Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle

Lew Tolstoi: Auferstehung - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLeo Tolstoi
titleAuferstehung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060720
projectid292dc94a
Schließen

Navigation:

1

Wie sehr sich die Menschen auch mühten, nachdem sich ihrer einige Hunderttausend auf einem kleinen Raume angesammelt hatten, die Erde, auf der sie sich drängten, zu verunstalten; wie sehr sie den Boden mit Steinen zurammelten, damit nichts darauf wachse, wie eifrig sie ihn von jedem hervorbrechenden Gräschen reinigten, wie sehr sie mit Steinkohlen, mit Naphtha dunsteten, wie sie auch die Bäume beschnitten, alle Tiere und Vögel verjagten – der Frühling war doch Frühling, sogar in der Stadt! Die Sonne wärmte, das neu auflebende Gras wuchs, grünte überall, wo man es nicht weggekratzt hatte, nicht nur auf den Rasenstücken der Boulevards, sondern auch zwischen den Steinplatten; Birken, Pappeln, Traubenkirschen ließen ihre klebrigen, duftigen Blätter sich entfalten; die Linden schwellten ihre berstenden Knospen; Dohlen, Spatzen und Tauben bereiteten schon frühlingshaft fröhlich ihre Nester; Bienen und Fliegen summten, von der Sonne erwärmt, an den Wänden. Fröhlich waren die Pflanzen, die Vögel, die Insekten, die Kinder. Nur die Menschen, die großen erwachsenen Menschen hörten nicht auf, sich und einander zu betrügen und zu quälen. Die Menschen glaubten, daß nicht dieser Frühlingsmorgen heilig und wichtig sei, nicht diese Schönheit der Gotteswelt, die zum Heil aller Wesen gegeben ist – die Schönheit, die zum Frieden, zur Eintracht, zur Liebe geneigt macht, sondern heilig und wichtig war das, was sie selbst sich ausgedacht hatten, um übereinander zu herrschen. So wurde in dem Bureau des Gouvernementsgefängnisses nicht für heilig und wichtig gehalten, daß allen Tieren und Menschen die Rührung und die Freude des Frühlings gegeben ist, sondern für heilig und wichtig ward gehalten, daß abends zuvor ein mit Nummer, Siegel und Überschrift versehenes Papier eingegangen war, darüber, daß zu neun Uhr morgens an diesem Tage, dem 28. April, drei sich in Untersuchung befindende und im Gefängnis gehaltene Gefangene – zwei Frauen und ein Mann – vorgeführt werden sollten. Eine dieser Frauen mußte als die wichtigste Verbrecherin abgesondert vorgeführt werden. Und nun kam auf Grund dieser Vorschrift um acht Uhr morgens am 28. April der Oberaufseher in den stinkenden Korridor der weiblichen Abteilung herein. Gleich hinter ihm betrat den Korridor eine Frau mit zerquältem Gesicht, mit grauen, krausen Haaren, die eine Jacke mit Tressen an den Ärmeln und einen Gürtel mit blauer Borte trug. Es war die Aufseherin.

»Wollen Sie die Maslowa haben?« fragte sie, indem sie sich mit dem diensthabenden Aufseher einer der Zellentüren näherte, die sich in den Korridor öffneten.

Der Aufseher schloß, laut mit seinen Schlüsseln rasselnd, auf, und nachdem er die Tür der Zelle geöffnet hatte, aus welcher eine noch übler riechende Luft strömte als die im Korridor, schrie er:

»Maslowa, vor Gericht!« und er machte die Tür wieder zu und wartete.

Sogar auf dem Gefängnishofe war frische, belebende, vom Winde in die Stadt getriebene Luft. Im Korridor aber herrschte eine niederdrückende, typhöse Luft, die vom Geruch der Ausleerungen, von Teer und Fäulnis gesättigt war und jeden Neuangekommenen sogleich in Niedergeschlagenheit und Betrübnis versetzte. Das erfuhr an sich selbst die vom Hofe gekommene Aufseherin, trotzdem sie an die schlechte Luft gewöhnt war. Sie empfand plötzlich, als sie in den Korridor eingetreten war, Müdigkeit und wurde schläfrig.

In der Kammer hörte man ein hastiges Getriebe, weibliche Stimmen und Schritte nackter Füße.

»Immer rasch! Du da, rühr' dich! Maslowa, sag' ich«, schrie der Oberaufseher in die Zellentür.

Nach etwa zwei Minuten kam aus der Tür lebhaften Schrittes ein nicht gerade hochgewachsenes, sehr vollbusiges junges Frauenzimmer im grauen Gefängniskaftan über einer weißen Jacke und weißem Rock. Sie drehte sich rasch um und stellte sich neben den Aufseher. An den Beinen trug sie leinene Strümpfe, darüber Gefängnispantoffeln; der Kopf war mit einem weißen Halstuch umbunden, unter welchem die Ringel der krausen, schwarzen Haare augenscheinlich mit Absicht hängen gelassen waren. Das ganze Gesicht der Frau war von der besonderen Weiße, die sich auf den Gesichtern von Menschen einzustellen pflegt, die lange Zeit hinter Schloß und Riegel zugebracht haben, und die an Kartoffelkeime im Keller erinnert. Ebenso sahen auch die kleinen breiten Hände aus und der volle weiße Hals, der aus dem großen Kragen des groben Kaftans hervorguckte.

In diesem Gesicht überraschten bei der matten Blässe besonders die sehr schwarzen, glänzenden, etwas geschwollenen, aber sehr lebhaften Augen, von denen eins ein wenig schielte. Sie hielt sich sehr gerade, indem sie die volle Brust herausdrückte. Nachdem sie auf den Korridor herausgetreten, sah sie, ihren Kopf etwas zurückwerfend, dem Aufseher gerade in die Augen und blieb stehen, voller Bereitwilligkeit, alles zu erfüllen, was man von ihr verlangen würde.

Schon wollte der Aufseher die Tür zuschließen, als sich daraus das runzelige, blasse und strenge Gesicht einer barhäuptigen grauen Alten, hervorstreckte. Die Alte begann der Maslowa etwas zu sagen. Aber der Aufseher drückte die Tür gegen den Kopf der Alten, und der Kopf verschwand.

Laut lachte in der Kammer eine weibliche Stimme. Auch die Maslowa lächelte und drehte sich nach dem Gitterfensterchen in der Tür um.

Von der andern Seite drängte sich die Alte an das Fensterchen, und mit heiserer Stimme sagte sie:

»Vor allem eins: sag' nichts Überflüssiges, bleib immer bei einem, und damit gut!«

»Wäre nur ein Ende – schlimmer wird es wohl nicht sein«, sagte die Maslowa, den Kopf schüttelnd.

»Ein Ende gewiß, aber nicht zwei«, bemerkte der Oberaufseher mit obrigkeitsmäßiger Überzeugtheit von seinem Witz. »Mir nach, marsch!«

Das durch das Fensterchen sichtbare Auge der Alten verschwand, und die Maslowa ging nach der Mitte des Korridors; mit raschen kleinen Schritten folgte sie dem Oberaufseher auf dem Fuße, und so stiegen sie die steinerne Treppe hinunter und gingen an den noch mehr als die Weiberzellen stinkenden und lärmenden Männerzellen vorbei, aus welchen sie überall die Augen in den Guckfenstern der Türen begleiteten, und in das Bureau, wo schon zwei Eskortesoldaten mit Gewehren standen. Der Schreiber, welcher dort saß, gab einem der Soldaten ein von Tabaksgeruch durchzogenes Papier, und, indem er auf die Gefangene zeigte, sagte er: »Übernimm sie.« Der Soldat, ein Bauer aus dem Gouvernement Nishnij-Nowgorod, mit rotem, von den Pocken zerwühltem Gesicht, steckte das Papier hinter den Ärmelaufschlag seines Mantels, und lächelnd blinzelte er von der Gefangenen seinem Kameraden zu, einem Tschuwaschen mit starken Backenknochen. Dann stiegen die Soldaten mit ihr die Treppe hinunter und gingen zum Hauptausgang.

In der Tür des Hauptausganges öffnete sich ein Pförtchen, und nachdem die Soldaten mit der Gefangenen die Schwelle des Pförtchens nach dem Hof überschritten hatten, kamen sie aus den Mauern hinaus und marschierten durch die Stadt, in der Mitte der gepflasterten Straßen.

Droschkenkutscher, Krämer, Köchinnen, Arbeiter, Beamte blieben stehen und betrachteten voll Neugier die Gefangene; einige schüttelten die Köpfe und dachten: sieh, wohin es führt, wenn man sich schlecht – nicht so wie wir – beträgt! Die Kinder sahen mit Entsetzen auf die Räuberin; es beruhigte sie nur, daß hinter ihr die Soldaten gingen, und daß sie jetzt schon niemand mehr etwas antun konnte. Ein Bauer vom Dorf, der Kohlen verkauft und in einem Wirtshause Tee getrunken hatte, näherte sich ihr, bekreuzte sich und reichte ihr eine Kopeke. Die Gefangene errötete, neigte den Kopf und sagte etwas.

Während sie die auf sich gerichteten Blicke fühlte, schielte sie unmerklich, ohne den Kopf zu drehen, auf diejenigen, die sie ansahen, und die auf sie gerichtete Aufmerksamkeit freute sie. Es freute sie auch die im Vergleich zum Gefängnis reine Frühlingsluft, aber es tat weh, mit ihren des Gehens entwöhnten und mit ungefügen Gefängnispantoffeln beschuhten Füßen auf die Steine zu treten, und sie sah auf den Weg unter ihren Füßen und bemühte sich, möglichst leicht zu treten. Während sie an einer Mehlhandlung vorbeiging, vor welcher Tauben, von niemand behelligt, ein wenig schaukelnd auf und ab spazierten, berührte sie fast mit dem Fuß einen Blautauber; aufflatternd und mit den Flügeln bebend, flog der Vogel hart an ihrem Ohr vorbei und überschauerte sie mit Wind. Sie lächelte, und dann seufzte sie schwer, indem sie ihrer Lage gedachte.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >>