| type | report |
| author | Hitzig/Alexis |
| title | Geschichten aus dem Neuen Pitaval |
| volume | 1 |
| publisher | F. W. Hendel Verlag |
| year | 1927 |
| editor | Karl Martin Schiller |
| corrector | hille@abc.de |
| sender | www.gaga.net |
| created | 20050924 |
| projectid | 88d28861 |
Es gibt keine dichterische Einbildungskraft, die merkwürdigere und verwickeltere Gebilde herauszustellen vermöchte, als sie das Leben selbst auf dem Gebiete des Kriminellen hervorbringt. Das ist die Idee, die den Causes célèbres des François Gayol de Pitaval zugrunde liegt. Tatsächlich eröffnen sich in den Geschichten dieses Werkes, die alle auf nackten richterlichen Niederschriften aufgebaut sind, die tiefsten Tiefen der Menschenseele; hier, wo die Hülle der Konvenienz abgestreift erscheint, ist die Menschennatur erschreckend unverhüllt den Blicken preisgegeben: und um so gewaltsamer drängt sich die Erkenntnis ihrer Art auf, als uns hier selbst das Merkwürdigste nicht unglaublich vorkommen darf.
»Man findet in dem Werke eine Auswahl gerichtlicher Fälle, welche sich an Interesse der Handlung, an künstlicher Verwicklung und Mannigfaltigkeit bis zum Roman erheben und dabei noch den Vorzug der historischen Wahrheit voraushaben. Das geheime Spiel der Leidenschaft entfaltet sich hier vor unseren Augen, und über die verborgenen Gänge der Intrige, über die Machinationen des geistlichen sowohl als weltlichen Betruges wird mancher Strahl der Wahrheit verbreitet. Triebfedern, welche sich im gewöhnlichen Leben dem Auge des Beobachters verstecken, treten bei solchen Anlässen, wo Leben, Freiheit und Eigentum auf dem Spiele steht, sichtbar hervor, und so ist der Kriminalrichter imstande, tiefere Blicke in das Menschenherz zu tun. Dazu kommt, daß der umständlichere Rechtsgang die geheimen Bewegursachen menschlicher Handlungen weit mehr ins klare zu bringen fähig ist, als es sonst geschieht, und wenn die vollständigste Geschichtserzählung uns über die letzten Gründe einer Begebenheit, über die wahren Motive der handelnden Spieler oft genug unbefriedigt läßt, so enthüllt uns oft ein Kriminalprozeß das Innerste der Gedanken und bringt das versteckteste Gewebe der Bosheit an den Tag.«
Indessen ist nicht die letzte und endliche Absicht dieser Geschichten, den Menschen zu zeigen, wie er ist, sondern vielmehr an den Entartungen seiner Natur seine wahre Bestimmung klarzustellen: das ist es vor allem, was Schiller, den Idealisten, zu ihnen hinzog, der 1792 eine Auswahl unter dem Titel: »Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit« herausgab, deren Vorrede wir das eben angeführte Zitat entnommen haben.
Das Werk Pitavals forderte auch in der Folgezeit bei dem ungeheueren Material, das sich darbot, zu Bearbeitungen und Fortsetzungen heraus. Für Deutschland wichtiger als das Original wurde der Neue Pitaval.
Er erschien von 1842 an, herausgegeben zunächst gemeinsam von dem bekannten kriminalistischen Schriftsteller und Freund Chamissos Hitzig und Willibald Alexis, später von A. Vollert, und umfaßt heute sechzig Bände. Der größte Teil der Geschichten des alten Pitaval ist in die neue Sammlung übergegangen; darüber hinaus enthält sie noch eine lange Reihe älterer und zeitgenössischer Kriminalfälle, die aus den verschiedensten Quellen, aber immer aktenmäßiger Art, geschöpft sind.
Auch für den Neuen Pitaval gilt die eben angeführte Kennzeichnung Schillers. Ja, das menschliche Interesse steht, bei aller Verschiedenheit der Geschichten, hier noch weit mehr im Vordergrunde. Mit noch größerem Fleiße wird die einzelne Persönlichkeit von allen Seiten umgangen, und ihre kriminelle Entwicklung wird – in Anlehnung an die Vertiefung der richterlichen Untersuchungsweise – bis hinein in die Abstammung verfolgt: romantische Teilnahme an der menschlichen Seele schwingt mit.
Auch für unsere Auswahl war dieser Gesichtspunkt maßgebend. Zwar mußten nebenher auch die verschiedensten anderen Rücksichten in acht genommen werden; das aber war von vornherein klar, daß nur solche Geschichten gewählt werden durften, die auf allgemein menschliche Anteilnahme rechnen konnten. Dabei waren selbstverständlich die Geschichten nicht auszuschließen, die bereits im alten Pitaval enthalten sind.
Dadurch, daß er diesen Gesichtspunkt in den Vordergrund stellte, hoffte der Herausgeber der Idee der alten Ausgabe am besten genugtun zu können.
Karl Martin Schiller.