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Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
editor
year1949
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080717
projectid6c26edc4
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1. Kapitel

Ein Gußregen war herniedergerauscht. Wallend und gischend schoß das sonst so ruhige Wässerlein zwischen den zwei Hügeln dahin; auf der Höhe des einen stand ein großes, stolzes Gehöft, am Fuße des andern, längs den Ufern des Baches, lag eine Reihe von kleinen Hütten.

Die letzte dieser Hütten war gar verwahrlost, der Türstock stand fast frei in der geborstenen Mauer, die Fensterrahmen hingen schief, hie und da guckte ein nackter Stein aus dem rauhen, verwitterten Anwurfe hervor und wenn auch die ärgsten Risse und Sprünge mit Lehm verschmiert und mit Heu und Stroh verstopft waren, so machte das den Anblick nicht besser. Dahinter stieg ein schmaler Streif bearbeiteten Bodens hinan, bestellt mit etlichen Gemüsebeeten, einem Acker mit Krautköpfen und einem andern mit Kartoffelpflanzen. Die Einfriedung dieses Besitztums war mehr angedeutet als wirklich, von Schlingpflanzen umwucherte Pflöcke standen weitab von einander und quer zwischen deren gabelförmigen Enden lagen vermorschte, schlanke Baumstämme.

Wenn der Bach, in den sie allen Unrat leiteten und warfen, träge dahinfloß, dann machte er der ärmlichen Siedlung viel Unlust, dann befiel auch die Beschränktesten da unten eine unklare Empfindung, in welcher Enge, in welchem Schmutze sie dahinlebten, aber heute wuschen die Wasser dahin und in die kühlende Feuchte der Luft mischte sich frischer Erdgeruch und würziger Pflanzenduft, und auf dem Sternsteinhof dort oben konnten sie es auch nicht wohlatmiger und gesünder haben.

Auf dem Bänklein vor der letzten Hütte saß ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, außer einem Kopftuche, einem Hemdchen von ungebleichtem Leinen und einem verwaschenen, blauen, weißgetüpfelten Röckchen, hatte es nichts am Leibe. Die Kleine hatte die Füße an sich gezogen, daß sie in der Luft baumelten, nur manchmal streckte sie den linken aus, drückte die Sohle in die feuchte Erde und sah nach dem Grübchen, bis sich dieses mit Wasser füllte, dann war der Schuh fertig. Ja, wer Schuhe hätte, der könnte unter die reichen Leute gehen, wohl auch da hinauf nach dem Sternsteinhof.

Sie hob wieder das Köpfchen. Von ihrem Gesichte war nichts zu sehen als das runde Kinn, der untere Teil der vollen Backen und die Spitze der kleinen Nase zwischen dem Spalt des Kopftuches, das sie zum Schutze der Augen tief in die Stirne gezogen hatte, denn das war auch nötig, hinter dem Hügel, ihr im Rücken, ging eben die Sonne unter, und daher flammten die Fenster des Gehöftes, nach dem sie so unverwandt hinsah, in sprühendem Feuer. Das nasse Schieferdach des Wohnhauses, das dort inmitten weitläufiger Wirtschaftsgebäude stand, verschwamm förmlich in dem tiefdunklen Grau der Wolken, die dahinter standen und nur an den Rändern einen ganz schmalen, rotgoldenen Saum zeigten, so daß es fast aussah, als reiche der Sternsteinhof bis an den Himmel.

Wunder hätte es das Kind nicht genommen! So weit der Himmel reicht – o, wie weit war das – gehört aller Boden zum Sternsteinhof und noch ein gutes Stück ebenen Landes dazu. Was die Wiesen an Vieh ernähren konnten, die Äcker zu tragen vermochten, das hatte der Sternsteinhof-Bauer in Ställen und Scheunen. Das sagten ja die Leute, daß ihm alles wie vom Himmel fiel, seit er den feurigen Stein, die Sternschneutze, die just zur Zeit, als er den neuen Hof zu bauen begann, auf seinen Grund herniederschoß, aus der Erde heben und in das Fundament einmauern ließ.

Plötzlich wirbelte inmitten des dunklen Grau ein helles, sandfarbes Wölkchen lustig empor, der Rauch, der aus einem der Schornsteine ober dem Schieferdache aufstieg. Das Mädchen starrte danach hin und seufzte leise. Von der Seite gesehen, mit dem übergebundenen Tüchelchen, dessen Zipfel hohl und spitz, das Gesicht verdeckte, mußte sich ihr Köpfchen wie das eines kurzschnäbeligen Vogels ausnehmen; und nachdem sie vorhin nach dem Goldrande der Wolken aufgeblickt hatte und nun gerade vor sich hinsah, so war es, als hätte zuerst der Vogel etwa aus der jungen Saat in die blaue Weite geguckt, und plötzlich beäugle er etwas ganz Nahes und besänne sich, ob er darauf los gehen solle.

Ganz so sah es wenigstens nach der Meinung eines halbwüchsigen Bürschchens aus, das schon längere Zeit hinter den Zweigen der mannshohen Büsche im Vorgärtchen der Nachbarhütte lauerte. Als der putzige Vogel da drüben den Schnabel senkte, übermannte den Burschen die Lustigkeit seiner Vorstellung so, daß er mit dem Knebel, den er sich aus einem seiner Hemdärmel drehen wollte, um den lauten Ausbruch seiner Heiterkeit zu ersticken, nicht mehr rechtzeitig zu Stande kam und nun in ein prustelndes, gröhlendes Lachen ausbrach, dem aber sofort ein krampfhafter, pfeifender Husten folgte.

Die Kleine schrak anfangs heftig zusammen, jetzt aber klatschte sie in die Hände und rief lachend: »Siehst, das geschieht dir recht, Muckerl, das ist die Straf dafür, daß du die Leut' so erschreckst.«

Was auch der Angeredete zu entgegnen gedachte, eine Entschuldigung oder Grobheit, für den Augenblick mußte der die eine wie die andere für sich behalten. Er lehnte an der Mauer und rang nach Luft, und in sein Gehuste klang das helle, fröhliche Lachen von drüben.

Eine dralle, behäbige Frau setzte mit einem ärgerlichen Rucke Pfanne und Topf, die sie eben zur Hand genommen, auf den Herd zurück und trat unter die Türe.

»Was gibt's denn da wieder für Dummheiten?« sagte sie. »Muckerl, du wärst wohl jetzt alt genug, um gescheit zu sein.«

»Es is ja aber weiter nix, Mutter, als a bissel a Hetz«, sagte der Bursche.

Die mütterliche Mahnung an sein Alter schien allerdings wohl angebracht. Wie er so dastand, barhäuptig und barfüßig, in Hemdärmeln, verlegen an dem einen einzigen Hosenträger zerrend, erschien er so engbrüstig, so völlig in der Entwicklung zurückgeblieben, kaum so groß wie das Dirnchen vor der Hütte nebenan, und er mag es wohl ein um das andere Mal vergessen, daß er volle drei Jahre mehr zähle, wie denn auch die Leute, denen davon gesagt wird, sich's gewöhnlich wiederholen lassen und dazu noch den Kopf schütteln.

Für Personen, die schon etliche Mal die Gelegenheit wahrnahmen, wohlangebrachte Mahnungen zu äußern, hatte es sicher nichts Überraschendes, daß Muckerl, sobald ihm die Mutter den Rücken kehrte, zum Vorgärtel hinaushuschte.

Er näherte sich dem Mädchen.

»Gut'n Abend, Helen'!«

»Gut'n Abend, Muckerl. Rück' zuher.« Sie machte ihm auf dem Bänkchen Platz. »Was hast denn vorhin so gelacht, wie nit g'scheit?«

»Über dein' Vogelhauben. Geh' tu's weg.« Er löste ihr den Knoten.

Das Dirnchen griff nach dem Tuche, das ihr in den Nacken sank und legte es vor sich in den Schoß. »Was irrt dich denn das, dummer Ding?«

»Freilich irrt's mich, weil ich dein G'sicht gern säh'.«

»Na, so gaff.« Sie drehte den Kopf über die eine Schulter nach ihm und sah ihm ganz nah, ohne zu lachen, in die Augen. »Hast leicht noch kein solch's g'seh'n?«

Er schüttelte den Kopf.

Es war ein vollbäckiges Kindergesicht mit gesundem Rot auf der kaum merklich braun angehauchten Haut, umrahmt von reichen Flechten schwarzen Haares mit bläulichem Schimmer. Die Stirne war frei, wölbte sich oben etwas vor, das gerade Näschen zeigte einen fein modellierten Rücken und zierliche Nüstern, die brennend roten Lippen waren voll, die obere schien ein klein wenig aufgeworfen, die untere ein bißchen eingekniffen, unter dichten Augenbrauen und zwischen schwerbefransten Lidern funkelten ein Paar graue Augen mit merkwürdig großen, dunklen Sternen.

Nachdem das Mädchen eine Weile den bewundernden Blicken des Jungen standgehalten, sagte es spöttisch: »Wenn ich auch dir g'fall, Muckerl, so laß dir sagen, du mir gar nit.«

»Das glaub' ich«, lachte der Junge. Er hatte ja alle Morgen beim Kämmen sein Bild im Spiegel vor sich und wußte, wie er aussah mit seinem braunen, borstigen Haarschopf über der breiten Stirne, der knolligen Nase darunter, den schmalen Lippen, den fahlen, eingesunkenen Wangen; nichts war auffallend an ihm als die großen schwarzen Augen, und die waren nicht schön, denn sie traten zu stark aus den Höhlen.

»Das glaub' ich, Helen',« wiederholte er. Er nahm es von der besten Seite. Wie einer aussieht, dafür kann keiner, und dagegen kann er auch nichts machen.

»Völlig schiech bist, Muckerl«, neckte die Dirne.

»Und du rechtschaffen sauber,« sagte der Junge.

»Das ist halt jetzt,« sagte sie ernst, »denk' aber, was ich zu wachsen hab', bis ich groß bin wie andere Leut'. Meinst ich bleib' sauber?«

»Die Sauberste wirst da herum.«

»Das ist auch was.« Die Kleine rümpfte das Naschen.

»Sag' ich denn da in Zwischenbühel?« fuhr Muckerl eifrig fort. »Im ganzen Landviertel mein' ich.«

»Geh', dummer Bub, fopp ein ander's! Du wirst alle großg'wachsenen Weibsleut und uns kleine Menscherln alle vom ganzen Landviertel kennen!«

»Das hat's auch gar nit not. Hat's nit zugetroffen, was ich vor zwei Jahr' von der Reitler's Eva g'sagt hab'? daß die ihr'n langen Leib und d'kurzen Fuß' behalt'? Nun, und kommt die heut' großg'wachsen, nit daherg'schritten wie ein' Gans, die ein'm anblasen will?«

»Du hast recht, völlig hast recht, Muckerl,« lachte Helen', dann faßte sie ihn plötzlich an beiden Händen. »Sag', verstehst du leicht wahrsagen, wie ein Zigeuner?«

»Sei nit einfältig, ich versteh' nur, was 'n Leuten g'fallen mag, und schätz' wohl auch, ob, was ich heut' seh', sich darnach auswachst und das ist mir so unter'm Holzschnitzen kommen. Du weißt, mit Löffeln und Rühreln hab' ich schon – kaum aus der Schul' – ang'fangt, später hab' ich wohl auch ein'm heiklichen Bauern an einer Stuhllehn oder am Türsims was g'schnitzt, aber das g'freut mich schon lang nimmer, tragt auch nur wenig Groschen, damit erhalt' ich mein' Mutter nit und käm' selber mein' Lebtag zu nix. Weißt, zulernen will ich. Denen, die d'weltlichen Mandeln und Heiligenbilder machen, will ich's nachtun. Der Herr Pfarrer hat's auch schon meiner Mutter versprochen, den ersten Heiligen, den ich zuweg bring', nimmt er in unser Kirchen. Schon a Zeit schau' ich mir alle Sach' daraufhin an, ob's ihr Holz wert wär', wenn man's schnitzte, und dasselbe kann ich mir dann auch so leibhaftig in's Pflöckl h'neindenken, daß ich mein', ich dürft' nur mit'm Messer nachgeh'n, daß ich's herauskrieg', aber zu eilig bin ich d'rauf aus, und da fallt oft da und dort a Spahn z'viel weg und 's Ganz wird mir schief und scheelweanket; hab' ich erst a sichere Hand, dann bin ich Meister und schneid' nur G'fallsams, wofür mich's Holz nit reut.«

Die Kleine hatte die ineinander geschlungenen Hände auf die Schultern des Burschen gelegt und stützte sich so auf diese. »Gelt,« sagte sie, »mich tät'st schnitzen?«

»Wie d' dasitz'st, von Kopf bis zun Füßen, aber lieber noch, wenn d' einmal großg'wachsen bist. Verlaß' dich d'rauf, du wirst bildsauber, Helen'; um dich werden sich die Buben raufen.« »Muckerl! du Himmelsakkermenter! wo steckst denn?« rief es von nebenan. »Gleich komm'! 's Nachtmahl steht auf'm Tisch!«

»Die Mutter,« flüsterte der Junge und glitt von dem Bänkchen herab. »Gute Nacht, Helen'! 's kann wohl sein –«

»Was denn?«

»Daß ich dann auch mitrauf'.«

Er huschte davon.

Als er in dem rein und sauber gehaltenen Stübchen bei Tische saß, keifte die Mutter: »Wie oft soll ich dir's noch sagen, mach' dich da drüben nicht unnütz'. Du bist doch wahrhaftig kein Kind mehr und ein Bursch in deinen Jahr'n vergibt sich etwas und es ist auch ganz unschicksam, wenn er sich mit so ein' halbwüchsigen Menscherl umtreibt. Verträglich bin ich gern mit alle Nachbarsleut, aber vertraulich nit mit jedem und mit den Zinshoferischen wohl zur allerletzten Letzt. Die Dirn' wachst um die Alte auf und die kenn' ich noch von meiner ledigen Zeit her, die ist von der Art, die keinem ein Gut's tut, sie hätt' es denn dabei besser, und der nichts Übles zustoßt, ohne daß sich's zugleich für andere schlechter trifft.«

Muckerl hatte sehr aufmerksam zugehört, jetzt schloß er den offenen Mund hinter einem Löffel Suppe. Er aß schweigend weiter. Offenbar war ihm das Gesagte so unverständlich, daß er ihm mit keiner Frage beizukommen wußte.

Unter der Türe der verwahrlosten Hütte zeigte sich die schlanke, hagere Gestalt eines alten Weibes. Nichts als die blitzenden, großen, grauen Augen hatte die Alte mit dem Kinde gemein.

»Komm' h'rein essen.«

»Essen?« fragte die Kleine gedehnt. »Wieder ein Schmalzbrot?«

»Sei du froh, wenn wir Schmalz darauf haben, es schmeckt doch weniger hart, wie trocken.«

Gähnend trat das Kind in die Stube, schloß aber hastig den Mund und zog tief die Nase kraus vor der moderigen Feuchte, die in dem engen Raum gärte und ihn noch unfreundlicher machte, als er es in seiner Unwohnlichkeit ohnehin schon war.

»Die Kleebinderin ärgert's wohl groß,« sagte die Alte, »daß dir ihr Muckerl nachschleicht?«

»Kann ja sein,« antwortete die Kleine, indem sie den Kopf zurückwarf und die Schultern hob, als wollte sie andeuten, der große Ärger der Kleebinderin sei ihr ganz gleichgültig.

»Du fängst aber bissel früh an,« fuhr die Alte mit gutmütigem Spotte fort, »dir sagen zu lassen, daß du schön bist.«

»Ich hab' ihn nit g'rufen, und kein' Anlaß zur Red' geben,« entgegnete schnippisch das Mädchen, nahm mit unwilliger Gebärde das dargereichte, mit triefendem Fett beschmierte Brot an sich und ging zur Hütte hinaus. An großen, harten Brocken kauend, stand sie dort und sah nach dem Sternsteinhof hinauf, der dort oben lag wie ein Schloß.

Alle Märchen, von denen sie gehört oder gelesen hatte, vermischten sich in ihrem Kinderkopfe. – – – Da war einmal eine blutjunge, bettelarme Dirne. Wohl war sie bildsauber, aber das merkte ihr niemand an, denn sie hatte nur schlechte Kleider und mit denen lag sie nachts in der Herdasche; der war es aufgegeben, auf einer glühenden Pflugschar über ein Wasser zu schreiten, einen gläsernen Berg hinanzuklettern und in dem Schlosse dort oben einem bösen, alten Weibe, das den Schlüsselbund nicht ausfolgen wollte, den Kopf zwischen Deckel und Rand einer eisernen Truhe abzukneipen. Dann aber war das Schloß entzaubert, gehörte mit allem Hab und Gut innen und allem Grund und Boden außen der armen Dirne, die nun bis an das Ende ihrer Tage herrlich und in Freuden lebte.

Wahrhaftig, die kleine Zinshofer Helene war ein weltkluges, entschlossenes Kind. Sie schätzte ganz richtig, daß viel Anstrengung, Mühsal und Pein auf dem Wege nach solch' einem verzauberten Schlosse liegen müsse, auf die Hilfeleistung gütiger Feen machte sie sich keine Rechnung, »schöne Prinzen« schienen ihr kein dringliches Erfordernis, und »alte Weiber« mochten sich vorsehen.

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