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Peter Hille: Die Hassenburg - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPeter Hille
titleDie Hassenburg
publisherForum Verlag Leipzig
address
series
volume
printrun1. Auflage
editor
year1992
isbn3-86151-037-5
firstpub
translator
illustrator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid5513721b
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Es wird Mode in literarischen Kreisen, sich ein Schloß zu mieten oder zu kaufen. Die Wellen dieser Bewegung ergriffen auch mich.

So bin ich denn hier in meiner Heimat und sehe mir was an. Es hat so etwas Vertrauliches, sicher zu Füßen Liegendes, dies Schwalenberg mit seinen braven Fachwerkhäusern. Wie Untergebene, auf die man sich verlassen kann, die uns immer zur Verfügung stehen, so die Wälderrücken und die wellenden Ackergebreite wie die umfriedeten Wiesen.

Von einem steilen, roten Dache suchte blauer Rauch die Bläue des Himmels, wie ein Bach das Meer sucht.

Zu diesem Hause bergan floß der Stadtbach in seiner muntern tagesklaren Zeile. Ja, er floß wirklich etwas hinan: Es war nicht ganz Täuschung. Hatte er doch so viel Druck mitbekommen von seinem nahen Quell, daß für seine erst durch eine Mühle in die Arbeitswelt eingeführte Kraft es eine Kleinigkeit war, noch so nebenher das Naturgesetz zu überwinden und mal ein bißchen bergan zu fließen.

Hatte es doch für ihn den Reiz der Neuheit, und machte den guten Schwalenbergern dieser kleine Scherz soviel Freude! Nicht wenig stolz waren sie auf diese ihre Merkwürdigkeit und führten mit Beflissenheit jeden ihrer Besucher, der für Naturgenuß noch zu haben war, hinaus an diesen Wunderbach.

Und dann erst nahmen die mehr Gebildeten ihre Gäste mit vor das Rathaus mit seinem kraus und reichlich geschnitzten Säulengang und Giebel. Hier entzifferten sie ihnen eine Stelle aus der über den Fries sich hinziehenden plattdeutschen Inschrift: »Minsch, bedenke, wat de bedenkst!«

Weiter war noch keiner gekommen.

Seit zehn Jahren, seit jenem denkwürdigen Tage, da man den Bürgermeister Heitemeier unter Glockengeläute und Böllerschüssen feierlich eingeholt hatte, sprach man davon, wie man nächstens die Inschrift anstreichen und so durch die Farbe den Inhalt mehr hervorheben wollte; – noch immer aber ließ der ersehnte Überschuß auf sich warten.

Indes man hatte Hoffnung auf die reiche Obsternte gesetzt, die doch jedenfalls einige zahlungsfähige Übertreter vor die Schranken des Gesetzes bringen würde.

Besonders ins Auge gefaßt hatte der Feldhüter den Rudolf Kleine, Sohn des Gendarmen, der mit elf Kameraden die Rektoratsschule des Ortes besuchte.

Das war ein wilder Range, dem sogar der väterliche Rohrstock kein sittliches Verhalten beizubringen vermochte. Und mit der Standesehre eines Gendarmeriewachtmeisters vertrug es sich doch nicht, daß man seinen Sohn auf einen Tag in Haft spazieren ließ. Auch würde vermutlich dieser eine schlechte Apfel noch einige gute anstecken und zu einem Raubzug aufmuntern.

Dann hatte man die sechs oder neun Mark und damit den Anstrich. Als ich von der steilabfallenden Bach- und Gartenseite der Hassenburg zurückkam, stieg aus dem schauerlichen Dunkel des Burgverlieses ein Gefangener hervor. Hinter ihm tauchte der Schnauzbart eines ziemlich schäbig uniformierten Gefangenenwärters auf. »So, nun lassen Sie sich nicht noch einmal betreffen, sonst gibt's Arbeitshaus!« Der Landstreicher zog ausdruckslos seinen Filz und ging davon mit unsicher freien, gleichsam dünnen Schritten, die sehr bald wieder in das feierlich verstohlene Schleichen des Bettelnden sich verwandeln dürften. Er fühlte nach seiner Tasche, und da er die Härte des Brotes, das er zu essen vergessen hatte, ärgerlich als Beschwerung empfand, schleuderte er es im weiten Bogen in den Tiergarten. So nannte man die Südseite des Schwalenberges mit ihren ravelinartigen Ausbuchtungen; denn die früheren Herren von der Hassenburg sollen hier einige Bären angebunden haben. Und das bringt bekanntlich auf den Hund.

Die Ahnen haben die Kreuzzüge mitgemacht, die Enkel sind Tagelöhner und fallen meistens der Gemeinde zur Last, da sie wegen ihrer Trunkfälligkeit keiner behalten will.

Eine jener Schwalben, die dem Berge den plattdeutschen Namen Schwalenberg erworben hatten, senkte die zierliche Welle ihres Fluges auf das fortgeworfene Brot, flog indes, da sie mit dem harten, porös schneidenden Dinge nichts anzufangen wußte, wieder zu ihren Mücken zurück.

Indessen war der Polizeidiener bei mir stehengeblieben:

»Schöne Aussicht! Waren der Herr schon oben?« Ich verneinte. »Ja, das müssen Sie sich mal ansehen. Gut, daß Sie mich getroffen haben. Ich habe da oben nämlich Korn liegen für die Leute im Orte, die selbst kein rechtes Gelaß haben dafür. Es liegt da oben luftiger und kann besser auseinandergerakt werden. Und da habe ich den Schlüssel bei mir. –

Hoppla, da kommt eine Stufe. Sehen Sie mal die steinerne Treppe! Ein Geländer – das hält Ihnen bis zum Jüngsten Tage. Und die Wände – da bricht Ihnen keiner aus.«

Nun hatten wir den ersten Stock erreicht. Der blondmelierte Polizeidiener stieß die Läden auf, mit denen die zum Teil glaslosen Fenster geschirmt waren.

Der ernste hagere Eggestrang, der trotz seiner dichten Bewaldung seine schroffen Steinglieder erkennen ließ, die früher einen Telegraphen getragen hatten: einen Mast mit weithin erkennbarem Zeichen, das sich weiter gab von Berg zu Berg, stand wie ein Wall meiner Heimat nach Westen hin vor mir. Rechts wandte sich die Egge nach Norden um, reckte sich womöglich noch höher und warf allen Wald von sich, warf von sich den Namen wie ein Auswanderer in die Neue Welt – es war ein starkes, warmes, klares Flimmern in den Steinbrüchen von Felmerstod, die schon zum Teutoburger Walde gehörten.

Mit stolzem frohen Blick umfaßte ich das alles; so zusammengehörig, wie man nur die Heimaterde umfaßt.

Ob es von ihr kommt, ob es von mir kommt: da ist Sagenzug im Antlitz einer Velleda.

Darüber die leuchtend blaue Stirn des Himmels, voll von fröhlichen Blitzen männlicher Stärke, und diese Stirn ist eine Stimme, eine tiefe reine Glocke – Wort, deutsches Wort.

Ja – der Polizeidiener guckte mich merkwürdig an und ich ihn – wieder zurückerwachend; die kleine, scharfe, ziegelfarbene Abendröte seiner gesetzlichen Unrat witternden Nase und die verfärbten Spitzen des Schnurrbartes, denen man ansah, daß sie mit Vergnügen im Feuchten weilten – alles war eine helle Ansprache an mich, so daß ich innerlich lachte über den pflichtgetreuen Beamten, der sich so auf Nebenwegen näherte, über diesen würdigen Vertreter der Mitleidstände, die zu tief in das menschliche Elend schauen müssen und, um nicht zu erliegen, zur Flasche greifen – als da sind Leichenbitter, Polizei und Gerichtsdiener.

So entschied ich mich tapfer für ein Zweimarkstück gegenüber einer Mark, die ich tiefer zurückwarf ins Portemonnaie. Mehrere Fledermäuse waren unruhig geworden über mein unheimliches Verweilen. Es war, als ob sie mein Vorhaben und den Umsturz, der darin für sie lag, darin witterten, und ich kam mir ordentlich vor wie Otto der Faule in der Siegesallee zu Berlin, da mich meine Wappentiere so lebhaft, so gespensterlebhaft umkreisten, als seien sie der Geist der Vergangenheit und Spinneweb umhangener Sage.

»Ein schöner Saal! Hier mußte sich gut Herr sein lassen.«

Noch hielten sich fugenlos und dicht die schmalen, schräg in mancherlei Figuren und Sterne gelegten Eichenhölzchen, die den Estrich bildeten. Noch sahen die auf die schmale Seite gelegten Balken, die auf Ungeheuern Holzsäulen die Decke trugen, nicht danach aus, als ob sie bald zu brechen gedächten.

Und wie bei einer längeren Gesprächspause ein paar Mäuse herkamen – wohl aus einem Löchlein heraus – um erst aus dem goldenen Korn, das vor lauter Sättigung nur so leuchtete, ihr friedevolles seidenes Ränzelein zu laben und dann ein vergnügliches Tänzlein zu wagen, da sah ich die Ritter und Edelfräulein, die hier im selben Saale dasselbe Korn – nur anders verarbeitet – verzehrten und dann auch zu einem Tänzlein schritten auf selbigem Estrich.

Hierher das Pult, den Blick auf die so wuchtig, so großzügig umfriedete, mit Schloß und Dorf belebte Weite!

»Da wird sich herrlich arbeiten lassen«, ward mein Gedanke laut. »Arbeiten meint der Herr? O ja, es sieht ganz gut aus, wenn die Strolche das Korn worfeln hier. Nur ein bißchen mulmig ist es beim Wannen.«

Ich klärte das Gesetz auf über mein Vorhaben. Das machte große Augen. Das Geld sind die Räder am Wagen des Triumphators. Dann meint es: »O ich denke, das wird sich machen lassen. Wenn die Regierung ein gutes Stück Geld sieht, wird sie mich auch wohl abfinden von wegen des Kornes.«

Da zog eine dunkle Wolke des Zweifels über die so ausdrucksvolle Landschaft seiner Seele – diese rote Erde: »Ja, wie ist es denn aber mit den Spitzbuben? Die wollen Sie doch wohl nicht im Hause haben? Dann wären die ja gleich drin, das wäre mir zu gefährlich.«

»Na ja, dann läßt sich auch wohl ein neues Gefängnis beschaffen.« Pause.

»Das soll den Schwalenbergern wohl gefallen, wenn das Schloß wieder aufgefrischt wird und wieder mal was Anständiges hinein zu wohnen kommt.«

Triumphierend leuchteten seine Augen zu mir hinüber. Sie sind fast schön in ihrem begeisternden Glanz – diese Augen eines fürstlich lippischen Hüters der Ordnung niedersten Ranges. Man sieht: wie der Drang nach dem Guten in jeder braven Menschenbrust wohnt. Nur geweckt zu werden braucht er – nur einmal was Anständiges – und gleich ist er da: »Was steht dem Herrn zu Diensten?«

Man kann ausschließlich – einschließlich – mit den Schattenseiten des Lebens zu tun haben, und doch drängt man sich zum Licht, wenn welches da ist. Wie ein kindlich scheues Blumenköpfchen zur Sonne sich wendet.

Was Anständiges? Ich bekam einen Schrecken. Vor allen meinen argen Stellen. Du lieber Himmel, wenn man sich daraufhin anschaut, man ist schlimmer dran als ein verfallenes Gebäude. Und ob sich's denn lohnt, um dieses verfallene Ding in uns ein verfallenes Gebäude wieder aufzubauen?

Ob man sich nicht zuviel schämen muß davor?

Trage du mit mir, du Überall, dann will ich mich gerne unerträglich finden. Ich will mich zusammenfinden, alles zusammen, was zu mir gehört – alles an seiner Stelle. Die Pflanze schon muß einen Boden haben, woraus sie kommt, und nun gar erst die berufene Krone der Schöpfung: der Mensch! Das Leben sollte an mir hervor und empor wachsen. Dazu gehörte die Erde und wo was darauf gerichtet stand und wo was menschlich auf ihr wuchs. So die großen Weltgesetze, vor denen hatte ich weiter keine Angst: die standen in ihren Umrissen so wieviel Millionen Meilen weit, so undeutlich freilich, sie mußten einmal auch an mich heran, mußten mich einbeziehen im Guten oder Bösen, aber das ist im Grunde ganz gleich: ist doch am Ende nur Einbildung. An mir vorbei mußten sie, um mich herum konnten sie nicht.

Doch die eigentliche Farbe, das Leben, das, um zu diesem Gesetze überhaupt zu kommen, lebendig zu machen in mir, ja das mußte ich selbst heraufbringen aus meinem Eigentlichen. Da müßten mir hier die Kräfte um mich herum wachsen, die mich doch eigentlich kennen müßten, die zu mir gehören, die sich gerne mitteilen möchten, o gar zu gerne, und da ihnen die Sprache fehlt, zu mir vernehmbar zu reden, so schmiegen sie sich an: und das eben ist ihre Schönheit und daß uns die Erde und ihr Himmel gar so wohltut.

Früher Gerümpel, vom schlendernden Tag Gebotenes wahllos aufnehmend – nun will ich anfangen zu wachsen, wie ich angelegt bin – ganz genau so – meine Erde, der mir zuständige Boden soll mich speisen: er soll mich züchten – und ich will zusehn. Zusehn so aus Neugier, was aus mir wird. Bin ich doch mein nächster Zuschauer! Was für ein Schauspiel ginge darüber!

Und dann kann man zu gleicher Zeit ein bißchen zum Rechten sehn und mal eingreifen, wenn der Boden mal einschlummern sollte. Bin ja doch kein Bauer, daß ich alles roh nehmen müßte, wie's mir eben zugeschanzt wird. Nein, ich kann's machen wie der Weber, der seelenruhig jede Verhedderung ausgleicht. Das habe ich dem Schicksal zu danken, das mich freigestellt hat: frei so über meine Wahlen wie auch über mein Urteil. Und wenn mein Blut was besondere Farb hat, nun so genieße ich das mit in den Kauf. Sein Herr, nicht sein Sklave – und doch festgegründet! Noch ein wenig untätig aus Überfülle: Entscheidung ist Beschränkung. Doch zur Probe: was will ich? Mich ausleben natürlich. Ein Ich sein, ein eigenständiger Mensch! Aus all dem dumpfen Boden, meiner Liebe für ihn und mit klarer weiter Überschau. Wie dieser Himmel droben zu dieser Heimat. So will ich sein. Dieser Himmel, der auch seine Heimat hat. Der ebenso festlich angezogen ist wie etwa eine vornehme Gegend: so um eine Hauptstadt herum oder wo viel Glück und Freude wohnt. Heimat: wie kommt sie zustande? Ich finde so:

Das tauscht so aus, geht herüber und hinüber, von der Erde lagert sich was in uns und von uns in die Erde hinüber. So will ich heimatlich mich regen.

Und was will ich von der Heimat? Sein Saft – und – Feuergewächs: das Teutoburger Weib. Dann so ein Gedränge, das sich zu wohlig aneinanderdrängt, um entziffert zu werden. Allerlei unmißbares Kleinwerk in Laut und Farbe und in Gestaltung. Das Teutoburger Weib: Thusnelda und Hermann. Als Kinder. Der erste Eber. Da liegt er vorn in der festlich prasselnden Halle. Ein Schlitz über den Arm. Bewundernd sieht der Knabe, wie das edle Blut leuchtend emporspringt aus dem gebräunten, noch immer ein wenig zarten Arme. Stolz und freudig blickt er hin darauf. Als sei's Wein, ihn, den Verschmachtenden zu laben. Nach einer Eberjagd wie heute. Alle Hunde hinter sich drein. So läuft er. Nun hat er ihn erreicht, den borstigen Sohn des Fichtendickichts. Mit boshaft schnellem Aufleuchten des kleinen geschlitzten Auges wendet sich der Keiler nach seinem Angreifer um – und da hat der Knabe seine Auszeichnung weg. Die wohl immer bleiben wird. Ist das ein Glück! Auch die Männer sind herbeigeeilt. Mit neuen Augen sehen sie auf ihn. Ihr Schweigen sagt: Der gehört zu uns! Dann wieder die Weiber, die mehr im Hintergrunde sich halten. Sie haben etwas Entlassendes in ihren Augen: als ob sie ihn verlieren nun, der früher mit Hund und Mädchen und Sklaven zu ihnen gehörte. Zu ihnen in dem dumpfen Dunkel des Namenlosen, das nichts galt, nichts bedeutete. Er trat aus, aus ihrem Knäuel, trat hell und bestimmt hinein von nun an in die männlichen Reihen.

Man wird ihn lehren, mit den Männern wird er ziehen, kaum daß der herbe Morgen seinen scharfen Speer in den Schlummer der Männer sendet, die früh auf sein müssen, um dem äsenden Wilde auf Nahrung und Leben zu passen. Wenig sehen mehr wird ihn die Hütte. Und doch wieder liegt freudige Genugtuung in den Zügen der Mutter und Ahnin und Mägde: wieviel Wildbret können sie sich versprechen für die Küche von diesem jungen Jagdeifer.

 

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