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Karl Simrock: Gismunda - Kapitel 1
Quellenangabe
typelegend
booktitleDas große Buch der Sagen und Legenden
titleGismunda
publisherWalter Hansen
year1997
copyrightTosa Verlag, Wien
senderharald.aichmayr@netway.at
isbn3-85001-707-9
authorKarl Simrock
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Karl Simrock

Gismunda

Eine schöne Historie von des Fürsten zu Salerno schöner Tochter

Wir lesen in alten, glaubwürdigen Chroniken, daß zu Zeiten Kaiser Friedrichs des Ersten in Salerno ein Fürst namens Tancredus regierte, der als ein Mann von gütiger und sanftmütiger Natur in die Geschichte eingegangen wäre – wenn er nur nicht im Alter seine Hände befleckt und das Blut zweier liebender Menschen vergossen hätte! Dieser Fürst hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter – doch besser für ihn wäre gewesen, er hätte sie nicht gehabt!

Diese Tochter liebte er so inniglich, daß er sie ungern von sich scheiden ließ, und obwohl viele sie zur Ehe begehrten, suchte er doch stets eine Ausflucht und behielt sie über die gebührlichen Jahre zu Hause. Doch ließ er sich zuletzt bereden, sie dem Sohn des Herzogs von Capua zur Ehe zu geben, welcher aber nur ein Jahr und fünf Wochen mit ihr im Ehestand lebte und starb, worauf sich die junge Witwe in großer Traurigkeit wieder zu ihrem Vater nach Salerno begab.

Weil sie aber über alle Maßen schön und aller natürlichen Anmut voll war, dabei verständiger als andere Frauen, warb mancher Fürst um sie; ihr Vater aber nahm sich vor, ihr keinen Mann mehr zu geben.

Als vornehme Frau wohnte sie nun bei ihrem Vater, umgeben von Üppigkeit und Frohsinn, und dachte des öfteren daran, wie wenig ihr Vater gesinnt war, sie anderweitig zu verheiraten. jedoch schämte sie sich, solches von ihm zu begehren, und deshalb nahm sie sich vor, sich lieber heimlich einen Geliebten von adeligem Gemüt zu suchen.

Nun war ihres Vaters Haus voll edler Grafen und Herren, wie es an großen Fürstenhöfen Gewohnheit ist. Als sie aber deren liederliche und anmaßende Sitten genau betrachtet und bedacht hatte, wandte sie sich einem Jüngling in ihres Vaters Diensten zu, Guiscardus mit Namen, von niederem Geschlecht geboren, aber von löblichen Sitten und edler von Gemüt als all die anderen, weshalb er ihr herzlich wohlgefiel.

Diesen fing sie an, mit vielen Blicken zu bedenken, und ward von Tag zu Tag inbrünstiger zu ihm in Liebe entbrannt. Sie pries und lobte ihn auch stets vor ihren Jungfrauen. Als aber der Jüngling mit flinkem Verstand der Fürstentochter Gunst und geneigten Willen bemerkte, entbrannte er gleichfalls so sehr in Liebe zu ihr, daß er sich alle anderen Dinge aus dem Sinn schlug und nichts mehr tat, als Tag und Nacht an sie zu denken und auch daran, wie er sich ihr dienstbar zeigen, ihr zu Willen und Wohlgefallen sein könnte.

Als nun ihre Liebe zueinander gewachsen war und die Frau nichts anderes mehr begehrte, als mit ihm zusammenzukommen, erdachte sie – da sie sich doch niemandem anvertrauen durfte – einen Ausweg: Sie schrieb dem Jüngling und offenbarte ihm ihr Gemüt und wie er in der Stille zu ihr kommen könnte. Sie verbarg den Brief in einem unscheinbaren Rohr, gab es ihm und sagte wie im Scherz: »Dies, Guiscardus, gib Deiner Magd, um das Feuer damit anzublasen!«

Guiscardus nahm das Rohr und dachte, es werde ihm wohl nicht ohne Grund gegeben worden sein. Er verabschiedete sich freundlich und ging nach Hause; hier öffnete er heimlich das Rohr, fand den Brief und las, was sie ihm vorschlug. Da wurde ihm ganz heiß vor Freude, und er traf gleich alle Vorbereitungen, um zu ihr zu kommen, auf einem geheimen Wege, den sie ihm beschrieben hatte:

Bei des Fürsten Palast nämlich befand sich eine tiefe Höhle, worin die Sonnenstrahlen nur spärlich durch einen in den Fels gehauenen Luftschacht fielen. Dieser Schacht war außen mit Dornengestrüpp so zugewachsen, daß er kaum mehr gesehen werden konnte. Im Verlaufe vieler Jahre war die Höhle in Vergessenheit geraten – nur Gismunda erinnerte sich ihrer, weil eine Verbindung bestand zwischen der Höhle und ihrer Schlafkammer: ein heimlicher Gang, der allerdings mit einer aus schweren Dielen und Balken gefügten Tür verschlossen war. Gismunda jedoch hatte es mit allerlei Geschick und Fleiß bewerkstelligt, die Tür aufzuschließen, und nun konnte sie Guiscardus durchaus in ihrer Schlafkammer empfangen, wenn es ihm nur gelänge, durch das Luftloch in die Höhle einzudringen. Nachdem Guiscardus vom Geheimnis dieser Höhle durch den Brief erfahren hatte, machte er schnell ein Seil mit Knoten und Schlingen zurecht und kleidete sich in ein ledernes Wams, damit er vor den Dornen sicher wäre. So ging er in der darauffolgenden Nacht allein und ohne eines Menschen Wissen zu der Öffnung. Er band das eine Ende des Seils an einen Baum, der in dem Eingang des Lochs gewachsen war, und ließ sich daran herab. Mit großer Sehnsucht wartete er auf die geliebte Frau.

Die Frau aber konnte erst am Tage kommen. Sie tat, als sei sie müde und der Ruhe bedürftig, und schickte ihre Frauen und Mägde weg. Sie verschloß sich alleine in der Kammer und öffnete dann die Tür, die in die Höhle führte. Dort fand sie den Jüngling, den sie begierig in die Arme schloß. Darauf gingen sie zusammen in die Schlafkammer und genossen da miteinander Freuden und Wollüste, wie sie mit Worten nicht zu sagen sind. So vertrieben sie sich den größten Teil des Tages. Nachdem sie danach sorgfältig besprochen hatten, wie ihre Liebe ferner bestehen und geheim bleiben könnte, schied Guiscardus wieder von ihr und ging in die Höhle. Die Frau verschloß sorgfältig den geheimen Eingang und begab sich zu ihren Jungfrauen und Mägden. Als es Nacht wurde, stieg Guiscardus an dem Seil hinauf und klomm aus der Öffnung, durch die er hinabgestiegen war. Niemand sah ihn, als er nach Hause eilte.

Nachdem er nun den Weg kannte, kam er emsiglich zu der liebenden Frau, die er nicht minder liebte, um die Werke der Liebe zu vollbringen. Fast einen um den anderen Tag fügten sie sich also zusammen.

Aber das Glück, das allzu langer Wollust feindlich gesonnen ist, verkehrte zuletzt durch einen traurigen Zufall die Freude der beiden liebenden Menschen in bittere Tränen und Schmerzen, ja in den grausamen Tod.

Der Fürst Tancredus war gewohnt, bisweilen allein und ohne alle Diener in die Schlafkammer seiner Tochter zu kommen, eine Weile bei ihr zu bleiben und nach etlichen Gesprächen wieder in sein Gemach zu gehen.

So begab es sich eines unseligen Tages, daß Tancredus nach dieser Gewohnheit des Nachmittags in die Schlafkammer seiner Tochter ging und niemand vorfand, da Gismunda mit ihren Jungfrauen in einem Garten war, in den man aus ihrem Schlafgemach gelangen konnte. Er wollte sie in ihrer Freude und Kurzweil nicht stören. Da er alle Fenster der Kammer verschlossen fand und des Bettes Vorhänge niedergelassen, setzte er sich hinter dem Bett auf einen Polsterstuhl, lehnte sein Haupt an das Bett, zog den Vorhang über sich und hub an zu schlafen. Als er nun schlief, verließ Gismunda, die sich zum Unglück an diesem Tage mit Guiscardus vereinbart hatte, den Garten und schlich sich in ihre Kammer, deren Tür sie verschloß. Und weil sie den schlafenden Vater hinter dem Bette nicht bemerkte, öffnete sie die Tür der Höhle.

Als Guiscardus hereinkam, machten sie sich nach ihrer Gewohnheit auf das Bette, um allda der fröhlichen Minne zu spielen nach ihres Herzens Lust und Gefallen. Darüber erwachte Tancredus, sah und vernahm alles, was seine Tochter und Guiscardus miteinander begingen. Von großem Zorn umfangen, wollte er sich erst offenbaren und sie anschreien; aber er besann sich eines Besseren und schwieg stille, damit er desto sicherer und mit geringerer Schande für sein Haus diese Dinge rächen und strafen konnte – wie er zu tun sich alsbald vorgenommen hatte.

Aber als diese beiden liebenden Menschen, die sich des nahenden Unglücks nicht bewußt waren und ganz sicher zu sein vermeinten, ihre Wollust lange genug zusammen gepflogen hatten, war es Zeit geworden, zum Abendessen zu gehen. Sie standen auf, küßten einander etliche Male in großer Liebe, und Gismunda geleitete ihren Guiscardus an die Höhle. Da sie die Tür hinter ihm verschlossen hatte, ging sie wieder zu ihren Jungfrauen in den Garten und mit ihnen in den Saal.

Tancredus aber, mit unglaublichen Seelenqualen ringend, schied allein, wie er auch allein gekommen war, aus der Tochter Kammer in sein eigen Gemach. Von dort schickte er etliche Bedienstete, um das Loch, durch das Guiscardus heraufkommen mußte, die Nacht über zu behüten und den Aufsteigenden zu fangen.

Da ward der arme betrübte Guiscardus in der ersten Stunde der Nacht in seinem ledernen Wams, das er sich dazu hatte machen lassen, von zwei Männern gefangen vor den Fürsten geführt, der bei seinem Anblick mit weinender Stimme zu ihm sprach: »Guiscarde, womit hat meine Güte solche Schmach und Schande um Dich verdient, die Du mir an meinem eigenen Fleisch und Blut zugefügt hast, wie ich heute mit meinen eigenen Augen gesehen habe?« Der erschrockene Jüngling aber konnte vor Angst und Zittern seines Herzens kein Wort reden; doch sprach er endlich mit tiefem Seufzen: »Ach, Herr! Die große Liebe hat dies verursacht, die Liebe ist stärker und mächtiger, als ich und Ihr davon wissen.«

Hierauf befahl der Fürst, ihn gar wohl zu verwahren.

Gismunden waren diese Dinge noch ganz verborgen. Als diese Nacht vergangen war und der neue Tag anbrach, hatte der Fürst bei sich gar mancherlei überdacht, wie er die Sachen anstellen und zu Ende bringen könnte, damit seine Tochter bei Ehren erhalten würde. Er ging also seiner Gewohnheit zufolge in der Tochter Kammer, rief sie zu sich, schloß die Türe fest zu und sprach mit kläglicher Stimme und weinenden Augen: »Ach, meine herzliebe Gismunda, wie habe ich auf Deine Zucht und Tugend, gute Sitten und Ehrbarkeit so viel getrauet, bin aber leider in solcher Meinung schändlich betrogen worden. Wer hätte in mein Gemüt ein solches bringen können, wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen, daß Du Dich einem Manne zu Unehren ergeben hast und untertänig gemacht und Deinen Leib zu seinem Willen geschickt. Selbst wenn es Dein ehelicher Mann gewesen wäre, so hätte ich nicht billigen können, daß Du in solcher Wollust Dich erzeigen konntest – um wieviel mehr muß es mich verstören, daß es ein Mensch niedrigen Standes war, mit dem Du solch ungebührliche Dinge vornahmst. Möchte ich doch des Todes darüber sein, in meinem Alter. ja, ich lebe auch kaum noch halb: Wenn ich Deine große Sünde bedenke, muß ich in Elend und Traurigkeit mein Leben beschließen. Hättest Du Dir wenigstens einen von gleichem Stand und Adel dazu erwählt, deren gar viel an unserem Hofe sind! Nun aber hast Du Dir Guiscardum, den allergeringsten an unserem Hofe, zu einem Liebhaber erkoren, den wir fast um Gottes willen von Jugend auf erzogen haben, wodurch Du mir freilich mein Herz und Gemüt beschwert und in Unruhe gestürzt hast, so daß ich in der Angst meines Herzens nicht weiß, was ich großer Liebe halber über Dich beschließen soll. Guiscardum habe ich diese Nacht, da er aus der Höhle stieg, gefangennehmen lassen, weiß aber vor großer Pein meines Herzens nicht, was ich mit ihm vornehmen soll. Auf einer Seite drängt mich die Liebe, die ich zu Dir trage, Dir zu verzeihen; anderenteils erfordert es die Gerechtigkeit, daß ich Dich Deiner großen Sünde und Torheit wegen bestrafe. Jene will, daß ich Dir Deine Übeltat väterlich vergebe, diese verlangt, daß ich gegen meine Natur grausam wider Dich verfahre. Bevor ich aber einen Entschluß fasse, wünsche ich zu hören, was Du selber dazu zu sagen hast!«

Und mit diesen Worten sank er vor großem Kummer zur Erde und fing kläglich und jämmerlich an zu weinen.

Da aber Gismunda von ihrem Vater gehört, daß nicht allein ihre verborgene Liebe geoffenbart war, sondern auch ihr allerliebster Freund trostlos und ohne Hoffnung im Gefängnis lag, überfiel sie unaussprechliche Pein. Sie fing an, kläglich zu weinen, doch wollte sie eher sterben denn Gnade begehren. Sie dachte, ihr lieber Guiscardus sei schon tot, und deshalb benahm sie sich nicht wie eine Übeltäterin, die ihrer Sünde halber strafbar wäre, sondern wie eine redliche, beherzte Frau. Ohne alle Furcht sprach sie mit heiterm Angesicht zu ihrem betrübten Vater also: »Ach, mein Vater! Ich mag weder leugnen noch Gnade begehren, denn das erste bringt mir keine Hilfe, das andere verlang ich nicht. Ich bitte Euch nur, mich anzuhören, so will ich die Wahrheit bekennen und meine Ehre mit unumstößlichen Gründen verteidigen. Es ist gewiß wahr, daß ich Guiscardum herzlich liebgehabt und ihn noch, solange ich lebe, liebhaben will. Wenn es möglich ist, daß man nach dem Tode noch lieben kann, so will ich ihn in Ewigkeit liebhaben. Auch sollt Ihr wissen, daß mich zu dieser Liebe weibliche Begierde gereizt und gebracht hat, und an all diesem habt Ihr vornehmlich schuld, indem Ihr mich nicht wieder mit einem ehelichen Mann versehen habt. Nächst diesem ist auch des Guiscardi große Tugend die Ursache gewesen zu solcher Liebe. Ihr solltet, lieber Vater, auch wohl gewußt haben, da Ihr von Fleisch und Blut geboren seid, daß auch Eure Tochter nicht von Stein und Eisen gebildet ist, sondern die natürliche Begierde große Kraft und Macht in ihr hat, zumal sie zuvor einen Mann gehabt und erfahren hat, welche Wollust und Freude solche Begierde mit sich bringt. Solcher Begierde habe ich nicht länger widerstehen können, sondern ihr nachfolgen müssen, wohin mich dieselbe zog. Doch habe ich allen Fleiß angewendet, damit das, wozu die Natur mich zwang, weder mir noch Euch öffentlich Schand und Schmach brächte. Deswegen habe ich durch die Gnade des Glücks mir einen verborgenen und züchtigen Weg verschafft, um ohne jemandes Wissen und öffentliches Ärgernis meinem Willen Genüge zu tun. Wie aber das Euch kundgeworden ist, versteh ich nicht. Doch leugne ich es nicht: Ich habe mir Guiscardum zu einem Liebhaber, nicht wie manche tut, aufs Geratewohl, sondern nach reiflicher Überlegung aus allen Euren Fürsten, Herren und Edelleuten, ja vor allen in der ganzen Welt zu meinem Allerliebsten erwählt. Wenn aber Ihr, lieber Vater, sagt, daß ich mich durchs Lieben so sehr soll versündigt haben, so dünkt mich, Ihr folgt darin mehr den gemeinen Reden als der Wahrheit. Wofern Ihr mich dafür bestrafen wollt, müßt Ihr bei Euch selbst anfangen, weil Ihr mir hierzu Ursache gegeben, indem Ihr anderweit mich nicht verheiraten wolltet. Auch habt Ihr nicht in Betracht genommen, daß ich zuvor eine kurze Zeit der Liebe Lust und Süßigkeit erfahren hatte. Obwohl Ihr nun sagt, daß es Euch nicht so bekümmert hätte, wenn ich mir einen von edler Geburt zum Liebhaber erwählt hätte, so solltet Ihr mir das doch nicht so hart verdenken, sondern es auf das Glück zurückführen, welches oft die Niedrigen erhöht und die Hohen erniedrigt. Betrachtet aber auch die Natur und das Wesen der Dinge: Bedenkt, lieber Vater, wir sind alle von Fleisch und Blut und von einem Gott geschaffen, gleicher Stärke, Macht und Tugend, von einem Elternpaar entsprossen. Erst das Verdienst hat zwischen uns, die wir von Geburt alle gleich waren und sind, einen Unterschied gesetzt – diejenigen, welche mit den meisten Tugenden begabt sind, hießen wir edel, die übrigen unedel. Und obgleich abweichende Gebräuche dieses Gesetz in den Schatten gestellt haben, so beweist doch jeder, der edel handelt, daß er edel ist. Und wenn ihn jemand nicht so nennt, so beschimpft er damit nicht jenen, sondern sich selbst. Und nun seht Euch, lieber Vater, unter Euren Edelleuten um, betrachtet ihr Wesen, ihre Sitten, ihr Betragen und erwägt dann Guiscardi Tugend, Zucht und Vernunft. Wollt Ihr recht urteilen, so werdet Ihr bekennen müssen, daß er vor allen Euren Herren für edel zu erachten sei, auch an Zucht und Redlichkeit sie übertrifft. ja, wer hat ihn mehr geliebt und gepriesen in Euren eigenen Geschäften, in welchen Ihr ihn allezeit treu befunden habt. Wenn mich meine Augen, Sinn und Vernunft nicht trügen, so habt Ihr ihn wegen keiner Tugend gerühmt, die ich ihn nicht noch viel herrlicher hätte üben sehen, als Eure Worte es auszudrücken vermöchten. Daß Ihr aber sagt, ich habe mich zu einem schlechten Manne von niedriger Geburt gesellt, kann ich nicht verstehen, denn er ist Euer treuer und redlicher Diener. Daß Ihr ihn bei seinen gehorsamen Diensten so armselig gehalten und nicht in hohen Stand gebracht habt, ist Eure Schuld; Ihr habt nicht recht daran getan, wiewohl Armut niemandem den Adel nimmt. Wie viele große Herren, Könige und Fürsten sind von niedrigem Stande gewesen und erhöht worden, die zuvor das Feld bebaut, das Vieh gehütet und armselig genug gewesen sind. Den letzten Gedanken, den Ihr erwähnt, nämlich daß Ihr nicht wisset, was Ihr mit mir beginnen sollt, könnt Ihr Euch wohl ersparen – es sei denn, Ihr wollt in Eurem Alter tun, was Ihr in Eurer Jugend nicht getan habt, nämlich den Wüterich spielen. Vollbringt Euren grausamen Willen an mir, denn ich will lieber tot sein als leben, auch wenn Ihr denkt, ich habe den Tod selbst verschuldet. Ich will Euer Mitleid nicht, versichere Euch vielmehr, wenn Ihr nicht auch mir das antut, was Ihr Guiscardo angetan habt oder antun wollt, so werden es diese meine Hände statt Eurer tun.«

Der Fürst verstand seiner Tochter Rede wohl, dachte aber nicht, daß sie es ernst meinte. Er schied mit weinenden Augen von ihr und beschloß, seine Tochter nicht mit dem Tode zu bestrafen, sondern mit dem Leben eines anderen ihre große Liebe zu brechen. Er befahl den Leuten, die Guiscardus in Verwahrung hatten, den Gefangenen in der nächsten Nacht ohne Geräusch zu erwürgen. Alsdann sollten sie Guiscardum das Herz aus dem Leibe nehmen und es ihm, dem Fürsten, bringen. Sie vollzogen auch alsbald des Herrn Gebot und stellten ihm das Herz zu. Da ließ er sich eine goldene Schale bringen, legte das junge Herz hinein und schickte es durch einen seiner getreuesten Diener seiner lieben Tochter zu. Dem Diener befahl er, der Tochter bei Überreichung der Schale diese Worte zu sagen: »Dies schickt Dir Dein Vater, um Dir an dem, was Du über alles liebst, Freude zu gewähren, so wie Du sie diesem Mann an dem, was er über alles liebte, gewährt hast.«

Weil aber die Tochter Gismunda gar wohl vermutet hatte, daß es wegen des Vaters Zorn und Ungnade mit Guiscardo und ihr kein gutes Ende nehmen würde, ließ sie giftige Kräuter und Wurzeln kommen, aus denen sie einen Sud bereitete, um ihn im Fall der Not zu gebrauchen.

Als nun des Fürsten Diener mit der Gabe und den anbefohlenen Worten zu ihr kam, empfing sie die goldene Schale mit unerschrockenem Antlitz. Da sie das Herz sah und die Worte vernahm, wußte sie ohne Zweifel, daß es des Guiscardi Herz war. Dann wandte sie sich dem Diener zu und sprach: »Wahrlich, kein schlechterer Sarg als ein goldener geziemte einem edlen Herzen wie diesem, und sehr verständig hat hierin mein Vater getan.«

Als sie das gesagt hatte, führte sie das Herz in der Schale zum Munde, küßte es liebevoll und sprach: »Ich habe allezeit meinen Vater gegen mich milde, zärtlich und barmherzig gefunden, darum bitte ich Dich, ihm für diese köstliche Gabe in meinem Namen den letzten Dank zu sagen, den ich ihm jemals sagen werde.«

Hiermit wandte sie sich der Schale zu, in der das tote Herz lag, blickte es lieblich an und sprach: »O du süßeste Herberge aller meiner Begierden und Freuden, verflucht sei die Grausamkeit dessen, der mir Deinen Anblick verschafft hat. Du hast nun Deinen Lauf vollbracht und alles überstanden, Du hast das Ziel erreicht, dem jeder entgegeneilt, hast alles Elend dieser Welt hinter Dir gelassen und von Deinem Todfeind selbst ein schönes goldenes Begräbnis empfangen, wie Du es gar wohl würdig warst. Nun mangelt Dir nichts mehr zu einer vollen Bestattung als Tränen aus den Augen, die Du im Leben am liebsten gesehen hast. Damit Dir diese zuteil würden, gab es das Schicksal meinem unbarmherzigen Vater ein, Dich zu mir zu schicken, wiewohl mein Wille war, mit trockenen Augen mein Leben zu enden und mit unerschrockenem Antlitz meine Seele zu der Deinen zu fügen. Mit welcher Gesellschaft möchte ich lieber in das Unbekannte fahren als mit Dir und Deiner Seele, die ohne Zweifel noch hier in dieser güldenen Schale verborgen ist und mich noch von Herzen liebhat und auf meine Seele wartet, die auch Dich inbrünstig geliebt hat.« Nach diesen klagenden Worten neigte sie das Haupt über die goldene Schale und das tote Herz, und sie fing erbärmlich an zu weinen, in einem solchen Maße, daß es nicht zu sagen noch zu beschreiben ist, wobei sie auch allezeit das tote Herz küßte. Ihre Jungfrauen und Mägde, die um sie her standen, wußten weder, was dies für ein Herz war, noch warum sich ihre Herrin so gehabte. Jedoch mußten sie alle mit ihr klagen und weinen und baten sie inständig, sie möge ihnen die Ursache ihres großen Leides sagen. Es war aber ihre Frage vergebens; gleichwohl bemühten sie sich um so mehr, so gut sie konnten und wußten, ihr Trost zuzusprechen. Nachdem sie nun etliche Stunden mit solchem Weinen verbracht hatte, richtete sie ihr Haupt auf, trocknete ihre Augen und sprach: »O Du mein allerliebstes Herz, nun ist vollbracht das Amt meiner Trauer: So bleibt mir nur übrig, meine Seele der Deinen zur Begleitung zu geben.«

Hierauf ließ sie sich das Getränk reichen, das sie am Tage zuvor bereitet hatte. Dieses giftige Wasser goß sie in die güldene Schale auf ihres Allerliebsten blutiges Herz, das sie mit ihren Tränen zuvor gewaschen hatte, und nahm gar ohne Furcht und Schrecken die Schale, darin das Herz und das giftige Wasser war, setzte sie an ihren Mund und trank das Wasser ab von dem toten Herzen. Danach bestieg sie mit der güldenen Schale ihr Bett, drückte die Schale aufs zärtlichste an ihre Brust und wartete, ohne noch ein Wort zu sagen, auf ihren Tod.

Ihre Jungfrauen aber, die dies alles gesehen und gehört hatten – ohne zu wissen, was sie getrunken –, liefen, als sie sahen, daß der Tod mit ihr zu ringen begann, zu dem Fürsten, ihrem Vater, und berichteten ihm, was sich mit seiner Tochter begeben habe. Da ihn eine Ahnung ergriffen hatte, eilte er zu seiner Tochter.

Als er sie nun halb tot fand, erschrak er heftig, brach in Tränen aus und versuchte sie jetzt, da es zu spät war, mit süßen und lieblichen Worten zu trösten.

Da sprach Gismunda mit schwacher Stimme zu ihm: »Tancrede, spart diese Tränen für ein Unglück, das Euch weniger erwünscht kommt als das meine; ich begehre sie nicht. Wen außer Euch hat man je um das weinen sehen, was er selber gewollt und vollbracht hat? Wenn aber noch etwas von Eurer Liebe zu mir in Euch lebt, so bitte ich Euch um eine letzte Gabe: Wenn Ihr schon nicht dulden wolltet, daß ich in der Stille und insgeheim mit Guiscardo fröhlich leben möchte, so laßt nun meine Leiche mit der seinigen, wohin Ihr sie auch habt werfen lassen, öffentlich zusammen ruhen.«

Da ward der Vater von großem Leid und Schmerzen so sehr überwältigt, daß er keine Antwort geben, auch keine Träne vergießen konnte. Seine Tochter aber, als sie merkte, daß ihr Ende gekommen sei, nahm das tote Herz, drückte es noch einmal an ihre Brust und sprach zu denen, die umherstanden: »Es segne Euch der liebe Gott!« Darauf schloß sie sanft und stille ihre Augen und schied ohne alle Ungebärde aus dem Leben. Dies unselige Ende nahm die Liebe Guiscardi und Gismundens. Nach langem Wehklagen und später Reue über seine Grausamkeit ließ der Fürst beide mit großen Ehren in ein Grab legen, unter allgemeinem Bedauern aller Salernitaner. Er selbst war über den Tod seiner einzigen Erbin so bekümmert und herzlich betrübt, daß er danach nur noch fünfzehn Wochen gelebt und alsdann auch diese traurige Welt gesegnet hat.