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Johann Gottwerth Müller: Siegfried von Lindenberg - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Gottwerth Müller
titleSiegfried von Lindenberg
publisherGottfried Dalencon
year1779
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Vorrede mit einer Dedikationsparenthese

Nichts, lieber Leser! ist so groß oder so klein unter der Sonne, oder unter dem Monde – wie die schönen Geister zu sagen pflegen, wie ich aber nicht sage, weil ich kein schöner Geist seyn mag; denn, so wie du mich siehst, hab ich wohl eher Leute gefunden, die sich schöne Geister nannten: aber an denen war alles so kunterbunt, und so mächtig gekräuselt, und so verzweifelt hoch, und gar nicht ein bischen so, wie bey andern ehrlichen Leuten, daß ich nicht das zehnte mal klug draus werden konnte, und es der Seele des Eustathius (welches eine sehr scharfsinnige Seele ist, die bey Leibesleben ihre Stärke darinn hatte, daß sie die schönen Geister da verstand, wo sie sich selbst nicht verstanden) überlasse zu beurtheilen, ob die Herren selbst daraus klug werden können. Nein, dafür lob ich mir die guten braven Leute, die so hübsch gerade vom Munde weg reden, daß es nicht kraus und nicht bunt ist, und doch hübsch heraus kommt. Da hab ich unter andern einen gekannt, der nun wohl schon ganz verweset ist, der hieß Hagedorn, und war ein feiner freundlicher Mann, der mich oft auf den Schooß nahm, als ich noch ein Knabe war, und mir Rosinen und Zuckerstritzeln in den Mund steckte. Auch kenne ich einen, der Gleim heißt, und meinen lieben allen Freund, der zur Minderung des menschlichen Elends so ein menschenfreundliches Büchlein gemacht hat. Habe auch mancherley gelesen, das Engel, Weisse, Leßing und etliche andre geschrieben haben, kenne auch den wackern Buchhändler Friedrich Nicolai in Berlin, der, Jahr aus, Jahr ein, ein paar dicke Bände verlegt, worinn den schönen Geistern die Wahrheit gesagt wird, wenn sie sich zu mausig machen. (Er hat mir auch wohl eher die Wahrheit gesagt oder sagen lassen, wiewohl ich kein schöner Geist bin, und mich eben nicht mausig zu machen pflege. Aber eben darum weil ichs für Wahrheit erkenne, und auf der Welt nichts lieber höre als Wahrheit, wenn sie manierlich, wie sichs unter feinen Leuten schickt, gesagt wird: so will ich um meine Erkenntlichkeit so öffentlich als ich kann zu Tage zu fördern, alles was in diesem Büchlein Gutes ist, Ihnen, mein werther Nicolai, hiermit in bester Form dediciret haben, mit angehängter Bitte, da doch für eine Dedikation die mehrste Zeit ein kleines Andenken zu erfolgen pflegt, mir statt dessen die Gefälligkeit zu erzeigen, und fernerhin wie vor diesem, in einer kleinen Recension dem ehrsamen Publikum mein Gutes, und mir meine Gebrechen anzeigen zu lassen. Wesfalls ich Ihnen nicht nur dieses, sondern auch meine letzten zwey oder drey Büchlein samt dem was ich etwa nächstens schreiben werde, zu baldigem Andenken empfehle. – Alles hergegen, was sich in diesem Buche Schlechtes und Mittelmäßiges findet – und das wird wohl bey weiten der größte Theil seyn – das dedicire ich hiermit in tiefster Devotion der hohen Ottomanischen Pforte, einmal, weil es doch so hübsch läßt, einen Monarchen zum Patron zu haben; zweytens, weil Seine Hoheit der Großsultan, wie ich von guter Hand weiß, kein Wörtchen Deutsch verstehen.) Alle die Leute, von denen ich vor dieser meiner Dedikationsparenthese redete, und alle ihres gleichen, müssen wohl keine schöne Geister seyn, weil man alles was sie schreiben, ganz ordentlich verstehen kann, ob man gleich zuweilen seine Sinne ein wenig zusammen nehmen muß. Wobey ich doch nicht unterlassen kann anzumerken, daß ich mich darum just für kein Pfefferkorn M. s. die bekannten Fragmente aus Briefen von Tellow an Elisa, S. 17. Ein Buch an dem ich, ausser dem Pfefferkorn, nur sehr wenig tadle, und sehr viel lobe. gebe. Ich mag auch überall kein Pfefferkorn seyn; lieber denn doch noch ein Gewürznägelein, das reucht und schmeckt doch besser, und ist darum doch pikant. Denn ich habe mich all mein Tage vor übler Gesellschaft gefürchtet, und wenn das Sprüchwort wahr ist, welches die Gewürzkrämer entscheiden mögen, so ist Pfeffer und ein gewisses ekelhaftes Ding mehrentheils unter einander gemischt. Und gesetzt ich entgienge der Gesellschaft, so wäre ich damit noch nichts gebessert, zerstampft zu werden, um etwa ein Topf voll Kartoffeln zu würzen.

Aber was wollt ich doch sagen? – Das ist meine Unart, wenn ich eine Vorrede schreibe, daß ich manchmal von meinem Zwecke so leicht und so weit abkomme, daß ich mich kaum wieder zurecht finden kann. Was ich für Unarten habe, wenn ich ein Buch schreibe, das magst Du, lieber Leser, selbst ausfündig machen, denn ich selbst weiß es noch nicht recht. – Also, was ich sagen wollte: Unter der Sonne ist nichts so groß und so klein, davon nach einiger Leute Meynung nicht schon Bücher gemacht wären. Diese einige Leute müssen doch wohl nicht recht zugesehen haben; denn ich habe in allen Buchladen fleißig nachgefragt, aber vom Junker Siegfried hat noch, so lange der Wind wehet und der Hahn krähet, keine Seele ein Buch geschrieben. Es kömmt auch sonst noch dieß und das in diesem Büchlein vor, das anderwärts wohl noch nicht gesagt seyn mag, aber freylich auch wohl nicht recht weit her ist. Auch präsentiret sich neben etlichen bekannten Physiognomien wohl ein und andres Gesicht, das noch keinem Maler gesessen hat. Nun kömmts nur darauf an, ob der Edelmann im Pommerlande Mannes genug sey, dem Publikum gefallen zu können, oder nicht? Und das überlassen wir dem Publikum und ihm, unter einander auszumachen, ohne den guten Mann und die armen Wichtlein die wir neben ihm zur Schau stellen, auch nur mit Einem Worte zu empfehlen oder anzuschwärzen. Wir haben noch ein Vieles zu lernen, und stellen uns so nach still und lehrbegierig hinter den Vorhang, sans Komparäson wie Apelles, um zu vernehmen was die Vorübergehenden urtheilen werden. Und hätten wir ja was zu bitten, so mögte es dieses seyn, daß der Schneider nicht über den Stiefel, und der Schuster nicht über den Schnitt des Kleides urtheilen wolle. Sollt auch irgend jemand, aus Drang des Genie oder so etwa unser Eustathius zu werden Lust und Belieben finden: den bitten wir gar säuberlich, sich die Lust vergehen, und das Ding unterwegs zu lassen, bey nahmhafter Pön.

Fände sich jemand, der da meynte, wir hätten Unrecht gethan, nur Fragmente zu liefern, und aus dem vielen Stoff nur eins und anders auszuheben: dem geben wir die Versicherung, daß wir selbst bedauren, durch gewisse Umstände zu diesem Verfahren genöthiget gewesen zu seyn. Da wir aber in unserm Pulte noch sehr viele Dokumente haben, das Lindenbergische Philanthropinum, die große Reise die der Edelmann inkognito that, seine Liebes und Vermählungsgeschichte, und wenigstens hundert andre eben so wichtige und merkwürdige Begebenheiten betreffend: so könnten wir uns wohl entschliessen, die Geschichte unsers Junkers und seines Ludimagisters vollständig zu liefern. Wir versprechen aber in dieser Absicht nichts gewisses, indem wir, wie billig, der Meynung sind, daß Versprechen Schuld mache, und andern Theils wohl wissen, wie viel bey der Autorschaft auf Wind und Wetter ankomme. Das können wir aber versichern, daß der Leser, dem dieses Bündel Siegfriediana nicht unschmackhaft vorkömmt, bey dem zweyten sein Konto wohl noch reichlicher finden dürfte.

Uebrigens ersuchen wir alle Kaiser, Sultane, Könige, Fürsten und Herren, die dieses unser geringes Büchlein lesen mögten, es ihrerseits dem guten Junker immerhin zu erlauben, daß er, was sie Großes thun, im Kleinen nachahme. Er hat, das getrauen wir uns kecklich zu beschwören, seinerseits nichts als Größe und seines Landes Bestes vor Augen. Daß das für einen Landjunker mißverstandne Größe sey, räumen wir gern und willig ein, wenn uns dagegen eingeräumet wird – denn eine Hand muß die andre waschen – daß des Junkers Unterthanen sehr glückliche Leute waren, in so fern ihr Glück von ihm abhieng. Schließlich versichern wir, daß wir, so wenig als Junker Siegfried, irgend einem Mutterkinde zu nahe zu treten gewillet sind, womit wir uns Dir bis aufs Wiedersehen bestens empfehlen.

Leipziger Oster-Messe, 1779.

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