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Leopold Sacher-Masoch: Das Erntefest - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleÖsterreichische Erzählungen des 19. Jahrhunderts
publisherAlois Brandstetter, Hrsg.
year1986
titleDas Erntefest
senderharald_aichmayr@netway.at
authorLeopold von Sacher-Masoch
copyright(c) 1986 Residenz Verlag, Salzburg und Wien
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Leopold von Sacher-Masoch

Das Erntefest

Ringsum klingt die Sense, die Sichel; Lieder bald fröhlich wie Lerchen, bald trauernd sehnsuchtsvoll wie Nachtigallen steigen aus der Ebene empor. Die Ernte ist im vollen Zuge. Die weite podolische Fläche wogt im leichten Sommerwinde, ein gelbes Meer, Hügel an Hügel scheinen sich wie große Wogen zu heben und wieder zu senken, auf einzelnen kleinen Inseln wimmelt es von Schnittern wie von kleinen, schwarzen Insekten.

Um mich, oder eigentlich um den ostgalizischen Edelhof, in dem ich vor einer Woche etwa vom Pferde gestiegen und bis heute ein Gefangener russischer Gastfreundschaft bin, dehnt sich ein Stück dieser unendlichen Ebene, das hat seine Korn- und Weizenwellen in riesigen Garben zusammengebunden. Zu dreien aneinander gelehnt, stehen sie weithin in langen Reihen, gleich Zelten eines ausgedehnten Lagers, nur am Horizonte von einem kleinen Wäldchen, das wie ein dunkler Gartenzaun dasteht, und von dem Dorfe Turowa begrenzt, dessen niedere, von Strohdächern tief überhangene Hütten mit einzelnen emporragenden Stangen man von weitem für längliche Heuschober halten könnte.

Der Edelhof, ein langgestrecktes, ebenerdiges Gebäude, steht mit seinen Ställen, Schuppen, Scheuern auf einem Hügel. Ein Fußpfad führt zwischen Felder, die nur noch dürre Stoppeln zeigen, in Krümmungen gegen das Dorf hinab. An ihm lehnt ein flacher, kahler Erdaufwurf, das Volk nennt ihn den Tartarenhügel, und jenseits desselben steht das Kornfeld, von dem aus die Lieder der Schnitter herübertönen, dann noch eins und noch eins.

Ich nehme meine Flinte und trete aus dem Hause.

Da sitzt auf der Veranda der Herr des Edelhofes, mein Wirt Wasyl Lesnowicz. Ein würdiger Mann, nicht eben klein, knochig, mit starker Stirne, unverwüstetem, weißem Haare, langem Schnurrbart, fester Nase und dickem Kinn. Die blauen Augen unter den struppigen Augenbrauen wie verborgene Flämmchen lebhaft und feurig.

»Gehen Sie nicht zu weit vom Hause, Bruder« sagte er bedächtig, »die Bauern werden heute mit der Ernte fertig, dann feiern wir heute abend noch das Erntefest, ja, sie kommen alle herauf, das ganze Dorf, das Volk hat so ein Attachement an unsereins, weil man zu ihm gehört, drüben bei dem polnischen Nachbar, da kommt niemand mehr zum Erntefest, als die bezahlten Schnitter.«

Herr Wasyl war nämlich stolz auf das Ansehen, das er beim Landvolk genoß.

Seine Familie war, wie alle adeligen Geschlechter Ostgaliziens, russischer Abkunft, hatte unter polnischer Herrschaft polnische Sprache und Gesinnung angenommen, aber den griechischen Ritus bewahrt. Herr Wasyl hatte seine Bauern nie schlecht behandelt, aber vor dem Jahre 1848 die Herstellung Polens als politische Notwendigkeit angesehen. Als in jenem Jahre der Bauer seine Freiheit erlangte und die russische Nationalität in Galizien zu neuem Leben erwachte, da begann auch Herr Wasyl russische Zeitungen zu halten, russische Bücher zu kaufen, seinen Töchtern Jacken nach russischem Schnitte machen zu lassen, mit den Polen französisch zu sprechen, in der Unterredung mit Bauern stets Phrasen wie: »wir Brüder« »wir Landsleute«, fallen zu lassen und jeden mit einem »bleibt gesund!« zu grüßen.

Ich sagte, ich wolle eben nur auf das Feld zu den Schnittern gehen, nahm Abschied und schritt gegen das Dorf.

Auf dem Fußpfad kam mir eine schlanke Bäuerin entgegen, den Kopf phantastisch mit einem bunten Tuche wie mit einem Turban umwunden, sie ging mit einem »Gelobt sei Jesus Christus« gesenkten Blickes an mir vorüber.

Da lag nun das Kornfeld, das unter den kräftigen Armen der Schnitter rasch zu Boden sank. Behende arbeiteten die jungen Burschen in weiten, grobleinenen Beinkleidern und Hemden, mit bloßen Füßen, Armen und bloßem, braunem Halse, einen breitkrempigen Strohhut auf dem Kopfe. Die Mädchen in kurzen, bunten Röcken, ploderndem Hemde, den roten oder gelben Tüchern auf dem Kopfe, tauchten beim Schneiden wie große Mohnblumen auf und ab.

Zur Seite stand ein großer Krug Wasser mit einem angeschnittenen Laibe schwarzen Brotes als Deckel. Seitwärts richteten mit echt russischem Ernste einige Bauern die Garben und stellten sie schief zusammen, wie man Gewehre in Pyramiden stellt, damit der Regen abrinnen kann.

Buben versteckten sich zwischen denselben, einer rief: »Ich bin ein Bär! Das ist meine Höhle!« Sofort liefen die anderen herbei, suchten ihn mit Weidenruten herauszutreiben und schrieen sich heiser, bis ein Garbenbündel umsank, das nächste niederwarf, und so eine ganze Reihe wie Kartenhäuser zusammenfiel. Eine kräftige Stimme tönte herüber, jetzt richteten sie die Garben rasch auf, legten sich halb nackt in den warmen Sand des Weges und horchten zu, wie einer ein Märchen erzählte.

Seitwärts stand eine Schnitterin, ein junges Weib. Die staubigen Füße, die schlanke Hüfte, die volle Brust besonders wohlgebildet. Das Haar in einem großen Kranz um den feinen Kopf mit seelenvollem, blauem Äug' und der feinen, sanftgebogenen Nase. Sie wischte den Schweiß mit dem weiten Hemdärmel von Stirne und Wange, steckte die Sichel rückwärts in das Schürzenband und hockte sich in das Korn.

Da lag ihr Kind.

Sie nahm es an die Brust, setzte sich unter den Weißdornstrauch, wo er den vollsten Schatten gab und sprach zu ihm süße Worte wie Küsse, zärtliche Diminutive, wie sie keine andere Sprache besitzt, halb singend, halb zwitschernd, sodaß ein neugieriges Rotkehlchen aufmerksam wurde, geflogen kam und von dem obersten Aste des Weißdornes mit den klügsten schwarzen Augen ernsthaft zusah.

Alle hatten mich begrüßt und dann etwas gemustert.

Jetzt kam über den Weg herüber ein alter Bauer. Ihm gehörte das nächste Feld, er beaufsichtigte seine Leute bei der Arbeit, hatte mich gesehen und kam, mit jener unserem russischen Bauern angeborenen guten Art, mir Gesellschaft zu leisten. Auf zehn Schritte weit zog er den Hut ab und wünschte mir und meinen Enkeln und Enkelkindern ein ungemessenes Wohlergehen. Als er den Hut abhatte, war sein Gesicht mit dem energischen Schnitte, dem wehmütigen Munde, von einem weißen Schnurrbart eingefaßt, der gewölbten Stirne, zur Hälfte von dem abgeschnittenen, grauen Haar bedeckt, zugleich schön und sympathisch. Er hatte einen groben, zottigen Rock an, mit Kapuze rückwärts, grau, an den Nähten mit blauen Schnüren besetzt, einen Rock, den die Reiter Dschingis Chans getragen haben mögen und den der galizische Bauer als ein Erbstück der Tartarenzeiten in seiner Tracht bewahrt.

Wir gingen zwischen den Garben auf und ab, sprachen von der Ernte und kamen allmählich bis zu dem Tartarenhügel, welcher gegen die untergehende Sonne wie ein schwarzer Sarg stand. Ich legte meine Flinte an seinem Abhange nieder und setzte mich in den Schatten. Der Bauer bedachte sich einen Augenblick, blickte umher, dann setzte er sich in einiger Entfernung gleichfalls nieder.

Je weniger ich sprach, um so mehr bemühte sich der alte Mann, mich zu unterhalten.

»Heute werden wir fertig«, sagte er, »die Leute vom Hofe auch, dann halten wir zusammen das Erntefest.« »Ihr seid also in einem guten Verhältnis zu Euerem früheren Gutsherrn?« bemerkte ich.

»Und warum nicht!« erwiderte der Bauer; »er gehört zu uns, er ist ein Russe so wie wir. Mit den polnischen Gutsherren ist es anders. Das ist eine alte Feindschaft, die Volkslieder wissen davon zu erzählen. Herr Lesnowicz dagegen ist, um es recht zu sagen, mit uns wie ein Bruder mit Brüdern. Er hat uns geholfen die Schule bauen, er hat uns auch einen streitigen Wald gegeben, wir werden ihn also zum Deputierten wählen.«

»Ihr habt hier eine gute Schule, und was ich von der Wirtschaft sehe, ist auch besser, als sonst bei uns in Galizien.«

»Ich bitte Sie«, fiel der Bauer lebhaft ein, »es ist hier ziemlich, aber wenn es irgendwo schlechter ist, darf man darüber staunen? In manchen Büchern steht es zu lesen, daß der Bauer hier zu Lande träge ist, ein schlechter Arbeiter, aber ein ordentlicher Säufer und Dummkopf, der Kirchensänger hat uns einmal so etwas vorgelesen. Nun, Gott sei Dank, ist das nicht wahr. Aber dürfte man erstaunen, wenn es so wäre? Bedenken Sie doch, gnädiger Herr, wie das so bei uns war. Da waren wir unter dem polnischen Reiche, wie lange ist das her, waren zu nichts anderem gut, als dem Edelmann das Feld zu bestellen wie Rind und Pferd; nur wenn ihm sein Nachbar ein Pferd tötete, mußte er Strafe zahlen, und wenn er ihm einen Bauer tötete, oft nicht. Also sollte der Bauer ein Land lieben und mit Eifer bebauen, auf dem er wie ein Fremder, wie ein Tier gehalten war?

Da kamen wir zu Österreich, da wurde es gleich besser. Der Bauer war jetzt ein Mensch wie jeder andere, aber der Grund blieb dem Edelherrn und der Bauer mußte ihm die Robot leisten.

Der große Kaiser Joseph« – der Bauer nahm den Hut ab und setzte ihn wieder auf – »hat uns ein Patent gegeben, das sagte deutlich, so viel Tage der Woche soll der Bauer für den Gutsherrn arbeiten und so viel für sich. Es war gerecht für beide Teile. Aber die Edelleute wollten keine Gerechtigkeit und verstanden das Patent zu umgehen. Wie, werde ich Ihnen gleich sagen.

Uns sind die Kinder ans Herz gewachsen, und schwer trennt sich der Vater von dem Sohn. Nun nehmen wir an, ein Bauer hatte 30 Joch, die ihn gut ernährten, und hatte davon vier Tage Robot zu leisten. Der Bauer hatte nun zwei Söhne. Da kam der Edelmann und sagte: ›Du hast zwei rüstige Söhne, man wird sie Dir zum Militär nehmen, Du aber möchtest Dich nicht von ihnen trennen. Weißt Du was, Du gibst jedem 10 Joch, so hat jeder von Euch 10 Joch, und jeder leistet mir 4 Tage Robot.‹ Die Söhne teilten wieder und die Enkel wieder, und die Robot stieg immer fort, und vereinigte wieder einmal ein Bauer alle diese Teile, so hatte er nun statt 4 Tage oft 24 Tage in der Woche zu roboten und fragte sich, wie er das anzufangen habe.

Es war also damals auch nicht am besten. Wenn der Bauer den ganzen Tag hinter dem Pflug ging, so geschah es, damit der Edelmann auf Silber speist, die Edelfrau mit vier Pferden am Schlitten fährt, er selbst aber Haferbrot kaut und sein Weib barfuß im Schnee watet.«

Dem Bauer war besonders wohl, wie er der vergangenen, schweren Zeiten gedachte und dann auf seinen freien Grund und Boden blickte.

»Ich meine, daß die Bauern auch damals nicht so arbeitsscheu waren«, sagte ich nach einer Weile; »wie war es denn mit den nächtlichen Ernten? Ihr erinnert Euch noch gewiß daran.«

Der Bauer sah bei Seite und spuckte aus. »Wie soll ich mich nicht erinnern, Herr!« erwiderte er; »es war so. In manchen Gegenden, wenn es einen schlechten Sommer gab, Gewitter, Stürme, Regengüsse, und war das Feld in ein Meer verwandelt, jede Ackerrinne ein Bach, wenn dann zur Zeit der Ernte auf einmal der Himmel wolkenlos war, die Luft stille stand, heiß und trocken, da geschah es, daß der Edelherr die Bauern vom frühen Morgen bis zum Abend auf seinen Feldern arbeiten ließ, um die Ernte hereinzubringen, ehe sich das Wetter wenden möchte, und den Bauern keine Zeit blieb, für sich zu schneiden, ihr Korn bog sich bereits zur Erde, jede Wolke, die am Himmel aufstieg, konnte ihre Ernte vernichten.

Kamen dann die schönen kühlen Vollmondnächte, so ruhten sie etwas, nachdem die Tagesarbeit für den Herrn getan war, und hielten ihre Ernte in der hellen Vollmondnacht, sie blieben beisammen, wie sie von dem Felde des Herrn kamen, und schnitten dann alle vereint Feld für Feld, wie es kam, jedem halfen alle, und jeder allen. Am Morgen schliefen sie wenige Stunden und zogen dann wieder zur Arbeit auf das Feld des Herrn. Das waren die nächtlichen Ernten.«

Wir schwiegen beide.

Endlich sagte der greise Landmann: »Sehen Sie, so ist es mit der Faulheit, und was das Saufen betrifft, so ging der Bauer in die Schenke, um sein elendes Leben zu vergessen. Der Branntwein nahm ihm etwas die Besinnung, und das war gut. Man tanzte, man sang, man sprach von dem und von jenem, man verpfändete seinen Rock und seine Stiefel, aber man lebte doch.

In dem Jahre 1848 ist es auf einmal anders geworden. Wir sind frei geworden, der Grund und Boden gehört uns. Der frühere Gutsherr ist uns nichts mehr als ein Nachbar. Sehen Sie, seitdem hat sich alles gebessert. Der Bauer sieht fleißig auf seine Wirtschaft und hat Gewinn davon; es ist ein gutes Land, in dem wir wohnen, einen besseren Boden kann es wohl nicht geben, der Mensch hat Lust an der Feldarbeit. Der Bauer hat so eine Liebe zu ihr, zu seinen Tieren, seinen Verhältnissen, und wenn es gut geht, hat er einen Ertrag, daß der Städter ihn beneidet.

Sehen Sie, vor Zeiten war ich manchmal in Strafe wegen der Robot, und meine Felder standen zur Hälfte wüst. Jetzt pachte ich Grundstücke von den polnischen Edelherren, und meine Wirtschaft läßt sich sehen. Drüben in Sieniawa da sehen Sie das Dorf an, Haus für Haus von purem Stein. Dabei die gute Straße. Das ist freilich noch der Anfang, Herr Gnädiger, es drücken uns etwas die Steuern, es fehlt noch an Eisenbahnen, Straßen, Schulen.«

Ich sah den Bauer erstaunt an. »Aber man sagt«, bemerkte ich dann, »daß Ihr die Schulen nicht sehr liebt.«

Der alte Mann schlug die Arme auf der Brust ineinander und wiegte den Oberkörper hin und her. »Was die Leute alles sagen! Das war noch, wie alles polnisch war, und wir zahlten nicht gern unser Geld dafür, damit unsere Kinder ihre Muttersprache verlernen.

Jetzt sind die Schulen in unserer russischen Sprache, und die Gemeinden bauen selbst die Schulhäuser und geben, was nötig ist.

Ja, was da alles geredet wird und geschrieben, es ist bereits ungesund. Auch von der Eisenbahn. Waren Sie nur dabei gewesen, wie die Bahn nach Lemberg eröffnet wurde Man sagte, die Bauern nennen das ein Höllenwerk Das war aber unwahr.

Auf allen Stationen waren die Gemeinden mit Richtern, Geschworenen, Musik und begrüßten den ersten Zug. Viele fielen auf die Knie, hoben die Hände zum Himmel. Glauben Sie solche Sachen nicht .Es wird noch weit anders werden, weit anders, Sie werden es wohl erleben, man soll nur der Gemeinde mehr Freiheit geben. Es war bei uns von alten Zeiten her, daß die Gemeinde alles war, und sie ist es jetzt auch, wenn auch die Regierung sie nicht so anerkennt. Es konnten weniger Beamten sein, es wäre uns besser und dem Reiche.«

»Freund«, warf ich ein, »ich bin auch für die freie Gemeinde, aber es ist noch nicht an der Zeit.«

»Ich beschwöre Sie«, entgegnete der Bauer, »warum denn nicht? Da hatten z. B. die Dominien die Steuern einzuheben für den Staat und hatten uns bedrückt. Darauf haben die Bauern nicht erst gefragt, sondern die Steuern selbst gesammelt durch die Gemeinderichter. Im Jahre 1827 kamen die kaiserlichen Steuerämter. Sehen Sie, da hat es gleich sehr viel gekostet, und früher nichts, und was die Rückstände betrifft, so waren es nur wenige, als die Gemeinden die Steuern einhoben, und als die Beamten – bald mehrere Millionen. Es scheint also, daß die Gemeinden manches besser machen als die Beamten. Kein Vogel kann gleich fliegen.

Wenn aber die Störche wollen, daß ihre Jungen es lernen, tragen sie dieselben auf ihren Flügeln in die Luft empor. Aber es scheint, die Regierung will nicht, daß wir fliegen lernen« –

Um den Weißdornstrauch hatte sich indes eine Gruppe von Weibern und jungen Burschen gebildet, aus der plötzlich ein gellendes Geschrei herüber tönte. Mein alter Bauer richtete sich auf, um hinzusehen. Zugleich kam ein halbgewachsener Knabe mit bloßen Füßen, wirren blonden Haaren, in vollem Laufe gegen den Tartarenhügel. Er schrie von weitem schon halb atemlos: »Großvater! Großvater! – die alten Weiber – wollen der Jewa – nicht – den Erntekranz geben.« –

»Warum nicht?« fragte der Bauer. »Sie sagen, daß sie leichte Sitten hat!« »Was kümmert das die alten Weiber, aber sie sind wie die Hennen, wenn eine junge unter sie kommt, beißen sie sie. Da sehen Sie aber den Jungen an, wie der kleine Hahn schon sein Hühnchen zu beschützen weiß. Kommen Sie, Herr! Sie selbst sollen bestimmen, welche den Erntekranz tragen soll. Es sind schöne Mädchen da, die Wahl ist schwer.«

Wir gingen den Hügel hinab, vorbei an den Erntewagen, die geladen wurden, an Schnittern, die ihre Sense dengelten.

Die Sonne sank, von kleinen Wolken umgeben, welche sie mit feurigem Rot übergoß. Ein lauer Abendwind strich durch die Stoppelfelder. Auf einem Heuschober saß eine Amsel und sang, Sperlinge flatterten an den Sträuchern, und schrieen pöbelhaft in ihr melodisch elegisches Lied.

Unter dem Weißdornstrauch saßen fünf junge Frauen und wanden den Erntekranz. Zwei hatten den Schoß voll gelber Getreideähren, die dritte hielt blaue Kornblumen in der Schürze und schob von Zeit zu Zeit einzelne in das Geflechte, eine sang munter ein Lied und hielt in den braunen Händen ein duftiges, rosenfarbiges Band.

Noch eine saß zur Seite, den Kopf in beide Hände gestützt, wie versunken, ihre Wimpern fielen gleich schwarzen Schatten in das Gesicht. Ein Schwarm von Weibern und Burschen keifte, schrie und lachte um sie. Sie blickte nicht auf.

Wir traten hinzu. Es wurde ganz stille; sie regte sich nicht. Der alte Bauer, die Hände flach auf die Knie gestemmt, bückte sich zu ihr.

»Nun Jewa, sie wollen Dir den Kranz nicht geben?« Jetzt riß es sie einen Augenblick empor, ich blickte in ein Antlitz vom edelsten Oval, mit dem göttlichen Schnitt eines hellenischen Marmorbildes, bleich, sehr bleich, zwei Augen flammten empor, der unverhüllte Busen hob sich langsam, wie ein schlafender Schwan die weißen Flügel regt. Wieder sanken die Wimpern herab. Teilnahmslos blickte sie auf den Kranz.

Ich sah sie noch einmal an und sagte lebhaft: »Ihr gehört der Kranz.« Der alte Bauer nickte. Die Schnitter liefen herbei, schwangen die Hüte und schrieen: »Jewa trägt den Kranz!« Sie stand auf und blickte mich an, kaum dankbar. Mit stolzer Bewegung des Kopfes warf sie die langen, dicken Zöpfe nach vorne über die Schultern und begann den einen aufzumachen.

»Wählt die Kranzmädchen«, rief sie mit verächtlichem Lächeln den Schnittern zu, welche sie betrachteten, kehrte ihnen den Rücken, löste rasch die Zöpfe und breitete dann die langen, weichen Haare wie einen dunklen Mantel um sich.

Niemand sprach ein Wort, nur ein altes, zahnloses Weib stellte sich neben mich und sagte halblaut: »Die Faulenzerin kann leicht weiß sein und lange Haare haben, was tut sie denn? Singen, träumen, lieben, lachen!«

»Wo ist die Handza?« fragte schüchtern, die Augen zu Boden geschlagen, ein junger Schnitter.

»Komm'! komm' hervor!« sprach der alte Bauer und zog das hübsche Mädchen am Hemdärmel zu sich, das sich täppisch wehrte und die rote Schürze vor das rote Gesicht hielt, »weißt Du doch, daß Du Kranzmädchen wirst, wenn es noch eine Gerechtigkeit gibt auf Erden«, fuhr der Alte fort, »ist sie Euch nicht recht?«

»Es ist gut!« riefen viele, »wählt die andere.« Ein halbes Dutzend weiblicher Namen schwirrte nun auf einmal in der Luft: »Basja!« tönte am kräftigsten. »Basja! Basja!«

Der Alte hob die Hand. »Es ist gut«, versicherte er, »die Mehrzahl ruft Basja, so soll es Basja sein!«

Die Schnitter stimmten bei.

Basja, ein kleines rundes Ding, trug den Kopf mit dem Stumpfnäschen und den blitzenden Augen ziemlich hoch.

»So macht Euch bereit!« sagte der Alte, »die Sonne ist unter.«

Die beiden Kranzmädchen nahmen den Kranz, hoben ihn hoch empor über Jewas Haupt und ließen ihn dann leicht auf dasselbe fallen. Jewa faßte ihn gleich mit beiden Händen und setzte sich ihn zurecht, dann stand sie mit verschränkten Armen da, die goldene Ährenkrone auf dem offenen, wogenden Haare, das Auge gleichgültig auf uns gerichtet, die Erntekönigin.

Die Kranzmädchen hatten sich gleichfalls mit Blumen geschmückt. Von verschiedenen Seiten waren Scharen von Schnittern herbeigekommen, Bauern aus dem Dorfe, zuletzt die Musikanten. Sie stimmten die Instrumente, das Volk trieb durcheinander, Geschrei, Lachen, der alte Bauer ordnete den Zug. Andere Grundwirte standen zur Seite und sprachen angelegentlich von der Landtagswahl.

Endlich setzten wir uns in Bewegung, voraus die Musikanten, ein schmucker Geselle in schwarzer Lammfellmütze mit der Geige, sekundiert von einem ausgemästeten Pächter in dunkler Tuchhose und Tuchrock, der Gemeindehirt die Flöte blasend, während ein brauner Kerl in Hemd und Leinwandhosen den Cymbal schlug, die Baßgeige spielte der kleine Kirchensänger mit priesterlicher Würde. Nach ihnen schritt, übermütig durch Sieg und Schönheit, die Erntekönigin, begleitet von den beiden Kranzmädchen, dann kamen die Bauern, die Schnitter, der in Leinwand, jener den zottigen Tuchrock um die Schulter, bloßfüßig, mit Strohhüten oder in schweren Stiefeln, die Frauen grellrote Tücher wie Turbane um den Kopf gewunden, Mädchen mit langen Zöpfen, große gelbe Malven im Scheitel, dicke Korallenschnüre um den Hals, alle fröhlich. Die Musikanten stimmten an, und von mehreren hundert Stirnmen erklang das altheidnische, bacchantisch feierliche, jauchzend wehmütige Erntelied.

Langsam wälzten sich, von den kleinen Pferden gezogen, auf dem versunkenen Feldwege die Erntewagen nach.

So zieht wie vor Tausenden vor Jahren die slavische Gemeinde, Einer für Alle, Alle für Einen, ein Sinn, ein großer Mensch.

Wer noch im Dorfe zurückgeblieben, schließt sich an, als der Zug durch dasselbe kommt.

Ein altes Weibchen kauert vor der Hütte im Sande, den die Sonne gewärmt, grüßt freundlich, blickt lange nach, singt dann leise das Erntelied mit, lächelt und nickt mit dem Kopfe dazu.

Vor der moosgrünen, hölzernen Dorfkirche liegt ein grauer Stein, riesig mit verwitterten, seltsamen Zeichen. Bei diesem Steine halten die Schnitter, und Jewa tritt langsam vor, nimmt den Kranz herab und legt ihn auf den Stein. Aus der Kirche aber kommt der Pfarrer, im weißen Chorhemd mit dem Weihwedel, segnet den Kranz und die Schnitter.

Der Pfarrer hat zwei Büschel über den Ohren emporgekämmt, wie eine Eule, und eine Brille; seltsam ist es aber, wie Jewa an dem Steine steht, mit flatterndem, schwarzem Haare, ringsum liegt das Volk auf den Knieen, und sie nimmt den Ährenkranz und setzt ihn wieder auf das Haupt. –

Nahe der Kirche liegt das Haus des Richters; als die Schnitter vorbei kommen, steht er auf der Schwelle, seinen Hahn im Arm. Er bindet ihm die Füße und befestigt ihn dann an dem Erntekranz auf Jewas Kopf. Alle blicken auf den Hahn, sobald der Richter ihn losläßt, will er emporfliegen, schlägt mit den Flügeln und kräht. Das bedeutet eine gute Ernte für das nächste Jahr. Die Schnitter jubeln, die Musikanten spielen, der Richter und sein Weib gehen mit der Branntweinflasche herum und trinken mit jedem. Dann schließen sie sich an, und nun geht es zum Edelhofe.

Das Erntelied tönt über die Ebene, die Geigen schnarren, die Schnitter schreien ein russisches Evoë, der Hahn kräht immer fort. Über dem Wäldchen steigt die große, rote Scheibe des Mondes empor.

Im Edelhofe ist alles auf den Füßen, die beiden Jagdhunde laufen uns entgegen, der Kettenhund rast an der Kette, indes die Katze auf dem schiefen Dache seiner Hütte sitzt und sich putzt. Das bedeutet Gäste. Der Haushahn sitzt auf dem Stalle und müht sich ab, dem Hahn der Schnitter Antwort zu geben.

Vor der Tür seines Hauses steht Herr Wasyl Lesnowicz und reibt seine Hände in den Hosentaschen. Neben ihm steht die Herrin Athanasia Aspasia Xenia Lesnowiczowa, die kleine Figur in einem quadrillierten Überrock eingeknöpft, dessen Farbe nicht bestimmt werden kann, die lehmblonden Haare in einer Rosahaube. Dann ihr Sohn, Herr Nikolaus, minder blond, mit aufstehender Nase, dichten Brauen, dickem Gesicht, dickem Genick, ein Liedchen pfeifend. Ihm zur Seite, den Arm in den seinen gelegt, im oftgewaschenen Sommerkleidchen, das dunkle Haar liederlich frisiert, sein hübsches junges Weibchen.

Auch die Dienstleute sind da, der alte Stephan mit einer großen Branntweinflasche, die er, wie ein Kind, behutsam in den Armen hält. Vor der Scheune ist ein Erntewagen aufgefahren, den die Knechte halb abgeladen stehen lassen. Der Kosak und der Bienenwächter, zwei Spaßmacher von Beruf, haben sich hinter dem offenen Türflügel versteckt, jeder eine Kanne Wasser zur Hand.

Als das Erntelied hundertstimmig vor dem Hause ertönt, Herr Lesnowicz würdevoll grüßt, stürzen sie hervor, die Kranzmädchen zu begießen, der Bienenwächter spritzt Handza an, obwohl sie geschickt dem Strahle ausweicht, wie aber der Kosak die Erntekönigin bedroht, hat ihn Basja von rückwärts kräftig bei den Armen gefaßt; die Mädchen umringen ihn, schreien, gießen das Wasser über ihn und stülpen ihm die Kanne wie einen Hut auf den Kopf.

Die Schnitter bilden einen Halbkreis, die Bauern treten zu Herrn Lesnowicz, es wird still.

Jewa spricht den Glückwunsch. »Wir bringen Dir den Erntekranz, Gott der Herr segne Dich und die Deinen und gebe uns ein glückliches Jahr und eine glückliche Ernte!«

»Viele Jahre! Viele Jahre!« rufen die Schnitter.

Herr Lesnowicz dankt und gibt den Segen für Kind und Kindeskinder. Dazwischen tönt das »viele Jahre!« des Volkes. Jewa nimmt den Kranz vom Haupte, noch einmal kräht der Hahn; dann reicht sie das Symbol der Herrin, welche ihr eine Korallenschnur um den Hals hängt. Die junge Frau beschenkt die Kranzmädchen.

Die Dienstleute schleppen rohgezimmerte Tische herbei, decken sie mit Branntweinflaschen, Käse in großen Laiben, Kilbassy, russischen Würsten, ähnlich jungen Riesenschlangen, Broten, Schüsseln mit Schweinebraten. Herr Lesnowicz und seine Herrin laden herzlich dazu ein.

Der junge Herr führt die Erntekönigin an einem, beide Kranzmädchen an dem anderen Arme, der alte Lesnowicz schleppt einen widerstrebenden Bruder Bauer und Wähler an die Tafel, der Kirchensänger ruft unausgesetzt: »Geniert Euch nicht, gute Leute!« und beißt dabei in eine Wurst, deren anderes Ende von Zeit zu Zeit unter seinem schweren Stiefel knackt, während er mit der zweiten Hand krampfhaft eine Branntweinflasche umarmt.

Die ernsten Grundwirte bleiben, wie sie sich einmal gesetzt haben, an dem Tische sitzen, jeder sein Messer vor sich, das Branntweinglas macht fleißig die Runde.

Das junge Volk hat kaum von dem göttlichen Naß gekostet, stellt es sich gleich zum Tanze.

Herr Lesnowicz dreht sich mit der Erntekönigin im Kreise, läßt sie los und tanzt einen Augenblick allein und dreht sich schwerfällig wie eine Hummel, die in ein Glas gefallen ist. Aus der Truppe der Schnitter tritt ein junger Bursche, wirft die fettglänzenden Haare zurück, wischt sich den Mund mit dem Hemdärmel und bittet die junge Herrin zum Tanze.

Bald stampft alles im wilden Reigen durcheinander, der Kirchensänger beißt von Zeit zu Zeit in seine Wurst und streicht dann grimmig die Baßgeige, welche unter seinen Streichen ächzt, der Cymbal weint, die Geigen schreien bald wie ausgelassene Kinder, bald wie Sterbende, die um Hilfe rufen, angstvoll, verzweifelt, halb im Wahnsinn.

Am Tische sind sie lustig geworden. Einer reicht das Glas dem ändern, es schwankt, verschüttet, der andere empfängt es ebenso, aber alles mit hübschen Redensarten, zeremoniell.

»Deine würdige Frau bleibe gesund, viele Jahre, viele schöne Jahre, Gott segne sie und gebe Euch ein gutes Einvernehmen und den Frieden.«

»So sei es.«

Dabei neigte der andere den Kopf rechts und links. »Viele Jahre, so sei es«, erwiderte er, »Gott gebe es und so auch Euch zehnfach, Bruder!«

Dann küssen sie sich auf die rechte Wange, und dann auf die linke. Der zweite leert das Glas.

Schon füllt es ein anderer und reicht es weiter. Segenssprüche schallen herüber, hinüber. Der spricht von der Wirtschaft, jener vom Markte, andere, wie es in der Welt steht, vom Kaiser, vom Zaren, vom Franzosen, keiner will indes die ändern belehren oder steift sich auf seine Meinung, niemand streitet, niemand zankt, und doch sind unsere Bauern hartnäckiger in ihren Ansichten als die hartnäckigsten Deutschen.

Unter den Tanzenden entsteht eine Bewegung.

Ein junger Mensch, dem Anzuge nach ein Bauer, der Flinte nach ein Jäger, ist unter sie getreten. Seine gute Haltung fällt auf, noch mehr sein Blick. Ich frage, der Hausherr sagt: »Es ist der Dmitro, er hilft dem Heger den Wald hüten, ein kurioser Geselle, aber redlich und treu wie ein Jagdhund. Der soll uns die Kolomijka tanzen.«

Herr Lesnowicz begab sich zu ihm, indes sagte die junge Frau: »Der spielt die große Rolle in der Gegend, die Weiber laufen ihm nach, er hat aber seinen Kopf. Ihm hat es die Jewa angetan. Sie werden schon sehen.«

Die Musikanten spielten die Kolomijka.

Rasch hatten Tänzer und Tänzerinnen sich umschlingend einen Kreis gebildet. Im Kreise standen Jewa und der Waldhüter.

Die ersten Töne schwebten einzeln, klagend in der Luft, der Waldhüter stand unbeweglich, die Arme auf der Brust verschränkt, das Haupt wie im Schmerz gesenkt, er begleitete die Melodie leise mit einem traurigen Gesang, nur von Zeit zu Zeit stieg ein Klang, ein Seufzer, ein lautes Weinen, ein Wehruf melodisch aus seiner Brust.

Weit von ihm gegenüber stand Jewa, ruhig, das Auge fest auf ihn gerichtet, den Kopf so stolz, weit, unerreichbar.

Leidenschaftlich schwellen die Töne der Musik zu einer wunderbaren Melodie. Plötzlich wirft er den Kopf in die Höhe und stößt einen Schrei aus, einen wilden Jagdruf, den Schrei eines Adlers, der sich auf seine Beute stürzt. Er hebt die Arme und beginnt zu tanzen, jetzt ein Kind, das spielt und trippelt, jetzt ein Gaukler, der eine Schlange bändigt, jetzt ein Raubtier, das in wilden Sprüngen sein Weibchen verfolgt. Sein Auge läßt das ihre nicht mehr los, jeder Schritt, jede Bewegung seines Leibes gilt ihr, sie beobachtet ihn mit kaltem Blute und weicht ihm aus, immer enger werden die magischen Kreise, welche er um sie zieht, jetzt ist er nah'.

Immer wilder wird der Chor der Instrumente.

Mit einem einzigen Satze ist er bei ihr, wirft den Arm wie eine Angel nach ihrem Halse, in demselben Augenblicke ist sie ihm aber auch im Sprunge entflohen und tanzt übermütig, höhnisch, unter lautem Gelächter des ganzen Kreises, an dem entgegengesetzten Ende desselben, den Arm herausfordernd über der Hüfte eingestemmt.

Wieder steht der Tänzer regungslos, wieder senkt er traurig das Haupt, wieder nähert er sich Jewa, und wieder entkommt sie ihm.

Endlich scheint er zu verzweifeln, sein Tanz wird zur Apathie eines Unglücklichen, sein Gesang ein leises Weinen, sie aber höhnt ihn mit den fröhlichen Trillern, sie wirft den Kopf in den Nacken, sie lacht und spottet, und tanzt um ihn, wie eine Mücke um das Licht. Er aber fällt zu Boden, wie ein Sterbender, schnellt im nächsten Augenblick empor, wirft die Arme wie eine Schlinge um Jewas Leib, und sie ist sein.

Unter bacchantischem Jubel des Kreises tanzen sie jetzt zusammen, die Geigen jubeln, der Cymbal jubelt, der Tanz wird zum Hochzeitsreigen, der Gesang zum Hymenäus.

Die ehrenwerten Grundwirte am Tische singen indes den Refrain eines heiteren Trinkliedes, das Herr Nikolaus Lesnowicz angestimmt hat. Der alte Herr ist überlustig, küßt seine Frau vor den Gästen und nennt sie eine verdammte Kokette, während sie verschämt mit den Augen zwinkert.

Der Kosak hat in der Nähe der Entenlache einen halbzerbrochenen Topf aufgestellt, Nikolas muntere Frau verbindet ihrem Tänzer von vorhin die Augen, andere junge Burschen kommen herbei und schicken sich zum Topfschlagen an.

Ich gehe langsam durch den Hof, die Hühner atmen leise im Schlafe, der Hund knurrt, zieht Luft, beginnt zu wedeln.

Hinter dem Edelhofe ist alles still.

Ich betrete eine kleine Wiese und lege mich in einen Heuschober.

Ringsum tiefe Ruhe, kein Schrei eines Vogels, kein Ton einer Hirtenpfeife, feuchter Duft steigt auf, die weite Ebene ist mit Mondlicht gefüllt, der Himmel mit Sternen, die Milchstraße steht klar und ruhig. Jetzt schluchzt eine Nachtigall nahe. Zehn Schritte weit ragt ein vom Monde halbversilberter Busch. Dort wird es sein. Eine zweite antwortet, die Nacht, die tiefe Stille tragen die süßen Töne.

Das kurzgeschnittene trockene Gras knistert und bricht, ein Schritt, noch einer, so sachte? Von der Weide seitwärts tönt der zärtliche Lockruf einer Katze.

Jetzt naht es dem Schober, ich richte mich auf, es ist ein Weib, das wie erschreckt stille steht, es ist Jewa.

»Sie sind es, Herr!« sagte sie ruhig.

Ich halte sie bei der Hand. »Und wen suchst Du?« frage ich. Sie schweigt, aber hält meinen Blick aus, zuckt mit keiner Wimper »Du suchst den Waldhüter«, fahre ich fort Jewa schweigt Sie schlägt das Auge nicht nieder, aber es flammt auf Ihre Pupille wird groß, wie die einer Katze, die im Mondlicht wandelt.

»Du suchst ihn nicht?«

»Ich such' ihn, ja!« entgegnete sie leise, aber entschieden, »er ist mein, ich suche ihn. Schimpfen Sie mich also«

»Warum soll ich Dich schimpfen?« fragte ich »Weil es alle tun, weil es so ist in der Welt«, sprach sie, alles fest, Auge in Auge.

»Ich schimpfe Dich nicht«

»Sie lachen also auch über diese Welt«, sprach sie und stieß ein verachtungsvolles Lachen aus. Die Stille brachte es weit in die Ebene, welche es endlich verschlang Die Nachtigall schwieg, sogar die Katze schwieg »Was sind mir die Menschen, was ist mir das Urteil der Welt7 Was der Galgen ist für einen tapferen Karpatenräuber.«

Ich ließ ihre Hand los, sie zog das Hemd über der halbentblößten klassischen Brust zusammen und fuhr fort: »Sie sind doch keine schön wie ich. Der Pfarrer sieht mich bei der Predigt bei gewissen Stellen strafend an, begegnet er mir aber allem im Walde, so klatscht er mir mit seiner fetten Hand über den Nacken oder die Hüfte. Sie schimpfen mich, weil ich nicht heucheln kann, wie sie und ihre Weiber und Mädchen. Weil ich einen Mann ansehe, wenn er mir gefällt, weil ich mit ihm spreche, wenn er mich unterhält, weil ich--«

»Nun?«

»Weil ich ihn küsse«, rief sie, »wenn ich ihn liebe, und wenn er krank vor Liebe ist, sage ›Komm' heute Nacht zu mir‹ – Lebt man denn, um ein ehrbares Begräbnis zu erhalten, oder-«

»So nimm Dir einen Mann.«

»Ich will nicht«, sprach sie stolz, »ich will mich nicht einem Manne verkaufen, wie ein Vieh, und sein gehören, wenn er will. Ich will frei sein, ich will eine wilde Katze bleiben unter den zahmen, ich lache über diese Welt.«

Wieder brach das trockene Gras.

Jewa horchte, einen Augenblick stand sie regungslos im Mondlicht, den Arm erhoben, dann sprang sie davon.

Ich kehrte durch den Edelhof zurück und trat auf die Veranda. Gestützt auf die dürre Galerie, in der leise der Holzwurm pickte, sah ich hinab in das Gewühl des Erntefestes.

Niemand war betrunken, aber alles aufgelöst. Der Kosak hieb mit verbundenen Augen, den Rücken dem Topfe zugekehrt, wütend um sich, mit den Füßen ausschlagend, so daß er jedesmal den Topf zu zertreten schien, auf dem Plan am Fuße des Hügels hatten sie ein Feuer angemacht und tanzten einen wilden Reigen um dasselbe; zwischen den Tischen stand der alte Stephan und sang mit heiserer Stimme ein Kosakenlied, wozu der Kirchensänger kopfschüttelnd die Baßgeige strich.

Jetzt winkte Herr Nikola mit branntweinseligen Augen ein paar junge Burschen herbei und schlich mit ihnen um das Haus.

Ich folgte einige Schritte auf der Veranda, dann mit meinem Blicke.

Die lustige Bande hockte sich im Gebüsch nieder und stimmte auf einmal gellend ein ausgelassenes Spottlied an. Der Refrain tönte besonders ergötzlich in wunderlichen Katzenmelodien.

Sie aber, der das Spottlied galt, saß auf einem Aste der Weide, und zu ihren Füßen Dmitro, der Waldhüter, den schönen Kopf an ihr Knie gelehnt.

Sie vergrub beide Hände beinahe wild in seinen Locken und lachte.