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Christoph Martin Wieland: Vorbericht - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDas Hexameron von Rosenhain
authorChristoph Martin Wieland
year1991
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-008-1
titleVorbericht
pages3-164
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vorbericht eines Ungenannten

Das Zusammentreffen verschiedener zufälliger Umstände brachte in verwichenem Sommer eine auserlesene Gesellschaft liebenswürdiger und gebildeter Personen beiderlei Geschlechtes auf dem Landsitz des Herrn v. P. im *** zusammen.

Einige von ihnen hatten sich schon zuvor gekannt, andere sahen sich zum ersten Male; man wollte ältere Verhältnisse enger zusammenziehen, auch mocht es (wiewohl noch mit dem Finger auf dem Munde) darauf abgesehen sein, neue anzuknüpfen, da unter den Anwesenden einige junge Leute waren, über deren bisher noch freie Herzen Amor und Hymen, jeder mit Vorbehalt seiner besondern Rechte, sich in Güte zu vergleichen nicht ungeneigt schienen.

Daß wir die Leser oder Leserinnen, denen diese Handschrift in die Hände fallen könnte, mit ausführlichen topographischen, malerischen und poetischen Beschreibungen des Schlosses, der Gärten, des Parks und der übrigen Umgebungen von Rosenhain verschonen, werden sie hoffentlich mit gehörigem Dank erkennen, wiewohl es einem Schriftsteller von Profession vielleicht übel ausgedeutet werden möchte. Wir setzen dadurch ihre Einbildungskraft in volle Freiheit, sich das alles so prächtig und reich oder so lieblich und romantisch, in griechischem oder gotischem, mohrischem oder sinesischem, in ihrem eigenen oder in gar keinem Geschmack vorzustellen und auszumalen, wie es ihnen nur immer am gefälligsten sein mag. Man hat sich an dergleichen Beschreibungen so satt gelesen, daß die Neuheit selbst (wenn anders nach Mrs. Radcliffe und nach Jean Paul noch etwas Neues in dieser Art möglich ist) kaum vermögend wäre, einige Aufmerksamkeit zu erregen. Überhaupt dürfte den meisten Erzählern zu raten sein, in diesem und ähnlichen Fällen ihren Lesern lieber zuviel als zuwenig Einbildungskraft zuzutrauen.

Eine vermischte, ziemlich zahlreiche Gesellschaft, welche mehrere Wochen auf dem Lande beisammen lebt, hat, außer den gewöhnlichen Vergnügungen des Landlebens, noch manche Maßnehmungen nötig, um die beschwerlichste aller bösen Feen, die Langeweile, von sich abzuhalten.

Die Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, hatte bereits so ziemlich alle andern Hülfsquellen erschöpft, als eine junge Dame, die wir (weil die wahren Namen hier nicht zu erwarten sind) Rosalinde nennen wollen, auf den alten, so oft schon nachgeahmten Boccazischen Einfall kam: daß jedes der Anwesenden, nach dem Beispiel des berühmten Decamerone oder des Heptamerons der Königin von Navarra, der Reihe nach, etwas einer kleinen Novelle oder, in Ermangelung eines Bessern, wenigstens einem Märchen Ähnliches der Gesellschaft zum besten geben sollte.

Dieser Vorschlag fand Beifall und Widerspruch. Die Ältesten und die Jüngsten erklärten sich sogleich ganz entschieden, daß sie, wenn der Vorschlag durchginge, zwar sehr gern geneigte Zuhörer abgeben, aber, im Bewußtsein ihrer Armut an den nötigen Erfordernissen, niemals eine tätige Rolle bei dieser Art von Unterhaltung spielen würden.

Die besagte junge Dame und zwei oder drei andere, welche sogleich auf ihre Seite getreten waren, wollten anfangs eine Weigerung, welche sie einem bloßen Übermaß von Bescheidenheit zurechneten, um so weniger gelten lassen, da sie selbst, nur im Fall alle übrigen gleiche Gefahr mit ihnen laufen wollten, Mut genug in sich zu fühlen vorgaben, ihr bißchen Witz und Laune auf ein so mißliches Spiel zu setzen. Als aber jene, Einwendens ungeachtet, auf ihrer Weigerung so ernstlich beharrten, daß es unartig gewesen wäre, länger in sie zu dringen, gaben die übrigen endlich nach, fanden aber doch nötig, sich von der ganzen Gesellschaft einige Punkte auszubedingen, ohne welche sie sich schlechterdings in nichts einlassen könnten.

Eine dieser Bedingungen, worauf der junge Wunibald von P. mit einem beinahe komischen Ernste bestand und worin er auch von der großen Mehrheit unterstützt wurde, war daß alle empfindsame Familiengeschichten und alle sogenannte moralische Erzählungen, worin lauter in Personen verwandelte Tugenden und Laster, lauter Menschen aus der Unschuldswelt, lauter Ideale von Güte, Edelmut, Selbstverleugnung und grenzenloser Wohltätigkeit aufgeführt werden, ein für allemal ausgeschlossen sein sollten.

»Ich bitte sehr«, setzte Herr Wunibald hinzu, »mir diese Ausschließung nicht so auszulegen, als ob ich die Dichtungen dieser Art, woran wir, denke ich, reicher sind als irgendein Volk in der Welt, nicht nach Verdienst zu schätzen wisse. Gewiß haben auch sie, wie alles unter der Sonne, ihren Wert und Nutzen; und ich gestehe gern, daß ich (um nur ein Beispiel zu nennen) in den meisten Erzählungen von Starke eine sehr angenehme Unterhaltung gefunden habe. Aber man kann selbst des Besten zuviel bekommen, und immer Unschuld und Wohltätigkeit und nichts als Unschuld und Wohltätigkeit geschildert zu sehen könnte zuletzt auch dem wärmsten Liebhaber von Unschuld und Wohltätigkeit lästig werden; zumal da der Abstich der Menschen, mit denen wir's in unserm ganzen Leben zu tun haben, von den Bürgern dieses herrlichen Landes Nirgendswo gar zu auffallend und schreiend ist.«

»Vielleicht«, sagte die Frau des Hauses, »liegt der Fehler bloß daran, daß man uns diese rein unschuldigen und durchaus immer guten Menschen in lauter Verhältnissen und Umständen darstellt, worin sie wie Menschen aus dieser Welt aussehen sollen. Da kommt es uns dann vor, als ob uns der Dichter wirklich täuschen und im Ernste überreden möchte, es gebe solche empfindsame Tischler und Schneidergesellen, so edelgesinnte gewissenhafte Taglöhner und Bettler, so holdselige, kunstlose und doch zugleich so feingebildete, madonnenartige Pfarrerstöchter und so unendlich freigebige und reiche Hof-, Kammer- und Kommerzienräte in unserm lieben deutschen Vaterlande überall vollauf; und wer kann sich das weismachen lassen?«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau«, sagte die junge Amande B., indem sich ihr geistvolles Gesicht mit einer liebenswürdigen Schamröte überzog, »dies konnte doch schwerlich die Meinung eines so verständigen Mannes wie Starke sein. Sollte nicht die Absicht, uns desto mehr für seine Personen zu gewinnen und durch die anschaulich gemachte Möglichkeit, auch in unsern Verhältnissen so edel und gut zu sein als jene, ein desto lebhafteres Verlangen, es in der Tat zu werden, in seinen Lesern zu erwecken, sollte diese Absicht, die er auf keine andere Weise so gut erreichen zu können glaubte, nicht hinlänglich sein, ihn zu rechtfertigend

»Ihre Bescheidenheit, liebe B.«, versetzte Frau von P., »verwandelt in eine Frage, was Ihnen selbst etwas Ausgemachtes ist. Ich liebe diesen Glauben an die Güte und Bildsamkeit der menschlichen Natur, woran Ihr Herz und die Unerfahrenheit ihres Alters gleich viel Anteil hat. Möchten Sie nie Ursache finden, Ihre gute Meinung von der Menschheit zu ändern! Immer dünkt mich indessen, die Versetzung solcher Engelmenschen in unsre Alltagswelt, wieviel Lebensähnlichkeit ihnen auch ein Dichter zu leihen weiß, diene doch nur dazu, uns desto gewisser zu machen, daß er uns bloße Märchen erzählt. Meines Erachtens ist eine der Hauptursachen, warum wir Geßners Schäferinnen und Hirten so natürlich finden, weil er sie uns nicht für unsre Landesleute und Mitbürger gibt, sondern für Bewohner eines idealischen, ausdrücklich für sie gemachten Arkadiens, wo es ebenso natürlich zugeht, wenn sie bei aller ihrer Unschuld und Einfalt so artig, wohlgesittet und zartfühlig sind, als es natürlich ist, daß unsre Schafknechte, Viehmägde und Gänsehirten in allen Stücken das vollständigste Gegenbild von jenen darstellen.«

Da gegen diese Bemerkung der Frau von P. (vermutlich aus bloßer Höflichkeit) nichts weiter eingewendet wurde, so blieb es bei dem von Wunibald vorgeschlagenen Gesetz. »Ich lasse mir billig gefallen, was den meisten gefällt«, sagte Nadine, eine von den jungen Personen, welche Rosalindens Antrag unterstützt hatten. »Aber wenn wir sentimentalische Alltagsgeschichten und idealische Familienszenen ausschließen, so hoffe ich, es werde mir aus gleichem Rechte zugestanden werden, gegen das gesamte Feen- und Genienunwesen, gegen alle Elementengeister, Kobolde, Schlösser von Otranto, spukende Mönche und im Schlaf wandelnde bezauberte Jungfrauen, kurz, gegen alles Wunderbare und Unnatürliche, womit wir seit mehreren Jahren bis zur Überladung bedient worden sind, Einspruch zu tun.«

Diese zweite Bedingung fand noch lebhaftern Widerstand als die erste. »Welcher Dichter oder Erzähler«, sagte man, »wird sich eine so reiche und unerschöpfliche Hülfsquelle verstopfen lassen wollen? Die Liebe zum Wunderbaren ist nicht nur der allgemeinste, sondern auch der mächtigste unsrer angebornen Triebe, und kaum wird eine Leidenschaft zu nennen sein, die nicht, sogar in ihrer größten Stärke, der Gewalt des Wunderbaren über unsre Seele weichen müßte. Der Hang zum Wunderbaren ist, wie man's nimmt, die stärkste und die schwächste Seite der menschlichen Natur; jenes für den, der selbst wirkt, dieses für den, der auf sich wirken läßt. Wer auf keiner andern Seite zugangbar ist, dem ist auf dieser beizukommen. Wie übel würde also die Hälfte unsrer Gesellschaft, die es auf ihre Gefahr übernähme, die andre zu unterhalten, daran sein, wenn ihr gerade das gewisseste Hülfsmittel, die Zuhörer bei Aufmerksamkeit und guter Laune zu erhalten, untersagt wäre?«

Diese und andere Gründe wurden mit vieler Wärme gegen die vorgeblichen Freunde des Natürlichen geltend gemacht, aber von diesen hinwieder mit triftigen Gegengründen ebenso eifrig bestritten, bis endlich Herr M., ein großer Bewunderer der neuesten Philosophie, ins Mittel trat und den Vorschlag tat: wenigstens die Schutzgeister von dem Bann, welchen Nadine über das gesamte Geister- und Zauberwesen ausgesprochen hatte, auszunehmen. Die neueste Philosophie, versicherte er, sei (gleich der alten Platonischen und Stoischen) eine erklärte Gönnerin des Wunderbaren und so weit entfernt, Geistererscheinungen für etwas Unnatürliches anzusehen, daß vielmehr, ihr zufolge, die ganze Körperwelt nichts als eine bloße Geistererscheinung und eigentlich außer den Geistern gar nichts der Rede Wertes vorhanden sei. Er trage also darauf an, den Erzählern, ohne sich einer ungebührlichen Einschränkung ihrer wohlhergebrachten Dichterfreiheit anzumaßen, einen so großen Spielraum, als sie sich selber nehmen wollten, zu gestatten und den Gebrauch, den sie vom Wunderbaren zu machen gedächten, lediglich ihrer eigenen Bescheidenheit und Klugheit anheimzustellen. – Herr M. zog im Namen der neuesten Philosophie eine so ehrfurchtgebietende Stirne zu diesem Vortrag, daß weder Nadine noch sonst jemand das Herz hatte, sich dagegen aufzulehnen; und so schien denn auch dieser vorläufige Punkt aufs reine gebracht zu sein.

Die Ordnung, in welcher die Personen, die sich zur tätigen Rolle in diesem Gesellschaftsspiel erboten hatten, einander ablösen sollten, wurde itzt durchs Los entschieden und zugleich die Abrede getroffen, daß man sich künftig, sofern nichts anders dazwischenkäme, alle Abende eine Stunde vor Tische in der großen Rosenlaube oder im Gartensaale ungezwungen zusammenfinden wollte, wo es dann jedesmal auf die gegenwärtige Stimmung der Anwesenden ankommen sollte, ob man sich auf diese oder eine andere Art unterhalten wolle. Denn bloß weil die Stunde dazu geschlagen, und gleichsam zur Frone, Märchen anhören zu müssen, schien etwas, das weder sich selbst noch andern zuzumuten sei.
 

So weit geht in der Handschrift – welche dem Herausgeber, sehr zierlich auf Velinpapier geschrieben und von etlichen Zeilen mit der Unterschrift Rosalinde begleitet, zugeschickt und zu beliebigem Gebrauch überlassen worden – der Vorbericht. Die Handschrift selbst führt den Titel

Das Hexameron von Rosenhain

und besteht aus sechs Erzählungen (oder Märchen, wenn man lieber will), womit die Gesellschaft auf dem Schlosse zu Rosenhain an ebensoviel schönen Sommerabenden von sechs Personen, deren wahre Namen hinter romantische versteckt sind, unterhalten wurde.

Wofern sie nicht einen sehr behenden Geschwindschreiber bei der Hand hatten, so ist zu vermuten, daß jedes sein Märchen selbst zu Papier gebracht und den andern Mitgliedern der Gesellschaft Abschrift davon zu nehmen erlaubt habe. Indessen gedachte man anfangs wohl schwerlich, aus den anspruchlosen Zeitkürzungen eines kleinen Kreises einander gefallender und daher leicht befriedigter Verwandten und Freunde eine Unterhaltung für die Welt zu machen. Aber was in ähnlichen Fällen schon öfters geschah, begegnete auch hier; und, wie es immer damit zugegangen sein mag, gewiß ist wohl, daß die Handschrift dem Herausgeber nicht zugeschickt wurde, um sie unter sieben Siegeln in seinen Schreibtisch einzukerkern.
 

Der Abend war so anmutig, der Himmel so heiter, die Luft so mild und balsamisch und der Anblick des Gartens im Zauberlicht des wachsenden Mondes aus den Fenstern des Speisesaals so einladend, daß die Gesellschaft sich zu einem gemeinschaftlichen Lustwandel entschloß. Man verteilte sich zu zweien und dreien, entfernte sich unvermerkt voneinander, begegnete sich ebenso unversehens wieder, verlor sich von neuem und fand sich endlich, ohne Abrede, wieder vollzählig in der Rosenlaube, die damals eben in voller Blüte stand, beisammen.

In kurzen gab die lauschende Stille, die über der Gesellschaft zu schweben schien, das Zeichen, daß man sich zum Hören gestimmt fühle, und Rosalinde wurde mit einer so schmeichelnden Ungeduld ihres Versprechens erinnert, daß sie sich der Erfüllung um so weniger entziehen konnte, da sie bereits zwei oder drei Tage darauf vorbereitet war. Sie fing also – nachdem sie der jungfräulichen Göttin der Schamhaftigkeit durch die in solchen Fällen gewöhnlichen Entschuldigungen, Bitten um Nachsicht und dergleichen das schuldige Opfer gebracht – ihre Erzählung folgendermaßen an.

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