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Frank Norris: Der Ozean ruft - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFrank Norris
titleDer Ozean ruft
publisherIbis-Verlag Linz - Pittsburgh - Wien
year1948
translatorErich Gal
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071126
projectid382431f3
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Erstes Kapitel

Der Überfall

Dies ist eine Geschichte von Kampf und Tod.

Sie dürfte daher nicht mit einem Fünf-Uhr-Tee einsetzen, mitten in der Atmosphäre köstlicher Parfüms und dem eindringlichen, wunderbaren Duft aufblühender Rosen.

Diese Saison war in San Franzisko reich an Empfängen, Teecercles und ähnlichen gesellschaftlichen Ereignissen gewesen.

Der heutige Tee hatte seinen besonderen Anlaß in der Tatsache, daß Josie Herrick dem Backfischalter entschlüpft war.

Ross Wilbur kam an dem Nachmittage vor dem Empfang bei Miß Herrick viel zu bald in das Haus in der Pazific-Avenue.

Als er die teppichbedeckten Stufen emporschritt, sah er prachtvolle Toiletten, aus den Salons zu beiden Seiten der Halle schwirrte ihm lebhaftes Plaudern weiblicher Stimmen entgegen.

Ein Zylinder, ein einziger in dem Räume, wo die Herren ablegten, bekräftigte seine Vermutung.

»Ich hätte es mir aber auch denken können, daß es bis mindestens 6 Uhr ausschließlich Damengesellschaft sein würde«, murmelte er, sich seines Mantels entledigend.

»Ich möchte wetten, daß ich nicht eine von den zwanzig Damen kenne, es sind wohl alle Freundinnen von Mama, unverheiratete Schwestern von Papa, Jos' Lehrerinnen und Erzieherinnen.«

Er fand auch tatsächlich alle seine Erwartungen bestätigt. Ross Wilbur schritt auf Miß Herrick zu, welche gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei anderen Damen die Gäste empfing.

Ross Wilbur sprach zu ihnen:

»Äußerlich mag ich vielleicht ganz ruhig erscheinen, aber in Wahrheit fühle ich mich keineswegs wohl. Sobald es nur irgend auf elegante Art und Weise möglich ist, sehe ich zu, fortzukommen, vielleicht noch früher, es sei denn, Sie geben mir etwas zu essen.«

»Wenn ich mich nicht irre, haben Sie vor kaum zwei Stunden erst gegessen«, erwiderte Miß Herrick. »Aber kommen Sie, ich will Ihnen Schokolade geben, vielleicht, wenn Sie sehr nett sind, einige eingemachte Oliven. Ich habe welche besorgt, weil ich wohl weiß, daß sie Ihnen schmecken. Eigentlich wäre es meine Pflicht, hier zu stehen und zu empfangen, deshalb kann ich Ihnen auch nicht allzulange Gesellschaft leisten.«

Die beiden bahnten sich ihren Weg durch die überfüllten Räume zum Büfett, wo Miß Herrick Wilbur mit den versprochenen Oliven und der Schokolade versorgte.

Sie fanden ein Plätzchen in einer Fensternische, um da einen Augenblick lang zu plaudern.

Wilbur nahm sich sehr drollig aus, als er krampfhaft versuchte, seinen Teller auf den Knien zu halten.

»Ich glaubte fest«, begann Miß Herrick, »daß Sie heute nachmittag an Ridgeways Segelpartie teilnehmen würden. Mir sagte Mrs. Ridgeway, daß sie mit Ihrem Erscheinen rechne. Sie segelt mit dem ›Petrel‹.«

»Daran habe ich nie gedacht«, erwiderte Wilbur. »Ihre Einladung erreichte mich zuerst, darum sagte ich die Segelpartie ab!« Und meinte dann mit feinem Lächeln, über seine Tasse hinweg: »Ich glaube aber, ich hätte auch unter allen Umständen abgesagt.«

»Sie Schmeichler«, wehrte sie ab – und fügte dann hinzu: »Ich muß nun gehen, Ross.«

»Warten Sie doch wenigstens, bis ich den Zucker aus meiner Tasse gelöffelt habe«, bat Wilbur.

»Sagen Sie mir«, meinte er noch, mit dem Löffel emsig auf dem Boden seiner Tasse schürfend, »sagen Sie mir doch noch, gehen Sie heute abend zu dem Ball?«

»In die Festhalle? Ja, ich gehe.«

»Werde ich den ersten und den letzten Tanz bekommen?«

»Ich werde Ihnen den ersten geben, um den letzten können Sie dann bitten.«

»Könnten wir das nicht aufschreiben? Ich weiß, Sie vergessen es sonst.« Dabei nahm Wilbur zwei Karten aus einer kleinen Ledertasche.

»Eigentlich finde ich es nicht schön, sich auf ein Programm festzulegen«, bemerkte Miß Herrick

»Ich finde es viel schlimmer, einen Tanz zu vergessen.«

Ross sagte dies und füllte die beiden Karten aus, er schrieb auf die eine, die er selbst behielt: »Erster Walzer – Jo.«

»Nun muß ich aber zurückgehen.« Miß Herrick erhob sich mit diesen Worten.

»Dann muß ich fliehen – Ich habe Angst vor Damen.«

»So kenne ich Sie gar nicht.«

»Ja, doch ich sagte nicht: vor einer Frau, aber vor Damen in solcher Zahl«, Ross deutete mit dem Kopfe nach den gefüllten Räumen, »da laufe ich lieber davon.«

»Also, dann auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen. Bis heute abend, um –?«

»Um neun Uhr.«

»Also um neun.«

Ross Wilbur nahm Abschied von Miß Herrick und verschwand. Als er aus dem Hause trat und einen Augenblick lang auf den Stufen verblieb, wobei er behutsam seinen Hut aufsetzte, als wollte er den Scheitel nicht zerstören, schien er durchaus kein übel aussehender Bursche.

Seine Gestalt wirkte durch einen langen Mantel und den Zylinder noch großer. Sein Kinn verriet Energie Seine breiten Schultern waren keinesfalls Verdienst seines Schneiders.

Vor drei Jahren noch war Ross Wilbur Nummer 5 In einem Achter der Yale-Universität gewesen, wo er seine Studien und viel Sport betrieben hatte.

»Was soll ich nun anfangen mit so viel Zeit bis zum Nachtmahl?« sprach er vor sich hin und stieg, seinen Stock schwingend, die Treppe hinab.

Für diese seine Frage fand er jedoch keine irgendwie befriedigende Antwort.

Der Nachmittag war aber schon und so wanderte er durch die Straßen der Stadt, unbewußt die Absicht in sich tragend, seinen Klub aufzusuchen.

Im Klub entdeckte er in seinem Fach einen Brief, Er war von einem Freunde, der diesen Monat in Oregon zugebracht hatte, um Elche zu schießen.

»Lieber, alter Freund«, stand geschrieben, »ich werde gerade an dem Tag zurückkommen, da du diesen Brief erhältst. Mit dem Nachmittags-Dampfer treffe ich ein. Bitte, besorge Plätze für das beste Theaterstück, das man gibt, – auf meine Rechnung –, und – ebenfalls auf meine Kosten, – bestelle im »Schwarzen Pudel« ein sehr gutes Essen Ich bin übervoll von Geschichten, die ich noch vor Mitternacht anbringen muß. – Dein Jerry.«

P. S. »Für dich habe ich ein prachtvolles Geweih mitgebracht, Ross, einfach ein Prachtstück!«

»Nein, ich kann nicht gehen«, überlegte er, als er an den Ball und den Tanz dachte, den er Jo Herrick versprochen hatte. Das beste von allem würde sein, Jerry beim Dampfer abzuholen und ihm die Umstände zu schildern, wie sie lagen. Da im Klub kein Bekannter war, auch die Pariser Zeitschrift noch nicht auflag, beschloß er, nach dem Hafen zu bummeln. Ihm bereitete es Vergnügen, hier im Hafen Leben und Treiben zu beobachten, zudem mußte auch Jerrys Dampfer bald eintreffen.

Wilbur konnte noch einige Zeit an den Kais verbringen: er bestaunte die großen Getreideschiffe, welche allmählich die ganze Weizenernte aus den Tälern von San Joaquin in sich aufnahmen, dann die Holzschiffe, welche für Durban und die südafrikanischen Häfen bestimmt waren, und immer tiefer in das Wasser sanken, da sie mit ganzen Wäldern amerikanischer Kiefern und Rotholz ihre Decks und Laderäume anfüllten.

Dort lagen Schiffe, die Kohlen für Nanaimo trugen.

An den Seiten gewaltiger Hochseeschiffe stampften und prusteten kleine, schnelle Schlepper, während die Frachter und Leichter ein- und ausliefen.

Ein Raddampfer fuhr vorbei; sein Wasserrad, welches sich am Heck schäumend drehte, ähnelte einer riesigen Garnrolle.

Vor dem Handelsdampfer einer Alaska-Kompanie wogte geschäftiges Treiben, denn am nächsten Morgen schon sollte er nach Dawson abgehen.

Kein Viertel dieser lebhaftesten Stadt der Welt hatte für Wilbur mehr Anziehungskraft als das Hafengebiet. Es erstreckte sich fast zwei Kilometer weit oben von den Kais an, wo die chinesischen Schiffe anlegten, an den riesigen Hellingen vorbei bis unten zum Meiggs-Kai fand man darin alle Seemächte der Welt vertreten.

Oftmals war Wilbur mit den Hafenbummlern ins Gespräch gekommen. Meistens waren es beschäftigungslose Frachtenpacker, Seeleute, die ihre nächste Ausfahrt erwarteten, Schiffsmakler und Kalfaterer, die – aber mit gemäßigtem Eifer – Arbeitssuche betrieben.

So gab Wilbur auch gerne einem kleinen, stämmigen Burschen im schmutzigbraunen Sweater, der ihn um ein Streichholz anging, eine Zigarre und fing ein Gespräch an.

Wilbur hatte keinesfalls vergessen, daß er in einem Gesellschaftsanzug stak, aber gerade die Widersprüche der Begebenheit amüsierten ihn.

Nach einiger Zeit machte der Bursche den Vorschlag, einen Trunk zu tun. Nun zögerte Wilbur einen Augenblick. Es hieß sich bedenken, doch er erwiderte: »Nun gut, wir wollen eins trinken gehen.« Der Braunbesweaterte führte ihn zu einer nahen Seemannskneipe. Des Hauses Rückseite stand, auf Pfähle gebaut, über dem Wasser, an der Vorderfront war unten der Schankraum.

»Einen Teufelsrum, Tuck, und was wünschen Sie, Herr, zu trinken?«

»Ich weiß es eigentlich nicht«, zögernd kam es aus Wilbur, »einen ganz milden Manhattan.«

Indes wurden die Getränke gemixt und da deutete der im Sweater auf einen Kriegskopfschmuck von den Marquesa Inseln, der über dem Speisetisch, gegenüber der Bar, an der Wand hing.

Wilbur wandte sich herum, um hinzusehen, und verblieb so, den Rücken zum Mixer, bis dieser meldete, daß die Getränke bereit stünden.

»Nun denn, Maat, Mast- und Spierenbruch«, polterte der braune Sweatermann herzlich.

»Auf Ihre Gesundheit auch«, gab Wilbur zurück.

Der Bursche fuhr mit hohler Hand über seinen dünnen Schnurrbart.

»Ja, Herr«, fuhr er fort, wiederum den Kopfschmuck der Marquesa betrachtend. »Ja, Herr, sonderbare Menschen sind das da unten.«

»Meinen Sie, auf den Marquesa-Inseln?« bemerkte Wilbur.

»Ja, Herr. Ein ganz eigentümliches Volk. Manchmal tätowieren sie sich mit Bibelsprüchen, die sie von Missionären aufschnappten, oder aber sie rupfen sich zuweilen mit zwei Muschelschalen alle Haare aus dem Leibe. Stellen Sie sich vor, Haar für Haar.«

»Sie reißen sich – – ihre Haare aus?« wiederholte Wilbur und war dann verwundert, was denn mit seiner Zunge sei. »Nun, sie denken eben, es sei klug – im Glauben, daß die Frauen dies lieben.«

Wilbur hatte in der Meinung gelebt, daß sein kleiner Begleiter in einen braunen Sweater gekleidet war, als sie sich erstmals trafen.

Aber, rätselhaft wieso, nun überraschte es ihn nicht denselben in allen Farben schillern zu sehen, wie die Brust eines Täuberichs.

»Wart Ihr denn jemals dort unten?« forschte der kleine Mann nun.

Die Worte hörte Wilbur wohl ganz deutlich, aber in sein Bewußtsein fanden sie keinen Eingang.

Er faßte sich aber und lächelte verlegen.

»Was – sagten – Sie?« Mit großer Mühe nur brachte er in abgerissenen Worten seine Frage heraus.

Da aber wurde er gewahr, daß er sich mit dem Manne gar nicht mehr an der Theke befand, sondern in einem engen Zimmer.

Ihm schien sich sein Ich zu teilen.

Hier war ein Ross Wilbur, dessen Hände unbeweglich geworden waren und nicht mehr tun konnten, was er wollte, einer, der Worte sprach, anders als er sie dachte, und dessen Beine von den Knien ab aus Blei zu sein schienen.

Da aber war noch ein anderer, auch ein Ross Wilbur, ein lebendiger Ross Wilbur. Dieser hatte den Sinn völlig klar und stand da, um zu beobachten, wie sein zweites Ego sich lächerlich benahm, hingegen selbst aber hilflos und sogar bar jeder Lust zu helfen.

Eben dieser zweite Wilbur hörte aus dem schimmernden Sweater sprechen:

»Nimm dich doch etwas zusammen, alter Freund, dann geht's schon wieder!«

»Kann nicht haben – zurückgehen – ungewöhnlich – der runde Tisch – Haare reißen sie aus mit zwei..«

Wilburs ohnmächtige Hälfte lallte so, und die klare Hälfte sprach mahnend:

»Du bist nicht trunken, Ross Wilbur, bestimmt nicht. Was haben die nur in deinen Cocktail gemixt?«

Der Mann im bunten Sweater stampfte zweimal gegen den Fußboden. Unter Wilburs Füßen öffnete sich plötzlich eine Falltür.

Sein waches Ich sah unter sich Wasser blinken Die Ellbogen stießen im Fall gegen den Fußboden. Er selbst aber fiel lotrecht in ein Boot.

Er hatte sogar noch Muße, zwei Männer an den Riemen zu erkennen, er vermochte die Pfähle zu unterscheiden, auf denen das Haus über ihm stand, weithin übersah er die Bucht und ferne die Küste von Contra Coste.

Kein, auch nicht das geringste Erstaunen über das Geschehene überkam ihn, nur der eine Gedanke war da, wie gut es eigentlich sein müßte, sich flach ins Boot zu strecken und – – zu schlafen.

Auf einmal – wieviel Zeit indes dahingegangen war, wußte er nicht – fanden seine Gedanken zurück und sammelten sich, wie ein Schwarm wild auseinandergestobener Vögel nach vergangenem Schreck wieder zusammenfliegt. Rasch nahm er seine Umgebung in sich auf. Unmittelbar um ihn war das blaue Wasser der Bucht, er selbst stand auf dem Deck eines Schoners, längsseits lag das Boot.

Vor ihm aber stand ein Riese, mit einem Gesicht wie der untergehende Mond, und haderte mit dem Manne im Sweater, der nun nicht mehr farbenbunt schillerte.

»Wie nennst du so was?« schrie der mit dem feuerroten Gesicht.

»Ich will einen tüchtigen Matrosen, habe aber keine Lust, das Schiff mit Tanzmeistern zu bemannen, verstehst du mich?« Er schnaufte. »Glaubst du etwa, wir tanzen hier an Deck Quadrille? Wenn wir mit der Kreatur nicht achtsam umgehen, zertreten wir den da. Daß so etwas ohne Mutter ausgelassen wird!«

»Blödsinn!« grollte der Mann im Sweater zurück, »ich sage dir, das ist einer der besten Segler an der ganzen Küste. Wenn er zu nichts taugt, kriegst du dein Silber zurück. Nun, Kapitän Kitchell, nun haben wir genug gewagt, diese Entführung hellichten Tags war durchaus nicht nach meinem Gusto. Unterschreibst du oder nicht? Da ist der Wisch. Ich mach' mich fort oder ich habe das Polizeiboot hinter mir.«

»Ich unterschreibe schon«, knurrte der andere, indes er seinen Namen aufs Papier kritzelte. »Aber wenn dieser Knabe zu nichts ist, schicke ich ihn als Frachtgut retour, und wenn ich selbst kommen müßte, um Freund Jim aufzusuchen und ihm deutlichst meine Meinung zu sagen. Verlaß dich drauf, Billy Trim!«

Der Freund im Sweater steckte das Papier in die Tasche, schwang sich über Reeling und ruderte ab.

Wilbur stand auf Deck eines Schoners, der im Strom vor Anker lag.

Auf dem Vorderschiff mischte ein Chinese im braunen Hemd Farbe.

Wilbur fand sich im Abendanzug, nur der Stock war weg und sein grauer Handschuh lag auf den Brettern des Decks.

Vor ihm brannte das feuerrote Gesicht des Riesen. In seine Nase drang ein ekelhafter Geruch von ranzigem Fett oder Öl.

Drüben bei Alcatraz heulte ein Fährboot, das sich freie Bahn durch die Fahrrinne schaffen mußte.

Wilbur fühlte, daß er sich wieder in der Gewalt hatte.

Sein Bewußtsein war in aller Klarheit zurückgekehrt. Die Lage aber, vor der er sich sah, war ihm noch gänzlich unbegreiflich.

»Komm näher«, herrschte ihn der Gigant an.

Wilbur gehorchte wütend.

»Hör zu«, fing er an. »Was soll das bedeuten? Ich weiß wohl, daß ich betäubt und verschleppt wurde. Ich wünsche, sogleich an Land gebracht zu werden. Verstanden!«

»Mein Engel!« höhnte der Hüne. »Mein Liebling, ich bin tief betrübt, dir so viel Leid bereitet zu haben. Mein Schmerz ist untröstlich, daß du deine lilienweißen Füße auf dies gemeine, schmutzige Deck setzen mußtest. Aber für morgen breiten wir für dich einen phantastischen Teppich, sicherlich!« stieß er hervor, plötzlich in Wut geratend. »Hieher komm! Hörst du! Ich bin der Kapitän dieser Badewanne, mehr brauchst du zunächst nicht zu wissen. Für gewöhnlich sage ich dies einem Manne nur einmal, dir aber will ich es noch einmal ganz deutlich klarmachen, nur aus Liebe für dich, mein Engel! Nun, komm!«

Wilbur stand regungslos – starr.

Noch nie war er in ähnlicher Lage gewesen.

»Höre«, sagte er, »ich ...«

Der Kapitän schlug ihm eine seiner gewaltigen Fäuste ins Gesicht und als Wilbur schon auf dem Deck lag, gab er ihm noch einige Stöße in den Magen.

Dann ließ er ihm Zeit, sich zu erheben, packte ihn am Mantelkragen und zerrte ihn bis zu einer Luke am Vorderdeck.

Dort warf er ihn in einen dunklen Raum.

Wilbur saß noch betäubt am Fuße der steilen Treppe und versuchte mit verschwollenen Augen um sich zu blicken, als von oben auf seinen Kopf Ölzeug, Südwester, ein Paar Lederhosen, wollene Socken und zuletzt noch ein Tabaksbeutel niedersausten.

Von der Luke her aber bellte die Stimme des Kapitäns:

»Da, deine Ausrüstung, meine Lilie, unser alter Freund Jim verehrt sie dir ganz gratis, aus purer Liebe. Zwei Minuten hast du Zeit zum Umziehen, ich hoffe, du wartest nicht, daß ich dir helfen komme.«

Es wäre wissenswert, die Vorgänge verfolgen zu können, die sich nun nacheinander im Kopfe Wilburs abspielten. So kurz die Zeit war – zwei Minuten waren ihm bemessen, seine Kleider zu wechseln –, aber Wilbur wechselte in der übelriechenden Dunkelheit des Vorderschiffes mehr denn nur sein Gewand.

Es war mehr als eine Verwandlung – eine Revolution war es.

Es ist schwer wiederzugeben, welchen Entschluß er faßte, was in seinem Innern vor sich ging, wie er sich der neuen Lage gegenüberstellte.

Die Wandlung war nur am Endbild zu erkennen. Kapitän Kitchells Fußtritt ließ ihn durch die Luke fahren – im Gesellschaftsanzug, mit Lackschuhen, Mantel und Lederhandschuhen.

Zwei Minuten später stieg an Deck eine Gestalt in Ölzeug und Südwester, Blut im Gesicht, Schmutz an den Händen.

Wilbur war's und doch nicht Wilbur.

Zwei Minuten hatte seine – sagen wir – Neugeburt gewährt.

Lediglich die Lackschuhe, friedlich im alten Glanze leuchtend, gemahnten an sein früheres Sein, im strahlenden Widerspruch zu den weiten Ölhosen.

Kaum war Wilbur an Deck, sah er die Besatzung des Schoners – sechs Chinesen in braunen Hemden und schwarzen Filzhüten – nach vorne zu rennen.

Wilburs Augen starrten den Kapitän hilflos an.

»Du verstehst nicht, was?« fragte ihn Charlie von der Kombüse. »Zieh doch an diesem Tau!«

Wilbur zog das Tau straff, auf welches der Chinese gedeutet hatte.

»Gut so, beleg das Fall«, sagte Kapitän Kitchell.

Wilbur befestigte das Tau.

Das Hauptsegel war gesetzt und hing schlagend und flatternd im Winde. Dann wurde auch das Vorsegel in gleicher Weise gesetzt.

Wilbur vernahm den Befehl:

»Klettere auf den Klüverbaum und löse die Zeisinge des Klüvers!« Ross kletterte, so gut er konnte, machte die Zeisinge frei – wenn er auch vom Segeln kaum so viel verstand, um diesen oder jenen Befehl gerade noch zu erfassen.

Als er wieder auf das Vorschiff zurückglitt, sah er die Chinesen schon am Fall des Klüvers und sie hißten ihn vor.

»Alles fertig! Belegt Klüverfall!«

Die »Bertha Millner« drehte sich in den Wind und zog am Anker.

»Alle Mann an die Ankerwinde!«

Wilbur und die Chinesen sprangen wiederum an das Ankerspill.

»Anker hoch!«

Die Ankerkette, bereits dicht geholt, zitterte und fuhr rasselnd durch die Klüsen, als alle Hände in die Speichen griffen.

Triefend und schlammbedeckt kam der Anker hoch.

Ein Nordwest blähte die Segel des Schoners und starke Ebbeflut drückte ans Unterwasserschiff.

»Nun sind wir los«, murmelte Wilbur, als die erste Bö die »Bertha Millner« erfaßte.

Doch es schien, als segelte das Schiff doch nicht die San-Franzisko-Bay aufwärts.

»Ob es etwa nach Vallejo oder Benicia geht?« riet Wilbur, als die Segel immer mehr Wind nahmen und die Wellen lauter am Steven schlugen.

»Vielleicht holen sie Heu oder Weizen?«

Der Schoner kreuzte und hielt gerade auf die Werft-Meiggs zu.

Immer dichter ging es heran, so nahe, daß die Gespräche der Fischer, welche dort an ihren Netzen arbeiteten, deutlich zu ihm klangen.

Eben meinte er, daß man anlegen sollte, da ... »Klar zur Wende«, rauh kam vom Steuer her der Befehl des Kapitäns.

Wild flatterten die Segel, als der Schoner drehte. Dann faßte die »Bertha Millner« wieder Wind, legte sich ruhig über und glitt friedlich ihren Weg dahin.

Der nächste Luftstoß brachte das Schiff bis knapp unterhalb Alcatraz.

Immer schwerer wurde die See und steifer die Brise, die schon den Atem des Ozeans an die Nase trug. Im Westen öffnete sich das »Goldene Tor«, eine weite graugrüne Fläche mit unzähligen, weißen Schaumkronen.

»Klar zur Wende!«

Als das Steuer herumging, stand die »Bertha Millner« wieder, tanzend mit flatternden Segeln, ungeduldig nach dem Winde haschend, wie ein kleines Kind, dem man das Spielzeug nahm.

Wieder fing sie dann den Nordwest mit ihren dicht gesetzten Segeln und legte sich zufrieden auf den neuen Schlag, der Bugspriet wies nach dem Wachthaus.

»Bald wenden wir noch einmal«, sagte Wilbur bei sich, »dann aber halten wir auf die Contra-Coste-Küste zu.«

Ein kräftiger Windstoß traf den Segler. Sofort legte sich das Schiff über, Wellen schäumten rauschend über das Deck, aber es hielt den Kurs.

Wilbur versank in Nachdenken. Noch nie in seinem Leben hatte er soviel Spannung empfunden.

»Ich muß doch gleich wieder über Stag gehen«, brummte er unbehaglich, »wenn wir nach Vallejo segeln.«

Da durchfuhr ein jäher Schreck ihn. Kaum noch meisterte er seine Nerven. Die »Bertha Millner« blieb im Kurs.

Fünfzig Meter vor dem Wachhaus scholl wieder das Kommando:

»Klar rum Wenden!«

Nochmals drehte der Schoner mit tanzendem Bug, peitschendem Tauwerk und knatternden Segeln.

Aufgeregt beobachtete Wilbur. Das Bugspriet drehte sich wie die Nadel eines Kompasses. Wohin mochte es nun gehen? Es drehte, schwankte, hob sich, fiel dann und zeigte nun nach Lime Point.

Wilbur fühlte sein Herz erstarren.

»Eine vergnügliche Angelegenheit scheint es ja nicht zu werden«, kam es gepreßt zwischen seinen Zähnen hervor.

Also war der Schoner weder nach Vallejo um Korn, noch nach Alviso bestimmt. Der Ruck nach Lime Point hinüber konnte demnach nur eine Bedeutung haben!

Der Nordwest drückte immer stärker, die Ebbe wälzte sich rauchend wie ein Mühlwasser in den Ozean hinaus. Das »Goldene Tor« weitete sich jeden Augenblick mehr und mehr.

Auf dem Achterdeck stand der Kapitän und grollte seine Befehle.

»Ach, seht doch unsere Lilie«, schrie er, als Wilbur so gänzlich verändert in sein Blickfeld kam. »Greif zu bei der Ankerwinde, Sonny.«

Wilbur bemerkte, wie die Chinesen nach der Bugseite des Schoners rannten, an ein Gerät, das er für die Ankerwinde hielt. Er folgte ihrem Beispiel und griff mit in die Speichen.

»Anker dicht holen!« schrillte der nächste Befehl. Wilbur und die Chinesen gehorchten und drehten das Ankerspill, bis die Ankerkette dicht geholt war und straff, triefend aus dem Klüspot hing.

Als Wilbur der Ankerkette den Rücken wandte, um den nächsten Befehl zu erwarten, fiel sein Blick auf die Bucht . . ., dort, kaum hundertfünfzig Meter weit weg, schoß mit noch schäumender Bugwelle, blank, leuchtend und stolz, die Jacht »Petrel«, Ridgeways Jacht, wie ein lebendes Wesen vorbei.

Die weißen Segel dicht gesetzt, klingenden Wind im Tauwerk, durchglitt der schmale Schiffsleib elegant die Wogen.

Wilbur erkannte Ridgeway selbst am Steuer. Mädchen in vornehmen Schiffskostümen, die Jugend in weißen Hosen und Jachtmützen – alles seine Freunde – waren da an Deck.

Eine kleine Kapelle spielte einen Quickstep.

Ein Korken knallte, Lachen und heitere Reden klangen zu ihm empor.

Wilbur stierte ausdruckslosen Blickes auf dies Bild.

Die Jacht kam heran – nur mehr dreißig Meter trennten sie vom Deck des Schoners.

Wilbur, als guter Schwimmer, hätte diese Entfernung mit wenigen Stößen überwunden.

Vor zwei Minuten noch . . .

»Jetzt das Hauptsegel.« klang Kapitän Kitchbells Stimme.

»Holt Piek- und Klaufall dicht!«

Die Chinesen rannten.

Wilbur ihnen nach.

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