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Joseph Alois Gleich: Die vier Heymonskinder - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie romantisch-komischen Volksmärchen
authorJoseph Alois Gleich
year1936
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDie vier Heymonskinder
pages219
created20031204
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug

I. Auftritt.

Düsterer Wald, hinter Gesträuch eine verborgene Höhle. Ein heftiges Ungewitter tobt, der Sturm braust durch die Wipfel der Bäume – Adelhart, Ritsart, Writsart und Martin, von Irrlichtern geblendet, tappen in der finstern Gegend umher, und suchen einen Ausgang zu finden, dann Reinold.

Introduction.

Ritsar, Adelhart, Writsart.
Himmel, welch ein Ungewitter,
Fürchterlich tobt die Natur,
Geht die Erde selbst in Splitter?
Droht uns denn Verderben nur?

Martin. Dießmal gilt es unser Leben,
Ach, wer hilft aus dieser Noth?
Ja vor lauter Angst und Beben
Bin ich itzt schon mausetodt.

Obige 3. Gar kein Ausweg ist zu finden,
Und das Wetter tobt stets mehr.

Martin. Hier in diesen grausen Schlünden
Wohnet selbst der Luzifer.

Alle 4. Nur durch Blitze wird es helle,
Ach das Wetter haust so stark,
Angst ergreift die bange Seele,
Im Geheim erstarrt das Mark.

Reinold. (der gleichfalls dazu kommt) Auf dieser Seite werden wir schwerlich einen Ausgang finden.

Martin. Ja, hier trifft es ein, was mir meine Anel oft gesagt hat, daß die Welt mit Brettern verschlagen ist.

Reinold. Kommt Brüder, wir müssen das Ende des Waldes erreichen. Wir wollen uns nach jener Gegend wenden. Wer einen Ausweg findet, kömmt wieder hieher; denn auf diesen Platz treffen wir wieder zusammen.

Martin. Aber so seyd doch gescheidt. Ihr könnt Euch ja an dem nächsten Baume den Kopf einstoßen. – Bleiben wir lieber hier, wenn uns schon der Satan den Kragen umdrehen will, so ist es alles eins, ob er uns da oder dort erwischt.

Reinold. Du bleibst auch hier, du nimmst dieses Horn, (giebt es ihm) sobald du etwas von Bedeutung bemerkest, so giebst du uns ein Zeichen, und wir eilen herbey.

Martin. Das kann schon gar nicht seyn; denkt nur selbst, wen Euch eine Gefahr aufstoßen sollte, so wäre ja hernach kein Mensch bei Euch, der Euch vertheidigte. –

Alle. Du mußt hier bleiben, oder fürchte unsern Zorn. (sie gehen ab)

Martin. Itzt soll ich blasen, und mir ist vor lauter Angst schon der Athem ausgegangen. – Ich glaube nicht einmal, daß das Horn einen Ton von sich giebt. (er bläßt, die 4 Brüder kommen zurück)

Adelhart. Was giebts!

Martin. Habt Ihr was gehört? ich habe nur probirt, ob das Horn recht gestimmt ist.

Adelhart. Das wage ja nicht wieder – ich rathe dirs, so wahr ich Heymon heiße. (gehen ab).

Martin. Nun, es ist schon recht – itzt muß ich nur die Gegend ein wenig auskundschaften – (er greift umher, und stößt an einen Baum) Holla, was ist das? – o weh, das ist ein Riese, er will mich zerreißen – itzt muß ich blasen, eh er mir den Hals umdreht, (er blaßt, die 4 Brüder kommen zurück)

Ritsart. Siehst du was?

Martin. Au weh, au weh! mir gehts grün und gelb vor den Augen – dort steht er – dort –

Reinold. Wer?

Martin. Seht Ihr denn den Riesen nicht? – er streckt schon seine hundert Klauen nach uns aus – ach, mich hat er schon –

Reinold. Narr, siehst du nicht, daß es ein Baum ist?

Martin. Schau wie man sich irren kann; dißmal hätte ich geschworen darauf, daß es ein Riese wäre.

Reinold. Wagst du es noch einmal, unser zu spotten, so fährt mein Schwert durch dein Herz – du kennst mich. (gehen ab)

Martin. Itzt darf ich mich nicht mehr rühren, sonst wird Ernst daraus. Sucht itzt, so lang ihr wollt, ich blase nicht mehr, (setzt sich und schnürt seinen Bündel auf) ich will jetzt meinen Vorrath aufzehren, trift mich ein Unglück, so hab ich doch das Maul zugestopft, und die Seele kann mir wenigstens nicht so geschwinde ausfahren. (Er kramt aus und ißt. Zwey kleine Gespenster schleichen herein, setzen sich zu ihm, und essen mit. Martin erblickt sie, rutscht sitzend rückwärts, und macht verschiedene komische Bewegungen, welche ihm alle von den Gespenstern nachgeahmt werden. Endlich springt ihm eines auf den Rücken, er schreit heftig, die 4 Ritter kommen zurück, die Gespenster springen davon).

Reinold. Schurke warum lärmst du so?

Martin. Ihr habt leicht reden – wenn Ihr gesehen hättet, was sich für zwey konträre Kammerdiener zu meinen Speisen gesetzt haben, Euch würde gewiß kein Bissen mehr schmecken.

Reinold. Der Bube spottet unser, dieß soll deine letzte Stunde seyn. (er zieht das Schwert – Donnerschlag)

 
II. Auftritt.

Vorige. Malegys.

Malegys (als Eremit gekleidet, kömmt aus der Höhle). Wenn ich nicht irre, so sind Fremde in dieser Gegend?

Martin. Sapperment, das ist ein kurioser alter Herr.

Malegys. Seyd mir willkommen achtbare Ritter – welch ein Zufall führt Euch in diese Gegend? – Doch, es wäre unbillig von mir, bei diesem Unwetter Euch noch mit Gespräche zu belästigen; Ihr bedürft Ruhe und Erholung, kommt in meine Wohnung, unter sicherem Obdach soll Euch ein Becher Wein die Zunge lösen, und die Herzen vertrauter machen.

Martin. Ich bitt Euch um alles in der Welt, gestrenge Herren, folgt ihm nicht, wie er Euch in seiner Gewalt hat, dreht er Euch den Hals um.

Reinold. Wir nehmen dein Anerbiethen mit Dank an, denn wir bedürfen recht sehr der Erholung.

Malegys. Kommt, meine Diener werden Euch durch den unterirdischen Gang leuchten, der in meine verborgene Wohnung führt. (zwey seiner Diener kommen mit Fakeln)

Reinold (zu Martin). Geh voran, und wag es ja nicht wieder, durch Widerspruch unsern Zorn zu reitzen.

Martin. Ich geh, aber wenn Ihr daran Schuld seyd, daß der arme Martin Rosenstängel zu Grunde geht, so will ich Euch alle Nacht als Geist erscheinen, und einen nach dem andern zu Tode kitzeln. (er geht in die Höhle, die übrigen folgen – Malegys bleibt zurück).

 
III. Auftritt.

Malegys, Klarisse, dann Bewaffnete.

(Es wird helle.)

Malegys. Geht getrost in meine Höhle – ohne zu vermuthen habt Ihr in mir Euren Retter gefunden. – Wie? seh ich recht – Klarisse, allein in dieser Wildniß?

Klarisse (kömmt ängstlich herein). Sende mir deinen Beistand, gütiges Schicksal! Entflohen bin ich dem verhaßten Ganelon – o leitet meine Schritte, meinen Reinold zu finden.

Malegys. Dieser Wunsch könnte Euch leicht gewährt werden, edle Klarisse. –

Klarisse. Wie, Ihr kennt mich? – Ihr wißt –

Malegys. Daß Euer Vormund Ganelon Euch zur Vermählung mit Graf Brisson zwingen will, daß Ihr ihm itzt auf der Reise entflohen seyd und Euren geliebten Reinold suchet. – Er ist in dieser Höhle.

Klarisse. Ich eile in seine Arme. –

Malegys (vertritt ihr den Weg). Nicht so Klarisse – harret noch kurze Zeit, und Ihr werdet den Lohn Eurer Liebe ärndten.

Klarisse. Warum wollt Ihr mich aber hindern?

Malegys. Weil ich mit kaltem Blute überlege, und Euren guten Ruf verloren sehe, wenn Ihr selbst flüchtig werdet – dieser muß Euch stets heilig bleiben.

Klarisse. Ach wenn Ihr wüßtet –

Malegys. In kurzen werden Ganelons Leute Euch hier suchen – folgt Ihnen unter dem Vorwande Euch verirrt zu haben. Wenn Reinold selbst Euch befreit, so habt Ihr Eure Absicht erreicht, und zugleich Eures Rufes geschont.

Klarisse. Wahr – aber wer bürgt mir dafür, daß –

Malegys. Ich. –

Klarisse. Wer seyd Ihr?

Malegys (winkt, seine Kleidung fliegt weg, und er steht im glänzenden Silberharnische da).

Klarisse. Seh ich recht? – Malegys, Reinolds Vetter!

Malegys. Und Euer Freund, der Euch von nun an seinen Beistand widmet.

Klarisse. Ihr gebt mir neues Leben wieder.

Malegys. Traut meinen Verheißungen, Klarisse, in wenigen Tagen sollt Ihr Euch ungestörter Freude überlassen.

Duett.                

Malegys. Fasse Hoffnung und Vertrauen,
Denn bald sollst du glücklich seyn;

Klarisse. Ja auf dich will fest ich bauen
Und mich süßer Hoffnung weihn.

Malegys. Kehr zu Ganelon zurücke,

Klarisse. Ach ich hasse seine Blicke;

Beide. Doch die Noth gebiethet hier,
Darum { folge / folg' ich } willig { mir. / dir. }

Klarisse. Du verschaffst mir neue Wonne,

Malegys. Ich geb dir mein Ritterwort;

Klarisse. Ew'ger Dank sey dir zum Lohne,

Malegys. Sieh man kömmt, eil hurtig fort.

(Die Bewaffneten treten ein).

Ein Bewaffneter. Ich täuschte mich nicht, hier ist Klarisse – Ritter Ganelon war sehr bekümmert um Euch. Ich bitte Euch mir augenblicklich zu folgen.

Malegys, Klarisse, (jedes beiseite).
Kummer hält { ihr / mein } Herz umwunden,
Thränenvoll war stets { ihr / mein } Blick,
Doch hier { hat sie / hab ich } Trost gefunden,
Und gestärkt { kehrt sie / kehr ich } zurück.

(Malegys geht in die Höhle, und Klarisse mit den Bewaffneten ab).

 
IV. Auftritt.

Ein unterirdisches Zaubergemach des Malegys. Es erscheint auf beiden Seiten ein mit Speisen bedeckter Tisch – der eine für 4 Personen gedeckt, der andere für eine. Der erste ist mit Armleuchtern beleuchtet. Zwey Gnomen mit Fackeln in den Händen treten ein. Martin folgt unter komischer Gebehrde, dann die übrigen.

Malegys (mit geschlossenem Helme). Laßt Euch durch nichts irre machen – nehmt Platz, und genießt, was ich Euch aus guten Herzen anbiete – (zu Martin) du hast dort deinen eigenen Platz.

Martin. Ich danke, ich hab keinen Appetit – es ist schon so viel, als wenn ichs genossen hätte.

Malegys. Du mußt meinen Antrag ehren, und genießen, oder gewärtige meine Strafe.

Martin. Ich bin nicht gewohnt, in der Finstern zu essen.

Malegys. Diese beyden werden dir leuchten. (die Gnomen stellen sich an die Tafel)

Martin. (setzt sich voll komischer Furcht) Das weiß ich doch gewiß, daß noch kein Mensch auf der Welt solche Armleuchter gehabt hat. – (hier bleibt es dem Schauspieler überlassen, diese Szene durch komische Pantomime lebhaft zu machen – alle nehmen Platz).

Reinold. Wunderbar ist uns hier alles, und mancher würde gegen dich selbst Verdacht schöpfen, aber wir kennen keine Furcht, auch bürgt uns deine ehrliche Miene vor jeder Gefahr. – Wir wollen dir ohne jede Scheu unsere Schicksale erzählen.

Malegys. Ich werde Euer Zutrauen zu vergelten suchen.

Reinold. So wisse denn, wir sind die 4 unglücklichen Söhne des Herzogs Heymon von Dordogne, insgemein die 4 Heymonskinder genannt. – Unser Muth, unsere Thaten, die wir zum Besten des König Yon von Gaskogne gegen die Sarazenen übten, sind bekannt.

Malegys. Welch ein Zufall brachte Euch hieher in den fürchterlichen Ardennerwald?

Reinold. Ein sehr trauriger. Wir waren mit unsern Vater am Hofe des großen Karl; Turniere und Bankette wechselten, der Zufall wollte es, daß ich mit Ludwig, dem Neffen des Königs Schach spielte, er war nie unser Freund, das Spiel entzweyte uns, er zog sein Schwert gegen mich, ich war unbewaffnet, im Grimme warf ich das Schachbrett nach ihm, und er stürzte todt zur Erde.

Adelhart. Die That würde sich noch haben rechtfertigen lassen, wenn nicht Karls Liebling, Ganelon, das Herz des Königs empört hätte.

Reinold. Er ist unser Todfeind, und ich bin dadurch umso unglücklicher, da ich die schöne Prinzessin von Gaskogne, Klarissen liebe, die seit dem Tode ihres Vaters unter Ganelons Oberaufsicht steht.

Ritsart. Wir mußten fliehen, und werden allenthalben verfolgt.

Writsart. Unstet irren wir umher – ohne Schutz und Ruhe zu finden.

Malegys. So sollt Ihr beydes bey mir gefunden haben. – Karls Fehde ist ungerecht; denn Reinold übte nur Nothwehre, ich stehe Euch mit meiner ganzen Macht bey – damit Ihr aber mehr Vertrauen zu mir gewinnet, so lernet auch mich genauer kennen. (öffnet den Helm, die Gnomen entfernen sich).

Reinold. Wärs möglich? – Malegys, unser Vetter!

Martin. Element, das ist eine unerwartete Freude – tausendmal willkommen, Herr Vetter!

Malegys. Mit meinem Muthe, und den weisen Künsten, die ich in meiner Jugend von der Fee Oriande lernte, will ich Euch Beystand leisten. – Ich verlasse mit Euch diese Gegend, und werde schon einen Ort finden, der Euch Sicherheit gewähren wird.

Martin. Da müssen wir aber dazu trachten, denn Ritter Ganelon ist uns mit seinen Leuten gewiß auf der Spur –

Malegys. Und wenn die Verfolger uns im Nacken wären, so soll Oriandens Zauberpferd, der berühmte Bayard, uns dennoch befreyen. – Euch zu Liebe verlasse ich diese Einöde, bis Karl sein Unrecht erkennt. Sogleich will ich durch Beschwörungen das Roß Bayard der Fesseln entledigen, die es bey Orianden gefangen halten.

Martin. Mit Erlaubniß. (er will fort)

Malegys. Wo willst du hin?

Martin. Ich will nur nachschauen, ob die Feinde noch nicht da sind.

Malegys. Ich bedarf deiner zur Beschwörung.

Martin. Das ist ein verdammter Einfall, stellt Euch nur vor, es existirt ja in der Welt kein ungeschickterer Kerl als ich bin –

Reinold. Schweig und gehorche.

Martin. Schweig, und gehorche – Ihr habt leicht reden, wenn der Satanas hundert solchen Rittern den Kragen umdreht, so ists kein solcher Schaden, als wenn ein einziger solcher Rosenstängel, wie ich bin, zu Grunde geht.

Malegys. (giebt ihm ein goldenes Gefäß) Du wirst mir überall folgen – Ihr aber Freunde haltet Euch ruhig, wenn die unterirdischen Geister erscheinen.

Martin. Geister kommen? Geister? (setzt das Gefäß nieder) Der Martin kann nicht dableiben.

Malegys. Warum nicht?

Martin. Weil ich befürchte, die Geister könnten über mich erschrecken.

Reinold. (reißt das Schwert aus der Scheide). Zum letztenmale, du bist des Todes, wenn du nur ein Wort verliehrest.

Martin. Nun – so kann ich ja still seyn – wegen mir macht, was Ihr wollt, ich red kein Wort mehr – (für sich) ich wollt, daß diese 4 Kinder der Luzifer holte, so könnte er sie in der Hölle zu Nachtwächtern gebrauchen. (Es erscheint eine Urne mit bläulichtem Feuer).

Malegys hat sich mit einer Zauberbinde umgürtet, und beginnt nun seine Beschwörung, wo er mit einem Stabe einen Kreis am Boden, und verschiedene Bewegungen in der Luft macht, – doch geschieht dieß allemal am Ende des Gesangs.

Martin steht während dem Gesange mit einer Schaafsmiene, wann aber Malegys seine Beschwörung vornimmt, geht er ihm unter komischer Furcht nach.

Malegys. Entsteiget Geister euren Grüften,
Durchbraust das Meer, rauscht in den Lüften.
Erscheint im raschen Fluge, hört
Da Malegys euch nun beschwört.

                           

Dumpfer Donnerschlag und Sturmgeheul. – Fortsetzung der Beschwörung.

Zersprenget Berg, und Felsenklippe,
Hervor mit Stundenglas und Hippe,
Im Schreckniße der Wetternacht
Seyd eilig auf mein Wort bedacht.

                                       

Donnerschlag – Geister fahren aus dem Boden auf.

                     

Chor. Ertheil uns Meister die Befehle
Und Folgsamkeit wird an der Stelle
Von deinen Dienern dargebracht.

Malegys. Zersprenget Bayards Ketten mir
Schnell wie der Pfeil vom Bogen saust
Der Adler durch die Lüfte braust,
Erscheine uns das Zauberthier.

(Die Geister versinken)

Malegys. Sein Beystand wird Euch mächtig nützen
Im schnellsten Flug kömmt nichts ihm gleich,
Und wenn im Streite Schwerter blitzen,
Kämpft es mit Zauberkraft für Euch.

Zugleich:

Malegys, Ritsart, Adelhard, Writsart.
Ja Hilfe { soll durch mich Euch / wird durch ihn uns } werden
Wie sehr freut mich { ihr / sein } Wiedersehn
{ Ich ändre / Er ändert } Noth nun und Beschwerden
Wir werden uns als Sieger sehn.

Martin. Wie wird mir Ärmsten Hilfe werden
Ich möchte fast vor Angst vergehn.
Mit mir dreht Himmel sich und Erden.
Vor Zittern kann ich kaum mehr stehn.

Rauschende Musik mit Trompeten und Pauken fällt ein – die hintere Kordine öfnet sich, man sieht eine bläulichte glänzende Wolkenkordine, in deren Einschnitt das große Bayard steht, von Geistern umgeben, welches muthig mit dem Kopfe sich bäumt. Alle vier Heymons-Kinder besteigen das Roß während dem Chore.

Chor. Ein hohes Glück ist Euch beschieden
Denn folgsam ist das Zauberroß
Und jede Feindesmacht hinnieden
Ist Euch ein eitles Spielwerk bloß.

           

(sie fliegen mit dem Pferde davon)

Martin. Itzt was soll denn das heißen? meine Herren fliegen davon, und was soll denn ich itzt anfangen? – so laßt mich wenigstens an den Schweif anhängen.

Ein Geist. Für dich ist ein eigenes Streitroß bestimmt. (unter hellem Geläute kömmt ein mit vielen Glocken behangenes Maulthier, welches immer ausschlägt, die Geister heben den Martin, der sich lange weigert, endlich darauf, und unter den heftigsten Sprüngen des Thiers geht die Kallopade fort, während Martin heftig schreit, und die Geister herumtanzen).

 
V. Auftritt.

(Zimmer beim Meister Berthold)

Berthold (kömmt durch die Mittelthür in Hut und Mantel, den er ablegt). Endlich habe ich den Weg aus der Stadt glücklich zurückgelegt. – Eisen in meine Werkstatt habe ich gut eingekauft, aber der verdammte Mahler, der mir für fünfzig Gulden so viele Bilder versetzt hat, will vom Zahlen noch nichts wissen. – Und was das Mühe kostet bis man sich durch das Kriegsvolk durchwindet, welches alles den entflohenen Heymonssöhnen auflauert. – Aber meine Sorge wird auch reichlich belohnt, wenn mein liebes Brigitterl nur einen freundlichen Blick mir zuwirft, – das Madel sitzt mir fester im Herzen drinnen, als das beste Hufeisen – aber ich will's auch auf den Händen tragen, wenn sie mein Weiberl wird.

 
VI. Auftritt.

Berthold, Thadädl.

Thadädl. (schleppt mehreres Gepäcke herein) So hilf mir der Meister nur, ich kann's ja nicht mehr ertragen.

Berthold. Bist schon wieder zu faul?

Thadädl. Der Meister hat mich für seinen Lehrbuben angenommen, aber nicht für einen Packesel. (wirft die Packette hin)

Berthold. Wart ich will dir zeigen, wer ich bin.

Thadädl. Ich weis es schon lang, daß der Meister ein Hufschmidt, und ein Knopf – ein gescheider Kopf ist.

Berthold. Wenn ich nur meinen Ochsensehm hätte.

Thadädl. Aber die Brigitterl wird schauen, wenn's den schönen Zeug auf ein Kleid kriegt.

Berthold. (besänftigt) Die Brigitterl? nicht wahr, sie wird eine rechte Freude haben? – gelt Thadädl, das Madl hat mich recht gern?

Thadädl. Das weis ich.

Berthold. Du weist's? hats was zu dir gsagt? geh red Thadädl, woher weist dus denn?

Thadädl. Ich will's nicht sagen – der Meister ist alleweil so grob mit mir.

Berthold. Recht höflich, recht gut will ich mit dir seyn.

Thadädl. Nun ich glaub halt, daß man die Leute gern hat, von denen man recht aufrichtig redet, und das hats erst die Tag zu mir gsagt – da hats gsagt.

Berthold. Was denn?

Thadädl. Daß der Meister ein alter Gimpel ist.

Berthold. Was? o du Spitzbube! – das sollst du mir entgelten.

Thadädl. Ich rath es dem Meister, schlag er mich nicht.

Berthold. Wie? du willst mir noch drohen? – ist das der Dank, daß ich dich nach dem Tod deines Vaters zu mir genommen hab? du – unausgewachsene Rübe – du!

Thadädl. Ich kann nicht dafür, daß ich nicht größer bin, daran ist der Meister schuld, warum giebt er mir so wenig zu essen, daß ich nicht recht aufgehen kann, kurz und gut, die Behandlung leid ich nicht, bei der Zeit schlagt man die Leut meines gleichen nicht mehr.

Lied.                           

Ich las mich nicht schlagen, potz sakerlot nein
Ich will auch fürn Meister kein Lehrbub mehr seyn
Vor Zeiten warn d' Meister mit dreyßg Jahrn noch dumm
Itz schaun sich die Lehrbuben um d' Madel schon um
Und macht er mich toll, so geh ich aus dem Haus
Aus mir leicht noch mehr als ein Schmidtgsell heraus.
Als Pag' trag ich Brieferln, fürn gnädigen Herrn (deutet mit der Hand)
Den Pagen sieht d' Frau von Haus selber oft gern (tanzt ab)

Berthold. Nein! was man itzt mit den Dienstleuten aussteht, daß ist nicht mehr zum aushalten, da soll ein Mensch den Unterschied in der Zeit sehen. Itzt wissen die Buben schon allerhand Schelmereyen, – und ich – dem Himmel sey Dank bin mit zwanzig Jahren noch so dumm gewesen, daß ich nicht einmal das ABC kennt habe – Still, ich hör wem kommen – Sie ist's – o Brigitterl, du bist der einzige Karfunkel meines Herzens.

 
VII. Auftritt.

Berthold, Brigitte.

Brigitte. (aus dem Nebenzimmer) Der Vetter ist schon wieder zurück gekommen?

Berthold. Nicht wahr, ich bin dir zu lang ausgeblieben?

Brigitte. Gar nicht, ich fürchte nur, er hat nicht alle Geschäfte in der Stadt schlichten können.

Berthold. Wegen dir hab ich nach Hause getrachtet.

Brigitte. Du mein Gott, das ist ja gar nicht nothwendig gewesen.

Berthold. Wie besorgt das Madl ist. – Schau Brigitterl, und wenn ich tausend Gulden zu gewinnen gewust hätte, so hätte ich's nicht über mein Herz bringen können, heute auszubleiben – du weißt ja, was heute für ein Tag ist.

Brigitte. Ich weiß nichts davon.

Berthold. Dein Geburtstag – nein an den Tag muß ich bei dir seyn.

Brigitte. (für sich) Das ist ein schlechtes Bindband für mich.

Berthold. Vor zwanzig Jahren – Brigitterl! da hab ich dich auf den Armen getragen – nein – nein, das nicht – ich bin selbst noch ein so kleines Baunzerl gewesen.

Brigitte. Warum nicht gar? der Vetter war ja dazumal schon alt – Ich weiß mich noch recht gut zu erinnern, wenn ich geweint habe, so hat mein Mutter auf den Herrn Vettern gedeutet, und hat gesagt, der Wauwau kommt.

Berthold. Daß wir von was andern reden, – Kinderl, Schatzerl, ich hab dir ein Bindband gebracht – sperr Augen und Maul auf, aber falle mir nur nicht vor Freuden in eine Ohnmacht. (Er wickelt das Packet auf, und bringt ihr den Stof auf ein Kleid voll altväterischer großer Blumen).

Arie.

Sieh, die schönen Blumen zeigen,
Meine Liebe deutlich dir
Denn sie blüht mit sanften Schweigen
So wie dieses Veilchen hier,
Rosenroth sind deine Wangen,
Und ich bin die Tulipan,
Ja mein sehnliches Verlangen
Zeigt dir hier der Windling an.

Stolz wie diese Sonnenblume
Bin ich, wird dein Herzchen mein,
Und ich werd zu meinem Ruhme
Sanft wie Hiazinthen seyn.
Denk, daß ich wie die Narzissen
Immer nach dir schmachtend bin,
Schazerl komm, ich muß dich küssen,
Freudig eil ich zu dir hin.

(Er hat während dem Gesange den ganzen Stof aufgerollt, voll Freude will er nun auf sie zu eilen, verwickelt sich aber in den Zeug, und fallt der Länge nach zu Boden).

 
VIII. Auftritt.

Vorige, Martin.

Martin. (trat schon während den letzten Worten ein, und schlägt ein lautes Gelächter auf) Ha ha ha, itzt ist das ganze Treibhaus zusammen gestürzt.

Berthold. Wer ist hier? was will er da?

Martin. Nun ich denke, ich gehöre auch herein; denn ich heiße Martin Rosenstängel, und der darf in einen ordentlichen Garten nicht fehlen. (für sich) Element, und was das für ein Röserl dazu wäre – mir wird völlig kurios, wenn ichs nur anschaue.

Berthold. Was hat er mit dem Mädel da zu reden? he da Gesellen.

Martin. Itzt mach er keinen solchen Lärm, oder ich werde ihm gleich sagen, wer ich bin – Mein Maulthier hat ein Hufeisen verlohren, das soll er beschlagen, hurtig laß ers herein führen.

Berthold. Da ins Zimmer? soll ichs nicht etwa auch ins Bett legen?

Martin. Nun ich glaube, in dem Seinigen würde es nicht viel Unterschied machen – hurtig hurtig ich muß weiter.

Berthold. Schon recht, so komm er nur mit.

Martin. Kann nicht seyn, ich bin müde. (setzt sich)

Berthold. Ein verdammter Kerl, Brigitterl komm, ich muß dir etwas notwendiges sagen.

Brigitte. Das hat ja auch hernach Zeit, ich muß hier eher zusammenräumen.

Martin. S Madel hat meiner Seel Feuer gefangen – es ist auch kein Wunder – (laut) Ich glaub gar der Kerl eifert?

Berthold. Nun mit einen solchen Menschen wärs doch nicht der Mühe werth.

Martin. Nicht wahr Schatzerl, das ist dein Großvater?

Berthold. Zu was die Sticheleien? – ich bin ihr Bräutigam, und damit Punktum – er hergeloffener Kerl er.

Terzett.

                           

Berthold. Will er etwa raisoniren?

Martin. Alter Dattel! schweige still,

Berthold. Anders werd ich dich traktiren

Martin. Gauner mach mir nicht zu viel.

Brigitte. Wenn die zwey recht disputiren
Giebt es mir ein lust'ges Spiel.

Berthold. Fort du Bengel

Brigitte. Ha ha ha

Martin. Galgenschwengel

Brigitte. Ha ha ha

Berthold. Nein es ist nicht auszuhalten
Gelt Brigitterl du bist mein.

Martin. Mit dem Kerl ganz voll mit Falten
Wirst du gar nicht glücklich seyn

Brigitte. Närrisch ist es, wie die Alten
Nun vor Ärger wüthend schrein.

Zugleich:

Martin, Berthold. Fort nur fort, mir aus dem Wege,
Denn sonst setzt es tücht'ge Schläge,
Dummrian, Pavian
Ja vor Ärger meiner Treu
Schlag ich dir den Kopf entzwey.

Brigitte. Gehn sie sich nicht aus dem Wege,
Setzt es sicher tüchtige Schläge
Ha ha ha – ha ha ha
Ja vor Ärger meiner Treu
Kommt es noch zur Schlägerey.

(Beide wollen sich beim Kopfe nehmen, werden aber durch die Eintretenden verhindert)

 
IX. Auftritt.

Vorige. Ganelon, Klarissa, Ogier, mehrere Knechte.

Ganelon. Was soll das hier? – hurtig, seht unsern Roßen nach, daß sie ordentlich beschlagen werden.

Berthold (scheint gehen zu wollen, bleibt aber unschlüssig stehen.)

Ganelon. Wir haben nur einige Stunden mehr an das Hoflager König Karls, dort sollt ihr gut aufgehoben seyn, Klarisse, während ich gegen die schelmischen Söhne Heymons zu Felde ziehe.

Klarisse. Ach wenn ihr wüßtet, wie sehr jedes Eurer Worte mein Herz beängstiget.

Ganelon. Ich weiß warum ihr seufzet, Euer Herz hängt an Reinold, dem Mörder Ludwigs – aber so wahr ich Ganelon, und der ärgste Feind von Heymons Familie bin, dieser Reinold, und seine Brüder sollen noch unter meinem Schwerte bluten. (er erblickt den Berthold) Nun was solls? Donnerwetter warum seht Ihr nicht zu meinen Roßen?

Berthold. Ach edler Herr, ich möchte wohl, – aber – (deutet auf Martin).

Ganelon. Was giebts hier? – wer ist der Bursche?

Berthold. Ich kenne ihn nicht, edler Herr – er kam zu mir, wie aus den Wolken gefallen, nur so viel hörte ich von ihm selbst, daß er sich Martin Rosenstängel nenne.

Ogier. Wie? ist daß nicht der Knappe Reinolds?

Ganelon. Dann Tod und Verderben über ihn.

Martin. Itzt hört auf mit der Narrheit – ich, ich habe in meinem Leben keins von den Heymonskindern gesehen. – Sagt mir nur, was für Thiere sinds denn? habens Federn?

Ogier. Er ists, ich kenne ihn.

Ganelon (setzt ihm das Schwert an die Brust). Wo sind die Söhne Heymons?

Martin. Ich glaube halt in der Haut bis über die Ohren. – Kurz und gut, ich weiß nicht was ihr von mir wollt – ich weiß nichts von den Heymonskindern, und von ihren Vetter Malegys – ich bin auch gar nicht dabei gewesen, wie er Ihnen das Roß Bayard hergezaubert hat. – Itzt hab ichs sauber gemacht.

Ganelon. Genug, nun ist alles erwiesen, Ogier, schleppt ihn fort, und knüpft ihn am nächsten Baume auf.

Ogier. Nur fort Bursche, du sollst um zwey Klafter höher hängen, als die gewöhnlichen Schelme. (alle ab)

Berthold nickte immer mit den Kopf, in boshafter Freude klatscht er in die Hände, macht die Pantomime des Hängen, fangt zu trillern an, und tanzt ihnen nach.

 
X. Auftritt.

Eine waldige Gegend, in der Mitte eine hohe Eiche, von einer Gruppe Bäume umgeben.

Malegys (tritt ein) Meine Freunde sind in Sicherheit, aber ihr Diener verlohr sich. – Wie? seh ich recht? Im Tumult schleppen ihn Ganelons Leute aus dem Hause dort? – Sie haben ihm den Tod bestimmt. Ich will euch auf eine Art daran hindern, die euch Witzigung, und mir Kurzweil verschaffen soll.

 
XI. Auftritt.

Martin wird von Knechten herausgeschlept von Ogier angeführt.

Martin. Aber so habt doch Mitleiden mit mir.

Ogier. Du hast deines lüderlichen Streiches wegen den Tod verdient.

Martin. Es ist ja aber eine Schande, wenn über einen Lumpen so viele sind. – Schaut Herr Ritter, es wird Euch auch wohl thun, wenn die Leute Mitleiden mit Euch haben, wenn Ihr einmal an den Galgen kömmt.

Ogier. Schurke du – den Augenblick knüpft ihn dort an die Eiche.

Martin (der hingeschleppt wird). O Malegys, zeige nur dießmal deine Kunst, wenn du mehr als ein Zigeuner bist. (Donnerschlag, alle beben betroffen zurück. Martin verschwindet hinter der Eiche. Diese samt der Baumgruppe verwandelt sich in einen Tisch mit einem Sessel. Passende Musik. – Sechs Gnomen, schwarz gekleidet, und mit großen Knöpfelperücken, kommen hervor).

Chor. Iam fuit nunc Consilium
Quis dicet statum morbium?
Hypochondria et plasphemia
Angina et tunc Colica
Deinde hemeroida
Quis iuvat, quis iuvat?
Est frustra Sapientia!

Martin als Kranker sitzt auf dem Sessel – er hat den Kopf eingebunden, und mit Küssen umwunden – gebehrdet sich mühselig unter komischen Grimassen, und schneidet fürchterliche Gesichter.

Chor. Es sticht, es beißt, es drückt.

Martin. Au weh, au weh, au weh!

Chor. Es brennt, es gräult, es zwickt,

Martin. Au weh, au weh, au weh.

Chor. Vergebens ist die Arzenei,

Martin. Ach, ach, ach,

Chor. Mit diesem Kranken ists vorbei,

Martin. Ach, ach, ach,

Chor. Es bleibt der Tod der einz'ge Fall,
Drum fort mit ihm nur ins Spital.

Wie sie ihn aufheben wollen, geschieht ein Donnerschlag, die ganze Bühne verwandelt sich in ein Schneetheater, der Tisch in ein Wirthshaus mit Schnee bedeckt, über der Thüre ein Schild mit einem gemahlten Affen, die Worte: Herberge zum Affen. Alle Ritter und Knechte bleiben in ihrer bezauberten Attitüde. Viel Affen, Wirth und die Wirthin. – Einige andere, als Ritter und Ritterdamen, haben einen possirlichen Tanz. Martin schaut oben zum Fenster heraus, und lacht sie aus. Der Vorhang fällt.

Ende des ersten Aufzugs .

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