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Ernst von Wolzogen: Die Erbschleicherinnen, Band 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorErnst von Wolzogen
titleDie Erbschleicherinnen, Band 1
publisherVerlag von J. Engelhorn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidcb48763d
created20061115
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Erstes Kapitel.

[Erklärt, warum die Schwestern Mödlinger aus München in Bitterfeld zu weinen anfingen, und warum die Frau Konsul sich vorläufig über die Frau Geheimrat nicht weiter äußerte.]

In dem Damenabteil zweiter Klasse des durchgehenden Wagens Ala-Berlin waren alle Vorhänge zugezogen und die blauen Lichtschirme über der trübflackernden Oellampe heruntergeklappt. Es war zwischen fünf und sechs Uhr morgens; draußen begann es zu dämmern, der Regen klatschte gegen die Scheiben und trommelte auf dem Dache des Wagens.

Auf der kürzeren der beiden Polsterbänke lag eine sehr dicke ältere Dame ausgestreckt. Ihre Frisur hatte sich aufgelöst, und zwei dünne Zöpfchen baumelten über die Lehne hinaus vor der polierten Tür des Toilettenkämmerchens auf und nieder wie zwei ansehnliche Rattenschwänzchen. Sie hatte sich die Taille und das Korsett aufgeknöpft, eine Reisedecke über sich gebreitet und die Füße in formlosen schwarzen Samtpantoffeln stecken, von denen jedoch der eine heruntergefallen war und einen schwarzen Strumpf sehen ließ, aus dem die große Zehe ziemlich weit herausschaute. Diese gute Dame schnarchte fürchterlich. Sie hatte den Mund weit offen, und ihre feisten Hängewangen wackelten gleichmäßig im Takt, den der rasselnde Zug just angeschlagen hatte.

Jetzt gab es einen kleinen Ruck, der Zug bog in eine Kurve ein und schlug gleichzeitig einen andern Rhythmus an, flott hüpfende Anapästen nach der Melodie weiland König Ludwigs: »Wenn der Mut in der Brust seine Spannkraft übt«. Diese plötzliche Veränderung schien die dicke Dame in ihrer Behaglichkeit zu stören; der Mund schnappte zu, sie warf das Haupt mit einem tiefen Seufzer auf die andere Seite und stieß mit dem linken Fuß aus.

Die unglückliche junge Dame, welche auf demselben Polster am Fenster die ganze Nacht aufrechtsitzend in arger Bedrängnis hatte verbringen müssen, fuhr, von dem kräftigen Stoß in die rechte Hüfte getroffen, erschreckt zusammen, rieb sich die Augen und blickte verstört umher. Ein trauriger Blick streifte ihre umfangreiche Nachbarin, sie seufzte, zog sich die Handschuhe aus und begann ihr Genick, das ihr von dem langen Sitzen mit vorgebeugtem Kopf ganz steif geworden war, mit den Fingern zu reiben. Dann schob sie die Vorhänge ein wenig auseinander und schaute hinaus. Grau, grau! Weite Ebene ohne Baum und Strauch. Der Regen drückte den Rauchschweif aus der Lokomotive zu Boden nieder, daß er wie aufgeleimt auf dem öden Ackerfeld zur Seite des flachen Bahndammes klebte. Trostlos!

Fröstelnd drückte sie sich wieder in ihre Ecke, kreuzte die Arme über der Brust und gähnte. Sie schloß die Augen; aber an Schlaf war in ihrer unbequemen Stellung doch nicht mehr zu denken, und als bald darauf ein langgezogener, wehklagender Pfiff der Lokomotive anzeigte, daß sie sich einer größeren Station näherten, richtete sie sich wieder auf und schob die Gardine zurück.

»Du, Kathi,« klang's da vom gegenüberliegenden Polster her, und gleichzeitig bekam sie einen leisen Puff gegen das Knie, »magst nimmer schlafen?«

»I möcht' schon, aber die laßt mich ja net!« gab die also Angeredete zurück und deutete mit einem drollig bekümmerten Blick auf ihre schnarchende Nachbarin. »Die ganze Nacht hat s' mi pufft mit ihre Elefantenfüß.«

»Ja, und schnarchen tut s' wie a Nilpferd«, erwiderte das andere junge Mädchen, das noch lang ausgestreckt dalag und gähnend die Arme aufwärts reckte.

»Na weißt, Lizzi, du kannst doch net klagen. Wie hast denn du dees ang'stellt, daß di so bequem niederg'legt hast?« versetzte die große Kathi. »I hätt' mi net traut, wo doch die Dame da sich z'erst ausg'streckt hat.«

Lizzi richtete sich leise kichernd auf, winkte die Schwester näher heran und flüsterte ihr, sich zu ihr hinüberbeugend, ins Ohr: »Du, des ham mir schlau g'macht: z'erst hab' ich bloß a biß'l die Knie 'raufzogen und dann nach 'er halben Stund hab' i ein Bein vorg'streckt und wieder nach 'er halben Stund dees andre – und dabei hab' i mi g'stellt, als ob i fest schlafen tät, hab' an tiefen Schnaufer getan und mi auf die andre Seiten 'rumgedreht, daß s' hat meinen müssen, i wüßt' von nix. I hab's wohl g'hört, wie's Au geschrien und g'schimpft hat, aber was kann denn i dafür, was i im Schlaf tu'! Mit beide Füß bin i auf ihr drauf g'legen, aber z'letzt is ihr dees doch z'viel worden und nah hat's ihre magern Steckerln fei 'runter tun müssen, siext's!«

Mit schadenfrohem Gekicher wandten sich die beiden verschlafenen Mädchenköpfe einer hageren, mittelalterlichen Dame zu, die in höchst unbequemer Stellung, den Kopf wie eine geknickte Lilie vornüber hängen lassend, halb hockend, in der rechten Ecke lag.

»A geh, du bist a rechte Kecke«, sagte Kathi, mit einem halb neidischen, halb bewundernden Blick an der jüngeren Schwester herabsehend, die sich eben anschickte, ihre verdrückten Gewänder glattzustreichen.

Da hatte jene das Loch im Strumpf der dicken Dame entdeckt und packte eifrig unter neuem Gekicher die Schwester am Arm. »Uijegerl, Kathi, da schau!« flüsterte sie, auf die große Zehe deutend, »geh, nimm fürchterliche Rache und kitz'l dees Ungeheuer a weng an der Fußsohl'.«

Kathi fuhr ordentlich entsetzt zurück über eine solche Zumutung. »O mei, na, dees brächt' i net fertig!«

Lizzi zuckte die Achseln, streckte vorsichtig eine Hand vor und da – kribbel, krabbel – war die finstere Tat vollbracht! Die dicke Dame zuckte zusammen und stieß einen unwilligen Laut aus, der wie das Aufbellen eines großen Hundes im Traume klang, schnarchte aber gleich darauf ruhig weiter. Lizzi war von diesem geringen Erfolg ihres Unternehmens nicht recht befriedigt und wollte eben zu stärkeren Reizmitteln übergehen, als der Zug hielt und gleichzeitig die dürre Dame in der andern Ecke sich zu regen begann.

»Wo sind mer denn?« rief Lizzi halblaut, indem sie sich dem Fenster zuwandte und die Gardinen zurückzog. Sie rieb sich noch einmal die Augen, und dann buchstabierte sie den Namen »Bitterfeld«.

Die beiden Mädchen traten an die Tür und blickten, einander umschlungen haltend, hinaus. Etwas Oederes hatten sie in ihrem Leben noch nicht gesehen als diesen Bahnhof in der grauen nebligen Morgendämmerung, diese Fabrikessen und diese traurige Ebene dahinter.

»Du, Kathi,« begann Lizzi, nachdem sie eine ganze Weile stumm hinausgeschaut hatten, »da wohnen auch Menschen! Unbegreiflich! Net amal begraben möcht' ich mich hier lassen. Je, was is denn, was hast denn, Kathi?«

Kathi weinte. Große Tränen liefen ihr über die blassen Wangen. Es zuckte ihr um Nase und Mund, und vergeblich suchte sie sich zu beherrschen. Es half auch nichts, daß sie eiligst das verknüllte, feuchte Taschentuch hervorzog und sich heftig schneuzte. Sie mußte ein paarmal laut aufschluchzen. Dann zog die jüngere Schwester sie neben sich auf den Sitz nieder, schlang ihren Arm unter dem ihrigen durch, drückte sich eng an ihre Seite und fragte liebevoll: »Ja, was is denn mit dir, Kathi, was hast denn alleweil wieder? Jetzt sind mer doch bald da – das Weinen hilft doch auch z'nix mehr.«

»Freilich wohl, weiß schon,« schluchzte das große Mädchen, mit beiden Händen vor den Augen, »recht dumm is; aber mer weiß doch net, wie's kommt unter lauter fremde Leut'. Die ganze Nacht fahrt man immer weiter weg von der Heimat und nachher, wann mer d' Augen auftut und 'nausschaut, nah liest ma: Bi–i–i–itterfeld! Dees klingt so – so hoffnungslos.«

Lizzi machte einen schwachen Versuch die törichte Schwester auszuspotten, aber es gelang ihr schlecht, denn ihr standen selbst die Augen voll Tränen, und nun sie die Schwester darauf aufmerksam gemacht, kam es ihr selbst so vor, als ob in dem Namen »Bitterfeld« eine böse Vorbedeutung liegen müsse. So streichelte sie also nur still der Kathi über den Handrücken und half ihr weinen.

Die lange hagere Dame, die durch Lizzis Tücke so schnöde um ihre Nachtruhe gebracht war, begann jetzt munter zu werden, setzte sich steif aufrecht und starrte mißbilligend die weinenden Schwestern von der Seite an, als ob sich so etwas in ihrer Gegenwart nicht schicke. Dann holte sie Kamm und Taschenspiegel hervor und begann ihre spärlichen Stirnlöckchen zu frisieren. Jetzt trapste ein Mann über das Wagendach und löschte die Lampe aus, denn es war allmählich leidlich hell geworden, und dann gab's einen Ruck, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Davon wachte auch die dicke Dame auf. Mit Anstrengung brachte sie sich in sitzende Stellung, schaute sich blöde und verschlafen um, sperrte ungeniert ihre üppige Fülle wieder in die bergenden Hüllen ein und verschwand dann, sich mühsam durch die enge Pforte drängend, in dem kleinen Kabinett – ein Anblick, der so lächerlich war, daß selbst die säuerliche Dame in der Ecke ein flüchtiges Grinsen nicht unterdrücken konnte und Lizzi trotz ihrer Tränen laut herauskicherte. Erst als die dicke Dame nach einigen Minuten von ihrem Morgenausflug zurückkehrte, bemerkte sie, daß ihr der rechte Pantoffel fehle. Sie zog einen Kneifer hervor, quetschte ihn auf das breite Näschen, spähte am Boden umher und setzte sich dann resigniert auf ihren Platz. »Ach, liebes Fräulein,« begann sie, »hätten Sie wohl die Freundlichkeit ...«

Ehe sie noch ausreden konnte, hatte Lizzi schon den Verlorenen unter der Bank entdeckt und sich danach gebückt.

»Danke schön, mein Kind, danke«, sagte die Dicke dann freundlich und klopfte dem Mädchen, als es sich erhob, auf die Schulter. »Je kiek, was ist denn das, wir haben wohl gar geweint?«

»Ja, ein bissel schon«, erwiderte Lizzi verlegen lächelnd, indem sie sich wieder neben die Schwester setzte.

»Hm, hm, hm,« machte die Dame, und dann bückte sie sich ächzend herab, um den Pantoffel über den Fuß zu streifen, dabei ward sie der herausschauenden großen Zehe gewahr und brummte ärgerlich: »Tje süh! Die gewebten Strümpfe taugen auch rein gar nichts. Lauter nichtsnutziges Zeugs, was man so kauft. Die selbstgestrickten sind doch immer noch die besten.«

Die Anstrengung des Bückens und der Zorn über die Leichtfertigkeit des Strumpfwirkergewerbes hatten der guten Dame einen hochroten Kopf eingetragen, und als sie sich pustend wieder aufrichtete, konnte sie bemerken, daß die beiden großen Mädchen mit Mühe das Lachen verbissen.

»Tja,« rief sie in gutmütiger Entrüstung sich auf die Knie schlagend, »darüber lacht ihr junges Volk nu; wahrscheinlich könnt ihr selber gar keinen ordentlichen Strumpf mehr stricken.« Die Kathi wollte etwas einwenden, doch ließ sie die freundliche Dame nicht zu Worte kommen, sondern fuhr mit einer begütigenden Handbewegung lächelnd fort: »Laßt man gut sein, Kinnings, es ist mir lieber, ihr lacht mich aus, als daß ihr Tag und Nacht sitzt und heult. Jawoll, ich hab' schon gleich ein Aug' auf euch gehabt, wie ihr gestern abend in München eingestiegen seid. Wie ich euch da hab' Abschied nehmen sehen von der alten Frau ... Igittigitt, so was von Tränen – das war schon gar nicht mehr schön! Da hab' ich mir gleich gedacht: na, die reisen auch nicht zu ihrem Vergnügen, und in Schwarz gehen sie auch – das werden woll so 'n paar arme Würmer sein, die zum erstenmal in die weite Welt hinaus sollen und ihr Glück probieren. Hab' ich da recht in?«

Die beiden Schwestern nickten traurig und sahen einander an, und dann entschloß sich die ältere, die zaghafte Kathi, Antwort zu geben.

»Jawohl, 's is schon so, gnädige Frau haben ganz recht, wir sind Waisen. Der Vater is schon lang tot, den hab'n wir gar net gekannt, und d' Mutter is erst kürzlich g'storben. Die alte Frau, die uns am Bahnhof bracht hat, dees is unser alte Dienerin, die schon zwanzig Jahr lang bei uns g'wesen is. Geld hab'n mir keins, und da soll'n wir halt jetzt zu reiche Verwandte in Berlin, die wir noch gar net kennen. Und da is uns halt ... net wahr, Lizzi?« Sie fuhr sich wieder mit dem Taschentuch über die Augen und drückte die Hand der Schwester.

»Aha, so ist die Geschichte also. Na, und da is euch nu 'n bißchen bang vor«, versetzte die Alte teilnahmvoll. »Na, Kopf hoch, Kinnings, das wird jawoll allzu schlimm nicht werden. Es ist ganz gut, wenn man in jungen Jahren ein bischen in der Welt herumkömmt. Ich bin auch mit achtzehn Jahren schon zu Verwandten nach Carracas in Venezuela geschickt worden, also noch 'n bischen weiter als bloß von München nach Berlin. Igittigitt! Was hab' ich da geheult! Und dann wurd's doch ganz fidel – und dann kriegt ich ja auch bald meinen seligen Mann da draußen. Ich bin nämlich die Frau Konsul Thormälen aus Hamburg, und jetzt komm' ich eben zurück von Besuch bei meinem Schwiegersohn. Der hat 'n Geschäft in Mailand. Tja, so kommt man herum in der Welt. Das ist ganz nett, dabei bleibt man hübsch mobil. Na, nu kommt mal her, setzt euch hier zu mir, nu wollen wir mal erst 'n bischen frühstücken und dann woll'n wir uns was erzählen – dabei kömmt man auf andre Gedanken.«

Sie holte aus ihrer Reisetasche eine Flasche Wein mit Glas, belegte Brötchen, sowie einiges Obst hervor, und die beiden Schwestern ließen sich denn auch nach einigem bescheidenen Zögern bewegen, an der frühen Mahlzeit – es war kaum sechs Uhr – teilzunehmen. Die Butterbrote waren wohl ein wenig trocken geworden, das hinderte aber nicht, daß sie mit gutem Appetit verzehrt wurden. Der schwere Wein erwärmte ihnen das Blut und löste ihre Zungen, so daß bald eine lebhafte Unterhaltung im Gange war. Die steife, hagere Dame in der Ecke blickte einigermaßen neidisch hinüber; sie hatte säuerlich dankend die freundlich angebotene Mahlzeit abgelehnt.

»Na, nun sagt mir auch mal, wie ihr heißt, Kinnings,« fragte die Frau Konsul im Laufe des Gesprächs; »die Welt ist ja schließlich gar nicht so groß, und man findet überall Beziehungen heraus.«

Die beiden jungen Mädchen empfanden die Wißbegier der alten Dame durchaus nicht als unangenehme Zudringlichkeit, sondern waren im Gegenteil recht froh, von sich und ihren Verhältnissen sprechen zu dürfen, und so hatten sie bald ihre ganze einfache Lebensgeschichte zum besten gegeben. Sie hießen Katharina und Elisabeth Mödlinger, der Vater war ein viel an deutschen Theatern herumgekommener Sänger und Schauspieler gewesen, die Mutter, eine Norddeutsche, Tochter eines höheren Beamten, die dem schönen Manne und liebenswürdigen Künstler aus romantischer Neigung gefolgt und dadurch mit ihrer bürgerstolzen, tugendhaften Familie ganz zerfallen war. Auch als nach wenigen Jahren einer glücklichen Ehe der Gatte in München starb, hatte sich die wohlhabende Familie nicht mehr viel um die Frau gekümmert, so daß sie sich und ihre beiden Töchter nur in harter Arbeit, durch Unterricht in Sprachen und Musik, leidlich anständig durchzubringen vermocht hatte. Die Mutter war erst vor wenigen Monaten gestorben, ohne Vermögen zu hinterlassen, und nun waren sie darauf angewiesen, die ihnen angebotene Zuflucht im Hause des ältesten Bruders ihrer Mutter, des Geheimrats und Professors Doktor Riemschneider in Berlin anzunehmen, der durch eine Heirat mit einer reichen Kaufmannstochter sehr wohlhabend geworden war und keine Kinder hatte.

Die Frau Konsul Thormälen besann sich: »Riemschneider, hm, nee, Riemschneider kenn' ich nich. Ich kenn' sonst viele Menschen in Berlin, aber unter der Gelehrtenwelt freilich ... die Leute halten sich gar so exklusiv. Unsre Bekannten sind alle Kaufleute oder Industrielle, auch ein paar Beamte natürlich, sogar zwei Offiziersfamilien – so was hat man ja immer in die besseren Kreise. Aber wartet mal: was ist denn die Frau Professor Riemschneider für eine Geborene?«

Die beiden Mädchen besannen sich, konnten aber nicht auf den Namen kommen, und sie wußten nur, daß der Vater der Tante eine Leinenfabrik oder so etwas in Bielefeld gehabt hatte.

»Na seht ihr, den hätt' ich nu sicher gekannt!« sagte die alte Dame. »Vor Professoren und so etwas hab' ich selbst 'n bischen Bange, besonders vor den glattrasierten, die einen so über die Brille ankieken. Aber heutzutage gibt es ja auch unter solche Leute ganz menschliche Individibums, hehehe! – Das wird wohl allzu schlimm nich werden, und wenn der Mann viel Geld und keine Kinder hat, na, denn würd' ich mich an eurer Stelle fein und schlau aufs Erbschleichen verlegen.«

»O mei!« rief Kathi ganz erschrocken.

Die dürre Dame rümpfte verächtlich die Nase und murmelte etwas vor sich hin, während Lizzi vergnügt auflachte und sagte: »Wissen S', Frau Konsul, dees trau'n wir uns net. Der Onkel hat uns vor a paar Jahr in München b'sucht, das erste und einzige Mal, und da hab'n mir so Angst kriegt, daß mir uns gar net amal zum lachen getraut hab'n, wann er uns so wohlwollend über d' Brillen ang'schaut hat. Wissen S', dees is so aner.«

»Was is er denn für ein Professor?« warf die Alte dazwischen.

»Jurist, glaub' ich«, erwiderte Kathi.

Da räusperte sich die Hagere in der Ecke und sagte mit spitzer, hoher Stimme das eine Wort: »Kirchenrecht«.

»Hu!« machte die Frau Konsul komisch erschrocken, und starrte die Sprecherin an, »Sie kennen ihn also?«

Die zuckte die Achseln und rümpfte wieder die Nase. »Ein so berühmter Name in der wissenschaftlichen Welt! Persönlich habe ich leider nicht die Ehre. Aber ich habe Beziehungen zu nahestehenden Kreisen."

Die beiden Mädchen hatten sich in die Ecke gedrückt und flüsterten miteinander, und die Frau Konsul rückte ihnen nach, klopfte Kathi auf den Arm und lachte gutmütig.

»Na, man keine Bange, Kinnings, das Fräulein da wird jawohl nicht gleich petzen. Und dann« – fuhr sie leiser fort, denn sie mochte jetzt auch nicht mehr gern von der gefährlich dreinblickenden Dürren gehört werden – »mit dem Erbschleichen da hab' ich natürlich man Spaß gemacht; am besten ist's immer, man kann sich auf eigene Füße stellen. Ob man 'n Mann kriegt, das ist schließlich auch 'ne unsichere Geschichte, wenn man kein Vermögen hat. Aber ihr habt doch gewiß etwas gelernt, und Talente müßt ihr doch auch haben von den Eltern her, so was ist schließlich auch 'n Vermögen.«

Die Schwestern sahen einander zweifelnd an, und Lizzi erwiderte nach kurzem Bedenken für beide: »Ich glaub', damit ist's grad net weit her bei uns, gelt, Kathi? G'lernt hab'n mir schon was, aber vom Klavierspielen hat d' Mutter grad außerm Haus schon g'nug g'habt, und daß wir uns für die Bühne ausbilden lassen hätten, dees hat's net leiden mög'n, weil's sonst mit die vornehmen Verwandten draußen im Reich gleich gar g'wes'n wär'.«

»Hm, hm,« machte die Alte nachdenklich, »na, da heißt's eben abwarten und Tee trinken. Zum Davonlaufen ist's ja immer noch Zeit, wenn's anders gar nicht mehr gehen will. Wenn ihr mal nicht mehr ein und aus wißt, dann schreibt mal an mich, Kinnings. Für so hübsche junge Mädchens, wie ihr seid muß sich doch schließlich immer noch irgendwo ein warmes Plätzchen finden lassen.«

Die Schwestern waren sehr gerührt über die ihnen so warm entgegengebrachte Teilnahme, und Kathi nahm mit vielem Danke die ihr überreichte Visitenkarte der Frau Konsul entgegen und brachte sie sorgfältig in ihrem Umhängetäschchen unter.

Wittenberg und Jüterbog waren passiert, und der Eilzug näherte sich der Reichshauptstadt. Die Sand- und Kiefernheide verschwand, und es begann das weite Gebiet der Vororte mit ihren Villenkolonien und Fabrikschloten. Immer häufiger und aufgeregter schrillten die Pfiffe der Lokomotive, so oft der Zug über die zahlreichen Weichen hinwegrasselnd an den kleinen Stationen vorübersauste. Kathi und Lizzi hatten beide die Fensterplätze eingenommen und schauten eifrig hinaus. Der Regen hatte aufgehört, aber die Sonne war noch nicht durchgedrungen. Grau und unfreundlich blieb's da draußen wie bisher, und mit keinerlei landschaftlichen Reizen vermochte die neue Heimat das Herz der frischen Ankömmlinge für sich einzunehmen. Sie hatten nicht übel Lust, sich aufs neue ihrer trostlosen Stimmung hinzugeben, aber sie schämten sich vor ihrer freundlichen Hamburger Trösterin, und dann war es auch hohe Zeit, ein bißchen Toilette zu machen. Mit dem angefeuchteten Taschentuche wurden die Augen geputzt, das zerzauste Haar ein wenig glattgestrichen, die Hüte aufgesetzt und das Handgepäck zurechtgelegt. Und nun donnerte der Zug in die mächtige, weite Halle des Anhalter Bahnhofes hinein.

Die dürre Dame verließ zuerst mit einem steifen Kopfnicken das Kupeé und hüpfte auf den Bahnsteig hinunter. Dann ergriff die Frau Konsul die beiden Mädchen bei der Hand, drückte sie fest und sagte herzlich: »Nanu atjüs, Kinnings. Fliegt in die Arme eures liebenden Onkels – soll mich sehr freuen, wenn wir uns mal wiedersehen. Macht's gut, und Gott schütze euch!« Damit drängte sie die gerührt ihren Dank stammelnden Mädchen zu der schmalen Tür hinaus.

Da standen sie nun auf dem Bahnsteig und schauten ängstlich rechts und links um, aber die hohe, steif emporgestreckte Gestalt ihres Onkels, sein würdevolles Haupt mit dem grauen Backenbart und der goldenen Brille konnten sie nirgends entdecken. Schon wollten sie dem Ausgang zuschreiten, um nach der Wohnung des Professors zu fahren, als eine große, sehr starke Dame mit einem etwas grobknochigen Gesicht, sehr nobel in Plüsch und Seide gekleidet, auf sie zurauschte und sie fragte, ob sie nicht die Schwestern Mödlinger aus München seien. Auf ihre Bejahung legte die Dame ihre fleischigen Züge in möglichst freundliche Falten und sagte: »Dann heiße ich euch in eurer neuen Heimat willkommen. Ich bin eure Tante, liebe Kinder; euren Onkel müßt ihr schon entschuldigen, er ist gestern abend erst spät von einem Souper bei Seiner Exzellenz dem Kultusminister nach Hause gekommen und hat sich eine kleine Indigestion zugezogen.« Sie beglückte jede der Nichten mit einem kühlen Kuß auf die Wange, und dann fuhr sie fort: »Ihr habt doch hoffentlich euren Gepäckschein nicht verloren – nein? So, das, ist recht, daß ihr ordentlich seid; junge Mädchen sind oft so ...« Ein jämmerliches, dünnes Gequiek verhinderte sie an der weiteren Ausführung ihrer Betrachtung, und gleichzeitig schwirrte ein kleiner weißer Wollkloß auf vier Beinen ein-, zwei-, dreimal um sie herum und wickelte die rote Schnur, an der er befestigt war, spiralförmig um ihr schwarzseidenes Gewand.

»O, mein armer kleiner Dolli, was haben sie dir wieder getan?« rief die Geheimrätin in jenem mitleidigen Jammerton, wie man zu ganz kleinen Kindern spricht. »Wollen wir die bösen Menschen hauen? Hau, hau!« Dabei machte sie die Gebärde des Klapsens in unbestimmter Richtung und holte dann mit einiger Anstrengung ihren Liebling unter ihrem Kleidersaume hervor, worunter er sich in seiner Angst verkrochen hatte. Lizzi sprang herbei und wickelte sie aus der Umschlingung der roten Schnur heraus, denn sie sah ganz richtig voraus, daß der Tante ohne diese Hilfeleistung allerlei Schwierigkeiten und Verlegenheiten erwachsen mußten. »Danke schön, mein Kind«, sagte die große Dame, als sie ihr Kleinod glücklich auf den Armen hielt, und dann untersuchte sie durch ängstliches Betasten das kleine Hundevieh. »Gott sei Dank, du habchen tein Beinchen debrochen, du binschen ganzchen heil, mein süßer Verzug! – Hier stelle ich euch meinen Freund Dolli vor; das heißt, eigentlich heißt er Joli – parce qu'il est si joli, vous savez – ihr versteht doch wohl Französisch? Die Menschen sind immer so gräßlich roh so kleinen, zarten Geschöpfen gegenüber – nicht wahrchen, mein Schneeballchen? Du binschen so klein und niedlich, daß man dich gar nicht sieht.«

Kathi hielt es für angemessen, dem süßen Joli einige Höflichkeit zu erweisen und sagte: »Je, du bist aber a nett's Viecherl«, indem sie das weiße Wollknäuel an derjenigen Stelle zu streicheln versuchte, wo sie den Kopf vermutete. Aber da kam sie übel an. Mit einem wütenden, schrillen Geknurr fuhr das stumpfe Schnäuzchen aus dem Lockenwust heraus, und die spitzen Zähnchen schnappten nach ihren Fingern, die sie kaum schnell genug zurückziehen konnte. Die Geheimrätin lachte hell auf – ein sonderbares Lachen war es, so etwa: »Bruh hi-i-i-i-i-i! Pfui, du böser Süßling, wer wird denn gleich! ... Ja, da seht ihr, mein Joli ist nicht wie andere Hunde, daß er sich von jedem ersten besten schön tun ließe, ihr müßt euch sein Vertrauen erst verdienen. – Geh, sei gut, Mama hat zu tun.« Und damit setzte sie das kleine Ungeheuer sorgfältig wieder auf den Boden und winkte einen vorübergehenden Gepäckträger herbei, um ihm die Besorgung des Gepäcks ihrer Nichten aufzutragen.

In diesem Augenblick bemerkten die beiden Mädchen ihre korpulente Reisegefährtin, die, mit einer Menge Handgepäck beladen, dicht an ihnen vorbeiwatschelte.

»O, Frau Konsul, darf ich Ihnen net 'was abnehmen?« rief Lizzi aus, indem sie ihre freie Hand dienstbereit ausstreckte, um eine Hutschachtel zu ergreifen.

»Ja, wenn Sie so gut sein wollen, mein Kind; da, bitte, nehmen Sie das.«

Sei es nun, daß die Frau Konsul das Band der Hutschachtel zu früh losgelassen oder Lizzi ungeschickt zugefaßt hatte, kurz und gut, die umfangreiche Pappschachtel fiel herunter und unglücklicherweise gerade auf das Hinterteil des liebenswürdigen Joli, der just im Begriff war, einen neuen Rundlauf um die junonische Gestalt seiner Herrin anzutreten. Der »Süßing« stimmte ein noch ärgeres Wehgeschrei an als vorhin, und die Geheimrätin flog ihm zu Hilfe, indem sie die Hutschachtel mit dem Fuß weit fortstieß und, sich rasch herniederbeugend, ihren Liebling in die Arme nahm. Sie richtete sich hoch auf und maß die Uebeltäterin, während sie Joli fest an ihren Busen drückte, mit einem vernichtenden Blicke.

»Sie hätten Ihren Koffer doch wohl irgendwo anders hinschleudern können, meine Dame, als gerade auf mein unschuldiges Hündchen«, knirschte sie empört.

Die Frau Konsul bekam einen roten Kopf, blickte ihre Gegnerin fest an und versetzte prompt: »So, meinen Sie? Erstens mal Pflege ich meine Sache nicht zu schleudern, und zweitens ist das gar kein Koffer, sondern man bloß eine federleichte Hutschachtel, wo Ihr miserabler Köter durchaus keinen Schaden von nehmen kann, selbst wenn ich sie faktisch geschleudert hätte! – Empfehle mich, Frau Geheimrätin; es war mir angenehm, Ihre werte Bekanntschaft zu machen.«

Die Professorin blickte der rasch davonstapfenden kleinen Dame mit verächtlich aufgeworfenen Lippen nach. »Ordinäre Person!« murmelte sie. »Wie kommt ihr bloß zu solcher Bekanntschaft?«

Lizzi war inzwischen vorausgeeilt und hatte die so übel behandelte Hutschachtel aufgenommen. Sobald die Frau Konsul sie eingeholt hatte, riß sie ihr das Gepäckstück aus der Hand und sagte: »Lassen Sie man gut sein, mein Kind, ich will Sie Ihrer lieben Tante nicht entziehen. Wünsche viel Vergnügen und ... Ja, was ich sagen wollte, verliert man ja meine Adresse nich, man kann doch nich wissen ...«

»Wie meinen S', Frau Konsul?«

»Na, ich meine man!« Und mit einem freundlichen Abschiedsblick, von vielsagendem Zwinkern begleitet, schob die dicke Dame eilig dem Ausgange zu.

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