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Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Sleefkamp, den 24. Dezember 19 ..

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wien Sleef sitzt vor dem alten Folianten und soll ihn »weiterführen«. Der Knecht. Und ist doch Herrenvolk da, das es wohl besser könnte als ich. Es ist seltsam. Ich gehorche einem Befehl, der vor dreihundert Jahren niedergelegt wurde in diesem schweinsledernen Buch, in dessen schweren Umschlag viele hundert Seiten aus feinem Papier eingeheftet wurden. Weil unsere neuzeitigen Federn auf dem Büttenzeugs versagen. Der Passus vom Ahnbauern Erne Sleef 1632 lautet: »In düssem Fullianten soll jedweder Sleef, der düssen Hof als Hoferbe oder in Vertretung übernimmt, sein Leben leben. Ik sülben tu verstecken düssen Untüm vun Fulliant. Nich in die Erbtruhen. Weil da die Zackermenters Kriegsvolk zu allerirst drin rumoren und zerren heraus, was ihrem Gelust ansteht. Ik versteck ihm im hilligen Ginsterbusch, dieweilen das Wetter trocken ist. Trag ihm dann wieder in der braunen Heyden umher, so lang sie dürr ist. Leg' ihm in die Thingeichen, welche ist hohl. Damit sie sich beide von ihrer Heiligkeit noch etwas abgeben. Hat aber sowohl die Eichen, als auch der Fulliant manch Unheiliges gesehen. Bleibt aber deshalb doch heiligs Erbe. – Leg' ihm auch in die Kiefer, so ganz allein in einem Wald von Wachholdern steht. Kein Mensch außer mir findet dort hin. Gott schall mi wohren! Man kümmt sik sülben as 'n Spitzbub vör un gruglichen Schelm, weil man allstunds Schleichweg geht. Wird aber auch wieder eine Zeit kommen, da die Erbtruhen ein sicher Ort ist. Amen. – ›Amen‹ heißt: Soll also geschehen! – Und gebiete ich alle meine Nachfahren: »Jedweder, so sich »Sleef« nennet, ehelich gezeuget, und kann sich zurückführen auf meinen Samen, der muß schreiben in düsse Urkund. Jedem einzelnen muß es überlassen sein, was er wert hält, daß es die Nachfahren zu wissen bekommen. – Das aber soll Schand und übler Makel sein, so ein Sleef überhaupt niet schreiben kann.

Nur die Fruenslüd sünd ausgeschlossen. Die sollen nich tühnen und schkribifaxen, kommt doch nix bei rut. Sondern sollen brave Hausehren sein und brav Kinners gebären. Sollen die Welt füllen, wie es sich schickt nach so großen Völkermorden. – Kann aber auch hier Ausnahm gemacht werden. So ein Weib, eine Sleef nach Gottes Ratschluß unfruchtbar bleibt und hat allermeist veel Tid, so sall se schriewen.«

Der Ahne hat viel geschafft.

Hat ihm das Feuer manch Hab und Gut verbronnen. Aber ein vollgestrichen Maß Geld hat er in der Lüneburger Heide vergraben gehabt. Hat ihn der Schlag gerührt vor Freuden, als er's unversehrt ausgrub. Und ich, Wien Sleef, sinniere, daß groß Freud genau so Wirkung tut, wie groß Leid. – Und düsse vor mir liegende Foliant ist durch hohle Bäume, Büsche und Heidekraut gewandert, wie ein Geselle auf der Walze. Der Sohn hat die Papiere gefunden, als der Ahnbauer selber ist eingegraben worden in die rote Heide 1650 anno domini. Ich hab großen Respekt vor dem Ahn, denn solche Nachkriegszeit ist ebenso schwer zu tragen, wie der dreißigjährig Greul selbst. Und hat Ode Sleef doch schier alle Tage ein paar Worte in diesen Folianten gemalt mit klammen Fingern, die sich sträuben gegen die Feder.

Vielleicht würd sich der Ahne hinwiederum sträuben gegen mich, wenn er wüßt, daß ich als Außenseiter in diese heilige Sach hineinschreibe. Denn wenn ich auch ehelich gezeugt und geboren bin, wie es dieses Buch verlangt, so ist doch mein Vater von der Sippe enterbt und ausgestoßen worden. Der Grund ist wohl für jeden lächerlich, wenn er kein Heidjer ist. Bei denen Sturköpp und Dickschädel ist alles so fest gefügt und durch »Geschriften« beglaubigt. Da geht alles nach Maß und Faden. »Langweilig, aber rechtschaffen«, hat mein Vater immer gesagt. Er hat die »Sünd« begangen, eine Ausländerin zu heiraten, ein bayrisch Dirnlein aus Bubenreuth. – »Jessas, Jessas, – i a Ausländrin?« hat die Mutter gerufen, und gelacht, eine ganze Tonleiter hinauf und herunter. – Das Dirnlein hat gejodelt und Zither geschlagen. Ihr Blut hat mir auch nicht geschadet, ich bin ein echter, rechter »Sleef« geworden. Wie sie alle waren seit 1622. So an die zwei Meter groß, und stark wie die Bären, und wenn auch nicht stier-, so doch steifnackig. Aber von 1862 an, da sind die Leut kleiner geworden, haben immer in die Verwandtschaft geheiratet. Das dünkte meinem Vater nicht recht und widerstand ihm. Ging deshalb auf die Walze, was kein Bauer tut, und verschüttete es mit seiner Sippe, daß sie ihm alle feind wurden. Und als er meldete, daß er »eine wahre Prachtsdern gefunden hätt', in einem kleinen bayrischen Gütel, ein schwarzbraunes Madel, zum Fressen süß, aber ohne Geld« – da war's gefehlt. Der Sleefkamp hat ihn aufs Pflichtteil gesetzt. Brüder, Schwestern und Basen haben das Feuer geschürt. Und mein Vater war kein Mann, dem das Prozessieren anstund. So glücklich waren ja auch die zwei, Vadder un Mudder, wie es wohl gar nie wieder eine Eh' gibt landauf, landab.

Wie ich so das hinschreib, ist ein Tosen und Rumoren draußen, als wenn der wilde Jäger über die Heide tobt. Und kann doch gar nichts Ungutes auf dem Weg sein – ist ja doch Weihnachten. Davon merkt man freilich nix bi üs im Sleefkamp, und ich muß büschen die Zähne zusammenbeißen, damit's den Schlagetot nicht umreißt. Wenn ich an die Mutter denk – Gott schenk ihr fröhliche Urständ! – Alles, was Freud bringt, Ostern, Pfingsten und Weihnachten, das war sie, und dazu die gute Stund selber. – »'s Amei« nannte sie der Vadder. Und wenn man den Namen vor sich hinsagt, dann ist's schon, als ob man gestreichelt würde. Erster Adventsonntag mußt ein Bäumle her, da steckte die Mutter zuerst ein Lichtle dran, und jeden Tag kam eins dazu, bis an Heiligabend vierundzwanzig Licht'l brannten. Ich hab nie wieder solch einen Glanz gesehen. – Und am Weihnachtstag, da holte sie selbst aus dem Wald einen Tannenbaum und schlug ihm ein Brett unter. Denn der Vater war nicht für so was »Gefühliges«. Er lachte auch immer arg spöttisch, weil die Mutter mit dem Zollstock in den Weihnachtswald ging. Mit dem hatte sie mir vorher Maß genommen, und mußt der Tannenbaum immer genau so groß sein, wie ihr Bübel. Wir beiden schmückten ihn denn auch mit roten und grünen und gelben Ketten, Rosen und Tulipanen aus Seidenpapier. Es war eine Pracht. Und ich nannte das als Bub » anplündern«, denn zu Neujahr kam doch das »Plündern«, und alls wurde abgetan. Mich dünkt jetzt noch, daß wir bei dieser Tätigkeit alle Lieder und Choräle der Welt gesungen haben. Freilich waren da auch Frühlingslieder mit drunter, und wenn ich meine Lieblingsweise anstimmte, dann ging der Vater hinaus und brachte beide Hände voll Schnee mit herein, wusch mir damit tüchtig den Kopf, Gesicht und Haare und sang dazu: »Nun fangen die Weiden zu blühen an.« Frohe Zeit war das! Und Mutters Lachen klang wie silberne Glocken.

Vater hatte auch seine Freude, wenn er sah, daß der Tannenbaum in jedem Jahr größer sein mußte nach dem Maß seines »Dschung«, wie er als echter Heidjer zu mir sagte, denn der Name »Bübl« war ihm zu weich. »Mach mir nur keinen ›Dätsch‹ un ›Döllmer‹ aus ihm«, sagte er einmal, als ich mit einem versonnen Gesicht »in die Wicken horchte«. »Du weißt doch, Amei, wo er mal hinsoll?!« »I woaß schon«, hatte die Mutter zurückgegeben. »Wo soll ich denn hin?« fragte ich neugierig. Aber erst am Abend, als die Mutter an meinem Lager mit mir gebetet, was sie nie versäumte, erzählte sie mir, daß ein kluger Syndikus, den sich der Vater verschrieben, ausgediftelt hätt', daß da ein Klausel zu meinen Gunsten wär' im Ahnentestament, und daß ich nochmal auf dem Sleefkamp sitzen könnt'. Da hatte ich meine ganze, sanfte Frömmigkeit vergessen und mich störrisch umgedreht: »I mag aber net bei die Saupreiß'n.« Das war gefehlt, denn ich kriegte gleich ein paar hinten vor. Die Mutter hatte eine flinke Hand, und weil ich im Bett lag, war ihr alles hübsch parat.

»Ein schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt«, sagte sie streng, wie ich sie nie gesehen. »Saupreißen sind ebensogut Menschen, wie wir Bayern.« Das prägte sie mir noch ein und gab noch eine anschauliche Geschichte von den Leuten »um Bremen, Hannover und Lüneburg 'rum«, daß ich wohl vorbereitet war für die Lüneburger Heide. Mit einem blauweißen bayrischen Fähnlein zog ich umher und sang schallend:

»Halte hoch die deutsche Treue du Niedersachsensproß!
Das Gute tu, das Böse scheue, – der Edle sei dir Kampfgenoss'.«

Der Wind hat mir in den nächsten Jahrzehnten tüchtig um die Ohren geweht. So im Schützengraben und beim Patrouillenführen und auch im Lazarett, wo die Ärzte nicht wußten, was sie noch an mir zurechtflicken sollten. Ja, jetzt gespür ich's, was es heißt, im großen, warmen Bauernhof arbeiten zu dürfen. »Unteroffizier Sleef«, sagte der Oberstabsarzt: »eins wissen wir wenigstens, daß Sie nicht tot zu kriegen sind.« ›Ist doch was‹, dacht' ich, und bin immer wieder auferstanden. War ein rechtes Wunder für alle Ärzte, Sanitäter und Kameraden. Aber schön bin ich nimmer. Dafür haben etliche Kugeln und besunders die neckischen Granatsplitter gesorgt. – Wie hätt' die Mutter wohl aufgeschrien beim Anblick ihres »Bübels«, das so mordshäßlich geworden war. Brauchte es aber nimmer anzuschauen. Sie starb im gachen Leid dem lieben Vater nach, den ein Baum im eignen Wald erschlug. Solch ein jähes Sterben soll's geben, wenn zwei sich arg lieb haben. – Ich bin fünfunddreißig Jahr alt und kenn die Lieb nur von Vater und Mutter her... Muß der Wien Sleef sich schämen?

Eine rote, garstige Narbe zieht sich quer über mein Gesicht. Drei Finger fehlen an der linken Hand und drei Zehen am rechten Fuß. Den schleife ich nach, als wollt' ich zu einem »gefühligen« Walzer ansetzen. Und dann ist da noch ein Säbelhieb über den Kopf, den hat mein Haarwald büschen milder gemacht.

Die alte Magd Gesine sagt: »Schöne Augen hast Wien! Mußt sie nützen. Aber du ziehst die wilden, garschtigen Brauen zusammen, daß die Gucken klitzeklein werden, sobald eine Deern vorbei kommt – bist 'n groten Döllmerl«

Und das war's just, was mein Vater mit mir hatte vermeiden wollen. Ein »Döllmer«, das ist ein weicher, versonnener, unbrauchbarer Mensch, eben kein Heidger. »Weißt, Gesine«, hab' ich der Alten geantwortet, denn sie ist recht meine Freundin, »ich werd's mal auf 'n Zettel schreiben, was noch an mir heil ist, das lernst auswendig und kannst es den Deerns in den Spinnstuben vordeklamieren, vielleicht krieg ich noch eine ab.« Da hat sie mir ihren krummen Rücken zugedreht, denn sie hat keinen Humor, die Gute verficht scharf die Ansicht, daß »kein ein« Mannsbild was taugt. Und nun muß ich doch glauben, daß draußen der wilde Jäger zugange ist. Die Eichen biegen sich im harten Sturm und viele Bäume gehen zu Bruch. Ich werd' alle Luken schließen müssen. Unheimlich ist der Schneefall, der ja wohl den Sleefkamp bei klein begraben will. Das ist kein heiliger Abend – – –

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