreund war.

Frau von Senonches – Zéphirine – war groß und schön, aber ihr Gesicht infolge eines Leberleidens stark gerötet; sie machte den Eindruck einer Frau, die große Ansprüche stellt. Ihre feine Taille, ihre zarte Gestalt erlaubten ihr ein schmachtendes Wesen, das affektiert schien, aber nur der Ausdruck der immer befriedigten Leidenschaften und Launen einer Frau war, die geliebt wurde.

Francis war ein sehr vornehmer Herr, der das Konsulat von Valencia und seine diplomatischen Hoffnungen aufgegeben hatte, um in Angoulême bei seiner Zéphirine zu sein, die auch Zizine genannt wurde. Der frühere Konsul kümmerte sich um den Haushalt, nahm sich der Erziehung der Kinder an, unterrichtete sie in den fremden Sprachen und verwaltete das Vermögen von Herrn und Frau von Senonches mit großer Hingabe. Die Adligen, die Beamten und die Bürger von Angoulême hatten lange über die völlige Eintracht dieser Haushaltung zu dreien geredet; aber auf die Dauer erschien dieses Mysterium von Dreieinigkeit in der Ehe so selten und reizend, daß man Herrn du Hautoy für überaus unmoralisch gehalten hätte, wenn er Miene gemacht hätte, sich zu verheiraten. Überdies fing man an, hinter der außergewöhnlichen Neigung der Frau von Senonches für ein Patenkind, das Fräulein de la Haye hieß und das ihr als Gesellschafterin diente, aufregende Geheimnisse zu wittern; und trotz einiger scheinbarer Unmöglichkeiten in den Daten fand man eine frappierende Ähnlichkeit zwischen Françoise de la Haye und Francis du Hautoy. Wenn Jacques in der Gegend jagte, fragte ihn jeder, wie es Francis gehe, und er erzählte von den kleinen Unpäßlichkeiten seines freiwilligen Verwalters, noch bevor er von seiner Frau sprach. Diese Blindheit schien bei einem eifersüchtigen Menschen so seltsam, daß seine besten Freunde sich ein Vergnügen daraus machten, ihn seine Rolle spielen zu lassen, und die, die das Geheimnis noch nicht kannten, auf ihn vorbereiteten, um sie zu amüsieren. Herr du Hautoy war ein gezierter Geck, dessen Besorgnis für seine eigene Person sich ins Affige und Kindische gekehrt hatte. Er beschäftigte sich mit seinem Husten, seinem Schlaf, seiner Verdauung und seinem Essen. Zéphirine hatte ihr Faktotum dazu gebracht, daß er den Menschen mit der schwachen Gesundheit spielte: sie fütterte ihn in Watte, wickelte ihm ein Tuch um den Kopf und gab ihm Tränklein zu trinken. Sie nudelte ihn mit ausgesuchten Gerichten wie ein Schoßhündchen; sie verordnete ihm oder verbot ihm diese und jene Speise; sie stickte ihm Westen, Krawatten und Taschentücher; sie hatte ihn schließlich daran gewöhnt, so hübsche Sachen zu tragen, daß sie ihn in eine Art japanischen Götzen verwandelt hatte. Ihr Einverständnis war übrigens das denkbar vollkommenste: Zizine sah bei jeder Rede Francis an, und Francis schien seine Ideen in den Augen Zizines zu finden. Sie tadelten zusammen, sie lächelten zusammen und schienen sich erst miteinander zu beraten, wenn es auch nur galt, jemandem guten Tag zu sagen.

Der reichste Grundbesitzer der Gegend, ein Mann, der von allen beneidet war, der Herr Marquis von Pimentel, und seine Frau, die zusammen vierzigtausend Franken Rente hatten und den Winter in Paris verbrachten, kamen in der Equipage vom Lande herein, zusammen mit ihren Nachbarn, dem Baron und der Baronin von Rastignac. Sie waren begleitet von der Tante der Baronin und ihren Töchtern, zwei reizenden jungen Mädchen, die gut erzogen und infolge ihrer Armut mit der Einfachheit gekleidet waren, die die natürliche Schönheit so sehr zur Geltung bringt. Diese Personen, die sicher die Elite der Gesellschaft waren, wurden mit frostigem Schweigen und einem Gemisch aus Achtung und Neid empfangen, insbesondere als man die auszeichnende Art wahrnahm, mit der sie von Frau von Bargeton begrüßt wurden. Diese zwei Familien gehörten zu der kleinen Zahl Menschen, die sich in der Provinz über dem Klatsch halten, in keiner Gesellschaft aufgehen, in stiller Zurückgezogenheit leben und eine imponierende Würde bewahren. Herr von Pimentel und Herr von Rastignac wurden mit ihren Titeln angeredet. Keinerlei Vertraulichkeit zog ihre Frauen oder ihre Töchter in die vornehme Sippe von Angoulême hinein, sie standen dem Hofadel zu nahe, um sich auf die Abgeschmacktheiten der Provinz einzulassen.

Als die Letzten erschienen der Präfekt und der General, gefolgt von dem Landedelmann, der am Morgen David seine Denkschrift über die Seidenwürmer gebracht hatte. Er war ohne Frage ein ländlicher Amtsvorsteher, der ein schönes Anwesen sein eigen nannte; aber seine Haltung und sein Anzug verrieten, daß er ganz und gar nicht an den Verkehr in der Gesellschaft gewöhnt war; er fühlte sich unbehaglich in seinen Kleidern, er wußte nicht, wo er seine Hände lassen sollte; wenn er mit jemand sprach, ging er im Kreise um ihn herum; er stand auf und setzte sich wieder hin, wenn er auf eine Anrede antwortete; er schien immer geneigt, beim Servieren helfen zu wollen; er war der Reihe nach unterwürfig, unruhig, düster, er hatte es eilig, über jeden Scherz zu lachen, er hörte angestrengt zu wie ein Untergebener, und manchmal nahm er eine tückische Miene an, wenn er glaubte, man mache sich über ihn lustig. Mehrmals am Abend versuchte er, da ihm seine Denkschrift im Kopfe herumging, von Seidenwürmern zu sprechen; aber zum Unglück war Herr von Séverac auf Herrn von Bartas gestoßen, der ihm zur Antwort von Musik sprach, und auf Herrn von Saintot, der ihm Cicero zitierte. Nach einigen Stunden hatte sich der arme Amtsvorsteher schließlich an eine Witwe und ihre Tochter herangemacht, Frau und Fräulein du Brossard, die nicht die zwei uninteressantesten Personen in dieser Gesellschaft waren. Ein einziges Wort sagt alles: sie waren ebenso arm, wie sie adlig waren. Ihre Kleidung verriet so sehr den peinlichen Versuch, vornehm und geschmückt zu erscheinen, daß sie die verschämte Armut offenbarte. Frau du Brossard rühmte in sehr ungeschickter Weise und bei jeder Gelegenheit ihre Tochter, ein großes und starkes siebenundzwanzigjähriges Mädchen, das für eine gute Klavierspielerin galt. Waren heiratsfähige Männer da, so sollte ihre Tochter alle ihre verschiedenen Neigungen teilen, und in ihrem Wunsche, ihre liebe Kamilla unterzubringen, hatte sie an einem und demselben Abend behauptet, Kamilla liebe das unruhige Leben der Garnisonen und das stille Leben der Landwirte, die ihre Güter bestellen. Alle beide hatten die gezierte, sauersüße Würde der Menschen, mit denen Mitleid zu haben alle Welt sich zum Vergnügen macht, für die man sich aus Egoismus interessiert und die den leeren Trostworten auf den Grund gekommen sind, mit denen die Welt mit Vergnügen die Unglücklichen abspeist. Herr von Séverac war neunundfünfzig Jahre alt und kinderloser Witwer; Mutter und Tochter hörten also mit andächtigem Entzücken den eingehenden Schilderungen zu, die er von seiner Seidenzucht gab.

»Meine Tochter hat immer die Tiere geliebt«, sagte die Mutter. »Und da auch die Seide, die diese Tierchen machen, die Frauen interessiert, möchte ich Sie um die Erlaubnis bitten, daß wir nach Séverac kommen dürfen, damit ich meiner Kamilla zeige, wie sie gewonnen wird. Kamilla hat so viel Verstand, daß sie sofort alles begreifen wird, was Sie ihr sagen. Hat sie doch sogar einmal das umgekehrte Verhältnis des Quadrats der Entfernung verstanden!«

Dieser Satz machte der Unterhaltung zwischen Herrn von Séverac und Frau du Brossard nach Luciens Vorlesung ein glorreiches Ende.

Einige gewohnte Gäste des Hauses mischten sich ungezwungen in die Gesellschaft, und ebenso zwei oder drei schüchterne und schweigsame, lächerlich aufgeputzte Muttersöhnchen, die glücklich waren, zu diesem literarischen Abend eingeladen worden zu sein und deren Kühnster sich so weit aufschwang, daß er sich viel mit Fräulein de la Haye unterhielt. Alle Damen setzten sich feierlich in einem Kreise herum, hinter dem die Männer standen. Diese Versammlung bizarrer Personen mit seltsamen Kostümen und komischen Gesichtern kam Lucien sehr imponierend vor. Sein Herz schlug heftig, als er sah, wie sich alle Blicke auf ihn richteten. So kühn er auch war, bestand er doch diese erste Probe nicht leicht, trotz den Ermutigungen seiner Geliebten, die beim Empfang der Berühmtheiten des Angoumois die ganze Pracht ihrer Verbeugungen und ihre gezierteste Grazie entfaltete. Das Unbehagen, dessen Beute er war, wurde durch einen Umstand verstärkt, der leicht vorauszusehen war, der aber einen jungen Mann, der noch wenig mit der Taktik der Welt vertraut ist, scheu machen mußte. Lucien, der ganz Auge und Ohr war, hörte sich von Louise, Herrn von Bargeton, dem Bischof und einigen Freundlichen, die der Herrin des Hauses einen Gefallen tun wollten, Herr von Rubempré nennen, aber Herr Chardon von der Mehrheit dieses gefürchteten Publikums. Durch die forschenden Blicke der Neugierigen eingeschüchtert, hörte er sie schon seinen bürgerlichen Namen aussprechen, wenn sie nur ihre Lippen bewegten, er hörte die Urteile, die man im voraus mit der in der Provinz gewohnten Freiheit über ihn herumtragen würde, die oft der Unhöflichkeit sehr nahe kommt. Diese unerwarteten fortgesetzten Nadelstiche versetzten ihn in eine noch unbehaglichere Stimmung. Er wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo er mit seiner Vorlesung beginnen konnte, um dann eine Haltung annehmen zu können, die der Qual seines Innern ein Ende machte; aber Jacques erzählte Frau von Pimentel seine letzte Jagdgeschichte; Adrian unterhielt sich mit Fräulein Laura von Rastignac über Rossini, den neuen musikalischen Stern; Astolf, der die Beschreibung eines neuen Karrens in der Zeitung gefunden und auswendig gelernt hatte, sprach darüber mit dem Baron. Lucien, der arme Dichter, wußte nicht, daß niemand von allen Anwesenden außer Frau von Bargeton so viel Geist besaß, Poesie zu verstehen. Alle diese Leute, die ein sehr beschränktes Gefühlsleben hatten, waren hergekommen, weil sie sich über die Art des Schauspiels, das sie erwartete, täuschten. Es gibt Worte, die gleich den Trompeten, den Zimbeln, der großen Trommel der Marktschreier immer das Publikum anlocken. Worte wie Schönheit, Ruhm, Poesie haben Zauberkraft in sich, die selbst die plumpen Köpfe verführt. Als alle da waren, als die Plaudereien aufgehört hatten, nicht ohne tausend Winke, die Herr von Bargeton, den seine Frau wie einen Kirchenschweizer, der seinen Stock auf den Steinboden aufstößt, überall hinschickte, den Unterbrechenden gegeben hatte, ließ sich Lucien an dem runden Tisch in der Nähe Frau von Bargetons nieder. Seine Seele war heftig erschüttert. Er kündete mit zitternder Stimme an, er wolle die Erwartung niemandes täuschen und werde daher die vor kurzem neu entdeckten Meisterwerke eines großen unbekannten Dichters vorlesen. Obwohl die Gedichte von André de Chénier schon 1819 veröffentlicht waren, hatte doch in Angoulême noch niemand von André de Chénier sprechen hören. Alle wollten sie in dieser Ankündigung einen schlauen, von Frau von Bargeton gefundenen Schachzug sehen, um die Eigenliebe des Dichters zu schonen und auch die Zuhörer jedes Zwangs zu entbinden. Lucien las zuerst den »Jungen Kranken«, der mit schmeichelhaftem Murmeln aufgenommen wurde; dann den »Blinden«, und dies Gedicht fanden diese mittelmäßigen Köpfe etwas lang. Während seiner Vorlesung stand Lucien höllische Qualen aus, die nur von großen Künstlern oder von denen, die durch Begeisterung und hohes Verständnis ihnen gleichkommen, völlig begriffen werden können. Die Poesie erfordert, um mit der Stimme wiedergegeben, wie um erfaßt zu werden, eine heilige Aufmerksamkeit. Es muß zwischen dem Leser und der Zuhörerschaft eine innige Verbindung entstehen, ohne die die elektrische Übertragung der Gefühle nicht statthat. Wo dieser enge Zusammenhang der Seelen fehlt, da geht es dem Dichter wie einem Engel, der versuchte, einen himmlischen Gesang inmitten des Hohngelächters der Hölle anzustimmen. In der Sphäre nun, in der sich ihr Talent bewegt, besitzen die geistigen Menschen den allseitigen Blick der Schnecke, den Geruchsinn des Hundes und das Ohr des Maulwurfs; sie sehen, fühlen und hören alles um sich herum. Der Musiker und der Dichter wissen ebenso schnell, ob sie bewundert sind oder unverstanden bleiben, wie eine Pflanze in einer freundlichen oder feindlichen Atmosphäre, je nachdem, vertrocknet oder Leben trinkt. Auf Grund der Gesetze dieser besondern Akustik klang in Luciens Ohr das Brummen der Männer, die nur um ihrer Frauen willen hergekommen waren und sich von ihren Geschäften unterhielten, ebenso wie er das ansteckende Gähnen einiger heftig aufgerissener Kinnbacken bemerkte, deren deutlich sichtbare Zahnreihen ihn verhöhnten. Als er gleich der Schwalbe der Sintflut eine freundliche Stelle suchte, auf der sein Blick weilen konnte, traf er auf die ungeduldigen Blicke von Leuten, die offenbar gemeint hatten, sie könnten diese Zusammenkunft benutzen, um sich über diese und jene positiven Interessen auszusprechen. Mit Ausnahme von Laura von Rastignac, zwei oder drei jungen Leuten und dem Bischof langweilten sich alle Teilnehmer. In der Tat suchen die, die für die Poesie Verständnis haben, in ihrer Seele zur Entfaltung zu bringen, was der Dichter im Keim in seinen Versen angelegt hat; aber diese eisigen Zuhörer waren weit entfernt, der Seele des Dichters nachzustreben, und hörten nicht einmal seine Akzente. Lucien empfand also eine so tiefe Entmutigung, daß ihm kalter Schweiß ausbrach. Ein feuriger Blick, den ihm Louise zuwarf, gegen die er sich herumgewandt hatte, gab ihm den Mut, zu Ende zu lesen; aber sein Dichterherz blutete aus tausend Wunden.

»Finden Sie das sehr amüsant, Fifine?« fragte die trockene Lili ihre Nachbarin, die vielleicht starke Sachen erwartet hatte.

»Fragen Sie mich lieber nicht, meine Liebe: meine Augen schließen sich, sowie ich vorlesen höre.«

»Ich hoffe,« sagte Francis, »Naïs wird uns nicht oft Verse zu Abend geben. Wenn ich nach dem Essen vorlesen höre, stört die Aufmerksamkeit, die ich anwenden muß, meine Verdauung.«

»Armes Tierchen,« sagte Zéphirine mit leiser Stimme, »trink ein Glas Zuckerwasser.«

»Sehr gut deklamiert,« sagte Alexander, »aber Whist ist mir lieber.«

Nach dieser Bemerkung, die infolge der englischen Bedeutung des Worts für witzig galt, behaupteten einige Spielerinnen, der Vorleser müsse Ruhe haben. Unter diesem Vorwand machten sich einige Paare heimlich in das Boudoir davon. Lucien, den die reizende Laura von Rastignac und der Bischof baten, weiterzulesen, erweckte dank dem konterrevolutionären Schwung der Jamben die Aufmerksamkeit wieder. Einige Personen, die von der Wärme des Vortrags hingerissen wurden, klatschten Beifall, ohne die Verse zu verstehen. Diese Art Menschen sind durch lautes Reden zu beeinflussen, wie die groben Gaumen durch starke Getränke gereizt werden.

Später, als man Gefrorenes reichte, veranlaßte Zéphirine Francis, in das Buch zu sehen, und teilte ihrer Nachbarin Amélie dann mit, die Verse, die Lucien gelesen habe, seien gedruckt.

»Aber«, antwortete Amélie, der man das Vergnügen über den Einfall ansah, »das ist sehr einfach. Herr von Rubempré arbeitet bei einem Drucker. Das ist gerade so,« sagte sie und warf dabei Lolotte einen Blick zu, »wie wenn eine hübsche Frau ihre Kleider selbst macht.«

»Er hat seine Gedichte selbst gedruckt«, sagten die Frauen untereinander.

»Warum nennt er sich denn von Rubempré?« fragte Jacques. »Wenn so ein Adliger Handwerksarbeit verrichtet, muß er seinen Namen aufgeben.«

»Er hat tatsächlich den seinen aufgegeben, der bürgerlich war,« sagte Zizine, »und hat dafür den seiner Mutter angenommen, die von Adel ist.«

»Da seine Verse – in der Provinz sagt man Versche – gedruckt sind, können wir sie selber lesen«, sagte Astolf.

Dieser dumme Einfall machte die Sache noch verwickelter, bis Sixtus du Châtelet sich herabließ, dieser unwissenden Gesellschaft mitzuteilen, die Ankündigung sei keine vorsichtige Redewendung gewesen, und die schönen Gedichte seien in der Tat von einem royalistischen Bruder des Revolutionärs Marie Joseph Chénier verfaßt. Die Gesellschaft von Angoulême, mit Ausnahme des Bischofs, der Frau von Rastignac und ihrer beiden Töchter, die von dieser großen Poesie ergriffen waren, hielten sich für mystifiziert und ärgerten sich über diesen Hineinfall. Ein dumpfes Murren erhob sich, aber Lucien hörte es nicht. Er war von dieser verhaßten Welt durch den Rausch, den eine innere Melodie in ihm erzeugte, weit abgeschieden und bemühte sich, diese Melodie zu wiederholen. Er sah die Gestalten nur wie durch einen Nebel hindurch. Er las die düstere Elegie über den Selbstmord, jene in den alten Formen, in denen eine göttliche Melancholie lebt, endlich die, in der der Vers steht: »Dein Lied ist süß, es klingt mir oft im Ohr.« Endlich schloß er mit der sanften Idylle, die den Namen »Neère« führt.

Frau von Bargeton war in eine köstliche Träumerei versunken. Sie saß da, eine Hand in ihren Locken, die sie, ohne es zu gewahren, durcheinandergebracht hatte, die andere herunterhängend, mit blicklosen Augen, allein inmitten ihres Salons. Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie sich in die Sphäre versetzt, die ihre eigene war. Nun kann man verstehen, wie gräßlich sie von Amélie herausgerissen wurde, die den Auftrag übernommen hatte, ihr die Wünsche des Publikums mitzuteilen.

»Naïs, wir waren gekommen, um die Gedichte Herrn Chardons zu hören, und Sie geben uns gedruckte Versche. Obwohl diese Stücke sehr hübsch sind, würden die Damen aus Heimatsliebe doch das einheimische Gewächs vorziehen.«

»Finden Sie nicht, daß die französische Sprache sich schlecht zur Poesie eignet?« fragte Wolf den Steuerdirektor. »Ich finde die Prosa Ciceros tausendmal poetischer.«

»Die wahre französische Poesie ist die leichte Gattung, das Chanson«, antwortete Châtelet.

»Das Chanson beweist, daß unsere Sprache sehr musikalisch ist«, sagte Adrian.

»Ich wäre neugierig auf die Versche, die Naïs erobert haben,« sagte Zéphirine; »aber nach der Art, wie sie den Wunsch Amélies aufnimmt, scheint sie nicht geneigt, uns davon eine Probe zu geben.«

»Sie ist es sich selbst schuldig, uns die Gedichte mitzuteilen,« antwortete Francis, »denn das Genie dieses Kerlchens ist ihre Rechtfertigung.«

»Sie sind doch Diplomat gewesen. Sie müssen das durchsetzen«, sagte Amélie zu Herrn du Châtelet.

»Nichts leichter als das«, antwortete der Baron.

Der frühere Privatsekretär war an solche kleine Schiebungen gewöhnt und suchte den Bischof auf, um ihn vorzuschieben. Da der Bischof die Bitte aussprach, konnte Naïs nicht anders, als Lucien um ein Stück bitten, das er auswendig wüßte. Der schnelle Erfolg des Barons bei dieser Unterhandlung trug ihm ein schmachtendes Lächeln von Amélie ein. »Wirklich, dieser Baron ist ein feiner Kopf«, sagte sie zu Lolotte.

Lolotte hatte die bittersüße Bemerkung Amélies über die Frauen, die ihre Kleider selbst machen, noch nicht vergessen. »Seit wann erkennen Sie die in der Kaiserzeit verfertigten Barone an?« gab sie lächelnd zur Antwort.

Lucien hatte versucht, seine Geliebte in einer Ode zu verherrlichen. Er hatte sie ihr mit einem Titel gewidmet, wie ihn die jungen Leute, wenn sie das Lyzeum verlassen, erfinden. Diese Ode, die von all der Liebe, die er im Herzen spürte, so reizend umschmeichelt und verschönt war, schien ihm das einzige Werk, das würdig sei, es mit Chéniers Dichtungen aufzunehmen. Er blickte mit einem ziemlich albernen Gesicht Frau von Bargeton an und sagte: »An Sie!« Dann gab er sich eine stolze Haltung, um dieses hochtrabende Stück über die Versammlung zu ergießen, denn seine Autoreneitelkeit fühlte sich hinter dem Rock der Frau von Bargeton sehr behaglich. In diesem Augenblick verriet Naïs den Frauenaugen ihr Geheimnis. Trotzdem sie gewöhnt war, diese Gesellschaft mit der ganzen Höhe ihres Geistes zu beherrschen, konnte sie sich nicht enthalten, für Lucien zu zittern. Sie verlor ihre Haltung, ihre Blicke flehten fast um Nachsicht; dann war sie genötigt, mit gesenkten Augen dazusitzen und ihre Beglücktheit bei den folgenden Strophen zu verbergen:

An Sie

Dem Born von Glanz und Helle, ewig klar.
Wo Lobgesänge zu der Harfe Ton
Erklingen von der frommen Engelschar,
Die sich versammelt um Jehovas Thron –

Entschwebt, den Himmeln lassend seinen Kranz,
Sein Sternenkleid und seinen Sllberstab,
Ein Cherub oftmals, dessen Haar den Glanz
Auf seiner Stirn verhüllt, und steigt herab.

Er sah von Gott, wie Menschen wohlzutun:
Er hilft dem Genius tragen sein Geschick,
Er läßt den Greis bei Kindeskindern ruhn.
Und er erheitert des Verzagten Blick.

Der späten Reue leiht er noch sein Ohr,
Erlöst das Mutterherz von Bangigkeit
Und rechnet Gott die frommen Seufzer vor.
Die mitleidsvolle Brust dem Elend weiht.

Von jenen schönen Abgesandten weilt
Ein einziger bei uns, den liebebang
Die Erde festhält, daß er nicht enteilt;
Doch zieht nach oben ihn der Heimatsdrang.

Nicht seiner Stirne leuchtend weißer Schein,
Nicht alles Göttliche der Wesensart,
Nicht seines Auges Feuer tief und rein
Hat seinen Ursprung mir geoffenbart;

Doch von dem Glanz verführt, vermaß mein Herz
Sich, seiner heiligen Natur zu nahn.
Und mußte spüren, daß er mit dem Erz
Des fürchterlichen Engels angetan.

Oh! hütet, hütet euch, daß nimmermehr
Den Seraph er erschaut, der heimwärts flieht,
Und nicht das Wort vernimmt von Wiederkehr,
Das durch die Abendluft melodisch zieht!

Ihr säh't sie sonst mit brüderlichem Flug
Die Nacht zerteilend wie ein Wolkenzug
Eingehn ins Sternentor,
Und auf die Leuchtspur ihrer Füße weist
Der Lotse, bangend, was es wohl verheißt,
Wie auf ein Meteor.

»Verstehen Sie, was er eigentlich meint?« fragte Amélie Herrn du Châtelet und warf ihm einen koketten Blick zu.

»Das sind Verse, wie wir sie im Gymnasium mehr oder weniger alle gemacht haben«, antwortete der Baron mit gelangweiltem Gesicht, da er bemüht war, seine Rolle als Kunstrichter, den nichts in Erstaunen setzt, beizubehalten. »Früher fühlten wir uns in den Ossianischen Nebeln wohl. Da war die Rede von Malwina, Fingal, Wolkenerscheinungen, Kriegsmännern, die aus ihren Gräbern emporstiegen und Sterne über ihrem Haupte hatten. Heutzutage ist dieser dichterische Plunder von Jehova, von Harfen, von Engeln, von den Fittichen der Seraphim ersetzt, von der ganzen Garderobe des Paradieses, die mit solchen Worten wie: ungeheuer, unendlich, Einsamkeit, Geist, wieder aufgefrischt wurde. Das ist ein Apparat mit großen Wassern, Motten Gottes, so eine Art christlicher Pantheismus, der mit mühsam zusammengesuchten exotischen Reimen wie: Babel und Schnabel, Kaba und Saba usw., ausgeschmückt wird. Kurz, der Breitegrad ist ein anderer geworden: früher waren wir im Norden, jetzt sind wir im Osten, aber die Finsternis ist noch ebenso dicht.«

»Wenn die Ode dunkel ist,« sagte Zéphirine, »so scheint mir doch die Erklärung nicht schwer zu sein.«

»Und die Rüstung des Erzengels ist ein recht leichtes Musselinkleid«, sagte Francis.

Die Höflichkeit verlangte zwar, daß man um Frau von Bargetons willen die Ode entzückend fand, aber die Frauen, die sich ärgerten, daß sie nicht auch einen Dichter in ihren Diensten hatten, der sie zu Engeln machte, erhoben sich wie gelangweilt und sagten mit eisiger Miene: »Sehr nett! Hübsch! Recht gut!«

»Wenn Sie mich lieben, sagen Sie weder dem Verfasser, noch seinem Engel etwas Schmeichelhaftes«, sagte Lolotte mit despotischer Miene, der er gehorchen mußte, zu ihrem lieben Adrian.

»Schließlich sind es Phrasen,« sagte Zéphirine zu Francis, »und die Liebe ist eine Poesie ohne Worte.«

»Zizine, du hast da eine Sache gesagt, die ich mir auch dachte, aber ich hätte mich nicht so fein ausdrücken können«, gab Stanislaus zurück und musterte sich dabei von Kopf bis zu Fuß mit einem zärtlichen Blick.

»Ich weiß nicht, was ich gäbe,« sagte Amélie zu Châtelet, »wenn ich den Hochmut dieser Naïs gedemütigt sehen könnte, die sich als Erzengel hinstellen läßt, als ob sie mehr wäre als wir, und uns mit dem Sohn eines Apothekers und einer Wochenpflegerin zusammen zu sein zwingt, dessen Schwester eine Näherin ist und der bei einem Drucker arbeitet.«

»Sein Vater«, sagte Jacques, »war ein großer Chemiker und Apotheker, er hätte seinem Sohn ein Mittel gegen die Dichteritis eingeben sollen.«

»Da setzt der Sohn das Handwerk seines Vaters fort; denn was er uns vorgesetzt hat, scheint mir eine Apothekerware zu sein«, sagte Stanislaus und nahm eine herausfordernde Haltung an. »Ich muß sagen, mir schmeckt was anderes besser.«

In einem Augenblick waren alle darüber einig, Lucien mit irgendeinem Wort aus dem Schatz ihrer Aristokratenironie zu demütigen. Lili, die fromme Frau, hielt es um der Barmherzigkeit willen für notwendig, zu sagen, es wäre Zeit, Naïs aufzuklären, die nahe daran wäre, eine große Torheit zu begehen. Francis, der Diplomat, übernahm es, diese dumme Verschwörung zu lenken, für die sich alle diese kleinen Geister wie für die Lösung des Knotens eines Dramas interessierten und in der sie ein Abenteuer sahen, von dem man am Tage darauf erzählen konnte. Der frühere Konsul, der keine Lust hatte, sich mit einem jungen Dichter schlagen zu müssen, der über ein beleidigendes Wort in Anwesenheit seiner Geliebten in Wut geraten würde, sah ein, daß man Lucien mit einem geweihten Strahl treffen müsse, gegen den keine Rache möglich war. Er folgte dem Beispiel, das ihm der geschickte Châtelet gegeben, als es sich darum gehandelt hatte, Lucien dazu zu bringen, eines seiner eigenen Gedichte vorzutragen. Er ging zu dem Bischof und plauderte mit ihm. Er tat so, als teilte er die Begeisterung, in die die Ode Luciens den hochehrwürdigen Herrn versetzt hatte; dann mystifizierte er ihn, indem er ihn glauben ließ, die Mutter Luciens wäre eine geistig bedeutende Frau mit übergroßer Bescheidenheit und lieferte ihrem Sohn die Themen zu all seinen Gedichten. »Es bereitete«, sagte er, »Lucien das größte Vergnügen, wenn seine Mutter, die er anbetete, nach Verdienst gewürdigt würde.« Nachdem dem Bischof diese Idee einmal eingepflanzt war, überließ sich Francis den Zufällen des Gesprächs, um das verletzende Wort, das er durch den Bischof sagen lassen wollte, herbeizuführen. Als Francis und der Bischof wieder in den Kreis traten, in dessen Mitte Lucien stand, verdoppelte sich die Aufmerksamkeit unter den Personen, die ihm schon in kleinen Zügen das Gift zu trinken gaben. Der arme Dichter, dem die Künste des Salons völlig fremd waren, konnte sich nicht helfen, blickte nur immer Frau von Bargeton an und antwortete dumm auf die dummen Fragen, die ihm gestellt wurden. Er kannte die Namen und Titel der meisten Anwesenden nicht und wußte nicht, was für ein Gespräch er mit Frauen führen sollte, die ihm Albernheiten sagten, deren er sich schämte. Er fühlte sich überdies von diesen großen Menschen des Angoumois um tausend Meilen getrennt, wenn er hörte, wie sie ihn bald Herr Chardon und bald Herr von Rubempré anredeten, während sie sich untereinander Lolotte, Adrian, Astolf, Lili, Fifine nannten. Seine Verlegenheit stieg aufs äußerste, als er Lili für einen Männernamen gehalten und den brutalen Herrn von Senonches Herr Lili angeredet hatte. Der Nimrod unterbrach Lucien mit einem erstaunten »Herr Lulu?« und Frau von Bargeton wurde rot bis über die Ohren.

»Man muß sehr verblendet sein, um diesen kleinen Bürgersmann hierher und in unsere Gesellschaft zu bringen!« sagte Herr von Senonches halblaut.

»Frau Marquise,« fragte Zéphirine Frau von Pimentel leise, aber so, daß es gehört wurde, »finden Sie nicht eine große Ähnlichkeit zwischen Herrn Chardon und Herrn von Cante-Croix?«

»Eine ideale Ähnlichkeit«, antwortete Frau von Pimentel lächelnd.

»Der Ruhm birgt eine Kraft der Verführung, die man nicht zu leugnen braucht«, sagte Frau von Bargeton zur Marquise. »Es gibt Frauen, die die Größe lieben, wie andere die Kleinheit«, fügte sie hinzu und richtete dabei ihre Augen auf Francis.

Zéphirine verstand nicht, denn sie fand ihren Konsul sehr groß; aber die Marquise schlug sich auf Naïs' Seite und fing zu lachen an.

»Sie sind sehr glücklich,« sagte Herr von Pimentel zu Lucien und machte sich dabei ein Vergnügen, ihn zur Abwechslung von Rubempré zu nennen, nachdem er vorher Herr Chardon zu ihm gesagt hatte; »Sie können sich niemals langweilen.«

»Arbeiten Sie schnell?« fragte ihn Lolotte mit einem Gesicht, mit dem sie einen Tischler gefragt hätte: »Brauchen Sie lange dazu, einen Kasten zu machen?«

Lucien war von diesem Keulenschlag wie betäubt; aber er hob den Kopf wieder hoch, als er Frau von Bargeton lächelnd antworten hörte:

»Meine Liebe, die Poesie wächst im Kopf des Herrn von Rubempré nicht wie das Unkraut in unsern Höfen.«

»Meine Gnädigste,« sagte der Bischof zu Lolotte, »wir können nicht genug Achtung vor den edlen Geistern haben, denen Gott einen seiner Strahlen geschenkt hat. Ja, die Poesie ist eine heilige Sache. Wer Poesie sagt, sagt Leiden. Wie viele stille Nächte haben die Strophen nicht gekostet, die Sie bewundern! Wir wollen den Dichter, der fast immer ein unglückliches Leben führt und für den Gott ohne Zweifel im Himmel unter seinen Propheten einen Platz bereithält, liebevoll aufnehmen. Dieser junge Mann ist ein Dichter,« fügte er hinzu und legte seine Hand auf Luciens Kopf, »sehen Sie nicht etwas wie ein Verhängnis auf dieser schönen Stirn?«

Lucien war glücklich, so edel verteidigt zu werden, und warf dem Bischof einen liebreichen Blick zu. Er ahnte nicht, daß der würdige Prälat sein Henker werden sollte.

Frau von Bargeton warf auf den feindlichen Kreis triumphierende Blicke, die sich wie ebenso viele Dolche in die Herzen ihrer Nebenbuhlerinnen senkten, deren Wut sich verdoppelte.

»Ach, Monseigneur,« antwortete der Dichter und hoffte, diese Dummköpfe mit seinem goldenen Zepter zu treffen, »das gewöhnliche Volk hat weder Ihren Geist noch Ihre fromme Liebe. Man weiß nichts von unsern Schmerzen, niemand kennt unser Mühen. Der Bergmann hat nicht so viel Arbeit, das Gold aus der Mine zu gewinnen, als wir, wenn wir den Eingeweiden der undankbarsten aller Sprachen unsere Bilder entreißen wollen. Wenn es das Ziel der Poesie ist, die Ideen bis zu dem Punkt herauszuarbeiten, wo jedermann sie sehen und empfinden kann, dann muß der Dichter unaufhörlich die Leiter der menschlichen Begabungen auf und ab steigen, um ihnen allen Genüge zu tun; er muß die Logik und das Gefühl, zwei feindliche Gewalten, unter den lebhaftesten Farben verbergen; er muß eine ganze Welt von Gedanken in ein Wort einschließen, ganze Philosophien in ein Bild zusammenziehen; kurz, seine Verse sind Samenkörner, deren Blüten in den Herzen aufsprießen müssen, indem sie dort die Furchen aufsuchen, die die persönlichen Erlebnisse und Gefühle gegraben haben. Muß man nicht alles empfunden haben, um alles wiedergeben zu können? Und heißt nicht lebhaft empfinden so viel wie leiden? Darum entstehen die Dichtungen erst nach mühsamen Reisen in den weiten Gebieten des Gedankens und der Gesellschaft. Sind es nicht unsterbliche Mühen, denen wir Gestalten verdanken, deren Leben ein wirklicheres geworden ist als das von Menschen, die wahrhaft gelebt haben. Gestalten wie die Clarissa von Richardson, die Kamilla von Chénier, die Delia des Tibull, die Angelika des Ariost, die Francesca des Dante, die Alceste von Molière, der Figaro von Beaumarchais, die Rebekka von Walter Scott, der Don Quijote von Cervantes?«

»Und was werden Sie uns so schaffen?« fragte Châtelet.

»Solche Schöpfungen vorher ankündigen,« antwortete Lucien, »hieße das nicht, sich ein Patent als Genie ausstellen? Und überdies, diese himmlischen Schöpfungen verlangen eine lange Erfahrung in der Welt, ein Studium der Leidenschaften und der menschlichen Interessen, die mir noch fehlen müssen; aber ich fange an«, sagte er bitter und warf einen Rächerblick auf den Kreis. »Der Geist trägt sein Kind lange bei sich, bis...«

»Sie werden eine schwere Niederkunft haben«, unterbrach ihn Herr du Hautoy.

»Ihre treffliche Mutter kann Ihnen beistehen«, sagte der Bischof.

Dieses so geschickt vorbereitete Wort, diese Rache, auf die man gewartet hatte, ließ in allen Augen einen Strahl der Freude aufleuchten. Auf alle Lippen kam ein Lächeln der aristokratischen Genugtuung, das durch die Albernheit Herrn von Bargetons, der nachträglich zu lachen anfing, verstärkt wurde.

»Monseigneur, Sie sprechen in diesem Augenblick ein wenig zu geistlich für uns, die Damen hier verstehen Sie nicht«, sagte Frau von Bargeton und ließ durch dieses einzige Wort das Lächeln verschwinden; alle blickten sie erstaunt an. »Ein Dichter, der alle seine Eingebungen in der Bibel findet, hat in der Kirche eine wahre Mutter. Herr von Rubempré, sprechen Sie uns Ihren ›Johannes auf Patmos‹ oder ›Das Festmahl des Balthasar‹; Monseigneur wird da sehen, daß Rom noch immer die Magna Parens des Vlrgil ist.«

Die Frauen tauschten ein Lächeln aus, als sie Naïs diese zwei lateinischen Worte aussprechen hörten.

Im Beginn des Lebens können die stolzesten und tapfersten Charaktere der Entmutigung nicht immer entgehen. Dieser Streich hatte Lucien zuerst wie in die Tiefe untergetaucht; aber er stieß mit dem Fuß auf den Grund, kam wieder nach oben und schwor sich, über diese Welt Herr zu werden. Wie der Stier, der von tausend Pfeilen getroffen ist, erhob er sich wütend und gehorchte der Stimme seiner Louise, um »Johannes auf Patmos« zu deklamieren; aber die meisten Spieltische hatten ihre Spieler angezogen, die in ihr gewohntes Geleise zurückfielen, in dem sie ein Vergnügen fanden, das die Poesie ihnen nicht gegeben hatte. Dann wäre auch die Rache ihrer gereizten Eigenliebe keine völlige gewesen, wenn man nicht dieser heimischen Poesie negative Mißachtung bezeigt und von Lucien und Frau von Bargeton abgefallen wäre. Jeder schien etwas anderes zu tun zu haben: einer mußte mit dem Präfekten über eine Kreisstraße sprechen, eine andere begann davon zu reden, man könnte in die Unterhaltung des Abends Abwechslung bringen und ein wenig Musik machen. Die vornehme Gesellschaft von Angoulême, die sich auf dem Gebiet der Poesie schlecht bewandert fühlte, war besonders neugierig, die Meinung der Rastignac und der Pimentel über Lucien zu erfahren, und mehrere Personen begaben sich zu ihnen. Der große Einfluß, den diese beiden Familien im Departement ausübten, wurde in großen Augenblicken immer anerkannt; jeder beneidete sie und jeder machte ihnen den Hof, denn alle sahen sie voraus, daß sie ihre Protektion einmal nötig haben könnten.

»Wie finden Sie unsern Dichter und seine Poesie?« fragte Jacques die Marquise, bei der er oft zur Jagd gewesen war.

»Aber für Provinzverse sind sie nicht schlecht,« sagte sie lächelnd; »überdies kann ein so schöner Dichter nichts schlecht machen.«

Jeder fand dieses Urteil entzückend und wiederholte es, wobei sie mehr Bosheit hineinlegten, als die Marquise beabsichtigt hatte. Châtelet wurde nunmehr gebeten, Herrn von Bartas zu begleiten, der die große Arie des Figaro verhunzte. Nachdem die Musik einmal hereingelassen worden war, mußte man sich die Ritterromanze von Châtelet vorsingen lassen, die Chateaubriand in der Kaiserzeit verfaßt hatte. Dann kamen die Stücke zu vier Händen, die auf Verlangen der Frau von Brossard, welche nachher das Talent ihrer lieben Kamilla in den Augen des Herrn von Séverac leuchten lassen wollte, von jungen Mädchen vorgetragen wurden.

Frau von Bargeton war über die Geringschätzung verletzt, die die ganze Gesellschaft ihrem Dichter gegenüber zum Ausdruck brachte, und setzte Verachtung gegen Verachtung: sie ging, solange man musizierte, in ihr Boudoir. Ihr folgte der Bischof, den sein Generalvikar über die tiefe Ironie seines unfreiwilligen Witzes aufgeklärt hatte und der sie wieder gutmachen wollte. Fräulein von Rastignac schlich sich ohne Wissen ihrer Mutter, von der Poesie angezogen, ebenfalls in das Boudoir. Louise konnte, als sie sich auf das Kanapee setzte, zu dem sie Lucien geführt hatte, ohne gehört oder gesehen zu werden, ihm ins Ohr flüstern: »Süßer Freund, sie haben dich nicht begriffen! Aber ›dein Lied ist süß, es klingt mir noch im Ohr‹.«

Lucien war von dieser Schmeichelei getröstet und vergaß für einen Augenblick seine Schmerzen.

»Es gibt keinen billigen Ruhm«, so sprach Frau von Bargeton, die seine Hand ergriff und sie drückte, ihm zu. »Leiden Sie, leiden Sie, mein Freund, Sie werden groß werden, Ihre Schmerzen sind der Preis Ihrer Unsterblichkeit. Ich wollte, ich hätte die Mühen eines Kampfes zu überstehen. Gott behüte Sie vor einem schlaffen und kampflosen Leben, wo die Schwingen des Adlers nicht Raum genug finden! Ich beneide Sie um Ihre Leiden, denn Sie leben wenigstens! Sie werden Ihre Kräfte zur Geltung bringen. Sie erhoffen den Sieg: Ihr Kampf wird glorreich sein. Wenn Sie in dem herrlichen Reich angelangt sind, wo die großen Geister thronen, dann erinnern Sie sich der Armen, die vom Schicksal enterbt sind, deren Geist unter dem Druck moralischer Stickluft vernichtet wird und die zugrunde gehen mit dem beständigen Wissen um das Leben, ohne daß sie doch hätten leben können, die scharfe, durchdringende Augen gehabt und doch nichts gesehen haben, einen feinen Geruchssinn und doch keinen Duft empfunden haben als von verpesteten Blüten. Besingen Sie alsdann in Ihrer Dichtung die Pflanze, die inmitten eines Waldes vertrocknet, erstickt von Lianen, von wuchernden Schmarotzerpflanzen, ohne daß die Sonne sie gekost hätte, die stirbt, ohne geblüht zu haben! Wäre das nicht ein Gedicht von grausiger Melancholie, ein ganz und gar phantastischer Stoff? Was für ein himmlisches Bild, die Zeichnung eines jungen Mädchens, das unter dem Himmel Asiens geboren wurde, oder der Tochter der Wüste, die in irgendein kaltes Land des Okzidents verpflanzt wurde und nach ihrer geliebten Sonne ruft, die an Schmerzen stirbt, die niemand begreift, und in gleicher Weise von der Kälte und von der Liebe vernichtet wird! Das wäre der Typus so gar manchen Menschendaseins.«

»Sie würden dann die Seele beschreiben, die sich des Himmels erinnert«, sagte der Bischof. »Übrigens muß dieses Gedicht früher einmal gemacht worden sein, ich habe mit Freude ein Fragment davon im Hohenliede gefunden.«

»Das müssen Sie machen«, sagte Laura von Rastignac und brachte mit diesen Worten einen naiven Glauben an Luciens Genie zum Ausdruck.

»Es fehlt Frankreich ein großes religiöses Gedicht«, sagte der Bischof. »Glauben Sie mir, auf den Mann von Talent, der für die Religion arbeitet, warten Ruhm und Reichtum.«

»Er wird es machen, Monseigneur,« entgegnete Frau von Bargeton emphatisch. »Sehen Sie nicht, wie die Idee dieses Gedichts schon wie ein flammendes Morgenrot in seinen Augen aufblitzt?«

»Naïs behandelt uns schlecht,« sagte Fifine; »was macht sie denn?«

»Hören Sie nicht?« entgegnete Stanislaus; »sie reitet auf ihren großen Worten, die nicht Kopf noch Schwanz haben.«

Amélie, Fifine, Adrian und Francis erschienen in der Tür des Boudoirs. Sie hatten sich Frau von Rastignac angeschlossen, die ihre Tochter suchte, da sie wegfahren wollte.

»Naïs,« sagten die beiden Frauen, die sich freuten, daß sie die Abgeschiedenheit des Boudoirs störten, »es wäre sehr liebenswürdig, wenn Sie uns ein Stück spielten.«

»Meine Liebe,« antwortete Frau von Bargeton, »Herr von Rubempré will uns seinen ›Johannes auf Patmos‹ rezitieren, ein prächtiges biblisches Gedicht.«

»Biblisch?« wiederholte Fifine erstaunt.

Amélie und Fifine kehrten in den Salon zurück und brachten dieses Wort dahin als neuen Stoff für den Spott. Lucien entschuldigte sich, er könne das Gedicht nicht rezitieren, da er es nicht auswendig wisse. Als er wieder erschien, erregte er nicht mehr das geringste Interesse. Alle plauderten oder spielten. Der Dichter war aller seiner Strahlen beraubt worden; die Grundbesitzer sahen in ihm nichts, was irgend nützlich sein könnte; die Prätentiösen fürchteten ihn als eine Macht, die gegen ihre Unwissenheit feindlich auftrat; die Frauen, die auf Frau von Bargeton, die Beatrice dieses neuen Dante, wie der Generalvikar sie genannt hatte, eifersüchtig waren, warfen ihm Blicke voll kalter Verachtung zu.

»Das ist also die große Welt!« sagte Lucien zu sich selbst, als er über die Treppen von Beaulieu nach Houmeau hinabstieg, denn es gibt im Leben Augenblicke, wo man den längeren Weg vorzieht, um im Gehen sich seinen Gedanken zu überlassen.

Lucien war nicht entmutigt, im Gegenteil, die Wut des Ehrgeizigen, der eine Niederlage erlitten hat, gab ihm neue Kräfte. Wie alle Leute, die von ihrem Trieb in eine höhere Sphäre geführt werden, wo sie anlangen, ehe sie sich halten können, versprach er sich, alles zu opfern, um in der hohen Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Während er ging, entfernte er die Giftpfeile, die auf ihn abgeschossen worden waren, einen nach dem andern, sprach laut mit sich selbst, fand große Worte gegen die Dummköpfe, mit denen er zu tun gehabt, feine Antworten auf die dummen Fragen, die man ihm gestellt, und war verzweifelt über diesen seinen Treppenwitz. Als er auf der Straße nach Bordeaux angekommen war, die sich über den Ufern der Charente am Fuß des Berges hinschlängelt, glaubte er im Mondschein Eva und David in der Nähe einer Fabrik auf einem Balken am Ufer sitzen zu sehen und stieg auf einem Fußpfad zu ihnen hinab.

Während Lucien sich zu seiner Folter bei Frau von Bargeton begeben hatte, hatte seine Schwester ein Kleid aus gestreiftem rosa Perkal, ihren genähten Strohhut und einen kleinen Seidenschal angetan. In diesem einfachen Anzug nahm sie sich aus, als ob sie geschmückt wäre, wie es allen Frauen geht, deren angeborene Hoheit die geringsten Zutaten hervorhebt. Daher war David überaus verschüchtert, als sie jetzt so anders vor ihn hintrat, als bisher in ihrem einfachen Arbeitsgewand. Der Drucker hatte sich zwar vorgenommen, von sich zu sprechen, fand aber nichts mehr zu sagen, als er der schönen Eva den Arm reichte und sie zusammen durch Houmeau gingen. Es gibt in der Liebe häufig diese respektvolle Furcht, die jener gleicht, in die die Herrlichkeit Gottes die Gläubigen versetzt. Schweigend überschritten die beiden Liebenden die St. Annabrücke, um das linke Ufer der Charente zu gewinnen. Eva, der das Schweigen peinlich war, blieb mitten auf der Brücke stehen, um den Fluß zu betrachten, der von dieser Stelle bis zu dem Platz, wo die Pulvermühle erbaut war, eine breite, ruhige Fläche bildet, über die jetzt die untergehende Sonne einen leuchtenden Lichtstreifen warf.

»Welch schöner Abend!« sagte sie, nach einem Gesprächsstoff suchend; »die Luft ist zugleich lau und frisch. Die Blumen duften, der Himmel ist wunderbar.«

»Alles redet zum Herzen,« antwortete David, der mit Hilfe von Analogien auf das Thema seiner Liebe zu kommen hoffte. »Liebende finden ein unendliches Vergnügen darin, in den Bildern einer Landschaft, in der durchsichtigen Luft, in den Düften des Bodens die Poesie zu finden, die ihre Seele erfüllt. Die Natur redet für sie.«

»Und sie löst ihnen auch die Zunge«, sagte Eva lachend. »Sie waren, als wir durch Houmeau gingen, so schweigsam. Es war mir ganz peinlich...«

»Ich fand Sie so schön, daß ich beklommen war«, antwortete David naiv.

»Da bin ich also jetzt weniger schön?« fragte sie.

»Nein, aber ich bin so glücklich, allein mit Ihnen spazieren zu gehen...«

In größter Verlegenheit unterbrach er sich und blickte nach den Hügeln hinüber, über die sich die Straße von Saintes hinabzieht.

»Wenn Sie an diesem Spaziergang Freude haben, bin ich glücklich, denn ich fühlte die Verpflichtung, Ihnen für den Abend, den Sie mir geopfert haben, einen andern zu schenken. Als Sie es zurückwiesen, zu Frau von Bargeton zu gehen, waren Sie ganz ebenso edelmütig wie Lucien, als er es auf sich nahm, sie mit seiner Forderung zu erzürnen.«

»Nicht edelmütig, sondern klug«, antwortete David. »Da wir allein sind, nur den Himmel über uns, ohne andere Zeugen als das Schilf und die Büsche am Ufer der Charente, gestatten Sie mir, liebe Eva, Ihnen von den Sorgen zu sprechen, die mir der Weg macht, den Lucien jetzt schreitet. Nach dem, was ich Ihnen eben gesagt habe, werden Ihnen meine Befürchtungen hoffentlich als übergroße Freundschaftssorge erscheinen. Sie und Ihre Mutter haben alles getan, um ihn über die Lage, in der Sie sich befinden, hinauszuheben,– aber haben Sie ihn nicht, als Sie so seinen Ehrgeiz erregten, unbedachterweise auf einen Weg gebracht, auf dem ihn große Leiden erwarten? Wie wird er sich in der Welt halten können, in die seine Neigung ihn hineintreibt? Ich kenne ihn! Er hat eine Natur, die die mühelose Ernte liebt. Die Pflichten der Gesellschaft werden ihm seine Zeit stehlen, und die Zeit ist das einzige Kapital der Menschen, deren ganzes Vermögen in ihrem Geist besteht; er liebt zu glänzen, die Welt wird seine Begierden reizen, keine Summe wird groß genug für sie sein, er wird Geld ausgeben und keins verdienen; schließlich haben Sie ihn daran gewöhnt, sich für einen großen Mann zu halten; aber die Welt verlangt weithin sichtbare Erfolge, ehe sie Größe irgendeiner Art anerkennt. Die literarischen Erfolge nun werden nur in der Einsamkeit und in schwerer Arbeit errungen. Was wird Frau von Bargeton Ihrem Bruder zum Ersatz für so viele Tage geben, die er zu ihren Füßen liegt? Lucien ist zu stolz, um von ihr etwas anzunehmen, und wir wissen, er ist noch zu arm, um dauernd in dieser Gesellschaft zu leben, die in zwiefachem Sinne kostspielig ist. Früher oder später wird diese Frau unsern lieben Bruder verlassen, nachdem sie ihm die Lust zur Arbeit genommen hat, nachdem sie in ihm den Hang zum Luxus, die Verachtung unseres schlichten Lebens, die Genußsucht, seinen Hang zum Nichtstun, diese Gefahr aller Dichter, ausgebildet hat. Ja fürwahr, ich zittere, daß diese große Dame sich mit Lucien nur wie mit einem Spielball ein Vergnügen macht: entweder liebt sie ihn aufrichtig und bringt ihn dazu, daß er alles vergißt, oder sie liebt ihn nicht und macht ihn unglücklich, denn er ist wahnsinnig in sie verliebt.«

»Mir wird wie Eis im Herzen, wenn Sie so reden«, sagte Eva und blieb am Wehr der Charente stehen. »Aber solange meine Mutter die Kraft hat, ihrem schweren Beruf nachzugehen, und solange ich lebe, wird der Ertrag unserer Arbeit vielleicht für die Ausgaben Luciens genügen und es ihm möglich machen, den Augenblick abzuwarten, wo sein Glück beginnt. Mir wird der Mut nicht ausgehen, denn der Gedanke, daß ich für einen geliebten Menschen arbeite,« fuhr Eva lebhafter fort, »nimmt der Arbeit alle Bitterkeit und alles, was sie sonst wohl ermüdend macht. Ich bin glücklich, wenn ich daran denke, für wen ich mir so viel Mühe mache, wenn es überhaupt Mühe ist. Ja, fürchten Sie nichts, wir werden genug Geld verdienen, damit Lucien in die große Welt gehen kann. Dort ist für ihn das Glück.«

»Und sein Verderben dazu«, erwiderte David. »Hören Sie mich, liebe Eva. Das langsame Werden der Geisteswerke erfordert, daß man über ein beträchtliches Vermögen verfügt oder den erhabenen Zynismus besitzt, der zu einem Leben voll Arbeit gehört. Glauben Sie mir! Lucien hat einen solchen Abscheu vor den Entbehrungen des Elends, er hat den Duft der Gelage, den Weihrauch des Erfolgs schon so genossen, seine Eigenliebe ist in dem Boudoir der Frau von Bargeton so gewachsen, daß er eher alles versuchen wird, als jetzt noch Schiffbruch zu leiden, und die Erträge Ihrer Arbeit werden für seine Bedürfnisse nie hinreichen.«

»Sie sind also nur ein falscher Freund!« rief Eva in Verzweiflung, »sonst würden Sie uns nicht so entmutigen.«

»Eva! Eva!« antwortete David, »ich wollte, ich wäre der Bruder Luciens. Sie allein können mir diesen Namen geben, der es ihm erlaubt, alles von mir anzunehmen, und der mir das Recht gäbe, mich ihm mit der heiligen Liebe zu widmen, die Sie in Ihre Opfertaten legen, aber doch dabei die kühle Ruhe der Überlegung zu bewahren. Eva, teures, geliebtes Kind, sorgen Sie dafür, daß Lucien einen Schatz hat, aus dem er schöpfen kann, ohne sich zu schämen! Wird die Börse eines Bruders nicht so gut wie seine eigene sein? Wenn Sie alle Gedanken kennten, auf die Luciens neue Lage mich gebracht hat! Wenn er zu Frau von Bargeton gehen will, darf der arme Junge nicht mehr mein Faktor sein, er darf nicht mehr in Houmeau wohnen, Sie dürfen nicht mehr Arbeiterin bleiben, Ihre Mutter darf ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Wenn Sie einwilligen, meine Frau zu werden, dann wird alles gehen: Lucien kann bei mir im ersten Stock wohnen, während ich für ihn über dem Schuppen im Hofe ein Gelaß baue, wenn nicht mein Vater einen zweiten Stock errichten will. Wir würden ihm so ein sorgenloses Leben, ein Leben der Unabhängigkeit schaffen. Mein Verlangen, Lucien zu helfen, wird mir neuen Mut geben, ein Vermögen zu erringen, den ich nicht hätte, wenn es sich nur um mich handelte; aber von Ihnen hängt es ab, mir das Recht zu all diesen Opfern zu geben. Vielleicht geht er eines Tages nach Paris, wo der einzige Schauplatz ist, auf dem er sich zeigen kann, auf dem seine Talente gewürdigt und belohnt werden. Das Pariser Leben ist teuer, und wir drei werden nicht zuviel sein, um ihn dort über Wasser zu halten. Und brauchen nicht überdies Sie und Ihre Mutter einen Beistand! Teure Eva, heiraten Sie mich aus Liebe für Lucien. Vielleicht lieben Sie mich später, wenn Sie die Anstrengungen sehen, die ich mache, um ihm zu dienen und Sie glücklich zu machen. Wir sind alle beide bescheiden in unsern Ansprüchen ans Leben, wir brauchen nicht viel; das Glück Luciens wird der Angelpunkt unseres Daseins sein und sein Herz der Schatz, dem wir Glück, Gefühl und Sinn, dem wir alles weihen!«

»Das Herkommen trennt uns«, sagte Eva, die mit Bewegung gewahrte, wie seine große Liebe sich klein machte. »Sie sind reich, und ich bin arm. Man muß sehr lieben, um über eine solche Schranke hinwegzukommen.«

»Sie lieben mich also noch nicht genug«, rief David wie außer sich.

»Aber Ihr Vater würde vielleicht Einspruch erheben...«

»Dann ists gut,« antwortete David, »wenn nur mein Vater im Wege steht, werden Sie meine Frau. Eva, teure Eva, jetzt in diesem Augenblick machen Sie mir das Leben wieder leicht zu tragen. Ach, mir war das Herz sehr schwer von Gefühlen, die ich gar nicht ausdrücken konnte. Sagen Sie mir nur, daß Sie mich ein bißchen lieben, dann finde ich schon den Mut, Ihnen alles zu sagen.«

»In Wahrheit,« sagte sie, »Sie machen mich ganz beschämt; aber da wir uns unsere Gefühle anvertrauen, muß ich Ihnen sagen, daß ich nie im Leben an einen andern gedacht habe als an Sie. Ich habe in Ihnen einen der Männer gesehen, auf die die Frau, die ihnen angehört, stolz sein kann, und ich hätte für mich, eine arme Arbeiterin ohne Aussichten, nie solch ein großes Los erhofft.«

»Genug, genug«, sagte er und setzte sich auf das Geländer des Wehrs, zu dem sie zurückgekehrt waren, denn sie gingen wie Narren immer auf derselben Stelle hin und her. »Was haben Sie?»fragte sie und legte zum erstenmal in den Ton ihrer Worte die anmutige Sorge, die die Frauen für einen Menschen an den Tag legen, der der ihre ist. »Nur Gutes«, antwortete er. »Wenn der Geist ein ganzes Leben voller Glück vor sich liegen sieht, ist er wie geblendet, und die Seele ist wie bedrückt. Warum bin ich der glücklichste Mensch?« fragte er fast melancholisch. »Aber ich weiß warum.«

Eva sah David mit koketter und zweifelnder Miene an, die von ihm eine Erklärung verlangte.

»Teure Eva, ich empfange mehr, als ich gebe. Und ich liebe Sie immer mehr, als Sie mich, weil ich mehr Grund habe, Sie zu lieben: Sie sind ein Engel, und ich bin ein Mensch.«

»Ich kann mich nicht so gut ausdrücken«, antwortete Eva lächelnd. »Ich liebe Sie recht sehr...«

»Ebensosehr wie Lucien?« unterbrach er sie.

»Genug, um Ihre Frau zu sein, um mich Ihnen zu weihen und zu versuchen, Ihnen in dem Leben, das wir zusammen führen werden und das im Anfang recht schwierig sein wird, keinen Kummer zu bereiten.«

»Haben Sie bemerkt, teure Eva, daß ich Sie vom ersten Tag an, wo ich Sie sah, geliebt habe?«

»Was wäre das für eine Frau, die nicht weiß, wenn sie geliebt wird?« fragte sie.

»Lassen Sie mich also die Bedenken, die Ihnen mein angebliches Vermögen macht, zerstreuen. Ich bin arm, liebe Eva. Jawohl, es hat meinem Vater beliebt, mich zu ruinieren; er hat auf meine Arbeit spekuliert; er hat es gemacht wie viele sogenannte Wohltäter mit ihren Schuldnern. Wenn ich reich werde, wird es für Sie sein. Das ist nicht das Wort eines Liebenden, sondern eine Überlegung des Denkenden. Ich muß Sie in meine, an einem Menschen, der die Verpflichtung hat, ein vermögender Mann zu werden, recht großen Fehler einweihen. Mein Charakter, meine Gewohnheiten, die Beschäftigungen, die mir zusagen, machen mich ungeeignet zu allem, was Handel und Spekulation heißt; dabei können wir doch aber nur durch irgendeinen industriellen Betrieb reich werden. Wenn ich imstande bin, eine Goldmine zu entdecken, so bin ich seltsam ungeschickt darin, sie auszubeuten. Sie aber, die aus Liebe zu Ihrem Bruder sich zu den kleinsten Verrichtungen herabgelassen haben, die das Talent der Sparsamkeit, die geduldige Aufmerksamkeit des wahren Kaufmanns besitzen, Sie werden die Ernte heimbringen, die ich säen werde. Unsere Lage, denn seit langem fühle ich mich zu Ihrer Familie gehörig, bedrückt mir so sehr das Herz, daß ich Tage und Nächte darauf verwandt habe, eine Möglichkeit ausfindig zu machen, zu Vermögen zu gelangen. Meine Kenntnisse in der Chemie und die Beobachtung der Bedürfnisse des Handels haben mich auf den Weg zu einer sehr aussichtsreichen Erfindung geführt. Ich kann Ihnen noch nichts davon sagen, ich sehe zu viele Schwierigkeiten voraus. Wir werden vielleicht ein paar dürftige Jahre haben; aber ich werde schließlich das industrielle Verfahren entdecken, hinter dem nicht ich allein her bin und das uns, wenn ich zuerst darauf komme, ein großes Vermögen verschafft. Ich habe zu Lucien nichts gesagt, denn sein heftiger Charakter würde alles verderben; er würde meine Hoffnungen zu Wirklichkeiten münzen, würde in großem Stil leben und sich vielleicht in Schulden stürzen. Bewahren Sie also mein Geheimnis. Einzig Ihre liebe, süße Gesellschaft wird mich während dieser langen Zeit der Prüfungen trösten können, wie das Verlangen, Sie reich zu machen, Sie und Lucien, mir Beständigkeit und zähe Ausdauer verleihen wird...«

»Ich habe mir schon gedacht,« unterbrach ihn Eva, »daß Sie, wie mein armer Vater, einer der Erfinder sind, die eine Frau brauchen, die für Sie sorgt.«

»Sie lieben mich also? Oh, sagen Sie es mir ohne Furcht, sagen Sie es mir, der ich schon in Ihrem Namen ein Symbol Ihrer Liebe gefunden habe. Eva war die einzige Frau auf der Welt, und was für Adam wörtlich wahr gewesen ist, trifft moralisch für mich zu. O Gott! Lieben Sie mich?«

»Ja«, sagte sie und dehnte diese kurze Silbe so, wie sie sie aussprach, als ob sie damit die Größe ihres Gefühls zum Ausdruck bringen wollte.

»Setzen wir uns hier hin«, sagte er und führte Eva an der Hand zu einem langen Balken, der bei den Rädern einer Papiermühle lag. »Lassen Sie mich die Abendluft atmen, das Quaken der Frösche hören, die Strahlen des Mondes sehen, die im Wasser zittern, lassen Sie mich diese Natur in mich aufnehmen, wo ich in allen Dingen mein Glück lese, die mir zum erstenmal in ihrem Glanze erscheint, erhellt von der Liebe, von Ihnen verschönt. Eva, Geliebte, das ist der erste Augenblick ungemischter Freude, den das Schicksal mir schenkt! Ich glaube nicht, daß Lucien so glücklich ist, wie ich es bin.«

David ließ auf die feuchte, zitternde Hand Evas, die er in der seinen hielt, eine Träne fallen.

»Darf ich das Geheimnis nicht wissen?« fragte Eva mit schmeichelnder Stimme.

»Sie haben ein Anrecht darauf, denn Ihr Vater hat sich mit der Frage beschäftigt, die von großer Bedeutung werden wird. Hören Sie den Zusammenhang. Der Sturz des Kaiserreichs wird den Gebrauch baumwollener Stoffe fast allgemein machen, weil dieser Stoff im Vergleich zur Leinwand sehr billig ist. Bis jetzt ist das Papier aus Lumpen, die aus Hanf und Flachs gewebt sind, hergestellt worden; aber diese Bestandteile sind teuer, und der hohe Preis verzögert den großen Aufschwung, den die französische Presse notwendig nehmen muß. Nun läßt sich das zur Verfügung stehende Quantum Lumpen nicht steigern. Die Lumpen sind das Ergebnis des Verbrauchs an Leinwand, und die Bevölkerung eines Landes liefert davon nur eine bestimmte Menge. Diese Menge kann nur anwachsen durch eine Bevölkerungszunahme. Um eine merkbare Veränderung seiner Bevölkerung zu erwirken, braucht ein Land ein Vierteljahrhundert und große Revolutionen in den Sitten, im Handel oder in der Landwirtschaft. Wenn also die Bedürfnisse der Papierfabrikation das Quantum Lumpen, das Frankreich produziert, übersteigen, sagen wir ums Doppelte oder ums Dreifache, so muß man, wenn der Papierpreis niedrig bleiben soll, in die Papierfabrikation zu den Lumpen hinzu einen neuen Faktor einführen. Diese Beweisführung beruht auf einer Tatsache, die hier bei uns vor sich geht. Die Papiermühlen von Angoulême, die letzten, in denen Papiere aus leinenen Lumpen hergestellt werden, müssen erleben, wie die Baumwolle in erschreckend steigendem Maße ins Zeug eindringen wird.«

Auf eine Frage der jungen Arbeiterin, die nicht wußte, was dieses Wort ›Zeug‹ bedeuten sollte, gab ihr David Aufklärungen über die Papierfabrikation, die in einem Werke, dessen stoffliche Existenz dem Papier und der Presse zu verdanken ist, nicht unangebracht sind; aber diese lange Parenthese in einem Gespräch zwischen einem Liebenden und einer Geliebten gewinnt ohne Zweifel, wenn sie hier abgekürzt wird.

Das Papier, ein Produkt, das nicht weniger wunderbar ist als das Druckverfahren, dem es zur Grundlage dient, existierte seit langem in China, als es durch die unterirdischen Kanäle des Handels nach Kleinasien gelangte, wo man nach einigen Überlieferungen um das Jahr 750 ein Papier benutzte, das aus kleingebrochener und zu Brei gemachter Baumwolle hergestellt war. Die Notwendigkeit, einen Ersatz für das Pergament zu finden, dessen Preis außerordentlich hoch war, führte durch eine Nachahmung des Bombyxpapiers – so nannte man das orientalische Baumwollpapier – zur Erfindung des Lumpenpapiers, und zwar wurde diese Erfindung nach einer Nachricht im Jahre 1170 in Basel von griechischen Flüchtlingen gemacht, nach einer andern Nachricht im Jahre 1310 in Padua von einem Italiener namens Pax. So vervollkommnete sich das Papier langsam und ohne daß wir viel davon wissen; aber es ist sicher, daß man schon unter Karl VI. in Paris den Papierbrei (das sogenannte »Zeug«) für Kartenspiele herstellte. Als die unsterblichen Fust, Coster und Gutenberg die Buchdruckerkunst erfunden hatten, paßten Handwerker, die, wie so viele Künstler dieser Epoche, unbekannt blieben, die Papierfabrikation den Bedürfnissen des Buchdruckers an. In diesem so kraftvollen, naiven fünfzehnten Jahrhundert trugen die Namen der verschiedenen Papierformate, ebenso wie die Namen, die man den Schriftgattungen gab, den naiven Stempel der Zeit. So bekamen das Traubenpapier, das Jesuspapier, das Kolombierpapier, das Topfpapier, das Schildpapier, das Muschelpapier, das Kronenpapier ihre Namen von der Traube, vom Bild des Heilands, vom Topf, vom Schild, kurz, von dem Wasserzeichen in der Mitte des Bogens, wie man später unter Napoleon einen Adler als Wasserzeichen benutzte, woher das Papier in großem Landkartenformat grand aigle (großer Adler) genannt wird. Ebenso nannte man die Schriftgattungen Cicero, Augustin, gros canon (großen Kanon) nach liturgischen Büchern, theologischen Werken und den Abhandlungen Ciceros, zu denen diese Schriften zum erstenmal verwendet wurden. Was man in Frankreich Italique nennt (die Kursivschrift), wurde von den Aldi in Venedig erfunden: daher der Name. Vor der Erfindung des mechanisch hergestellten Papiers, dessen Länge ohne Grenzen ist, waren die größten Formate grand jésus und grand colombier, und dieses letzte diente kaum zu etwas anderem als zu Atlanten und Stichen. In der Tat waren die Dimensionen des Druckpapiers von dem Umfang der Presseplatte abhängig. Zu der Zeit, wo David sprach, wäre die Existenz des fortlaufenden Papiers in Frankreich als Schimäre erschienen, obwohl schon Denis Robert d'Essonne gegen 1799 zu seiner Herstellung eine Maschine erfunden hatte, die später Didot-Saint-Léger zu verbessern versuchte. Das Velinpapier, das Ambroise Didot erfunden hat, stammt erst aus dem Jahre 1780. Dieser rasche Überblick zeigt unwidersprechlich, daß alle großen Errungenschaften der Industrie und der Kenntnisse mit außerordentlicher Langsamkeit und durch unmerkliche Häufungen genau wie ein geologischer oder sonst ein Naturprozeß vor sich gegangen sind. Um zu ihrer Vollkommenheit zu gelangen, hat die Schrift – vielleicht auch die Sprache – dieselben Tastversuche machen müssen wie die Buchdruckerkunst und die Papierfabrikation.

»Lumpensammler suchen in ganz Europa die Lumpen, die alte Leinwand zusammen und kaufen die Überbleibsel jeder Art von Geweben«, sagte der Buchdrucker zum Schluß seiner Auseinandersetzung. »Diese Überbleibsel, die je nach dem Gewebe sortiert werden, werden bei den Lumpenhändlern en gros aufgestapelt, und diese versorgen die Papiermühlen. Um Ihnen einen Begriff von diesem Handel zu geben, will ich Ihnen sagen, daß im Jahre 1814 der Bankier Cardon, der Eigentümer der Bütten von Buges und Langlée, wo Léorier de l'Isle schon 1776 sich an der Lösung des Problems versuchte, mit dem sich Ihr Vater beschäftigte, einen Prozeß mit einem gewissen Proust hatte, weil sich in seine Rechnung über zehn Millionen Pfund gelieferte Lumpen ein Gewichtsirrtum von zwei Millionen eingeschlichen hatte; es handelte sich in diesem Prozeß um Beträge von annähernd vier Millionen Franken. Der Fabrikant wäscht seine Lumpen und verwandelt sie in einen klaren Brei, der, genau wie eine Köchin ihre Sauce durch ein Sieb gehen läßt, durch einen eisernen, die »Form« genannten Rahmen durchgetrieben wird, welcher innen aus einem Metall besteht, in dessen Mitte sich die Zeichenlettern befinden, die dem Papier den Namen mitgeben. Von der Größe dieser Form hängt nun also die Papiergröße ab. In der Zeit, wo ich bei Didot war, beschäftigte man sich schon mit dieser Frage, und man beschäftigt sich noch damit, denn die Verbesserung, die Ihr Vater gesucht hat, ist eine der gebieterischen Notwendigkeiten unserer Zeit. Hören Sie die Gründe. Obgleich die Dauerhaftigkeit des Leinenfadens im Vergleich mit der Baumwolle schließlich die Leinwand billiger macht, geben die Armen, da es sich für sie immer darum handelt, ob sie ihrer Tasche eine bestimmte Summe entnehmen können, lieber weniger als mehr aus und erleiden auf Grund des Vae victis! enorme Verluste. Die Bürgerklasse verfährt genau so wie der Arme. Daher wird die Leinwand immer seltener. In England, wo die Baumwolle bei vier Fünfteln der Bevölkerung die Leinwand verdrängt hat, fabriziert man schon nur noch Papier aus Baumwolle. Dieses Papier, das zunächst den Nachteil hat, daß es leicht brüchig wird und reißt, löst sich so schnell im Wasser auf, daß ein Buch aus Baumwollpapler nur eine Viertelstunde darin bleiben müßte, um zu Brei zu werden, während ein altes Buch noch nicht ruiniert wäre, wenn es zwei Stunden darin bliebe. Man ließe das alte Buch trocknen, und obwohl es vergilbt und verwischt wäre, könnte man den Text noch lesen, und das Werk wäre nicht zerstört. Wir nähern uns einer Zeit, wo die Vermögen sich ausgleichen und also kleiner werden, wo alle ärmer werden; wir werden billiger Wäsche und billiger Bücher bedürfen, wie man anfängt, kleine Bilder haben zu wollen, weil man keinen Raum mehr hat, um die großen zu hängen. Die Hemden und die Bücher werden nicht mehr von Dauer sein, das ist alles. Die Solidität der Erzeugnisse verschwindet allenthalben. So ist also das Problem, das zu lösen steht, von der größten Bedeutung für die Literatur, die Wissenschaften und die Politik. Es gab eines Tages in meinem Arbeitszimmer eine lebhafte Diskussion über die Bestandteile, die man in China zur Herstellung des Papiers verwendet. Dort hat, dank den Rohstoffen, die Papierfabrikation von Anfang an eine Vollendung erreicht, die wir bei uns nicht kennen. Man beschäftigte sich damals mit dem Chinapapier, das durch seine Leichtigkeit und Reinheit dem unsern sehr überlegen ist, denn diese wertvollen Eigenschaften benehmen ihm nicht die Festigkeit, und so dünn es auch ist, scheint es in keiner Weise durch. Ein sehr kenntnisreicher Korrektor – in Paris trifft man unter den Korrektoren Gelehrte: Fourier und Pierre Leroux sind in diesem Augenblick Korrektoren bei Lachevardière! ... – also, der Graf von St. Simon, der damals gerade Korrektor war, trat während dieser Diskussion zu uns. Er sagte uns, daß nach Kempfer und du Halde die Brussonatia den Chinesen den Stoff zu ihrem Papier lieferte, das, wie das unsere übrigens auch, ganz pflanzlicher Herkunft sei. Ein anderer Korrektor behauptete, das Chinapapier werde hauptsächlich aus einem tierischen Stoff, nämlich der Seide, hergestellt, die es in China so im Überfluß gibt. Es wurde in meiner Anwesenheit eine Wette abgeschlossen. Da die Firma Didot die Druckerei des Instituts ist, war es natürlich, daß die Debatte Mitgliedern dieser gelehrten Versammlung zur Entscheidung vorgelegt wurde. Herr Marcel, der frühere Direktor der kaiserlichen Druckerei, wurde zum Schiedsrichter ernannt und verwies die beiden Korrektoren an den Abbé Grozier, den Bibliothekar am Arsenal. Nach dem Urteil des Abbé Grozier verloren die Korrektoren alle beide ihre Wette. Das Chinapapier wird weder aus Seide noch aus der Brussonatia hergestellt; sein Brei entstammt den zerriebenen Fasern des Bambus. Der Abbé Grozier besaß ein chinesisches Buch, ein zugleich ikonographisches und technologisches Werk, in dem sich zahlreiche Abbildungen befanden, die die Herstellung des Papiers in allen ihren Phasen darstellten, und er zeigte uns eine Wiedergabe von Bambusschäften, wie sie haufenweise in der Ecke einer Papierwerkstatt lagen, die vortrefflich gezeichnet war. Als Lucien mir sagte, Ihr Vater hätte vermöge einer Art Intuition, wie sie den begabten Menschen eigen ist, von einem Mittel eine Ahnung gehabt, wie man die Wäschereste durch einen überaus verbreiteten pflanzlichen Stoff ersetzen könnte, der unmittelbar der Bodenproduktion entnommen werden könnte, wie es die Chinesen machen, wenn sie sich faserhaltiger Stämme bedienen, da habe ich alle Versuche, die meine Vorgänger angestellt hatten, zusammengestellt und mich endlich daran gemacht, die Frage zu studieren. Der Bambus ist eine Art Schilfrohr: naturgemäß dachte ich an die Schilfrohre unseres Landes. Die Handarbeit spielt in China keine Rolle, ein Tag kostet dort drei Sous: daher können die Chinesen ihr Papier, wenn es aus der Form kommt, Bogen für Bogen zwischen heiße Tafeln aus weißem Porzellan bringen, mittels deren sie es pressen und ihm den Glanz, die Leichtigkeit, die Festigkeit, die Seidenglätte geben, die es zum ersten Papier der Welt machen. Nun also gilt es, das chinesische Verfahren durch eine Maschine zu ersetzen. Durch Maschinen gelingt es, das Problem der Billigkeit zu lösen, die in China durch den niedrigen Preis seiner Handarbeit erreicht wird. Wenn es uns gelänge, zu niedrigem Preis Papier von einer ähnlichen Qualität wie das Chinapapier herzustellen, dann verringerten wir das Gewicht und die Dicke der Bücher um mehr als die Hälfte. Ein gebundener Voltaire, der auf unsern Velinpapieren zweieinhalb Zentner wiegt, würde auf Chinapapier kaum einen halben wiegen. Und das wäre sicher eine große Errungenschaft. Die Raumfrage wird sicher in einer Epoche, wo die allgemeine Verkleinerung der Dinge und der Menschen sich auf alles, auch auf ihre Wohnungen erstreckt, für die Bibliotheken immer schwerer zu lösen sein. In Paris werden die großen Paläste, die großen Wohnungen früher oder später eingerissen; es gibt bald keine Vermögen mehr, die mit den Bauten unserer Väter in Einklang stehen. Welche Schande für unsere Zeit, daß sie Bücher herstellt, die nicht von Dauer sind! Noch zehn Jahre, und das holländische Papier, d.h. das aus leinenen Lumpen hergestellte, wird völlig unmöglich sein. Nun also. Ihr Bruder hat mir die Idee mitgeteilt, die Ihr Vater gehabt hat, gewisse faserhaltige Pflanzen für die Herstellung des Papiers zu verwenden; Sie sehen, wenn ich durchdringe, haben Sie Anspruch auf ...«

In diesem Augenblick trat Lucien auf seine Schwester zu und unterbrach David mitten in seinem edelmütigen Anerbieten.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob ihr diesen Abend schön gefunden habt, für mich war er grausam.«

»Armer Lucien, was ist dir denn zugestoßen?« fragte Eva, als sie die erregte Miene ihres Bruders bemerkte.

Der aufgebrachte Dichter berichtete, was er alles ausgestanden hatte, und warf die flutenden Gedanken, die ihn bestürmten, in ihre teilnehmenden Herzen. Eva und David hörten Lucien schweigend zu. Traurig ließen sie diesen Strom von Schmerzen seinen Lauf nehmen, der so viel Größe und so viel Kleinheit offenbarte.

»Herr von Bargeton«, sagte Lucien, als er fertig war, »ist ein alter Mann, der ohne Frage bald irgendeiner Verdauungsstörung erliegt; alsdann werde ich diese stolze Welt beherrschen; dann heirate ich Frau von Bargeton! Ich habe heute abend in ihren Augen eine Liebe gelesen, die nicht hinter meiner zurückbleibt. Sie hat meine Wunden mitempfunden, sie hat meine Qualen besänftigt; sie ist so groß und edel, wie sie schön und anmutig ist! Nein, sie wird mich niemals verraten!«

»Ist es nicht Zeit, ihm eine ruhige Existenz zu schaffen?« fragte David leise seine Eva.

Eva drückte schweigend Davids Arm, der verstand, was sie meinte, und sich beeilte, Lucien die Pläne zu erzählen, die er geschmiedet hatte. Die beiden Liebenden waren ebenso mit sich selber beschäftigt, wie es Lucien war, so kam es, daß Eva und David, denen es nach einer sofortigen Zustimmung zu ihrem Glück verlangte, die Bewegung der Überraschung gar nicht bemerkten, die dem Liebhaber der Frau von Bargeton unwillkürlich entschlüpfte, als er von der beabsichtigten Verehelichung seiner Schwester und Davids hörte. Lucien, der davon geträumt hatte, er würde seiner Schwester einen vornehmen Gatten verschaffen, wenn er in die Höhe gekommen wäre, um seinen Ehrgeiz mit dem Interesse zu stützen, das eine mächtige Familie ihm brächte, war sehr herabgestimmt, seinen Erfolgen in der Welt mit diesem Bunde ein neues Hindernis sich entgegenstellen zu sehen.

»Frau von Bargeton kann einwilligen, Frau von Rubempré zu werden, aber niemals wird sie die Schwägerin David Séchards sein wollen!«

Dieser Satz kann auf das genaueste die Gedanken bezeichnen, die das Herz Luciens folterten.

»Louise hat recht, Menschen, die eine Zukunft haben, werden niemals von ihrer Familie verstanden«, dachte er bitter.

Hätte man ihm diesen Herzensbund in einem Augenblick mitgeteilt, wo er nicht gerade in der Phantasie damit beschäftigt gewesen wäre, Herrn von Bargeton umzubringen, hätte er ohne Frage seine lebhafteste Freude bezeigt. Er hätte an seine gegenwärtige Lage gedacht, hätte das Los eines Mädchens in Betracht gezogen, das schön und vermögenslos war, das Los Eva Chardons, und hätte diese Ehe für ein unverhofftes Glück gehalten. Aber er weilte in einem der goldenen Träume, in denen die Jünglinge auf hohem »Wenn« alle Schranken nahmen. Eben noch hatte er sich als den Herrscher der Gesellschaft gesehen; und nun war es dem Dichter schmerzlich, so schnell wieder in die Wirklichkeit zurückzufallen. Eva und David dachten, ihr Bruder wäre von so viel Edelmut erschüttert und schwiege darum. Für diese beiden schönen Seelen bewies eine schweigende Zustimmung die wahre Freundschaft. Der Buchdrucker fing an, mit sanfter und herzlicher Beredsamkeit das Glück auszumalen, das sie alle vier erwartete. Ohne sich von den Zwischenrufen Evas stören zu lassen, richtete er seinen ersten Stock mit der Verschwendung eines Liebenden ein; er baute mit gläubiger Zuversicht das zweite Stockwerk für Lucien und das Geschoß über dem Schuppen für Frau Chardon, gegen die er alle liebevolle Sorgfalt kindlicher Fürsorge üben wollte. Kurz, er machte die Familie so glücklich und seinen Bruder so unabhängig, daß Lucien von Davids Stimme und dem schmeichelnden Wesen Evas bezaubert wurde und im Dunkel der Bäume auf dem Weg an der ruhig fließenden, schimmernden Charente unter dem Sternengewölbe und in der lauen Nachtluft die schmerzhafte Dornenkrone vergaß, die die Gesellschaft ihm aufs Haupt gesetzt hatte. Herr von Rubempré erkannte endlich David. Die Beweglichkeit seines Wesens führte ihn bald wieder in das reine, arbeitsame und bürgerliche Leben, das er geführt hatte, zurück; er sah es verschönt und sorgenlos. Der Lärm der aristokratischen Welt wich mehr und mehr hinter ihm zurück. Und schließlich drückte unser Ehrgeiziger, als er das Pflaster von Houmeau betreten hatte, die Hand seines Bruders und gab dem Bunde der glücklichen Liebenden seine Zustimmung.

»Vorausgesetzt, daß dein Vater nicht gegen diese Ehe ist!« sagte er zu David.

»Du weißt, wie wenig er sich um mich kümmert! Der alte Herr lebt für sich; aber ich will ihn morgen in Marsac besuchen, und wenn es nur wäre, um ihn dazu zu bringen, daß er den Umbau bewerkstelligt, den wir brauchen.«

David begleitete den Bruder und die Schwester zu Frau Chardon, die er mit der Dringlichkeit eines Mannes, der es eilig hat, um Evas Hand bat. Die Mutter nahm die Hand ihrer Tochter, legte sie freudig in die Davids, und der Liebende faßte Mut und küßte seine schöne Verlobte, die ihm errötend zulächelte, auf die Stirn.

»So sehen die Verlobungen der Armen aus«, sagte die Mutter und hob die Augen zum Himmel, wie um den Segen Gottes zu erflehen. – »Du hast Mut, mein Sohn,« wandte sie sich zu David, »denn wir sind im Elend, und ich fürchte, daß es ansteckend ist.«

»Wir werden reich und glücklich sein«, sagte David ernst. »Zunächst werden Sie Ihren Beruf als Krankenpflegerin aufgeben und mit Ihrer Tochter und Lucien in Angoulême wohnen.«

Die drei Kinder beeilten sich nun, ihrer erstaunten Mutter ihren reizenden Plan zu erzählen, und sie überließen sich einer von den begeisterten Familienplaudereien, wo man im voraus alle Ernten einbringt und alle Freuden vorwegnimmt. David mußte vor die Tür gesetzt werden; er hätte gewünscht, dieser Abend nähme kein Ende. Es schlug ein Uhr, als Lucien seinen künftigen Schwager bis zum Palet-Tor zurückgeleitete. Der wackere Postel, den diese ungewöhnliche Lebhaftigkeit unruhig machte, stand hinter seiner Jalousie; er hatte das Fenster geöffnet und sagte bei sich selbst, als er zu dieser Stunde bei Eva Licht sah:

»Was ist denn bei Chardons los?«

»Junge,« rief er, als er Lucien zurückkehren sah, »was ist denn mit euch? Braucht ihr mich vielleicht?«

»Nein,« antwortete der Dichter; »aber da Sie unser Freund sind, kann ich Ihnen die Sache sagen: meine Mutter hat David Séchard die Hand meiner Schwester versprochen.«

Statt jeder Antwort schloß Postel heftig sein Fenster. Er war verzweifelt, daß er nicht um Fräulein Chardon angehalten hatte.

David kehrte nicht nach Angoulême zurück. Er schlug die Straße nach Marsac ein. Er schlenderte langsam zu seinem Vater hinaus und erreichte den Weinberg, der an das Haus grenzte, in dem Augenblick, als die Sonne aufging. Unser Liebender bemerkte den Kopf des alten Bären über eine Hecke hinweg unter einem Mandelbaum.

»Guten Morgen, Vater!« sagte David zu ihm. »Was! du bist das, Junge? Wie kommst du zu dieser Stunde auf die Landstraße? Tritt hier ein«, sagte der Winzer und wies seinem Sohn eine kleine Gittertür. »Meine Reben haben alle abgeblüht, keine hat Frost abbekommen! Es gibt dies Jahr mehr als zwanzig Ohm auf den Morgen. Aber wie das auch gedüngt ist!«

»Vater, ich muß mit dir von einer wichtigen Sache sprechen.«

»Nun, was machen unsere Pressen? Du mußt klotziges Geld verdienen.«

»Ich werde es verdienen, Vater, aber gegenwärtig bin ich nicht reich.«

»Sie tadeln mich hier alle, daß ich so viel dünge«, entgegnete der Vater. »Die Bourgeois, d. h. der Herr Marquis, der Herr Graf, der Herr Soundso behaupten, ich nähme dem Wein die Qualität. Nun hör mal zu! Diese Herren ernten sieben, manchmal auch acht Stückfässer auf den Morgen und verkaufen sie zu sechzig Franken das Stück, das macht also in den guten Jahren höchstens vierhundert Franken auf den Morgen. Ich gewinne zwanzig Stück und verkaufe sie zu dreißig Franken, in Summa sechshundert Franken. Wer ist nun der Dummkopf? Die Qualität! die Qualität! Was liegt mir an der Qualität! Die können sie meinetwegen für sich behalten, ihre Qualität, die Herren Grafen! Für mich sind die Taler die Qualität! Was sagst du?...«

»Vater, ich verheirate mich. Ich wollte dich fragen...«

»Mich fragen? Was! Nicht im geringsten, mein Junge. Verheirate dich, ich stimme zu; aber geben kann ich dir nichts, ich habe keinen Heller. Die Gebühren haben mich ruiniert! Seit zwei Jahren habe ich Gebühren, Steuern, Auflagen aller Art zu zahlen; die Regierung nimmt alles. Der größte Teil des Vermögens wandert zur Regierung! Seit zwei Jahren haben die armen Winzer nichts verdient. Dieses Jahr läßt sich nicht übel an, aber meine verfluchten Ohmfässer kosten schon elf Franken das Stück. Die Ernte wird für den Böttcher sein. Warum willst du vor der Weinlese heiraten?«

»Vater, ich wollte nur um deine Zustimmung bitten.«

»Ah, das ist eine andere Sache! Ich bin nicht neugierig, aber wen heiratest du?«

»Ich heirate Fräulein Eva Chardon.«

»Was ist das für eine? Wovon lebt sie?«

»Sie ist die Tochter des verstorbenen Herrn Chardon, des Apothekers von Houmeau.«

»Du heiratest eine Tochter des Houmeau, du, ein Bürgersmann, du, der Buchdrucker des Königs in Angoulême? Das sind die Früchte der Erziehung! Darum läßt man seine Kinder studieren! So! Sie ist also sehr reich, mein Söhnchen?« sagte der alte Winzer und trat mit schmeichelnden Mienen näher an seinen Sohn heran; »denn wenn du eine Tochter des Houmeau heiratest, muß sie einen schönen Batzen haben! Schön! Du wirst mir meine Miete bezahlen. Weißt du, mein Junge, daß du nun zweieinviertel Jahr die Miete schuldig bist? Das macht zweitausendsiebenhundert Franken, die mir sehr gelegen kämen, um den Böttcher zu bezahlen. Von jedem anderen, als meinem Sohn, hätte ich das Recht, Zinsen zu verlangen, denn schließlich, Geschäft ist Geschäft; aber ich erlasse sie dir. Nun also, was hat sie?«

»Sie hat, was meine Mutter hatte.«

Der alte Winzer wollte ausrufen: »Sie hat nur zehntausend Franken!« Aber er erinnerte sich, daß er seinem Sohn keine Rechnung gelegt hatte, und rief:

»Sie hat nichts!«

»Das Vermögen meiner Mutter war ihre Klugheit und ihre Schönheit.«

»Geh auf den Markt damit und sieh, was du dafür bekommst! Heiliges Donnerwetter! Was haben die Väter für ein Pech mit ihren Kindern! David, als ich mich verheiratet habe, war mein ganzes Vermögen eine papierene Zipfelmütze auf dem Kopf und meine beiden Arme; ich war ein armer Bär; aber mit der schönen Druckerei, die ich dir geschenkt habe, mit deiner Betriebsamkeit und deinen Kenntnissen mußt du eine Städterin heiraten, die dreißig-, vierzigtausend Franken hat. Steck deine Liebschaft auf, und ich will dich selber verheiraten! Wir haben eine Meile von hier eine Witwe von zweiunddreißig Jahren, eine Müllersfrau, die für hunderttausend Franken Land hat; das ist 'ne Sache für dich. Du kannst ihre Güter mit denen von Marsac verbinden, sie grenzen aneinander! Ach! was für ein schönes Anwesen hätten wir und wie würde ich es verwalten! Man sagt, sie will sich mit Courtois, ihrem ersten Gesellen, verheiraten. Du bist noch mehr wert als er! Ich würde die Mühle führen, während sie in Angoulême die Dame spielen könnte.«

»Vater, ich bin verlobt...«

»David, du verstehst nichts vom Geschäft; ich sehe, du ruinierst dich. Jawohl, wenn du dich mit dieser Tochter des Houmeau verheiratest, werde ich streng auf deine Verpflichtungen sehen, ich werde verlangen, daß du mir meine Miete zahlst; denn mir ahnt nichts Gutes. Oh! meine armen Pressen, meine Pressen! Was für ein Geld hat es gekostet, euch zu ölen, euch instand zu halten und euch laufen zu lassen. Nur ein gutes Jahr kann mich darüber trösten.«

»Vater, mir scheint, bis jetzt hab ich dir wenig Kummer gemacht...«

»Und sehr wenig Miete bezahlt»«, antwortete der Winzer. »Ich wollte dich außer deiner Zustimmung zu meiner Verehelichung bitten, mir den zweiten Stock dieses Hauses und über dem Schuppen noch ein Gelaß bauen zu lassen.«

»Prost die Mahlzeit, ich habe keinen Heller, das weißt du. Überdies wäre das gerade, als wollte ich das Geld ins Wasser werfen! Ah! du stehst früh am Morgen auf, um Bauereien von mir zu verlangen, die einen König ruinieren könnten. Wenn man dich schon David genannt hat, habe ich doch nicht die Schätze des Königs Salomon. Du bist ja verrückt! Man hat mir das Kind in der Wiege vertauscht. Da sieh mal, was die für Trauben bringen wird!« unterbrach er sich, um David eine Rebe zu zeigen. »Das sind Kinder, die die Hoffnung ihrer Eltern nicht trügen: man gibt ihnen Dung, und sie tragen. Aber dich habe ich aufs Lyzeum geschickt, enorme Summen habe ich zu deiner Ausbildung ausgegeben, ich schickte dich zu Didot, damit du alles lernst, und was ist das Ende vom Lied? Du bringst mir eine Schwiegertochter aus dem Houmeau, ohne einen Pfennig Mitgift! Hätte ich dich nicht studieren lassen, wärst du unter meinen Augen geblieben, dann führtest du dich nach meinem Wunsch auf und nähmest jetzt eine Müllerin mit hunderttausend Franken zur Frau, die Mühle nicht gerechnet. Ah! dient dein Witz zu nichts weiter, als daß du glaubst, ich werde dich für deine schönen Gefühle belohnen und dir Paläste bauen?... Aber wird man nicht wahrhaftig sagen, das Haus, in dem du wohnst, hätte seit zweihundert Jahren nur Schweine beherbergt, und deine Tochter des Houmeau könnte sich dort nicht ins Bett legen. Ah, sieh mal an! Sie ist wohl die Königin Frankreichs?«

»Schon gut, Vater, ich werde den zweiten Stock auf meine Kosten bauen, der Sohn wird den Vater bereichern. Das ist zwar die verkehrte Welt, aber es kommt manchmal vor.«

»Wie! mein Söhnchen, du hast Geld zum Bauen, und du hast keins, um die Miete zu bezahlen? Spitzbube! du betrügst deinen Vater.«

Diese Frage war schwer zu beantworten, und der Alte war entzückt, seinen Sohn in eine Verlegenheit zu bringen, die es ihm möglich machte, ihm nichts zu geben und doch dabei nicht unväterlich zu erscheinen. Daher konnte David von seinem Vater lediglich die einfache Zustimmung zu seiner Verehelichung und die Erlaubnis erlangen, auf seine eigenen Kosten in dem väterlichen Hause alle Umbauten vornehmen zu lassen, die ihm nötig schienen. Der alte Bär, dieses Muster eines konservativen Vaters, war so gnädig gegen seinen Sohn, daß er die Miete noch stundete und ihm nicht die Ersparnisse nahm, die er unklugerweise hatte sehen lassen. David kehrte traurig heim: er sah ein, daß er im Unglück nicht auf den Beistand seines Vaters rechnen konnte.

In ganz Angoulême war von nichts anderem die Rede als von dem Wort des Bischofs und der Antwort der Frau von Bargeton. Die geringsten Vorfälle wurden so entstellt, übertrieben und ausgeschmückt, daß unser Dichter der Held des Tages wurde. Aus der obern Sphäre, in der dieses Unwetter des Klatsches und der Lästerungen tobte, fielen auch einige Tropfen für das Bürgertum ab. Als Lucien durch Beaulieu ging, um Frau von Bargeton zu besuchen, merkte er die neidische Aufmerksamkeit, mit der ein paar junge Leute ihn betrachteten, und fing einige Sätze auf, die ihn stolz machten.

»Ein glücklicher junger Mann«, sagte ein Anwaltsschreiber namens Petit-Claud, ein früherer Schulkamerad Luciens, der häßlich war und dem gegenüber er gern eine gewisse Gönnermiene aufsetzte. »Ja gewiß, er ist hübsch, er hat Talent, und Frau von Bargeton ist verliebt in ihn«, antwortete ein junger Herr, der bei der Vorlesung dabei gewesen war.

Er hatte ungeduldig die Stunde erwartet, zu der er Louise allein treffen konnte; er hatte den Wunsch, von dieser Frau, die die Richterin über all seine Schicksale geworden war, die Zustimmung zur Verheiratung seiner Schwester zu erlangen. Nach diesem Abend wäre Louise vielleicht zärtlicher, dachte er, und diese Zärtlichkeit könnte eine glückliche Stunde zur Folge haben. Er hatte sich nicht getäuscht: Frau von Bargeton empfing ihn mit einem Gefühlsüberschwang, der diesem Neuling in der Liebe als eine ergreifende Steigerung ihrer Leidenschaft vorkam. Sie überließ ihre schönen goldenen Haare, ihre Hände, ihren Kopf den flammenden Küssen des Dichters, der am Abend vorher so viel hatte leiden müssen.

»Wenn du dein Gesicht gesehen hättest, während du lasest,« sagte sie – denn sie waren am Abend vorher, in dem Augenblick, als Louise auf dem Kanapee mit ihrer weißen Hand die Schweißtropfen weggewischt hatte, die im voraus Perlen auf die Stirn setzten, auf die sie eine Krone drücken wollte, dazu gelangt, »du« zueinander zu sagen – »es sprühten Funken aus deinen schönen Augen! Ich sah die goldenen Ketten aus deinem Munde hängen, die die Herzen an die Lippen des Dichters fesseln. Du wirst mir den ganzen Chénier vorlesen, er ist der Dichter der Liebenden. Du wirst nicht mehr leiden, ich will es nicht! Ja, mein Süßer, ich werde dir eine Oase schaffen, wo du dein ganzes Dichterdasein verbringen kannst wie du willst, bald tätig, bald lässig, untätig, arbeitsam oder sinnend; aber vergiß nie, daß du deine Lorbeeren mir verdankst, daß das für mich die edle Entschädigung für die Leiden ist, die mir nicht erspart bleiben werden. Armer, teurer Freund, diese Welt wird mich so wenig schonen wie dich, sie rächt sich für alles Glück, an dem sie nicht teilhat. Jawohl, man wird immer auf mich eifersüchtig sein; hast du es nicht gestern gesehen, sind nicht diese blutgierigen Schmeißfliegen schnell genug herangeflogen, um sich von den Stichen vollzusaugen, die sie dir beibrachten? Aber ich war glücklich, ich habe gelebt! Wie lange haben die Saiten meines Herzens nicht mehr einen solchen Vollklang gegeben!«

Tränen rannen über Louisens Wangen; Lucien ergriff ihre Hand und drückte statt aller Antwort einen langen Kuß darauf. So wurde der Eitelkeit dieses Dichters von dieser Frau geschmeichelt, wie es seine Mutter, seine Schwester und David getan hatten. Alle Menschen seiner Umgebung fuhren fort, das nur in der Phantasie bestehende Postament zu erhöhen, auf dem er thronte. Von aller Welt, von seinen Freunden wie von der Wut seiner Feinde, in seinen ehrgeizigen Vorstellungen bestärkt, wandelte er in einer Luft dahin, die voller Wahngebilde war. Die Phantasie junger Menschen ist naturgemäß so sehr der Mitschuldige solcher Lobeserhebungen und Ideen, alles beeilt sich so sehr, einem schönen, zukunftsreichen jungen Menschen zu dienen, daß es mehr als einer bittern und erkältenden Lektion bedarf, um solches Blendwerk zu verscheuchen.

»Meine schöne Louise, du willst also meine Beatrice sein, aber eine Beatrice, die sich lieben läßt?«

Sie hob ihre schönen Augen, die sie gesenkt gehalten hatte, und sagte mit einem himmlischen Lächeln, das ihre Worte Lügen strafte:

»Wenn du es verdienst... später! Bist du nicht glücklich? Ein Herz sein eigen nennen, alles sagen können, mit der Sicherheit, verstanden zu werden – ist das nicht Glück?«

»Ja«, antwortete er und verzog das Gesicht wie ein gekränkter Liebhaber. »Kind!« sagte sie scherzend. »Nun, du hattest mir doch etwas zu sagen. Du warst mit etwas beschäftigt, als du eintratst, mein Lucien.«

Lucien vertraute seiner Geliebten schüchtern die Liebe Davids zu seiner Schwester, die seiner Schwester zu David an und sprach von der beabsichtigten Heirat.

»Armer Lucien,« sagte sie, »er hat Angst, er könnte geschlagen oder gescholten werden, wie wenn er selbst sich verheiraten wollte! Aber was ist daran Schlimmes?« fügte sie hinzu und fuhr mit ihren Händen durch Luciens Haar. »Was kümmert mich deine Familie, wo du eine Ausnahme bist? Wenn mein Vater seine Magd heiratete, würdest du dich viel darum scheren? Liebes Kind, Liebende sind für sich allein ihre ganze Familie. Habe ich ein anderes Interesse in der Welt als meinen Lucien? Werde groß, erobere dir den Ruhm, das allein geht uns an!«

Diese egoistische Antwort machte Lucien zum glücklichsten Menschen auf der Welt. In dem Augenblick, wo er die tollen Gründe hörte, mit denen Louise ihm bewies, daß sie allein auf der Welt wären, trat Herr von Bargeton ein. Lucien runzelte die Stirn und schien verlegen; Louise machte ihm ein Zeichen und bat ihn, bei ihnen zum Essen zu bleiben. Sie sagte, es wäre schön, wenn er ihr André Chénier läse, bis die Spieler und die gewohnten Besucher kämen.

»Sie werden nicht bloß ihr ein Vergnügen damit machen,« sagte Herr von Bargeton, »sondern auch mir. Nichts bringt mich besser in Ordnung, als wenn ich nach dem Essen vorlesen höre.«

Lucien blieb, von Herrn von Bargeton und von Louise mit Auszeichnung behandelt, von den Lakaien mit dem Respekt bedient, den sie für die bevorzugten Freunde des Hauses hatten, im Hotel Bargeton. Mehr und mehr betrachtete er den Genuß eines Vermögens als sein eigen, dessen Nutznießung ihm gestattet war. Als der Salon voller Menschen war, fühlte er sich der Dummheit des Herrn von Bargeton und der Liebe Louisens so sicher, daß er eine herrische Miene annahm, zu der ihn seine schöne Geliebte nur ermutigte. Er genoß die Freuden der Despotie, die Naïs erobert hatte und die sie gern mit ihm teilte. Kurz, er versuchte an diesem Abend die Rolle eines kleinstädtischen Helden zu spielen. Einige unter den Anwesenden dachten, als sie die neue Haltung Luciens bemerkten, er wäre, wie man sich wohl für eine bestimmte Sache ausdrückt, mit Frau von Bargeton schon ganz und gar einig. Amélie, die mit Herrn du Châtelet gekommen war, sprach in einer Ecke des Salons, in der sich die Eifersüchtigen und Neidischen gesammelt hatten, von diesem großen Unglück als einer sichern Sache.

»Machen Sie Naïs nicht für die Eitelkeit eines jungen Menschen verantwortlich, der voller Stolz darauf ist, daß er sich in einer Welt befindet, in die er niemals zu kommen hoffte«, sagte Châtelet. »Sehen Sie nicht, daß dieser Chardon die anmutigen Phrasen einer Weltdame für ein gewisses Entgegenkommen hält? Er kennt noch nicht den Unterschied zwischen der Verschwiegenheit der wahren Leidenschaft und der Beredsamkeit der Protektion, die seine Schönheit, seine Jugend und sein Talent verdienen! Die Frauen wären sehr beklagenswert, wenn sie für alle Wünsche verantwortlich wären, die sie uns einflößen. Er ist sicher verliebt, aber Naïs ...«

»O, Naïs,« erwiderte die boshafte Amélie, »Naïs ist sehr glücklich über diese Leidenschaft. In ihrem Alter hat die Liebe eines jungen Mannes so viel Verführerisches! Man wird bei ihm wieder jung, man macht sich zum jungen Mädchen, man nimmt die Manieren, das ängstlich verlegene Wesen des jungen Mädchens wieder an, und man denkt nicht an die Lächerlichkeit ... Sehen Sie nur an, der Sohn eines Apothekers spielt sich bei Frau von Bargeton als Herr auf!«

»Die Liebe kennt nicht solche Schranken«, trällerte Adrian.

Am nächsten Tag gab es kein einziges Haus in Angoulême, in dem man nicht von der großen Intimität zwischen Herrn Chardon, alias von Rubempré, und Frau von Bargeton sprach: sie, die kaum ein paar Küsse getauscht hatten, wurden von der Welt schon des sträflichsten Glückes bezichtigt. Frau von Bargeton erntete nun die Strafe für ihre Stellung als Königin von Angoulême. Zum Seltsamsten in den Absonderlichkeiten der Gesellschaft gehören diese ihre launenhaften Urteile und ihre verrückten Anforderungen. Es gibt Menschen, denen alles erlaubt ist: sie können die unvernünftigsten Dinge machen, ihnen steht alles wohl an; alle beeifern sich, ihre Handlungen zu rechtfertigen. Aber es gibt andere, gegen die die Welt unglaublich streng ist: die müssen alles recht machen, dürfen sich nie täuschen, nie einen Fehler machen, nicht einmal eine Dummheit begehen; man könnte sie für bewunderte Statuen halten, die man von ihrem Postament nimmt, sowie der Frost ihnen einen Finger oder die Nase beschädigt hat; man gestattet ihnen nichts Menschliches, sie sind verpflichtet, immer göttlich und vollkommen zu sein. Ein einziger Blick, den Frau von Bargeton Lucien zuwarf, galt da ebensoviel wie die zwölf Jahre Liebesglück zwischen Zizine und Francis. Ein Händedruck zwischen den beiden Liebenden zog alle Blitzstrahlen der Charente auf sie herab. David hatte aus Paris geheime Ersparnisse mitgebracht, die er für die Kosten, die die Hochzeit erforderte, und für den Aufbau des zweiten Stockwerks des väterlichen Hauses bestimmte. Dieses Haus vergrößern, hieß doch für sich selbst arbeiten. Früher oder später mußte es ihm anheimfallen; sein Vater war achtundsiebzig Jahre alt. Der Buchdrucker ließ also die Wohnung Luciens aus Fachwerk errichten, um die alten Mauern des rissigen Hauses nicht zu überlasten. Es machte ihm Freude, die Wohnung im ersten Stock, wo die schöne Eva ihr Leben verbringen sollte, artig einzurichten und zu schmücken. Es war für die beiden Freunde eine Zeit ungetrübter Heiterkeit und Freude. Lucien war wohl der erbärmlichen Verhältnisse des Provinzdaseins müde und hatte die schmutzige Knickrigkeit satt, die aus einem Hundertsousstück eine enorme Summe machte, aber er ertrug doch, ohne zu klagen, die sorglichen Überlegungen der Armut und ihre Entbehrungen. Seine düstere Melancholie war dem strahlenden Ausdruck der Hoffnung gewichen. Er sah über seinem Haupte einen Stern strahlen, er träumte von einem schönen Dasein und pflanzte sein Glück auf dem Grabe des Herrn von Bargeton auf, der es von Zeit zu Zeit mit schweren Verdauungsstörungen und der glücklichen Manier hatte, die Unbehaglichkeiten nach dem Mittagessen für eine Krankheit zu halten, die man mit denen nach dem Abendessen kurieren müßte.

Anfang September war Lucien kein Faktor mehr, er war Herr von Rubempré und wohnte, im Vergleich mit der elenden Dachkammer, in der der kleine Chardon in Houmeau gehaust hatte, ganz prächtig, er war nicht mehr einer aus Houmeau, er bewohnte die Oberstadt Angoulême und speiste nahezu viermal wöchentlich bei Frau von Bargeton. Monseigneur hatte eine Freundschaft für ihn gefaßt, und er fand Zutritt im Bischofspalast. Seiner Beschäftigung nach gehörte er zum Rang der höchstgestellten Personen. Schließlich mußte er eines Tages unter die Berühmtheiten Frankreichs aufgenommen werden. Gewiß, wenn er seinen hübschen Salon, sein reizendes Schlafzimmer und sein sehr geschmackvolles Studierzimmer betrachtete, konnte er sich darüber trösten, daß er von den so schwer verdienten Löhnen seiner Schwester und seiner Mutter dreißig Franken monatlich nahm; denn er sah den Tag kommen, wo der historische Roman, an dem er seit zwei Jahren schrieb, »Der Bogenschütze Karls IX.«, und ein Band Gedichte, der »Die Margueriten« heißen sollte, seinen Namen in der literarischen Welt bekannt machen und ihm so viel Geld verschaffen sollten, daß er seiner Mutter, seiner Schwester und David das geschuldete Geld zurückzahlen konnte. Er fühlte sich, er hörte von seinem Namen die Zukunft schallen, und so nahm er diese Opfer mit vornehmer Ruhe entgegen: er lächelte über seine Not, fand an der letzten Wende seiner Armut einen Genuß. Eva und David hatten das Glück ihres Bruders ihrem eigenen vorangestellt, die Hochzeit verzögerte sich noch, weil die Handwerker mit den Möbeln, den Malereien, den Tapeten für den ersten Stock noch nicht fertig waren, denn die Sachen für Lucien waren zuerst erledigt worden. Wer Lucien kannte, konnte sich über diese Hingebung nicht wundern: er war so verführerisch! seine Art war so schmeichlerisch! er drückte seine Ungeduld und seine Wünsche so reizend aus! seine Sache war immer gewonnen, bevor er noch den Mund auftat. Diese verhängnisvolle Gabe verdirbt mehr junge Leute, als sie zum Heil ausschlägt. Viele von diesen großen Kindern gewöhnen sich an die Zuvorkommenheit, die man einem angenehmen jugendlichen Äußern entgegenbringt, freuen sich über den egoistischen Schutz, den die Welt jemandem gewährt, der ihr gefällt, wie sie ja auch dem Bettler, der zu ihrem Gefühl spricht, ein Almosen gibt, und sie genießen diese Gunst, anstatt sie nützlich zu verwenden. Sie täuschen sich über den Sinn und die Veränderlichkeit der sozialen Beziehungen und glauben immer, daß ihnen dies trügerische Lächeln werden müsse; aber der Augenblick, wo die Welt sie wie alte Koketten und unbrauchbare Lumpen an der Tür eines Salons und an einem Grenzpfahl verläßt, findet sie nackt, kahl, geplündert, ohne Geld und ohne Vermögen. Eva hatte überdies diesen Aufschub gewünscht, sie wollte alles, was für einen jungen Haushalt notwendig ist, mit möglichster Sparsamkeit einrichten. Was hätten zwei Liebende einem Bruder abschlagen können, der wohl, wenn er seine Schwester arbeiten sah, mit einem Ton, der vom Herzen kam, sagte: »Ich wollte, ich könnte nähen!« Und dann war der ernste, beobachtende David mitschuldig an dieser Opferwilligkeit. Trotzdem betrachtete er seit dem Triumph Luciens bei Frau von Bargeton die Umwandlung, die mit ihm vorging, mit ängstlichen Blicken; er fürchtete, Lucien könnte lernen, die Bürgersitten zu verachten. In dem Wunsch, seinen Bruder auf die Probe zu stellen, brachte David ihn einigemal vor die Wahl zwischen den patriarchalischen Freuden der Familie und den Vergnügungen der großen Welt, und wenn es vorkam, daß Lucien ihnen seine eitlen Genüsse preisgab, hatte er wohl ausgerufen: »Man wird ihn uns nicht verderben!« Mehreremal machten die drei Freunde und Frau Chardon miteinander Ausflüge, wie man sie in der Provinz macht: sie gingen in den Wäldern spazieren, die in der Nähe Angoulêmes am Ufer der Charente sich erstrecken; sie verspeisten ihre Vorräte, die Davids Lehrling zu einer bestimmten Stunde an einen verabredeten Ort gebracht hatte, im Grünen; dann kehrten sie abends ein wenig ermüdet heim und hatten noch keine drei Franken ausgegeben. Wenn es hoch kam, aßen sie in einem ländlichen Gasthaus zu Mittag, das die Mitte hielt zwischen einer Provinzkneipe und einer Pariser Schenke, und brachten es bis zu hundert Sous, die zwischen David und den Chardons verteilt wurden. David rechnete es Lucien sehr hoch an, daß er bei diesen ländlichen Festen die Genüsse vergaß, die er bei Frau von Bargeton und den üppigen Diners der großen Welt zu finden gewohnt war, denn jeder wollte jetzt den großen Mann von Angoulême feiern.

Unter solchen Umständen und in einem Augenblick, wo fast alles für den künftigen Haushalt bereit war – David war nach Marsac gereist, um seinen Vater zu bewegen, der Hochzeit beizuwohnen, da er hoffte, der Alte werde, wenn ihm seine Schwiegertochter gefiele, zu den sehr großen Unkosten des Umbaues etwas beitragen –, ereignete sich eines der Geschehnisse, die in einer Kleinstadt allen Dingen ein anderes Gesicht geben. Lucien und Louise hatten in Châtelet einen geheimen Spion, der mit der Hartnäckigkeit seines Hasses, dem sich Leidenschaft und Habgier gesellen, auf die Gelegenheit lauerte, einen Skandal herbeizuführen. Sixtus wollte Frau von Bargeton zwingen, sich so für Lucien zu kompromittieren, daß sie das werden mußte, was man ›verloren‹ nennt. Er benahm sich als schlichter Vertrauter der Frau von Bargeton; aber er bewunderte Lucien nur in der Rue du Minage, überall anderswo riß er ihn herunter. Er war allmählich zu einem recht intimen Verkehr mit Naïs gekommen, die gegen ihren alten Anbeter kein Mißtrauen mehr hegte, aber er mutmaßte über den Verkehr der beiden Liebenden zuviel. Ihre Liebe blieb zur großen Verzweiflung Louisens und Luciens platonisch. Es gibt in der Tat Liebesverhältnisse, die gut oder schlecht, wie man will, von Stapel gehen. Zwei Menschen werfen sich auf die Taktik des Gefühlsaustausches, sprechen, anstatt zu handeln, und schlagen sich auf freiem Feld, anstatt eine Belagerung vorzunehmen. So werden sie oft einander überdrüssig, indem sie ihre Sehnsucht ins Leere verpuffen. Zwei Liebende sind dann so weit, daß sie Zeit finden, nachzudenken und sich kritisch zu betrachten. Oft kehren so Leidenschaften, die mit fliegenden Fahnen und in strahlendem Schmuck, mit einer Glut, die alles umwerfen wollte, ins Feld gezogen waren, schließlich ohne Sieg, beschämt, entwaffnet, ärgerlich über ihren leeren Lärm, nach Hause zurück. Dieses Verhängnis erklärt sich manchmal mit der Schüchternheit der Jugend und dem Hinzögern, zu dem Frauen, die Anfängerinnen sind, neigen, denn diese Art gegenseitigen Betrugs passiert weder den erfahrenen Praktikern noch den Koketten, die mit der Leidenschaft umzugehen wissen.

Das Provinzleben steht überdies der Befriedigung der Liebe seltsam feindlich gegenüber und begünstigt in der Leidenschaft die verstandesgemäßen Auseinandersetzungen; und ebenso stürzen die Hindernisse, die es dem süßen Verkehr, der die Liebenden so sehr verbindet, entgegensetzt, die glühenden Seelen in Zwiespalt miteinander. Dieses Leben ist auf eine so ängstliche Spionage begründet, auf eine so große Durchsichtigkeit der Häuser, es erlaubt so wenig eine Intimität, die befriedigt, ohne die Tugend zu verletzen, die reinsten Beziehungen werden so sinnlos bezichtigt, daß viele Frauen entehrt werden, obgleich sie unschuldig sind. Manche unter ihnen werden dann ungehalten, daß sie nicht alle Wonnen eines Fehlers genießen, dessen schlimme Folgen sie alle tragen müssen. Die Gesellschaft, die ohne irgendeine ernsthafte Prüfung die offenkundigen Tatsachen, die langen geheimen Kämpfen ein Ende setzen, tadelt oder kritisiert, ist also ursprünglich mitschuldig an diesen Skandalen; aber die meisten Menschen, die gegen die angeblichen Skandale zetern, an denen zu Unrecht verleumdete Frauen schuld sein sollen, haben nie an die Ursachen gedacht, die sie schließlich zu einer öffentlichen Handlung bringen. Frau von Bargeton sollte in diese verrückte Lage kommen, in die so viele Frauen gekommen sind, die erst Verlorene wurden, nachdem sie ungerecht beschuldigt worden waren.

Beim Beginn einer Leidenschaft schrecken unerfahrene Menschen vor den Hindernissen zurück; und die Hindernisse, die unsere beiden Liebenden vorfanden, glichen sehr den Fesseln, mit denen die Liliputaner den Gulliver geknebelt hatten. Es waren gehäufte Nichtigkeiten, die jede Bewegung unmöglich und die heftigsten Wünsche zunichte machten. So mußte zum Beispiel Frau von Bargeton immer gewärtig sein, Besuche zu empfangen. Hätte sie für die Stunden, wo Lucien kam, ihre Tür verschlossen gehalten, dann wäre schon alles aus gewesen, und es wäre ebenso gut gewesen, mit ihm zu entfliehen. Sie empfing ihn in der Tat in dem Boudoir, an das er schon so gewöhnt war, daß er sich als Herr darin vorkam; aber die Türen blieben gewissenhaft offen. Alles ging ganz und gar tugendhaft vor sich. Herr von Bargeton ging in voller Harmlosigkeit hin und her, ohne daran zu denken, seine Frau könnte mit Lucien allein sein wollen. Wäre er das einzige Hindernis gewesen, so hätte ihn Naïs sehr gut wegschicken oder beschäftigen können; aber sie war mit Besuchen überlaufen, und es wurden ihrer um so mehr, je stärker die Neugier sich angestachelt fühlte. Die Menschen in der Provinz sind Spielverderber aus natürlicher Anlage, es macht ihnen Freude, entstehenden Liebesverhältnissen in den Weg zu treten. Die Bedienten gingen im Hause hin und wider, ohne daß man sie gerufen hatte und ohne vorher an die Tür zu klopfen; es waren das alte Gewohnheiten, wie eine Frau, die nichts zu verbergen brauchte, sie angenommen hatte. Wäre an diesen Gepflogenheiten im Hause etwas geändert worden, hätte das nicht ebenso viel besagt, als die Liebe einzugestehen, an der noch ganz Angoulême zweifelte. Frau von Bargeton konnte den Fuß nicht über die Schwelle setzen, ohne daß die Stadt wußte, wohin sie ging. Mit Lucien allein außerhalb der Stadt zu gehen, wäre ein entscheidender Schritt gewesen: es wäre weniger gefährlich gewesen, sich mit ihm bei sich zu Hause einzuschließen. Wenn Lucien nach Mitternacht, wenn keine Gesellschaft mehr zugegen war, bei Frau von Bargeton geblieben wäre, hätte es am nächsten Tage ein Gerede darüber gegeben. So lebte Frau von Bargeton in und außer dem Hause immer in der Öffentlichkeit. Diese Einzelheiten geben ein Bild von der ganzen Provinz: die Fehltritte sind da entweder eingestanden oder unmöglich.

Louise erkannte, wie alle Frauen, die von einer Leidenschaft hingerissen sind, in der sie sich nicht auskennen, nacheinander alle Schwierigkeiten ihrer Lage; sie schreckte davor zurück. Ihre Angst wirkte jetzt auf die Auseinandersetzungen ein, die so oft die schönsten Stunden, in denen zwei Liebende allein beisammen sind, in Anspruch nehmen. Frau von Bargeton besaß keinen Landsitz, auf den sie ihren geliebten Dichter mitnehmen konnte, wie es manche Frauen machen, die sich unter einem geschickt ersonnenen Vorwand auf dem Lande begraben. Sie war es müde, so öffentlich zu leben, fühlte sich aufgerieben von der Tyrannei, deren Joch so hart war, daß die Annehmlichkeiten nicht mehr in Betracht kamen, und dachte an l'Escarbas. Sie erwog, ihren alten Vater dort zu besuchen, so wütend war sie über diese elenden Hindernisse.

Châtelet glaubte nicht an so viel Unschuld. Er lauerte auf die Stunden, in denen Lucien zu Frau von Bargeton kam, und begab sich ein paar Augenblicke später ebenfalls dahin. Er ließ sich immer von Herrn von Chandour begleiten, der der indiskreteste Mensch dieses Klüngels war. Er ließ ihn immer zuerst eintreten und hoffte auf eine Überraschung. Er versteifte sich darauf, daß ihm ein Zufall zu Hilfe kommen werde. Seine Rolle und das Gelingen seines Plans waren um so schwieriger, weil er neutral bleiben mußte, um alle die Spieler des Dramas, das er aufführen wollte, zu lenken. Daher hatte er sich, um Lucien, dem er schmeichelte, und Frau von Bargeton, die nicht ohne Scharfblick war, sorglos zu machen, und um sich eine Haltung zu geben, an die eifersüchtige Amélie angeschlossen. Um Louise und Lucien besser ausspionieren zu können, war es ihm seit einigen Tagen gelungen, zwischen sich und Herrn von Chandour eine Meinungsverschiedenheit über die beiden Liebenden zustande zu bringen. Châtelet behauptete, Frau von Bargeton machte sich über Lucien lustig, sie sei zu stolz und von zu guter Herkunft, um zu einem Apothekerssohn herabzusinken. Diese Rolle des Ungläubigen gehörte zu dem Plan, den er geschmiedet hatte, denn er wünschte für den Verteidiger Frau von Bargetons zu gelten. Stanislaus blieb dabei, Lucien wäre kein unglücklicher Liebhaber. Amélie verschärfte die Auseinandersetzung, indem sie den dringenden Wunsch aussprach, die Wahrheit zu erfahren. Jeder führte seine Gründe an. Wie es in kleinen Städten geschieht, traten oft einige intime Freunde des Hauses Chandour gerade während eines Gesprächs ein, in dem Châtelet und Stanislaus um die Wette ihre Meinung mit ausgezeichneten Argumenten vertraten. Es ergab sich wie von selbst, daß jeder von den beiden Gegnern Bundesgenossen suchte und etwa seinen Nachbarn fragte: »Und Sie, was ist Ihre Meinung?« Diese Kontroverse bewirkte es, daß man Frau von Bargeton und Lucien nicht aus den Augen ließ.

Eines Tages endlich bemerkte Châtelet, daß, wenn Herr von Chandour und er Frau von Bargeton besuchten und Lucien da war, niemals irgendein Anzeichen für verdächtige Beziehungen vorhanden sei: die Tür zum Boudoir war immer offen, die Leute kamen und gingen, nichts Geheimnisvolles kündete die reizenden Verbrechen der Liebe usw. Stanislaus, dem es an einem gewissen Quantum Dummheit nicht fehlte, versprach, er wolle am nächsten Tag auf den Fußspitzen sich heranschleichen, und Amélie bestärkte ihn in diesem Vorsatz lebhaft.

Dieser nächste Tag war für Lucien einer von denen, wo junge Menschen sich die Haare ausraufen und sich geloben, der törichten Zeit des Schmachtens endlich ein Ende zu machen. Er hatte sich an seine Lage gewöhnt. Der Dichter, der in dem geheiligten Boudoir der Königin von Angoulême kaum gewagt hatte, sich auf einen Stuhl zu setzen, hatte sich in einen drängenden Liebhaber verwandelt. Sechs Monate hatten genügt, daß er sich Louise ebenbürtig fühlte, und er wollte jetzt ihr Herr sein. Als er von zu Hause wegging, versprach er sich, sehr unvernünftig zu sein, alles daranzusetzen, alle Mittel einer stammenden Beredsamkeit anzuwenden; er wollte sagen, er hätte keinen Kopf mehr, er wäre unfähig, einen Gedanken zu fassen oder eine Zeile zu schreiben. Manche Frauen haben eine schreckliche Angst vor festen Entschlüssen, die ihrem Zartgefühl Ehre macht, sie wollen der Verführung weichen, aber nicht der Konvention. Niemand will einen Genuß, zu dem er gezwungen wird. Frau von Bargeton bemerkte auf Luciens Stirn, in seinen Augen, seiner ganzen Physiognomie und seinem Auftreten das aufgeregte Wesen, das eine feste Entschließung verrät: sie nahm sich vor, sie zu vereiteln, ein wenig aus Widerspruchsgeist, aber auch aus einer edlen Auffassung der Liebe. Als überspannte Frau war sie gewöhnt, ihre Meinung von dem Wert ihrer Person zu überschätzen. In ihren Augen war sie eine Fürstin, eine Beatrice, eine Laura. Sie setzte sich, wie mans im Mittelalter tat, unter den Baldachin des Dichterturniers, und Lucien durfte sie erst nach etlichen Siegen verdienen; er mußte erst das »himmlische Kind«, Lamartine, Walter Scott, Byron überwinden. Die edle Frau betrachtete ihre Liebe wie ein erhabenes Prinzip: die Wünsche, zu denen sie Lucien brachte, mußten ihn antreiben, sich Ruhm zu erwerben. Diese weibliche Donquichotterie ist ein Gefühl, das der Liebe eine ansehnliche Weihe gibt, sie macht sie nutzbringend, groß und ehrenvoll. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, im Leben Luciens sieben oder acht Jahre die Rolle der Dulzinea zu spielen, und wollte, wie viele Frauen der Provinz, ihre Person durch eine Art Leibeigenschaft, durch eine Zeit der Treue erkaufen lassen, die es ihr möglich machte, ihren Freund von Grund aus kennen zu lernen.

Als Lucien den Kampf mit einer der prahlerischen Übertreibungen begonnen hatte, über die die Frauen, die noch frei über sich selbst verfügen, lachen, und die nur die Frauen, die sich hingegeben haben, betrüben, nahm Louise eine würdige Miene an und begann eine ihrer langen, mit pomphaften Worten gespickten Reden.

»Halten Sie so Ihr Versprechen, Lucien?« sagte sie schließlich. »Sie dürfen in eine so süße Gegenwart nicht Gewissensbisse hineinbringen, die später mein Leben vergiften würden. Verderben Sie nicht die Zukunft! und, ich sage es mit Stolz, verderben Sie nicht die Gegenwart! Haben Sie nicht mein ganzes Herz, was fehlt Ihnen denn noch? Läßt sich wirklich Ihre Liebe von den Sinnen beeinflussen, während es das schönste Vorrecht einer geliebten Frau ist, ihnen Ruhe zu gebieten? Wofür halten Sie mich denn? Bin ich nicht mehr Ihre Beatrice? Wenn ich für Sie nicht etwas mehr als ein Weib bin, bin ich weniger als ein Weib.«

»Sie würden zu einem Manne, den Sie nicht lieben, nichts anderes sagen«, rief Lucien wütend. »Wenn Sie keine Empfindung für die wahrhafte Liebe besitzen, die all mein Denken beseelt, werden Sie nie meiner würdig sein.«

»Sie setzen Zweifel in meine Liebe, um der Antwort enthoben zu sein«, sagte Lucien und warf sich ihr schluchzend zu Füßen.

Der arme Bursche weinte allen Ernstes, da er sich auf so lange Zeit aus dem Paradiese ausgeschlossen sah. Es waren Tränen eines Dichters, der sich in seiner Macht gedemütigt glaubte, Tränen eines Kindes, das außer sich gerät, weil man ihm ein Spielzeug, das es begehrt, verweigert.

»Sie haben mich nie geliebt!« rief er.

»Sie glauben nicht, was Sie sagen«, antwortete sie. Sie war glücklich über dieses Ungestüm.

»So beweisen Sie mir doch, daß Sie mir gehören«, rief Lucien, dem die Haare wild ums Gesicht hingen.

In diesem Augenblick war Stanislaus geräuschlos hinzugetreten, sah Lucien halb zu Boden liegend, mit Tränen in den Augen und den Kopf auf Louisens Knie. Von diesem hinreichend verdächtigen Anblick zufriedengestellt, wandte er sich heftig gegen Châtelet um, der an der Tür des Salons stehen geblieben war. Frau von Bargeton stürzte eilends hinaus, aber sie erreichte die beiden Spione nicht mehr, die sich, wie jemand, der nicht gelegen kommt, schleunigst zurückgezogen hatten.

»Wer war denn hier?« fragte sie ihre Leute.

»Die Herren von Chandour und du Châtelet«, antwortete Gentil, ihr alter Kammerdiener.

Bleich und zitternd kehrte sie in ihr Boudoir zurück.

»Wenn sie Sie so gesehen haben, bin ich verloren«, sagte sie zu Lucien.

»Um so besser!« rief der Dichter.

Sie lächelte bei diesem Ausruf des Egoismus, in dem so viel Liebe lag. In der Provinz wird ein solches Abenteuer schlimmer durch die Art, wie es erzählt wird. In einem Augenblick erfuhr alle Welt, Lucien wäre ertappt worden, wie er vor Naïs auf den Knien lag. Herr von Chandour war glücklich über die Wichtigkeit, die ihm diese Sache gab, und beeilte sich zunächst, das große Ereignis im Klub und dann von Haus zu Haus zu erzählen. Châtelet legte Wert darauf, überall zu sagen, er hätte nichts gesehen; aber gerade dadurch, daß er sich so abseits stellte, reizte er Stanislaus zum Sprechen, brachte er ihn dazu, die Einzelheiten zu übertreiben; und Stanislaus, der von sich selber den Eindruck bekam, er sei ein witziger Kopf, fügte bei jedem Wiedererzählen neue Einzelheiten hinzu. Am Abend strömte die ganze Gesellschaft zu Amélie, denn die übertriebensten Versionen zirkulierten schon am Abend in den Adelskreisen Angoulêmes, wo jeder Erzähler dem Beispiel Stanislaus' gefolgt war. Frauen und Männer waren ungeduldig, die Wahrheit zu erfahren. Die von den Frauen, die am meisten die Hände zusammenschlugen und von Skandal und Unzucht schrien, waren gerade Amélie, Zéphirine, Fifine, Lolotte, die alle mehr oder weniger unerlaubter Freuden schuldig waren. Das grausame Thema wurde in allen Tonarten variiert.

»Ja,« sagte eine, »die arme Naïs! nicht wahr? Ich glaube es nicht, ein ganzes Leben ohne Tadel spricht für sie; sie ist viel zu stolz, um etwas anderes zu sein als die Gönnerin dieses Herrn Chardon. Aber wenn es so ist, beklage ich sie von ganzem Herzen.«

»Sie ist um so mehr zu beklagen, als sie sich schrecklich lächerlich macht; denn sie könnte die Mutter dieses Herrn Lulu sein, wie ihn Jacques genannt hat. Dieses Dichterlein ist höchstens zweiundzwanzig Jahre alt, und Naïs hat, unter uns gesagt, gute vierzig hinter sich.«

»Ich für mein Teil«, sagte Châtelet, »finde, daß gerade die Situation, in der Herr von Rubempré getroffen wurde, Naïs' Unschuld beweist. Man fällt nicht auf die Knie, um zu begehren, was man schon gehabt hat«

»Je nachdem!« sagte Francis mit einem vergnügten Schmunzeln, das ihm von Zéphirine einen mißbilligenden Blick eintrug. »Aber sagen Sie uns doch, wie die Sache sich verhält?« fragte man Stanislaus und bildete eine Art Geheimkomitee in einer Ecke des Salons.

Stanislaus hatte schließlich eine kleine Geschichte, die voller verblümter Unanständigkeiten war, zusammengestellt und begleitete sie mit Gesten und Stellungen, die die Sache noch sehr verschlimmerten.

»Das ist unglaublich«, sagte man immer wieder. »Am Mittag?« fragte eine. »Naïs wäre die letzte gewesen, die ich im Verdacht gehabt hätte.«

»Was wird sie beginnen?«

Dann unendliche Kommentare und Vermutungen!... Du Châtelet verteidigte Frau von Bargeton; aber er verteidigte sie so ungeschickt, daß er das Feuer des Klatsches schürte, anstatt es zu löschen. Lili, die untröstlich über den Sturz des schönen Engels auf dem Olymp des Angoumois war, begab sich tränenden Auges in den bischöflichen Palast, um die Nachricht dorthin zu bringen. Als ohne Zweifel schon die ganze Stadt von dem Gerücht erfüllt war, begab sich der glückliche Châtelet zu Frau von Bargeton, wo heute abend leider nur ein einziger Whisttisch besetzt war. Er bat Naïs in diplomatisch leisem Ton, mit ihr in ihrem Boudoir plaudern zu dürfen. Sie setzten sich beide auf das kleine Kanapee.

»Sie wissen ohne Zweifel,« sagte Châtelet mit gedämpfter Stimme, »womit ganz Angoulême sich beschäftigt?...«

»Nein«, antwortete sie.

»Ich bin«, begann er, »zu sehr Ihr Freund, um Sie darüber im unklaren zu lassen. Ich muß Sie instand setzen, die Verleumdungen zum Schweigen zu bringen, die ohne Frage von Amélie erfunden sind, die die Vermessenheit hat, sich für Ihre Rivalin zu halten. Ich wollte Sie heute morgen zusammen mit diesem Affen Stanislaus besuchen. Er ging einige Schritte voraus, und als er hier angelangt war« – dabei deutete er auf die Boudoirtür –, »behauptet er, habe er Sie mit Herrn von Rubempré in einer Situation gesehen, die ihm nicht erlaubte, einzutreten; er kam ganz verwirrt zu mir zurück und schleppte mich mit sich, ohne mir Zeit zu lassen, zur Besinnung zu kommen; und wir waren schon in Beaulieu, als er mir endlich den Grund zu seiner Flucht mitteilte. Hätte ich eine Ahnung gehabt, wäre ich nicht von hier gewichen, sondern hätte diese Sache zu Ihren Gunsten aufgeklärt; aber, nachdem wir erst fortgegangen waren, noch einmal zurückkehren, hätte nichts mehr bewiesen. Wie die Sache jetzt steht, ob Stanislaus falsch gesehen hat oder ob er recht hat: er muß unrecht haben. Liebe Naïs, lassen Sie nicht Ihr Leben, Ihre Ehre, Ihre Zukunft von einem Dummkopf gefährden; bringen Sie ihn sofort zum Schweigen. Sie wissen, in welcher Lage ich mich hier befinde. Ich bin hier auf alle Welt angewiesen, aber ich stehe völlig zu Ihrer Verfügung. Verfügen Sie über ein Leben, das Ihnen gehört. Wenn Sie auch meine Wünsche zurückgewiesen haben, gehört doch mein Herz immer Ihnen, und bei jeder Gelegenheit werde ich Ihnen beweisen, wie sehr ich Sie liebe. Jawohl, ich werde wie ein treuer Diener über Sie wachen, ohne Hoffnung auf Belohnung, lediglich um des Vergnügens willen, das ich daran finde, Ihnen, selbst wenn Sie es nicht wissen, zu dienen. Ich habe diesen Morgen überall gesagt, daß ich an der Salontür war und nichts gesehen habe. Wenn man Sie fragt, wer Sie von den Reden, die über Sie geführt werden, unterrichtet hat, dann nennen Sie mich. Ich wäre sehr glücklich, Ihr erkorener Verteidiger zu sein, aber unter uns gesagt, ist Herr von Bargeton der einzige, der von Stanislaus Rechenschaft verlangen kann. – Vielleicht hat dieser kleine Rubempré eine Torheit begangen, aber die Ehre einer Frau sollte nicht einem beliebigen Tollkopf ausgeliefert sein, der sich ihr zu Füßen wirft. Das hatte ich zu sagen.«

Naïs dankte Châtelet mit einer Neigung des Kopfes und blieb in Nachdenken versunken. Sie war bis zum Ekel des Provinzlebens überdrüssig. Beim ersten Wort Châtelets hatte sie an Paris gedacht. Das Schweigen der Frau von Bargeton setzte ihren klugen Anbeter in Verlegenheit.

»Verfügen Sie über mich,« sagte er, »ich wiederhole es Ihnen.«

»Danke«, antwortete sie. »Was denken Sie zu tun?«

»Ich werde sehen.« Langes Schweigen. »Lieben Sie denn diesen kleinen Rubempré so sehr?«

Sie lächelte hochmütig, kreuzte die Arme und betrachtete die Vorhänge ihres Boudoirs. Châtelet ging, ohne dieses stolze Frauenherz enträtseln zu können. Als Lucien und die vier getreuen alten Herren, die zu ihrer Kartenpartie eingetroffen waren, ohne sich über diese zweifelhaften Lästerreden aufzuregen, sich wegbegeben hatten, wandte sich Frau von Bargeton an ihren Mann. Er war gerade im Begriff gewesen, schlafen zu gehen, und hatte schon den Mund geöffnet, um seiner Frau gute Nacht zu wünschen.

»Komm mit mir, mein Lieber, ich habe mit dir zu sprechen«, sagte sie mit einer gewissen Feierlichkeit. Herr von Bargeton folgte seiner Frau in das Boudoir. »Mein Lieber,« sagte sie zu ihm, »Ich habe vielleicht unrecht gehabt, in meine Sorge und Protektion für Herrn von Rubempré eine Wärme zu legen, die die dummen Menschen ebenso schlecht verstanden, wie er selbst. Heute morgen hat sich Lucien mir zu Füßen geworfen und fing an, mir eine Liebeserklärung zu machen. Stanislaus trat in dem Moment ein, wo ich den jungen Menschen aufhob. In Mißachtung der Pflichten, die die Courtoisie einem Edelmann gegen eine Frau in jeder Lage auferlegt, hat er behauptet, er habe mich in einer zweideutigen Situation mit diesem jungen Menschen überrascht, den ich übrigens behandelte, wie er es verdient. Wenn dieser junge Hitzkopf die Verleumdungen kennte, zu denen seine Torheit Veranlassung gibt, würde er, ich kenne ihn, Stanislaus beschimpfen und ihn zwingen, sich mit ihm zu schlagen. Dieser Schritt käme einem öffentlichen Zugeständnis seiner Liebe gleich. Ich brauche es dir nicht erst zu sagen, daß deine Frau rein ist; aber du wirst der Ansicht sein, es liege für dich und für mich etwas Entehrendes darin, wenn Herr von Rubempré sich zu ihrem Verteidiger aufwirft. Geh also jetzt sofort zu Stanislaus und verlange von ihm ernstliche Genugtuung für die beschimpfenden Reden, die er über mich geführt hat; vergiß nicht: du darfst nicht dulden, daß die Sache beigelegt wird, wenn er nicht in Gegenwart zahlreicher und gewichtiger Zeugen alles zurücknimmt. Du gewinnst auf diese Weise die Achtung aller Ehrenmänner; du benimmst dich als Mann von Geist und Mut, und du hast Anspruch auf meine Achtung. Ich werde Gentil nach l'Escarbas reiten lassen, mein Vater soll dein Zeuge sein. Trotz seines Alters weiß ich, daß er der Mann ist, der diese Puppe zu Boden tritt, die den guten Ruf einer Nègrepelisse anzutasten wagt. Du hast die Wahl der Waffen, schlage dich auf Pistolen, du triffst vorzüglich.«

»Ich gehe hin«, antwortete Herr von Bargeton und nahm Stock und Hut.

»Schön, mein Freund,« sagte seine Frau, »so liebe ich die Männer, du bist ein Edelmann.«

Sie bot ihm ihre Stirn zum Kuß dar, und der alte Mann küßte sie ganz glücklich und stolz. Diese Frau, die eine Art mütterliches Gefühl für dieses große Kind hegte, konnte eine Träne nicht unterdrücken, als sie hörte, wie das Portal sich hinter ihm schloß.

»Wie er mich liebt!« sagte sie zu sich selbst. »Der arme Mann hängt am Leben, und trotzdem würde er es ohne Besinnen für mich hingeben.«

Herr von Bargeton beunruhigte sich weiter nicht darüber, daß er sich am nächsten Tage mit einem Manne schlagen, daß er, ohne zu zucken, die Mündung einer Pistole auf sich gerichtet sehen sollte; nein, nur eine einzige Sache brachte ihn so in Verwirrung, daß er zitterte, als er zu Herrn von Chandour ging.

»Was soll ich sagen?« dachte er, »Naïs hätte mir die Sätze sagen sollen!« Und er zermarterte sich das Hirn, um einige Sätze, die nicht lächerlich wären, zusammenzubringen.

Aber Menschen, die, wie Herr von Bargeton, in einem Schweigen leben, das ihnen die Enge ihres Geistes und ihr beschränkter Gesichtskreis auferlegen, haben in den großen Augenblicken des Lebens eine ganz vollendete Feierlichkeit. Da sie wenig reden, entschlüpfen ihnen natürlich wenig Dummheiten. Und dann denken sie viel über das nach, was sie sagen müssen, und ihr großes Mißtrauen gegen sich selbst bringt sie dazu, ihre Reden so wohl vorzubereiten, daß sie sich vermöge eines Vorgangs, der Ähnlichkeit mit dem hat, der Bileams Eselin die Sprache gab, ganz wunderbar ausdrücken. Und so benahm sich Herr von Bargeton wie ein überlegener Mann. Er rechtfertigte die Meinung derer, die ihn für einen Philosophen aus der Schule des Pythagoras hielten. Er trat um elf Uhr abends bei Stanislaus ein und fand da zahlreiche Gesellschaft vor. Er grüßte Amélie schweigend und hielt der ganzen Gesellschaft sein nichtssagendes Lächeln entgegen, das unter den jetzigen Umständen den Eindruck tiefer Ironie machte. Es trat nun ein großes Schweigen ein, wie beim Herannahen eines Gewitters in der Natur. Châtelet, der zurückgekehrt war, sah mit einem bedeutsamen Blick hintereinander Herrn von Bargeton und Stanislaus an, dem sich der beleidigte Gatte höflich näherte.

Châtelet verstand den Sinn eines Besuchs, den der alte Mann zu einer Stunde machte, wo er sonst zu Bett lag: Naïs setzte offenbar diesen schwachen Arm in Bewegung; und da seine Stellung bei Amélie ihm das Recht gab, sich in die Angelegenheiten des Hauses einzumischen, erhob er sich, nahm Herrn von Bargeton beiseite und sagte zu ihm:

»Sie wollen mit Stanislaus sprechen?«

»Ja«, antwortete der Gute, der glücklich war, einen Vermittler zu finden, der vielleicht das Wort für ihn führte. »Gut, gehen Sie in das Schlafzimmer Amélies«, entgegnete ihm der Steuerdirektor. Er war zufrieden mit diesem Duell, das Frau von Bargeton zur Witwe machen konnte und es ihr dann doch unmöglich machte, Lucien, der die Veranlassung zu dem Duell war, zu heiraten. »Stanislaus,« sagte Châtelet zu Herrn von Chandour, »Bargeton kommt ohne Zweifel, um Sie wegen der Reden, die Sie über Naïs geführt haben, zur Rechenschaft zu ziehen. Kommen Sie ins Zimmer Ihrer Frau und benehmen Sie sich beide als Edelleute. Machen Sie keinen Lärm, seien Sie recht höflich zueinander, beweisen Sie die ganze Kälte britischer Würde.«

Im nächsten Augenblick waren Stanislaus und Châtelet bei Bargeton.

»Mein Herr,« sagte der beleidigte Gatte, »Sie behaupten, Sie hätten Frau von Bargeton mit Herrn von Rubempré in einer zweideutigen Situation getroffen?«

»Mit Herrn Chardon«, erwiderte Stanislaus ironisch, der Bargeton für keinen hervorragenden Kopf hielt.

»Gleichviel,« entgegnete der Gatte; »wenn Sie diese Behauptung nicht vor der Gesellschaft, die in diesem Augenblick bei Ihnen versammelt ist, zurücknehmen, ersuche ich Sie, sich einen Zeugen zu wählen. Mein Schwiegervater, Herr von Nègrepelisse, wird Sie um vier Uhr morgens aufsuchen. Inzwischen kann jeder seine Anordnungen treffen, denn die Sache kann nur in der Weise erledigt werden, die ich eben andeutete. Ich wähle Pistolen, ich bin der Beleidigte.«

Unterwegs hatte Herr von Bargeton diese Ansprache hin und her überlegt. Sie war die längste seines Lebens, er sprach sie völlig leidenschaftslos und mit dem ruhigsten Gesicht von der Welt. Stanislaus wurde blaß und fragte sich selbst: »Was habe ich schließlich gesehen?«

Aber zwischen der Schande, seine Worte vor der ganzen Stadt in Anwesenheit dieses Schweigsamen, der keinen Spaß zu verstehen schien, zurückzunehmen, und der Furcht, der gräßlichen Furcht, die ihm mit ihren heißen Händen den Hals zuschnürte, wählte er die entferntere Gefahr.

»Gut. Auf morgen«, sagte er zu Herrn von Bargeton und dachte, die Sache könnte inzwischen noch beigelegt werden.

Die drei Männer begaben sich wieder in den Salon zurück, und alle blickten ihnen forschend ins Gesicht: Châtelet lächelte, Herr von Bargeton sah genau so aus, wie wenn er bei sich zu Hause wäre, aber Stanislaus war leichenblaß. Bei diesem Anblick errieten einige Frauen den Gegenstand der Aussprache. Die Worte »sie duellieren sich!« gingen von Mund zu Mund. Die Hälfte der Gesellschaft dachte, Stanislaus müsse unrecht haben, seine Blässe und die ganze Art seiner Haltung kündeten eine Lüge an; die andere Hälfte bewunderte die Haltung des Herrn von Bargeton. Châtelet spielte den Feierlichen und Geheimnisvollen. Herr von Bargeton blieb einige Augenblicke und erforschte die Mienen der Anwesenden, dann ging er.

»Haben Sie Pistolen?« fragte Châtelet leise Stanislaus, der von Kopf bis zu Fuß bebte.

Amélie verstand alles und wurde ohnmächtig; die Frauen bemühten sich um sie und trugen sie in ihr Schlafzimmer. Ein schrecklicher Lärm entstand, alle sprachen zu gleicher Zeit. Die Männer blieben im Salon und erklärten einstimmig, Herr von Bargeton wäre im Recht.

»Hätten Sie dem Guten zugetraut, daß er sich so wacker hielte?« fragte Herr von Saintot. »Aber«, erwiderte der unbarmherzige Jacques, »in seiner Jugend war er einer der besten Schützen. Mein Vater hat mir oft von den Waffentaten Bargetons erzählt.«

»Bah! Sie stellen sie zwanzig Schritt voneinander, und sie verfehlen sich, wenn Sie Kavalleriepistolen nehmen«, sagte Francis zu Châtelet.

Als sich alle verabschiedet hatten, beruhigte Châtelet Stanislaus und seine Frau und erklärte ihnen, alles werde gut gehen, und in einem Duell zwischen einem Sechzigjährigen und einem Sechsunddreißigjährigen sei dieser im Vorteil.

Als am nächsten Morgen Lucien mit David, der ohne seinen Vater von Marsac zurückgekehrt war, beim Frühstück saß, trat Frau Chardon ganz aufgeregt herein.

»Lucien, weißt du denn das Neueste, von dem man schon auf dem Markte spricht? Herr von Bargeton hat Herrn von Chandour heute morgen um fünf Uhr auf einer Wiese beinahe getötet. Herr von Chandour soll gestern gesagt haben, er habe dich mit Frau von Bargeton zusammen überrascht.«

»Falsch!« rief Lucien, »Frau von Bargeton ist unschuldig.«

»Ein Landmann, den ich die Einzelheiten erzählen hörte, hat von seinem Wagen aus alles mit angesehen. Herr von Nègrepelisse war schon um drei Uhr morgens hereingekommen, um Herrn von Bargeton zu sekundieren; er hat zu Herrn von Chandour gesagt, er werde seinen Schwiegersohn rächen, wenn ihm ein Unglück zustieße. Ein Kavallerieoffizier hat seine Pistolen hergegeben, die Herr von Nègrepelisse verschiedenemal probiert hat. Herr du Châtelet wollte sich dem Erproben der Pistolen widersetzen, aber der Offizier, den man als Unparteiischen genommen hatte, sagte: wenn man sich nicht mit bloßen Kindereien abgeben wollte, müßte man Waffen nehmen, die etwas taugten. Die Zeugen stellten die beiden Gegner fünfundzwanzig Schritt voneinander auf. Herr von Bargeton, der sich benahm, als handelte es sich um einen Spaziergang, schoß als erster und traf Herrn von Chandour in den Hals. Der fiel hin, ohne zurückschießen zu können. Der Wundarzt des Krankenhauses hat soeben erklärt, daß Herr von Chandour für den Rest seines Lebens einen schiefen Hals behalten wird. Ich wollte dir gleich den Ausgang des Duells melden, damit du nicht zu Frau von Bargeton gehst und dich nicht in Angoulême sehen läßt, denn manche Freunde des Herrn von Chandour könnten dich provozieren.«

In diesem Augenblick trat Gentil, der Kammerdiener des Herrn von Bargeton, ein, dem der Druckerlehrling den Weg gezeigt hatte, und übergab Lucien einen Brief Louisens:

»Mein Freund! Sie haben ohne Zweifel den Ausgang des Duells zwischen Chandour und meinem Mann erfahren. Wir empfangen heute niemanden. Seien Sie klug, zeigen Sie sich nicht. Ich verlange es im Namen der Gefühle, die Sie für mich hegen. Finden Sie nicht, daß dieser traurige Tag am besten verwendet wäre, wenn Sie zu Ihrer Beatrice kämen? Ihr Leben ist durch diesen Vorfall ganz verändert, und sie hat Ihnen tausend Dinge zu sagen.«

»Zum Glück«, sagte David, »ist meine Hochzeit auf übermorgen festgesetzt; so bist du leicht in der Lage, weniger oft zu Frau von Bargeton zu gehen.«

»Lieber David«, erwiderte Lucien, »sie bittet mich, heute zu ihr zu kommen; ich glaube, ich muß ihr gehorchen; sie weiß wohl besser als wir, wie ich mich in dieser Lage verhalten muß.«

»Und hier ist also alles in Ordnung?« fragte Frau Chardon.

»Sehen Sie selbst«, rief David, der glücklich war, die Umwandlung zeigen zu können, die mit der Wohnung im ersten Stock, wo alles frisch und neu war, vor sich gegangen war.

Es waltete da schon der wohltuende Geist des jungen Haushalts, wo der Kranz von Orangenblüten und der Brautschleier die Krone des häuslichen Lebens sind, wo der Frühling der Liebe sich in den Dingen widerspiegelt, und wo alles blank, sauber und mit Blumen geschmückt ist.

»Eva wird wie eine Prinzessin wohnen,« sagte die Mutter; »aber du hast zuviel Geld ausgegeben, du hast verschwendet!«

David lächelte, ohne zu antworten, denn Frau Chardon hatte eine geheime Wunde berührt, die dem armen Liebhaber grausame Schmerzen bereitete: die Ausführung seiner Bestellungen war so viel teurer geworden, als er vermutet hatte, daß es ihm unmöglich war, das Gelaß über dem Schuppen zu bauen. Seine Schwiegermutter konnte das Heim, das er ihr geben wollte, noch lange nicht haben. Großmütige Menschen empfinden die lebhaftesten Schmerzen, wenn sie jene Art von Versprechen nicht halten können, die gewissermaßen die kleinen Eitelkeiten der Zärtlichkeit sind. David verbarg seine Verlegenheit sorgfältig, um das Herz Luciens zu schonen, der sich durch die Opfer, die für ihn gebracht worden waren, leicht hätte bedrückt fühlen können.

»Eva und ihre Freundinnen haben auch schön gearbeitet«, sagte Frau Chardon. »Die Aussteuer, die Hauswäsche, alles ist in Ordnung. Diese jungen Mädchen lieben sie so, daß sie ihr, ohne etwas davon zu sagen, die Matratzen mit weißem Barchent überzogen und mit rosa Litzen verziert haben. Das ist reizend! Man bekommt Lust, sich zu verheiraten.«

Mutter und Tochter hatten alle ihre Ersparnisse dafür verwendet, Davids Haushalt mit Dingen zu versorgen, an die junge Männer niemals denken. Da sie wußten, wieviel Luxus er entfaltete, denn es war die Rede von einem Porzellanservice, das er in Limoges bestellt hatte, hatten sie versucht, die Dinge, die sie anschafften, mit denen, die David kaufte, in Einklang zu bringen. Dieser kleine Wettkampf der Liebe und Großmut mußte die beiden Gatten dazu bringen, im Anfang ihrer Ehe inmitten aller Zeichen eines bürgerlichen Wohlstandes, der in einer zurückgebliebenen Stadt, wie es damals Angoulême war, für Luxus gelten mußte, Entbehrungen zu leiden. In dem Augenblick, wo Lucien seine Mutter und David in das Schlafzimmer hineingehen sah, um sich an der blau und weißen Wandbespannung und den hübschen Möbeln zu erfreuen, schlich er zu Frau von Bargeton. Er traf Naïs beim Frühstück mit ihrem Manne, dem der Morgenspaziergang Appetit gemacht hatte und der aß, ohne sich um das, was vorgefallen war, im geringsten zu kümmern. Herr von Nègrepelisse, der alte Landedelmann, eine imposante Gestalt, ein Überrest des alten französischen Adels, war bei seiner Tochter. Als Gentil Herrn von Rubempré gemeldet hatte, warf ihm der weißhaarige Alte den forschenden Blick eines Vaters zu, der den Mann, den seine Tochter ausgezeichnet hat, gleich kennen lernen will. Die ungewöhnliche Schönheit Luciens berührte ihn so stark, daß er einen billigenden Blick nicht zurückhalten konnte; aber er schien in dem Verhältnis seiner Tochter zu dem jungen Mann mehr eine flüchtige Liebschaft, eine Laune zu sehen als einen dauernden Liebesbund. Man hatte zu Ende gefrühstückt, Louise konnte sich erheben und ihren Vater und Herrn von Bargeton allein lassen. Sie machte Lucien ein Zeichen, ihr zu folgen.

»Mein Freund,« sagte sie, und ihre Stimme klang zugleich traurig und freudig, »ich gehe nach Paris, und mein Vater nimmt Bargeton nach l'Escarbas mit sich, wo er während meiner Abwesenheit bleiben wird. Madame d'Espard, eine geborene Blamont-Chauvré, mit der wir durch die d'Espard, die ältesten Glieder der Familie Nègrepelisse, verwandt sind, ist jetzt von sich aus und durch ihre Verwandten sehr einflußreich. Wenn sie sich herbeiläßt, sich um uns zu kümmern, werde ich mir viel Mühe mit ihr geben: sie kann uns mit ihrem Einfluß eine Stellung für Bargeton verschaffen. Meine Bemühungen können es zustande bringen, daß der Hof den Wunsch ausspricht, ihn als Deputierten der Charente zu sehen, und das wird dazu helfen, daß er hier als Kandidat aufgestellt wird. Der Deputiertenposten kann später meine Schritte in Paris begünstigen. Du, mein liebes Kind, hast diese Veränderung in meinem Leben hervorgebracht. Das Duell, das heute morgen stattfand, zwingt mich, mein Haus für einige Zeit zu schließen, denn es wird Leute geben, die gegen uns für die Chandour Partei nehmen. In unserer Stellung und in einer kleinen Stadt tut eine Abwesenheit immer not, um der Gehässigkeit Zeit zu lassen, sich zu legen. Entweder habe ich nun Erfolg und sehe Angoulême nie wieder, oder ich habe keinen Erfolg und warte in Paris den Augenblick ab, von dem an ich die Sommer in Escarbas und die Winter in Paris verbringen kann. Das ist das einzige Leben für eine vornehme Frau, ich habe zu lange damit gezögert. Ein Tag genügt für all unsere Vorbereitungen; ich reise morgen abend, und du begleitest mich, nicht wahr? Du gehst voraus. Zwischen Mansle und Ruffec nehme ich dich in meinen Wagen, und wir werden bald in Paris sein. Dort, Liebster, ist der Boden für hervorragende Menschen. Man fühlt sich nur mit seinesgleichen wohl, sonst leidet man überall. Überhaupt, Paris, die Hauptstadt der geistigen Welt, ist die Bühne für deine Erfolge, durcheile schnell den Raum, der dich davon trennt. Laß deine Ideen nicht in der Provinz ranzig werden, eile dich, mit den großen Männern zu verkehren, die das neunzehnte Jahrhundert repräsentieren. Du mußt dem Hof und den Machthabern näher kommen. Weder die Berühmtheiten noch die Würdenträger suchen ein Talent auf, das in einer Kleinstadt dahinsiecht. Nenne mir überhaupt die Werke der schönen Literatur, die der Provinz entstammen! Sieh dagegen, wie der göttliche, der arme Jean Jacques unwiderstehlich von dieser geistigen Sonne angezogen wurde, die den Ruhm schafft, indem sie die Geister durch die Reibung der Rivalitäten entzündet. Mußt du dich nicht beeilen, deinen Platz in der Dichterplejade einzunehmen, die jede Epoche hervorbringt? Du glaubst nicht, wie nützlich es einem jungen Talent ist, wenn es von der vornehmen Gesellschaft ins Licht gesetzt wird. Ich werde bewirken, daß du bei Madame d'Espard empfangen wirst, der Zutritt zu ihrem Salon ist nicht leicht; du findest da alle großen Persönlichkeiten, die Minister, die Gesandten, die großen Redner der Kammer, die einflußreichsten Pairs, reiche und berühmte Leute. Man müßte sehr ungeschickt sein, um nicht ihr Interesse zu erregen, wenn man schön, jung und voller Geist ist. Die großen Talente sind nicht kleinlich, sie leihen dir ihren Beistand. Wenn man sieht, wie hoch du gestellt bist, werden deine Werke ungeheuer an Wert gewinnen. Das große Problem, das für die Künstler zu lösen ist, besteht darin, zu bewirken, daß sie weithin sichtbar sind. Du triffst da also tausend Gelegenheiten, dein Glück zu machen, hast Aussicht auf Sinekuren, auf eine Pension aus der Privatschatulle. Die Bourbonen begünstigen so gern die schönen Wissenschaften und Künste! Sei also zu gleicher Zeit religiöser und royalistischer Dichter. Das wird nicht nur schön sein, du wirst auch reich werden. Vergibt die Opposition oder der Liberalismus Stellen und Belohnungen, läßt er die Schriftsteller zu Vermögen kommen? Schlage also den rechten Weg ein und geh dahin, wo alle Männer von Geist zu finden sind. Du kennst mein Geheimnis, bewahre das tiefste Schweigen und rüste dich, mir zu folgen. — Willst du nicht?« fügte sie hinzu, denn sie wunderte sich über die schweigsame Haltung ihres Geliebten.

Lucien war geblendet durch die plötzliche Aussicht auf Paris. Als er diese verlockenden Worte hörte, war es ihm, als habe er sich bisher nur seines halben Gehirns bedient; jetzt eben schien er die zweite Hälfte zu entdecken, alle seine Ideen wuchsen, er kam sich in Angoulême wie ein Frosch vor, der auf dem Grunde eines Sumpfes unter einem Stein gelebt hatte. Paris in seinem Glanze, Paris, das in der Provinz jeder Phantasie als Eldorado erscheint, trat vor ihn in seinem Goldgewande, auf dem Haupte das Königsdiadem, die Arme allen Talenten geöffnet. Die Berühmtheiten würden ihn brüderlich umarmen. Dort war alles Freude und Sonnenschein für das Genie. Dort gab es keine neidischen Krautjunker, die verletzende Worte sprachen, um den Schriftsteller zu demütigen, und keine alberne Gleichgültigkeit gegen die Poesie. Dort entsprossen die Werke der Dichter, dort wurden sie bezahlt und gelangten zu Ruhm. Die Buchhändler würden kaum die ersten Seiten seines »Bogenschützen Karls IX.« gelesen haben, und schon würden sie ihren Kassenschrank öffnen und ihn fragen: »Wieviel wollen Sie?« Überdies sah er ein, daß Frau von Bargeton nach einer Reise, bei der sie die Umstände so nah wie zwei Gatten zusammenbrachten, ganz die Seine würde, daß sie zusammen lebten.

Auf diese Worte: »Willst du nicht?« antwortete er mit einer Träne, schlang seinen Arm um Louise, drückte sie ans Herz und preßte unzählige Küsse auf ihren Hals. Dann hielt er plötzlich inne, wie von einer Erinnerung getroffen, und rief aus »Mein Gott, meine Schwester heiratet übermorgen!«

Dieser Ausruf war der letzte Atemzug der reinen und vornehmen Kindlichkeit in ihm. Die mächtigen Bande, die die jungen Herzen mit ihrer Familie, ihrem ersten Freund, allen ursprünglichen Gefühlen verbinden, sollten einen furchtbaren Schlag erhalten.

»Wie!« rief die hochmütige Nègrepelisse, »was hat die Verheiratung Ihrer Schwester mit dem großen Schritt unserer Liebe zu tun? Liegt Ihnen so viel daran, bei dieser Kleinbürger- und Handwerkerhochzeit das große Tier zu sein, daß Sie mir diese edle Freude nicht zum Opfer bringen können? Ein schönes Opfer!« sagte sie verächtlich. »Ich habe heute morgen meinen Mann um Ihretwillen in den Zweikampf geschickt! Gehen Sie, mein Herr, verlassen Sie mich! Ich habe mich in Ihnen getäuscht.«

Sie fiel fast ohnmächtig auf ihr Kanapee. Lucien stürzte zu ihr hin, bat um Verzeihung und fluchte seiner Familie, David und seiner Schwester.

»Ich glaubte so an dich«, klagte sie. »Herr von Cante-Croix hatte eine Mutter, die er vergötterte, aber um einen Brief von mir zu bekommen, in dem ich ihm sagte: »Ich bin zufrieden!« ist er im Schlachtendonner gestorben. Und Sie können, wenn es sich darum handelt, mit mir zu reisen, nicht einmal auf einen Hochzeitsschmaus verzichten?«

Lucien wollte sich töten, und seine Verzweiflung war so aufrichtig, so tief, daß Louise ihm verzieh. Aber sie ließ ihn spüren, daß er diesen Fehler wieder gutmachen müßte.

»Geh also,« sagte sie endlich, »sei verschwiegen, und sei morgen nacht um zwölf Uhr hundert Schritte hinter Mansle zu finden.«

Lucien fühlte kaum den Boden unter seinen Füßen. Er machte sich zu David auf. Seine Hoffnungen verfolgten ihn, wie die Furien den Orest, denn er gewahrte tausend Schwierigkeiten, die in dem schrecklichen Wort: »Woher Geld nehmen?« zusammenzufassen waren. Er hatte solche Angst vor dem Scharfblick Davids, daß er sich in sein hübsches Arbeitszimmer einschloß, um sich von der Betäubung zu erholen, in die ihn seine neue Lage versetzt hatte. Er sollte also diese Wohnung verlassen, die mit so viel Kosten für ihn hergestellt worden war. Alle Opfer, die man ihm gebracht, sollten vergeudet sein. Es fiel ihm ein, seine Mutter könnte da wohnen, und David könnte also den kostspieligen Umbau im Hof sparen, den er geplant hatte. Diese Abreise mußte die Verhältnisse seiner Familie in Ordnung bringen. Er fand tausend Gründe, die für seine Flucht sprachen, denn es gibt nichts Jesuitischeres als einen Wunsch. Er lief sofort nach Houmeau zu seiner Schwester, um ihr sein neues Los mitzuteilen und sich mit ihr zu beraten. Als er vor dem Laden Postels angelangt war, fiel ihm ein, er könnte, wenn sich keine andere Möglichkeit fände, bei dem Nachfolger seines Vaters die Summe leihen, die für einen Aufenthalt in Paris während eines Jahres nötig wäre.

»Wenn ich mit Louise zusammen lebe, wird ein Taler täglich für mich ein ganzes Vermögen sein, und das macht nur tausend Franken im Jahr«, sagte er sich. »Und in sechs Monaten bin ich reich.«

Eva und ihre Mutter hörten, nachdem sie versprochen hatten, das tiefste Geheimnis zu wahren, die Bekenntnisse Luciens an. Alle beide weinten bei der Erzählung unseres Ehrgeizigen, und als er den Grund dieses Kummers erfahren wollte, sagten sie ihm, alles, was sie besäßen, wäre von der Haus- und Tischwäsche, von Evas Aussteuer, von einer Menge Anschaffungen verschlungen worden, an die David nicht gedacht hätte, und sie wären froh, das alles besorgt zu haben, denn für David bedeuteten diese Dinge, die Eva mitbrächte, soviel wie eine Mitgift von zehntausend Franken. Lucien teilte jetzt seine Darlehnsidee mit, und Frau Chardon nahm es auf sich, Herrn Postel um tausend Franken für ein Jahr zu bitten.

»Aber Lucien,« sagte Eva in bekümmertem Tone, »du wirst also nicht bei meiner Hochzeit sein? O komm zurück, ich werde ein paar Tage warten! In vierzehn Tagen, wenn du sie hinbegleitet hast, wird sie schon erlauben, daß du wieder hierher kommst! Sie wird dich uns acht Tage schenken, uns, die wir dich für sie aufgezogen haben! Es wäre ein schlechter Anfang unserer Ehe, wenn du nicht dabei wärst... Aber«, unterbrach sie sich plötzlich, »wirst du mit tausend Franken genug haben? Dein Anzug kleidet dich himmlisch, aber du hast nur den einen! Du hast nur zwei feine Hemden, die sechs andern sind aus grober Leinwand. Du hast nur drei Batistkrawatten, die drei andern sind aus gewöhnlichem Jakonett, und deine Taschentücher sind auch nicht schön. Wirst du in Paris eine Schwester finden, die dir an dem Tag, wo du sie brauchst, deine Wäsche bereithält? Du wirst sie noch sehr vermissen. Du hast nur eine Nankinghose, die in diesem Jahr gemacht worden ist; die aus dem vorigen Jahre ist dir zu knapp; du mußt dich also in Paris neu einkleiden, und die Preise von Paris sind nicht die von Angoulême. Du hast nur zwei anständige Westen, ich habe die andern schon geflickt. Weißt du, ich rate dir, zweitausend Franken mitzunehmen.«

David, der in diesem Moment eintrat, schien die letzten Worte gehört zu haben, denn er blickte Bruder und Schwester schweigend an.

»Verbergt mir nichts«, sagte er schließlich. »Denke,« rief Eva, »er reist mit ihr fort«

»Postel«, sagte Frau Chardon, die hereintrat, ohne David zu sehen, »willigt ein, dir die tausend Franken zu leihen, aber nur für sechs Monate, und er will einen Wechsel von dir, den dein Schwager akzeptiert, denn er sagt, du bötest keine Garantie.«

Die Mutter blickte sich um, sah ihren Schwiegersohn, und die vier Menschen blieben in tiefem Schweigen. Die Familie Chardon fühlte, wie sehr sie David ausgenützt hatte. Alle schämten sich. Eine Träne schwamm im Auge des Buchdruckers.

»Du wirst also nicht auf meiner Hochzeit sein?« fragte er, »du wirst nicht bei uns bleiben? und da habe ich nun alles verschwendet, was ich hatte! Ach Lucien, eben bringe ich Eva ihren armseligen Brautschmuck; ich wußte nicht,« sagte er, trocknete sich die Augen und zog ein paar Schmuckkästchen aus der Tasche, »daß ich bedauern müßte, ihn gekauft zu haben.«

Er stellte mehrere mit Saffian überzogene Kästchen auf den Tisch vor den Platz seiner Schwiegermutter.

»Warum denkst du so viel an mich?« fragte Eva mit dem Lächeln eines Engels, das in Widerspruch zu ihren Worten stand.

»Liebe Mama,« sagte der Drucker, »sage Herrn Postel, ich willige ein, meine Unterschrift zu geben, denn ich sehe auf deinem Gesicht, Lucien, daß du entschlossen bist, abzureisen.«

Lucien nickte kraftlos und traurig mit dem Kopf und sagte nach einer kleinen Pause: »Urteilt nicht falsch über mich, geliebte Menschen.«

Er griff nach Eva und David, zog sie zu sich heran, drückte sie an sich, küßte sie und sprach: »Wartet ab, was daraus entsteht; ihr werdet sehen, wie ich euch liebe. David, wozu diente unser hoher Gedankenflug, wenn er uns nicht erlaubte, gleichgültig gegen die kleinen Zeremonien zu sein, mit denen die Gesetze unsere Gefühle umwickeln? Wird nicht trotz der Entfernung meine Seele hier sein? Wird uns nicht der Gedanke vereinigen? Werden die Verleger hierher kommen, um meinen »Bogenschützen Karls IX.« und meine »Marguersten« von mir zu bekommen? Früher oder später mußte ich einmal doch tun, was ich jetzt tue. Aber konnte ich jemals günstigere Bedingungen finden? Hängt nicht mein ganzes Glück davon ab, daß ich bei meinem ersten Auftreten in Paris zu dem Salon der Marquise d'Espard Zutritt habe?«

»Er hat recht«, sagte Eva. »Sagtest du mir nicht selbst, er müßte bald nach Paris gehen?«

David nahm Eva bei der Hand, führte sie in den engen Raum, in dem sie seit sieben Jahren schlief, und sagte ihr ins Ohr: »Er braucht zweitausend Franken, sagtest du, Liebste? Postel gibt nur tausend her.«

Eva sah ihren Verlobten mit einem ängstlichen Blick an, der all ihren Kummer zum Ausdruck brachte.

»Höre, geliebte Eva! wir werden unser Leben schlecht anfangen. Jawohl, meine Ausgaben haben alles verschlungen, was ich besessen habe. Es bleiben mir nur zweitausend Franken, und die Hälfte ist unentbehrlich, damit die Druckerei weiterbestehen kann. Wenn ich deinem Bruder tausend Franken gebe, gebe ich ihm unser Brot, gefährde ich unsere Existenz. Wenn ich allein wäre, wüßte ich, was ich täte, aber wir sind zwei. Entscheide.«

Eva warf sich, außer sich, ihrem Geliebten in die Arme, küßte ihn zärtlich und sagte ihm, von Tränen überströmt, ins Ohr: »Tu, wie wenn du allein wärst; ich werde arbeiten, um diese Summe wieder zu verdienen.«

Trotz eines Kusses, der so glühend war, wie ihn je zwei Verlobte ausgetauscht haben, war Eva, als David sie allein ließ und zu Lucien trat, sehr niedergeschlagen.

»Sei ohne Sorge,« sagte David zu Lucien, »du sollst deine zweitausend Franken haben.«

»Geht zu Postel,« sagte Frau Chardon, »ihr müßt beide den Wechsel unterschreiben.«

Als die beiden Freunde wieder heraufkamen, überraschten sie Eva und ihre Mutter, wie sie auf den Knien zu Gott beteten. Obwohl sie wußten, wieviel Hoffnungen die Rückkehr erfüllen mußte, fühlten sie doch in diesem Augenblick alles, was sie mit diesem Abschied verloren, sie fanden das Glück der Zukunft zu teuer mit einer Abwesenheit erkauft, die sie unglücklich machte und sie in tausend Ängste über das Schicksal Luciens versetzte.

»Wenn du jemals diese Szene vergäßest,« flüsterte David Lucien ins Ohr, »wärst du der niedrigste aller Menschen.«

Der Buchdrucker hielt ohne Zweifel diese ernsten Worte für nötig, der Einfluß der Frau von Bargeton ängstigte ihn nicht weniger als die unheilvolle Unbeständigkeit von Luciens Charakter, die ihn ebenso auf den schlimmen wie auf den rechten Weg bringen konnte. Eva hatte Luciens Bündel schnell geschnürt. Dieser Fernando Cortez der Literatur nahm wenig mit sich. Er behielt seinen besten Gehrock, seine beste Weste und eins seiner zwei besten Hemden an. Seine ganze Wäsche, sein berühmter Anzug, seine Siebensachen und seine Manuskripte bildeten ein so kleines Paket, daß David vorschlug, er wolle es, damit es den Augen der Frau von Bargeton verborgen bliebe, mit der Eilpost seinem Geschäftsfreund, einem Papierhändler, schicken und ihm schreiben, er solle es Lucien übergeben.

Trotz den Vorsichtsmaßregeln Frau von Bargetons zur Geheimhaltung ihrer Abreise erfuhr Châtelet davon und wollte wissen, ob sie die Reise allein oder in Begleitung Luciens machte; er schickte seinen Kammerdiener nach Ruffec mit dem Auftrag, die Insassen aller Wagen, die auf der Post die Pferde wechselten, zu beobachten. »Wenn sie ihren Dichter mitnimmt,« dachte er, »gehört sie mir.«

Lucien reiste am nächsten Morgen bei Tagesanbruch ab. Er war von David begleitet, der sich ein Kabriolett und ein Pferd verschafft hatte, wobei er sagte, er hätte geschäftliche Dinge mit seinem Vater zu erledigen, was unter den jetzigen Umständen wahrscheinlich war. Die beiden Freunde begaben sich nach Marsac und verbrachten dort einen Teil des Tages bei dem alten Bären; am Abend fuhren sie dann bis über Mansle hinaus, um Frau von Bargeton zu erwarten. Sie kam gegen Morgen an. Als Lucien die alte sechzigjärige Kalesche sah, die er so oft in der Remise betrachtet hatte, fühlte er sich so bewegt wie noch selten im Leben. Er warf sich David in die Arme, der zu ihm sagte: »Gott gebe, daß das zu deinem Guten ist.«

Der Drucker bestieg wieder sein kleines Kabriolett und fuhr mit gepreßtem Herzen ab, denn er hatte ängstliche Vorgefühle über die Schicksale, die Lucien in Paris erwarteten.

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