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Ottilie Wildermuth: Krieg und Frieden - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorOttilie Wildermuth
booktitleVon Berg zu Tal - Erzählungen
publisherVerlag Jugendhort
titleKrieg und Frieden
year1862
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9649a984
created20070121
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Ottilie Wildermuth

Krieg und Frieden

Das Leben in Friedenszeiten.

Unweit der schwäbischen Grenze liegt das stattliche Schlößchen Hochheim, das der alte Baron bewohnte. Seine zwei Enkel, Hans und Oskar, hatten da eine so glückliche Jugendheimat, wie sie ein Kind sich nur wünschen kann.

Der Vater der Knaben war als Offizier im russischen Feldzug gefallen; die Mutter hatte mit den Söhnen ein Daheim bei dem Großvater gefunden, und man hätte sich für aufwachsende Knaben keinen schöneren und fröhlicheren Tummelplatz wählen können. Der Großvater war vom Schlage gelähmt und wußte wenig mehr, was um ihn vorging. Sorgsam von der Mutter der Knaben gepflegt, saß er in dem großen Lehnstuhl seiner Stube; wenn die Kleinen hier und da zu ihm kamen, so streichelte er wohl die lockigen Köpfe, konnte aber gleich wieder fragen: »Was sind das für Kinder?«

Den Knaben gefiel es nicht lange bei dem Großvater, und die Mutter ließ ihnen gern Freiheit, soviel es nur möglich war.

Lernen mußten sie freilich auch; das Lateinische kann nun einmal keinem Buben erspart werden, wenn etwas Rechtes aus ihm werden soll. Hans fand das oft recht dumm und sehr unnötig; er meinte, es wäre viel gescheiter gewesen, wenn die alten Römer Deutsch gesprochen hätten, und wollte nicht begreifen, wozu denn das Latein dienen solle, das doch kein Mensch mehr spreche; der Arminius habe auch nicht Lateinisch gekonnt, als er die Römer im Teutoburger Walde besiegt. Oskar besann sich nicht, ob es nötig sei oder nicht; er glaubte es der Mutter und dem Lehrer, daß man etwas Tüchtiges lernen müsse, um etwas Tüchtiges zu werden, und er fand selbst wirkliche Freude an seinen Arbeiten. Als er das erstemal für sich allein eine kleine lateinische Geschichte lesen und verstehen konnte, da kam er sich vor wie ein Seefahrer, der ein neues Stück Land in Besitz genommen. Herr Ladner, der Lehrer und Hofmeister der Knaben, verstand keinen Spaß; auch der wilde Hans, er mochte wollen oder nicht, mußte ordentlich seine Aufgaben vollenden, und wenn er sie garstig hingesudelt hatte, sie noch einmal machen ohne Gnade. Aber wenn sie endlich fertig waren, dann ließ er ihnen auch freien Lauf, und die Knaben hatten so viel und vielerlei, daran sie sich erfreuen konnten, daß sie fast nicht fertig damit wurden, so lang auch das Jahr war.

Der Winter war recht gemütlich und behaglich auf Schloß Hochheim, und es hatte die Knaben noch nie verlangt, zu dieser Zeit in die Stadt zu ziehen, wie andere adlige Familien der Gegend. Gab es doch in kalten Wintern prachtvolle Schlittenbahnen die Hügel hinab für ihre Bergschlitten, und wie herrlich war es, wenn man, was freilich selten geschah, die zwei schönen Braunen vor den Schlitten spannte, der mit einem stolzen Tigerfell bedeckt war, und mit lustigem Geklingel hinausfuhr zu einem Besuch in der Nachbarschaft! Auch verschmähten die jungen Barone gar nicht, hier und da ins Dorf zu gehen und große Schneeballschlachten mit den Dorfjungen zu liefern. Die Schar, welche Hans anführte, blieb meist siegreich; Oskar mußte mit der seinigen flüchten und wurde lange von dem Bruder ausgelacht, weil er einmal behauptet hatte: »Ja, du, recht davonlaufen ist auch eine Kunst!« Auch fror Oskar bald, und er benützte gern einen Vorwand, wieder nach Hause ins warme Stübchen zu der Mutter schlüpfen zu können.

Es war aber auch recht behaglich in der Mutter Zimmer, wo die Knaben spielen durften, solange sie nicht gar zu viel Lärm und Unordnung machten. Am Fenster auf einem Tritt stand das zierliche Arbeitstischchen der Mutter, von welchem aus sie, so oft sie die Augen erhob, weit hinaus in das winterliche Land blicken konnte. In der Ecke stand ein altertümlicher, schwerer eichener Tisch mit gedrehten Füßen; auf dem hatten die Knaben ihren Spielplatz; da standen prächtige Armeen, mit denen Hans großartige Schlachten lieferte, bei welchen sich Oskar oft sehr ungeschickt anließ und den Schlachtplan verdarb. Oskar baute lieber Tempel und Türme aus den Bauhölzern oder fügte künstliche Geduldspiele zusammen; manchmal setzten sie sich auch auf den Tritt zu der Mutter Füßen und sie mußte ihnen eine Geschichte erzählen. Da ging es aber dem Hans selten wild genug zu, und Oskar war nicht zufrieden, wenn nicht zuletzt alles gut ging, jeder Prinz ein Königreich oder doch wenigstens ein halbes erhielt und eine schöne Prinzessin dazu. Hans stellte dazwischen die Kämpfe der Drachen mit den Rittern dar, wobei Spiegel und Fenster in beständiger Gefahr schwebten; Oskar aber verfertigte zu den Geschichten schöne Zeichnungen, auf denen die holden Prinzessinnen meist mit etwas langen Nasen davonkamen.

Lustiger freilich waren der Frühling und der Sommer, wo Herr Ladner lange, schöne Spaziergänge mit den Knaben machte, merkwürdige Entdeckungsreisen durch Wälder und Felder unternahm, oder wo die Mutter sie hier und da mitnahm zu Besuchen in der Nachbarschaft; und dann waren prächtige Tummelplätze in Hof und Garten. Hans machte sich an die Knechte, die ihn auf den Pferden reiten ließen; Oskar gesellte sich zum Gärtner, der ihm half, ein eigenes kleines Gartenland bauen, in dem er ganz wunderbare Anlagen machte und sich schrecklich abquälte, einen Springbrunnen zustande zu bringen.

Kriegsgeschichten.

So schön aber der Garten war, so schlüpften die Knaben doch gar zu gern durch das kleine Pförtchen auf den weichen grünen Rasenplatz, der sich hinter dem Schloß den Abhang hinabzog; da konnte man den Berg hinunter Wettläufe anstellen oder zwischen den Büschen und Bäumen Verstecken spielen. Noch lieber war es ihnen, wenn sie, auf der steinernen Bank an der Gartenmauer den »Schwoleschehrsmarte«, wie ihn die Dorfleute nannten, antrafen; es war ein alter, ausgedienter Soldat, der in seiner Jugend bei den Chevaulegers (der leichten Reiterei) gestanden hatte, und der jetzt mit seinem hölzernen Fuß keine Feldarbeit mehr versehen konnte. Im Winter schnitzelte er Spindeln und Rührlöffel; im Sommer aber sonnte er sich gern vor den Häusern im Dorf oder auf der Gartenbank des Barons. Er lebte von einem kleinen Invalidengehalt, auch durften ihm die Knaben von den Eltern oft Geschenke bringen: alte Kleider und Tabak, was ihm eine besondere Ehre war, denn sein Pfeifchen dampfte den lieben langen Tag; Sonntags war er der regelmäßige Gast im Schlößchen. Den Knaben war's die größte Freude, zu Martin zu sitzen und sich seine Geschichten erzählen zu lassen; es waren das wieder ganz andere als die der Mutter, nicht so wunderbar und doch wieder merkwürdiger, lauter selbsterlebte Begebenheiten aus seiner Kriegszeit. »Ich bin selbst dabeigewesen,« versicherte der Martin; »damals war's noch ein Ernst, Soldat zu sein, nicht wie jetzt, wo sie nichts können als ein bißchen exerzieren und herumflankieren; ich bin in Schlesingen (Schlesien) gewesen und in Rußland, das gilt für drei; meinen Fuß haben sie mir erst in Frankreich abgeschossen.«

Am meisten wußte er immer von Rußland zu erzählen, von dem namenlosen Elend, das dort die Armee durchgemacht. »Ja, Buben, wenn mir damals einer gesagt hätte, ich werde nach zehn Jahren daheim sitzen im Frieden und mein Pfeiflein rauchen, dem hätt' ich's auch nicht geglaubt. Damals, als wir auf der Flucht waren von Moskau, da hatt' ich keinen Wunsch mehr auf der Welt, als daheim zu sterben; »nur noch! heim«, dacht ich. Ich und ein Kamerad blieben noch beisammen; wir wußten nicht mehr wohin, wußten nicht, wo die Kosaken über uns herfallen würden. Wohin man sah, lag einer erfroren am Wege, manch guter Mutter Kind, um den sie daheim sich die Augen ausweinten.

»Einmal waren wir ganz ausgehungert – was wir in selbiger Zeit oft gegessen haben, das mag ich nicht mehr erzählen, graust mir selbst, wenn ich daran denke –, damals aber hatten wir gar nichts mehr, als wir endlich ein russisches Dorf sahen. Sonst waren wir den Dörfern ausgewichen, weil man nicht wußte, wann man da totgeschlagen wurde; nun aber hieß es: Not kennt kein Gebot. Wir brachen ein in das nächste beste Haus. Merkwürdige Kerle, die Russen. Man sagt, sie essen Unschlittlichter. In dem Haus aber, wo wir eindrangen, aßen sie gerade keine; sie lagen alle auf dem Ofen herum und aßen aus einem großen Trog Brei oder Suppe oder was es war. Uns war alles eins, lieber totgeschlagen werden, als Hungers sterben, 's geht geschwinder! Die Leute waren ganz verdutzt, wie wir da so hereinstürmen; mir nichts dir nichts zwei von den Burschen ihre Löffel aus der Hand nehmen und anfangen zu essen, als ob wir unser Lebtag noch nichts gegessen hätten. War's die lautere Verwunderung, war's Erbarmen mit uns armen ausgehungerten Kerlen, das der Herr ihnen ins Herz gegeben – genug, die andern alle hörten auf zu essen und schauten uns nur zu, wie wir hineinschoben: endlich hatten wir genug, oder war der Trog leer, ich weiß nicht mehr; wir packten auf, riefen: Großdank! und liefen hinaus, so geschwind wir konnten. Warten wollten wir gerade nicht, es hätte sie wieder gereuen können. Nicht viele, die unter die Russen geraten, sind so gut davongekommen wie wir. Die russische Suppe muß aber gut gewesen sein, wir hatten wieder auf lange Kraft, weiterzugehen.«

»Aber die Schlachten vorher, erzähl' mir von den Schlachten!« bat Hans. »Ei was, die Schlachten! das ist mir eins,« sagte Oskar, »ich will nicht wissen, wie sie da angreifen und schießen; da such' ich indessen Gänseblümchen und komme wieder, wenn du erzählst, wie ihr zuletzt herausgekommen seid.«

»Dumms Büble, die Schlachten sind gerade die Hauptsache,« sagte Martin, und erzählte dem begierig lauschenden Hans von den Belagerungen, Stürmen und Angriffen, von dem grausigen Anblick des blutigen Schlachtfeldes. Oskar wollte von dem allem nichts wissen; er kam erst wieder, um zu fragen: »Aber seid ihr denn nicht erfroren in Rußland, du und dein Kamerad?«

»Scheint nicht,« sagte lachend der Martin, »sonst könnt ich einem so naseweisen Büble, wie du bist, nicht mehr davon erzählen. Ja, wie wir weiter herauskamen, da war die Kälte nicht mehr so groß, auch keine Gefahr mehr von den Kosaken; aber unsere Stiefel zerrissen und unsere Kleider zerlumpten, und Geld hatten wir nicht. Mein armer Kamerad bekam ganz rote, geschwollene Füße, er konnte fast nicht weitergehen. Als wir einmal an ein kleines, trübes, sumpfiges Wasser kamen, sagte mein Kamerad, der Friedrich: »Da bad' ich meine Füße darin, sie brennen mich wie Feuer« – »Tu's nicht, 's ist dein Tod,« sag' ich. – »Und wenn's mein Tod ist, ich tu's« sagt er; »so kann ich ja doch nimmer fortkommen; wenn ich sterb' daran, so laß du mich in Frieden liegen und mach, daß du weiterkommst: denk, 's sei mir wohlgegangen« Da sitzt der Friedrich, hängt seine Füße ins Wasser und sagt: »Ah, das tut gut!« Auf einmal springt er 'raus und schreit: »Was Kuckucks ist das?« Was war's? Schwarz voll sind seine Füße, hängen lauter garstige schwarze Dinger dran wie Schnecken oder Würmer; er schüttelte und sprang herum, die Dinger aber hingen fest wie genagelt. Endlich legte er sich ganz matt auf den Boden und sagte: »Laß sie machen, ich glaub, 's sind Blutegel« – »Dummer Kerl« sag ich, »Blutegel holt man ja in der Apothek« Jetzt fallen die Dinger ab, und das Blut lauft von seinen Füßen wie Wasser, ich wasch's ihm ab mit meinem Nastuch. Endlich hört es auf zu bluten, und der Friedrich sagt: »Gott Lob und Dank! meine Füße tun mir gar nicht mehr weh, und sie sind so leicht, ich könnte fliegen« 's waren richtig Blutegel gewesen, die waren hier in diesem See gewachsen; er hatte sie umsonst bekommen, und seine entzündeten Füße waren geheilt. Fliegen konnt er nun freilich darum noch nicht, er war gar schwach und müd. »Laß mich liegen« sagt er wieder, »jetzt ist mir's wohl und ich bin so müd; da laß mich liegen und sterben!« – »Jetzt erst nicht« sag ich, »das war Hilfe vom lieben Gott; nun glaub ich wieder, daß wir heimkommen, und wo du bleibst, da bleib ich auch.« So führt ich ihn, es ging aber kümmerlich, und wir seufzten alle beid: »Wenn wir nur Geld hätten, um ein Wägelein zu nehmen!« Ja, Geld! In meinem Beutelein war gar nichts mehr, und Friedrich hatte noch weniger.«

»Wie kann das sein?« fragte bedächtig Oskar.

»Wie? Der Friedrich hatte nicht einmal mehr einen Beutel; das ist doch gewiß noch weniger.«

»Das ist das Ärgste« sagte mein armer Friedrich, »daß im Gehen immer etwas Hartes an meine Füße bumbelt und mir so weh tut, und meine Hosentasche ist doch leer« – »Nun, laß sehen« sag ich, »da muß etwas Zwischen dem Futter stecken;« ich lang hinein und krabble herum in den Hosen. Löcher hatten sie genug; da komm ich an ein langes, rundes Ding, zieh's heraus, was ist's? Eine Rolle Gold, lauter französische Goldstücke! meiner Sechs! »Kerl, wie kommst du zu dem?« frag ich; »so viel hast du dein Lebtag nicht gehabt« Da fällt's dem Friedrich ein: wie er zum Tode müd und erfroren an der Beresina niedergesunken war, hatten sie neben ihm einen Wagen mit der Kriegskasse geradezu umgeleert. O Kinder, da war das Geld wohlfeil; um viel Gold konnte mancher sein Leben nicht mehr kaufen! »Schad um das schöne Geld« hatte der Friedrich gedacht schon halb im Schlaf, und die Rolle eingesteckt. Davon aber hatte er nichts mehr gewußt, als ich ihn schon halb erstarrt an der Beresina gefunden und mit Gewalt mit mir geschleppt hatte, weil er immer so ein getreuer Kamerad zu mir gewesen. Jetzt rettete uns das Geld vom Tod.«

»Aber hat es euch denn gehört?« fragte Oskar.

»Fragenpeter!« schrie etwas ärgerlich der Martin. »Wer wollte noch 'rausbringen, wem das Geld gehörte? In so einem Krieg, da weiß man oft nicht mehr, was recht ist. Der Bonapartle hat das Geld scheffelweise aus dem Lande genommen; da durften doch zwei ehrliche deutsche Soldaten, die er dort hineingeschleppt, ihr Leben erretten mit dem, was er wegwerfen mußte. Hätt ich sollen meinen Kameraden liegen lassen und dem Bonapartle nachspringen und ihm das Geld bringen, das er uns vorher genommen?« Oskar war zufrieden. »Aber die Mütze haben wir abgezogen,« fuhr ernsthaft der Martin fort, »und die Hände zusammengelegt und ein stilles Vaterunser gebetet zum Danke dem lieben Gott, der uns bis dahin durchgeholfen. Und wir haben ein Wägelein bekommen, und haben uns stärken können mit Speise und Trank und sind heimgekommen. Dem Herrn sei Dank dafür. O, das wißt ihr nicht, was das heißt: heimkommen aus solchem Elend, daheim sein, ausruhen auf dem Bett, das die Mutter geschüttelt – seht, Buben, seither kann ich mir ein klein wenig denken, was es heißen will, wenn in der Bibel steht: »Sie sind daheim bei dem Herrn«.«

»Sind viele, viele nicht wiedergekommen?« hub Martin wehmütig wieder an. »Manche Mutter weinte laut, wenn sie uns sah, die wir zurückkehrten, und an ihren Sohn dachte und nicht wußte, wo seine erstarrte Leiche lag.

»Unseres Pfarrers Sohn hat auch mit müssen nach Rußland – der Bonapartle hat keinen geschont –, man hielt ihn schon für verloren. Da fuhr der junge Herr eines Tages herein mit Extrapost und Trompetermusik; die hatte er von der nächsten Stadt mitgenommen aus lauter Freude über seine Errettung. Der alte Herr aber, der Pfarrer, hat an dem Lärm keine Freude gehabt: ›Kannst du kommen mit Trompeten- und Freudenmusik, wo so mancher Mutter das Herz bricht?‹ fragte er. Mit seinem Sohne, mit uns Heimgekehrten und mit den Eltern und Geschwistern von denen, die nicht wiedergekommen sind, ist der Herr Pfarrer auf den Kirchhof gezogen, wo die nicht schlafen konnten, die in der Ferne gestorben, und die doch auch zu uns gehörten. Da haben wir zusammen das Lied gesungen: ›Ruhet Wohl, ihr Totenbeine, in der stillen Einsamkeit!‹ und der Herr Pfarrer hat ein andächtig Gebet gesprochen für unsere toten Kameraden.«

»Da hat man auch für unsern Papa gebetet,« sagte Oskar leise und faltete die Hände. – »Der hat nicht all das Elend mit durchgemacht, der ist schon in der Schlacht an der Moskwa gefallen; war ein schöner, starker Mann,« sagte Martin.

»Aber hör, Martin,« meinte Oskar, »es ist doch etwas Garstiges um den Krieg; ich versteh's nicht. Warum schießen denn die Leute einander mit Fleiß tot? Und was hilft sie's nachher, wenn sie sich Hände und Füße abgeschossen haben, oder gar den Kopf?«

»Ach, Fragenpeterle, das kann ich dir nicht sagen,« sagte Martin; »das müssen die großen Herren miteinander ausmachen.«

»Etwas Prächtiges muß es sein um den Krieg!« rief Hans mit funkelnden Augen, »wenn die Trompeten schmettern, die Fahnen flattern und die Trommeln schallen, und wenn man so drauf und drein stürmt! Da muß es erst schön gewesen sein, Martin, in der Schlacht, wo man dir deinen Fuß abgeschossen hat?« »Erstaunlich schön,« sagte Martin trocken, »will euch das ein andermal erzählen.«

»Das will ich wieder nicht wissen,« sagte Oskar.

»Ja freilich, du gibst eben einen Federfuchser,« sagte Hans geringschätzig.

Dieser Streit wiederholte sich vielfach bei den Brüdern, je mehr Oskar seinen Widerwillen gegen das edle Kriegshandwerk an den Tag legte. »Nicht wahr, Martin, er ist ein Hasenfuß?« fragte Hans, als er unter Martins Anleitung eine kleine Kanone losbrannte mit wirklichem Pulver und Oskar ängstlich die Hand vor die Augen hielt und sich fest an den alten Soldaten klammerte, während Hans herzhaft loskrachen ließ. – »Herr Ladner hat gesagt, man könne die Augen einbüßen, wenn Pulver zur Unzeit losgehe,« entschuldigte sich der Kleine.

»Laß ihn machen!« sagte begütigend Martin, der den Oskar doch sehr lieb hatte, wenn er auch keinen künftigen Helden in ihm sah. »Es gibt auch oft solche, bei denen die Courage erst später aufwacht. Sie erzählen: Wellington – wißt ihr, der große englische General, der geholfen, den Bonapartle 'nausjagen – der habe während der ersten Schlacht, wo er dabei war, unter einem Tisch gelegen und geschlafen. Mannesmut zeigen, wo's gilt, Buben, das ist das Rechte, nicht gerade blind dreinschlagen, und dann – es müssen auch Leute dableiben, die daheim zum Rechten sehen; was sollen denn die Soldaten essen, wenn sie wiederkommen und niemand indes das Land bebaut hätte?«

»Martin, ich werd' Offizier,« war bei Hans der Schluß jeder Unterhaltung.

»Und ich nicht,« sagte der Kleine; »ich mag nicht die Leute mit Fleiß totschießen, und mich selber mag ich auch nicht totschießen lassen.«

Trennung.

Manches Jahr war über Schloß Hochheim hingegangen, seit Hans seine kleine Kanone losgebrannt, und gar vieles war anders geworden. Der alte Herr Baron ruhte im Grabe, sein stilles Leben war stille erloschen; seine alten Diener allein und seine Schwiegertochter und Pflegerin, die junge Baronin, hatten um ihn getrauert; in der Welt hatte man kaum mehr gewußt, daß er noch lebe. Tiefer war das Leid, als auch die junge Frau bald nachher einer Krankheit erlag, und die Söhne, soeben im beginnenden Jünglingsalter, ganz allein in der Welt standen. Der Schwoleschehrsmarte saß gar selten mehr auf der steinernen Gartenbank, es war ihm da oben zu betrübt. Wenn er sich auf der Bank vor seinem Häuschen sonnte, so besuchte ihn Wohl hier und da Oskar, der regierende Baron, und fragte: »Wie geht's Euch, Martin?« – »Erträglich, gnädiger Herr,« war die Antwort. Sonst wußten sie nicht viel miteinander zu reden; an Kriegsgeschichten hatte Baron Oskar ja nie besondere Freude gehabt, und von der Knabenzeit redete er auch nicht gern, es war da ein wunder Fleck in seinem Herzen: – er war im Unfrieden von seinem Bruder geschieden.

Noch bei gesunden Geisteskräften, gleich nach seines Sohnes Tode, hatte der alte Baron über sein Besitztum verfügt. »Da das Gut zu klein ist, um zwei Familien standesgemäß zu ernähren,« bestimmte er, »so soll es meinem ältesten Enkelsohne, Hans von Hochheim, zum Eigentum bleiben unter der Bedingung, daß er seinen beständigen Wohnsitz auf demselben nimmt; denn ein solcher Besitz kann nur gedeihen und erhalten werden unter den Augen des Herrn. Mein zweiter Enkel, Oskar, wird Kriegsdienste nehmen, wie immer die zweiten Söhne unseres Hauses getan; sein Bruder hat ihm jährlich eine anständige Summe zu zahlen, damit er als Offizier standesgemäß leben kann.«

Dieses Testament, von dem niemand vorher gewußt, war aufgesetzt worden, ehe man die Eigentümlichkeit der beiden Knaben erkannt. Hans war in die Kriegsschule gekommen und sollte nun als Offizier eintreten; Oskar studierte allgemeine Wissenschaften und Landwirtschaft, als nach dem Tode der Mutter des Großvaters letzter Wille gefunden und eröffnet wurde.

Das gab nun einen langen und bösen Streit. Hans wollte Offizier bleiben und doch das Gut behalten und verlangte, Oskar solle nun auch Soldat werden. Oskar wollte das nicht, aber er erklärte sich bereit, das Gut mit dem Bruder zu teilen. In einem langen, teuren Prozesse wurde das Gut dem Baron Oskar zugesprochen, falls Hans nicht Lust habe, den Soldatendienst aufzugeben. Kein Freund, kein Verwandter war da, der bei den Brüdern zum Frieden geraten hätte, wohl aber neidische und böse Jungen, die sie noch gegeneinander aufreizten. Hans glaubte fest, daß der Bruder nur nicht Soldat geworden sei, um ihn um das Gut zu bringen, und er schied von ihm in bitterem Groll und Unfrieden.

Er wollte nicht im Vaterland Offizier werden, wo jetzt überall Friede war. »Ich habe nichts mehr, das mich an die Heimat bindet,« sagte er; »ich will hingehen, wo es Ernst ist;« und er nahm Dienste in Rußland, wo eben der Krieg mit der Türkei ausgebrochen war.

Oskar war nach vollendeten Studien heimgekehrt auf Schloß Hochheim; er hatte eine junge Frau heimgeführt, schön und gut, wie seine Mutter gewesen war; zwei liebliche Mädchen spielten auf dem Rasen, wo einst Hans seine kleine Kanone abgebrannt. Unter seiner umsichtigen Verwaltung war neues Leben und Gedeihen in das Gut gekommen; die Äcker, Felder und Wiesen, die zum Besitz des Herrn von Hochheim gehörten, waren die schönsten weit in der Runde – aber eine rechte Freude war doch nicht im Hause. Baron Oskar war meist düster und schweigsam und kam nicht gern mit seinen Nachbarn zusammen; es drückte ihn schwer, daß er im Unfrieden von seinem Bruder geschieden war,' daß seines Vaters Sohn, seiner Mutter Liebling, der fröhliche Gefährte seiner Kindheit nun heimatlos draußen in der Welt umherirren sollte.

Es war freilich des Hans eigener Wille gewesen, und Oskar glaubte in seinem guten Rechte zu sein, als er den Besitz des Gutes angesprochen. Jetzt aber dachte er oft: »Lieber hatte ich alles aufgegeben und mich nur als den Verwalter meines Bruders angesehen!« Er hatte öfter schon Hans größere und kleinere Summen zugesandt; sie waren immer wieder zurückgekommen mit der Bemerkung: »Der Herr und Erbe von Hochheim läßt sich nicht mit Almosen abspeisen.« »Es ist kein Segen in unserm Tun,« seufzte er bei dem kleinsten Mißgeschick, das im Haus, auf dem Felde oder beim Vieh sich ereignete, und seine Frau litt schwer unter diesem Druck auf ihres Gatten Seele.

Es war im Spätherbst des Jahres 1847. Der reiche Obstsegen war eingebracht, eine Fülle prachtvoller Äpfel und Birnen; der Wein aber war sauer und schlecht, auch die Ernte war gering; viel bittere Not und Armut, Unzufriedenheit und Unruhe unter den Leuten. Baron von Hochheim tat, so viel er konnte, um der Not zu wehren; aber er selbst war wieder schwer bedrückt von den Klagen, denen er nicht allen abhelfen konnte, und der alte Seufzer kam wieder: es liegt kein Segen auf unserm Tun.

Im Schlosse selbst war freilich keine Not und Sorge, obgleich die Baronin alle Üppigkeit vermied, um den vielen Armen noch besser helfen zu können. Es war einer der ersten kühlen Spätherbstabende, und draußen brauste ein gewaltiger Sturm; in dem schönen hohen Wohnzimmer aber war es behaglich warm; eine große Hängelampe verbreitete mildes klares Licht von der Decke: die kleinen Mädchen hatten eine niedliche Puppengesellschaft auf dem Tisch aufgestellt, und der Hampelmann des kleinen Bruders kam hier und da etwas ungeschickt in die feine Puppenvisite. Die Baronin strickte ein Paar bunte schottische Strümpfe für den Kleinen; der Baron im warmen, bequemen Schlafrock saß im Lehnstuhl und las ihr vor; die schöngemalten Rouleaux waren herabgelassen, während draußen Wind und Regen an die Fenster schlug. »Ah, heute ist's gut daheim sein!« sagte Baron Oskar, indem er sich behaglich in seinem Stuhl dehnte.

Heimkehr.

Da trat Franz ein, ein alter Bedienter, der noch unter dem seligen Baron gedient hatte, und winkte seinem Herrn. »Herr Baron, im Wirtshause drunten sei ein kranker Offizier angekommen, der sich noch in der Nacht weiterführen lassen wollte, als er den Namen des Ortes hörte; dem Wirt kam er bekannt vor, und er ließ den alten Schwoleschehrsmarte holen, daß er den Herrn ansehen soll; der nun schickt einen Buben herauf und läßt Euer Gnaden sagen, daß der fremde Herr kein anderer sei als Euer Gnaden Herr Bruder; aber 's scheint, er wolle nicht bleiben.« – »Schnell meinen Rock, meine Stiefel! – Adeline, bitte, laß die schönsten Zimmer rüsten! – ich muß sogleich...« rief der Baron und rannte ganz außer Fassung umher. »Aber ich bitte dich, Lieber, was ist's?« fragte erschrocken die Baronin. »Mein Bruder!« rief Oskar in höchster Bewegung, und der alte Franz teilte der gnädigen Frau alles mit, was er selbst wußte.

Frau Adeline war ruhiger und besonnener als ihr Gemahl. »Ich gehe mit dir,« sagte sie bestimmt, gab rasch die nötigen Befehle wegen der Zimmer, beruhigte die aufgeregten Kinder, die nicht wußten, was vorging, und stand in einen warmen Mantel und Pelz gehüllt schon neben ihrem Gemahl, als dieser in seiner Hast und Bewegung immer noch nicht recht in seine Stiefel kam. »Wir bringen ihn gewiß, mein Oskar,« sagte sie mit ihrer lieben, sanften Stimme und ging mit ihm hinaus in Nacht und Regen.

Auf dem harten Kanapee der etwas unsauberen Nebenstube der Dorfschenke lag, in seinen Mantel gehüllt, finster der fremde Offizier. Die Suppe, welche ihm die Frau Wirtin nach bestem Wissen gekocht, und der Wein, den ihm der Wirt von seinem stärksten gebracht, standen noch unberührt vor ihm.

»Es ist gewiß nicht möglich, Euer Gnaden, heut noch weiterzufahren,« versicherte ihn aufs neue der Wirt; »wir wollen morgen mit dem frühesten sehen ...« – »Schon gut, lassen Sie mich allein!« sagte ungeduldig der Fremde und wickelte sich, als der Wirt abtrat, mürrisch und finster in seinen Mantel.

Es war wirklich Hans von Hochheim, der nach vielen abenteuerlichen Kriegszügen in das deutsche Vaterland zurückgekehrt war und den ein Zufall, wie wir Menschen sprechen, so nahe seiner alten Heimat gebracht hatte. Nicht hierher hatte er wollen, wenn ihn auch oft in seinem milden, unstäten Leben ein tiefes Heimweh angewandelt hatte nach seiner Jugendheimat. Er kam mit dem alten Groll im Herzen und dachte in einer größeren Stadt der Umgegend einen Advokaten zu suchen, mit dessen Hilfe er vielleicht den alten Prozeß mit seinem Bruder wieder aufnehmen könnte; da hatte er auf der letzten Station die Post verfehlt, und der Kutscher, den er gedungen, hatte ihn nach langem Irrfahren ohne weiteres hier abgeladen mit der Versicherung, daß er bei dem Unwetter das müde Vieh nicht weiterplagen könne.

»Da soll ich liegen in einer erbärmlichen Schenke, nicht weit von meiner Väter Schloß,« knirschte er, und wandte sich unmutig auf die Seite, als die Tür aufging und ein blühender, kräftiger Mann an der Seite einer schönen, anmutigen Frau eintrat.

Er erkannte diesen Mann im Augenblick, so lange es auch war, seit er ihn zuletzt gesehen; er wußte, daß es sein Bruder war, noch ehe dieser ihm die Hand bot und freundlich sagte: »Bruder Hans, wir kommen, um dich zu grüßen und dich abzuholen in deine alte Heimat.« – »Ich habe keine Heimat mehr,« sagte Hans, sich finster abwendend, »der Baron von Hochheim läßt sich nicht als Bettler aus Gnaden aufnehmen.«

»So komm in dein Eigentum!« bat Oskar innig; »ich habe neben allem Glück keine rechte Freude, keinen Frieden gekannt, so oft ich daran dachte, wie du fremd und feindlich in der Ferne weilst; oh, wenn ich gefehlt, so verzeih' mir und komm mit uns! meine Frau bittet mit mir.«

Adelinens sanftes, holdseliges Gesicht sah ihn unter Tränen an, auch sie bot ihm die Hand und sagte liebevoll: »Oh, kommen Sie, bringen Sie uns und unsern Kindern Segen und Frieden wieder!«

Wo blieb der Trutz und Ingrimm des feindlichen Bruders, mit dem er sich geschworen hatte: keine Macht der Erde soll mich da hinaufbringen! Wie Schnee an der Sonne taute sein verhärtetes Herz auf bei den liebevollen Worten, dem innigen Tone der Geschwister, und als Oskar nochmals seine Hand ausstreckte und im alten gemütlichen Ton der Knabenzeit rief: »Wie, alter Hans, trutz nicht, gib deinem Kleinen nach!« da wurde sein Auge feucht; er schlug ein, er richtete sich auf, er ließ sich von Adelinen sorgsam wie von einer zärtlichen Schwester in seinen Mantel hüllen und verließ am Arme der Geschwister seine trübselige Schenke.

Das Zimmer war warm und die Lampe strahlte hell oben in dem teppichbelegten Wohnzimmer, wo der müde Krieger im besten Schlafrock seines Bruders auf dem weichen Sofa gebettet war; aber wärmer noch schlugen die Kerzen und heller glänzten die Augen der Geschwister, die sich endlich wiedergefunden. Adeline saß zu Häupten des Sofas, ihre Hand in der des neuen Bruders; unten saß Oskar und schaute glückselig seinen »Alten« an, der sich behaglich dehnte und seit lange keiner so guten Ruhe mehr zu erfreuen gehabt hatte: Ruhe von außen und innen.

Alma und Julie, die zwei Töchterlein, trippelten geschäftig hin und her und rüsteten das Teegerät auf das zierliche Tischchen am Sofa, glücklich, daß sie etwas für den merkwürdigen Onkel tun konnten, der aus dem Kriege kam; der kleine Junge schleppte den schweren Säbel des Onkels. »Na Bursch, wohin willst du?« fragte der. »In Krieg,« sagte vergnügt der Kleine. »So, so, wie heißt du denn?« –»Hans, wie Onkel, der im Krieg ist!« rief der Kleine, der jetzt entdeckt hatte, daß man den Säbel auch als Reitpferd benützen könne. »Hans« sagte überrascht halblaut der Onkel, »so war ich also nicht ganz vergessen bei euch?« – »Da sieh, Onkel, weißt du noch, daß du das bist?« fragte die kleine Julie und brachte ein Bild, auf dem Onkel Hans als Kind gemalt war, damals schon als kleiner Krieger mit Säbel und Patronentasche; das Bild war sorgfältig mit einem Kranze von Efeu und Lorbeer umgeben. »Ihr Gedächtnis ist grün geblieben, lieber Schwager,« sagte lächelnd Frau Adeline; »wir hofften immer, daß Sie noch mit Ihren Lorbeeren hierher zurückkehren werden, um bei uns zu ruhen.« – »Ja, meine Lorbeeren,« sagte der Soldat mit bitterem Lachen, »weiß ich doch kaum, wofür ich sie erworben.« – »Nun, alter Hans,« sagte der glückliche Oskar, »nun sollst du uns aber auch erzählen von deinen Taten, und wo in aller Welt du gewesen bist; ich habe ja in den letzten Jahren gar nichts mehr von dir erfahren können.« – »Ja, das gibt eine lange Geschichte,« sagte Hans; »das geht nicht so auf einmal. Wo ich war? Überall, wo es Krieg gab: in Rußland, in Polen, in Spanien, in der Schweiz, wo der Krieg aber nicht der Rede wert war; bei den Tscherkessen; es duldete mich nirgends, wo es Ruhe war und Friede; den Oberstenrang habe ich mir im Tscherkessenkrieg geholt.« »Ja, Onkel, man sieht dir's recht an, daß du im Krieg gewesen bist,« sagte Alma ernsthaft; und es war wahr. Onkel Hans hatte einen steifen Arm, ein ausgeschossenes Auge, und auf den Füßen schien er auch nicht mehr recht rüstig zu sein. »Ich habe genug für eine Weile,« sagte er mit einem tiefen Seufzer. »Nun ruhst du aus bei uns,« sagte Oskar wieder seelenvergnügt und reichte ihm die Hand über den Tisch.

Es bedurfte keines langen Zuredens mehr. Über die Seele des Kriegers kam hier, nach langem, rastlosem Herumtreiben, ein Gefühl von Frieden und Behagen, wie er es vielleicht nie in seinem Leben gekannt. Später führte ihn der Bruder hinauf in die schönen bequemen Zimmer, welche die freundliche Adeline für ihn bereitet hatte. Da stand das schneeweißgedeckte Bett mit einem schön gestickten Teppich davor, ein gutes Sofa zur Seite, auf welchem er bei Tag seine müden Glieder ausstrecken konnte; allerlei freundliche Kleinigkeiten zum Schmuck des Zimmers, welche die kleinen Mädchen herbeigetragen hatten. Alles zusammen tat ihm unendlich wohl; er gab dem Bruder herzlich die Hand und sagte aus tiefster Seele: »Gottlob! ich bin daheim.«

Kein Prinz und kein König in ganz Europa kann besser verpflegt werden, als Onkel Hans es war in seines Bruders Hause. Die Dienerschaft hatte gelernt, die Befehle des »Herrn Oberst« vor allem zu respektieren; die Kinder waren glücklich und vergnügt, wenn sie dem Onkel einen kleinen Dienst tun konnten; Julie trug ihm seine Pfeife nach; Alma, die schon recht hübsch lesen konnte, las ihm schöne Geschichten vor; Frau Adeline aber pflegte und hätschelte ihn und kochte ihm Leibgerichte, als wäre er ein Kind und kein schlachtengewohnter Soldat.

An manch traulichem Abend erzählte er seine Kriegserlebnisse von Sensenmännern in Polen, von dem wilden Bergvolk der Tscherkessen, von den Kämpfen, die das schöne Spanien verheert. Die Kinder merkten Wohl auf; aber den Mädchen ging's wie früher dem Oskar. Sie konnten nicht begreifen, warum man denn solche Kriege führe, warum die Leute sich totschießen und totstechen, und warum sie sollten nachher besser daran sein, wenn die Männer erschlagen sind und die Felder zerstört. Der kleine Hans, der wollte freilich fortwährend in »Krieg«, aber der verstand von allem nicht viel. Den besten Zuhörer fand der Onkel am Schwoleschehrsmarte; der war glückselig, wenn der Herr Oberst manchmal in seinem Häuschen einkehrte, das er jetzt selten mehr verlassen konnte, und ihm erzählte. »Ja, ja,« sagte er oft lachend, »der Hans hat damals nicht umsonst so herzhaft die Kanone abgebrannt; Respekt aber auch vor unserem jungen gnädigen Herrn, wenn er gleich kein Soldat ist, ein rechtschaffener Herr! und gut gegen die Armen; er ist auch recht am Platz, da wo er ist.«

Krieg und Frieden.

Ehe noch der Frühling des Jahres 1848 kam, ehe der Baron Hans sich hatte besinnen können, was er denn mit seiner wiedergestärkten Kraft beginnen wolle, ging's mit einemmal stürmisch her in der Welt. Die Franzosen hatten ihren König fortgejagt und fast zugleich brach an allen Enden und Orten ein Sturm los. Die erste Furcht war, daß das ungestüme Franzosenvolk, nicht zufrieden mit der Unruhe in seinen eigenen Grenzen, noch einbrechen wolle in die Nachbarländer. Auf einmal, kein Mensch wußte woher, erscholl an mehr als dreißig Orten zugleich der Ruf: »Vierzigtausend Mann französisches Gesindel ist über den Rhein gebrochen, sengt, plündert und metzelt; rette sich, wer kann!« Das war ein Schrecken allenthalben; von allen Orten kamen Flüchtlinge, Weiber, Kinder. Manche behaupteten, sie haben schon brennen sehen; wer noch etwas zu verlieren hatte, versteckte und verscharrte es, der Schmied im Dorfe drunten bei Hochheim grub sogar seinen Amboß in die Erde ein, die dicke Wirtin ihr getrocknetes Obst. Die kampffähige Mannschaft sollte gesammelt und gerüstet werden, um den Feind entgegenzuziehen. Da wachte in Onkel Hans der Soldat wieder auf, und er erbot sich mit der Mannschaft, die im Dorfe aufgeboten werden konnte, dem Feind entgegenzuziehen. So ernst die Sache schien, so mußte er doch lachen, als er die Waffen übersah, die auf den Platz geschafft wurden. Ein paar alte Büchsen, eine Vogelflinte, ein krummer Husarensäbel, zwei Hirschfänger, das war alles. Die Schmiede aber schmiedeten Sensen die ganze Nacht hindurch. »Das ist eine furchtbare Waffe in der rechten Hand,« versicherte Baron Hans, und die Leute sahen mit maßloser Bewunderung, wie geschickt er alles angriff und die ungeübte Schar der Kampflustigen ordnete. Der Schwoleschehrsmarte half als Unteroffizier, obgleich er mit seinem hölzernen Fuß leider nicht mitziehen konnte. Baron Oskar wollte auch mit; aber auf die Bitten seines Bruders und seiner Frau entschloß er sich, zum Schutz der Frauen und Kinder im Schloß zu bleiben. Das Schloß war eine wahre Kinderbewahranstalt geworden; jedermann schickte seine Kleinen hinauf, weil sie da doch geschützter waren. Man breitete im großen Salon alle entbehrlichen Betten auf den Boden; da schlief das kleine Volk durcheinander, nachdem sie lange nach ihren Müttern geschrien hatten und mit süßer Milch beschwichtigt worden waren. Sonst schlief niemand im Dorf und im Schloß in dieser Nacht; einige Weiber begruben ihre kleinen Schätze; andere kochten gar große Kessel voll Knödel, weil sie dachten, wenn die furchtbaren Franzosen nur genug zu essen fänden, so würden sie nicht gar zu schrecklich sein. Der kleine Hans im Schloß wollte gar nicht ins Bett; er wollte durchaus auch in »Kjieg« mit dem Onkel und »kleine Französlein totstechen«. Die Mädchen waren auch sehr aufgeregt über all das Neue und Ungewohnte; endlich ließen sie sich doch bewegen, zu Bette zu gehen, nachdem sie zu ihrem Nachtgebet noch das Gebetlein gesprochen, das die Mutter den kleinen Hans gelehrt hatte:

»Du lieber Vater im Himmel mein,
Laß ja den bösen Krieg nicht herein;
Gib, daß der liebe Frieden
Uns immer sei beschieden!

Früh vor Tag zog Oberst von Hochheim ab mit seiner Schar in ihrer abenteuerlichen Bewaffnung; er sah sie wehmütig an, diese frischen, kampfbereiten Bursche, von denen keiner hatte zurückbleiben wollen. Er wußte wohl, wenn es Ernst würde, wenn sie mit geübten Soldaten oder mit großer Übermacht zusammenträfen, daß er dann wohl nicht einen zurückbringen werde. »Und wenn ich selbst bleibe?« fragte er sich. »Nun, ein rechter Offizier fällt freilich nicht gern im Kampf gegen Raubgesindel, aber es ist ja dann für meine alte Heimat, nachdem ich so lange und so oft gekämpft nur für Fremde. So sei's drum in Gottes Namen! ich weiß kaum, warum ich bisher gelebt und gekämpft; so weiß ich denn doch, warum ich sterbe.«

Schloß Hochheim war nach der Anweisung des Obersten verbarrikadiert worden; unten am Fensterlein stand der Schwoleschehrsmarte mit einem Gewehr bewaffnet. »Wenn man meinen Stelzfuß nicht sieht, so seh' ich noch ingrimmig genug aus,« versicherte er, indem er seinen Schnurrbart strich; »und Französisch hab' ich auch gelernt in meinen Feldzügen, das ist die Hauptsache: Couchez-vous, filous, retirez-vous, il y a noch zehntausend Bataillons comme moi; ihr werdet sehen, wie sie laufen!«

Vom frühen Morgen an stand Oskar mit dem besten Fernrohr auf dem obersten Boden des Hauses; es war ihm bang vor dem Anblick der brennenden Dörfer, des wilden Kampfgetümmels, das nun bald losbrechen werde; er hatte seine Waffe zur Hand, aber er war nicht sehr geübt in ihrer Führung; zum erstenmal bereute er, daß er nicht mehr Zeit verwandt auf das Waffenhandwerk. Frau Adeline hielt Betten und Binden bereit, wenn man Verwundete bringe, und Oskar dachte mit tiefer Trauer, wie schmerzlich es wäre, den kaum gefundenen Bruder wieder zu verlieren. Die heraufgeflüchtete Kinderschar hatte aber bereits die Franzosenangst vergessen und tummelte sich glückselig in dem Schloßgarten, obgleich noch gar kein Frühlingswetter war.

Aber es blieb merkwürdig still und ruhig draußen; kein Rauch stieg auf als friedlicher Hüttenrauch; kein Schuß wurde gehört; die Weiber im Dorf, die nicht Franzosenknödel bereitet hatten, kochten allmählich zu Mittag; die Kinder durften im Schloß zu Gast essen.

Nachmittags um drei Uhr endlich erscholl das Geschrei: »Jetzt kommt er, der Franzos kommt!« Es ging an ein Rennen und Laufen und Verstecken, »'s ist nichts,« rief der Gänsefritz, der vorn am Dorfe Wache stand, »'s ist nichts, es sind unsre eignen Leut'!«

Ja, sie waren's; etwas langsam, matt und müde, aber gliedganz und unversehrt samt Büchsen, Dreschflegeln und Sensen; unter der Anführung ihres Obersten zogen die tapferen Landeskinder wieder ein. »Was ist's? wo ist der Franzos? habt ihr nicht gefochten?« fragte alles in höchster Begier, sogar die Kinder rannten vom Schlosse herunter. »Nichts ist's,« versicherte der Schultheiß, der auch mitgezogen war, wahrend Baron Hans in aller Stille dem Schlosse zuging. »Wo wir hinkamen, hieß es allenthalben: »Ja freilich, der Franzose kommt!« und doch wußte niemand, wo er war, immer weniger, je weiter wir kamen. Da schickte der Oberst endlich nach allen Seiten reitende Boten aus, die kamen zurück: es sei überall still, größte Ruhe. So sind wir denn umgekehrt.«

Da mußten die Weiber noch einmal kochen, und sie taten's gern, zumal in jedes Haus ein Krüglein guten Weins aus dem Schloßkeller geholt werden durfte.

Oben legte Baron Hans seinen Tschako, seinen Degen und seine Feldbinde schweigend auf den Tisch und sprach mit bitterem Lächeln: »Ist's ein Spott des Schicksals, daß mein letzter Feldzug gegen nichts war? – eine reine Lächerlichkeit?« Adeline legte sanft ihre Hand auf seinen Arm und sagte freundlich: »Lassen Sie sich das nicht reuen! Sie haben es in gutem Ernste gemeint und sind uns wie ein Engel in der Not erschienen. Sollen wir hadern mit dem lieben Gott, daß er Kampf und Blut von uns gewendet? Es kommen gewiß noch Zeiten, wo das Vaterland rechte Männer und starke Arme braucht!«

»Ja, wollte Gott, ich dürfte diesen schartigen Degen noch für mein Vaterland ziehen! Ich bin es müde, nur zu kämpfen um des Krieges willen; es ist das ein wüstes Tun!« sagte der Oberst wieder beruhigter.

Und es kamen noch schlimme Zeiten; Zeiten, wo nicht die Franzosen zu fürchten waren, sondern die eigenen Landeskinder; wo nicht nur die Bedrückten riefen nach ihrem guten Recht, nein, wo auch die Schlechten und Arbeitsscheuen dachten, wohlfeil zu Gut und Genuß zu kommen, wenn sie einfach teilten mit den Reichen.

Auch auf Schloß Hochheim stürmte ein Haufen unzufriedener Freischärler; der Oberst aber und der alte Stelzfuß verteidigten allein mit ein paar guten Flinten, mit denen sie aus den Fenstern schossen, so ritterlich das Schloß, daß die Bursche unverrichteter Sache abzogen, in der Meinung, da droben sei ein ganzes Regiment Soldaten, was man hauptsächlich der Uniform des Obersten zu danken hatte, und dem ganz furchtbaren Geschrei des Martin, der brüllen konnte wie zwanzig.

Von seinem Anrecht an den Besitz des Schlosses wollte Hans nichts mehr wissen. »Ich hab's so besser,« versicherte er; »ich darf mir's wohl sein lassen bei euch und habe keine Sorge um die Verwaltung.« Er nahm im Vaterland Militärdienste, weil er nicht untätig bleiben wollte, brachte aber die meiste Zeit bei seinen Geschwistern auf Hochheim zu, wo ihm immer so von Herzen wohl war. Da schreibt er seine Erlebnisse auf und sucht mit namenloser Mühe die versäumten Studien nachzuholen, die Kenntnisse zu sammeln, die er oft so schmerzlich vermißt hatte.

Der alte Martin ist zur Ruhe gegangen; er wurde auf Veranlassung des Obersten mit Trompetenmusik und Trommelschlag in allen militärischen Ehren begraben.

Der nun großgewachsene Hans hat noch einen jüngeren Bruder bekommen. Welcher von den beiden einmal in »Kjieg« will, ist noch nicht bestimmt; inzwischen folgen sie dem Rat des Onkels, der nicht müde wird, sie zu ermahnen: »Lernt etwas Tüchtiges, Bursche! Euer erster Krieg sei immerhin eine Römerschlacht; habt ihr einmal die Sprache der alten Feinde erobert, so macht herzhaft weiter, daß ihr tauglich werdet zu Krieg und Frieden.« Frieden halten unter sich, herzlichen, brüderlichen Frieden, das haben sie von Vater und Mutter gelernt, und das Haus blüht und gedeiht dabei.

Der Oberst aber bewahrt noch sorgsam seinen Degen auf, bis er ihn einmal ziehen darf für ein einiges deutsches Vaterland.