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Wilhelm Ludwig Wekhrlin: So prellt man Mandarine - Kapitel 1
Quellenangabe
authorWilhelm Ludwig Wekhrlin
typeanecdote
titleSo prellt man Mandarine
sendera_hachmann@gmx.de
created20000202
booktitleDeutschsprachige Erzähler, Band 4
publisherDieterich'sche Verlagsbuchhandlung
addressLeipzig
year1976
volume1
pages298-303
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Wilhelm Ludwig Wekhrlin

So prellt man Mandarine

Eine Anekdote aus der Staatsgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts

Cochinchina ist, wie man weiß, ein Wahlreich. Es ist nur ein Reichslehn der Kaisere von China. Wenn der Thron erledigt wird, so versarnmlen sich die Mandarine in ein Kapitel und wählen den neuen Regenten durch die Mehrheit der Stimmen. Ordentlicherweis' ist's einer aus ihrem Mittel [aus ihrer Mitte]. Als der erlauchte Ta Qua Si vor einigen Jahren starb, so hatte der Mandarin Pan Ti die wahrscheinlichste Hoffnung. Beinahe alle Stimmen waren ihm versichert.

Inzwischen wünschte der Hof zu Peking, einen seiner Prinzen anzubringen. Die Sache war nicht völlig leicht. Sie erfoderte eine der feinsten Intrigen. Und diese ereignete sich. Die Jahrbücher der europäischen Höfe werden schwerlich einen merkwürdigern Staatsstreich liefern.

Sobald man zu Peking erfuhr, daß alles zur Wahl reif war, so sagte der Kaiser seinem Vertrauten, dem Kai Fong, etwas ins Ohr. Dieser ließ seinen Palankin rüsten und gab eine Reise ins Bad zu Tajuen vor. Dies ist der Lustort der Großen von China. Man kann nicht zur guten Welt gehören, wenn man nicht Tajuen besucht. Eine solche Reise war also ohne allen Argwohn.

Der Weg geht über Cochinchina. Hier stieg nun Kai Fong ab, um seine Bekannte zu grüßen und die Regeln des Wohlstands, welche, wie wir wissen, in China heilig sind, zu erf'üllen. Alles dies lag so sehr in der Natur, es war so ungezwungen, daß man unmöglich was anders vermuten konnte.

Seine erste Visite war bei Pan Ti. «Mandarin», sagte er, «ich würde es bei mir nicht verantworten zu können glauben, wenn ich die Gelegenheit verabsäumte, die mir meine Reise nach Tajuen gibt, Euer Exzellenz aufzuwarten und mich Ihrer Gnade zu empfehlen. Außerdem reicht mir das öffentliche Gerüchte noch einen Grund: Sowie ich hier ankomme, so ist die erste Neuigkeit, die ich erfahre, daß das Kapitel Euer Exzellenz zu ihrem künftigen Oberhaupt ausersehen. Entzückt über diese Idee, sei es mir erlaubt, einer der ersten zu sein, der Euer Exzellenz seine Huldigung darlegt. Wie schön und wie edel ist der Entschluß des Kapitels, den Würdigsten zu wählen!» Hier bat der schlaue Höfling um die Ehre, Seiner Exzellenz die Hand zu küssen.

Pan Ti ward von einer solchen Höflichkeit bezaubert; die aufrichtige Miene und das gute Herz des Chinesen durchdrang ihn. Er umarmte den Mann; er versicherte ihn seiner wärmsten Freundschaft und trug ihm sein Haus an, indem er ihn beschwor, seinen Aufenthalt in Cochinchina zu verlängern.

Dies letztere war's, worauf der Freischütz zielte. – «Bloß», sagte er, «um das Vergnügen zu haben, ein Zeuge Ihres Triumphs zu sein. Ganz Asien wird zu dieser Wahl frohlocken, und wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn meine Wenigkeit, meine Gegenwart etwas mitwirken könnte!»

In diesem angenehmen Schlaf ließ er den Mandarin einige Tage ruhen. Itzt machte er den zweiten Besuch. – «Vom allgemeinen Jubel hingerissen», sagte er, «und selbst aus Furcht, ich möchte mein Stillschweigen bei meinem Hofe nicht verantworten können, konnt' ich mich nicht enthalten, dem Kaiser durch eine Estaffette die Neuigkeit mitzuteilen. Da ich weiß, wie sehr Seine Majestät Sie schätzen und was sie für Euer Exzellenz für eine persönliche Affektion hegen, so durft' ich mir schmeichlen, mit meinem Bericht höchst angenehm zu werden. Dies hat nun auch zugetroffen. Seine Majestät sind äußerst gerührt über den Entschluß des Kapitels zu Cochinchina; ja der Kaiser dringt durchaus darauf, daß Euer Exzellenz ihm das Vergnügen machen möchten, den Anteil, welchen er an Ihrem Glück nehme, Ihnen persönlich bezeugen zu können. Und ich habe den Auftrag, Euer Exzellenz zu beschwören, eine Lustreise nach Peking zu machen, um sich von dem Beifall der chinesischen Nation und von den Gunstbezeugungen des Monarchen lebhaft zu überzeugen.»

Diese Tour übermannte vollends den Mandarin. Er machte dem Kai Fong tausend Verbeugungen und bat ihn, den Kaiser zu versichern, daß er sich sogleich, wie die Krönungsfeierlichkeiten vorbei wären, Ihro Majestät zu Füßen legen würde.

«So würde also der Kaiser, mein allerdurchlauchtigster Herr, nur den zweiten Rang haben, Euer Exzellenz zu glückwünschen? Wie sehr fürchte ich, daß dieser Fall die Regungen Seiner Majestät niederschlagen müßte. Er hofft mit Recht, den Vorzug zu verdienen unter denjenigen, die sich über die beglückte Bestallung des cochinchinesischen Throns ausdrücken.»

Nun war kein Ausweg mehr übrig; der schlichte Mandarin ließ sich berücken. Er ging in die ihm gelegte Falle: er nahm die Post nach Peking.

Sowie er zwölf Meilen weit außer dem Gesicht war, so zog Kai Fong seine zwote Schlinge hervor. Er besuchte die Kapitularen, einen nach dem andern. Diesen wußte er sehr schlau beizubringen, ihre Absichten auf den Mandarin Pan Ti wären allerdings vortrefflich, aber doch wäre es sonderbar und vielleicht für das Kapitel ein wenig ehrenrührig, daß Pan Ti seinen Sieg vorderhand so mächtig ausbreite, daß er sogar nach Peking gehe, um die Glückwünsche des kaiserlichen Hofs zu überernten. Just so, als könnt' es ihm nimmer fehlen! – als wären ihm seine Kollegen ihre Stimmen zum Tribut schuldig! – als gäbe es ganz und gar keinen als ihn! – «Ich will nicht sagen», setzte er ganz unbefangen hinzu, «daß es beleidigendem Stolz ähnlich ist, aber es entdeckt einen gewissen Despotism, welcher der Ruhe des Kapitels nichts Gutes ominiert.»

Man sagt, die Kapitularen wären nicht überall schlaue Köpfe. Dieser Floh kroch ihnen zu Ohren. «Wahr ist's», riefen sie, «so käme es heraus, als wäre er Herr von der Wahl und unsereiner wäre der Niemand. Nein, beim heiligen Kong Fu! Das müssen wir nicht leiden. – Aber was ist zu tun? Raten Sie uns ein wenig, Kai Fong.»

«Hui!» erwidert der listige Missionar, «nichts scheint simpler zu sein; wagen Sie es zum Exempel, dem stolzen Mandarin einen Nebenbuhler zu zeigen. Tun Sie dergleichen. Stellen Sie, wäre es auch bloß zum Schein, einen Kompetenten auf Dies wird ihn geschmeidiger machen. Es wird die Ehre des Kapitels vor dem Publikum wieder retten und Ihrem künftigen Gebieter Gefühle der Verbindlichkeit einprägen. »

Vortrefflicher Gedanke! Er wurde im Einklang aufgenommen. Bei schwachen Seelen ist alles, was sie aus der Taufe hebt, willkommen. – «Aber wo nehmen wir immer geschwind einen Kompetenten her?»

Dies war der einige Punkt, worüber sie itzt strauchelten. – «Da weiß ich selbst vorderhand keinen Plan», sagte der Chinese mit scheinbarer Verlegenheit. «Natürlicherweis' muß», fuhr er nachdenkend fort, «dieser Kompetent kein Wicht sein; es muß ein Subjekt sein, das dem Mandarin Pan Ti Furcht einjagen kann. – Wie, wenn wir versuchten, ob es einem der kaiserlichen Prinzen gefällig wäre, diese Rolle zu spielen? Wir haben einen, der ein sehr schalkhafter Herr ist und welcher dergleichen Mystifikationen zum Zeitvertreib liebt. Übrigens ist der kaiserliche Hof dem Kapitel geneigt. Ich bin versichert, daß ihn dessen Ruhm interessiert.»

Hier machte der schlaue Vogelsteller eine Pause. Sie wirkte. Man übertrug ihm, die Sache einzuleiten. Mehr brauchte er nimmer. Seine Mission war erfüllt. Er verläßt Cochinchina, um seine Reise ins Bad zu endigen, von wo aus er den Briefwechsel mit seinem Hof über diese Sache zu besorgen verspricht.

Inmittelst ist Pan Ti zu Peking eingetroffen. Er meldet sich um Audienz bei Hofe. Sowie man seinen Namen nennt, so fahren die Flügeltüren auf; die kaiserliche Familie strömt ihm entgegen: «Willkomm, Mandarin, bei Hofe!» so ruft der Kaiser. «Bevor ich Sie reden lasse, so muß ich mir eine Freundschaft von Ihnen ausbitten, die ich mir nicht abschlagen lasse; sprechen Sie ohne weiterm ja. Ich beteure Ihnen, daß nichts in der Welt ist, was Sie nicht dagegen von mir verlangen können. Kurz, es ist Ihre Stimme für meinen Bruder Tongin.»

Der Mandarin stutzte; inmittelst behielt er noch Gegenwart des Geists genug, zu überlegen, daß, da er im Besitz aller übrigen Stimmen wäre, die seinige ihm keinen Abtrag tun könne. «Gebiete über deinen Sklaven, allerdurchlauchtigster Monarch», versetzte er, «Tongin sei Regent! »

Der arme, betrogene Pan Ti! Er wußte nicht, daß im nämlichen Augenblicke, als er Cochinchina verließ, ein Minister von Peking mit einem Wagen von Goldstangen dahin abging. Er mußte ihm auf der Mitte des Wegs begegnen.

Diese Goldstangen vollendeten die Intrige des Kai Fong. Überschwemmt mit Gnaden und Ehren, reist Pan Ti wieder zurück; das Wahlkapitel hält sich; Tongin ist Regent von Cochinchina, und Pan Ti hat ihm seine eigene Stimme dazu gegeben!

«Wie können uns Euer Exzellenz verdenken, da Sie uns mit Ihrer Stimme vorangingen? Ihr Muster verführte uns. Es machte uns irre.»

Diese subtile Ausrede hatte Kai Fong den Mandarinen in Mund gelegt, inmittelst sein Kamrad jedem eine Goldstange in die Hand legte.