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Hans Hart: Das Haus der Titanen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHans Hart
titleDas Haus der Titanen
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunErstes bis fünftes Tausend
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081017
projectidb3757432
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Und das Leben ging langsam und unaufhaltsam weiter und das Jahr mit ihm. Weihnachten kam und fand erschreckte und fast verlegene Williguthgesichter und Hände, die sich gerne zu Fäusten geballt und um ein wenig Frist getrotzt oder selbst gefleht hätten. Niemals war ein Fest wie dieses. Wer durfte sich freuen, außer den ganz Kleinen, wer durfte voll geldfroher Betulichkeit sinnen und kaufen, um weihnachtselige Kindersehnsucht, behagliche Genußmenschenwünsche und karge Greisenvergnügtheit fröhlich und hell unter dem harzduftenden Lichterbaum zu vereinen? Wer durfte da an fette, eiderdunenweiche Karpfen denken, an vierschrötige, knusperige Kapaunen, an wundervoll getürmten und gezierten Salat, der jeder Williguthfrau streng gehütetes Geheimnis war, an süßen und unverdaulichen, kunstreich geschmückten Marzipan, an die Heerschar von Naschwerk aus Früchten, Mandeln, Nüssen und Zitronat, die der Hofzuckerbäcker Robert Williguth sonst um diese Zeit von Haus zu Haus schickte, und die jetzt, silberverschnürt und mit Namen versehen, im Magazin ein nutzloses Dasein führte? Wer durfte es wagen, schimmernden weißen Damast auf glänzende dunkle Tische zu breiten, schweres Silber und Kristall blitzen zu lassen und unter der hundertkerzigen Tanne zu sagen: »Kommt und seid fröhlich!?«

Friedemann lag auf den Tod. Sie faßten es nicht, die Williguths, daß einer von ihnen sterben sollte, und schämten sich fast, daß ein Fest sie nicht bereit fand. Verschwiegen und insgeheim maß ein jeder gerade daran die Hinfälligkeit seines strotzenden, festgegründeten Lebens.

Der Geheimrat schloß sich ein, wie stets, wenn seine Gedanken nicht willige Sklaven waren, nur Flora Schirlitz durfte ihn da stören. Witte und Elias bekamen ein kleines Bäumchen, das man im Kinderzimmer eilfertig geputzt hatte. Elias hob die dicken Händchen und bejubelte die Kerzen. Witte aber sagte vorwurfsvoll, die kleinen dunkelblonden Brauen steilrecht gefurcht: »Dummer Onkel Friedemann! Voriges Jahr war der Baum viel größer und viel mehr Zuckerwerk daran!«

Mißmutig kroch er ins Bett, nachdem er den neuen Bierwagen an seinen Fuß festgebunden und so vor jedem Diebstahl sicher hatte. Bilderbuch, Kanone und Plüschaffe lagen in Griffweite. Jakobe lächelte, als ihr Bub seinen Besitz wie eine Vasallenschar um sich versammelte. Und in diesem Lächeln war Neid.

Dann fuhr sie mit Heinz zu ihren Eltern und trug in dem Lärm dieses Weihnachtsabends ihren Kopf stolzer denn je. In einem rastlosen Gehetztsein, das wie Übermut wirkte, zwang sie alle Welt zu glauben, daß sie eine glückliche Frau sei.

Hochmut trotzte um die heute rotgeschminkten Lippen, die Stimme war laut und scharf in einer neuen gläsernen Sprödigkeit, und Nikolaus Forcade stellte nachdenklich fest, daß der Ausschnitt tiefer reichte als sonst. Mit bekümmerter Unruhe entdeckte er an Jakobe Spuren von dem grellen Wesen der Mutter. Miriam aber empfand diese plötzliche Gefallsucht als Eingriff in ihr alleiniges Recht. Sie war ohnedies schon schlimmer Laune, weil Renate und Achatz wider Erwarten unter dem Lichterbaum nicht um ihren mütterlichen Segen gebeten, sondern nur vergnügten Unsinn miteinander getrieben hatten. Und jetzt lief ihr noch Jakobe über den Weg, spreizte sich und haschte nach Blick und Wort, hob lässig die schmalen Arme und nahm alles Lob an sich. Mißtrauisch standen die schwarzen Brauen über Miriams herrischen Augen.

»Spar' dir die hübschen Mätzchen für dein Schlafzimmer, mein Herzblatt!« zischte sie der Tochter ins Gesicht und bewunderte laut und mütterlich die kostbaren Spitzen an Jakobes Kleid. Sir S. Lewis, der feine Ohren hatte und gerade am Kamin die alten Knochen wärmte, schmunzelte boshaft, als er Miriams Oberlippe hochspringen und ihre Zunge schlangenschnell über die starken Zähne gleiten sah.

»Komm her, Miriam, mein Gold!«

Sie wandte nur den Kopf und gab ein kurzes, zorniges Lachen. Sie hatte Jakobe Williguths nackte Schultern dicht vor sich und nicht weit davon Renate im Stolz des ersten ausgeschnittenen Kleides, das man ihr in der Hoffnung auf die bevorstehende Verlobung bewilligt hatte. Miriam atmete schnell. Sie fühlte mit grimmiger Schärfe, daß diese Frau und dieses Mädchen sie selbst ins Alter verwiesen, unbarmherzig ihre Schönheit übertrumpften, daß zwischen zwei Generationen dunkel und unbewußt der Haß am Werke war und das Gestern unerbittlich vom Heute schied.

Der alte Mann am Kamin griff nach ihrer zornigen Hand und murmelte: »Gib dich darein!«

Aber sie riß sich los. Ihre schweren Brüste standen straff, ihre Nasenflügel zuckten auf und nieder, die nicht allzukleine Hand raffte knapp das Kleid. Ein Rauschen lief vor ihr her. So stieß sie auf Jakobe wie auf eine sichere Beute. Die plauderte gerade mit Heinz, eine heitere, undurchdringliche Maske vor dem Gesicht, und setzte Worte, deren müde Gleichgültigkeit ein ewiges Lächeln warm und hell verdeckte. Miriam kniff die Lider ein. Sie maß die beiden einen kurzen Augenblick. Jakobe war schöner als je. Miriams Finger krallten sich in die Seide. Dann sagte sie vorwurfsvoll: »Ich hatte gedacht, liebe Kinder, daß mir Heinz diesmal den Privatdozenten unter den Christbaum legen würde.«

Und sie sah von einem zum andern und lächelte wie eine enttäuschte Mutter, der die Kinder eine kleine, unschuldige Freude vorenthalten.

Jakobe stieß hart und lautlos den Fuß auf, man sah es nur am Zittern ihres Kleides. Heinz Williguth war blaß und nagte an den Lippen.

»Na?« fragte die Gräfin Forcade und schlug lachend den Fächer nach ihm, »bist doch der Sohn deines Vaters, oder nicht?«

Rothenwolff wechselte einen schnellen Blick mit Nikolaus Forcade und verbeugte sich in gemessener Würde vor Miriam: »Es wird getanzt! Darf ich bitten, gnädigste Tante?«

Sie nahm seinen Arm, ließ die Seide knistern und fühlte sich jung in befriedigter Rachsucht.

Die Williguths fuhren heim. Steif und aufrecht saßen sie und hatten acht, daß zwischen ihren Körpern Raum blieb. Endlich fragte Heinz: »Was wollte eigentlich deine Mutter?«

Eine Weile kam keine Antwort. Nur die Augen Jakobes brannten aus dem Dunkel. Ihre Hand zog die Spitzen dichter um das Gesicht. Dann sagte sie langsam: »Du weißt ganz gut, was sie wollte.« Und kehrte den Blick zum Fenster, hinter dem die Brückenlichter vorbeihuschten.

»Und du, Jakobe?«

Sie zuckte nur die Schultern. In seinen Augen aber war jetzt ein halb lauerndes, halb fröhliches Funkeln, das die flüchtige Stunde einfangen wollte. Ganz nahe schob er sich heran.

»Du, Jakobe!«

Jäh wandte sie den Kopf. Da hielten schon die Rappen vor dem hellerleuchteten Portikus mit den strengen jonischen Säulen. Heinz hob seine Frau aus dem Wagen.

»Du, Jakobe!«

Hand in Hand, Liebkosung und Gewalt. Sein hastiges Flüstern lief wie Feuer über ihre Haut.

Zögernd, mit großen, hellen Augen sah sie ihn an.

Simon Gottesdank riß die schwere Eingangstür auf. Aus einem tiefen Korbstuhl erhob sich die Schirlitz, ihr graues Seidenkleid raschelte wie dürres Laub, die harten Tritte weckten wunderliche Stimmen in der Stille.

»Schön guten Abend, gnädige Frau und Herr Doktor. Herr Geheimrat sind nochmals nach der Klinik und bleiben dort. Und, ach, gnädige Frau,« sie hielt Jakobe, die abgewandt ihre zornigen Tränen verbarg, am Pelzbesatz des Mantels fest und wies eifrig und erregt nach dem Wintergarten, »vielleicht wissen gnädige Frau dazu Rat. Der Gärtner will rote Azaleen um alle Palmen stellen, sozusagen als Rabatte. Und nun fürchte ich, daß dem Herrn Geheimrat rote Blumen nicht erwünscht sein könnten, wo doch der Herr Superintendent so leidend sind– –.«

Heinz grub den Blick in Jakobes Gesicht: »Warum operiert Vater nicht und macht ein Ende, ehe uns alle der Satan holt?«

Die schrille Stimme schlug in ein heiseres Keuchen um. Er duckte sich wie ein Tier. Dann drehte er sich auf dem Absatz und schmetterte die Tür ins Schloß.

Jakobe streckte die leeren Hände und ließ sie schlaff wieder fallen. Der Alltag zerschlug das scheue Wunder in tausend Scherben.

 

Im »Blauen Herrgott« saß an diesem Abend Giacomo allein bei den greisen Eltern. Er fühlte seine Junggeselleneinsamkeit stärker als sonst, aß und trank zerstreut, was ihm die Mutter vorsetzte, seufzte, kam ins Grübeln und breitete plötzlich nachdenkliche Weisheit vor sich aus.

»Ja, es sollte jemand mit Philipp Emanuel sprechen. Es fängt gerade so an wie damals, als uns Karl Maria vor die Hunde gehen wollte.«

Und hieb die schwere Faust auf den Tisch: »Aber ich rühre keinen Finger mehr. Wie ein Aal ist der Kerl, einfach nicht zu fassen. Und sie? Fordert sie doch gefälligst auf, mit ihm zu schlafen!«

»Unsinn!« brummte Johann Sebastian, »das renkt sich alles zurecht. Um einen Williguth ist mir nicht bange. Wir verstehen es mit den Weibern.« Herablassend sah er auf den gliederschweren Hagestolz und kniff die unwillige Apollonia in den Arm: »Was Mutter?«

Damit war der Fall Heinz Williguth für ihn erledigt.

Als dann Giacomo dem Vater ein Glas Punsch zur vollen Zufriedenheit gebraut hatte, schlürfte Johann Sebastian den Trank und sagte behaglich und doch zaghaft: »Komm, du sollst mir die Bälge treten. Friedemann kann es nicht kränken, und dem Herrgott und mir ist es heut abend doch eine kleine Freude.«

Und dann klang die Orgel.

Apollonia war allein im Schimmer der niederbrennenden Weihnachtskerzen, hielt den Stock mit dem Löschhütchen in der Hand und drückte die rauchenden Stümpfchen sorgsam aus. Giacomos Worte gingen ihr schwer und kummervoll durch den Sinn. Hochaufgerichtet blickte sie in das Flackern der Kerzen.

 

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