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Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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2. Was Oswald im Dorfe sieht.

Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten, war er doch sehr zuthunlich und mit Allen freundlich. Anfangs ging er rechts und links zu Jedem ins Haus und besuchte Einen um den Andern, fragte nach den Kindern, nach den Gütern, nach der Art, die Felder zu bestellen und nach allen Umständen.

Vorzeiten war Goldenthal ein recht stattliches Dorf gewesen; zwar kein übergroßer Reichthum darin, doch Wohlhabenheit in allen Häusern. Nun aber, mit Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirthe, wie auch des Müllers, stand es überall schlecht. Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus, und am Feuerherd kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen. Von hundert Haushaltungen schickten wohl zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus; sechszig halfen sich kümmerlich im Druck von Schuldenlasten durch, und die andern waren zum Theil noch im Stande, die Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten, und sich wohl aufrecht zu halten.

Man sah es den Häusern schon von außen an, wie übel es drinnen sein mochte; man sah es an den zerfallenen Dächern; an den Mauern, von welchen der Kalk abgefallen war; an den verschmierten Wänden und Thüren; an den zerbrochenen und mit Papier verklebten Fenstern. Kam man hinein, war Koth und Gestank; Tisch und Bänke unsauber; der Spiegel, wenn noch einer war, seit Jahren von Fliegen blind; der Fußboden voller Löcher; die Dielen schwarz, wie Erde, vom verhärteten Unrath. In den Küchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr, das nicht einmal rein gewaschen da stand. In den Gärten am Hause sah man keine Ordnung, keine Zierlichkeit, sondern etwas Gemüs ganz nachlässig hingepflanzt. Man schien froh zu sein, wenn man für Säue und Menschen nur Erdäpfel genug hatte. Vor den Häusern lagen Misthaufen. Ackergeräte, Holz und was man sonst nicht unter Dach bringen konnte, bunt durcheinander. Männer und Weiber gingen in zerrissenen oder grob geflickten, besudelten Kleidern; Stroh und Federn in den struppigen, ungekämmten Haaren; Hände und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen. Die kleinen Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflath liegen, oder waren sie größer, spielten sie halbnackt vor den Häusern im Kothe.

Kein Wunder, daß bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit häufig Krankheiten entstunden. Man ging aber lieber zu einem alten Weibe, zum Scharfrichter, zu einem Harnbeschauer und Quacksalber, wenn er es nur wohlfeil machte, als zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor. Wenn nun Mann oder Frau bettlägerig waren und nicht arbeiten konnten, ging es in der Wirtschaft den Krebsgang. Da mußte ein Stück Hausgeräth oder Vieh oder gar Land in der Noth verkauft, oder Geld gegen schweren Zins entliehen werden. Das dauerte dann, bis man mehr Schulden hatte, als man zahlen konnte; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab.

Wenn Oswald da und dort guten Rath geben wollte, oder wenn er die Unhäuslichkeit und Unordnung tadelte, so bekam er mürrische Gesichter zum Dank. Die Einen sagten: Arme Leute können nicht alles so schön haben, sondern müssen es nehmen, wie es ist! Andere sagten: Was geht es dich an? Steck' du die Nase in deinen eigenen Dreck!

Bei den reichen Bauern sah es nun im Hause wohl besser aus, und war mehr Hausgeräth und Kleidung vorhanden. Aber doch fand man auch bei ihnen viel Unsauberkeit und Nachlässigkeit. Denn weil sie beständig und überall Bettelwirthschaften vor Augen hatten, so gewöhnten sie sich daran, und trieben es nicht viel anders. Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen; nur Sonntags prunkten sie hoffärtig einher. Daher hörte man auch bei ihnen nichts, als Klagen über die bösen Zeiten, über die Regierung und über die Leute im Dorf. Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren, so konnten die wenigsten zahlen. Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine große Schuld von vielen tausend Gulden trug, fiel das Zahlen der Zinsen, der Gemeindesteuern und Landesabgaben nur auf die Vermöglichern. Das machte sie mißvergnügt und zornig.

Ueberhaupt war in Goldenthal Einer wider den Andern und beständig Streit und Zank. Keiner traute dem Andern; Jeder wußte dem Andern etwas Böses nachzusagen. Da war kein Treu und Glauben, sondern eitel Lug und Trug. Die Armen beneideten die Reichen; die Reichen drückten und plagten die Armen. Die Reichen trieben, wenn sie Geld ausborgten, schändlichen Wucher, und nahmen von armen Leuten, die in der Noth waren, ihre zwölf, zwanzig und mehr Prozent Zinsen, ohne daß sich darüber das christliche Gewissen schämen und grämen wollte. Die Armen hinwieder rächten sich, wie Schelmen es machen; sie beschädigten den Reichen Bäume und Pflanzungen heimlich, stahlen ihnen Gemüs und Obst, Trauben und Holz und Hühner, und was sonst zugänglich oder leicht nehmbar war. Man konnte sich auf kein Wort, auf keinen Eid mehr verlassen. Selbst zwischen Eheleuten war eitel Haß und Gezänk. Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres.

Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde, und wiewohl jeder über Regierung, Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte, und kein Geld hatte, wenn er das Notwendigste zahlen sollte, thaten die Leute doch insgesammt groß. Das Arbeiten ließ man sich nicht allzusauer werden. Die Vermöglichen, wenn sie später aufs Feld gingen, oder früher Feierabend machten, sprachen bei sich: »Gottlob, wir können's wohl so haben!« Und die Armen und Taglöhner, wenn sie bei der Arbeit die Hände fallen ließen und umhergafften, sprachen sie: »Nun unsereins ist auch kein Vieh! Man muß auch geruht haben.«

Aber wenn der Samstag Abend kam, oder der Sonntag, hatte Jeder Geld, um sich im Wirthshaus bei Wein, Bier und Branntwein gütlich zu thun. Da hieß es: »Herr Wirth, noch eine Halbe! Juchhei, Karten her!« – Da ward der Wochenverdienst durch die Gurgel gejagt, oft mehr noch. Man spielte. Der Eine verlor sein Geld, der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst. Zwischenein in der Woche ward auch das Wirthshaus nicht ganz vergessen. Diese Leute litten die Kehle nicht ganz trocken. Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen. War aber Geld im Haus, wenn auch nur wenig, da mußte Kaffee her und mußte geküchelt werden. Dann hieß es: »Lieber Gott, es kömmt an unsereins selten. Man will doch auch einmal seinen guten Tag haben. Was hat man sonst vom Leben?«

An Feiertagen fehlte es nicht, und die wollte man doch gefeiert haben. War im benachbarten Städtlein Jahrmarkt, so mußte man doch auch hin und sehen, wie es in den Wirthshäusern der Stadt sei, und hören, was es Neues in der Welt gebe? Dann fehlte es außerdem nicht an allerlei Gängen und Läufen, Prozeßhändeln und Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit. Das brachte viel Versäumniß und Ausgaben, wenig Gewinn und Vortheil. Folglich nahm in allen Häusern das Vermögen eher ab als zu. Und darum fluchte Einer wie der Andere über schlechte Zeiten, über Regierung und über die Leute im Dorf.

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