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Franz Treller: Der Sohn des Gaucho - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Sohn des Gaucho
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080110
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Auf dem Parana

Die dunklen Wasser des Parana flossen träge dahin, und die dichten, hochstämmigen Wälder, die den Fluß zu beiden Seiten begrenzten, ließen ihn noch düsterer erscheinen. Außer dem eintönigen, dumpfen Rauschen des Wassers war nirgendwo ein Laut. Kein Fahrzeug belebte den sonst so vielbefahrenen Fluß, der auf seinem langen Lauf zahlreiche Städte berührte; der Bürgerkrieg, der nun schon seit Jahren das Land verheerte, Menschenleben und Eigentum vernichtete und blühende Provinzen verwüstete, hatte auch die mächtige, verkehrsreiche Wasserstraße vereinsamt. Die einzigen Schiffe, die jetzt dann und wann seine Fluten kreuzten, waren stark bemannte Kriegsfahrzeuge, die Soldaten und Waffen transportierten. Die Ruhe eines Friedhofes lag über den Paranaprovinzen.

Die Sonne neigte sich schon; ihre letzten Strahlen trafen zwei Männer, die auf der Lichtung einer kleinen bewaldeten Insel saßen, durch hochragende Bambusstauden und dichtes Weidengebüsch gegen jede Sicht vom Fluß aus geschützt. Zwischen den schwankenden Schilfhalmen dicht am Ufer lag ein kleines Kanu.

Die Zweige uralter Erlen und Algaroben bewegten sich flüsternd im leichten Abendwind. Der eine der beiden Männer, ein Jüngling noch, hochgewachsen und schlank, saß, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, den der Sturm entwurzelt haben mochte, im weichen Gras. Aussehen und Kleidung des Mannes ließen auf den ersten Blick den Gaucho erkennen, einen dieser Zentauren der Pampas, die Könige waren auf dem Rücken ihrer Pferde. Er hatte den Poncho nachlässig um die Hüften geschlungen, seine Füße waren mit jenem eigenartigen Schuhwerk bekleidet, das sich der Pampasbewohner aus der frisch abgezogenen Haut eines Pferdebeines selber anfertigt. Der breitrandige Hut beschattete ein tief gebräuntes, sauber geschnittenes Gesicht, in dessen dunklen Augen ironische Feuer blitzten.

Sein Gegenüber war ein sehr viel anderer Mann. Nichts an seinem Äußeren deutete auf den Südländer. Er war stämmig und untersetzt, breiter und schwerer gebaut als der schmale und rassige Gaucho; Brust- und Schulterumfang im Verein mit den mächtigen Armen deuteten auf erhebliche Körperkraft. Seine Haut war heller, sie wirkte unter der Luftbräunung nahezu weiß, den aus einem starken Nacken zwischen gewaltigen Schultern aufwachsenden Kopf zierte lockiges Haar von einer eigenartigen goldblonden Tönung. Man hätte dieses Haar auch rot nennen können, doch war dies ein Rot, dem die Sonne goldene Lichter aufsetzte. Man sagt, daß reiche Römerinnen dereinst solche Haarfarbe liebten. Das Gesicht des Mannes war nicht schön; es wirkte mit seiner nicht sehr hohen Stirn, der stumpfen Nase, dem breiten Mund und der stark entwickelten Kiefernpartie grobschlächtig und derb, doch sah man den klaren blauen Augen unter den buschigen Brauen sogleich an, daß Gutmütigkeit und Herzenseinfalt das Wesen des Mannes bestimmten. Der Rotkopf, nennen wir ihn immerhin so, trug die Tracht der Bootsleute, die den La Plata befahren: baumwollenes Hemd, lange Beinkleider und Baskenmütze.

Die Männer sprachen miteinander, und es war eine Art Streitgespräch, wenn auch wohl kein sehr ernsthaftes, das sie führten. Der Gaucho ließ seine dunklen Augen blitzen; sie ruhten mit etwas überlegen spöttischem Wohlgefallen auf seinem stumpferen Gefährten; er sagte:

»Du entwickelst Gedanken. Das ist ein Fortschritt, ich erkenne ihn an. Aber was soll das? Ich sage dir, Mann, laß es bleiben, es ist nicht deines Amtes, es steht dir nicht an. Überlaß mir das Geschäft, ich bin geübter darin. Unterbrich mich also nicht. Die Verhältnisse des Landes sind meine Sache, sie gehen mich an, denn ich bin erstens ein Bürger unserer glorreichen Föderation und zweitens ein viejo christiano. Beides bist du nicht, Compañero.«

Der andere bewegte mißbilligend den dicken Kopf. »Ich bin auch ein viejo christiano«, sagte er, »ein Bürger der Staaten bin ich auch, und also darf ich auch denken.«

»Dein Versuch zu denken hat dich zur Anmaßung geführt«, sagte seufzend der Gaucho, »aber ich verzeihe dir, denn du weißt nicht, was du sprichst.«

»Ist es wahr, daß deine Großmutter und deine Urgroßmutter richtige rothäutige Indianerinnen waren, Don Juan?« fragte der Rotkopf und blinzelte mit den blauen Augen. Ein flammender Blick traf ihn; ein Stolz, der nicht frei von Hochmut war, leuchtete aus dem Antlitz des Gauchos, dessen Schnitt die indianische Herkunft nicht verleugnen konnte. »Du weißt nichts von uns, rothaariger Flachkopf«, entgegnete der Jüngling. »Ja, meine Vorfahren, die glorreichen Konquistadoren, Hidalgos von ältestem kastilianischen Blut, heirateten hier eingesessene indianische Fürstentöchter; du denkst doch nicht, daß ich mich dieser Abstammung schäme?«

»Wie sollte ein Mensch sich seiner Abstammung schämen?« versetzte der Stämmige. »Leider weiß ich von der meinen so gut wie nichts. Aber wer sagt dir, daß ich nicht von Granden abstamme? Man sagt, die vornehmen Leute in Spanien hätten meine Haarfarbe. Es ist wahr: das Meer hat mich eines Tages an den Strand gespült, aber schließt das aus, daß ich ein Hidalgo aus ältestem Blut bin? Señora Pereira, meine alte schwarze Pflegemutter, hat oft das Zauberfeuer über meine Herkunft befragt, und ich sage dir, sie hat eine Krone in den Flammen gesehen.«

»Großartig!« sagte Don Juan. »Nun, wenn die phantastische Krone, die deine schwarze Pflegemutter gesehen hat, einmal auf deinem dicken Schädel sitzen sollte, dann machst du mich hoffentlich zum Gobernador in deinem Königreich, König Pati. Er lachte schallend, und der Rotblonde stimmte grinsend in seinen Heiterkeitsausbruch ein.

Pati war tatsächlich eines Tages als hilfloses Kind auf einem aus Schiffstrümmern hergestellten Floß in der Nähe von Kap San Antonio an Land gespült worden. Das Schiff, dem die Trümmer entstammten, war nie ermittelt worden. Das alte Negerpaar Pereira hatte sich des Findlings angenommen. Pati war im Hafenviertel von Buenos Aires zwischen Schwarzen und Weißen herangewachsen, hatte im Boot, beim Fischen und beim Beladen der Schiffe gearbeitet und bald eine staunenswerte Körperkraft zu entwickeln begonnen. Er führte seitdem den Namen des alten Negers, der Vaterstelle an ihm vertreten hatte und hieß offiziell Sancho Pereira; da jedoch die englischen Seeleute, die den La Plata befuhren, steif und fest behaupteten, Sancho sei unverkennbar ein Sohn der grünen Insel Eire, wurde er bald allgemein mit dem Spitznamen der Iren, Paddy, gerufen, den die spanische Zunge in Pati abwandelte.

Bei Ausbruch des Krieges mit England war Pati von der Regierung des diktatorisch herrschenden Präsidenten Don Manuel de Rosas zum Dienst auf einem Schlachtschiff gepreßt worden. Der harte Dienst behagte dem in Freiheit auf gewachsenen jungen Mann wenig; eines Nachts, während sein Schiff auf der Reede lag, glitt er an einem Tau ins Wasser und schwamm an Land. Natürlich durfte er sich nach dieser Desertion in Buenos Aires nicht mehr sehen lassen; er flüchtete, mußte aber bald darauf froh sein, in der Landarmee untertauchen zu können. Er wurde der Artillerie zugeteilt und hatte im Kriegslager den Gaucho Juan Perez kennengelernt.

Beide saßen sie nun auf einer kleinen Insel mitten im Parana und sprachen miteinander von ihren Erlebnissen. »Höre zu, Don Juan«, sagte Pati, »es wäre wunderbar, wenn du mir eines sagen könntest. Wir haben gerade einen Bürgerkrieg hinter uns, in dem eine Partei, die sich Föderalisten nennt, gegen eine andere, die sich als Unitarier bezeichnet, blutig gekämpft hat. Nun wüßte ich für mein Leben gern, was der Unterschied zwischen Föderalisten und Unitariern ist.«

»Es ist entsetzlich, was du für Fragen stellst«, entgegnete Don Juan, »aber andererseits ist es gar nicht so einfach, diese Fragen zu beantworten. Sieh mal, da sind Leute, die wollen alle Staaten unserer gesegneten Republik vom Salinas bis zum Rio Negro unter einen Hut bringen. Das sind die Unitarier. Verstehst du das?«

»Wie soll ich das denn verstehen?« fragte Pati zurück. »Don Manuel will doch schließlich auch alles unter einen Hut bringen, und zwar unter den seinen. Und damit er nicht mißverstanden werden kann, läßt er alle Leute totschlagen, die anderer Meinung sind.«

»Du wirst dich noch um deinen dicken Hals reden, mein Lieber«, entgegnete Don Juan.

»Jedenfalls habe ich recht«, beharrte Pati störrisch. »Oder haben wir nicht gerade die Unitarier am Conchas zusammengehauen? Kannst du mir sagen, warum?«

»Das ist nicht meine, sondern Don Manuels Sache«, versetzte der Gaucho, »und ich möchte dir den dringenden Rat geben, deinen Schädel nicht mit so verzwickten Fragen zu beschweren, die du doch nicht lösen wirst. Laß du Don Manuel nur für die glorreiche Föderation sorgen; er weiß am besten, was für das Land nötig ist.«

»Schön«, sagte Pati gleichmütig. »Aber jedenfalls hast du doch auch genug vom Kampf gegen die Unitarier gehabt; sonst hättest du ja wohl nicht bei Nacht und Nebel die Armee verlassen.«

Auf dem Gesicht des anderen begann wieder der Hochmut zu spielen. »Du sprichst, wie du es verstehst«, sagte er. »Der Krieg ist aus. Die Unitarier sind in Santa Fé und Corrientes geschlagen, und mich rufen wichtige Geschäfte in die Pampas.«

Pati grinste. »Die Leute werden aber sagen, du seiest heimlich davongelaufen«, sagte er.

»So lügen sie!« brauste Don Juan auf. »Ich habe wie ein Mann gefochten, solange die Aufrührer im Felde standen. Jetzt muß ich mich um meine eigenen Dinge kümmern. Meinst du, die rothäutigen Indios bleiben still und friedlich, wenn die Scharen Don Manuels nach Norden ziehen und die Grenzen entblößen? Da kennst du Jankitruß und seine Leute verdammt schlecht. Ich sage dir, in acht Tagen ist kein Gaucho mehr bei Don Estevan, dem glorreichen Capitano. Wir in der Pampa haben immer den ersten Stoß der roten Banditen aufzuhalten. Und übrigens, was fällt dir ein? Warum bist denn du davongelaufen? Wo du weißt, daß der Capitano vor allem Artilleristen braucht.«

»Ja, das ist nun nicht anders«, grinste Pati. »Wenn Don Juan geht, muß Pati auch gehen, die beiden gehören nun einmal zusammen.«

»Ich werde dir nicht vergessen, daß du mir vor zwei Jahren bei Monte Caserta das Leben gerettet hast«, sagte Don Juan.

»Schweig still«, antwortete der Rotblonde. »Ich werde dir ebensowenig vergessen, daß du mich am Chiquita herausgehauen hast. Aber wir wollen nicht davon reden. Etwas anderes aber«, fuhr er nach kurzer Pause fort, »hältst du es immer noch für notwendig, daß wir nur nachts reisen? Wir würden viel rascher stromab kommen, wenn wir den Tag benutzten.«

»Machen wir uns nichts vor«, sagte Don Juan, nunmehr mit sehr ernster Stimme. »Ich bin Don Manuels Mann und habe für ihn gekämpft. Aber ich habe den Kriegsdienst nun satt und will und muß nach Hause. Begegnen wir aber seinen Leuten – und ich weiß, daß er Truppen hier am Ufer des Stromes hat –, dann stecken sie uns einfach wieder in die Regimenter. Sobald wir Santa Fé hinter uns gebracht haben, kurz vor Rosario, verlassen wir das Kanu, ich fange uns Pferde ein, und wir reiten in die Pampas; es sei denn, du wolltest hier am Strom bleiben.«

»Willst du mich mitnehmen, so gehe ich mit dir«, entgegnete Pati. »Meine Pflegeeltern sind tot; was soll ich in Buenos Aires? Ich habe dort niemand, ich habe überhaupt keinen Menschen mehr außer dir und würde mich deshalb nicht gerne von dir trennen.«

»Bueno, Sancho! Bueno!« sagte der Gaucho und reichte dem Gefährten die Hand.

»Hör zu«, sagte der, »vor den Soldaten Don Manuels, die du fürchtest, habe ich weniger Angst als vor den Leuten von Entre Rios da drüben« – er deutete zum linken Stromufer hinüber – »sie sind dort alle geschworene Feinde de Rosas, und ich fürchte, sie werden wenig Umstände mit uns machen, wenn sie uns fangen.«

Don Juan schüttelte den Kopf. »Du magst vielleicht recht haben«, versetzte er, »allein mit den Unitariern kann ich kämpfen, und ich kann ihnen entrinnen, gegen Don Manuels Leute kann ich nichts machen, ich muß mich von ihnen verschleppen lassen. Ich war jetzt an die drei Jahre von der Heimat weg, und es wird Zeit, daß ich nach Hause komme; vom Krieg habe ich genug. Nein, laß uns einstweilen den Schutz der Dunkelheit ausnutzen.«

Ich füge mich natürlich«, sagte Sancho Pereira. »Und südlich von Santa Fé kenne ich jeden Fußbreit Boden an beiden Ufern; da mögen bei Tag oder bei Nacht die Unitarier oder die Capitanos Don Manuels kommen; ich fürchte sie nicht.«

»Der Neid muß dir lassen, daß du mit einem Boot umgehen kannst«, stellte der Gaucho fest, »ich aber sehne mich nach einem Pferderücken; du ahnst nicht wie sehr! Was ist der Mensch ohne Pferd!«

Während ihres Gespräches war die Sonne gesunken. Pati erhob sich. »Nun, für heute können wir jedenfalls fahren«, sagte er. »Zuvor will ich vorsichtshalber einen Blick nach oben und unten werfen.«

Er hatte das kaum ausgesprochen, da vernahmen sie zugleich den gedämpften Schall leichter Ruderschläge. Einen Augenblick standen sie lauschend, dann sagte Pati leise: »Ich will nachsehen, vom Baum aus.« Damit schwang er sich bereits katzenhaft in das untere Astwerk einer hochstämmigen Algarobe und begann in die Höhe zu klettern. Er stieß einen leichten Überraschungsruf aus, der Don Juan augenblicklich an seine Seite brachte. Beide erblickten nun in dem schwachen Dämmerlicht zwei lange Barquillas so nahe der Insel, daß sie mit ihrer Bemannung zu erkennen waren. Jedes der Fahrzeuge war mit zehn Ruderern besetzt, während sich im hinteren Teil der Fahrzeuge zahlreiche Bewaffnete aufhielten. Die schlanken Fahrzeuge durchquerten den Strom oberhalb der Insel und hielten scharf auf das rechte Ufer zu. Die beiden jungen Männer stiegen von ihrem Ausguck herab.

»Was mag das bedeuten?« fragte Pati.

»Unitarier von Entre Rios«, sagte Juan. »Augenscheinlich schwer bewaffnet. Scheinen den Leuten in dem Haus dort einen freundschaftlichen Besuch abstatten zu wollen.«

»Aber was können sie wollen? Eine Handvoll Leute?« »Stehlen, mein Lieber, was sonst? Morden und stehlen.« Don Juan lachte böse.

»Dort drüben wohnen Freunde Don Manuels«, sagte Pati.

»Wäre es nicht richtig, wenn wir sie warnten?«

»Vielleicht, wenn wir Weg und Steg kennen würden«, entgegnete Don Juan. »So aber rate ich dir aus mancherlei Gründen: nein. Zweifellos haben die Burschen es auf einen Überfall auf die Pflanzung abgesehen, die dort liegt. Aber ich sage dir, man kann nie wissen, ob nicht Don Manuel selbst bei so einer Unternehmung die Hand im Spiel hat; er liebt es, heimliche Feinde auf solche Weise bei Nacht unschädlich zu machen.«

»Reizend!« sagte Pati. »Aber die Boote kamen von Entre Rios.«

Der Gaucho zuckte die Achseln: »Es können natürlich auch unitaristische Räuber sein. Dann sind wir sicher, daß Soldaten Don Manuels da drüben nicht zu finden sind, sonst würden die Burschen es nicht wagen, in so kleiner Zahl auszuziehen. Wie dem auch sei, wir wollen uns die Sache immerhin ein bißchen näher besehen. Es ist jetzt dunkel genug dazu.« Er trat in das kleine Kanu, prüfte sorgfältig die beiden Karabiner, die darin standen und lehnte sie gegen die Bordwand des Vorderteils, in dem er gleich darauf Platz nahm. Pati schob den leichten Kahn ab und ließ sich im Stern nieder. Mit geringer Mühe brachte er das Kanu in freies Wasser und griff nach dem kurzen, breiten Ruder. »Wohin?« fragte er leise.

»Halte nach rechts hinüber«, sagte Don Juan.

Geräuschlos glitt das Kanu über den Strom. In der Nähe des rechten Ufers hielt Pati den Bug stromab und beschleunigte mit leichten Ruderschlägen den Lauf des Fahrzeuges. Plötzlich nahm er das Ruder hoch und zischte leise, um die Aufmerksamkeit seines Gefährten zu erregen. Er konnte ihn nur noch schattenhaft im Vorderteil des Kanus wahrnehmen; der Himmel hatte sich überzogen, kein Stern spiegelte sich in dem dunklen Wasser des Parana. Während das leichte Gefährt mit der Strömung trieb, horchten beide aufmerksam nach dem Ufer hinüber. Gedämpfte Stimmen, in der lautlosen Stille gleichwohl deutlich vernehmbar, drangen zu ihren Ohren.

»Es ist viel zu früh«, hörten sie, »Don Francisco wird Widerstand finden. Die Estancia hat zahllose Leute.«

»Ich hab's ihm gesagt«, brummte eine andere Stimme, »halt du diesen gierigen Alligator zurück!«

»Näher zum Ufer!« flüsterte der Gaucho. »Möchte verdammt gerne wissen, was da vor sich geht.«

Pati gehorchte. Dem Ufer nähergekommen, ließ er das Kanu mit dem Strom treiben. Plötzlich bellten drüben Schüsse auf, von gellenden Schreien begleitet, die aber sogleich ruckartig verstummten. Eine unheimliche Stille trat ein; sie währte nur kurze Zeit, dann hallte abermals Gewehrfeuer durch die Nacht, verbunden mit wüstem Gebrüll. Gleichzeitig erhob sich über den Bäumen, wenig unterhalb der Stelle, wo das Kanu trieb, Feuerschein, den die Wolken zurückstrahlten. Ein breiter, rötlicher Lichtstreifen fiel vom Ufer her über das Wasser. Die Schüsse und das Gebrüll dauerten an.

»Dort ist eine Bucht«, flüsterte der Gaucho. »Halte dich aus dem Feuerschein heraus!« Pati trieb das Boot der Mitte des Flusses zu. Bis hierher drang der Lichtschein nicht mehr, so daß die beiden Männer sich nach der Ursache des Feuers umsehen konnten, ohne befürchten zu müssen, selber gesehen zu werden. Ein schreckensvoller Anblick bot sich ihnen. Ein am Rand einer tiefen Einbuchtung gelegenes schloßartiges Gebäude stand in hellem Feuer, hoch schlugen die Flammen empor. Aus dem Inneren des Hauses drangen Schüsse, die von außen erwidert wurden. Durch die Fenster sah man im lodernden Flammenschein Menschen im Inneren umherlaufen; dem Anschein nach befanden sich Frauen darunter. Angst- und Entsetzensschreie drangen auf das Wasser hinaus. Jetzt stürzten von der Seite des brennenden Gebäudes aus einige Männer auf die nur schattenhaft wahrnehmbaren Angreifer los; sie brachen noch im Laufen unter deren Kugeln zusammen.

Pati, schreckensstarr ob des grausigen Anblicks, hatte das Kanu unwillkürlich dem Ufer nähergetrieben; der Schauplatz des blutigen Dramas lag deutlich vor ihren Augen. Jetzt tönten auch von der Rückseite her Schüsse; das Gebäude war also von allen Seiten umstellt. Wer aus dem Hause heraustrat, wurde augenblicklich niedergeschossen; kein Zweifel, man wollte die Insassen verbrennen. Juan und Sancho hatten in den letzten Jahren in mancher Schlacht gekämpft; sie waren einiges gewöhnt; beim Anblick dessen, was sich hier vor ihren Augen abspielte, gerann ihnen das Blut in den Adern. Im Augenblick war jeglicher Parteihader vergessen. Sie wußten nicht, wer da gegen wen kämpfte, sie sahen nur eine Mörderschar, die über Wehrlose herfiel. Stumm vor Entsetzen sahen sie zu, und das Gefühl ihrer Hilflosigkeit würgte sie in der Kehle.

Die Flammen loderten höher, das Geschrei verstärkte sich, wieder krachten Schüsse. Aus der Tür des brennenden Hauses stürzte ein Neger, er schwang ein blankes Beil in der Hand. Hinter ihm wurde die Gestalt einer jungen Frau sichtbar, die ein Kind auf dem Arm trug. Der Neger stürzte sich wie ein Rasender auf zwei schattenhafte Gestalten, die ihm zunächst standen, und begrub sein Beil in ihren Schädeln. Die Frau, in ihrem weißen Kleide weithin sichtbar, lief auf das Wasser zu, das Kind an die Brust gepreßt. Eine tiefe Stimme sprach aus dem Dunkel: »Schießt sie nieder!« Mehrere Schüsse krachten, der Neger brach zusammen, gleichzeitig mit einem Gegner, den sein Beil gefällt hatte. Die Frau aber lief weiter auf das Ufer zu.

»Haltet das Weib auf! Fangt mir das Weib!« rief die tiefe Stimme.

Die Frau aber war schon am Ufer, sie sprang in ein leichtes Boot und stieß es, ein Ruder ergreifend, kraftvoll vom Land ab; es schoß weit hinaus in den Strom. Das Kind hatte sie auf dem Boden des Gefährtes niedergelegt.

»Schießt sie doch nieder, zum Teufel nochmal!« brüllte abermals die Stimme aus dem Dunkel. Ein Mann kam ans Ufer gesprungen, er richtete sein Gewehr auf die im Boot stehende Frau, die hastig das Ruder führte. Da hob der Gaucho seinen Karabiner, schoß, und der Mann stürzte nieder, bevor sein Finger noch den Abzugbügel erreichte. Das Boot mit der Frau kam näher. Aus dem Schatten der Bäume, die das brennende Gebäude umstanden, löste sich eine hohe Gestalt. Ein Mann, dessen Gesicht von einem breiten Hutrand beschattet und überdies durch eine Halbmaske verdeckt war, hob eine Büchse und zielte auf die im Feuerschein noch klar erkennbare Frau. Abermals hob Juan seinen Karabiner. Die Schüsse fielen gleichzeitig, aber während der Gaucho sich gleich davon überzeugen konnte, daß er gefehlt hatte, brach die Frau im Boot lautlos zusammen.

Bei dem ersten Schuß Don Juans mochten die Mordbrenner eventuell noch der Meinung sein, er sei vom Ufer abgefeuert worden; der zweite Schuß konnte ihnen keinen Zweifel daran lassen, daß er vom Wasser aus gefallen war.

»In die Barquilla!« brüllte der Schütze am Ufer, von dessen Gesicht außer einem dunklen Bart nichts zu erkennen war. »Tausend Pesos dem, der mir die Frau und das Kind bringt. Gebt Arnoldo das Zeichen!«

Wohl ein Dutzend abenteuerlicher Gestalten eilte dem am Ufer liegenden Fahrzeug entgegen, das sie hergetragen hatte. Das Feuer fraß sich allmählich durch das ganze Haus, die Schreie hinter seinen Mauern waren verstummt. Plötzlich stieg eine Rakete hoch.

Das führerlose Boot mit der Frau und dem Kind war, von der Strömung erfaßt, mit ziemlicher Geschwindigkeit vorwärtsgetrieben worden; es näherte sich jetzt dem Kanu der beiden Männer, das hart am Rand der starken Strömung hielt.

»Wirf den Lasso, Don Juan«, flüsterte Pati, »wir nehmen das Boot ins Schlepp.« Der Gaucho mochte von sich aus den gleichen Gedanken gehabt haben, denn der Rotkopf hatte kaum ausgesprochen, als der Lasso Juans schon die hochragende Spitze des fremden Bootes erfaßte. Er zog es heran und befestigte die Leine an einer der Ruderbänke. »Fertig!« flüsterte er, und die Ruderschaufel Patis senkte sich wieder ins Wasser.

Es war auch die höchste Zeit, denn schon nahte die Barke mit schäumendem Bug. Pati hatte das Kanu trotz aller Aufregung immer außerhalb des Lichtscheines zu halten gewußt, aber die Mordbrenner wußten nun, daß sich Freunde der Überfallenen auf dem Wasser befinden mußten, und sie waren augenscheinlich entschlossen, sie zu finden. Mit dem Einsatz seiner ganzen riesenhaften Kraft handhabte der stämmige Pati das Ruder; mit Leichtigkeit trieb er die beiden miteinander verbundenen Boote der Mitte des Stromes zu. Die Männer auf der Barquilla suchten den geheimnisvollen Schützen und das Boot mit der Frau und dem Kind natürlich stromabwärts; ihre Ruderschläge entfernten sich. Plötzlich aber flammte zu Juans und Sanchos Überraschung auch oberhalb ihres Standortes rötliches Licht auf; gleich darauf sahen sie die zweite Barquilla in jagender Fahrt herankommen. Ein Dutzend hellbrennende Fackeln warfen ihren zuckenden Schein auf das nachtdunkle Wasser. Und da nunmehr auch das stromabwärts gegangene Boot von seiner erfolglosen Jagd zurückkehrte, sahen die zwei im Kanu sich alsbald im Schein der weithin leuchtenden Fackeln erkannt.

»Schießt!« klang es aus der stromaufwärts herankommenden Barke. Mehrere Gewehre entluden sich, doch pfiffen die Kugeln vorbei, ohne Schaden anzurichten. Unter Einsatz seiner ganzen Kraft suchte Pati die beiden Boote aus der Gefahrenzone herauszubringen. Er war sich klar darüber, daß bei dem Zusammenwirken der beiden Barken nur eine der im Strom verstreuten Inseln Schutz gewähren konnte; fieberhaft suchte sein Auge nach einem geeigneten Zufluchtsort.

Abermals entluden sich mehrere Gewehre; wieder pfiffen Kugeln an den Köpfen der beiden Männer vorbei, aber die Barken kamen nun rasch heran. Da erspähte Pati die vom Fackelschein angestrahlten Baumspitzen einer Insel; er atmete auf. Doch näher und näher kamen die Barquillas.

»Die Bolas«, keuchte der Ruderer, »schnell, Juan, die Bolas!«

Der Gaucho erhob sich, in der Faust die furchtbare Waffe der Pampasreiter. Die schweren, an meterlangen Lederriemen befestigten Kugeln sausten mit furchtbarer Geschwindigkeit mehrere Male um sein Haupt, entflogen seiner Hand und schlugen mit unwiderstehlicher Kraft in den dichten Haufen der einen Barquillabesatzung. Wehgeschrei erhob sich; ruckartig erloschen sämtliche Fackeln.

»Gut gemacht, Don Juan«, lachte Pati, »nun mögen sie uns suchen.« Sekunden später berührte der Bug seines Bootes bereits die Nordspitze der Insel, deren Lage er sich genauestens eingeprägt hatte. Pati griff nach dem Schilf, das die Insel umsäumte und zog sich mit seinem Kanu vorsichtig am Ufer entlang. Auf der anderen Seite des Eilandes angelangt, ging er mit seinen Fahrzeugen stromab, bis er die Südspitze erreichte. Hier trieb er die Fahrzeuge tief in das Schilf hinein.

Auf dem Strom rührte sich nichts mehr, und nun erst fanden die beiden Männer Zeit, sich um die Insassen des mitgeschleppten Bootes zu kümmern. Pati stieg vorsichtig hinein. Das weiße Kleid der regungslos liegenden Frau leuchtete matt. Pati tastete vorsichtig nach der Stirn und dem Herzen; es war kein Zweifel: die Frau war tot. An ihrer blutbefleckten Brust aber atmete schwach ein kleines Kind. »Gelobt sei Gott, das Kind lebt!« sagte Pati, »der Mutter ist nicht mehr zu helfen.«

Bevor Juan etwas sagen konnte, ward wieder Ruderschlag vernehmbar. Gleich darauf drang schwacher Lichtschein durch das Schilf und beleuchtete die Kronen der Bäume zu ihren Häuptern. Offenbar war es den Leuten in der Barquilla gelungen, die Fackeln wieder in Brand zu setzen.

Das Boot kam stromauf; Don Juan und Sancho regten sich nicht. Nach einigen Minuten drangen Stimmen zu ihnen herüber. »Sie sind nach Entre Rios hinüber«, sagte jemand. »Ich glaube eher, sie sind drüben an Land gegangen«, antwortete ein anderer. »Kaum denkbar«, kam es zurück, »dann wären sie uns in die Fänge gelaufen.« »Ich weiß nicht, was Don Francisco anstellt, wenn wir ohne die Frau und das Kind zurückkommen«, sagte der, dessen Stimme zuerst hörbar geworden war. »Um so mehr, als der Majordomo mit dem anderen Jungen in den Wald entkommen ist«, sagte ein anderer. »Und wenn die Schufte nun auf einer dieser Inseln steckten?« äußerte der erste.

»So närrisch werden sie kaum sein; da wären sie morgen früh schon gefangen«, entgegnete der zweite.

»Ein Gaucho ist dabei«, knurrte einer der Männer, »nur diese verdammten Wüstensöhne verstehen die Bolas mit solcher Sicherheit zu werfen.« Juan lächelte grimmig, als er das Lob vernahm.

Die Barke rauschte am Standort der Männer vorüber, das Geräusch der Ruder wurde schwächer und verklang schließlich ganz.

»Was nun, Don Juan?« fragte Pati.

»Wir müssen den Strom hinab«, entgegnete der Gaucho; »morgen ist wahrscheinlich eine ganze Flotte auf dem Parana und macht Jagd auf uns.«

»Also den Strom hinab.«

»Was meinst du, wie lange brauchen wir bis Santa Fé?«

»Schätze, drei bis vier Stunden.«

»Ausgezeichnet.«

»Aber die Frau und das Kind?«

»Die Tote müssen wir natürlich hier lassen«, sagte Juan, »das Kind nehmen wir mit. Wir werden ja erfahren, wer Mutter und Kind sind.«

»Ich will noch einmal nach ihnen sehen.« Pati beugte sich nieder; der Himmel hatte sich aufgehellt; einige Sterne wurden sichtbar. Pati sah: es war eine junge, schöne Frau, die dort lag. An ihrem Hals und an ihren Händen blitzte etwas. Sorgfältig löste er ein Medaillon von ihrem Nacken und einige Ringe von ihrer Hand. Er reichte Juan den Schmuck. »Bewahre das«, sagte er, »es gehört dem Kind.« Don Juan öffnete den kleinen Lederbeutel, den er auf der Brust trug, und verwahrte die Sachen. Nicht ohne Mühe befreite Pati das ruhig atmende Kind aus dem starren Arm der toten Mutter, wickelte es in seinen Poncho und übergab es dem Gaucho, der es sanft in seinem eigenen Boot bettete, wo es ruhig weiterschlief. Pati schnitt mit seinem Messer Schilfbündel ab und bedeckte mit ihnen den Leichnam. Beide Männer zogen die Hüte und sprachen ein kurzes Gebet. Dann trieben sie das Boot mit der Frau auf den Strom hinaus, der still und gleichmäßig seine Fluten nach Süden trug.

Gleich darauf griff Pati zum Ruder; unter seinen gleichmäßigen Schlägen glitt das leichte Kanu den Fluß hinab. Einige Stunden später nahte es sich bereits Santa Fé. »Wollen wir das Kind nicht hier lassen?« fragte Pati. »Was wollen wir damit anfangen?«

»Es hier lassen, hieße, es seinem Verderben überliefern«, entgegnete Don Juan. »Es ist ja kein Zweifel, daß es diesem würdigen Don Francisco – ich habe mir den Namen und auch die Erscheinung gemerkt – hauptsächlich darauf ankam, die Kinder der getöteten Frau in seine Gewalt zu bringen. Glaube mir, Pati, hier sind finstere Kräfte am Werk; es dürfte gefährlich sein, sich damit anzulegen. Noch immer herrscht Bürgerkrieg, und man weiß nicht, wer Freund und Feind ist, außer in der Schlacht.«

»Nun, wir werden jedenfalls erfahren, wo der Überfall ausgeführt worden ist und durch wen«, sagte Pati.

»Das erste vielleicht«, entgegnete Juan, »das zweite – wer weiß! Von Santa Fé aus kennst du die Ufer?« »Wie meine Tasche.«

»Dann suche südwärts der Stadt am rechten Ufer noch vor Tagesanbruch ein sicheres Plätzchen aus.«

»Werd' es schon finden.«

»Wenn du irgendeinen verläßlichen Freund in der Nähe hättest – –«, überlegte Juan.

»Ich weiß nicht«, sagte Pati, »früher wohnte da in der Gegend ein alter Freund meiner Pflegeeltern, ein Neger, Pedro Mendoza; für dessen Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit könnte ich bürgen. Ob er aber noch hier wohnt, ja, ob er überhaupt noch am Leben ist, weiß ich nicht.«

»Wir wollen jedenfalls nachsehen«, sagte Don Juan. »Vielleicht erfahren wir dort schon einiges, was uns interessiert.«

Sie fuhren an Santa Fé vorüber, ohne bisher einem anderen Fahrzeug begegnet zu sein. Als der Tag graute, hielt sich Pati dicht am rechten Ufer und bog nach genauer Umschau schließlich in einen Bach ein. Schon nach kurzer Zeit gewahrten sie einige Kanus, dahinter am Ufer eine kleine, von einem Garten umgebene Hütte. Pati stieg aus, ging an eines der niedrigen Fenster und pochte leise. Die Tür öffnete sich, und ein alter Neger trat in ihren Rahmen, Juan sah vom Boot aus, wie beide Männer sich umarmten. Gott sei Dank! dachte er.

Es war wirklich der alte Pedro; er hieß auch Juan wortreich willkommen; der trug das Kind, das leise weinte, in das Haus. Es war ein etwa einjähriger Junge. Pedros Frau, die herbeigeeilt war, schlug vor Staunen die Hände zusammen, gleich darauf nahm sie das kleine Geschöpf in mütterliche Obhut.

Auf Don Juans Rat hatte Pati dem Neger nur das Notwendigste mitgeteilt. Sie hätten nach beendetem Feldzug das Heer verlassen und unweit Santa Fé auf dem Strom treibend ein Boot mit einer toten jungen Frau und dem kleinen Jungen gefunden, hatte er gesagt.

Sie könnten sich selbstverständlich einstweilen in seiner Hütte verborgen halten, sagte Pedro. Er selbst begab sich unverzüglich in seinem Segelboot nach Santa Fé, um dort vorsichtig nach Ereignissen zu forschen, welche die Abtrift eines Bootes mit einer toten Frau und einem lebenden Kind zur Folge gehabt haben könnten. Er verließ sich dabei vor allem auf seine schwarzen Stammesgenossen.

Erst spät in der Nacht kehrte der Alte zurück. Er brachte überraschende Nachricht, von Entre Rios aus sei eine starke Schar Unitarier unter General Las Palinas über den Strom gesetzt, die Estanzia nach Estanzia zerstöre und in Eilmärschen auf Santa Fé zurücke, wo man sich bereits zur Verteidigung anschicke. Es sei in aller Eile nach Buenos Aires um Hilfe gesandt und die Landbewohner seien zum Kampf aufgerufen worden. Über eine ermordete Frau und deren Kind hatte er nichts erfahren können.

Don Juan hörte sich diesen Bericht an, dann sagte er nach einigem Nachdenken: »Besorge mir ein gutes Pferd, Pedro, oder sage mir, wo eines zu finden ist. Morgen früh reite ich.«

»Nimm zwei Pferde, Pedro«, sagte Pati, »ich reite mit.«

Aber das Kind! Was sollte mit dem Kind geschehen?

Das Kind wolle sie behalten, erklärte die alte Negerin, sie wolle es pflegen, als ob es ihr eigenes sei.

»Gut, Señora«, sagte Don Juan, »bewahre mir den Jungen. Laß ihn von keinem Menschen sehen, sprich nicht von ihm, denn es ist kein Zweifel, daß ihm sehr mächtige Leute nach dem Leben trachten. Gott wird es dir dereinst und ich werde es dir noch hier auf Erden lohnen, wenn ich kann.« Sie würden das Kind wie ihren Augapfel hüten und kein Wort über seine Existenz verlauten lassen, versprachen die beiden Alten.

Noch im Laufe der Nacht ruderte Pedro die beiden Männer mit ihren Sätteln, mit Zaumzeug und Waffen, einige Leguas weit den ihm wohlbekannten Bach hinauf; vor Morgengrauen setzte er sie an Land. Wie es Juan vorhergesagt, weideten dort zahlreiche Pferde. Der Lasso des Gauchos brachte bald zwei Tiere in seine Gewalt, und Minuten später galoppierten er und Pati bereits der Pampa entgegen.

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