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Felicitas Rose: Das Haus mit den grünen Fensterläden - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFelicitas Rose
titleDas Haus mit den grünen Fensterläden
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun1. bis 20. Tausend
year1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2008025
projectid75769ee3
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1.

Die Hinterbliebenen des weiland Schlossers und Schmiedemeisters Hartmann tranken den Trauerkaffee in dem Hause mit den grünen Fensterläden. So hatte es der Verstorbene bestimmt. Das Gefolge hatte sich gleich nach der Beerdigung zu »Vater Hahn und Mutter Henne« ins Gasthaus »Zum heiseren Vogel« begeben, um das »Fell zu versaufen«. Der Heimgegangene hatte eine anständige Summe dafür ausgesetzt.

»Er war ein honetter Mann«, sagte die Wirtin gerührt, als der Schwarm der Gäste plötzlich bei ihnen einbrach, und sie trocknete sich die Augen.

»Ja«, meinte der Wirt, »der Hartmann wußte, was sein Fell wert war.« Er bekam gleichfalls nasse Augen, denn er wurde weich, sobald er bar Geld sah.

Die kleine Trauergesellschaft in dem Hause mit den grünen Fensterläden war froh, als sie wieder allein war. Man hatte in dem »Mahonisekretär« einen großen Brief gefunden, der sollte vom Sohne vorgelesen werden allen denen, deren Namen auf dem Umschlage standen: »An meinen Sohn Peter Hartmann, der auch Testamentsvollstrecker sein soll. An meinen Neffen Ferdinand Hartmann und seine Frau Kamille, geb. Schulze. An die Witwe meines verstorbenen Sohnes Bernhard und ihren Sohn Bernhard. An die gnädige Frau von Denso und ihre Enkelin Erdmuthe v. Denso.« Der Brief lag nun, gewichtig durch das schwere Papier und die Riesenbuchstaben, die viel Material beanspruchten, vor dem einzigen Sohn und Erben Peter Hartmann, der stattlich und hochgewachsen mit scharfen, klugen Augen über die kleine Versammlung hinschaute. Auf dem dunkelgeblümten Sofa von riesigem Ausmaße, auf dem Hartmann senior zu Lebzeiten immer seine Mittagsschläfchen abgehalten hatte, saß heute ein feines Persönchen, das nicht hierher zu gehören schien. Der Spitzenüberwurf bestand aus echten Valanciennes, und das schneeweiße Haar schmückte eine Barbe von gleichem Wert. –

Ihr rechter Arm umfaßte ein schönes zehnjähriges Kind, ein Mädchen, das mit großen Augen ernsthaft den Vorgängen in der Stube folgte. Als das gelbe Büttenpapier mit den groben Schriftzügen auf den Tisch gelegt wurde, deutete ein kleiner Zeigefinger darauf und ein helles Stimmchen fragte: »Was wird da?«

»Pscht!« verwies sofort eine derbknochige Frau die Kleine. Aber die war nicht so leicht einzuschüchtern. »Was ist ein Testament?« fragte das Kind laut.

»Sollen wir nicht lieber hinausgehen?« Die alte Dame stand etwas mühselig vom Sofa auf.

»Nicht doch, nicht doch, gnädige Frau v. Denso. Das ist doch der Wunsch von meinem Vater, daß Sie dabei sind.«

»Eben, eben!« spöttelte die Grobknochige. »Obgleich kein Mensch weiß, weshalb.«

»Das wern wir nachher schon sehen.« Der Schmiedemeister nahm den Brief, zögerte dann und horchte nach draußen.

»Ist der Bernhard nicht gerufen worden? Er soll mit dabei sein.«

Die Grobknochige murrte: »Hab ihn gerufen vom Boden bis zum Keller. Der Dickschädel hört scheint's schwer. Na fang man an. Testamente sin for Erwachsene, un nich for 'ne Kleinkinderbewahranstalt.«

Wieder flog eine feine Röte über Frau von Densos Gesicht.

»Die mag ich nicht«, bekannte die ehrliche Kinderstimme, und die Blauaugen blickten ganz dunkel.

Nun krachte die Tür auf. Und der große Bursche füllte sie ganz aus. Unter einer dunklen Haartolle sahen kluge Augen von unbestimmter Farbe verlegen und unwirsch auf die Versammlung.

Schmied Hartmann wies auf einen Stuhl. »Dalli, dalli, Bernhard. Is das 'ne Manier, uns alle warten zu lassen?«

»Wo ist die Mutter?« fragte der Bursche hastig und sah sich ringsum.

»Was weiß ich? Setz dich.«

»Wenn die Mutter nich da is, hab ich hier auch nichts verloren.« Und schon war Bernhard draußen und die Tür schmetterte hinter ihm zu.

»Das ist fein!« jubelte das kleine Mädchen. »Er tut wie 'n richtger Mann. Wenn ich 'ne Mutter hätte, und sie dürfte nicht dabei sein, denn ging ich auch raus und pfefferte die Tür. Aber ich hab ja keine Mutter ...«

Wie auf Verabredung legten sich zwei Hände auf den Blondkopf. Die derbe Rechte des Schmiedes und die feinrunzlige gepflegte Altfrauenhand.

»'ne Großmutter is ooch nich von Pappe«, sagte Meister Hartmann still, und das Kind haschte nach seiner Hand und schmiegte seine weiche Wange drein.

»Na is das nu auch 'ne Testamentseröffnung?« begehrte die große, grobe Frau auf. »Kindergequarr und 'n ungehobelter Flegel, dem man noch mal die Hosen stramm zieh'n müßte. Nante, du sagst auch keinen Ton, und bist doch 'n Neffe vons Erbe.«

Nun merkten sie erst, daß noch jemand da war. Ferdinand Hartmann, der Neffe des Verstorbenen, ein schmächtiger, kleiner, verzagter Mensch, der seiner Frau nur bis zur Schulter ging. »Was soll ich sagen, Kamilla? Du sagst ja alles schon so laut und richtig.«

Der Schmied lachte kurz. »Ihr zwei kommt mir vor wie der Hauptmann von Kurs nebenan. Der hat auch nur 'ne Kompagnie, aber die Frau hat's Regiment.«

Nante Hartmann lachte leise mit. Aber er wurde sofort von seiner humorlosen Frau des Landes verwiesen. »Lach nich. Geh raus un such den Bengel.«

»Na nun bleib man«, entschied der Schmiedemeister. »Ich fang jetzt an, und die Schwägerin Ernstine und der Newö Bernhard müssen die Suppe kalt hintennach essen.« Er räusperte sich vernehmlich. »Also die Anwesenden wissen alle, daß morgen das richtige Testament von meinem Vater selig eröffnet wird, und daß dies hier sozusagen der Vorspruch ist. Ich bitte die Anwesenden aufzustehen, zum Zeichen, daß sie wissen, ich halte was Ehrfürchtiges in der Hand und dann können sie sich gleich wieder setzen.«

»Wozu nun das?« fragte die geborene Schulze. Und da trotzte Nante Hartmann zum erstenmal und blieb während der ganzen Verlesung stehen. Er nahm sich vor, wenigstens die »Kompagnie« zu retten. –

»Mein lieber Sohn Peter Hartmann!«

Eine ganze Weile stockte der Vorleser. Und die kleine Erdmuthe Denso schmiegte ihren Kopf eng an die Brust der Großmutter und schloß die Augen. Weinten denn auch ganz alte, große Männer, wie dieser Schmied? – Erst als seine sonore Stimme sich wieder erhob, rückte sie sich wach zurecht.

Der Schmied las laut und fließend:

»Mir is nich just das Schreiben ein Lebensbedürfnis, denn davor haben wir unsere Gelehrten und Schriftsetzer. In eine Schmiedefaust gehört der Hammer. Aber dieser Brief muß sind.«

Wieder verhielt der Vorleser und schneuzte sich in sein rotbuntes Taschentuch. Er dachte daran, wie ihm der Vater in seinen letzten Stunden von diesem Brief erzählt. »Mein alter Lorbaß«, er verfiel gern in seinen ostpreußischen Dialekt, den er als Kind und junger Bursch in seiner Heimat Tilsit gesprochen. »Mein alter Lorbaß, lach nich, wenn ich dich 'n Schreibebrief hinterlaß, mit der Schmiedsklaue geschrieben. Wärst du allein, denn hätt ich so 'n Zeichs gelassen, aber es is wegen deine Kasine, die Kamille, die besser Sennesblättertee hieße. Die gönnt ja kein Menschen nich was. Das is 'n strambulstriges, naupertschiges Aas – kannst ihr's sagen, aber erst wenn ich dot bin. Sie schimpft mir sonst von's Sterbelager runter. Also, der Brief muß sind, mein trautster Jung ...«

»Liest du nun bald weiter?«, fragte die ›Kasine‹, und Peter Hartmann hätte ihr am liebsten gleich die Kosenamen gegeben, die der Vater ihm hinterlassen. Aber er war nicht so derb wie sein Vater und hatte sich noch nie ein Leid oder eine Enttäuschung von der Seele geschimpft.

»Also ich hoffe, ihr seid alle da und hört zu. Und wenn ich denn einen großen Punkt mache, du wirst schon sehn, 'n janzen dicken, denn muß die gnädige Frau von Denso rausjehn, es wird denn zu schanierlich for sie. Und das Kücken nimmt sie mit.«

»Das bin ich«, sagte die kleine Erdmuthe ernst dazwischen. Die alte Dame warf dem Vorleser einen flehenden Blick zu. Sie saß wie auf Kohlen. Aber Peter Hartmann nickte beruhigend.

»Wir wolln doch Vatern noch nach dem Tode jeden Gefallen tun«, sagte er leise.

»Wenn dann wieder 'n jroßer Punkt kömmt, denn muß die Jnädige wieder rinkommen, un denn jeht die Ernstine raus, die Witwe von Bernharden. Aber der Junge bleibt immer drin, der soll det janze Geseire von sein Jroßvater mit anhören.«

»Denn is das doch nich richtig, daß ich weiterlese«, meinte Peter Hartmann unbehaglich, und ließ das Blatt sinken.

»Ik hol ihr schon«, sagte Nante und entschlüpfte hastig, ohne auf den Zornblick seiner Frau zu achten. An seiner Seite traten Frau Ernstine und Bernhard in so kurzer Zeit ein, daß die »Kasine« vor sich hinmurmelte: »Se wern draußen jehorcht ham.« Zwei Stühle wurden gerückt, dann wollte der Schmiedemeister geruhig fortfahren. Aber die stattliche Frau Ernstine trat vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. »Mit Verlaub, Schwager – du kennst meine Pünktlichkeit. Aber die dort, die Kamille, hatte mich bedeutet, ich sei hier nicht gern gesehen und ganz ›überher‹. Das gälte auch für den Jung. Aufdrängen tu ich mich nicht.«

»Du bist von Vätern aufgeschrieben, es tut mich leid, daß die Kamille eigenmächtig gehandelt hat. Setz dich man, Ernstine, und du auch, Bernhard.«

»Ich möcht stehen«, sagte der Bursche finster.

»Was ihr versäumt habt, erklär ich euch hintennach. Jetzt hält's zulange auf. Ich fahr also fort: »Du mein Sohn Peter weißt, daß mein Ohm selig dies Haus mit Gott erbauete. Er war 'n gutsituierten Schmied und Junggesell. Damals lag's weit draußen ins Jrüne, und als er sich dann verheiratete, da flüchtete er sich sowohl alleine als auch mit sein schönet junget Weib immer hierher, wenn seine grausliche Schwiegermutter, die nebenan wohnte, anhub zu randalieren. Und er nannte dies Haus ›Das bessere Jenseits‹. Dann starb er kinderlos und vermachte es meinem Vater. Aber meine fromme, seelengute Mutter meinte, der Name wär wie 'ne Art von Verhöhnung, und als sie später die Fensterläden ans Haus anbrachten, und sie selbst den Pinsel nahm und die Läden jrün anstrich, trotz 'n jelernten Kunstmaler, da sagte sie: Nur in 'n Haus mit jrüne Fensterläden wohnt det Jlück. Und es hat drin jewohnt, denn die böse Schwiegermutter vom Ohm, des ›Deuwels Unterfutter‹, is niemals nich rin in't Haus jekommen un auch endlich verstorben, weil ihr die Jalle in't Blut trat. –

Denn kaufte sich mein Vater die alte Schmiede in der Friedrichsgracht, un da sind wir Steppkes jroß jeworden.

Ik wurde Schmied un bin als einzigster übriggeblieben. 'n paar Brüder sojar jestorben un verdorben. Da sagte Mutter kurz: ›Weil se in de Fremde kein Haus mit jriene Fensterläden hatten.‹ Det war ihr Glaube. Und damit ihre Mutterworte nich verloren jehen konnten, hab ich sie fein säuberlich notiert mitten mang die Materialien, die ich in der Werkstatt brauchte. Denn Mutterworte können auch Nägel, Zangen und Bohrer sein. Letztere noch allermeist. Wenn ich an die Mutter denk, denn is mich das unbejreiflich, wie zwei Brüder haben vor die Hunde jehn können. Det kann nich bloß an det mangelnde Jrüne von de Fensterläden jelegen haben. »Ik habe vier Jlaubens jehatt«, sagte Mutter aufn Totenbett. Erstens an 'n Herrjott, zweitens an Berlin, drittens an mein ältesten Sohn Peter, viertens an de jrünen Fensterläden. Nu macht mit mir, was ihr wollt.«

Aber wir machten, was sie wollte. Und was sie wollte, das war ein hellgelber Sarg. »Ik hab mein Lebtag jern jelacht«, sagte Mutter, »un son helljelber Sarch, der sieht immer so putzvajniecht aus, und denn kommen ooch de Würmer nich so dichte ran.«

Da klang ein silbernes Kinderlachen durch den Raum. Erschrocken wollte Frau von Denso der kleinen Erdmuthe wehren, aber von der anderen Seite lachte auch das kleine schüchterne Männchen, daß sein mageres Gestell in dem viel zu weiten Bratenrock hin und her flog. Und als sogar über das verdüsterte, mürrische Gesicht Jung-Bernhards ein heller Schein flog und ein befreites lautes Jungslachen losbrach, da ließ der Vorleser den Brief geruhig sinken, bis das wunderliche Terzett verklungen war. –

»Na nu schlägt's dreizehn!« rief Kamille Hartmann empört. »Sind wir 'ne Trauerversammlung oder 'n Maskenball?«

Da ging der Bursche rasch hinaus, wobei er den schweren Holzstuhl umwarf, und von draußen tönten dann unartikulierte Laute herein. Aber er erschien schon nach ganz kurzer Zeit wieder, und keine Muskel zuckte mehr in seinem scharf ausgeprägten Gesicht. Peter Hartmann las weiter:

»Mutter ist auch in diesem Hause gestorben. Und während sie ihre letzten Worte sagte, lachte ihr ganzes Gesicht: ›Fk sterbe ja jarnich, meine jrünen Fensterladen waren schon früher det bessere Jenseits, un nu jehe ik in det richtige.‹ Ihr Lachen nahm sie mit hinüber.«

»Daß wir Alten, und erst recht ihr Jüngeren! 'n bißken wat Besonderes haben, det dankt ihr allens meiner Mutter. Die war hinterher, daß ihr euch in alles belerntet, was es außer der Volksschule noch Wichtiges gab. Für sich selbst mochte sie die Grammatik nich leiden. ›Unser Herrgott hat ooch keene Grammatik, un regiert de ganze Welt. Det wär ja ausverschämt, wenn ik mich wat anmaßen wollte, wat nich mal der liebe Gott hat.‹ –

Auch über die »neumodsche Higieine« spottete sie. ›Jeht baden, dann braucht ihr keene Higieine.‹ So war Mutter. Aber wenn ik als Junge berlinerte, zum Gotterbarmen, dann sagte sie streng: ›Ne, mein Jungeken! Mit ik un det, un Oogen, Fleesch un Beene wird hier nich rumjeworfen. Jleich verbesserst de dir'.« And wenn ich dann gutes Hochdeutsch sprach, dann strahlte sie. ›Siehste Jungeken, so is recht. Ik hab da 'n ville zu feinfühliges Ohr für. Un Friedrich Schillern nehm ik jeden Abend mit ins Bett.‹ Das tat sie auch und las des Abends noch spät, wozu sie alte Lichtstümpfchen aufbrauchte, und wenn Vater ihr das Licht ausblies, weil sie ihre guten Mutteraugen nicht verderben sollte, dann sagts sie vorwurfsvoll: ›Hartmann, du wirst nie richtig sprechen lernen, un eijentlich is Schillern mein Mann.‹ Ich tu auch das alles so weitläuftig schreiben, weil ich partu will, ihr sollt Großmutter un Urjroßnmtter so richtig kennenlernen, wie se war in ihrer janzen Ursprünglichkeit. Und sollt ihr Andenken ehren, auf daß es euch wohlgehe und ihr lange lebet auf Erden. Die alte Zeit war jut, und die neue Zeit ist vielleicht auch nich so rabenschwarz, wie's den Anschein hat, aber wir Alten verstehen sie ebend nich mehr. Die Pietät ist fortjejagt, und heimatlos geworden, aber irjendwie und irjendwo lebt sie noch und wartet auf die, die sie suchen. And das sollt ihr alle von der Hartmannsippe tun, das seid ihr ihr schuldig. Daß ihr ausziehet, die alte Ehrfurcht zu finden und ihr Heimat zu geben in dem Haus mit den grünen Fensterläden.«

»Jetzt kommt nun ein ganz dicker Punkt«, unterbrach sich Schmied Hartmann, und Frau von Denso erhob sich mühsam, und die kleine Erdmuthe wollte auch einmal berlinern, wie sie es irgendwo aufgeschnappt hatte und ermunterte die Großmutter: »Nu aber raus!« Dann las Peter Hartmann weiter:

»Ich brauch's euch nicht zu sagen, daß Herr Oberst von Denso uns beigestanden hat in schweren Jahren, aus dem einzigen Grunde, weil mein Peter Bursche bei ihm war und sich allezeit gut geführt hat. Daß wir die Schmiede weiterführen konnten, das danken wir dem Herrn Oberst.«

»Hätte er uns nicht geholfen, dann hätt' er's Vermöjen bei den jroßen Bankkrach verloren«, warf Kamilla Hartmann bissig ein.

»Alle solche Bemerkungen verbiet' ich mir«, rief der Schmied scharf, und eine Zornader schwoll auf seiner Stirn. »Der Herr Oberst hat uns geholfen nur als Nachbar und Freund.«

»Freund – Freund – hihihi – Nante lach doch ooch! Ik hör immer ›Freund‹. n' Oberst von de Jardeattollerie un denn Freund von 'n Schmied – ik lach mir dot –«

›Tätst du's doch!‹ dachte der Schmied ingrimmig. Laut sagte er: »Wenn du nich Ruh gibst, mach ich 'n Punkt, un denn mußt du raus.«

»Probier's! Nante, setz' dich bei mir. Hier braucht man scheint's 'n Beschützer.«

»Ik sitz hier jut«, sagte das Männchen widersetzlich.

»Und deshalb bestimme ich«, las der Schmiedemeister mit erhobener Stimme, daß Frau von Denso mit ihrer Enkelin Erdmuthe eine freie Wohnung im Haus mit de grüne Fensterläden kriegt, die ganze sonnige Oberwohnung mit die vier Stuben. Und der Giebel wird als Stübchen gleichfalls ausgebaut, wenn se mal Besuch kriegt.«

»Mich rührt der Schlag«, stöhnte Kamilla Hartmann, und sie sah auch hochrot aus und gleich darauf sterbensblaß.

»Mein Sohn Peter Hartmann wird sorgen, daß der Maurermeister Ahrens das allens orrnlich macht und daß sie denn auch orrnlich mit Wasserspülung austreten kann und nich auf den Hof runter muß zu die zwei Herzchen in die Stalltüre. Das sind wir Hartmanns dem hohen Adel schuldig, der auch uns geholfen hat aus schweren Nöten. – Und nun kann die edle Frau wieder reinkommen, das Schanierliche is vorüber.«

Nante Hartmann sprang hinaus und rief Großmutier und Enkelin herein. Es klang, als ob ein junger Hahn krähte. Das schmächtige Männchen überfreute sich sichtlich, daß er auch einmal zu etwas Ordentlichem gebraucht wurde.

»Na nu passen se bloß mal uff, was da drinnen jung wird«, sagte er geheimnisvoll zu Frau von Denso. Ik sage Ihnen – »prima!«

Frau von Denso schüttelte freundlich und verständnislos den weißen Kopf und setzte sich auf ihren alten Platz.

»... Und nun bestimme ich weiter, daß die Enkelin Erdmuthe von Denso das janze Likzeum durchmacht, und sich später auf Lehrerin belernt, damit ihr niemand an den Wagen fahren kann, wenn die Jroßmutter mal mit Tode abjeht. Ist sie besonders begabt, was ich glaube, dann soll sie aber aufs Kymnasium, denn Wissen is Macht. – Es langt allemal dazu, Frau von Denso. Und dann soll das Kind Abiturient-Examen machen und lernen, daß die Schwarte knackt, un ein besonderer Lehrer soll sie mits Singen belernen, sie kann's zwar schon wie 'ne Heidelerche, aber da hört doch noch 'ne Menge zu, bis sie 'ne Patti is. Und wenn sie fertig is in zehn bis zwanzig Jahren, dann soll sie an mein Jrab kommen und singen: ›Trink, Brüderlein, trink!‹ das war meiner Mutter ihr Lieblingslied. Und das soll dann mein ›Vergelt's Gott‹ sein, mehr verlange ich nich.«

»Ja, das will ich gern tun«, sagte die Kleine ernst und laut, denn sie hatte gut zugehört. Und sie zog ihr nicht ganz einwandfreies Taschentuch heraus, und wischte der Großmutter die Tränen ab, die stromweis flossen. »Gib ihm die Hand Erdmuthe, danke ihm ... Er ist dein Beschützer.«

Eine weiche Kinderhand schmiegte sich in die derbe Schmiedefaust. »Ja, so will ich dich auch immer nennen. Und ich sing dir auch 'n Lied, wenn du tot bist«, versprach Erdmuthe. Und sie fing gleich an mit ihrem prächtigen Stimmchen: »Sonntag ist's in allen Herzen, ... Heilger Sonntag weit und breit.«

»Heute is aber man Dienstag«, sagte Kamilla Hartmann verdrossen und verwies das Kind auf seinen Platz.

»Der Brief ist noch nicht zu Ende: Lieber Sohn Peter, Du weißt, die Mutter war herb, trotz ihrer vielen inwendigen Liebe. Sie konnt nich vertragen, wenn jemand ›schwögte‹. Als mal 'ne Nachbarin gar so arg über eine eingebildete Not barmte, sagte sie zu mir: ›Paß uff, jetzt nimmt se sich jleich det Leben un jeht unter de Affen.‹ Ja, sie war voll humoriger Mutterworte, und ich wollt bloß, ich hätte sie alle behalten. Und aus diesem herben Jrunde hatte sie auch die Ernstine Hartmann so gern.«

Hier kam ein wunderlicher Laut aus Frau Ernstines Brust. Wie ein Stöhnen klang's und war doch wohl ein Jauchzen.

»Schwägerin Ernstine« – sagte jetzt der Schmiede-Meister – »ich hab nie einen dickeren Punkt gesehen, wie ihn der Vater jetzt hierhin gemalt hat, und ich bitte dich, – geh mal raus.«

Die Angeredete erhob sich rasch. Nicht rechts noch links sah sie und übersah auch Frau von Densos Hand, die sich ihr im Vorbeigehen entgegenstreckte. Jung-Bernhard zögerte nicht eine Sekunde, er folgte seiner Mutter auf dem Fuße, ungeschickt polternd, als sähe er gar nicht die derben Holzstühle, die im Wege waren.

Kamilla Hartmann lachte hämisch: »Det nennt se Bildung. – Launen hat se – wie der Hund Flöh ...«

»O ich verstehe gut, was in Frau Ernstine vorgeht«, rief Frau von Denso lebhaft. »Mein Vater war Landdrost in der Lüneburger Heide, meine Mutter eine echte Heidjerin wie die Ernstine, verschlossen wie eine Schatulle, aber ihr Herz teilte Segen aus, wohin sie kam.«

»Ik hab noch nischt von Sejen jespürt bei die Ernstine«, murmelte Kamilla, »und der Jroßonkel war auch der einzigste, der 'n Narren an ihr gefressen hatte.«

»Ich darf weiterlesen?!« fragte Peter Hartmann kurz. »Mutter mochte jerade das Herbe an Ernstine jern, und auch die schöne deutliche Sprache, wie wenn man 'n gutes Buch liest. Vielleicht, weil Mutter beides nich hatte. Sie is auch extra mal nach Celle gefahren, um die Heidesprache en gros zu hören. Vierzehn Tage hat sie's ausjehalten. Als sie aber auf die Dörfer rings ›Platt snakten‹, da hat sie gerufen: ›Laßt mir in Ruh mit euern Rackerlatein.‹ Un wegen diesen allen hat schon die Mutter selig bestimmt, daß die Ernstine mit dem Jung-Bernhard auch dito für Lebenszeit in das Haus mit die jrünen Fensterläden zieht, und soll die Parterrewohnung kriejen mit 'n Jarten, damit se buddeln kann un Blumens ziehn, dadrin hat se ja 'n Vogel.«

»Mit alle vier Stuben?« rief Kamilla entsetzt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Und sie soll Frau von Denso in Zukunft alle Handreichung als treue Dienerin tun, alles, was so ne vornehme, zarte Frau braucht. Soll auch das Kind pflegen, wenn's krank wird, was vorkommen kann. Und ich weiß, daß die alte Gnädige ihr dafür Liebe geben wird, Ernstine hat nich viel Liebe in ihrem Leben erfahren.«

»Vater war doch immer gerecht«, sagte Peter Hartmann ernst. »Die Ernstine war uns oft unbequem, ich geb's gern zu. Uns Berlinern liegt diese verschlossene Art nich. Bei uns bruselt und ruselt das allens so raus. Is nich bös jemeint, könnt aber besser drinnen bleiben. Ernstinens Mann war auch son echter Moabiter. Aber um die Welt könnt seine Frau nich schnöddrig werden, wenn er einen geladen hatte und ihr dumm kam. Un das wurmte ihn. ›Se hat alles, is en schönet, schmuckes Weib‹, hat er manchmal gesagt, ›aber ihr fehlt die Schnauze.‹ Seien Sie nicht ungehalten, Frau Oberst. Aber so sagte mein Bruder, Gott hab ihn selig.«

»Jotte doch, ik jönn ihr ja allens«, rief Kamilla Hartmann ungeduldig, »aber ik seh nu mal nich ein, womit se det verdient hat. Un ik bin auch for Jerechtigkeit. Ik jloobe nich, det die Person en Funken Jefühl in sich hat. Haste schon mal jesehn, daß sie ihren Jung jeeit un jeküßt hat, oder ihren Mann? Der is richtig erfroren bei ihr, jawoll.«

»Ich will nun gehen«, sagte Frau von Denso unbehaglich. Und sie stand in ihrer zierlichen Kleinheit, auf die goldene Krücke ihres Stockes gestützt, demütig – stolz vor Peter Hartmann: »Herr Schmiedemeister, es war eine Stunde bei Ihnen, in der man wieder an Menschen glauben lernte. In dies liebe, warme Haus mit den grünen Fensterläden sollen meine Enkelin und ich kommen – für Lebenszeit? Es ist kaum auszudenken! Lieber, lieber Herr Hartmann...«

Sie wandte sich rasch, und er brachte sie in verlegener Ritterlichkeit bis zur Tür. »Gnädige Frau Oberst, ich komm dann mal bald zu Ihnen, nich wahr, un dann besprechen wir allens mit die Wohnung und wann's losgehen soll. Weinen Sie doch nich so. Es is ja lauter Erfreuliches, nich wahr, Erdmuthchen? Die schönsten Tapeten soll sich Großmamachen aussuchen, un 'ne Badestube jibt's mit Ablauf und was sonst rein jehört. Un Gas und Elektrizität. Un sag nur an det Jroßchen, daß ihr Lebensabend noch det beste Stück vom ganzen Ochsen wern soll.« Erdmuthe knickste, und dann schritten sie durch die kleine grüne Haustür auf die Straße und schauten erst nochmal hinauf nach den acht Fenstern ihrer zukünftigen Wohnung, die jetzt von der Abendsonne hell beleuchtet waren. »Für Lebenszeit«, sagte die alte Dame still – hörst du Erdmuthe – für Lebenszeit.«

»Ja«, rief das Kind fröhlich und klatschte in die Hände. »Noch hundert Jahre. Denn so alt will ich werden. Hundertzehn! Ich möcht gern sehen, ob Bernhards Mutter in der Zeit das Lachen lernt.«

Sehr langsam ging es vorwärts. Vier Häuser weiter hatte Frau von Denso eine düstere, kalte Wohnung im Erdgeschoß inne. Aber der schöne Urväterhausrat und die wertvollen Porträts und Landschaften an den Wänden verklärten alles.

Die Zurückbleibenden waren zuerst schweigsam. Kamilla Hartmann setzte die Stühle polternd wieder zurecht. Sie war sehr aufgebracht. Und als Nante sich unterfing laut zu sagen: »Ne wahrhaft kapitale Frau!«, da brach sie los.

»Da jeht se hin un singt nich mehr... Hat se dir 'ne Hand jejeben, Nante? Mir nich. Aber zum Herrn Vetter sagte se: › Lieber, lieber Herr Hartmans‹ mit 'n Ogenuffschlag. Un det jing dir jlatt in, Peter Hartmann. Jotte doch, wie tat dir det jut. Na ja, so 'ne Etagenwohnung mit vier Zimmern un Küche un Spültoilette, danach kann man ooch schön tun ...«

»Schweig«, donnerte der Schmied. »An die Frau rührst mir nich, verstanden?«

»Det wär jelacht!« rebellierte sie. Aber sie war doch erschrocken über sein Aussehen.

»Na ja, et fängt jut an«, murrte sie. »'ner völlig Fremden, wenn se man ›von‹ is, muß die nächste Verwandtschaft weichen. Un nu möcht ich abers wissen, wozu ich meine Zeit heute jestohlen habe. Frau Denso un die Jöhre hab'ne Wohnung uff Lebenszeit jekricht. Die Ernstine un ihr jroßer Bengel dito. Un was krieg ich? Un was der Nante?«

»Kamilla«, wehrte ihr Mann, »von sowas red' man doch nich in't Trauerhaus, wo der Verstorbene noch nich mal auferstanden is.«

»Ik will wissen, woran ik bin.« Kamilla Hartmann kreuzte die Arme über der Brust, und stellte sich dicht vor den Schmiedemeister.

»Das sollst du auch«, sagte dieser erbittert. »Ich hab euch nun noch den Schluß zu lesen. Kannst dir Hände und Füße dran wärmen, Kamilla. Vater schreibt: And nun geht heim und tut das, was mein letzter Wille ist. Ich sollte wohl besser und friedlicher, und mit viel Verzeihung behaftet heimgehen, wie die Bibel es vorschreibt, aber ich weiß auch, daß der liebe Gott nicht zuviel von einem braven Berliner verlangt. Und ich kenne die Grenzen meiner Vergebungsmöglichkeit. Deshalb habe ich aus reiner Bosheit die Nichte Kamilla Hartmann hier zuhören lassen; und weiß, wie sie die Ohren spitzt und innerlich erbschleicht. Und darum soll sie in öffentlicher Vorlesung hören, daß sie nischt bekommt, rein gar nischt. – Ich habe auch in großer Mühe und Langsamkeit hochdeutsch geschrieben; denn wenn ich in Zorn bin, dann ist mir das Berlinern zu schade.«

Hier zerriß ein Schrei die nicht besonders gute Luft in dem kleinen Raum; er war so schrill, daß es schien, als zerteile er selbst den ›Hecht‹, den Nante Hartmanns Pfeife hervorgerufen hatte. Denn in der Aufregung dieser Stunden mußte er rauchen, sonst wäre er aus den Fugen gegangen.

»Hast du gehört, Nante?« zeterte Frau Kamilla. »Hast du's gehört?«

»Ik bin nich taub«, sagte Nante geruhig. »Un ik freu mir, Weib, ik freu mir; es is en gerechter Brief.« –

»Du Nulpe!«

Nante wagte zu lächeln.

Und er hatte auch Ursache dazu, wie sich ausweisen sollte. Denn nun kam der Schluß des langen Briefes: »Mein Neffe Nante Hartmann aber soll bei der richtigen Testamentseröffnung spüren, daß ich ein dankbarer Kerl und 'n wohlhabender Mann bin. Denn Nante hat sich immer so benommen, als ob er gar kein leiblicher Verwandter, sondern ein richtiggehender, treuer Freund wäre. Deshalb trage ich es ihm nicht nach, daß er sich einst in seiner grünen Jugend mit dieser Kamilla geborenen Schulze verplempert hat. Ihre hochseligen Eltern waren brave Leute, wie denn überhaupt der Name Schulze einen gewissen innewohnenden Edelmut verbürgt. Somit schließe ich mit dem Ruf an meinen Newö: ›Nante, freue dir!‹ – Und Gott möge mir schlechten, nachtragschen und unverzeihlichen Kerl gnädig sein und seine Vaterhand halten über das Haus mit die jriene Fensterläden. Amen.« –

»Nante! Du legst Protest ein! Nante, ik rate dir, fechte det Testament an!«

Aber Nante Hartmann war mit einem Male standhafter Zinnsoldat. Er machte sich von Kamillas umklammernden Händen frei.

»Nein, Kamilla, und mit nichten. Durch den heutigen Brief von Onkeln bin ich mannbar geworden und fühle mich durchaus konfirmiert. Schweig, Kamilla, und jeh mit nach Hause. Ich glaube, Vetter Peter legt keinen Wert drauf, daß du hier nächtigst.«

»Und der Schmuck?« heulte Kamilla. »Die Brosche von Tanten? Die Ohrringe? Der Achatring? Der Ring mit die Diamanten? Und die grüne Jlaskette?«

»Laß fahren dahin, Kamilla. Mit det Jrüne hast de nu mal kein Jlück. Siehe Fensterläden. Un nu komm. ›Wisch de Nase und jib Onkeln de Hand‹, wie Mutter immer sagte.«

Aber Kamilla ging ohne Gruß und Wort hinaus, ging mit hocherhobener Nase und verächtlich heruntergezogenem Mund an der draußen sitzenden Ernstine Hartmann vorbei auf die Straße Alt-Moabit.

»Det sieht mir nich wieder«, drohte sie nach dem Hause zurück.

»Morjenred is kein Abendred«, sagte Nante und stopfte sich ein neues Pfeifchen. –

»Komm mal rein, Ernstine«, rief Peter Hartmann in den Hausflur. Sie gehorchte sofort. Groß und hoch stand sie in der Tür, ihr Gesicht war von eigentümlich herber Schönheit. »Was wünschst du, Schwager?«

»Ich wünsche, daß du einmal lachst, Ernstine.«

»Hab kein Ursach, hab sie nie gehabt.«

»Doch, Ernstine! Das hast du. Hast einen braven Mann gehabt, und hast einen guten Sohn. Lachens Ursach genug, Ernstine.«

»Was weißt du? Dein Bruder Bernhard war 'n Hartmann, und da meintet ihr und die ganze Sippe, man müßt' mit ihm glücklich sein. Ihr wart eingebildeter auf euren Namen als ein König.«

»Das mag sein. Bürgerstolz! Wie du deinen Bauernstolz hütest. Aber warst du nicht glücklich? Warst du's nicht. Ernstine?« fragte er drängend. Sein Gesicht war erblaßt.

»Nein!« sagte sie laut und herb. »Jede Frau hätt' bei deinem Bruder das Weinen lernen können; und weil ich nicht weinen konnte, so wurde ich hart. ›Erfroren ist er bei ihr‹, rufen die Ungerechten. Daß ich vorher erstickt war in seiner Glut, lange ehe er erfror, danach fragt niemand.«

»Das hab ich nicht gewußt. Das nicht!« sagte Peter, erschüttert von ihrem Schmerzensausbruch. »Hast nie geklagt ... Arme Ernstine!«

»Warum bist du so gut mit mir, Schwager?«

»Weil ich ungerechtes Wesen hasse, wie ... wie den Rost auf Eisen und Stahl. Und weil ich nun weiß, daß wir alle dich ungerecht behandelt haben, ich an der Spitze.« Er lief erregt im Stübchen hin und her.

»Verleumde dich nicht, Schwager. Du warst der beste von allen. Und daß der selige Schwieger mich nicht verwarf, das dank ich ihm noch ins Grab hinein. Aber ich will wissen, warum du plötzlich so besonders gut zu mir bist. Ich bin nicht anders geworden, Peter, und doch redest du mir das Wort auch vor den andern.«

»Eine Stunde ist so gut zum reden, wie die andere. Hör' zu!«

»Du warst nur unbequem, Ernstine. Brauchst nicht zusammenzuzucken. In soner großen Familie hat jedes sein Widerspiel. Ich hätt dich auch wohl leiden mögen, aber sie sagten alle, du wärst kalt und ohne Gefühl, und hättest weder für Mann noch Kind was übrig. Und das fand ich abscheulich. Denn ich hatte ja selbst ein braves Weib und wußte, wie man sich wohl fühlt in Frauenwärme. Und weißt, Ernstine, den Jungen, deinen Bernhard, den neidete ich dir. Weil mich so verlangte nach einem Erbschmied, den mir mein Weib nicht geben konnte. Und weil's son prachtvoller Bengel war, dazu ein Hartmann. Ja, nun ziehst du wieder die Mundwinkel runter. – Jetzt weiß ich's, daß mein Bruder Bernhard aus der Art geschlagen war. Und daß dein Junge das beste Teil von dir hat und von euch Heidjern. – Damals war ich bequem und glaubte das, was die Leute sagten. Aber ich hatte dich auch mal beobachtet, wie die Portiersfrau, der Satan, deinen Jungen schimpfte, weil er mit zerrissener Hose ankam. ›Lumpengesindel‹ rief das Weib. Und du sprangst auf sie zu, wie 'ne Löwin, die ihr Junges verteidigt. Dein Bernhard war schon damals ein Aparter, der auf sich hielt und sich möglichst gleich jeden Knopf annähte. Und wie du deinen Jungen im Arm hieltest und auf ihn einsprachst, damit er das Wort ›Lumpengesindel‹ vergessen sollte, da spürt' ich's: ›Für die ganze Welt mag sie kalt sein, für ihr Kind ist sie's nicht.‹ Und da hast mich erobert.«

Sie lächelte bitter.

»Hab' ich das? Aber ihr glaubtet doch alle, daß ich meinen einzigen Jungen unordentlich herumlaufen ließ, und wußtet nicht, daß ich heimlich auf Arbeit ging, weil dein Bruder alles Geld im Wein vertrank. Und so könnt' ich nur des Nachts meinen Jung versorgen und bin manchmal über der Arbeit eingeschlafen ...« »Ernstine! Ernstine! Was für 'ne Lehre gibst mir?!«

»Lehre? Ich geb dir keine. Du hast brav ausgelernt. Aber mich wirst jetzt verachten, weil ich mein Leid rausschrei – das doch ein ›angesehener Hartmann‹ verschuldet hat...«

»Ich veracht' dich weiß Gott nicht. Furchtbar muß die verschlossene Ernstine gelitten haben, wenn sie andern davon mitteilt ...«

»Andern? Das hat noch niemand gehört. – Aber du bist ein Besonderer, Peter Hartmann, deshalb schäm' ich mich nicht« –

»So hab' ich nun doppelt und dreifach an dir gut zu machen, Ernstine, das soll geschehen.« Er hielt ihr die feste Schmiedehand hin, und die sah gar verläßlich aus. Sie legte voll Vertrauen die ihre hinein.

Nun schlug er sich vor die Stirn. »Da hab' ich rein auf vergessen, ich wollt' dir ja das Lachen beibringen. Horch mal auf. Ernstine: Vielleicht hat Vater gewußt, daß du dich gar schlecht zur Erbschleicherin eignest – ja, er hatte wirklich einen Narren an dir gefressen. Denn er bittet dich, in das Haus mit den grünen Fensterläden zu ziehen ... Jawohl – werd' nur nich so blaß, altes Mädchen. Vier Stuben im Erdgeschoß und den Garten kriegst du – – Na, nu kuck doch nich so dumm in der Luft rum ... Herr du meines Lebens, was machst du denn? Wird mir diese staatsche Person ohnmächtig? Jibt's ja jar nich ... Ernstine!!«

»Schwager, sag's nochmal! Die Sonnenwohnung? Wo mein Junge rote Backen und 'n frohes Herz kriegen kann??«

»Jawoll. Allemal. Die Sonnenwohnung!«

»Aber das Geld – Schwager! Was hat sich der Schwieger gedacht? Ich armer Stackel? 'ne Vierstubenwohnung!«

»Na meinst du, Schwägerin, der Vater hätte je mit der einen Hand gegeben, und mit der anderen genommen? Umsonst sollst wohnen, und der Frau Oberst Handreichung tun, pflegen, eien und hegen und das Kind helfen bemuttern. Die Frau von Denso sagte vorhin, es würd' ein gutes Hausen mit dir sein... na? Segeln wir wieder ab? War's zuviel Freude? Mensch! Ernstine! Du übst dir wohl schon auf 'ne vornehme Dame mit Ohnmächten?«

Da weinte sie fassungslos, ungehemmt. Sie schrie ihre erste gewaltige Freude hinaus, daß es wie ein Ausbruch bittersten Leides klang. »Schwager Peter, was mußt von mir denken«, schluchzte sie. »Aber ich hatte ja das Weinen verlernt wie das Lachen. Vor achtzehn Jahren, zwei Tage nach meiner Hochzeit mit deinem Bruder, hab' ich zum letztenmal geweint. Weil ich nicht wußt', wie ich das Leben ertragen sollt' – – Und nun bin ich an die Vierzig, und nun fängt's an zu leuchten – – – mein Junge kriegt 'ne sonnige Wohnung – so gesehnt hat er sich nach Sonne – – –«

Und nun lachte die Ernstine Hartmann, wie sie vorher geweint, und war aus den Fugen, so daß der Schmiedemeister erschüttert hinausging, und das arme Weib mit ihrem Lachen und Weinen erst mal sich selbst überließ. –

Draußen im Gärtchen, das nach erstem Frühlingsflieder duftete, rannte Jung-Bernhard wie ein junger Löwe auf und ab. »Wo bleibt Mutter?« fragte er unwirsch. »Ich hab' Hunger, daß sich mir inwendig allens umkehrt.«

Der Schmiedemeister packte den großen Jungen und schüttelte ihn liebevoll. »Du Schlagetot! Heute braucht man keinen Hunger zu haben, heute wird man von Freude satt.«

»Gibt's das?« fragte Bernhard verbissen.

»Himmel Herrgott! Ein Siebzehnjähriger fragt, ob's Freude auf der Welt gibt! Paß auf, Junge – du gehst jetzt hinein und nimmst Muttern bei der Hand, kannst sie auch umkriegen, kann jar nischt schaden – und dann tu nich erschrocken – Mutter is 'n bißchen aus 'n Leim gegangen – – na wirst schon sehen. Aber nich tun, als ob. Sie kommt schon wieder in die Reih.«

Jung-Bernhard sah ihn wild an. »Ihr habt sie wohl mal wieder ordentlich jeärgert – ihr – ihr – – Verwandten!«

Wie einen Schimpfnamen schleuderte der Bengel das Wort hinaus. Und er war mit einem Satz zur Tür und mit dem andern in der Stube drin. Nun lief der Schmiedemeister im Gärtchen auf und ab. »Is jar nich Mode bei uns, sonne verdammte Uffrejung Man kann'n Schlag davon kriejen!« Er reckte und dehnte seine Riesengestalt und stieß die Arme vor. –

»Sie müllern wohl, Nachbar Hartmann?«, fragte eine gemütliche Stimme über den Zaun, »ja, ja, det Erben jreift an.«

»Ich habe nich jemüllert. Ich habe nur tief jeatmet, Nachbar Kutschke. Riechen Sie bloß mal den Flieder! Unser Herrgott kann's immer noch am besten von alle Gärtners.«

»Da ha'm Se recht. Un 's Tiefatmen is vornehm un jetzt jerade Mode. Wer sonne Schmiede erbt, wie Sie, un denn noch det bessere Jenseits in Moabit, der kann aber ja tief atmen.«

»Es heißt nun schon lange nicht mehr das bessere Jenseits, Herr Kutschke«, verwies ihn Peter Hartmann, »das war ja nur so'n Schnack vom Großohm.«

»Ik weeß, ik weeß, jeder Briefdräger sagt ›det Haus mit de jriene‹. De Fensterläden verschlucken se allemal, det nimmt zuviel Zeit wech. 'n Briefdräger hat nie Zeit. Det würde seiner Reputatschion schaden.«

Wenn er doch nur ginge, dachte der Schmiedemeister. Er mußte ja noch das Haus abschließen und wartete auf Mutter und Sohn.

Nachbar Kutschke, der Tischler, winkte ihn mit der Pfeifenspitze noch näher an den Zaun heran. »Ihr Vater war wirklich nobel mit's Jeld zum ›Fell versaufen‹«, meinte er flüsternd. »Na, ik hab ihm ja nich jekränkt, ik hab's mit de Nieren un nehm mir in acht, aber von de ibrigen hat jeder seinen orrntlichen Affen mit heemjebracht. – Na, det war er ooch wert, der Selige.«

Da kam Ernstine gegangen, und den Arm hatte sie um Jung-Bernhard gelegt – just wie damals – wie damals. Aber nicht aufgeregt war sie mehr. Fein ruhig, nur die Augen etwas trübe vom schweren Weinen.

Jung-Bernhard warf den Kopf in den Nacken wie ein Rassepferd, er war in hartem Kampf mit unmännlicher Rührung.

»Du – Onkel«, stieß er endlich hervor und sein Gesicht war rot bis unter das dunkelbraune Lockenhaar – »Onkel Peter, det verjesse – – – das vergess' ich dir nich. Das mit Mutter un mir.« Aber da sprang er schon mit einem Hechtsatz über den Gartenzaun, der auch auf die Straße führte.

»Ein rauhes Füllen«, lachte der Schmied, »aber laß ihn man, Ernstine – das gibt en glattes Pferd. Ruf ihn nich zurück. Wie der Jung sich eben gab, das war mir ein guter Dank. Willst jetzt heim?«

»Mein Heim is hier.« Sie sah schier andächtig zum kleinen Hause empor. »Schwager, du kannst dir nich denken, wie froh mich der heut'ge Tag gemacht hat.«

»Ich sah dir's wohl an, Ernstine, hab' ja Augen im Kopf. Na dann schlaf gut, und nicht wahr, wir wollen heut beide an Vatern denken. Gott schenk ihm fröhliche Urständ! Gehst morgen nochmal auf den Friedhof mit mir? Nur wir zwei, ist dir's recht?«

Sie nickte und reichte ihm die Hand, die er mit Herzlichkeit in seine beiden großen Hände nahm. Dann gingen beide fort.

»Was is mich das?« sagte Tischler Kutschke zu sich selbst. »Det hab' ik noch nie beobacht'. Spinnt sich da wat an? Det wär' jelacht. Pscht, Kutschke, halt's Maul, wenn's ooch keenen Stiel hat. Un nischt meiner Alten jesagt. Wenn ik bei der nur 'ne Andeutung mach, denn sin die beiden so jut wie verheirat'. Halt's Maul, Kutschke.« Er schlurfte langsam in seine Werkstatt zurück, paffte große Wolken und schüttelte wiederholt den Kopf. Dann verschwand er in der Haustür. –

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