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Johann Gottfried Seume: Der Schatz - Kapitel 1
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleDer Schatz
publisherBerlin. Gustav Hempel
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Johann Gottfried Seume

Der Schatz

Eine theatralische Allegorie.

Dieses dramatische Gedicht wurde zur Feier eines Geburtsfestes von Seume verfaßt und dann an demselben aufgeführt. Ein Bauherr in Leipzig, welcher an der Stelle eines sehr alten Gebäudes ein neues aufführen ließ, besprach im Kreise seiner Familie und Freunde zu jener Zeit die Möglichkeit, vielleicht gar beim Niederreißen der alten Mauern einen Schatz in denselben verborgen zu finden, und äußerte zugleich seine Ungewißheit im Urtheile, ob dann ihm als jetzigem Eigner dieser gehören würde oder dem früheren, welcher ihm das Grundstück verkaufte. Diese Aeußerung gab Stoff zu dem Gedanken, welchen Seume dann zur Feier des Geburtsfestes wie in dem Gedichte weiter und mit Beziehung auf die Stellung des wegen seiner Rechtlichkeit und seines Fleißes in allgemeiner Achtung stehenden Bauherrn ausführte.

Personen.

Ein Maurer,
Ein Zimmermann
zusammen am Bau beschäftigt
Chor der Gesellen
Ein Magus

Maurer. Vorwärts, Leute, braucht die Kräfte,
Säumet nicht in dem Geschäfte!
Nicht geweilt,
Rasch geeilt,
Daß der Bau vom Grund der Erde
Schnell empor gefördert werde!
Nützlich bauen, heißt vor Allen
Gott und Menschen wohlgefallen;
Stark und warm
Hebt den Arm!
Haltet unsern Stand in Ehren;
Besser bauen, als verheeren!

    Chor. Haltet unsern Stand in Ehren;
    Besser bauen, als verheeren! –

Zimmermann. Rüstig, rüstig, Ihr Gesellen,
Alles, Alles gut zu stellen,
Kühn und stolz
Bringt das Holz
Hoch empor, damit es liege
Und sich fest zusammenfüge! –
Haut die Balken, schwingt die Beile,
Messet richtig, zieht die Seile
Mit Bedacht,
Gebet Acht!
Achtung, daß kein Fall geschehe;
Denn Gefahr ist in der Höhe! –

    Chor. Achtung, daß kein Fall geschehe;
    Denn Gefahr ist in der Höhe! –

Maurer. Gott selbst ist der große Meister,
Sonnenwelten baut er auf;
Die Gesellen sind die Geister
Um ihn her im Wetterlauf.
Nur der Erzfeind will zerhauen,
Was die Diener Gottes bauen.

Jeder wackere Geselle
Führe tüchtig seine Kelle;
Fügt den Stein
Künstlich ein,
Daß er hier und in der Höhe
Lange Jahre sicher stehe!
Bauet sinnig wie die Alten,
Damit unsre Werke halten!

    Chor. Bauet sinnig wie die Alten,
    Damit unsre Werke halten!

Maurer. Leute, baut zur guten Stunde
Mir vorzüglich an dem Grunde!
Denn der Grund
Hält gesund,
Wenn wir mit Verstand uns rühren,
Was wir in die Höhe führen.
Wenn der Bauherr kommt und siehet,
Was an seinem Bau geschiehet,
Sag' er Preis
Unserm Fleiß,
Daß hier Alles herrlich stehet
Und das Werk von Statten gehet!
(Er tritt hinter die Wand.)

    Chor. Daß hier Alles herrlich stehet
    Und das Werk von Statten gehet!

Zimmermann. Frisch, Ihr Bursche, legt die Hände
Insgesammt an Dach und Wände!
Brauchet nur
Axt und Schnur,
Und der Bau wird mit Vergnügen
Bald sich schön zusammenfügen!

    Chor. Und der Bau wird mit Vergnügen
    Bald sich schön zusammenfügen!

Maurer (hinter der Wand). Ha, Glück auf, zur guten Stunde!
Bursche, schaut, ein Schatz im Grunde!
Altes Gold,
Fein gerollt,
Liegt hier tief, um auszurasten,
In dem eingesenkten Kasten.
Holla, das soll Jubel geben;
Kommt und laßt den Schatz uns heben!

    Chor. Holla, das soll Jubel geben;
    Kommt und laßt den Schatz uns heben!

(Sie kommen mit dem Kästchen hervor, und Alle sind emsig um das Kästchen her.)

Zimmermann (der das Kästchen in den Händen wiegt). Lieber Bruder, wie mir däucht,
Ist es doch für Gold zu leicht.
Denke nur, wie die gerollten,
Schweren Stücke wiegen sollten!

Maurer (wiegt das Kästchen auch in der Hand). Desto besser; nach dem Scheine
Sind es gar wol Edelsteine.
Denn wer sollte wie die Raben
Etwas Schlechtes hier vergraben?!

Zimmermann. Aber sei es, was es sei,
Uns ist es wol einerlei;
Dem Besitzer von dem Platz,
Brüderchen, gehört der Schatz. –

Maurer. Nun, der wird den ganzen, vollen
Kasten doch nicht nehmen wollen,
Etwas wird er uns schon geben;
Denn er lebt und lässet leben.
Laßt uns öffnen und erblicken,
Was die guten Geister schicken!

    Chor. Laßt uns öffnen und erblicken,
    Was die guten Geister schicken!

Maurer. Erdgeist, nun wolan, enthülle
Deines Reichthums ganze Fülle!
Laß den Alten
Uns entfalten,
Daß er uns die Seele zeige;
Jeder trete nah' und schweige!

    Chor. Daß er uns die Seele zeige;
    Jeder trete nah' und schweige!

(Man macht feierlich still das Kästchen auf und findet darin ein Schreibzeug. Alle sehen einander betroffen an.)

Zimmermann lacht). Das ist Gold,
Schwer gerollt;
Das sind reine,
Aechte, feine,
Schön geschliffne Edelsteine;
Brüderchen, behalte meine!

Maurer. Potz Donner, Blitze, Sturm und Wogen!
Der Kobold hat uns baß betrogen;
Da sind wir Alle schön berathen:
Ein Tintenfäßchen statt Ducaten!
Statt der gehofften gelben Füchse
Nur eine dürre Streusandbüchse!
Verdammte Geister,
Daß Euch der Kleister!
Ihr habt uns Alle
Schön in der Falle!
Das lohnt sich auch wol, solche Gaben
Wie Diamanten zu vergraben!
Gesellen, rasch an Eure Plätze!
Die Arbeit giebt die besten Schätze,
Und will das Glück uns nichts bescheren,
So können wir das Glück entbehren! –

    Chor. Und will das Glück uns nichts bescheren,
    So können wir das Glück entbehren!

Ein Magus (tritt auf). Klagt nicht das Glück, klagt Eure Thorheit an;
Es zeigt sich oft mit seinem ganzen Segen.
Ihr sehet nicht, Ihr gehet nicht die Bahn
Und fahret fort auf den verkehrten Wegen.
Kurzsichtige, glaubt meinem Wort, es ruht
In diesem Holz ein ungemeines Gut! –

Nur wer es kennt, weiß seinen Werth zu schätzen
Und hält es hoch und höher noch als Gold,
Versteht es, ihm so weise zuzusetzen,
Daß es ihm mehr als Edelsteine zollt.
Seid Ihr noch blind bei hellem Tageslichte,
So gehet hin und fraget die Geschichte!

Sie zeiget Euch, es ist der Schätze Schacht,
Und überhäuft mit herrlichen Geschenken.
Dem Weisen, der zum Heil der Völker wacht
Für Pflicht und Recht, erleichtert es das Denken;
Dem Dichter ist's das beste Eigenthum,
Es nähret ihn und fördert seinen Ruhm. –

Es hilft dem Geist, wenn er die engen Schranken
Der Körperkraft mit Feuergluth durchbricht,
Und schickt im Flug die eilenden Gedanken,
Wenn fern der Freund mit seinem Freunde spricht;
Es macht oft froh und warnet vor Gefahren
Und hilft uns oft das Göttliche bewahren.

(Zum Hausherrn sich wendend.)
Du kennst den Werth, Dein Beispiel hat's gelehrt,
Bist ihm vertraut in Deinen stillen Stunden;
Drum hat das Glück Dir diesen Schatz verehrt,
Drum wurd' er hier an Deinem Herd gefunden.
Der Geist, der ihn mit Fleiß bisher bewacht
Und nun entdeckt, hat, wie Du denkst, gedacht.

So nimm ihn hm! er wird Dir redlich nützen,
Das Uebermaß nur schadet überall;
Man kann sich selbst im Glück zu Tode sitzen;
Das weißt Du, und das werde nie Dein Fall!
Die Mäßigkeit ist gut in allen Dingen,
Mit Mäßigkeit kann man es sehr weit bringen.
(Geht ab.)

    Chor. Die Mäßigkeit ist gut in allen Dingen,
    Mit Mäßigkeit kann man es sehr weit bringen.

Schlußgesang.

Mel. Freut Euch des Lebens etc.

Heiter gesungen!
Wenn es Dir Vergnügen macht,
Ist es gelungen,
Was wir ausgedacht;
Zum Wenigsten ist unser Wunsch
So warm wie guter Arakpunsch
In diesem schönen Augenblick
Für Deines Lebens Glück.
Heiter gesungen!
Wenn es Dir Vergnügen macht,
Ist es gelungen,
Was wir ausgedacht.

Wohlfein und Frieden
Und ersprießliches Gedeihn
Müssen hienieden
Die Begleiter sein.
Du weißt es, unsre Freude ist,
Wenn Du vergnügt und heiter bist;
Das mache manches, manches Jahr
Uns noch der Himmel wahr!
Wohlsein und Frieden
Und ersprießliches Gedeihn
Müssen hienieden
Die Begleiter sein. –