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Honoré de Balzac: Facino Cane - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleFacino Cane
publisherInsel Bücherei nr. 19
year1956
translatorHedwig Lachmann
senderwww.gaga.net
created20050429
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Honoré de Balzac

Facino Cane

Ich wohnte damals in einer Gasse, die gewiß niemand kennen wird, in der Rue de Lestiguières; sie fängt an der Straße Saint-Antoine gegenüber einem Brunnen in der Nähe des Bastilleplatzes an und mündet in die Rue de la Cerisaie. Dank meiner Liebe zur Wissenschaft wohnte ich in einer Mansarde, in der ich bei Nacht arbeitete, während ich die Tage in einer nahe gelegenen Bibliothek verbrachte. Ich lebte sehr einfach und hatte die Bedingungen des Mönchslebens, das dem geistigen Arbeiter notwendig ist, auf mich genommen. Kaum daß ich bei gutem Wetter auf dem Boulevard Bourdon spazieren ging. Eine einzige Leidenschaft wollte mich meinem Forscherleben entziehen; aber gehörte sie nicht auch zum Studium? Ich beobachtete die Sitten des Faubourg, seine Bewohner und ihre Charaktere. Da ich ebenso schlecht gekleidet war wie die Arbeiter und aufs Äußere keinen Wert legte, hatten sie keine Scheu vor mir; ich konnte mich zu ihren Gruppen stellen und zusehen, wie sie ihre kleinen Geschäfte abschlossen und sich, wenn sie von der Arbeit kamen, miteinander stritten. Bei mir war die Beobachtung schon intuitiv geworden; sie drang in die Seele, ohne den Körper zu vernachlässigen; oder sie erfaßte vielmehr die Einzelheiten des Äußern so leicht, daß sie sofort darüber hinausging; sie lieh mir die Gabe, das Leben des Menschen, für den ich mich interessierte, mitzuleben; ich konnte mich an seine Stelle setzen, wie der Derwisch in Tausendundeiner Nacht Körper und Seele der Personen annahm, über die er gewisse Worte sprach.

Wenn ich zwischen elf Uhr und Mitternacht einen Arbeiter und seine Frau traf, die zusammen vom Ambigu- Comique heimkehrten, machte es mir Vergnügen, ihnen vom Boulevard du Pont-aux-Choux bis zum Boulevard Beaumarchais zu folgen. Die biederen Leute sprachen zuerst von dem Stück, das sie gesehen hatten; aber allmählich kamen sie unfehlbar bei ihren eigenen Sorgen an; die Mutter zog ihr Kind hinter sich her, ohne auf seine Klagen oder Fragen zu achten; das Ehepaar rechnete aus, wieviel Geld es am nächsten Tage bekommen würde, und gab es schon auf zwanzigerlei Weise aus. Es kamen nun die Einzelheiten des Haushalts: Klagen über die teuren Kartoffeln oder über die Länge des Winters und den hohen Preis des Torfs; energische Vorhaltungen, wieviel man dem Bäcker schuldig sei, bis es endlich zu Auseinandersetzungen kam, die immer heftiger wurden und bei denen jeder von beiden in anschaulichen Reden seinen Charakter enthüllte. Wenn ich diesen Leuten zuhörte, drang ich in ihr Leben ein, ich fühlte ihre Lumpen auf dem Leibe, ich ging in ihren zerrissenen Schuhen; ihre Wünsche und Nöte gingen ganz in meine Seele über oder meine Seele in ihre. Es war ein wacher Traum. Ich erhitzte mich mit ihnen über die Meister, die sie unterdrückten, oder gegen die schlechte Behandlung, daß sie öfters nach ihrem Gelde laufen mußten und es nicht bekamen. Meine Gewohnheiten aufzugeben, durch die Verzauberung des moralischen Sinnes ein anderer als ich selbst zu werden und dieses Spiel willkürlich zu spielen, das war meine Zerstreuung. Wem verdanke ich diese Gabe? Ist sie ein Zweites Gesicht? Ist sie eine der Fähigkeiten, deren Mißbrauch zum Wahnsinn führen müßte? Ich habe nie nach den Ursachen dieser Macht geforscht; ich besitze sie und bediene mich ihrer; basta! Ich sage nur so viel, daß ich schon damals die Elemente der unzusammengehörigen Masse, die man das Volk nennt, zerlegt und dergestalt analysiert hatte, daß ich seine guten und schlechten Eigenschaften richtig bewerten konnte. Ich wußte bereits, von welchem Nutzen dieses Faubourg werden konnte, diese Pflanzschule der Revolutionen, die Helden, Erfinder, Techniker, Schurken, Ruchlose, Tugenden und Laster umschließt, alles vom Elend unterdrückt, von der Not erstickt, im Wein und Schnaps ertränkt und verderbt. Man kann sich nicht vorstellen, wie viele unbekannte Abenteuer, wie viele vergessene Dramen sich in dieser Stadt des Schmerzes abspielen. Wieviel Schreckliches und wieviel Schönes! Die Phantasie wird der Wirklichkeit, die hier verborgen ist und die nie einer finden wird, niemals nahe kommen; man muß zu tief hinabsteigen, um diese wunderbaren Szenen der Tragik oder der Komik zu finden, diese Meisterwerke, die der Zufall erzeugt hat. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich die Geschichte, die ich erzählen will, so lange bei mir behalten habe; sie gehört zu den seltsamen Geschichten, die wie Lottonummern in dem Sack zurückbleiben und in einer Laune des Gedächtnisses herausgezogen werden. Ich habe noch mehr davon auf Vorrat, die ebenso seltsam sind; aber sie werden auch noch darankommen, verlaßt euch darauf.

Eines Tages bat mich meine Aufwärterin, die Frau eines Arbeiters, ich möchte die Hochzeit einer ihrer Schwestern mit meiner Gegenwart beehren. Damit man sich einen Begriff machen kann, was für eine Art Hochzeit da zu erwarten war, muß ich sagen, daß ich dem armen Weibe, das mir alle Morgen mein Bett machte, die Schuhe reinigte, die Kleider bürstete, das Zimmer aufwischte und das Frühstück bereitete, monatlich vierzig Sous gab; in der übrigen Zeit des Tages drehte sie die Kurbel einer Maschine und verdiente mit dieser saueren Arbeit zehn Sous täglich. Ihr Mann, der Tischler war, verdiente vier Franken. Aber da das Paar drei Kinder hatte, lebten sie sehr kümmerlich. Ich habe nie eine so unverbrüchliche Ehrlichkeit getroffen wie bei diesen zwei Menschen. Als ich aus dem Stadtviertel weggezogen war, kam Mutter Vaillant noch fünf Jahre lang und gratulierte mir zum Namenstag, wobei sie mir jedesmal einen Blumenstrauß und Orangen brachte, obwohl sie keine zehn Sous täglich zu verwirtschaften hatte. Das Elend hatte uns einander nahe gebracht. Ich habe ihr nie mehr als zehn Franken geben können, die ich mir oft für diesen Zweck erst leihen mußte. Das kann mein Versprechen, zur Hochzeit zu kommen, erklären; ich hoffte, mich in die Freude der armen Leute versetzen zu können.

Der Hochzeitsschmaus und der Tanz fanden bei einem Weinhändler in der Rue de Charenton im ersten Stockwerk statt. Man hatte sich in einem größeren Zimmer versammelt, das mit Hilfe von Reflektoren aus Weißblech erleuchtet war; an den Wänden klebte bis zur Tischhöhe eine schmutzige Papiertapete. Es waren Holzbänke aufgestellt. In diesem Zimmer befanden sich achtzig Menschen im Sonntagsstaat, mit Sträußen und Bändern ausgerüstet, die alle wild aufs Vergnügen waren und mit erhitzten Gesichtern tanzten, als sollte die Welt untergehen. Die Neuvermählten umarmten sich zu allgemeiner Zufriedenheit, und es gab Ahs! und Ehs! und allerlei Späße, die übrigens in Wahrheit weniger unschicklich waren als die schüchternen Blicke der wohlerzogenen jungen Mädchen. Die Menschen brachten da eine brutale Lust zum Ausdruck, die etwas Ansteckendes hatte.

Indessen haben weder die Gesichter der Gesellschaft noch die Hochzeit noch irgend etwas in diesem Kreise Bezug auf meine Geschichte. Der Leser ist nur gebeten, den seltsamen Rahmen im Gedächtnis zu behalten. Man halte sich die gemeine, rot angestrichene Kneipe vor Augen, man rieche den Weindunst, man höre die Ausbrüche dieses Jubels, man bleibe in diesem Faubourg, mitten unter diesen Arbeitern, alten Leuten und armen Frauen, die sich in ausgelassener Freude dem Vergnügen einer Nacht hingaben.

Die Musik wurde von drei Blinden aus der Blindenanstalt ausgeführt; der erste spielte Geige, der zweite Klarinette und der dritte Flageolett. Alle drei bekamen zusammen sieben Franken für die Nacht. Für diesen Preis war gewiß weder Rossini noch Beethoven von ihnen zu verlangen; sie spielten, was sie wollten und was sie konnten; niemand machte ihnen Vorwürfe; es war alles eine Zufriedenheit. Ihre Musik aber bombardierte das Trommelfell so wild, daß ich sofort, nachdem ich mich in der Versammlung umgesehen hatte, die Augen auf dieses Blindentrio richtete. Ich wurde zur Nachsicht gestimmt, als ich an ihren Uniformen ihr Gebrechen erkannte. Die Künstler saßen in einer Fensternische; man mußte also nahe herantreten, um ihre Gesichter zu sehen. Ich tat es nicht sofort; aber als ich dann endlich in ihrer Nähe war, war alles entschieden; die Hochzeit und die Musik verschwanden mir, meine Neugier war aufs höchste erregt, denn meine Seele ging in den Leib des Klarinettenspielers ein. Die Geige und das Flageolett hatten beide gewöhnliche Züge, wie man sie an Blinden kennt: gespannt und ernst; aber das Gesicht der Klarinette war eins von denen, die den Künstler und den Philosophen sofort in ihren Bann ziehen.

Man stelle sich die Gipsmaske Dantes im roten Lampenlicht vor, und darüber einen Wald von schlohweißen Haaren. Der bittere und schmerzliche Ausdruck des prächtigen Kopfes wurde durch die Blindheit gesteigert; denn die blinden Augen wurden von der Tätigkeit des Geistes belebt, der aus ihnen wie ein Feuerschein herauslohte. Es sprach aus diesem Gesicht, aus der gewölbten Stirn, die von Falten gleich den Fugen in einem alten Mauerwerk durchzogen war, ein einziger unablässiger, energischer Wunsch. Der Alte blies aufs Geratewohl drauflos, er kümmerte sich weder um den Takt noch um die Melodie, seine Finger hoben oder senkten sich und bewegten die alten Klappen ganz mechanisch; er machte sich nichts daraus, greuliche Quietschtöne hervorzubringen; die Tänzer merkten es so wenig wie die beiden Gesellen meines Italieners; denn ich wollte, daß er ein Italiener war, und er war einer. Etwas Großes und Despotisches lag über diesem alten Homer, der eine unbekannte Odyssee in sich tragen mußte. Es war eine so wahrhafte Größe, daß sie noch aus seinem Elend hervorstrahlte; es war ein so wilder Despotismus, daß er stärker war als seine Armut. Diesem edel geschnittenen Gesicht fehlte keine der heftigen Leidenschaften, die den Menschen zum Guten wie zum Bösen führen, einen Zuchthäusler oder einen Helden aus ihm machen; seine Farbe war, wie häufig bei Italienern, fahl; es war von ergrauenden Brauen beschattet, die tiefe Höhlen verfinsterten, aus denen man nur mit Grauen das Licht des Gedankens flammen sah, wie man sich fürchtet, wenn an der Mündung einer Höhle fackeltragende und mit Dolchen bewaffnete Räuber erscheinen. In diesem Käfig aus Fleisch lebte ein Löwe, dessen Wut vergeblich gegen das eiserne Gitter getobt hatte. Der Brand der Verzweiflung war in ihm zu Asche geworden, die Lava war abgekühlt; aber die Furchen, die Trümmer, etwas Rauch kündeten die Heftigkeit des Ausbruchs und das verheerende Wüten des Feuers. Diese Gedanken, die vom Anblick dieses Menschen geweckt wurden, waren so warm in meiner Seele, wie sie auf seinen Mienen erkaltet waren.

Nach jedem Kontertanz hängten die Geige und das Flageolett, die sich sehr ernsthaft mit ihren Gläsern und ihrer Flasche beschäftigten, ihr Instrument an einen Knopf ihres schäbigen Rockes, streckten die Hand nach einem Tischchen in der Fensternische aus, wo ihre Vorräte standen, und reichten dem Italiener, der nicht hinlangen konnte, da der Tisch hinter seinem Stuhle war, ein volles Glas. Die Klarinette dankte ihnen mit freundlichem Nicken. Ihre Bewegungen waren so exakt, wie man sie an den Blinden der großen Pariser Blindenanstalt immer mit Staunen sieht; sie machen ganz den Eindruck, als hätten sie ihr Augenlicht. Ich trat näher an die drei Blinden heran, um ihrem Gespräch zuzuhören; aber als ich nahe bei ihnen war, lauschten sie forschend; ohne Frage merkten sie, daß einer in ihrer Nähe war, der nicht dem Arbeiterstande angehörte, und schwiegen still.

»Sie, Klarinettenspieler, aus welchem Lande sind Sie?« »Aus Venedig«, antwortete der Blinde mit leicht italienisch gefärbter Aussprache. »Sind Sie blind geboren, oder war es ein...?« »Ein Unglück,« erwiderte er rasch, »ein verfluchter Schwarzer Star.« »Venedig ist eine schöne Stadt, ich habe immer große Lust gehabt, dort zu sein.« Die Züge des Alten belebten sich, seine Runzeln zitterten, er war stark bewegt. »Wenn ich mit Ihnen hinginge, sollten Sie Ihre Zeit nicht verlieren«, sagte er. »Reden Sie ihm nicht von Venedig,« meinte die Geige, »sonst findet unser Doge kein Ende; besonders wo Durchlaucht schon zwei Flaschen im Bauch hat.« »Vorwärts, ans Spiel, alter Quietschbruder!« rief das Flageolett. Sie fingen alle drei wieder zu spielen an; aber während sie die vier Teile ihres Kontertanzes erledigten, beschnupperte mich der Venezianer, er witterte das außerordentliche Interesse, das ich ihm widmete. Seine Züge verloren den kalten Ausdruck der Trauer; so etwas wie Hoffnung erhellte all seine Mienen und schlich sich wie eine blaue Flamme in seine Runzeln; er lächelte und wischte sich die Stirn, diese verwegene und schreckliche Stirn; kurz, er wurde vergnügt wie einer, der sein Steckenpferd besteigt.

»Wie alt sind Sie?« fragte ich ihn. »Zweiundachtzig Jahre.« »Seit wann sind Sie blind?« »Das ist nun schon fünfzig Jahre her«, antwortete er in einem Tone, der davon sprach, daß er nicht nur den Verlust seiner Sehkraft, sondern sonst noch eine große Macht beklagte, die er eingebüßt hatte. »Warum nennen die Sie denn den Dogen?« fragte ich ihn. »Ach, Possen!« erwiderte er, »ich bin venezianischer Patrizier, und ich hätte ebensogut wie ein anderer Doge werden können.« »Wie heißen Sie denn?« »Hier«, versetzte er, »bin ich nur der alte Canet. Mein Name hat nie anders in die Register eingetragen werden dürfen; auf italienisch lautet er Marco Facino Cane, Fürst von Varese.« »Was? Sie stammen von dem berühmten Kondottiere Facino Cane ab, dessen Eroberungen auf die Herzöge von Mailand übergegangen sind?« »E vero«, war seine Antwort. »In jener Zeit flüchtete der Sohn des Cane, um von den Visconti nicht umgebracht zu werden, nach Venedig und ließ sich ins Goldene Buch einschreiben. Aber es gibt jetzt ebensowenig mehr einen Cane wie ein Goldenes Buch!« Dabei machte er eine Gebärde, in der sein ganzer erstickter Patriotismus und sein Ekel vor allem Menschlichen zum Ausdruck kam. »Aber wenn Sie Senator von Venedig waren, mußten Sie reich sein; wie kams, daß Sie Ihr Vermögen verloren haben?«

Auf diese Frage wandte er mir mit einer wahrhaft tragischen Bewegung den Kopf zu, als wenn er mich betrachten wollte, und anwortete: »Durch Unglück!« Er dachte nicht mehr ans Trinken, wies mit einer Gebärde das Glas Wein zurück, das ihm in diesem Augenblick das alte Flageolett hinstreckte. Er ließ den Kopf sinken. Dieses Verhalten war nicht geeignet, meine Neugier zu dämpfen. Während des Kontertanzes, den die drei mechanisch herunterspielten, betrachtete ich den alten venezianischen Nobile mit so brennenden Gefühlen, als wäre ich ein zwanzigjähriger Jüngling. Ich sah Venedig mit der Adria vor mir, ich sah es in seiner Zerstörung auf diesem zerstörten Gesicht. Ich erging mich in dieser Stadt, die ihren Bewohnern so ans Herz gewachsen ist; ich kam vom Rialto zum Canale Grande, vom Molo dei Sciavoni zum Lido, ich kehrte um zum Dom, der in seiner Eigentümlichkeit so prächtig ist; ich besah die Fenster der Casa d'Oro, deren jedes andere Zierate hat; ich betrachtete die reichen Paläste aus Marmor, kurz, all die Wunder, an denen der Kenner um so mehr Gefallen findet, als er sie nach Laune auftauchen läßt und seine Träume nicht durch das Bild der Wirklichkeit um ihre Poesie bringt. Ich stellte mir den Lebenslauf dieses Nachkommen der größten aller Kondottieri vor und suchte nach den Spuren seines Unglücks und den Ursachen dieser vollständigen körperlichen und moralischen Herabgekommenheit, von der übrigens die Funken der Größe und des Adels, die in diesem Augenblicke wieder Leben empfangen hatten, noch verschönert wurden. Unsere Gedanken begegneten sich ohne Zweifel; ich glaube wenigstens, daß die Blindheit den Austausch zwischen den Geistern erleichtert, indem sie der Aufmerksamkeit verwehrt, sich durch äußere Gegenstände zerstreuen zu lassen. Die Probe auf die Sympathie, die zwischen uns bestand, ließ nicht auf sich warten. Facino Cane hörte mit Spielen auf, erhob sich, trat auf mich zu und sprach zu mir in einem Tone, der auf inich wie ein elektrischer Schlag wirkte: »Wir wollen gehen!«

Als wir auf der Straße waren, sagte er zu mir: »Wollen Sie mich nach Venedig führen, wollen Sie mitkommen? Wollen Sie mir Glauben schenken? Sie werden reicher werden, als es die zehn reichsten Häuser von Amsterdam oder London sind, reicher als die Rothschilds, reich wie die Märchen aus Tausendundeiner Nacht.«

Ich hielt den Mann für wahnsinnig; aber es lag in seiner Stimme eine Macht, der ich gehorchte. Ich ließ mich führen, und er ging so schnell mit mir zu den Gräben der Bastille, wie wenn er sehen könnte. Er setzte sich an einer sehr abgelegenen Stelle, an der seitdem die Brücke gebaut wurde, unter der der Saint-Martin-Kanal zur Seine fließt, auf einen Stein, und ich nahm auf einem andern Blocke ihm gegenüber Platz. Seine weißen Haare blitzten wie Silberfäden im hellen Mondschein. Das Schweigen wurde kaum von dem dumpfen Getöse der Boulevards gestört, das bis hierher drang. Dazu kam die nächtliche Stimmung, so daß die Szene wahrhaft romantisch war. »Sie sprechen zu einem jungen Manne von Millionen. Können Sie annehmen, daß er einen Augenblick zögert, tausend Leiden auf sich zu nehmen, um sie zu bekommen? Spotten Sie über mich?« »Ich will ohne Beichte sterben,« versetzte er heftig, »wenn das, was ich Ihnen mitteilen will, nicht wahr ist. Ich war zwanzig Jahre alt, wie Sie jetzt sind, ich war reich, schön, adlig; und ich fing mit der ersten aller Narrheiten an, mit der Liebe. Ich habe geliebt, wie man heutzutage nicht mehr liebt; bis zu dem Punkt, wo ich mich in eine Kiste stecken ließ und Gefahr lief, darin erdolcht zu werden, ohne etwas anderes empfangen zu haben als das Versprechen eines Kusses. Für sie sterben, schien mir ein ganzes Leben zu sein. Im Jahre 1760 verliebte ich mich in eine Vendramini, eine Frau von achtzehn Jahren, die mit einem Sagredo verheiratet war, einem der reichsten Senatoren, einem dreißigjährigen Manne, der leidenschaftlich in seine Frau verliebt war. Meine Geliebte und ich waren unschuldig wie zwei Engelskinder beieinander, als der Sposo uns überraschte, wie wir eben von der Liebe sprachen; ich hatte keine Waffe, er war bewaffnet, aber er verfehlte mich; ich sprang auf ihn, erdrosselte ihn mit meinen beiden Händen und drehte ihm den Hals um wie einem Hahn. Ich wollte mit Bianca fliehen, doch sie wollte mir nicht folgen. Da haben Sie die Frauen! Ich flüchtete allein; ich wurde verurteilt, meine Güter wurden zugunsten meiner Erben eingezogen; aber ich hatte meine Diamanten, fünf zusammengerollte Bilder von Tizian und all mein Gold bei mir. Ich begab mich nach Mailand, wo ich nicht behelligt wurde; der Staat kümmerte sich nicht um meine Angelegenheit. – Eine kleine Anmerkung, ehe ich fortfahre«, sagte er nach einer Pause. »Mögen nun die Vorstellungen einer Frau während ihrer Schwangerschaft oder bei der Empfängnis Einfluß auf das Kind haben oder nicht, Tatsache ist, daß meine Mutter, während sie mich unterm Herzen trug, eine Leidenschaft für Gold hatte. Ich habe eine Goldsucht, deren Befriedigung meinem Leben so völlig Bedürfnis ist, daß ich noch in keiner Lage meines Lebens je ohne Gold bei mir gewesen bin; ich habe immer mit Gold zu schaffen; als ich jung war, trug ich immer Kleinode und hatte immer zwei- oder dreihundert Dukaten bei mir.«

Während er diese Worte sprach, zog er zwei Dukaten aus der Tasche und zeigte sie mir.

»Ich rieche das Gold. Obwohl ich blind bin, bleibe ich vor jedem Juwelierladen stehen. Diese Leidenschaft hat mich zugrunde gerichtet: ich bin ein Spieler geworden, um mit Gold spielen zu können. Ich war kein Gauner, ich wurde begaunert und richtete mich zugrunde. Als ich kein Geld mehr hatte, ergriff mich die rasende Begier, Bianca wiederzusehen. Ich kehrte heimlich nach Venedig zurück, ich fand sie wieder; ich war ein halbes Jahr lang glücklich, war bei ihr versteckt, und sie brachte mir zu essen. Ich träumte davon, bis ans Ende des Lebens so beglückt zu sein. Der Proveditore bewarb sich um sie; er ahnte, daß er einen Nebenbuhler hatte; in Italien riecht man das; er belauerte uns und überraschte uns im Bett, der Elende! Sie können sich denken, wie wir zusammen kämpften; ich tötete ihn nicht, aber ich verwundete ihn schwer. Dieses Abenteuer hat mein Glück zerstört. Seit dem Tage habe ich Bianca nicht wiedergesehen. Ich habe viel Vergnügen gehabt, ich habe am Hofe Ludwigs XV. unter den berühmtesten Weibern gelebt; aber an keiner habe ich die Vorzüge, die Reize, die Liebenswürdigkeit meiner teueren Venezianerin gefunden. Der Proveditore hatte seine Leute mitgebracht; er rief sie, der Palast wurde umstellt, man drang ein; ich wehrte mich und wollte unter den Augen Biancas sterben, die mir helfen wollte, den Proveditore zu töten. Einst hatte diese Frau nicht mit mir fliehen wollen, aber nach einem halben Jahr des Glückes wollte sie mit mir zusammen sterben und erhielt mehrere Stiche. Ich wurde mit Hilfe eines großen Mantels, den man über mich warf, gefangen, hinuntergerollt, in eine Gondel geschleppt und in einen der unterirdischen Kerker geworfen. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt und hielt den Stumpf meines Degens so fest, daß man mir die Faust hätte abhacken müssen, um ihn zu bekommen. Durch einen seltsamen Zufall oder vielmehr von einem Gedanken der Vorsicht geleitet, versteckte ich das Stück Eisen in einem Winkel, als ob es mir noch nützlich sein könnte. Ich wurde gepflegt. Keine meiner Wunden war tödlich. Mit zweiundzwanzig Jahren übersteht man alles. Ich sollte enthauptet werden und stellte mich krank, um Zeit zu gewinnen. Ich glaubte, daß mein Kerker an den Kanal stieß; mein Plan war, zu entrinnen, indem ich die Mauer durchbrach und über den Kanal schwamm, selbst auf die Gefahr des Ertrinkens hin.

Hören Sie, auf welche Erwägungen ich meine Hoffnung baute!

Jedesmal, wenn der Kerkermeister mir das Essen brachte, las ich an den Wänden Weisungen wie: Palastseite, Kanalseite, Kellerseite, und ich überzeugte mich endlich von einem Plan, dessen Sinn mich wenig kümmerte, der sich übrigens aus dem gegenwärtigen Zustand des Dogenpalastes, der nicht vollendet wurde, erklären läßt. Mit dem Scharfsinn, den die Begier, die Freiheit zu erlangen, verleiht, gelang es mir, auf einem Stein, den ich mit den Fingerspitzen betastete, eine arabische Inschrift zu entziffern, durch die der Urheber dieser Arbeit seinen Nachfolgern mitteilte, er habe zwei Steine der letzten Mauerschicht losgelöst und elf Fuß tief ausgegraben. Um sein Werk fortzuführen, hatte er die Bruchstücke von Stein und Mörtel, die bei der Arbeit abgefallen waren, auf dem Boden des Kerkers verteilen müssen. Selbst wenn die Wärter oder die Inquisitoren nicht durch die Konstruktion des Gebäudes in Sicherheit gewiegt worden wären, die nur eine äußere Überwachung nötig machte, erlaubt es die Lage der unterirdischen Kerker, in die man über einige Stufen hinabsteigt, den Boden allmählich höher zu machen, ohne daß die Wärter es merken. Diese ungeheure Arbeit war unnütz gewesen, wenigstens für den, der sie unternommen hatte, denn der Umstand, daß sie nicht vollendet war, zeigte an, daß der Unbekannte gestorben war. Die Bedingung, daß seine aufopfernde Tätigkeit nicht für immer verloren sein sollte, war, daß ein Gefangener Arabisch konnte, ich aber hatte im Kloster der Armenier die orientalischen Sprachen erlernt. Ein Satz, der hinten auf den Stein geschrieben war, berichtete das Schicksal des Unglücklichen, der als Opfer seiner ungeheuren Schätze gestorben war, die Venedig begehrt und an sich gerissen hatte. Ich brauchte einen Monat, um zu einem Ergebnis zu kommen. Während der Arbeit und in den Augenblicken, in denen ich vor Erschöpfung fast umkam, hörte ich den Klang von Gold, sah ich Gold vor mir, war ich von Diamanten geblendet! ... O, warten Sie!

In einer Nacht stieß mein stumpfer Stahl auf Holz. Ich schärfte mein Degenende und machte ein Loch in das Holz. Um arbeiten zu können, wälzte ich mich wie eine Schlange auf dem Bauche, ich zog mich nackt aus und wühlte wie ein Maulwurf, indem ich die Hände vorwärts streckte und den Stein zur Stütze nahm. Zwei Tage vor dem Tag, an dem ich vor meinen Richtern erscheinen sollte, wollte ich in der Nacht noch einen letzten Versuch machen; ich bohrte in dem Holz, bis mein Eisen auf keinen Widerstand mehr stieß.

Denken Sie sich meine Überraschung, als ich das Auge an das Loch brachte! Ich war in der Wandbekleidung eines unterirdischen Raumes, der schwach, aber immerhin so weit erleuchtet war, daß ich einen Haufen Gold sehen konnte. Der Doge und einer von den Zehn waren in dieser Höhle; ich hörte ihre Stimmen; aus ihren Reden entnahm ich, daß sich hier der Geheimschatz der Republik, die Schenkungen der Dogen und die Reserven der Beute befanden, die man den Venezianischen Pfennig nannte und für den vom Ertrag jedes Kriegszuges etwas zurückgelegt wurde.

Das mußte meine Rettung sein!

Als der Kerkermeister kam, machte ich ihm den Vorschlag, er sollte mir zur Flucht verhelfen und mit mir fliehen; wir wollten mit uns nehmen, soviel wir tragen konnten. Es gab kein Besinnen für ihn; er nahm an. Ein Schiff war im Begriff, die Anker zu lichten und nach der Levante zu fahren; alle Maßregeln wurden ergriffen; Bianca half bei den Schritten, die ich meinem Helfershelfer befahl. Um keinen Argwohn zu erregen, sollte Bianca in Smyrna zu uns stoßen. In einer Nacht wurde das Loch vergrößert, und wir stiegen in den Geheimschatz Venedigs. Was für eine Nacht! Ich sah vier Fässer voller Gold. In dem Raum, der daran stieß, war das Silber zu zwei großen Haufen getürmt und ließ nur einen Weg in der Mitte frei, damit man durchs Zimmer gehen konnte, und die Münzen waren wie eine Böschung an den Wänden fünf Fuß hoch aufgestapelt. Ich dachte, der Kerkermeister würde wahnsinnig: er sang, tanzte, lachte und schlug Purzelbäume im Gold; ich drohte, ihn zu erdrosseln, wenn er Zeit verlor oder Lärm machte. In seiner Freude beachtete er anfangs einen Tisch gar nicht, auf dem sich die Diamanten befanden. Ich warf mich geschickt genug darauf und konnte meine Matrosenjacke und die Taschen meiner Hose damit füllen. Großer Gott! Nicht den dritten Teil habe ich mitgenommen. Unter diesem Tisch lagen Goldbarren. Ich überredete meinen Gefährten, wir wollten so viele Säcke, wie wir tragen konnten, mit Gold füllen: ich brachte ihm bei, daß das die einzige Art war, im Ausland nicht entdeckt zu werden. ›Die Perlen, Edelsteine und Diamanten würden uns verraten‹, sagte ich zu ihm.

Wie habgierig wir auch waren, wir konnten nicht mehr als zweitausend Pfund mitnehmen, die uns nötigten, sechsmal vom Gefängnis bis zur Gondel zu gehen. Die Schildwache am Wassertor hatten wir mit einem Säckchen von zehn Pfund Gold bestochen. Die beiden Gondelführer glaubten der Republik zu dienen. Bei Tagesanbruch brachen wir auf. Als wir auf hoher See waren und ich an diese Nacht zurückdachte, als ich mir alle Aufregungen, die ich durchgemacht hatte, ins Gedächtnis rief, als dieser ungeheure Schatz mir wieder vor Augen stand, als ich daran dachte, daß ich nach meiner Schätzung dreißig Millionen in Silber und zwanzig Millionen in Gold, mehrere Millionen in Diamanten, Perlen und Rubinen zurückgelassen hatte, überkam es mich wie Wahnsinn. Ich hatte das Goldfieber.

Wir gingen in Smyrna an Land und schifften uns sofort nach Frankreich ein. Als wir das französische Schiff bestiegen, erwies Gott mir die Gnade, mich von meinem Gefährten zu befreien. In diesem Augenblick dachte ich kaum an die ganze Tragweite dieses verbrecherischen Zufalls, über den mein Herz lachte. Wir waren so völlig erschöpft gewesen, daß wir wie erstarrt nebeneinander uns befunden hatten, kein Wort zusammen sprachen und nur darauf lauerten, in Sicherheit zu sein, um unser Glück zu genießen. Kein Wunder, daß dem Kerl schwindlig wurde. Sie werden sehen, wie Gott mich gestraft hat. Ich glaubte mich erst in Sicherheit, nachdem ich zwei Drittel meiner Diamanten in London und Amsterdam verkauft und meinen Goldstaub in Handelspapieren angelegt hatte. Fünf Jahre lang hielt ich mich in Madrid verborgen; dann kam ich 1770 unter einem spanischen Namen nach Paris und führte das glänzendste Leben. Bianca war gestorben. Mitten in meinem üppigen Leben – ich stand im Genusse eines Vermögens von sechs Millionen – wurde ich mit Blindheit geschlagen. Ich zweifle nicht daran, daß dieses Gebrechen die Folge meines Aufenthalts im Kerker und meines Arbeitens in dem Gemäuer ist, es sei denn, daß meine Gabe, Gold zu sehen, einen Mißbrauch der Sehkraft in sich schloß, die mich dazu ausersah, das Augenlicht zu verlieren.

Damals liebte ich eine Frau, mit der ich mein Los zu verbinden hoffte. Ich hatte ihr das Geheimnis meines Namens anvertraut, sie gehörte zu einer mächtigen Familie; ich hoffte alles von der Gunst Ludwigs XV. Ich hatte dieser Frau, die eine Freundin von Frau du Barry war, mein ganzes Vertrauen geschenkt; sie riet mir, einen berühmten Augenarzt in London zu Rate zu ziehen; aber nachdem ich ein paar Monate in dieser Stadt gewesen war, wurde ich von dem Weibe im Hydepark hilflos verlassen: sie hatte mich meines ganzen Vermögens beraubt, so daß ich hilflos und wehrlos war, denn ich mußte meinen Namen, der mich der Rache Venedigs ausgeliefert hätte, verbergen, ich konnte niemandes Hilfe anrufen, ich fürchtete Venedig. Mein Gebrechen wurde von den Spionen, die diese Frau auf mich gehetzt hatte, ausgebeutet. Ich könnte Ihnen Abenteuer erzählen, die eines Gil Blas würdig wären. Ihre Revolution kam. Man zwang mich, ins Blindenhaus zu gehen: dort brachte mich das Weib nun unter, nachdem sie mich zwei Jahre lang als Wahnsinnigen in Bicêtre festgehalten hatte; es ist mir nie gelungen, sie zu töten; ich sah ja nichts mehr und war zu arm, einen Mörder zu dingen. Hätte ich nun, ehe ich Benedetto Carpi, meinen Kerkermeister, verlor, ihn über die Lage meines Kerkers befragt, so hätte ich, als die Republik von Napoleon vernichtet wurde, die Lage des Schatzes angeben und nach Venedig zurückkehren können...

Aber trotz meiner Blindheit: wir wollen zusammen nach Venedig reisen! Ich werde das Gefängnistor wiederfinden, ich werde das Gold durch die dicken Mauern sehen, ich werde es unter dem Wasser, wo es vergraben ist, riechen: denn die Ereignisse, die Venedigs Macht gestürzt haben, sind derart, daß das Geheimnis dieses Schatzes mit Vendramino, Biancas Bruder, einem Dogen, von dem ich gehofft hatte, er werde mich mit den Zehn aussöhnen, hat sterben müssen. Ich habe an den Ersten Konsul geschrieben, ich habe dem Kaiser von Österreich einen Vertrag angeboten, alle haben mich als armen Geisteskranken schonend abgewiesen. Kommen Sie, wir wollen nach Venedig, wir wollen uns durchbetteln und als Millionäre zurückkehren; wir werden meine Güter zurückkaufen, und Sie sollen mein Erbe werden, sollen Fürst von Varese sein!«

Ich horchte stumm auf diese Erzählung, die sich in meiner Phantasie zu einer großen Dichtung auswuchs, und blieb auch still, als der Greis jetzt schwieg. Ich sah sein weißes Haupt vor mir, ich blickte auf das schwarze Wasser der Gräben der Bastille und antwortete nicht. Facino Cane glaubte gewiß, ich beurteilte ihn wie all die andern mit freundlichem Mitleid; er machte eine Gebärde, in der die ganze Philosophie der Verzweiflung lag.

Seine Erzählung hatte ihn vielleicht in seine glücklichen Tage, nach Venedig zurückgeführt: er nahm seine Klarinette zur Hand und spielte melancholisch ein venezianisches Lied, eine Barkarole, für deren Wiedergabe er sein erstes Talent, das Talent eines liebenden Patriziers, wiederfand. Es klang wie der Klagepsalm ›An den Wassern Babylons‹. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Wenn späte Passanten über den Boulevard Bourdon kamen, sind sie gewiß stehen geblieben, um diesem letzten Gebet des Verbannten, der letzten Klage um einen verlorenen Namen, mit der sich das Gedenken an Bianca verband, zu lauschen. Aber das Gold kam schnell wieder obenauf, und die verhängnisvolle Leidenschaft löschte den Schimmer der Jugend aus.

»Ich sehe den Schatz immer vor mir,« fing er wieder an, »im Wachen und im Traum; ich sehe zwischen den Goldhaufen die Diamanten blitzen, ich bin nicht so blind, wie Sie glauben; Gold und Diamanten glänzen in meiner Nacht, in der Nacht des letzten Facino Cane; des letzten, denn mein Rang geht auf die Memmi über. Großer Gott! Die Strafe des Mörders hat früh begonnen! Ave Maria...«

Er sprach ein paar Gebete, die ich nicht verstand.

»Wir gehen nach Venedig!« sagte ich zu ihm, als er aufgestanden war.

»Ich habe also einen Mann gefunden!« rief er. Flammende Röte war in sein Gesicht geschossen.

Ich gab ihm den Arm und führte ihn heim; am Tor der Blindenanstalt drückte er mir die Hand. Gerade kamen etliche von der Hochzeit vorbei und kreischten ihren trunkenen Jubel in die Nacht hinein.

»Brechen wir morgen auf?« fragte der Greis. »Sobald wir das nötige Geld haben.« »Aber wir können zu Fuß gehen, ich werde betteln... Ich bin kräftig, und wenn man Gold vor sich sieht, ist man jung.«

Facino Cane starb im Laufe des Winters, nachdem er zwei Monate gelegen hatte. Der Ärmste hatte sich erkältet.