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Johannes von Tepl: Der Ackermann aus Böhmen - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleDer Ackermann aus Böhmen
authorJohannes von Tepl
year1963
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
titleDer Ackermann aus Böhmen
pages3-41
created20030728
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1400
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Johannes von Tepl

Der Ackermann aus Böhmen


Der Ackerman. Das erste capitel.

Grimmiger tilger aller leute, schedlicher echter aller werlte, freissamer morder aller menschen, ir Tot, euch sei verfluchet! Got, ewer tirmer, hasse euch, vnselden merung wone euch bei, vngeluck hause gewaltiglich zu euch: zumale geschant seit immer! Angst, not vnd jamer verlassen euch nicht, wo ir wandert; leit, betrubnuß vnd kummer beleiten euch allenthalben; leidige anfechtung, schentliche zuversicht vnd schemliche verserung die betwingen euch groblich an aller stat; himel, erde, sunne, mone, gestirne, mer, wag, berg, gefilde, tal, awe, der helle abgrunt, auch alles das leben vnd wesen hat, sei euch vnholt, vngunstig vnd fluchen euch ewiglichen! In bosheit versinket, in jamerigem ellende verswindet vnd in der vnwiderbringenden swersten achte gotes, aller leute vnd ieglicher schepfung alle zukunftige zeit beleibet! Vnuerschampter bosewicht, ewer bose gedechtnuß lebe vnd tauere hin on ende; grawe vnd forchte scheiden von euch nicht, ir wonet wo ir wonet: von mir vnd aller menniglich sei vber euch ernstlich zeter geschriren mit gewundenen henden!

Der Tot. Das ander capitel.

Horet, horet, horet newe wunder! Grausam vnd vngehorte teidinge fechten vns an. Von wem die kumen, das ist vns zumale fremde. Doch drowens, fluchens, zetergeschreies, hendewindens vnd allerlei angeratung sein wir allen enden vnz her wol genesen. Dannoch, sun, wer du bist, melde dich vnd lautmere, was dir leides von vns widerfaren sei, darvmb du vns so vnzimlich handelst, des wir vormals vngewonet sein, allein wir doch manigen kunstenreichen, edeln, schonen, mechtigen vnd heftigen leuten sere vber den rein haben gegraset, davon witwen vnd weisen, landen vnd leuten leides genugelich ist geschehen. Du tust dem geleich, als dir ernst sei vnd dich not swerlich betwinge. Dein klage ist one done vnd reime; davon wir prufen, du wellest durch donens vnd reimens willen deinem sinn nicht entweichen. Bistu aber tobend, wutend, twalmig oder anderswo one sinne, so verzeuch vnd enthalt vnd bis nicht zu snelle so swerlich zu fluchen den worten, das du nicht bekummert werdest mit afterrewe. Wene nicht, das du vnser herliche vnd gewaltige macht immer mugest geswechen. Dannoch nenne dich vnd versweig nicht, welcherlei sachen dir sei von vns so twenglicher gewalt begegent. Rechtfertig wellen wir werden, rechtfertig ist vnser geferte. Wir wissen nicht, wes du vns so frevelich zeihest.

Der Ackerman. Das III. capitel.

Ich bins genant ein ackerman, von vogelwat ist mein pflug, vnd wone in Behemer lande. Gehessig, widerwärtig vnd widerstrebend sol ich euch immer wesen: wann ir habt mir den zwelften buchstaben, meiner freuden hort, aus dem alphabet gar freissamlichen enzucket; ir habt meiner wunnen lichte sumerblumen mir aus meines herzen anger jemerlich ausgereutet; ir habt mir meiner selden haft, mein auserwelte turteltauben arglistiglichen entfremdet: ir habt vnwiderbringlichen raub an mir getan! Weget es selber, ob ich icht billich zurne, wute vnd klage: von euch bin ich freudenreiches wesens beraubet, tegelicher guter lebetage enterbet vnd aller wunnebringender rente geeussert. Frut vnd fro was ich vormals zu aller stunt; kurz vnd lustsam was mir alle weile tag vnd nacht, in geleicher masse freudenreich, geudenreich sie beide; ein iegliches jar was mir ein gnadenreichs jar. Nu wirt zu mir gesprochen: schab ab! bei trubem tranke, auf durrem aste, betrubet, swarz vnd zersorend beleib vnd heul on vnderlaß! Also treibet mich der wint, ich swimme dahin durch des wilden meres flut, die tunnen haben vberhant genumen, mein anker haftet nindert. Hiervmb ich on ende schreien wil: Ir Tot, euch sei verfluchet!

Der Tot. Das IV. capitel.

Wunder nimpt vns solcher vngehorter anfechtung, die vns nimmer hat begegent. Bistu ein ackerman wonend in Behemer lande, so dunket vns, du tust vns heftiglich vnrecht, wann wir in langer zeit zu Behem nicht endeliches haben geschaffet, sunder nu newlich in einer festen, hubschen stat, auf einem berge werlich gelegen; der haben vier buchstaben: der achzehende, der erste, der dritte vnd der drei vnd zwenzigiste in dem alphabet einen namen geflochten. Da haben wir mit einer erberen seligen tochter vnser genade gewurket; ir buchstabe was der zwelfte. Sie was ganz frum vnd wandelsfrei, wann wir waren gegenwurtig, do sie geboren wart. Do sante ir fraw Ere einen gerenmantel vnd einen erenkranz; die brachte ir fraw Selde. Den mantel vnd den erenkranz brachte sie ganz, vnzerissen vnd vngemeiligt mit ir vnz in die gruben. Vnser vnd ir gezeuge ist der erkenner aller herzen. Guter gewissen, fruntholt, getrew, gewere vnd zumale gutig was sie gen allen leuten. Werlich so stete vnd so geheure kam vns zu handen selten. Es sei dann die selbe die du meinest: anders wissen wir keine.

Der Ackerman. Das V. capitel.

Ja herre, ich was ir friedel, sie mein amye. Ir habt sie hin, mein durchlustige augelweide; sie ist dahin, mein frideschilt vur vngemach; enweg ist mein warsagende Wunschelrute. Hin ist hin! Da stee ich armer ackerman allein; verswunden ist mein lichter stern an dem himel; zu reste ist gegangen meines heiles sunne: auf geet sie nimmermer! Nicht mer geet auf mein flutender morgensterne, gelegen ist sein schimmern, kein leitvertreib han ich mer: die finster nacht ist allenthalben vor meinen augen. Ich wene nicht, das icht sei, das mir rechte f reude immermer muge widerbringen, wann meiner freuden achtber banier ist mir leider vndergangen. Zeter! waffen! von herzengrunde sei geschriren vber das verwassen jar, vber den verworfen tag vnd vber die leidigen stunde, darin mein steter, herter diamant ist zerbrochen, darin mein rechte furender leitestab vnbarmherziglich mir aus den henden wart gerucket, darin ist zu meines heiles vernewendem Jungbrunnen mir der weg verhawen. Ach on ende, wee on vnderlaß vnd jameriges versinken, gefelle vnd ewiger fal sei euch Tot zu erbeigen gegeben! Lastermeiliger, schandengiriger, wirdenloser vnd grisgramiger sterbet vnd in der helle erstinket! Got beraube euch ewer macht vnd lasse euch zu puluer zerstieben! One zil habet ein teufelisch wesen!

Der Tot. Das VI. capitel.

Ein fuchs slug einen slafenden lewen an den backen: darvmb wart im sein balg zerissen; ein hase zwackte einen wolf: noch heute ist er zagellos darvmb; ein katze krelte einen hunt, der da slafen wolte: immer muß sie des hundes feintschaft tragen. Also wiltu dich an vns reiben. Doch gelauben wir, knecht knecht, herre beleibe herre. Wir wellen beweisen, das wir rechte wegen, rechte richten vnd rechte faren in der werlte Wir niemands adels schonen, grosser kunst nicht achten, keinerlei schone ansehen, gabe, liebe, leides, alters, jugent vnd allerlei sachen nicht wegen. Wir tun als die sunne, die scheinet vber gut vnd bose: wir nemen gut vnd bose in vnsern gewalt. Alle die meister, die die geiste kunnen twingen, mussen vns ire geiste antwurten vnd aufgeben; die bilwisse vnd die zauberinne kunnen vor vns nicht beleiben, sie hilfet nicht, das sie reiten auf den krucken, das sie reiten auf den bocken; die erzte, die den leuten das leben lengen, mussen vns zu teil werden, wurze, kraut, salben vnd allerlei apotekenpuluerei kan sie nicht gehelfen. Solten wir allein den feifaltern vnd den hewschrecken rechnung tun vmb ir geslechte, an der rechnung wurde sie nicht benugen. Oder selten wir durch aufsatzes oder durch alfantzes, durch liebe oder durch leides willen die leute lassen leben, aller der werlte keisertum weren nu vnser, alle kunige hetten ir krone auf vnser haubet gesetzet, ir zepter in vnser hant geantwurt, des babstes stul mit seiner dreigekronten infel weren wir nu gewaltig. Laß steen dein fluchen, sage nicht von Poppenfels newe mere; haw nicht vber dich, so reisen dir die spene nicht in die augen!

Der Ackerman. Das VII. capitel.

Kunde ich gefluchen, kunde ich geschelten, kunde ich euch verpfeien, das euch wirser dann vbel geschehe, das hettet ir snodlichen wol an mir verdienet. Wann nach grossem leide grosse klage sol folgen: vnmenschlich tet ich, wo ich solch lobeliche gotes gabe, die niemant dann got allein geben mag, nicht beweinte. Zwar trauren sol ich immer: entflogen ist mir mein erenreicher falke, mein tugenthafte frawe. Billichen klage ich, wann sie was edel der geburte, reich der eren, schon, frutig vnd vber alle ire gespilen gewachsener persone, warhaftig vnd zuchtig der worte, keusche des leibes, guter vnd frolicher mitwonung – ich sweige als mer ich bin zu swach alle ir ere vnd tugent, die got selber ir hat mitgeteilt, zu volsagen; herre Tot, ir wisset es selber. Vmb solch groß herzenleit sol ich euch mit rechte zusuchen. Werlich were icht gutes an euch, es solte euch selber erbarmen. Ich wil keren von euch, von euch nicht gutes sagen, mit allem meinem vermugen wil ich euch ewiglich widerstreben: alle gotes tirmung sol mir beistendig wesen wider euch zu wurken; euch neide vnd hasse alles, das da ist in himel, auf erden vnd in der helle!

Der Tot. Das VIII. capitel.

Des himels trone den guten geisten, der helle abgrunt den bosen, irdische lant hat got vns zu erbeteile gegeben. Dem himel fride vnd lon nach tugenden, der helle pein vnd strafung nach sunden, der erden kloß vnd meres stram mit aller irer behaltung hat vns der mechtig aller werlte herzog befolhen den worten, das wir alle vberflussigkeit ausreuten vnd ausjeten sullen. Nim vur dich, du tummer man, prufe vnd grab mit sinnes grabestickel in die vernunft, so findestu: hetten wir sider des ersten von leime gekleckten mannes zeit leute auf erden, tiere vnd wurme in wustung vnd in wilden heiden, schuppentragender vnd slipferiger fische in dem wage zuwachsung vnd merung nicht ausgereutet – vor kleinen mucken mochte nu niemant beleiben, vor wolfen torste nu niemant aus; es wurde fressen ein mensche das ander, ein tier das ander, ein ieglich lebendige beschaffung die ander, wann narung wurde in gebrechen, die erde wurde in zu enge. Er ist tumm, der beweinet die totlichen. Laß ab! die lebendigen mit den lebendigen, die toten mit den toten, als vnz her ist gewesen. Bedenke baß, du tummer, was du klagest vnd was du klagen sullest!

Der Ackerman. Das IX. capitel.

Vnwiderbringlichen mein hochsten hort han ich verloren; sol ich nicht wesen traurig? Jamerig muß ich bis an mein ende harren, entweret aller freuden. Der milte got, der mechtige herre gereche mich an euch, arger traurenmacher! Enteigent habt ir mich aller wunnen, beraubet lieber lebetage, entspenet micheler eren. Micheler eren het ich, wann die gute, die reine tochter engelte mit iren kindern in reinem neste gefallen. Tot ist die henne, die da auszoch solche huner. O Got, du gewaltiger herre, wie liebe sach ich mir, wann sie so zuchtiges ganges pflag vnd alle ere bedenken kunde vnd sie menschliches geslechte do lieblich sahen sprechend: ›Dank, lob vnd ere habe die zarte tochter; ir vnd iren nestlingen gunne got alles gutes!‹ Kunde ich darvmb gote wol gedanken, werlich ich tet es billich. Welchen armen man hette er balde so reichlich begabet? Man rede, was man welle: wen got mit einem reinen, zuchtigen vnd schonen weibe begabet, die gabe heisset gabe vnd ist ein gabe vor aller irdischer auswendiger gabe. O aller gewaltigister himelgrave, wie wol ist dem geschehen, den du mit einem reinen, vnuermeiligten gaten hast begatet! Frewe dich, ersamer man, reines weibes, frewe dich, reines weib, ersames mannes: got gebe euch freuden beiden! Was weiß davon ein tummer man, der aus disem Jungbrunnen nie hat getrunken? Allein mir twenglich herzenleit ist geschehen, dannoch danke ich got inniglich, das ich die vnuerruckten tochter han erkant. Euch boser Tot, aller leute feint, sei got ewiglichen gehessig!

Der Tot. Das X. capitel.

Du hast nicht aus der Weisheit brunnen getrunken: das prufe ich an deinen Worten. In der natur wurken hastu nicht gesehen; in die mischung werltlicher Sachen hastu nicht geluget; in irdische verwandelung hastu nicht gegutzet: ein vnuerstendig welf bistu. Merke, wie die lustigen rosen vnd die starkriechenden lilien in den gerten, wie die kreftigen wurze vnd die lustgebenden blumen in den awen, wie die feststeenden steine vnd die hochgewachsenen baume in wilden gefilden, wie die krafthabenden beren vnd die starkwaltigen lewen in entrischen wustungen, wie die hochgewachsenen starken recken, wie die behenden, abenteurlichen, hochgelerten vnd allerlei meisterschaft wol vermugenden leute vnd wie alle irdische creature, wie kunstig, wie lustig, wie stark sie sein, wie lange sie sich enthalten, wie lange sie es treiben, mussen zu nichte werden vnd verfallen allenthalben. Vnd wann nu alle menschgeslechte, die gewesen sint oder noch werden, mussen von wesen zu nichtwesen kumen, wes solte die gelobte, die du beweinest, geniessen, das ir nicht geschehe als andern allen vnd allen andern als ir? Du selber wirst vns nicht entrinnen, wie wenig du des iezunt getrawest. Alle hernach! muß ewer ieglicher sprechen. Dein klage ist entwicht; sie hilfet dich nicht, sie geet aus tauben sinnen.

Der Ackerman. Das XI. capitel.

Got, der mein vnd ewer gewaltig ist, getrawe ich wol, er werde mich vor euch beschirmen vnd vmb die verworchten vbeltat, die ir an mir begangen habet, strengelich an euch gerechen. Gaukelweise traget ir mir vor, vnder warheit falsch mischet ir mir ein vnd wellet mir mein vngehewer sinneleit, vernunftleit vnd herzenleit aus den augen, aus den sinnen vnd aus dem mute slahen. Ir schaffet nicht, wann mich rewet mein swerige, serige verlust, die ich nimmer widerbringen mag. Vur alles wee vnd vngemach mein heilsame erzenei, gotes dienerin, meines willen pflegerin, meines leibes auswarterin, meiner eren vnd irer eren tegelich vnd nechtlich wachterin was sie vnuerdrossen. Was ir empfolhen wart, das wart von ir ganz, reine vnd vnuerseret, oft mit merunge widerreichet. Ere, Zucht, Keusche, Milte,Trewe, Masse, Sorge vnd Bescheidenheit wonten stete an irem hofe; Scham trug stete der Eren spiegel vor iren augen; got was ir gunstiger hanthaber. Er was auch mir gunstig vnd genedig durch iren willen: heil, selde vnd gelucke stunden mir bei durch iren willen. Das het sie an got erworben vnd verdienet, die reine hausere. Lon vnd genedigen solt gib ir, milter loner aller trewen soldener, aller reichster herre! Tu ir genediglicher wann ich ir kan gewunschen! Ach, ach, ach! vnuerschampter morder, herre Tot, boser lasterbalg! der zuchtiger sei ewer richter vnd binde euch sprechend ›vergib mir!‹ in sein wigen!

Der Tot. Das XII. capitel.

Kundestu rechte messen, wegen, zelen oder tichten, aus odem kopfe liessestu nicht solche rede. Du fluchest vnd bittest rachung vnvursichtiglich vnd one notdurft. Was taug solch eselerei? Wir haben vor gesprochen, wie kunstig, . . ., wie kunstenreich, edel, erhaft, frutig, ertig vnd alles was lebet, muß von vnser hende abhendig werden; dannoch klaffestu vnd sprichest, alles dein gelucke sei an deinem reinen, frumen weibe gelegen. Sol nach deiner meinung gelucke an weiben ligen, so wellen wir dir wol raten, das du bei gelucke beleibest. Warte nur, das es nicht zu vngelucke gerate! Sage vns, do du am ersten dein lobelich weib namest, fandestu sie frum oder machestu sie frum? Hastu sie frum gefunden, so suche vernunftiglichen: du findest noch vil frumer, reiner frawen auf erden, der dir eine zu der ee werden mag; hastu sie aber frum gemachet, so frewe dich: du bist der lebendig meister, der noch ein frum weib geziehen vnd gemachen kan. Ich sage dir aber ander mere: ie mere dir liebes wirt, ie mere dir leides widerfert; hestu dich vor liebes vberhaben, so werestu nu leides entladen; ie grosser lieb zu bekennen, ie grosser leit zu enberen liebe. Weib, kint, schatz vnd alles irdisch gut muß etwas freuden am anfang vnd mere leides am ende bringen; alle irdische liebe muß zu leide werden: leit ist liebes ende, der freuden ende trauren ist, nach lust vnlust muß kumen, willens ende ist vnwillen – zu solchem ende laufen alle lebendige dinge. Lerne es baß, wiltu von klugheit gatzen!

Der Ackerman. Das XIII. capitel.

Nach schaden folget gespotte; des empfinden wol die betrubten. Also geschicht von euch mir beschedigtem manne. Liebes entspenet, leides gewenet habet ir mich; als lange got wil, muß ich es von euch leiden. Wie stumpf ich bin, wie wenig ich kan vnd wenig han zu sinnreichen meistern Weisheit gezechet, dannoch weiß ich wol, das ir meiner eren rauber, meiner freuden dieb, meiner guten lebetage steler, meiner wunnen vernichter vnd alles des, das mir wunnesam leben gemachet vnd gelubet hat, zerstorer seit. Wes sol ich mich nu frewen? Wo sol ich trost suchen? Wohin sol ich zuflucht haben? Wo sol ich heilstet finden? Wo sol ich getrewen rat holen? Hin ist hin! Hin ist alle meine freude! Ee der zeit ist sie vns verswunden; zu fru ist sie vns entwischet; allzu schiere habt ir sie vns enzucket, die teuren, die geheuren, wann ir mich zu witwer vnd meine kinder zu weisen so vngenediglich habet gemachet. Ellende, allein vnd leides vol beleibe ich von euch vnergetzet; besserung kunde mir von euch nach grosser missetat noch nie widerfaren. Wie ist dem, herre Tot, aller leute eebrecher? An euch kan niemant icht gutes verdienen; nach vntat wellet ir niemant genug tun, niemant wellet ir ergetzen. Ich prufe: barmherzigkeit wonet nicht bei euch; fluchens seit ir gewonet; genadenlos seit ir an allen orten. Solche guttat, als ir beweiset an den leuten, solche genade, als die leute von euch empfahen, solchen lon, als ir den leuten gebet, solich ende, als ir den leuten tut, schicke euch, der des todes vnd lebens gewaltig ist. Furste himelischer massenie, ergetze mich vngeheurer Verluste, michels schaden, vnsegeliches trubsals vnd jemerliches weisentums! Dabei gerich mich an dem erzschalke, dem Tode, Got, aller vntat gerecher!

Der Tot. Das XIV. capitel.

One nutz geredet, als mer geswigen; baß geswigen wann torlich geredet. Nach torlicher rede krieg, nach kriege feintschaft, nach feintschaft vnruwe, nach vnruwe serunge, nach serunge weetag, nach weetage afterrewe muß iedem verworrenen manne begegnen. Krieges mutestu vns an. Du klagest, wie wir dir leit haben getan an deiner zumale lieben frawen. Ir ist gutlich vnd genediglich geschehen: bei frolicher jugent, bei stolzem leibe, in besten lebetagen, in besten wirden, an bester zeit, mit vngekrenkten eren haben wir sie in vnser genade empfangen. Das haben gelobet, des haben begeret alle weissagen, wann sie sprachen: am besten zu sterben wann am besten liebet zu leben. Er ist nicht wol gestorben, wer sterben hat begeret; er hat zu lange gelebet, wer vns vmb sterben hat angerufet; wee vnd vngemach im, wer mit alters burden wirt vberladen: bei allem reichtum muß er arm wesen! Des jares do die himelfart offen was, an des himels torwertels kettenfeiertag, do man zalte von anfang der werlte sechstausent funfhundert neun vnd neunzig jar, bei kindes geburt die seligen martrerin hiessen wir raumen dis kurze scheinende eilende auf die meinung, das sie solte zu gotes erbe in ewige freude, in immerwerendes leben vnd zu vnendiger ruwe nach gutem verdienen genediglich kumen. Wie gehessig du vns bist, wir wellen dir wunschen vnd gunnen, das dein sele mit der iren dort in himelischer wonung, dein leib mit dem iren bein bei beine alhie in der erden gruft wesen solten. Burge wolten wir dir werden: irer guttat wurdestu geniessen. Sweig, enthalt! Als wenig du kanst der sunnen ir licht, dem mone sein kelte, dem fewer sein hitze oder dem wasser sein nesse benemen, also wenig kanstu vns vnser macht berauben!

Der Ackerman. Das XV. capitel.

Beschonter ausrede bedarf wol schuldiger man. Also tut ir auch. Susse vnd sawer, linde vnd hert, gutig vnd scharpf pfleget ir euch zu beweisen den, die ir meinet zu betriegen; das ist an mir schein worden. Wie sere ir euch beschonet, doch weiß ich, das ich der erenvollen, durchschonen von eurer swinden vngenade wegen kummerlich enberen muß. Auch weiß ich wol, das solches gewaltes sunder got vnd ewer niemant ist gewaltig. So bin ich von got nicht also geplaget: wann hette ich mißgewartet gen gote, als leider dicke geschehen ist, das hette er an mir gerochen oder es hette mir widerbracht die wandelsone. Ir seit der vbelteter. Darvmb weste ich gern, wer ir weret, was ir weret, wie ir weret, von wann ir weret vnd warzu ir tuchtig weret, das ir so vil gewaltes habet vnd on entsagen mich also vbel gefodert, meinen wunnereichen anger geodet, meiner sterke turn vndergraben vnd gefellet habet. Ei Got, aller betrubten herzen troster, troste mich vnd ergetze mich armen, betrubten, ellenden, selbsitzenden man! Gib, herre, plage, tu widerwerte, leg an klemnuß vnd vertilge den greulichen Tot, der dein vnd aller vnser feint ist! Werlich, herre, in deiner wurkung ist nicht greulichers, nicht scheußlichers, nicht schedelichers, nicht herbers, nicht vngerechters dann der Tot! Er betrubet vnd verruret dir alle dein irdische herschaft; ee das tuchtig dann das vntuchtig nimpt er hin; schedelich, alt, siech, vnnutze leute lesset er oft alhie, die guten vnd die nutzen zucket er alle hin. Richte, herre, rechte vber den falschen richter!

Der Tot. Das XVI. capitel.

Was bose ist, das nennen gut, was gut ist, das heissen bose sinnlose leute: dem geleiche tustu auch. Falsches gerichtes zeihestu vns; vns tustu vnrecht. Des wellen wir dich vnderweisen. Du fragest, wer wir sein: Wir sein gotes hantgezeuge, herre Tot, ein rechte wurkender meder. Vnser sense geet vur sich. Weiß, swarz, rot, braun, grun, blaw, graw, gel vnd allerlei glanzblumen vnde gras hawet sie vur sich nider, ires glanzes, irer kraft, irer tugent nicht geachtet. So geneust der veiol nicht seiner schonen farbe, seines reichen ruches, seiner wolsmeckender safte. Sihe, das ist rechtfertigkeit. Vns haben rechtfertig geteilet die Romer vnd die poeten, wann sie vns baß danne du bekanten. – Du fragest, was wir sein: Wir sein nicht vnd sein doch etwas. Deshalben nicht, wann wir weder leben weder wesen noch gestalt noch vnderstant haben, nicht geist sein, nicht sichtig sein, nicht greiflich sein; deshalben etwas, wann wir sein des lebens ende, des wesens ende, des nichtwesens anfang, ein mittel zwischen in beiden. Wir sein ein geschichte, das alle leute fellet. Die grossen heunen mussen vor vns fallen; in hohen schulen werden wir gesiger; alle wesen, die leben haben, mussen verwandelt von vns werden. – Du fragest, wie wir sein: Vnbescheidenlich sein wir. Doch etwanne vnser figure zu Rome in einem tempel an einer want gemalet was als ein man auf einem ochsen, dem die augen verbunden waren, sitzend; der selbe man furte ein hawen in seiner rechten hant vnd ein schaufel in der linken hant. Damite facht er auf dem ochsen. Gegen im slug, warf vnd streit ein michel menige volkes, allerlei leute, iegliches mensche mit seines hantwerks gezeuge; da was auch die nunne mit dem psalter. Die slugen vnd wurfen den man auf dem ochsen in vnser bedeutnuß; doch bestreit der Tot vnd begrub sie alle. Pitagoras geleichet vns zu eines mannes scheine, der het basilisken augen, die wanderten in allen enden der werlte, vor des gesichte sterben muste alle lebendige creature. – Du fragest, von wann wir sein: Wir sein von dem irdischen paradise. Da tirmte vns got vnd nante vns mit vnserm rechten namen, do er sprach: ›Welches tages ir der frucht enbeisset, des todes werdet ir sterben.‹ Darvmb wir vns also schreiben: Wir Tot, herre vnd gewaltiger auf erden, in der luft vnd meres strame. – Du fragest, warzu wir tuchtig sein: Nu hastu vor gehoret, das wir der werlte mer nutzes dann vnnutzes bringen. Hor auf, laß dich benugen vnd danke vns, das dir von vns so gutlichen ist geschehen!

Der Ackerman. Das XVII. capitel.

Alter man newe mere, geleret man vnbekante mere, ferre gewandert man vnd einer, wider den niemant reden tar, gelogene mere wol sagen turren, wann sie von vnwissender sachen wegen sein vnstreflich. Wann ir nu auch ein solcher alter man seit, so muget ir wol tichten. Allein ir in dem paradise gefallen seit ein meder vnd rechtes remet, doch hawet ewer sense vneben: Recht mechtig blumen reutet sie aus, die distel lesset sie steen; vnkraut beleibet, die guten kreuter mussen verderben. Ir jecht, ewer sense hawe vur sich. Wie ist dann dem, das sie mer distel dann guter blumen, mer meuse dann kamelen, mer boser leute dann guter vnuerseret lesset beleiben? Nennet mir mit dem munde, mit dem finger weiset mir: wo sint die frumen, achtberen leute, als vor zeiten waren? Ich wene, ir habet sie hin. Hin mit in ist auch mein lieb, die vseln sint och vber beliben. Wo sint sie hin, die auf erden wonten vnd mit gote redten, an im hulde, genade, auch reichtum erwurben? Wo sint sie hin, die auf erden sassen, vnder dem gestirne vmbgiengen vnd entschieden die planeten? Wo sint sie hin, die sinnereichen, die meisterlichen, die gerechten, die frutigen leute, von den die kroniken so vil sagen? Ir habet sie alle vnd mein zarte ermordet; die snoden sint noch alda. Wer ist daran schuldig? Torstet ir der warheit bekennen, herre Tot, ir wurdet euch selber nennen. Ir sprechet faste, wie rechte ir richtet vnd niemandes schonet ewer sense haw nach einander fellend. Ich stunt dabei vnd sach mit meinen augen zwo vngeheure schar volkes – iede het vber dreitausent man – mit einander streiten auf einer grunen heide; die wuten in dem blute bis vnder den enkel. Darvnder snurret ir vnd wurret gar gescheftig an allen enden. In dem her totet ir etlich, etlich liesset ir leben. Mer knechte dann herren sach ich tot ligen. Da klaubtet ir einen aus den andern als die teigen biren. Ist das rechte gemeet? Ist das rechte gerichtet? Geet so ewer sense haw vur sich? Wol her, lieben kinder, wol her! reiten wir entgegen, enbieten vnd sagen wir lob vnd ere dem Tode, der also rechte richtet! Gotes gerichte ist kaum also gerecht.

Der Tot. Das XVIII. capitel.

Wer von Sachen nicht enweiß, der kan von sachen nicht gesagen. Also ist vns auch geschehen. Wir westen nicht, das du als ein richtiger man werest. Wir haben dich lange zeit erkant; wir hetten aber dein vergessen. Wir waren dabei, do fraw Weisheit dir die weisheit mitteilte, do her Salomon an dem totbette dir sein weisheit vurreichte, do got allen den gewalt, den er hern Moyses in Egipten lant verlihen hette, dir verlech, do du einen lewen bei dem beine namest vnd in an die want slugest; wir sahen dich die Sterne zelen, des meres grieß und sein fische rechnen, die regentropfen reiten; wir sahen gern, das du gewanst den wetlauf an dem hasen; zu Babilonia vor kunig Soldan sahen wir dich koste vnd trank in grossen eren vnd wirden credenzen; do du das panier vor Alexandro furest, do er Darium bestreit, do lugten wir zu vnd gunden dir wol der eren; do du zu Achademia vnd zu Athenis mit hohen kunstenreichen meistern, die auch in die gotheit meisterlichen sprechen kunden, ebenteure disputierest vnd mit kunst in meisterlichen oblagest, do sahen wir vns zumale liebe; do du Neronem vnderweisest, das er guttete vnd gedultig wesen solte, do horten wir gutlichen zu. Vns wunderte, das du keiser Julium in einem roren schiffe vber das wilde mer furest one dank aller Sturmwinde. In deiner werkstat sahen wir dich ein edel gewant von regenbogen wurken; darein wurden engel, vogel, tier, fische vnd allerlei wurme gestalt; darein was auch die eule vnd der affe in wefels weise getragen. Zumale sere lachten wir vnd wurden des vur dich rumig, do du zu Paris auf dem geluckes rade sassest, auf der hende tanzest, in der swarzen kunst wurkest vnd bannest die teufel in ein seltsam glas. Do dich got berufte in seinen rat zu gespreche vmb frawen Eve fal, aller erste wurden wir deiner grossen Weisheit innen. Hetten wir dich vor erkant, wir hetten dir gefolget; wir hetten dein weib vnd alle leute ewig lassen leben; das hetten wir dir allein zu eren getan: wann du bist zumale ein kluger esel!

Der Ackerman. Das XIX. capitel.

Gespotte vnd vbelhandelung mussen dicke aufhalten durch warheit willen die leute. Geleicher weise geschicht mir: vnmugelicher dinge rumet ir mich, vngehorter werke wurkens. Gewaltes treibet ir zumale vil, gar vbel habt ir an mir gefaren, das muet mich alzu sere. Wann ich dann darvmb rede, so seit ir mir gehessig vnd werdet zornes vol. Wer vbel tut vnd wil nicht widertun vnd strafunge aufnemen vnd leiden, sunder mit vbermut allen dingen widerstreben, der sol gar eben aufsehen, das im nicht vnwille darnach begegne! Nemet beispil bei mir! Wie zu kurze, wie zu lange, wie vngutlich, wie vnrechte ir an mir habet gefaren, dannoch dulde ich vnd riche es nicht, als ich zu rechte solte. Noch heute wil ich der besser sein: han ich icht vngeleiches oder vnhubsches gegen euch gebaret, des vnderweiset mich; ich wil sein gern vnd williglich widerkumen. Ist des aber nicht, so ergetzet mich meines schaden oder vnderweiset mich, wie ich widerkume meines grossen herzenleides. Werlich also zu kurze geschach nie manne. Vber das alles mein bescheidenheit sullet ir ie sehen. Eintweder ir widerbringet, was ir an meiner traurenwenderin, an mir vnd an meinen kindern arges habet begangen, oder kumpt des mit mir an got, der da ist mein, ewer vnd aller werlte rechter richter. Ir mochtet mich leichte erbitten, ich wolte es zu euch selber lassen. Ich traute euch wol, ir wurdet ewer vngerechtigkeit selber erkennen, darnach mir genugen tun nach grosser vntat. Begeet die bescheidenheit, anders es muste der hamer den anboß treffen, herte wider herte wesen, es kume, zu wo es kume!

Der Tot. Das XX. capitel.

Mit guter rede werden gesenftet die leute; bescheidenheit behelt die leute bei gemache; gedult bringet die leute zu eren; zorniger man kan den man nicht entscheiden. Hestu vns vormals gutlich zugesprochen, wir hetten dich gutlich vnderweiset, das du nicht billich den tot deines weibes klagen soltest vnd beweinen. Hastu nicht gekant den weissagen, der in dem bade sterben wolte, oder seine bucher gelesen, das niemant sol klagen den tot der totlichen? Weistu des nicht, so wisse: als balde ein mensche geboren wirt, als balde hat es den leikauf getrunken, das es sterben sol. Anfanges geswistreit ist das ende. Wer ausgesant wirt, der ist pflichtig wider zu kumen. Was ie geschehen sol, des sol sich niemant widern. Was alle leute leiden mussen, das sol einer nicht widersprechen. Was ein mensche entlehent, das sol er widergeben. Ellende bawen alle leute auf erden. Von ichte zu nichte mussen sie werden. Auf snellem fusse laufet hin der menschen leben: iezunt lebend, in einem hantwenden gestorben. – Mit kurzer rede beslossen: ieder mensche ist vns ein sterben schuldig vnd ist in angeerbet zu sterben. Beweinestu aber deines weibes jugent, du tust vnrecht; als schiere ein mensche lebendig wirt, als schiere ist es alt genug zu sterben. Du meinest leichte, das alter sei ein edel hort? Nein, es ist suchtig, arbeitsam, vngestalt, kalt vnd allen leuten vbel gefallend; es taug nicht vnd ist zu allen Sachen entwicht: zeitig epfel fallen gern in das kot; reifende biren fallen gern in die pfutzen. Klagestu dann ir schone, du tust kintlich: eines ieglichen menschen schone muß eintweder das alter oder der tot vernichten. Alle rosenfarbe mundlein mussen ascherfarb werden, alle rote wenglein mussen bleich werden, alle lichte euglein mussen tunkel werden. Hastu nicht gelesen, wie Hermes, der weissage, lernet, wie sich ein man huten sol vor schonen weiben, vnd sprichet: was schone ist, das ist mit tegelicher beisorge swere zu halten, wann sein alle leute begeren; was scheußlich ist, das ist leidenlich zu halten, wann es mißfellet allen leuten. Laß faren! Klage nicht seniglich verlust, die du nicht kanst widerbringen.

Der Ackerman. Das XXI. capitel.

Gute strafung gutlich aufnemen, darnach tun sol weiser man! hore ich die klugen jehen. Ewer strafung ist auch leidenlich. Wann dann ein guter strafer auch ein guter anweiser wesen sol, so ratet vnd vnderweiset mich, wie ich so vnsegeliches leit, so jemerlichen kummer, so aus der massen grosse betrubnuß aus dem herzen, aus dem mute vnd aus den sinnen ausgraben, austilgen vnd ausjagen sulle. Bei got, vnuolsagenlich herzenleit ist mir geschehen, do mein zuchtige, getrewe vnd stete hausere mir so snelle ist enzucket, sie tot, ich witwer, meine kinder weisen worden sint. O herre Tot, alle werlt klaget vber euch vnd auch ich. Doch seit das nie so boser man wart, er were an etwe gut: ratet, helfet vnd steuret, wie ich so sweres leit von herzen werfen muge vnd wie meine kinder einer solchen reinen muter ergetzet werden; anders ich vnmutig vnd sie traurig immer wesen mussen. Vnd das sullet ir mir nicht in vbel verfahen, wann ich sihe, das vnder vnuernunftigen tieren ein gate vmb des andern tot trauret von angeborenem twange. Hilfe, rates vnd widerbringens seit ir mir pflichtig, wann ir habt mir getan den schaden. Wo des nicht geschehe, dann got hette in seiner almechtigkeit nindert rachunge: gerochen muste es werden wider euch, vnd solte darvmb hawe vnd schaufel noch eines gemuet werden.

Der Tot. Das XXII. capitel.

Ga! ga! ga! snatert die gans, lamm! lamm! sprichet der wolf, man predige, was man welle: solch fadenricht spinnest auch du. Wir haben dir vor entworfen, das vnklegelich wesen sulle der tot der totlichen. Seit den malen das wir ein zolner sein, dem alle menschen ir leben zollen vnd vermauten mussen, wes widerstu danne dich? Wann werlich wer vns teuschen wil, der teuschet sich selber. Laß dir eingeen vnd vernim: das leben ist durch sterbens willen geschaffen; were leben nicht, wir weren nicht, vnser geschefte were nicht; damit were auch nicht der werlte ordenung. Eintweder du bist sere leidig oder vnuernunft hauset zu dir. Bistu vnuernunftig, so bitte got vmb Vernunft dir zu verleihen; bistu aber leidig, so brich ab, laß faren, nim vur dich, das ein wint ist der leute leben auf erden! Du bittest rat, wie du leit aus dem herzen bringen sullest: Aristoteles hat dich es vor gelernet, das freude, leit, forchte vnd hoffenung die viere alle werlt bekummern vnd nemelich die, die sich vor in nicht kunnen huten. Freude vnd forchte kurzen, leit vnd hoffenung lengen die weile. Wer die viere nicht ganz aus dem mute treibet, der muß allzeit sorgende wesen. Nach freude trubsal, nach liebe leit muß hie auf erden kumen. Liebe vnd leit mussen mit einander wesen. Eines ende ist anfang des andern. Leit vnd liebe ist nicht anders, dann wann icht ein mensche in seinen sinn vurfasset vnd das nicht austreiben wil, geleicher weise als mit genugen niemant arm vnd mit vngenugen niemant reich wesen mag; wann genugen vnd vngenugen nicht an habe noch an auswendigen sachen sint, sunder in dem mute. Wer alle liebe nicht aus dem herzen treiben wil, der muß gegenwurtiges leit allzeit tragen: treib aus dem herzen, aus dem sinne vnd aus dem mute liebes gedechtnuß, allzuhant wirstu traurens vberhaben. Als balde du icht hast verloren vnd es nicht kanst widerbringen, tu, als es dein nie sei worden: hin fleuchet dein trauren. Wirstu des nicht tun, so hastu mer leides vor dir; wann nach iegliches kindes tode widerfert dir herzenleit, nach deinem tode auch herzenleit in allen, dir vnd in, wann ir euch scheiden sullet. Du wilt, das sie der muter ergetzet werden. Kanstu vergangene jar, gesprochene wort vnd verruckten magetum widerbringen, so widerbringestu die muter deiner kinder. Ich han dir genug geraten. Kanstu es versteen, stumpfer pickel?

Der Ackerman. Das XXIII. capitel.

In die lenge wirt man gewar der warheit; als: lange gelernet, etwas gekunnet. Ewer Spruche sint susse vnd lustig, des ich nu etwas empfinde. Doch solte freude, liebe, wunne vnd kurzweile aus der werlte vertriben werden, vbel wurde steen die werlt. Des wil ich mich ziehen an die Romer. Die haben es selbes getan vnd haben das ire kinder gelernet, das sie liebe in eren haben solten, turnieren, stechen, tanzen, wetlaufen, springen vnd allerlei zuchtige hubscheit treiben solten bei mussiger weile auf die rede, das sie die weile bosheit weren vberhaben. Wann menschliches mutes sin kan nicht mussig wesen: eintweder gut oder bose muß allzeit der sin wurken; in dem slafe wil er nicht mussig sein. Wurden dann dem sinne gute gedanke benumen, so wurden im bose eingeen. Gut aus, bose ein; bose aus, gut ein: die wechselung muß bis an das ende der werlte weren. Sider freude, zucht, scham vnd ander hubscheit sint aus der werlte vertriben, sider ist sie bosheit, schanden, gespottes, vntrewe vnd verreterei zumale vol worden; das sehet ir tegelichen. Solte ich dann die gedechtnuß meiner aller liebsten aus dem sinne treiben, bose gedechtnuß wurden mir in den sin wider kumen: als mer wil ich meiner aller liebsten alweg gedenken. Wann grosse herzenliebe in grosses herzenleit wirt verwandelt, wer kan des balde vergessen? Bose leute tun das selbe. Gute freunde stete gedenken an einander; ferre wege, lange jar scheiden nicht liebe freunde. Ist sie mir leiblichen tot, in meiner gedechtnusse lebet sie mir doch immer. Herre Tot, ir musset getrewlicher raten, sol ewer rat icht nutzes bringen, anders ir fledermaus musset vor dem sparber der vogele feintschaft tragen!

Der Tot. Das XXIV. capitel.

Liebe nicht alzu lieb, leit nicht alzu leide sol vmb gewin vnd vmb verlust bei weisem manne wesen: des tustu nicht. Wer vmb rat bittet vnd rates nicht folgen wil, dem ist auch nicht zu raten. Vnser gutlicher rat kan an dir nicht geschaffen. Es sei dir nu lieb oder leit, wir wellen dir die warheit an die sunnen legen, es hore, wer da welle. Dein kurze vernunft, dein abgesniten sinne, dein holes herze wellen aus leuten mer machen, dann sie gewesen mugen. Du machest aus einem menschen, was du wilt, es mag nicht mer gesein, dann als ich dir sagen wil mit vrlaub aller reinen frawen: Ein mensche wirt in sunden empfangen, mit vnreinem, vngenantem vnflat in muterlichem leibe generet, nacket geboren vnd ist ein besmiret binstock, ein ganzer vnlust, ein vnreiner mist, ein kotfaß, ein wurmspeise, ein stankhaus, ein vnlustiger spulzuber, ein faules as, ein schimelkaste, ein bodenloser sack, ein locherete tasche, ein blasebalk, ein geitiger slunt, ein stinkender leimtigel, ein vbelriechender harnkrug, ein vbelsmeckender eimer, ein betriegender tockenschein, ein leimen raubhaus, ein vnsetig leschtrog vnd ein gemalte begrebnuß. Es merke wer da welle: ein iegliches ganz gewurktes mensche hat neun locher in seinem leibe, aus den allen fleusset so vnlustiger vnd vnreiner vnflat, das nicht vnreiners gewesen mag. So schones mensche gesahestu nie, hestu eines linzen augen vnd kundest es inwendig durchsehen, dir wurde darab grawen. Benim vnd zeuch ab der schonsten frawen des sneiders farbe, so sihestu ein schemliche tocken, ein schiere swelkenden blumen vnd kurze taurenden schein vnd einen balde fallenden erdenknollen. Weise mir ein hantvol schone aller schonen frawen, die vor hundert jaren haben gelebet, aus genumen der gemalten an der wende, vnd habe dir des keisers krone zu eigen! Laß hin fliessen lieb, laß hin fliessen leit! Laß rinnen den Rein als ander wasser, von Eseldorf weiser gotling!

Der Ackerman. Das XXV. capitel.

Pfei euch, boser schandensack! wie vernichtet, vbel handelt vnd vneret ir den werden menschen, gotes aller liebste creature, damit ir auch die gotheit swechet! Aller erste prufe ich, das ir lugenhaftig seit vnd in dem paradise nicht getirmet, als ir sprechet. Weret ir in dem paradise gefallen, so wesset ir, das got den menschen vnd alle dinge beschaffen hat, sie allzumale gut beschaffen hat, den menschen vber sie alle gesetzet hat, im ir aller herschaft befolhen vnd seinen fussen vndertenig gemachet hat, also das der mensche den tieren des ertreichs, den vogeln des himels, den fischen des meres vnd allen fruchten der erden herschen solte, als er auch tut. Solte dann der mensche so snode, bose vnd vnrein sein, als ir sprechet, werlich so hette got gar vnreinlichen vnd gar vnnutzlichen gewurket. Solte gotes almechtige vnd wirdige hant so ein vnreines vnd vnfletiges menschwerk haben gewurket, als ir schreibet, ein streflicher vnd gemeiligter wurker were er. So stunde auch das nicht, das got alle dinge vnd den menschen vber sie alle zumale gut hette beschaffen. Herre Tot, lasset ewer vnnutz klaffen! Ir schendet gotes aller hubschestes werk. Engel, teufel, schretlein, klagemuter, das sint geiste in gotes twange wesend: der mensche ist das aller achtberst, das aller behendest vnd das aller freieste gotes werkstuck. Im selber geleiche hat es got gebildet, als er auch selber in der ersten wurkung der werlte hat gesprochen. Wo hat ie werkman gewurket so behendes vnd reiches werkstuck, einen so werkberlichen kleinen kloß als eines menschen haubet? In dem ist kunstenreiche kunst allen gotern ebentewer verborgen: da ist in des augen apfel das gesichte, das aller gewissest gezeuge, meisterlich in spiegels weise verwurket; bis an des himels klare zirkel wurket es. Da ist in den oren das ferre gewurket gehoren, gar durchnechtiglichen mit einem dunnen felle vergitert zu prufung vnd vnderscheit mancherlei susses gedones. Da ist in der nasen der ruch durch zwei locher ein vnd aus geend, gar sinniglichen verzimmert zu behegelicher senftigkeit alles lustsames vnd wunnesames riechens, das da ist nar der sele. Da sint in dem munde zene, alles leibfuters tegeliches malende einsacker; darzu der zungen dunnes blat den leuten zu wissen bringend ganz der leute meinung; auch ist da des smackes allerlei koste lustsame prufung. Dabei sint in dem kopfe aus herzengrunde geende sinne, mit den ein mensche, wie ferre er wil, gar snelle reichet; in die gotheit vnd darvber gar klimmet der mensche mit den sinnen. Allein der mensche ist empfahend der vernunft, des edelen hortes. Er ist allein der lieblich kloß, dem geleiche niemant dann got gewurken kan, darinnen also behende werk, alle kunst vnd meisterschaft mit Weisheit sint gewurket. Lat faren, herre Tot! ir seit des menschen feint: darvmb ir kein gutes von im sprechet!

Der Tot. Das XXVI. capitel.

Schelten, fluchen, wunschen, wie vil der ist, kunnen keinen sack, wie kleine der ist, gefullen. Darzu: wider vil redende leute ist nicht zu kriegen mit worten. Es gee nu vur sich mit deiner meinung, das ein mensche aller kunste, hubscheit vnd wirdigkeit vol sei, dannoch muß es in vnser netze fallen, mit vnserm garne muß es gezucket werden. Grammatica, gruntfeste aller guten rede, hilfet da nicht mit iren scharpfen vnd wol gegerbten worten; Rhetorica, bluender grunt der liebkosung, hilfet da nicht mit iren bluenden vnd reine geferbten reden; Loica, der warheit vnd vnwarheit vursichtige entscheiderin, hilfet da nicht mit irem verdackten verslahen, mit der warheit verleitung vnd krummerei; Geometria, der erden pruferin, schetzerin vnd messerin, hilfet da nicht mit irer vnfelender masse, mit iren rechten abgewichten; Arismetrica, der zale behende ausrichterin, hilfet da nicht mit irer rechnung, mit irer reitung, mit iren behenden ziffern; Astronomia, des gestirnes meisterin, hilfet da nicht mit irem sterngewalte, mit einflusse der planeten; Musica, des gesanges vnd der stimme geordente hantreicherin, hilfet da nicht mit irem sussen gedone, mit iren feinen stimmen. Philosophia, acker der weisheit, in gotlicher vnd in naturlicher erkantnuß vnd in guter siten wurkung geackert vnd geseet vnd volkumenlich gewachsen; Physica mit iren mancherlei steurenden trenken; Alchimia mit der metalle seltsamer verwandelung; Geomancia mit satzunge der planeten vnd des himelsreifes zeichen auf erden allerlei frage behende verantwurterin; Pyromancia, sleuniges vnd warhaftiges warsagens aus dem fewer wurkerin; Ydromancia, in wassers gewurke der zukunftigkeit entwerferin; Astrologia mit oberlendischen Sachen irdisches laufes auslegerin; Chiromancia, nach der hende vnd nach des teners kreisen hubsche warsagerin; Nigromancia, mit toten opferfinger vnd mit sigel der geiste gewaltige twingerin; Notenkunst mit iren hubschen gebeten, mit irem starken besweren; Augur, der vogelkoses vernemer vnd daraus zukunftiger Sachen warhafter zusager; Aruspex, nach altaropfers rauche in Zukunft tuende ausrichtung; Pedomancia mit kindergedirme vnd Ornomancia mit auerhennen dermig luplerin; Juriste, der gewissenlos criste, hilfet da nicht mit rechtes vnd vnrechtes vursprechung, mit seinen krummen vrteilen. Die vnd ander den vorgeschribenen anhangende kunste helfen zumale nicht: ieder mensche muß ie von vns vmbgesturzet, in vnserm walktroge gewalken vnd in vnserm rollfasse gefeget werden. Das gelaube, du uppiger geuknecht!

Der Ackerman. Das XXVII. capitel.

Man sol nicht vbel mit vbel rechen; gedultig sol ein man wesen, gebieten der tugende lere. Den pfat wil ich nach treten, ob ir leicht noch nach vngedult gedultig werdet. Ich vernim an ewer rede: ir meinet, ir ratet mir gar getrewlich. Wonet trewe bei euch, so ratet mir mit trewen in gesworenes eides weise: in was wesens sol ich nu mein leben richten? Ich bin vormals in der lieben lustigen ee gewesen; warzu sol ich mich nu wenden? In werltlich oder in geistlich ordenung? die sint mir beide offen. Ich nam vur mich in den sin allerlei leute wesen, schatzte vnd wug sie mit fleisse: vnuolkumen, bruchig vnd etwe vil mit sunden fant ich sie alle. In zweifel bin ich, wo ich hin keren sulle: mit gebrechen ist bekummert aller leute anstal. Herre Tot, ratet! Rates ist not! In meinem sinne finde, wene vnd gelaube ich vurwar, das nie so reines gutliches nest vnd wesen kume nimmermer bei der sele dann eeliches leben. Ich spriche: Weste ich, das mir in der ee gelingen solte als ee, in der wolte ich leben, die weile lebend were mein leben. Wunnesam, lustsam, fro vnd wolgemut ist ein man, der ein bider weib hat, er wandere wo er wander. Einem ieden solchen man ist auch lieb nach narung zu stellen vnd zu trachten; im ist auch lieb, ere mit eren, trewe mit trewen, gut mit gute zu bezalen vnd zu widergelten. Er bedarf ir nicht huten; wann sie ist die beste hut, die ir ein frumes weib selber tut. Wer seinem weibe nicht gelauben vnd trawen wil, der muß stecken in steten sorgen. Herre von oberlanden, furste von vil selden: wol im, den du so mit reinem bettegenossen begabest! Er sol den himel ansehen, dir mit aufgerackten henden danken alle tage. Tut das beste, herre Tot, vil vermugender herre!

Der Tot. Das XXVIII. capitel.

Loben on ende, schenden one zil, was sie vurfassen, pflegen etlich leute. Bei loben vnd bei schenden sol fuge vnd masse sein; ob man ir eines bedurfe, das man sein stat habe. Du lobest sunder masse eeliches leben; iedoch wellen wir dir sagen von eelichem leben, vngeruret aller reinen frawen: als balde ein man ein weib nimpt, als balde ist er selbander in vnser gefengnuß. Zuhant hat er einen hantslag, einen anhang, einen hantsliten, ein joch, ein kumat, ein burde, einen sweren last, einen fegeteufel, ein tegeliche rostfeile, der er mit rechte nicht enberen mag, die weile wir mit im nicht tun vnser genade. Ein beweibter man hat doner, schawer, fuchse, slangen alle tage in seinem hause. Ein weib stellet alle tage darnach, das sie man werde: zeuchet er auf, so zeuchet sie nider; wil er so, so wil sie sust; wil er dahin, so wil sie dorthin – solches spiles wirt er sat vnd sigelos alle tage. Triegen, listen, smeichen, spinnen, liebkosen, widerburren, lachen, weinen kan sie wol in einem augenblicke; angeboren ist es sie. Siech zu arbeit, gesunt zu wollust, darzu zam vnd wilde ist sie, wann sie des bedarf. Vmb werwort finden bedarf sie keines ratmannes. Geboten dinge nicht tun, verboten dinge tun fleisset sie sich allzeit. Das ist ir zu susse, das ist ir zu sawer; des ist ir zu vil, des ist ir zu wenig; nu ist es zu fru, nu ist es zu spate – also wirt es alles gestrafet. Wirt dann icht von ir gelobet, das muß mit schanden in einem drechselstule gedreet werden; dannoch wirt das loben dicke mit gespotte gemischet. Einen man, der in der ee lebet, kan kein mittel aufhaben: ist er zu gutig, ist er zu scharpf – an in beiden wirt er mit schaden gestrafet; er sei nur halb gutig oder halb scharpf, dannoch ist da kein mittel: schedelich oder streflich wirt es ie. Alle tage newe anmutunge oder keifen, alle wochen fremde aufsatzunge oder muffeln, alle monat newen vnlustigen vnflat oder gramen, alle jar newes kleiden oder tegeliches strafen muß ein beweibter man haben, er gewinne es, wo er welle. Der nacht gebrechen sei aller vergessen; von alters wegen schemen wir vns. Schonten wir nicht der biderben frawen, von den vnbiderben kunden wir vil mere singen vnd sagen. Wisse, was du lobest: du kennest nicht golt bei bleie!

Der Ackerman. Das XXIX. capitel.

Frawenschender mussen geschendet werden, sprechen der warheit meister. Wie geschieht euch dann, herre Tot? Ewer vnuernunftiges frawenschenden, wie wol es mit frawen vrlaub ist, doch ist es werlich euch schentlich vnd den frawen schemlich. In maniges weisen meisters geschrifte findet man, das one weibes steure niemant mag mit selden gesteuret werden; wann weibes vnd kinder habe ist nicht das minste teil der irdischen selden. Mit solcher warheit hat den trostlichen Romer Boecium hin geleget Philosophia, die weise meisterin. Ein ieder abentewerlicher vnd sinniger man ist mir des gezeuge: kein mannes zucht kan wesen, sie sei dann gemeistert mit frawen zuchte. Es sage, wer es welle: ein zuchtiges, schones, keusches vnd an eren vnuerrucktes weib ist vor aller irdischer augelweide. So manlichen man gesach ich nie, der rechte mutig wurde, er wurde dann mit frawen troste gesteuret. Wo der guten samenung ist, da sihet man es alle tage: auf allen planen, auf allen hofen, in allen turnieren, in allen herfarten tun die frawen ie das beste. Wer in frawen dienste ist, der muß sich aller missetat anen. Rechte zucht vnd ere lernen die werden frawen in irer schule. Irdischer freuden sint gewaltig die frawen; sie schaffen, das in zu eren geschieht alle hubscheit vnd kurzweil auf erden. Einer reinen frawen fingerdrowen strafet vnd zuchtiget vur alle waffen einen frumen man. One liebkosen mit kurzer rede: aller werlte aufhaltung, festung vnd merunge sint die werden frawen. Iedoch bei golde blei, bei weizen raten, bei allerlei munze beislege vnd bei weiben vnweib mussen wesen; dannoch die guten sullen der bosen nicht engelten: das gelaubet, hauptman vom berge!

Der Tot. Das XXX. capitel.

Einen kolben vur einen kloß goldes, eine koten vur einen topasion, einen kisling vur einen rubin nimpt ein narre; die hewschewer eine burg, die Thunaw das mer, den mausar einen falken nennet der tore. Also lobestu der augen lust, der vrsachen schetzestu nicht; wann du weist nicht, das alles, das in der werlte ist, ist eintweder begerung des fleisches oder begerung der augen oder hochfart des lebens. Die begerung des fleisches zu wollust, die begerung der augen zu gute oder zu habe, die hochfart des lebens zu ere sint geneiget. Das gut bringet girung vnd geitigkeit, die wollust machet geilheit vnd vnkeuscheit, die ere bringet hochfart vnd rum. Von gute turstigkeit vnd forchte, von wollust bosheit vnd sunde, von ere eitelkeit vnd guft mussen ie kumen. Kundestu das vernemen, du wurdest eitelkeit in aller werlte finden; vnd geschehe dir dann liebe oder leide, das wurdestu dann gutlichen leiden, auch vns vngestrafet lassen. Aber als vil als ein esel leiren kan, als vil kanstu die warheit vernemen. Darvmb so sein wir so sere mit dir bekummert. Do wir Pyramum den jungeling mit Tysben der meide, die beide ein sele vnd willen hetten, schieden, do wir kunig Alexandrum aller werlte herschaft entenigten, do wir Paris von Troya vnd Helenam von Kriechen zerstorten: do wurden wir nicht also sere als von dir gestrafet. Vmb keiser Karel, marggrave Wilhelm, Dietrich von Berne, den starken Boppen vnd vmb den hurnen Seifrid haben wir nicht so vil mue gehabet. Aristotilem vnd Auicennam klagen noch heute vil leute: dannoch sein wir vngemuet beliben. Do Davit, der gedultig, vnd Salomon, der Weisheit schrein, sturben, do wart vns mere gedanket danne gefluchet. Die vor waren, die sint alle dahin; du vnd alle, die nu sint oder noch werden, mussen alle hin nach: dannoch beleiben wir Tot hie herre!

Der Ackerman. Das XXXI. capitel.

Eigene rede verteilet dicke einen man vnd sunderlich einen, der iezunt eines vnd darnach ein anderes redet. Ir habt vor gesprochen: ir seit etwas vnd doch nicht, auch nicht ein geist, vnd seit des lebens ende vnd euch sein alle irdische leute empfolhen. So sprechet ir nu: wir mussen alle dahin vnd ir, herre Tot, beleibet hie herre. Zwo widerwertig rede mugen mit einander nicht war gewesen. Sullen wir von leben alle dahin scheiden vnd irdisch leben sol alles ende haben vnd ir seit, als ir sprechet, des lebens ende, so merke ich: wann nimmer lebens ist, so wirt nimmer sterbens vnd todes. Wo kumpt ir danne hin, herre Tot? In himel muget ir nicht wonen, der ist gegeben allein den guten geisten. Kein geist seit ir nach ewer rede. Wann ir dann auf erden nimmer zu schaffen habet vnd die erde nimmer weret, so musset ir gerichtes in die helle; darinnen musset ir on ende krochen. Da werden auch die lebendigen vnd die toten an euch gerochen. Nach ewer wechselrede kan sich niemant gerichten. Sollen alle irdische dinge so bose, snode vnd vntuchtig sein beschaffen vnd gewurket, das ist wider gote geredet vnd des ist von anfang der werlte er nie gezigen. Tugent lieb gehabet, bosheit gehasset, sunde vbersehen vnd gerochen hat got bis her. Ich gelaube, hin nach tue er auch das selbe. Ich han von jugent auf gehoret lesen vnd gelernet, wie alle dinge got gut beschaffen habe. Ir sprechet, wie alle irdische lebende wesen sullen ende nemen: so sprichet Plato vnd ander weissagen, das in allen sachen eines zeruttung des andern geberung sei vnd wie alle sache auf vrkund sint gebawet vnd wie des himels lauf aller vnd der erden von einem in das ander verwandelt wurkunge ewig sei. Mit ewer wankelrede, darauf niemant bawen sol, wellet ir mich von meiner klage schrecken. Des berufe ich mich mit euch an got, meinen heilant. Herre Tot, mein verderber, damit gebe euch got ein boses amen!

Der Tot. Das XXXII. capitel.

Oft ein man, wenne der anhebet zu reden, im werde dann vnderstossen, nicht aufgehoren kan. Du bist auch aus dem selben stempfel gewurket. Wir haben gesprochen vnd sprechen noch (damit wellen wir ende machen): die erde vnd alle ir behaltung ist auf vnstetigkeit gebawet. In diser zeit ist sie wandelber worden, wann alle dinge haben sich verkeret: das hinder hervur, das voder hin hinder, das vnder gen berge, das ober gen tale, das ebich an das rechte, das rechte an das ebich hat die meist menige volkes gekeret. In feures flammen stetigkeit han ich alles menschliches geslechte getreten: einen schein zu greifen, einen guten, getrewen, beistendigen freunt zu finden ist nahent geleich mugelich auf erden worden. Alle menschen sint mer zu bosheit dann zu gute geneiget. Tut nu iemant icht gutes, das tut er vns besorgend. Alle leute mit allem irem gewurke sint vol eitelkeit worden. Ir leib, ir weib, ir kinder, ir ere, ir gut vnd alles ir vermugen fleuchet alles dahin, mit einem augenblicke verswindet es, mit dem winde verwischet es: noch kan der schein noch der schate nicht bleiben. Merke, prufe, sich vnd schawe, was nu der menschen kinder auf erden haben: wie sie berg vnd tal, stock vnd stein, walt vnd gefilde, alpen vnd wiltnuß, des meres grunt, der erden tiefe durch irdisches gutes willen in regen, winden, doner, schawer, sne vnd in allerlei vngewiter durchfaren, wie sie schechte, stollen vnd tiefe gruntgruben in die erden durchgraben, der erden adern durchbawen, glanzerden suchen, die sie durch seltsenkeit willen vur alle dinge lieb haben, wie sie holz in welden fellen, gewant zewen, heuser den swalben geleiche klecken, pflanzen vnd pelzen baumgarten, ackern das ertreich, bawen weinwachs, machen mulwerk, zutun zehentzins, bestellen fischerei, weitwerk vnd wiltwerk, grosse herte vihes zusamen treiben, vil knechte vnd meide haben, hohe pfert reiten, goldes, silbers, edel gesteines, reiches gewandes vnd allerlei ander habe heuser vnd kisten vol haben, wollust vnd wunnen pflegen, darnach sie tag vnd nacht stellen vnd trachten – was ist das alles? Alles ist ein eitelkeit vnd ein serung der sele, ein vergenglichkeit als der gesterig tag, der vergangen ist. Mit kriege vnd mit raube gewinnen sie es; wann ie mere gehabet, ie mere geraubet. Zu kriegen vnd zu werren lassen sie es nach in. O die totliche menscheit ist stete in engsten, in trubsal, in leide, in sorgen, in forchten, in scheuhung, in weetagen, in siechtagen, in trauren, in arbeit, in betrubnuß, in jamer, in kummer vnd in mancherlei widerwertigkeit; vnd ie mer ein man irdisches gutes hat, ie mer im widerwertigkeit begegent. Noch ist das das aller groste, das ein mensche nicht gewissen kan, wann wo oder wie wir vber es vrplupfling fallen vnd es jagen zu laufen den weg der totlichen. Die burde mussen tragen herren vnd knechte, man vnd weib, reich vnd arm, gut vnd bose, jung vnd alt. O leidige zuversicht, wie wenig achten dein die tummen! Wann es zu spate ist, so wellen sie alle frum werden. Das ist alles eitelkeit vber eitelkeit vnd beswerung der sele. Darvmb laß dein klagen sein! Trit in welchen orden du wilt, du findest gebrechen vnd eitelkeit darinnen. Iedoch kere von dem bosen vnd tue das gute; suche den fride vnd tue in stete; vber alle irdische dinge habe lieb rein vnd lauter gewissen! Vnd das wir dir rechte geraten haben, des komen wir mit dir an got, den ewigen, den grossen vnd den starken.

Des fursten rede von vil selden, des almechtigen gotes vrteil.
Das XXXIII. capitel.

Der lenze, der sumer, der herbest vnd der winter, die vier erquicker vnd hanthaber des jares, die wurden zwistossig mit grossen kriegen. Ir ieder rumte sich seines guten willen mit seiner wurkung in regen, wintween, . . . vnd wolte ieglicher in seiner wurkung der beste sein. Der lenze sprach, er erquickte vnd machte guftig alle fruchte; der sumer sprach, er machte reif vnd zeitig alle fruchte; der herbest sprach, er brechte vnd zechte ein beide in stadel, in keller vnd in die heuser alle fruchte; der winter sprach, er verzerte vnd vernutzte alle fruchte vnd vertribe alle gifttragende wurme. Sie rumten sich vnd kriegten faste; sie hetten aber vergessen, das sie sich gewaltiger herschaft rumten, die in von got verlihen was. Ebengeleich tut ir beide. Der klager klaget sein verlust, als ob sie sein erbrecht were; er wenet nicht, das sie im von vns were verlihen. Der Tot rumet sich gewaltiger herschaft, die er doch allein von vns zu lehen hat empfangen. Der klaget, das nicht sein ist, diser rumet sich herschaft, die er nicht von im selber hat. Iedoch der krieg ist nicht gar one sache: ir habet beide wol gefochten; den twinget leit zu klagen, disen die anfechtung des klagers die warheit zu sagen. Darvmb, klager, habe ere! Tot, habe sige! seit ieder mensche dem tode das leben, den leib der erden, die sele vns pflichtig ist zu geben.

Hie bittet der ackerman vur seiner frawen sele. Der roten Buchstaben der grosse nennet alse den klager. Dis capitel stet in eines betes weise vnd ist
das XXXIIII capitel.

Immer wachender wachter aller werlte, got aller goter, herre, wunderhaftiger herre aller herren, almechtigster aller geiste, furste aller furstentume, brunne, aus dem alle gutheit fleusset, heiliger aller heiligen, kroner vnd die kron, loner vnd der lon, kurfurste, in des kurfurstentum alle kur ist: wol im wart, wer manschaft von dir empfehet! Der engel freude vnd wunne, eindruck der aller hochsten formen, alter greiser jungeling, erhore mich!

O licht, das nicht empfehet ander licht; licht, das verfinstert vnd verblendet alles auswendiges licht; schein, vor dem verswindet aller ander schein; schein, zu des achtung alle licht sint finsternuß, zu dem aller schein ein schate ist, dem aller schate erscheinet; licht, das in der beginstnuß gesprochen hat: werde licht! fewer, das vnuerloschen alleweg brinnet; anfang vnd ende, erhore mich!

Heil vnd selde vber alles heil vnd selde; weg on allen irrsal zu dem ewigen leben; bestes, one das dann nicht bessers ist; leben, dem alle dinge leben; warheit vber alle warhaftige warheit; weisheit, die vmbsleusset alle weisheit; aller sterke gewaltiger; rechter vngerechter hant beschawer vnd widerbringer aller bruche; ganz vermugender in allen kreften; satung der durftigen, labung der kranken; sigel der aller hochsten maiestat; besliessung des himels armonie; einiger erkenner aller menschen gedanke, vngeleicher bilder aller menschen antlitze; gewaltiger planete aller planeten, ganz wurkender einfluß alles gestirnes, des himels hofes gewaltiger vnd wunnesamer hofemeister; twang, vor dem alle himelische ordenung aus irem geewigten angel nimmer treten mag, lichte sunne, erhore mich!Die beiden folgenden Absätze »Ewige lucerne . . .« bis ». . . vrsache aller sache, erhore mich!« ordnete bereits Burdach (Der Dichter des ›Ackermann aus Böhmen‹ und seine Zeit, Vom Mittelalter zur Reformation. Bd. 3, Teil 2, Berlin 1926-32.) nach ». . . ausrichten, visieren, entwerfen vnd abnemen niemant kan« (im Absatz »Nahender beistendiger . . .«) ein und ermöglichte damit, das Akrostichon »IOHANNES MA« (Anfangsbuchstaben der Absätze; MA wohl für Magister oder Margaretha) richtig zu lesen.

Ewige lucerne, ewiges immerlicht; rechte farender marner, des kocke vndergeet nimmer; banierfurer, vnder des banier niemant sigelos wirt; der helle stifter; der erden kloß bawer; des meres stram temmer; der luft vnstetigkeit mischer; des feures hitze kreftiger; aller elemente tirmer; doners, blitzens, nebels, schawers, snees, regens, regenbogens, miltawes, windes, reifes vnd aller irer mitwurkung einiger essemeister; alles himelischen heres gewaltiger herzog; vnuersagenlicher keiser; aller senftiglichster, aller sterkister, aller barmherzigister schepfer, erbarme dich vnd erhore mich!

Schatz, von dem alle schetze entspriessen; vrsprung, aus dem alle reine ausflusse fliessen; leiter, nach dem niemant ververt; in allen bresten nothaft, zu dem alle gute dinge als zu dem weisel der bin nehen vnd halten sich; vrsache aller sache, erhore mich!

Aller seuchen widerbringender arzet; meister aller meister; allein vater aller schepfung; alle wege vnd an allen enden gegenwurtiger zuseher; aus der muter leibe in der erden gruft selbmugender geleiter; bilder aller formen; gruntfeste aller guten werke; aller reinigkeit liebhaber, hasser aller vnfletigkeit; loner aller guten dinge; allein rechter richter; einiger, aus des anfange alle sache ewiglich nimmer weichet, erhore mich!

Nothelfer in allen engsten; fester knote, den niemant aufbinden mag; volkumenes wesen, das aller volkumenheit mechtig ist; aller heimlicher vnd niemands wissender sachen warhaftiger erkenner; ewiger freuden spender, irdischer wunnen storer; wirt, ingesinde vnd hausgenosse aller guten leute; jeger, dem alle spor vnuerborgen sint; aller sinne ein feiner einguß; rechter vnd zusamenhaltender mittel aller zirkelmasse; genediger erhorer aller zu dir rufender, erhore mich!

Nahender beistendiger aller bedurftigen; traurenwender aller in dich hoffender; der hungerigen widerfuller; aus nichte icht, aus ichte nicht allein vermugender wurker; aller weilwesen, zeitwesen vnd immerwesen ganz mechtiger erquicker, aufhalter vnd vernichter, des wesen auch, als du in dir selber bist, ausrichten, visieren, entwerfen vnd abnemen niemant kan; ganzes gut vber alle gute; aller wirdigister ewiger herre Jesu, empfahe genediglichen den geist, empfahe gutlichen die sele meiner aller liebsten frawen, die ewigen ruwe gib ir, mit deinem genadentawe labe sie, vnder den schaten deiner flugel behalt sie, nim sie, herre, in die volkumen genuge, da genuget den minsten als den meisten. Laß sie, herre, von dannen sie kumen ist, wonen in deinem reiche bei den ewigen seligen geisten!

Mich rewet Margaretha, mein auserweltes weib. Gunne ir, genadenreicher herre, in deiner almechtigen vnd ewigen gotheit spiegel sich ewiglichen ersehen, beschawen vnd erfrewen, darinnen sich alle engelische kore erleuchten.

Alles das vnder des ewigen fanentragers fanen gehoret, es sei welcherlei creature es sei, helfe mir aus herzengrunde seliglich mit innigkeit sprechen: amen!