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Justus Möser: Über die verfeinerten Begriffe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDeutsches Lesebuch
titleÜber die verfeinerten Begriffe
authorJustus Möser
year1988
isbn3-379-00239-9
publisherReclam
senderAndreas_Lauermann@t-online.de
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Justus Möser

Über die verfeinerten Begriffe

Mein Müller spielte mir gestern einen recht artigen Streich, indem er zu mir ins Zimmer kam und sagte: »Es müssen vier Stück metallene Nüsse in die Poller und Pollerstücke gegen die Kruke gemacht werden, auch haben alle Scheiben, Büchsen, Bolten und Splinten eine Verbesserung nötig, der eine eiserne Pfahlhake mit der Hinterfeder ist nicht mehr zu gebrauchen, und das Kreitau –« – »So spreche Er doch deutsch, mein Freund! ich höre wohl, daß von Seiner Windmühle die Rede ist, aber ich bin kein Mühlenbaumeister, der die tausend Kleinigkeiten, so zu einer Mühle gehören, mit Namen kennet.« Hier fing der Schalk an zu lachen und sagte mit einer recht witzigen Gebärde: »Machte es doch unser Herr Pfarrer am Sonntage ebenso, er redete in lauter Kunstwörtern, wobei uns armen Leuten Hören und Sehen verging; ich dächte, er täte besser, wenn er wie ich seiner Gemeine gutes Mehl lieferte und die Kunstwörter für die Bauverständigen sparte.«

»Wie, mein Freund!« fing der Pfarrer lächelnd an, der, ohne daß ihn der Müller gesehen hatte, im Fenster stand, – aber dieser machte sich geschwind aus dem Staube – und so ging die Rede unter uns beiden an, worin der Pfarrer, welcher ein sehr vernünftiger Mann war, dem Müller würklich recht gab, ob er gleich dafür hielt, daß er selbst gegen die von demselben angegebene Regel nicht gefehlt und seiner Gemeine etwas vorgetragen hätte, was ihren Begriffen nicht angemessen wäre. Wie aber ein Wort so das andre holte: so kamen wir endlich auf die jetzt allgemein herrschende Verfeinerung der Begriffe und auf die Frage: ob solche nicht in ihrer Art ein eben solches Übel als die weiland beliebte Empfindsamkeit werden würde? »Und Sie wollten es nicht billigen«, hob der Pfarrer an, »wenn unsre Philosophen in das Innerste der Natur dringen, jeden Begriff bis in seine Quelle verfolgen, hier die würkenden Kräfte aufsuchen, solche mit Namen bezeichnen und das Unsichtbare der Natur gleichsam zum Anschauen bringen? Sie wollten es nicht gut finden, daß unsre Physiognomisten in unendlichen bisher unbemerkten Zügen die Abdrücke unsers Charakters finden und damit unser Erkenntnis bereichern, daß unsre Psychologisten alle Töne und Kräfte der Seele unterscheiden und den Maßstab ans Unendliche legen und daß endlich unsre Sittenlehrer die unzähligen Wendungen des menschlichen Herzens in Klassen ordnen und die chaotische Masse der dunklen Begriffe zu lauter deutlichen erheben?«

»Das kann ich freilich wohl nicht mißbilligen«, war meine Antwort, »solange solches für Bauverständige und nicht für solche geschieht, die nun endlich das Mehl erwarten, ohne sich um die Nüsse, Poller und Splinten zu bekümmern. Aber mich dünkt, die wenigsten unter den Schriftstellern, welche jetzt für das Publikum schreiben, beweisen diese Mäßigung. Auch die besten unter ihnen schreiben nicht mehr vor das gemeine Auge, ihre Worte sind nach ihrer zu scharfen Einsicht gestimmt, ihre Begriffe sind zu tief aus der Sache geschöpft, sie beziehen sich auf Verhältnisse, die nur den Baumeistern bekannt sind, und es kömmt mir oft so vor, als wenn sie durch ein Vergrößerungsglas arbeiteten und die Dinge in einem ganz andern Lichte, in einem so außerordentlichen Verhältnisse sähen, worin sie sonst niemand erblickt. Man kann doch, wenn man sich unterrichten, erbauen oder vergnügen will, nicht immer auch sein Vergrößerungsglas vor sich haben oder, wenn man krank ist, den feinen Zergliederer dem nützlichen Arzte vorziehen. Die natürliche Folge jenes Verfahrens ist, daß sie auch ihre Empfindungen erhöhen und da jauchzen oder heulen, wo ein andrer ehrlicher Mann, der das nicht siehet, was sie sehen, ganz gleichgültig bleibt. Ja, ich kenne ihrer viele, die durch die neuentdeckten Ähnlichkeiten und Verhältnisse in dem Unendlichen der Natur in eine für den gemeinen Leser ganz unbegreifliche Schwärmerei versetzet werden. Die Wissenschaft sollte meiner Meinung nach für den Meister und die Frucht derselben für das allgemeine Beste sein. Mir ist das Resultat einer großen Geistesarbeit und zum Beispiel der Gedanke, das Einweihungsfest der neuen katholischen Kirche in Berlin mit dem Gesange: Wir glauben alle an einen Gott etc. anzufangen, lieber und lehrreicher, auch in seiner Stelle schöner und besser als die feinste Zergliederung einer menschlichen Tugend.«

»Wenn aber«, fiel hier der Pfarrer ein, »die feinsten Wahrheiten populär gemacht werden können!« – »Oh«, sagte ich, »wo das geschehn kann, da höret mein Widerspruch auf; aber es ist gegen die Natur der Sache, unendlich kleinen Teilgen und unendlich feinen Unterscheiden Größe und Farbe zu geben, daß sie ein jeder sehen und empfinden kann. Außer dem engen Kreise der Wissenschaften verwirret man nur damit den gesunden Menschenverstand. Die ganze Behandlung einer Sache und die zu deren Vortrag gewidmete Sprache wird dadurch entweder zu scharf bestimmt oder zu mannigfaltig, um sie zu seinen ordentlichen Bedürfnissen zu gebrauchen. Es geht derselben wie unsern fünf Sinnen, wenn sie schärfer empfinden, als es für unsre Gesundheit und Bequemlichkeit gut ist. Das ganze Reich des Unendlichen, was vor unsre Sinnen versteckt liegt, ist überdem das Feld der Spekulation und Systeme. Jeder legt hier sein Eignes an, bestimmt darnach seine Worte oder erfindet für seine Hypothese besondre Zeichen, und wann die gemeine Menschensprache damit überladen wird: so entsteht daraus, eben wie aus einer Menge zu vielerlei Münzen, Beschwerde und Verwirrung; man unterscheidet, wo man nicht unterscheiden sollte, und wird spitzfindig, anstatt brauchbar zu werden; oder ein Mensch versteht den andern nicht mehr; und unsrer jetzigen Sprache wird es wie der ehemaligen scholastischen ergehn, die durch ihre Feinheit verunglückt ist, oder sie wird der gotischen Schnitzelei ähnlich werden, welche den Mangel der Größe ersetzen sollte. Sehe ich nun weiter auf die Menge derjenigen, die in Raffaels Manier arbeiten, ohne Raffaels Geist zu haben –«

»Oh! der Müller soll recht haben«, schloß mein Freund, »das Kreitau soll für die Kunstverständigen bleiben, wir wollen uns an sein Mehl halten.«