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Anastasius Grün: Der Eremit auf der Sierra Morena - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Band X
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1827
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleDer Eremit auf der Sierra Morena
pages166-196
created20060924
sendergerd.bouillon
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Anastasius Grün.

Der Eremit auf der Sierra Morena.

Nach dem Französischen frei erzählt.

 

Begeistert von dem beglückenden Gefühle, einer aus den Söhnen Frankreichs zu sein, welche der edelste Heldensinn nach Spanien geleitet hatte, zog ich eben auf der Straße von Madrid nach Sevilla; Müdigkeit und Gliederschwäche, die Folgen einer Wunde, welche ich im letzten Gefecht erhalten hatte, zwangen mich, hinter meinen Kriegsgefährten zurückzubleiben, die aus Furcht eines Überfalles ihre Schritte beflügelt hatten. Ich setzte mich auf eine Anhöhe von jener Gebirgskette, welche man die Sierra Morena nennt, und wollte hier neue Kräfte sammeln, meinen Marsch fortzusetzen, als ich plötzlich durch ein dumpfes Ächzen aus dem Schlummer aufgeschreckt wurde, in den ich unwillkürlich versunken war; ich horchte, mir kam es vor, als hätte ich das Wehklagen eines Menschen vernommen. Ich stand auf, wandte mich nach der Seite, woher die Stimme zu kommen schien; da ich aber bald nichts weiter hörte, hielt ich alles dies für ein bloßes Trugbild meines, durch so viele ausgestandene Drangsale geschwächten Geistes. In dieser Überzeugung ging ich der Straße zu, von welcher ich abgekommen war; plötzlich wiederholte sich das Ächzen und schien aus dem Innern des Berges hervorzudringen. Doch vergebens suchte ich nach dem Eingange, den ich trotz meiner wiederholten Untersuchungen nicht auffinden konnte. Schon fing ich an, mich von der Fruchtlosigkeit meiner mühsamen Nachforschungen zu überzeugen, als plötzlich das Felsstück, an welches ich mich erschöpft und kraftlos gelehnt hatte, meiner Last nachgab und mich gemach in das Innere des Berges hinabglitschen ließ. Doch hinter mir wich die bewegliche Steinplatte wieder in ihre Lage zurück und versperrte mir den Ausgang.

Ich bekenne es, mein erstes Gefühl war Schrecken; ich versuchte, die Steinplatte auf dieselbe Art zu wenden, doch alle Kraft, die ich gebrauchte, war vergebens; lebendig dachte ich mich in meinem Grabe verscharrt. Niedergebeugt von Anstrengung und Verzweiflung, sank ich auf den gelbsandigen Boden der Grotte, die von einem schwachen Lichte, das durch eine, von meinem Standpunkte aus unbemerkbare Öffnung von oben kam, matt erleuchtet wurde. Meine Augen fanden sich nach und nach in dieses Halbdunkel, ich sah die ungleichen Wände mit Moos austapeziert, bald gewahrte ich einen Tisch und einige hölzerne Stühle; dem geheimnisvollen Eingange nach zu urteilen, glaubte ich mich in dem Vorgemache einer Räuberhöhle zu befinden. Horch! da wiederholte sich wieder dasselbe Ächzen, welches einige Zeit ausgesetzt, und worauf meine Verwirrung mich auch vergessen gemacht hatte, noch deutlicher als zuvor, und schien mir so ziemlich nahe zu sein. Es waren vielleicht die letzten Seufzer eines, gleich mir, Verunglückten. Ich vergaß der eigenen Gefahr. Rasch sprang ich auf, in der Hoffnung, ihn mit den Lebensmitteln, die ich in meiner Feldtasche hatte, wieder ins Leben zu rufen.

Ich kam in eine andere, weit hellere Grotte. Auf einem Bette aus Moos, überzogen mit Lämmerfellen, lag ein Mann, dessen weißer Bart und Silberhaare Ehrfurcht geboten. Auf das Geräusch meiner Annäherung öffnete er langsam die Augen und versuchte, sich im Bette aufzurichten, doch bald sank er kraftlos wieder zurück; ich bestrebte mich nun, ihn einige Tropfen Branntwein einschlürfen zu lassen, was mir auch nach einiger Mühe gelang. Er öffnete neuerdings die Augen, blickte nach oben und stieß einen Seufzer aus; seine Lippen stammelten einige unvernehmliche Worte. Erst nach zweistündiger Pflege gelang es mir, ihm die Sprache vollends wiederzugeben.

»Mein Sohn,« hob er an, »welch unbegreiflicher Zufall führte dich an den Ort meiner Zurückgezogenheit, der bloß den Einwohnern von *** bekannt ist? – Wohl erklärt mir dein Kleid, warum sie mich jetzt verlassen haben; ohne Zweifel zieht eure Armee nun über diese Gebirge, und Furcht vor ihr zwang die guten Leute, mich nun dem Hungertode zu überlassen, da ihre Mildtätigkeit doch sonst nie aufhörte, mich zu unterstützen.«

Ich erzählte ihm nun, wie ich in die Grotte gekommen, und bat ihn, mir zu zeigen, wie ich wieder herauskommen könne.

»Sieh! mein Freund, hebe jenen Stein auf,« sprach er, auf ein Felsstück am Fuße seines Lagers deutend. Ich tat, wie er befohlen, und erblickte einen jähen Abhang, der nach außen führte. Beruhigt setzte ich mich wieder auf den Rand seines Bettes.

Auf meine Frage, warum er sich nicht selbst die Hilfe gesucht habe, die seine zagenden Freunde ihm verweigert hatten, zeigte er mir seine geschwollenen Beine und sagte mir, daß er es sogar versucht, doch bald gemerkt habe, daß er noch vor der Hälfte seines Weges den Tod finden würde, daß er aber nur hier, hier allein sterben wolle und diese Grotte zu seiner Gruft bestimmt habe. Bei diesen Worten schob er einen Teil des Moosgeflechtes, welches sein Lager bedeckte, auf die Seite. Da erblickte ich eine Art von Sarg, worin eine weibliche Gestalt lag, deren Züge nur durch ihre Leichenblässe entstellt waren. »Gott!« rief ich, »welch böses Geschick hat Euch verfolgt?« »Du sollst es wissen, junger Fremdling,« erwiderte er mit einer Ruhe, die nur aus dem Übermaße seiner Leiden entstanden zu sein schien, »morgen sollst du alles erfahren; der Tag hat sich geneigt, begib dich nun zur Ruhe. Jene Lämmerfelle sind das einzige Lager, das ich dir darbieten kann. Gott gebe dir einen erquickenden Schlaf; mit der nächsten Morgenröte will ich deine Neugierde befriedigen.«

Ich legte mich auf das gastliche Lager, doch aller Schlummer blieb fern von mir; ich schloß kein Auge, immer schwebte der Sarg vor mir, worin die jugendliche Schönheit in den Jahren ihrer Unschuld versenkt zu sein schien; tausend romanhafte Geschichten formten sich in meiner aufgereizten Phantasie. In dieser Lage sah ich den neuen Tag anbrechen; mein Wirt hingegen hatte sehr fest geschlafen. Auf seine Erkundigung nach meinem Befinden gab ich ihm eine befriedigende Antwort, indem ich es für nutzlos hielt, ihn mit den Eindrücken bekannt zu machen, welche die Entdeckung des Sarges in meiner Seele hervorgebracht hatte.

Während des Frühstücks, welches ich mit ihm aus meinem Vorrate willig teilte, schien er ziemlich heiter. Er ersuchte mich, ihm später seine guten Bauersleute aufzusuchen, da ich ihn versichert hatte, daß sie nicht die geringste Gefahr zu befürchten hätten. Von der Ursache unserer Ankunft in Spanien schien er sehr wenig unterrichtet zu sein. Nachdem ich ihm erklärt hatte, daß nur die Absicht, sein Vaterland und seinen König aus den Händen der Tyrannei zu befreien, das Panier der Religion wieder aufzupflanzen und die zerstörten Altäre wieder aufzurichten, unsere Arme bewaffnet habe, schüttelte er mir treuherzig die Hand und begann also seine Erzählung:

»Ich bin zu Sevilla geboren und stamme aus einer in der Gerichtsstube ausgezeichneten Familie. Ich war die zweite Frucht einer Ehe, die der Himmel mit seinen schönsten Gaben ausgestattet hatte. Meinen um vier Jahre älteren Bruder hatte sein Hang unter die Fahnen des Vaterlandes geführt; daher wünschte mein Vater, daß ich die Bahn der Rechtsstudien einschlagend, den ererbten Ruhm meiner Familie für die Zukunft aufrecht erhielte. In der Tat studierte ich mit glänzendem Erfolge und erwarb mir durch die ersten Prozesse, die ich geführt hatte, allgemeine Beipflichtung. Bis zu diesem meinem fünfundzwanzigsten Jahre war mein Leben nur eine Kette von Arbeit und Vergnügen. Die Achtung und Huld meiner Eltern, die in mir große Talente sich entwickeln sahen, waren mein einziges Glück. Noch kannte mein Herz die Liebe nicht. Doch auch mir sollte die Stunde schlagen und mit meiner friedlichen Sorglosigkeit mein ganzes Glück und die Hoffnungen einer Familie, die alles auf mich gebaut hatte, mit einem Male vernichten. Mein Bruder zeichnete sich sehr vorteilhaft in seinem Regimente aus; er erhielt bald den Rang eines Offiziers; doch meine Eltern, beinahe gleichgültig gegen seine Vorrückung, nannten nur mich vorzugsweise ihren Ruhm, ihr Glück, ihr alles. Doch auch sie sollte die Zukunft schrecklich täuschen!

In den Grundsätzen unserer heiligen Religion erzogen, erfüllte ich, trotz der Leichtfertigkeit meines Alters, doch genau meine Pflichten als Christ. Ich ging alle Sonntage in die Kathedralkirche, um dort in einer Seitenkapelle dem täglich zur bestimmten Stunde gehaltenen Gottesdienste beizuwohnen. Gewöhnlich achtete ich sehr wenig darauf, was um mich her vorging, doch ein äußerst einfacher Zufall zog mich eines Tages aus der Sammlung meines Geistes. Ich fühlte nämlich plötzlich etwas auf meine Füße fallen, es war ein Schnupftuch. Ich hob es auf, blickte um mich, um zu wissen, wem es gehöre. Ein junges Mädchen streckte die Hand danach aus und dankte mir mit ungemeinem Liebreiz. Als ich am nächsten Sonntag aus der Kirche ging, wandte ich mich unwillkürlich um und begegnete den Blicken des schönen Fräuleins, welchem ich jenen kleinen Dienst geleistet hatte. Sie schlug das Auge nieder, und ein lebendiges Rot überflog ihr Antlitz. Unmöglich wäre es mir, zu beschreiben, wie es in jenem Augenblicke in meinem Herzen wogte; noch jetzt erstarrt mein Herz, und meiner Zunge fehlen Worte, es auszusprechen; die Kraft der Elektrizität wirkt minder schnell. – Hast du je schon den Zauber der Liebe empfunden? Kennst du die magische Gewalt eines Blickes? O, möchtest du sie niemals kennen lernen!« rief der Greis, ohne meine Antwort auf seine eiligen Fragen abzuwarten. – »Ich setzte mich jeden Sonntag an dieselbe Stelle,« fuhr er fort, »und jedesmal war die Kirche schon ganz verlassen, als ich noch, in Träumereien versunken, dasaß.

Ich begab mich nach Hause, selbst erstaunt über meine Beklommenheit, doch konnte ich sie nicht unterdrücken, noch mir meine neue Lage erklären. Was fehlt dir? fragte ich mich selbst; tausendmal waren mir schöne Blicke schon begegnet, doch niemals hatte ich etwas anderes als Freude empfunden. Doch wie ganz anders war es jetzt! Sollte dies die Liebe sein? Ja sie ist's! Ich fühl es an dem Feuer, das meine Adern durchströmt, an dem Pochen meines Herzens. Doch ich hatte ja das Mädchen kaum gesehen; wußte ich denn, ob ihre Engelsgestalt auch das Bild ihrer Seele sei? Doch wie wollt ich daran zweifeln! Ja, sie verdiente alle Huldigungen, und die meinigen sollte sie haben bis ans Ende meines Lebens. Ach! hätten meine Blicke nur einen Funken jenes Feuers in ihr Herz geworfen, das so gewaltig mich verzehrte! Doch hat ihr Erröten, haben ihre niedergeschlagenen Blicke, die den meinigen auszuweichen suchten, mir nicht genug gesagt? mir nicht hinlänglich mein Glück verkündet? – So verwandelt die Liebe alle Furcht in Hoffnung.

Getröstet und beruhigt verfügte ich mich zu meiner Mutter, die schon lange meiner harrte, da ich gewöhnlich die Zeit zwischen der Messe und der Mahlzeit ihr zu widmen pflegte. Sie war schon meinetwegen in Sorgen und hatte nach meinem Zimmer geschickt, doch da man ihr gesagt, daß ich den Schlüssel abgezogen hätte, glaubte sie, ich wollte ungestört bleiben, und befahl, mich nicht weiter zu beunruhigen. Ich entschuldigte mich mit Kopfschmerzen, die mich genötigt hätten, der Ruhe zu pflegen. Sie betrachtete mich mit jenem forschenden Blicke, welcher nur der Zärtlichkeit einer Mutter eigen ist, und fand mich wirklich übel aussehen. Sie wollte mich nun bereden, mich von keiner Verbindlichkeit gegen sie abhalten zu lassen, der nötigen Ruhe zu pflegen. Ich versicherte sie, daß ich mich schon um vieles besser befände, und daß die Entfernung von ihr mein Übelbefinden eher verschlimmern als verbessern würde. Sie fügte sich in diese Gründe, und wir scherzten, wie gewöhnlich, über meine künftigen Schicksale. Diese Gelegenheit führte uns natürlich auch auf meine dereinstige Vermählung. – ›Noch ein paar Jahre,‹ sagte meine Mutter, ›und du wirst schon daran denken. Wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn der Himmel mir in deiner Braut eine Tochter schenkte, die ich bisher entbehren mußte! Denke dir die Fülle des Glückes, wenn ihr dann in unsere Nähe zöget. Gott! welche seligen Stunden würdest du uns da bereiten! Von deinem Bruder können wir das nicht erwarten, denn in seinem Stande heiratet man sehr spät, bisweilen gar nicht. Von dir also hofften wir diese Freude; sprich, willst du sie uns einst gewähren?‹ – Wenn der Himmel günstig . . . . . bei diesen Worten hielt ich inne. – ›Was wolltest du sagen, mein Sohn? Hast du dir vielleicht schon ein Mädchen erwählt? Hat die liebenswürdige Tochter des königlichen Rates etwa dein Herz gefesselt?‹ – Nein, liebe Mutter, erwiderte ich mit einem tiefen Seufzer, doch sprechen wir nicht mehr davon. – ›Wie? solltest du etwa gar einen Widerwillen vor der Ehe haben?‹ – Nein, sagte ich nochmals. In dem Augenblicke meldete man uns, das Essen sei bereit, und wir begaben uns in den Speisesaal. – ›Ha!‹ rief uns der Vater entgegen, der schon dort unserer harrte, ›ich bin heute gegen meinen Brauch der erste hier; der Fischfang hat mir Appetit gemacht. Du hast uns auch versprochen, nachzukommen, Alfons; doch du bist deiner Mutter treu geblieben, braver Junge. Ich bin überzeugt, daß, wenn du einmal verheiratet bist, du dich nicht immer so herumtreiben wirst, wie ich. Doch meine Teure,‹ sprach er, meine Mutter umarmend, ›ich liebe dich deshalb nicht weniger, und glücklicherweise haben wir einen Sohn, der dir fein Gesellschaft leistet; er ist artig und zurückgezogen wie ein Mädchen. Von mir konnte man dies in seinem Alter nicht mehr sagen.‹ Die Fröhlichkeit und heitere Laune verhinderten meinen Vater, meine Verwirrung und die Verlegenheit meiner Antworten zu bemerken, wenn er, seinem Gebrauche nach, sich über mich lustig machte. Doch meine Mutter war nicht ohne sichtbare Besorgnis. Nach der Tafel verfügten wir uns an unsere Geschäfte, und einige Freunde, die uns zu besuchen kamen, überhoben mich des Abends der Verlegenheit eines tête à tête.

In den Wochentagen sah ich meine Mutter nur bei der Tafel, und da ich mich bemeisterte, die Ungeduld, mit welcher ich dem nächsten Sonntage entgegensah, in mir zu verschließen, hielt sie bald meinen Trübsinn für die vorüberfliehende Folge einer Unpäßlichkeit. Nach sechs Tagen, deren jeder mir ein Jahrhundert schien, nahte endlich der ersehnte Sonntag. Ich sah die Angebetete meines Herzens, doch sie wich meinen Blicken aus; wie ich späterhin erfuhr, aus Furcht, sich ganz dem Gefühle hinzugeben, das sich so unerklärbar ihres Herzens bemächtigt hatte. Nach abgehörter Messe folgte ich ihr von ferne und sah sie in ein herrliches Gebäude eintreten, wo ich bald erfuhr, daß Don Alvarez, einer der angesehensten Herren von Sevilla, ihr Vater sei. Ich übersah nun mit einem Male die Kluft, die mich von ihr trennte, und beschloß, nicht weiter einer Leidenschaft zu folgen, die mich nur zur Verzweiflung bringen konnte. Ich faßte daher den weisen Entschluß, den Gottesdienst zu einer andern Stunde abzuwarten und so alle Gelegenheit zu meiden, die schöne Konstantine wiederzusehen.

So verstrich ein Monat, und meine Liebe, unterdrückt durch reife Überlegung, schien nur mehr in der Erinnerung zu leben. Ich glaubte daher ohne Gefahr wieder um die frühere Stunde die Messe hören zu dürfen, da diese Zeit überhaupt besser zu meinen übrigen Tagesgeschäften paßte. Doch künstliche Netze weiß die Liebe zu schlingen, und unser Herz stürzt freiwillig hinein. Unwandelbar in meinen Entschlüssen ging ich von Hause; doch wie sollte ich wieder zurückkehren? Ich hatte sie gesehen, ihre Blicke waren auf mich gefallen, und in ihnen glaubte ich einen stillen Vorwurf über mein Ausbleiben zu lesen. Nun zweifelte ich nimmer, daß ich geliebt sei. Stand, Glücksgüter, Hindernisse und Reue waren meinen Augen entschwunden; ich sah nur die Liebe ihren duftigen Glanz über die Zukunft ausbreiten. Wie schön, aber wie kurz war dieser Traum! Nur eines beunruhigte mich: aus Konstantinens eigenem Munde wollte ich ihrer Liebe versichert sein. Doch wie sollte ich mir den Eintritt in das Haus ihres Vaters verschaffen?

Ein Zufall erfüllte meinen Wunsch. Don Alvarez, mit einem seiner Nachbarn in einen verdrießlichen Prozeß verwickelt, übertrug diese Angelegenheit einem jungen Advokaten, meinem Freunde. Dieser war so glücklich, den Prozeß zugunsten des Vaters meiner Geliebten zu vollführen. Bezaubert von seinem Talente, lud ihn Don Alvarez auf einen Ball, den er aus Freude über den glücklichen Ausgang der Sache zu geben gesonnen war. Höchst erfreut erzählte mir mein Freund Alonzo diese Neuigkeit, und erstaunt über die Kälte, mit der ich sie anhörte und über die geringe Teilnahme, die ich seinem ansuchenden Glücke zollte, fing er an, mir darüber Vorwürfe zu machen. Ich entschuldigte mich damit, daß ich nur darauf gesonnen habe, wie es denn möglich wäre, daß er mich mit sich nähme. Mit Befremdung betrachtete er mich eine Weile, doch da ich ihm wiederholte, daß er mir dadurch einen großen Freundschaftsdienst erweisen würde, versprach er, mit seinem Gönner darüber zu reden. Mit dieser Versicherung verließ er mich und kehrte am nächsten Morgen mit der Botschaft zurück, daß Alvarez in sein Begehren gewilligt habe. Ganz außer mir vor Freuden beging ich tausend drollige Streiche, sprang ihm zu wiederholten Malen an den Hals, und versprach ihm, diesen Freundschaftsdienst mein Lebelang nicht zu vergessen; er mochte wohl gedacht haben, ich sei von Sinnen.

Am folgenden Tage, abends um acht Uhr, sollte der Ball beginnen. Mit Schlag sechs Uhr war ich schon angekleidet und hielt jeden Augenblick meine Sackuhr ans Ohr, immer in der Meinung, sie sei stehen geblieben. Endlich zeigte sie dreiviertel über sieben, und mein Freund kam, mich abzuholen. Er fing an, meine Pünktlichkeit und die Nettigkeit meines Anzugs zu loben, ich aber drang so sehr in ihn, zu gehen, daß wir noch vor Eröffnung des Festes bei Don Alvarez anlangten. Die Hausfrau, Konstantinens Stiefmutter, empfing uns mit vieler Höflichkeit und lächelte über unser frühzeitiges Eintreffen. Eine halbe Stunde darauf trat Konstantine selbst, begleitet von einigen Damen, in den Saal. Sie hatte mich nicht bemerkt, und ich dachte mir schon den Eindruck, den ich auf ihr Herz gemacht zu haben glaubte, als deine bloße Schimäre des meinigen, als plötzlich ihre Blicke dem meinigen begegneten. Die schnelle Röte, die ihr Angesicht überflog, versetzte mein Gemüt in eine solche Wallung, daß ich genötigt war, den Saal zu verlassen. Einige Augenblicke darauf kam ich wieder zurück. Der Ball ging an. Konstantinens Reize hörten nicht auf, mich zu besiegen; mit jedem Momente stieg meine Bewunderung für sie, doch meine Liebe konnte nimmer steigen. Nur während zwei Kontratänzen mit ihr wagte ich einige Worte über ihre namenlosen Reize und das Glück ihrer Eltern, eine solche Tochter zu besitzen. Mehr wagte ich für jetzt nicht. Ihre Bescheidenheit lehnte meine Lobeserhebungen mit einer solchen Anmut ab, daß ich fest überzeugt war, sie habe die Fülle meines Lobes verdient. So endete der Ball, und die Gesellschaft löste sich auf.

Der erste Schritt war nunmehr getan. Ein Besuch, den ich einige Tage darauf abstattete, gab mir Gelegenheit, Konstantinen wieder zu sehen, und Don Alvarez lud mich, gegen alle Erwartung, nebst Alonzo zu der Abendunterhaltung, die er jeden Mittwoch zu geben pflegte. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß ich mich nicht lange bitten ließ, und wie ich mich in der Gesellschaft meiner Erwählten unterhielt. Drei volle Monate verstrichen, ohne daß meine Lippen es wagten, das Geheimnis meines Herzens anzusprechen. Doch ich glaubte geliebt zu werden, und das war mir genug; denn die wahre Liebe verweilt gerne im Zauberlande der Einbildung, und schüchtern meidet sie alles, was ihr diesen Zauber entreißen könnte.

Ein Umstand jedoch bewog mich, mein Stillschweigen zu brechen, welches, so peinlich es mir auch gefiel, doch einen beseligenden Reiz für mich hatte. Seit einigen Wochen schien Konstantine viel von ihrer natürlichen Heiterkeit verloren zu haben. Öfters sah ich sie verstohlen nach mir blicken und ihr sogleich Tränen in das Auge treten. Sie unglücklich zu sehen, und nicht länger zweifeln zu dürfen, daß ich einen Teil zu ihrem Unglücke beigetragen haben mochte, war für mich ein Schmerz, der meine Kräfte überstieg. Ich war schon entschlossen, sie hierüber um eine Erklärung zu bitten, als ihr Vater herein trat, und uns ankündigte, daß er willens sei, binnen einigen Tagen auf das Land zu gehen, und sich mit der Hoffnung schmeichle, uns bei der bevorstehenden Hochzeitfeier seiner Tochter mit Don Francesco als Gäste zu bewillkommnen. Versteinert stand ich da, wetterschwarz zog es vor meinen Augen vorüber, meine Zunge war gelähmt, und das Blut erstarrte in meinen Adern. Alonzo, meine Verlegenheit gewahrend, antwortete für uns beide, und Alvarez, mit der Gesellschaft beschäftigt, bemerkte weder meine Lage, noch die Entfernung seiner Tochter, die hinausgegangen war, ihre Tränen zu bergen. Betäubt von dieser schmerzlichen Überraschung, eilte ich nach Hause und schrieb sogleich an Konstantinen einen Brief, in welchem ich ihr das Feuer meiner Liebe schilderte und sie anflehte, mir nicht länger ihr Herz zu verschließen. Sie antwortete mir nicht, und ich bemerkte sogar, daß sie sich nun alle Mühe gab, die Traurigkeit, welche sie letzthin hatte blicken lassen, gänzlich zu verbergen. Doch ihr gänzliches Stillschweigen über meinen Brief machte mich staunen, denn ich hegte gar keinen Zweifel über den richtigen Empfang desselben. Ich fing an, mir es als Stolz zu erklären, indem sie es vielleicht für eine Erniedrigung hielt, mir eine Antwort, wenn auch eine abschlägige, zu geben. Doch wie sehr hatte ich das Herz dieses Engels verkannt! Meinen Brief ohne Antwort zurückzuschicken, vermochte sie nicht, und antworten konnte sie nicht, ohne den heftigsten Kampf von glühender Liebe und kalter Überlegung, die doch am Ende siegen mußte, durchblicken zu lassen.

Die Stunde der Abreise rückte heran. Einer Mutter beraubt, die sie bald nach ihrer Geburt verloren hatte, und bereit, eine Verbindung zu vollziehen, aus welcher sie das Unglück ihres ganzen Lebens entspringen sah, wagte Konstantine es nicht, sich einem Vater zu widersetzen, dessen hochmütiger Charakter alle Hindernisse, die seinem Ziele entgegen standen, umzustürzen wußte. Sie sah wohl ein, daß er, stolz auf seinen Stand, in eine Verbindung seiner Tochter mit einem Mann ohne Rang und Ehrentitel niemals einwilligen würde. Ein gehorsames Kind wollte sie sich daher dem väterlichen Willen opfern.

Die Ungebundenheit des Landlebens hatte mir die Gelegenheit verschafft, sie auf einem Besuche, den ich mit meinem Freunde abzustatten kam, ganz allein zu finden. Hier konnte ich dem Drange meiner Liebe nicht mehr widerstehen, meines Herzens Gefühle mußten zur Sprache werden. – ›Vergebens, mein Alfons,‹ sprach sie, mich aufhebend, denn ich war zu ihren Füßen gesunken, ›vergebens würde ich listig mein Herz verbergen, vergebens den Eindruck leugnen wollen, den Sie darauf gemacht haben. In dem Ihrigen las ich jene Liebe, jenen Edelmut, der mich überzeugt, daß Sie dieses Geständnis, das ich gegen keinen anderen gewagt hätte, niemals mißbrauchen werden. Schwören Sie mir,‹ sprach sie mit einen Blicke, der mir schon im voraus alle Möglichkeit benahm, ihre Forderung zu gewähren ›schwören Sie mir, daß Sie von diesem Augenblicke an jede Gelegenheit meiden wollen, mich wiederzusehen. Je mehr Sie mich lieben, desto mehr müssen Sie mein Unglück fürchten. Niemals wird mein Vater in unsere Verbindung einwilligen, und Ihr Anblick könnte mir das Opfer, welches ich ihm bringen will, nur schrecklicher machen, vermöchte aber niemals, mich dessen zu überheben.‹ – Verlangen Sie, was in meiner Macht steht, mein Leben, es gehört Ihnen, antwortete ich, ihre Hand mit heißen Tränen benetzend, aber verlangen Sie nicht, daß meine Lippen einen Schwur aussprechen, den ich niemals halten werde. Ich sollte Sie fliehen und einem verhaßten Nebenbuhler überlassen? Nein? zu Ihrem Vater will ich eilen; er kann ja ihr Unglück nicht wollen, er wird mich erhören, und unsere Tränen sollen uns den Triumph sichern. – ›Hoffen Sie es nicht, Alfons, Sie kennen nicht das Gewicht, welches mein Vater auf die Vorzüge der Geburt legt. Unser Unglück ist gewiß, wenn Ihr Herz nicht einem Vorhaben entsagt, das uns beide nur elend machen kann.‹ – Und wo ist ein größeres Elend, als das, so uns jetzt bedroht? Ein anderer soll Sie besitzen! Ach! wie können Sie mich lieben und ein Band knüpfen, das all unsere Hoffnungen vernichtet? – ›Leider muß ich es.‹ – Mehr konnte sie nicht sagen, Tränen benetzten ihr Antlitz. – ›Sie sehen mich in meiner ganzen Schwäche,‹ sprach sie nach einer Weile, ›versprechen Sie mir wenigstens, davon keinen Mißbrauch zu machen.‹ – Niemals! rief ich feurig, begrenzen Sie meine Liebe auf die Hoffnung, verschieben Sie den Augenblick meines Glückes, doch entreißen Sie mir ihn nicht gänzlich! – Ein Seufzer war ihre einzige Antwort. Sie stand auf, stützte sich an meinen Arm, und wir gingen so in den Garten, um uns an die Gesellschaft anzuschließen. Glücklicherweise neigte sich der Tag, und des Abends düsterer Mantel verhüllte die Spuren des Schmerzes aus unsern Gesichtern.

Am folgenden Morgen ging ich wieder in die Stadt zurück, fest entschlossen, sobald als möglich die Geliebte wieder zu besuchen. Wirklich war ich nach einer Woche bei ihr und traf sie ganz allein im Saale. – ›Verlassen Sie mich,‹ rief sie mir entgegen, ›ich habe meinem Vater alles entdeckt; er bleibt unerbittlich und hat mir nicht nur geschworen, daß Sie niemals mein Gemahl werden können, sondern er besteht auch unabänderlich auf meiner Verbindung mit Don Francesco, obwohl ich ihm meine unüberwindliche Abneigung vor dieser Verbindung schilderte und ihn bat, mich nicht dazu zu zwingen. Romanhafte Ideen! antwortete er mir, ich weiß, Francesco wird dein Glück gründen; dies sei dir genug. Die Erfahrung eines liebenden Vaters muß über die Schimären deiner ausschweifenden Phantasie triumphieren. Komm, kleine Närrin, sprach er mich umarmend, du wirst sehen, daß er dir nach zehn Tagen tausendmal lieber sein wird, als der närrische Alfonso, von dem du dir einbildest, daß er allein dir gefallen könne. Ich wollte den heitern Sinn, den er in die letzten Worte gelegt hatte, benützen, um ihn zu einem andern Entschlusse zu bewegen, doch umsonst. Er bestand darauf und schärfte mir besonders ein, von meiner Widerspenstigkeit nichts gegen Francesco merken zu lassen. Was Sie betrifft, so verbot er mir, Sie wieder zu sehen, und wollte dafür sorgen, daß Sie mir nicht mehr in die Augen kämen. Darauf verließ er mich und riet mir, mich nicht weiter zu bemühen, indem jede fernere Weigerung mir das volle Gewicht seines Zornes zuziehen würde. Unbeweglich sah ich ihm nach, mir schwand die Sprache, und die Füße wollten mir den Dienst verweigern. Seit diesem Augenblicke machte sein strenger Blick jede Klage auf meinen Lippen verstummen. Verlassen Sie mich daher, teurer Alfons, das gebietet Ihnen Recht und Ehre, darum beschwört Sie die unglückliche Konstantine.‹ – Wie! rief ich im Gefühle des Entsetzens, sollte also alle Hoffnung vernichtet sein? Sollte Ihr Vater Sie unglücklich machen wollen? – ›Er glaubt mein Glück zu fördern. Nochmals bitte ich Sie, verlassen Sie diesen Ort, damit ich nicht den Schmerz erlebe, Sie dazu genötigt zu sehen.‹ – Wer wollte das wagen? rief ich entrüstet, ist es ein Verbrechen, Sie zu lieben? Was kann man an meinem Lebenswandel ausstellen? Sollte eines verblendeten Vaters Stolz über die Liebe eines rechtlichen Mannes triumphieren? Nein! nein! die mich lieben, mir es selbst gestehen konnte, wird mich unmöglich zur Verzweiflung bringen wollen. – ›Beruhigen Sie sich,‹ sagte Konstantine mit Tränen in dem Blicke. – Und wo kann ich Ruhe finden, wenn ich Sie verliere? Nein! Sie können es nicht wollen, fuhr ich fort, ihre Hand drückend, Sie können vor dem Altar des Allsehers keinen Eid aussprechen, dem Ihr Herz widerspricht. – ›Ein Vater befiehlt es, und Konstantine muß Ihrer vergessen. Stehen Sie ab von dem Entschlusse, meinen Vater zu erwarten, ersparen Sie dem armen Mädchen den schmerzlichen Anblick einer solchen Begegnung.‹ – Wohlan, Göttliche, du begehrst es, es sei; aber gebe mir der Himmel Kräfte, der Verzweiflung nicht zu erliegen; jedoch sollte ich . . . ›Gott! halt ein! sprich es nicht aus, schwöre mir, daß du es nicht vollziehen willst.‹ – Schwöre mir, himmlisches Weib, niemals einem andern zu gehören! –›Ich verspreche, das Opfer nicht eher zu vollbringen, bevor wir uns nicht wiedergesehen haben; dies ist alles, was ich kann, aber fort! fort! daß mein Versprechen mich nicht reue.‹ – Neubelebt von ihrer Zusage verließ ich sie mit der innigsten Versicherung meiner unversiegbaren Liebe.

Ich wandelte langsam in der Allee, die nach dem Schlosse führte, der Stadt zu, als mich plötzlich eine bekannte Stimme aus meiner Träumerei riß; es war Maria, die Erzieherin meiner Geliebten. Sie liebte Konstantinen wie ihre eigene Tochter und wußte um unsere gegenseitige Liebe. Ich brauche nicht erst das Nähere unsers Gespräches zu erzählen. Mein Herz mußte sich gegen diese treue Seele ausgießen, und wir waren schon nahe an den Toren von Sevilla, als die gute Maria mir sagte, sie müsse nun an ihre Heimkehr denken. Die Folge unseres Gespräches war die Verabredung, uns jeden zweiten Tag zu einer bestimmten Stunde in einem Hause, das in gleicher Entfernung von der Stadt und dem Schlosse lag, zu treffen, wo Maria mich immer in Kenntnis setzen wollte, von dem, was im Schlosse vorgehe. Ich bat sie, Konstantinen an ihr Versprechen, oder vielmehr an die Erfüllung desselben zu erinnern.

Ich kehrte jedesmal trauriger von dem Rendezvous. Don Alvarez blieb unerbittlich; Konstantine schwebte in der Verzweiflung, doch entschlossen zu gehorchen. Francesco lebte ganz in ihr; er hielt das für Bescheidenheit und Zurückgezogenheit, was die Folge des heftigsten Schmerzes war, und mit jedem Tage wuchs seine Liebe. Die bestimmte Zeit rückte heran, nur acht Tage noch, und mein Elend hatte den höchsten Gipfel erreicht. Ich begehrte von Konstantinen die Erfüllung ihres Versprechens. Sie ließ mich durch Marien bitten, es ihr zu erlassen, doch nichts in der Welt hätte mich bewogen, dieser Hoffnung zu entsagen. Wir kamen demnach überein, daß Maria sie an den gewöhnlichen Ort unserer Zusammenkunft führen sollte, wo ich ihr ein ewiges Lebewohl zu sagen wünschte. Es war in mir nun der feste Entschluß heran gereift, sie aus der Tyrannei ihres Vaters zu befreien.

Die Abwesenheit meiner Eltern, die einige Zeit bei meinen mütterlichen Verwandten zubringen wollten, ließ mich alles Trostes und aller Stärkung beraubt; doch warum sollte ich einen Fehler entschuldigen, der die vorzüglichste Quelle meines Unglückes war? Ein unlängst verstorbner Oheim hatte mir in einem Testament zweitausend Franken zugedacht, um mir eine Bibliothek anzuschaffen. Diese Summe war zur Ausführung meines Vorhabens mehr als hinreichend. Ich machte alle möglichen Vorbereitungen und bestellte Wagen und Pferde in die Nähe des Ortes, wo ich Konstantinen wiedersehen sollte. Ich hatte anfangs die Absicht, ihre Einwilligung zu begehren, doch ich wagte es nicht, ihr so etwas vorzuschlagen, und zu meiner Schande sei es gesagt, ich nahm zur List meine Zuflucht. Der Weg, den sie im Dunkel der Nacht zu Fuße zurücklegen mußte, hatte ihre, ohnehin von Gram zerrütteten Kräfte, völlig erschöpft. Ich erhielt daher leicht von ihr die Erlaubnis, sie zum Schlosse ihres Vaters in einem Wagen zurückführen zu dürfen. Die Finsternis der Nacht begünstigte mein Vorhaben, und verhinderte sie, zu bemerken, daß Wagen und Pferde mit allen Zurüstungen zu einer langen Reise versehen waren. Ein freundliches Wort hatte Marien in mein Interesse gezogen.

So befanden wir uns auf der Straße von Sevilla, und hatten dem Schlosse des Don Alvarez den Rücken gekehrt. Schon eine halbe Stunde rollte unser Wagen dahin. In verschiedene Gefühle versunken, beobachteten wir alle ein tiefes Stillschweigen. Ich befürchtete immer, daß eine Frage Konstantinen, ob wir noch weit vom Schlosse seien, mich zwingen werde, mein festes Vorhaben zu erklären und vielleicht auf meine Pläne zu verzichten. Mit einem Male brach der helle Mond aus seinem Wolkenkleide und beleuchtete die Gestalt der Geliebten. Sie schlummerte süß. Maria hatte auch diese himmlische Ruhe bemerkt und schien, die Augen nach oben erhebend, den Himmel um Vergebung ihrer Mitschuld anzuflehen. Ich versank in die süßesten Träumereien, meine Wünsche sah ich erfüllt, Konstantinen mein auf ewig. Überall wollte ich ihr durch meinen Fleiß und meine Geschicklichkeit eine glückliche Existenz sichern, mit Liebe ihr Leben beseligen, und vielleicht würde ihr strenger Vater sich endlich auch bewegen lassen und unserem Glücke die Krone aufsetzen. Bezaubert weilten meine Blicke auf ihr, sie schlief noch.

Mit Anbruch des Tages waren wir schon acht Meilen vom Schlosse entfernt. Unmöglich war es mir nunmehr, sie zum Vater zurückzuführen. Mein Verstand blieb ruhig, als ich dies erwägte, doch marternde Gefühle durchzuckten mein Herz. Der Augenblick konnte nimmer ferne sein, wo ich die Vorwürfe des Mädchens hören sollte, das ich zur Verzweiflung gebracht hatte. Ihre Liebe sah ich schon sich in Haß verwandeln, und die meinige ihr zum Greuel, mir zum Verbrechen werden.

Schreckliche Gewissensbisse schufen mein banges Ahnen zur Wirklichkeit: Schmerz über die Unmöglichkeit, mein Verbrechen gut zu machen, folterte meine Seele. In dieser gräßlichen Lage war ich zu Konstantinens Füßen gesunken. Meine Lippen stammelten Entschuldigung, mein Auge späht gierig nach ihrem Erwachen, meiner Zunge entschlüpft ihr Name, ich ergreife ihre Hand und benetze sie mit Tränen. In dem Augenblicke öffnen sich ihre Augen, und mit einem Schrei sinkt sie ohnmächtig zurück. Ich getraute mich nicht, stille halten zu lassen, um schnellere Hilfe herbeizuschaffen, doch Maria und ich taten unser Möglichstes. Nach einer Viertelstunde gelang es uns, sie ins Leben zurückzurufen. ›Unglücklicher, was hast du getan!‹ rief sie mit schwacher Stimme, ›wie konnte Alfons einen Entschluß fassen und vollführen, der jene auf ewig entehrt, welcher er Achtung bis in den Tod geschworen hat? Führe mich zu meinem Vater zurück; zu seinen Füßen will ich für mein unfreiwilliges Verbrechen leiden. – Doch nein! niemals werde ich es wagen, seine Blicke zu verletzen. Nur der Tod ist mein Los.‹ Ein Strom von Tränen begleitete diese Worte.

Leben sollst du, Teure! erwiderte ich, meine Achtung soll dir nie von der Seite weichen; ich schwöre es dir vor dem Allmächtigen, der mich hört, daß niemals ein unreiner Gedanke meine Liebe befleckt hat. Am Fuße des Altars sollst du meine Gattin werden. Willst du mich nicht vor Schmerz und Reue sterben sehen, so sage mir, daß du mich liebst. O, könnte mein Blut genügen, mein Vergehen zu ändern, ich täte es; doch was sage ich? Ich sollte dein Unglück herbeiführen? Nein! nicht umsonst hab ich dich der Tyrannei des Vaters entrissen; dein Verlust wird ihn erweichen. Doch sollte er es nicht, so findest du im Schoße der Meinigen eine liebende Familie, eine zärtliche Mutter! Ein Seufzer entfloh meiner Brust bei diesem so teuern Namen; meine Entweichung mußte sie in die Arme der Verzweiflung stürzen.

Die Geliebte schien beruhigt. Ich entdeckte ihr mein Vorhaben, sie nach Cumbres, einer Stadt an der nördlichen Grenze Andalusiens, zu einer Schwester meiner Mutter zu führen, wo uns bald, wenn meine Verwegenheit nicht ihre Liebe verscherzt habe, die heiligsten Bande auf ewig vereinigen sollten. Konstantine machte mir keine Vorwürfe mehr, doch vernichtet vom Schmerze der Gegenwart schien ihre Seele aller Hoffnung auf die Zukunft erstorben.«

So weit war der Eremit mit seiner Erzählung gekommen, als uns ein Geräusch in der äußern Grotte die Ankunft einiger Bauern verkündete, die gekommen waren, einigen Vorrat von Lebensmitteln zu bringen. Sie fielen zu den Füßen des ehrwürdigen Greises und baten um Vergebung, daß sie ihn so lange Zeit verlassen hatten. Die Räuber (so nannten sie die spanischen Aufrührer) hatten sie in ihren Hütten zurückgehalten, teils aus Besorgnis, selbe bei ihrer Rückkehr geplündert zu finden, teils aus Furcht, unterwegs in ihre Hände zu fallen. Sie beschworen den Einsiedler, von ihrem langen Ausbleiben nichts gegen den Pfarrer zu erwähnen, der ihnen dieses niemals verzeihen könnte. Freundlich hob sie der edle Alte auf, und versprach, hierüber das tiefste Stillschweigen zu halten. Er entließ sie mit der Bitte, ihren Pfarrer zu ersuchen, am nächsten Morgen zu ihm zu kommen.

Sobald sie sich entfernt hatten, setzte er folgendermaßen seine Erzählung fort:

»Wir hatten bereits zwanzig französische Meilen zurückgelegt, und ich glaubte nun, daß wir ohne Gefahr stille halten dürften, um andere Pferde zu nehmen, da die bisherigen schon sehr ermattet waren. Wir stiegen bei einem Dorfwirtshause ab, welches ich absichtlich gewählt hatte, um jede Begegnung zu vermeiden. Hier wollte ich Konstantinen überreden, die Kleider ihres Geschlechtes abzulegen und sie mit männlichen zu vertauschen, um nicht so leicht erkannt zu werden; doch dazu ließ sie sich nicht bewegen.

Nach vierstündiger Rast reisten wir wieder weiter und langten nach zwei Tagen zu Aracena, einem drei Meilen von Cumbres entlegenen Orte, glücklich an. Hier schickten wir den Wagen zurück, nachdem wir des Kondukteurs Verschwiegenheit teuer genug erkauft hatten. Wir setzten nun zu Fuße über die Gebirge, die uns noch von dem Orte unserer Bestimmung trennten. Nichts konnte Konstantinens Schwermut erheitern. Oft erhob sie ihre Blicke gen Himmel und senkte sie plötzlich auf mich, mit einem Ausdrucke von Schmerz, der alle Worte übersteigt.

Stillschweigend schritten wir vorwärts; Maria war einige Schritte zurückgeblieben, als plötzlich das Stampfen eines Rosses unsere Aufmerksamkeit erweckte. Nun aber,« sprach der Greis, »nun laß mich alle Kraft sammeln.« Er schwieg einige Augenblicke und fuhr dann folgendermaßen fort: »Welches Entsetzen faßte uns, als wir in dem Reiter Don Francesco erkannten! ›Verteidige dich, schändlicher Verführer!‹ donnerte er mir entgegen. Hierauf schwang er sich vom Pferde und griff nach einer Pistole; ich zückte die meinige. ›Nun wohlan!‹ rief er mir zu, ›drücke los, Gott wird mein Leben schützen.‹ Erzürnt über diese Frechheit, drückte ich los, doch die Kugel zischte an ihm vorüber. – ›Empfehle dich den Händen deines Patrons!‹ donnerten seine Lippen. Er drückte los, Konstantine hatte sich an meinen Busen geworfen; vom Schusse getroffen, sinkt sie danieder, ihr Blut färbt die Erde. Francesco entflieht in der Verzweiflung mit dem Schreie: ›Ich habe sie gemordet!‹

Mit Francescos Erscheinen war Maria entflohen, ohne die Entwicklung dieser tragischen Szene abzuwarten. Ich allein blieb an der Seite der Geliebten zurück, und mein Ruf um Hilfe wimmerte durch die Luft. In diesem Zustande konnte ich sie nicht verlassen; die Kugel schien in der Brust stecken geblieben zu sein. – ›Francesco,‹ sprach sie mit brechender Stimme, ›hat mir zwar das Leben, aber auch meine Leiden entrissen; mein Tod, den er jetzt wohl beweint, sei ihm verziehen.‹ – In dem Augenblicke hörten wir einen Schuß fallen. – ›Gott! er hat sich ermordet!‹ rief Konstantine. ›Wenn ich nicht mehr sein werde,‹ setzte sie hinzu, einen Blick der Wehmut auf mich werfend, ›wirst du mehr Mut haben, als dieser, du wirst für deine Mutter leben.‹ Nur ein Seufzer war meine Antwort. Von der schrecklichsten Ungewißheit gepeinigt, wußte ich nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Konnte ich sie verlassen und um Hilfe eilen, ohne sie bei meiner Rückkehr erbleicht zu befürchten? Und bliebe ich bei ihr, so ginge die kostbarste Zeit verloren, und jeder Aufschub würde ihren Zustand unheilbar machen. Sie bat mich anfangs, sie nicht zu verlassen, doch plötzlich von dem Wunsche beseelt, mir nicht durch den schrecklichsten Anblick das Herz zu zerreißen, drang sie auf meine Entfernung.

In dieser verzweifelten Lage erblickte ich in einiger Entfernung von der Straße den Eremiten, der vor mir diese Grotte bewohnte. Ich lief auf ihn zu und erzählte ihm in kurzen Worten mein Verbrechen und dessen fürchterliche Folgen. Mitleidig betrachtete er die Verwundete und ersuchte mich, ihm zu helfen, sie in seine Grotte zu tragen. Er untersuchte hierauf ihre Wunde und fand sie dem äußern Anscheine nach nicht bedeutend, doch die Kugel war in ihrer Brust stecken geblieben, und dies machte ihren Zustand tödlich. Er verbarg mir keineswegs die Gefahr, und in meiner Verzweiflung konnte Konstantine ihr nahes Lebensende deutlich lesen. Sie verlangte allein mit dem Einsiedler zu sprechen, der gleich darauf die Grotte verließ. Hierauf sagte sie mir, daß sie ihn gebeten habe, Don Francesco aufzusuchen und ihn herbeizuführen, wenn er noch lebte, denn sie zweifelte nicht, daß jener Schuß seinem Leben gegolten habe. – ›Wenn mein Bemühen nicht vergebens ist,‹ setzte sie hinzu, ›und er mit dem Alten zurückkommt, so verspreche mir, dein Nachgefühl zu unterdrücken, denn er ist elend genug, wenn er auch noch lebt.‹ Ich wollte ihr eben antworten, da trat der Eremit nebst Don Francesco herein, dessen zerstörtes Äußere mir bewies, daß er sein schreckenvolles Dasein zu vernichten gesucht habe. Er knirschte mit den Zähnen, als er mich erblickte, doch er hielt seine Wut zurück; nach meiner Vermutung hatte der Einsiedler mit ihm dieselben Vorsichtsmaßregeln getroffen, die Konstantine gegen mich gebraucht hatte.

Sie winkte ihm mit der Hand, näher zu treten, und sprach: ›Bald werde ich durch Ihre Hand ein Opfer des Todes werden: doch ich verzeihe Ihnen meinen Tod; der Himmel hat sich Ihrer als Werkzeug bedient, meine Liebe, die mich aus dem väterlichen Hause wider Willen fortriß, zu strafen. Doch ich beschwöre Sie, daß mein Blut ihre Rache vertilge!‹ Bei diesem Worte schleuderte Francesco einen Blick auf mich, der mich deutlich lesen ließ, daß er dieses nicht versprechen wolle. – ›Wie!‹ rief Konstantine, die Bewegung bemerkend, ›Sie könnten bei dem Flehen Ihres Schlachtopfers unerbittlich bleiben? Wollen Sie, daß Verzweiflung mich bis an den Rand des Grabes geleite? Nein! Francesco wird billiger sein, er wird mir, als Urheber meiner Leiden, ein Versprechen nicht verweigern, das mich alles Geschehene vergessen macht.‹

›Und Ihr Begehren?‹ schluchzte Francesco gerührt. – ›Daß Sie niemals den Ort meiner Begräbnis, noch das Ereignis, welches mich hineingestürzt hat, entdecken, über Alfonsos Schicksal das tiefste Stillschweigen beobachten, und daß Ihr Haß meinen letzten Atemzug nicht überlebe.‹ – Und was liegt mir an all seinem Hasse, unglückliche Konstantine! rief ich, wähnst du mich feige genug, ihm für sein Verbrechen das Leben zu schenken? Nein! ich schwöre es, solange ein Tropfen Blut in diesem Herzen lebt, das er zerrissen hat, will ich ihn verfolgen, und ich fühl' es an der Glut, die in meinen Adern quillt, bald soll er vor dem Richter erscheinen, der jetzt schon seinen Grimm waffnet, das Ungeheuer zu vernichten! Bösewicht, rief ich, hingerissen von Wut und Verzweiflung, welches Recht hattest du auf sie? Weil sie ihre Liebe dir verweigerte, hast du sie gemordet! hast dich mit einem tyrannischen Vater einverstanden, ihr den Todesstreich zu versetzen! O, könnt ich dich vor den Augen der Geliebten, die du mir raubst, in den Boden stampfen! – ›Grausamer!‹ rief Konstantine, ›was wagst du auszusprechen?‹ In demselben Augenblicke warf sich der Eremit an meine Brust und versuchte, mich zu beruhigen, was ihm auch endlich gelang. Erstarrt und unbeweglich stand Francesco, und senkte seine Blicke zur Erde; er schien ganz vernichtet. Voll Scham über mein wahnsinniges Benehmen, und auf das Unheil denkend, welches es auf Konstantinens Zustand wirken könnte, warf ich mich an ihr Bette, bat sie, mir zu verzeihen, daß ich mein Versprechen gebrochen, und schwur ihr, es künftig treu zu erfüllen. – ›Nur Ihr Versprechen erwarte ich noch,‹ sprach die edle Dulderin, zu Francesco gewandt. – ›Ihr Geliebter,‹ erwiderte er mit gefaßter Stimme, ›hat bereits mein Los vorausgesagt, nur wenige Tage werde ich Ihr Schicksal überleben. Ihr Edelmut hat seinen schwankenden Arm gehemmt, doch ein weit festerer hat den Tod in meine Brust geschleudert. Die Verzweiflung zerfleischt es, und der Himmel wollte, dem Todesstreiche seine Kraft nehmend, mir nur Zeit zur Ruhe geben. Ich schwöre Ihnen, zu schweigen und mich nicht zu rächen, doch seinen Anblick muß ich fliehen.‹ – Mit diesen Worten winkte er dem Eremiten und stürzte zur Grotte hinaus.

Ganz allein am Bette der Sterbenden, auf den Knien liegend, versank ich in tiefes Stillschweigen. Der letzte Auftritt hatte ihre Kräfte erschöpft, und nur ihre Blicke sprachen noch zu mir. Des Abends befand sie sich besser und äußerte den Wunsch, mit dem Eremiten allein zu bleiben. Sie beichtete ihm. Als ich wieder zurückkam, fand ich sie beruhigt, ihre Seele schien nimmer auf der Erde zu weilen.

›Nur ein Übergang zum bessern Leben,‹ sprach sie mit leiser, aber ruhiger Stimme, ›ist unser irdisches Dasein; mein Geliebter, in unserem wahren Vaterlande werden wir uns wiedersehen. Dort ist kein Unterschied des Standes, nur die Tugend gibt Vorzug. Ja, mein Freund, wenn man auf dem Bette des Todes die verstrichenen Tage und die Leidenschaften, welche sie gleich Stürmen durchtobten, überblickt, da staunt man, die Schwäche der Natur erkennend, wie so kleine Ursachen oft so große Folgen hervorbringen konnten! Klein erscheint die Welt der Seele in diesem feierlichen Augenblicke zwischen Zeit und Ewigkeit, bald scheint sie unsern Blicken nur ein Punkt, schwindet gänzlich; der Himmel öffnet sich, – lebt wohl.‹ – Das waren ihre letzten Worte.

Meinen Schmerz auszudrücken fehlen mir die Worte; besinnungslos stürzte ich zur Erde, mein Haupt wühlte im Sande, und lange stieß ich allen Trost von mir. Die Hilfe des Himmels vereint mit den Zusprechungen des Eremiten, zogen mich aus diesem schrecklichen Zustande, gegen welchen Todeskampf nur ein Spiel ist. Als ich wieder zu mir kam, erblickte ich einen Kranz von weißen Rosen auf dem Haupte der Geliebten, ein mildes Lächeln schwebte auf ihren Lippen. sie schien mir zu sprechen. – ›Nun müssen wir daran denken, sie zu begraben,‹ sagte der alte Einsiedler, ›sie hat gewünscht, nach dem Tode nicht entkleidet zu werden, ihr Wille sei erfüllt! Dort liegt ein Baumstamm, den ich vor einigen Jahren aushöhlen ließ, um das Wasser aus den oberen Gebirgen herzuleiten, das ich zur Zeit der Dürre in jenen bleiernen Behältern aufbewahrte, dieser soll ihr Sarg werden.‹ – Mein guter Vater, rief ich, zu seinen Füßen sinkend, bedecken wir nicht mit Erde diese himmlische Gestalt! – ›Was ist denn anderes zu tun?‹ – Streuen wir duftende Kräuter in diesen Sarg, und überziehen wir ihn mit einer Glasplatte, welche die Reize der Verblichenen zwar bedecken, aber nicht verbergen soll! – Der Ehrwürdige bekämpfte zwar anfangs diesen Wunsch, doch endlich willigte er ein, um mir nicht auch diesen geringen Trost zu versagen. Wir erfüllten vereint diese traurige Pflicht und senkten den Sarg in den unteren Teil der Grotte. Späterhin, als mein Vorgänger mir diese Behausung, die ich drei Jahre mit ihm bewohnte, überlassen, und sich nach der großen Kartause verfügt hatte, wo er auch bereits gestorben ist, brachte ich den Sarg, wiewohl nicht ohne Beschwerde, an seine jetzige Stelle.

Du bist wohl erstaunt, wie sich die Leiche dieses unglücklichen Weibes, ohne einbalsamiert zu sein, so lange unversehrt erhalten konnte; ich selbst staune darüber und schreibe es einer besonderen Gunst des Himmels zu, wofür ich ihm täglich danke. Auch bleibt mir noch übrig, dir zu erklären, wie ich, nach der Abreise meines Vorfahren, mir die Achtung und Liebe der Landleute, denen ich meine Erhaltung und Pflege verdanke, gewinnen konnte, obwohl ich nicht, wie er, zum geistlichen Stande gehöre. Ich hatte nämlich in meiner frühesten Jugend etwas von der Arzneikunde studiert; dieser Umstand kommt mir gut zu statten. Ich heile die Wunden dieser Leute, und unterstützt von der Natur gelangen mir schon einige bedeutende Heilungen. Ich schlichte auch ihre Streitigkeiten und wirke aus Kräften, ihnen ihre Sorgfalt so viel als möglich zu vergelten.

Dies ist das flüchtige Bild meines Lebens. Hätte ich dir alle meine Leiden erzählen wollen, so wäre ich sobald nicht zu Ende gekommen. Auch übergehe ich die Besuche, die ich hier von Reisenden erhielt, welche meine Gastfreundschaft mit ihrem Zutrauen belohnten; doch das Meinige schenkte ich noch niemanden, nur du, als Retter meines Lebens, hattest darauf Ansprüche. Nichts will ich auf Erden zurücklassen, und meine Leiden sollen mit mir in die unbekannte Gruft steigen.«

»Aber, ehrwürdiger Freund,« fragte ich ihn, »konnte sich diese Gleichgültigkeit, mit der Ihr alles Irdische betrachtet, auch auf Eure Familien erstrecken?« »Keineswegs,« antwortete der Greis. »Als der alte Eremit mich verließ, bat ich ihn, sich um meine Anverwandten zu erkundigen. Nach einem halben Jahre erteilte er mir den Bericht, daß meine Mutter vor einem Jahre gestorben, und daß mein Vater aus Schmerz über einen solchen Verlust ihr nach drei Monden gefolgt sei. Mein Bruder lebte noch vor zehn Jahren und zeichnete sich in seinem Stande rühmlich aus. Um jene Zeit war mein Vorgänger gestorben, mir gelang es nicht, fernere Nachrichten einzuziehen, und wahrscheinlich wird mein Leben sich enden, ohne jemals erfahren zu können, ob er mich überlebt. Doch des Himmels Wille soll geschehen! Bald werde auch ich diesen Ort meines dreißigjährigen Aufenthalts verlassen. Sechsundzwanzig Jahre hatte ich in der Welt zugebracht. Gram und Kummer haben meine Jahre verdoppelt, daß ich gegen den Gang der Natur mich schon frühzeitig unter der Last des Alters beugen mußte.

Dem traurigen Vergnügen, die Hülle meiner Geliebten zu betrachten, opferte ich die Pflicht, meine Mutter zu trösten. Auch sie starb durch mich, und mein Vater folgte ihr. So habe ich Unglückseliger allen, die ich liebte, und von denen ich geliebt ward, den Todesstreich versetzt! Welch unendlicher Schatz von Erbarmnis wird diese Verbrechen tilgen! Vierzehn Tage, nachdem er diese Grotte verlassen hatte, starb auch Francesco an einem hitzigen Fieber. Von Marien, die so schändlich ihre Gebieterin verlassen hatte, konnte ich nie wieder etwas erfahren.«

Hier endete die Erzählung des Greises. Oft hatte er aus Schwäche seinen Vortrag unterbrechen müssen, und so war der Abend herangerückt. Wir verzehrten unser Abendbrot, mein Wirt nahm sehr wenig zu sich. Darauf legten wir uns zu Bette. Ich schlief nicht besser als in der ersten Nacht. Kaum hatte ich des Morgens mein Lager verlassen, als der Pfarrer in Begleitung eines spanischen Kapitäns, der seit einigen Tagen bei ihm wohnte, in die Grotte trat. Dieser gute Geistliche war seiner Gewohnheit nach gekommen, die Seele seines Freundes mit himmlischer Stärkung zu laben. Er bat uns, ihn mit Anselmo (diesen Namen hatte Alfonso seither angenommen) allein zu lassen, und schlug uns vor, uns indessen entweder in die äußere Grotte zu begeben, oder des schönen Tages halber einen Spaziergang in die Gebirge zu unternehmen. Wir wählten das letztere. Der Kapitän schien in wichtigen Gedanken vertieft. Meine Bemerkungen über die Gegenden, an denen wir vorüberzogen, vermochten ihn nur auf Augenblicke auf diesem Tiefsinne zu reißen. Ich knüpfte ein anderes Gespräch an; ein weites Feld bot uns der Krieg auf der Halbinsel. Mit glühendem Eifer sprach er von seiner Liebe gegen den König und seinem Abscheu vor dessen Feinden. Mit gleicher Wärme erhob er das Benehmen des Königs von Frankreich, den Mut seines erlauchten Neffen, und die Tapferkeit der Truppen, die er zum Siege führte. Doch bald versank er wieder in tiefe Gedanken. Da ich ihn erst seit einer Stunde kannte, wagte ich es nicht, ihn über den Grund seines Tiefsinns zu erforschen, welcher sich noch mehr seiner bemächtigte, als wir in die Grotte zurückgekehrt waren. Der Pfarrer bemerkte diese düstere Stimmung und fragte teilnehmend: »Was ist Ihnen, Don Almeza?« – »Almeza?« rief der Eremit, »wär's möglich?« »Ja,« rief der Offizier, sich in seine Arme werfend, »ja, ich bin dein Bruder!« – Sie hingen einige Zeit in dieser süßen Umarmung. Der Eremit fand wieder Tränen, und beide Brüder weinten gerührt. »O, mein Gott!« rief er im Übermaße des Glücks, »so hast du den letzten Wunsch, der in dieser Einsamkeit meine Seele beschäftigte, gnädig gewährt!«

Der Tag verstrich unter den Herzensergüssen der glücklichen Brüder, und unter dem Glückwunsche und den Freudenbezeigungen des Geistlichen, an welchen auch ich den herzlichsten Anteil nahm. Letzterer kehrte in sein Dorf zurück, doch Almezas Freude war zu groß, um sich in einigen Stunden auszusprechen. Er wollte noch einige Tage bei dem Bruder verweilen, doch ich dachte mit Anbruch des nächsten Morgens meinen Weg fortzusetzen.

Nach der Entfernung des guten Pfarrers schien Vater Anselmo, der sein möglichstes aufgeboten hatte, ihn zurückzuhalten, von einem tiefen Gedanken ergriffen; nur mit Zerstreuung erwiderte er die Liebkosungen seines Bruders. Doch plötzlich glänzte eine himmlische Heiterkeit auf seiner Stirne, mit Heftigkeit drückte er den Kapitän ans Herz, und rief mit verklärtem Antlitz: »O, Bruder! Bruder! wie teuer ist mir dieser Augenblick, wo dich der Himmel als Pfand seiner Barmherzigkeit mir wieder geschenkt hat! Alle Freuden meines Lebens vereinigen sich nun in ein Wonnegefühl. Bald werd ich auch meine Mutter wiederfinden, bald wird ein himmlisches Band mich auf ewig mit Konstantinen verbinden. Ja! ich fühl es, inmitten jener herrlichen Freuden wird dein Andenken mich umschweben. Und dich, junger Fremdling, dem ich diesen schönen Augenblick verdanke, möge schon hienieden die Fülle des Glückes beseligen, und möge dereinst, wenn auch dir die Stunde geschlagen, dein Blick liebend auf einem teuren Verwandten ruhen, und dein letzter Atemzug sanft verhauchen, wie der meinige!« Bei diesen Worten sank sein Haupt auf die Schultern seines Bruders. »O Himmel!« rief der Kapitän, die kalte Hand des Greises ergreifend, »er ist tot!« Er erhob dessen Haupt, um in den Augen noch Leben zu suchen, doch umsonst! Sie hatten sich auf ewig geschlossen. Er hatte nicht Kraft genug besessen, den stürmischen Empfindungen dieses Tages zu widerstehen. Bestürzung und Schmerzgefühl hatten den Kapitän erschöpft, doch sammelte er noch alle Kraft und half mir den Leichnam auf das Lager heben. Wir brachten die Nacht wachend und betend an dem Bette zu. Die übrige Zeit verwendeten wir, Konstantinens Sarg in die Gruft zu legen, die der Eremit ihr neben der seinigen gegraben hatte. Wir erachteten dies für nötig, um den Bauern, welche ihm die letzte Ehre zu erweisen kommen würden, nach seinem Tode nicht ein Geheimnis zu entdecken, welches er ihnen im Leben verborgen hatte. Nach Erfüllung dieser traurigen Pflicht stellte ich es dem Kapitän frei, ob er lieber bei seines Bruders Leiche verbleiben, oder den Pfarrer holen wolle; er wählte das erstere. Ich ging daher zu dem edlen Geistlichen, den dieser plötzliche Todesfall ganz außer Fassung brachte. Doch die Religion flößte ihm bald Stärke ein, und er folgte mir zur Grotte. Hier segnete er die Erde, die seinen Freund bedecken sollte, und half selbst, ihn zur letzten Wohnung zu geleiten. Häufiges Schluchzen unterbrach sein Gebet; die Bauern weinten, als wenn ihnen ein Vater gestorben wäre.

Nach dieser ehrwürdigen Zeremonie entließ der Pfarrer das Gefolge, und schlug uns vor, jenen Stein vor dem Eingange der Grotte zu befestigen. Der Kapitän nahm mit Freuden diesen Vorschlag an, da hierdurch die Hülle seines Bruders keinen lästigen Besuchen mehr ausgesetzt war; doch schmerzte es ihn, daß hierdurch auch ihm der Weg zu jenem Orte verschlossen wurde, wohin seine Erinnerung ihn so oft zurückführen mußte. Ich war hiermit sehr zufrieden, da ich jedem Wanderer die Gelegenheit benommen sah, gleich mir den Gefahren des Todes preisgegeben zu werden. Des Geistlichen Vorschlag wurde mithin angenommen, und alsogleich, obwohl nicht ohne große Schwierigkeiten, ausgeführt. Wir mußten einen großen Haufen Steine herbeischleppen, um den Landleuten auf immer den Zugang zu verschließen; endlich gelang es uns, die Steinplatte von innen zu befestigen. Da die Nacht hereinbrach, beredeten wir den Pfarrer, in sein Dorf zurückzukehren, um den Bauern, die über sein Ausbleiben besorgt sein dürften, keine Gelegenheit zu geben, zur Einsiedelei wiederzukommen. Er verließ uns, nachdem wir ihm versprechen mußten, von ihm Abschied zu nehmen, bevor wir uns an den Ort unserer Bestimmung verfügen wollten.

Wir beide brachten die Nacht in diesem traurigen Orte zu. Noch hatte die Morgensonne den Himmel nicht gerötet, als wir schon unser Gebet am Grabe verrichtet und Anselmo das letzte Lebewohl gesagt hatten. Wir beschäftigten uns nun, auch jenen Eingang von außen zu verstopfen, welchen der Eremit mir zur Beruhigung gezeigt hatte, und der, außer mir, nur dem Pfarrer bekannt war. Die Bauern mußten bei ihren Besuchen immer die Vorsicht gebrauchen einen aus ihnen draußen stehen zu lassen, um den Stein wenden zu können. Unsere letzte Arbeit war minder beschwerlich und langweilig, als die erstere, da dieser Ausgang nur den Raum eines Mannes faßte. Ein Leichtes war es uns, ihn von außen mit Erdschollen zu bedecken, die wir zu dem Behufe von den Gebirgen herabrollen ließen. Nachdem wir unser Werk geendet, warf sich der Kapitän auf die Knie und betete nochmals für den Bruder, den er eben so schnell verloren, als wiedergefunden hatte. Er hinterließ in der Nähe ein Merkmal, um den Ort zu bezeichnen, im Falle, daß er wiederkommen und dessen Inneres besuchen wollte. Wir begaben uns nun nach der Wohnung des Pfarrers, der mit uns über den schmerzlichen Verlust in Tränen zerfloß. Wir nahmen Abschied voneinander und versprachen uns gegenseitig zu schreiben und eine Freundschaft fortzusetzen, die sich unter so seltsamen Ereignissen gebildet hatte. Ich reiste meinem Regimente nach; der Kapitän, den eine unbedeutende Wunde am Vorderarme außerstand setzte, seine Kriegsdienste fortzusetzen, verfügte sich nach Sevilla.

Als ich später über den Eindruck nachdachte, den der Widerstand des Steines, der sich sonst so leicht wenden ließ, auf die Gemüter der Bauern machen würde, so trug ich keinen Zweifel, daß sie hierin nicht das Spiel einer übernatürlichen Macht erblicken würden, und daß dieser Umstand vielleicht Stoff zu manchem jener Märchen liefern könnte, womit sich die Landleute unter allen Himmelsstrichen so gerne die Winterabende verkürzen.