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Joseph von Lauff: Schnee - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSchnee
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
printrunAchtundzwanzigstes Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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22

Ungefähr um dieselbe Stunde strahlte Herr Francois Türlütt.

Er erwartete Gäste: seinen Schwager und Herrn Remmelmann. Außerdem war André geladen. Die Sache sollte großartig werden, üppig, splendid, so eine Art von Versöhnungsfest, eine intime Feier mit auserlesenen Gerichten, Kerzenbeleuchtung und Stimmung. Hierzu veranlaßten ihn dreierlei Gründe, teils praktischer, teils idealer Natur; denn Herr Türlütt tat nur das im Leben, was ihm fördernd und edel erschien und was er vor Gott und seinem Gewissen verantworten konnte. Und diese Gründe ... Erstens: er war einer von denen, die sich bei einem Glase Burgunder und 'nem knusperigen Braten gediegener amüsierten als bei Dünnbier und einem gesalzenen Hering. Zweitens: warum sollte er nicht Festivitäten wie der Herr Kirchenrendant geben? Waren seine Taler doch ebenso gut wie die seines Schwagers, zumal da dieser sie pumpte, und zwar meistens bei ihm. Und drittens – und das war der Hauptgrund ... Herr Türlütt war von Natur aus gutmütig veranlagt. Er konnte nicht nachtragen, nicht wie ein Bohrwurm graben und wühlen. Er liebte es nicht, alte Späne in den Fidibusbecher zu stecken, um sie bei Gelegenheit anzuzünden und ins Leuchten zu bringen. Vergessen, versöhnen! – das war von jeher seine Devise gewesen, und so gedachte er denn, mit dem heutigen Abend die alten Differenzen, die seit der dummen Geschichte mit Stina noch zwischen ihm, seinem Schwager und Herrn Remmelmann schwebten, kurzer Hand abzutun und sie erster Klasse einsegnen und bestatten zu lassen. Um dieses zu bewerkstelligen, hatte er nicht gespart und geknausert. Auf dem Weihnachtsbaum gaukelten frische Lichter. Die Tafel war damasten gedeckt und mit silbernen Leuchtern bestellt. Die vier Stühle, die den Tisch umstanden, trugen einen Schmuck von Fichtengrün und bunten Papierrosetten. Das Eßzimmer war frisch geputzt und gebohnert. Im Ofen knackte ein munteres Feuer. Aufgetischt wurden: Spiegelkarpfen in Bier, genudelte Enten, dazu Maronen und Äpfelgefüllsel, Emmentaler Käse mit Tränen, Rosinen und Mandeln. Chateau Margot, Burgunder und Piesporter Goldtröpfchen, sollten die Fröhlichkeit bringen.

Acht Uhr!

Bei Türlütts tönte die Klingel.

Als erster erschien der Herr Kirchenrendant, wie immer im Gehrock, zugeknöpft, feierlich, Würde und Weihe, halb Oberst a. D., halb Verkäufer in einem Sargmagazin.

»Tag, Schwager. Ich freue mich herzlich. Großartige Idee. Meine Schule. Man sieht, du hast was gelernt. Friede, Versöhnung. Gut so, gut so! Wer kommt noch?«

»Herr Remmelmann und André.«

»Treffliche Wahl. Verstehe, verstehe! So 'ne Art von Verbrüderungsfest. Du suchst Öl auf die erregten Gemüter zu träufeln – Rübsen- und Baumöl. Bravo! War auch Zeit: denn man kann nicht immer sagen: Distanz, meine Herren. Da ist die Radowessische Totenklage schon besser:

Der noch jüngst zum großen Geiste
Blies der Pfeife Rauch ...

in diesem Falle das Pfeifchen der Freundschaft. – Na – und der Dechant, ist der nicht geladen?«

»Natürlich.«

»Und kommt?«

»War leider versagt.«

»Hm!« machte Anatole und warf sich eine Prise Spaniol in die Nase. »Wieso denn versagt, und bei wem denn geladen?«

»Bei sich selber geladen, und die Douwermanns sind bei ihm.«

»Natürlich! – immer mit dieser Gesellschaft. Drei Seelen und ein Gedanke! Mögen sie diesen Gedanken in Gesundheit verschleißen. Bon appetit! Aber was gibt's denn? Es duftet so nobel. Sapristi ...!« und er hob den Marabukopf und schnupperte nach der Türe, in deren Umrahmung Herr Nöllecke Remmelmann mit seinem Rotspongesicht auftauchte, lieblich apothekerte und einen Kometenschweif von levantischen Aromen hinter sich herzog.

»Allseits guten Abend, die Herren! Leider etwas verspätet. Hatte noch so 'ne kleine Bescherung bei meiner Schwester in Hönnepel. Gute Verpflegung, propere Weine, aber viel Kindergequäke und so. Infamer Weg hin und retour. Teufel, Teufel! – ich will gern auf das ›Einhorn‹ verzichten und nicht mehr Arnold Remmelmann heißen, wenn nicht bald das Hochwasser über uns herkommt. Dies Wetter! – Kinder...! – aber was ich sagen wollte ... Ja, so ...!« – und er streckte Herrn Türlütt beide Hände entgegen – »also, mein Lieber, Sie haben wirklich die Absicht, Sie könnten...«

»Ja, ich will alles vergessen,« lachte Herr Türlütt.

Es kam dick und fett aus seiner Weste heraus.

»Und das mit dem Wisseler Kornfeld ...?«

»Wird vergeben.«

»Und Stina...?«

»Moralisch begraben,« fiel Herr Anatole ein. »Friede, Freundschaft, Brüderlichkeit! Mag sich die dicke Person einsalzen lassen. Sie verdient den Namen ›Charlotte Corday‹ nicht mehr. Sie ist unters Fußvolk geraten. Aber mein Schwager – nobel wie immer. Aufrechter Mann, versteht es, Feste zu geben. Hat's von mir!« und er klopfte sich dabei so gesinnungstüchtig auf sein blaugestärktes Chemisettchen, daß die rechte Manschette davon mobil wurde und abschnurren wollte. »François s'amuse und wir mit ihm. Was, Schwager, immer derselbe! Sache! – Großartige Sache!«

»Drum riecht's auch so fein,« konstatierte Herr Remmelmann und schnupperte gleichfalls, aber nicht wie der Herr Kirchenrendant, drähtig und dicknäsig, sondern fein und zierlich und appetitlich wie ein Angorakarnickel. »Dabei kann man sich ja allerhand denken...«

»Und ob!« schmunzelte Herr Türlütt still vor sich hin und zählte an den Fingern herunter: »Spiegelkarpfen in Bier, Entenbraten mit allen Schikanen, durchener Käse, Rosinen und Mandeln ...«

»Hören Sie auf! Meine Leib- und Magengerichte!«

»Also setzen wir uns,« dekretierte Herr Anatole und machte Miene, seinen Platz einzunehmen.

François hielt ihn zurück und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, die scheinbar keine Gegenliebe erweckten; denn der Kirchenrendant machte eine energische Handbewegung und sagte kurz angebunden: »Mein Bester, das geht nicht. Das darf man nicht begünstigen. Man soll von den Königen lernen. Die sind immer pünktlich gewesen. L'exactitude est la politesse des rois. Wer nicht kommt zur rechten Zeit...« und er setzte sich wirklich.

»Auch gut,« meinte der Gastgeber, nahm gleichfalls mit Herrn Remmelmann Platz und füllte die Gläser.

»Prosit!«

»Halt!« rief Herr Anatole, »zuerst einige Worte. Meine Herren! Damit das Essen uns mundet – hier, in diesem Chateau Margot wird vorher ›Lethe‹ getrunken. Das Wisseler Kornfeld, die Wisseler Kirmes, Stina und ihre gefüllte Bluse, das zarte Gleichnis mit den Angorakaninchen, das Weihnachtsferkel und die bis jetzt unaufgeklärten Begebnisse im Remmelmannschen Kontörchen – alle diese Dinge läutern sich im Purgatorium, verröcheln für uns im stygischen Wasser. Überhaupt alles für uns: Acheron, Tartarus, Charons Kahn. Vergeben, vergessen! Trinken wir ›Lethe‹, trinken wir ›Lethe‹! Es lebe die Freundschaft!« – und sie stießen an und tranken und setzten sich wieder.

»Aber Teufel, Teufel!« wunderte sich Herr Remmelmann, als er das vierte Gedeck bemerkte und ein großkiemiger, dickleibiger Karpfen anpräsentiert wurde, »da fehlt ja noch einer. Wer soll denn noch kommen?«

»Der Kunstgelehrte und Doktor!« sagte Herr Türlütt und legte gottergeben die Hände zusammen.

»Wer?« fragte Herr Nöllecke.

»Mein Sohn,« bestätigte der Herr Kirchenrendant, langte zu und schob sich eine stattliche Portion auf den Teller.

»Der?!« fragte Herr Remmelmann wieder.

»Warum nicht? Sind Sie anderer Ansicht? Hegen Sie Zweifel?« meinte Anatole und löste kunstgerecht das saftige Fleisch von den Gräten.

»Der ist mir doch soeben begegnet«

»Wer?«

»Na – der Herr Doktor.«

»Wo begegnet?«

»Zwischen der Unteren Schleuse und Hönnepel.«

»Sie haben wohl Gespenster gesehen?«

»Ich? nee – ich sah keine Gespenster, und wenn ich offen sein soll ...«

Herr Anatole legte die Gabel beiseite.

»Ja, seien Sie offen. Bitte, seien Sie offen. Ich warte. Sie sehen doch, ich warte.«

»Ich will nicht indiskret sein, aber Fräulein Johanna war bei ihm. Sie sprachen erregt und gingen dem Rhein zu.«

»Zackerzucker und Weltbrand!«

Der Alte sprang auf und riß sich die Serviette vom Halse, die er wie ein Barbiertuch umgelegt hatte. Wie ein wildes Tier seinen Käfig, so durchmaß er das Zimmer. Dann blieb er stehen, reckte den Gänsehals und sprach auf Nöllecke ein: »Wa ... wa ... was ...?! Also wirklich gesehen? Sie wollen behaupten: mein Sohn, en demeurant le meilleur fils du monde, sei mit diesem Weibsbild gegangen? Auf und davon ... Herr!« – und der Marabukopf sah sich rückwärts geworfen – »das bringen Sie so ganz platt unter die Leute, als wär's 'ne alltägliche Chose. Herr! – also mein Sohn und Fräulein Johanna ...?! – Das müssen Sie mir noch einmal sagen, ganz ruhig und deutlich, bevor ich's kapiere und glaube – und hier ... mein Schwager ist Zeuge.«

Die aufgesperrten Äugelchen glimmten wie Kohlen.

»Teufel, Teufel! machen Sie doch keine Geschichten!«

»Ja oder nein!«

»Wenn es denn sein muß ... ich weiß, was ich weiß: sie gingen dem Rhein zu.«

Der Alte warf beide Hände zur Decke.

»Also doch! – Sie hat's fertiggebracht. – Will mir meinen Stammbaum verbiestern, meine siebenzackige Krone verlausen! – Aber ich leid's nicht. – Sacre nom de Dieu! – Da soll ja ein dreimal heilig Gewitter ...«

Er stürzte ans Fenster, riß einen Flügel auf und schrie in den Abend hinaus, den ein unsteter Mond flatterig durchjagte: »André! – André!«

Vom Rathaus kam das Echo zurück.

»André...!«

»Nu komm man,« sagte Herr Türlütt. »Da lachen die Hühner bloß drüber. Der hört's ja doch nicht, der André, außerdem: der Karpfen wird kalt; das kann so'n Fisch nicht vertragen ... und was die Hauptsache ist: man keine Bange; dein Junge kommt wieder.«

»Meinst du?«

»Aber natürlich! Da sollte ich André nicht kennen.«

»Na denn,« sagte der Alte, schlug den Fensterflügel zu und nahm abermals Platz. »Aber das sage ich hiermit ...« und er griff nach seinem Glas und krähte wie ein gereizter Kapaun: » Vive la république! Vive la montagne! – ein Pereat jedoch dem verfluchtigen Kerl und seinem Weibsbild von Tochter. Beide haben meinen Sohn auf dem Kerbholz. Verführt! Weiter nichts. So 'ne Künstlerblase! Im übrigen: Prosit, die Herren! Es lebe die Freundschaft!« und er wandte sich wieder der aufgelegten Portion zu.

Der Karpfen war schmackhaft ... und der Wein war gut ... und die Stimmung war behaglich und mollig ... und André und Johanna wurden vergessen ... und die Lampe warf einen friedlichen und warmen Glanz über die Tafel... aber da draußen...

*

Auf der Landstraße, die von der Unteren Schleuse über Hönnepel direkt zum Rhein führte, sausten die Bäume. Die letzten Wattebauschen, die noch in den Astverzweigungen hingen, grapste der Westwind herunter, Hoch oben zwischen den mausfahlen Wolkenfetzen trieb der Mond, hüllte sich ein, um gleich darauf wieder mit fast blendendem Licht durch die ausgefransten Tücher zu gleiten. Seine wechselnde Helle schuf eigenartige Bilder. Bald dunkelte das Land ein, bald lag es da, als liefe ein Drummondsches Kalkfeuer über die Gegend. Rechts und links auf den Feldern gluckste der Schnee. In den Gräben tropfte er ab. Durch die Baumkronen, die ihr gitterartiges Astwerk zeitweilig als Schatten über die Landstraße warfen, röhrte der Nachtgeist, orgelte und stöhnte und blies seinen frostigen Atem durch den nächtlichen Himmel. Kristalle hingen in der Luft.

Plötzlich war alles wie mit Krepp verhangen. Nur tief am Horizont flackerten einzelne Scheiter, unstet, rot und qualmig wie Sterbelampen. Sie mußten auf den Rheindeichen brennen, in der Richtung von Rees, Grieth und Emmerich. Diese greifbare Finsternis und dieses seltsame Leuchten! Es war so, als ginge ein Leichenbitter mit langer Pleureuse und dunstiger Hornlaterne von Haus zu Haus, um den Tod anzusagen und zum Begräbnis zu bitten. Kaum war noch eine Hand vor Augen zu sehen.

Dirk Vogels kämpfte gegen den Wind an ... und wie die Bäume auch sausten und sein Mantel knatterte – er hörte seinen eigenen Herzschlag und das Rauschen des Blutes. Was wollte er eigentlich? Hinter einer Verlorenen her sein? Sie greifen, sie halten? Ein Unglück verhüten? Sich die eigene Schande vom Leibe reißen? Den Mörder seiner Ehre und Liebe kalten Sinnes erwürgen? Er wußte es selbst nicht. Seine Gedanken waren wie taumelsüchtige Funken auf einer Schmiedeesse, die sich Wechselseitig überstürzten und keinen Halt und kein Rasten mehr fanden. Aber das fühlte er noch: irgend etwas mußte geschehen, und daher immer dem Rhein zu, und wenn der Tod drüber käme ...

Er kannte die Gegend. Wenn nur das verfluchte Dunkel nicht wäre! Er mußte den Chausseebäumen nach, dann über den Kommunalweg, der die breite Landstraße um ein Bedeutsames abschnitt, dann an der Ziegelei und beim Ökonomierat Brüker vorüber. Wie oft hatte er bei diesem gesessen und mit ihm über landwirtschaftliche und kommunale Fragen verhandelt!

Das war ein aufrechter Mann. Einer von den Kernigen, Schlichten und Bodenständigen im Lande, und als er seinen wohlverdienten Titel erhielt, sagten die Leute: »Dröm treckt Brüker de Klompe niet ütt ...« aber er freute sich der Ehrung und gab seinem König, was dem König gebührte.

Im Herrenhaus war Licht. Als Dirk Vogels vorbeikam, sah er, daß sie dort noch Weihnachten feierten. Glückliche Menschen! – Der Wind war stärker geworden, griff mächtig in den Mantel hinein und trieb ihn über den Weg hin.

Die mit Schnee umkrusteten Ackerfurchen der Felder blenkerten hoch. Schmutziggraue Wollen überflogen die Gegend. Die am Horizont liegenden Feuer gewannen an Größe und Umfang.

Dirk Vogels hielt sich nicht auf. Sein Atem dampfte. Das, was Therese ihm mitgeteilt hatte, zerfleischte sein Herz, schlug in seine Seele wie mit glühenden Pranken.

»Johanna ...! – Johanna...!« – aber um Himmelswillen! – nichts fühlen, nichts denken. Ruhe, nur Ruhe, sonst ging der Verstand auseinander.

Aus weiter Ferne kam zuweilen ein Rumpeln und Poltern. Vereinzelte Kanonenschüsse waren dazwischen. Dann wieder eisiges Schweigen.

Vor ihm gespensterte etwas, kam näher, ratterte und lichterte mit zwei Wagenlaternen direkt auf ihn zu. Jetzt schien es auf einem Seitenweg nach dem Gutshof einbiegen zu wollen.

»Heda!« rief er das leichte Gefährt an, vor dem ein schwerer Percheron stampfte und prustete, »sind Euch vielleicht ein Herr und 'ne Dame begegnet?«

»Well, well!« kam es aus dem Schäschen heraus. Ein Peitschenstiel deutete rückwärts, »Hinter Hönnepel, vor 'ner Viertelstunde vielleicht. Sie hatten es eilig und machten auf den Rhein zu.«

»Merci!«

»Nichts zu danken, Mynheer. Hiadahüp!«

Das Gefährt zog an und stuckerte weiter.

»Sie hatten es eilig ...«

Beengt sprach er es nach. Das Herz wollte ihm brechen. Das Schicksal konnte ihm nichts Neues mehr bieten; auch nicht das geringste. Willenlos ließ er sich treiben. Er jagte und stürmte. Der Duft des geliebten Weibes ging über ihn her wie eine Taumelwelle. Und das war alles entweiht, verludert, verlästert. Ein trockenes Lachen erschütterte seinen Körper; aber dieser Körper – er wurde stählern, sehnig und nervig und trug einen Geist durch die eingeflorten Äcker und Wiesen, der entschlossen war, den letzten Trumpf auf den Tisch zu knallen: par hasard, auf Tod und Verderben. Entweder so oder so...

Ein Drittes gab es nicht mehr; wenn ja, dann hatte es über die Klinge zu springen.

Er hörte die Uhr im nahen Hönnepel schlagen; dann tauchte er in den tiefen Schatten unter, die ihn vollends bedeckten. –

Und weiter dahinten ... jenseits der Weidenbestände ... in der Nähe des gewaltigen Deiches, wo das Eis krachte und stöhnte und die Feuer der Stromwachen brannten ... nicht fern dem diesseitigen Fährhaus ... zwei Gestalten...

Johanna und André ...!

Der Wind hatte ihr Tuch gefaßt und wellte es wie ein schwarzes Segel gegen die Deichflanken an.

»Vorwärts – du! Wir müssen hinüber!«

»Keinen Schritt mehr!« keuchte sie heiser.

Sie stemmte sich gegen ihn an und suchte aus seiner Umarmung zu kommen.

»Du willst nicht?«

»Nein, du ... ich will nicht weiter und kann nicht mehr weiter ... Ich wollte dich vor dem Schlimmsten bewahren ... wollte den Tod von dir nehmen ... wollte den Schuß nicht hören... nicht schuldig werden um deinetwillen ... Nur aus diesem Grunde folgte ich dir ... flehte dich an ... wollte ein Unglück verhüten ... Jetzt aber, wo du ruhiger und stiller geworden – hier trennen sich unsere Wege... Meine Kraft ist zu Ende...«

»Was...?!«

Mit einer wütigen Umstrickung riß er sie an sich. Wider ihren Willen, mit brutaler Macht und Gewalt – er zerrte sie vorwärts, die steile Böschung hinan, der Deichkrone zu.

»Ich bin doch kein Narr, kein Bajazzo, der ins Blaue hineintappt! Und du – warum bist du denn mit mir gegangen?!«

Sie streckte sich auf.

»Das weißt du ... dein Brief... das entsetzliche Schreiben ... du zwangst mich ... setztest mir deinen grausamen Entschluß entgegen... Ich will deinen Tod nicht ...«

»Johanna ...! – Johanna ...!«

»Nein, du ...! und wenn ich für immer ins Elend hinein müßte: lasse mich los – du! Gib mich frei! Du hast kein Anrecht auf mich. Ich will nicht noch sündiger werden. Ich komme nicht drüber fort. Sei doch vernünftig. Mache meine Schuld nicht noch größer. Peitsche mich nicht länger mit deiner gefühllosen Drohung. Ich für meine Person weiß, was ich tue. Sorge du nicht. Ich helfe mir selber, und wenn ich verrückt drüber würde. Gehe du deinen Weg, ich gehe den meinen.«

»Und das ist dein Letztes?!«

»Mein Letztes!«

Er röchelte auf.

»Gut, so will ich den Weg gehen, den du uns vorschreibst,« und er griff in seine Brusttasche hinein und brachte etwas Blankes zum Vorschein, »denn ich kann mein eigenes Wort nicht mehr fressen – und das sei mein Führer.«

Er hob langsam die Waffe und setzte den kalten Lauf gegen die Schläfe.

»André...!«

Ein verzweifeltes Ringen ... ein Vorwärtsstoßen... ein Ächzen und Stöhnen... ein Kampf auf Leben und Tod...

Sie packte zu ... die Waffe klirrte zu Boden ... und dann...

Sie standen auf der Deichkrone.

Der Strom war erreicht.

Sie sah über ihn fort und legte sich die Hände um den Hals wie schnürende Knebel.

Nicht schreien, nicht schreien! – Aber jubeln hätte sie mögen – jubeln, jubeln wie verzweifelte Menschen, die Rettung und Land sehen.

Endlich begriff sie: nicht hinter ihr, nicht bei Heimat und Herd, sondern vor ihr lag die Erlösung, jenseits des Wassers.

Sie atmete auf – tief, befreiend und glücklich.

Der Strom...! – Wie er donnerte und rumpelte! – ein angeschmiedeter Zyklop, ein gebändigter Geist. Da lag er in Ketten und rüttelte sich und krachte bis ins Herz hinein, als wäre das Pochwerk in einer gewaltigen Hütte lebendig geworden. Im jähen Wechsel des auf- und niedertauchenden Lichtes wandelten und wuchsen die Szenen. Bald greifbare Nacht, bald strahlendes Leuchten! Ein chaotisches Leben! Das Eis mahlte und malmte, seufzte und klirrte und dunstete mit verschlagenem Atem. Drüben, am jenseitigen Ufer, wurden die Wachtfeuer gleich qualmenden Fackeln zur Seite gerissen. Weiter zur Rechten: die Lichter von Rees. Über sie hinaus strebten die Türme der Kirche, zwei graue Silhouetten, in den nächtigen Himmel. Am Boden, seitwärts davon, ein zwinkerndes Auge... ein erhelltes Fenster, hinter dem der Strommeister wohnte. – Der Rhein stand noch; aber er bäumte sich auf, tobte und polterte und suchte, das Packeis in die Höhe zu wuchten.

Und die beiden Menschen vor diesem gewaltigen Haltesignal: er verstört und gebrochen ... sie aber ... wie eine Königin stand sie. Nichts verriet in ihrem bleichen Gesicht, was in ihrem Innern vorging; aber ihr Entschluß war gefaßt. Mit ehernem Griffel hatte er sich in ihre Seele gegraben.

Und wieder das dumpfe Geheul unter den Schollen, schwer aus der Tiefe heraus – das Brüllen eines Riesen, der sich frei machen wollte. Und in dieses Brüllen hinein...

Sie stieß einen jauchzenden Ruf aus: »Hinüber!«

»Unmöglich!«

»Nichts ist unmöglich!«

Sie rief es befreiend, wie eine singende Flamme – sie, die wie eine Königin stand ... eine Königin, zwar ohne Zepter und Krone, die elend war, wie nur auf Erden ein Weib sein konnte – und doch eine Königin blieb. In ihrer Hoheit wurde sie immer stolzer und größer, und sie streckte die Hand aus und sagte: »Die Stunde gebietet. Ich bin dir verfallen. Mein Los ist entschieden und unser Schicksal nicht mehr aufzuhalten.«

Sie deutete über den Rhein fort: »Dort führt der Weg hin!« und hoch aufgerichtetet schritt sie dem Strom und seiner wankenden Brücke entgegen.

»Wohin – du?!«

»Dorthin, wohin du mich zu führen gedachtest. Ans jenseitige Ufer, nach Empel. Du sagtest ja selber: Vor Mitternacht müssen wir dort sein. Der Weg ist noch weit. Ich dächte: wir wollen doch den Nachtzug benutzen. Also gehen wir. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Johanna ... du siehst ja ... das wäre der Tod! – Der Rhein macht sich frei!«

»Und wenn er sich frei machte, und wenn es der Tod wäre – was soll's?! Das kümmert mich nicht. Du weißt ja: Tod und Liebe gehören zusammen.«

»Du gehst nicht!«

»Das wollen wir sehen.«

»Nein – du! – wir müssen zurück, zurück um unserer Liebe und Seligkeit willen!«

Flammenden Blickes sah sie ihn an.

»Was – du läßt mich allein gehn?!«

»Du...!« schrie er auf. Dabei wies er die Zähne, die Raubtierzähne, weiß und blank und wie zum Beutemachen geschaffen. »Du hast etwas vor, du willst über Bord. Aber das sage ich dir: Den lebendigen, nicht den toten Leib will ich haben!«

»Und nicht meine Seele?!«

Entsetzt starrte sie ihn an.

Der Mond stand voll auf seinem erdfahlen Antlitz ... und sie mußte es sehen: tief hatte dort die Erbärmlichkeit ihre Zeichen und Runen gegraben.

»Also du willst nicht? – und gedachtest dein Leben von dir zu tun wie den nichtigsten Fetzen?! Erbärmlich! – und jetzt, wo es heißt, die Schuld zu vertreten und die letzten Konsequenzen zu ziehen, jetzt, wo dein Herz aufflammen sollte wie eine ewige Lampe am Tische des Herrn, da wird deine Kraft zu einem geprügelten Tier ... Mensch, du ...!«

Sie wußte: die letzte Stunde machte den Mund auf. Ein heiseres Lachen schlug ihm entgegen.

»Glaubst du denn etwa, ich könnte zu meinem Vater zurück; er würde wie der des verlorenen Sohnes ein Kalb für mich richten? Glaubst du denn, ich könnte zu dem andern zurück, könnte noch ihre Knie umfassen und jammern: Hier bin ich, vergebt mir; ich bitte Euch aus dem Staube heraus: Habt Erbarmen mit mir, Erbarmen, Erbarmen ...?! Recht hätten sie, würden sie die Peitsche gebrauchen.«

Sie warf den Kopf in den Nacken: »Meinst du, ich könnte wieder das Weib werden von früher, nachdem du ihm die Seele zerrissen?!«

Und wieder das entsetzliche Lachen.

»Nichtswürdig, erbärmlich! In höchster Not zeigt sich der Mann. Du aber – du hast dein Mannestum von dir geworfen. Einen Stürmer und Dränger, einen Helden sah ich in dir und fand – einen Feigling. Lasse mich los...!«

»Johanna ...!«

»Lasse mich los ...!«

Sie stieß ihn mit der Faust gegen die Kehle, daß er taumelte, wankte ...

»Du Lump, du ...! – meinst du, ich ließe nach meinem Leibe greifen, wie nach dem einer Dirne? Was willst du von mir? Auch ohne dich – dort führt mein Weg hin!« und sie stürmte über das Packeis, über die wankenden Schollen, der eigentlichen Stromrinne zu, deren aufgetürmte Blöcke und Tafeln ächzten und stöhnten. – Und sie hörte das Krachen und Donnern unter ihren hastigen Schritten; fror aber nicht und fürchtete nichts. Ihr Atem ging ruhig. Starr und steif war ihr Blick auf das gegenüberliegende Ufer gerichtet, das im Nebel verschwamm und unter dem Qualm der Feuer dunstete. Und doch war ein Leuchten in ihren aufgerissenen Augen, und ihre Lippen stammelten: »Vater, vergib mir! – und du, Dirk ... ich nehme Abschied von dir ... ich liebte dich, Dirk, und ging doch ins Elend hinein. Nun ist alles zu Ende ... mein Schicksal erfüllt sich. Dirk...! – Dirk...!«

Ihre Worte verebbten unter dem Gerüttel eines unterirdischen Kraters. Die Decke kam ins Schieben und Wanken, röchelte und röhrte wie ein niedergeworfener Stier ... und hoch vom Deich brüllte die Stromwache: »Gottverdomie noch mal! – Zurück da! – Der Rhein ist in Not! – Zu Hilfe! – Ihr könnt nicht hinüber!«

Sie hörte und sah nicht. Sie wollte nicht hören und sehen.

»Zurück da! – Das Stauwasser kommt!«

Aber da wieder ein Schrei – eine andere Stimme – weit hinter ihr ... ein Liebesschrei, wie ein Adler ihn schreit, klingend und gellend.

»Johanna...! – Johanna...!«

Vom jenseitigen Ufer kam das Echo zurück.

»Johanna...!«

Hoch auf dem Deich stand Dirk Vogels... und sah sie schreiten ... und sah wie ihr Tuch mit dem Wind flog ... und sah, daß sie es wehen ließ wie eine Totenfahne ... und sah, daß sie selbst in den Tod hineinwollte ... und sah ... denn neben ihm ...

Zwei Männer standen sich hart genüber: einer, dem das Herz verblutete, und einer, der an seiner Feigheit erstickte.

Dirk hob die Faust, um den andern wie ein Stück Vieh niederzuschlagen.

»Hund, du verfluchter...! – also so treffen wir uns. Aber ich klage nicht um mich, ich klage um sie, die du verrietest, wie ein Fahnenträger in Not und Tod seine Fahne verriet und im Stich ließ. Aber die Fahne – unentwegt verfolgt sie ihr Ziel. Da geht die Fahne, da wandelt die Fahne, Hund du, wo hast du die Fahne gelassen?! Nicht du – sondern ich bin Sieger geblieben!«

Er sprach wie ein Irrer, und dennoch: sein Sinn war klar, sein Herz stählern wie das eines Helden und Königs.

»Pfui Teufel! – meine Hand ist zu schade ...« und die Faust sank herunter, aber das Herz eines Königs und Helden führte er über die berstenden Schollen, über das polternde Eis, durch Kampf und Gefahr, spurfest und treu, furchtlos und tapfer, und keine fünf Minuten vergingen, da schlug es an das eines verzweifelten Weibes, das in sich zusammenbrach und fröstelnd aufwinselte: »Dirk, Dirk! – das ist der Tod!«

»Nein, du – das Leben auf Gedeih und Verderben! – und wenn es sein muß – du und ich, wir sterben zusammen.«

»Dirk, Dirk...!«

»Stille, ganz stille, Johanna...! Nicht reden, nicht sprechen ...« und er riß sie empor und hob sie mit kräftigen Armen und preßte sie an sich und trug sie glaubensstark über die dröhnenden Panzer, durch Eis und quellendes Wasser; und wie der Strom auch klagte und ächzte, die Tiefe donnerte und die zerklüfteten Blöcke sich hoben und senkten – der Rhein war barmherzig.

Noch hundert Schritte, noch fünfzig...

Immer näher kam das gegenüberliegende Ufer.

»O du mein Alles! Meine Qual und meine himmelstürmende Freude, mein Glück und mein Elend!«

Sein keuchender Atem ging über sie fort.

Mit wilder Inbrunst preßte er seinen Mund auf den ihren, hielt er sie mit eisernen Armen umklammert – und so, Leib an Leib, von ihrem schwarzen Tuch umflattert, unter sich den brodelnden, gurgelnden, stampfenden Abgrund, brachte er die Sünderin, die Schwererkämpfte und doch das Heil seines Lebens den Feuern, die dicht vor ihm brannten, und dem rettenden Ufer entgegen.

Noch zwanzig Schritte, noch zehn ...

Das Eis bäumte sich auf, wich unter seinen sicheren Schritten, streckte seine unbarmherzigen Arme – aber immer vorwärts unter dem jagenden Mond, der aufleuchtete, um wieder abzuschwelen, über die wankende Fläche, die unter dem drängenden Wasser barst und zerschellte, um wieder still wie ein Kirchhof zu werden. Und dennoch: er knebelte das Element und blieb Sieger auf Gedeih und Verderben.

Am Ufer liefen die Wachen zusammen. Auch der Strommeister kam.

»Jesus Christus...! – Gerettet, gerettet ...!«

Sie hörte noch den jauchzenden Zuruf. Dann aber fiel das Himmelsgewölbe über sie her: Sonnen, Sterne und nachtschwarze Schatten. Sie glaubte, ins Bodenlose zu sinken.

Er aber ... erhobenen Hauptes und pochenden Herzens trug er die teure Last, als wenn er etwas Köstliches trüge, und trug sie unter dem Jubel der beigeströmten Menschen über die letzten Hindernisse, gegen den Deich an und dem kleinen Licht zu, das aus dem Fährhaus wie ein armes Seelchen hilfreich herausgeisterte. Hinter ihm aber ... Als wäre die Hölle losgelassen, als brächen die Balkensielen eines mächtigen Turmhelms zusammen, als würden die Gelenke und Knochen eines stolzen Schleusenwerkes zermalmt und auseinandergetrieben, so tobte und wetterte es, so krachte es wie mit Artilleriesalven dazwischen, so nagte und geiferte, keuchte und schrie es ... Fanale leuchteten auf, Raketen zogen ihre glühenden Schweife talabwärts... Glocken hallten herüber, kläfften, bellten und durchheulten die Nacht wie eiserne Hunde ...

Der Rhein hatte seine Kette gebrochen, war in Bewegung gekommen, scherte sich den Henker um Deichrecht und Stromregulierung, türmte Schollen und Blöcke wild übereinander, lachte und raste und geißelte die schäumenden Stauwasser vor sich her gleich rebellischen Meuten ... und über ihm jagten die Wolken wie die Schwadronen schwarzer Totenkopfreiter. –

Dirk und Johanna ...!

Als sie erwachte, die Augen aufschlug und wirr und leer um sich blickte, ruhte sie an seiner Brust in einer niedrigen Kammer.

Eine Laterne breitete einen matten Schein durch die freundliche Stube und zeigte ihr, daß sie in dem Hause des Deichmeisters war, der geholfen hatte, sie dem Leben wiederzugeben. Als die tiefe Ohnmacht von ihr gewichen, hatte er bereits wieder das Zimmer verlassen.

Verstört sah sie um sich, griff in ihre Haare hinein, daß die stolze Krone sich löste, und fuhr sich wimmernd durch die naßkalten Strähnen.

»Wo bin ich? – Mein Gott! – und man ließ mich nicht sterben?! Und du – bei mir?«

Ihre Blicke waren geöffnet vor innerem Grauen, vor Scham und Marter und wehem Entsetzen.

»Wer sollte denn bei dir sein, wenn ich es nicht wäre?« sagte er tröstlich und bog ihren Kopf zurück und sah ihr tief in die Augen.

»Meine Johanna ...!«

»Du – wo das alles passiert ist ...?!«

Sie wollte schreien, sich seinen Armen entwinden, nicht mehr denken und fühlen.

Er küßte ihr den Schrei von den Lippen, legte den Arm um sie her und flüsterte ihr zu: »Und du wolltest wirklich, Johanna ...? Du konntest deinem Vater und mir ... und gedachtest dein Leben, was mir gehört vor Gott und den Menschen ...«

Da sah sie ihn an, als wäre der weiße Tod noch einmal aus dem berstenden Strom und an ihre Seite getreten. Und sie riß ihr Mieder auf und brachte ein zerknittertes Papier zum Vorschein und gab es ihm und sagte: »Dies lies, und wenn du's gelesen hast, dann geh ... und sieh dich nicht mehr um ... und grüße den Vater von mir, wenn er meinen Gruß noch annehmen will ... und vergiß mich, mich und mein Leben, denn ich bin deiner nicht würdig. Du mußt mich schon meinem Geschick überlassen. Meine Nähe entweiht dich, und was ich auch tue, es ist kein Heil und kein Segen dabei, denn ich kann mir kein glückliches Leben mehr zimmern. Aber vielleicht wirst du sagen: Sie ist nicht ganz zu verdammen; man muß Mitleid mit ihr haben und ein wenig Erbarmen. Und dieses Erbarmen nimm mit dir.«

Die letzten Worte waren mehr gedacht als gesprochen.

»Dirk, ich will ja nichts weiter!«

Da las er – Wort für Wort und Zeile für Zeile, und er fühlte, wie die Erbärmlichkeit aus diesen Zeilen heraufstieg, wie sie ein Menschenleben gehetzt und getrieben und es der Verzweiflung zugeführt hatte, wie alles so unerbittlich und grausam gewesen. Und sie verfolgte ihn beim Lesen mit heißen Augen und sagte, als er tiefatmend und ganz verstört damit fertig geworden: »Nun weißt du alles. Ich wüßte dir nichts mehr zu sagen. Nur dies noch: Die Vergangenheit war hart und schwer. Nun ist's endlich überstanden. Nur – ich habe nichts mehr zu hoffen. Ich bin völlig klar über mich selber, und weil ich dies bin, so sage ich nochmals: Ich kann mir kein glückliches Leben mehr zimmern, wenigstens keins mehr, das diesen Namen verdiente.«

»Aber ich!« rief er jauchzend. »Da zieht die Vergangenheit hin. Da wird sie mit dem freien Rheinstrom talwärts getrieben. Du aber ... in meine Arme gehörst du! An meiner Brust sollst du atmen!« und er riß sie an sich – sie, die Verlorengeglaubte, die Jetztwiedergefundene, sein Alles, seine Welt und sein Weib auf Gedeih und Verderben.

Sie streckte sich in seiner wilden Umarmung.

»Dirk – aber mein Vater?! – und die andern: die Menschen mit den grausamen Worten und den unbarmherzigen Seelen ...?!«

»Wo du bist, da bin auch ich,« versetzte er ruhig. »Und gehst du zu deinem Vater, dann gehe ich mit dir und werde ihm sagen: »Segne mein Weib – du. – Und trittst du unter die übrigen Menschen, ich bin dir zur Seite – und sie werden sich beugen vor dir, und ihre Herzen werden sie in die Hände nehmen und stammeln: Wir wollten hart gegen dich sein und sind mild und gerecht wider Willen geworden. Sieh unsere Herzen ...! und dir sage ich –« und er legte ihr den Kopf zurück und strich ihr sacht über den Scheitel – »du sollst leben um meinetwegen, denn ich habe dich nötig, Johanna ... Und leben heißt ringen – und leben heißt in die Irre gehen und fehlen und straucheln. Aber leben heißt auch auferstehen und den richtigen Weg wieder finden, um auf ihm wie zu einer großen Osterfeier zu schreiten. Und diesen Weg – du hast ihn wiedergefunden für immer und ewig.«

»Ja, Dirk, ich habe ihn wiedergefunden, an deiner Seite ihn wiedergefunden!«

Und sie legte die Arme um ihn und weinte und schluchzte und war doch von einer Freude beseelt, die aus dem Himmelreich stammte.

»Du Einziger, Herrlicher, du mein Held und mein König!«

Sie gesundete wieder. Alles Leid war von ihr genommen, und durch ihre Stimme zitterte das Glück.

»Eine bräutliche Nacht!« sagte er leise.

Und draußen donnerte der Rhein und schoß Salut um Salut, und die Deichfeuer wurden emporgerissen und schlugen wie mächtige Liebesfackeln zum ewigen Himmel.

*

Ein Jahr war dahin.

Der Schrein zu den Sieben Schmerzen Maria erhob sich wieder in seiner alten Glorie und Herrlichkeit.

Vor der Predella stand eine zehnpfündige Wachskerze, die Petrikettenfeier ten Hompel geweiht und gesegnet hatte. Sie brannte zum Dank für die hohe Vollendung der Arbeit und zum Andenken an Heinrich Douwermann, den gepriesenen Meister, der seines Gleichen suchte auf Erden.

Wie damals, zu Beginn dieser Geschichte, flockte und schwebte es leise vom Himmel. Schnee, überall Schnee und das Glänzen von Myriaden von Sternchen und hellen Kristallen!

Und das gedämpfte Schneelicht legte sich über glückliche Menschen.

Wie sie aufatmeten diese glücklichen Menschen!

Doktor Dirk Vogels aber zog sein junges, reines Weib an die Brust und sah in den sanften Schein der Dank- und Opferkerze hinein, als wenn er in etwas Heiliges sähe. Ein großes, verheißungsvolles Leben lag vor ihm.

Arnt Douwermann stand bei ihnen, im schwarzen Rock, feiertägig wie immer und mit versonnenen Augen. Sanft glitt er über den Arm seiner Tochter. Dann nahm er ihre Hand und die seines Schwiegersohnes und sagte: »Mein Geschlecht wird untergehen; aber Johanna – aus dir und Dirk Vogels wird ein neues sich heben, stolz, schön und gerecht und allen ein Wohlgefallen. Das ewige Licht leuchte ihm. Amen!«

 

Ende

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